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# Einführung in die Sozialisationstheorie
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# Einführung in die Sozialisationstheorie -- Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR)
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**Authors:** Ullrich Bauer, Klaus Hurrelmann
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**Publisher:** 14., vollständig überarbeitete Auflage
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**Pages:** 578
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- **Autoren:** Ullrich Bauer, Klaus Hurrelmann
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- **Verlag:** Beltz
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- **Auflage:** 14., vollständig überarbeitete Auflage
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- **Seiten:** 578
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- **ISBN:** (nicht aus den vorliegenden Seiten ersichtlich)
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## Description
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## Beschreibung
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*Einführung in die Sozialisationstheorie* präsentiert das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR). Das Lehrbuch verbindet soziologische und psychologische Perspektiven auf Sozialisation und behandelt die Auseinandersetzung des Menschen mit innerer und äusserer Realität im Lebenslauf, einschliesslich der Kontexte und aktuellen Herausforderungen der Sozialisation.
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Dieses Lehr- und Studienbuch führt in die Sozialisationstheorie ein und stellt das *Modell der produktiven Realitätsverarbeitung* (MpR) ins Zentrum. Die Autoren verbinden soziologische und psychologische Perspektiven, um das Wechselspiel zwischen Person und Umwelt -- das sogenannte "Doppelgesicht der Sozialisation" -- systematisch zu erschliessen. Das Buch richtet sich an ein wissenschaftliches Fachpublikum, Studierende verschiedener Fachrichtungen sowie an Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler. Die 14. Auflage wurde von Ullrich Bauer massgeblich neu gestaltet und enthält eine Aktualisierung des Forschungsstands sowie eine Neufassung der Kernannahmen des MpR in Form von "Prinzipien" (statt wie bisher in "Thesen").
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## Inhaltsverzeichnis
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- **Vorwort**
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- **Teil I -- Einführung**
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- Kapitel 1: Sozialisation als produktive Realitätsverarbeitung
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- **Teil II -- Soziologische und psychologische Propädeutik**
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- Kapitel 2: Soziologische Theorien der Sozialisation
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- Kapitel 3: Psychologische Theorien der Sozialisation
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- **Teil III -- Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR)**
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- Kapitel 4: Die Verbindung soziologischer und psychologischer Propädeutik
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- Kapitel 5: Erkenntnistheoretische und konzeptionelle Grundannahmen
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- Kapitel 6: Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf
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- Kapitel 7: Kontexte der Sozialisation
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- Kapitel 8: Aktuelle Herausforderungen der Sozialisation
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- **Anhang** -- Texte und Materialien zur Arbeit mit dem MpR in der Schule
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- **Literaturverzeichnis**
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## Document Role
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Dieses Dokument dient als fachwissenschaftliches Referenzwerk für eine KPG/EPG-Fallstudie im Bereich Soziale Arbeit. Es ist insbesondere relevant für die theoretische Fundierung von Sozialisationsprozessen und das Verständnis von Entwicklungskontexten bei Kindern und Jugendlichen.
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Dieses Buch dient als fachwissenschaftliches Referenzwerk für eine KPG/EPG-Fallstudie im Bereich Soziale Arbeit. Es liefert die theoretische Grundlage zum Verständnis von Sozialisationsprozessen, insbesondere des Zusammenspiels von individueller Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Für die Fallarbeit ist es relevant, weil es zentrale Konzepte wie das Wechselverhältnis von Person und Umwelt, die Bedeutung biografischer und situativer Faktoren sowie die Rolle von Krisen als Ausgangspunkte für Veränderung behandelt. Diese Perspektiven sind unmittelbar anwendbar auf die Analyse von Entwicklungskontexten bei Kindern und Jugendlichen in der Sozialen Arbeit.
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## Clean up
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Ullrich Bauer/Klaus Hurrelmann
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Einführung in die
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Sozialisationstheorie
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Das Modell der produktiven
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Realitätsverarbeitung (MpR)
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14., vollständig überarbeitete Auflage
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Dr. Ullrich Bauer ist Professor für Sozialisationsforschung an der Fakultät für
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Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Er ist dort u. a. Leiter des
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Zentrums für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (ZPI).
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Dr. Klaus Hurrelmann ist Senior Professor of Public Health and Education an
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der Hertie School of Governance in Berlin. Davor war er zunächst an der
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Fakultät für Pädagogik und dann an der für Gesundheitswissenschaften an der
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Universität Bielefeld tätig.
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Inhalt
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Vorwort
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I.
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Einführung
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1.
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Sozialisation als produktive Realitätsverarbeitung
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II.
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Soziologische und psychologische Propädeutik
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2.
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Soziologische Theorien der Sozialisation
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3.
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Psychologische Theorien der Sozialisation
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III.
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Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung
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(MpR)
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4.
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Die Verbindung soziologischer und
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psychologischer Propädeutik
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5.
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Erkenntnistheoretische und konzeptionelle
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Grundannahmen
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6.
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Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf
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7.
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Kontexte der Sozialisation
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8
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Aktuelle Herausforderungen der Sozialisation
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Anhang – Texte und Materialien zur Arbeit mit dem MpR
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in der Schule
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Literaturverzeichnis
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Vorwort
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Sozialisation ist ein Schlüsselthema, wenn man verstehen
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möchte, wie die soziale Welt funktioniert. Menschen
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erleben von Geburt an das Zusammenleben im Sozialen,
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und deswegen durchlaufen sie den Prozess der
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Sozialisation quasi naturwüchsig. Diesen Prozess kann kein
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Mensch an- oder abstellen, es ist ein immerwährender und
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lebenslanger Prozess, in dessen Verlauf man Erfahrungen
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macht, sich mit der inneren und der äußeren Realität
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auseinandersetzt und versucht, auf sie Einfluss zu nehmen.
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In den letzten zwanzig Jahren haben immer mehr
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Forschungsgebiete auf das Konzept Sozialisation
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zugegriffen. Zwei Beispiele: In der Bildungsforschung ist
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Sozialisation der Zugang, um zu verstehen, wie und warum
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Menschen unterschiedliche Bildungsbiografien
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durchlaufen.
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In der Gesundheitsforschung ist Sozialisation unverzichtbar
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für das Verständnis von Widerstandsfähigkeit und
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Verletzlichkeit und damit auch die ungleiche Verteilung von
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Gesundheit und Krankheit geworden. Überall, wo
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Menschen durch die Kontexte, in denen sie leben,
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angeregt, stimuliert, geleitet oder eingeschränkt werden,
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stoßen wir auf Sozialisationseinflüsse.
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Sozialisationsforschung leuchtet in die Black-Box der
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Entstehung menschlicher Verhaltensformen. Darum ist sie
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unverzichtbar, wenn auch nicht überall sichtbar.
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Heute, rund 150 Jahre nach dem das Sozialisationsthema
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zum Gegenstand in der akademischen Forschungswelt
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wurde, sehen wir auf eine bewegte Geschichte der Disziplin
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zurück.
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||||
Soziologie und Psychologie haben als erste verstanden,
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warum Sozialisation eine so große Bedeutung für das
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Verständnis des Zusammenspiels von Mensch und
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Gesellschaft hat. Später kamen viele neue Fragestellungen
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hinzu und auch unterschiedliche disziplinäre Koalitionen.
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Vor rund 50 Jahren waren die Biologie und Genetik noch
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Gegenspieler der Sozialisationsforschung. Heute sind sie
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genauso wie die neurowissenschaftliche Forschung
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Verbündete geworden. Wir wissen heute, dass die
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Epigenetik durch soziale Einflüsse veränderbar ist und der
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Aufbau unserer neuronalen Vernetzungen von der Nahrung
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durch die Erfahrungen lebt, die Menschen im sozialen
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Zusammenleben machen.
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Gleichzeitig ist eine wichtige Korrektur in der Debatte
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vorgenommen haben. Während die ursprünglichen Ansätze
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Sozialisation mit der Denkfigur des noch-nicht-fertigen
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Menschen assoziierten, gehen jüngere Ansätze von der
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frühen Handlungsfähigkeit eines jeden Individuums aus.
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Umgekehrt wird heute nicht mehr angenommen, dass der
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Mensch wie eine Marionette an den Fäden der
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Beeinflussung durch die Umwelt hängt. Vielmehr gehen
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aktuelle Ansätze von einer komplexen, menschlichen
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Persönlichkeitsstruktur aus, die die inneren und äußeren
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Bedingungen sehr sensibel wahrnimmt, auf diese reagieren
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kann und selbst aktiv handelt.
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Aus dieser Grundüberlegung ist vor rund 40 Jahren das
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»Modell der produktiven Realitätsverarbeitung«
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(MpR) in der Sozialisationsforschung entstanden. Dieses
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Modell ist seitdem zu einem wichtigen Element in der
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wissenschaftlichen Forschung geworden und hat den Weg
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in die Curricula von Schulen und Hochschulen gefunden. In
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diesem Sinne ist auch die Einführung in die
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Sozialisationsforschung von der ersten Auflage an als ein
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Lern- und Studienbuch konzipiert worden, das sich neben
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dem wissenschaftlichen Fachpublikum an Studierende
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unterschiedlicher Fachrichtungen, an Lehrerinnen und
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Lehrer sowie an Schülerinnen und Schüler wendet.
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Die »Einführung in die Sozialisationstheorie« wurde bis
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zur 10. Auflage 2012 von Klaus Hurrelmann als alleinigem
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Autor geschrieben. Seit der 11. Auflage im Jahr 2015
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beteiligt sich Ullrich Bauer. Beide Autoren kennen sich aus
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ihrer gemeinsamen Zeit an der Universität Bielefeld.
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Die hier vorliegende, völlig überarbeitete 14. Auflage
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wurde maßgeblich von Ullrich Bauer gestaltet. Zur
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Überarbeitung gehört ein übersichtlicher Aufbau in drei
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Teilen, eine systematische Aktualisierung des
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Forschungsstandes und die Neufassung der Kernannahmen
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des »Modells der produktiven Realitätsverarbeitung« in
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Gestalt von »Prinzipien« statt wie bisher in »Thesen«.
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Ullrich Bauer & Klaus Hurrelmann
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I.
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Einführung
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1.
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Sozialisation als produktive
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Realitätsverarbeitung
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Sozialisation ist ein facettenreicher, spannungsgeladener
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Begriff. Sozialisation heißt, sozialisiert zu werden und in
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gewisser Hinsicht auch, sich selbst zu sozialisieren.
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Sozialisation ist ein Prozess, der von »außen« auf das
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Individuum einwirkt und der »innen« vom Individuum
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selbst gesteuert wird.
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Das, was die große Spannung des Sozialisationsbegriffs
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ausmacht, ist also auch ein Stolperstein. Es scheint, als
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müsse man sich entscheiden für die Frage der Sozialisation
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von außen oder von innen. Tatsächlich aber ist es anders
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herum. So verschieden die Perspektiven auf Sozialisation
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auch sind, sie gehören zusammen und zeigen das
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Doppelgesicht der Sozialisation. Das wissenschaftliche
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Fachverständnis ist hier vom Alltagsverständnis nicht weit
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entfernt. Es bedarf kontinuierlich einer Öffnung unserer
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Perspektiven, um die Vielgestaltigkeit von
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Sozialisationsprozessen begreifen zu können.
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Was ist also gemeint, wenn wir von »Sozialisation«
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sprechen?
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1.1
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Das Doppelgesicht der Sozialisation
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Der Begriff Sozialisation ist einer der wissenschaftlichen
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Begriffe, die uns nicht nur in verschiedensten
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wissenschaftlichen Disziplinen, sondern auch im
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Sprachgebrauch des Alltags begegnen. Redewendungen
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wie »Dieses Kind ist gut sozialisiert« oder »Da merkt man
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deine Herkunft« weisen darauf hin, worauf der Begriff in
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erster Linie abzielt: auf die Übernahme gesellschaftlicher
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Werte und Normen, auf die Anpassung an die soziale
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Umwelt, auf das »So-werden-wie-mein-Umfeld-es-von-mirerwartet« oder sogar auf die Vorstellung der Prägung des
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Individuums durch den sozialen Kontext, also den Prozess
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des Gesellschaftlich-werdens. Die Alltagssprache weiß aber
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auch, dass ein Kind »seine Sozialisation hinter sich lassen«
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und jeder Mensch »aus dem Schatten seiner Herkunft
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heraustreten« kann, womit ausgedrückt wird, dass in das
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Sozial-werden immer auch eine eigenständige
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Persönlichkeit, ein Individuum-werden einfließt, das sich
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Umwelteinflüssen in einem gewissen Ausmaß entzieht und
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sogar aktiv auf die Entwicklung der Umwelt Einfluss
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nimmt.
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Das Alltags- und das wissenschaftliche Verständnis von Sozialisation
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Das Alltagsverständnis changiert damit zwischen zwei
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Polen. Wie in der Fachdebatte existiert häufig eine
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Vorentschiedenheit. Zuerst hatte auch die Soziologie die
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Umweltabhängigkeit der Persönlichkeitsentwicklung
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herausgearbeitet, danach zeigten aber immer mehr Studien
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aus der Psychologie, in den letzten Jahren besonders auch
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aus der Neurobiologie, dass sich die Vorstellung einer
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reinen Umweltabhängigkeit der Persönlichkeitsentwicklung
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eines Menschen nicht halten lässt. Seitdem besteht
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Konsens darüber, dass Sozialisation auf keinen Fall nur als
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Prägung des Individuums durch sein gesellschaftliches
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Umfeld verstanden werden kann. Vielmehr ist die Variation
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der menschlichen Verhaltensweisen – die Fähigkeit, auch
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anders als von außen genormt auf gesellschaftliche
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Erwartungen und Zwänge zu reagieren – ein
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Grundmerkmal der Persönlichkeitsentwicklung.
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Unser Alltagsverständnis ist reich an Erfahrungen mit
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dem Doppelgesicht der Sozialisation. Hierzu gehören
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Erfahrungen und Erlebnisse, die wir Menschen selbst
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machen.
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Dazu eine historische Illustration: Während in den
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proletarisch geprägten Milieus der körperlichen Arbeit
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noch bis in die 1960er Jahre hinein zahlreiche, über die
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Zeit hinweg stabile Mentalitätsähnlichkeiten
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(»Arbeiterkultur«) erkannt werden konnten, sind diese
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heute fast ganz verschwunden. Die wissenschaftliche
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Perspektive schließt an dieses intuitive Verständnis, das wir
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alle als Beobachter unserer Umwelt mitbringen, an. Mit
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den Veränderungen der Wohnumfelder, dem Wandel der
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Arbeitsbedingungen und des Erwerbsbereiches (weg von
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der manuellen Produktion hin zur Dienstleistung), dem
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wachsenden Einfluss der Bildung (dem Einbezug immer
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||||
mehr Angehöriger der früheren Arbeiterkultur in die
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verlängerten Ausbildungs- und Bildungswege) sowie der
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medialen und digitalen Durchdringung des gesamten
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Lebens kommt es zur Herausbildung vielfältiger sozialer
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Milieus. Hieraus entstehen neuartige Mentalitäten und
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Verhaltensmuster. Während noch in den 1960er Jahren die
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Milieus der manuellen Arbeit ihre Lebensziele ganz
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selbstverständlich auf Erwerbsarbeit ausrichteten und
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Bildung kaum bedeutsam für die Lebenswege war, hat sich
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diese Mentalität bis heute radikal verändert. Eine starke
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||||
Bildungsorientierung ist inzwischen zu einem alle Milieus
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vereinheitlichenden Modus geworden – unabhängig davon,
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ob alle auch die gleichen Möglichkeiten haben, eine starke
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Bildungsorientierung in die Realität umzusetzen.
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||||
Unterschiedliche Mentalitäten sind demnach einem
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historischen Wandel unterworfen und reagieren auf
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||||
unterschiedliche gesellschaftliche Ausgangsbedingungen.
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Mentalitäten variieren, können sich aber auch ähneln oder
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ganze gesellschaftliche Gruppen beschreiben (in solchen
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Fällen sprechen wir von sozialen Milieus). Intuitiv weiß
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jeder Mensch, wie ein bestimmter äußerer Einfluss wirkt.
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Zum Beispiel die konjunkturell bedingte Arbeitslosigkeit
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nach der Weltwirtschaftskrise 2007/2008. Sie hängt nicht
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nur von den äußeren Bedingungen ab, sondern auch von
|
||||
den persönlichen Eigenschaften und Ausgangsbedingungen
|
||||
des davon betroffenen Menschen. Bei vielen Menschen
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||||
führt der Verlust der Arbeit zu Hilflosigkeit und Depression,
|
||||
bei anderen weckt er Widerstand und Überlebenskräfte.
|
||||
Die einen sind ausgezeichnet ausgebildet und vielfältig
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orientiert. Die anderen sind auf ein Berufsbild festgelegt
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||||
und können auf Veränderungen nicht flexibel reagieren.
|
||||
Der Prozess des Einwirkens von Umweltereignissen ist also
|
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keineswegs eine Einbahnstraße.
|
||||
Auch wenn die Einflüsse der sozialen Umwelt, also des
|
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jeweiligen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen
|
||||
Milieus, groß sind, auch wenn sie langanhaltend wirken
|
||||
und nachhaltige Spuren hinterlassen – dies allein reicht
|
||||
nicht aus, um eine Persönlichkeitsentwicklung vollständig
|
||||
zu vorherzubestimmen. Die Homologie, wenn also soziale
|
||||
Bedingungen und die Eigenschaften eines Menschen eng
|
||||
aneinander gekoppelt sind, stellt keineswegs eine
|
||||
unumstößliche Regel dar. Vielmehr vollziehen
|
||||
Lebensbereiche im historischen Verlauf eine permanente
|
||||
Wandlung. Neue Einflüsse treten hinzu, andere
|
||||
verschwinden. Somit ist auch ein einmal erlerntes
|
||||
Verhalten mitnichten für alle nachfolgenden
|
||||
Handlungssituationen gültig. Dazu ist der Aufwand für die
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||||
Anpassung zu groß, wenn neu hinzukommende oder
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veränderte Herausforderungen bewältigt werden müssen.
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||||
Sozialisation umfasst dieses Wechselspiel. Der analytische
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||||
Fokus beinhaltet den Blick auf gesellschaftliche
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||||
Ausgangsbedingungen, wahrscheinliche Mentalitäten und
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||||
die permanente Veränderung auf individueller Ebene. Der
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||||
Wandel eines Menschen mit seiner ganzen Persönlichkeit
|
||||
ist also nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Bedeutsam
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||||
ist nur, wie viel Wandel für eine Person möglich ist, wo also
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||||
die Trägheit einer einmal ausgebildeten Mentalität wirkt
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und wie intensiv sich Wandlungsmöglichkeiten ausbilden.
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||||
Sozialisation als Beziehungsverhältnis von Person und Umwelt
|
||||
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||||
Von Sozialisation wird hiernach als einem offenen
|
||||
Beziehungsverhältnis zwischen dem Menschen und seiner
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||||
Umgebung gesprochen. Alle Bedingungen der Umgebung
|
||||
werden wissenschaftlich einfach als »Umwelt« bezeichnet.
|
||||
Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der Umweltbegriff
|
||||
nicht immer ganz trennscharf ist und mitunter auch
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||||
Missverständnisse produziert. Sein Vorteil ist aber, dass er
|
||||
zunächst einen einfachen Gegenpol bildet, um all das
|
||||
abzugrenzen, was nicht in den engeren Kontext der Person
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||||
gehört. »Person« und »Umwelt« sind demnach
|
||||
unterschiedliche Einheiten, wobei ihre Beziehungen
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||||
untereinander natürlich wechselseitig und interaktiv sind.
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||||
Dies ist dann so etwas wie der Kern der
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||||
Sozialisationsperspektive. Hier geht es darum, wie das
|
||||
Verhältnis zwischen einer Person und der umgebenden
|
||||
Umwelt beschaffen ist.
|
||||
Die Frage, wie ein bestimmter Umwelteinfluss wirkt, ist
|
||||
immer nur mit Blick auf die individuellen
|
||||
Ausgangsbedingungen zu beantworten. Ein Beispiel aus
|
||||
dem Alltag hierzu:
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Ein 17-jähriger Jugendlicher wartet um 22.30 Uhr im UBahnhof im Zentrum einer Großstadt auf seinen
|
||||
Anschluss. Jemand tippt ihm von hinten auf die Schulter.
|
||||
Wie reagiert er darauf? Seine Reaktion wird von seiner
|
||||
biografischen Erfahrung und von seiner Wahrnehmung
|
||||
der Situation abhängen. Situativ: Er kann schlechte Laune
|
||||
(nach langer Arbeit und einer missratenden Prüfung am
|
||||
Vormittag) oder gute Laune (nach einem gemeinsamen
|
||||
Shopping mit Freunden) haben und entsprechend offen
|
||||
oder nicht-offen sein für die Frage, die das Tippen auf der
|
||||
Schulter signalisiert. Biografisch: Er kann aus einem
|
||||
Umfeld stammen, in dem er viel Aggression erlebt, das
|
||||
ihn deshalb disponiert, auf eine Bewegung von hinten,
|
||||
die direkt seinen Körper adressiert, sofort zu reagieren,
|
||||
herumzuschnellen und eine Abwehr- oder Angriffsgeste
|
||||
einzusetzen. Er kann aber auch schlechte Erfahrungen
|
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|
||||
mit dieser Reaktion gemacht haben und sich deshalb
|
||||
entscheiden, keine Gewalt einzusetzen. Er kann die
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||||
Erwartung haben, eine aggressive Handlung könne
|
||||
folgen, er hat sich aber vorher selbst entschlossen, dieser
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||||
Dynamik zu widerstehen. Im Gedankenexperiment
|
||||
können wir uns den 17-jährigen Jugendlichen auch als
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jungen Violinisten vorstellen, der gerade von EnsembleProben kommt und die manifeste Idee der Gewalt oder
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Gegengewalt gar nicht in seinem Handlungsvorrat hat
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und völlig defensiv reagiert. Oder ein überzeugter
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Gläubiger ist, der aufgrund einer intensiven religiösen
|
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Bindung jegliche Gewalt von sich weist.
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Mit den situativen und biografischen Hintergründen sind in
|
||||
diesem Beispiel zwei der Einflüsse benannt, die zum
|
||||
Bedingungsgefüge gehören, das die
|
||||
Reaktionsmöglichkeiten eines Menschen in einer
|
||||
bestimmten Situation festlegt. Auch die Geschlechts- und
|
||||
die Religionszugehörigkeit bezeichnen Faktoren, die auf
|
||||
unterschiedliche Weise auf gemeinsame Einstellungen
|
||||
verweisen. Wie das Beispiel deutlich macht, hängt die
|
||||
Reaktion des 17-jährigen Jugendlichen auf das
|
||||
Fingertippen von hinten von diesen Einflüssen ab. Sie
|
||||
entscheiden über die Hinwendung zu bestimmen
|
||||
Handlungen und können dabei mehr oder weniger
|
||||
unbewusst und unreflektiert sein, also Bestandteil von fest
|
||||
»einsozialisierten« Reaktionsmustern.
|
||||
Ein weiterer Aspekt, der über die Reaktion des 17jährigen Jugendlichen entscheidet, betrifft die sozialräumlichen Bedingungen. Mit diesen sind in unserem UBahn-Beispiel kontextuelle und kompositorische Einflüsse
|
||||
verbunden. Kontextuelle Faktoren betreffen die
|
||||
Ausstattung des Raumes, so die Lage des Bahnhofes im
|
||||
Stadtviertel und die Menge der Menschen, die in der
|
||||
Handlungssituation anwesend sind. Kompositorische
|
||||
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|
||||
Faktoren bezeichnen die Zusammensetzung der Gruppe der
|
||||
Menschen, die mit dem 17-Jährigen an einem Bahngleis
|
||||
steht. Die Reaktion des Jugendlichen wird entscheidend
|
||||
dadurch beeinflusst, ob er mit einer Freundesgruppe auf
|
||||
die U-Bahn wartet, mit der er eng vertraut ist und die ihm
|
||||
im Falle eines Konfliktes den Rücken stärken kann, oder ob
|
||||
er allein ist und der Fingertipper zu einer großen Gruppe
|
||||
unbekannter Jugendlicher gehört. Oder ob der Finger, der
|
||||
auf die Schulter tippt, einer älteren Dame gehört, die sich
|
||||
verlaufen hat, umherirrt und nicht mehr weiß, wie sie nach
|
||||
Hause kommt.
|
||||
Wie das Beispiel zeigt, kommen in einer solchen nur
|
||||
Bruchteile von Sekunden dauernden Situation biografische,
|
||||
gruppenbezogene und sozial-räumliche Faktoren
|
||||
zusammen. Es interagieren die persönlichen
|
||||
Bedingungsfaktoren des Individuums mit der gesamten
|
||||
räumlichen und sozialen Umwelt. Dazu gehört die Person
|
||||
des Fingertippers, aber auch das gesamte Umfeld als
|
||||
Rahmenbedingungen der Handlungssituation. Der 17jährige Jugendliche nimmt blitzschnell die Realität auf,
|
||||
verarbeitet sie und reagiert auf sie. Das Gleiche tut aber
|
||||
auch der Fingertipper. Beide interagieren miteinander und
|
||||
antworten auf die Reaktionen des anderen. Dabei rufen
|
||||
beide einen Wissens- und Handlungsvorrat ab, der ihnen
|
||||
aus ihrem bisherigen Leben vertraut ist. Der 17-jährige
|
||||
Jugendliche zeigt vielleicht ein verärgertes Gesicht und
|
||||
spricht laut, wenn er einen aggressiven Unbekannten vor
|
||||
sich sieht, er lacht freundlich und spricht langsam und
|
||||
fürsorglich, wenn er die alte Dame sieht. Dies alles gehört
|
||||
zu dem Ausschnitt einer Sozialisationsperspektive.
|
||||
Sozialisation findet nicht allein im Individuum statt und ist
|
||||
auch nicht allein abhängig von den Bedingungen, in denen
|
||||
wir handeln oder von denen wir vorgeprägt sind. In der
|
||||
Interaktion aktualisiert sich unser Handlungswissen, wir
|
||||
greifen auf Sprache, Erfahrungen im Umgang mit älteren
|
||||
Menschen und die ihnen zustehende Fürsorglichkeit
|
||||
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|
||||
zurück, und wir bestätigen damit die Anwendbarkeit
|
||||
bestimmter Verhaltensweisen. Und gleichzeitig ziehen wir
|
||||
Lehren aus jeder neuen Situation und bereiten uns darauf
|
||||
vor, besser zu reagieren, wenn wir noch einmal in eine
|
||||
ähnliche Lage kommen.
|
||||
Wenn im Alltag von »Sozialisation« gesprochen wird, sind
|
||||
alle diese Aspekte der Doppelgesichtigkeit von
|
||||
Sozialisationsprozessen natürlich nicht bewusst, aber die
|
||||
grundsätzliche Erfahrung von der Wechselbeziehung
|
||||
zwischen Person und Umwelt ist vorhanden. Wir wissen,
|
||||
dass wir tagtäglich in Situationen handeln, in denen Wissen
|
||||
und Erfahrungen zum Verständnis der Gegebenheiten
|
||||
eingesetzt werden und dass sich unser persönliches
|
||||
Wissens- und Handlungsrepertoire dadurch immer
|
||||
gleichzeitig bestätigt, revidiert oder erweitert. Wir wissen
|
||||
auch, dass sich unsere Persönlichkeit stetig
|
||||
weiterentwickelt und einerseits von den uns umgebenden
|
||||
materiellen und sozialen Strukturen beeinflusst wird,
|
||||
andererseits aber auch auf diese einwirkt.
|
||||
|
||||
1.2
|
||||
|
||||
Definitionen und Konzepte von
|
||||
Sozialisation
|
||||
|
||||
Die wissenschaftliche Sozialisationstheorie, die in diesem
|
||||
Buch vorgestellt wird, geht von einer dynamischen
|
||||
Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit aus.
|
||||
Umweltstrukturen sind nie so einheitlich und zwingend
|
||||
prägend, dass sie immer nur auf eine Art und Weise wirken
|
||||
können – nicht einmal in »totalen« Organisationen wie
|
||||
einem Gefängnis. Die Interaktionsstrukturen zwischen
|
||||
einer sich ständig entwickelnden Persönlichkeit und den
|
||||
umgebenden sozialen Strukturen lassen es allenfalls zu,
|
||||
dass die Entwicklung einer bestimmten individuellen
|
||||
»Disposition« (als typischer und stabiler Eigenschaft einer
|
||||
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|
||||
Person) mehr oder weniger wahrscheinlich angenommen
|
||||
werden kann, also in einem statistisch bestimmbaren
|
||||
Ausmaß mit einer bestimmten Häufigkeit auftritt.
|
||||
Solche probabilistischen (also
|
||||
wahrscheinlichkeitsorientierten) Aussagen sind aber
|
||||
wohlgemerkt keine eindeutigen Festlegungen. Hiergegen
|
||||
sprechen die prinzipielle Entwicklungsoffenheit und damit
|
||||
ein spezifisch menschlicher Faktor der
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung. Denn: Schon kleine
|
||||
Unterschiede in den Lebensbedingungen einer Person
|
||||
können einen Reflexionsvorgang in Gang setzen, die die
|
||||
Person von den Selbstverständlichkeiten ihrer
|
||||
Lebensführung »entfremdet«. Sozialisation hat viel mit
|
||||
diesen Prozessen zu tun, in denen Lebensbedingungen
|
||||
nicht nur eine bestimmte Prägewirkung auf die Person
|
||||
ausüben, sondern mitunter auch einen Stimulus aussenden,
|
||||
sich von diesen Lebensbedingungen zu befreien.
|
||||
In seinem biografischen Rückblick zeigt der Soziologe
|
||||
Didier Eribon (2016), wie selbstverständlich er sich als
|
||||
Sohn einer Arbeiterfamilie in ein proletarisches Milieu der
|
||||
1960er und 70er Jahre hinein sozialisierte. Dazu gehörte
|
||||
ein bestimmter Männlichkeitskult, ein proletarisches
|
||||
Bewusstsein, die Abwehr von Migration etc. Erst mit der
|
||||
Wahrnehmung und später der Stigmatisierung seiner
|
||||
Homosexualität beginnt für Eribon ein Prozess der
|
||||
Entfremdung, der auch als Emanzipation wahrgenommen
|
||||
werden kann. Eribon entfernt sich von seiner Herkunft
|
||||
(sowohl räumlich als auch sozial) und beginnt das
|
||||
Selbstverständliche in Frage zu stellen. Zweifellos ist
|
||||
dieser Vorgang keinesfalls schmerzfrei, im Gegenteil. Die
|
||||
wahrgenommene Krise, die von dem Ausschluss seiner
|
||||
Person aus dem Herkunftsmilieu ausgeht, ist aber der
|
||||
Ausgangspunkt für eine Revision des Erlernten und
|
||||
»Althergebrachten« der Persönlichkeit. Eribon stellt die
|
||||
eigenen Dispositionen in Frage und die erlebte Krise – ein
|
||||
Grundbegriff in den meisten Sozialisationstheorien –
|
||||
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|
||||
beginnt, neue Dynamiken des Lernens und der
|
||||
Realitätsaneignung zu stimulieren.
|
||||
Mit Sozialisation verwandte Begriffe
|
||||
|
||||
Es gibt eine Reihe von wissenschaftlichen Begriffen, die
|
||||
einen ähnlichen konzeptionellen Zugang beinhalten, ohne
|
||||
aber die gleiche Reichweite wie der Begriff der
|
||||
Sozialisation zu haben. Stattdessen beziehen sie sich auf
|
||||
bestimmte Teilbereiche der Sozialisation, weshalb sie als
|
||||
Unterbegriffe zum umfassenden Begriff der Sozialisation
|
||||
betrachtet werden.
|
||||
Der prominenteste ist der Begriff »Bildung«. Das Konzept
|
||||
der Bildung hat eine lange geisteswissenschaftliche
|
||||
Tradition und ist seit über zwei Jahrhunderten ein
|
||||
Kernbestandteil der Pädagogik. In älteren pädagogischen
|
||||
Definitionen wird unter dem Prozess der Bildung die
|
||||
Kultivierung der verschiedenen Facetten von
|
||||
Menschlichkeit verstanden, um an den in einer Gesellschaft
|
||||
üblichen Lebensformen teilhaben zu können. In den
|
||||
philosophisch-pädagogischen Traditionen d©es Idealismus
|
||||
und Neuhumanismus wurde diesem Aspekt eine besondere
|
||||
Bedeutung zugeschrieben, sodass unter Bildung vor allem
|
||||
die Herausformung innerer Werte und die
|
||||
Vervollkommnung der subjektiven Erlebnistiefe in
|
||||
Einsamkeit und Freiheit verstanden wurde. Als wichtigstes
|
||||
Ergebnis der Bildung werden heutzutage die
|
||||
Eigenständigkeit und Selbstbestimmung eines Menschen
|
||||
verstanden, die durch die intensive sinnliche Aneignung
|
||||
und gedankliche Auseinandersetzung mit der
|
||||
ökonomischen, kulturellen und sozialen Lebenswelt
|
||||
entstehen (Adorno 1971, S. 44). Selbstbestimmung setzt
|
||||
den Aufbau von Fähigkeiten der Selbststeuerung voraus,
|
||||
wozu der Erwerb von Wissen und Kompetenzen gehört, die
|
||||
ein eigenständiges Handeln in der sozialen Umwelt
|
||||
erlauben.
|
||||
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|
||||
Bildung ermöglicht ein reflektiertes Verhältnis des
|
||||
Menschen zu sich selbst, sie schützt ihn dadurch gegen
|
||||
soziale und kulturelle Funktionalisierung und sichert somit
|
||||
seine Individualität. Bildung im Sinne von »gebildet sein«
|
||||
beschreibt in diesem Verständnis eine normative (also
|
||||
gewollte) Zielsetzung des Sozialisationsprozesses. Ein
|
||||
Fehler kündigt sich aber an, wenn man den Begriff Bildung
|
||||
so versteht, wie er in der heutigen Debatte über den
|
||||
schulischen Kompetenzerwerb dominiert. Hiernach ist
|
||||
Bildung die reine Anhäufung von Wissensbeständen, die
|
||||
entweder theoretisch oder anwendungsorientiert
|
||||
ausgerichtet sind und nicht immer die Eigenständigkeit des
|
||||
Individuums fördern sollen, sondern seine optimale
|
||||
Einpassung. In dieser Hinsicht ist der neuere
|
||||
Bildungsbegriff eher funktionalistisch ausgerichtet, Bildung
|
||||
ist nicht Selbstzweck, sondern Bestandteil und Funktion
|
||||
des reibungslosen Integrierens in gesellschaftliche Formen
|
||||
der Leistungs- und Arbeitsorientierung.
|
||||
Der Pädagoge Armin Bernhard (2018) zeigt anschaulich,
|
||||
wie die Herausformung des Bildungsbegriffs historisch
|
||||
eingebettet ist: Zuerst ist er in Renaissance und
|
||||
Humanismus (14. und 15. Jahrhundert) ein Kampfbegriff
|
||||
gegen religiöse Mystik, dann Bestandteil der bürgerlichen
|
||||
Befreiungsbewegungen gegen den Feudalismus. Erst in
|
||||
jüngerer Zeit wird Bildung immer mehr als Bestandteil von
|
||||
Prozessen der Ausbildung für die praktische Berufstätigkeit
|
||||
verstanden, wogegen emanzipative Bildungstheorien gegen
|
||||
die Gleichmachung des Individuums in gesellschaftlichen
|
||||
Zwangsstrukturen (etwa in Autokratien oder in einem
|
||||
entfesselten Kapitalismus), also für die Autonomie des
|
||||
Individuums, eintreten.
|
||||
Ein zweiter Begriff, der in einer engen Beziehung zur
|
||||
»Sozialisation« steht, ist »Erziehung«. Dieser Begriff
|
||||
bezeichnet alle gezielten und bewussten Einflüsse auf den
|
||||
Bildungsprozess (Oelkers 2001, S. 24). Als Erziehung
|
||||
werden diejenigen Handlungen bezeichnet, durch die
|
||||
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|
||||
Menschen versuchen, auf die Persönlichkeitsentwicklung
|
||||
anderer Menschen Einfluss zu nehmen. Ebenso wie Bildung
|
||||
ist »Erziehung« damit ein Unterbegriff von Sozialisation.
|
||||
Sozialisation umfasst alle Impulse auf die
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung, unabhängig davon, ob sie
|
||||
geplant und beabsichtigt sind, und auch unabhängig davon,
|
||||
welche Dimension der Persönlichkeitsentwicklung (Wissen,
|
||||
Motive, Gefühle, Bedürfnisse, Handlungskompetenzen)
|
||||
beeinflusst wird. Erziehung hingegen konzentriert sich auf
|
||||
einen Ausschnitt davon, nämlich auf die absichtsvollen
|
||||
Impulse, die meist von Eltern oder Pädagogen in Familie,
|
||||
Kindergarten, Schule und Hochschule ausgehen.
|
||||
Für die Bezeichnung eines gelungenen Prozesses der
|
||||
Sozialisation wird häufig der Begriff »Reifung« verwendet.
|
||||
In psychologischer und pädagogischer Denkweise wird
|
||||
unter der Reife ein Entwicklungsstand der Persönlichkeit
|
||||
gefasst, bei dem ein optimales Maß von
|
||||
Verhaltenssicherheit und sozialer Orientierung erreicht ist,
|
||||
sodass ein Mensch in bestmöglichem Einklang mit seinen
|
||||
persönlichen Ressourcen den Anforderungen der Umwelt
|
||||
gerecht werden kann und zu einer vollen Teilhabe am
|
||||
kulturellen und gesellschaftlichen Leben in der Lage ist.
|
||||
Der Begriff »Reifezeugnis« weist darauf hin, dass in diesem
|
||||
Verständnis der Begriff der Reifung eine Nähe zum Begriff
|
||||
der (geglückten) Bildung, also eine normative Zielsetzung
|
||||
für die Sozialisation vornimmt. Gleichzeitig hat sich der
|
||||
Reifungsbegriff in der biologischen Lesart zu einem
|
||||
Leitbegriff für die von äußerlichen Faktoren unabhängige
|
||||
Entwicklung von Fähigkeiten aller Lebewesen (also auch
|
||||
des Menschen) herausgebildet. Gerade in Verbindung mit
|
||||
einer humangenetischen Lesart in den
|
||||
Entwicklungstheorien bildet dieses Hintergrundverständnis
|
||||
so etwas wie ein Konkurrenz- oder Gegenkonzept zu dem
|
||||
heutigen Sozialisationsverständnis.
|
||||
Die Begriffe »Enkulturation« und »Akkulturation« sind
|
||||
heute nur selten gebräuchlich. Sie lassen sich als
|
||||
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|
||||
Unterbegriffe von Sozialisation verstehen und bezeichnen
|
||||
im besonderen Sinne jene Prozesse, die Menschen zu
|
||||
Mitgliedern einer Kultur machen. Dieser
|
||||
Schwerpunktsetzung, die mit dem Begriff der Kultur
|
||||
verbunden ist, hat folgenden Hintergrund: Jede Kultur
|
||||
stellt über die Gestaltung ihrer sozialen Institutionen und
|
||||
sozialen Umwelten und in Form von sozialen Mustern und
|
||||
Normen »Mitgliedschaftsentwürfe« bereit (Zick 2010).
|
||||
Diese legen fest, welche Vorstellungen, Wünsche,
|
||||
Erwartungen und Merkmale für eine aktive Teilnahme an
|
||||
der Gesellschaft als erforderlich erachtet werden. Weil das
|
||||
Gelingen dieser Form der Teilnahme von der Bereitschaft
|
||||
und Fähigkeit des Individuums abhängt, die eigenen oder
|
||||
mitgebrachten Präferenzen mit denen dominanten Kultur
|
||||
in Übereinstimmung zu bringen, sind Enkulturation und
|
||||
Akkulturation eher die Fachbegriffe, die die Entwicklung
|
||||
des Individuums durch den äußerlichen Druck der
|
||||
gesellschaftlichen Strukturen beschreiben.
|
||||
Schließlich findet sich ein ganzes Bündel an Begriffen,
|
||||
die die individuelle Verfasstheit eines Menschen
|
||||
beschreiben. Hier stehen Seite an Seite die Begriffe
|
||||
»Person«, »Persönlichkeit« und »Individuum«, aber auch
|
||||
»Identität«, »Selbst«, »Akteur« und »Subjekt«. Man kann
|
||||
jeden dieser Begriffe wiederfinden in Abhandlungen, die
|
||||
sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema
|
||||
Sozialisation oder Entwicklung befassen. In ihnen spiegeln
|
||||
sich sehr unterschiedliche wissenschaftliche Traditionen.
|
||||
Manche dieser Begriffe sind eher nüchtern, wenn sie uns
|
||||
Menschen mit ihren Eigenschaften beschreiben (z. B.
|
||||
»Person«), andere sind technisch (»Selbst«, »Akteur«) und
|
||||
einige emphatisch (»Individuum«, »Identität«), wenn sie
|
||||
die Besonderheiten des Menschen beschreiben. In einer
|
||||
modernen sozialisationstheoretischen Perspektive
|
||||
verwischen jedoch viele dieser Unterschiede. Man kann
|
||||
kaum noch genau sagen, ob mit einem dieser Begriffe
|
||||
wirklich Unterschiede in der Beschreibung angenommen
|
||||
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|
||||
werden oder einfach synonyme Bezeichnungen werden, um
|
||||
nicht ständig den gleichen Begriff zu wiederholen.
|
||||
Die meisten Theorien verfahren auf diese Weise mit der
|
||||
Synonymverwendung. Wahrscheinlich ist dies auch ein
|
||||
»abgesicherter« Modus, damit sie nicht Gefahr laufen, sich
|
||||
mit einer begrifflichen Festlegung aus einer Zuordnung zu
|
||||
etwa der philosophischen oder
|
||||
entwicklungspsychologischen Tradition nicht mehr befreien
|
||||
zu können. So paradox es ist, diese Verfahrensweise des
|
||||
begrifflichen Durcheinanders hat eine gewissen
|
||||
Rationalität. Heute noch mit starken Unterschieden
|
||||
arbeiten zu wollen, die die Perspektive auf uns als
|
||||
menschliche Wesen mit nur einem Begriff anzeigen wollen,
|
||||
ist kaum möglich. Zu sehr sind die Perspektiven
|
||||
miteinander verbunden und zu wenig sind die mit den
|
||||
Begriffen angezeigten Unterschiede überhaupt noch
|
||||
präsent. Der sozialisationstheoretische Fokus auf das
|
||||
Subjekt verträgt diese »Multioptionalität«. Auch in dieser
|
||||
Einführung wird sie praktiziert und nur wenn eine
|
||||
bestimmte Perspektive auf das Subjekt mit einem Begriff
|
||||
erörtert werden soll, wird das in der Beschreibung auch
|
||||
ausdrücklich so angezeigt.
|
||||
Erste Zugänge zum Sozialisationsthema
|
||||
|
||||
Im Zentrum der meisten Zugänge im Sozialisationskontext
|
||||
steht das Beziehungsverhältnis zwischen einem sich
|
||||
entwickelnden Menschen, mit seiner genetischen
|
||||
Ausstattung an Trieben und Bedürfnissen, seinen
|
||||
angeborenen Temperaments- und erworbenen
|
||||
Persönlichkeitsmerkmalen, und den umgebenden
|
||||
gesellschaftlichen Umweltfaktoren. Dieses
|
||||
Beziehungsverhältnis wird als lebenslang und als interaktiv
|
||||
beschrieben, wobei es in diesem Prozess der lebenslangen
|
||||
Interaktion das Subjekt schafft, die Anforderungen an die
|
||||
individuelle Integration in ein soziales Gefüge zu
|
||||
bewältigen und gleichzeitig immer mehr Lern- und
|
||||
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|
||||
Erfahrungswissen auszubilden, das die Individualität
|
||||
fördert. Weil der Sozialisationsprozess damit immer zwei
|
||||
Perspektiven beinhaltet, die des Individuums und die der
|
||||
Gesellschaft, haben die meisten Definitionen von
|
||||
Sozialisation typischerweise einen engen Bezug zu
|
||||
entweder eher soziologischen oder eher psychologischen
|
||||
Basistheorien, ohne die der Sozialisationsbegriff heute
|
||||
nicht seine typischen Konturen hätte.
|
||||
Die psychologischen Ansätze beschäftigen sich in erster
|
||||
Linie mit der Auseinandersetzung des Individuums mit
|
||||
seiner inneren Realität im Prozess des Lernens, der
|
||||
Problembewältigung oder Entwicklung. Sie analysieren, in
|
||||
welchen Stufen und Phasen sich die menschliche
|
||||
Persönlichkeit ausbildet, wie die Fähigkeiten zum
|
||||
Wahrnehmen, Denken und Handeln entstehen und wie sie
|
||||
sich bei Übergängen von einem Lebensabschnitt zum
|
||||
nächsten sowie in Krisen- und Spannungssituationen
|
||||
verändern. Sie werden in den letzten Jahren zunehmend
|
||||
durch neurobiologische und manchmal auch
|
||||
humangenetische Ansätze ergänzt.
|
||||
Die soziologischen Zugänge konzentrieren sich hingegen
|
||||
auf die äußere Realität. Sie analysieren die Strukturen der
|
||||
menschlichen Persönlichkeit, die in der
|
||||
Auseinandersetzung mit den Anforderungen der
|
||||
Gesellschaft entstehen, etwa die Fähigkeit, die
|
||||
vorherrschenden Werte, Normen und Verhaltensmuster zu
|
||||
übernehmen und sich sozialen Gruppen und
|
||||
Organisationen anzuschließen. Der soziologische Zugang
|
||||
ist also auch auf das Individuum gerichtet, er betont aber
|
||||
deutlicher den Anforderungscharakter der sozialen
|
||||
Strukturen, in denen sich ein Mensch entwickelt und seine
|
||||
Bedürfnisse ausbildet.
|
||||
Der soziologische Sozialisationsbegriff ist älter als sein
|
||||
psychologisches Pendant. Der Grund hierfür ist, dass die
|
||||
soziologischen Ansätze früh an Diskussionsstränge der
|
||||
Sozialphilosophie anschließen, die im 19. Jahrhundert noch
|
||||
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|
||||
die Debatte über das Soziale beherrschten. Wie Dieter
|
||||
Geulen (1991, S. 21) in seinem Überblick über die
|
||||
Geschichte der Sozialisationstheorie herausgearbeitet hat,
|
||||
wird der Begriff »Sozialisation« zwar in enzyklopädischen
|
||||
Werken schon seit dem frühen 19. Jahrhundert benutzt, in
|
||||
einer wissenschaftlichen Abhandlung aber erstmalig im
|
||||
Jahr 1896, und zwar vom amerikanischen
|
||||
Sozialphilosophen Edward A. Ross.
|
||||
Der deutsche Sozialphilosoph Georg Simmel (1858–1918)
|
||||
und der französische Soziologe Emile Durkheim (1858–
|
||||
1917) haben kurz darauf erste, durchaus ähnliche
|
||||
Definitionen des Sozialisationsbegriffs vorgenommen. Bei
|
||||
seiner Untersuchung des Übergangs von einfachen zu
|
||||
arbeitsteilig organisierten Industriegesellschaften stellte
|
||||
sich Durkheim die Frage, wie in komplexen Strukturen
|
||||
soziale Integration hergestellt werden kann. Seine Antwort:
|
||||
Nur wenn alle Gesellschaftsmitglieder die Normen und
|
||||
Zwangsmechanismen verinnerlichen, wenn die Gesellschaft
|
||||
gewissermaßen in sie eindringt und ihre Persönlichkeit von
|
||||
innen her organisiert. Das menschliche Individuum ist nach
|
||||
dieser Vorstellung triebhaft, egoistisch und asozial und
|
||||
wird erst durch den Prozess der Sozialisation
|
||||
gesellschaftsfähig. Diesen Prozess der »Vergesellschaftung
|
||||
der menschlichen Natur« nennt er »Sozialisation«
|
||||
(Durkheim 1972).
|
||||
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen diese beiden
|
||||
Ansätze für einen Aufbruch der soziologischen Theorie in
|
||||
Richtung einer Persönlichkeits- und Erziehungstheorie und
|
||||
gaben wichtige Impulse für die interdisziplinäre Forschung.
|
||||
Durch Simmel und Durkheim teilweise mit angestoßen,
|
||||
teilweise unabhängig von ihrem Werk, sind in
|
||||
verschiedenen Theorien der Psychologie und der Soziologie
|
||||
Konzepte der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen in
|
||||
einer sich verändernden gesellschaftlichen Umwelt
|
||||
entfaltet worden. Diese werden in den Kapiteln zur
|
||||
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||||
soziologischen und psychologischen Propädeutik (im
|
||||
Großabschnitt II.) vorgestellt.
|
||||
Die Weiterentwicklung des Sozialisationsbegriffs
|
||||
|
||||
Die Definition von Sozialisation als »Vermittlung der
|
||||
Gesellschaftsstruktur in das Innere des Individuums«
|
||||
reflektierte die Etablierung der arbeitsteiligen
|
||||
Industriegesellschaften (Baumgart 1997, S. 32). Diese
|
||||
Sichtweise des Zusammenhangs von Persönlichkeits- und
|
||||
Gesellschaftsentwicklung war durch die damalige
|
||||
historische Konstellation beeinflusst (Fend 1969;
|
||||
Goslin 1969; Münch 1988).
|
||||
Heutige hoch entwickelte Gesellschaften sind keine
|
||||
Industriegesellschaften mehr. Sie sind zu komplexen
|
||||
Dienstleistungsgesellschaften geworden, die durch eine
|
||||
große Vielfalt von sozialen und kulturellen Lebensformen
|
||||
und durch ein komplexes Zusammenspiel von
|
||||
eigenständigen Organisationen und Systemen
|
||||
gekennzeichnet und weltweit miteinander verbunden sind.
|
||||
Eine soziale Integration, die im Sinne Durkheims den
|
||||
Gesellschaftsmitgliedern durch psychisch fest implantierte
|
||||
Wert- und Symbolsysteme quasi aufgezwungen wird, ist
|
||||
nicht mehr funktional, zumal nationale Gesellschaften
|
||||
durch ihre internationale Verflechtung nur noch zum Teil
|
||||
staatlich organisierte und überschaubare
|
||||
Kulturgemeinschaften sind. Die sozialen und kulturellen
|
||||
Bindungskräfte, die noch zu Zeiten Durkheims für die
|
||||
soziale Integration in die Gesellschaft des Nationalstaates
|
||||
sorgten, schwächen sich demnach der Tendenz nach ab,
|
||||
wenn auch neue Zwänge berücksichtigt werden müssen,
|
||||
die zu Zeiten Durkheims nicht absehbar waren.
|
||||
Der von Simmel und Durkheim zugrunde gelegte Begriff
|
||||
von Sozialisation als »Vergesellschaftung der menschlichen
|
||||
Natur« muss entsprechend weiterentwickelt werden, da
|
||||
moderne Gesellschaften nur mit selbstständigen
|
||||
Persönlichkeiten funktionieren können. Entsprechend wird
|
||||
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|
||||
von jedem Gesellschaftsmitglied nicht die mechanische und
|
||||
»außengeleitete« Internalisierung von sozialen Regeln
|
||||
verlangt, sondern eine flexible, sensibel auf soziale
|
||||
Bedingungen Rücksicht nehmende, »innengeleitete«
|
||||
Selbstorganisation der eigenen Wertvorstellungen und
|
||||
Handlungen (Faulstich-Wieland 2000, S. 34; Veith 1996,
|
||||
2008 Zimmermann 2011).
|
||||
Auf diese Veränderung haben heutige soziologische und
|
||||
psychologische Theorien reagiert und neue Konzepte für
|
||||
das Verständnis des Zusammenhangs von menschlicher
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung (Ontogenese) und
|
||||
Gesellschaftsentwicklung (Phylo- oder Soziogenese)
|
||||
vorgelegt. Trotz erheblicher Unterschiede zwischen den
|
||||
einzelnen Theorien besteht dabei die weitgehende
|
||||
Übereinstimmung darüber, dass Sozialisation nicht mehr in
|
||||
erster Linie über das Erlernen sozialer Rollenmuster und
|
||||
die Verinnerlichung gesellschaftlicher Normen erfolgt,
|
||||
sondern als selbsttätige und selbstorganisierte Aneignung
|
||||
von kulturell und sozial vermittelten Umweltangeboten.
|
||||
Dennoch ist eine Kernidee des Konzeptes »Sozialisation«,
|
||||
wie sie von Simmel und Durkheim ursprünglich formuliert
|
||||
wurde, erhalten geblieben: Sozialisation ist
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung im sozialen und kulturellen
|
||||
Kontext und eine Form der stets spannungsreichen
|
||||
Konstruktion der Biografie und der Behauptung der
|
||||
Identität in der Umwelt im teilweisen Widerspruch zur
|
||||
»ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft« (Dahrendorf 1977).
|
||||
Die Diskussion über die notwendige Neufassung des
|
||||
Sozialisationsbegriffs setzte mit vollem Schwung in den
|
||||
1960er Jahren ein, damals verbunden mit der
|
||||
gesellschaftspolitischen These, dass Sozialisation und
|
||||
Erziehung das erhebliche Ausmaß an
|
||||
Verteilungsungleichheiten bedingen: Es kam zu scharfen
|
||||
wissenschaftlichen und öffentlichen Kontroversen über das
|
||||
Verhältnis von erzwungener Vergesellschaftung und freier
|
||||
Individualisierung. Während der Studierendenunruhen von
|
||||
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|
||||
1968 wurden die theoretischen Positionen immer weiter
|
||||
zugespitzt, denn mehr und mehr wuchs das Bedürfnis,
|
||||
nicht nur ein Modell für die erfolgreiche Anpassung des
|
||||
Individuums, sondern vor allem für seine autonome
|
||||
Entwicklung zu erhalten (Geulen 1973, 1991, S. 39;
|
||||
Mühlbauer 1980; Walter 1973).
|
||||
Sozialisation als Interaktion
|
||||
|
||||
Der zu dieser Zeit erreichte Stand der Diskussion wurde in
|
||||
dem umfassenden, interdisziplinär angelegten ersten
|
||||
»Handbuch der Sozialisationsforschung« zusammengefasst
|
||||
(Hurrelmann/Ulich 1980). Die in diesem Handbuch
|
||||
vorgestellte Definition von Sozialisation als »Prozess der
|
||||
Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in
|
||||
wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich
|
||||
vermittelten sozialen und materiellen Umwelt«
|
||||
(Geulen/Hurrelmann 1980, S. 51) fand großen Anklang und
|
||||
wirkt noch bis heute in der wissenschaftlichen Diskussion
|
||||
nach.
|
||||
Als diese Definition wenige Jahre später durch das
|
||||
»Modell des produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts«
|
||||
(Hurrelmann 1983) ergänzt wurde, lag eine
|
||||
erkenntnisleitende Heuristik (also eine Matrix des
|
||||
wissenschaftlichen Denkens) vor, die Raum für die
|
||||
Berücksichtigung der Bedeutung des Subjektiven ließ. Ihr
|
||||
Credo war: Wenn das gesamte Gesellschaftliche und seine
|
||||
Dynamiken begriffen werden soll, muss der Blick auch auf
|
||||
das Individuum fallen. Das Individuum stellt einen
|
||||
wesentlichen Kristallisationskern dar, weil soziale
|
||||
Strukturen durch Sozialisation Wirkung auf die
|
||||
Entwicklung eines Menschen haben, diese Menschen aber
|
||||
gleichzeitig Gestalter des Gesellschaftlichen werden,
|
||||
soziale Strukturen also selbst wieder herstellen (und
|
||||
verändern). Diese Erkenntnis markierte den Start einer
|
||||
Diskussion, in der die Psychologie und in den letzten
|
||||
zwanzig Jahren auch die neurowissenschaftlichen
|
||||
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|
||||
Disziplinen im Diskurs über Sozialisation eine Rolle spielen
|
||||
konnten.
|
||||
Die Einführung wird die hier vorgezeichneten Linien
|
||||
weiterverfolgen. Dabei stehen sowohl eine Vertiefung der
|
||||
schon genannten Inhalte als auch die Weiterführung der
|
||||
sozialisationstheoretischen Diskussion bis in die Jetztzeit
|
||||
im Mittelpunkt. Das Modell der produktiven
|
||||
Realitätsverarbeitung hat seit seiner Entstehung versucht,
|
||||
innerhalb der vorhandenen Theorien und
|
||||
Forschungsbefunde eine bestimmte Verortung des Blickes
|
||||
auf Sozialisation vorzunehmen. Hierzu gehört auch ein
|
||||
definitorischer Zugriff. Dieser beinhaltet, dass Sozialisation
|
||||
einen Interaktionsprozess bezeichnet, der das gesamte
|
||||
Leben erfasst und die Beziehung zwischen der sich
|
||||
entwickelnden Persönlichkeit und den umgebenden
|
||||
sozialen und materiellen Strukturen einschließt. Aus dieser
|
||||
Perspektive wird die Persönlichkeitsentwicklung als eine
|
||||
ständige Interaktion zwischen dem Individuum und den
|
||||
umgebenden gesellschaftlichen Bedingungen verstanden.
|
||||
Diese Interaktionserfahrungen werden aktiv und produktiv
|
||||
verarbeitet und dabei sowohl mit den inneren körperlichen
|
||||
und psychischen als auch mit den äußeren sozialen und
|
||||
physischen Gegebenheiten austariert.
|
||||
Interaktionsprozesse, in denen sich ein Mensch über die
|
||||
gesamte Lebensspanne hinweg befindet, sind ein Modus
|
||||
der Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen. Diese
|
||||
Interaktionsprozesse können eine bestimmte Entwicklung
|
||||
der Persönlichkeit wahrscheinlich machen, nicht aber (wie
|
||||
schon argumentiert) eindeutig festlegen. Eine analytische
|
||||
Perspektive muss darum immer von den
|
||||
Wahrscheinlichkeiten ausgehen, die durch Einbindung in
|
||||
typische Interaktionsstrukturen bedingt sind. Hierzu gehört
|
||||
der Einfluss von Lebenswelten oder der Wohnumfelder,
|
||||
aber natürlich auch das Einkommen oder der Bildungsgrad
|
||||
im familialen Netzwerk. Sie alle können Einfluss nehmen
|
||||
auf die Entwicklung einer einzelnen Persönlichkeit. Sie
|
||||
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|
||||
können aber auch Individuierungs- und
|
||||
Abweichungseffekte erzeugen (so das beschriebene
|
||||
Beispiel des Soziologen Eribon im Rückblick auf seine
|
||||
eigene Lebensgeschichte).
|
||||
In den folgenden Kapiteln geht um die generelle
|
||||
Verortung eines theoretischen Blickwinkels und auch um
|
||||
eine umfassende Gesamtschau der Erkenntnisse der
|
||||
Sozialisationsforschung. In den Kapiteln 2 und 3 wird eine
|
||||
Übersicht über soziologische und psychologische
|
||||
Basistheorien der Sozialisation gegeben. Hierbei wird von
|
||||
einem Kapitel zur soziologischen und psychologischen
|
||||
Propädeutik gesprochen, weil Basis- und Lehrbuchtheorien
|
||||
der Sozialisationsforschung vorgestellt werden.
|
||||
Im engeren Sinne ist als Propädeutik die Einführung in
|
||||
Terminologie und Grundlagen einer Wissenschaft zu
|
||||
verstehen. Diese ist durchaus nötig und spielt in der
|
||||
Einführung von Beginn an eine große Rolle. Sie erschien
|
||||
zum ersten Mal im Jahr 1986 und vermittelte einen
|
||||
systematischen Überblick über das damals noch sehr junge
|
||||
Gebiet der Sozialisationstheorien. Es hatte sich in den
|
||||
1960er und 1970er Jahren sehr schnell entwickelt und war
|
||||
durch ein breites, kontroverses Spektrum von
|
||||
theoretischen Ansätzen gekennzeichnet. Auf der einen
|
||||
Seite standen soziologische Positionen, die von einer
|
||||
starken Beeinflussung der Persönlichkeit eines Menschen
|
||||
durch gesellschaftliche Bedingungen ausgingen. Die
|
||||
Gegenposition bildeten psychologische Theorien mit der
|
||||
Annahme, eine Persönlichkeit entwickelte sich durch
|
||||
innere Antriebe.
|
||||
Mit der Einführung wurde das erste Mal versucht, die
|
||||
Gräben zu überbrücken und eine umfassendere Sichtweise
|
||||
auf Sozialisation zu entwickeln. Es ging darum,
|
||||
Vorstellungen der gesellschaftlichen Determination der
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung ebenso zu überwinden wie
|
||||
solche der naturgesetzlich bestimmten organischen und
|
||||
psychischen Reifung. Auf diese Weise wurde eine
|
||||
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|
||||
interdisziplinäre Sichtweise von Sozialisation begründet,
|
||||
die sich an einer über den Einzeltheorien angesiedelten
|
||||
Konzeption orientieren, die als Modell der produktiven
|
||||
Realitätsverarbeitung bezeichnet wurde. Dieser Ansatz ist
|
||||
bis heute aktuell und findet Eingang in die
|
||||
Biografieforschung, die Kindheits- und Jugendforschung
|
||||
sowie die Bildungs- oder Familienforschung. Im Laufe der
|
||||
Jahre ist die biologische Seite der Sozialisation sogar
|
||||
stärker als zuvor in der neurowissenschaftlichen Debatte
|
||||
oder der Genetik verhandelt worden. Durch diese
|
||||
Ergänzungen und Verbreiterungen im Diskurs hat die
|
||||
interdisziplinäre Sichtweise von Sozialisation laufend
|
||||
Zugewinne gemacht. Damit hat auch das »Modell der
|
||||
produktiven Realitätsverarbeitung« (in der Einführung ab
|
||||
jetzt abgekürzt als MpR) viele Anpassungen vorgenommen
|
||||
und neuere Erkenntnisse integriert.
|
||||
Die nachfolgenden Ausführungen der Abschnitte 1.3 bis
|
||||
1.5 sollen für die Darstellung im Buch einen
|
||||
zusammenfassenden Überblick anbieten. Dieser Überblick
|
||||
ist grob, aber auch nur für eine erste Annäherung und
|
||||
Orientierung gedacht. Er erfüllt die Funktion eines
|
||||
»Teasers« in Einführung in die Sozialisationstheorie. Darin
|
||||
werden zunächst die »klassischen« Positionen der
|
||||
Sozialisationsforschung dargestellt, die sich auf die
|
||||
soziologische und psychologische Traditionslinie beziehen.
|
||||
Danach wird das MpR in der Kurzfassung des Überblicks
|
||||
über die 10 Prinzipien dargestellt.
|
||||
|
||||
1.3
|
||||
|
||||
Die soziologische Propädeutik im Überblick
|
||||
|
||||
Wenn man sich einen Überblick zur soziologischen
|
||||
Propädeutik in der sozialisationstheoretischen Diskussion
|
||||
verschaffen möchte, stößt man auf die große Nähe der
|
||||
Entwicklung der soziologischen und der
|
||||
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|
||||
sozialisationstheoretischen Perspektive. Sieht man die
|
||||
Soziologie als junge Disziplin, die sich erst im 19.
|
||||
Jahrhundert vor allem aus der Philosophie heraus
|
||||
entwickelte, kann man sogar sagen, dass das
|
||||
Sozialisationsthema an der Wiege der Soziologie stand. Die
|
||||
Annahme, dass Menschen durch ihre Umwelt
|
||||
gesellschaftlich geformt werden, ist so etwas wie die
|
||||
Grundbedingung des Denkens über das Zusammenleben in
|
||||
Gesellschaften. Es ist die Frage danach, wie der Mensch
|
||||
als »Subjekt« – als erlebendes, denkendes und handelndes
|
||||
Individuum – den materiellen, sozialen und kulturellen
|
||||
»Objekten« seiner Umwelt gegenübertritt und sich neben
|
||||
ihnen behauptet.
|
||||
Tabelle 1 gibt einen Überblick zu den soziologischen
|
||||
Theorien, die in der Sozialisationstheorie als Propädeutik
|
||||
betrachtet werden und nach denen sich die Darstellung
|
||||
auch in unserer Einführung richtet. Die spätere Lektüre
|
||||
wird viele Einzelfragen zu diesen Ansätzen aufnehmen und
|
||||
sie ausführlich in die Diskussion ihrer Zeit stellen. An
|
||||
dieser Stelle sollen ein paar erste Stichworte genügen, um
|
||||
Theorieansätze, Namen und Begriffe langsam einzuordnen.
|
||||
|
||||
Frühe Ansätze der soziologischen Theorie
|
||||
Socialisierung
|
||||
|
||||
Vergesellschaftung bedeutet,
|
||||
die soziale Gesamtheit in die
|
||||
individuelle Persönlichkeit
|
||||
aufzunehmen
|
||||
|
||||
Socialisation méthodique Internalisierung des Sozialen
|
||||
als Voraussetzung für soziale
|
||||
Kohäsion in komplexen
|
||||
Gesellschaften
|
||||
Gesellschaftstheoretische Ansätze
|
||||
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|
||||
Materialistische
|
||||
Gesellschaftstheorie
|
||||
|
||||
Erster strukturalistischer
|
||||
Ansatz. Der Mensch ist
|
||||
produktiv durch
|
||||
Naturbearbeitung, soziale
|
||||
Realitäten formen das
|
||||
Individuum
|
||||
|
||||
Kritische
|
||||
Gesellschaftstheorie
|
||||
|
||||
Erster interdisziplinärer
|
||||
Ansatz. Der Blick auf das
|
||||
Subjekt wird durch Trieblehre
|
||||
und Psychologie intensiviert
|
||||
|
||||
Strukturfunktionalistische Gesellschaftliche Teilsysteme
|
||||
Systemtheorie
|
||||
durchringen einander,
|
||||
Sozialisation ist das Erlernen
|
||||
von Rollen
|
||||
Soziale Systemtheorie
|
||||
|
||||
Selbstsozialisation als
|
||||
Eigenleistung des
|
||||
psychischen Systems, Bruch
|
||||
mit Verständnis von
|
||||
Sozialisation als Prägung
|
||||
|
||||
Praxeologie
|
||||
|
||||
Erweiterter Praxisansatz,
|
||||
Überwindung des
|
||||
Gegensatzes von
|
||||
strukturalistischem und
|
||||
konstruktivistischem Denken
|
||||
|
||||
Handlungstheoretische Ansätze
|
||||
Symbolischer
|
||||
Interaktionismus
|
||||
|
||||
Modell unterschiedlicher
|
||||
psychischer Instanzen,
|
||||
Sprache als soziale Praxis,
|
||||
Identitätsbildung durch
|
||||
Zuschreibungen
|
||||
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|
||||
Kommunikative
|
||||
Kompetenz
|
||||
|
||||
Entwicklung der kritischen
|
||||
Rollentheorie, die Ausbildung
|
||||
einer Ich-Identität als
|
||||
gesellschaftliches Autonomiezu fördern
|
||||
|
||||
Sozialkonstruktivismus
|
||||
|
||||
Novizen lernen Werte und
|
||||
Bedeutungszuschreibungen,
|
||||
Sozialisation ist das Verstehen
|
||||
von
|
||||
Wirklichkeitskonstruktionen
|
||||
|
||||
Sozialisatorische
|
||||
Interaktion
|
||||
|
||||
Durch sozialisatorische
|
||||
Interaktion sind
|
||||
Heranwachsende mit
|
||||
krisenhaften
|
||||
Herausforderungen des
|
||||
Verstehens konfrontiert
|
||||
|
||||
Dimensionen
|
||||
sozialer Identität
|
||||
|
||||
Das Differenzerleben von
|
||||
sozialer und persönlicher
|
||||
Identität ist die Basis für das
|
||||
Empfinden der Ich-Identität
|
||||
|
||||
Tab. 1: Soziologische Theorien der Sozialisation im Überblick.
|
||||
Frühe Theorien der Sozialisation
|
||||
|
||||
Für die soziologisch orientierte Forschung stand lange Zeit
|
||||
die Frage im Vordergrund, welche Einstellungen und
|
||||
Verhaltensweisen eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern
|
||||
verlangen muss, um den nötigen sozialen Zusammenhalt zu
|
||||
sichern, allen gleiche Rechte einzuräumen und die
|
||||
öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Für Emile
|
||||
Durkheim, dem ersten Inhaber eines Lehrstuhls für
|
||||
Soziologie in Frankreich, gilt diese Frage als Bedingung für
|
||||
die Aufrechterhaltung gesellschaftlichen Zusammenhalts.
|
||||
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|
||||
Er fordert eine »Socialisation méthodique« (eine Art
|
||||
methodische Sozialisation). Für Georg Simmel, seinem
|
||||
deutschen Pendant, ist »Socialisierung« der Vorläufer für
|
||||
das spätere Fachwort »Sozialisation«, das er ähnlich wie
|
||||
Durkheim herleitet. Für Simmel wie Durkheim ist die
|
||||
Sozialisationsbedingung ein wesentlicher Faktor für das
|
||||
»Gelingen« einer Gesellschaft, die ihre traditionellen Gleise
|
||||
verlässt.
|
||||
In der frühen Soziologie wurde darüber nachgedacht, wie
|
||||
die »Sozialmachung« der Gesellschaftsmitglieder erfolgt.
|
||||
Wie Dieter Geulen (1991) erstmals in seinem Überblick
|
||||
über die Geschichte der Sozialisationstheorie
|
||||
herausgearbeitet hat, wird in diesem Zusammenhang schon
|
||||
seit dem frühen 19. Jahrhundert der Begriff »Sozialisation«
|
||||
verwendet, was sich anhand des enzyklopädischen »Oxford
|
||||
Dictionary of the English Language« aus dem Jahr 1828
|
||||
dokumentieren lässt. Dort wird »to socialize« definiert als
|
||||
»to render social, to make fit for living in society«.
|
||||
Allmählich setzte sich der Begriff dann bis zum Ende des
|
||||
19. und sehr intensiv ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts
|
||||
durch (Veith 1996). Dieser Strang ist in den soziologischen
|
||||
Gesellschaftstheorien besonders gut abgebildet. Obwohl
|
||||
damit Sozialisation eine Grundbedingung des Denkens über
|
||||
das Soziale wurde, war das Detailwissen darüber, was als
|
||||
Sozialisation zu verstehen ist, wenig ausgebildet. Dazu
|
||||
gehörte auch die Frage, ob Sozialisation noch die
|
||||
Möglichkeit offen ließ, dass Menschen sich von ihren
|
||||
gesellschaftlichen Integrationsverhältnissen frei machen
|
||||
und Individualität und Autonomie ausbilden können.
|
||||
Gesellschaftstheoretische Ansätze
|
||||
|
||||
Die Spannung von Individuum und Gesellschaft, von
|
||||
Integration als »zur Gesellschaft dazuzugehören« und
|
||||
Individuation als »eine einzigartige Persönlichkeit zu sein«,
|
||||
ist in der soziologischen Diskussion der Folgezeit immer
|
||||
deutlicher wahrzunehmen. Sie ist mit der Veränderung des
|
||||
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|
||||
ökonomischen und politischen Lebens durch die
|
||||
Umwälzung gesellschaftlicher Strukturen im Zuge der
|
||||
Industrialisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu
|
||||
einem bedeutenden Thema geworden. Gesellschaften
|
||||
wurden immer komplexer, weil nicht mehr alle Tätigkeiten
|
||||
des täglichen Lebens unter einem Dach ausgeübt, sondern
|
||||
arbeitsteilig zwischen Familie, Fabrik und
|
||||
gesellschaftlicher Öffentlichkeit aufgeteilt werden. Jeder
|
||||
Mensch spielt zunehmend mehr und vor allem sehr
|
||||
differenzierte Rollen in ebenso unterschiedlichen
|
||||
Kontexten. Damit wurde die Frage immer drängender, wie
|
||||
trotz dieser Differenzierungen ein gesellschaftliches
|
||||
Zusammenleben möglich sein kann. Alle Theorien, die im
|
||||
19. und 20. Jahrhundert als »Gesellschaftstheoretische
|
||||
Ansätze« auf diese Problematik reagieren, sind in der
|
||||
Soziologie heute noch bekannt. Sie reichen von Karl Marx
|
||||
bis zu Pierre Bourdieu. Ihre Stichworte sind in der Tabelle 1
|
||||
genannt.
|
||||
In den gesellschaftstheoretischen Ansätzen wurde
|
||||
Sozialisation vorausgesetzt, sie ist Bedingung oder Resultat
|
||||
des sozialen Miteinanders. Mit Ausnahme weniger Ansätze
|
||||
erwähnen Gesellschaftstheorien das Thema selten explizit.
|
||||
Sie waren und sind vielmehr so etwas wie die
|
||||
Hintergrundfolie für das Denken über Sozialisation. Mit
|
||||
sehr unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen: Für Marx
|
||||
und die materialistische Gesellschaftstheorie ist es die
|
||||
Annahme der Übermacht der wirtschaftlich-sozialen
|
||||
Strukturen. Für die Kritische Gesellschaftstheorie ist es der
|
||||
Blick auf Innenleben der Menschen, deren Triebleben und
|
||||
Psyche an gesellschaftliche Zwangsverhältnisse angepasst
|
||||
werden und dabei Leiden und Abwehr, das Bedürfnis nach
|
||||
Triebabfuhr und Aggression erzeugen. In der
|
||||
strukturfunktionalistischen und sozialen Systemtheorie
|
||||
dominiert der Blick auf unterschiedliche Funktionssysteme
|
||||
der Gesellschaft, so dass Menschen sich nur noch
|
||||
rollenförmig anpassen und die »Codes« beherrschen
|
||||
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|
||||
müssen, die in ihrem Funktionssystem verwendet werden.
|
||||
In der Praxeologie wird dagegen das erste Mal versucht,
|
||||
das Individuum von zwei Seiten zu verstehen: von seiner
|
||||
durch gesellschaftliche Strukturen geprägten und der
|
||||
individuell autonomen Seite.
|
||||
Handlungstheoretische Ansätze
|
||||
|
||||
Die Öffnung zum Doppelgesicht von Sozialisation vollziehen
|
||||
vor allem die handlungstheoretischen Ansätze. Wie ihr
|
||||
»Etikett« schon andeutet, gehen sie von den Handlungen,
|
||||
also von den kleineren Einheiten aus soziologischer
|
||||
Perspektive aus. Der Grund hierfür ist sehr einfach. In der
|
||||
gesellschaftstheoretischen Diskussion existierte lange Zeit
|
||||
ein Trend zur Sichtbarmachung von Strukturen der
|
||||
Aufrechterhaltung von Stabilität. Sozialisation ist hier nur
|
||||
am Rande entscheidend, weil eine Form der sozialen
|
||||
Einpassung vorausgesetzt wird. Erst die
|
||||
handlungstheoretischen Ansätze gehen über die Annahme
|
||||
hinaus, dass sich das Individuum immer nur passiv einfügt
|
||||
und kritisieren, dass damit der Blick auf Handlungen und
|
||||
das Subjekt, das sich artikuliert und handelt, nicht gewagt
|
||||
wird.
|
||||
Der Begriff Handlung fungiert als Synonym. Damit wird
|
||||
alles aufgenommen, was vom Individuum als »Aktion«
|
||||
(lateinisch »Handlung«) ausgeht und »zwischen«
|
||||
(lateinisch »inter«) Individuen als »Interaktion« erfolgt.
|
||||
Der symbolische Interaktionismus – eine Strömung, die
|
||||
innerhalb der Denkschule des Pragmatismus in den USA
|
||||
schon vor der Mitte des 20. Jahrhunderts zur Ausprägung
|
||||
kommt – betont die Ambivalenzen im Prozess der
|
||||
Sozialisation. Im Mittelpunkt steht hierbei, wie sprachliche
|
||||
Handlungen im Prozess der Sozialisation wirken.
|
||||
Sprachliche Interaktion transportiert Bedeutungen und ist
|
||||
gleichzeitig Medium. Über dieses stellen sich
|
||||
Interaktionsprozesse her und diese haben immer bereits
|
||||
einen sozialisatorischen Charakter.
|
||||
36
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|
||||
Hieran knüpft auch der Ansatz der kommunikativen
|
||||
Kompetenz an, der die europäische und vor allem die
|
||||
deutschsprachige Adaption der Annahmen des
|
||||
symbolischen Interaktionismus darstellt. Er legt Wert auf
|
||||
die Gestaltungsfähigkeit von Sozialisationsprozessen. Noch
|
||||
deutlicher wird der Gestaltungs- und
|
||||
Konstruktionscharakter von Sozialisation in den mit dem
|
||||
Paradigma des Sozialkonstruktivismus verbundenen
|
||||
Ansätzen. Sie sind noch mikrologischer und zielen auf den
|
||||
sprachlich vermittelten Lernprozess. Hiernach machen
|
||||
Menschen im Prozess der Sozialisation nicht Erfahrungen
|
||||
mit der »tatsächlichen« Wirklichkeit, sondern mit der
|
||||
durch Sprache vermittelten, sozial konstruierten
|
||||
Wirklichkeit. An dem Beispiel, wie wir über sprachliche
|
||||
Interaktionen lernen, wie sich ein Mädchen (lieblich,
|
||||
freundlich, emotional) oder Junge (stolz, wild, kühl) zu
|
||||
verhalten hat, wird der Wert einer Perspektive deutlich, die
|
||||
nach den Bedeutungszuschreibungen fragt.
|
||||
Der Ansatz der sozialisatorischen Interaktion baut
|
||||
hierauf auf, fügt aber noch die neue Komponente hinzu,
|
||||
wonach Lernen immer mit Krisenerfahrungen verbunden
|
||||
ist und darum an kognitive Prozesse des Aufschichtens und
|
||||
des Umbaus von Erfahrungen gekoppelt. Dass durch
|
||||
Krisenerfahrungen auch die Störungsanfälligkeit des
|
||||
Individuums berührt wird, ist der Zugang der Theorien zur
|
||||
sozialen Identität in der Sozialisationsforschung. Sie gehen
|
||||
davon aus, dass viele verschiedene Anforderungen in
|
||||
unterschiedlichen Handlungsbereichen bewirken, dass
|
||||
Stabilität nur dann entsteht, wenn die
|
||||
Handlungsherausforderungen bewältigt und in eine
|
||||
einheitlich Identitätsformation integriert werden können.
|
||||
|
||||
1.4
|
||||
|
||||
Die psychologische Propädeutik im
|
||||
Überblick
|
||||
39
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|
||||
Anders als die soziologische Propädeutik ist die
|
||||
psychologische Grundlagenliteratur konzentrierter auf die
|
||||
Individualperspektive. Sie hat gerade deswegen eine
|
||||
besondere Relevanz für die Sozialisationsthematik. Sowohl
|
||||
in den Persönlichkeits- als auch den Entwicklungs- und
|
||||
Lerntheorien sind explizite Annahmen formuliert, die in der
|
||||
Sozialisationsforschung eine hohe Relevanz beanspruchen
|
||||
können, weil sie die Mikroperspektive ausleuchten. Damit
|
||||
entsteht eine gewisse Ähnlichkeit zu den
|
||||
Handlungstheorien, obwohl vollkommen andere
|
||||
theoretische und empirische Zugänge gewählt wurden. Die
|
||||
psychologische Perspektive ist nur unwesentlich kürzer in
|
||||
der sozialisationstheoretischen Diskussion präsent. Wir
|
||||
können eine Wirkungsgeschichte erkennen, die zu Beginn
|
||||
des 20. Jahrhunderts einsetzt. In den vergangenen rund
|
||||
einhundert Jahren haben sich aber auch in der
|
||||
psychologischen Propädeutik die Leitmotive der
|
||||
Betrachtung der menschlichen Entwicklung kontinuierlich
|
||||
verändert.
|
||||
Tabelle 2 gibt einen Überblick zu den maßgeblichen
|
||||
psychologischen Theorien, die innerhalb der
|
||||
Sozialisationsforschung Anschluss gefunden haben.
|
||||
|
||||
Frühe psychologische Ansätze
|
||||
Ursprünge der
|
||||
Psychoanalyse
|
||||
|
||||
Menschen werden durch Kultur
|
||||
im Zusammenspiel mit den
|
||||
biologischen Trieben geprägt
|
||||
|
||||
Ursprünge der
|
||||
Lerntheorie
|
||||
|
||||
Lernern erfolgt durch das
|
||||
Zusammenspiel von Reiz und
|
||||
Reaktionen, das Bewusstsein
|
||||
eines Menschen spielt keine
|
||||
Rolle
|
||||
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|
||||
Persönlichkeitstheorien
|
||||
Psychoanalytische
|
||||
Theorie
|
||||
|
||||
Das Soziale kanalisiert die
|
||||
biologischen Anlagen, die
|
||||
Trieblehre wird ausdifferenziert
|
||||
|
||||
Psychosoziale
|
||||
Entwicklungstheorie
|
||||
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung im
|
||||
Stufenmodell, Lebenshasen mit
|
||||
alters- und
|
||||
entwicklungsspezifischen
|
||||
Krisen und Konflikten
|
||||
|
||||
Strukturelle
|
||||
Persönlichkeitstheorien
|
||||
|
||||
Genetische
|
||||
Persönlichkeitsfaktoren:
|
||||
Extraversion, Verträglichkeit,
|
||||
Gewissenhaftigkeit, Emotionale
|
||||
Stabilität, Offenheit
|
||||
|
||||
Lern- und Entwicklungstheorien
|
||||
Kognitive
|
||||
Lernen ist ein Prozess des
|
||||
Entwicklungspsychologie Aufbaus kognitiver Strukturen,
|
||||
Lernen durch Adaption der
|
||||
Wissensstrukturen an die
|
||||
Umwelt
|
||||
Entwicklung des
|
||||
moralischen Urteils
|
||||
|
||||
Stufentheorie moralischer
|
||||
Entwicklung, moralische
|
||||
Autonomie als Leitung einer
|
||||
kognitiven Reflexionsfähigkeit
|
||||
|
||||
Theorie des sozialen
|
||||
Lernens
|
||||
|
||||
Kinder interpretieren Umwelten
|
||||
und lernen Modelle,
|
||||
Selbstwirksamkeitserwartungen
|
||||
entstehen durch Selbstreflexion
|
||||
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|
||||
Theorie der
|
||||
Selbstentwicklung
|
||||
|
||||
Menschen sind Produzenten
|
||||
ihrer eigenen Entwicklung, sie
|
||||
nehmen Umweltbedingungen
|
||||
wahr und gestalten sie
|
||||
|
||||
Sozial-ökologische
|
||||
Entwicklungstheorie
|
||||
|
||||
Mikro-, Meso-, Exo- und
|
||||
Makrosysteme sind
|
||||
unterschiedlich nah an der
|
||||
Person, Systeme sind
|
||||
voneinander abhängig
|
||||
|
||||
Tab. 2. Psychologische Theorien der Sozialisation im Überblick.
|
||||
Frühe Ansätze der Psychologie
|
||||
|
||||
Die frühen Ansätze der Psychoanalyse und der Lerntheorie
|
||||
konzentrieren sich zwar stark auf innerpsychische
|
||||
Dynamiken der Persönlichkeitsentwicklung, sind aber für
|
||||
die Sozialisationstheorie wertvoll. Sie arbeiten heraus, dass
|
||||
die menschliche Persönlichkeitsentwicklung nicht nur von
|
||||
inneren Faktoren beeinflusst wird, die in der Person
|
||||
verankert sind, sondern auch von äußeren,
|
||||
gesellschaftlichen Bedingungen. Dies sind aber auch schon
|
||||
die einzigen Gemeinsamkeiten. Psychoanalyse und
|
||||
Lerntheorie sind als durchaus gegensätzlich zu verstehen.
|
||||
Während die Psychoanalyse (ihr berühmtester Vertreter
|
||||
ist Sigmund Freud) früher etabliert ist, sind die
|
||||
lerntheoretischen Ansätze nachfolgend, man kann sie aber
|
||||
nur sehr eingeschränkt als direkte »Nachfolge« verstehen,
|
||||
vorherrschend ist der Bruch, der zwischen beiden
|
||||
Denktraditionen gesehen werden muss. Interessant ist, mit
|
||||
welcher Intensität die Debatten der Psychologie ebenso wie
|
||||
der Soziologie schon in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg
|
||||
international geführt wurden. Freud ist ein europäisch
|
||||
ausgebildeter und auf Deutsch publizierender, zunächst
|
||||
medizinisch inspirierter, dann über die Neuropathologie
|
||||
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|
||||
zur Psychologie stoßender Wissenschaftler, dessen
|
||||
Erkenntnisse eine Symbiose darstellen, die in der Zeit der
|
||||
sich etablierenden Wissenschaft der Psyche sicher weniger
|
||||
überraschend sind als es in der Rückschau erscheint. Freud
|
||||
verbindet das Wissen der physiologisch vorgehenden
|
||||
Psychologie mit seinen Vermutungen über das
|
||||
Zusammenspiel der menschlichen Natur (den »Trieben«)
|
||||
mit gesellschaftlichen Einflüssen (dem »Über-Ich«) und der
|
||||
Ausbildung einer Persönlichkeit (dem »Ich«). Freuds
|
||||
zweifellos revolutionäre Erkenntnisse lassen das
|
||||
Individuum im dauernden Spannungsverhältnis dieser drei
|
||||
Kräfte erscheinen und leiten daraus Annahmen über
|
||||
menschliche Handlungen und innerlich erlebt Konflikte ab.
|
||||
Die sich hiergegen entwickelnden psychologischen
|
||||
Lerntheorien sind schon in der Anlage, ihrem Bezug auf
|
||||
das vorhandene Wissen, ihr methodisches Vorgehen und
|
||||
die Konsequenzen fast durchgehend gegensätzlich zu
|
||||
verstehen. John B. Watson ist der Begründer des
|
||||
Behaviorismus, der neben der Psychoanalyse am Beginn
|
||||
der Psychologiegeschichte des 20. Jahrhunderts steht.
|
||||
Watson stammt aus den USA, war ausgebildeter Lehrer und
|
||||
Vertreter der experimentellen Psychologie. Seine
|
||||
Lernexperimente zeigen nicht nur sehr detailliert, wie
|
||||
Lernanreize und Belohnungen Einfluss auf die
|
||||
Lernfähigkeit eines Menschen nehmen. Watson geht sogar
|
||||
so weit zu behaupten, dass menschliches Verhalten immer
|
||||
nur die Reaktion auf Reize aus der Umwelt darstellt.
|
||||
Watson hält damit Menschen für nahezu unendlich
|
||||
veränderbar. Immer abhängig davon, welchen Reizen,
|
||||
Gewohnheiten und Belohnungen sie ausgesetzt sind.
|
||||
Tatsächlich – so die These Watsons – braucht es dann gar
|
||||
nicht mehr die Annahme eines menschlichen Bewusstseins
|
||||
(die große Domäne der Psychoanalyse), alles funktioniert
|
||||
im Denken des Behaviorismus durch den Mechanismus der
|
||||
Reiz-Reaktionsketten.
|
||||
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|
||||
Persönlichkeitstheorien
|
||||
|
||||
Persönlichkeitstheorien tragen zu einer großen
|
||||
Differenzierung im wissenschaftlichen Feld der sich
|
||||
etablierenden Psychologie bei. Freuds eigene Theorie ist
|
||||
hier oft Ausgangspunkt, der aber vielfach weiterbearbeitet
|
||||
wurde. Am bekanntesten sind die Ansätze, die Freuds
|
||||
Denken in Entwicklungs- und Spannungsdynamiken um die
|
||||
Komponente der psychosozialen Entwicklung erweitert
|
||||
haben. Hierzu gehört u. a. der Ansatz des deutschamerikanischen Psychoanalytikers Erik H. Erikson, der als
|
||||
erster ein Modell der stufenförmigen der Persönlichkeit
|
||||
entwickelte.
|
||||
Die neueren psychologischen Ansätze verschieben ihr
|
||||
Gewicht deutlich auf die Wechselwirkung zwischen
|
||||
Individuum und Gesellschaft. Sie sind jeweils darum
|
||||
bemüht, die Mechanismen zu identifizieren, über die
|
||||
äußere, gesellschaftliche Einflüsse auf innere, persönliche
|
||||
Merkmale und Strukturen einwirken. Sie verweisen auf die
|
||||
sozialen und kulturellen Erwartungen der Umwelt, auf die
|
||||
Anforderungen und Anregungen konkreter sozialer und
|
||||
ökologischer Lebensräume und die Möglichkeiten des
|
||||
Menschen, seine Persönlichkeit durch aktive Interaktion
|
||||
mit der sozialen Umwelt selbst zu gestalten. Damit
|
||||
ergänzten sie damals die soziologischen Positionen.
|
||||
Jede der neueren psychologischen Theorien macht
|
||||
deutlich, dass eine Persönlichkeitsentwicklung nicht
|
||||
möglich ist, ohne sich mit den sozialen
|
||||
Umweltbedingungen auseinanderzusetzen und sich ihnen
|
||||
teilweise anzupassen. Gleichzeitig stehen
|
||||
Überschneidungen mit der »Biologie der Persönlichkeit«
|
||||
nicht mehr im Gegensatz zu einer auf die psychosoziale
|
||||
Entwicklung zielenden wissenschaftlichen Diskussion. Die
|
||||
Diskussion über das »Big Five« Modell der
|
||||
Persönlichkeitspsychologie beweist dies. Es geht zum einen
|
||||
davon aus, dass fünf Persönlichkeitseigenschaften
|
||||
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|
||||
(Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit,
|
||||
Emotionale Stabilität, Offenheit) bei allen Menschen in
|
||||
schwächer oder stärkerem Maße vorhanden sind. Zum
|
||||
anderen verweist dieses Modell auf starke genetische
|
||||
Prädispositionen gerade dieser Eigenschaften.
|
||||
|
||||
Lern- und Entwicklungstheorien
|
||||
Einen wirklichen Fortschritt für die Sozialisationstheorien
|
||||
ergeben solche Ansätze, die aus einer psychologischen
|
||||
Perspektive das Thema Lernen und Entwicklung
|
||||
weiterführen. In der Zeit nach dem Weltkrieg wurde die
|
||||
enge Vorstellung der biologisch determinierten
|
||||
Entwicklung oder auch der überdeterminierten
|
||||
Umweltabhängigkeit kontinuierlich aufgeweicht. Die
|
||||
Vorstellung, dass es kein menschliches Bewusstsein gäbe,
|
||||
wurde vollkommen überworfen. Jüngere Ansätze verorten
|
||||
sich heute im kognitiven Paradigma. Die sogenannte
|
||||
kognitive Wende hat den Begriff »Kognition« (von
|
||||
lateinisch »cognoscere« = »erkennen« und
|
||||
»wahrnehmen«) zentral gesetzt, womit alle gedanklichen
|
||||
Prozesse eines Menschen einbezogen werden. Im Sog des
|
||||
kognitiven Paradigmas wird von einer Wechselbeziehung
|
||||
zwischen Person und Umwelt ausgegangen, in der das sich
|
||||
entwickelnde Individuum mit seinen Fähigkeiten der
|
||||
Realitätsaneignung und Realitätsverarbeitung eine immer
|
||||
bedeutsamere Funktion erhält.
|
||||
Lern- und Entwicklungstheorien weisen in der Folge eine
|
||||
große Breite auf, die im Sozialisationskanon intensiv
|
||||
bearbeitet werden. So die Stufentheorie der moralischen
|
||||
Entwicklung Lawrence Kohlbergs, die Theorie des sozialen
|
||||
Lernens, der Selbstentwicklung und der sozialökologischen Entwicklungskontexte. Gerade die sozialökologische Entwicklungstheorie ist mit ihrer
|
||||
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|
||||
Unterscheidung unterschiedlicher Kontexteinflüsse auf das
|
||||
Individuum so nah an einer soziologischen Perspektive, das
|
||||
sie gemeinhin von den Disziplinen geteilt wird. Dagegen
|
||||
spielen psychologische Positionen, die das Individuum als
|
||||
vollkommen abgekoppelt von den Kontexten des
|
||||
Aufwachsens sehen, eine untergeordnete Rolle und
|
||||
erhalten wenig wissenschaftliche Reputation. Allerdings
|
||||
sind Ansätze, die biologisch-genetisch argumentieren, auch
|
||||
in der psychologischen Persönlichkeits-, Entwicklungs- und
|
||||
Lernforschung eine wichtige Komponente geworden. Sie
|
||||
machen, häufig vermittelt über die neurowissenschaftliche
|
||||
und epigenetische Forschung, Grundaussagen über das
|
||||
Individuum, seine Entwicklung und das Verhältnis zur
|
||||
Umwelt. Diese Ansätze werden ebenfalls noch dargestellt,
|
||||
wenn die Weiterentwicklung psychologischer Annahmen im
|
||||
Modell der produktiven Realitätsverarbeitung erörtert
|
||||
wird.
|
||||
Auffällig ist, dass die psychologischen Theorien den
|
||||
Begriff »Sozialisation« eher zurückhaltend verwenden.
|
||||
Dennoch aber setzen sie sich inhaltlich ebenso detailliert
|
||||
wie die soziologischen Theorien mit dem spannungsreichen
|
||||
Verhältnis von Individuum und Gesellschaft auseinander.
|
||||
Sie nehmen ihren Ausgangspunkt von den
|
||||
innerpsychischen und innerkörperlichen Entwicklungen.
|
||||
Ihr Hauptaugenmerk liegt dann aber auf der Frage, wie
|
||||
sich die Persönlichkeit eines Menschen durch soziale und
|
||||
ökologische Umweltbedingungen im Laufe des Lebens
|
||||
entfaltet und verändert.
|
||||
|
||||
1.5
|
||||
|
||||
Das MpR im Überblick
|
||||
|
||||
Die soziologische und psychologische Propädeutik gehören
|
||||
zur Grundausstattung der Entwicklung der
|
||||
Sozialisationstheorie. Sie haben heute zweifellos mehr als
|
||||
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|
||||
einen lediglich antiquarischen Charakter. Sie werden als
|
||||
Lern- und Studienliteratur eingesetzt, sie gelten als
|
||||
Grundlagenwissen und in dieser Hinsicht wird von
|
||||
propädeutischer Literatur gesprochen. Gleichzeitig stellen
|
||||
sie das Fundament unserer Denkansätze über Sozialisation
|
||||
bis heute dar. Gerade die Propädeutik repräsentiert die
|
||||
eingangs bezeichnete Doppelgesichtigkeit von
|
||||
Sozialisationsprozessen. Soziologische und psychologische
|
||||
Zugänge fokussieren auf unterschiedliche Bereiche von
|
||||
Sozialisation, betonen unterschiedliche Perspektiven auf
|
||||
Prozesse der »Vergesellschaftung« und »Individuation« und
|
||||
sind in ganz unterschiedlicher Weise Sprungbrett für die
|
||||
Weiterentwicklung von Theorieansätzen, die im Bereich der
|
||||
Sozialisationsforschung zum Einsatz kommen. Inwiefern
|
||||
eine Zusammenführung aller vorgestellten Theorieansätze
|
||||
möglich ist, welche Tendenz sie aufzeigen und wie sie für
|
||||
die für die Etablierung eines integrierten Ansatzes wie dem
|
||||
MpR nutzbar zu machen sind, wird später in der
|
||||
ausführlichen Auseinandersetzung gezeigt.
|
||||
Die Darstellung beinhaltet dort die resümierende
|
||||
Darstellung zum Ertrag der soziologischen und
|
||||
psychologischen Diskussion für das
|
||||
sozialisationstheoretische MpR. Dabei wird eine
|
||||
Darstellungsform gewählt, die das MpR mit den
|
||||
wichtigsten Konsequenzen für eine
|
||||
sozialisationstheoretische Perspektive beschreibt. Das
|
||||
MpR, das auf dieser Entwicklung der Basistheorien
|
||||
aufbaut, wird von zehn »Prinzipien« gerahmt. Diese
|
||||
»Prinzipien« stehen jetzt an der Stelle, an der in anderen
|
||||
und früheren Publikationen zum MpR von »Thesen« oder
|
||||
»Maximen« gesprochen wurde. Die Prinzipien des MpR
|
||||
haben sich über die Jahrzehnte immer wieder leicht
|
||||
gewandelt und liegen auch in dieser Auflage aktualisiert,
|
||||
überarbeitet und in einer veränderten Form vor. Die
|
||||
Prinzipien beleuchten unterschiedliche Ebenen der
|
||||
Modellbildung, sie sind theorie- und forschungsbezogen
|
||||
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|
||||
und wollen so umfassend wie möglich den
|
||||
Gegenstandsbereich Sozialisation ausfüllen. Im Folgenden
|
||||
werden diese Bereiche und die dazugehörigen zehn
|
||||
Prinzipien des MpR stichwortartig vorgestellt (s. Tabelle 3).
|
||||
|
||||
Erkenntnistheoretische und konzeptionelle
|
||||
Grundannahmen
|
||||
1.
|
||||
Verhältnis von innerer und äußerer Realität –
|
||||
Prinzip soziale, körperliche und Anlagefaktoren spielen
|
||||
zusammen und treten in eine Wechselbeziehung
|
||||
ein
|
||||
2.
|
||||
Produktion der eigenen Persönlichkeit –
|
||||
Prinzip Menschen produzieren ihre Entwicklung, weil sie
|
||||
eine Verarbeitung der inneren und äußeren
|
||||
Realität vornehmen
|
||||
Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf
|
||||
3.
|
||||
Bewältigung lebenslaufspezifischer
|
||||
Prinzip Anforderungen der Realitätsverarbeitung – jeder
|
||||
Lebensabschnitt beinhaltet normierte
|
||||
Bewältigungsanforderungen
|
||||
4.
|
||||
Bildung der Ich-Identität – Ausgleich der
|
||||
Prinzip Spannungen zwischen persönlicher
|
||||
Individuation und sozialer Integration um eine
|
||||
stabile Identität aufzubauen
|
||||
5.
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung im Lebenslauf – in
|
||||
Prinzip jedem Lebensabschnitt ergeben sich
|
||||
unterschiedliche Anforderungen an die
|
||||
Verarbeitung der Realität
|
||||
Kontexte der Sozialisation
|
||||
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|
||||
6.
|
||||
Bedeutung der Familie für die Sozialisation – als
|
||||
Prinzip primärer und wichtigster Sozialisationskontext,
|
||||
der sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant
|
||||
verändert
|
||||
7.
|
||||
Bedeutung der Bildungsinstitutionen – als
|
||||
Prinzip sekundäre Sozialisationsinstanz mit
|
||||
Qualifikations-, Selektions- (Auslese) und
|
||||
Allokationsfunktion (Statuszuweisung)
|
||||
8.
|
||||
Bedeutung der alltäglichen Lebenswelt für die
|
||||
Prinzip Sozialisation – Menschen leiten aus ihren
|
||||
alltäglichen Erfahrungen in informellen zentrales
|
||||
Realitätswissen ab
|
||||
9.
|
||||
Bedeutung intersektionaler Ungleichheiten –
|
||||
Prinzip Ungleichverteilung von Ressourcen bedingt die
|
||||
lebenslang andauernde Ungleichverteilung von
|
||||
Lebenschancen
|
||||
Aktuelle Herausforderungen im Prozess der
|
||||
Sozialisation
|
||||
10.
|
||||
Gestaltung und Bewältigung gesellschaftlicher
|
||||
Prinzip Herausforderungen – die nachwachsende
|
||||
Generation übernimmt die Aufgabe der
|
||||
Krisenbearbeitung
|
||||
Tab. 3. Die zehn Prinzipien des MpR im Überblick.
|
||||
Erkenntnistheoretische und konzeptionelle Grundannahmen
|
||||
(Prinzipien 1 und 2)
|
||||
|
||||
Zu den Basisannahmen des MpR gehört, dass Sozialisation
|
||||
als ein Interaktionsprozess definiert wird, der das gesamte
|
||||
Leben erfasst und die Beziehung zwischen der sich
|
||||
entwickelnden Persönlichkeit, den organismischen und
|
||||
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|
||||
ererbten Strukturen sowie den umgebenden sozialen und
|
||||
materiellen Bedingungen, ihrer Prägungs- Ermöglichungsund Verhinderungstendenz, einschließt. Im Kern bezeichnet
|
||||
Sozialisation damit die Persönlichkeitsentwicklung als eine
|
||||
ständige Interaktion zwischen dem Individuum und den
|
||||
umgebenden gesellschaftlichen Strukturen. Diese
|
||||
Interaktionserfahrungen werden aktiv und produktiv
|
||||
verarbeitet und dabei sowohl mit den inneren körperlichen
|
||||
und psychischen als auch mit den äußeren sozialen und
|
||||
physischen Gegebenheiten vermittelt.
|
||||
Das erste Prinzip des Verhältnisses von innerer und
|
||||
äußerer Realität umfasst genau dieses Verständnis von
|
||||
produktiver Verarbeitung der inneren Realität von
|
||||
körperlichen und psychischen Dispositionen und der
|
||||
äußeren Realität aus sozialer und physisch-räumlicher
|
||||
Umwelt. Der Blick auf die innere Realität hat dabei in den
|
||||
vergangenen Jahren vor allem Erkenntnisse aus Genetik,
|
||||
Epigenetik und den Neurowissenschaften aktuell werden
|
||||
lassen. Lange Zeit hatte die Sozialisationsforschung
|
||||
befürchtet, die solche biologienahen Zugänge würde
|
||||
einseitig die genetische Komponente betonen und die
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung ausschließlich als eine
|
||||
Entfaltung angeborener Anlagen erklären wollen. Man sah
|
||||
sich mit der naturwissenschaftlichen Herangehensweise in
|
||||
einem Konkurrenzverhältnis und hatte die Sorge, Genetik,
|
||||
Neuro- und Hirnforschung könnten Belege für die
|
||||
innerorganische Determination von
|
||||
Persönlichkeitsmerkmalen erarbeiten, die Umwelteffekte
|
||||
als unbedeutend erscheinen ließen. Diese Sorge erweist
|
||||
sich heute als unberechtigt. Die genetischen und
|
||||
neurobiologischen Ansätze liefern interessante Befunde zur
|
||||
Wechselbeziehung von Anlage und Umwelt. Sie zeigen, wie
|
||||
eng genetische Dispositionen und soziale Umweltfaktoren
|
||||
zusammenwirken und sich gegenseitig beeinflussen. Aber:
|
||||
In kaum einem Ansatz der Neuroforschung wird die sozial
|
||||
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|
||||
bedingte Beeinflussung und Ausprägung der
|
||||
Persönlichkeitsstruktur eines Menschen infrage gestellt.
|
||||
Der Begriff »produktive Verarbeitung« drückt aus, dass
|
||||
es sich bei der Auseinandersetzung mit der inneren und
|
||||
äußeren Realität um einen aktiven Prozess handelt, in dem
|
||||
der einzelne Mensch eine individuelle, den eigenen
|
||||
Voraussetzungen und Bedürfnissen angemessene Form
|
||||
wählt. Das zweite Prinzip der Produktion der eigenen
|
||||
Persönlichkeit hebt daher darauf ab, dass Menschen als
|
||||
Produzentinnen und Produzenten ihrer eigenen
|
||||
Entwicklung angesehen werden, weil sie von der frühesten
|
||||
Entwicklung als Säugling und als Kleinkind an, über das
|
||||
Jugendalter und das Erwachsenenalter hinweg bis ins hohe
|
||||
Alter hinein eine Verarbeitung der inneren und äußeren
|
||||
Realität vornehmen, die ihren individuellen Merkmalen,
|
||||
Fähigkeiten und verfügbaren Ressourcen entspricht. Die
|
||||
Verarbeitung ist »produktiv«, weil sie sich aus der jeweils
|
||||
individuell besonderen Auseinandersetzung mit den
|
||||
inneren und äußeren Bedingungen ergibt.
|
||||
Für die aktuelle Einordnung des zweiten Prinzips sind
|
||||
heute viele neue Theoriestränge relevant. Hierzu gehören
|
||||
u. a. die Selbstbestimmungstheorie der Motivation (im
|
||||
Englischen »Self-Determination Theory«), die als eine neue
|
||||
Lern- und Motivationstheorie anzusehen ist. Eine weitere
|
||||
Ergänzung in der Theorieentwicklung des kognitiven
|
||||
Paradigmas sind die Arbeiten zum Thema »Agency«.
|
||||
Agency bezeichnet im Englischen das Handlungszentrum
|
||||
eines Menschen. In der psychologischen Debatte ist Agency
|
||||
als Fachterminus entwickelt worden, um die Bedeutung
|
||||
personengebundener Fähigkeiten der
|
||||
Informationsverarbeitung, des Wissensaufbaus und der
|
||||
Verhaltenssteuerung zu beschreiben. In diesen Kontext
|
||||
gehört auch das »dynamisch-interaktionistische Modell«
|
||||
der Entwicklung, das ebenfalls aus der Psychologie
|
||||
stammt.
|
||||
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|
||||
Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf (Prinzipien 3 bis 5)
|
||||
|
||||
Das dritte, vierte und fünfte Prinzip beinhalten eine
|
||||
Konkretisierung und erste empirische Annäherung zum
|
||||
Gegenstand Sozialisation. In diesem Kontext wird
|
||||
schwerpunktartig eine lebenslaufspezifische Perspektive
|
||||
eingenommen, die der Maxime folgt, dass Sozialisation als
|
||||
ein lebenslanger Prozess der Interaktion mit inneren und
|
||||
äußeren Anforderungen angesehen wird. Das dritte Prinzip
|
||||
der Bewältigung lebenslaufspezifischer Anforderungen der
|
||||
Realitätsverarbeitung fokussiert entsprechend darauf, dass
|
||||
in jedem Lebensabschnitt Erwartungen an die Verarbeitung
|
||||
der Realität vorhanden sind, die gesellschaftlich
|
||||
mehrheitlich akzeptiert werden und als Normen der
|
||||
Entwicklung gelten. Im Lebenslauf kommt es damit zu
|
||||
einer ständigen Konfrontation mit neuen Situationen, die
|
||||
jeweils mit angemessenen Formen des Handelns bewältigt
|
||||
werden müssen.
|
||||
Das vierte Prinzip der Bildung der Ich-Identität verstärkt
|
||||
die Orientierung auf einige Aspekte der Bewältigung
|
||||
lebenslaufspezifischer Anforderungen der
|
||||
Realitätsverarbeitung. Sie fokussiert darauf, dass die
|
||||
Fähigkeit eines Individuums erwartet wird, den Ausgleich
|
||||
der Spannungen zwischen persönlicher Individuation und
|
||||
sozialer Integration vorzunehmen. Diese Fähigkeit, die sich
|
||||
im Aufbau einer Ich-Identität ausdrückt, beinhaltet die
|
||||
hohe Bedeutung von Belastungen und Spannung im
|
||||
Lebenslauf. Werden lebenslaufspezifischer Anforderungen
|
||||
der Realitätsverarbeitung nicht bewältigt, ist der Aufbau
|
||||
der Ich-Identität gefährdet oder sogar unmöglich. Von der
|
||||
Ich-Identität eines Menschen ist zu sprechen, wenn über
|
||||
verschiedene Entwicklungs- und Lebensphasen hinweg
|
||||
eine Kontinuität des Selbsterlebens auf der Grundlage
|
||||
eines positiv gefärbten Selbstwertgefühls und des
|
||||
Empfindens einer Selbstwirksamkeit gegeben ist. Heute
|
||||
werden diese Annahmen durch mannigfaltige Erkenntnisse
|
||||
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|
||||
der Stress- und Bewältigungsforschung bestätigt. Hinzu
|
||||
treten Befunde aus der Forschung zu kritischen
|
||||
Lebensereignissen, die deutlich machen, wie zum Beispiel
|
||||
der unerwartete Verlust einer wichtigen Bezugsperson, die
|
||||
Trennung oder Scheidung der Eltern, das plötzliche
|
||||
Eintreten einer schweren Krankheit oder ein Unfall die
|
||||
Bewältigungsmuster und den Aufbau einer stabilen
|
||||
Identität erschweren.
|
||||
Das fünfte Prinzip der Persönlichkeitsentwicklung im
|
||||
Lebenslauf hebt darauf ab, dass sich in jedem
|
||||
Lebensabschnitt unterschiedliche Anforderungen an die
|
||||
Verarbeitung der Realität ergeben, die an die
|
||||
Veränderungen der inneren und äußeren Realität gekoppelt
|
||||
sind. Vor alldem durch sich verändernde ökonomische,
|
||||
politische, soziale und kulturelle Bedingungen stehen
|
||||
Menschen in den jeweiligen Lebensphasen vor der
|
||||
Herausforderung, ihren biografischen und
|
||||
gesellschaftlichen Standort zu akzeptieren oder neu zu
|
||||
definieren. Durch die Verlängerung der Lebensdauer und
|
||||
die heute typischen Anforderung der individualisierten
|
||||
Lebensführung stehen steigende biografische
|
||||
Freiheitsgrade den Individuierungszwängen gegenüber, die
|
||||
auch in Bereiche außerhalb von Beruf und Qualifikation
|
||||
einen wettbewerblichen Charakter übertragen. Deswegen
|
||||
ist die Persönlichkeitsentwicklung trotz der elementaren
|
||||
Fundierung, die sie in Kindheit und Jugendalter erfährt, nie
|
||||
abgeschlossen, sondern befindet sich in mehr oder weniger
|
||||
großen Schüben ständig im Fluss.
|
||||
Kontexte der Sozialisation (Prinzipien 6 bis 9)
|
||||
|
||||
Der zentrale Bereich, in dem die Sozialisationsforschung
|
||||
wahrgenommen wird, ist bis heute die Analyse der
|
||||
Kontexte und Lebensbedingungen. Als Kontexte werden
|
||||
soziale, materielle und immaterielle (z. B. durch
|
||||
Gemeinschaften konstituierte) Räume verstanden, in denen
|
||||
Menschen agieren. In hoch entwickelten Gesellschaften
|
||||
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|
||||
entsteht ein breites Spektrum gesellschaftlicher Kontexte,
|
||||
in denen Menschen leben, aufeinander angewiesen sind
|
||||
und Erfahrungen machen. Die meisten dieser Kontexte sind
|
||||
in Form von sozialen Organisationen verfasst, die nach
|
||||
spezifischen Regeln und Verfahrensweisen operieren. Mit
|
||||
dieser sozialen Differenzierung verlagern und verbreitern
|
||||
sich die Sozialisationseffekte, denn immer mehr
|
||||
ursprünglich nicht für die Sozialisation entstandene soziale
|
||||
Systeme üben Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung
|
||||
der Menschen aus, die sich längere Zeit in ihnen aufhalten
|
||||
und mit ihnen in Kontakt kommen.
|
||||
Das sechste Prinzip der Bedeutung der Familie für die
|
||||
Sozialisation hebt auf diese Prägewirkung durch Kontexte
|
||||
auf der Mikroebene ab. Als primärer und wichtigster
|
||||
Sozialisationskontext fungieren in den meisten
|
||||
Kulturkreisen die Familien. Sie agieren seit Jahrhunderten
|
||||
als die einflussreichsten Vermittler der äußeren Realität.
|
||||
Sie werden oft als »primäre Sozialisationsinstanz«
|
||||
bezeichnet, da sie für die meisten Menschen die erste und
|
||||
wichtigste soziale Umwelt bilden. Wie in einem
|
||||
Mikrokosmos spiegeln sich in einer Familie von früher
|
||||
Kindheit an soziale, kulturelle und ökonomische
|
||||
Lebensbedingungen, die auf die
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung einwirken und frühe Formen
|
||||
der Realitätsverarbeitung rahmen.
|
||||
Dabei ist ein Hauptmerkmal der gesellschaftlichen
|
||||
Veränderungen seit dem 19. Jahrhundert die Aufgliederung
|
||||
eines ursprünglich zusammenhängenden, umfassenden
|
||||
sozialen Systems mit verschiedensten Funktionen in
|
||||
spezialisierte, funktional differenzierte Systeme. Vor und
|
||||
während der Industrialisierung waren Familien
|
||||
ökonomische und praktische Zweckbündnisse, die ihren
|
||||
Mitgliedern alle Lebensfunktionen bis hin zu Sicherheit
|
||||
und Schutz boten. In den vergangenen Jahrzehnten
|
||||
entsteht eine breite Vielfalt verschiedener Ausprägungen
|
||||
und Formen von Familien. Diese reicht von der Ein-Eltern-
|
||||
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|
||||
Familie über die Familie mit zwei berufstätigen Eltern, neu
|
||||
zusammengesetzten Familienteilen bis hin zur Familie mit
|
||||
homosexuellen Eltern. Zudem haben sich die
|
||||
Erziehungsstile mehrheitlich demokratisiert, obwohl wir
|
||||
immer noch eine große Spannbreite zwischen autoritären
|
||||
und Laissez-faire Erziehungsmentalitäten ausmachen
|
||||
können.
|
||||
Das siebte Prinzip der Bedeutung der
|
||||
Bildungsinstitutionen fokussiert auf die darüber liegende
|
||||
Ebene der so bezeichneten sekundären
|
||||
Sozialisationsinstanzen, die über den Mikrobereich der
|
||||
Familie hinaus gehen. Bildungsinstitutionen besitzen zum
|
||||
einen eine Qualifikationsfunktion, zum anderen eine
|
||||
Selektions- (Auslese) und Allokationsfunktion
|
||||
(Statuszuweisung). Durch Bildungsprozesse werden sozial
|
||||
ungleiche Chancen legitimiert und Schülerinnen und
|
||||
Schüler bauen ein Selbstkonzept auf, das auf den
|
||||
Bewertungen von Bildungsinstitutionen basiert. Von immer
|
||||
größerer Bedeutung werden sekundäre
|
||||
Sozialisationsinstanzen und -kontexte, darunter öffentliche
|
||||
Erziehungs- und Bildungsinstitutionen wie
|
||||
Kindertagesstätten, Horte, Schulen,
|
||||
Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen,
|
||||
sozialpädagogische Institutionen sowie Einrichtungen der
|
||||
beruflichen Aus- und Weiterbildung, die eigens zu diesem
|
||||
Zweck etabliert wurden. Während in der
|
||||
Sozialisationsinstanz Familie Mütter und Väter als
|
||||
»Laienerzieher« tätig sind, arbeiten im Erziehungs- und
|
||||
Bildungssystem zumeist professionell ausgebildete
|
||||
Berufsgruppen. Dabei ist eine wichtige Bedingung zu
|
||||
beachten. Im Bildungssystem wirkt der deutsche
|
||||
Sonderweg nach. Vor allem im internationalen Vergleich
|
||||
fällt auf, dass in Deutschland ein immer noch konservatives
|
||||
Wohlfahrtstaatsdenken die Richtung vorgibt, das
|
||||
traditionell auf die Familie setzt und weniger auf
|
||||
öffentliche Institutionen in Erziehung und Bildung. So
|
||||
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|
||||
kommt es, dass fehlende Bildungsinvestitionen ein
|
||||
Dauerthema darstellen und Chancengleichheit, die von den
|
||||
ungleichen Lebensbedingungen in den Familien ihren
|
||||
Ausgang nehmen, in den vergangenen Jahrzehnten kaum
|
||||
wirksam verringert wurden.
|
||||
Im Unterschied dazu sind die alltäglichen Lebenswelten
|
||||
differenzierter und wandlungsfähiger. Sie bilden Orte der
|
||||
Interaktion, die konkreten Zielen untergeordnet sein,
|
||||
gleichzeitig aber auch der Entspannung und Konsumtion
|
||||
dienen kann. Das achte Prinzip der Bedeutung der
|
||||
alltäglichen Lebenswelt für die Sozialisation hebt darauf
|
||||
ab, dass neben den primären und sekundären
|
||||
Sozialisationsinstanzen ein breites Spektrum von sozialen
|
||||
Systemen existiert, deren wesentliche gesellschaftliche
|
||||
Funktion nicht in Erziehung, Bildung und Qualifizierung
|
||||
besteht. Auch informelle Kontexte wie die intime
|
||||
Partnerschaft, der Freundes- und Bekanntenkreis und
|
||||
andere, zumeist frei gewählte Lebenswelten gehören dazu.
|
||||
Sie bilden den Alltag der Menschen ab und sind gerade
|
||||
dadurch, dass kein offenkundiges Ziel verfolgt wird,
|
||||
sozialisationswirksam. Sie bilden die Wirklichkeit der
|
||||
Lebensrealität ab, weil sie so erscheinen, als ob sie nicht
|
||||
anders sein könnten. Menschen leiten aus ihren
|
||||
alltäglichen Erfahrungen Handlungswissen ab, verleihen
|
||||
ihrem Alltag Sinn und sind dadurch in der Lage, sich an
|
||||
ihre Lebensrealitäten zu adaptieren (also anzupassen).
|
||||
Zwei Beispiele hierzu:
|
||||
1. Die Ordnung der Geschlechter basiert wie kaum eine
|
||||
andere sozialisationswirksame Unterscheidung auf der
|
||||
Erfahrung in den alltäglichen Lebenswelten. Menschen
|
||||
lernen von Beginn an die unterschiedlichen Rollenbilder
|
||||
in ihrem Umfeld und die damit verbundenen
|
||||
Erwartungen an sich selbst und ihre Entwicklung. Das
|
||||
gilt auch für die Veränderung von
|
||||
Rollenzuschreibungen. Sich selbst als Frau oder als
|
||||
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|
||||
Mann zu sozialisieren, wurde sehr lange als eine
|
||||
Selbstverständlichkeit erachtet. Noch vor einer
|
||||
Generation wäre unvorstellbar gewesen, was heute für
|
||||
Jugendliche eine möglich ist: die Infragestellung enger
|
||||
geschlechtlicher Zuordnungen und die Möglichkeit,
|
||||
Geschlechtsidentitäten aufzubrechen oder neue
|
||||
Identitäten zu leben.
|
||||
2. Die zunehmend bedeutsamere Rolle digitaler Medien ist
|
||||
ein anderes Beispiel, das zeigt, wie schnell sich
|
||||
Entwicklungen Bahn brechen, wenn der
|
||||
Erfahrungshorizont keine Alternativen zulässt. Junge
|
||||
Menschen wachsen heute wie selbstverständlich mit
|
||||
digitalen Medien auf. Der Verzicht auf sie, den
|
||||
»Erwachsene« häufig verlangen, bedeutet für sie den
|
||||
Verzicht auf eine Lebenswelt, die für sie so
|
||||
selbstverständlich ist wie der Rekurs auf eine »analoge
|
||||
Erfahrungswelt« unverständlich. Durch diesen Wandel
|
||||
werden ganz andere Reichweiten der Kommunikation
|
||||
schon im Kindesalter möglich. Vor allem Kinder und
|
||||
Jugendliche interagieren mit ihrer Umwelt sowohl in
|
||||
quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht anders als
|
||||
das noch in den nicht-digitalen Alterskohorten zuvor der
|
||||
Fall war.
|
||||
Das neunte Prinzip der Bedeutung intersektionaler
|
||||
Ungleichheiten ist der Rekurs darauf, dass auch
|
||||
entwickelte Wohlstandsgesellschaften Gesellschaften durch
|
||||
ein großes Ausmaß an ökonomischer, sozialer und kulturellsymbolischer Ungleichheiten gekennzeichnet sind. Dadurch
|
||||
kommt es zu Unterschieden in den Sozialisationsprozessen
|
||||
der Bevölkerungsgruppen mit einem hohen und einem
|
||||
niedrigen sozioökonomischen Status. Menschen, die in
|
||||
privilegierenden Kontexten leben, steht in ihrer alltäglichen
|
||||
Lebenswelt von Geburt an ein reichhaltigeres Ausmaß an
|
||||
personalen und sozialen Ressourcen zur Verfügung als
|
||||
Menschen, die in einem benachteiligenden Kontext leben.
|
||||
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|
||||
Auf diese Weise kommt es zu einer lebenslang andauernden
|
||||
ungleichen Verteilung von Lebenschancen.
|
||||
In der Sozialisationsforschung hat die Forschung zu der
|
||||
Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheiten eine
|
||||
lange Tradition. Am Bekanntesten ist die schichtspezifische
|
||||
Sozialisationsforschung. Sie ist vor 50 Jahren ein
|
||||
Kernthema der Sozialisationsforschung gewesen und ein
|
||||
international wie interdisziplinär verfolgter
|
||||
Forschungsstrang. Heute geht die Frage der
|
||||
Ungleichheitsreproduktion weit über die Frage der
|
||||
ökonomischen Verteilungsungleichheiten hinaus. Der
|
||||
Fachbegriff der Intersektionalität (im Englischen
|
||||
»intersectionality«) ist in dieser Hinsicht ein wesentlich
|
||||
neues Element in der Debatte. Er bezeichnet die
|
||||
Überschneidung von unterschiedlichen Benachteiligungsoder Diskriminierungsformen. Hierzu gehören neben dem
|
||||
Vermögen und dem Bildungsgrad die ethnisch-kulturelle
|
||||
und geschlechtliche Heterogenität. Das heißt, dass
|
||||
beispielsweise Männer auch arm oder ethnisch
|
||||
diskriminiert sein können, Frauen aber auch einer weißen
|
||||
Mehrheit angehörend und wohlhabend. Ungleichheiten
|
||||
können sich also auf mehreren Ebenen gegenseitig
|
||||
beeinflussen. Sie können sich »ausgleichen«, aber auch
|
||||
verstärken wie im Falle von Frauen aus ethnisch
|
||||
diskriminierten Minderheiten mit wenig ökonomischen,
|
||||
kulturellen und sozialen Ressourcen.
|
||||
Aktuelle Herausforderungen im Prozess der Sozialisation (Prinzip 10)
|
||||
|
||||
Das zehnte Prinzip der Gestaltung und Bewältigung
|
||||
gesellschaftlicher Herausforderungen hebt darauf ab, dass
|
||||
die nachwachsende Generation von wirtschaftlichen,
|
||||
ökologischen und politischen Herausforderungen global
|
||||
betroffen ist und die Lösung komplexer Krisenphänomene
|
||||
von einer gemeinsamem Gestaltungsfähigkeit abhängt.
|
||||
Dieses Prinzip rekurriert darauf, dass Kinder und
|
||||
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|
||||
Jugendliche ein globales Krisenbewusstsein bereits
|
||||
ausgebildet haben und sich dieses auch artikuliert.
|
||||
Die Auseinandersetzung mit der realen und medial
|
||||
vermittelten Krisenwahrnehmung ist zu einem festen
|
||||
Bestandteil der Entwicklung der Persönlichkeit geworden.
|
||||
Dabei ist nicht entscheidend, dass Krisenphänomene heute
|
||||
zum Grund für eine intensivere Auseinandersetzung mit
|
||||
politischer Gestaltungsfähigkeit geworden sind (die
|
||||
vergangenen 20 Jahre zeigen das sehr eindrücklich, weil
|
||||
das Interesse für Politik und die politische Beteiligung in
|
||||
der jüngeren Generation immer stärker zunimmt). Mitunter
|
||||
ist auch das Gegenteil, der Rückzug und die Opposition,
|
||||
der Hang zu Populismus und einer Politik der starken Hand
|
||||
Beispiel für die zunehmende Bedeutung globaler
|
||||
Krisenphänomene in den Erfahrungswelten der
|
||||
heranwachsenden Generation. Die äußere Realität ist dabei
|
||||
nicht nur Herausforderung der produktiven
|
||||
Realitätsverarbeitung auf einer individuellen, sondern auch
|
||||
auf der gesellschaftlichen Ebene. Hierüber sind sich junge
|
||||
Menschen im Klaren. Einige brechen bereits mit
|
||||
eingespielten Routinen, sie stellen Bildung und Ausbildung,
|
||||
aber auch den starren Takt von Ökonomie und Arbeitsleben
|
||||
in Frage.
|
||||
Was über zwei bis drei Generationen hinweg als
|
||||
selbstverständliche Abfolge im Lebenslauf anerkannt
|
||||
wurde, gilt vielen, vor allem jüngeren Menschen heute
|
||||
nicht als Teil der Lösung, sondern als Teil des Problems. In
|
||||
diesem Sinne soll das zehnte Prinzip eine inhaltliche
|
||||
Öffnung vornehmen, die auch als Chance zur Partizipation
|
||||
in der Diskussion über das MpR fungiert. Studierende, aber
|
||||
auch Lernende in Schule und Ausbildungsgängen sollen in
|
||||
Unterrichtseinheiten erarbeiten, a) welche
|
||||
Krisenphänomene sie sehen und wie sie sich Formen der
|
||||
Krisenbearbeitung wünschen, b) Herausforderungen eines
|
||||
Zusammenwirkens globaler Konflikte, ökonomischer und
|
||||
ökologischer Anforderungen begegnen wollen und c) wie
|
||||
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|
||||
sie Chancen bzw. Risiken in den neuen Technologien einer
|
||||
digitalisierten Welt beschreiben. In dem Maße, in dem wir
|
||||
heute von den Herausforderungen einer Gesellschaft im
|
||||
Zeitalter der künstlichen Intelligenz sprechen, ist das
|
||||
zehnte Prinzip die Frage nach den Möglichkeiten des
|
||||
menschlichen Gestaltungswillens in der nachwachsenden
|
||||
Generation.
|
||||
Die Ausführungen des ersten Abschnitts erfüllten die
|
||||
Funktion der Einleitung und eines zusammenfassenden
|
||||
Überblicks für die nun folgende ausführliche Darstellung.
|
||||
Nachfolgend werden wiederum zunächst die soziologische
|
||||
und psychologische Propädeutik und im Anschluss das MpR
|
||||
mit den dazugehörigen zehn Prinzipien vorgestellt. Am
|
||||
Ende des Buches richtet sich der Blick auf die Reflexion
|
||||
neuer Fragestellungen in der Sozialisationsforschung sowie
|
||||
auf die didaktische und pädagogische Vermittlung des MpR
|
||||
im schulischen Lernen.
|
||||
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||||
II.
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||||
Soziologische und
|
||||
psychologische Propädeutik
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2.
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||||
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||||
Soziologische Theorien der
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||||
Sozialisation
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Von Beginn lebt das Basisgerüst des MpR von der
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||||
Gegenüberstellung soziologischer und psychologischer
|
||||
Ansätze in der Sozialisationsforschung. Es kann auch heute
|
||||
noch gesagt werden, dass diese Basistheorien der
|
||||
Sozialisation unverzichtbar sind, um die aktuelle Debatte,
|
||||
ihre theoretischen Annahmen und das Gerüst der gesamten
|
||||
empirischen Forschung zu verstehen. Aus diesem Grund
|
||||
hat die Gegenüberstellung der soziologischen und
|
||||
psychologischen Propädeutik immer noch eine
|
||||
Sonderstellung in der Einführung, wiewohl natürlich die
|
||||
neueren Ansätze nicht mehr so strikt disziplinär einteilbar
|
||||
sind und zudem auch noch andere Disziplinen in den
|
||||
engeren Kreis der Bezugsdisziplinen der
|
||||
Sozialisationsforschung (so beispielsweise die
|
||||
Erziehungswissenschaft und Genetik) eingetreten sind.
|
||||
Dennoch lohnt es sich, die Ausgangssituation bewusst zu
|
||||
halten, in der die Soziologie und Psychologie von zwei sehr
|
||||
unterschiedlichen Standpunkten auf das Thema
|
||||
Sozialisation geblickt haben.
|
||||
Hierzu werden in den beiden folgenden Kapiteln die
|
||||
grundlegenden Pfade der soziologisch und psychologisch
|
||||
orientierten Diskussion vorgestellt. Mit Ihnen steht die
|
||||
Spannung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft
|
||||
im Vordergrund. Es geht um zwei miteinander
|
||||
zusammenhängende Fragen:
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||||
Wie schafft es eine Gesellschaft, die in ihr lebenden
|
||||
Menschen zu sozialen Wesen zu machen, die sich in die
|
||||
sozialen Strukturen integrieren?
|
||||
Wie gelingt es Menschen, sich trotz ihrer
|
||||
gesellschaftlichen Einbindung Freiheiten für die eigene
|
||||
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|
||||
persönliche Entwicklung und Lebensgestaltung zu
|
||||
erschließen und somit zu autonomen Individuen zu
|
||||
werden?
|
||||
Es geht also darum zu verstehen, wie der Mensch als
|
||||
»Subjekt« – als erlebendes, denkendes und handelndes
|
||||
Individuum – den materiellen, sozialen und kulturellen
|
||||
»Objekten« seiner Umwelt gegenübertritt und sich
|
||||
gegenüber ihnen behauptet; und es geht darum zu klären,
|
||||
wie Menschen die Aufgabe lösen, mit ihrer genetischen
|
||||
Ausstattung an Trieben und Bedürfnissen und den
|
||||
angeborenen Temperaments- und
|
||||
Persönlichkeitsmerkmalen Anforderungen von Gesellschaft,
|
||||
Kultur und Ökonomie gerecht zu werden und dabei
|
||||
gleichzeitig den Status als einzigartiges Individuum zu
|
||||
sichern.
|
||||
In diesem zweiten Kapitel werden zunächst soziologische
|
||||
Theorien vorgestellt, um die beiden Leitfragen zu
|
||||
beantworten. Im anschließenden dritten Kapitel werden die
|
||||
psychologischen Ansätze erörtert.
|
||||
FRÜHE ANSÄTZE DER SOZIOLOGISCHEN THEORIE
|
||||
Die rasante Veränderung von Lebensbedingungen durch
|
||||
die Umwälzung gesellschaftlicher Strukturen im Zuge der
|
||||
Industrialisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ist
|
||||
rasch zu einem bedeutenden Thema der zeitgleich
|
||||
entstehenden akademischen Soziologie geworden.
|
||||
Moderne Gesellschaften werden immer komplexer, weil
|
||||
nicht mehr alle Tätigkeiten des täglichen Lebens unter
|
||||
einem Dach ausgeübt werden. Dadurch nimmt die
|
||||
Arbeitsteilung moderner Gesellschaften zu (Familie, Arbeit,
|
||||
Konsum etc.). Jeder Mensch spielt verschiedene Rollen in
|
||||
unterschiedlichen Kontexten. So wurde schon in den frühen
|
||||
soziologischen Ansätzen die Frage immer drängender, wie
|
||||
trotz der Differenzierung von Lebensweisen und der
|
||||
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|
||||
Auflösung traditioneller Muster des Zusammenlebens
|
||||
gesellschaftlicher Zusammenhalt möglich sein kann.
|
||||
Die frühesten Theoretiker der Sozialisation waren zwei
|
||||
Soziologen. Der deutsche Georg Simmel (1858–1918) und
|
||||
sein französischer Kollege Emile Durkheim (1858–1917)
|
||||
gelten als die wissenschaftlichen Begründer des Konzepts
|
||||
»Sozialisation«. Beide trieb vor allem die Frage um, wie
|
||||
moderne Gesellschaften, die durch schnelle und intensive
|
||||
Industrialisierung immer komplexer werden, ihre soziale
|
||||
»Kohäsion« (also die soziale Zusammengehörigkeit) sichern
|
||||
können.
|
||||
Die Theorie der Vergesellschaftung von Georg Simmel
|
||||
|
||||
Georg Simmel nimmt zur Klärung dieser Frage das
|
||||
grundlegende Phänomen der Entstehung von
|
||||
Gesellschaften in den Blick. Dass Gesellschaften überhaupt
|
||||
entstehen können, erklärt er dadurch, dass sich Menschen
|
||||
ständig wechselseitig beeinflussen, also aufeinander
|
||||
einwirken. Theoriegeschichtlich gesprochen ist dies der
|
||||
Beginn einer interaktionistischen Perspektive in der
|
||||
Soziologie (s. auch in der späteren Beschreibung hierzu).
|
||||
In den Blick kommt damit ein Geflecht von Regeln und
|
||||
Abhängigkeiten, an deren Entstehung und
|
||||
Aufrechterhaltung Menschen aktiv beteiligt sind. Dies
|
||||
bildet den Grundstein für gesellschaftliche Strukturen. Jede
|
||||
und jeder Angehörige der Gesellschaft ist in diesem Sinne
|
||||
ein »vergesellschaftetes Individuum«. Die
|
||||
Vergesellschaftung wird von Simmel auch als
|
||||
»Socialisierung« bezeichnet (Simmel 1890/1989). Im Kern
|
||||
versteht er darunter den Vorgang, die soziale Gesamtheit in
|
||||
die individuelle Persönlichkeit aufzunehmen. Jede
|
||||
Gesellschaft braucht nach seiner Einschätzung ein
|
||||
einheitliches soziales Bewusstsein ihrer Mitglieder, auch
|
||||
wenn sie unterschiedlichen sozialen Kreisen angehören
|
||||
und individuell höchst verschieden sind, weil die
|
||||
Gesellschaft als Gemeinwesen sonst auseinanderbricht.
|
||||
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|
||||
Heinz Abels (geb. 1943) und Alexandra König (geb.
|
||||
1972), die eine sehr gelungene, erneute Lektüre Simmels
|
||||
angeregt haben, pointieren das aus einer
|
||||
Sozialisationsperspektive sehr anschaulich. Sie erörtern
|
||||
zum grundlegenden Aspekt der Vergesellschaftung, dass
|
||||
dieser »so etwas wie einen Zustand meint, eine
|
||||
gesellschaftliche Form. Die Menschen, die in irgendeine
|
||||
Erziehung zueinander treten, und alles um sie herum sind
|
||||
vergesellschaftet. Man kann es aber auch in einem
|
||||
prozessualen Sinne verstehen, dass Menschen in soziale
|
||||
Beziehungen zueinander treten und sich so einander
|
||||
vergesellschaften. In dem Augenblick, in dem Menschen
|
||||
Beziehungen zueinander aufnahmen, treten sie, wie wir
|
||||
gelesen haben, in Wechselwirkung, d. h. sie wirken
|
||||
wechselseitig aufeinander ein. Ohne dass ihnen das
|
||||
bewusst sein muss, wirken sie und werden bewirkt.
|
||||
Natürlich hört dieser Prozess nie auf und geht so lange
|
||||
weiter, wie die Individuen miteinander in Verbindung
|
||||
stehen, aber gleichwohl kann man konstatieren, dass die
|
||||
Wechselwirkung eine bestimmte, relativ dauerhafte Form
|
||||
annehmen kann.« (Abels/König 2016, S. 7)
|
||||
Die Theorie der sozialen Integration von Émile Durkheim
|
||||
|
||||
Für Simmel ist Gesellschaft also immer das Ergebnis eines
|
||||
Geflechtes von Abhängigkeiten. Je komplexer die damit
|
||||
verbundenen Wechselwirkungen werden, desto komplexer
|
||||
werden auch Formen der Vergesellschaftung. Für Émile
|
||||
Durkheim ist dieser Aspekt der zunehmenden Komplexität
|
||||
nicht weniger entscheidend, er pointiert aber deutlich
|
||||
stärker die Frage des Zusammenhaltes, der Stabilität und
|
||||
der Integrationsfähigkeit unterschiedlicher Formen der
|
||||
Vergesellschaftung. Durkheim stellte sich bei seiner
|
||||
historisch vergleichend angelegten Analyse des Übergangs
|
||||
von einfachen zu arbeitsteilig organisierten
|
||||
Industriegesellschaften die Frage, wie in komplexen
|
||||
gesellschaftlichen Strukturen soziale Integration
|
||||
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|
||||
hergestellt werden kann. Seine Antwort: Die Gesellschaft
|
||||
gestaltet die Persönlichkeit des Menschen nach ihren
|
||||
Bedürfnissen, und zwar durch eine systematische
|
||||
Beeinflussung der Gefühle und Einstellungen der
|
||||
Menschen.
|
||||
Diese Beeinflussung nennt Durkheim »socialisation
|
||||
méthodique«, womit eine systematische und planmäßige
|
||||
Beeinflussung der Einstellungen aller
|
||||
Gesellschaftsmitglieder gemeint ist, die darauf zielt, sie so
|
||||
zu formen, wie die Gesellschaft und ihre Ökonomie sie
|
||||
brauchen. Die meisten Gesellschaftsmitglieder passen sich
|
||||
den gesellschaftlichen Zwängen ohne Widerstand an und
|
||||
verinnerlichen die sozialen Anforderungen, weil sie auf
|
||||
diese Weise von den Vorzügen des Gemeinschaftslebens
|
||||
profitieren.
|
||||
Die »Internalisierung des Sozialen« ist für Durkheim die
|
||||
entscheidende Voraussetzung für den Zusammenhalt und
|
||||
das Funktionieren von komplexen Gesellschaften. Nur
|
||||
wenn die Gesellschaft gewissermaßen in die Menschen
|
||||
eindringt und ihre Persönlichkeit von innen her organisiert,
|
||||
ist der Bestand von modernen Industriegesellschaften zu
|
||||
sichern. Die gesellschaftlichen Normen, so Durkheim,
|
||||
stoßen auf ein Individuum, das sich triebhaft, egoistisch
|
||||
und asozial verhält und erst durch den Prozess der
|
||||
Sozialisation gesellschaftsfähig wird. In diesem Sinn
|
||||
versteht er wie Simmel Sozialisation als die
|
||||
»Vergesellschaftung der menschlichen Natur«
|
||||
(Durkheim 1973/1902). Gleichzeitig aber geht er auch aber
|
||||
auch noch weiter.
|
||||
Der Erziehungswissenschaftler Franzjörg Baumgart (geb.
|
||||
1943) betont dies, wenn er schreibt: »Anders als viele
|
||||
Pädagogen seiner Zeit beschrieb er Erziehung als genuin
|
||||
gesellschaftliches Phänomen. Es war der erste große
|
||||
Versuch, Erziehung (oder besser: Sozialisation) als
|
||||
Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft
|
||||
systematisch zu beschreiben, die Form der Sozialisation
|
||||
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|
||||
der Heranwachsenden aus den Bedürfnissen, der ›inneren
|
||||
Ökonomie‹ der jeweiligen Gesellschaft abzuleiten und
|
||||
zugleich nachzuweisen, daß die Gesellschaft für ihr
|
||||
Überleben, für ihren inneren Zusammenhalt auf die ihr
|
||||
entsprechende Sozialisation angewiesen sei. Die
|
||||
Gesellschaft – so Durkheims zentrale These – werde nicht
|
||||
primär durch äußeren Zwang, durch Gesetze und
|
||||
polizeiliche Maßnahmen oder durch ein an den
|
||||
Tauschprinzipien des Marktes orientiertes
|
||||
Nützlichkeitsdenken der Individuen zusammengehalten.
|
||||
Sie müssen vielmehr die überlebensnotwendigen Regeln
|
||||
der Gesellschaft durch Erziehung und Sozialisation als
|
||||
zweite Natur verinnerlicht haben, wenn das
|
||||
gesellschaftliche Zusammenleben funktionieren solle.»
|
||||
(Baumgart 2004, 32)
|
||||
Durkheim ist mit dieser Fokussierung nicht nur mitten im
|
||||
Geschehen der Sozialisationstheorien, er ist sogar eine Art
|
||||
Provokateur. Denn tatsächlich ist er streitbar. Sein
|
||||
Plädoyer für die Anpassung der unzivilisierten Natur des
|
||||
Menschen an die Anforderungen des moralischen Handelns
|
||||
ist aus heutiger Perspektive eine Streitschrift gegen die
|
||||
humanistische Erziehung. Durkheim ist ein Konservativer,
|
||||
würde man wahrscheinlich sagen und ihm damit Unrecht
|
||||
tun. Tatsächlich bewertet man sein Eintreten für die
|
||||
methodische Sozialisation falsch, wenn man es nur als das
|
||||
autoritäre Durgreifen von oben versteht. Durkheim ist
|
||||
vielmehr darüber besorgt, dass Gesellschaften, die ihre
|
||||
Traditionen abwerfen und in den Strudel markvermittelter
|
||||
Konkurrenzgesellschaften gezogen werden, nicht mehr
|
||||
zusammenhalten könnten. Sein Eintreten für die
|
||||
methodische Sozialisation ist also so etwas wie das
|
||||
Gegengewicht zu den frei flottierenden Mächten des
|
||||
gesellschaftlichen Wandels, die selbst immer eine
|
||||
sozialisierende Funktion haben – aber eben eine, die nicht
|
||||
zu kontrollieren ist, auch wenn sie destruktive Kräfte
|
||||
freisetzt.
|
||||
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|
||||
Die theoretischen Ansätze von Simmel und Durkheim
|
||||
haben die Sozialisationstheorie begründet, indem sie
|
||||
systematische analytische Überlegungen zum Thema der
|
||||
spannungsreichen Wechselwirkung zwischen Individuum
|
||||
und Gesellschaft in die wissenschaftliche Diskussion
|
||||
eingebracht haben. Ihre bahnbrechende Arbeit ist aber erst
|
||||
einige Jahrzehnte später aufgenommen und weitergeführt
|
||||
worden. In der Soziologie haben sich Gesellschafts- und
|
||||
Handlungstheorien als bedeutsam für die Analyse der
|
||||
Auseinandersetzung des Menschen mit seiner inneren und
|
||||
äußeren Realität erwiesen. Diese Theorierichtungen
|
||||
werden im nächsten Abschnitt in ihren Grundaussagen und
|
||||
in ihrer Bedeutung für die Analyse und Erklärung von
|
||||
Sozialisation charakterisiert und kritisch eingeordnet.
|
||||
|
||||
2.1
|
||||
|
||||
Gesellschaftstheoretische Ansätze
|
||||
|
||||
Unter dem Sammelbegriff »gesellschaftstheoretische
|
||||
Ansätze« lassen sich verschiedene Theorieströmungen
|
||||
zusammenfassen, die soziale Makrostrukturen und ihre
|
||||
Dynamik analysieren (also gewissermaßen die
|
||||
Gesellschaften von oben aus der Vogelperspektive
|
||||
betrachten). Dieser makrotheoretische Zuschnitt wird
|
||||
bereits in den Ansätzen von Durkheim und Simmel sichtbar,
|
||||
jetzt kommen Ansätze innerhalb der Soziologie hinzu, die
|
||||
mehrheitlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
|
||||
populär wurden (auch wenn sie manchmal bereits früher
|
||||
entstanden sind). Im Unterschied zu den frühen Ansätzen
|
||||
soziologischer Theoriebildung werden von nun an die
|
||||
ökonomischen, politischen und kulturellen
|
||||
Rahmenbedingungen für die Wechselbeziehungen zwischen
|
||||
Person und Umwelt differenzierter betrachtet. Damit
|
||||
erhalten sie hier einen eigenständigen Status.
|
||||
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|
||||
Die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit wird
|
||||
bei diesen Ansätzen in eine enge Beziehung zur
|
||||
Entwicklung der Gesellschaft gesetzt. Hinzu tritt eine
|
||||
weitere Fokussierung der Diskussion, die auf die Frage
|
||||
zielt, ob die gesellschaftliche Entwicklung eine
|
||||
Selbstverwirklichung des Menschen ermöglicht oder nicht.
|
||||
Die verschiedenen Gesellschaftstheorien sind keineswegs
|
||||
homogen, sie sind mitunter sogar gegensätzlich in ihrer
|
||||
Ausrichtung. Dennoch vereint sie ein gemeinsamer Blick
|
||||
auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, in dem
|
||||
die Einflüsse sozialer Strukturen dominieren.
|
||||
DIE MATERIALISTISCHE GESELLSCHAFTSTHEORIE
|
||||
VON KARL MARX
|
||||
Die materialistische Gesellschaftstheorie ist die älteste
|
||||
Grundströmung und als soziologische Basistheorie bereits
|
||||
im ausgehenden 19. Jahrhundert profiliert. Sie ist durch
|
||||
Karl Marx (1818–1883) begründet und konzentriert sich auf
|
||||
eine historische Analyse der Entwicklung der
|
||||
wirtschaftlichen Produktionsverhältnisse, wobei die
|
||||
spannungsreichen Beziehungen zwischen den Besitzern der
|
||||
Produktionsmittel und den »eigentlichen« Produzenten,
|
||||
den Arbeiterinnen und Arbeitern in Gestalt einer
|
||||
»Klassentheorie« formuliert werden. Zugleich hat diese
|
||||
Theorie auch einen Subjektbezug, denn Marx geht von
|
||||
einem handelnden Individuum aus, das sich produktiv und
|
||||
kommunikativ ständig mit der sozialen und physischen
|
||||
Umwelt auseinandersetzt. Diese »menschliche Praxis«
|
||||
findet nach Marx seit vielen Jahrhunderten unter
|
||||
politischen und ökonomischen Bedingungen statt, die eine
|
||||
freie Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit nicht
|
||||
zugelassen haben. Die Bedeutung des Subjektiven findet
|
||||
darum bei Marx interessanterweise zunächst deswegen
|
||||
Berücksichtigung, weil es um die Integration der Menschen
|
||||
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|
||||
in einem Herrschaftsgefüge geht, also um die
|
||||
Beschneidung der subjektiven Entfaltungsmöglichkeiten.
|
||||
Trotz oder gerade wegen dieses »negativen« Zugriffs auf
|
||||
die Entwicklung der Persönlichkeit aus der Perspektive der
|
||||
Konstituierung von Herrschaft und Unfreiheit entsteht eine
|
||||
wichtige Tradition der Theoriebildung in der
|
||||
Sozialisationsforschung. Interessant ist, dass Marx noch
|
||||
früher als die eben genannten frühen Ansätze der
|
||||
Soziologie über das Wechselverhältnis von Individuum und
|
||||
Gesellschaft reflektierte. Dabei ist sein Zugang zu einem
|
||||
eigenen soziologischen Denkmuster geworden. Im
|
||||
Gegensatz zu Simmel und Durkheim aber verwendet er den
|
||||
Begriff Sozialisation noch nicht systematisch in seiner
|
||||
Theorie. Weiter ist Marx indes bereits bei dem Aspekt der
|
||||
dynamischen Wechselwirkung zwischen dem, wie
|
||||
Menschen handeln, und dem, was ihnen als
|
||||
gesellschaftliche Strukturen begegnet. Er betont, dass die
|
||||
gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von den Menschen
|
||||
selbst produziert werden, obwohl sie ihnen unter den
|
||||
gegebenen Verhältnissen wie eine »fremde Gewalt«
|
||||
entgegentreten. Werden die Verhältnisse, insbesondere die
|
||||
Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln, geändert,
|
||||
dann entstehen nach Marx auch veränderte Bedingungen
|
||||
für die Subjektwerdung der Gesellschaftsmitglieder.
|
||||
Produktive Arbeit und kommunikative Praxis
|
||||
|
||||
Da die Theorie von Marx jahrzehntelang von den Staaten
|
||||
der Sowjetunion und der von ihr abhängigen Länder zur
|
||||
Basis einer politischen Staatsideologie gemacht wurde, fällt
|
||||
ein unbefangener Blick schwer. Die Theorie drückt in ihrem
|
||||
Kern jedoch ein Menschenbild aus, das für die
|
||||
Sozialisationstheorie interessant ist. Der Mensch wird als
|
||||
ein aktiv handelndes Individuum verstanden, das in einer
|
||||
produktiven, durch gegenständliche Auseinandersetzung in
|
||||
Form von Arbeit und in einer kommunikativen
|
||||
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|
||||
Auseinandersetzung in Form von Interaktion mit anderen
|
||||
Menschen tätig ist.
|
||||
Marx ist in dieser Hinsicht ein Theoretiker, der noch vor
|
||||
Durkheim und Simmel den Bruch mit der idealistischen
|
||||
Philosophie herbeiführt und damit das erste Mal
|
||||
soziologisch, also praxisorientiert argumentiert. Am
|
||||
Wichtigsten hierfür ist die Kritik am Subjekt-ObjektDualismus. In dieser noch im 19. Jahrhundert
|
||||
dominierenden Tendenz des philosophischen Diskurses
|
||||
treten sich Subjekte (als handelnde Menschen) und Objekte
|
||||
(andere Menschen wie auch soziale Strukturen) als
|
||||
abgeschlossene Einheiten gegenüber. Diese Sicht ist für
|
||||
Marx zu kurz gegriffen, weil sie so tut, als ob Subjekte und
|
||||
Objekte immer schon gesellschaftlich vorhanden seien.
|
||||
Demgegenüber postuliert er die soziale Praxis, in der die
|
||||
Subjekte erst durch die Auseinandersetzung mit den
|
||||
gesellschaftlichen Strukturen zu dem werden, was sie sind
|
||||
(nämlich selbständig agierend), und sie handelnd auch erst
|
||||
die gesellschaftlichen Strukturen erschaffen, mit denen sie
|
||||
dann wieder in Beziehung treten. Durch diese produktive
|
||||
und kommunikative Praxis verändert der Mensch ständig
|
||||
seine soziale und physische Umwelt und entwickelt
|
||||
intellektuelle, emotionale und soziale Fähigkeiten, die sich
|
||||
in einem sensiblen Selbstbewusstsein bündeln (Marx 1966,
|
||||
S. 57).
|
||||
In dieser Konzeption findet sich eine für die
|
||||
Sozialisationstheorie wegweisende Vorstellung der
|
||||
Auseinandersetzung des Menschen mit der äußeren Natur:
|
||||
In Form der produktiven Arbeit lernt der Mensch die
|
||||
Eigengesetzlichkeit der natürlichen Stoffe kennen und
|
||||
entwickelt dabei seine Kräfte und Fähigkeiten, die bei einer
|
||||
gelungenen Auseinandersetzung mit den objektiven
|
||||
Anforderungen der Natur zu Selbstvertrauen führen. In
|
||||
den sozialen Bezügen lernt der Mensch, sich mit anderen
|
||||
bewussten Gattungswesen zu verständigen, was nur durch
|
||||
eine besondere Form der Beziehungsarbeit möglich ist,
|
||||
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|
||||
nämlich dadurch, sich in die Situation des anderen hinein
|
||||
vertiefen und sich selbst als Objekt wahrnehmen zu
|
||||
können.
|
||||
Die eigentlichen Potenziale der menschlichen
|
||||
Subjektentwicklung werden nach der Analyse von Marx
|
||||
aber unter den obwaltenden kapitalistischen
|
||||
Herrschaftsbedingungen nicht freigesetzt, weil die sozialen
|
||||
Beziehungen durch die ökonomisch geprägten, rein
|
||||
sachlichen Besitzverhältnisse verzerrt sind. Das gesamte
|
||||
Leben der Menschen in den kapitalistischen Gesellschaften
|
||||
wird durch Waren- und Marktgesetze determiniert, die die
|
||||
Mehrheit der Bevölkerung unter den »Zwang der
|
||||
ökonomischen Verhältnisse« pressen, weil sie ihre
|
||||
Arbeitskraft gegen Lohn verkaufen müssen. Hierdurch wird
|
||||
die Persönlichkeit der arbeitenden Menschen geradezu
|
||||
verkrüppelt. Sie sind gezwungen, sich an die
|
||||
vorherrschenden, von ihnen aktuell nicht veränderbaren
|
||||
kapitalistischen Produktionsverhältnisse anzupassen und
|
||||
sich ihnen zu unterwerfen. Die hierfür notwendigen
|
||||
Grundstrukturen der Persönlichkeit werden durch die
|
||||
politischen und ökonomischen Systeme geformt, die den
|
||||
einzelnen Menschen davon abhalten, seine wirklichen
|
||||
Bedürfnisse und Interessen zu erkennen und
|
||||
durchzusetzen (Marx 1966).
|
||||
Anschlüsse an die Theorie von Marx
|
||||
|
||||
Wie bereits erwähnt, steht die politische
|
||||
Instrumentalisierung des Werkes von Karl Marx einer
|
||||
sachlich angemessenen Aufnahme in die wissenschaftliche
|
||||
Diskussion bis heute im Wege. Sie hat dazu geführt, dass
|
||||
einseitig nur die gesellschaftliche Determinierung der
|
||||
Persönlichkeit eines Menschen aus dieser Theorie
|
||||
abgeleitet wird (»Das Sein bestimmt das Bewusstsein«).
|
||||
Gegen diese Einseitigkeit haben sich materialistische
|
||||
Persönlichkeitstheorien gewandt. Sie suchen zwar auch
|
||||
nach den Spuren, die gesellschaftliche und ökonomische
|
||||
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|
||||
Strukturen durch ihre Alltagszwänge in der Persönlichkeit
|
||||
der heranwachsenden und erwachsenen
|
||||
Gesellschaftsmitglieder hinterlassen (Ottomeyer 1991;
|
||||
Seve 1977). Aber in diesen Theorien gewinnt die
|
||||
persönlichkeitstheoretische Komponente der
|
||||
materialistischen Gesellschaftstheorie, die bei Marx
|
||||
eindeutig angelegt ist, gegenüber den politischen und
|
||||
ökonomischen Determinierungen an Gewicht.
|
||||
Bei Leontjew (1979) zum Beispiel wird der Widerspruch,
|
||||
dass gesellschaftliche und ökonomische Faktoren einerseits
|
||||
der Persönlichkeit eines Menschen als äußere Bedingungen
|
||||
entgegentreten, andererseits aber die sich entwickelnde
|
||||
Persönlichkeit eine aktiv die Umwelt verändernde Instanz
|
||||
ist, intensiv herausgearbeitet. In seiner
|
||||
Persönlichkeitstheorie stellt er sich der Frage, wie der
|
||||
Mensch durch das soziale Erbe, nämlich die von anderen
|
||||
Menschen geschaffene Wirklichkeit, in seiner Entwicklung
|
||||
beeinflusst wird und wie er diese Wirklichkeit aktiv selbst
|
||||
gestalten und beherrschen kann. Der Begriff »Tätigkeit«
|
||||
wird zum Schlüsselbegriff. Tätigkeiten sind
|
||||
zusammenhängende Ketten von menschlichen Handlungen,
|
||||
die durch ein Motiv gesteuert und auf ein Ziel gerichtet
|
||||
sind. Hiermit wird eine interessante Vermittlungskategorie
|
||||
für die Analyse der Beziehungen zwischen Mensch und
|
||||
Gesellschaft eingeführt, die Querverbindungen zu den
|
||||
handlungstheoretischen Konzeptionen ermöglicht (s. unten
|
||||
2.2).
|
||||
DIE KRITISCHE GESELLSCHAFTSTHEORIE DER
|
||||
FRANKFURTER SCHULE
|
||||
Bis heute haben die Ansätze, die Marx oder der
|
||||
materialistischen Theorie folgen, ein
|
||||
Anerkennungsproblem. Sie stehen unter dem Verdacht,
|
||||
letztlich nur eine »Abbildtheorie« zu produzieren, in der
|
||||
die Menschen Abbilder ihrer Umwelt, also Marionetten der
|
||||
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|
||||
gesellschaftlichen Verhältnisse sind, und auch nur von
|
||||
diesen beeinflusst werden. Gegen eine solche
|
||||
vereinseitigende Lesart hat sich ein weiterer
|
||||
eigenständiger gesellschaftstheoretischer Zweig gewendet,
|
||||
der aber mit dem materialistischen Denken ebenso eng
|
||||
verbunden ist. Dieser Zweig wird von Vertretern der
|
||||
sogenannten »Frankfurter Schule« repräsentiert.
|
||||
Die »Frankfurter Schule« ist heute ein weit verzweigtes
|
||||
Netzwerk in der Soziologie, der Philosophie und anderen
|
||||
Fachrichtungen. In den Anfangsjahren gehörten ihr eine
|
||||
Gruppe interdisziplinärer Forscherinnen und Forscher an,
|
||||
die von den 1930er bis zu den 1960er Jahren die
|
||||
wissenschaftliche Diskussion in den Sozial- und
|
||||
Geisteswissenschaften in Deutschland deutlich prägten.
|
||||
Die meisten Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter
|
||||
Schule wurden ab 1933 in die Emigration gezwungen.
|
||||
Dadurch hat sich diese wichtige Denkrichtung
|
||||
internationalisiert und kehrte (vor allem über die USA)
|
||||
nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland in die
|
||||
sozialisationstheoretische Diskussion zurück. Zu den
|
||||
wichtigsten Vertretern der ersten Gegenration der
|
||||
Frankfurter Schule gehören Theodor W. Adorno (1903–
|
||||
1969), Max Horkheimer (1895–1973) und Herbert
|
||||
Marcuse (1898–1979). Obwohl alle drei keine identische
|
||||
Position vertreten, teilen sie Grundannahmen und ergänzen
|
||||
sich zumeist in einer immer komplexer werdenden
|
||||
Kritischen Theorie der Gesellschaft.
|
||||
Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Herrschaft
|
||||
|
||||
Von den Jahren der Emigration in der Zeit des
|
||||
Nationalsozialismus abgesehen, befand sich das Zentrum
|
||||
der Kritischen Theorie am Institut für Sozialforschung der
|
||||
Universität Frankfurt am Main. Einflussreich war die
|
||||
Frankfurter Schule zum einen, weil sie den Theoriediskurs
|
||||
und die Anwendung empirischer Forschungsmethoden in
|
||||
den Sozialwissenschaften vorangetrieben hat; zum anderen
|
||||
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|
||||
aber auch, weil sie als Vordenker eines fortschrittlichen
|
||||
und emanzipativen Denkens angesehen wurde, das in der
|
||||
Nachkriegszeit in den USA und in Europa bis zum Ende der
|
||||
1970er Jahre eine große Wirkung entfalten konnte.
|
||||
Im Mittelpunkt der Kritischen Theorie steht eine doppelte
|
||||
Frage: a) wie sich Strukturen der Herrschaft,
|
||||
Ungerechtigkeit und Gewalt entwickeln und b) wie sich
|
||||
diese Strukturen verändern lassen. Herrschaftsverhältnisse
|
||||
werden dabei als Asymmetrien verstanden. Diese
|
||||
Asymmetrie zwischen den Lebensverhältnissen wie sie sind
|
||||
(durch Herrschaft geprägt) und wie sie sein könnten
|
||||
(herrschaftsreduziert) ist ein Grundmotiv. Es ist auch zu
|
||||
verstehen als Asymmetrie zwischen den Menschen, die
|
||||
über mehr oder weniger Machtmöglichkeiten verfügen und
|
||||
dadurch bessere oder schlechtere Lebensbedingungen
|
||||
haben. Nach der Kritischen Theorie kann jedes Macht- oder
|
||||
Herrschaftsverhältnis nur deshalb aufrechterhalten
|
||||
werden, da die Subjekte keine Alternativen denken können
|
||||
und asymmetrische Verhältnisse darum als alternativlos
|
||||
akzeptieren, weil sie in eben diesen Verhältnissen bereits
|
||||
sozialisiert und das bedeutet hier, an diese Bedingungen
|
||||
angepasst sind. Das Ausmaß der Ausprägung von
|
||||
Herrschaft und die Möglichkeiten gesellschaftlicher
|
||||
Emanzipation sind anders herum argumentiert aber auch
|
||||
immer von den Subjekten abhängig, auch wenn diese
|
||||
Leidtragende dieser Herrschaftsstrukturen sind. Die
|
||||
Sozialisation der Subjekte ist hiernach ein starker Hebel,
|
||||
um zu verstehen, warum Menschen die Ausübung von
|
||||
Herrschaft sowohl absichern (im Falle subjektiver
|
||||
Unterwerfung durch Sozialisation) als auch aufheben und
|
||||
beenden können (im Falle subjektiver Verweigerung).
|
||||
Diese Grundeinsicht zum Verständnis von Herrschaft ist
|
||||
keinesfalls nur an die Arbeiten der Vertreterinnen und
|
||||
Vertreter einer Kritischen Theorie der Gesellschaft
|
||||
gebunden. Hier aber hat sie eine besondere Verortung
|
||||
gefunden, wenn es darum geht, das handelnde Subjekt,
|
||||
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|
||||
seine Beschränkungen und kritischen Potenziale zu
|
||||
verstehen. Dadurch setzt sich die Frankfurter Schule von
|
||||
einer engen Lesart der »Die-Gesellschaft-bestimmt-dasHandeln«-Orthodoxie ab, die sich in der materialistischen
|
||||
Lesart seit Marx herausgebildet hatte. Es ist das
|
||||
interessante Wechselspiel zwischen Individuum und
|
||||
Gesellschaft, das die Kritische Theorie in den Blick nimmt
|
||||
und keine Vorentscheidung darüber fällt, wie stark
|
||||
Vergesellschaftungsbedingungen wirken.
|
||||
Obwohl keinesfalls weniger skeptisch als Marx, wenn es
|
||||
um die Übermacht der sozialen Strukturen geht, sieht die
|
||||
Frankfurter Schule mehr Zwischentöne in der
|
||||
Auseinandersetzung des Subjektes mit den
|
||||
gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen. Es ist eine
|
||||
offenere Beziehung, die immer mit einem empirischen Blick
|
||||
darauf verbunden wird, wie »offen« oder »geschlossen«
|
||||
Gesellschaften funktionieren. Zum einen sind zwar alle
|
||||
Menschen durch ihre Anpassung daran aktiv beteiligt, von
|
||||
den gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen zu
|
||||
werden. Zum anderen aber sind die Individuen durch diese
|
||||
Form der Verwobenheit potenziell in der Lage,
|
||||
Herrschaftsstrukturen zu unterbrechen und Autonomie zu
|
||||
erlangen.
|
||||
Die Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter Schule
|
||||
gehen in allen diesen Punkten deutlich über Marx hinaus
|
||||
und entwickeln als erste eine interdisziplinäre
|
||||
materialistische Gesellschaftstheorie. Ihre Ansätze sind viel
|
||||
deutlicher historisch ausgerichtet und beschreiben das
|
||||
Wechselspiel von Herrschaft und Befreiungsbewegungen
|
||||
komplexer, als es Marx mit dem (einfachen) Gegensatz von
|
||||
Kapital und Arbeit vermochte. Noch bedeutsamer für die
|
||||
Sozialisationstheorie ist, dass die Kritische Theorie in der
|
||||
Lage ist, psychologische Erkenntnisse zu integrieren, vor
|
||||
allem die der Psychoanalyse (s. unten). In großen, teilweise
|
||||
auch empirischen Studien (Horkheimer 1936/1987), geht
|
||||
diese Symbiose von Psychoanalyse und materialistischer
|
||||
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|
||||
Gesellschaftstheorie in die Theoriebildung der Frankfurter
|
||||
Schule ein und ermöglicht differenzierte Aussagen über das
|
||||
Subjekt und seine Verhaltensweisen im gesellschaftlichen
|
||||
Kontext. Ursprünglich einmal als Versuch entworfen, die
|
||||
Ausbildung einer Charakterstruktur zu verstehen, die wie
|
||||
im Faschismus der 1930er Jahre auf soziale Anpassung
|
||||
ausgerichtet ist, wird die Grundüberlegung noch lange
|
||||
danach auf die Analyse gesellschaftlicher
|
||||
Herrschaftsverhältnisse übertragen.
|
||||
Die Dialektik von sozialen und psychischen Strukturen
|
||||
|
||||
Für die Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter
|
||||
Schule ist das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft
|
||||
ein dialektischer Prozess, in dem sich sowohl die sozialen
|
||||
Strukturen als auch die Subjekte fortlaufend verändern und
|
||||
sich dabei beeinflussen. Dialektik bezeichnet in der
|
||||
philosophischen Tradition eine komplexe Denkoperation, in
|
||||
der davon ausgegangen wird, dass die Realität, wie sie uns
|
||||
gesellschaftlich gegenübertritt, durch (scheinbar)
|
||||
widersprüchliche Tendenzen konstituiert wird, aber gerade
|
||||
dadurch an Stabilität gewinnt. Auf dieses Denkwerkzeug im
|
||||
Besonderen einzugehen, ist gar nicht nötig. Wichtig ist
|
||||
lediglich, dass sich aus einer dialektischen Perspektive das
|
||||
Verhältnis zwischen dem Subjekt und den
|
||||
gesellschaftlichen Strukturen nur scheinbar vollkommen
|
||||
gegensätzlich darstellt. Die »Subjekt-Objekt-Relation«, wie
|
||||
die Gegenüberstellung der individuellen mit der
|
||||
gesellschaftlichen Sphäre begrifflich gefasst wird und mit
|
||||
der sich Marx schon auseinandergesetzt hat, ist daher
|
||||
nicht mit der Vorstellung zweier konstanter, begrifflich
|
||||
völlig durchleuchteter Größen zu beschreiben. Beide sind
|
||||
in ihrer Entwicklung unauflöslich miteinander verbunden:
|
||||
die Subjekte konstituieren das Gesellschaftliche und
|
||||
gesellschaftliche Strukturen formen die Subjekte.
|
||||
Dialektik ist in dieser Hinsicht eine Steigerung der
|
||||
Annahme dazu, dass sich das Subjekt und die
|
||||
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|
||||
gesellschaftlichen Lebensbedingungen (oder analog Person
|
||||
und Umwelt) in einem Wechselverhältnis befinden. Dieses
|
||||
Wechselverhältnis ist nicht der bloße Austausch zwischen
|
||||
einem Subjekt und den objektiven Strukturen der Umwelt.
|
||||
Vielmehr ist das Subjekt schon ein Produkt der
|
||||
gesellschaftlichen Strukturen (weil Menschen Erfahrungen
|
||||
machen, die dazu führen, dass sie subjektiv handlungsfähig
|
||||
werden) und gleichzeitig diese gesellschaftlichen
|
||||
Umwelten ein Produkt der menschlichen Handlungsweisen
|
||||
sind. Wenn wir das Subjekt und das Objekt (also die
|
||||
Umwelt) trennen, dann ist das immer nur ein analytischer
|
||||
Kunstgriff. In dieser Realität sind diese beide Einheiten
|
||||
unauflöslich (man kann hier sagen: dialektisch)
|
||||
miteinander verbunden.
|
||||
Durch diese Brille der unauflöslichen, dialektischen
|
||||
Wechselverhältnisse sieht die Frankfurter Schule auch die
|
||||
Entwicklung von Herrschaftsverhältnissen: Herrschaft ist
|
||||
abhängig von Strukturen, die Menschen zu einem
|
||||
bestimmten Verhalten bringen oder zwingen wollen.
|
||||
Herrschaft trifft dabei aber gleichzeitig auf eine innere
|
||||
Struktur des Individuums, die für solche
|
||||
Herrschaftspraktiken ansprechbar ist, wodurch die
|
||||
Menschen selbst die Strukturen aufrecht erhalten, die ihre
|
||||
freie Entfaltung einschränken. Theodor W. Adorno fasst das
|
||||
einmal wie folgt zusammen: »Die Massen ließen sich kaum
|
||||
plumper und augenzwinkernd unwahrer Propaganda
|
||||
einfangen, wenn nicht in ihnen selber etwas den
|
||||
Botschaften vom Opfer und vom gefährlichen Leben [hier
|
||||
als Ausübung von Herrschaft; Anm. durch die Verf.]
|
||||
entgegenkäme. Darum hat man es angesichts des
|
||||
Faschismus für notwendig erachtet, die Theorie der
|
||||
Gesellschaft durch Psychologie, zumal analytisch
|
||||
orientierte Sozialpsychologie zu ergänzen. Das
|
||||
Zusammenspiel der Erkenntnis gesellschaftlicher
|
||||
Determinanten und der in den Massen vorherrschenden
|
||||
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|
||||
Triebstrukturen versprach volle Einsicht in den
|
||||
Zusammenhalt der Totalität.« (Adorno 1972, S. 42)
|
||||
Der Rekurs auf die Triebstruktur ist aus heutiger
|
||||
Perspektive der Hinweis auf die Berücksichtigung einer
|
||||
inneren Realität eines Menschen, mit der sich die
|
||||
entwickelnde Persönlichkeit wiederum in einer dauernden
|
||||
Interaktion befindet. Für die damalige Diskussion
|
||||
bedeutete dies den Rückgriff auf die Trieblehre Sigmund
|
||||
Freuds. Diese setzt auf die Bedeutung der Triebenergien
|
||||
(aggressive wie libidinöse), der Triebablenkung und der
|
||||
Projektion von eigenen Affekten für die Persönlichkeit. Am
|
||||
bekanntesten ist die Erklärungsfigur des »autoritären
|
||||
Charakters« (Adorno 1973), die zur Analyse von nichtdemokratischen, hierarchie- und herrschaftsorientierten
|
||||
sozialen Bewegungen gebildet wurde. Diese Theoriefigur
|
||||
des autoritätsgebundenen, weil autoritätsgeprägten
|
||||
Charakters hat ein langes Nachleben in der Soziologie.
|
||||
Viele empirische Studien setzen auf dieses Konstrukt. Bis
|
||||
heute kann man sagen, dass kaum ein Denken so
|
||||
unablässig auf das Wechselspiel von gesellschaftlichen und
|
||||
individuellen Dispositionen ausgerichtet war, um
|
||||
Herrschaft zu verstehen und dabei gleichzeitig eine
|
||||
Theorie des sozialisierten Subjekts einzubeziehen.
|
||||
DIE STRUKTURFUNKTIONALISTISCHE
|
||||
SYSTEMTHEORIE VON TALCOTT PARSONS
|
||||
Vollkommen unterschiedlich, höchstens dadurch
|
||||
miteinander verbunden, dass sie sich als soziologische
|
||||
Ansätze kritisch gegenüberstanden, ist das
|
||||
strukturfunktionalistisch-systemtheoretische Denken im
|
||||
Verhältnis zu dem der Kritischen Theorie zu verstehen. Als
|
||||
systemtheoretische Ansätze werden in der Soziologie
|
||||
Konzeptionen zusammengefasst, die von der
|
||||
strukturfunktionalistischen Argumentationslinie ihres
|
||||
Begründers, Talcott Parsons, ausgehend bis zur Theorie
|
||||
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|
||||
funktionaler Differenzierung Niklas Luhmanns reichen. Die
|
||||
Zusammenfassung beider in der Soziologie sehr
|
||||
prominenter Zugänge als »systemtheoretisch« ist
|
||||
allerdings nicht sehr genau und folgt eher einer
|
||||
gebräuchlichen Konvention. Der genauere Blick offenbart
|
||||
nämlich erhebliche Unterschiede zwischen den Ansätzen.
|
||||
Zum einen ist die ältere strukturfunktionalistische
|
||||
Sichtweise stärker empirisch ausgerichtet. Zum anderen
|
||||
sind die Annahmen der kategorialen Trennung der
|
||||
unterschiedlichen Systemebenen in der Fassung von Niklas
|
||||
Luhmann deutlich pointierter und besitzen in der
|
||||
Theoriekonstruktion einen höheren Stellenwert. Beide
|
||||
Traditionslinien sind nichtsdestotrotz von großer
|
||||
sozialisationstheoretischer Bedeutung und werden deshalb
|
||||
im Folgenden auch gesondert dargestellt.
|
||||
Der amerikanische Soziologe Talcott Parsons (1902–1979)
|
||||
hat im Anschluss an Durkheim eine differenzierte Theorie
|
||||
der Sozialisation entwickelt. Parsons nimmt ursprünglich
|
||||
noch die Leitfrage von Durkheim auf, wie komplexe,
|
||||
durchorganisierte Gesellschaften zu sozialer Stabilität
|
||||
kommen und wie sie die biologisch-psychischen Anteile in
|
||||
der Persönlichkeit von Menschen in ihre Funktionsabläufe
|
||||
einbeziehen können. Er bedient sich bei seiner Analyse des
|
||||
Konzeptes »System«, und zwar sowohl zur Beschreibung
|
||||
von inhaltlich und funktional zusammenhängenden
|
||||
Einheiten der Gesellschaft als auch zur Beschreibung der
|
||||
Persönlichkeit. Auf diese Weise gelingt es ihm, ein
|
||||
einheitliches und zusammenhängendes theoretisches
|
||||
Modell zu etablieren, das biologische und psychologische
|
||||
Theorien mit umfasst (Parsons 1951).
|
||||
Sozialisation als Durchdringung von Systemen
|
||||
|
||||
Parsons geht von der einfachen Annahme aus, dass jedes
|
||||
System eine eigene Struktur besitzt. Mit Struktur wird der
|
||||
zeitlich überdauernde Aspekt des Systems bezeichnet, der
|
||||
Stabilität verleiht. Der dynamische Aspekt eines Systems
|
||||
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|
||||
wird mit dem Begriff »Funktion« gekennzeichnet, womit
|
||||
der Beitrag des Systems für die Stabilität eines
|
||||
übergeordneten Gesamtsystems angesprochen ist. Wegen
|
||||
dieser beiden zentralen Begriffe wird die Theorie von
|
||||
Parsons auch als »strukturfunktionalistische
|
||||
Systemtheorie« bezeichnet. Sie hat ihren Schwerpunkt
|
||||
darin, die verschiedenen Systeme und Subsysteme der
|
||||
Realität – und zwar der inneren und äußeren – zu
|
||||
identifizieren, in ihrem Zusammenspiel zu analysieren und
|
||||
ihre Funktionen für jeweils andere Systeme
|
||||
herauszuarbeiten (Schulze/Künzler 1991). Sie versucht, die
|
||||
Mikroperspektive der individuell-psychischen
|
||||
Persönlichkeitsstruktur und die Makroperspektive
|
||||
gesellschaftlicher Sozialstrukturen aufeinander zu
|
||||
beziehen und in eine Synthese zu bringen.
|
||||
Parsons unterscheidet analytisch zwischen einem
|
||||
organischen, einem psychischen und einem sozialen
|
||||
System:
|
||||
Das organische System des Menschen bildet die
|
||||
Ausgangsbasis aller seiner Handlungsprozesse. Es
|
||||
versorgt ihn mit Energie für körperliche und psychische
|
||||
Grundfunktionen.
|
||||
Das psychische System, die Persönlichkeit des
|
||||
Menschen, hat die Aufgabe, die Antriebsenergien des
|
||||
organischen Systems zu kontrollieren und in
|
||||
gesellschaftlich erlaubte und vorgeschriebene Bahnen
|
||||
zu lenken. Die Persönlichkeit ist wesentlich durch diese
|
||||
Struktur der kontrollierten Bedürfnispositionen
|
||||
charakterisiert, die sich im Zuge der Verinnerlichung
|
||||
der gesellschaftlichen Kontrollen herausbilden.
|
||||
Das soziale System ist weitgehend identisch mit der
|
||||
Gesellschaft und wird aus den Beziehungsmustern
|
||||
zwischen handelnden Persönlichkeiten in ihrer
|
||||
Eigenschaft als Träger bestimmter sozialer Rollen
|
||||
gebildet.
|
||||
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|
||||
Ganz im Sinne der Vorstellung von Durkheim und
|
||||
interessanterweise ähnlich der Frankfurter Schule wird in
|
||||
enger Orientierung an der Psychoanalyse Sozialisation als
|
||||
schrittweise Übernahme der Verhaltensmaßstäbe des
|
||||
sozialen Systems in das psychische System verstanden.
|
||||
Sozialisation beginnt mit der psychischen Verinnerlichung
|
||||
von Impulsen der ersten Pflege- und Bezugspersonen, mit
|
||||
denen ein Kind in Beziehung tritt. Diese sozialen Objekte
|
||||
verweisen in ihren Rollen (Mutter, Vater, Bruder,
|
||||
Schwester, Erzieherin oder Erzieher usw.) jeweils auf das
|
||||
soziale und kulturelle Subsystem, in dem sie stehen
|
||||
(Mühlbauer 1980, S. 76). Im weiteren Verlauf des Lebens
|
||||
kommt es zu immer neuen Aneignungsprozessen
|
||||
normativer und sozialer Strukturen (Parsons 1968). Am
|
||||
Ende steht eine »gesellschaftsfähige Persönlichkeit«
|
||||
(Parsons 1951, S. 205).
|
||||
Die Theorie von Parsons erklärt Sozialisation also als eine
|
||||
gegenseitige »Durchdringung« (Interpenetration) der
|
||||
Systeme Organismus, Persönlichkeit und Gesellschaft.
|
||||
Diese Systeme pendeln sich im Verlauf ihrer Entwicklung
|
||||
jeweils auf bestimmte, mehr oder weniger stabile
|
||||
Gleichgewichtszustände ein. Ein solcher Zustand ist zum
|
||||
Beispiel dadurch gegeben, dass die kognitive und
|
||||
emotionale Orientierung eines Menschen sich in
|
||||
Übereinstimmung mit den Strukturen des sozialen Systems
|
||||
befindet, in dem die Erwartungen der kulturellen,
|
||||
politischen und ökonomischen Subsysteme
|
||||
institutionalisiert sind. Sozialisation ist demnach ein das
|
||||
Gleichgewicht aller beteiligten Systeme stabilisierender
|
||||
Prozess. »Denn durch die Verinnerlichung der Werte und
|
||||
Normen der Gesellschaft kommt es zu einer Abstimmung
|
||||
der Bedürfnisstruktur des Organismus, der
|
||||
Persönlichkeitsstruktur und der Sozialstruktur der
|
||||
Gesellschaft. Die Bedürfnisstruktur stellt
|
||||
Bedürfnisdispositionen nach der Verinnerlichung der
|
||||
Wertorientierungen als eine Art Spiegelbild der
|
||||
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|
||||
Sozialsysteme dar, mit denen das Individuum verknüpft ist«
|
||||
(Geißler 1979, S. 270).
|
||||
Der analytische Schritt, den Parsons vollzieht, ist eng an
|
||||
einen Theoriehorizont gebunden, der zur Mitte des 20.
|
||||
Jahrhunderts verfügbar war. Die Kritische Theorie greift
|
||||
auf ähnliche Bausteine zurück. Im Unterschied dazu aber
|
||||
hält Parsons die vollständige Anpassung und Adaption an
|
||||
die sozialen Systeme nicht für problematisch, sondern für
|
||||
funktional und »vernünftig« und für den Strukturerhalt der
|
||||
Systeme für notwendig. Er entwickelt hierfür sein »AGIL«
|
||||
Schema aus »Adaption« (Anpassung), »Goal Attainment«
|
||||
(Ausrichtung der eigenen Präferenzen auf erwünschte
|
||||
Ziele), »Integration« (eine Gesellschaft muss
|
||||
Zusammenhalt herstellen und integrieren können, am
|
||||
Besten über gemeinsame Leitbilder), die im Sinne eines
|
||||
»Latent Pattern Maintenance« in Ritualen und
|
||||
gemeinsamen kulturellen Codes aufrechterhalten werden.
|
||||
Sozialisation als Durchlaufen von Rollenbeziehungen
|
||||
|
||||
Ausgehend vom »AGIL« Schema ist Sozialisation der
|
||||
Schlüssel zur stabilen Integration eines Individuums in die
|
||||
Gesellschaft und damit parallel für für die
|
||||
Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Stabilität. Aus der
|
||||
Perspektive von Parsons durchläuft ein Mensch eine
|
||||
Hierarchie unterschiedlich strukturierter und sich
|
||||
zunehmend differenzierender Rollenbeziehungen: Von der
|
||||
Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind in der frühen
|
||||
(vorödipalen) Phase über das einfache Rollensystem der
|
||||
Kernfamilie hin zu vielfältigen Rollenbeziehungen in der
|
||||
Gleichaltrigengruppe und Schule. In der Jugendphase
|
||||
komplizieren sich die Beziehungen, bis die vielgestaltigen
|
||||
Rollen der Erwachsenen in Beruf, eigener Familie und
|
||||
Gesellschaft erreicht werden (Parsons 1968). Jeder Mensch
|
||||
bewegt sich also bis in das Erwachsenenalter hinein durch
|
||||
immer facettenreichere Rollenstrukturen und muss sich mit
|
||||
den jeweiligen wechselseitigen Erwartungen in
|
||||
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|
||||
unterschiedlichen Beziehungen auseinandersetzen. Erst
|
||||
mit der Verinnerlichung der Verhaltenserwartungen und
|
||||
Wertorientierungen sowie ihrer Verankerung in der
|
||||
Struktur der individuellen Bedürfnisdisposition im
|
||||
Erwachsenenalter ist dieser Prozess vorläufig
|
||||
abgeschlossen (Parsons 1976).
|
||||
Über den Prozess der Sozialisation werden nach Parsons
|
||||
grundlegende Wertorientierungen erworben, die zum
|
||||
erfolgreichen Rollenhandeln in komplexen Gesellschaften
|
||||
notwendig sind. Hierzu müssen generelle
|
||||
Verhaltensorientierungen fest in der Persönlichkeit
|
||||
verankert sein. Das grundlegende Wertmuster für westliche
|
||||
Gesellschaften wird als »universalistisch« bezeichnet.
|
||||
Hiermit verbindet Parsons gesellschaftliche Leitbilder, die
|
||||
eine Wegweiserfunktion für das eigene Handeln haben. Ein
|
||||
Beispiel hierfür ist die Ausrichtung des Handelns an
|
||||
universalen Leistungsnormen. Dazu gehört eine affektive
|
||||
Neutralität durch die rein sachliche Berücksichtigung von
|
||||
Interessen in Beziehungen, die Wahrnehmung anderer
|
||||
Menschen nicht nach ihrer Persönlichkeit, sondern nach
|
||||
ihrer sozialen Position und ein hohes Ausmaß von
|
||||
Selbstorientierung im Sinne einer Wahrnehmung des
|
||||
eigenen Vorteils in beruflichen und persönlichen
|
||||
Beziehungen (Parsons 1951, S. 219). Die universalistischen
|
||||
Orientierungen gelten für Parsons als
|
||||
»Grundqualifikationen des Rollenhandelns«, die eine
|
||||
»Basispersönlichkeit« des Menschen strukturieren.
|
||||
Diese Verhaltensmuster können in der eng und
|
||||
persönlich konstruierten familiären Sozialisation nicht
|
||||
vermittelt werden, denn hier herrschen
|
||||
»partikularistische« Beziehungen vor, die den
|
||||
universalistischen entgegengesetzt sind und sich durch
|
||||
direkte persönliche Beziehung, Gefühlsorientierung und
|
||||
Gemeinschaftsinteresse auszeichnen. Aus diesem Grund
|
||||
kommt den Bildungsinstitutionen Kindergarten und Schule
|
||||
eine Schlüsselfunktion im Sozialisationsprozess moderner
|
||||
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|
||||
Gesellschaften zu, denn hier werden die universalistischen
|
||||
Wertorientierungen zum ersten Mal für Kinder und
|
||||
Jugendliche erlebbar praktiziert. In seinem Aufsatz »Die
|
||||
Schulklasse als soziales System« analysiert Parsons die
|
||||
strukturellen Unterschiede zwischen der Familie und der
|
||||
Schule als informelle und formelle Rollensysteme. Im
|
||||
Unterschied zur Mutter tritt die Grundschullehrerin oder
|
||||
der Grundschullehrer als eine Bezugsperson auf, die
|
||||
emotional neutral ist und die Persönlichkeit des Kindes
|
||||
allein nach der erbrachten individuellen Leistung bemisst.
|
||||
Indem ein Kind sich in die formalen Rollenbeziehungen
|
||||
einer Schulklasse einfindet, übernimmt es in seine
|
||||
Persönlichkeit die öffentlichen Wertmuster (Parsons 1968).
|
||||
Persönlichkeit als Spiegelbild der Sozialstruktur
|
||||
|
||||
Interessant ist, dass heute, mehr als ein halbes Jahrhundert
|
||||
nach dem Parsons seine Theorie entwickelt hat, der
|
||||
Gegensatz zwischen partikularistischen und
|
||||
universalistischen Normen vielleicht gar nicht mehr so
|
||||
deutlich feststellbar ist. In den Familien wird schon seit
|
||||
geraumer Zeit nicht mehr ein Gegenmodell zu dem der
|
||||
Bildungsinstitutionen gelebt. Ganz im Gegenteil wird in
|
||||
einigen Familien bereits lange vor Schuleintritt auf das
|
||||
vorbereitet, was dann in Bildungsprozessen als
|
||||
Lernfähigkeit und Leistungsorientierung erwartet wird.
|
||||
Tendieren also universalistische Orientierungen zur
|
||||
weiteren Universalisierung? Können sich partikularistische
|
||||
Orientierungen vielleicht dagegen gar nicht mehr
|
||||
aufrechterhalten lassen. Inwiefern der Gegensatz zwischen
|
||||
partikularistisch und universal aber tatsächlich in einem
|
||||
Prozess der Auflösung befindlich ist, bleibt eine empirische
|
||||
Frage für sozialisationsorientierte Forschung.
|
||||
Theoretisch wird bei Parsons der Sozialisationszugang
|
||||
noch durch die Akzentuierung von Sozialisation als
|
||||
»Vergesellschaftung« beherrscht, die Parsons selbst von
|
||||
Durkheim übernimmt. Bei Durkheim wie Parsons steht die
|
||||
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|
||||
Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Stabilität im
|
||||
Mittelpunkt. Dadurch ergeben sich theoretische
|
||||
Engführungen: Persönlichkeit wird als »Spiegelbild« der
|
||||
Sozialstruktur verstanden und deshalb der Aspekt der
|
||||
Individuation als integraler Bestandteil des
|
||||
Sozialisationsprozesses nicht ausreichend betont. Der
|
||||
Theorie liegt eine überwiegend gesellschaftsbezogene
|
||||
Konzeption von Persönlichkeitsbildung zugrunde. Sie
|
||||
nimmt zwar psychoanalytische Theorieteile auf, da diese
|
||||
aber nur additiv einbezogen werden, wird der einseitig
|
||||
gesellschaftsbezogene Akzent kaum korrigiert.
|
||||
Wegen der starken Orientierung am Begriff der sozialen
|
||||
Rolle überwiegt eine passive Konzeption des menschlichen
|
||||
Anpassungsprozesses an die Gesellschaft. Der Mensch wird
|
||||
nicht als aktive Erschließerin und Gestalter der Umwelt
|
||||
verstanden, sondern steht einer übermächtigen
|
||||
Gesellschaft gegenüber, deren Einflüssen er sich kaum
|
||||
erwehren kann. Individualität bildet sich gewissermaßen in
|
||||
gesellschaftsfreien Räumen aus, fern von sozial genormten
|
||||
Erwartungen und Sanktionen. Parsons unterschätzt damit
|
||||
den Spielraum für die Entwicklung einer eigenen, vom
|
||||
gesellschaftlich etablierten und institutionalisierten
|
||||
Rollensystem abweichenden Persönlichkeit und damit auch
|
||||
den Spielraum für Wertstrukturen und Handlungsziele, die
|
||||
ein souveränes und distanziertes Rollenhandeln
|
||||
ermöglichen. Kritikerinnen und Kritiker eines solchen
|
||||
Denkens haben treffsicher von der
|
||||
strukturfunktionalistischen Vorstellung des
|
||||
übersozialisierten Menschen gesprochen (Wrong 1961).
|
||||
In Parsons Arbeiten finden sich aber durchaus Ansätze,
|
||||
die eine differenzierte Darstellung der Durchdringung von
|
||||
organischen, psychischen und sozialen Systemen und
|
||||
Strukturen leisten. Parsons weist mehrfach auf die
|
||||
besondere Individualität jeder konkreten Person hin, die in
|
||||
ihrer individuellen Sozialisations- und Lebensgeschichte zu
|
||||
einer relativen Unabhängigkeit gegenüber den
|
||||
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|
||||
gesellschaftlichen Normen führe: »Die Persönlichkeit wird
|
||||
dennoch stets ein System mit eigener, individueller
|
||||
Konstitution sein, mit eigenen Zielen und Imperativen
|
||||
innerer Integration, mit eigenen charakteristischen Formen
|
||||
des Verhaltens in Lebenssituationen […]. Das Individuum
|
||||
wird jedoch niemals in der Form in die Gesellschaft
|
||||
sozialisiert, dass es nur ein standardisiertes Rädchen der
|
||||
Maschinerie wird. Mutter, Familie, Schule, Gemeinde
|
||||
weisen ebenso weit reichende und subtile Unterschiede
|
||||
auf, wie die ursprüngliche Veranlagung der Individuen«
|
||||
(Parsons 1968, S. 378). Beachtlich an diesem Ansatz ist
|
||||
auch der Einbezug des organischen Systems, das erst in
|
||||
jüngster Zeit durch neurobiologische Positionen in der
|
||||
Sozialisationstheorie wieder an Boden gewinnt.
|
||||
Der Beitrag von Parsons für die Sozialisationstheorie
|
||||
gewinnt dann an Bedeutung, wenn der Austausch und das
|
||||
Durchdringen von organischem, personalem und sozialem
|
||||
System analysiert und dabei das Spannungs- und
|
||||
Konfliktpotenzial in diesem Austausch herausgearbeitet
|
||||
wird. Es wäre wünschenswert, die aktiven Aneignungs- und
|
||||
Erschließungsleistungen des personalen Systems in die
|
||||
theoretische Konzeption einzubeziehen und die bewusste
|
||||
Reflexion eines Individuums über sein Verhältnis zur
|
||||
inneren und äußeren Realität systematisch in der Theorie
|
||||
zu verankern. Mit dieser Akzentsetzung läge eine Theorie
|
||||
vor, die nachzeichnet, wie Individualität durch Sozialisation
|
||||
erst gewonnen werden kann (Münch 1988, S. 426).
|
||||
In der sozialisationstheoretischen Diskussion findet sich
|
||||
heute kein Ansatz mehr, der sich explizit der
|
||||
strukturfunktionalistischen Tradition zuordnet, aber ihre
|
||||
Bezüge bestehen gleichwohl implizit fort (so der gleich
|
||||
folgende Ansatz Niklas Luhmanns). Ein Beispiel hierfür ist
|
||||
die Bezugnahme auf die Entstehung und Aufrechterhaltung
|
||||
von funktionsfähigen sozialen Systemen. Ähnliches gilt in
|
||||
diesem Zusammenhang insbesondere für die
|
||||
funktionalistische Rollentheorie. Die hiermit verbundene
|
||||
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|
||||
Vorstellung des Einwirkens von sozialen Normierungen auf
|
||||
die Ausprägung von Einstellungs- und Verhaltensmustern
|
||||
hat terminologisch (als Bezugnahme auf den Rollenbegriff)
|
||||
nicht »überleben« können. In der konkreten
|
||||
Forschungspraxis wird der damit verbundene Impuls zur
|
||||
Annahme der individuellen Anpassung an spezifische
|
||||
Handlungs- und Rollenerwartungen jedoch fortgeführt, die
|
||||
dann auch in der ganzheitlichen Gestalt eines fest
|
||||
umrissenen Repertoires an Wissen und Erfahrungen zur
|
||||
Ausprägung kommen.
|
||||
DIE SOZIALE SYSTEMTHEORIE VON NIKLAS
|
||||
LUHMANN
|
||||
Eine der wenigen Bezugnahmen auf das
|
||||
strukturfunktionalistische Denken stammt aus der
|
||||
deutschsprachigen Debatte. Der Soziologe Niklas Luhmann
|
||||
(1927–1998) entwickelte die strukturfunktionalistische
|
||||
Systemtheorie von Talcott Parsons zwar in gewisser Weise
|
||||
weiter, wich aber in zentralen Punkten von Parsons ab. Das
|
||||
tut er vor allem darin, die Eigenlogik der jeweiligen
|
||||
Systeme noch viel deutlicher zu betonen als dies bei
|
||||
Parsons bereits der Fall war (Luhmann 1987). Die
|
||||
soziologische Systemtheorie entwickelt dadurch eine
|
||||
spezifische Ausprägung. Zudem weicht sie von einer
|
||||
normativen Vorgabe des Vorrangs gelungener
|
||||
gesellschaftlicher Integration durch Sozialisation (wie bei
|
||||
Durkheim und Parsons) ab. Wie wir sehen werden,
|
||||
bekommt die Systemtheorie damit eine Sonderstellung in
|
||||
der Soziologie, die überraschenderweise dennoch relevant
|
||||
wird für das Sozialisationsthema.
|
||||
Sozialisation als Selbstorganisation von Systemen
|
||||
|
||||
Luhmann unterscheidet wie Parsons zwischen einem
|
||||
organischen, psychischen und sozialen System. Diese drei
|
||||
Systeme folgen eigenen Entwicklungsgesetzen, sie haben
|
||||
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|
||||
eine selbstreferenzielle Logik, was Luhmann als
|
||||
»Autopoiesis« (Selbststeuerung) bezeichnet. Der Begriff
|
||||
Autopoiesis wurde von ihm aus der Neurophysiologie
|
||||
übernommen und bezeichnet die Organisationsform von
|
||||
Systemen, die ihre konstitutiven Komponenten selbst
|
||||
herstellen und über Zeit und Raum auch selbst erhalten
|
||||
können (Maturana/Varela 1987).
|
||||
So wird auch das psychische System auf der Basis eines
|
||||
einheitlichen »selbstreferenziellen«
|
||||
Bewusstseinszusammenhangs definiert, während sich
|
||||
soziale Zusammenhänge durch Kommunikation ergeben:
|
||||
»Psychische und soziale Systeme sind im Wege der KoEvolution entstanden. Die jeweils eine Systemart ist
|
||||
notwendige Umwelt der jeweils anderen. Die Begründung
|
||||
dieser Notwendigkeit liegt in der diese Systemart
|
||||
ermöglichenden Evolution. Personen können nicht ohne
|
||||
soziale Systeme entstehen und bestehen, und das Gleiche
|
||||
gilt umgekehrt« (Luhmann 1984, S. 92). Die beiden
|
||||
Systeme stehen in einem Verhältnis der Interpenetration
|
||||
(der gegenseitigen Durchdringung) zueinander, wobei jedes
|
||||
System Beiträge zum Aufbau des anderen zur Verfügung
|
||||
stellt. Das selbstgesteuerte Bewusstsein ist der Beitrag des
|
||||
psychischen Systems, der in das soziale System
|
||||
aufgenommen wird, während das soziale System
|
||||
Kommunikation beisteuert, um das psychische System zu
|
||||
konstituieren.
|
||||
Auch in sozialen Systemen wird nach Luhmann jede
|
||||
innere Struktur vom System durch selbstreferenzielles
|
||||
Prozessieren erzeugt. Als die grundlegende Leistung des
|
||||
Systems wird dabei die Reduktion der Komplexität von
|
||||
Umwelt verstanden, also die auf das Wesentliche reduzierte
|
||||
Aneignung und Übersetzung von Strukturen, Prozessen
|
||||
und Komponenten aus der Umgebung in das Innere des
|
||||
jeweiligen Systems. In allen hoch entwickelten
|
||||
Gesellschaften wird das Ausmaß von Selbstorganisation
|
||||
aller Systeme, so auch des Systems »Psyche«, immer
|
||||
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|
||||
komplexer und selbstständiger. In einer vielfältigen und
|
||||
komplexen Umwelt muss jedes psychische System ein
|
||||
besonders hohes Ausmaß an Sinnbildung, Ordnung des
|
||||
Handelns und Strukturierung von inneren Elementen
|
||||
vornehmen, um gegenüber der sich wandelnden Außenwelt
|
||||
konstant bleiben zu können (Faulstich-Wieland 2000, S.
|
||||
135; Mingers 1995; Vanderstraeten 2000).
|
||||
Das Konzept der Selbstsozialisation
|
||||
|
||||
Mit dieser abstrakten Begrifflichkeit arbeitet Luhmann die
|
||||
Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft in
|
||||
besonders pointierter Weise heraus. Hieraus leitet er sein
|
||||
Konzept der Sozialisation ab. Für ihn sind es nicht
|
||||
gesellschaftliche Außenanforderungen, die zur
|
||||
»Sozialmachung« der Persönlichkeit führen, wie es noch
|
||||
von Parsons nahegelegt wird. Es gibt keine Sozialisation,
|
||||
die von einer Instanz außerhalb des psychischen Systems
|
||||
bedingt ist, vielmehr nimmt das psychische System eine
|
||||
»Selbstsozialisation« vor, indem es sich nach innen und
|
||||
nach außen ständig neu orientiert und die eigenen
|
||||
Strukturen und Eigenschaften ebenso wie die Erwartungen
|
||||
an die soziale Umwelt permanent auf veränderte
|
||||
Ausgangsbedingungen umstellt. Aus der Differenz zwischen
|
||||
dem psychischen System (der Person) und dessen Umwelt
|
||||
(dem sozialen System) ergibt sich in dieser Sichtweise die
|
||||
Möglichkeit und die Notwendigkeit von Sozialisation: Der
|
||||
Mensch ist in seiner Persönlichkeitsentwicklung auf
|
||||
Soziales angewiesen, aber er wird durch Sozialisation nicht
|
||||
Teil des sozialen Systems. Umgekehrt wird durch
|
||||
Sozialisation das soziale System nicht in Psyche
|
||||
transformiert. Beide Systeme interagieren, aber sie bleiben
|
||||
jeweils Umwelt füreinander (Gilgenmann 1986, S. 72;
|
||||
Luhmann 1987).
|
||||
Mit dem von ihm neu eingeführten Begriff der
|
||||
»Selbstsozialisation« bezeichnet Luhmann die aktive
|
||||
Eigenleistung des psychischen Systems und setzt sich
|
||||
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|
||||
damit von der Annahme einer Anpassung des psychischen
|
||||
Systems an die Gesellschaft ab, die noch bei Parsons
|
||||
vorherrscht. Das psychische System, das sinngemäß mit
|
||||
»Persönlichkeit« gleichgesetzt werden kann, unterwirft
|
||||
sich, so Luhmann, in keiner Phase seiner Entwicklung dem
|
||||
sozialen System und nimmt dessen Komponenten auch
|
||||
nicht in sich auf (es passt sich gesellschaftlichen
|
||||
Anforderungen also niemals nur passiv an). Vielmehr setzt
|
||||
sich das psychische System entsprechend seiner eigenen
|
||||
Funktionslogik so mit dem sozialen System ins Verhältnis,
|
||||
dass eine geregelte Koexistenz beider Systeme möglich ist.
|
||||
Damit wird – übersetzt in die traditionelle soziologische
|
||||
Terminologie – die aktive Auseinandersetzung eines
|
||||
Individuums mit seiner sozialen Lebenswelt betont
|
||||
(Abels/König 2016 S. 217). Diesbezüglich ist die
|
||||
Sozialisationstheorie Luhmanns als ein konsequenter
|
||||
»Bruch mit einem Verständnis von Sozialisation als
|
||||
Transfer sozialer Vorgaben ins Individuum« zu verstehen
|
||||
und »damit auch mit den sozialisationstheoretischen
|
||||
Annahmen der älteren Systemtheorie, wie sie bei Talcott
|
||||
Parsons vorliegt« (Scherr 2015, S. 165).
|
||||
Der Verlust der Person-Umwelt-Spannung
|
||||
|
||||
Die Systemtheorie in der Variante von Luhmann trägt dazu
|
||||
bei, theoretisch übergreifende Gesichtspunkte der
|
||||
Funktionsfähigkeit von Systemen auf allen Ebenen und
|
||||
Entwicklungsstufen in die Sozialisationstheorie
|
||||
einzubeziehen. Kritisch ist anzumerken, dass auf diese
|
||||
Weise der spannungsreiche Vorgang der Sozialisation als
|
||||
permanenter Auseinandersetzung zwischen Organismus,
|
||||
Psyche und Sozialem sehr abstrakt bearbeitet wird. Durch
|
||||
die Breite und Abstraktheit der Theorie, die im
|
||||
Wesentlichen nur nach den Mechanismen fragt, mit denen
|
||||
sich ein System nach innen und nach außen stabil hält,
|
||||
gehen konkrete Bezüge des Organismus-PsycheGesellschaft-Verhältnisses verloren.
|
||||
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|
||||
Das Konzept der Selbstsozialisation nährt die Vorstellung,
|
||||
Individuation verlaufe durchgehend selbstgesteuert, und
|
||||
die Autonomiepotenziale der Persönlichkeit seien
|
||||
anthropologisch gegeben. Das grundlegend interaktive
|
||||
Verhältnis zwischen Person und Umwelt, das sich im Laufe
|
||||
der Lebensgeschichte über Krisen und Phasen aufbaut,
|
||||
kann mit dieser generalisierten Systemvorstellung nicht
|
||||
sicher erfasst werden. Die Annahme der NichtSteuerbarkeit einzelner Systemebenen ist im Zugang der
|
||||
Sozialisationsforschung definitiv eine wichtige Neuerung.
|
||||
Gleichzeitig ist bisher noch nicht deutlich genug geworden,
|
||||
wie stark das Eigenleben eines Individuums (oder seines
|
||||
psychischen Systems) gesehen werden kann (Bauer 2002).
|
||||
Die Systemtheorie hat mit dem Ansatz der
|
||||
Selbstsozialisation einen konsequenten Blick auf die
|
||||
Entwicklung von Individualität geworfen. Dieser wird in
|
||||
dieser Form auch als Orientierung (als erkenntnisleitende
|
||||
Heuristik) wahrgenommen. In empirischer Hinsicht sind
|
||||
diese Annahmen aber kaum überprüft worden.
|
||||
Insgesamt liegt mit Luhmanns Theorie gegenüber
|
||||
Parsons eine Öffnung und Dynamisierung der
|
||||
Systemtheorie vor. Sie ist allerdings so abstrakt, dass keine
|
||||
Aussagen über das Verhältnis der Systeme Organismus,
|
||||
Psyche und Gesellschaft zueinander getroffen werden
|
||||
können, die in der Realität beobachtbar und durch
|
||||
empirische Forschung überprüfbar sind. Tilmann Sutter
|
||||
(geb. 1957) hat darauf hingewiesen, dass diese
|
||||
Einschränkungen nicht zwangsläufig sind, und den Versuch
|
||||
unternommen, konzeptionelle Schwächen der
|
||||
Systemtheorie auszugleichen und eine Brücke zwischen
|
||||
den subjekt- und handlungsorientierten Theorien zu
|
||||
schlagen (Sutter 1999b).
|
||||
DIE SOZIALTHEORIE PIERRE BOURDIEUS
|
||||
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|
||||
Die Theorielinien der materialistischen Ansätze, der
|
||||
Frankfurter Schule, des Strukturfunktionalismus und der
|
||||
Systemtheorie haben in der Soziologie eine große Wirkung
|
||||
hinterlassen. Das gilt im Besonderen auch für ihre
|
||||
Bedeutung in der Sozialisationstheorie. Sie bilden das
|
||||
Gerüst dafür, über den Zusammenhang von Individuum und
|
||||
Gesellschaft aus einer soziologischen Perspektive
|
||||
nachzudenken. Der Gegenstand von Sozialisation – das
|
||||
Beziehungsverhältnis zwischen einem sich entwickelnden
|
||||
Menschen und den umgebenden gesellschaftlichen
|
||||
Umweltfaktoren – erhält damit aber auch sehr
|
||||
unterschiedliche, mitunter gegensätzliche Nuancierungen.
|
||||
Die Sozialtheorie des französischen Soziologen Pierre
|
||||
Bourdieu (1930–2002) übernimmt hier eine gewisse
|
||||
Vermittlungsrolle. Bourdieu hat eine besonders
|
||||
einflussreiche Variante einer Gesellschaftstheorie
|
||||
entwickelt, die wie das Theoriegerüst der Frankfurter
|
||||
Schule auf der Verbindung einer Struktur- mit der
|
||||
Subjektperspektive beruht, gleichzeitig aber auch
|
||||
gesellschaftliche Funktionsbereiche so strikt unterscheidet
|
||||
wie die systemischen Ansätze und letztendlich dem sich
|
||||
entwickelnden Subjekt eine Eigenlogik zuschreibt. Pierre
|
||||
Bourdieus Sozialtheorie legt einen besonderen
|
||||
Schwerpunkt auf die ungleichen Lebensbedingungen, die
|
||||
Menschen für ihre Persönlichkeitsentwicklung vorfinden.
|
||||
Der Ansatz ist damit auch einer kritischen Linie in den
|
||||
Sozialwissenschaften zuzurechnen.
|
||||
Die praxeologische Erkenntnisweise
|
||||
|
||||
Bourdieus Ansatz nimmt seinen Ausgang von einem
|
||||
erkenntnistheoretischen Gegensatz: Er behauptet, dass das
|
||||
zentrale Problem jeder Sozialwissenschaft die Vermittlung
|
||||
zwischen scheinbar unverträglichen Standpunkten oder
|
||||
Perspektiven des Erkennens und Verstehens darstellt. Als
|
||||
deutlich entgegengesetzt bezeichnet er die Traditionen
|
||||
einer objektivistischen und einer subjektivistischen
|
||||
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|
||||
Erkenntnisweise. Seine synthetisierende Position
|
||||
beansprucht, diese divergierenden Auffassungen durch ein
|
||||
einheitliches Konzept, die Theorie der Praxis oder auch
|
||||
»praxeologische Erkenntnisweise«, aufzulösen.
|
||||
Bourdieus theoretische Orientierung enthält damit die
|
||||
Problematik, die die Sozialisationsforschung grundsätzlich
|
||||
kennzeichnet: die Spannung zwischen der sozial geprägten
|
||||
und der autonom handlungsfähigen Persönlichkeit.
|
||||
Bourdieus Arbeiten gehen von ethnografischen Feldstudien
|
||||
(also Praxisbeobachtungsstudien, in den die Forschenden
|
||||
im Feld sichtbar sind und teilnehmen) in Algerien der
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1950er Jahre aus. Darin bemüht er sich zunächst, die in der
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Ethnologie vorherrschende strukturalistische Theorie von
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Claude Levi-Strauss auf die Sozialtheorie zu übertragen,
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ohne dabei in die Annahme der Überdetermination sozialer
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Beziehungen zu verfallen, die typisch für das
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strukturfunktionalistische Denken ist. Die entscheidende
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Annahme seines von ihm so bezeichneten relationalen
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Paradigmas ist, dass der subjektive Handlungssinn »nicht
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dem Subjekt gehört, sondern dem kompletten System der
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Beziehungen« (Bourdieu 1970a, S. 18). Bourdieu entwickelt
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hiermit also keine Perspektive auf die soziale Struktur oder
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das Individuum. Sein Ansatz ist der der sozialen Praxis, der
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Handlungsbeziehungen und des Austausches in
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Interaktionen.
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Bourdieus Versuche, seinen Ansatz der Praxeologie
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genauer zu begründen, etikettieren das dem Ansatz zu
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Grunde liegende theoretische Hauptprinzip als
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strukturalistischen Konstruktivismus oder gleichbedeutend
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als konstruktivistischen Strukturalismus. Auch diese
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Unterscheidung soll die gegensätzlichen Erkenntnisweisen
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zum Verständnis der Produktion, Aufrechterhaltung und
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Reproduktion sozial ungleicher Machtverteilung
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verdeutlichen. Mit Strukturalismus verbindet er die
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Analyse objektiver Bedingungen, »die vom Bewusstsein
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und Willen der Handelnden unabhängig und in der Lage
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sind, deren Praktiken oder Vorstellungen zu leiten und zu
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begrenzen.« (Bourdieu 1992, 135) Konstruktivismus
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etikettiert zunächst nur die Ebene der in der Alltagswelt
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und -erfahrung verankerten symbolischen
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Ausdrucksformen.
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Eines von Bourdieus Hauptwerken, »Die feinen
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Unterschiede« (1982), macht dieses erkenntnistheoretische
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Prinzip zum Ausgangspunkt empirischer Analysen.
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Bourdieu fokussiert hier auf die Analyse der
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Lebensbedingungen (Einkommensverhältnisse,
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Bildungsgrad usw.) sowie auf die Ausbildung von
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Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsdispositionen des
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Individuums und damit auf die Analyse subjektiver
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(Sinn-)Konstruktionen und individueller Lebensstile.
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Zwischen beidem – den objektiven Strukturen und
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Ressourcen sowie den in den subjektiven Lebensstilen
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verdichteten Dispositionen – besteht nach Bourdieu eine
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Homologie (Übereinstimmung).
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Die zentrale Rolle des Habitus in Bourdieus Theorie
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Bourdieus Instrumentarium der Homologie-Analyse zielt
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vor allem auf die Frage, wie Hierarchien entstehen und
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sich reproduzieren. Sein Gegenstand sind der Alltag und
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die Lebensstile von Menschen, vor allem alltagsästhetische
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Phänomene wie Benimmregeln, Wertpräferenzen und
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Mentalitäten. In der Soziologie ist eine solche Sensibilität
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für Alltagsphänomene keinesfalls typisch, für Bourdieu
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indes ist es das und er eröffnet damit neue Perspektiven. Er
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sucht nach den Verdichtungen von Gewohnheiten und
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Mentalitäten der Menschen und danach, wie sie sich die
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Welt erklären. In diesen Analysen bildet er das Konzept des
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Habitus aus, das von Beginn an eine
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sozialisationstheoretische Komponente erkennen lässt. Ein
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Habitus wird hiernach als das Produkt akkumulierter, das
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heißt individuell »angehäufter«, Geschichte angesehen, die
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sich als Erfahrungen, Sicherheiten der Interpretation und
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Gewohnheiten niederschlagen. Grundlage des Habitus sind
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nach Bourdieu Sozialisationsprozesse und hier vor allem
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die Existenzbedingungen der sozialen Herkunft, die nach
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Bourdieu so bezeichneten sozialstrukturell und
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raumzeitlich bedingten »Erfahrungsräume«. Dabei
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befinden sich soziale Ausgangsbedingungen und der
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Habitus der darin Handelnden in einem Verhältnis der
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Gegenseitigkeit zueinander (Bourdieu 1982, S. 281). Die
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sozialen Ausgangsbedingungen bilden so etwas wie den
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Nährboden des Habitus, und der Habitus dient seinerseits
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dazu, dass die Ausgangsbedingungen, so wie sie sind,
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akzeptiert werden.
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Analytisch fungiert das Konzept »Habitus« bei Bourdieu
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als theoretisches Erklärungsprinzip, das die wechselseitige
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Abhängigkeit zwischen objektiven sozialen Strukturen und
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subjektiven Praxisformen betont. In kurz: Der Habitus
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beinhaltet all unser Wissen darüber, wie wir die Welt
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deuten und uns in ihr bewegen. Der Habitus ist damit ein
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kognitives Konzept, aber auch, wie Bourdieu immer wieder
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betont, ein körperliches. Denn das Erleben und Fühlen der
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Realität ist immer auch mit der Art und Weise verbunden,
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wie wir körperlich auftreten und uns selbst präsentieren.
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Der Habitus ist also auch das, was von außen direkt an
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Kleidung und Körperlichkeit, Artikulation und Gestik
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erkannt werden kann. Anders als der Rollenbegriff (wie bei
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Parsons) steht der Habitusbegriff aber nicht für eine
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»Hülle«, sondern für ein lebendiges, organisches Prinzip,
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er ist einem Menschen nicht fremd oder nur für den
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Moment »angelegt«, sondern identisch mit Körper, Mimik
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und allen individuellen Äußerungen.
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Der Habitus vereinheitlicht körperliche, Verhaltens-,
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Denk- und Gefühlsmuster. Mit ihm werden die
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Ausdrucksformen der Lebensführung zu einem zeitlich
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stabilen Muster von Einstellungen und Haltungen,
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Fähigkeiten, Kompetenzen und Gewohnheiten
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zusammengefasst. Diese bezeichnen ein System von
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Dispositionen, das den sozialen Akteuren nicht bloß als
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äußerliches Kennzeichen, sondern ebenso als inneres
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»System der organischen oder mentalen Dispositionen«
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(Bourdieu 1970b, S. 39) individuell eingeschrieben ist. Das
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zeigt sich vor allem in den Wahrnehmungs-, Denk- und
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Handlungsschemata, die das Verhalten eines Individuums
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manchmal bewusst, häufig aber unbewusst steuern.
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Habitus im gesellschaftlichen Wandel
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Der Blick auf Bourdieus Zugang ist lohnenswert, weil er
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mit dem Habitusbegriff ein Theoriewerkzeug entwickelt
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hat, das ursprünglich zum Zwecke der Analyse von
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gesellschaftlichen Wandelungsphänomenen entwickelt
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wurde (Maschke 2013). Obwohl die Theorie bereits in den
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1960er und 70er Jahren zur Ausprägung kam, sind wichtige
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Erweiterungen erst in den vergangenen Jahren
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vorgenommen worden (hierzu im Folgenden nach
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Bauer 2012). Wichtige Details sind schon vorgestellt
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worden: Spricht Bourdieu vom Habitus einer Person, dann
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meint er die Fähigkeit zur Generalisierung individueller
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Erfahrungen, wodurch Menschen einen Sinn und im
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übertragenen Sinne ein Gespür für Situationen erlangen, in
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denen sie handeln. Vor allem die »Ersterfahrungen«
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(Bourdieu 1987, S. 114) haben hierbei Vorrang und sie
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bezeichnen ein sozialisationstheoretisches
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Deutungsmuster, weil Erfahrungen in unterschiedlichen
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Kontexten gemacht werden, sie sich aufschichten und zu
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einem Wissensvorrat führen, mit dem Heranwachsende
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immer besser angepasst an die Herausforderungen ihre
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Lebensumwelten handeln können.
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Bourdieus anspruchsvolle Terminologie macht seine
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Theorie natürlich besonders. Dies erleichtert aber auch
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nicht immer, Anschlüsse herzustellen. Dennoch fällt auf,
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dass er durchaus im Einklang mit den modernen Lern- und
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Entwicklungstheorien argumentiert. In Bourdieus
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Darstellung ist der Habitus klar ausformuliert als das
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Resultat der kognitiven Verarbeitung von Erfahrungen. Der
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Habitus ist damit ein Produkt der ständigen Anpassung. Er
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reagiert auf Lernanreize und Motivationsanlässe.
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Habitusstrukturen konservieren regelrecht das nach Zeit
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und Ort unterschiedliche Wissen über die soziale Realität
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und damit, wie Menschen Situationen verstehen und ihre
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Handlungen ausrichten. Der Habitus begründet damit eine
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Art individuelles Vertrautheitsverhältnis mit der sozialen
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Welt, ohne das eine menschliche Handlungsfähigkeit gar
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nicht möglich wäre. Dauerhafte Dispositionen, in Bourdieus
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Terminologie als Wahrnehmungs-, Denk- und
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Handlungsschemata (oder auch Habitus) definiert,
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bezeichnen das Ergebnis einer je spezifischen, durch die
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»Besonderheit der sozialen Lebensläufe« (Bourdieu 1987,
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S. 113) von anderen individuellen Habitus unterschiedenen
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Auseinandersetzung mit der Realität. Dennoch weist selbst
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der individuelle Lebenslauf immer auch strukturierte, also
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für eine Generation typische Züge auf.
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Für Bourdieu sind die Besonderheiten eines jeden
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Menschen und damit seines Habitus mit der Flugbahn
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(»trajectoire«) in der individuellen Biografie verbunden.
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Schon in der frühen Kindheit werden die Grundstrukturen
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des Habitus eines Menschen gelegt, indem die
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Lebensbedingungen ein bestimmtes Profil an
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Verhaltensweisen, Ausdrucksformen,
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Geschmacksvorlieben, Meinungen, Normen und
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Einstellungen prägen. Auf diese Weise reproduzieren sich
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auch die Unterschiede der sozialen Herkunft. Wie Bourdieu
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zeigen kann, verfestigen sich die früh gemachten
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Erfahrungen, sie bleiben aber veränderbar, wenn auch –
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und das ist zentral – nicht beliebig veränderbar, sondern
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gebrochen durch den Habitus, der bereits vorhanden ist.
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Das Homogamie-Prinzip im Lebenslauf
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Bourdieus Arbeiten sind voll von Beispielen, die zeigen, wie
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der Habitus eines Menschen dazu beiträgt, träge
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Strukturen zu reproduzieren. Der Habitus tendiert zur
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Stabilität, gerade dafür aber muss er ständig in Bewegung
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und aktiv sein. Bourdieu hebt immer wieder hervor, dass
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über den Habitus vermittelte Handlungen keinesfalls nur
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den mechanischen Vollzug übermächtiger
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Anpassungszwänge darstellen. Die Bedingungen, unter
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denen ein Habitus ausgebildet wird, und jenen, in denen
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ein Habitus handelt, sind nie gleich. Selbst wenn sie viele
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Ähnlichkeiten aufweisen, muss der Habitus immer noch
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flexibel reagieren können. Das »Neue« ist eine zentrale
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Kategorie Bourdieus und seines Habituskonzepts. Dennoch
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zeigt er sich überrascht dafür, dass der Habitus immer
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wieder eben jene Strukturen durch sein Handeln
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bevorzugt, deren Produkt er ohnehin schon darstellt. Der
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Habitus ist also träge und anhänglich, wenn man es einmal
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so ausdrücken möchte. Bourdieu selbst bezeichnet diesen
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empirischen Befund als »Homogamie-Effekt«
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(Bourdieu/Wacquant 1996, S. 168). Homogamie ist der
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Homologie ähnlich, nur dass die Homologie ein Instrument
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ist, um soziale Ähnlichkeiten analytisch zu fassen.
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Homogamie ist das Prinzip, nach dem Menschen handeln
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und versuchen, Ähnlichkeiten zu erzeugen, also
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Erfahrungen bevorzugen, die ihren Habitus bestätigen. Um
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in dem genannten Beispiel zu bleiben, bedeutet das, dass
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diejenigen, die gewohnt sind, Kritik zu äußern, hier
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Sicherheit erlangen und diese Gelegenheiten wahrnehmen.
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Wer es nicht gewohnt ist, sucht die Nähe zu diesen
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Gelegenheiten nicht. Das gleiche gilt dann auch für das
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Gourmetrestaurant. Der Habitus gibt im einen Falle
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Sicherheit, im umgekehrten Falle aber auch Unsicherheit
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im Umgang mit gewohnten bzw. ungewohnten
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Herausforderungen. Damit wird Kritk-Praxis nicht
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unmöglich. Sie ist aber in der Wahrscheinlichkeit und der
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Ausformung unterschiedlich.
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Das Homogamie-Prinzip entfaltet seine Wirksamkeit
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gerade erst dadurch, dass sich die Akteure lediglich vor
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krisenhaften Erfahrungen zu schützen versuchen, die das
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Verlassen bereits erprobter und das Erlernen neuer
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Interpretations- und Handlungsmuster zur Voraussetzung
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machen. Auf diese Weise entwirft Bourdieu eine Theorie,
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die im Endeffekt offen dafür ist, dass sich Menschen in
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ihrem Lebenslauf permanent ändern können. Gleichzeitig
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aber ist die ganze Anlage seiner Arbeit auf die Frage
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ausgerichtet, warum diese Veränderungen so selten
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eintreffen und der Habitus seine Trägheitsstruktur
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bewahrt.
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Das Kapital-Konzept
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Bourdieu greift dabei vor allem die Frage der ungleichen
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Machtverteilung in heutigen Gesellschaften auf. Dabei
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verfolgt er vor allem, welche Unterschiede sich für die
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Persönlichkeitsentwicklung in jeweils sozioökonomisch
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voneinander unterscheidbaren Gruppen der Bevölkerung
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ergeben. Er differenziert diese Gruppen nicht nur nach
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ihren ökonomischen, sondern auch nach ihren kulturellen
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und sozialen Ressourcen und stellt ein Raster für die
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Erfassung von sozialer Ungleichheit zur Verfügung. Wenn
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Bourdieu dezidiert von einem ungleichen Kapital der
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Menschen spricht, meint er damit in seiner Terminologie
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ungleiche Ressourcen. Das Soziale wird durch die
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ungleiche Verfügung über Ressourcen (bzw. Kapital)
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vertikal als auch horizontal strukturiert (Bourdieu 1983).
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Bourdieu differenziert drei primäre Kapitalformen oder sorten, die in der sozialen Laufbahn akkumuliert werden:
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Ökonomisches Kapital ist durch die Verfügung über
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finanzielle Ressourcen gekennzeichnet. Kulturelles Kapital
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existiert in einem inkorporierten (verinnerlichten,
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körpergebundenen) Zustand der Einstellungs- und
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Fähigkeitsmuster in Bezug auf die anerkannte legitime
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Kultur, in einer institutionalisierten (das heißt durch den
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Bildungstitel legitimierten) und schließlich einer
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objektivierten, kurz: vergegenständlichten Form des Kunst-
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