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# Einführung in die Sozialisationstheorie
# Einführung in die Sozialisationstheorie -- Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR)
**Authors:** Ullrich Bauer, Klaus Hurrelmann
**Publisher:** 14., vollständig überarbeitete Auflage
**Pages:** 578
- **Autoren:** Ullrich Bauer, Klaus Hurrelmann
- **Verlag:** Beltz
- **Auflage:** 14., vollständig überarbeitete Auflage
- **Seiten:** 578
- **ISBN:** (nicht aus den vorliegenden Seiten ersichtlich)
## Description
## Beschreibung
*Einführung in die Sozialisationstheorie* präsentiert das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR). Das Lehrbuch verbindet soziologische und psychologische Perspektiven auf Sozialisation und behandelt die Auseinandersetzung des Menschen mit innerer und äusserer Realität im Lebenslauf, einschliesslich der Kontexte und aktuellen Herausforderungen der Sozialisation.
Dieses Lehr- und Studienbuch führt in die Sozialisationstheorie ein und stellt das *Modell der produktiven Realitätsverarbeitung* (MpR) ins Zentrum. Die Autoren verbinden soziologische und psychologische Perspektiven, um das Wechselspiel zwischen Person und Umwelt -- das sogenannte "Doppelgesicht der Sozialisation" -- systematisch zu erschliessen. Das Buch richtet sich an ein wissenschaftliches Fachpublikum, Studierende verschiedener Fachrichtungen sowie an Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler. Die 14. Auflage wurde von Ullrich Bauer massgeblich neu gestaltet und enthält eine Aktualisierung des Forschungsstands sowie eine Neufassung der Kernannahmen des MpR in Form von "Prinzipien" (statt wie bisher in "Thesen").
## Inhaltsverzeichnis
- **Vorwort**
- **Teil I -- Einführung**
- Kapitel 1: Sozialisation als produktive Realitätsverarbeitung
- **Teil II -- Soziologische und psychologische Propädeutik**
- Kapitel 2: Soziologische Theorien der Sozialisation
- Kapitel 3: Psychologische Theorien der Sozialisation
- **Teil III -- Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR)**
- Kapitel 4: Die Verbindung soziologischer und psychologischer Propädeutik
- Kapitel 5: Erkenntnistheoretische und konzeptionelle Grundannahmen
- Kapitel 6: Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf
- Kapitel 7: Kontexte der Sozialisation
- Kapitel 8: Aktuelle Herausforderungen der Sozialisation
- **Anhang** -- Texte und Materialien zur Arbeit mit dem MpR in der Schule
- **Literaturverzeichnis**
## Document Role
Dieses Dokument dient als fachwissenschaftliches Referenzwerk für eine KPG/EPG-Fallstudie im Bereich Soziale Arbeit. Es ist insbesondere relevant für die theoretische Fundierung von Sozialisationsprozessen und das Verständnis von Entwicklungskontexten bei Kindern und Jugendlichen.
Dieses Buch dient als fachwissenschaftliches Referenzwerk für eine KPG/EPG-Fallstudie im Bereich Soziale Arbeit. Es liefert die theoretische Grundlage zum Verständnis von Sozialisationsprozessen, insbesondere des Zusammenspiels von individueller Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Für die Fallarbeit ist es relevant, weil es zentrale Konzepte wie das Wechselverhältnis von Person und Umwelt, die Bedeutung biografischer und situativer Faktoren sowie die Rolle von Krisen als Ausgangspunkte für Veränderung behandelt. Diese Perspektiven sind unmittelbar anwendbar auf die Analyse von Entwicklungskontexten bei Kindern und Jugendlichen in der Sozialen Arbeit.
## Clean up

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Ullrich Bauer/Klaus Hurrelmann
Einführung in die
Sozialisationstheorie
Das Modell der produktiven
Realitätsverarbeitung (MpR)
14., vollständig überarbeitete Auflage

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Dr. Ullrich Bauer ist Professor für Sozialisationsforschung an der Fakultät für
Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Er ist dort u. a. Leiter des
Zentrums für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (ZPI).
Dr. Klaus Hurrelmann ist Senior Professor of Public Health and Education an
der Hertie School of Governance in Berlin. Davor war er zunächst an der
Fakultät für Pädagogik und dann an der für Gesundheitswissenschaften an der
Universität Bielefeld tätig.

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Inhalt
Vorwort
I.
Einführung
1.
Sozialisation als produktive Realitätsverarbeitung
II.
Soziologische und psychologische Propädeutik
2.
Soziologische Theorien der Sozialisation
3.
Psychologische Theorien der Sozialisation
III.
Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung
(MpR)
4.
Die Verbindung soziologischer und
psychologischer Propädeutik
5.
Erkenntnistheoretische und konzeptionelle
Grundannahmen
6.
Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf
7.
Kontexte der Sozialisation
8
Aktuelle Herausforderungen der Sozialisation
Anhang Texte und Materialien zur Arbeit mit dem MpR
in der Schule

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Literaturverzeichnis

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Vorwort
Sozialisation ist ein Schlüsselthema, wenn man verstehen
möchte, wie die soziale Welt funktioniert. Menschen
erleben von Geburt an das Zusammenleben im Sozialen,
und deswegen durchlaufen sie den Prozess der
Sozialisation quasi naturwüchsig. Diesen Prozess kann kein
Mensch an- oder abstellen, es ist ein immerwährender und
lebenslanger Prozess, in dessen Verlauf man Erfahrungen
macht, sich mit der inneren und der äußeren Realität
auseinandersetzt und versucht, auf sie Einfluss zu nehmen.
In den letzten zwanzig Jahren haben immer mehr
Forschungsgebiete auf das Konzept Sozialisation
zugegriffen. Zwei Beispiele: In der Bildungsforschung ist
Sozialisation der Zugang, um zu verstehen, wie und warum
Menschen unterschiedliche Bildungsbiografien
durchlaufen.
In der Gesundheitsforschung ist Sozialisation unverzichtbar
für das Verständnis von Widerstandsfähigkeit und
Verletzlichkeit und damit auch die ungleiche Verteilung von
Gesundheit und Krankheit geworden. Überall, wo
Menschen durch die Kontexte, in denen sie leben,
angeregt, stimuliert, geleitet oder eingeschränkt werden,
stoßen wir auf Sozialisationseinflüsse.
Sozialisationsforschung leuchtet in die Black-Box der
Entstehung menschlicher Verhaltensformen. Darum ist sie
unverzichtbar, wenn auch nicht überall sichtbar.
Heute, rund 150 Jahre nach dem das Sozialisationsthema
zum Gegenstand in der akademischen Forschungswelt
wurde, sehen wir auf eine bewegte Geschichte der Disziplin
zurück.
Soziologie und Psychologie haben als erste verstanden,
warum Sozialisation eine so große Bedeutung für das
Verständnis des Zusammenspiels von Mensch und

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Gesellschaft hat. Später kamen viele neue Fragestellungen
hinzu und auch unterschiedliche disziplinäre Koalitionen.
Vor rund 50 Jahren waren die Biologie und Genetik noch
Gegenspieler der Sozialisationsforschung. Heute sind sie
genauso wie die neurowissenschaftliche Forschung
Verbündete geworden. Wir wissen heute, dass die
Epigenetik durch soziale Einflüsse veränderbar ist und der
Aufbau unserer neuronalen Vernetzungen von der Nahrung
durch die Erfahrungen lebt, die Menschen im sozialen
Zusammenleben machen.
Gleichzeitig ist eine wichtige Korrektur in der Debatte
vorgenommen haben. Während die ursprünglichen Ansätze
Sozialisation mit der Denkfigur des noch-nicht-fertigen
Menschen assoziierten, gehen jüngere Ansätze von der
frühen Handlungsfähigkeit eines jeden Individuums aus.
Umgekehrt wird heute nicht mehr angenommen, dass der
Mensch wie eine Marionette an den Fäden der
Beeinflussung durch die Umwelt hängt. Vielmehr gehen
aktuelle Ansätze von einer komplexen, menschlichen
Persönlichkeitsstruktur aus, die die inneren und äußeren
Bedingungen sehr sensibel wahrnimmt, auf diese reagieren
kann und selbst aktiv handelt.
Aus dieser Grundüberlegung ist vor rund 40 Jahren das
»Modell der produktiven Realitätsverarbeitung«
(MpR) in der Sozialisationsforschung entstanden. Dieses
Modell ist seitdem zu einem wichtigen Element in der
wissenschaftlichen Forschung geworden und hat den Weg
in die Curricula von Schulen und Hochschulen gefunden. In
diesem Sinne ist auch die Einführung in die
Sozialisationsforschung von der ersten Auflage an als ein
Lern- und Studienbuch konzipiert worden, das sich neben
dem wissenschaftlichen Fachpublikum an Studierende
unterschiedlicher Fachrichtungen, an Lehrerinnen und
Lehrer sowie an Schülerinnen und Schüler wendet.
Die »Einführung in die Sozialisationstheorie« wurde bis
zur 10. Auflage 2012 von Klaus Hurrelmann als alleinigem

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Autor geschrieben. Seit der 11. Auflage im Jahr 2015
beteiligt sich Ullrich Bauer. Beide Autoren kennen sich aus
ihrer gemeinsamen Zeit an der Universität Bielefeld.
Die hier vorliegende, völlig überarbeitete 14. Auflage
wurde maßgeblich von Ullrich Bauer gestaltet. Zur
Überarbeitung gehört ein übersichtlicher Aufbau in drei
Teilen, eine systematische Aktualisierung des
Forschungsstandes und die Neufassung der Kernannahmen
des »Modells der produktiven Realitätsverarbeitung« in
Gestalt von »Prinzipien« statt wie bisher in »Thesen«.
Ullrich Bauer & Klaus Hurrelmann

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I.
Einführung

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1.
Sozialisation als produktive
Realitätsverarbeitung
Sozialisation ist ein facettenreicher, spannungsgeladener
Begriff. Sozialisation heißt, sozialisiert zu werden und in
gewisser Hinsicht auch, sich selbst zu sozialisieren.
Sozialisation ist ein Prozess, der von »außen« auf das
Individuum einwirkt und der »innen« vom Individuum
selbst gesteuert wird.
Das, was die große Spannung des Sozialisationsbegriffs
ausmacht, ist also auch ein Stolperstein. Es scheint, als
müsse man sich entscheiden für die Frage der Sozialisation
von außen oder von innen. Tatsächlich aber ist es anders
herum. So verschieden die Perspektiven auf Sozialisation
auch sind, sie gehören zusammen und zeigen das
Doppelgesicht der Sozialisation. Das wissenschaftliche
Fachverständnis ist hier vom Alltagsverständnis nicht weit
entfernt. Es bedarf kontinuierlich einer Öffnung unserer
Perspektiven, um die Vielgestaltigkeit von
Sozialisationsprozessen begreifen zu können.
Was ist also gemeint, wenn wir von »Sozialisation«
sprechen?
1.1
Das Doppelgesicht der Sozialisation
Der Begriff Sozialisation ist einer der wissenschaftlichen
Begriffe, die uns nicht nur in verschiedensten
wissenschaftlichen Disziplinen, sondern auch im
Sprachgebrauch des Alltags begegnen. Redewendungen
wie »Dieses Kind ist gut sozialisiert« oder »Da merkt man
deine Herkunft« weisen darauf hin, worauf der Begriff in
erster Linie abzielt: auf die Übernahme gesellschaftlicher
Werte und Normen, auf die Anpassung an die soziale

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Umwelt, auf das »So-werden-wie-mein-Umfeld-es-von-mirerwartet« oder sogar auf die Vorstellung der Prägung des
Individuums durch den sozialen Kontext, also den Prozess
des Gesellschaftlich-werdens. Die Alltagssprache weiß aber
auch, dass ein Kind »seine Sozialisation hinter sich lassen«
und jeder Mensch »aus dem Schatten seiner Herkunft
heraustreten« kann, womit ausgedrückt wird, dass in das
Sozial-werden immer auch eine eigenständige
Persönlichkeit, ein Individuum-werden einfließt, das sich
Umwelteinflüssen in einem gewissen Ausmaß entzieht und
sogar aktiv auf die Entwicklung der Umwelt Einfluss
nimmt.
Das Alltags- und das wissenschaftliche Verständnis von Sozialisation
Das Alltagsverständnis changiert damit zwischen zwei
Polen. Wie in der Fachdebatte existiert häufig eine
Vorentschiedenheit. Zuerst hatte auch die Soziologie die
Umweltabhängigkeit der Persönlichkeitsentwicklung
herausgearbeitet, danach zeigten aber immer mehr Studien
aus der Psychologie, in den letzten Jahren besonders auch
aus der Neurobiologie, dass sich die Vorstellung einer
reinen Umweltabhängigkeit der Persönlichkeitsentwicklung
eines Menschen nicht halten lässt. Seitdem besteht
Konsens darüber, dass Sozialisation auf keinen Fall nur als
Prägung des Individuums durch sein gesellschaftliches
Umfeld verstanden werden kann. Vielmehr ist die Variation
der menschlichen Verhaltensweisen die Fähigkeit, auch
anders als von außen genormt auf gesellschaftliche
Erwartungen und Zwänge zu reagieren ein
Grundmerkmal der Persönlichkeitsentwicklung.
Unser Alltagsverständnis ist reich an Erfahrungen mit
dem Doppelgesicht der Sozialisation. Hierzu gehören
Erfahrungen und Erlebnisse, die wir Menschen selbst
machen.
Dazu eine historische Illustration: Während in den
proletarisch geprägten Milieus der körperlichen Arbeit

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noch bis in die 1960er Jahre hinein zahlreiche, über die
Zeit hinweg stabile Mentalitätsähnlichkeiten
(»Arbeiterkultur«) erkannt werden konnten, sind diese
heute fast ganz verschwunden. Die wissenschaftliche
Perspektive schließt an dieses intuitive Verständnis, das wir
alle als Beobachter unserer Umwelt mitbringen, an. Mit
den Veränderungen der Wohnumfelder, dem Wandel der
Arbeitsbedingungen und des Erwerbsbereiches (weg von
der manuellen Produktion hin zur Dienstleistung), dem
wachsenden Einfluss der Bildung (dem Einbezug immer
mehr Angehöriger der früheren Arbeiterkultur in die
verlängerten Ausbildungs- und Bildungswege) sowie der
medialen und digitalen Durchdringung des gesamten
Lebens kommt es zur Herausbildung vielfältiger sozialer
Milieus. Hieraus entstehen neuartige Mentalitäten und
Verhaltensmuster. Während noch in den 1960er Jahren die
Milieus der manuellen Arbeit ihre Lebensziele ganz
selbstverständlich auf Erwerbsarbeit ausrichteten und
Bildung kaum bedeutsam für die Lebenswege war, hat sich
diese Mentalität bis heute radikal verändert. Eine starke
Bildungsorientierung ist inzwischen zu einem alle Milieus
vereinheitlichenden Modus geworden unabhängig davon,
ob alle auch die gleichen Möglichkeiten haben, eine starke
Bildungsorientierung in die Realität umzusetzen.
Unterschiedliche Mentalitäten sind demnach einem
historischen Wandel unterworfen und reagieren auf
unterschiedliche gesellschaftliche Ausgangsbedingungen.
Mentalitäten variieren, können sich aber auch ähneln oder
ganze gesellschaftliche Gruppen beschreiben (in solchen
Fällen sprechen wir von sozialen Milieus). Intuitiv weiß
jeder Mensch, wie ein bestimmter äußerer Einfluss wirkt.
Zum Beispiel die konjunkturell bedingte Arbeitslosigkeit
nach der Weltwirtschaftskrise 2007/2008. Sie hängt nicht
nur von den äußeren Bedingungen ab, sondern auch von
den persönlichen Eigenschaften und Ausgangsbedingungen
des davon betroffenen Menschen. Bei vielen Menschen

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führt der Verlust der Arbeit zu Hilflosigkeit und Depression,
bei anderen weckt er Widerstand und Überlebenskräfte.
Die einen sind ausgezeichnet ausgebildet und vielfältig
orientiert. Die anderen sind auf ein Berufsbild festgelegt
und können auf Veränderungen nicht flexibel reagieren.
Der Prozess des Einwirkens von Umweltereignissen ist also
keineswegs eine Einbahnstraße.
Auch wenn die Einflüsse der sozialen Umwelt, also des
jeweiligen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen
Milieus, groß sind, auch wenn sie langanhaltend wirken
und nachhaltige Spuren hinterlassen dies allein reicht
nicht aus, um eine Persönlichkeitsentwicklung vollständig
zu vorherzubestimmen. Die Homologie, wenn also soziale
Bedingungen und die Eigenschaften eines Menschen eng
aneinander gekoppelt sind, stellt keineswegs eine
unumstößliche Regel dar. Vielmehr vollziehen
Lebensbereiche im historischen Verlauf eine permanente
Wandlung. Neue Einflüsse treten hinzu, andere
verschwinden. Somit ist auch ein einmal erlerntes
Verhalten mitnichten für alle nachfolgenden
Handlungssituationen gültig. Dazu ist der Aufwand für die
Anpassung zu groß, wenn neu hinzukommende oder
veränderte Herausforderungen bewältigt werden müssen.
Sozialisation umfasst dieses Wechselspiel. Der analytische
Fokus beinhaltet den Blick auf gesellschaftliche
Ausgangsbedingungen, wahrscheinliche Mentalitäten und
die permanente Veränderung auf individueller Ebene. Der
Wandel eines Menschen mit seiner ganzen Persönlichkeit
ist also nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Bedeutsam
ist nur, wie viel Wandel für eine Person möglich ist, wo also
die Trägheit einer einmal ausgebildeten Mentalität wirkt
und wie intensiv sich Wandlungsmöglichkeiten ausbilden.
Sozialisation als Beziehungsverhältnis von Person und Umwelt
Von Sozialisation wird hiernach als einem offenen
Beziehungsverhältnis zwischen dem Menschen und seiner

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Umgebung gesprochen. Alle Bedingungen der Umgebung
werden wissenschaftlich einfach als »Umwelt« bezeichnet.
Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der Umweltbegriff
nicht immer ganz trennscharf ist und mitunter auch
Missverständnisse produziert. Sein Vorteil ist aber, dass er
zunächst einen einfachen Gegenpol bildet, um all das
abzugrenzen, was nicht in den engeren Kontext der Person
gehört. »Person« und »Umwelt« sind demnach
unterschiedliche Einheiten, wobei ihre Beziehungen
untereinander natürlich wechselseitig und interaktiv sind.
Dies ist dann so etwas wie der Kern der
Sozialisationsperspektive. Hier geht es darum, wie das
Verhältnis zwischen einer Person und der umgebenden
Umwelt beschaffen ist.
Die Frage, wie ein bestimmter Umwelteinfluss wirkt, ist
immer nur mit Blick auf die individuellen
Ausgangsbedingungen zu beantworten. Ein Beispiel aus
dem Alltag hierzu:
Ein 17-jähriger Jugendlicher wartet um 22.30 Uhr im UBahnhof im Zentrum einer Großstadt auf seinen
Anschluss. Jemand tippt ihm von hinten auf die Schulter.
Wie reagiert er darauf? Seine Reaktion wird von seiner
biografischen Erfahrung und von seiner Wahrnehmung
der Situation abhängen. Situativ: Er kann schlechte Laune
(nach langer Arbeit und einer missratenden Prüfung am
Vormittag) oder gute Laune (nach einem gemeinsamen
Shopping mit Freunden) haben und entsprechend offen
oder nicht-offen sein für die Frage, die das Tippen auf der
Schulter signalisiert. Biografisch: Er kann aus einem
Umfeld stammen, in dem er viel Aggression erlebt, das
ihn deshalb disponiert, auf eine Bewegung von hinten,
die direkt seinen Körper adressiert, sofort zu reagieren,
herumzuschnellen und eine Abwehr- oder Angriffsgeste
einzusetzen. Er kann aber auch schlechte Erfahrungen

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mit dieser Reaktion gemacht haben und sich deshalb
entscheiden, keine Gewalt einzusetzen. Er kann die
Erwartung haben, eine aggressive Handlung könne
folgen, er hat sich aber vorher selbst entschlossen, dieser
Dynamik zu widerstehen. Im Gedankenexperiment
können wir uns den 17-jährigen Jugendlichen auch als
jungen Violinisten vorstellen, der gerade von EnsembleProben kommt und die manifeste Idee der Gewalt oder
Gegengewalt gar nicht in seinem Handlungsvorrat hat
und völlig defensiv reagiert. Oder ein überzeugter
Gläubiger ist, der aufgrund einer intensiven religiösen
Bindung jegliche Gewalt von sich weist.
Mit den situativen und biografischen Hintergründen sind in
diesem Beispiel zwei der Einflüsse benannt, die zum
Bedingungsgefüge gehören, das die
Reaktionsmöglichkeiten eines Menschen in einer
bestimmten Situation festlegt. Auch die Geschlechts- und
die Religionszugehörigkeit bezeichnen Faktoren, die auf
unterschiedliche Weise auf gemeinsame Einstellungen
verweisen. Wie das Beispiel deutlich macht, hängt die
Reaktion des 17-jährigen Jugendlichen auf das
Fingertippen von hinten von diesen Einflüssen ab. Sie
entscheiden über die Hinwendung zu bestimmen
Handlungen und können dabei mehr oder weniger
unbewusst und unreflektiert sein, also Bestandteil von fest
»einsozialisierten« Reaktionsmustern.
Ein weiterer Aspekt, der über die Reaktion des 17jährigen Jugendlichen entscheidet, betrifft die sozialräumlichen Bedingungen. Mit diesen sind in unserem UBahn-Beispiel kontextuelle und kompositorische Einflüsse
verbunden. Kontextuelle Faktoren betreffen die
Ausstattung des Raumes, so die Lage des Bahnhofes im
Stadtviertel und die Menge der Menschen, die in der
Handlungssituation anwesend sind. Kompositorische

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Faktoren bezeichnen die Zusammensetzung der Gruppe der
Menschen, die mit dem 17-Jährigen an einem Bahngleis
steht. Die Reaktion des Jugendlichen wird entscheidend
dadurch beeinflusst, ob er mit einer Freundesgruppe auf
die U-Bahn wartet, mit der er eng vertraut ist und die ihm
im Falle eines Konfliktes den Rücken stärken kann, oder ob
er allein ist und der Fingertipper zu einer großen Gruppe
unbekannter Jugendlicher gehört. Oder ob der Finger, der
auf die Schulter tippt, einer älteren Dame gehört, die sich
verlaufen hat, umherirrt und nicht mehr weiß, wie sie nach
Hause kommt.
Wie das Beispiel zeigt, kommen in einer solchen nur
Bruchteile von Sekunden dauernden Situation biografische,
gruppenbezogene und sozial-räumliche Faktoren
zusammen. Es interagieren die persönlichen
Bedingungsfaktoren des Individuums mit der gesamten
räumlichen und sozialen Umwelt. Dazu gehört die Person
des Fingertippers, aber auch das gesamte Umfeld als
Rahmenbedingungen der Handlungssituation. Der 17jährige Jugendliche nimmt blitzschnell die Realität auf,
verarbeitet sie und reagiert auf sie. Das Gleiche tut aber
auch der Fingertipper. Beide interagieren miteinander und
antworten auf die Reaktionen des anderen. Dabei rufen
beide einen Wissens- und Handlungsvorrat ab, der ihnen
aus ihrem bisherigen Leben vertraut ist. Der 17-jährige
Jugendliche zeigt vielleicht ein verärgertes Gesicht und
spricht laut, wenn er einen aggressiven Unbekannten vor
sich sieht, er lacht freundlich und spricht langsam und
fürsorglich, wenn er die alte Dame sieht. Dies alles gehört
zu dem Ausschnitt einer Sozialisationsperspektive.
Sozialisation findet nicht allein im Individuum statt und ist
auch nicht allein abhängig von den Bedingungen, in denen
wir handeln oder von denen wir vorgeprägt sind. In der
Interaktion aktualisiert sich unser Handlungswissen, wir
greifen auf Sprache, Erfahrungen im Umgang mit älteren
Menschen und die ihnen zustehende Fürsorglichkeit

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zurück, und wir bestätigen damit die Anwendbarkeit
bestimmter Verhaltensweisen. Und gleichzeitig ziehen wir
Lehren aus jeder neuen Situation und bereiten uns darauf
vor, besser zu reagieren, wenn wir noch einmal in eine
ähnliche Lage kommen.
Wenn im Alltag von »Sozialisation« gesprochen wird, sind
alle diese Aspekte der Doppelgesichtigkeit von
Sozialisationsprozessen natürlich nicht bewusst, aber die
grundsätzliche Erfahrung von der Wechselbeziehung
zwischen Person und Umwelt ist vorhanden. Wir wissen,
dass wir tagtäglich in Situationen handeln, in denen Wissen
und Erfahrungen zum Verständnis der Gegebenheiten
eingesetzt werden und dass sich unser persönliches
Wissens- und Handlungsrepertoire dadurch immer
gleichzeitig bestätigt, revidiert oder erweitert. Wir wissen
auch, dass sich unsere Persönlichkeit stetig
weiterentwickelt und einerseits von den uns umgebenden
materiellen und sozialen Strukturen beeinflusst wird,
andererseits aber auch auf diese einwirkt.
1.2
Definitionen und Konzepte von
Sozialisation
Die wissenschaftliche Sozialisationstheorie, die in diesem
Buch vorgestellt wird, geht von einer dynamischen
Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit aus.
Umweltstrukturen sind nie so einheitlich und zwingend
prägend, dass sie immer nur auf eine Art und Weise wirken
können nicht einmal in »totalen« Organisationen wie
einem Gefängnis. Die Interaktionsstrukturen zwischen
einer sich ständig entwickelnden Persönlichkeit und den
umgebenden sozialen Strukturen lassen es allenfalls zu,
dass die Entwicklung einer bestimmten individuellen
»Disposition« (als typischer und stabiler Eigenschaft einer

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Person) mehr oder weniger wahrscheinlich angenommen
werden kann, also in einem statistisch bestimmbaren
Ausmaß mit einer bestimmten Häufigkeit auftritt.
Solche probabilistischen (also
wahrscheinlichkeitsorientierten) Aussagen sind aber
wohlgemerkt keine eindeutigen Festlegungen. Hiergegen
sprechen die prinzipielle Entwicklungsoffenheit und damit
ein spezifisch menschlicher Faktor der
Persönlichkeitsentwicklung. Denn: Schon kleine
Unterschiede in den Lebensbedingungen einer Person
können einen Reflexionsvorgang in Gang setzen, die die
Person von den Selbstverständlichkeiten ihrer
Lebensführung »entfremdet«. Sozialisation hat viel mit
diesen Prozessen zu tun, in denen Lebensbedingungen
nicht nur eine bestimmte Prägewirkung auf die Person
ausüben, sondern mitunter auch einen Stimulus aussenden,
sich von diesen Lebensbedingungen zu befreien.
In seinem biografischen Rückblick zeigt der Soziologe
Didier Eribon (2016), wie selbstverständlich er sich als
Sohn einer Arbeiterfamilie in ein proletarisches Milieu der
1960er und 70er Jahre hinein sozialisierte. Dazu gehörte
ein bestimmter Männlichkeitskult, ein proletarisches
Bewusstsein, die Abwehr von Migration etc. Erst mit der
Wahrnehmung und später der Stigmatisierung seiner
Homosexualität beginnt für Eribon ein Prozess der
Entfremdung, der auch als Emanzipation wahrgenommen
werden kann. Eribon entfernt sich von seiner Herkunft
(sowohl räumlich als auch sozial) und beginnt das
Selbstverständliche in Frage zu stellen. Zweifellos ist
dieser Vorgang keinesfalls schmerzfrei, im Gegenteil. Die
wahrgenommene Krise, die von dem Ausschluss seiner
Person aus dem Herkunftsmilieu ausgeht, ist aber der
Ausgangspunkt für eine Revision des Erlernten und
»Althergebrachten« der Persönlichkeit. Eribon stellt die
eigenen Dispositionen in Frage und die erlebte Krise ein
Grundbegriff in den meisten Sozialisationstheorien

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beginnt, neue Dynamiken des Lernens und der
Realitätsaneignung zu stimulieren.
Mit Sozialisation verwandte Begriffe
Es gibt eine Reihe von wissenschaftlichen Begriffen, die
einen ähnlichen konzeptionellen Zugang beinhalten, ohne
aber die gleiche Reichweite wie der Begriff der
Sozialisation zu haben. Stattdessen beziehen sie sich auf
bestimmte Teilbereiche der Sozialisation, weshalb sie als
Unterbegriffe zum umfassenden Begriff der Sozialisation
betrachtet werden.
Der prominenteste ist der Begriff »Bildung«. Das Konzept
der Bildung hat eine lange geisteswissenschaftliche
Tradition und ist seit über zwei Jahrhunderten ein
Kernbestandteil der Pädagogik. In älteren pädagogischen
Definitionen wird unter dem Prozess der Bildung die
Kultivierung der verschiedenen Facetten von
Menschlichkeit verstanden, um an den in einer Gesellschaft
üblichen Lebensformen teilhaben zu können. In den
philosophisch-pädagogischen Traditionen d©es Idealismus
und Neuhumanismus wurde diesem Aspekt eine besondere
Bedeutung zugeschrieben, sodass unter Bildung vor allem
die Herausformung innerer Werte und die
Vervollkommnung der subjektiven Erlebnistiefe in
Einsamkeit und Freiheit verstanden wurde. Als wichtigstes
Ergebnis der Bildung werden heutzutage die
Eigenständigkeit und Selbstbestimmung eines Menschen
verstanden, die durch die intensive sinnliche Aneignung
und gedankliche Auseinandersetzung mit der
ökonomischen, kulturellen und sozialen Lebenswelt
entstehen (Adorno 1971, S. 44). Selbstbestimmung setzt
den Aufbau von Fähigkeiten der Selbststeuerung voraus,
wozu der Erwerb von Wissen und Kompetenzen gehört, die
ein eigenständiges Handeln in der sozialen Umwelt
erlauben.

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Bildung ermöglicht ein reflektiertes Verhältnis des
Menschen zu sich selbst, sie schützt ihn dadurch gegen
soziale und kulturelle Funktionalisierung und sichert somit
seine Individualität. Bildung im Sinne von »gebildet sein«
beschreibt in diesem Verständnis eine normative (also
gewollte) Zielsetzung des Sozialisationsprozesses. Ein
Fehler kündigt sich aber an, wenn man den Begriff Bildung
so versteht, wie er in der heutigen Debatte über den
schulischen Kompetenzerwerb dominiert. Hiernach ist
Bildung die reine Anhäufung von Wissensbeständen, die
entweder theoretisch oder anwendungsorientiert
ausgerichtet sind und nicht immer die Eigenständigkeit des
Individuums fördern sollen, sondern seine optimale
Einpassung. In dieser Hinsicht ist der neuere
Bildungsbegriff eher funktionalistisch ausgerichtet, Bildung
ist nicht Selbstzweck, sondern Bestandteil und Funktion
des reibungslosen Integrierens in gesellschaftliche Formen
der Leistungs- und Arbeitsorientierung.
Der Pädagoge Armin Bernhard (2018) zeigt anschaulich,
wie die Herausformung des Bildungsbegriffs historisch
eingebettet ist: Zuerst ist er in Renaissance und
Humanismus (14. und 15. Jahrhundert) ein Kampfbegriff
gegen religiöse Mystik, dann Bestandteil der bürgerlichen
Befreiungsbewegungen gegen den Feudalismus. Erst in
jüngerer Zeit wird Bildung immer mehr als Bestandteil von
Prozessen der Ausbildung für die praktische Berufstätigkeit
verstanden, wogegen emanzipative Bildungstheorien gegen
die Gleichmachung des Individuums in gesellschaftlichen
Zwangsstrukturen (etwa in Autokratien oder in einem
entfesselten Kapitalismus), also für die Autonomie des
Individuums, eintreten.
Ein zweiter Begriff, der in einer engen Beziehung zur
»Sozialisation« steht, ist »Erziehung«. Dieser Begriff
bezeichnet alle gezielten und bewussten Einflüsse auf den
Bildungsprozess (Oelkers 2001, S. 24). Als Erziehung
werden diejenigen Handlungen bezeichnet, durch die

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Menschen versuchen, auf die Persönlichkeitsentwicklung
anderer Menschen Einfluss zu nehmen. Ebenso wie Bildung
ist »Erziehung« damit ein Unterbegriff von Sozialisation.
Sozialisation umfasst alle Impulse auf die
Persönlichkeitsentwicklung, unabhängig davon, ob sie
geplant und beabsichtigt sind, und auch unabhängig davon,
welche Dimension der Persönlichkeitsentwicklung (Wissen,
Motive, Gefühle, Bedürfnisse, Handlungskompetenzen)
beeinflusst wird. Erziehung hingegen konzentriert sich auf
einen Ausschnitt davon, nämlich auf die absichtsvollen
Impulse, die meist von Eltern oder Pädagogen in Familie,
Kindergarten, Schule und Hochschule ausgehen.
Für die Bezeichnung eines gelungenen Prozesses der
Sozialisation wird häufig der Begriff »Reifung« verwendet.
In psychologischer und pädagogischer Denkweise wird
unter der Reife ein Entwicklungsstand der Persönlichkeit
gefasst, bei dem ein optimales Maß von
Verhaltenssicherheit und sozialer Orientierung erreicht ist,
sodass ein Mensch in bestmöglichem Einklang mit seinen
persönlichen Ressourcen den Anforderungen der Umwelt
gerecht werden kann und zu einer vollen Teilhabe am
kulturellen und gesellschaftlichen Leben in der Lage ist.
Der Begriff »Reifezeugnis« weist darauf hin, dass in diesem
Verständnis der Begriff der Reifung eine Nähe zum Begriff
der (geglückten) Bildung, also eine normative Zielsetzung
für die Sozialisation vornimmt. Gleichzeitig hat sich der
Reifungsbegriff in der biologischen Lesart zu einem
Leitbegriff für die von äußerlichen Faktoren unabhängige
Entwicklung von Fähigkeiten aller Lebewesen (also auch
des Menschen) herausgebildet. Gerade in Verbindung mit
einer humangenetischen Lesart in den
Entwicklungstheorien bildet dieses Hintergrundverständnis
so etwas wie ein Konkurrenz- oder Gegenkonzept zu dem
heutigen Sozialisationsverständnis.
Die Begriffe »Enkulturation« und »Akkulturation« sind
heute nur selten gebräuchlich. Sie lassen sich als

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Unterbegriffe von Sozialisation verstehen und bezeichnen
im besonderen Sinne jene Prozesse, die Menschen zu
Mitgliedern einer Kultur machen. Dieser
Schwerpunktsetzung, die mit dem Begriff der Kultur
verbunden ist, hat folgenden Hintergrund: Jede Kultur
stellt über die Gestaltung ihrer sozialen Institutionen und
sozialen Umwelten und in Form von sozialen Mustern und
Normen »Mitgliedschaftsentwürfe« bereit (Zick 2010).
Diese legen fest, welche Vorstellungen, Wünsche,
Erwartungen und Merkmale für eine aktive Teilnahme an
der Gesellschaft als erforderlich erachtet werden. Weil das
Gelingen dieser Form der Teilnahme von der Bereitschaft
und Fähigkeit des Individuums abhängt, die eigenen oder
mitgebrachten Präferenzen mit denen dominanten Kultur
in Übereinstimmung zu bringen, sind Enkulturation und
Akkulturation eher die Fachbegriffe, die die Entwicklung
des Individuums durch den äußerlichen Druck der
gesellschaftlichen Strukturen beschreiben.
Schließlich findet sich ein ganzes Bündel an Begriffen,
die die individuelle Verfasstheit eines Menschen
beschreiben. Hier stehen Seite an Seite die Begriffe
»Person«, »Persönlichkeit« und »Individuum«, aber auch
»Identität«, »Selbst«, »Akteur« und »Subjekt«. Man kann
jeden dieser Begriffe wiederfinden in Abhandlungen, die
sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema
Sozialisation oder Entwicklung befassen. In ihnen spiegeln
sich sehr unterschiedliche wissenschaftliche Traditionen.
Manche dieser Begriffe sind eher nüchtern, wenn sie uns
Menschen mit ihren Eigenschaften beschreiben (z. B.
»Person«), andere sind technisch (»Selbst«, »Akteur«) und
einige emphatisch (»Individuum«, »Identität«), wenn sie
die Besonderheiten des Menschen beschreiben. In einer
modernen sozialisationstheoretischen Perspektive
verwischen jedoch viele dieser Unterschiede. Man kann
kaum noch genau sagen, ob mit einem dieser Begriffe
wirklich Unterschiede in der Beschreibung angenommen

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@ -0,0 +1,36 @@
werden oder einfach synonyme Bezeichnungen werden, um
nicht ständig den gleichen Begriff zu wiederholen.
Die meisten Theorien verfahren auf diese Weise mit der
Synonymverwendung. Wahrscheinlich ist dies auch ein
»abgesicherter« Modus, damit sie nicht Gefahr laufen, sich
mit einer begrifflichen Festlegung aus einer Zuordnung zu
etwa der philosophischen oder
entwicklungspsychologischen Tradition nicht mehr befreien
zu können. So paradox es ist, diese Verfahrensweise des
begrifflichen Durcheinanders hat eine gewissen
Rationalität. Heute noch mit starken Unterschieden
arbeiten zu wollen, die die Perspektive auf uns als
menschliche Wesen mit nur einem Begriff anzeigen wollen,
ist kaum möglich. Zu sehr sind die Perspektiven
miteinander verbunden und zu wenig sind die mit den
Begriffen angezeigten Unterschiede überhaupt noch
präsent. Der sozialisationstheoretische Fokus auf das
Subjekt verträgt diese »Multioptionalität«. Auch in dieser
Einführung wird sie praktiziert und nur wenn eine
bestimmte Perspektive auf das Subjekt mit einem Begriff
erörtert werden soll, wird das in der Beschreibung auch
ausdrücklich so angezeigt.
Erste Zugänge zum Sozialisationsthema
Im Zentrum der meisten Zugänge im Sozialisationskontext
steht das Beziehungsverhältnis zwischen einem sich
entwickelnden Menschen, mit seiner genetischen
Ausstattung an Trieben und Bedürfnissen, seinen
angeborenen Temperaments- und erworbenen
Persönlichkeitsmerkmalen, und den umgebenden
gesellschaftlichen Umweltfaktoren. Dieses
Beziehungsverhältnis wird als lebenslang und als interaktiv
beschrieben, wobei es in diesem Prozess der lebenslangen
Interaktion das Subjekt schafft, die Anforderungen an die
individuelle Integration in ein soziales Gefüge zu
bewältigen und gleichzeitig immer mehr Lern- und

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@ -0,0 +1,36 @@
Erfahrungswissen auszubilden, das die Individualität
fördert. Weil der Sozialisationsprozess damit immer zwei
Perspektiven beinhaltet, die des Individuums und die der
Gesellschaft, haben die meisten Definitionen von
Sozialisation typischerweise einen engen Bezug zu
entweder eher soziologischen oder eher psychologischen
Basistheorien, ohne die der Sozialisationsbegriff heute
nicht seine typischen Konturen hätte.
Die psychologischen Ansätze beschäftigen sich in erster
Linie mit der Auseinandersetzung des Individuums mit
seiner inneren Realität im Prozess des Lernens, der
Problembewältigung oder Entwicklung. Sie analysieren, in
welchen Stufen und Phasen sich die menschliche
Persönlichkeit ausbildet, wie die Fähigkeiten zum
Wahrnehmen, Denken und Handeln entstehen und wie sie
sich bei Übergängen von einem Lebensabschnitt zum
nächsten sowie in Krisen- und Spannungssituationen
verändern. Sie werden in den letzten Jahren zunehmend
durch neurobiologische und manchmal auch
humangenetische Ansätze ergänzt.
Die soziologischen Zugänge konzentrieren sich hingegen
auf die äußere Realität. Sie analysieren die Strukturen der
menschlichen Persönlichkeit, die in der
Auseinandersetzung mit den Anforderungen der
Gesellschaft entstehen, etwa die Fähigkeit, die
vorherrschenden Werte, Normen und Verhaltensmuster zu
übernehmen und sich sozialen Gruppen und
Organisationen anzuschließen. Der soziologische Zugang
ist also auch auf das Individuum gerichtet, er betont aber
deutlicher den Anforderungscharakter der sozialen
Strukturen, in denen sich ein Mensch entwickelt und seine
Bedürfnisse ausbildet.
Der soziologische Sozialisationsbegriff ist älter als sein
psychologisches Pendant. Der Grund hierfür ist, dass die
soziologischen Ansätze früh an Diskussionsstränge der
Sozialphilosophie anschließen, die im 19. Jahrhundert noch

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@ -0,0 +1,35 @@
die Debatte über das Soziale beherrschten. Wie Dieter
Geulen (1991, S. 21) in seinem Überblick über die
Geschichte der Sozialisationstheorie herausgearbeitet hat,
wird der Begriff »Sozialisation« zwar in enzyklopädischen
Werken schon seit dem frühen 19. Jahrhundert benutzt, in
einer wissenschaftlichen Abhandlung aber erstmalig im
Jahr 1896, und zwar vom amerikanischen
Sozialphilosophen Edward A. Ross.
Der deutsche Sozialphilosoph Georg Simmel (18581918)
und der französische Soziologe Emile Durkheim (1858
1917) haben kurz darauf erste, durchaus ähnliche
Definitionen des Sozialisationsbegriffs vorgenommen. Bei
seiner Untersuchung des Übergangs von einfachen zu
arbeitsteilig organisierten Industriegesellschaften stellte
sich Durkheim die Frage, wie in komplexen Strukturen
soziale Integration hergestellt werden kann. Seine Antwort:
Nur wenn alle Gesellschaftsmitglieder die Normen und
Zwangsmechanismen verinnerlichen, wenn die Gesellschaft
gewissermaßen in sie eindringt und ihre Persönlichkeit von
innen her organisiert. Das menschliche Individuum ist nach
dieser Vorstellung triebhaft, egoistisch und asozial und
wird erst durch den Prozess der Sozialisation
gesellschaftsfähig. Diesen Prozess der »Vergesellschaftung
der menschlichen Natur« nennt er »Sozialisation«
(Durkheim 1972).
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen diese beiden
Ansätze für einen Aufbruch der soziologischen Theorie in
Richtung einer Persönlichkeits- und Erziehungstheorie und
gaben wichtige Impulse für die interdisziplinäre Forschung.
Durch Simmel und Durkheim teilweise mit angestoßen,
teilweise unabhängig von ihrem Werk, sind in
verschiedenen Theorien der Psychologie und der Soziologie
Konzepte der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen in
einer sich verändernden gesellschaftlichen Umwelt
entfaltet worden. Diese werden in den Kapiteln zur

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@ -0,0 +1,36 @@
soziologischen und psychologischen Propädeutik (im
Großabschnitt II.) vorgestellt.
Die Weiterentwicklung des Sozialisationsbegriffs
Die Definition von Sozialisation als »Vermittlung der
Gesellschaftsstruktur in das Innere des Individuums«
reflektierte die Etablierung der arbeitsteiligen
Industriegesellschaften (Baumgart 1997, S. 32). Diese
Sichtweise des Zusammenhangs von Persönlichkeits- und
Gesellschaftsentwicklung war durch die damalige
historische Konstellation beeinflusst (Fend 1969;
Goslin 1969; Münch 1988).
Heutige hoch entwickelte Gesellschaften sind keine
Industriegesellschaften mehr. Sie sind zu komplexen
Dienstleistungsgesellschaften geworden, die durch eine
große Vielfalt von sozialen und kulturellen Lebensformen
und durch ein komplexes Zusammenspiel von
eigenständigen Organisationen und Systemen
gekennzeichnet und weltweit miteinander verbunden sind.
Eine soziale Integration, die im Sinne Durkheims den
Gesellschaftsmitgliedern durch psychisch fest implantierte
Wert- und Symbolsysteme quasi aufgezwungen wird, ist
nicht mehr funktional, zumal nationale Gesellschaften
durch ihre internationale Verflechtung nur noch zum Teil
staatlich organisierte und überschaubare
Kulturgemeinschaften sind. Die sozialen und kulturellen
Bindungskräfte, die noch zu Zeiten Durkheims für die
soziale Integration in die Gesellschaft des Nationalstaates
sorgten, schwächen sich demnach der Tendenz nach ab,
wenn auch neue Zwänge berücksichtigt werden müssen,
die zu Zeiten Durkheims nicht absehbar waren.
Der von Simmel und Durkheim zugrunde gelegte Begriff
von Sozialisation als »Vergesellschaftung der menschlichen
Natur« muss entsprechend weiterentwickelt werden, da
moderne Gesellschaften nur mit selbstständigen
Persönlichkeiten funktionieren können. Entsprechend wird

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@ -0,0 +1,36 @@
von jedem Gesellschaftsmitglied nicht die mechanische und
»außengeleitete« Internalisierung von sozialen Regeln
verlangt, sondern eine flexible, sensibel auf soziale
Bedingungen Rücksicht nehmende, »innengeleitete«
Selbstorganisation der eigenen Wertvorstellungen und
Handlungen (Faulstich-Wieland 2000, S. 34; Veith 1996,
2008 Zimmermann 2011).
Auf diese Veränderung haben heutige soziologische und
psychologische Theorien reagiert und neue Konzepte für
das Verständnis des Zusammenhangs von menschlicher
Persönlichkeitsentwicklung (Ontogenese) und
Gesellschaftsentwicklung (Phylo- oder Soziogenese)
vorgelegt. Trotz erheblicher Unterschiede zwischen den
einzelnen Theorien besteht dabei die weitgehende
Übereinstimmung darüber, dass Sozialisation nicht mehr in
erster Linie über das Erlernen sozialer Rollenmuster und
die Verinnerlichung gesellschaftlicher Normen erfolgt,
sondern als selbsttätige und selbstorganisierte Aneignung
von kulturell und sozial vermittelten Umweltangeboten.
Dennoch ist eine Kernidee des Konzeptes »Sozialisation«,
wie sie von Simmel und Durkheim ursprünglich formuliert
wurde, erhalten geblieben: Sozialisation ist
Persönlichkeitsentwicklung im sozialen und kulturellen
Kontext und eine Form der stets spannungsreichen
Konstruktion der Biografie und der Behauptung der
Identität in der Umwelt im teilweisen Widerspruch zur
»ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft« (Dahrendorf 1977).
Die Diskussion über die notwendige Neufassung des
Sozialisationsbegriffs setzte mit vollem Schwung in den
1960er Jahren ein, damals verbunden mit der
gesellschaftspolitischen These, dass Sozialisation und
Erziehung das erhebliche Ausmaß an
Verteilungsungleichheiten bedingen: Es kam zu scharfen
wissenschaftlichen und öffentlichen Kontroversen über das
Verhältnis von erzwungener Vergesellschaftung und freier
Individualisierung. Während der Studierendenunruhen von

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@ -0,0 +1,36 @@
1968 wurden die theoretischen Positionen immer weiter
zugespitzt, denn mehr und mehr wuchs das Bedürfnis,
nicht nur ein Modell für die erfolgreiche Anpassung des
Individuums, sondern vor allem für seine autonome
Entwicklung zu erhalten (Geulen 1973, 1991, S. 39;
Mühlbauer 1980; Walter 1973).
Sozialisation als Interaktion
Der zu dieser Zeit erreichte Stand der Diskussion wurde in
dem umfassenden, interdisziplinär angelegten ersten
»Handbuch der Sozialisationsforschung« zusammengefasst
(Hurrelmann/Ulich 1980). Die in diesem Handbuch
vorgestellte Definition von Sozialisation als »Prozess der
Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in
wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich
vermittelten sozialen und materiellen Umwelt«
(Geulen/Hurrelmann 1980, S. 51) fand großen Anklang und
wirkt noch bis heute in der wissenschaftlichen Diskussion
nach.
Als diese Definition wenige Jahre später durch das
»Modell des produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts«
(Hurrelmann 1983) ergänzt wurde, lag eine
erkenntnisleitende Heuristik (also eine Matrix des
wissenschaftlichen Denkens) vor, die Raum für die
Berücksichtigung der Bedeutung des Subjektiven ließ. Ihr
Credo war: Wenn das gesamte Gesellschaftliche und seine
Dynamiken begriffen werden soll, muss der Blick auch auf
das Individuum fallen. Das Individuum stellt einen
wesentlichen Kristallisationskern dar, weil soziale
Strukturen durch Sozialisation Wirkung auf die
Entwicklung eines Menschen haben, diese Menschen aber
gleichzeitig Gestalter des Gesellschaftlichen werden,
soziale Strukturen also selbst wieder herstellen (und
verändern). Diese Erkenntnis markierte den Start einer
Diskussion, in der die Psychologie und in den letzten
zwanzig Jahren auch die neurowissenschaftlichen

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@ -0,0 +1,36 @@
Disziplinen im Diskurs über Sozialisation eine Rolle spielen
konnten.
Die Einführung wird die hier vorgezeichneten Linien
weiterverfolgen. Dabei stehen sowohl eine Vertiefung der
schon genannten Inhalte als auch die Weiterführung der
sozialisationstheoretischen Diskussion bis in die Jetztzeit
im Mittelpunkt. Das Modell der produktiven
Realitätsverarbeitung hat seit seiner Entstehung versucht,
innerhalb der vorhandenen Theorien und
Forschungsbefunde eine bestimmte Verortung des Blickes
auf Sozialisation vorzunehmen. Hierzu gehört auch ein
definitorischer Zugriff. Dieser beinhaltet, dass Sozialisation
einen Interaktionsprozess bezeichnet, der das gesamte
Leben erfasst und die Beziehung zwischen der sich
entwickelnden Persönlichkeit und den umgebenden
sozialen und materiellen Strukturen einschließt. Aus dieser
Perspektive wird die Persönlichkeitsentwicklung als eine
ständige Interaktion zwischen dem Individuum und den
umgebenden gesellschaftlichen Bedingungen verstanden.
Diese Interaktionserfahrungen werden aktiv und produktiv
verarbeitet und dabei sowohl mit den inneren körperlichen
und psychischen als auch mit den äußeren sozialen und
physischen Gegebenheiten austariert.
Interaktionsprozesse, in denen sich ein Mensch über die
gesamte Lebensspanne hinweg befindet, sind ein Modus
der Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen. Diese
Interaktionsprozesse können eine bestimmte Entwicklung
der Persönlichkeit wahrscheinlich machen, nicht aber (wie
schon argumentiert) eindeutig festlegen. Eine analytische
Perspektive muss darum immer von den
Wahrscheinlichkeiten ausgehen, die durch Einbindung in
typische Interaktionsstrukturen bedingt sind. Hierzu gehört
der Einfluss von Lebenswelten oder der Wohnumfelder,
aber natürlich auch das Einkommen oder der Bildungsgrad
im familialen Netzwerk. Sie alle können Einfluss nehmen
auf die Entwicklung einer einzelnen Persönlichkeit. Sie

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@ -0,0 +1,36 @@
können aber auch Individuierungs- und
Abweichungseffekte erzeugen (so das beschriebene
Beispiel des Soziologen Eribon im Rückblick auf seine
eigene Lebensgeschichte).
In den folgenden Kapiteln geht um die generelle
Verortung eines theoretischen Blickwinkels und auch um
eine umfassende Gesamtschau der Erkenntnisse der
Sozialisationsforschung. In den Kapiteln 2 und 3 wird eine
Übersicht über soziologische und psychologische
Basistheorien der Sozialisation gegeben. Hierbei wird von
einem Kapitel zur soziologischen und psychologischen
Propädeutik gesprochen, weil Basis- und Lehrbuchtheorien
der Sozialisationsforschung vorgestellt werden.
Im engeren Sinne ist als Propädeutik die Einführung in
Terminologie und Grundlagen einer Wissenschaft zu
verstehen. Diese ist durchaus nötig und spielt in der
Einführung von Beginn an eine große Rolle. Sie erschien
zum ersten Mal im Jahr 1986 und vermittelte einen
systematischen Überblick über das damals noch sehr junge
Gebiet der Sozialisationstheorien. Es hatte sich in den
1960er und 1970er Jahren sehr schnell entwickelt und war
durch ein breites, kontroverses Spektrum von
theoretischen Ansätzen gekennzeichnet. Auf der einen
Seite standen soziologische Positionen, die von einer
starken Beeinflussung der Persönlichkeit eines Menschen
durch gesellschaftliche Bedingungen ausgingen. Die
Gegenposition bildeten psychologische Theorien mit der
Annahme, eine Persönlichkeit entwickelte sich durch
innere Antriebe.
Mit der Einführung wurde das erste Mal versucht, die
Gräben zu überbrücken und eine umfassendere Sichtweise
auf Sozialisation zu entwickeln. Es ging darum,
Vorstellungen der gesellschaftlichen Determination der
Persönlichkeitsentwicklung ebenso zu überwinden wie
solche der naturgesetzlich bestimmten organischen und
psychischen Reifung. Auf diese Weise wurde eine

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@ -0,0 +1,36 @@
interdisziplinäre Sichtweise von Sozialisation begründet,
die sich an einer über den Einzeltheorien angesiedelten
Konzeption orientieren, die als Modell der produktiven
Realitätsverarbeitung bezeichnet wurde. Dieser Ansatz ist
bis heute aktuell und findet Eingang in die
Biografieforschung, die Kindheits- und Jugendforschung
sowie die Bildungs- oder Familienforschung. Im Laufe der
Jahre ist die biologische Seite der Sozialisation sogar
stärker als zuvor in der neurowissenschaftlichen Debatte
oder der Genetik verhandelt worden. Durch diese
Ergänzungen und Verbreiterungen im Diskurs hat die
interdisziplinäre Sichtweise von Sozialisation laufend
Zugewinne gemacht. Damit hat auch das »Modell der
produktiven Realitätsverarbeitung« (in der Einführung ab
jetzt abgekürzt als MpR) viele Anpassungen vorgenommen
und neuere Erkenntnisse integriert.
Die nachfolgenden Ausführungen der Abschnitte 1.3 bis
1.5 sollen für die Darstellung im Buch einen
zusammenfassenden Überblick anbieten. Dieser Überblick
ist grob, aber auch nur für eine erste Annäherung und
Orientierung gedacht. Er erfüllt die Funktion eines
»Teasers« in Einführung in die Sozialisationstheorie. Darin
werden zunächst die »klassischen« Positionen der
Sozialisationsforschung dargestellt, die sich auf die
soziologische und psychologische Traditionslinie beziehen.
Danach wird das MpR in der Kurzfassung des Überblicks
über die 10 Prinzipien dargestellt.
1.3
Die soziologische Propädeutik im Überblick
Wenn man sich einen Überblick zur soziologischen
Propädeutik in der sozialisationstheoretischen Diskussion
verschaffen möchte, stößt man auf die große Nähe der
Entwicklung der soziologischen und der

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@ -0,0 +1,35 @@
sozialisationstheoretischen Perspektive. Sieht man die
Soziologie als junge Disziplin, die sich erst im 19.
Jahrhundert vor allem aus der Philosophie heraus
entwickelte, kann man sogar sagen, dass das
Sozialisationsthema an der Wiege der Soziologie stand. Die
Annahme, dass Menschen durch ihre Umwelt
gesellschaftlich geformt werden, ist so etwas wie die
Grundbedingung des Denkens über das Zusammenleben in
Gesellschaften. Es ist die Frage danach, wie der Mensch
als »Subjekt« als erlebendes, denkendes und handelndes
Individuum den materiellen, sozialen und kulturellen
»Objekten« seiner Umwelt gegenübertritt und sich neben
ihnen behauptet.
Tabelle 1 gibt einen Überblick zu den soziologischen
Theorien, die in der Sozialisationstheorie als Propädeutik
betrachtet werden und nach denen sich die Darstellung
auch in unserer Einführung richtet. Die spätere Lektüre
wird viele Einzelfragen zu diesen Ansätzen aufnehmen und
sie ausführlich in die Diskussion ihrer Zeit stellen. An
dieser Stelle sollen ein paar erste Stichworte genügen, um
Theorieansätze, Namen und Begriffe langsam einzuordnen.
Frühe Ansätze der soziologischen Theorie
Socialisierung
Vergesellschaftung bedeutet,
die soziale Gesamtheit in die
individuelle Persönlichkeit
aufzunehmen
Socialisation méthodique Internalisierung des Sozialen
als Voraussetzung für soziale
Kohäsion in komplexen
Gesellschaften
Gesellschaftstheoretische Ansätze

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@ -0,0 +1,48 @@
Materialistische
Gesellschaftstheorie
Erster strukturalistischer
Ansatz. Der Mensch ist
produktiv durch
Naturbearbeitung, soziale
Realitäten formen das
Individuum
Kritische
Gesellschaftstheorie
Erster interdisziplinärer
Ansatz. Der Blick auf das
Subjekt wird durch Trieblehre
und Psychologie intensiviert
Strukturfunktionalistische Gesellschaftliche Teilsysteme
Systemtheorie
durchringen einander,
Sozialisation ist das Erlernen
von Rollen
Soziale Systemtheorie
Selbstsozialisation als
Eigenleistung des
psychischen Systems, Bruch
mit Verständnis von
Sozialisation als Prägung
Praxeologie
Erweiterter Praxisansatz,
Überwindung des
Gegensatzes von
strukturalistischem und
konstruktivistischem Denken
Handlungstheoretische Ansätze
Symbolischer
Interaktionismus
Modell unterschiedlicher
psychischer Instanzen,
Sprache als soziale Praxis,
Identitätsbildung durch
Zuschreibungen

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@ -0,0 +1,46 @@
Kommunikative
Kompetenz
Entwicklung der kritischen
Rollentheorie, die Ausbildung
einer Ich-Identität als
gesellschaftliches Autonomiezu fördern
Sozialkonstruktivismus
Novizen lernen Werte und
Bedeutungszuschreibungen,
Sozialisation ist das Verstehen
von
Wirklichkeitskonstruktionen
Sozialisatorische
Interaktion
Durch sozialisatorische
Interaktion sind
Heranwachsende mit
krisenhaften
Herausforderungen des
Verstehens konfrontiert
Dimensionen
sozialer Identität
Das Differenzerleben von
sozialer und persönlicher
Identität ist die Basis für das
Empfinden der Ich-Identität
Tab. 1: Soziologische Theorien der Sozialisation im Überblick.
Frühe Theorien der Sozialisation
Für die soziologisch orientierte Forschung stand lange Zeit
die Frage im Vordergrund, welche Einstellungen und
Verhaltensweisen eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern
verlangen muss, um den nötigen sozialen Zusammenhalt zu
sichern, allen gleiche Rechte einzuräumen und die
öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Für Emile
Durkheim, dem ersten Inhaber eines Lehrstuhls für
Soziologie in Frankreich, gilt diese Frage als Bedingung für
die Aufrechterhaltung gesellschaftlichen Zusammenhalts.

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@ -0,0 +1,36 @@
Er fordert eine »Socialisation méthodique« (eine Art
methodische Sozialisation). Für Georg Simmel, seinem
deutschen Pendant, ist »Socialisierung« der Vorläufer für
das spätere Fachwort »Sozialisation«, das er ähnlich wie
Durkheim herleitet. Für Simmel wie Durkheim ist die
Sozialisationsbedingung ein wesentlicher Faktor für das
»Gelingen« einer Gesellschaft, die ihre traditionellen Gleise
verlässt.
In der frühen Soziologie wurde darüber nachgedacht, wie
die »Sozialmachung« der Gesellschaftsmitglieder erfolgt.
Wie Dieter Geulen (1991) erstmals in seinem Überblick
über die Geschichte der Sozialisationstheorie
herausgearbeitet hat, wird in diesem Zusammenhang schon
seit dem frühen 19. Jahrhundert der Begriff »Sozialisation«
verwendet, was sich anhand des enzyklopädischen »Oxford
Dictionary of the English Language« aus dem Jahr 1828
dokumentieren lässt. Dort wird »to socialize« definiert als
»to render social, to make fit for living in society«.
Allmählich setzte sich der Begriff dann bis zum Ende des
19. und sehr intensiv ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts
durch (Veith 1996). Dieser Strang ist in den soziologischen
Gesellschaftstheorien besonders gut abgebildet. Obwohl
damit Sozialisation eine Grundbedingung des Denkens über
das Soziale wurde, war das Detailwissen darüber, was als
Sozialisation zu verstehen ist, wenig ausgebildet. Dazu
gehörte auch die Frage, ob Sozialisation noch die
Möglichkeit offen ließ, dass Menschen sich von ihren
gesellschaftlichen Integrationsverhältnissen frei machen
und Individualität und Autonomie ausbilden können.
Gesellschaftstheoretische Ansätze
Die Spannung von Individuum und Gesellschaft, von
Integration als »zur Gesellschaft dazuzugehören« und
Individuation als »eine einzigartige Persönlichkeit zu sein«,
ist in der soziologischen Diskussion der Folgezeit immer
deutlicher wahrzunehmen. Sie ist mit der Veränderung des

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@ -0,0 +1,36 @@
ökonomischen und politischen Lebens durch die
Umwälzung gesellschaftlicher Strukturen im Zuge der
Industrialisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu
einem bedeutenden Thema geworden. Gesellschaften
wurden immer komplexer, weil nicht mehr alle Tätigkeiten
des täglichen Lebens unter einem Dach ausgeübt, sondern
arbeitsteilig zwischen Familie, Fabrik und
gesellschaftlicher Öffentlichkeit aufgeteilt werden. Jeder
Mensch spielt zunehmend mehr und vor allem sehr
differenzierte Rollen in ebenso unterschiedlichen
Kontexten. Damit wurde die Frage immer drängender, wie
trotz dieser Differenzierungen ein gesellschaftliches
Zusammenleben möglich sein kann. Alle Theorien, die im
19. und 20. Jahrhundert als »Gesellschaftstheoretische
Ansätze« auf diese Problematik reagieren, sind in der
Soziologie heute noch bekannt. Sie reichen von Karl Marx
bis zu Pierre Bourdieu. Ihre Stichworte sind in der Tabelle 1
genannt.
In den gesellschaftstheoretischen Ansätzen wurde
Sozialisation vorausgesetzt, sie ist Bedingung oder Resultat
des sozialen Miteinanders. Mit Ausnahme weniger Ansätze
erwähnen Gesellschaftstheorien das Thema selten explizit.
Sie waren und sind vielmehr so etwas wie die
Hintergrundfolie für das Denken über Sozialisation. Mit
sehr unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen: Für Marx
und die materialistische Gesellschaftstheorie ist es die
Annahme der Übermacht der wirtschaftlich-sozialen
Strukturen. Für die Kritische Gesellschaftstheorie ist es der
Blick auf Innenleben der Menschen, deren Triebleben und
Psyche an gesellschaftliche Zwangsverhältnisse angepasst
werden und dabei Leiden und Abwehr, das Bedürfnis nach
Triebabfuhr und Aggression erzeugen. In der
strukturfunktionalistischen und sozialen Systemtheorie
dominiert der Blick auf unterschiedliche Funktionssysteme
der Gesellschaft, so dass Menschen sich nur noch
rollenförmig anpassen und die »Codes« beherrschen

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@ -0,0 +1,36 @@
müssen, die in ihrem Funktionssystem verwendet werden.
In der Praxeologie wird dagegen das erste Mal versucht,
das Individuum von zwei Seiten zu verstehen: von seiner
durch gesellschaftliche Strukturen geprägten und der
individuell autonomen Seite.
Handlungstheoretische Ansätze
Die Öffnung zum Doppelgesicht von Sozialisation vollziehen
vor allem die handlungstheoretischen Ansätze. Wie ihr
»Etikett« schon andeutet, gehen sie von den Handlungen,
also von den kleineren Einheiten aus soziologischer
Perspektive aus. Der Grund hierfür ist sehr einfach. In der
gesellschaftstheoretischen Diskussion existierte lange Zeit
ein Trend zur Sichtbarmachung von Strukturen der
Aufrechterhaltung von Stabilität. Sozialisation ist hier nur
am Rande entscheidend, weil eine Form der sozialen
Einpassung vorausgesetzt wird. Erst die
handlungstheoretischen Ansätze gehen über die Annahme
hinaus, dass sich das Individuum immer nur passiv einfügt
und kritisieren, dass damit der Blick auf Handlungen und
das Subjekt, das sich artikuliert und handelt, nicht gewagt
wird.
Der Begriff Handlung fungiert als Synonym. Damit wird
alles aufgenommen, was vom Individuum als »Aktion«
(lateinisch »Handlung«) ausgeht und »zwischen«
(lateinisch »inter«) Individuen als »Interaktion« erfolgt.
Der symbolische Interaktionismus eine Strömung, die
innerhalb der Denkschule des Pragmatismus in den USA
schon vor der Mitte des 20. Jahrhunderts zur Ausprägung
kommt betont die Ambivalenzen im Prozess der
Sozialisation. Im Mittelpunkt steht hierbei, wie sprachliche
Handlungen im Prozess der Sozialisation wirken.
Sprachliche Interaktion transportiert Bedeutungen und ist
gleichzeitig Medium. Über dieses stellen sich
Interaktionsprozesse her und diese haben immer bereits
einen sozialisatorischen Charakter.

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@ -0,0 +1,36 @@
Hieran knüpft auch der Ansatz der kommunikativen
Kompetenz an, der die europäische und vor allem die
deutschsprachige Adaption der Annahmen des
symbolischen Interaktionismus darstellt. Er legt Wert auf
die Gestaltungsfähigkeit von Sozialisationsprozessen. Noch
deutlicher wird der Gestaltungs- und
Konstruktionscharakter von Sozialisation in den mit dem
Paradigma des Sozialkonstruktivismus verbundenen
Ansätzen. Sie sind noch mikrologischer und zielen auf den
sprachlich vermittelten Lernprozess. Hiernach machen
Menschen im Prozess der Sozialisation nicht Erfahrungen
mit der »tatsächlichen« Wirklichkeit, sondern mit der
durch Sprache vermittelten, sozial konstruierten
Wirklichkeit. An dem Beispiel, wie wir über sprachliche
Interaktionen lernen, wie sich ein Mädchen (lieblich,
freundlich, emotional) oder Junge (stolz, wild, kühl) zu
verhalten hat, wird der Wert einer Perspektive deutlich, die
nach den Bedeutungszuschreibungen fragt.
Der Ansatz der sozialisatorischen Interaktion baut
hierauf auf, fügt aber noch die neue Komponente hinzu,
wonach Lernen immer mit Krisenerfahrungen verbunden
ist und darum an kognitive Prozesse des Aufschichtens und
des Umbaus von Erfahrungen gekoppelt. Dass durch
Krisenerfahrungen auch die Störungsanfälligkeit des
Individuums berührt wird, ist der Zugang der Theorien zur
sozialen Identität in der Sozialisationsforschung. Sie gehen
davon aus, dass viele verschiedene Anforderungen in
unterschiedlichen Handlungsbereichen bewirken, dass
Stabilität nur dann entsteht, wenn die
Handlungsherausforderungen bewältigt und in eine
einheitlich Identitätsformation integriert werden können.
1.4
Die psychologische Propädeutik im
Überblick

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@ -0,0 +1,39 @@
Anders als die soziologische Propädeutik ist die
psychologische Grundlagenliteratur konzentrierter auf die
Individualperspektive. Sie hat gerade deswegen eine
besondere Relevanz für die Sozialisationsthematik. Sowohl
in den Persönlichkeits- als auch den Entwicklungs- und
Lerntheorien sind explizite Annahmen formuliert, die in der
Sozialisationsforschung eine hohe Relevanz beanspruchen
können, weil sie die Mikroperspektive ausleuchten. Damit
entsteht eine gewisse Ähnlichkeit zu den
Handlungstheorien, obwohl vollkommen andere
theoretische und empirische Zugänge gewählt wurden. Die
psychologische Perspektive ist nur unwesentlich kürzer in
der sozialisationstheoretischen Diskussion präsent. Wir
können eine Wirkungsgeschichte erkennen, die zu Beginn
des 20. Jahrhunderts einsetzt. In den vergangenen rund
einhundert Jahren haben sich aber auch in der
psychologischen Propädeutik die Leitmotive der
Betrachtung der menschlichen Entwicklung kontinuierlich
verändert.
Tabelle 2 gibt einen Überblick zu den maßgeblichen
psychologischen Theorien, die innerhalb der
Sozialisationsforschung Anschluss gefunden haben.
Frühe psychologische Ansätze
Ursprünge der
Psychoanalyse
Menschen werden durch Kultur
im Zusammenspiel mit den
biologischen Trieben geprägt
Ursprünge der
Lerntheorie
Lernern erfolgt durch das
Zusammenspiel von Reiz und
Reaktionen, das Bewusstsein
eines Menschen spielt keine
Rolle

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@ -0,0 +1,48 @@
Persönlichkeitstheorien
Psychoanalytische
Theorie
Das Soziale kanalisiert die
biologischen Anlagen, die
Trieblehre wird ausdifferenziert
Psychosoziale
Entwicklungstheorie
Persönlichkeitsentwicklung im
Stufenmodell, Lebenshasen mit
alters- und
entwicklungsspezifischen
Krisen und Konflikten
Strukturelle
Persönlichkeitstheorien
Genetische
Persönlichkeitsfaktoren:
Extraversion, Verträglichkeit,
Gewissenhaftigkeit, Emotionale
Stabilität, Offenheit
Lern- und Entwicklungstheorien
Kognitive
Lernen ist ein Prozess des
Entwicklungspsychologie Aufbaus kognitiver Strukturen,
Lernen durch Adaption der
Wissensstrukturen an die
Umwelt
Entwicklung des
moralischen Urteils
Stufentheorie moralischer
Entwicklung, moralische
Autonomie als Leitung einer
kognitiven Reflexionsfähigkeit
Theorie des sozialen
Lernens
Kinder interpretieren Umwelten
und lernen Modelle,
Selbstwirksamkeitserwartungen
entstehen durch Selbstreflexion

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@ -0,0 +1,41 @@
Theorie der
Selbstentwicklung
Menschen sind Produzenten
ihrer eigenen Entwicklung, sie
nehmen Umweltbedingungen
wahr und gestalten sie
Sozial-ökologische
Entwicklungstheorie
Mikro-, Meso-, Exo- und
Makrosysteme sind
unterschiedlich nah an der
Person, Systeme sind
voneinander abhängig
Tab. 2. Psychologische Theorien der Sozialisation im Überblick.
Frühe Ansätze der Psychologie
Die frühen Ansätze der Psychoanalyse und der Lerntheorie
konzentrieren sich zwar stark auf innerpsychische
Dynamiken der Persönlichkeitsentwicklung, sind aber für
die Sozialisationstheorie wertvoll. Sie arbeiten heraus, dass
die menschliche Persönlichkeitsentwicklung nicht nur von
inneren Faktoren beeinflusst wird, die in der Person
verankert sind, sondern auch von äußeren,
gesellschaftlichen Bedingungen. Dies sind aber auch schon
die einzigen Gemeinsamkeiten. Psychoanalyse und
Lerntheorie sind als durchaus gegensätzlich zu verstehen.
Während die Psychoanalyse (ihr berühmtester Vertreter
ist Sigmund Freud) früher etabliert ist, sind die
lerntheoretischen Ansätze nachfolgend, man kann sie aber
nur sehr eingeschränkt als direkte »Nachfolge« verstehen,
vorherrschend ist der Bruch, der zwischen beiden
Denktraditionen gesehen werden muss. Interessant ist, mit
welcher Intensität die Debatten der Psychologie ebenso wie
der Soziologie schon in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg
international geführt wurden. Freud ist ein europäisch
ausgebildeter und auf Deutsch publizierender, zunächst
medizinisch inspirierter, dann über die Neuropathologie

View File

@ -0,0 +1,35 @@
zur Psychologie stoßender Wissenschaftler, dessen
Erkenntnisse eine Symbiose darstellen, die in der Zeit der
sich etablierenden Wissenschaft der Psyche sicher weniger
überraschend sind als es in der Rückschau erscheint. Freud
verbindet das Wissen der physiologisch vorgehenden
Psychologie mit seinen Vermutungen über das
Zusammenspiel der menschlichen Natur (den »Trieben«)
mit gesellschaftlichen Einflüssen (dem »Über-Ich«) und der
Ausbildung einer Persönlichkeit (dem »Ich«). Freuds
zweifellos revolutionäre Erkenntnisse lassen das
Individuum im dauernden Spannungsverhältnis dieser drei
Kräfte erscheinen und leiten daraus Annahmen über
menschliche Handlungen und innerlich erlebt Konflikte ab.
Die sich hiergegen entwickelnden psychologischen
Lerntheorien sind schon in der Anlage, ihrem Bezug auf
das vorhandene Wissen, ihr methodisches Vorgehen und
die Konsequenzen fast durchgehend gegensätzlich zu
verstehen. John B. Watson ist der Begründer des
Behaviorismus, der neben der Psychoanalyse am Beginn
der Psychologiegeschichte des 20. Jahrhunderts steht.
Watson stammt aus den USA, war ausgebildeter Lehrer und
Vertreter der experimentellen Psychologie. Seine
Lernexperimente zeigen nicht nur sehr detailliert, wie
Lernanreize und Belohnungen Einfluss auf die
Lernfähigkeit eines Menschen nehmen. Watson geht sogar
so weit zu behaupten, dass menschliches Verhalten immer
nur die Reaktion auf Reize aus der Umwelt darstellt.
Watson hält damit Menschen für nahezu unendlich
veränderbar. Immer abhängig davon, welchen Reizen,
Gewohnheiten und Belohnungen sie ausgesetzt sind.
Tatsächlich so die These Watsons braucht es dann gar
nicht mehr die Annahme eines menschlichen Bewusstseins
(die große Domäne der Psychoanalyse), alles funktioniert
im Denken des Behaviorismus durch den Mechanismus der
Reiz-Reaktionsketten.

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@ -0,0 +1,35 @@
Persönlichkeitstheorien
Persönlichkeitstheorien tragen zu einer großen
Differenzierung im wissenschaftlichen Feld der sich
etablierenden Psychologie bei. Freuds eigene Theorie ist
hier oft Ausgangspunkt, der aber vielfach weiterbearbeitet
wurde. Am bekanntesten sind die Ansätze, die Freuds
Denken in Entwicklungs- und Spannungsdynamiken um die
Komponente der psychosozialen Entwicklung erweitert
haben. Hierzu gehört u. a. der Ansatz des deutschamerikanischen Psychoanalytikers Erik H. Erikson, der als
erster ein Modell der stufenförmigen der Persönlichkeit
entwickelte.
Die neueren psychologischen Ansätze verschieben ihr
Gewicht deutlich auf die Wechselwirkung zwischen
Individuum und Gesellschaft. Sie sind jeweils darum
bemüht, die Mechanismen zu identifizieren, über die
äußere, gesellschaftliche Einflüsse auf innere, persönliche
Merkmale und Strukturen einwirken. Sie verweisen auf die
sozialen und kulturellen Erwartungen der Umwelt, auf die
Anforderungen und Anregungen konkreter sozialer und
ökologischer Lebensräume und die Möglichkeiten des
Menschen, seine Persönlichkeit durch aktive Interaktion
mit der sozialen Umwelt selbst zu gestalten. Damit
ergänzten sie damals die soziologischen Positionen.
Jede der neueren psychologischen Theorien macht
deutlich, dass eine Persönlichkeitsentwicklung nicht
möglich ist, ohne sich mit den sozialen
Umweltbedingungen auseinanderzusetzen und sich ihnen
teilweise anzupassen. Gleichzeitig stehen
Überschneidungen mit der »Biologie der Persönlichkeit«
nicht mehr im Gegensatz zu einer auf die psychosoziale
Entwicklung zielenden wissenschaftlichen Diskussion. Die
Diskussion über das »Big Five« Modell der
Persönlichkeitspsychologie beweist dies. Es geht zum einen
davon aus, dass fünf Persönlichkeitseigenschaften

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@ -0,0 +1,31 @@
(Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit,
Emotionale Stabilität, Offenheit) bei allen Menschen in
schwächer oder stärkerem Maße vorhanden sind. Zum
anderen verweist dieses Modell auf starke genetische
Prädispositionen gerade dieser Eigenschaften.
Lern- und Entwicklungstheorien
Einen wirklichen Fortschritt für die Sozialisationstheorien
ergeben solche Ansätze, die aus einer psychologischen
Perspektive das Thema Lernen und Entwicklung
weiterführen. In der Zeit nach dem Weltkrieg wurde die
enge Vorstellung der biologisch determinierten
Entwicklung oder auch der überdeterminierten
Umweltabhängigkeit kontinuierlich aufgeweicht. Die
Vorstellung, dass es kein menschliches Bewusstsein gäbe,
wurde vollkommen überworfen. Jüngere Ansätze verorten
sich heute im kognitiven Paradigma. Die sogenannte
kognitive Wende hat den Begriff »Kognition« (von
lateinisch »cognoscere« = »erkennen« und
»wahrnehmen«) zentral gesetzt, womit alle gedanklichen
Prozesse eines Menschen einbezogen werden. Im Sog des
kognitiven Paradigmas wird von einer Wechselbeziehung
zwischen Person und Umwelt ausgegangen, in der das sich
entwickelnde Individuum mit seinen Fähigkeiten der
Realitätsaneignung und Realitätsverarbeitung eine immer
bedeutsamere Funktion erhält.
Lern- und Entwicklungstheorien weisen in der Folge eine
große Breite auf, die im Sozialisationskanon intensiv
bearbeitet werden. So die Stufentheorie der moralischen
Entwicklung Lawrence Kohlbergs, die Theorie des sozialen
Lernens, der Selbstentwicklung und der sozialökologischen Entwicklungskontexte. Gerade die sozialökologische Entwicklungstheorie ist mit ihrer

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@ -0,0 +1,36 @@
Unterscheidung unterschiedlicher Kontexteinflüsse auf das
Individuum so nah an einer soziologischen Perspektive, das
sie gemeinhin von den Disziplinen geteilt wird. Dagegen
spielen psychologische Positionen, die das Individuum als
vollkommen abgekoppelt von den Kontexten des
Aufwachsens sehen, eine untergeordnete Rolle und
erhalten wenig wissenschaftliche Reputation. Allerdings
sind Ansätze, die biologisch-genetisch argumentieren, auch
in der psychologischen Persönlichkeits-, Entwicklungs- und
Lernforschung eine wichtige Komponente geworden. Sie
machen, häufig vermittelt über die neurowissenschaftliche
und epigenetische Forschung, Grundaussagen über das
Individuum, seine Entwicklung und das Verhältnis zur
Umwelt. Diese Ansätze werden ebenfalls noch dargestellt,
wenn die Weiterentwicklung psychologischer Annahmen im
Modell der produktiven Realitätsverarbeitung erörtert
wird.
Auffällig ist, dass die psychologischen Theorien den
Begriff »Sozialisation« eher zurückhaltend verwenden.
Dennoch aber setzen sie sich inhaltlich ebenso detailliert
wie die soziologischen Theorien mit dem spannungsreichen
Verhältnis von Individuum und Gesellschaft auseinander.
Sie nehmen ihren Ausgangspunkt von den
innerpsychischen und innerkörperlichen Entwicklungen.
Ihr Hauptaugenmerk liegt dann aber auf der Frage, wie
sich die Persönlichkeit eines Menschen durch soziale und
ökologische Umweltbedingungen im Laufe des Lebens
entfaltet und verändert.
1.5
Das MpR im Überblick
Die soziologische und psychologische Propädeutik gehören
zur Grundausstattung der Entwicklung der
Sozialisationstheorie. Sie haben heute zweifellos mehr als

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@ -0,0 +1,36 @@
einen lediglich antiquarischen Charakter. Sie werden als
Lern- und Studienliteratur eingesetzt, sie gelten als
Grundlagenwissen und in dieser Hinsicht wird von
propädeutischer Literatur gesprochen. Gleichzeitig stellen
sie das Fundament unserer Denkansätze über Sozialisation
bis heute dar. Gerade die Propädeutik repräsentiert die
eingangs bezeichnete Doppelgesichtigkeit von
Sozialisationsprozessen. Soziologische und psychologische
Zugänge fokussieren auf unterschiedliche Bereiche von
Sozialisation, betonen unterschiedliche Perspektiven auf
Prozesse der »Vergesellschaftung« und »Individuation« und
sind in ganz unterschiedlicher Weise Sprungbrett für die
Weiterentwicklung von Theorieansätzen, die im Bereich der
Sozialisationsforschung zum Einsatz kommen. Inwiefern
eine Zusammenführung aller vorgestellten Theorieansätze
möglich ist, welche Tendenz sie aufzeigen und wie sie für
die für die Etablierung eines integrierten Ansatzes wie dem
MpR nutzbar zu machen sind, wird später in der
ausführlichen Auseinandersetzung gezeigt.
Die Darstellung beinhaltet dort die resümierende
Darstellung zum Ertrag der soziologischen und
psychologischen Diskussion für das
sozialisationstheoretische MpR. Dabei wird eine
Darstellungsform gewählt, die das MpR mit den
wichtigsten Konsequenzen für eine
sozialisationstheoretische Perspektive beschreibt. Das
MpR, das auf dieser Entwicklung der Basistheorien
aufbaut, wird von zehn »Prinzipien« gerahmt. Diese
»Prinzipien« stehen jetzt an der Stelle, an der in anderen
und früheren Publikationen zum MpR von »Thesen« oder
»Maximen« gesprochen wurde. Die Prinzipien des MpR
haben sich über die Jahrzehnte immer wieder leicht
gewandelt und liegen auch in dieser Auflage aktualisiert,
überarbeitet und in einer veränderten Form vor. Die
Prinzipien beleuchten unterschiedliche Ebenen der
Modellbildung, sie sind theorie- und forschungsbezogen

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@ -0,0 +1,34 @@
und wollen so umfassend wie möglich den
Gegenstandsbereich Sozialisation ausfüllen. Im Folgenden
werden diese Bereiche und die dazugehörigen zehn
Prinzipien des MpR stichwortartig vorgestellt (s. Tabelle 3).
Erkenntnistheoretische und konzeptionelle
Grundannahmen
1.
Verhältnis von innerer und äußerer Realität
Prinzip soziale, körperliche und Anlagefaktoren spielen
zusammen und treten in eine Wechselbeziehung
ein
2.
Produktion der eigenen Persönlichkeit
Prinzip Menschen produzieren ihre Entwicklung, weil sie
eine Verarbeitung der inneren und äußeren
Realität vornehmen
Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf
3.
Bewältigung lebenslaufspezifischer
Prinzip Anforderungen der Realitätsverarbeitung jeder
Lebensabschnitt beinhaltet normierte
Bewältigungsanforderungen
4.
Bildung der Ich-Identität Ausgleich der
Prinzip Spannungen zwischen persönlicher
Individuation und sozialer Integration um eine
stabile Identität aufzubauen
5.
Persönlichkeitsentwicklung im Lebenslauf in
Prinzip jedem Lebensabschnitt ergeben sich
unterschiedliche Anforderungen an die
Verarbeitung der Realität
Kontexte der Sozialisation

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@ -0,0 +1,35 @@
6.
Bedeutung der Familie für die Sozialisation als
Prinzip primärer und wichtigster Sozialisationskontext,
der sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant
verändert
7.
Bedeutung der Bildungsinstitutionen als
Prinzip sekundäre Sozialisationsinstanz mit
Qualifikations-, Selektions- (Auslese) und
Allokationsfunktion (Statuszuweisung)
8.
Bedeutung der alltäglichen Lebenswelt für die
Prinzip Sozialisation Menschen leiten aus ihren
alltäglichen Erfahrungen in informellen zentrales
Realitätswissen ab
9.
Bedeutung intersektionaler Ungleichheiten
Prinzip Ungleichverteilung von Ressourcen bedingt die
lebenslang andauernde Ungleichverteilung von
Lebenschancen
Aktuelle Herausforderungen im Prozess der
Sozialisation
10.
Gestaltung und Bewältigung gesellschaftlicher
Prinzip Herausforderungen die nachwachsende
Generation übernimmt die Aufgabe der
Krisenbearbeitung
Tab. 3. Die zehn Prinzipien des MpR im Überblick.
Erkenntnistheoretische und konzeptionelle Grundannahmen
(Prinzipien 1 und 2)
Zu den Basisannahmen des MpR gehört, dass Sozialisation
als ein Interaktionsprozess definiert wird, der das gesamte
Leben erfasst und die Beziehung zwischen der sich
entwickelnden Persönlichkeit, den organismischen und

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@ -0,0 +1,34 @@
ererbten Strukturen sowie den umgebenden sozialen und
materiellen Bedingungen, ihrer Prägungs- Ermöglichungsund Verhinderungstendenz, einschließt. Im Kern bezeichnet
Sozialisation damit die Persönlichkeitsentwicklung als eine
ständige Interaktion zwischen dem Individuum und den
umgebenden gesellschaftlichen Strukturen. Diese
Interaktionserfahrungen werden aktiv und produktiv
verarbeitet und dabei sowohl mit den inneren körperlichen
und psychischen als auch mit den äußeren sozialen und
physischen Gegebenheiten vermittelt.
Das erste Prinzip des Verhältnisses von innerer und
äußerer Realität umfasst genau dieses Verständnis von
produktiver Verarbeitung der inneren Realität von
körperlichen und psychischen Dispositionen und der
äußeren Realität aus sozialer und physisch-räumlicher
Umwelt. Der Blick auf die innere Realität hat dabei in den
vergangenen Jahren vor allem Erkenntnisse aus Genetik,
Epigenetik und den Neurowissenschaften aktuell werden
lassen. Lange Zeit hatte die Sozialisationsforschung
befürchtet, die solche biologienahen Zugänge würde
einseitig die genetische Komponente betonen und die
Persönlichkeitsentwicklung ausschließlich als eine
Entfaltung angeborener Anlagen erklären wollen. Man sah
sich mit der naturwissenschaftlichen Herangehensweise in
einem Konkurrenzverhältnis und hatte die Sorge, Genetik,
Neuro- und Hirnforschung könnten Belege für die
innerorganische Determination von
Persönlichkeitsmerkmalen erarbeiten, die Umwelteffekte
als unbedeutend erscheinen ließen. Diese Sorge erweist
sich heute als unberechtigt. Die genetischen und
neurobiologischen Ansätze liefern interessante Befunde zur
Wechselbeziehung von Anlage und Umwelt. Sie zeigen, wie
eng genetische Dispositionen und soziale Umweltfaktoren
zusammenwirken und sich gegenseitig beeinflussen. Aber:
In kaum einem Ansatz der Neuroforschung wird die sozial

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@ -0,0 +1,35 @@
bedingte Beeinflussung und Ausprägung der
Persönlichkeitsstruktur eines Menschen infrage gestellt.
Der Begriff »produktive Verarbeitung« drückt aus, dass
es sich bei der Auseinandersetzung mit der inneren und
äußeren Realität um einen aktiven Prozess handelt, in dem
der einzelne Mensch eine individuelle, den eigenen
Voraussetzungen und Bedürfnissen angemessene Form
wählt. Das zweite Prinzip der Produktion der eigenen
Persönlichkeit hebt daher darauf ab, dass Menschen als
Produzentinnen und Produzenten ihrer eigenen
Entwicklung angesehen werden, weil sie von der frühesten
Entwicklung als Säugling und als Kleinkind an, über das
Jugendalter und das Erwachsenenalter hinweg bis ins hohe
Alter hinein eine Verarbeitung der inneren und äußeren
Realität vornehmen, die ihren individuellen Merkmalen,
Fähigkeiten und verfügbaren Ressourcen entspricht. Die
Verarbeitung ist »produktiv«, weil sie sich aus der jeweils
individuell besonderen Auseinandersetzung mit den
inneren und äußeren Bedingungen ergibt.
Für die aktuelle Einordnung des zweiten Prinzips sind
heute viele neue Theoriestränge relevant. Hierzu gehören
u. a. die Selbstbestimmungstheorie der Motivation (im
Englischen »Self-Determination Theory«), die als eine neue
Lern- und Motivationstheorie anzusehen ist. Eine weitere
Ergänzung in der Theorieentwicklung des kognitiven
Paradigmas sind die Arbeiten zum Thema »Agency«.
Agency bezeichnet im Englischen das Handlungszentrum
eines Menschen. In der psychologischen Debatte ist Agency
als Fachterminus entwickelt worden, um die Bedeutung
personengebundener Fähigkeiten der
Informationsverarbeitung, des Wissensaufbaus und der
Verhaltenssteuerung zu beschreiben. In diesen Kontext
gehört auch das »dynamisch-interaktionistische Modell«
der Entwicklung, das ebenfalls aus der Psychologie
stammt.

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@ -0,0 +1,36 @@
Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf (Prinzipien 3 bis 5)
Das dritte, vierte und fünfte Prinzip beinhalten eine
Konkretisierung und erste empirische Annäherung zum
Gegenstand Sozialisation. In diesem Kontext wird
schwerpunktartig eine lebenslaufspezifische Perspektive
eingenommen, die der Maxime folgt, dass Sozialisation als
ein lebenslanger Prozess der Interaktion mit inneren und
äußeren Anforderungen angesehen wird. Das dritte Prinzip
der Bewältigung lebenslaufspezifischer Anforderungen der
Realitätsverarbeitung fokussiert entsprechend darauf, dass
in jedem Lebensabschnitt Erwartungen an die Verarbeitung
der Realität vorhanden sind, die gesellschaftlich
mehrheitlich akzeptiert werden und als Normen der
Entwicklung gelten. Im Lebenslauf kommt es damit zu
einer ständigen Konfrontation mit neuen Situationen, die
jeweils mit angemessenen Formen des Handelns bewältigt
werden müssen.
Das vierte Prinzip der Bildung der Ich-Identität verstärkt
die Orientierung auf einige Aspekte der Bewältigung
lebenslaufspezifischer Anforderungen der
Realitätsverarbeitung. Sie fokussiert darauf, dass die
Fähigkeit eines Individuums erwartet wird, den Ausgleich
der Spannungen zwischen persönlicher Individuation und
sozialer Integration vorzunehmen. Diese Fähigkeit, die sich
im Aufbau einer Ich-Identität ausdrückt, beinhaltet die
hohe Bedeutung von Belastungen und Spannung im
Lebenslauf. Werden lebenslaufspezifischer Anforderungen
der Realitätsverarbeitung nicht bewältigt, ist der Aufbau
der Ich-Identität gefährdet oder sogar unmöglich. Von der
Ich-Identität eines Menschen ist zu sprechen, wenn über
verschiedene Entwicklungs- und Lebensphasen hinweg
eine Kontinuität des Selbsterlebens auf der Grundlage
eines positiv gefärbten Selbstwertgefühls und des
Empfindens einer Selbstwirksamkeit gegeben ist. Heute
werden diese Annahmen durch mannigfaltige Erkenntnisse

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@ -0,0 +1,36 @@
der Stress- und Bewältigungsforschung bestätigt. Hinzu
treten Befunde aus der Forschung zu kritischen
Lebensereignissen, die deutlich machen, wie zum Beispiel
der unerwartete Verlust einer wichtigen Bezugsperson, die
Trennung oder Scheidung der Eltern, das plötzliche
Eintreten einer schweren Krankheit oder ein Unfall die
Bewältigungsmuster und den Aufbau einer stabilen
Identität erschweren.
Das fünfte Prinzip der Persönlichkeitsentwicklung im
Lebenslauf hebt darauf ab, dass sich in jedem
Lebensabschnitt unterschiedliche Anforderungen an die
Verarbeitung der Realität ergeben, die an die
Veränderungen der inneren und äußeren Realität gekoppelt
sind. Vor alldem durch sich verändernde ökonomische,
politische, soziale und kulturelle Bedingungen stehen
Menschen in den jeweiligen Lebensphasen vor der
Herausforderung, ihren biografischen und
gesellschaftlichen Standort zu akzeptieren oder neu zu
definieren. Durch die Verlängerung der Lebensdauer und
die heute typischen Anforderung der individualisierten
Lebensführung stehen steigende biografische
Freiheitsgrade den Individuierungszwängen gegenüber, die
auch in Bereiche außerhalb von Beruf und Qualifikation
einen wettbewerblichen Charakter übertragen. Deswegen
ist die Persönlichkeitsentwicklung trotz der elementaren
Fundierung, die sie in Kindheit und Jugendalter erfährt, nie
abgeschlossen, sondern befindet sich in mehr oder weniger
großen Schüben ständig im Fluss.
Kontexte der Sozialisation (Prinzipien 6 bis 9)
Der zentrale Bereich, in dem die Sozialisationsforschung
wahrgenommen wird, ist bis heute die Analyse der
Kontexte und Lebensbedingungen. Als Kontexte werden
soziale, materielle und immaterielle (z. B. durch
Gemeinschaften konstituierte) Räume verstanden, in denen
Menschen agieren. In hoch entwickelten Gesellschaften

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@ -0,0 +1,36 @@
entsteht ein breites Spektrum gesellschaftlicher Kontexte,
in denen Menschen leben, aufeinander angewiesen sind
und Erfahrungen machen. Die meisten dieser Kontexte sind
in Form von sozialen Organisationen verfasst, die nach
spezifischen Regeln und Verfahrensweisen operieren. Mit
dieser sozialen Differenzierung verlagern und verbreitern
sich die Sozialisationseffekte, denn immer mehr
ursprünglich nicht für die Sozialisation entstandene soziale
Systeme üben Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung
der Menschen aus, die sich längere Zeit in ihnen aufhalten
und mit ihnen in Kontakt kommen.
Das sechste Prinzip der Bedeutung der Familie für die
Sozialisation hebt auf diese Prägewirkung durch Kontexte
auf der Mikroebene ab. Als primärer und wichtigster
Sozialisationskontext fungieren in den meisten
Kulturkreisen die Familien. Sie agieren seit Jahrhunderten
als die einflussreichsten Vermittler der äußeren Realität.
Sie werden oft als »primäre Sozialisationsinstanz«
bezeichnet, da sie für die meisten Menschen die erste und
wichtigste soziale Umwelt bilden. Wie in einem
Mikrokosmos spiegeln sich in einer Familie von früher
Kindheit an soziale, kulturelle und ökonomische
Lebensbedingungen, die auf die
Persönlichkeitsentwicklung einwirken und frühe Formen
der Realitätsverarbeitung rahmen.
Dabei ist ein Hauptmerkmal der gesellschaftlichen
Veränderungen seit dem 19. Jahrhundert die Aufgliederung
eines ursprünglich zusammenhängenden, umfassenden
sozialen Systems mit verschiedensten Funktionen in
spezialisierte, funktional differenzierte Systeme. Vor und
während der Industrialisierung waren Familien
ökonomische und praktische Zweckbündnisse, die ihren
Mitgliedern alle Lebensfunktionen bis hin zu Sicherheit
und Schutz boten. In den vergangenen Jahrzehnten
entsteht eine breite Vielfalt verschiedener Ausprägungen
und Formen von Familien. Diese reicht von der Ein-Eltern-

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@ -0,0 +1,36 @@
Familie über die Familie mit zwei berufstätigen Eltern, neu
zusammengesetzten Familienteilen bis hin zur Familie mit
homosexuellen Eltern. Zudem haben sich die
Erziehungsstile mehrheitlich demokratisiert, obwohl wir
immer noch eine große Spannbreite zwischen autoritären
und Laissez-faire Erziehungsmentalitäten ausmachen
können.
Das siebte Prinzip der Bedeutung der
Bildungsinstitutionen fokussiert auf die darüber liegende
Ebene der so bezeichneten sekundären
Sozialisationsinstanzen, die über den Mikrobereich der
Familie hinaus gehen. Bildungsinstitutionen besitzen zum
einen eine Qualifikationsfunktion, zum anderen eine
Selektions- (Auslese) und Allokationsfunktion
(Statuszuweisung). Durch Bildungsprozesse werden sozial
ungleiche Chancen legitimiert und Schülerinnen und
Schüler bauen ein Selbstkonzept auf, das auf den
Bewertungen von Bildungsinstitutionen basiert. Von immer
größerer Bedeutung werden sekundäre
Sozialisationsinstanzen und -kontexte, darunter öffentliche
Erziehungs- und Bildungsinstitutionen wie
Kindertagesstätten, Horte, Schulen,
Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen,
sozialpädagogische Institutionen sowie Einrichtungen der
beruflichen Aus- und Weiterbildung, die eigens zu diesem
Zweck etabliert wurden. Während in der
Sozialisationsinstanz Familie Mütter und Väter als
»Laienerzieher« tätig sind, arbeiten im Erziehungs- und
Bildungssystem zumeist professionell ausgebildete
Berufsgruppen. Dabei ist eine wichtige Bedingung zu
beachten. Im Bildungssystem wirkt der deutsche
Sonderweg nach. Vor allem im internationalen Vergleich
fällt auf, dass in Deutschland ein immer noch konservatives
Wohlfahrtstaatsdenken die Richtung vorgibt, das
traditionell auf die Familie setzt und weniger auf
öffentliche Institutionen in Erziehung und Bildung. So

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@ -0,0 +1,35 @@
kommt es, dass fehlende Bildungsinvestitionen ein
Dauerthema darstellen und Chancengleichheit, die von den
ungleichen Lebensbedingungen in den Familien ihren
Ausgang nehmen, in den vergangenen Jahrzehnten kaum
wirksam verringert wurden.
Im Unterschied dazu sind die alltäglichen Lebenswelten
differenzierter und wandlungsfähiger. Sie bilden Orte der
Interaktion, die konkreten Zielen untergeordnet sein,
gleichzeitig aber auch der Entspannung und Konsumtion
dienen kann. Das achte Prinzip der Bedeutung der
alltäglichen Lebenswelt für die Sozialisation hebt darauf
ab, dass neben den primären und sekundären
Sozialisationsinstanzen ein breites Spektrum von sozialen
Systemen existiert, deren wesentliche gesellschaftliche
Funktion nicht in Erziehung, Bildung und Qualifizierung
besteht. Auch informelle Kontexte wie die intime
Partnerschaft, der Freundes- und Bekanntenkreis und
andere, zumeist frei gewählte Lebenswelten gehören dazu.
Sie bilden den Alltag der Menschen ab und sind gerade
dadurch, dass kein offenkundiges Ziel verfolgt wird,
sozialisationswirksam. Sie bilden die Wirklichkeit der
Lebensrealität ab, weil sie so erscheinen, als ob sie nicht
anders sein könnten. Menschen leiten aus ihren
alltäglichen Erfahrungen Handlungswissen ab, verleihen
ihrem Alltag Sinn und sind dadurch in der Lage, sich an
ihre Lebensrealitäten zu adaptieren (also anzupassen).
Zwei Beispiele hierzu:
1. Die Ordnung der Geschlechter basiert wie kaum eine
andere sozialisationswirksame Unterscheidung auf der
Erfahrung in den alltäglichen Lebenswelten. Menschen
lernen von Beginn an die unterschiedlichen Rollenbilder
in ihrem Umfeld und die damit verbundenen
Erwartungen an sich selbst und ihre Entwicklung. Das
gilt auch für die Veränderung von
Rollenzuschreibungen. Sich selbst als Frau oder als

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@ -0,0 +1,34 @@
Mann zu sozialisieren, wurde sehr lange als eine
Selbstverständlichkeit erachtet. Noch vor einer
Generation wäre unvorstellbar gewesen, was heute für
Jugendliche eine möglich ist: die Infragestellung enger
geschlechtlicher Zuordnungen und die Möglichkeit,
Geschlechtsidentitäten aufzubrechen oder neue
Identitäten zu leben.
2. Die zunehmend bedeutsamere Rolle digitaler Medien ist
ein anderes Beispiel, das zeigt, wie schnell sich
Entwicklungen Bahn brechen, wenn der
Erfahrungshorizont keine Alternativen zulässt. Junge
Menschen wachsen heute wie selbstverständlich mit
digitalen Medien auf. Der Verzicht auf sie, den
»Erwachsene« häufig verlangen, bedeutet für sie den
Verzicht auf eine Lebenswelt, die für sie so
selbstverständlich ist wie der Rekurs auf eine »analoge
Erfahrungswelt« unverständlich. Durch diesen Wandel
werden ganz andere Reichweiten der Kommunikation
schon im Kindesalter möglich. Vor allem Kinder und
Jugendliche interagieren mit ihrer Umwelt sowohl in
quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht anders als
das noch in den nicht-digitalen Alterskohorten zuvor der
Fall war.
Das neunte Prinzip der Bedeutung intersektionaler
Ungleichheiten ist der Rekurs darauf, dass auch
entwickelte Wohlstandsgesellschaften Gesellschaften durch
ein großes Ausmaß an ökonomischer, sozialer und kulturellsymbolischer Ungleichheiten gekennzeichnet sind. Dadurch
kommt es zu Unterschieden in den Sozialisationsprozessen
der Bevölkerungsgruppen mit einem hohen und einem
niedrigen sozioökonomischen Status. Menschen, die in
privilegierenden Kontexten leben, steht in ihrer alltäglichen
Lebenswelt von Geburt an ein reichhaltigeres Ausmaß an
personalen und sozialen Ressourcen zur Verfügung als
Menschen, die in einem benachteiligenden Kontext leben.

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@ -0,0 +1,34 @@
Auf diese Weise kommt es zu einer lebenslang andauernden
ungleichen Verteilung von Lebenschancen.
In der Sozialisationsforschung hat die Forschung zu der
Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheiten eine
lange Tradition. Am Bekanntesten ist die schichtspezifische
Sozialisationsforschung. Sie ist vor 50 Jahren ein
Kernthema der Sozialisationsforschung gewesen und ein
international wie interdisziplinär verfolgter
Forschungsstrang. Heute geht die Frage der
Ungleichheitsreproduktion weit über die Frage der
ökonomischen Verteilungsungleichheiten hinaus. Der
Fachbegriff der Intersektionalität (im Englischen
»intersectionality«) ist in dieser Hinsicht ein wesentlich
neues Element in der Debatte. Er bezeichnet die
Überschneidung von unterschiedlichen Benachteiligungsoder Diskriminierungsformen. Hierzu gehören neben dem
Vermögen und dem Bildungsgrad die ethnisch-kulturelle
und geschlechtliche Heterogenität. Das heißt, dass
beispielsweise Männer auch arm oder ethnisch
diskriminiert sein können, Frauen aber auch einer weißen
Mehrheit angehörend und wohlhabend. Ungleichheiten
können sich also auf mehreren Ebenen gegenseitig
beeinflussen. Sie können sich »ausgleichen«, aber auch
verstärken wie im Falle von Frauen aus ethnisch
diskriminierten Minderheiten mit wenig ökonomischen,
kulturellen und sozialen Ressourcen.
Aktuelle Herausforderungen im Prozess der Sozialisation (Prinzip 10)
Das zehnte Prinzip der Gestaltung und Bewältigung
gesellschaftlicher Herausforderungen hebt darauf ab, dass
die nachwachsende Generation von wirtschaftlichen,
ökologischen und politischen Herausforderungen global
betroffen ist und die Lösung komplexer Krisenphänomene
von einer gemeinsamem Gestaltungsfähigkeit abhängt.
Dieses Prinzip rekurriert darauf, dass Kinder und

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@ -0,0 +1,36 @@
Jugendliche ein globales Krisenbewusstsein bereits
ausgebildet haben und sich dieses auch artikuliert.
Die Auseinandersetzung mit der realen und medial
vermittelten Krisenwahrnehmung ist zu einem festen
Bestandteil der Entwicklung der Persönlichkeit geworden.
Dabei ist nicht entscheidend, dass Krisenphänomene heute
zum Grund für eine intensivere Auseinandersetzung mit
politischer Gestaltungsfähigkeit geworden sind (die
vergangenen 20 Jahre zeigen das sehr eindrücklich, weil
das Interesse für Politik und die politische Beteiligung in
der jüngeren Generation immer stärker zunimmt). Mitunter
ist auch das Gegenteil, der Rückzug und die Opposition,
der Hang zu Populismus und einer Politik der starken Hand
Beispiel für die zunehmende Bedeutung globaler
Krisenphänomene in den Erfahrungswelten der
heranwachsenden Generation. Die äußere Realität ist dabei
nicht nur Herausforderung der produktiven
Realitätsverarbeitung auf einer individuellen, sondern auch
auf der gesellschaftlichen Ebene. Hierüber sind sich junge
Menschen im Klaren. Einige brechen bereits mit
eingespielten Routinen, sie stellen Bildung und Ausbildung,
aber auch den starren Takt von Ökonomie und Arbeitsleben
in Frage.
Was über zwei bis drei Generationen hinweg als
selbstverständliche Abfolge im Lebenslauf anerkannt
wurde, gilt vielen, vor allem jüngeren Menschen heute
nicht als Teil der Lösung, sondern als Teil des Problems. In
diesem Sinne soll das zehnte Prinzip eine inhaltliche
Öffnung vornehmen, die auch als Chance zur Partizipation
in der Diskussion über das MpR fungiert. Studierende, aber
auch Lernende in Schule und Ausbildungsgängen sollen in
Unterrichtseinheiten erarbeiten, a) welche
Krisenphänomene sie sehen und wie sie sich Formen der
Krisenbearbeitung wünschen, b) Herausforderungen eines
Zusammenwirkens globaler Konflikte, ökonomischer und
ökologischer Anforderungen begegnen wollen und c) wie

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@ -0,0 +1,17 @@
sie Chancen bzw. Risiken in den neuen Technologien einer
digitalisierten Welt beschreiben. In dem Maße, in dem wir
heute von den Herausforderungen einer Gesellschaft im
Zeitalter der künstlichen Intelligenz sprechen, ist das
zehnte Prinzip die Frage nach den Möglichkeiten des
menschlichen Gestaltungswillens in der nachwachsenden
Generation.
Die Ausführungen des ersten Abschnitts erfüllten die
Funktion der Einleitung und eines zusammenfassenden
Überblicks für die nun folgende ausführliche Darstellung.
Nachfolgend werden wiederum zunächst die soziologische
und psychologische Propädeutik und im Anschluss das MpR
mit den dazugehörigen zehn Prinzipien vorgestellt. Am
Ende des Buches richtet sich der Blick auf die Reflexion
neuer Fragestellungen in der Sozialisationsforschung sowie
auf die didaktische und pädagogische Vermittlung des MpR
im schulischen Lernen.

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@ -0,0 +1,3 @@
II.
Soziologische und
psychologische Propädeutik

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@ -0,0 +1,35 @@
2.
Soziologische Theorien der
Sozialisation
Von Beginn lebt das Basisgerüst des MpR von der
Gegenüberstellung soziologischer und psychologischer
Ansätze in der Sozialisationsforschung. Es kann auch heute
noch gesagt werden, dass diese Basistheorien der
Sozialisation unverzichtbar sind, um die aktuelle Debatte,
ihre theoretischen Annahmen und das Gerüst der gesamten
empirischen Forschung zu verstehen. Aus diesem Grund
hat die Gegenüberstellung der soziologischen und
psychologischen Propädeutik immer noch eine
Sonderstellung in der Einführung, wiewohl natürlich die
neueren Ansätze nicht mehr so strikt disziplinär einteilbar
sind und zudem auch noch andere Disziplinen in den
engeren Kreis der Bezugsdisziplinen der
Sozialisationsforschung (so beispielsweise die
Erziehungswissenschaft und Genetik) eingetreten sind.
Dennoch lohnt es sich, die Ausgangssituation bewusst zu
halten, in der die Soziologie und Psychologie von zwei sehr
unterschiedlichen Standpunkten auf das Thema
Sozialisation geblickt haben.
Hierzu werden in den beiden folgenden Kapiteln die
grundlegenden Pfade der soziologisch und psychologisch
orientierten Diskussion vorgestellt. Mit Ihnen steht die
Spannung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft
im Vordergrund. Es geht um zwei miteinander
zusammenhängende Fragen:
Wie schafft es eine Gesellschaft, die in ihr lebenden
Menschen zu sozialen Wesen zu machen, die sich in die
sozialen Strukturen integrieren?
Wie gelingt es Menschen, sich trotz ihrer
gesellschaftlichen Einbindung Freiheiten für die eigene

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@ -0,0 +1,33 @@
persönliche Entwicklung und Lebensgestaltung zu
erschließen und somit zu autonomen Individuen zu
werden?
Es geht also darum zu verstehen, wie der Mensch als
»Subjekt« als erlebendes, denkendes und handelndes
Individuum den materiellen, sozialen und kulturellen
»Objekten« seiner Umwelt gegenübertritt und sich
gegenüber ihnen behauptet; und es geht darum zu klären,
wie Menschen die Aufgabe lösen, mit ihrer genetischen
Ausstattung an Trieben und Bedürfnissen und den
angeborenen Temperaments- und
Persönlichkeitsmerkmalen Anforderungen von Gesellschaft,
Kultur und Ökonomie gerecht zu werden und dabei
gleichzeitig den Status als einzigartiges Individuum zu
sichern.
In diesem zweiten Kapitel werden zunächst soziologische
Theorien vorgestellt, um die beiden Leitfragen zu
beantworten. Im anschließenden dritten Kapitel werden die
psychologischen Ansätze erörtert.
FRÜHE ANSÄTZE DER SOZIOLOGISCHEN THEORIE
Die rasante Veränderung von Lebensbedingungen durch
die Umwälzung gesellschaftlicher Strukturen im Zuge der
Industrialisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ist
rasch zu einem bedeutenden Thema der zeitgleich
entstehenden akademischen Soziologie geworden.
Moderne Gesellschaften werden immer komplexer, weil
nicht mehr alle Tätigkeiten des täglichen Lebens unter
einem Dach ausgeübt werden. Dadurch nimmt die
Arbeitsteilung moderner Gesellschaften zu (Familie, Arbeit,
Konsum etc.). Jeder Mensch spielt verschiedene Rollen in
unterschiedlichen Kontexten. So wurde schon in den frühen
soziologischen Ansätzen die Frage immer drängender, wie
trotz der Differenzierung von Lebensweisen und der

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@ -0,0 +1,36 @@
Auflösung traditioneller Muster des Zusammenlebens
gesellschaftlicher Zusammenhalt möglich sein kann.
Die frühesten Theoretiker der Sozialisation waren zwei
Soziologen. Der deutsche Georg Simmel (18581918) und
sein französischer Kollege Emile Durkheim (18581917)
gelten als die wissenschaftlichen Begründer des Konzepts
»Sozialisation«. Beide trieb vor allem die Frage um, wie
moderne Gesellschaften, die durch schnelle und intensive
Industrialisierung immer komplexer werden, ihre soziale
»Kohäsion« (also die soziale Zusammengehörigkeit) sichern
können.
Die Theorie der Vergesellschaftung von Georg Simmel
Georg Simmel nimmt zur Klärung dieser Frage das
grundlegende Phänomen der Entstehung von
Gesellschaften in den Blick. Dass Gesellschaften überhaupt
entstehen können, erklärt er dadurch, dass sich Menschen
ständig wechselseitig beeinflussen, also aufeinander
einwirken. Theoriegeschichtlich gesprochen ist dies der
Beginn einer interaktionistischen Perspektive in der
Soziologie (s. auch in der späteren Beschreibung hierzu).
In den Blick kommt damit ein Geflecht von Regeln und
Abhängigkeiten, an deren Entstehung und
Aufrechterhaltung Menschen aktiv beteiligt sind. Dies
bildet den Grundstein für gesellschaftliche Strukturen. Jede
und jeder Angehörige der Gesellschaft ist in diesem Sinne
ein »vergesellschaftetes Individuum«. Die
Vergesellschaftung wird von Simmel auch als
»Socialisierung« bezeichnet (Simmel 1890/1989). Im Kern
versteht er darunter den Vorgang, die soziale Gesamtheit in
die individuelle Persönlichkeit aufzunehmen. Jede
Gesellschaft braucht nach seiner Einschätzung ein
einheitliches soziales Bewusstsein ihrer Mitglieder, auch
wenn sie unterschiedlichen sozialen Kreisen angehören
und individuell höchst verschieden sind, weil die
Gesellschaft als Gemeinwesen sonst auseinanderbricht.

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Heinz Abels (geb. 1943) und Alexandra König (geb.
1972), die eine sehr gelungene, erneute Lektüre Simmels
angeregt haben, pointieren das aus einer
Sozialisationsperspektive sehr anschaulich. Sie erörtern
zum grundlegenden Aspekt der Vergesellschaftung, dass
dieser »so etwas wie einen Zustand meint, eine
gesellschaftliche Form. Die Menschen, die in irgendeine
Erziehung zueinander treten, und alles um sie herum sind
vergesellschaftet. Man kann es aber auch in einem
prozessualen Sinne verstehen, dass Menschen in soziale
Beziehungen zueinander treten und sich so einander
vergesellschaften. In dem Augenblick, in dem Menschen
Beziehungen zueinander aufnahmen, treten sie, wie wir
gelesen haben, in Wechselwirkung, d. h. sie wirken
wechselseitig aufeinander ein. Ohne dass ihnen das
bewusst sein muss, wirken sie und werden bewirkt.
Natürlich hört dieser Prozess nie auf und geht so lange
weiter, wie die Individuen miteinander in Verbindung
stehen, aber gleichwohl kann man konstatieren, dass die
Wechselwirkung eine bestimmte, relativ dauerhafte Form
annehmen kann.« (Abels/König 2016, S. 7)
Die Theorie der sozialen Integration von Émile Durkheim
Für Simmel ist Gesellschaft also immer das Ergebnis eines
Geflechtes von Abhängigkeiten. Je komplexer die damit
verbundenen Wechselwirkungen werden, desto komplexer
werden auch Formen der Vergesellschaftung. Für Émile
Durkheim ist dieser Aspekt der zunehmenden Komplexität
nicht weniger entscheidend, er pointiert aber deutlich
stärker die Frage des Zusammenhaltes, der Stabilität und
der Integrationsfähigkeit unterschiedlicher Formen der
Vergesellschaftung. Durkheim stellte sich bei seiner
historisch vergleichend angelegten Analyse des Übergangs
von einfachen zu arbeitsteilig organisierten
Industriegesellschaften die Frage, wie in komplexen
gesellschaftlichen Strukturen soziale Integration

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hergestellt werden kann. Seine Antwort: Die Gesellschaft
gestaltet die Persönlichkeit des Menschen nach ihren
Bedürfnissen, und zwar durch eine systematische
Beeinflussung der Gefühle und Einstellungen der
Menschen.
Diese Beeinflussung nennt Durkheim »socialisation
méthodique«, womit eine systematische und planmäßige
Beeinflussung der Einstellungen aller
Gesellschaftsmitglieder gemeint ist, die darauf zielt, sie so
zu formen, wie die Gesellschaft und ihre Ökonomie sie
brauchen. Die meisten Gesellschaftsmitglieder passen sich
den gesellschaftlichen Zwängen ohne Widerstand an und
verinnerlichen die sozialen Anforderungen, weil sie auf
diese Weise von den Vorzügen des Gemeinschaftslebens
profitieren.
Die »Internalisierung des Sozialen« ist für Durkheim die
entscheidende Voraussetzung für den Zusammenhalt und
das Funktionieren von komplexen Gesellschaften. Nur
wenn die Gesellschaft gewissermaßen in die Menschen
eindringt und ihre Persönlichkeit von innen her organisiert,
ist der Bestand von modernen Industriegesellschaften zu
sichern. Die gesellschaftlichen Normen, so Durkheim,
stoßen auf ein Individuum, das sich triebhaft, egoistisch
und asozial verhält und erst durch den Prozess der
Sozialisation gesellschaftsfähig wird. In diesem Sinn
versteht er wie Simmel Sozialisation als die
»Vergesellschaftung der menschlichen Natur«
(Durkheim 1973/1902). Gleichzeitig aber geht er auch aber
auch noch weiter.
Der Erziehungswissenschaftler Franzjörg Baumgart (geb.
1943) betont dies, wenn er schreibt: »Anders als viele
Pädagogen seiner Zeit beschrieb er Erziehung als genuin
gesellschaftliches Phänomen. Es war der erste große
Versuch, Erziehung (oder besser: Sozialisation) als
Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft
systematisch zu beschreiben, die Form der Sozialisation

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der Heranwachsenden aus den Bedürfnissen, der inneren
Ökonomie der jeweiligen Gesellschaft abzuleiten und
zugleich nachzuweisen, daß die Gesellschaft für ihr
Überleben, für ihren inneren Zusammenhalt auf die ihr
entsprechende Sozialisation angewiesen sei. Die
Gesellschaft so Durkheims zentrale These werde nicht
primär durch äußeren Zwang, durch Gesetze und
polizeiliche Maßnahmen oder durch ein an den
Tauschprinzipien des Marktes orientiertes
Nützlichkeitsdenken der Individuen zusammengehalten.
Sie müssen vielmehr die überlebensnotwendigen Regeln
der Gesellschaft durch Erziehung und Sozialisation als
zweite Natur verinnerlicht haben, wenn das
gesellschaftliche Zusammenleben funktionieren solle.»
(Baumgart 2004, 32)
Durkheim ist mit dieser Fokussierung nicht nur mitten im
Geschehen der Sozialisationstheorien, er ist sogar eine Art
Provokateur. Denn tatsächlich ist er streitbar. Sein
Plädoyer für die Anpassung der unzivilisierten Natur des
Menschen an die Anforderungen des moralischen Handelns
ist aus heutiger Perspektive eine Streitschrift gegen die
humanistische Erziehung. Durkheim ist ein Konservativer,
würde man wahrscheinlich sagen und ihm damit Unrecht
tun. Tatsächlich bewertet man sein Eintreten für die
methodische Sozialisation falsch, wenn man es nur als das
autoritäre Durgreifen von oben versteht. Durkheim ist
vielmehr darüber besorgt, dass Gesellschaften, die ihre
Traditionen abwerfen und in den Strudel markvermittelter
Konkurrenzgesellschaften gezogen werden, nicht mehr
zusammenhalten könnten. Sein Eintreten für die
methodische Sozialisation ist also so etwas wie das
Gegengewicht zu den frei flottierenden Mächten des
gesellschaftlichen Wandels, die selbst immer eine
sozialisierende Funktion haben aber eben eine, die nicht
zu kontrollieren ist, auch wenn sie destruktive Kräfte
freisetzt.

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Die theoretischen Ansätze von Simmel und Durkheim
haben die Sozialisationstheorie begründet, indem sie
systematische analytische Überlegungen zum Thema der
spannungsreichen Wechselwirkung zwischen Individuum
und Gesellschaft in die wissenschaftliche Diskussion
eingebracht haben. Ihre bahnbrechende Arbeit ist aber erst
einige Jahrzehnte später aufgenommen und weitergeführt
worden. In der Soziologie haben sich Gesellschafts- und
Handlungstheorien als bedeutsam für die Analyse der
Auseinandersetzung des Menschen mit seiner inneren und
äußeren Realität erwiesen. Diese Theorierichtungen
werden im nächsten Abschnitt in ihren Grundaussagen und
in ihrer Bedeutung für die Analyse und Erklärung von
Sozialisation charakterisiert und kritisch eingeordnet.
2.1
Gesellschaftstheoretische Ansätze
Unter dem Sammelbegriff »gesellschaftstheoretische
Ansätze« lassen sich verschiedene Theorieströmungen
zusammenfassen, die soziale Makrostrukturen und ihre
Dynamik analysieren (also gewissermaßen die
Gesellschaften von oben aus der Vogelperspektive
betrachten). Dieser makrotheoretische Zuschnitt wird
bereits in den Ansätzen von Durkheim und Simmel sichtbar,
jetzt kommen Ansätze innerhalb der Soziologie hinzu, die
mehrheitlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
populär wurden (auch wenn sie manchmal bereits früher
entstanden sind). Im Unterschied zu den frühen Ansätzen
soziologischer Theoriebildung werden von nun an die
ökonomischen, politischen und kulturellen
Rahmenbedingungen für die Wechselbeziehungen zwischen
Person und Umwelt differenzierter betrachtet. Damit
erhalten sie hier einen eigenständigen Status.

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Die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit wird
bei diesen Ansätzen in eine enge Beziehung zur
Entwicklung der Gesellschaft gesetzt. Hinzu tritt eine
weitere Fokussierung der Diskussion, die auf die Frage
zielt, ob die gesellschaftliche Entwicklung eine
Selbstverwirklichung des Menschen ermöglicht oder nicht.
Die verschiedenen Gesellschaftstheorien sind keineswegs
homogen, sie sind mitunter sogar gegensätzlich in ihrer
Ausrichtung. Dennoch vereint sie ein gemeinsamer Blick
auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, in dem
die Einflüsse sozialer Strukturen dominieren.
DIE MATERIALISTISCHE GESELLSCHAFTSTHEORIE
VON KARL MARX
Die materialistische Gesellschaftstheorie ist die älteste
Grundströmung und als soziologische Basistheorie bereits
im ausgehenden 19. Jahrhundert profiliert. Sie ist durch
Karl Marx (18181883) begründet und konzentriert sich auf
eine historische Analyse der Entwicklung der
wirtschaftlichen Produktionsverhältnisse, wobei die
spannungsreichen Beziehungen zwischen den Besitzern der
Produktionsmittel und den »eigentlichen« Produzenten,
den Arbeiterinnen und Arbeitern in Gestalt einer
»Klassentheorie« formuliert werden. Zugleich hat diese
Theorie auch einen Subjektbezug, denn Marx geht von
einem handelnden Individuum aus, das sich produktiv und
kommunikativ ständig mit der sozialen und physischen
Umwelt auseinandersetzt. Diese »menschliche Praxis«
findet nach Marx seit vielen Jahrhunderten unter
politischen und ökonomischen Bedingungen statt, die eine
freie Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit nicht
zugelassen haben. Die Bedeutung des Subjektiven findet
darum bei Marx interessanterweise zunächst deswegen
Berücksichtigung, weil es um die Integration der Menschen

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in einem Herrschaftsgefüge geht, also um die
Beschneidung der subjektiven Entfaltungsmöglichkeiten.
Trotz oder gerade wegen dieses »negativen« Zugriffs auf
die Entwicklung der Persönlichkeit aus der Perspektive der
Konstituierung von Herrschaft und Unfreiheit entsteht eine
wichtige Tradition der Theoriebildung in der
Sozialisationsforschung. Interessant ist, dass Marx noch
früher als die eben genannten frühen Ansätze der
Soziologie über das Wechselverhältnis von Individuum und
Gesellschaft reflektierte. Dabei ist sein Zugang zu einem
eigenen soziologischen Denkmuster geworden. Im
Gegensatz zu Simmel und Durkheim aber verwendet er den
Begriff Sozialisation noch nicht systematisch in seiner
Theorie. Weiter ist Marx indes bereits bei dem Aspekt der
dynamischen Wechselwirkung zwischen dem, wie
Menschen handeln, und dem, was ihnen als
gesellschaftliche Strukturen begegnet. Er betont, dass die
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von den Menschen
selbst produziert werden, obwohl sie ihnen unter den
gegebenen Verhältnissen wie eine »fremde Gewalt«
entgegentreten. Werden die Verhältnisse, insbesondere die
Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln, geändert,
dann entstehen nach Marx auch veränderte Bedingungen
für die Subjektwerdung der Gesellschaftsmitglieder.
Produktive Arbeit und kommunikative Praxis
Da die Theorie von Marx jahrzehntelang von den Staaten
der Sowjetunion und der von ihr abhängigen Länder zur
Basis einer politischen Staatsideologie gemacht wurde, fällt
ein unbefangener Blick schwer. Die Theorie drückt in ihrem
Kern jedoch ein Menschenbild aus, das für die
Sozialisationstheorie interessant ist. Der Mensch wird als
ein aktiv handelndes Individuum verstanden, das in einer
produktiven, durch gegenständliche Auseinandersetzung in
Form von Arbeit und in einer kommunikativen

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Auseinandersetzung in Form von Interaktion mit anderen
Menschen tätig ist.
Marx ist in dieser Hinsicht ein Theoretiker, der noch vor
Durkheim und Simmel den Bruch mit der idealistischen
Philosophie herbeiführt und damit das erste Mal
soziologisch, also praxisorientiert argumentiert. Am
Wichtigsten hierfür ist die Kritik am Subjekt-ObjektDualismus. In dieser noch im 19. Jahrhundert
dominierenden Tendenz des philosophischen Diskurses
treten sich Subjekte (als handelnde Menschen) und Objekte
(andere Menschen wie auch soziale Strukturen) als
abgeschlossene Einheiten gegenüber. Diese Sicht ist für
Marx zu kurz gegriffen, weil sie so tut, als ob Subjekte und
Objekte immer schon gesellschaftlich vorhanden seien.
Demgegenüber postuliert er die soziale Praxis, in der die
Subjekte erst durch die Auseinandersetzung mit den
gesellschaftlichen Strukturen zu dem werden, was sie sind
(nämlich selbständig agierend), und sie handelnd auch erst
die gesellschaftlichen Strukturen erschaffen, mit denen sie
dann wieder in Beziehung treten. Durch diese produktive
und kommunikative Praxis verändert der Mensch ständig
seine soziale und physische Umwelt und entwickelt
intellektuelle, emotionale und soziale Fähigkeiten, die sich
in einem sensiblen Selbstbewusstsein bündeln (Marx 1966,
S. 57).
In dieser Konzeption findet sich eine für die
Sozialisationstheorie wegweisende Vorstellung der
Auseinandersetzung des Menschen mit der äußeren Natur:
In Form der produktiven Arbeit lernt der Mensch die
Eigengesetzlichkeit der natürlichen Stoffe kennen und
entwickelt dabei seine Kräfte und Fähigkeiten, die bei einer
gelungenen Auseinandersetzung mit den objektiven
Anforderungen der Natur zu Selbstvertrauen führen. In
den sozialen Bezügen lernt der Mensch, sich mit anderen
bewussten Gattungswesen zu verständigen, was nur durch
eine besondere Form der Beziehungsarbeit möglich ist,

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nämlich dadurch, sich in die Situation des anderen hinein
vertiefen und sich selbst als Objekt wahrnehmen zu
können.
Die eigentlichen Potenziale der menschlichen
Subjektentwicklung werden nach der Analyse von Marx
aber unter den obwaltenden kapitalistischen
Herrschaftsbedingungen nicht freigesetzt, weil die sozialen
Beziehungen durch die ökonomisch geprägten, rein
sachlichen Besitzverhältnisse verzerrt sind. Das gesamte
Leben der Menschen in den kapitalistischen Gesellschaften
wird durch Waren- und Marktgesetze determiniert, die die
Mehrheit der Bevölkerung unter den »Zwang der
ökonomischen Verhältnisse« pressen, weil sie ihre
Arbeitskraft gegen Lohn verkaufen müssen. Hierdurch wird
die Persönlichkeit der arbeitenden Menschen geradezu
verkrüppelt. Sie sind gezwungen, sich an die
vorherrschenden, von ihnen aktuell nicht veränderbaren
kapitalistischen Produktionsverhältnisse anzupassen und
sich ihnen zu unterwerfen. Die hierfür notwendigen
Grundstrukturen der Persönlichkeit werden durch die
politischen und ökonomischen Systeme geformt, die den
einzelnen Menschen davon abhalten, seine wirklichen
Bedürfnisse und Interessen zu erkennen und
durchzusetzen (Marx 1966).
Anschlüsse an die Theorie von Marx
Wie bereits erwähnt, steht die politische
Instrumentalisierung des Werkes von Karl Marx einer
sachlich angemessenen Aufnahme in die wissenschaftliche
Diskussion bis heute im Wege. Sie hat dazu geführt, dass
einseitig nur die gesellschaftliche Determinierung der
Persönlichkeit eines Menschen aus dieser Theorie
abgeleitet wird (»Das Sein bestimmt das Bewusstsein«).
Gegen diese Einseitigkeit haben sich materialistische
Persönlichkeitstheorien gewandt. Sie suchen zwar auch
nach den Spuren, die gesellschaftliche und ökonomische

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@ -0,0 +1,34 @@
Strukturen durch ihre Alltagszwänge in der Persönlichkeit
der heranwachsenden und erwachsenen
Gesellschaftsmitglieder hinterlassen (Ottomeyer 1991;
Seve 1977). Aber in diesen Theorien gewinnt die
persönlichkeitstheoretische Komponente der
materialistischen Gesellschaftstheorie, die bei Marx
eindeutig angelegt ist, gegenüber den politischen und
ökonomischen Determinierungen an Gewicht.
Bei Leontjew (1979) zum Beispiel wird der Widerspruch,
dass gesellschaftliche und ökonomische Faktoren einerseits
der Persönlichkeit eines Menschen als äußere Bedingungen
entgegentreten, andererseits aber die sich entwickelnde
Persönlichkeit eine aktiv die Umwelt verändernde Instanz
ist, intensiv herausgearbeitet. In seiner
Persönlichkeitstheorie stellt er sich der Frage, wie der
Mensch durch das soziale Erbe, nämlich die von anderen
Menschen geschaffene Wirklichkeit, in seiner Entwicklung
beeinflusst wird und wie er diese Wirklichkeit aktiv selbst
gestalten und beherrschen kann. Der Begriff »Tätigkeit«
wird zum Schlüsselbegriff. Tätigkeiten sind
zusammenhängende Ketten von menschlichen Handlungen,
die durch ein Motiv gesteuert und auf ein Ziel gerichtet
sind. Hiermit wird eine interessante Vermittlungskategorie
für die Analyse der Beziehungen zwischen Mensch und
Gesellschaft eingeführt, die Querverbindungen zu den
handlungstheoretischen Konzeptionen ermöglicht (s. unten
2.2).
DIE KRITISCHE GESELLSCHAFTSTHEORIE DER
FRANKFURTER SCHULE
Bis heute haben die Ansätze, die Marx oder der
materialistischen Theorie folgen, ein
Anerkennungsproblem. Sie stehen unter dem Verdacht,
letztlich nur eine »Abbildtheorie« zu produzieren, in der
die Menschen Abbilder ihrer Umwelt, also Marionetten der

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@ -0,0 +1,36 @@
gesellschaftlichen Verhältnisse sind, und auch nur von
diesen beeinflusst werden. Gegen eine solche
vereinseitigende Lesart hat sich ein weiterer
eigenständiger gesellschaftstheoretischer Zweig gewendet,
der aber mit dem materialistischen Denken ebenso eng
verbunden ist. Dieser Zweig wird von Vertretern der
sogenannten »Frankfurter Schule« repräsentiert.
Die »Frankfurter Schule« ist heute ein weit verzweigtes
Netzwerk in der Soziologie, der Philosophie und anderen
Fachrichtungen. In den Anfangsjahren gehörten ihr eine
Gruppe interdisziplinärer Forscherinnen und Forscher an,
die von den 1930er bis zu den 1960er Jahren die
wissenschaftliche Diskussion in den Sozial- und
Geisteswissenschaften in Deutschland deutlich prägten.
Die meisten Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter
Schule wurden ab 1933 in die Emigration gezwungen.
Dadurch hat sich diese wichtige Denkrichtung
internationalisiert und kehrte (vor allem über die USA)
nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland in die
sozialisationstheoretische Diskussion zurück. Zu den
wichtigsten Vertretern der ersten Gegenration der
Frankfurter Schule gehören Theodor W. Adorno (1903
1969), Max Horkheimer (18951973) und Herbert
Marcuse (18981979). Obwohl alle drei keine identische
Position vertreten, teilen sie Grundannahmen und ergänzen
sich zumeist in einer immer komplexer werdenden
Kritischen Theorie der Gesellschaft.
Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Herrschaft
Von den Jahren der Emigration in der Zeit des
Nationalsozialismus abgesehen, befand sich das Zentrum
der Kritischen Theorie am Institut für Sozialforschung der
Universität Frankfurt am Main. Einflussreich war die
Frankfurter Schule zum einen, weil sie den Theoriediskurs
und die Anwendung empirischer Forschungsmethoden in
den Sozialwissenschaften vorangetrieben hat; zum anderen

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aber auch, weil sie als Vordenker eines fortschrittlichen
und emanzipativen Denkens angesehen wurde, das in der
Nachkriegszeit in den USA und in Europa bis zum Ende der
1970er Jahre eine große Wirkung entfalten konnte.
Im Mittelpunkt der Kritischen Theorie steht eine doppelte
Frage: a) wie sich Strukturen der Herrschaft,
Ungerechtigkeit und Gewalt entwickeln und b) wie sich
diese Strukturen verändern lassen. Herrschaftsverhältnisse
werden dabei als Asymmetrien verstanden. Diese
Asymmetrie zwischen den Lebensverhältnissen wie sie sind
(durch Herrschaft geprägt) und wie sie sein könnten
(herrschaftsreduziert) ist ein Grundmotiv. Es ist auch zu
verstehen als Asymmetrie zwischen den Menschen, die
über mehr oder weniger Machtmöglichkeiten verfügen und
dadurch bessere oder schlechtere Lebensbedingungen
haben. Nach der Kritischen Theorie kann jedes Macht- oder
Herrschaftsverhältnis nur deshalb aufrechterhalten
werden, da die Subjekte keine Alternativen denken können
und asymmetrische Verhältnisse darum als alternativlos
akzeptieren, weil sie in eben diesen Verhältnissen bereits
sozialisiert und das bedeutet hier, an diese Bedingungen
angepasst sind. Das Ausmaß der Ausprägung von
Herrschaft und die Möglichkeiten gesellschaftlicher
Emanzipation sind anders herum argumentiert aber auch
immer von den Subjekten abhängig, auch wenn diese
Leidtragende dieser Herrschaftsstrukturen sind. Die
Sozialisation der Subjekte ist hiernach ein starker Hebel,
um zu verstehen, warum Menschen die Ausübung von
Herrschaft sowohl absichern (im Falle subjektiver
Unterwerfung durch Sozialisation) als auch aufheben und
beenden können (im Falle subjektiver Verweigerung).
Diese Grundeinsicht zum Verständnis von Herrschaft ist
keinesfalls nur an die Arbeiten der Vertreterinnen und
Vertreter einer Kritischen Theorie der Gesellschaft
gebunden. Hier aber hat sie eine besondere Verortung
gefunden, wenn es darum geht, das handelnde Subjekt,

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@ -0,0 +1,35 @@
seine Beschränkungen und kritischen Potenziale zu
verstehen. Dadurch setzt sich die Frankfurter Schule von
einer engen Lesart der »Die-Gesellschaft-bestimmt-dasHandeln«-Orthodoxie ab, die sich in der materialistischen
Lesart seit Marx herausgebildet hatte. Es ist das
interessante Wechselspiel zwischen Individuum und
Gesellschaft, das die Kritische Theorie in den Blick nimmt
und keine Vorentscheidung darüber fällt, wie stark
Vergesellschaftungsbedingungen wirken.
Obwohl keinesfalls weniger skeptisch als Marx, wenn es
um die Übermacht der sozialen Strukturen geht, sieht die
Frankfurter Schule mehr Zwischentöne in der
Auseinandersetzung des Subjektes mit den
gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen. Es ist eine
offenere Beziehung, die immer mit einem empirischen Blick
darauf verbunden wird, wie »offen« oder »geschlossen«
Gesellschaften funktionieren. Zum einen sind zwar alle
Menschen durch ihre Anpassung daran aktiv beteiligt, von
den gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen zu
werden. Zum anderen aber sind die Individuen durch diese
Form der Verwobenheit potenziell in der Lage,
Herrschaftsstrukturen zu unterbrechen und Autonomie zu
erlangen.
Die Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter Schule
gehen in allen diesen Punkten deutlich über Marx hinaus
und entwickeln als erste eine interdisziplinäre
materialistische Gesellschaftstheorie. Ihre Ansätze sind viel
deutlicher historisch ausgerichtet und beschreiben das
Wechselspiel von Herrschaft und Befreiungsbewegungen
komplexer, als es Marx mit dem (einfachen) Gegensatz von
Kapital und Arbeit vermochte. Noch bedeutsamer für die
Sozialisationstheorie ist, dass die Kritische Theorie in der
Lage ist, psychologische Erkenntnisse zu integrieren, vor
allem die der Psychoanalyse (s. unten). In großen, teilweise
auch empirischen Studien (Horkheimer 1936/1987), geht
diese Symbiose von Psychoanalyse und materialistischer

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@ -0,0 +1,36 @@
Gesellschaftstheorie in die Theoriebildung der Frankfurter
Schule ein und ermöglicht differenzierte Aussagen über das
Subjekt und seine Verhaltensweisen im gesellschaftlichen
Kontext. Ursprünglich einmal als Versuch entworfen, die
Ausbildung einer Charakterstruktur zu verstehen, die wie
im Faschismus der 1930er Jahre auf soziale Anpassung
ausgerichtet ist, wird die Grundüberlegung noch lange
danach auf die Analyse gesellschaftlicher
Herrschaftsverhältnisse übertragen.
Die Dialektik von sozialen und psychischen Strukturen
Für die Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter
Schule ist das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft
ein dialektischer Prozess, in dem sich sowohl die sozialen
Strukturen als auch die Subjekte fortlaufend verändern und
sich dabei beeinflussen. Dialektik bezeichnet in der
philosophischen Tradition eine komplexe Denkoperation, in
der davon ausgegangen wird, dass die Realität, wie sie uns
gesellschaftlich gegenübertritt, durch (scheinbar)
widersprüchliche Tendenzen konstituiert wird, aber gerade
dadurch an Stabilität gewinnt. Auf dieses Denkwerkzeug im
Besonderen einzugehen, ist gar nicht nötig. Wichtig ist
lediglich, dass sich aus einer dialektischen Perspektive das
Verhältnis zwischen dem Subjekt und den
gesellschaftlichen Strukturen nur scheinbar vollkommen
gegensätzlich darstellt. Die »Subjekt-Objekt-Relation«, wie
die Gegenüberstellung der individuellen mit der
gesellschaftlichen Sphäre begrifflich gefasst wird und mit
der sich Marx schon auseinandergesetzt hat, ist daher
nicht mit der Vorstellung zweier konstanter, begrifflich
völlig durchleuchteter Größen zu beschreiben. Beide sind
in ihrer Entwicklung unauflöslich miteinander verbunden:
die Subjekte konstituieren das Gesellschaftliche und
gesellschaftliche Strukturen formen die Subjekte.
Dialektik ist in dieser Hinsicht eine Steigerung der
Annahme dazu, dass sich das Subjekt und die

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@ -0,0 +1,35 @@
gesellschaftlichen Lebensbedingungen (oder analog Person
und Umwelt) in einem Wechselverhältnis befinden. Dieses
Wechselverhältnis ist nicht der bloße Austausch zwischen
einem Subjekt und den objektiven Strukturen der Umwelt.
Vielmehr ist das Subjekt schon ein Produkt der
gesellschaftlichen Strukturen (weil Menschen Erfahrungen
machen, die dazu führen, dass sie subjektiv handlungsfähig
werden) und gleichzeitig diese gesellschaftlichen
Umwelten ein Produkt der menschlichen Handlungsweisen
sind. Wenn wir das Subjekt und das Objekt (also die
Umwelt) trennen, dann ist das immer nur ein analytischer
Kunstgriff. In dieser Realität sind diese beide Einheiten
unauflöslich (man kann hier sagen: dialektisch)
miteinander verbunden.
Durch diese Brille der unauflöslichen, dialektischen
Wechselverhältnisse sieht die Frankfurter Schule auch die
Entwicklung von Herrschaftsverhältnissen: Herrschaft ist
abhängig von Strukturen, die Menschen zu einem
bestimmten Verhalten bringen oder zwingen wollen.
Herrschaft trifft dabei aber gleichzeitig auf eine innere
Struktur des Individuums, die für solche
Herrschaftspraktiken ansprechbar ist, wodurch die
Menschen selbst die Strukturen aufrecht erhalten, die ihre
freie Entfaltung einschränken. Theodor W. Adorno fasst das
einmal wie folgt zusammen: »Die Massen ließen sich kaum
plumper und augenzwinkernd unwahrer Propaganda
einfangen, wenn nicht in ihnen selber etwas den
Botschaften vom Opfer und vom gefährlichen Leben [hier
als Ausübung von Herrschaft; Anm. durch die Verf.]
entgegenkäme. Darum hat man es angesichts des
Faschismus für notwendig erachtet, die Theorie der
Gesellschaft durch Psychologie, zumal analytisch
orientierte Sozialpsychologie zu ergänzen. Das
Zusammenspiel der Erkenntnis gesellschaftlicher
Determinanten und der in den Massen vorherrschenden

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@ -0,0 +1,33 @@
Triebstrukturen versprach volle Einsicht in den
Zusammenhalt der Totalität.« (Adorno 1972, S. 42)
Der Rekurs auf die Triebstruktur ist aus heutiger
Perspektive der Hinweis auf die Berücksichtigung einer
inneren Realität eines Menschen, mit der sich die
entwickelnde Persönlichkeit wiederum in einer dauernden
Interaktion befindet. Für die damalige Diskussion
bedeutete dies den Rückgriff auf die Trieblehre Sigmund
Freuds. Diese setzt auf die Bedeutung der Triebenergien
(aggressive wie libidinöse), der Triebablenkung und der
Projektion von eigenen Affekten für die Persönlichkeit. Am
bekanntesten ist die Erklärungsfigur des »autoritären
Charakters« (Adorno 1973), die zur Analyse von nichtdemokratischen, hierarchie- und herrschaftsorientierten
sozialen Bewegungen gebildet wurde. Diese Theoriefigur
des autoritätsgebundenen, weil autoritätsgeprägten
Charakters hat ein langes Nachleben in der Soziologie.
Viele empirische Studien setzen auf dieses Konstrukt. Bis
heute kann man sagen, dass kaum ein Denken so
unablässig auf das Wechselspiel von gesellschaftlichen und
individuellen Dispositionen ausgerichtet war, um
Herrschaft zu verstehen und dabei gleichzeitig eine
Theorie des sozialisierten Subjekts einzubeziehen.
DIE STRUKTURFUNKTIONALISTISCHE
SYSTEMTHEORIE VON TALCOTT PARSONS
Vollkommen unterschiedlich, höchstens dadurch
miteinander verbunden, dass sie sich als soziologische
Ansätze kritisch gegenüberstanden, ist das
strukturfunktionalistisch-systemtheoretische Denken im
Verhältnis zu dem der Kritischen Theorie zu verstehen. Als
systemtheoretische Ansätze werden in der Soziologie
Konzeptionen zusammengefasst, die von der
strukturfunktionalistischen Argumentationslinie ihres
Begründers, Talcott Parsons, ausgehend bis zur Theorie

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@ -0,0 +1,36 @@
funktionaler Differenzierung Niklas Luhmanns reichen. Die
Zusammenfassung beider in der Soziologie sehr
prominenter Zugänge als »systemtheoretisch« ist
allerdings nicht sehr genau und folgt eher einer
gebräuchlichen Konvention. Der genauere Blick offenbart
nämlich erhebliche Unterschiede zwischen den Ansätzen.
Zum einen ist die ältere strukturfunktionalistische
Sichtweise stärker empirisch ausgerichtet. Zum anderen
sind die Annahmen der kategorialen Trennung der
unterschiedlichen Systemebenen in der Fassung von Niklas
Luhmann deutlich pointierter und besitzen in der
Theoriekonstruktion einen höheren Stellenwert. Beide
Traditionslinien sind nichtsdestotrotz von großer
sozialisationstheoretischer Bedeutung und werden deshalb
im Folgenden auch gesondert dargestellt.
Der amerikanische Soziologe Talcott Parsons (19021979)
hat im Anschluss an Durkheim eine differenzierte Theorie
der Sozialisation entwickelt. Parsons nimmt ursprünglich
noch die Leitfrage von Durkheim auf, wie komplexe,
durchorganisierte Gesellschaften zu sozialer Stabilität
kommen und wie sie die biologisch-psychischen Anteile in
der Persönlichkeit von Menschen in ihre Funktionsabläufe
einbeziehen können. Er bedient sich bei seiner Analyse des
Konzeptes »System«, und zwar sowohl zur Beschreibung
von inhaltlich und funktional zusammenhängenden
Einheiten der Gesellschaft als auch zur Beschreibung der
Persönlichkeit. Auf diese Weise gelingt es ihm, ein
einheitliches und zusammenhängendes theoretisches
Modell zu etablieren, das biologische und psychologische
Theorien mit umfasst (Parsons 1951).
Sozialisation als Durchdringung von Systemen
Parsons geht von der einfachen Annahme aus, dass jedes
System eine eigene Struktur besitzt. Mit Struktur wird der
zeitlich überdauernde Aspekt des Systems bezeichnet, der
Stabilität verleiht. Der dynamische Aspekt eines Systems

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@ -0,0 +1,35 @@
wird mit dem Begriff »Funktion« gekennzeichnet, womit
der Beitrag des Systems für die Stabilität eines
übergeordneten Gesamtsystems angesprochen ist. Wegen
dieser beiden zentralen Begriffe wird die Theorie von
Parsons auch als »strukturfunktionalistische
Systemtheorie« bezeichnet. Sie hat ihren Schwerpunkt
darin, die verschiedenen Systeme und Subsysteme der
Realität und zwar der inneren und äußeren zu
identifizieren, in ihrem Zusammenspiel zu analysieren und
ihre Funktionen für jeweils andere Systeme
herauszuarbeiten (Schulze/Künzler 1991). Sie versucht, die
Mikroperspektive der individuell-psychischen
Persönlichkeitsstruktur und die Makroperspektive
gesellschaftlicher Sozialstrukturen aufeinander zu
beziehen und in eine Synthese zu bringen.
Parsons unterscheidet analytisch zwischen einem
organischen, einem psychischen und einem sozialen
System:
Das organische System des Menschen bildet die
Ausgangsbasis aller seiner Handlungsprozesse. Es
versorgt ihn mit Energie für körperliche und psychische
Grundfunktionen.
Das psychische System, die Persönlichkeit des
Menschen, hat die Aufgabe, die Antriebsenergien des
organischen Systems zu kontrollieren und in
gesellschaftlich erlaubte und vorgeschriebene Bahnen
zu lenken. Die Persönlichkeit ist wesentlich durch diese
Struktur der kontrollierten Bedürfnispositionen
charakterisiert, die sich im Zuge der Verinnerlichung
der gesellschaftlichen Kontrollen herausbilden.
Das soziale System ist weitgehend identisch mit der
Gesellschaft und wird aus den Beziehungsmustern
zwischen handelnden Persönlichkeiten in ihrer
Eigenschaft als Träger bestimmter sozialer Rollen
gebildet.

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@ -0,0 +1,36 @@
Ganz im Sinne der Vorstellung von Durkheim und
interessanterweise ähnlich der Frankfurter Schule wird in
enger Orientierung an der Psychoanalyse Sozialisation als
schrittweise Übernahme der Verhaltensmaßstäbe des
sozialen Systems in das psychische System verstanden.
Sozialisation beginnt mit der psychischen Verinnerlichung
von Impulsen der ersten Pflege- und Bezugspersonen, mit
denen ein Kind in Beziehung tritt. Diese sozialen Objekte
verweisen in ihren Rollen (Mutter, Vater, Bruder,
Schwester, Erzieherin oder Erzieher usw.) jeweils auf das
soziale und kulturelle Subsystem, in dem sie stehen
(Mühlbauer 1980, S. 76). Im weiteren Verlauf des Lebens
kommt es zu immer neuen Aneignungsprozessen
normativer und sozialer Strukturen (Parsons 1968). Am
Ende steht eine »gesellschaftsfähige Persönlichkeit«
(Parsons 1951, S. 205).
Die Theorie von Parsons erklärt Sozialisation also als eine
gegenseitige »Durchdringung« (Interpenetration) der
Systeme Organismus, Persönlichkeit und Gesellschaft.
Diese Systeme pendeln sich im Verlauf ihrer Entwicklung
jeweils auf bestimmte, mehr oder weniger stabile
Gleichgewichtszustände ein. Ein solcher Zustand ist zum
Beispiel dadurch gegeben, dass die kognitive und
emotionale Orientierung eines Menschen sich in
Übereinstimmung mit den Strukturen des sozialen Systems
befindet, in dem die Erwartungen der kulturellen,
politischen und ökonomischen Subsysteme
institutionalisiert sind. Sozialisation ist demnach ein das
Gleichgewicht aller beteiligten Systeme stabilisierender
Prozess. »Denn durch die Verinnerlichung der Werte und
Normen der Gesellschaft kommt es zu einer Abstimmung
der Bedürfnisstruktur des Organismus, der
Persönlichkeitsstruktur und der Sozialstruktur der
Gesellschaft. Die Bedürfnisstruktur stellt
Bedürfnisdispositionen nach der Verinnerlichung der
Wertorientierungen als eine Art Spiegelbild der

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Sozialsysteme dar, mit denen das Individuum verknüpft ist«
(Geißler 1979, S. 270).
Der analytische Schritt, den Parsons vollzieht, ist eng an
einen Theoriehorizont gebunden, der zur Mitte des 20.
Jahrhunderts verfügbar war. Die Kritische Theorie greift
auf ähnliche Bausteine zurück. Im Unterschied dazu aber
hält Parsons die vollständige Anpassung und Adaption an
die sozialen Systeme nicht für problematisch, sondern für
funktional und »vernünftig« und für den Strukturerhalt der
Systeme für notwendig. Er entwickelt hierfür sein »AGIL«
Schema aus »Adaption« (Anpassung), »Goal Attainment«
(Ausrichtung der eigenen Präferenzen auf erwünschte
Ziele), »Integration« (eine Gesellschaft muss
Zusammenhalt herstellen und integrieren können, am
Besten über gemeinsame Leitbilder), die im Sinne eines
»Latent Pattern Maintenance« in Ritualen und
gemeinsamen kulturellen Codes aufrechterhalten werden.
Sozialisation als Durchlaufen von Rollenbeziehungen
Ausgehend vom »AGIL« Schema ist Sozialisation der
Schlüssel zur stabilen Integration eines Individuums in die
Gesellschaft und damit parallel für für die
Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Stabilität. Aus der
Perspektive von Parsons durchläuft ein Mensch eine
Hierarchie unterschiedlich strukturierter und sich
zunehmend differenzierender Rollenbeziehungen: Von der
Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind in der frühen
(vorödipalen) Phase über das einfache Rollensystem der
Kernfamilie hin zu vielfältigen Rollenbeziehungen in der
Gleichaltrigengruppe und Schule. In der Jugendphase
komplizieren sich die Beziehungen, bis die vielgestaltigen
Rollen der Erwachsenen in Beruf, eigener Familie und
Gesellschaft erreicht werden (Parsons 1968). Jeder Mensch
bewegt sich also bis in das Erwachsenenalter hinein durch
immer facettenreichere Rollenstrukturen und muss sich mit
den jeweiligen wechselseitigen Erwartungen in

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unterschiedlichen Beziehungen auseinandersetzen. Erst
mit der Verinnerlichung der Verhaltenserwartungen und
Wertorientierungen sowie ihrer Verankerung in der
Struktur der individuellen Bedürfnisdisposition im
Erwachsenenalter ist dieser Prozess vorläufig
abgeschlossen (Parsons 1976).
Über den Prozess der Sozialisation werden nach Parsons
grundlegende Wertorientierungen erworben, die zum
erfolgreichen Rollenhandeln in komplexen Gesellschaften
notwendig sind. Hierzu müssen generelle
Verhaltensorientierungen fest in der Persönlichkeit
verankert sein. Das grundlegende Wertmuster für westliche
Gesellschaften wird als »universalistisch« bezeichnet.
Hiermit verbindet Parsons gesellschaftliche Leitbilder, die
eine Wegweiserfunktion für das eigene Handeln haben. Ein
Beispiel hierfür ist die Ausrichtung des Handelns an
universalen Leistungsnormen. Dazu gehört eine affektive
Neutralität durch die rein sachliche Berücksichtigung von
Interessen in Beziehungen, die Wahrnehmung anderer
Menschen nicht nach ihrer Persönlichkeit, sondern nach
ihrer sozialen Position und ein hohes Ausmaß von
Selbstorientierung im Sinne einer Wahrnehmung des
eigenen Vorteils in beruflichen und persönlichen
Beziehungen (Parsons 1951, S. 219). Die universalistischen
Orientierungen gelten für Parsons als
»Grundqualifikationen des Rollenhandelns«, die eine
»Basispersönlichkeit« des Menschen strukturieren.
Diese Verhaltensmuster können in der eng und
persönlich konstruierten familiären Sozialisation nicht
vermittelt werden, denn hier herrschen
»partikularistische« Beziehungen vor, die den
universalistischen entgegengesetzt sind und sich durch
direkte persönliche Beziehung, Gefühlsorientierung und
Gemeinschaftsinteresse auszeichnen. Aus diesem Grund
kommt den Bildungsinstitutionen Kindergarten und Schule
eine Schlüsselfunktion im Sozialisationsprozess moderner

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@ -0,0 +1,36 @@
Gesellschaften zu, denn hier werden die universalistischen
Wertorientierungen zum ersten Mal für Kinder und
Jugendliche erlebbar praktiziert. In seinem Aufsatz »Die
Schulklasse als soziales System« analysiert Parsons die
strukturellen Unterschiede zwischen der Familie und der
Schule als informelle und formelle Rollensysteme. Im
Unterschied zur Mutter tritt die Grundschullehrerin oder
der Grundschullehrer als eine Bezugsperson auf, die
emotional neutral ist und die Persönlichkeit des Kindes
allein nach der erbrachten individuellen Leistung bemisst.
Indem ein Kind sich in die formalen Rollenbeziehungen
einer Schulklasse einfindet, übernimmt es in seine
Persönlichkeit die öffentlichen Wertmuster (Parsons 1968).
Persönlichkeit als Spiegelbild der Sozialstruktur
Interessant ist, dass heute, mehr als ein halbes Jahrhundert
nach dem Parsons seine Theorie entwickelt hat, der
Gegensatz zwischen partikularistischen und
universalistischen Normen vielleicht gar nicht mehr so
deutlich feststellbar ist. In den Familien wird schon seit
geraumer Zeit nicht mehr ein Gegenmodell zu dem der
Bildungsinstitutionen gelebt. Ganz im Gegenteil wird in
einigen Familien bereits lange vor Schuleintritt auf das
vorbereitet, was dann in Bildungsprozessen als
Lernfähigkeit und Leistungsorientierung erwartet wird.
Tendieren also universalistische Orientierungen zur
weiteren Universalisierung? Können sich partikularistische
Orientierungen vielleicht dagegen gar nicht mehr
aufrechterhalten lassen. Inwiefern der Gegensatz zwischen
partikularistisch und universal aber tatsächlich in einem
Prozess der Auflösung befindlich ist, bleibt eine empirische
Frage für sozialisationsorientierte Forschung.
Theoretisch wird bei Parsons der Sozialisationszugang
noch durch die Akzentuierung von Sozialisation als
»Vergesellschaftung« beherrscht, die Parsons selbst von
Durkheim übernimmt. Bei Durkheim wie Parsons steht die

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Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Stabilität im
Mittelpunkt. Dadurch ergeben sich theoretische
Engführungen: Persönlichkeit wird als »Spiegelbild« der
Sozialstruktur verstanden und deshalb der Aspekt der
Individuation als integraler Bestandteil des
Sozialisationsprozesses nicht ausreichend betont. Der
Theorie liegt eine überwiegend gesellschaftsbezogene
Konzeption von Persönlichkeitsbildung zugrunde. Sie
nimmt zwar psychoanalytische Theorieteile auf, da diese
aber nur additiv einbezogen werden, wird der einseitig
gesellschaftsbezogene Akzent kaum korrigiert.
Wegen der starken Orientierung am Begriff der sozialen
Rolle überwiegt eine passive Konzeption des menschlichen
Anpassungsprozesses an die Gesellschaft. Der Mensch wird
nicht als aktive Erschließerin und Gestalter der Umwelt
verstanden, sondern steht einer übermächtigen
Gesellschaft gegenüber, deren Einflüssen er sich kaum
erwehren kann. Individualität bildet sich gewissermaßen in
gesellschaftsfreien Räumen aus, fern von sozial genormten
Erwartungen und Sanktionen. Parsons unterschätzt damit
den Spielraum für die Entwicklung einer eigenen, vom
gesellschaftlich etablierten und institutionalisierten
Rollensystem abweichenden Persönlichkeit und damit auch
den Spielraum für Wertstrukturen und Handlungsziele, die
ein souveränes und distanziertes Rollenhandeln
ermöglichen. Kritikerinnen und Kritiker eines solchen
Denkens haben treffsicher von der
strukturfunktionalistischen Vorstellung des
übersozialisierten Menschen gesprochen (Wrong 1961).
In Parsons Arbeiten finden sich aber durchaus Ansätze,
die eine differenzierte Darstellung der Durchdringung von
organischen, psychischen und sozialen Systemen und
Strukturen leisten. Parsons weist mehrfach auf die
besondere Individualität jeder konkreten Person hin, die in
ihrer individuellen Sozialisations- und Lebensgeschichte zu
einer relativen Unabhängigkeit gegenüber den

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@ -0,0 +1,36 @@
gesellschaftlichen Normen führe: »Die Persönlichkeit wird
dennoch stets ein System mit eigener, individueller
Konstitution sein, mit eigenen Zielen und Imperativen
innerer Integration, mit eigenen charakteristischen Formen
des Verhaltens in Lebenssituationen […]. Das Individuum
wird jedoch niemals in der Form in die Gesellschaft
sozialisiert, dass es nur ein standardisiertes Rädchen der
Maschinerie wird. Mutter, Familie, Schule, Gemeinde
weisen ebenso weit reichende und subtile Unterschiede
auf, wie die ursprüngliche Veranlagung der Individuen«
(Parsons 1968, S. 378). Beachtlich an diesem Ansatz ist
auch der Einbezug des organischen Systems, das erst in
jüngster Zeit durch neurobiologische Positionen in der
Sozialisationstheorie wieder an Boden gewinnt.
Der Beitrag von Parsons für die Sozialisationstheorie
gewinnt dann an Bedeutung, wenn der Austausch und das
Durchdringen von organischem, personalem und sozialem
System analysiert und dabei das Spannungs- und
Konfliktpotenzial in diesem Austausch herausgearbeitet
wird. Es wäre wünschenswert, die aktiven Aneignungs- und
Erschließungsleistungen des personalen Systems in die
theoretische Konzeption einzubeziehen und die bewusste
Reflexion eines Individuums über sein Verhältnis zur
inneren und äußeren Realität systematisch in der Theorie
zu verankern. Mit dieser Akzentsetzung läge eine Theorie
vor, die nachzeichnet, wie Individualität durch Sozialisation
erst gewonnen werden kann (Münch 1988, S. 426).
In der sozialisationstheoretischen Diskussion findet sich
heute kein Ansatz mehr, der sich explizit der
strukturfunktionalistischen Tradition zuordnet, aber ihre
Bezüge bestehen gleichwohl implizit fort (so der gleich
folgende Ansatz Niklas Luhmanns). Ein Beispiel hierfür ist
die Bezugnahme auf die Entstehung und Aufrechterhaltung
von funktionsfähigen sozialen Systemen. Ähnliches gilt in
diesem Zusammenhang insbesondere für die
funktionalistische Rollentheorie. Die hiermit verbundene

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@ -0,0 +1,34 @@
Vorstellung des Einwirkens von sozialen Normierungen auf
die Ausprägung von Einstellungs- und Verhaltensmustern
hat terminologisch (als Bezugnahme auf den Rollenbegriff)
nicht »überleben« können. In der konkreten
Forschungspraxis wird der damit verbundene Impuls zur
Annahme der individuellen Anpassung an spezifische
Handlungs- und Rollenerwartungen jedoch fortgeführt, die
dann auch in der ganzheitlichen Gestalt eines fest
umrissenen Repertoires an Wissen und Erfahrungen zur
Ausprägung kommen.
DIE SOZIALE SYSTEMTHEORIE VON NIKLAS
LUHMANN
Eine der wenigen Bezugnahmen auf das
strukturfunktionalistische Denken stammt aus der
deutschsprachigen Debatte. Der Soziologe Niklas Luhmann
(19271998) entwickelte die strukturfunktionalistische
Systemtheorie von Talcott Parsons zwar in gewisser Weise
weiter, wich aber in zentralen Punkten von Parsons ab. Das
tut er vor allem darin, die Eigenlogik der jeweiligen
Systeme noch viel deutlicher zu betonen als dies bei
Parsons bereits der Fall war (Luhmann 1987). Die
soziologische Systemtheorie entwickelt dadurch eine
spezifische Ausprägung. Zudem weicht sie von einer
normativen Vorgabe des Vorrangs gelungener
gesellschaftlicher Integration durch Sozialisation (wie bei
Durkheim und Parsons) ab. Wie wir sehen werden,
bekommt die Systemtheorie damit eine Sonderstellung in
der Soziologie, die überraschenderweise dennoch relevant
wird für das Sozialisationsthema.
Sozialisation als Selbstorganisation von Systemen
Luhmann unterscheidet wie Parsons zwischen einem
organischen, psychischen und sozialen System. Diese drei
Systeme folgen eigenen Entwicklungsgesetzen, sie haben

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eine selbstreferenzielle Logik, was Luhmann als
»Autopoiesis« (Selbststeuerung) bezeichnet. Der Begriff
Autopoiesis wurde von ihm aus der Neurophysiologie
übernommen und bezeichnet die Organisationsform von
Systemen, die ihre konstitutiven Komponenten selbst
herstellen und über Zeit und Raum auch selbst erhalten
können (Maturana/Varela 1987).
So wird auch das psychische System auf der Basis eines
einheitlichen »selbstreferenziellen«
Bewusstseinszusammenhangs definiert, während sich
soziale Zusammenhänge durch Kommunikation ergeben:
»Psychische und soziale Systeme sind im Wege der KoEvolution entstanden. Die jeweils eine Systemart ist
notwendige Umwelt der jeweils anderen. Die Begründung
dieser Notwendigkeit liegt in der diese Systemart
ermöglichenden Evolution. Personen können nicht ohne
soziale Systeme entstehen und bestehen, und das Gleiche
gilt umgekehrt« (Luhmann 1984, S. 92). Die beiden
Systeme stehen in einem Verhältnis der Interpenetration
(der gegenseitigen Durchdringung) zueinander, wobei jedes
System Beiträge zum Aufbau des anderen zur Verfügung
stellt. Das selbstgesteuerte Bewusstsein ist der Beitrag des
psychischen Systems, der in das soziale System
aufgenommen wird, während das soziale System
Kommunikation beisteuert, um das psychische System zu
konstituieren.
Auch in sozialen Systemen wird nach Luhmann jede
innere Struktur vom System durch selbstreferenzielles
Prozessieren erzeugt. Als die grundlegende Leistung des
Systems wird dabei die Reduktion der Komplexität von
Umwelt verstanden, also die auf das Wesentliche reduzierte
Aneignung und Übersetzung von Strukturen, Prozessen
und Komponenten aus der Umgebung in das Innere des
jeweiligen Systems. In allen hoch entwickelten
Gesellschaften wird das Ausmaß von Selbstorganisation
aller Systeme, so auch des Systems »Psyche«, immer

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komplexer und selbstständiger. In einer vielfältigen und
komplexen Umwelt muss jedes psychische System ein
besonders hohes Ausmaß an Sinnbildung, Ordnung des
Handelns und Strukturierung von inneren Elementen
vornehmen, um gegenüber der sich wandelnden Außenwelt
konstant bleiben zu können (Faulstich-Wieland 2000, S.
135; Mingers 1995; Vanderstraeten 2000).
Das Konzept der Selbstsozialisation
Mit dieser abstrakten Begrifflichkeit arbeitet Luhmann die
Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft in
besonders pointierter Weise heraus. Hieraus leitet er sein
Konzept der Sozialisation ab. Für ihn sind es nicht
gesellschaftliche Außenanforderungen, die zur
»Sozialmachung« der Persönlichkeit führen, wie es noch
von Parsons nahegelegt wird. Es gibt keine Sozialisation,
die von einer Instanz außerhalb des psychischen Systems
bedingt ist, vielmehr nimmt das psychische System eine
»Selbstsozialisation« vor, indem es sich nach innen und
nach außen ständig neu orientiert und die eigenen
Strukturen und Eigenschaften ebenso wie die Erwartungen
an die soziale Umwelt permanent auf veränderte
Ausgangsbedingungen umstellt. Aus der Differenz zwischen
dem psychischen System (der Person) und dessen Umwelt
(dem sozialen System) ergibt sich in dieser Sichtweise die
Möglichkeit und die Notwendigkeit von Sozialisation: Der
Mensch ist in seiner Persönlichkeitsentwicklung auf
Soziales angewiesen, aber er wird durch Sozialisation nicht
Teil des sozialen Systems. Umgekehrt wird durch
Sozialisation das soziale System nicht in Psyche
transformiert. Beide Systeme interagieren, aber sie bleiben
jeweils Umwelt füreinander (Gilgenmann 1986, S. 72;
Luhmann 1987).
Mit dem von ihm neu eingeführten Begriff der
»Selbstsozialisation« bezeichnet Luhmann die aktive
Eigenleistung des psychischen Systems und setzt sich

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@ -0,0 +1,35 @@
damit von der Annahme einer Anpassung des psychischen
Systems an die Gesellschaft ab, die noch bei Parsons
vorherrscht. Das psychische System, das sinngemäß mit
»Persönlichkeit« gleichgesetzt werden kann, unterwirft
sich, so Luhmann, in keiner Phase seiner Entwicklung dem
sozialen System und nimmt dessen Komponenten auch
nicht in sich auf (es passt sich gesellschaftlichen
Anforderungen also niemals nur passiv an). Vielmehr setzt
sich das psychische System entsprechend seiner eigenen
Funktionslogik so mit dem sozialen System ins Verhältnis,
dass eine geregelte Koexistenz beider Systeme möglich ist.
Damit wird übersetzt in die traditionelle soziologische
Terminologie die aktive Auseinandersetzung eines
Individuums mit seiner sozialen Lebenswelt betont
(Abels/König 2016 S. 217). Diesbezüglich ist die
Sozialisationstheorie Luhmanns als ein konsequenter
»Bruch mit einem Verständnis von Sozialisation als
Transfer sozialer Vorgaben ins Individuum« zu verstehen
und »damit auch mit den sozialisationstheoretischen
Annahmen der älteren Systemtheorie, wie sie bei Talcott
Parsons vorliegt« (Scherr 2015, S. 165).
Der Verlust der Person-Umwelt-Spannung
Die Systemtheorie in der Variante von Luhmann trägt dazu
bei, theoretisch übergreifende Gesichtspunkte der
Funktionsfähigkeit von Systemen auf allen Ebenen und
Entwicklungsstufen in die Sozialisationstheorie
einzubeziehen. Kritisch ist anzumerken, dass auf diese
Weise der spannungsreiche Vorgang der Sozialisation als
permanenter Auseinandersetzung zwischen Organismus,
Psyche und Sozialem sehr abstrakt bearbeitet wird. Durch
die Breite und Abstraktheit der Theorie, die im
Wesentlichen nur nach den Mechanismen fragt, mit denen
sich ein System nach innen und nach außen stabil hält,
gehen konkrete Bezüge des Organismus-PsycheGesellschaft-Verhältnisses verloren.

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@ -0,0 +1,32 @@
Das Konzept der Selbstsozialisation nährt die Vorstellung,
Individuation verlaufe durchgehend selbstgesteuert, und
die Autonomiepotenziale der Persönlichkeit seien
anthropologisch gegeben. Das grundlegend interaktive
Verhältnis zwischen Person und Umwelt, das sich im Laufe
der Lebensgeschichte über Krisen und Phasen aufbaut,
kann mit dieser generalisierten Systemvorstellung nicht
sicher erfasst werden. Die Annahme der NichtSteuerbarkeit einzelner Systemebenen ist im Zugang der
Sozialisationsforschung definitiv eine wichtige Neuerung.
Gleichzeitig ist bisher noch nicht deutlich genug geworden,
wie stark das Eigenleben eines Individuums (oder seines
psychischen Systems) gesehen werden kann (Bauer 2002).
Die Systemtheorie hat mit dem Ansatz der
Selbstsozialisation einen konsequenten Blick auf die
Entwicklung von Individualität geworfen. Dieser wird in
dieser Form auch als Orientierung (als erkenntnisleitende
Heuristik) wahrgenommen. In empirischer Hinsicht sind
diese Annahmen aber kaum überprüft worden.
Insgesamt liegt mit Luhmanns Theorie gegenüber
Parsons eine Öffnung und Dynamisierung der
Systemtheorie vor. Sie ist allerdings so abstrakt, dass keine
Aussagen über das Verhältnis der Systeme Organismus,
Psyche und Gesellschaft zueinander getroffen werden
können, die in der Realität beobachtbar und durch
empirische Forschung überprüfbar sind. Tilmann Sutter
(geb. 1957) hat darauf hingewiesen, dass diese
Einschränkungen nicht zwangsläufig sind, und den Versuch
unternommen, konzeptionelle Schwächen der
Systemtheorie auszugleichen und eine Brücke zwischen
den subjekt- und handlungsorientierten Theorien zu
schlagen (Sutter 1999b).
DIE SOZIALTHEORIE PIERRE BOURDIEUS

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@ -0,0 +1,36 @@
Die Theorielinien der materialistischen Ansätze, der
Frankfurter Schule, des Strukturfunktionalismus und der
Systemtheorie haben in der Soziologie eine große Wirkung
hinterlassen. Das gilt im Besonderen auch für ihre
Bedeutung in der Sozialisationstheorie. Sie bilden das
Gerüst dafür, über den Zusammenhang von Individuum und
Gesellschaft aus einer soziologischen Perspektive
nachzudenken. Der Gegenstand von Sozialisation das
Beziehungsverhältnis zwischen einem sich entwickelnden
Menschen und den umgebenden gesellschaftlichen
Umweltfaktoren erhält damit aber auch sehr
unterschiedliche, mitunter gegensätzliche Nuancierungen.
Die Sozialtheorie des französischen Soziologen Pierre
Bourdieu (19302002) übernimmt hier eine gewisse
Vermittlungsrolle. Bourdieu hat eine besonders
einflussreiche Variante einer Gesellschaftstheorie
entwickelt, die wie das Theoriegerüst der Frankfurter
Schule auf der Verbindung einer Struktur- mit der
Subjektperspektive beruht, gleichzeitig aber auch
gesellschaftliche Funktionsbereiche so strikt unterscheidet
wie die systemischen Ansätze und letztendlich dem sich
entwickelnden Subjekt eine Eigenlogik zuschreibt. Pierre
Bourdieus Sozialtheorie legt einen besonderen
Schwerpunkt auf die ungleichen Lebensbedingungen, die
Menschen für ihre Persönlichkeitsentwicklung vorfinden.
Der Ansatz ist damit auch einer kritischen Linie in den
Sozialwissenschaften zuzurechnen.
Die praxeologische Erkenntnisweise
Bourdieus Ansatz nimmt seinen Ausgang von einem
erkenntnistheoretischen Gegensatz: Er behauptet, dass das
zentrale Problem jeder Sozialwissenschaft die Vermittlung
zwischen scheinbar unverträglichen Standpunkten oder
Perspektiven des Erkennens und Verstehens darstellt. Als
deutlich entgegengesetzt bezeichnet er die Traditionen
einer objektivistischen und einer subjektivistischen

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@ -0,0 +1,36 @@
Erkenntnisweise. Seine synthetisierende Position
beansprucht, diese divergierenden Auffassungen durch ein
einheitliches Konzept, die Theorie der Praxis oder auch
»praxeologische Erkenntnisweise«, aufzulösen.
Bourdieus theoretische Orientierung enthält damit die
Problematik, die die Sozialisationsforschung grundsätzlich
kennzeichnet: die Spannung zwischen der sozial geprägten
und der autonom handlungsfähigen Persönlichkeit.
Bourdieus Arbeiten gehen von ethnografischen Feldstudien
(also Praxisbeobachtungsstudien, in den die Forschenden
im Feld sichtbar sind und teilnehmen) in Algerien der
1950er Jahre aus. Darin bemüht er sich zunächst, die in der
Ethnologie vorherrschende strukturalistische Theorie von
Claude Levi-Strauss auf die Sozialtheorie zu übertragen,
ohne dabei in die Annahme der Überdetermination sozialer
Beziehungen zu verfallen, die typisch für das
strukturfunktionalistische Denken ist. Die entscheidende
Annahme seines von ihm so bezeichneten relationalen
Paradigmas ist, dass der subjektive Handlungssinn »nicht
dem Subjekt gehört, sondern dem kompletten System der
Beziehungen« (Bourdieu 1970a, S. 18). Bourdieu entwickelt
hiermit also keine Perspektive auf die soziale Struktur oder
das Individuum. Sein Ansatz ist der der sozialen Praxis, der
Handlungsbeziehungen und des Austausches in
Interaktionen.
Bourdieus Versuche, seinen Ansatz der Praxeologie
genauer zu begründen, etikettieren das dem Ansatz zu
Grunde liegende theoretische Hauptprinzip als
strukturalistischen Konstruktivismus oder gleichbedeutend
als konstruktivistischen Strukturalismus. Auch diese
Unterscheidung soll die gegensätzlichen Erkenntnisweisen
zum Verständnis der Produktion, Aufrechterhaltung und
Reproduktion sozial ungleicher Machtverteilung
verdeutlichen. Mit Strukturalismus verbindet er die
Analyse objektiver Bedingungen, »die vom Bewusstsein
und Willen der Handelnden unabhängig und in der Lage

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@ -0,0 +1,36 @@
sind, deren Praktiken oder Vorstellungen zu leiten und zu
begrenzen.« (Bourdieu 1992, 135) Konstruktivismus
etikettiert zunächst nur die Ebene der in der Alltagswelt
und -erfahrung verankerten symbolischen
Ausdrucksformen.
Eines von Bourdieus Hauptwerken, »Die feinen
Unterschiede« (1982), macht dieses erkenntnistheoretische
Prinzip zum Ausgangspunkt empirischer Analysen.
Bourdieu fokussiert hier auf die Analyse der
Lebensbedingungen (Einkommensverhältnisse,
Bildungsgrad usw.) sowie auf die Ausbildung von
Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsdispositionen des
Individuums und damit auf die Analyse subjektiver
(Sinn-)Konstruktionen und individueller Lebensstile.
Zwischen beidem den objektiven Strukturen und
Ressourcen sowie den in den subjektiven Lebensstilen
verdichteten Dispositionen besteht nach Bourdieu eine
Homologie (Übereinstimmung).
Die zentrale Rolle des Habitus in Bourdieus Theorie
Bourdieus Instrumentarium der Homologie-Analyse zielt
vor allem auf die Frage, wie Hierarchien entstehen und
sich reproduzieren. Sein Gegenstand sind der Alltag und
die Lebensstile von Menschen, vor allem alltagsästhetische
Phänomene wie Benimmregeln, Wertpräferenzen und
Mentalitäten. In der Soziologie ist eine solche Sensibilität
für Alltagsphänomene keinesfalls typisch, für Bourdieu
indes ist es das und er eröffnet damit neue Perspektiven. Er
sucht nach den Verdichtungen von Gewohnheiten und
Mentalitäten der Menschen und danach, wie sie sich die
Welt erklären. In diesen Analysen bildet er das Konzept des
Habitus aus, das von Beginn an eine
sozialisationstheoretische Komponente erkennen lässt. Ein
Habitus wird hiernach als das Produkt akkumulierter, das
heißt individuell »angehäufter«, Geschichte angesehen, die
sich als Erfahrungen, Sicherheiten der Interpretation und

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@ -0,0 +1,36 @@
Gewohnheiten niederschlagen. Grundlage des Habitus sind
nach Bourdieu Sozialisationsprozesse und hier vor allem
die Existenzbedingungen der sozialen Herkunft, die nach
Bourdieu so bezeichneten sozialstrukturell und
raumzeitlich bedingten »Erfahrungsräume«. Dabei
befinden sich soziale Ausgangsbedingungen und der
Habitus der darin Handelnden in einem Verhältnis der
Gegenseitigkeit zueinander (Bourdieu 1982, S. 281). Die
sozialen Ausgangsbedingungen bilden so etwas wie den
Nährboden des Habitus, und der Habitus dient seinerseits
dazu, dass die Ausgangsbedingungen, so wie sie sind,
akzeptiert werden.
Analytisch fungiert das Konzept »Habitus« bei Bourdieu
als theoretisches Erklärungsprinzip, das die wechselseitige
Abhängigkeit zwischen objektiven sozialen Strukturen und
subjektiven Praxisformen betont. In kurz: Der Habitus
beinhaltet all unser Wissen darüber, wie wir die Welt
deuten und uns in ihr bewegen. Der Habitus ist damit ein
kognitives Konzept, aber auch, wie Bourdieu immer wieder
betont, ein körperliches. Denn das Erleben und Fühlen der
Realität ist immer auch mit der Art und Weise verbunden,
wie wir körperlich auftreten und uns selbst präsentieren.
Der Habitus ist also auch das, was von außen direkt an
Kleidung und Körperlichkeit, Artikulation und Gestik
erkannt werden kann. Anders als der Rollenbegriff (wie bei
Parsons) steht der Habitusbegriff aber nicht für eine
»Hülle«, sondern für ein lebendiges, organisches Prinzip,
er ist einem Menschen nicht fremd oder nur für den
Moment »angelegt«, sondern identisch mit Körper, Mimik
und allen individuellen Äußerungen.
Der Habitus vereinheitlicht körperliche, Verhaltens-,
Denk- und Gefühlsmuster. Mit ihm werden die
Ausdrucksformen der Lebensführung zu einem zeitlich
stabilen Muster von Einstellungen und Haltungen,
Fähigkeiten, Kompetenzen und Gewohnheiten
zusammengefasst. Diese bezeichnen ein System von

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@ -0,0 +1,36 @@
Dispositionen, das den sozialen Akteuren nicht bloß als
äußerliches Kennzeichen, sondern ebenso als inneres
»System der organischen oder mentalen Dispositionen«
(Bourdieu 1970b, S. 39) individuell eingeschrieben ist. Das
zeigt sich vor allem in den Wahrnehmungs-, Denk- und
Handlungsschemata, die das Verhalten eines Individuums
manchmal bewusst, häufig aber unbewusst steuern.
Habitus im gesellschaftlichen Wandel
Der Blick auf Bourdieus Zugang ist lohnenswert, weil er
mit dem Habitusbegriff ein Theoriewerkzeug entwickelt
hat, das ursprünglich zum Zwecke der Analyse von
gesellschaftlichen Wandelungsphänomenen entwickelt
wurde (Maschke 2013). Obwohl die Theorie bereits in den
1960er und 70er Jahren zur Ausprägung kam, sind wichtige
Erweiterungen erst in den vergangenen Jahren
vorgenommen worden (hierzu im Folgenden nach
Bauer 2012). Wichtige Details sind schon vorgestellt
worden: Spricht Bourdieu vom Habitus einer Person, dann
meint er die Fähigkeit zur Generalisierung individueller
Erfahrungen, wodurch Menschen einen Sinn und im
übertragenen Sinne ein Gespür für Situationen erlangen, in
denen sie handeln. Vor allem die »Ersterfahrungen«
(Bourdieu 1987, S. 114) haben hierbei Vorrang und sie
bezeichnen ein sozialisationstheoretisches
Deutungsmuster, weil Erfahrungen in unterschiedlichen
Kontexten gemacht werden, sie sich aufschichten und zu
einem Wissensvorrat führen, mit dem Heranwachsende
immer besser angepasst an die Herausforderungen ihre
Lebensumwelten handeln können.
Bourdieus anspruchsvolle Terminologie macht seine
Theorie natürlich besonders. Dies erleichtert aber auch
nicht immer, Anschlüsse herzustellen. Dennoch fällt auf,
dass er durchaus im Einklang mit den modernen Lern- und
Entwicklungstheorien argumentiert. In Bourdieus
Darstellung ist der Habitus klar ausformuliert als das

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@ -0,0 +1,36 @@
Resultat der kognitiven Verarbeitung von Erfahrungen. Der
Habitus ist damit ein Produkt der ständigen Anpassung. Er
reagiert auf Lernanreize und Motivationsanlässe.
Habitusstrukturen konservieren regelrecht das nach Zeit
und Ort unterschiedliche Wissen über die soziale Realität
und damit, wie Menschen Situationen verstehen und ihre
Handlungen ausrichten. Der Habitus begründet damit eine
Art individuelles Vertrautheitsverhältnis mit der sozialen
Welt, ohne das eine menschliche Handlungsfähigkeit gar
nicht möglich wäre. Dauerhafte Dispositionen, in Bourdieus
Terminologie als Wahrnehmungs-, Denk- und
Handlungsschemata (oder auch Habitus) definiert,
bezeichnen das Ergebnis einer je spezifischen, durch die
»Besonderheit der sozialen Lebensläufe« (Bourdieu 1987,
S. 113) von anderen individuellen Habitus unterschiedenen
Auseinandersetzung mit der Realität. Dennoch weist selbst
der individuelle Lebenslauf immer auch strukturierte, also
für eine Generation typische Züge auf.
Für Bourdieu sind die Besonderheiten eines jeden
Menschen und damit seines Habitus mit der Flugbahn
(»trajectoire«) in der individuellen Biografie verbunden.
Schon in der frühen Kindheit werden die Grundstrukturen
des Habitus eines Menschen gelegt, indem die
Lebensbedingungen ein bestimmtes Profil an
Verhaltensweisen, Ausdrucksformen,
Geschmacksvorlieben, Meinungen, Normen und
Einstellungen prägen. Auf diese Weise reproduzieren sich
auch die Unterschiede der sozialen Herkunft. Wie Bourdieu
zeigen kann, verfestigen sich die früh gemachten
Erfahrungen, sie bleiben aber veränderbar, wenn auch
und das ist zentral nicht beliebig veränderbar, sondern
gebrochen durch den Habitus, der bereits vorhanden ist.
Das Homogamie-Prinzip im Lebenslauf
Bourdieus Arbeiten sind voll von Beispielen, die zeigen, wie
der Habitus eines Menschen dazu beiträgt, träge

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@ -0,0 +1,36 @@
Strukturen zu reproduzieren. Der Habitus tendiert zur
Stabilität, gerade dafür aber muss er ständig in Bewegung
und aktiv sein. Bourdieu hebt immer wieder hervor, dass
über den Habitus vermittelte Handlungen keinesfalls nur
den mechanischen Vollzug übermächtiger
Anpassungszwänge darstellen. Die Bedingungen, unter
denen ein Habitus ausgebildet wird, und jenen, in denen
ein Habitus handelt, sind nie gleich. Selbst wenn sie viele
Ähnlichkeiten aufweisen, muss der Habitus immer noch
flexibel reagieren können. Das »Neue« ist eine zentrale
Kategorie Bourdieus und seines Habituskonzepts. Dennoch
zeigt er sich überrascht dafür, dass der Habitus immer
wieder eben jene Strukturen durch sein Handeln
bevorzugt, deren Produkt er ohnehin schon darstellt. Der
Habitus ist also träge und anhänglich, wenn man es einmal
so ausdrücken möchte. Bourdieu selbst bezeichnet diesen
empirischen Befund als »Homogamie-Effekt«
(Bourdieu/Wacquant 1996, S. 168). Homogamie ist der
Homologie ähnlich, nur dass die Homologie ein Instrument
ist, um soziale Ähnlichkeiten analytisch zu fassen.
Homogamie ist das Prinzip, nach dem Menschen handeln
und versuchen, Ähnlichkeiten zu erzeugen, also
Erfahrungen bevorzugen, die ihren Habitus bestätigen. Um
in dem genannten Beispiel zu bleiben, bedeutet das, dass
diejenigen, die gewohnt sind, Kritik zu äußern, hier
Sicherheit erlangen und diese Gelegenheiten wahrnehmen.
Wer es nicht gewohnt ist, sucht die Nähe zu diesen
Gelegenheiten nicht. Das gleiche gilt dann auch für das
Gourmetrestaurant. Der Habitus gibt im einen Falle
Sicherheit, im umgekehrten Falle aber auch Unsicherheit
im Umgang mit gewohnten bzw. ungewohnten
Herausforderungen. Damit wird Kritk-Praxis nicht
unmöglich. Sie ist aber in der Wahrscheinlichkeit und der
Ausformung unterschiedlich.
Das Homogamie-Prinzip entfaltet seine Wirksamkeit
gerade erst dadurch, dass sich die Akteure lediglich vor

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@ -0,0 +1,35 @@
krisenhaften Erfahrungen zu schützen versuchen, die das
Verlassen bereits erprobter und das Erlernen neuer
Interpretations- und Handlungsmuster zur Voraussetzung
machen. Auf diese Weise entwirft Bourdieu eine Theorie,
die im Endeffekt offen dafür ist, dass sich Menschen in
ihrem Lebenslauf permanent ändern können. Gleichzeitig
aber ist die ganze Anlage seiner Arbeit auf die Frage
ausgerichtet, warum diese Veränderungen so selten
eintreffen und der Habitus seine Trägheitsstruktur
bewahrt.
Das Kapital-Konzept
Bourdieu greift dabei vor allem die Frage der ungleichen
Machtverteilung in heutigen Gesellschaften auf. Dabei
verfolgt er vor allem, welche Unterschiede sich für die
Persönlichkeitsentwicklung in jeweils sozioökonomisch
voneinander unterscheidbaren Gruppen der Bevölkerung
ergeben. Er differenziert diese Gruppen nicht nur nach
ihren ökonomischen, sondern auch nach ihren kulturellen
und sozialen Ressourcen und stellt ein Raster für die
Erfassung von sozialer Ungleichheit zur Verfügung. Wenn
Bourdieu dezidiert von einem ungleichen Kapital der
Menschen spricht, meint er damit in seiner Terminologie
ungleiche Ressourcen. Das Soziale wird durch die
ungleiche Verfügung über Ressourcen (bzw. Kapital)
vertikal als auch horizontal strukturiert (Bourdieu 1983).
Bourdieu differenziert drei primäre Kapitalformen oder sorten, die in der sozialen Laufbahn akkumuliert werden:
Ökonomisches Kapital ist durch die Verfügung über
finanzielle Ressourcen gekennzeichnet. Kulturelles Kapital
existiert in einem inkorporierten (verinnerlichten,
körpergebundenen) Zustand der Einstellungs- und
Fähigkeitsmuster in Bezug auf die anerkannte legitime
Kultur, in einer institutionalisierten (das heißt durch den
Bildungstitel legitimierten) und schließlich einer
objektivierten, kurz: vergegenständlichten Form des Kunst-

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