diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/README.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/README.md index 61bb835..4c9904d 100644 --- a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/README.md +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/README.md @@ -1,16 +1,35 @@ -# Einführung in die Sozialisationstheorie +# Einführung in die Sozialisationstheorie -- Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR) -**Authors:** Ullrich Bauer, Klaus Hurrelmann -**Publisher:** 14., vollständig überarbeitete Auflage -**Pages:** 578 +- **Autoren:** Ullrich Bauer, Klaus Hurrelmann +- **Verlag:** Beltz +- **Auflage:** 14., vollständig überarbeitete Auflage +- **Seiten:** 578 +- **ISBN:** (nicht aus den vorliegenden Seiten ersichtlich) -## Description +## Beschreibung -*Einführung in die Sozialisationstheorie* präsentiert das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR). Das Lehrbuch verbindet soziologische und psychologische Perspektiven auf Sozialisation und behandelt die Auseinandersetzung des Menschen mit innerer und äusserer Realität im Lebenslauf, einschliesslich der Kontexte und aktuellen Herausforderungen der Sozialisation. +Dieses Lehr- und Studienbuch führt in die Sozialisationstheorie ein und stellt das *Modell der produktiven Realitätsverarbeitung* (MpR) ins Zentrum. Die Autoren verbinden soziologische und psychologische Perspektiven, um das Wechselspiel zwischen Person und Umwelt -- das sogenannte "Doppelgesicht der Sozialisation" -- systematisch zu erschliessen. Das Buch richtet sich an ein wissenschaftliches Fachpublikum, Studierende verschiedener Fachrichtungen sowie an Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler. Die 14. Auflage wurde von Ullrich Bauer massgeblich neu gestaltet und enthält eine Aktualisierung des Forschungsstands sowie eine Neufassung der Kernannahmen des MpR in Form von "Prinzipien" (statt wie bisher in "Thesen"). + +## Inhaltsverzeichnis + +- **Vorwort** +- **Teil I -- Einführung** + - Kapitel 1: Sozialisation als produktive Realitätsverarbeitung +- **Teil II -- Soziologische und psychologische Propädeutik** + - Kapitel 2: Soziologische Theorien der Sozialisation + - Kapitel 3: Psychologische Theorien der Sozialisation +- **Teil III -- Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR)** + - Kapitel 4: Die Verbindung soziologischer und psychologischer Propädeutik + - Kapitel 5: Erkenntnistheoretische und konzeptionelle Grundannahmen + - Kapitel 6: Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf + - Kapitel 7: Kontexte der Sozialisation + - Kapitel 8: Aktuelle Herausforderungen der Sozialisation +- **Anhang** -- Texte und Materialien zur Arbeit mit dem MpR in der Schule +- **Literaturverzeichnis** ## Document Role -Dieses Dokument dient als fachwissenschaftliches Referenzwerk für eine KPG/EPG-Fallstudie im Bereich Soziale Arbeit. Es ist insbesondere relevant für die theoretische Fundierung von Sozialisationsprozessen und das Verständnis von Entwicklungskontexten bei Kindern und Jugendlichen. +Dieses Buch dient als fachwissenschaftliches Referenzwerk für eine KPG/EPG-Fallstudie im Bereich Soziale Arbeit. Es liefert die theoretische Grundlage zum Verständnis von Sozialisationsprozessen, insbesondere des Zusammenspiels von individueller Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Für die Fallarbeit ist es relevant, weil es zentrale Konzepte wie das Wechselverhältnis von Person und Umwelt, die Bedeutung biografischer und situativer Faktoren sowie die Rolle von Krisen als Ausgangspunkte für Veränderung behandelt. Diese Perspektiven sind unmittelbar anwendbar auf die Analyse von Entwicklungskontexten bei Kindern und Jugendlichen in der Sozialen Arbeit. ## Clean up diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/000.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/000.md new file mode 100644 index 0000000..e69de29 diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/001.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/001.md new file mode 100644 index 0000000..05abbe5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/001.md @@ -0,0 +1,7 @@ +Ullrich Bauer/Klaus Hurrelmann + +Einführung in die +Sozialisationstheorie +Das Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung (MpR) +14., vollständig überarbeitete Auflage diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/002.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/002.md new file mode 100644 index 0000000..c92a10e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/002.md @@ -0,0 +1,7 @@ +Dr. Ullrich Bauer ist Professor für Sozialisationsforschung an der Fakultät für +Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Er ist dort u. a. Leiter des +Zentrums für Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter (ZPI). +Dr. Klaus Hurrelmann ist Senior Professor of Public Health and Education an +der Hertie School of Governance in Berlin. Davor war er zunächst an der +Fakultät für Pädagogik und dann an der für Gesundheitswissenschaften an der +Universität Bielefeld tätig. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/003.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/003.md new file mode 100644 index 0000000..74bb221 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/003.md @@ -0,0 +1,45 @@ +Inhalt +Vorwort +I. +Einführung +1. + +Sozialisation als produktive Realitätsverarbeitung + +II. +Soziologische und psychologische Propädeutik +2. + +Soziologische Theorien der Sozialisation + +3. + +Psychologische Theorien der Sozialisation + +III. +Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung +(MpR) +4. + +Die Verbindung soziologischer und +psychologischer Propädeutik + +5. + +Erkenntnistheoretische und konzeptionelle +Grundannahmen + +6. + +Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf + +7. + +Kontexte der Sozialisation + +8 + +Aktuelle Herausforderungen der Sozialisation + +Anhang – Texte und Materialien zur Arbeit mit dem MpR +in der Schule diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/004.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/004.md new file mode 100644 index 0000000..90e426f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/004.md @@ -0,0 +1 @@ +Literaturverzeichnis diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/005.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/005.md new file mode 100644 index 0000000..54a425e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/005.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Vorwort +Sozialisation ist ein Schlüsselthema, wenn man verstehen +möchte, wie die soziale Welt funktioniert. Menschen +erleben von Geburt an das Zusammenleben im Sozialen, +und deswegen durchlaufen sie den Prozess der +Sozialisation quasi naturwüchsig. Diesen Prozess kann kein +Mensch an- oder abstellen, es ist ein immerwährender und +lebenslanger Prozess, in dessen Verlauf man Erfahrungen +macht, sich mit der inneren und der äußeren Realität +auseinandersetzt und versucht, auf sie Einfluss zu nehmen. +In den letzten zwanzig Jahren haben immer mehr +Forschungsgebiete auf das Konzept Sozialisation +zugegriffen. Zwei Beispiele: In der Bildungsforschung ist +Sozialisation der Zugang, um zu verstehen, wie und warum +Menschen unterschiedliche Bildungsbiografien +durchlaufen. +In der Gesundheitsforschung ist Sozialisation unverzichtbar +für das Verständnis von Widerstandsfähigkeit und +Verletzlichkeit und damit auch die ungleiche Verteilung von +Gesundheit und Krankheit geworden. Überall, wo +Menschen durch die Kontexte, in denen sie leben, +angeregt, stimuliert, geleitet oder eingeschränkt werden, +stoßen wir auf Sozialisationseinflüsse. +Sozialisationsforschung leuchtet in die Black-Box der +Entstehung menschlicher Verhaltensformen. Darum ist sie +unverzichtbar, wenn auch nicht überall sichtbar. +Heute, rund 150 Jahre nach dem das Sozialisationsthema +zum Gegenstand in der akademischen Forschungswelt +wurde, sehen wir auf eine bewegte Geschichte der Disziplin +zurück. +Soziologie und Psychologie haben als erste verstanden, +warum Sozialisation eine so große Bedeutung für das +Verständnis des Zusammenspiels von Mensch und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/006.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/006.md new file mode 100644 index 0000000..8a91341 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/006.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gesellschaft hat. Später kamen viele neue Fragestellungen +hinzu und auch unterschiedliche disziplinäre Koalitionen. +Vor rund 50 Jahren waren die Biologie und Genetik noch +Gegenspieler der Sozialisationsforschung. Heute sind sie +genauso wie die neurowissenschaftliche Forschung +Verbündete geworden. Wir wissen heute, dass die +Epigenetik durch soziale Einflüsse veränderbar ist und der +Aufbau unserer neuronalen Vernetzungen von der Nahrung +durch die Erfahrungen lebt, die Menschen im sozialen +Zusammenleben machen. +Gleichzeitig ist eine wichtige Korrektur in der Debatte +vorgenommen haben. Während die ursprünglichen Ansätze +Sozialisation mit der Denkfigur des noch-nicht-fertigen +Menschen assoziierten, gehen jüngere Ansätze von der +frühen Handlungsfähigkeit eines jeden Individuums aus. +Umgekehrt wird heute nicht mehr angenommen, dass der +Mensch wie eine Marionette an den Fäden der +Beeinflussung durch die Umwelt hängt. Vielmehr gehen +aktuelle Ansätze von einer komplexen, menschlichen +Persönlichkeitsstruktur aus, die die inneren und äußeren +Bedingungen sehr sensibel wahrnimmt, auf diese reagieren +kann und selbst aktiv handelt. +Aus dieser Grundüberlegung ist vor rund 40 Jahren das +»Modell der produktiven Realitätsverarbeitung« +(MpR) in der Sozialisationsforschung entstanden. Dieses +Modell ist seitdem zu einem wichtigen Element in der +wissenschaftlichen Forschung geworden und hat den Weg +in die Curricula von Schulen und Hochschulen gefunden. In +diesem Sinne ist auch die Einführung in die +Sozialisationsforschung von der ersten Auflage an als ein +Lern- und Studienbuch konzipiert worden, das sich neben +dem wissenschaftlichen Fachpublikum an Studierende +unterschiedlicher Fachrichtungen, an Lehrerinnen und +Lehrer sowie an Schülerinnen und Schüler wendet. +Die »Einführung in die Sozialisationstheorie« wurde bis +zur 10. Auflage 2012 von Klaus Hurrelmann als alleinigem diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/007.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/007.md new file mode 100644 index 0000000..43c1a6d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/007.md @@ -0,0 +1,11 @@ +Autor geschrieben. Seit der 11. Auflage im Jahr 2015 +beteiligt sich Ullrich Bauer. Beide Autoren kennen sich aus +ihrer gemeinsamen Zeit an der Universität Bielefeld. +Die hier vorliegende, völlig überarbeitete 14. Auflage +wurde maßgeblich von Ullrich Bauer gestaltet. Zur +Überarbeitung gehört ein übersichtlicher Aufbau in drei +Teilen, eine systematische Aktualisierung des +Forschungsstandes und die Neufassung der Kernannahmen +des »Modells der produktiven Realitätsverarbeitung« in +Gestalt von »Prinzipien« statt wie bisher in »Thesen«. +Ullrich Bauer & Klaus Hurrelmann diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/008.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/008.md new file mode 100644 index 0000000..f57129a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/008.md @@ -0,0 +1,2 @@ +I. +Einführung diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/009.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/009.md new file mode 100644 index 0000000..873b085 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/009.md @@ -0,0 +1,37 @@ +1. + +Sozialisation als produktive +Realitätsverarbeitung + +Sozialisation ist ein facettenreicher, spannungsgeladener +Begriff. Sozialisation heißt, sozialisiert zu werden und in +gewisser Hinsicht auch, sich selbst zu sozialisieren. +Sozialisation ist ein Prozess, der von »außen« auf das +Individuum einwirkt und der »innen« vom Individuum +selbst gesteuert wird. +Das, was die große Spannung des Sozialisationsbegriffs +ausmacht, ist also auch ein Stolperstein. Es scheint, als +müsse man sich entscheiden für die Frage der Sozialisation +von außen oder von innen. Tatsächlich aber ist es anders +herum. So verschieden die Perspektiven auf Sozialisation +auch sind, sie gehören zusammen und zeigen das +Doppelgesicht der Sozialisation. Das wissenschaftliche +Fachverständnis ist hier vom Alltagsverständnis nicht weit +entfernt. Es bedarf kontinuierlich einer Öffnung unserer +Perspektiven, um die Vielgestaltigkeit von +Sozialisationsprozessen begreifen zu können. +Was ist also gemeint, wenn wir von »Sozialisation« +sprechen? + +1.1 + +Das Doppelgesicht der Sozialisation + +Der Begriff Sozialisation ist einer der wissenschaftlichen +Begriffe, die uns nicht nur in verschiedensten +wissenschaftlichen Disziplinen, sondern auch im +Sprachgebrauch des Alltags begegnen. Redewendungen +wie »Dieses Kind ist gut sozialisiert« oder »Da merkt man +deine Herkunft« weisen darauf hin, worauf der Begriff in +erster Linie abzielt: auf die Übernahme gesellschaftlicher +Werte und Normen, auf die Anpassung an die soziale diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/010.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/010.md new file mode 100644 index 0000000..def396f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/010.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Umwelt, auf das »So-werden-wie-mein-Umfeld-es-von-mirerwartet« oder sogar auf die Vorstellung der Prägung des +Individuums durch den sozialen Kontext, also den Prozess +des Gesellschaftlich-werdens. Die Alltagssprache weiß aber +auch, dass ein Kind »seine Sozialisation hinter sich lassen« +und jeder Mensch »aus dem Schatten seiner Herkunft +heraustreten« kann, womit ausgedrückt wird, dass in das +Sozial-werden immer auch eine eigenständige +Persönlichkeit, ein Individuum-werden einfließt, das sich +Umwelteinflüssen in einem gewissen Ausmaß entzieht und +sogar aktiv auf die Entwicklung der Umwelt Einfluss +nimmt. +Das Alltags- und das wissenschaftliche Verständnis von Sozialisation + +Das Alltagsverständnis changiert damit zwischen zwei +Polen. Wie in der Fachdebatte existiert häufig eine +Vorentschiedenheit. Zuerst hatte auch die Soziologie die +Umweltabhängigkeit der Persönlichkeitsentwicklung +herausgearbeitet, danach zeigten aber immer mehr Studien +aus der Psychologie, in den letzten Jahren besonders auch +aus der Neurobiologie, dass sich die Vorstellung einer +reinen Umweltabhängigkeit der Persönlichkeitsentwicklung +eines Menschen nicht halten lässt. Seitdem besteht +Konsens darüber, dass Sozialisation auf keinen Fall nur als +Prägung des Individuums durch sein gesellschaftliches +Umfeld verstanden werden kann. Vielmehr ist die Variation +der menschlichen Verhaltensweisen – die Fähigkeit, auch +anders als von außen genormt auf gesellschaftliche +Erwartungen und Zwänge zu reagieren – ein +Grundmerkmal der Persönlichkeitsentwicklung. +Unser Alltagsverständnis ist reich an Erfahrungen mit +dem Doppelgesicht der Sozialisation. Hierzu gehören +Erfahrungen und Erlebnisse, die wir Menschen selbst +machen. +Dazu eine historische Illustration: Während in den +proletarisch geprägten Milieus der körperlichen Arbeit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/011.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/011.md new file mode 100644 index 0000000..3b8c9f3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/011.md @@ -0,0 +1,36 @@ +noch bis in die 1960er Jahre hinein zahlreiche, über die +Zeit hinweg stabile Mentalitätsähnlichkeiten +(»Arbeiterkultur«) erkannt werden konnten, sind diese +heute fast ganz verschwunden. Die wissenschaftliche +Perspektive schließt an dieses intuitive Verständnis, das wir +alle als Beobachter unserer Umwelt mitbringen, an. Mit +den Veränderungen der Wohnumfelder, dem Wandel der +Arbeitsbedingungen und des Erwerbsbereiches (weg von +der manuellen Produktion hin zur Dienstleistung), dem +wachsenden Einfluss der Bildung (dem Einbezug immer +mehr Angehöriger der früheren Arbeiterkultur in die +verlängerten Ausbildungs- und Bildungswege) sowie der +medialen und digitalen Durchdringung des gesamten +Lebens kommt es zur Herausbildung vielfältiger sozialer +Milieus. Hieraus entstehen neuartige Mentalitäten und +Verhaltensmuster. Während noch in den 1960er Jahren die +Milieus der manuellen Arbeit ihre Lebensziele ganz +selbstverständlich auf Erwerbsarbeit ausrichteten und +Bildung kaum bedeutsam für die Lebenswege war, hat sich +diese Mentalität bis heute radikal verändert. Eine starke +Bildungsorientierung ist inzwischen zu einem alle Milieus +vereinheitlichenden Modus geworden – unabhängig davon, +ob alle auch die gleichen Möglichkeiten haben, eine starke +Bildungsorientierung in die Realität umzusetzen. +Unterschiedliche Mentalitäten sind demnach einem +historischen Wandel unterworfen und reagieren auf +unterschiedliche gesellschaftliche Ausgangsbedingungen. +Mentalitäten variieren, können sich aber auch ähneln oder +ganze gesellschaftliche Gruppen beschreiben (in solchen +Fällen sprechen wir von sozialen Milieus). Intuitiv weiß +jeder Mensch, wie ein bestimmter äußerer Einfluss wirkt. +Zum Beispiel die konjunkturell bedingte Arbeitslosigkeit +nach der Weltwirtschaftskrise 2007/2008. Sie hängt nicht +nur von den äußeren Bedingungen ab, sondern auch von +den persönlichen Eigenschaften und Ausgangsbedingungen +des davon betroffenen Menschen. Bei vielen Menschen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/012.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/012.md new file mode 100644 index 0000000..06654e7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/012.md @@ -0,0 +1,36 @@ +führt der Verlust der Arbeit zu Hilflosigkeit und Depression, +bei anderen weckt er Widerstand und Überlebenskräfte. +Die einen sind ausgezeichnet ausgebildet und vielfältig +orientiert. Die anderen sind auf ein Berufsbild festgelegt +und können auf Veränderungen nicht flexibel reagieren. +Der Prozess des Einwirkens von Umweltereignissen ist also +keineswegs eine Einbahnstraße. +Auch wenn die Einflüsse der sozialen Umwelt, also des +jeweiligen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen +Milieus, groß sind, auch wenn sie langanhaltend wirken +und nachhaltige Spuren hinterlassen – dies allein reicht +nicht aus, um eine Persönlichkeitsentwicklung vollständig +zu vorherzubestimmen. Die Homologie, wenn also soziale +Bedingungen und die Eigenschaften eines Menschen eng +aneinander gekoppelt sind, stellt keineswegs eine +unumstößliche Regel dar. Vielmehr vollziehen +Lebensbereiche im historischen Verlauf eine permanente +Wandlung. Neue Einflüsse treten hinzu, andere +verschwinden. Somit ist auch ein einmal erlerntes +Verhalten mitnichten für alle nachfolgenden +Handlungssituationen gültig. Dazu ist der Aufwand für die +Anpassung zu groß, wenn neu hinzukommende oder +veränderte Herausforderungen bewältigt werden müssen. +Sozialisation umfasst dieses Wechselspiel. Der analytische +Fokus beinhaltet den Blick auf gesellschaftliche +Ausgangsbedingungen, wahrscheinliche Mentalitäten und +die permanente Veränderung auf individueller Ebene. Der +Wandel eines Menschen mit seiner ganzen Persönlichkeit +ist also nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Bedeutsam +ist nur, wie viel Wandel für eine Person möglich ist, wo also +die Trägheit einer einmal ausgebildeten Mentalität wirkt +und wie intensiv sich Wandlungsmöglichkeiten ausbilden. +Sozialisation als Beziehungsverhältnis von Person und Umwelt + +Von Sozialisation wird hiernach als einem offenen +Beziehungsverhältnis zwischen dem Menschen und seiner diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/013.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/013.md new file mode 100644 index 0000000..22be491 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/013.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Umgebung gesprochen. Alle Bedingungen der Umgebung +werden wissenschaftlich einfach als »Umwelt« bezeichnet. +Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der Umweltbegriff +nicht immer ganz trennscharf ist und mitunter auch +Missverständnisse produziert. Sein Vorteil ist aber, dass er +zunächst einen einfachen Gegenpol bildet, um all das +abzugrenzen, was nicht in den engeren Kontext der Person +gehört. »Person« und »Umwelt« sind demnach +unterschiedliche Einheiten, wobei ihre Beziehungen +untereinander natürlich wechselseitig und interaktiv sind. +Dies ist dann so etwas wie der Kern der +Sozialisationsperspektive. Hier geht es darum, wie das +Verhältnis zwischen einer Person und der umgebenden +Umwelt beschaffen ist. +Die Frage, wie ein bestimmter Umwelteinfluss wirkt, ist +immer nur mit Blick auf die individuellen +Ausgangsbedingungen zu beantworten. Ein Beispiel aus +dem Alltag hierzu: + +Ein 17-jähriger Jugendlicher wartet um 22.30 Uhr im UBahnhof im Zentrum einer Großstadt auf seinen +Anschluss. Jemand tippt ihm von hinten auf die Schulter. +Wie reagiert er darauf? Seine Reaktion wird von seiner +biografischen Erfahrung und von seiner Wahrnehmung +der Situation abhängen. Situativ: Er kann schlechte Laune +(nach langer Arbeit und einer missratenden Prüfung am +Vormittag) oder gute Laune (nach einem gemeinsamen +Shopping mit Freunden) haben und entsprechend offen +oder nicht-offen sein für die Frage, die das Tippen auf der +Schulter signalisiert. Biografisch: Er kann aus einem +Umfeld stammen, in dem er viel Aggression erlebt, das +ihn deshalb disponiert, auf eine Bewegung von hinten, +die direkt seinen Körper adressiert, sofort zu reagieren, +herumzuschnellen und eine Abwehr- oder Angriffsgeste +einzusetzen. Er kann aber auch schlechte Erfahrungen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/014.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/014.md new file mode 100644 index 0000000..b504648 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/014.md @@ -0,0 +1,30 @@ +mit dieser Reaktion gemacht haben und sich deshalb +entscheiden, keine Gewalt einzusetzen. Er kann die +Erwartung haben, eine aggressive Handlung könne +folgen, er hat sich aber vorher selbst entschlossen, dieser +Dynamik zu widerstehen. Im Gedankenexperiment +können wir uns den 17-jährigen Jugendlichen auch als +jungen Violinisten vorstellen, der gerade von EnsembleProben kommt und die manifeste Idee der Gewalt oder +Gegengewalt gar nicht in seinem Handlungsvorrat hat +und völlig defensiv reagiert. Oder ein überzeugter +Gläubiger ist, der aufgrund einer intensiven religiösen +Bindung jegliche Gewalt von sich weist. +Mit den situativen und biografischen Hintergründen sind in +diesem Beispiel zwei der Einflüsse benannt, die zum +Bedingungsgefüge gehören, das die +Reaktionsmöglichkeiten eines Menschen in einer +bestimmten Situation festlegt. Auch die Geschlechts- und +die Religionszugehörigkeit bezeichnen Faktoren, die auf +unterschiedliche Weise auf gemeinsame Einstellungen +verweisen. Wie das Beispiel deutlich macht, hängt die +Reaktion des 17-jährigen Jugendlichen auf das +Fingertippen von hinten von diesen Einflüssen ab. Sie +entscheiden über die Hinwendung zu bestimmen +Handlungen und können dabei mehr oder weniger +unbewusst und unreflektiert sein, also Bestandteil von fest +»einsozialisierten« Reaktionsmustern. +Ein weiterer Aspekt, der über die Reaktion des 17jährigen Jugendlichen entscheidet, betrifft die sozialräumlichen Bedingungen. Mit diesen sind in unserem UBahn-Beispiel kontextuelle und kompositorische Einflüsse +verbunden. Kontextuelle Faktoren betreffen die +Ausstattung des Raumes, so die Lage des Bahnhofes im +Stadtviertel und die Menge der Menschen, die in der +Handlungssituation anwesend sind. Kompositorische diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/015.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/015.md new file mode 100644 index 0000000..34b8f7c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/015.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Faktoren bezeichnen die Zusammensetzung der Gruppe der +Menschen, die mit dem 17-Jährigen an einem Bahngleis +steht. Die Reaktion des Jugendlichen wird entscheidend +dadurch beeinflusst, ob er mit einer Freundesgruppe auf +die U-Bahn wartet, mit der er eng vertraut ist und die ihm +im Falle eines Konfliktes den Rücken stärken kann, oder ob +er allein ist und der Fingertipper zu einer großen Gruppe +unbekannter Jugendlicher gehört. Oder ob der Finger, der +auf die Schulter tippt, einer älteren Dame gehört, die sich +verlaufen hat, umherirrt und nicht mehr weiß, wie sie nach +Hause kommt. +Wie das Beispiel zeigt, kommen in einer solchen nur +Bruchteile von Sekunden dauernden Situation biografische, +gruppenbezogene und sozial-räumliche Faktoren +zusammen. Es interagieren die persönlichen +Bedingungsfaktoren des Individuums mit der gesamten +räumlichen und sozialen Umwelt. Dazu gehört die Person +des Fingertippers, aber auch das gesamte Umfeld als +Rahmenbedingungen der Handlungssituation. Der 17jährige Jugendliche nimmt blitzschnell die Realität auf, +verarbeitet sie und reagiert auf sie. Das Gleiche tut aber +auch der Fingertipper. Beide interagieren miteinander und +antworten auf die Reaktionen des anderen. Dabei rufen +beide einen Wissens- und Handlungsvorrat ab, der ihnen +aus ihrem bisherigen Leben vertraut ist. Der 17-jährige +Jugendliche zeigt vielleicht ein verärgertes Gesicht und +spricht laut, wenn er einen aggressiven Unbekannten vor +sich sieht, er lacht freundlich und spricht langsam und +fürsorglich, wenn er die alte Dame sieht. Dies alles gehört +zu dem Ausschnitt einer Sozialisationsperspektive. +Sozialisation findet nicht allein im Individuum statt und ist +auch nicht allein abhängig von den Bedingungen, in denen +wir handeln oder von denen wir vorgeprägt sind. In der +Interaktion aktualisiert sich unser Handlungswissen, wir +greifen auf Sprache, Erfahrungen im Umgang mit älteren +Menschen und die ihnen zustehende Fürsorglichkeit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/016.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/016.md new file mode 100644 index 0000000..3bf9f52 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/016.md @@ -0,0 +1,36 @@ +zurück, und wir bestätigen damit die Anwendbarkeit +bestimmter Verhaltensweisen. Und gleichzeitig ziehen wir +Lehren aus jeder neuen Situation und bereiten uns darauf +vor, besser zu reagieren, wenn wir noch einmal in eine +ähnliche Lage kommen. +Wenn im Alltag von »Sozialisation« gesprochen wird, sind +alle diese Aspekte der Doppelgesichtigkeit von +Sozialisationsprozessen natürlich nicht bewusst, aber die +grundsätzliche Erfahrung von der Wechselbeziehung +zwischen Person und Umwelt ist vorhanden. Wir wissen, +dass wir tagtäglich in Situationen handeln, in denen Wissen +und Erfahrungen zum Verständnis der Gegebenheiten +eingesetzt werden und dass sich unser persönliches +Wissens- und Handlungsrepertoire dadurch immer +gleichzeitig bestätigt, revidiert oder erweitert. Wir wissen +auch, dass sich unsere Persönlichkeit stetig +weiterentwickelt und einerseits von den uns umgebenden +materiellen und sozialen Strukturen beeinflusst wird, +andererseits aber auch auf diese einwirkt. + +1.2 + +Definitionen und Konzepte von +Sozialisation + +Die wissenschaftliche Sozialisationstheorie, die in diesem +Buch vorgestellt wird, geht von einer dynamischen +Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit aus. +Umweltstrukturen sind nie so einheitlich und zwingend +prägend, dass sie immer nur auf eine Art und Weise wirken +können – nicht einmal in »totalen« Organisationen wie +einem Gefängnis. Die Interaktionsstrukturen zwischen +einer sich ständig entwickelnden Persönlichkeit und den +umgebenden sozialen Strukturen lassen es allenfalls zu, +dass die Entwicklung einer bestimmten individuellen +»Disposition« (als typischer und stabiler Eigenschaft einer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/017.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/017.md new file mode 100644 index 0000000..71aa079 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/017.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Person) mehr oder weniger wahrscheinlich angenommen +werden kann, also in einem statistisch bestimmbaren +Ausmaß mit einer bestimmten Häufigkeit auftritt. +Solche probabilistischen (also +wahrscheinlichkeitsorientierten) Aussagen sind aber +wohlgemerkt keine eindeutigen Festlegungen. Hiergegen +sprechen die prinzipielle Entwicklungsoffenheit und damit +ein spezifisch menschlicher Faktor der +Persönlichkeitsentwicklung. Denn: Schon kleine +Unterschiede in den Lebensbedingungen einer Person +können einen Reflexionsvorgang in Gang setzen, die die +Person von den Selbstverständlichkeiten ihrer +Lebensführung »entfremdet«. Sozialisation hat viel mit +diesen Prozessen zu tun, in denen Lebensbedingungen +nicht nur eine bestimmte Prägewirkung auf die Person +ausüben, sondern mitunter auch einen Stimulus aussenden, +sich von diesen Lebensbedingungen zu befreien. +In seinem biografischen Rückblick zeigt der Soziologe +Didier Eribon (2016), wie selbstverständlich er sich als +Sohn einer Arbeiterfamilie in ein proletarisches Milieu der +1960er und 70er Jahre hinein sozialisierte. Dazu gehörte +ein bestimmter Männlichkeitskult, ein proletarisches +Bewusstsein, die Abwehr von Migration etc. Erst mit der +Wahrnehmung und später der Stigmatisierung seiner +Homosexualität beginnt für Eribon ein Prozess der +Entfremdung, der auch als Emanzipation wahrgenommen +werden kann. Eribon entfernt sich von seiner Herkunft +(sowohl räumlich als auch sozial) und beginnt das +Selbstverständliche in Frage zu stellen. Zweifellos ist +dieser Vorgang keinesfalls schmerzfrei, im Gegenteil. Die +wahrgenommene Krise, die von dem Ausschluss seiner +Person aus dem Herkunftsmilieu ausgeht, ist aber der +Ausgangspunkt für eine Revision des Erlernten und +»Althergebrachten« der Persönlichkeit. Eribon stellt die +eigenen Dispositionen in Frage und die erlebte Krise – ein +Grundbegriff in den meisten Sozialisationstheorien – diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/018.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/018.md new file mode 100644 index 0000000..d8278b3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/018.md @@ -0,0 +1,35 @@ +beginnt, neue Dynamiken des Lernens und der +Realitätsaneignung zu stimulieren. +Mit Sozialisation verwandte Begriffe + +Es gibt eine Reihe von wissenschaftlichen Begriffen, die +einen ähnlichen konzeptionellen Zugang beinhalten, ohne +aber die gleiche Reichweite wie der Begriff der +Sozialisation zu haben. Stattdessen beziehen sie sich auf +bestimmte Teilbereiche der Sozialisation, weshalb sie als +Unterbegriffe zum umfassenden Begriff der Sozialisation +betrachtet werden. +Der prominenteste ist der Begriff »Bildung«. Das Konzept +der Bildung hat eine lange geisteswissenschaftliche +Tradition und ist seit über zwei Jahrhunderten ein +Kernbestandteil der Pädagogik. In älteren pädagogischen +Definitionen wird unter dem Prozess der Bildung die +Kultivierung der verschiedenen Facetten von +Menschlichkeit verstanden, um an den in einer Gesellschaft +üblichen Lebensformen teilhaben zu können. In den +philosophisch-pädagogischen Traditionen d©es Idealismus +und Neuhumanismus wurde diesem Aspekt eine besondere +Bedeutung zugeschrieben, sodass unter Bildung vor allem +die Herausformung innerer Werte und die +Vervollkommnung der subjektiven Erlebnistiefe in +Einsamkeit und Freiheit verstanden wurde. Als wichtigstes +Ergebnis der Bildung werden heutzutage die +Eigenständigkeit und Selbstbestimmung eines Menschen +verstanden, die durch die intensive sinnliche Aneignung +und gedankliche Auseinandersetzung mit der +ökonomischen, kulturellen und sozialen Lebenswelt +entstehen (Adorno 1971, S. 44). Selbstbestimmung setzt +den Aufbau von Fähigkeiten der Selbststeuerung voraus, +wozu der Erwerb von Wissen und Kompetenzen gehört, die +ein eigenständiges Handeln in der sozialen Umwelt +erlauben. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/019.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/019.md new file mode 100644 index 0000000..bc0a5dd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/019.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Bildung ermöglicht ein reflektiertes Verhältnis des +Menschen zu sich selbst, sie schützt ihn dadurch gegen +soziale und kulturelle Funktionalisierung und sichert somit +seine Individualität. Bildung im Sinne von »gebildet sein« +beschreibt in diesem Verständnis eine normative (also +gewollte) Zielsetzung des Sozialisationsprozesses. Ein +Fehler kündigt sich aber an, wenn man den Begriff Bildung +so versteht, wie er in der heutigen Debatte über den +schulischen Kompetenzerwerb dominiert. Hiernach ist +Bildung die reine Anhäufung von Wissensbeständen, die +entweder theoretisch oder anwendungsorientiert +ausgerichtet sind und nicht immer die Eigenständigkeit des +Individuums fördern sollen, sondern seine optimale +Einpassung. In dieser Hinsicht ist der neuere +Bildungsbegriff eher funktionalistisch ausgerichtet, Bildung +ist nicht Selbstzweck, sondern Bestandteil und Funktion +des reibungslosen Integrierens in gesellschaftliche Formen +der Leistungs- und Arbeitsorientierung. +Der Pädagoge Armin Bernhard (2018) zeigt anschaulich, +wie die Herausformung des Bildungsbegriffs historisch +eingebettet ist: Zuerst ist er in Renaissance und +Humanismus (14. und 15. Jahrhundert) ein Kampfbegriff +gegen religiöse Mystik, dann Bestandteil der bürgerlichen +Befreiungsbewegungen gegen den Feudalismus. Erst in +jüngerer Zeit wird Bildung immer mehr als Bestandteil von +Prozessen der Ausbildung für die praktische Berufstätigkeit +verstanden, wogegen emanzipative Bildungstheorien gegen +die Gleichmachung des Individuums in gesellschaftlichen +Zwangsstrukturen (etwa in Autokratien oder in einem +entfesselten Kapitalismus), also für die Autonomie des +Individuums, eintreten. +Ein zweiter Begriff, der in einer engen Beziehung zur +»Sozialisation« steht, ist »Erziehung«. Dieser Begriff +bezeichnet alle gezielten und bewussten Einflüsse auf den +Bildungsprozess (Oelkers 2001, S. 24). Als Erziehung +werden diejenigen Handlungen bezeichnet, durch die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/020.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/020.md new file mode 100644 index 0000000..ce1aa0b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/020.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Menschen versuchen, auf die Persönlichkeitsentwicklung +anderer Menschen Einfluss zu nehmen. Ebenso wie Bildung +ist »Erziehung« damit ein Unterbegriff von Sozialisation. +Sozialisation umfasst alle Impulse auf die +Persönlichkeitsentwicklung, unabhängig davon, ob sie +geplant und beabsichtigt sind, und auch unabhängig davon, +welche Dimension der Persönlichkeitsentwicklung (Wissen, +Motive, Gefühle, Bedürfnisse, Handlungskompetenzen) +beeinflusst wird. Erziehung hingegen konzentriert sich auf +einen Ausschnitt davon, nämlich auf die absichtsvollen +Impulse, die meist von Eltern oder Pädagogen in Familie, +Kindergarten, Schule und Hochschule ausgehen. +Für die Bezeichnung eines gelungenen Prozesses der +Sozialisation wird häufig der Begriff »Reifung« verwendet. +In psychologischer und pädagogischer Denkweise wird +unter der Reife ein Entwicklungsstand der Persönlichkeit +gefasst, bei dem ein optimales Maß von +Verhaltenssicherheit und sozialer Orientierung erreicht ist, +sodass ein Mensch in bestmöglichem Einklang mit seinen +persönlichen Ressourcen den Anforderungen der Umwelt +gerecht werden kann und zu einer vollen Teilhabe am +kulturellen und gesellschaftlichen Leben in der Lage ist. +Der Begriff »Reifezeugnis« weist darauf hin, dass in diesem +Verständnis der Begriff der Reifung eine Nähe zum Begriff +der (geglückten) Bildung, also eine normative Zielsetzung +für die Sozialisation vornimmt. Gleichzeitig hat sich der +Reifungsbegriff in der biologischen Lesart zu einem +Leitbegriff für die von äußerlichen Faktoren unabhängige +Entwicklung von Fähigkeiten aller Lebewesen (also auch +des Menschen) herausgebildet. Gerade in Verbindung mit +einer humangenetischen Lesart in den +Entwicklungstheorien bildet dieses Hintergrundverständnis +so etwas wie ein Konkurrenz- oder Gegenkonzept zu dem +heutigen Sozialisationsverständnis. +Die Begriffe »Enkulturation« und »Akkulturation« sind +heute nur selten gebräuchlich. Sie lassen sich als diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/021.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/021.md new file mode 100644 index 0000000..24cbec0 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/021.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Unterbegriffe von Sozialisation verstehen und bezeichnen +im besonderen Sinne jene Prozesse, die Menschen zu +Mitgliedern einer Kultur machen. Dieser +Schwerpunktsetzung, die mit dem Begriff der Kultur +verbunden ist, hat folgenden Hintergrund: Jede Kultur +stellt über die Gestaltung ihrer sozialen Institutionen und +sozialen Umwelten und in Form von sozialen Mustern und +Normen »Mitgliedschaftsentwürfe« bereit (Zick 2010). +Diese legen fest, welche Vorstellungen, Wünsche, +Erwartungen und Merkmale für eine aktive Teilnahme an +der Gesellschaft als erforderlich erachtet werden. Weil das +Gelingen dieser Form der Teilnahme von der Bereitschaft +und Fähigkeit des Individuums abhängt, die eigenen oder +mitgebrachten Präferenzen mit denen dominanten Kultur +in Übereinstimmung zu bringen, sind Enkulturation und +Akkulturation eher die Fachbegriffe, die die Entwicklung +des Individuums durch den äußerlichen Druck der +gesellschaftlichen Strukturen beschreiben. +Schließlich findet sich ein ganzes Bündel an Begriffen, +die die individuelle Verfasstheit eines Menschen +beschreiben. Hier stehen Seite an Seite die Begriffe +»Person«, »Persönlichkeit« und »Individuum«, aber auch +»Identität«, »Selbst«, »Akteur« und »Subjekt«. Man kann +jeden dieser Begriffe wiederfinden in Abhandlungen, die +sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema +Sozialisation oder Entwicklung befassen. In ihnen spiegeln +sich sehr unterschiedliche wissenschaftliche Traditionen. +Manche dieser Begriffe sind eher nüchtern, wenn sie uns +Menschen mit ihren Eigenschaften beschreiben (z. B. +»Person«), andere sind technisch (»Selbst«, »Akteur«) und +einige emphatisch (»Individuum«, »Identität«), wenn sie +die Besonderheiten des Menschen beschreiben. In einer +modernen sozialisationstheoretischen Perspektive +verwischen jedoch viele dieser Unterschiede. Man kann +kaum noch genau sagen, ob mit einem dieser Begriffe +wirklich Unterschiede in der Beschreibung angenommen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/022.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/022.md new file mode 100644 index 0000000..a3c2586 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/022.md @@ -0,0 +1,36 @@ +werden oder einfach synonyme Bezeichnungen werden, um +nicht ständig den gleichen Begriff zu wiederholen. +Die meisten Theorien verfahren auf diese Weise mit der +Synonymverwendung. Wahrscheinlich ist dies auch ein +»abgesicherter« Modus, damit sie nicht Gefahr laufen, sich +mit einer begrifflichen Festlegung aus einer Zuordnung zu +etwa der philosophischen oder +entwicklungspsychologischen Tradition nicht mehr befreien +zu können. So paradox es ist, diese Verfahrensweise des +begrifflichen Durcheinanders hat eine gewissen +Rationalität. Heute noch mit starken Unterschieden +arbeiten zu wollen, die die Perspektive auf uns als +menschliche Wesen mit nur einem Begriff anzeigen wollen, +ist kaum möglich. Zu sehr sind die Perspektiven +miteinander verbunden und zu wenig sind die mit den +Begriffen angezeigten Unterschiede überhaupt noch +präsent. Der sozialisationstheoretische Fokus auf das +Subjekt verträgt diese »Multioptionalität«. Auch in dieser +Einführung wird sie praktiziert und nur wenn eine +bestimmte Perspektive auf das Subjekt mit einem Begriff +erörtert werden soll, wird das in der Beschreibung auch +ausdrücklich so angezeigt. +Erste Zugänge zum Sozialisationsthema + +Im Zentrum der meisten Zugänge im Sozialisationskontext +steht das Beziehungsverhältnis zwischen einem sich +entwickelnden Menschen, mit seiner genetischen +Ausstattung an Trieben und Bedürfnissen, seinen +angeborenen Temperaments- und erworbenen +Persönlichkeitsmerkmalen, und den umgebenden +gesellschaftlichen Umweltfaktoren. Dieses +Beziehungsverhältnis wird als lebenslang und als interaktiv +beschrieben, wobei es in diesem Prozess der lebenslangen +Interaktion das Subjekt schafft, die Anforderungen an die +individuelle Integration in ein soziales Gefüge zu +bewältigen und gleichzeitig immer mehr Lern- und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/023.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/023.md new file mode 100644 index 0000000..39da851 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/023.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Erfahrungswissen auszubilden, das die Individualität +fördert. Weil der Sozialisationsprozess damit immer zwei +Perspektiven beinhaltet, die des Individuums und die der +Gesellschaft, haben die meisten Definitionen von +Sozialisation typischerweise einen engen Bezug zu +entweder eher soziologischen oder eher psychologischen +Basistheorien, ohne die der Sozialisationsbegriff heute +nicht seine typischen Konturen hätte. +Die psychologischen Ansätze beschäftigen sich in erster +Linie mit der Auseinandersetzung des Individuums mit +seiner inneren Realität im Prozess des Lernens, der +Problembewältigung oder Entwicklung. Sie analysieren, in +welchen Stufen und Phasen sich die menschliche +Persönlichkeit ausbildet, wie die Fähigkeiten zum +Wahrnehmen, Denken und Handeln entstehen und wie sie +sich bei Übergängen von einem Lebensabschnitt zum +nächsten sowie in Krisen- und Spannungssituationen +verändern. Sie werden in den letzten Jahren zunehmend +durch neurobiologische und manchmal auch +humangenetische Ansätze ergänzt. +Die soziologischen Zugänge konzentrieren sich hingegen +auf die äußere Realität. Sie analysieren die Strukturen der +menschlichen Persönlichkeit, die in der +Auseinandersetzung mit den Anforderungen der +Gesellschaft entstehen, etwa die Fähigkeit, die +vorherrschenden Werte, Normen und Verhaltensmuster zu +übernehmen und sich sozialen Gruppen und +Organisationen anzuschließen. Der soziologische Zugang +ist also auch auf das Individuum gerichtet, er betont aber +deutlicher den Anforderungscharakter der sozialen +Strukturen, in denen sich ein Mensch entwickelt und seine +Bedürfnisse ausbildet. +Der soziologische Sozialisationsbegriff ist älter als sein +psychologisches Pendant. Der Grund hierfür ist, dass die +soziologischen Ansätze früh an Diskussionsstränge der +Sozialphilosophie anschließen, die im 19. Jahrhundert noch diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/024.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/024.md new file mode 100644 index 0000000..74b14b4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/024.md @@ -0,0 +1,35 @@ +die Debatte über das Soziale beherrschten. Wie Dieter +Geulen (1991, S. 21) in seinem Überblick über die +Geschichte der Sozialisationstheorie herausgearbeitet hat, +wird der Begriff »Sozialisation« zwar in enzyklopädischen +Werken schon seit dem frühen 19. Jahrhundert benutzt, in +einer wissenschaftlichen Abhandlung aber erstmalig im +Jahr 1896, und zwar vom amerikanischen +Sozialphilosophen Edward A. Ross. +Der deutsche Sozialphilosoph Georg Simmel (1858–1918) +und der französische Soziologe Emile Durkheim (1858– +1917) haben kurz darauf erste, durchaus ähnliche +Definitionen des Sozialisationsbegriffs vorgenommen. Bei +seiner Untersuchung des Übergangs von einfachen zu +arbeitsteilig organisierten Industriegesellschaften stellte +sich Durkheim die Frage, wie in komplexen Strukturen +soziale Integration hergestellt werden kann. Seine Antwort: +Nur wenn alle Gesellschaftsmitglieder die Normen und +Zwangsmechanismen verinnerlichen, wenn die Gesellschaft +gewissermaßen in sie eindringt und ihre Persönlichkeit von +innen her organisiert. Das menschliche Individuum ist nach +dieser Vorstellung triebhaft, egoistisch und asozial und +wird erst durch den Prozess der Sozialisation +gesellschaftsfähig. Diesen Prozess der »Vergesellschaftung +der menschlichen Natur« nennt er »Sozialisation« +(Durkheim 1972). +Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen diese beiden +Ansätze für einen Aufbruch der soziologischen Theorie in +Richtung einer Persönlichkeits- und Erziehungstheorie und +gaben wichtige Impulse für die interdisziplinäre Forschung. +Durch Simmel und Durkheim teilweise mit angestoßen, +teilweise unabhängig von ihrem Werk, sind in +verschiedenen Theorien der Psychologie und der Soziologie +Konzepte der Persönlichkeitsentwicklung des Menschen in +einer sich verändernden gesellschaftlichen Umwelt +entfaltet worden. Diese werden in den Kapiteln zur diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/025.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/025.md new file mode 100644 index 0000000..f1e043a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/025.md @@ -0,0 +1,36 @@ +soziologischen und psychologischen Propädeutik (im +Großabschnitt II.) vorgestellt. +Die Weiterentwicklung des Sozialisationsbegriffs + +Die Definition von Sozialisation als »Vermittlung der +Gesellschaftsstruktur in das Innere des Individuums« +reflektierte die Etablierung der arbeitsteiligen +Industriegesellschaften (Baumgart 1997, S. 32). Diese +Sichtweise des Zusammenhangs von Persönlichkeits- und +Gesellschaftsentwicklung war durch die damalige +historische Konstellation beeinflusst (Fend 1969; +Goslin 1969; Münch 1988). +Heutige hoch entwickelte Gesellschaften sind keine +Industriegesellschaften mehr. Sie sind zu komplexen +Dienstleistungsgesellschaften geworden, die durch eine +große Vielfalt von sozialen und kulturellen Lebensformen +und durch ein komplexes Zusammenspiel von +eigenständigen Organisationen und Systemen +gekennzeichnet und weltweit miteinander verbunden sind. +Eine soziale Integration, die im Sinne Durkheims den +Gesellschaftsmitgliedern durch psychisch fest implantierte +Wert- und Symbolsysteme quasi aufgezwungen wird, ist +nicht mehr funktional, zumal nationale Gesellschaften +durch ihre internationale Verflechtung nur noch zum Teil +staatlich organisierte und überschaubare +Kulturgemeinschaften sind. Die sozialen und kulturellen +Bindungskräfte, die noch zu Zeiten Durkheims für die +soziale Integration in die Gesellschaft des Nationalstaates +sorgten, schwächen sich demnach der Tendenz nach ab, +wenn auch neue Zwänge berücksichtigt werden müssen, +die zu Zeiten Durkheims nicht absehbar waren. +Der von Simmel und Durkheim zugrunde gelegte Begriff +von Sozialisation als »Vergesellschaftung der menschlichen +Natur« muss entsprechend weiterentwickelt werden, da +moderne Gesellschaften nur mit selbstständigen +Persönlichkeiten funktionieren können. Entsprechend wird diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/026.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/026.md new file mode 100644 index 0000000..092b1f5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/026.md @@ -0,0 +1,36 @@ +von jedem Gesellschaftsmitglied nicht die mechanische und +»außengeleitete« Internalisierung von sozialen Regeln +verlangt, sondern eine flexible, sensibel auf soziale +Bedingungen Rücksicht nehmende, »innengeleitete« +Selbstorganisation der eigenen Wertvorstellungen und +Handlungen (Faulstich-Wieland 2000, S. 34; Veith 1996, +2008 Zimmermann 2011). +Auf diese Veränderung haben heutige soziologische und +psychologische Theorien reagiert und neue Konzepte für +das Verständnis des Zusammenhangs von menschlicher +Persönlichkeitsentwicklung (Ontogenese) und +Gesellschaftsentwicklung (Phylo- oder Soziogenese) +vorgelegt. Trotz erheblicher Unterschiede zwischen den +einzelnen Theorien besteht dabei die weitgehende +Übereinstimmung darüber, dass Sozialisation nicht mehr in +erster Linie über das Erlernen sozialer Rollenmuster und +die Verinnerlichung gesellschaftlicher Normen erfolgt, +sondern als selbsttätige und selbstorganisierte Aneignung +von kulturell und sozial vermittelten Umweltangeboten. +Dennoch ist eine Kernidee des Konzeptes »Sozialisation«, +wie sie von Simmel und Durkheim ursprünglich formuliert +wurde, erhalten geblieben: Sozialisation ist +Persönlichkeitsentwicklung im sozialen und kulturellen +Kontext und eine Form der stets spannungsreichen +Konstruktion der Biografie und der Behauptung der +Identität in der Umwelt im teilweisen Widerspruch zur +»ärgerlichen Tatsache der Gesellschaft« (Dahrendorf 1977). +Die Diskussion über die notwendige Neufassung des +Sozialisationsbegriffs setzte mit vollem Schwung in den +1960er Jahren ein, damals verbunden mit der +gesellschaftspolitischen These, dass Sozialisation und +Erziehung das erhebliche Ausmaß an +Verteilungsungleichheiten bedingen: Es kam zu scharfen +wissenschaftlichen und öffentlichen Kontroversen über das +Verhältnis von erzwungener Vergesellschaftung und freier +Individualisierung. Während der Studierendenunruhen von diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/027.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/027.md new file mode 100644 index 0000000..39389ce --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/027.md @@ -0,0 +1,36 @@ +1968 wurden die theoretischen Positionen immer weiter +zugespitzt, denn mehr und mehr wuchs das Bedürfnis, +nicht nur ein Modell für die erfolgreiche Anpassung des +Individuums, sondern vor allem für seine autonome +Entwicklung zu erhalten (Geulen 1973, 1991, S. 39; +Mühlbauer 1980; Walter 1973). +Sozialisation als Interaktion + +Der zu dieser Zeit erreichte Stand der Diskussion wurde in +dem umfassenden, interdisziplinär angelegten ersten +»Handbuch der Sozialisationsforschung« zusammengefasst +(Hurrelmann/Ulich 1980). Die in diesem Handbuch +vorgestellte Definition von Sozialisation als »Prozess der +Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in +wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich +vermittelten sozialen und materiellen Umwelt« +(Geulen/Hurrelmann 1980, S. 51) fand großen Anklang und +wirkt noch bis heute in der wissenschaftlichen Diskussion +nach. +Als diese Definition wenige Jahre später durch das +»Modell des produktiv realitätsverarbeitenden Subjekts« +(Hurrelmann 1983) ergänzt wurde, lag eine +erkenntnisleitende Heuristik (also eine Matrix des +wissenschaftlichen Denkens) vor, die Raum für die +Berücksichtigung der Bedeutung des Subjektiven ließ. Ihr +Credo war: Wenn das gesamte Gesellschaftliche und seine +Dynamiken begriffen werden soll, muss der Blick auch auf +das Individuum fallen. Das Individuum stellt einen +wesentlichen Kristallisationskern dar, weil soziale +Strukturen durch Sozialisation Wirkung auf die +Entwicklung eines Menschen haben, diese Menschen aber +gleichzeitig Gestalter des Gesellschaftlichen werden, +soziale Strukturen also selbst wieder herstellen (und +verändern). Diese Erkenntnis markierte den Start einer +Diskussion, in der die Psychologie und in den letzten +zwanzig Jahren auch die neurowissenschaftlichen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/028.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/028.md new file mode 100644 index 0000000..2c546c6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/028.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Disziplinen im Diskurs über Sozialisation eine Rolle spielen +konnten. +Die Einführung wird die hier vorgezeichneten Linien +weiterverfolgen. Dabei stehen sowohl eine Vertiefung der +schon genannten Inhalte als auch die Weiterführung der +sozialisationstheoretischen Diskussion bis in die Jetztzeit +im Mittelpunkt. Das Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung hat seit seiner Entstehung versucht, +innerhalb der vorhandenen Theorien und +Forschungsbefunde eine bestimmte Verortung des Blickes +auf Sozialisation vorzunehmen. Hierzu gehört auch ein +definitorischer Zugriff. Dieser beinhaltet, dass Sozialisation +einen Interaktionsprozess bezeichnet, der das gesamte +Leben erfasst und die Beziehung zwischen der sich +entwickelnden Persönlichkeit und den umgebenden +sozialen und materiellen Strukturen einschließt. Aus dieser +Perspektive wird die Persönlichkeitsentwicklung als eine +ständige Interaktion zwischen dem Individuum und den +umgebenden gesellschaftlichen Bedingungen verstanden. +Diese Interaktionserfahrungen werden aktiv und produktiv +verarbeitet und dabei sowohl mit den inneren körperlichen +und psychischen als auch mit den äußeren sozialen und +physischen Gegebenheiten austariert. +Interaktionsprozesse, in denen sich ein Mensch über die +gesamte Lebensspanne hinweg befindet, sind ein Modus +der Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen. Diese +Interaktionsprozesse können eine bestimmte Entwicklung +der Persönlichkeit wahrscheinlich machen, nicht aber (wie +schon argumentiert) eindeutig festlegen. Eine analytische +Perspektive muss darum immer von den +Wahrscheinlichkeiten ausgehen, die durch Einbindung in +typische Interaktionsstrukturen bedingt sind. Hierzu gehört +der Einfluss von Lebenswelten oder der Wohnumfelder, +aber natürlich auch das Einkommen oder der Bildungsgrad +im familialen Netzwerk. Sie alle können Einfluss nehmen +auf die Entwicklung einer einzelnen Persönlichkeit. Sie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/029.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/029.md new file mode 100644 index 0000000..901028d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/029.md @@ -0,0 +1,36 @@ +können aber auch Individuierungs- und +Abweichungseffekte erzeugen (so das beschriebene +Beispiel des Soziologen Eribon im Rückblick auf seine +eigene Lebensgeschichte). +In den folgenden Kapiteln geht um die generelle +Verortung eines theoretischen Blickwinkels und auch um +eine umfassende Gesamtschau der Erkenntnisse der +Sozialisationsforschung. In den Kapiteln 2 und 3 wird eine +Übersicht über soziologische und psychologische +Basistheorien der Sozialisation gegeben. Hierbei wird von +einem Kapitel zur soziologischen und psychologischen +Propädeutik gesprochen, weil Basis- und Lehrbuchtheorien +der Sozialisationsforschung vorgestellt werden. +Im engeren Sinne ist als Propädeutik die Einführung in +Terminologie und Grundlagen einer Wissenschaft zu +verstehen. Diese ist durchaus nötig und spielt in der +Einführung von Beginn an eine große Rolle. Sie erschien +zum ersten Mal im Jahr 1986 und vermittelte einen +systematischen Überblick über das damals noch sehr junge +Gebiet der Sozialisationstheorien. Es hatte sich in den +1960er und 1970er Jahren sehr schnell entwickelt und war +durch ein breites, kontroverses Spektrum von +theoretischen Ansätzen gekennzeichnet. Auf der einen +Seite standen soziologische Positionen, die von einer +starken Beeinflussung der Persönlichkeit eines Menschen +durch gesellschaftliche Bedingungen ausgingen. Die +Gegenposition bildeten psychologische Theorien mit der +Annahme, eine Persönlichkeit entwickelte sich durch +innere Antriebe. +Mit der Einführung wurde das erste Mal versucht, die +Gräben zu überbrücken und eine umfassendere Sichtweise +auf Sozialisation zu entwickeln. Es ging darum, +Vorstellungen der gesellschaftlichen Determination der +Persönlichkeitsentwicklung ebenso zu überwinden wie +solche der naturgesetzlich bestimmten organischen und +psychischen Reifung. Auf diese Weise wurde eine diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/030.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/030.md new file mode 100644 index 0000000..272c56b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/030.md @@ -0,0 +1,36 @@ +interdisziplinäre Sichtweise von Sozialisation begründet, +die sich an einer über den Einzeltheorien angesiedelten +Konzeption orientieren, die als Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung bezeichnet wurde. Dieser Ansatz ist +bis heute aktuell und findet Eingang in die +Biografieforschung, die Kindheits- und Jugendforschung +sowie die Bildungs- oder Familienforschung. Im Laufe der +Jahre ist die biologische Seite der Sozialisation sogar +stärker als zuvor in der neurowissenschaftlichen Debatte +oder der Genetik verhandelt worden. Durch diese +Ergänzungen und Verbreiterungen im Diskurs hat die +interdisziplinäre Sichtweise von Sozialisation laufend +Zugewinne gemacht. Damit hat auch das »Modell der +produktiven Realitätsverarbeitung« (in der Einführung ab +jetzt abgekürzt als MpR) viele Anpassungen vorgenommen +und neuere Erkenntnisse integriert. +Die nachfolgenden Ausführungen der Abschnitte 1.3 bis +1.5 sollen für die Darstellung im Buch einen +zusammenfassenden Überblick anbieten. Dieser Überblick +ist grob, aber auch nur für eine erste Annäherung und +Orientierung gedacht. Er erfüllt die Funktion eines +»Teasers« in Einführung in die Sozialisationstheorie. Darin +werden zunächst die »klassischen« Positionen der +Sozialisationsforschung dargestellt, die sich auf die +soziologische und psychologische Traditionslinie beziehen. +Danach wird das MpR in der Kurzfassung des Überblicks +über die 10 Prinzipien dargestellt. + +1.3 + +Die soziologische Propädeutik im Überblick + +Wenn man sich einen Überblick zur soziologischen +Propädeutik in der sozialisationstheoretischen Diskussion +verschaffen möchte, stößt man auf die große Nähe der +Entwicklung der soziologischen und der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/031.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/031.md new file mode 100644 index 0000000..cb75f7c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/031.md @@ -0,0 +1,35 @@ +sozialisationstheoretischen Perspektive. Sieht man die +Soziologie als junge Disziplin, die sich erst im 19. +Jahrhundert vor allem aus der Philosophie heraus +entwickelte, kann man sogar sagen, dass das +Sozialisationsthema an der Wiege der Soziologie stand. Die +Annahme, dass Menschen durch ihre Umwelt +gesellschaftlich geformt werden, ist so etwas wie die +Grundbedingung des Denkens über das Zusammenleben in +Gesellschaften. Es ist die Frage danach, wie der Mensch +als »Subjekt« – als erlebendes, denkendes und handelndes +Individuum – den materiellen, sozialen und kulturellen +»Objekten« seiner Umwelt gegenübertritt und sich neben +ihnen behauptet. +Tabelle 1 gibt einen Überblick zu den soziologischen +Theorien, die in der Sozialisationstheorie als Propädeutik +betrachtet werden und nach denen sich die Darstellung +auch in unserer Einführung richtet. Die spätere Lektüre +wird viele Einzelfragen zu diesen Ansätzen aufnehmen und +sie ausführlich in die Diskussion ihrer Zeit stellen. An +dieser Stelle sollen ein paar erste Stichworte genügen, um +Theorieansätze, Namen und Begriffe langsam einzuordnen. + +Frühe Ansätze der soziologischen Theorie +Socialisierung + +Vergesellschaftung bedeutet, +die soziale Gesamtheit in die +individuelle Persönlichkeit +aufzunehmen + +Socialisation méthodique Internalisierung des Sozialen +als Voraussetzung für soziale +Kohäsion in komplexen +Gesellschaften +Gesellschaftstheoretische Ansätze diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/032.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/032.md new file mode 100644 index 0000000..0f87853 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/032.md @@ -0,0 +1,48 @@ +Materialistische +Gesellschaftstheorie + +Erster strukturalistischer +Ansatz. Der Mensch ist +produktiv durch +Naturbearbeitung, soziale +Realitäten formen das +Individuum + +Kritische +Gesellschaftstheorie + +Erster interdisziplinärer +Ansatz. Der Blick auf das +Subjekt wird durch Trieblehre +und Psychologie intensiviert + +Strukturfunktionalistische Gesellschaftliche Teilsysteme +Systemtheorie +durchringen einander, +Sozialisation ist das Erlernen +von Rollen +Soziale Systemtheorie + +Selbstsozialisation als +Eigenleistung des +psychischen Systems, Bruch +mit Verständnis von +Sozialisation als Prägung + +Praxeologie + +Erweiterter Praxisansatz, +Überwindung des +Gegensatzes von +strukturalistischem und +konstruktivistischem Denken + +Handlungstheoretische Ansätze +Symbolischer +Interaktionismus + +Modell unterschiedlicher +psychischer Instanzen, +Sprache als soziale Praxis, +Identitätsbildung durch +Zuschreibungen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/033.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/033.md new file mode 100644 index 0000000..60055d4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/033.md @@ -0,0 +1,46 @@ +Kommunikative +Kompetenz + +Entwicklung der kritischen +Rollentheorie, die Ausbildung +einer Ich-Identität als +gesellschaftliches Autonomiezu fördern + +Sozialkonstruktivismus + +Novizen lernen Werte und +Bedeutungszuschreibungen, +Sozialisation ist das Verstehen +von +Wirklichkeitskonstruktionen + +Sozialisatorische +Interaktion + +Durch sozialisatorische +Interaktion sind +Heranwachsende mit +krisenhaften +Herausforderungen des +Verstehens konfrontiert + +Dimensionen +sozialer Identität + +Das Differenzerleben von +sozialer und persönlicher +Identität ist die Basis für das +Empfinden der Ich-Identität + +Tab. 1: Soziologische Theorien der Sozialisation im Überblick. +Frühe Theorien der Sozialisation + +Für die soziologisch orientierte Forschung stand lange Zeit +die Frage im Vordergrund, welche Einstellungen und +Verhaltensweisen eine Gesellschaft von ihren Mitgliedern +verlangen muss, um den nötigen sozialen Zusammenhalt zu +sichern, allen gleiche Rechte einzuräumen und die +öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten. Für Emile +Durkheim, dem ersten Inhaber eines Lehrstuhls für +Soziologie in Frankreich, gilt diese Frage als Bedingung für +die Aufrechterhaltung gesellschaftlichen Zusammenhalts. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/034.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/034.md new file mode 100644 index 0000000..8f9079e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/034.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Er fordert eine »Socialisation méthodique« (eine Art +methodische Sozialisation). Für Georg Simmel, seinem +deutschen Pendant, ist »Socialisierung« der Vorläufer für +das spätere Fachwort »Sozialisation«, das er ähnlich wie +Durkheim herleitet. Für Simmel wie Durkheim ist die +Sozialisationsbedingung ein wesentlicher Faktor für das +»Gelingen« einer Gesellschaft, die ihre traditionellen Gleise +verlässt. +In der frühen Soziologie wurde darüber nachgedacht, wie +die »Sozialmachung« der Gesellschaftsmitglieder erfolgt. +Wie Dieter Geulen (1991) erstmals in seinem Überblick +über die Geschichte der Sozialisationstheorie +herausgearbeitet hat, wird in diesem Zusammenhang schon +seit dem frühen 19. Jahrhundert der Begriff »Sozialisation« +verwendet, was sich anhand des enzyklopädischen »Oxford +Dictionary of the English Language« aus dem Jahr 1828 +dokumentieren lässt. Dort wird »to socialize« definiert als +»to render social, to make fit for living in society«. +Allmählich setzte sich der Begriff dann bis zum Ende des +19. und sehr intensiv ab dem Anfang des 20. Jahrhunderts +durch (Veith 1996). Dieser Strang ist in den soziologischen +Gesellschaftstheorien besonders gut abgebildet. Obwohl +damit Sozialisation eine Grundbedingung des Denkens über +das Soziale wurde, war das Detailwissen darüber, was als +Sozialisation zu verstehen ist, wenig ausgebildet. Dazu +gehörte auch die Frage, ob Sozialisation noch die +Möglichkeit offen ließ, dass Menschen sich von ihren +gesellschaftlichen Integrationsverhältnissen frei machen +und Individualität und Autonomie ausbilden können. +Gesellschaftstheoretische Ansätze + +Die Spannung von Individuum und Gesellschaft, von +Integration als »zur Gesellschaft dazuzugehören« und +Individuation als »eine einzigartige Persönlichkeit zu sein«, +ist in der soziologischen Diskussion der Folgezeit immer +deutlicher wahrzunehmen. Sie ist mit der Veränderung des diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/035.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/035.md new file mode 100644 index 0000000..c3fa2d3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/035.md @@ -0,0 +1,36 @@ +ökonomischen und politischen Lebens durch die +Umwälzung gesellschaftlicher Strukturen im Zuge der +Industrialisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zu +einem bedeutenden Thema geworden. Gesellschaften +wurden immer komplexer, weil nicht mehr alle Tätigkeiten +des täglichen Lebens unter einem Dach ausgeübt, sondern +arbeitsteilig zwischen Familie, Fabrik und +gesellschaftlicher Öffentlichkeit aufgeteilt werden. Jeder +Mensch spielt zunehmend mehr und vor allem sehr +differenzierte Rollen in ebenso unterschiedlichen +Kontexten. Damit wurde die Frage immer drängender, wie +trotz dieser Differenzierungen ein gesellschaftliches +Zusammenleben möglich sein kann. Alle Theorien, die im +19. und 20. Jahrhundert als »Gesellschaftstheoretische +Ansätze« auf diese Problematik reagieren, sind in der +Soziologie heute noch bekannt. Sie reichen von Karl Marx +bis zu Pierre Bourdieu. Ihre Stichworte sind in der Tabelle 1 +genannt. +In den gesellschaftstheoretischen Ansätzen wurde +Sozialisation vorausgesetzt, sie ist Bedingung oder Resultat +des sozialen Miteinanders. Mit Ausnahme weniger Ansätze +erwähnen Gesellschaftstheorien das Thema selten explizit. +Sie waren und sind vielmehr so etwas wie die +Hintergrundfolie für das Denken über Sozialisation. Mit +sehr unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen: Für Marx +und die materialistische Gesellschaftstheorie ist es die +Annahme der Übermacht der wirtschaftlich-sozialen +Strukturen. Für die Kritische Gesellschaftstheorie ist es der +Blick auf Innenleben der Menschen, deren Triebleben und +Psyche an gesellschaftliche Zwangsverhältnisse angepasst +werden und dabei Leiden und Abwehr, das Bedürfnis nach +Triebabfuhr und Aggression erzeugen. In der +strukturfunktionalistischen und sozialen Systemtheorie +dominiert der Blick auf unterschiedliche Funktionssysteme +der Gesellschaft, so dass Menschen sich nur noch +rollenförmig anpassen und die »Codes« beherrschen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/036.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/036.md new file mode 100644 index 0000000..b12e79a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/036.md @@ -0,0 +1,36 @@ +müssen, die in ihrem Funktionssystem verwendet werden. +In der Praxeologie wird dagegen das erste Mal versucht, +das Individuum von zwei Seiten zu verstehen: von seiner +durch gesellschaftliche Strukturen geprägten und der +individuell autonomen Seite. +Handlungstheoretische Ansätze + +Die Öffnung zum Doppelgesicht von Sozialisation vollziehen +vor allem die handlungstheoretischen Ansätze. Wie ihr +»Etikett« schon andeutet, gehen sie von den Handlungen, +also von den kleineren Einheiten aus soziologischer +Perspektive aus. Der Grund hierfür ist sehr einfach. In der +gesellschaftstheoretischen Diskussion existierte lange Zeit +ein Trend zur Sichtbarmachung von Strukturen der +Aufrechterhaltung von Stabilität. Sozialisation ist hier nur +am Rande entscheidend, weil eine Form der sozialen +Einpassung vorausgesetzt wird. Erst die +handlungstheoretischen Ansätze gehen über die Annahme +hinaus, dass sich das Individuum immer nur passiv einfügt +und kritisieren, dass damit der Blick auf Handlungen und +das Subjekt, das sich artikuliert und handelt, nicht gewagt +wird. +Der Begriff Handlung fungiert als Synonym. Damit wird +alles aufgenommen, was vom Individuum als »Aktion« +(lateinisch »Handlung«) ausgeht und »zwischen« +(lateinisch »inter«) Individuen als »Interaktion« erfolgt. +Der symbolische Interaktionismus – eine Strömung, die +innerhalb der Denkschule des Pragmatismus in den USA +schon vor der Mitte des 20. Jahrhunderts zur Ausprägung +kommt – betont die Ambivalenzen im Prozess der +Sozialisation. Im Mittelpunkt steht hierbei, wie sprachliche +Handlungen im Prozess der Sozialisation wirken. +Sprachliche Interaktion transportiert Bedeutungen und ist +gleichzeitig Medium. Über dieses stellen sich +Interaktionsprozesse her und diese haben immer bereits +einen sozialisatorischen Charakter. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/037.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/037.md new file mode 100644 index 0000000..460302e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/037.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Hieran knüpft auch der Ansatz der kommunikativen +Kompetenz an, der die europäische und vor allem die +deutschsprachige Adaption der Annahmen des +symbolischen Interaktionismus darstellt. Er legt Wert auf +die Gestaltungsfähigkeit von Sozialisationsprozessen. Noch +deutlicher wird der Gestaltungs- und +Konstruktionscharakter von Sozialisation in den mit dem +Paradigma des Sozialkonstruktivismus verbundenen +Ansätzen. Sie sind noch mikrologischer und zielen auf den +sprachlich vermittelten Lernprozess. Hiernach machen +Menschen im Prozess der Sozialisation nicht Erfahrungen +mit der »tatsächlichen« Wirklichkeit, sondern mit der +durch Sprache vermittelten, sozial konstruierten +Wirklichkeit. An dem Beispiel, wie wir über sprachliche +Interaktionen lernen, wie sich ein Mädchen (lieblich, +freundlich, emotional) oder Junge (stolz, wild, kühl) zu +verhalten hat, wird der Wert einer Perspektive deutlich, die +nach den Bedeutungszuschreibungen fragt. +Der Ansatz der sozialisatorischen Interaktion baut +hierauf auf, fügt aber noch die neue Komponente hinzu, +wonach Lernen immer mit Krisenerfahrungen verbunden +ist und darum an kognitive Prozesse des Aufschichtens und +des Umbaus von Erfahrungen gekoppelt. Dass durch +Krisenerfahrungen auch die Störungsanfälligkeit des +Individuums berührt wird, ist der Zugang der Theorien zur +sozialen Identität in der Sozialisationsforschung. Sie gehen +davon aus, dass viele verschiedene Anforderungen in +unterschiedlichen Handlungsbereichen bewirken, dass +Stabilität nur dann entsteht, wenn die +Handlungsherausforderungen bewältigt und in eine +einheitlich Identitätsformation integriert werden können. + +1.4 + +Die psychologische Propädeutik im +Überblick diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/038.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/038.md new file mode 100644 index 0000000..8eb8177 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/038.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Anders als die soziologische Propädeutik ist die +psychologische Grundlagenliteratur konzentrierter auf die +Individualperspektive. Sie hat gerade deswegen eine +besondere Relevanz für die Sozialisationsthematik. Sowohl +in den Persönlichkeits- als auch den Entwicklungs- und +Lerntheorien sind explizite Annahmen formuliert, die in der +Sozialisationsforschung eine hohe Relevanz beanspruchen +können, weil sie die Mikroperspektive ausleuchten. Damit +entsteht eine gewisse Ähnlichkeit zu den +Handlungstheorien, obwohl vollkommen andere +theoretische und empirische Zugänge gewählt wurden. Die +psychologische Perspektive ist nur unwesentlich kürzer in +der sozialisationstheoretischen Diskussion präsent. Wir +können eine Wirkungsgeschichte erkennen, die zu Beginn +des 20. Jahrhunderts einsetzt. In den vergangenen rund +einhundert Jahren haben sich aber auch in der +psychologischen Propädeutik die Leitmotive der +Betrachtung der menschlichen Entwicklung kontinuierlich +verändert. +Tabelle 2 gibt einen Überblick zu den maßgeblichen +psychologischen Theorien, die innerhalb der +Sozialisationsforschung Anschluss gefunden haben. + +Frühe psychologische Ansätze +Ursprünge der +Psychoanalyse + +Menschen werden durch Kultur +im Zusammenspiel mit den +biologischen Trieben geprägt + +Ursprünge der +Lerntheorie + +Lernern erfolgt durch das +Zusammenspiel von Reiz und +Reaktionen, das Bewusstsein +eines Menschen spielt keine +Rolle diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/039.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/039.md new file mode 100644 index 0000000..0963b8c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/039.md @@ -0,0 +1,48 @@ +Persönlichkeitstheorien +Psychoanalytische +Theorie + +Das Soziale kanalisiert die +biologischen Anlagen, die +Trieblehre wird ausdifferenziert + +Psychosoziale +Entwicklungstheorie + +Persönlichkeitsentwicklung im +Stufenmodell, Lebenshasen mit +alters- und +entwicklungsspezifischen +Krisen und Konflikten + +Strukturelle +Persönlichkeitstheorien + +Genetische +Persönlichkeitsfaktoren: +Extraversion, Verträglichkeit, +Gewissenhaftigkeit, Emotionale +Stabilität, Offenheit + +Lern- und Entwicklungstheorien +Kognitive +Lernen ist ein Prozess des +Entwicklungspsychologie Aufbaus kognitiver Strukturen, +Lernen durch Adaption der +Wissensstrukturen an die +Umwelt +Entwicklung des +moralischen Urteils + +Stufentheorie moralischer +Entwicklung, moralische +Autonomie als Leitung einer +kognitiven Reflexionsfähigkeit + +Theorie des sozialen +Lernens + +Kinder interpretieren Umwelten +und lernen Modelle, +Selbstwirksamkeitserwartungen +entstehen durch Selbstreflexion diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/040.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/040.md new file mode 100644 index 0000000..b22e714 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/040.md @@ -0,0 +1,41 @@ +Theorie der +Selbstentwicklung + +Menschen sind Produzenten +ihrer eigenen Entwicklung, sie +nehmen Umweltbedingungen +wahr und gestalten sie + +Sozial-ökologische +Entwicklungstheorie + +Mikro-, Meso-, Exo- und +Makrosysteme sind +unterschiedlich nah an der +Person, Systeme sind +voneinander abhängig + +Tab. 2. Psychologische Theorien der Sozialisation im Überblick. +Frühe Ansätze der Psychologie + +Die frühen Ansätze der Psychoanalyse und der Lerntheorie +konzentrieren sich zwar stark auf innerpsychische +Dynamiken der Persönlichkeitsentwicklung, sind aber für +die Sozialisationstheorie wertvoll. Sie arbeiten heraus, dass +die menschliche Persönlichkeitsentwicklung nicht nur von +inneren Faktoren beeinflusst wird, die in der Person +verankert sind, sondern auch von äußeren, +gesellschaftlichen Bedingungen. Dies sind aber auch schon +die einzigen Gemeinsamkeiten. Psychoanalyse und +Lerntheorie sind als durchaus gegensätzlich zu verstehen. +Während die Psychoanalyse (ihr berühmtester Vertreter +ist Sigmund Freud) früher etabliert ist, sind die +lerntheoretischen Ansätze nachfolgend, man kann sie aber +nur sehr eingeschränkt als direkte »Nachfolge« verstehen, +vorherrschend ist der Bruch, der zwischen beiden +Denktraditionen gesehen werden muss. Interessant ist, mit +welcher Intensität die Debatten der Psychologie ebenso wie +der Soziologie schon in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg +international geführt wurden. Freud ist ein europäisch +ausgebildeter und auf Deutsch publizierender, zunächst +medizinisch inspirierter, dann über die Neuropathologie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/041.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/041.md new file mode 100644 index 0000000..93be9b8 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/041.md @@ -0,0 +1,35 @@ +zur Psychologie stoßender Wissenschaftler, dessen +Erkenntnisse eine Symbiose darstellen, die in der Zeit der +sich etablierenden Wissenschaft der Psyche sicher weniger +überraschend sind als es in der Rückschau erscheint. Freud +verbindet das Wissen der physiologisch vorgehenden +Psychologie mit seinen Vermutungen über das +Zusammenspiel der menschlichen Natur (den »Trieben«) +mit gesellschaftlichen Einflüssen (dem »Über-Ich«) und der +Ausbildung einer Persönlichkeit (dem »Ich«). Freuds +zweifellos revolutionäre Erkenntnisse lassen das +Individuum im dauernden Spannungsverhältnis dieser drei +Kräfte erscheinen und leiten daraus Annahmen über +menschliche Handlungen und innerlich erlebt Konflikte ab. +Die sich hiergegen entwickelnden psychologischen +Lerntheorien sind schon in der Anlage, ihrem Bezug auf +das vorhandene Wissen, ihr methodisches Vorgehen und +die Konsequenzen fast durchgehend gegensätzlich zu +verstehen. John B. Watson ist der Begründer des +Behaviorismus, der neben der Psychoanalyse am Beginn +der Psychologiegeschichte des 20. Jahrhunderts steht. +Watson stammt aus den USA, war ausgebildeter Lehrer und +Vertreter der experimentellen Psychologie. Seine +Lernexperimente zeigen nicht nur sehr detailliert, wie +Lernanreize und Belohnungen Einfluss auf die +Lernfähigkeit eines Menschen nehmen. Watson geht sogar +so weit zu behaupten, dass menschliches Verhalten immer +nur die Reaktion auf Reize aus der Umwelt darstellt. +Watson hält damit Menschen für nahezu unendlich +veränderbar. Immer abhängig davon, welchen Reizen, +Gewohnheiten und Belohnungen sie ausgesetzt sind. +Tatsächlich – so die These Watsons – braucht es dann gar +nicht mehr die Annahme eines menschlichen Bewusstseins +(die große Domäne der Psychoanalyse), alles funktioniert +im Denken des Behaviorismus durch den Mechanismus der +Reiz-Reaktionsketten. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/042.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/042.md new file mode 100644 index 0000000..47f4da2 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/042.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Persönlichkeitstheorien + +Persönlichkeitstheorien tragen zu einer großen +Differenzierung im wissenschaftlichen Feld der sich +etablierenden Psychologie bei. Freuds eigene Theorie ist +hier oft Ausgangspunkt, der aber vielfach weiterbearbeitet +wurde. Am bekanntesten sind die Ansätze, die Freuds +Denken in Entwicklungs- und Spannungsdynamiken um die +Komponente der psychosozialen Entwicklung erweitert +haben. Hierzu gehört u. a. der Ansatz des deutschamerikanischen Psychoanalytikers Erik H. Erikson, der als +erster ein Modell der stufenförmigen der Persönlichkeit +entwickelte. +Die neueren psychologischen Ansätze verschieben ihr +Gewicht deutlich auf die Wechselwirkung zwischen +Individuum und Gesellschaft. Sie sind jeweils darum +bemüht, die Mechanismen zu identifizieren, über die +äußere, gesellschaftliche Einflüsse auf innere, persönliche +Merkmale und Strukturen einwirken. Sie verweisen auf die +sozialen und kulturellen Erwartungen der Umwelt, auf die +Anforderungen und Anregungen konkreter sozialer und +ökologischer Lebensräume und die Möglichkeiten des +Menschen, seine Persönlichkeit durch aktive Interaktion +mit der sozialen Umwelt selbst zu gestalten. Damit +ergänzten sie damals die soziologischen Positionen. +Jede der neueren psychologischen Theorien macht +deutlich, dass eine Persönlichkeitsentwicklung nicht +möglich ist, ohne sich mit den sozialen +Umweltbedingungen auseinanderzusetzen und sich ihnen +teilweise anzupassen. Gleichzeitig stehen +Überschneidungen mit der »Biologie der Persönlichkeit« +nicht mehr im Gegensatz zu einer auf die psychosoziale +Entwicklung zielenden wissenschaftlichen Diskussion. Die +Diskussion über das »Big Five« Modell der +Persönlichkeitspsychologie beweist dies. Es geht zum einen +davon aus, dass fünf Persönlichkeitseigenschaften diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/043.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/043.md new file mode 100644 index 0000000..0f0992d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/043.md @@ -0,0 +1,31 @@ +(Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, +Emotionale Stabilität, Offenheit) bei allen Menschen in +schwächer oder stärkerem Maße vorhanden sind. Zum +anderen verweist dieses Modell auf starke genetische +Prädispositionen gerade dieser Eigenschaften. + +Lern- und Entwicklungstheorien +Einen wirklichen Fortschritt für die Sozialisationstheorien +ergeben solche Ansätze, die aus einer psychologischen +Perspektive das Thema Lernen und Entwicklung +weiterführen. In der Zeit nach dem Weltkrieg wurde die +enge Vorstellung der biologisch determinierten +Entwicklung oder auch der überdeterminierten +Umweltabhängigkeit kontinuierlich aufgeweicht. Die +Vorstellung, dass es kein menschliches Bewusstsein gäbe, +wurde vollkommen überworfen. Jüngere Ansätze verorten +sich heute im kognitiven Paradigma. Die sogenannte +kognitive Wende hat den Begriff »Kognition« (von +lateinisch »cognoscere« = »erkennen« und +»wahrnehmen«) zentral gesetzt, womit alle gedanklichen +Prozesse eines Menschen einbezogen werden. Im Sog des +kognitiven Paradigmas wird von einer Wechselbeziehung +zwischen Person und Umwelt ausgegangen, in der das sich +entwickelnde Individuum mit seinen Fähigkeiten der +Realitätsaneignung und Realitätsverarbeitung eine immer +bedeutsamere Funktion erhält. +Lern- und Entwicklungstheorien weisen in der Folge eine +große Breite auf, die im Sozialisationskanon intensiv +bearbeitet werden. So die Stufentheorie der moralischen +Entwicklung Lawrence Kohlbergs, die Theorie des sozialen +Lernens, der Selbstentwicklung und der sozialökologischen Entwicklungskontexte. Gerade die sozialökologische Entwicklungstheorie ist mit ihrer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/044.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/044.md new file mode 100644 index 0000000..d3e4399 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/044.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Unterscheidung unterschiedlicher Kontexteinflüsse auf das +Individuum so nah an einer soziologischen Perspektive, das +sie gemeinhin von den Disziplinen geteilt wird. Dagegen +spielen psychologische Positionen, die das Individuum als +vollkommen abgekoppelt von den Kontexten des +Aufwachsens sehen, eine untergeordnete Rolle und +erhalten wenig wissenschaftliche Reputation. Allerdings +sind Ansätze, die biologisch-genetisch argumentieren, auch +in der psychologischen Persönlichkeits-, Entwicklungs- und +Lernforschung eine wichtige Komponente geworden. Sie +machen, häufig vermittelt über die neurowissenschaftliche +und epigenetische Forschung, Grundaussagen über das +Individuum, seine Entwicklung und das Verhältnis zur +Umwelt. Diese Ansätze werden ebenfalls noch dargestellt, +wenn die Weiterentwicklung psychologischer Annahmen im +Modell der produktiven Realitätsverarbeitung erörtert +wird. +Auffällig ist, dass die psychologischen Theorien den +Begriff »Sozialisation« eher zurückhaltend verwenden. +Dennoch aber setzen sie sich inhaltlich ebenso detailliert +wie die soziologischen Theorien mit dem spannungsreichen +Verhältnis von Individuum und Gesellschaft auseinander. +Sie nehmen ihren Ausgangspunkt von den +innerpsychischen und innerkörperlichen Entwicklungen. +Ihr Hauptaugenmerk liegt dann aber auf der Frage, wie +sich die Persönlichkeit eines Menschen durch soziale und +ökologische Umweltbedingungen im Laufe des Lebens +entfaltet und verändert. + +1.5 + +Das MpR im Überblick + +Die soziologische und psychologische Propädeutik gehören +zur Grundausstattung der Entwicklung der +Sozialisationstheorie. Sie haben heute zweifellos mehr als diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/045.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/045.md new file mode 100644 index 0000000..61613be --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/045.md @@ -0,0 +1,36 @@ +einen lediglich antiquarischen Charakter. Sie werden als +Lern- und Studienliteratur eingesetzt, sie gelten als +Grundlagenwissen und in dieser Hinsicht wird von +propädeutischer Literatur gesprochen. Gleichzeitig stellen +sie das Fundament unserer Denkansätze über Sozialisation +bis heute dar. Gerade die Propädeutik repräsentiert die +eingangs bezeichnete Doppelgesichtigkeit von +Sozialisationsprozessen. Soziologische und psychologische +Zugänge fokussieren auf unterschiedliche Bereiche von +Sozialisation, betonen unterschiedliche Perspektiven auf +Prozesse der »Vergesellschaftung« und »Individuation« und +sind in ganz unterschiedlicher Weise Sprungbrett für die +Weiterentwicklung von Theorieansätzen, die im Bereich der +Sozialisationsforschung zum Einsatz kommen. Inwiefern +eine Zusammenführung aller vorgestellten Theorieansätze +möglich ist, welche Tendenz sie aufzeigen und wie sie für +die für die Etablierung eines integrierten Ansatzes wie dem +MpR nutzbar zu machen sind, wird später in der +ausführlichen Auseinandersetzung gezeigt. +Die Darstellung beinhaltet dort die resümierende +Darstellung zum Ertrag der soziologischen und +psychologischen Diskussion für das +sozialisationstheoretische MpR. Dabei wird eine +Darstellungsform gewählt, die das MpR mit den +wichtigsten Konsequenzen für eine +sozialisationstheoretische Perspektive beschreibt. Das +MpR, das auf dieser Entwicklung der Basistheorien +aufbaut, wird von zehn »Prinzipien« gerahmt. Diese +»Prinzipien« stehen jetzt an der Stelle, an der in anderen +und früheren Publikationen zum MpR von »Thesen« oder +»Maximen« gesprochen wurde. Die Prinzipien des MpR +haben sich über die Jahrzehnte immer wieder leicht +gewandelt und liegen auch in dieser Auflage aktualisiert, +überarbeitet und in einer veränderten Form vor. Die +Prinzipien beleuchten unterschiedliche Ebenen der +Modellbildung, sie sind theorie- und forschungsbezogen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/046.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/046.md new file mode 100644 index 0000000..d567177 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/046.md @@ -0,0 +1,34 @@ +und wollen so umfassend wie möglich den +Gegenstandsbereich Sozialisation ausfüllen. Im Folgenden +werden diese Bereiche und die dazugehörigen zehn +Prinzipien des MpR stichwortartig vorgestellt (s. Tabelle 3). + +Erkenntnistheoretische und konzeptionelle +Grundannahmen +1. +Verhältnis von innerer und äußerer Realität – +Prinzip soziale, körperliche und Anlagefaktoren spielen +zusammen und treten in eine Wechselbeziehung +ein +2. +Produktion der eigenen Persönlichkeit – +Prinzip Menschen produzieren ihre Entwicklung, weil sie +eine Verarbeitung der inneren und äußeren +Realität vornehmen +Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf +3. +Bewältigung lebenslaufspezifischer +Prinzip Anforderungen der Realitätsverarbeitung – jeder +Lebensabschnitt beinhaltet normierte +Bewältigungsanforderungen +4. +Bildung der Ich-Identität – Ausgleich der +Prinzip Spannungen zwischen persönlicher +Individuation und sozialer Integration um eine +stabile Identität aufzubauen +5. +Persönlichkeitsentwicklung im Lebenslauf – in +Prinzip jedem Lebensabschnitt ergeben sich +unterschiedliche Anforderungen an die +Verarbeitung der Realität +Kontexte der Sozialisation diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/047.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/047.md new file mode 100644 index 0000000..e7a91fa --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/047.md @@ -0,0 +1,35 @@ +6. +Bedeutung der Familie für die Sozialisation – als +Prinzip primärer und wichtigster Sozialisationskontext, +der sich in den vergangenen Jahrzehnten rasant +verändert +7. +Bedeutung der Bildungsinstitutionen – als +Prinzip sekundäre Sozialisationsinstanz mit +Qualifikations-, Selektions- (Auslese) und +Allokationsfunktion (Statuszuweisung) +8. +Bedeutung der alltäglichen Lebenswelt für die +Prinzip Sozialisation – Menschen leiten aus ihren +alltäglichen Erfahrungen in informellen zentrales +Realitätswissen ab +9. +Bedeutung intersektionaler Ungleichheiten – +Prinzip Ungleichverteilung von Ressourcen bedingt die +lebenslang andauernde Ungleichverteilung von +Lebenschancen +Aktuelle Herausforderungen im Prozess der +Sozialisation +10. +Gestaltung und Bewältigung gesellschaftlicher +Prinzip Herausforderungen – die nachwachsende +Generation übernimmt die Aufgabe der +Krisenbearbeitung +Tab. 3. Die zehn Prinzipien des MpR im Überblick. +Erkenntnistheoretische und konzeptionelle Grundannahmen +(Prinzipien 1 und 2) + +Zu den Basisannahmen des MpR gehört, dass Sozialisation +als ein Interaktionsprozess definiert wird, der das gesamte +Leben erfasst und die Beziehung zwischen der sich +entwickelnden Persönlichkeit, den organismischen und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/048.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/048.md new file mode 100644 index 0000000..66cc7d6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/048.md @@ -0,0 +1,34 @@ +ererbten Strukturen sowie den umgebenden sozialen und +materiellen Bedingungen, ihrer Prägungs- Ermöglichungsund Verhinderungstendenz, einschließt. Im Kern bezeichnet +Sozialisation damit die Persönlichkeitsentwicklung als eine +ständige Interaktion zwischen dem Individuum und den +umgebenden gesellschaftlichen Strukturen. Diese +Interaktionserfahrungen werden aktiv und produktiv +verarbeitet und dabei sowohl mit den inneren körperlichen +und psychischen als auch mit den äußeren sozialen und +physischen Gegebenheiten vermittelt. +Das erste Prinzip des Verhältnisses von innerer und +äußerer Realität umfasst genau dieses Verständnis von +produktiver Verarbeitung der inneren Realität von +körperlichen und psychischen Dispositionen und der +äußeren Realität aus sozialer und physisch-räumlicher +Umwelt. Der Blick auf die innere Realität hat dabei in den +vergangenen Jahren vor allem Erkenntnisse aus Genetik, +Epigenetik und den Neurowissenschaften aktuell werden +lassen. Lange Zeit hatte die Sozialisationsforschung +befürchtet, die solche biologienahen Zugänge würde +einseitig die genetische Komponente betonen und die +Persönlichkeitsentwicklung ausschließlich als eine +Entfaltung angeborener Anlagen erklären wollen. Man sah +sich mit der naturwissenschaftlichen Herangehensweise in +einem Konkurrenzverhältnis und hatte die Sorge, Genetik, +Neuro- und Hirnforschung könnten Belege für die +innerorganische Determination von +Persönlichkeitsmerkmalen erarbeiten, die Umwelteffekte +als unbedeutend erscheinen ließen. Diese Sorge erweist +sich heute als unberechtigt. Die genetischen und +neurobiologischen Ansätze liefern interessante Befunde zur +Wechselbeziehung von Anlage und Umwelt. Sie zeigen, wie +eng genetische Dispositionen und soziale Umweltfaktoren +zusammenwirken und sich gegenseitig beeinflussen. Aber: +In kaum einem Ansatz der Neuroforschung wird die sozial diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/049.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/049.md new file mode 100644 index 0000000..3037e20 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/049.md @@ -0,0 +1,35 @@ +bedingte Beeinflussung und Ausprägung der +Persönlichkeitsstruktur eines Menschen infrage gestellt. +Der Begriff »produktive Verarbeitung« drückt aus, dass +es sich bei der Auseinandersetzung mit der inneren und +äußeren Realität um einen aktiven Prozess handelt, in dem +der einzelne Mensch eine individuelle, den eigenen +Voraussetzungen und Bedürfnissen angemessene Form +wählt. Das zweite Prinzip der Produktion der eigenen +Persönlichkeit hebt daher darauf ab, dass Menschen als +Produzentinnen und Produzenten ihrer eigenen +Entwicklung angesehen werden, weil sie von der frühesten +Entwicklung als Säugling und als Kleinkind an, über das +Jugendalter und das Erwachsenenalter hinweg bis ins hohe +Alter hinein eine Verarbeitung der inneren und äußeren +Realität vornehmen, die ihren individuellen Merkmalen, +Fähigkeiten und verfügbaren Ressourcen entspricht. Die +Verarbeitung ist »produktiv«, weil sie sich aus der jeweils +individuell besonderen Auseinandersetzung mit den +inneren und äußeren Bedingungen ergibt. +Für die aktuelle Einordnung des zweiten Prinzips sind +heute viele neue Theoriestränge relevant. Hierzu gehören +u. a. die Selbstbestimmungstheorie der Motivation (im +Englischen »Self-Determination Theory«), die als eine neue +Lern- und Motivationstheorie anzusehen ist. Eine weitere +Ergänzung in der Theorieentwicklung des kognitiven +Paradigmas sind die Arbeiten zum Thema »Agency«. +Agency bezeichnet im Englischen das Handlungszentrum +eines Menschen. In der psychologischen Debatte ist Agency +als Fachterminus entwickelt worden, um die Bedeutung +personengebundener Fähigkeiten der +Informationsverarbeitung, des Wissensaufbaus und der +Verhaltenssteuerung zu beschreiben. In diesen Kontext +gehört auch das »dynamisch-interaktionistische Modell« +der Entwicklung, das ebenfalls aus der Psychologie +stammt. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/050.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/050.md new file mode 100644 index 0000000..2af2610 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/050.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Produktive Realitätsverarbeitung im Lebenslauf (Prinzipien 3 bis 5) + +Das dritte, vierte und fünfte Prinzip beinhalten eine +Konkretisierung und erste empirische Annäherung zum +Gegenstand Sozialisation. In diesem Kontext wird +schwerpunktartig eine lebenslaufspezifische Perspektive +eingenommen, die der Maxime folgt, dass Sozialisation als +ein lebenslanger Prozess der Interaktion mit inneren und +äußeren Anforderungen angesehen wird. Das dritte Prinzip +der Bewältigung lebenslaufspezifischer Anforderungen der +Realitätsverarbeitung fokussiert entsprechend darauf, dass +in jedem Lebensabschnitt Erwartungen an die Verarbeitung +der Realität vorhanden sind, die gesellschaftlich +mehrheitlich akzeptiert werden und als Normen der +Entwicklung gelten. Im Lebenslauf kommt es damit zu +einer ständigen Konfrontation mit neuen Situationen, die +jeweils mit angemessenen Formen des Handelns bewältigt +werden müssen. +Das vierte Prinzip der Bildung der Ich-Identität verstärkt +die Orientierung auf einige Aspekte der Bewältigung +lebenslaufspezifischer Anforderungen der +Realitätsverarbeitung. Sie fokussiert darauf, dass die +Fähigkeit eines Individuums erwartet wird, den Ausgleich +der Spannungen zwischen persönlicher Individuation und +sozialer Integration vorzunehmen. Diese Fähigkeit, die sich +im Aufbau einer Ich-Identität ausdrückt, beinhaltet die +hohe Bedeutung von Belastungen und Spannung im +Lebenslauf. Werden lebenslaufspezifischer Anforderungen +der Realitätsverarbeitung nicht bewältigt, ist der Aufbau +der Ich-Identität gefährdet oder sogar unmöglich. Von der +Ich-Identität eines Menschen ist zu sprechen, wenn über +verschiedene Entwicklungs- und Lebensphasen hinweg +eine Kontinuität des Selbsterlebens auf der Grundlage +eines positiv gefärbten Selbstwertgefühls und des +Empfindens einer Selbstwirksamkeit gegeben ist. Heute +werden diese Annahmen durch mannigfaltige Erkenntnisse diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/051.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/051.md new file mode 100644 index 0000000..88f527f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/051.md @@ -0,0 +1,36 @@ +der Stress- und Bewältigungsforschung bestätigt. Hinzu +treten Befunde aus der Forschung zu kritischen +Lebensereignissen, die deutlich machen, wie zum Beispiel +der unerwartete Verlust einer wichtigen Bezugsperson, die +Trennung oder Scheidung der Eltern, das plötzliche +Eintreten einer schweren Krankheit oder ein Unfall die +Bewältigungsmuster und den Aufbau einer stabilen +Identität erschweren. +Das fünfte Prinzip der Persönlichkeitsentwicklung im +Lebenslauf hebt darauf ab, dass sich in jedem +Lebensabschnitt unterschiedliche Anforderungen an die +Verarbeitung der Realität ergeben, die an die +Veränderungen der inneren und äußeren Realität gekoppelt +sind. Vor alldem durch sich verändernde ökonomische, +politische, soziale und kulturelle Bedingungen stehen +Menschen in den jeweiligen Lebensphasen vor der +Herausforderung, ihren biografischen und +gesellschaftlichen Standort zu akzeptieren oder neu zu +definieren. Durch die Verlängerung der Lebensdauer und +die heute typischen Anforderung der individualisierten +Lebensführung stehen steigende biografische +Freiheitsgrade den Individuierungszwängen gegenüber, die +auch in Bereiche außerhalb von Beruf und Qualifikation +einen wettbewerblichen Charakter übertragen. Deswegen +ist die Persönlichkeitsentwicklung trotz der elementaren +Fundierung, die sie in Kindheit und Jugendalter erfährt, nie +abgeschlossen, sondern befindet sich in mehr oder weniger +großen Schüben ständig im Fluss. +Kontexte der Sozialisation (Prinzipien 6 bis 9) + +Der zentrale Bereich, in dem die Sozialisationsforschung +wahrgenommen wird, ist bis heute die Analyse der +Kontexte und Lebensbedingungen. Als Kontexte werden +soziale, materielle und immaterielle (z. B. durch +Gemeinschaften konstituierte) Räume verstanden, in denen +Menschen agieren. In hoch entwickelten Gesellschaften diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/052.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/052.md new file mode 100644 index 0000000..ee7416b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/052.md @@ -0,0 +1,36 @@ +entsteht ein breites Spektrum gesellschaftlicher Kontexte, +in denen Menschen leben, aufeinander angewiesen sind +und Erfahrungen machen. Die meisten dieser Kontexte sind +in Form von sozialen Organisationen verfasst, die nach +spezifischen Regeln und Verfahrensweisen operieren. Mit +dieser sozialen Differenzierung verlagern und verbreitern +sich die Sozialisationseffekte, denn immer mehr +ursprünglich nicht für die Sozialisation entstandene soziale +Systeme üben Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung +der Menschen aus, die sich längere Zeit in ihnen aufhalten +und mit ihnen in Kontakt kommen. +Das sechste Prinzip der Bedeutung der Familie für die +Sozialisation hebt auf diese Prägewirkung durch Kontexte +auf der Mikroebene ab. Als primärer und wichtigster +Sozialisationskontext fungieren in den meisten +Kulturkreisen die Familien. Sie agieren seit Jahrhunderten +als die einflussreichsten Vermittler der äußeren Realität. +Sie werden oft als »primäre Sozialisationsinstanz« +bezeichnet, da sie für die meisten Menschen die erste und +wichtigste soziale Umwelt bilden. Wie in einem +Mikrokosmos spiegeln sich in einer Familie von früher +Kindheit an soziale, kulturelle und ökonomische +Lebensbedingungen, die auf die +Persönlichkeitsentwicklung einwirken und frühe Formen +der Realitätsverarbeitung rahmen. +Dabei ist ein Hauptmerkmal der gesellschaftlichen +Veränderungen seit dem 19. Jahrhundert die Aufgliederung +eines ursprünglich zusammenhängenden, umfassenden +sozialen Systems mit verschiedensten Funktionen in +spezialisierte, funktional differenzierte Systeme. Vor und +während der Industrialisierung waren Familien +ökonomische und praktische Zweckbündnisse, die ihren +Mitgliedern alle Lebensfunktionen bis hin zu Sicherheit +und Schutz boten. In den vergangenen Jahrzehnten +entsteht eine breite Vielfalt verschiedener Ausprägungen +und Formen von Familien. Diese reicht von der Ein-Eltern- diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/053.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/053.md new file mode 100644 index 0000000..11a6b4b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/053.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Familie über die Familie mit zwei berufstätigen Eltern, neu +zusammengesetzten Familienteilen bis hin zur Familie mit +homosexuellen Eltern. Zudem haben sich die +Erziehungsstile mehrheitlich demokratisiert, obwohl wir +immer noch eine große Spannbreite zwischen autoritären +und Laissez-faire Erziehungsmentalitäten ausmachen +können. +Das siebte Prinzip der Bedeutung der +Bildungsinstitutionen fokussiert auf die darüber liegende +Ebene der so bezeichneten sekundären +Sozialisationsinstanzen, die über den Mikrobereich der +Familie hinaus gehen. Bildungsinstitutionen besitzen zum +einen eine Qualifikationsfunktion, zum anderen eine +Selektions- (Auslese) und Allokationsfunktion +(Statuszuweisung). Durch Bildungsprozesse werden sozial +ungleiche Chancen legitimiert und Schülerinnen und +Schüler bauen ein Selbstkonzept auf, das auf den +Bewertungen von Bildungsinstitutionen basiert. Von immer +größerer Bedeutung werden sekundäre +Sozialisationsinstanzen und -kontexte, darunter öffentliche +Erziehungs- und Bildungsinstitutionen wie +Kindertagesstätten, Horte, Schulen, +Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen, +sozialpädagogische Institutionen sowie Einrichtungen der +beruflichen Aus- und Weiterbildung, die eigens zu diesem +Zweck etabliert wurden. Während in der +Sozialisationsinstanz Familie Mütter und Väter als +»Laienerzieher« tätig sind, arbeiten im Erziehungs- und +Bildungssystem zumeist professionell ausgebildete +Berufsgruppen. Dabei ist eine wichtige Bedingung zu +beachten. Im Bildungssystem wirkt der deutsche +Sonderweg nach. Vor allem im internationalen Vergleich +fällt auf, dass in Deutschland ein immer noch konservatives +Wohlfahrtstaatsdenken die Richtung vorgibt, das +traditionell auf die Familie setzt und weniger auf +öffentliche Institutionen in Erziehung und Bildung. So diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/054.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/054.md new file mode 100644 index 0000000..17c260d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/054.md @@ -0,0 +1,35 @@ +kommt es, dass fehlende Bildungsinvestitionen ein +Dauerthema darstellen und Chancengleichheit, die von den +ungleichen Lebensbedingungen in den Familien ihren +Ausgang nehmen, in den vergangenen Jahrzehnten kaum +wirksam verringert wurden. +Im Unterschied dazu sind die alltäglichen Lebenswelten +differenzierter und wandlungsfähiger. Sie bilden Orte der +Interaktion, die konkreten Zielen untergeordnet sein, +gleichzeitig aber auch der Entspannung und Konsumtion +dienen kann. Das achte Prinzip der Bedeutung der +alltäglichen Lebenswelt für die Sozialisation hebt darauf +ab, dass neben den primären und sekundären +Sozialisationsinstanzen ein breites Spektrum von sozialen +Systemen existiert, deren wesentliche gesellschaftliche +Funktion nicht in Erziehung, Bildung und Qualifizierung +besteht. Auch informelle Kontexte wie die intime +Partnerschaft, der Freundes- und Bekanntenkreis und +andere, zumeist frei gewählte Lebenswelten gehören dazu. +Sie bilden den Alltag der Menschen ab und sind gerade +dadurch, dass kein offenkundiges Ziel verfolgt wird, +sozialisationswirksam. Sie bilden die Wirklichkeit der +Lebensrealität ab, weil sie so erscheinen, als ob sie nicht +anders sein könnten. Menschen leiten aus ihren +alltäglichen Erfahrungen Handlungswissen ab, verleihen +ihrem Alltag Sinn und sind dadurch in der Lage, sich an +ihre Lebensrealitäten zu adaptieren (also anzupassen). +Zwei Beispiele hierzu: +1. Die Ordnung der Geschlechter basiert wie kaum eine +andere sozialisationswirksame Unterscheidung auf der +Erfahrung in den alltäglichen Lebenswelten. Menschen +lernen von Beginn an die unterschiedlichen Rollenbilder +in ihrem Umfeld und die damit verbundenen +Erwartungen an sich selbst und ihre Entwicklung. Das +gilt auch für die Veränderung von +Rollenzuschreibungen. Sich selbst als Frau oder als diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/055.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/055.md new file mode 100644 index 0000000..96ad682 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/055.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Mann zu sozialisieren, wurde sehr lange als eine +Selbstverständlichkeit erachtet. Noch vor einer +Generation wäre unvorstellbar gewesen, was heute für +Jugendliche eine möglich ist: die Infragestellung enger +geschlechtlicher Zuordnungen und die Möglichkeit, +Geschlechtsidentitäten aufzubrechen oder neue +Identitäten zu leben. +2. Die zunehmend bedeutsamere Rolle digitaler Medien ist +ein anderes Beispiel, das zeigt, wie schnell sich +Entwicklungen Bahn brechen, wenn der +Erfahrungshorizont keine Alternativen zulässt. Junge +Menschen wachsen heute wie selbstverständlich mit +digitalen Medien auf. Der Verzicht auf sie, den +»Erwachsene« häufig verlangen, bedeutet für sie den +Verzicht auf eine Lebenswelt, die für sie so +selbstverständlich ist wie der Rekurs auf eine »analoge +Erfahrungswelt« unverständlich. Durch diesen Wandel +werden ganz andere Reichweiten der Kommunikation +schon im Kindesalter möglich. Vor allem Kinder und +Jugendliche interagieren mit ihrer Umwelt sowohl in +quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht anders als +das noch in den nicht-digitalen Alterskohorten zuvor der +Fall war. +Das neunte Prinzip der Bedeutung intersektionaler +Ungleichheiten ist der Rekurs darauf, dass auch +entwickelte Wohlstandsgesellschaften Gesellschaften durch +ein großes Ausmaß an ökonomischer, sozialer und kulturellsymbolischer Ungleichheiten gekennzeichnet sind. Dadurch +kommt es zu Unterschieden in den Sozialisationsprozessen +der Bevölkerungsgruppen mit einem hohen und einem +niedrigen sozioökonomischen Status. Menschen, die in +privilegierenden Kontexten leben, steht in ihrer alltäglichen +Lebenswelt von Geburt an ein reichhaltigeres Ausmaß an +personalen und sozialen Ressourcen zur Verfügung als +Menschen, die in einem benachteiligenden Kontext leben. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/056.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/056.md new file mode 100644 index 0000000..6dbfb2b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/056.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Auf diese Weise kommt es zu einer lebenslang andauernden +ungleichen Verteilung von Lebenschancen. +In der Sozialisationsforschung hat die Forschung zu der +Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheiten eine +lange Tradition. Am Bekanntesten ist die schichtspezifische +Sozialisationsforschung. Sie ist vor 50 Jahren ein +Kernthema der Sozialisationsforschung gewesen und ein +international wie interdisziplinär verfolgter +Forschungsstrang. Heute geht die Frage der +Ungleichheitsreproduktion weit über die Frage der +ökonomischen Verteilungsungleichheiten hinaus. Der +Fachbegriff der Intersektionalität (im Englischen +»intersectionality«) ist in dieser Hinsicht ein wesentlich +neues Element in der Debatte. Er bezeichnet die +Überschneidung von unterschiedlichen Benachteiligungsoder Diskriminierungsformen. Hierzu gehören neben dem +Vermögen und dem Bildungsgrad die ethnisch-kulturelle +und geschlechtliche Heterogenität. Das heißt, dass +beispielsweise Männer auch arm oder ethnisch +diskriminiert sein können, Frauen aber auch einer weißen +Mehrheit angehörend und wohlhabend. Ungleichheiten +können sich also auf mehreren Ebenen gegenseitig +beeinflussen. Sie können sich »ausgleichen«, aber auch +verstärken wie im Falle von Frauen aus ethnisch +diskriminierten Minderheiten mit wenig ökonomischen, +kulturellen und sozialen Ressourcen. +Aktuelle Herausforderungen im Prozess der Sozialisation (Prinzip 10) + +Das zehnte Prinzip der Gestaltung und Bewältigung +gesellschaftlicher Herausforderungen hebt darauf ab, dass +die nachwachsende Generation von wirtschaftlichen, +ökologischen und politischen Herausforderungen global +betroffen ist und die Lösung komplexer Krisenphänomene +von einer gemeinsamem Gestaltungsfähigkeit abhängt. +Dieses Prinzip rekurriert darauf, dass Kinder und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/057.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/057.md new file mode 100644 index 0000000..8700639 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/057.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Jugendliche ein globales Krisenbewusstsein bereits +ausgebildet haben und sich dieses auch artikuliert. +Die Auseinandersetzung mit der realen und medial +vermittelten Krisenwahrnehmung ist zu einem festen +Bestandteil der Entwicklung der Persönlichkeit geworden. +Dabei ist nicht entscheidend, dass Krisenphänomene heute +zum Grund für eine intensivere Auseinandersetzung mit +politischer Gestaltungsfähigkeit geworden sind (die +vergangenen 20 Jahre zeigen das sehr eindrücklich, weil +das Interesse für Politik und die politische Beteiligung in +der jüngeren Generation immer stärker zunimmt). Mitunter +ist auch das Gegenteil, der Rückzug und die Opposition, +der Hang zu Populismus und einer Politik der starken Hand +Beispiel für die zunehmende Bedeutung globaler +Krisenphänomene in den Erfahrungswelten der +heranwachsenden Generation. Die äußere Realität ist dabei +nicht nur Herausforderung der produktiven +Realitätsverarbeitung auf einer individuellen, sondern auch +auf der gesellschaftlichen Ebene. Hierüber sind sich junge +Menschen im Klaren. Einige brechen bereits mit +eingespielten Routinen, sie stellen Bildung und Ausbildung, +aber auch den starren Takt von Ökonomie und Arbeitsleben +in Frage. +Was über zwei bis drei Generationen hinweg als +selbstverständliche Abfolge im Lebenslauf anerkannt +wurde, gilt vielen, vor allem jüngeren Menschen heute +nicht als Teil der Lösung, sondern als Teil des Problems. In +diesem Sinne soll das zehnte Prinzip eine inhaltliche +Öffnung vornehmen, die auch als Chance zur Partizipation +in der Diskussion über das MpR fungiert. Studierende, aber +auch Lernende in Schule und Ausbildungsgängen sollen in +Unterrichtseinheiten erarbeiten, a) welche +Krisenphänomene sie sehen und wie sie sich Formen der +Krisenbearbeitung wünschen, b) Herausforderungen eines +Zusammenwirkens globaler Konflikte, ökonomischer und +ökologischer Anforderungen begegnen wollen und c) wie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/058.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/058.md new file mode 100644 index 0000000..96a823f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/058.md @@ -0,0 +1,17 @@ +sie Chancen bzw. Risiken in den neuen Technologien einer +digitalisierten Welt beschreiben. In dem Maße, in dem wir +heute von den Herausforderungen einer Gesellschaft im +Zeitalter der künstlichen Intelligenz sprechen, ist das +zehnte Prinzip die Frage nach den Möglichkeiten des +menschlichen Gestaltungswillens in der nachwachsenden +Generation. +Die Ausführungen des ersten Abschnitts erfüllten die +Funktion der Einleitung und eines zusammenfassenden +Überblicks für die nun folgende ausführliche Darstellung. +Nachfolgend werden wiederum zunächst die soziologische +und psychologische Propädeutik und im Anschluss das MpR +mit den dazugehörigen zehn Prinzipien vorgestellt. Am +Ende des Buches richtet sich der Blick auf die Reflexion +neuer Fragestellungen in der Sozialisationsforschung sowie +auf die didaktische und pädagogische Vermittlung des MpR +im schulischen Lernen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/059.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/059.md new file mode 100644 index 0000000..c481094 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/059.md @@ -0,0 +1,3 @@ +II. +Soziologische und +psychologische Propädeutik diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/060.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/060.md new file mode 100644 index 0000000..8567816 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/060.md @@ -0,0 +1,35 @@ +2. + +Soziologische Theorien der +Sozialisation + +Von Beginn lebt das Basisgerüst des MpR von der +Gegenüberstellung soziologischer und psychologischer +Ansätze in der Sozialisationsforschung. Es kann auch heute +noch gesagt werden, dass diese Basistheorien der +Sozialisation unverzichtbar sind, um die aktuelle Debatte, +ihre theoretischen Annahmen und das Gerüst der gesamten +empirischen Forschung zu verstehen. Aus diesem Grund +hat die Gegenüberstellung der soziologischen und +psychologischen Propädeutik immer noch eine +Sonderstellung in der Einführung, wiewohl natürlich die +neueren Ansätze nicht mehr so strikt disziplinär einteilbar +sind und zudem auch noch andere Disziplinen in den +engeren Kreis der Bezugsdisziplinen der +Sozialisationsforschung (so beispielsweise die +Erziehungswissenschaft und Genetik) eingetreten sind. +Dennoch lohnt es sich, die Ausgangssituation bewusst zu +halten, in der die Soziologie und Psychologie von zwei sehr +unterschiedlichen Standpunkten auf das Thema +Sozialisation geblickt haben. +Hierzu werden in den beiden folgenden Kapiteln die +grundlegenden Pfade der soziologisch und psychologisch +orientierten Diskussion vorgestellt. Mit Ihnen steht die +Spannung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft +im Vordergrund. Es geht um zwei miteinander +zusammenhängende Fragen: +Wie schafft es eine Gesellschaft, die in ihr lebenden +Menschen zu sozialen Wesen zu machen, die sich in die +sozialen Strukturen integrieren? +Wie gelingt es Menschen, sich trotz ihrer +gesellschaftlichen Einbindung Freiheiten für die eigene diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/061.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/061.md new file mode 100644 index 0000000..7a46b6d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/061.md @@ -0,0 +1,33 @@ +persönliche Entwicklung und Lebensgestaltung zu +erschließen und somit zu autonomen Individuen zu +werden? +Es geht also darum zu verstehen, wie der Mensch als +»Subjekt« – als erlebendes, denkendes und handelndes +Individuum – den materiellen, sozialen und kulturellen +»Objekten« seiner Umwelt gegenübertritt und sich +gegenüber ihnen behauptet; und es geht darum zu klären, +wie Menschen die Aufgabe lösen, mit ihrer genetischen +Ausstattung an Trieben und Bedürfnissen und den +angeborenen Temperaments- und +Persönlichkeitsmerkmalen Anforderungen von Gesellschaft, +Kultur und Ökonomie gerecht zu werden und dabei +gleichzeitig den Status als einzigartiges Individuum zu +sichern. +In diesem zweiten Kapitel werden zunächst soziologische +Theorien vorgestellt, um die beiden Leitfragen zu +beantworten. Im anschließenden dritten Kapitel werden die +psychologischen Ansätze erörtert. +FRÜHE ANSÄTZE DER SOZIOLOGISCHEN THEORIE +Die rasante Veränderung von Lebensbedingungen durch +die Umwälzung gesellschaftlicher Strukturen im Zuge der +Industrialisierung ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ist +rasch zu einem bedeutenden Thema der zeitgleich +entstehenden akademischen Soziologie geworden. +Moderne Gesellschaften werden immer komplexer, weil +nicht mehr alle Tätigkeiten des täglichen Lebens unter +einem Dach ausgeübt werden. Dadurch nimmt die +Arbeitsteilung moderner Gesellschaften zu (Familie, Arbeit, +Konsum etc.). Jeder Mensch spielt verschiedene Rollen in +unterschiedlichen Kontexten. So wurde schon in den frühen +soziologischen Ansätzen die Frage immer drängender, wie +trotz der Differenzierung von Lebensweisen und der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/062.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/062.md new file mode 100644 index 0000000..e391ccb --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/062.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Auflösung traditioneller Muster des Zusammenlebens +gesellschaftlicher Zusammenhalt möglich sein kann. +Die frühesten Theoretiker der Sozialisation waren zwei +Soziologen. Der deutsche Georg Simmel (1858–1918) und +sein französischer Kollege Emile Durkheim (1858–1917) +gelten als die wissenschaftlichen Begründer des Konzepts +»Sozialisation«. Beide trieb vor allem die Frage um, wie +moderne Gesellschaften, die durch schnelle und intensive +Industrialisierung immer komplexer werden, ihre soziale +»Kohäsion« (also die soziale Zusammengehörigkeit) sichern +können. +Die Theorie der Vergesellschaftung von Georg Simmel + +Georg Simmel nimmt zur Klärung dieser Frage das +grundlegende Phänomen der Entstehung von +Gesellschaften in den Blick. Dass Gesellschaften überhaupt +entstehen können, erklärt er dadurch, dass sich Menschen +ständig wechselseitig beeinflussen, also aufeinander +einwirken. Theoriegeschichtlich gesprochen ist dies der +Beginn einer interaktionistischen Perspektive in der +Soziologie (s. auch in der späteren Beschreibung hierzu). +In den Blick kommt damit ein Geflecht von Regeln und +Abhängigkeiten, an deren Entstehung und +Aufrechterhaltung Menschen aktiv beteiligt sind. Dies +bildet den Grundstein für gesellschaftliche Strukturen. Jede +und jeder Angehörige der Gesellschaft ist in diesem Sinne +ein »vergesellschaftetes Individuum«. Die +Vergesellschaftung wird von Simmel auch als +»Socialisierung« bezeichnet (Simmel 1890/1989). Im Kern +versteht er darunter den Vorgang, die soziale Gesamtheit in +die individuelle Persönlichkeit aufzunehmen. Jede +Gesellschaft braucht nach seiner Einschätzung ein +einheitliches soziales Bewusstsein ihrer Mitglieder, auch +wenn sie unterschiedlichen sozialen Kreisen angehören +und individuell höchst verschieden sind, weil die +Gesellschaft als Gemeinwesen sonst auseinanderbricht. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/063.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/063.md new file mode 100644 index 0000000..39ad7f6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/063.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Heinz Abels (geb. 1943) und Alexandra König (geb. +1972), die eine sehr gelungene, erneute Lektüre Simmels +angeregt haben, pointieren das aus einer +Sozialisationsperspektive sehr anschaulich. Sie erörtern +zum grundlegenden Aspekt der Vergesellschaftung, dass +dieser »so etwas wie einen Zustand meint, eine +gesellschaftliche Form. Die Menschen, die in irgendeine +Erziehung zueinander treten, und alles um sie herum sind +vergesellschaftet. Man kann es aber auch in einem +prozessualen Sinne verstehen, dass Menschen in soziale +Beziehungen zueinander treten und sich so einander +vergesellschaften. In dem Augenblick, in dem Menschen +Beziehungen zueinander aufnahmen, treten sie, wie wir +gelesen haben, in Wechselwirkung, d. h. sie wirken +wechselseitig aufeinander ein. Ohne dass ihnen das +bewusst sein muss, wirken sie und werden bewirkt. +Natürlich hört dieser Prozess nie auf und geht so lange +weiter, wie die Individuen miteinander in Verbindung +stehen, aber gleichwohl kann man konstatieren, dass die +Wechselwirkung eine bestimmte, relativ dauerhafte Form +annehmen kann.« (Abels/König 2016, S. 7) +Die Theorie der sozialen Integration von Émile Durkheim + +Für Simmel ist Gesellschaft also immer das Ergebnis eines +Geflechtes von Abhängigkeiten. Je komplexer die damit +verbundenen Wechselwirkungen werden, desto komplexer +werden auch Formen der Vergesellschaftung. Für Émile +Durkheim ist dieser Aspekt der zunehmenden Komplexität +nicht weniger entscheidend, er pointiert aber deutlich +stärker die Frage des Zusammenhaltes, der Stabilität und +der Integrationsfähigkeit unterschiedlicher Formen der +Vergesellschaftung. Durkheim stellte sich bei seiner +historisch vergleichend angelegten Analyse des Übergangs +von einfachen zu arbeitsteilig organisierten +Industriegesellschaften die Frage, wie in komplexen +gesellschaftlichen Strukturen soziale Integration diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/064.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/064.md new file mode 100644 index 0000000..252d555 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/064.md @@ -0,0 +1,36 @@ +hergestellt werden kann. Seine Antwort: Die Gesellschaft +gestaltet die Persönlichkeit des Menschen nach ihren +Bedürfnissen, und zwar durch eine systematische +Beeinflussung der Gefühle und Einstellungen der +Menschen. +Diese Beeinflussung nennt Durkheim »socialisation +méthodique«, womit eine systematische und planmäßige +Beeinflussung der Einstellungen aller +Gesellschaftsmitglieder gemeint ist, die darauf zielt, sie so +zu formen, wie die Gesellschaft und ihre Ökonomie sie +brauchen. Die meisten Gesellschaftsmitglieder passen sich +den gesellschaftlichen Zwängen ohne Widerstand an und +verinnerlichen die sozialen Anforderungen, weil sie auf +diese Weise von den Vorzügen des Gemeinschaftslebens +profitieren. +Die »Internalisierung des Sozialen« ist für Durkheim die +entscheidende Voraussetzung für den Zusammenhalt und +das Funktionieren von komplexen Gesellschaften. Nur +wenn die Gesellschaft gewissermaßen in die Menschen +eindringt und ihre Persönlichkeit von innen her organisiert, +ist der Bestand von modernen Industriegesellschaften zu +sichern. Die gesellschaftlichen Normen, so Durkheim, +stoßen auf ein Individuum, das sich triebhaft, egoistisch +und asozial verhält und erst durch den Prozess der +Sozialisation gesellschaftsfähig wird. In diesem Sinn +versteht er wie Simmel Sozialisation als die +»Vergesellschaftung der menschlichen Natur« +(Durkheim 1973/1902). Gleichzeitig aber geht er auch aber +auch noch weiter. +Der Erziehungswissenschaftler Franzjörg Baumgart (geb. +1943) betont dies, wenn er schreibt: »Anders als viele +Pädagogen seiner Zeit beschrieb er Erziehung als genuin +gesellschaftliches Phänomen. Es war der erste große +Versuch, Erziehung (oder besser: Sozialisation) als +Bindeglied zwischen Individuum und Gesellschaft +systematisch zu beschreiben, die Form der Sozialisation diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/065.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/065.md new file mode 100644 index 0000000..2b5c2ee --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/065.md @@ -0,0 +1,36 @@ +der Heranwachsenden aus den Bedürfnissen, der ›inneren +Ökonomie‹ der jeweiligen Gesellschaft abzuleiten und +zugleich nachzuweisen, daß die Gesellschaft für ihr +Überleben, für ihren inneren Zusammenhalt auf die ihr +entsprechende Sozialisation angewiesen sei. Die +Gesellschaft – so Durkheims zentrale These – werde nicht +primär durch äußeren Zwang, durch Gesetze und +polizeiliche Maßnahmen oder durch ein an den +Tauschprinzipien des Marktes orientiertes +Nützlichkeitsdenken der Individuen zusammengehalten. +Sie müssen vielmehr die überlebensnotwendigen Regeln +der Gesellschaft durch Erziehung und Sozialisation als +zweite Natur verinnerlicht haben, wenn das +gesellschaftliche Zusammenleben funktionieren solle.» +(Baumgart 2004, 32) +Durkheim ist mit dieser Fokussierung nicht nur mitten im +Geschehen der Sozialisationstheorien, er ist sogar eine Art +Provokateur. Denn tatsächlich ist er streitbar. Sein +Plädoyer für die Anpassung der unzivilisierten Natur des +Menschen an die Anforderungen des moralischen Handelns +ist aus heutiger Perspektive eine Streitschrift gegen die +humanistische Erziehung. Durkheim ist ein Konservativer, +würde man wahrscheinlich sagen und ihm damit Unrecht +tun. Tatsächlich bewertet man sein Eintreten für die +methodische Sozialisation falsch, wenn man es nur als das +autoritäre Durgreifen von oben versteht. Durkheim ist +vielmehr darüber besorgt, dass Gesellschaften, die ihre +Traditionen abwerfen und in den Strudel markvermittelter +Konkurrenzgesellschaften gezogen werden, nicht mehr +zusammenhalten könnten. Sein Eintreten für die +methodische Sozialisation ist also so etwas wie das +Gegengewicht zu den frei flottierenden Mächten des +gesellschaftlichen Wandels, die selbst immer eine +sozialisierende Funktion haben – aber eben eine, die nicht +zu kontrollieren ist, auch wenn sie destruktive Kräfte +freisetzt. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/066.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/066.md new file mode 100644 index 0000000..869438a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/066.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Die theoretischen Ansätze von Simmel und Durkheim +haben die Sozialisationstheorie begründet, indem sie +systematische analytische Überlegungen zum Thema der +spannungsreichen Wechselwirkung zwischen Individuum +und Gesellschaft in die wissenschaftliche Diskussion +eingebracht haben. Ihre bahnbrechende Arbeit ist aber erst +einige Jahrzehnte später aufgenommen und weitergeführt +worden. In der Soziologie haben sich Gesellschafts- und +Handlungstheorien als bedeutsam für die Analyse der +Auseinandersetzung des Menschen mit seiner inneren und +äußeren Realität erwiesen. Diese Theorierichtungen +werden im nächsten Abschnitt in ihren Grundaussagen und +in ihrer Bedeutung für die Analyse und Erklärung von +Sozialisation charakterisiert und kritisch eingeordnet. + +2.1 + +Gesellschaftstheoretische Ansätze + +Unter dem Sammelbegriff »gesellschaftstheoretische +Ansätze« lassen sich verschiedene Theorieströmungen +zusammenfassen, die soziale Makrostrukturen und ihre +Dynamik analysieren (also gewissermaßen die +Gesellschaften von oben aus der Vogelperspektive +betrachten). Dieser makrotheoretische Zuschnitt wird +bereits in den Ansätzen von Durkheim und Simmel sichtbar, +jetzt kommen Ansätze innerhalb der Soziologie hinzu, die +mehrheitlich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts +populär wurden (auch wenn sie manchmal bereits früher +entstanden sind). Im Unterschied zu den frühen Ansätzen +soziologischer Theoriebildung werden von nun an die +ökonomischen, politischen und kulturellen +Rahmenbedingungen für die Wechselbeziehungen zwischen +Person und Umwelt differenzierter betrachtet. Damit +erhalten sie hier einen eigenständigen Status. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/067.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/067.md new file mode 100644 index 0000000..2c8e836 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/067.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit wird +bei diesen Ansätzen in eine enge Beziehung zur +Entwicklung der Gesellschaft gesetzt. Hinzu tritt eine +weitere Fokussierung der Diskussion, die auf die Frage +zielt, ob die gesellschaftliche Entwicklung eine +Selbstverwirklichung des Menschen ermöglicht oder nicht. +Die verschiedenen Gesellschaftstheorien sind keineswegs +homogen, sie sind mitunter sogar gegensätzlich in ihrer +Ausrichtung. Dennoch vereint sie ein gemeinsamer Blick +auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, in dem +die Einflüsse sozialer Strukturen dominieren. +DIE MATERIALISTISCHE GESELLSCHAFTSTHEORIE +VON KARL MARX +Die materialistische Gesellschaftstheorie ist die älteste +Grundströmung und als soziologische Basistheorie bereits +im ausgehenden 19. Jahrhundert profiliert. Sie ist durch +Karl Marx (1818–1883) begründet und konzentriert sich auf +eine historische Analyse der Entwicklung der +wirtschaftlichen Produktionsverhältnisse, wobei die +spannungsreichen Beziehungen zwischen den Besitzern der +Produktionsmittel und den »eigentlichen« Produzenten, +den Arbeiterinnen und Arbeitern in Gestalt einer +»Klassentheorie« formuliert werden. Zugleich hat diese +Theorie auch einen Subjektbezug, denn Marx geht von +einem handelnden Individuum aus, das sich produktiv und +kommunikativ ständig mit der sozialen und physischen +Umwelt auseinandersetzt. Diese »menschliche Praxis« +findet nach Marx seit vielen Jahrhunderten unter +politischen und ökonomischen Bedingungen statt, die eine +freie Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit nicht +zugelassen haben. Die Bedeutung des Subjektiven findet +darum bei Marx interessanterweise zunächst deswegen +Berücksichtigung, weil es um die Integration der Menschen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/068.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/068.md new file mode 100644 index 0000000..9c31502 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/068.md @@ -0,0 +1,35 @@ +in einem Herrschaftsgefüge geht, also um die +Beschneidung der subjektiven Entfaltungsmöglichkeiten. +Trotz oder gerade wegen dieses »negativen« Zugriffs auf +die Entwicklung der Persönlichkeit aus der Perspektive der +Konstituierung von Herrschaft und Unfreiheit entsteht eine +wichtige Tradition der Theoriebildung in der +Sozialisationsforschung. Interessant ist, dass Marx noch +früher als die eben genannten frühen Ansätze der +Soziologie über das Wechselverhältnis von Individuum und +Gesellschaft reflektierte. Dabei ist sein Zugang zu einem +eigenen soziologischen Denkmuster geworden. Im +Gegensatz zu Simmel und Durkheim aber verwendet er den +Begriff Sozialisation noch nicht systematisch in seiner +Theorie. Weiter ist Marx indes bereits bei dem Aspekt der +dynamischen Wechselwirkung zwischen dem, wie +Menschen handeln, und dem, was ihnen als +gesellschaftliche Strukturen begegnet. Er betont, dass die +gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von den Menschen +selbst produziert werden, obwohl sie ihnen unter den +gegebenen Verhältnissen wie eine »fremde Gewalt« +entgegentreten. Werden die Verhältnisse, insbesondere die +Besitzverhältnisse an den Produktionsmitteln, geändert, +dann entstehen nach Marx auch veränderte Bedingungen +für die Subjektwerdung der Gesellschaftsmitglieder. +Produktive Arbeit und kommunikative Praxis + +Da die Theorie von Marx jahrzehntelang von den Staaten +der Sowjetunion und der von ihr abhängigen Länder zur +Basis einer politischen Staatsideologie gemacht wurde, fällt +ein unbefangener Blick schwer. Die Theorie drückt in ihrem +Kern jedoch ein Menschenbild aus, das für die +Sozialisationstheorie interessant ist. Der Mensch wird als +ein aktiv handelndes Individuum verstanden, das in einer +produktiven, durch gegenständliche Auseinandersetzung in +Form von Arbeit und in einer kommunikativen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/069.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/069.md new file mode 100644 index 0000000..ff9cc8e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/069.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Auseinandersetzung in Form von Interaktion mit anderen +Menschen tätig ist. +Marx ist in dieser Hinsicht ein Theoretiker, der noch vor +Durkheim und Simmel den Bruch mit der idealistischen +Philosophie herbeiführt und damit das erste Mal +soziologisch, also praxisorientiert argumentiert. Am +Wichtigsten hierfür ist die Kritik am Subjekt-ObjektDualismus. In dieser noch im 19. Jahrhundert +dominierenden Tendenz des philosophischen Diskurses +treten sich Subjekte (als handelnde Menschen) und Objekte +(andere Menschen wie auch soziale Strukturen) als +abgeschlossene Einheiten gegenüber. Diese Sicht ist für +Marx zu kurz gegriffen, weil sie so tut, als ob Subjekte und +Objekte immer schon gesellschaftlich vorhanden seien. +Demgegenüber postuliert er die soziale Praxis, in der die +Subjekte erst durch die Auseinandersetzung mit den +gesellschaftlichen Strukturen zu dem werden, was sie sind +(nämlich selbständig agierend), und sie handelnd auch erst +die gesellschaftlichen Strukturen erschaffen, mit denen sie +dann wieder in Beziehung treten. Durch diese produktive +und kommunikative Praxis verändert der Mensch ständig +seine soziale und physische Umwelt und entwickelt +intellektuelle, emotionale und soziale Fähigkeiten, die sich +in einem sensiblen Selbstbewusstsein bündeln (Marx 1966, +S. 57). +In dieser Konzeption findet sich eine für die +Sozialisationstheorie wegweisende Vorstellung der +Auseinandersetzung des Menschen mit der äußeren Natur: +In Form der produktiven Arbeit lernt der Mensch die +Eigengesetzlichkeit der natürlichen Stoffe kennen und +entwickelt dabei seine Kräfte und Fähigkeiten, die bei einer +gelungenen Auseinandersetzung mit den objektiven +Anforderungen der Natur zu Selbstvertrauen führen. In +den sozialen Bezügen lernt der Mensch, sich mit anderen +bewussten Gattungswesen zu verständigen, was nur durch +eine besondere Form der Beziehungsarbeit möglich ist, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/070.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/070.md new file mode 100644 index 0000000..66e3177 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/070.md @@ -0,0 +1,36 @@ +nämlich dadurch, sich in die Situation des anderen hinein +vertiefen und sich selbst als Objekt wahrnehmen zu +können. +Die eigentlichen Potenziale der menschlichen +Subjektentwicklung werden nach der Analyse von Marx +aber unter den obwaltenden kapitalistischen +Herrschaftsbedingungen nicht freigesetzt, weil die sozialen +Beziehungen durch die ökonomisch geprägten, rein +sachlichen Besitzverhältnisse verzerrt sind. Das gesamte +Leben der Menschen in den kapitalistischen Gesellschaften +wird durch Waren- und Marktgesetze determiniert, die die +Mehrheit der Bevölkerung unter den »Zwang der +ökonomischen Verhältnisse« pressen, weil sie ihre +Arbeitskraft gegen Lohn verkaufen müssen. Hierdurch wird +die Persönlichkeit der arbeitenden Menschen geradezu +verkrüppelt. Sie sind gezwungen, sich an die +vorherrschenden, von ihnen aktuell nicht veränderbaren +kapitalistischen Produktionsverhältnisse anzupassen und +sich ihnen zu unterwerfen. Die hierfür notwendigen +Grundstrukturen der Persönlichkeit werden durch die +politischen und ökonomischen Systeme geformt, die den +einzelnen Menschen davon abhalten, seine wirklichen +Bedürfnisse und Interessen zu erkennen und +durchzusetzen (Marx 1966). +Anschlüsse an die Theorie von Marx + +Wie bereits erwähnt, steht die politische +Instrumentalisierung des Werkes von Karl Marx einer +sachlich angemessenen Aufnahme in die wissenschaftliche +Diskussion bis heute im Wege. Sie hat dazu geführt, dass +einseitig nur die gesellschaftliche Determinierung der +Persönlichkeit eines Menschen aus dieser Theorie +abgeleitet wird (»Das Sein bestimmt das Bewusstsein«). +Gegen diese Einseitigkeit haben sich materialistische +Persönlichkeitstheorien gewandt. Sie suchen zwar auch +nach den Spuren, die gesellschaftliche und ökonomische diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/071.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/071.md new file mode 100644 index 0000000..40ec7d0 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/071.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Strukturen durch ihre Alltagszwänge in der Persönlichkeit +der heranwachsenden und erwachsenen +Gesellschaftsmitglieder hinterlassen (Ottomeyer 1991; +Seve 1977). Aber in diesen Theorien gewinnt die +persönlichkeitstheoretische Komponente der +materialistischen Gesellschaftstheorie, die bei Marx +eindeutig angelegt ist, gegenüber den politischen und +ökonomischen Determinierungen an Gewicht. +Bei Leontjew (1979) zum Beispiel wird der Widerspruch, +dass gesellschaftliche und ökonomische Faktoren einerseits +der Persönlichkeit eines Menschen als äußere Bedingungen +entgegentreten, andererseits aber die sich entwickelnde +Persönlichkeit eine aktiv die Umwelt verändernde Instanz +ist, intensiv herausgearbeitet. In seiner +Persönlichkeitstheorie stellt er sich der Frage, wie der +Mensch durch das soziale Erbe, nämlich die von anderen +Menschen geschaffene Wirklichkeit, in seiner Entwicklung +beeinflusst wird und wie er diese Wirklichkeit aktiv selbst +gestalten und beherrschen kann. Der Begriff »Tätigkeit« +wird zum Schlüsselbegriff. Tätigkeiten sind +zusammenhängende Ketten von menschlichen Handlungen, +die durch ein Motiv gesteuert und auf ein Ziel gerichtet +sind. Hiermit wird eine interessante Vermittlungskategorie +für die Analyse der Beziehungen zwischen Mensch und +Gesellschaft eingeführt, die Querverbindungen zu den +handlungstheoretischen Konzeptionen ermöglicht (s. unten +2.2). +DIE KRITISCHE GESELLSCHAFTSTHEORIE DER +FRANKFURTER SCHULE +Bis heute haben die Ansätze, die Marx oder der +materialistischen Theorie folgen, ein +Anerkennungsproblem. Sie stehen unter dem Verdacht, +letztlich nur eine »Abbildtheorie« zu produzieren, in der +die Menschen Abbilder ihrer Umwelt, also Marionetten der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/072.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/072.md new file mode 100644 index 0000000..f527211 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/072.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gesellschaftlichen Verhältnisse sind, und auch nur von +diesen beeinflusst werden. Gegen eine solche +vereinseitigende Lesart hat sich ein weiterer +eigenständiger gesellschaftstheoretischer Zweig gewendet, +der aber mit dem materialistischen Denken ebenso eng +verbunden ist. Dieser Zweig wird von Vertretern der +sogenannten »Frankfurter Schule« repräsentiert. +Die »Frankfurter Schule« ist heute ein weit verzweigtes +Netzwerk in der Soziologie, der Philosophie und anderen +Fachrichtungen. In den Anfangsjahren gehörten ihr eine +Gruppe interdisziplinärer Forscherinnen und Forscher an, +die von den 1930er bis zu den 1960er Jahren die +wissenschaftliche Diskussion in den Sozial- und +Geisteswissenschaften in Deutschland deutlich prägten. +Die meisten Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter +Schule wurden ab 1933 in die Emigration gezwungen. +Dadurch hat sich diese wichtige Denkrichtung +internationalisiert und kehrte (vor allem über die USA) +nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland in die +sozialisationstheoretische Diskussion zurück. Zu den +wichtigsten Vertretern der ersten Gegenration der +Frankfurter Schule gehören Theodor W. Adorno (1903– +1969), Max Horkheimer (1895–1973) und Herbert +Marcuse (1898–1979). Obwohl alle drei keine identische +Position vertreten, teilen sie Grundannahmen und ergänzen +sich zumeist in einer immer komplexer werdenden +Kritischen Theorie der Gesellschaft. +Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftliche Herrschaft + +Von den Jahren der Emigration in der Zeit des +Nationalsozialismus abgesehen, befand sich das Zentrum +der Kritischen Theorie am Institut für Sozialforschung der +Universität Frankfurt am Main. Einflussreich war die +Frankfurter Schule zum einen, weil sie den Theoriediskurs +und die Anwendung empirischer Forschungsmethoden in +den Sozialwissenschaften vorangetrieben hat; zum anderen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/073.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/073.md new file mode 100644 index 0000000..2507090 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/073.md @@ -0,0 +1,36 @@ +aber auch, weil sie als Vordenker eines fortschrittlichen +und emanzipativen Denkens angesehen wurde, das in der +Nachkriegszeit in den USA und in Europa bis zum Ende der +1970er Jahre eine große Wirkung entfalten konnte. +Im Mittelpunkt der Kritischen Theorie steht eine doppelte +Frage: a) wie sich Strukturen der Herrschaft, +Ungerechtigkeit und Gewalt entwickeln und b) wie sich +diese Strukturen verändern lassen. Herrschaftsverhältnisse +werden dabei als Asymmetrien verstanden. Diese +Asymmetrie zwischen den Lebensverhältnissen wie sie sind +(durch Herrschaft geprägt) und wie sie sein könnten +(herrschaftsreduziert) ist ein Grundmotiv. Es ist auch zu +verstehen als Asymmetrie zwischen den Menschen, die +über mehr oder weniger Machtmöglichkeiten verfügen und +dadurch bessere oder schlechtere Lebensbedingungen +haben. Nach der Kritischen Theorie kann jedes Macht- oder +Herrschaftsverhältnis nur deshalb aufrechterhalten +werden, da die Subjekte keine Alternativen denken können +und asymmetrische Verhältnisse darum als alternativlos +akzeptieren, weil sie in eben diesen Verhältnissen bereits +sozialisiert und das bedeutet hier, an diese Bedingungen +angepasst sind. Das Ausmaß der Ausprägung von +Herrschaft und die Möglichkeiten gesellschaftlicher +Emanzipation sind anders herum argumentiert aber auch +immer von den Subjekten abhängig, auch wenn diese +Leidtragende dieser Herrschaftsstrukturen sind. Die +Sozialisation der Subjekte ist hiernach ein starker Hebel, +um zu verstehen, warum Menschen die Ausübung von +Herrschaft sowohl absichern (im Falle subjektiver +Unterwerfung durch Sozialisation) als auch aufheben und +beenden können (im Falle subjektiver Verweigerung). +Diese Grundeinsicht zum Verständnis von Herrschaft ist +keinesfalls nur an die Arbeiten der Vertreterinnen und +Vertreter einer Kritischen Theorie der Gesellschaft +gebunden. Hier aber hat sie eine besondere Verortung +gefunden, wenn es darum geht, das handelnde Subjekt, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/074.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/074.md new file mode 100644 index 0000000..db193f1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/074.md @@ -0,0 +1,35 @@ +seine Beschränkungen und kritischen Potenziale zu +verstehen. Dadurch setzt sich die Frankfurter Schule von +einer engen Lesart der »Die-Gesellschaft-bestimmt-dasHandeln«-Orthodoxie ab, die sich in der materialistischen +Lesart seit Marx herausgebildet hatte. Es ist das +interessante Wechselspiel zwischen Individuum und +Gesellschaft, das die Kritische Theorie in den Blick nimmt +und keine Vorentscheidung darüber fällt, wie stark +Vergesellschaftungsbedingungen wirken. +Obwohl keinesfalls weniger skeptisch als Marx, wenn es +um die Übermacht der sozialen Strukturen geht, sieht die +Frankfurter Schule mehr Zwischentöne in der +Auseinandersetzung des Subjektes mit den +gesellschaftlichen Zwangsverhältnissen. Es ist eine +offenere Beziehung, die immer mit einem empirischen Blick +darauf verbunden wird, wie »offen« oder »geschlossen« +Gesellschaften funktionieren. Zum einen sind zwar alle +Menschen durch ihre Anpassung daran aktiv beteiligt, von +den gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen zu +werden. Zum anderen aber sind die Individuen durch diese +Form der Verwobenheit potenziell in der Lage, +Herrschaftsstrukturen zu unterbrechen und Autonomie zu +erlangen. +Die Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter Schule +gehen in allen diesen Punkten deutlich über Marx hinaus +und entwickeln als erste eine interdisziplinäre +materialistische Gesellschaftstheorie. Ihre Ansätze sind viel +deutlicher historisch ausgerichtet und beschreiben das +Wechselspiel von Herrschaft und Befreiungsbewegungen +komplexer, als es Marx mit dem (einfachen) Gegensatz von +Kapital und Arbeit vermochte. Noch bedeutsamer für die +Sozialisationstheorie ist, dass die Kritische Theorie in der +Lage ist, psychologische Erkenntnisse zu integrieren, vor +allem die der Psychoanalyse (s. unten). In großen, teilweise +auch empirischen Studien (Horkheimer 1936/1987), geht +diese Symbiose von Psychoanalyse und materialistischer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/075.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/075.md new file mode 100644 index 0000000..1ce67ef --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/075.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gesellschaftstheorie in die Theoriebildung der Frankfurter +Schule ein und ermöglicht differenzierte Aussagen über das +Subjekt und seine Verhaltensweisen im gesellschaftlichen +Kontext. Ursprünglich einmal als Versuch entworfen, die +Ausbildung einer Charakterstruktur zu verstehen, die wie +im Faschismus der 1930er Jahre auf soziale Anpassung +ausgerichtet ist, wird die Grundüberlegung noch lange +danach auf die Analyse gesellschaftlicher +Herrschaftsverhältnisse übertragen. +Die Dialektik von sozialen und psychischen Strukturen + +Für die Vertreterinnen und Vertreter der Frankfurter +Schule ist das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft +ein dialektischer Prozess, in dem sich sowohl die sozialen +Strukturen als auch die Subjekte fortlaufend verändern und +sich dabei beeinflussen. Dialektik bezeichnet in der +philosophischen Tradition eine komplexe Denkoperation, in +der davon ausgegangen wird, dass die Realität, wie sie uns +gesellschaftlich gegenübertritt, durch (scheinbar) +widersprüchliche Tendenzen konstituiert wird, aber gerade +dadurch an Stabilität gewinnt. Auf dieses Denkwerkzeug im +Besonderen einzugehen, ist gar nicht nötig. Wichtig ist +lediglich, dass sich aus einer dialektischen Perspektive das +Verhältnis zwischen dem Subjekt und den +gesellschaftlichen Strukturen nur scheinbar vollkommen +gegensätzlich darstellt. Die »Subjekt-Objekt-Relation«, wie +die Gegenüberstellung der individuellen mit der +gesellschaftlichen Sphäre begrifflich gefasst wird und mit +der sich Marx schon auseinandergesetzt hat, ist daher +nicht mit der Vorstellung zweier konstanter, begrifflich +völlig durchleuchteter Größen zu beschreiben. Beide sind +in ihrer Entwicklung unauflöslich miteinander verbunden: +die Subjekte konstituieren das Gesellschaftliche und +gesellschaftliche Strukturen formen die Subjekte. +Dialektik ist in dieser Hinsicht eine Steigerung der +Annahme dazu, dass sich das Subjekt und die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/076.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/076.md new file mode 100644 index 0000000..ffb4941 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/076.md @@ -0,0 +1,35 @@ +gesellschaftlichen Lebensbedingungen (oder analog Person +und Umwelt) in einem Wechselverhältnis befinden. Dieses +Wechselverhältnis ist nicht der bloße Austausch zwischen +einem Subjekt und den objektiven Strukturen der Umwelt. +Vielmehr ist das Subjekt schon ein Produkt der +gesellschaftlichen Strukturen (weil Menschen Erfahrungen +machen, die dazu führen, dass sie subjektiv handlungsfähig +werden) und gleichzeitig diese gesellschaftlichen +Umwelten ein Produkt der menschlichen Handlungsweisen +sind. Wenn wir das Subjekt und das Objekt (also die +Umwelt) trennen, dann ist das immer nur ein analytischer +Kunstgriff. In dieser Realität sind diese beide Einheiten +unauflöslich (man kann hier sagen: dialektisch) +miteinander verbunden. +Durch diese Brille der unauflöslichen, dialektischen +Wechselverhältnisse sieht die Frankfurter Schule auch die +Entwicklung von Herrschaftsverhältnissen: Herrschaft ist +abhängig von Strukturen, die Menschen zu einem +bestimmten Verhalten bringen oder zwingen wollen. +Herrschaft trifft dabei aber gleichzeitig auf eine innere +Struktur des Individuums, die für solche +Herrschaftspraktiken ansprechbar ist, wodurch die +Menschen selbst die Strukturen aufrecht erhalten, die ihre +freie Entfaltung einschränken. Theodor W. Adorno fasst das +einmal wie folgt zusammen: »Die Massen ließen sich kaum +plumper und augenzwinkernd unwahrer Propaganda +einfangen, wenn nicht in ihnen selber etwas den +Botschaften vom Opfer und vom gefährlichen Leben [hier +als Ausübung von Herrschaft; Anm. durch die Verf.] +entgegenkäme. Darum hat man es angesichts des +Faschismus für notwendig erachtet, die Theorie der +Gesellschaft durch Psychologie, zumal analytisch +orientierte Sozialpsychologie zu ergänzen. Das +Zusammenspiel der Erkenntnis gesellschaftlicher +Determinanten und der in den Massen vorherrschenden diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/077.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/077.md new file mode 100644 index 0000000..ea79ea4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/077.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Triebstrukturen versprach volle Einsicht in den +Zusammenhalt der Totalität.« (Adorno 1972, S. 42) +Der Rekurs auf die Triebstruktur ist aus heutiger +Perspektive der Hinweis auf die Berücksichtigung einer +inneren Realität eines Menschen, mit der sich die +entwickelnde Persönlichkeit wiederum in einer dauernden +Interaktion befindet. Für die damalige Diskussion +bedeutete dies den Rückgriff auf die Trieblehre Sigmund +Freuds. Diese setzt auf die Bedeutung der Triebenergien +(aggressive wie libidinöse), der Triebablenkung und der +Projektion von eigenen Affekten für die Persönlichkeit. Am +bekanntesten ist die Erklärungsfigur des »autoritären +Charakters« (Adorno 1973), die zur Analyse von nichtdemokratischen, hierarchie- und herrschaftsorientierten +sozialen Bewegungen gebildet wurde. Diese Theoriefigur +des autoritätsgebundenen, weil autoritätsgeprägten +Charakters hat ein langes Nachleben in der Soziologie. +Viele empirische Studien setzen auf dieses Konstrukt. Bis +heute kann man sagen, dass kaum ein Denken so +unablässig auf das Wechselspiel von gesellschaftlichen und +individuellen Dispositionen ausgerichtet war, um +Herrschaft zu verstehen und dabei gleichzeitig eine +Theorie des sozialisierten Subjekts einzubeziehen. +DIE STRUKTURFUNKTIONALISTISCHE +SYSTEMTHEORIE VON TALCOTT PARSONS +Vollkommen unterschiedlich, höchstens dadurch +miteinander verbunden, dass sie sich als soziologische +Ansätze kritisch gegenüberstanden, ist das +strukturfunktionalistisch-systemtheoretische Denken im +Verhältnis zu dem der Kritischen Theorie zu verstehen. Als +systemtheoretische Ansätze werden in der Soziologie +Konzeptionen zusammengefasst, die von der +strukturfunktionalistischen Argumentationslinie ihres +Begründers, Talcott Parsons, ausgehend bis zur Theorie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/078.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/078.md new file mode 100644 index 0000000..af4ff27 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/078.md @@ -0,0 +1,36 @@ +funktionaler Differenzierung Niklas Luhmanns reichen. Die +Zusammenfassung beider in der Soziologie sehr +prominenter Zugänge als »systemtheoretisch« ist +allerdings nicht sehr genau und folgt eher einer +gebräuchlichen Konvention. Der genauere Blick offenbart +nämlich erhebliche Unterschiede zwischen den Ansätzen. +Zum einen ist die ältere strukturfunktionalistische +Sichtweise stärker empirisch ausgerichtet. Zum anderen +sind die Annahmen der kategorialen Trennung der +unterschiedlichen Systemebenen in der Fassung von Niklas +Luhmann deutlich pointierter und besitzen in der +Theoriekonstruktion einen höheren Stellenwert. Beide +Traditionslinien sind nichtsdestotrotz von großer +sozialisationstheoretischer Bedeutung und werden deshalb +im Folgenden auch gesondert dargestellt. +Der amerikanische Soziologe Talcott Parsons (1902–1979) +hat im Anschluss an Durkheim eine differenzierte Theorie +der Sozialisation entwickelt. Parsons nimmt ursprünglich +noch die Leitfrage von Durkheim auf, wie komplexe, +durchorganisierte Gesellschaften zu sozialer Stabilität +kommen und wie sie die biologisch-psychischen Anteile in +der Persönlichkeit von Menschen in ihre Funktionsabläufe +einbeziehen können. Er bedient sich bei seiner Analyse des +Konzeptes »System«, und zwar sowohl zur Beschreibung +von inhaltlich und funktional zusammenhängenden +Einheiten der Gesellschaft als auch zur Beschreibung der +Persönlichkeit. Auf diese Weise gelingt es ihm, ein +einheitliches und zusammenhängendes theoretisches +Modell zu etablieren, das biologische und psychologische +Theorien mit umfasst (Parsons 1951). +Sozialisation als Durchdringung von Systemen + +Parsons geht von der einfachen Annahme aus, dass jedes +System eine eigene Struktur besitzt. Mit Struktur wird der +zeitlich überdauernde Aspekt des Systems bezeichnet, der +Stabilität verleiht. Der dynamische Aspekt eines Systems diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/079.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/079.md new file mode 100644 index 0000000..f00dd4d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/079.md @@ -0,0 +1,35 @@ +wird mit dem Begriff »Funktion« gekennzeichnet, womit +der Beitrag des Systems für die Stabilität eines +übergeordneten Gesamtsystems angesprochen ist. Wegen +dieser beiden zentralen Begriffe wird die Theorie von +Parsons auch als »strukturfunktionalistische +Systemtheorie« bezeichnet. Sie hat ihren Schwerpunkt +darin, die verschiedenen Systeme und Subsysteme der +Realität – und zwar der inneren und äußeren – zu +identifizieren, in ihrem Zusammenspiel zu analysieren und +ihre Funktionen für jeweils andere Systeme +herauszuarbeiten (Schulze/Künzler 1991). Sie versucht, die +Mikroperspektive der individuell-psychischen +Persönlichkeitsstruktur und die Makroperspektive +gesellschaftlicher Sozialstrukturen aufeinander zu +beziehen und in eine Synthese zu bringen. +Parsons unterscheidet analytisch zwischen einem +organischen, einem psychischen und einem sozialen +System: +Das organische System des Menschen bildet die +Ausgangsbasis aller seiner Handlungsprozesse. Es +versorgt ihn mit Energie für körperliche und psychische +Grundfunktionen. +Das psychische System, die Persönlichkeit des +Menschen, hat die Aufgabe, die Antriebsenergien des +organischen Systems zu kontrollieren und in +gesellschaftlich erlaubte und vorgeschriebene Bahnen +zu lenken. Die Persönlichkeit ist wesentlich durch diese +Struktur der kontrollierten Bedürfnispositionen +charakterisiert, die sich im Zuge der Verinnerlichung +der gesellschaftlichen Kontrollen herausbilden. +Das soziale System ist weitgehend identisch mit der +Gesellschaft und wird aus den Beziehungsmustern +zwischen handelnden Persönlichkeiten in ihrer +Eigenschaft als Träger bestimmter sozialer Rollen +gebildet. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/080.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/080.md new file mode 100644 index 0000000..ff199ac --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/080.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Ganz im Sinne der Vorstellung von Durkheim und +interessanterweise ähnlich der Frankfurter Schule wird in +enger Orientierung an der Psychoanalyse Sozialisation als +schrittweise Übernahme der Verhaltensmaßstäbe des +sozialen Systems in das psychische System verstanden. +Sozialisation beginnt mit der psychischen Verinnerlichung +von Impulsen der ersten Pflege- und Bezugspersonen, mit +denen ein Kind in Beziehung tritt. Diese sozialen Objekte +verweisen in ihren Rollen (Mutter, Vater, Bruder, +Schwester, Erzieherin oder Erzieher usw.) jeweils auf das +soziale und kulturelle Subsystem, in dem sie stehen +(Mühlbauer 1980, S. 76). Im weiteren Verlauf des Lebens +kommt es zu immer neuen Aneignungsprozessen +normativer und sozialer Strukturen (Parsons 1968). Am +Ende steht eine »gesellschaftsfähige Persönlichkeit« +(Parsons 1951, S. 205). +Die Theorie von Parsons erklärt Sozialisation also als eine +gegenseitige »Durchdringung« (Interpenetration) der +Systeme Organismus, Persönlichkeit und Gesellschaft. +Diese Systeme pendeln sich im Verlauf ihrer Entwicklung +jeweils auf bestimmte, mehr oder weniger stabile +Gleichgewichtszustände ein. Ein solcher Zustand ist zum +Beispiel dadurch gegeben, dass die kognitive und +emotionale Orientierung eines Menschen sich in +Übereinstimmung mit den Strukturen des sozialen Systems +befindet, in dem die Erwartungen der kulturellen, +politischen und ökonomischen Subsysteme +institutionalisiert sind. Sozialisation ist demnach ein das +Gleichgewicht aller beteiligten Systeme stabilisierender +Prozess. »Denn durch die Verinnerlichung der Werte und +Normen der Gesellschaft kommt es zu einer Abstimmung +der Bedürfnisstruktur des Organismus, der +Persönlichkeitsstruktur und der Sozialstruktur der +Gesellschaft. Die Bedürfnisstruktur stellt +Bedürfnisdispositionen nach der Verinnerlichung der +Wertorientierungen als eine Art Spiegelbild der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/081.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/081.md new file mode 100644 index 0000000..d90a20f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/081.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Sozialsysteme dar, mit denen das Individuum verknüpft ist« +(Geißler 1979, S. 270). +Der analytische Schritt, den Parsons vollzieht, ist eng an +einen Theoriehorizont gebunden, der zur Mitte des 20. +Jahrhunderts verfügbar war. Die Kritische Theorie greift +auf ähnliche Bausteine zurück. Im Unterschied dazu aber +hält Parsons die vollständige Anpassung und Adaption an +die sozialen Systeme nicht für problematisch, sondern für +funktional und »vernünftig« und für den Strukturerhalt der +Systeme für notwendig. Er entwickelt hierfür sein »AGIL« +Schema aus »Adaption« (Anpassung), »Goal Attainment« +(Ausrichtung der eigenen Präferenzen auf erwünschte +Ziele), »Integration« (eine Gesellschaft muss +Zusammenhalt herstellen und integrieren können, am +Besten über gemeinsame Leitbilder), die im Sinne eines +»Latent Pattern Maintenance« in Ritualen und +gemeinsamen kulturellen Codes aufrechterhalten werden. +Sozialisation als Durchlaufen von Rollenbeziehungen + +Ausgehend vom »AGIL« Schema ist Sozialisation der +Schlüssel zur stabilen Integration eines Individuums in die +Gesellschaft und damit parallel für für die +Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Stabilität. Aus der +Perspektive von Parsons durchläuft ein Mensch eine +Hierarchie unterschiedlich strukturierter und sich +zunehmend differenzierender Rollenbeziehungen: Von der +Zweierbeziehung zwischen Mutter und Kind in der frühen +(vorödipalen) Phase über das einfache Rollensystem der +Kernfamilie hin zu vielfältigen Rollenbeziehungen in der +Gleichaltrigengruppe und Schule. In der Jugendphase +komplizieren sich die Beziehungen, bis die vielgestaltigen +Rollen der Erwachsenen in Beruf, eigener Familie und +Gesellschaft erreicht werden (Parsons 1968). Jeder Mensch +bewegt sich also bis in das Erwachsenenalter hinein durch +immer facettenreichere Rollenstrukturen und muss sich mit +den jeweiligen wechselseitigen Erwartungen in diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/082.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/082.md new file mode 100644 index 0000000..e5424d4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/082.md @@ -0,0 +1,36 @@ +unterschiedlichen Beziehungen auseinandersetzen. Erst +mit der Verinnerlichung der Verhaltenserwartungen und +Wertorientierungen sowie ihrer Verankerung in der +Struktur der individuellen Bedürfnisdisposition im +Erwachsenenalter ist dieser Prozess vorläufig +abgeschlossen (Parsons 1976). +Über den Prozess der Sozialisation werden nach Parsons +grundlegende Wertorientierungen erworben, die zum +erfolgreichen Rollenhandeln in komplexen Gesellschaften +notwendig sind. Hierzu müssen generelle +Verhaltensorientierungen fest in der Persönlichkeit +verankert sein. Das grundlegende Wertmuster für westliche +Gesellschaften wird als »universalistisch« bezeichnet. +Hiermit verbindet Parsons gesellschaftliche Leitbilder, die +eine Wegweiserfunktion für das eigene Handeln haben. Ein +Beispiel hierfür ist die Ausrichtung des Handelns an +universalen Leistungsnormen. Dazu gehört eine affektive +Neutralität durch die rein sachliche Berücksichtigung von +Interessen in Beziehungen, die Wahrnehmung anderer +Menschen nicht nach ihrer Persönlichkeit, sondern nach +ihrer sozialen Position und ein hohes Ausmaß von +Selbstorientierung im Sinne einer Wahrnehmung des +eigenen Vorteils in beruflichen und persönlichen +Beziehungen (Parsons 1951, S. 219). Die universalistischen +Orientierungen gelten für Parsons als +»Grundqualifikationen des Rollenhandelns«, die eine +»Basispersönlichkeit« des Menschen strukturieren. +Diese Verhaltensmuster können in der eng und +persönlich konstruierten familiären Sozialisation nicht +vermittelt werden, denn hier herrschen +»partikularistische« Beziehungen vor, die den +universalistischen entgegengesetzt sind und sich durch +direkte persönliche Beziehung, Gefühlsorientierung und +Gemeinschaftsinteresse auszeichnen. Aus diesem Grund +kommt den Bildungsinstitutionen Kindergarten und Schule +eine Schlüsselfunktion im Sozialisationsprozess moderner diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/083.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/083.md new file mode 100644 index 0000000..29022d7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/083.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gesellschaften zu, denn hier werden die universalistischen +Wertorientierungen zum ersten Mal für Kinder und +Jugendliche erlebbar praktiziert. In seinem Aufsatz »Die +Schulklasse als soziales System« analysiert Parsons die +strukturellen Unterschiede zwischen der Familie und der +Schule als informelle und formelle Rollensysteme. Im +Unterschied zur Mutter tritt die Grundschullehrerin oder +der Grundschullehrer als eine Bezugsperson auf, die +emotional neutral ist und die Persönlichkeit des Kindes +allein nach der erbrachten individuellen Leistung bemisst. +Indem ein Kind sich in die formalen Rollenbeziehungen +einer Schulklasse einfindet, übernimmt es in seine +Persönlichkeit die öffentlichen Wertmuster (Parsons 1968). +Persönlichkeit als Spiegelbild der Sozialstruktur + +Interessant ist, dass heute, mehr als ein halbes Jahrhundert +nach dem Parsons seine Theorie entwickelt hat, der +Gegensatz zwischen partikularistischen und +universalistischen Normen vielleicht gar nicht mehr so +deutlich feststellbar ist. In den Familien wird schon seit +geraumer Zeit nicht mehr ein Gegenmodell zu dem der +Bildungsinstitutionen gelebt. Ganz im Gegenteil wird in +einigen Familien bereits lange vor Schuleintritt auf das +vorbereitet, was dann in Bildungsprozessen als +Lernfähigkeit und Leistungsorientierung erwartet wird. +Tendieren also universalistische Orientierungen zur +weiteren Universalisierung? Können sich partikularistische +Orientierungen vielleicht dagegen gar nicht mehr +aufrechterhalten lassen. Inwiefern der Gegensatz zwischen +partikularistisch und universal aber tatsächlich in einem +Prozess der Auflösung befindlich ist, bleibt eine empirische +Frage für sozialisationsorientierte Forschung. +Theoretisch wird bei Parsons der Sozialisationszugang +noch durch die Akzentuierung von Sozialisation als +»Vergesellschaftung« beherrscht, die Parsons selbst von +Durkheim übernimmt. Bei Durkheim wie Parsons steht die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/084.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/084.md new file mode 100644 index 0000000..ec776a7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/084.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Stabilität im +Mittelpunkt. Dadurch ergeben sich theoretische +Engführungen: Persönlichkeit wird als »Spiegelbild« der +Sozialstruktur verstanden und deshalb der Aspekt der +Individuation als integraler Bestandteil des +Sozialisationsprozesses nicht ausreichend betont. Der +Theorie liegt eine überwiegend gesellschaftsbezogene +Konzeption von Persönlichkeitsbildung zugrunde. Sie +nimmt zwar psychoanalytische Theorieteile auf, da diese +aber nur additiv einbezogen werden, wird der einseitig +gesellschaftsbezogene Akzent kaum korrigiert. +Wegen der starken Orientierung am Begriff der sozialen +Rolle überwiegt eine passive Konzeption des menschlichen +Anpassungsprozesses an die Gesellschaft. Der Mensch wird +nicht als aktive Erschließerin und Gestalter der Umwelt +verstanden, sondern steht einer übermächtigen +Gesellschaft gegenüber, deren Einflüssen er sich kaum +erwehren kann. Individualität bildet sich gewissermaßen in +gesellschaftsfreien Räumen aus, fern von sozial genormten +Erwartungen und Sanktionen. Parsons unterschätzt damit +den Spielraum für die Entwicklung einer eigenen, vom +gesellschaftlich etablierten und institutionalisierten +Rollensystem abweichenden Persönlichkeit und damit auch +den Spielraum für Wertstrukturen und Handlungsziele, die +ein souveränes und distanziertes Rollenhandeln +ermöglichen. Kritikerinnen und Kritiker eines solchen +Denkens haben treffsicher von der +strukturfunktionalistischen Vorstellung des +übersozialisierten Menschen gesprochen (Wrong 1961). +In Parsons Arbeiten finden sich aber durchaus Ansätze, +die eine differenzierte Darstellung der Durchdringung von +organischen, psychischen und sozialen Systemen und +Strukturen leisten. Parsons weist mehrfach auf die +besondere Individualität jeder konkreten Person hin, die in +ihrer individuellen Sozialisations- und Lebensgeschichte zu +einer relativen Unabhängigkeit gegenüber den diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/085.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/085.md new file mode 100644 index 0000000..baf1dab --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/085.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gesellschaftlichen Normen führe: »Die Persönlichkeit wird +dennoch stets ein System mit eigener, individueller +Konstitution sein, mit eigenen Zielen und Imperativen +innerer Integration, mit eigenen charakteristischen Formen +des Verhaltens in Lebenssituationen […]. Das Individuum +wird jedoch niemals in der Form in die Gesellschaft +sozialisiert, dass es nur ein standardisiertes Rädchen der +Maschinerie wird. Mutter, Familie, Schule, Gemeinde +weisen ebenso weit reichende und subtile Unterschiede +auf, wie die ursprüngliche Veranlagung der Individuen« +(Parsons 1968, S. 378). Beachtlich an diesem Ansatz ist +auch der Einbezug des organischen Systems, das erst in +jüngster Zeit durch neurobiologische Positionen in der +Sozialisationstheorie wieder an Boden gewinnt. +Der Beitrag von Parsons für die Sozialisationstheorie +gewinnt dann an Bedeutung, wenn der Austausch und das +Durchdringen von organischem, personalem und sozialem +System analysiert und dabei das Spannungs- und +Konfliktpotenzial in diesem Austausch herausgearbeitet +wird. Es wäre wünschenswert, die aktiven Aneignungs- und +Erschließungsleistungen des personalen Systems in die +theoretische Konzeption einzubeziehen und die bewusste +Reflexion eines Individuums über sein Verhältnis zur +inneren und äußeren Realität systematisch in der Theorie +zu verankern. Mit dieser Akzentsetzung läge eine Theorie +vor, die nachzeichnet, wie Individualität durch Sozialisation +erst gewonnen werden kann (Münch 1988, S. 426). +In der sozialisationstheoretischen Diskussion findet sich +heute kein Ansatz mehr, der sich explizit der +strukturfunktionalistischen Tradition zuordnet, aber ihre +Bezüge bestehen gleichwohl implizit fort (so der gleich +folgende Ansatz Niklas Luhmanns). Ein Beispiel hierfür ist +die Bezugnahme auf die Entstehung und Aufrechterhaltung +von funktionsfähigen sozialen Systemen. Ähnliches gilt in +diesem Zusammenhang insbesondere für die +funktionalistische Rollentheorie. Die hiermit verbundene diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/086.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/086.md new file mode 100644 index 0000000..c5d0a20 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/086.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Vorstellung des Einwirkens von sozialen Normierungen auf +die Ausprägung von Einstellungs- und Verhaltensmustern +hat terminologisch (als Bezugnahme auf den Rollenbegriff) +nicht »überleben« können. In der konkreten +Forschungspraxis wird der damit verbundene Impuls zur +Annahme der individuellen Anpassung an spezifische +Handlungs- und Rollenerwartungen jedoch fortgeführt, die +dann auch in der ganzheitlichen Gestalt eines fest +umrissenen Repertoires an Wissen und Erfahrungen zur +Ausprägung kommen. +DIE SOZIALE SYSTEMTHEORIE VON NIKLAS +LUHMANN +Eine der wenigen Bezugnahmen auf das +strukturfunktionalistische Denken stammt aus der +deutschsprachigen Debatte. Der Soziologe Niklas Luhmann +(1927–1998) entwickelte die strukturfunktionalistische +Systemtheorie von Talcott Parsons zwar in gewisser Weise +weiter, wich aber in zentralen Punkten von Parsons ab. Das +tut er vor allem darin, die Eigenlogik der jeweiligen +Systeme noch viel deutlicher zu betonen als dies bei +Parsons bereits der Fall war (Luhmann 1987). Die +soziologische Systemtheorie entwickelt dadurch eine +spezifische Ausprägung. Zudem weicht sie von einer +normativen Vorgabe des Vorrangs gelungener +gesellschaftlicher Integration durch Sozialisation (wie bei +Durkheim und Parsons) ab. Wie wir sehen werden, +bekommt die Systemtheorie damit eine Sonderstellung in +der Soziologie, die überraschenderweise dennoch relevant +wird für das Sozialisationsthema. +Sozialisation als Selbstorganisation von Systemen + +Luhmann unterscheidet wie Parsons zwischen einem +organischen, psychischen und sozialen System. Diese drei +Systeme folgen eigenen Entwicklungsgesetzen, sie haben diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/087.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/087.md new file mode 100644 index 0000000..527360e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/087.md @@ -0,0 +1,35 @@ +eine selbstreferenzielle Logik, was Luhmann als +»Autopoiesis« (Selbststeuerung) bezeichnet. Der Begriff +Autopoiesis wurde von ihm aus der Neurophysiologie +übernommen und bezeichnet die Organisationsform von +Systemen, die ihre konstitutiven Komponenten selbst +herstellen und über Zeit und Raum auch selbst erhalten +können (Maturana/Varela 1987). +So wird auch das psychische System auf der Basis eines +einheitlichen »selbstreferenziellen« +Bewusstseinszusammenhangs definiert, während sich +soziale Zusammenhänge durch Kommunikation ergeben: +»Psychische und soziale Systeme sind im Wege der KoEvolution entstanden. Die jeweils eine Systemart ist +notwendige Umwelt der jeweils anderen. Die Begründung +dieser Notwendigkeit liegt in der diese Systemart +ermöglichenden Evolution. Personen können nicht ohne +soziale Systeme entstehen und bestehen, und das Gleiche +gilt umgekehrt« (Luhmann 1984, S. 92). Die beiden +Systeme stehen in einem Verhältnis der Interpenetration +(der gegenseitigen Durchdringung) zueinander, wobei jedes +System Beiträge zum Aufbau des anderen zur Verfügung +stellt. Das selbstgesteuerte Bewusstsein ist der Beitrag des +psychischen Systems, der in das soziale System +aufgenommen wird, während das soziale System +Kommunikation beisteuert, um das psychische System zu +konstituieren. +Auch in sozialen Systemen wird nach Luhmann jede +innere Struktur vom System durch selbstreferenzielles +Prozessieren erzeugt. Als die grundlegende Leistung des +Systems wird dabei die Reduktion der Komplexität von +Umwelt verstanden, also die auf das Wesentliche reduzierte +Aneignung und Übersetzung von Strukturen, Prozessen +und Komponenten aus der Umgebung in das Innere des +jeweiligen Systems. In allen hoch entwickelten +Gesellschaften wird das Ausmaß von Selbstorganisation +aller Systeme, so auch des Systems »Psyche«, immer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/088.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/088.md new file mode 100644 index 0000000..7bc6902 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/088.md @@ -0,0 +1,36 @@ +komplexer und selbstständiger. In einer vielfältigen und +komplexen Umwelt muss jedes psychische System ein +besonders hohes Ausmaß an Sinnbildung, Ordnung des +Handelns und Strukturierung von inneren Elementen +vornehmen, um gegenüber der sich wandelnden Außenwelt +konstant bleiben zu können (Faulstich-Wieland 2000, S. +135; Mingers 1995; Vanderstraeten 2000). +Das Konzept der Selbstsozialisation + +Mit dieser abstrakten Begrifflichkeit arbeitet Luhmann die +Spannung zwischen Individuum und Gesellschaft in +besonders pointierter Weise heraus. Hieraus leitet er sein +Konzept der Sozialisation ab. Für ihn sind es nicht +gesellschaftliche Außenanforderungen, die zur +»Sozialmachung« der Persönlichkeit führen, wie es noch +von Parsons nahegelegt wird. Es gibt keine Sozialisation, +die von einer Instanz außerhalb des psychischen Systems +bedingt ist, vielmehr nimmt das psychische System eine +»Selbstsozialisation« vor, indem es sich nach innen und +nach außen ständig neu orientiert und die eigenen +Strukturen und Eigenschaften ebenso wie die Erwartungen +an die soziale Umwelt permanent auf veränderte +Ausgangsbedingungen umstellt. Aus der Differenz zwischen +dem psychischen System (der Person) und dessen Umwelt +(dem sozialen System) ergibt sich in dieser Sichtweise die +Möglichkeit und die Notwendigkeit von Sozialisation: Der +Mensch ist in seiner Persönlichkeitsentwicklung auf +Soziales angewiesen, aber er wird durch Sozialisation nicht +Teil des sozialen Systems. Umgekehrt wird durch +Sozialisation das soziale System nicht in Psyche +transformiert. Beide Systeme interagieren, aber sie bleiben +jeweils Umwelt füreinander (Gilgenmann 1986, S. 72; +Luhmann 1987). +Mit dem von ihm neu eingeführten Begriff der +»Selbstsozialisation« bezeichnet Luhmann die aktive +Eigenleistung des psychischen Systems und setzt sich diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/089.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/089.md new file mode 100644 index 0000000..b8687ac --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/089.md @@ -0,0 +1,35 @@ +damit von der Annahme einer Anpassung des psychischen +Systems an die Gesellschaft ab, die noch bei Parsons +vorherrscht. Das psychische System, das sinngemäß mit +»Persönlichkeit« gleichgesetzt werden kann, unterwirft +sich, so Luhmann, in keiner Phase seiner Entwicklung dem +sozialen System und nimmt dessen Komponenten auch +nicht in sich auf (es passt sich gesellschaftlichen +Anforderungen also niemals nur passiv an). Vielmehr setzt +sich das psychische System entsprechend seiner eigenen +Funktionslogik so mit dem sozialen System ins Verhältnis, +dass eine geregelte Koexistenz beider Systeme möglich ist. +Damit wird – übersetzt in die traditionelle soziologische +Terminologie – die aktive Auseinandersetzung eines +Individuums mit seiner sozialen Lebenswelt betont +(Abels/König 2016 S. 217). Diesbezüglich ist die +Sozialisationstheorie Luhmanns als ein konsequenter +»Bruch mit einem Verständnis von Sozialisation als +Transfer sozialer Vorgaben ins Individuum« zu verstehen +und »damit auch mit den sozialisationstheoretischen +Annahmen der älteren Systemtheorie, wie sie bei Talcott +Parsons vorliegt« (Scherr 2015, S. 165). +Der Verlust der Person-Umwelt-Spannung + +Die Systemtheorie in der Variante von Luhmann trägt dazu +bei, theoretisch übergreifende Gesichtspunkte der +Funktionsfähigkeit von Systemen auf allen Ebenen und +Entwicklungsstufen in die Sozialisationstheorie +einzubeziehen. Kritisch ist anzumerken, dass auf diese +Weise der spannungsreiche Vorgang der Sozialisation als +permanenter Auseinandersetzung zwischen Organismus, +Psyche und Sozialem sehr abstrakt bearbeitet wird. Durch +die Breite und Abstraktheit der Theorie, die im +Wesentlichen nur nach den Mechanismen fragt, mit denen +sich ein System nach innen und nach außen stabil hält, +gehen konkrete Bezüge des Organismus-PsycheGesellschaft-Verhältnisses verloren. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/090.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/090.md new file mode 100644 index 0000000..aa116a1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/090.md @@ -0,0 +1,32 @@ +Das Konzept der Selbstsozialisation nährt die Vorstellung, +Individuation verlaufe durchgehend selbstgesteuert, und +die Autonomiepotenziale der Persönlichkeit seien +anthropologisch gegeben. Das grundlegend interaktive +Verhältnis zwischen Person und Umwelt, das sich im Laufe +der Lebensgeschichte über Krisen und Phasen aufbaut, +kann mit dieser generalisierten Systemvorstellung nicht +sicher erfasst werden. Die Annahme der NichtSteuerbarkeit einzelner Systemebenen ist im Zugang der +Sozialisationsforschung definitiv eine wichtige Neuerung. +Gleichzeitig ist bisher noch nicht deutlich genug geworden, +wie stark das Eigenleben eines Individuums (oder seines +psychischen Systems) gesehen werden kann (Bauer 2002). +Die Systemtheorie hat mit dem Ansatz der +Selbstsozialisation einen konsequenten Blick auf die +Entwicklung von Individualität geworfen. Dieser wird in +dieser Form auch als Orientierung (als erkenntnisleitende +Heuristik) wahrgenommen. In empirischer Hinsicht sind +diese Annahmen aber kaum überprüft worden. +Insgesamt liegt mit Luhmanns Theorie gegenüber +Parsons eine Öffnung und Dynamisierung der +Systemtheorie vor. Sie ist allerdings so abstrakt, dass keine +Aussagen über das Verhältnis der Systeme Organismus, +Psyche und Gesellschaft zueinander getroffen werden +können, die in der Realität beobachtbar und durch +empirische Forschung überprüfbar sind. Tilmann Sutter +(geb. 1957) hat darauf hingewiesen, dass diese +Einschränkungen nicht zwangsläufig sind, und den Versuch +unternommen, konzeptionelle Schwächen der +Systemtheorie auszugleichen und eine Brücke zwischen +den subjekt- und handlungsorientierten Theorien zu +schlagen (Sutter 1999b). +DIE SOZIALTHEORIE PIERRE BOURDIEUS diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/091.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/091.md new file mode 100644 index 0000000..7294dd5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/091.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die Theorielinien der materialistischen Ansätze, der +Frankfurter Schule, des Strukturfunktionalismus und der +Systemtheorie haben in der Soziologie eine große Wirkung +hinterlassen. Das gilt im Besonderen auch für ihre +Bedeutung in der Sozialisationstheorie. Sie bilden das +Gerüst dafür, über den Zusammenhang von Individuum und +Gesellschaft aus einer soziologischen Perspektive +nachzudenken. Der Gegenstand von Sozialisation – das +Beziehungsverhältnis zwischen einem sich entwickelnden +Menschen und den umgebenden gesellschaftlichen +Umweltfaktoren – erhält damit aber auch sehr +unterschiedliche, mitunter gegensätzliche Nuancierungen. +Die Sozialtheorie des französischen Soziologen Pierre +Bourdieu (1930–2002) übernimmt hier eine gewisse +Vermittlungsrolle. Bourdieu hat eine besonders +einflussreiche Variante einer Gesellschaftstheorie +entwickelt, die wie das Theoriegerüst der Frankfurter +Schule auf der Verbindung einer Struktur- mit der +Subjektperspektive beruht, gleichzeitig aber auch +gesellschaftliche Funktionsbereiche so strikt unterscheidet +wie die systemischen Ansätze und letztendlich dem sich +entwickelnden Subjekt eine Eigenlogik zuschreibt. Pierre +Bourdieus Sozialtheorie legt einen besonderen +Schwerpunkt auf die ungleichen Lebensbedingungen, die +Menschen für ihre Persönlichkeitsentwicklung vorfinden. +Der Ansatz ist damit auch einer kritischen Linie in den +Sozialwissenschaften zuzurechnen. +Die praxeologische Erkenntnisweise + +Bourdieus Ansatz nimmt seinen Ausgang von einem +erkenntnistheoretischen Gegensatz: Er behauptet, dass das +zentrale Problem jeder Sozialwissenschaft die Vermittlung +zwischen scheinbar unverträglichen Standpunkten oder +Perspektiven des Erkennens und Verstehens darstellt. Als +deutlich entgegengesetzt bezeichnet er die Traditionen +einer objektivistischen und einer subjektivistischen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/092.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/092.md new file mode 100644 index 0000000..8efd168 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/092.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Erkenntnisweise. Seine synthetisierende Position +beansprucht, diese divergierenden Auffassungen durch ein +einheitliches Konzept, die Theorie der Praxis oder auch +»praxeologische Erkenntnisweise«, aufzulösen. +Bourdieus theoretische Orientierung enthält damit die +Problematik, die die Sozialisationsforschung grundsätzlich +kennzeichnet: die Spannung zwischen der sozial geprägten +und der autonom handlungsfähigen Persönlichkeit. +Bourdieus Arbeiten gehen von ethnografischen Feldstudien +(also Praxisbeobachtungsstudien, in den die Forschenden +im Feld sichtbar sind und teilnehmen) in Algerien der +1950er Jahre aus. Darin bemüht er sich zunächst, die in der +Ethnologie vorherrschende strukturalistische Theorie von +Claude Levi-Strauss auf die Sozialtheorie zu übertragen, +ohne dabei in die Annahme der Überdetermination sozialer +Beziehungen zu verfallen, die typisch für das +strukturfunktionalistische Denken ist. Die entscheidende +Annahme seines von ihm so bezeichneten relationalen +Paradigmas ist, dass der subjektive Handlungssinn »nicht +dem Subjekt gehört, sondern dem kompletten System der +Beziehungen« (Bourdieu 1970a, S. 18). Bourdieu entwickelt +hiermit also keine Perspektive auf die soziale Struktur oder +das Individuum. Sein Ansatz ist der der sozialen Praxis, der +Handlungsbeziehungen und des Austausches in +Interaktionen. +Bourdieus Versuche, seinen Ansatz der Praxeologie +genauer zu begründen, etikettieren das dem Ansatz zu +Grunde liegende theoretische Hauptprinzip als +strukturalistischen Konstruktivismus oder gleichbedeutend +als konstruktivistischen Strukturalismus. Auch diese +Unterscheidung soll die gegensätzlichen Erkenntnisweisen +zum Verständnis der Produktion, Aufrechterhaltung und +Reproduktion sozial ungleicher Machtverteilung +verdeutlichen. Mit Strukturalismus verbindet er die +Analyse objektiver Bedingungen, »die vom Bewusstsein +und Willen der Handelnden unabhängig und in der Lage diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/093.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/093.md new file mode 100644 index 0000000..400a15f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/093.md @@ -0,0 +1,36 @@ +sind, deren Praktiken oder Vorstellungen zu leiten und zu +begrenzen.« (Bourdieu 1992, 135) Konstruktivismus +etikettiert zunächst nur die Ebene der in der Alltagswelt +und -erfahrung verankerten symbolischen +Ausdrucksformen. +Eines von Bourdieus Hauptwerken, »Die feinen +Unterschiede« (1982), macht dieses erkenntnistheoretische +Prinzip zum Ausgangspunkt empirischer Analysen. +Bourdieu fokussiert hier auf die Analyse der +Lebensbedingungen (Einkommensverhältnisse, +Bildungsgrad usw.) sowie auf die Ausbildung von +Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsdispositionen des +Individuums und damit auf die Analyse subjektiver +(Sinn-)Konstruktionen und individueller Lebensstile. +Zwischen beidem – den objektiven Strukturen und +Ressourcen sowie den in den subjektiven Lebensstilen +verdichteten Dispositionen – besteht nach Bourdieu eine +Homologie (Übereinstimmung). +Die zentrale Rolle des Habitus in Bourdieus Theorie + +Bourdieus Instrumentarium der Homologie-Analyse zielt +vor allem auf die Frage, wie Hierarchien entstehen und +sich reproduzieren. Sein Gegenstand sind der Alltag und +die Lebensstile von Menschen, vor allem alltagsästhetische +Phänomene wie Benimmregeln, Wertpräferenzen und +Mentalitäten. In der Soziologie ist eine solche Sensibilität +für Alltagsphänomene keinesfalls typisch, für Bourdieu +indes ist es das und er eröffnet damit neue Perspektiven. Er +sucht nach den Verdichtungen von Gewohnheiten und +Mentalitäten der Menschen und danach, wie sie sich die +Welt erklären. In diesen Analysen bildet er das Konzept des +Habitus aus, das von Beginn an eine +sozialisationstheoretische Komponente erkennen lässt. Ein +Habitus wird hiernach als das Produkt akkumulierter, das +heißt individuell »angehäufter«, Geschichte angesehen, die +sich als Erfahrungen, Sicherheiten der Interpretation und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/094.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/094.md new file mode 100644 index 0000000..f5df9b5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/094.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gewohnheiten niederschlagen. Grundlage des Habitus sind +nach Bourdieu Sozialisationsprozesse und hier vor allem +die Existenzbedingungen der sozialen Herkunft, die nach +Bourdieu so bezeichneten sozialstrukturell und +raumzeitlich bedingten »Erfahrungsräume«. Dabei +befinden sich soziale Ausgangsbedingungen und der +Habitus der darin Handelnden in einem Verhältnis der +Gegenseitigkeit zueinander (Bourdieu 1982, S. 281). Die +sozialen Ausgangsbedingungen bilden so etwas wie den +Nährboden des Habitus, und der Habitus dient seinerseits +dazu, dass die Ausgangsbedingungen, so wie sie sind, +akzeptiert werden. +Analytisch fungiert das Konzept »Habitus« bei Bourdieu +als theoretisches Erklärungsprinzip, das die wechselseitige +Abhängigkeit zwischen objektiven sozialen Strukturen und +subjektiven Praxisformen betont. In kurz: Der Habitus +beinhaltet all unser Wissen darüber, wie wir die Welt +deuten und uns in ihr bewegen. Der Habitus ist damit ein +kognitives Konzept, aber auch, wie Bourdieu immer wieder +betont, ein körperliches. Denn das Erleben und Fühlen der +Realität ist immer auch mit der Art und Weise verbunden, +wie wir körperlich auftreten und uns selbst präsentieren. +Der Habitus ist also auch das, was von außen direkt an +Kleidung und Körperlichkeit, Artikulation und Gestik +erkannt werden kann. Anders als der Rollenbegriff (wie bei +Parsons) steht der Habitusbegriff aber nicht für eine +»Hülle«, sondern für ein lebendiges, organisches Prinzip, +er ist einem Menschen nicht fremd oder nur für den +Moment »angelegt«, sondern identisch mit Körper, Mimik +und allen individuellen Äußerungen. +Der Habitus vereinheitlicht körperliche, Verhaltens-, +Denk- und Gefühlsmuster. Mit ihm werden die +Ausdrucksformen der Lebensführung zu einem zeitlich +stabilen Muster von Einstellungen und Haltungen, +Fähigkeiten, Kompetenzen und Gewohnheiten +zusammengefasst. Diese bezeichnen ein System von diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/095.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/095.md new file mode 100644 index 0000000..e5c8e15 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/095.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Dispositionen, das den sozialen Akteuren nicht bloß als +äußerliches Kennzeichen, sondern ebenso als inneres +»System der organischen oder mentalen Dispositionen« +(Bourdieu 1970b, S. 39) individuell eingeschrieben ist. Das +zeigt sich vor allem in den Wahrnehmungs-, Denk- und +Handlungsschemata, die das Verhalten eines Individuums +manchmal bewusst, häufig aber unbewusst steuern. +Habitus im gesellschaftlichen Wandel + +Der Blick auf Bourdieus Zugang ist lohnenswert, weil er +mit dem Habitusbegriff ein Theoriewerkzeug entwickelt +hat, das ursprünglich zum Zwecke der Analyse von +gesellschaftlichen Wandelungsphänomenen entwickelt +wurde (Maschke 2013). Obwohl die Theorie bereits in den +1960er und 70er Jahren zur Ausprägung kam, sind wichtige +Erweiterungen erst in den vergangenen Jahren +vorgenommen worden (hierzu im Folgenden nach +Bauer 2012). Wichtige Details sind schon vorgestellt +worden: Spricht Bourdieu vom Habitus einer Person, dann +meint er die Fähigkeit zur Generalisierung individueller +Erfahrungen, wodurch Menschen einen Sinn und im +übertragenen Sinne ein Gespür für Situationen erlangen, in +denen sie handeln. Vor allem die »Ersterfahrungen« +(Bourdieu 1987, S. 114) haben hierbei Vorrang und sie +bezeichnen ein sozialisationstheoretisches +Deutungsmuster, weil Erfahrungen in unterschiedlichen +Kontexten gemacht werden, sie sich aufschichten und zu +einem Wissensvorrat führen, mit dem Heranwachsende +immer besser angepasst an die Herausforderungen ihre +Lebensumwelten handeln können. +Bourdieus anspruchsvolle Terminologie macht seine +Theorie natürlich besonders. Dies erleichtert aber auch +nicht immer, Anschlüsse herzustellen. Dennoch fällt auf, +dass er durchaus im Einklang mit den modernen Lern- und +Entwicklungstheorien argumentiert. In Bourdieus +Darstellung ist der Habitus klar ausformuliert als das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/096.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/096.md new file mode 100644 index 0000000..9778ca3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/096.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Resultat der kognitiven Verarbeitung von Erfahrungen. Der +Habitus ist damit ein Produkt der ständigen Anpassung. Er +reagiert auf Lernanreize und Motivationsanlässe. +Habitusstrukturen konservieren regelrecht das nach Zeit +und Ort unterschiedliche Wissen über die soziale Realität +und damit, wie Menschen Situationen verstehen und ihre +Handlungen ausrichten. Der Habitus begründet damit eine +Art individuelles Vertrautheitsverhältnis mit der sozialen +Welt, ohne das eine menschliche Handlungsfähigkeit gar +nicht möglich wäre. Dauerhafte Dispositionen, in Bourdieus +Terminologie als Wahrnehmungs-, Denk- und +Handlungsschemata (oder auch Habitus) definiert, +bezeichnen das Ergebnis einer je spezifischen, durch die +»Besonderheit der sozialen Lebensläufe« (Bourdieu 1987, +S. 113) von anderen individuellen Habitus unterschiedenen +Auseinandersetzung mit der Realität. Dennoch weist selbst +der individuelle Lebenslauf immer auch strukturierte, also +für eine Generation typische Züge auf. +Für Bourdieu sind die Besonderheiten eines jeden +Menschen und damit seines Habitus mit der Flugbahn +(»trajectoire«) in der individuellen Biografie verbunden. +Schon in der frühen Kindheit werden die Grundstrukturen +des Habitus eines Menschen gelegt, indem die +Lebensbedingungen ein bestimmtes Profil an +Verhaltensweisen, Ausdrucksformen, +Geschmacksvorlieben, Meinungen, Normen und +Einstellungen prägen. Auf diese Weise reproduzieren sich +auch die Unterschiede der sozialen Herkunft. Wie Bourdieu +zeigen kann, verfestigen sich die früh gemachten +Erfahrungen, sie bleiben aber veränderbar, wenn auch – +und das ist zentral – nicht beliebig veränderbar, sondern +gebrochen durch den Habitus, der bereits vorhanden ist. +Das Homogamie-Prinzip im Lebenslauf + +Bourdieus Arbeiten sind voll von Beispielen, die zeigen, wie +der Habitus eines Menschen dazu beiträgt, träge diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/097.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/097.md new file mode 100644 index 0000000..54eec44 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/097.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Strukturen zu reproduzieren. Der Habitus tendiert zur +Stabilität, gerade dafür aber muss er ständig in Bewegung +und aktiv sein. Bourdieu hebt immer wieder hervor, dass +über den Habitus vermittelte Handlungen keinesfalls nur +den mechanischen Vollzug übermächtiger +Anpassungszwänge darstellen. Die Bedingungen, unter +denen ein Habitus ausgebildet wird, und jenen, in denen +ein Habitus handelt, sind nie gleich. Selbst wenn sie viele +Ähnlichkeiten aufweisen, muss der Habitus immer noch +flexibel reagieren können. Das »Neue« ist eine zentrale +Kategorie Bourdieus und seines Habituskonzepts. Dennoch +zeigt er sich überrascht dafür, dass der Habitus immer +wieder eben jene Strukturen durch sein Handeln +bevorzugt, deren Produkt er ohnehin schon darstellt. Der +Habitus ist also träge und anhänglich, wenn man es einmal +so ausdrücken möchte. Bourdieu selbst bezeichnet diesen +empirischen Befund als »Homogamie-Effekt« +(Bourdieu/Wacquant 1996, S. 168). Homogamie ist der +Homologie ähnlich, nur dass die Homologie ein Instrument +ist, um soziale Ähnlichkeiten analytisch zu fassen. +Homogamie ist das Prinzip, nach dem Menschen handeln +und versuchen, Ähnlichkeiten zu erzeugen, also +Erfahrungen bevorzugen, die ihren Habitus bestätigen. Um +in dem genannten Beispiel zu bleiben, bedeutet das, dass +diejenigen, die gewohnt sind, Kritik zu äußern, hier +Sicherheit erlangen und diese Gelegenheiten wahrnehmen. +Wer es nicht gewohnt ist, sucht die Nähe zu diesen +Gelegenheiten nicht. Das gleiche gilt dann auch für das +Gourmetrestaurant. Der Habitus gibt im einen Falle +Sicherheit, im umgekehrten Falle aber auch Unsicherheit +im Umgang mit gewohnten bzw. ungewohnten +Herausforderungen. Damit wird Kritk-Praxis nicht +unmöglich. Sie ist aber in der Wahrscheinlichkeit und der +Ausformung unterschiedlich. +Das Homogamie-Prinzip entfaltet seine Wirksamkeit +gerade erst dadurch, dass sich die Akteure lediglich vor diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/098.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/098.md new file mode 100644 index 0000000..f6387b7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/098.md @@ -0,0 +1,35 @@ +krisenhaften Erfahrungen zu schützen versuchen, die das +Verlassen bereits erprobter und das Erlernen neuer +Interpretations- und Handlungsmuster zur Voraussetzung +machen. Auf diese Weise entwirft Bourdieu eine Theorie, +die im Endeffekt offen dafür ist, dass sich Menschen in +ihrem Lebenslauf permanent ändern können. Gleichzeitig +aber ist die ganze Anlage seiner Arbeit auf die Frage +ausgerichtet, warum diese Veränderungen so selten +eintreffen und der Habitus seine Trägheitsstruktur +bewahrt. +Das Kapital-Konzept + +Bourdieu greift dabei vor allem die Frage der ungleichen +Machtverteilung in heutigen Gesellschaften auf. Dabei +verfolgt er vor allem, welche Unterschiede sich für die +Persönlichkeitsentwicklung in jeweils sozioökonomisch +voneinander unterscheidbaren Gruppen der Bevölkerung +ergeben. Er differenziert diese Gruppen nicht nur nach +ihren ökonomischen, sondern auch nach ihren kulturellen +und sozialen Ressourcen und stellt ein Raster für die +Erfassung von sozialer Ungleichheit zur Verfügung. Wenn +Bourdieu dezidiert von einem ungleichen Kapital der +Menschen spricht, meint er damit in seiner Terminologie +ungleiche Ressourcen. Das Soziale wird durch die +ungleiche Verfügung über Ressourcen (bzw. Kapital) +vertikal als auch horizontal strukturiert (Bourdieu 1983). +Bourdieu differenziert drei primäre Kapitalformen oder sorten, die in der sozialen Laufbahn akkumuliert werden: +Ökonomisches Kapital ist durch die Verfügung über +finanzielle Ressourcen gekennzeichnet. Kulturelles Kapital +existiert in einem inkorporierten (verinnerlichten, +körpergebundenen) Zustand der Einstellungs- und +Fähigkeitsmuster in Bezug auf die anerkannte legitime +Kultur, in einer institutionalisierten (das heißt durch den +Bildungstitel legitimierten) und schließlich einer +objektivierten, kurz: vergegenständlichten Form des Kunst- diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/099.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/099.md new file mode 100644 index 0000000..f4ade96 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/099.md @@ -0,0 +1,35 @@ +und Kulturkonsums (Güter wie Bilder, antike Möbel usw.). +Soziales Kapital bezeichnet das Netz der für persönliche +Zwecke instrumentalisierbaren Kontakte und Beziehungen. +Die individuelle Position im sozialen Raum schließlich wird +nach dem personengebundenen Volumen des +Gesamtkapitals einerseits sowie der Struktur der +Kapitalverteilung andererseits bestimmt. Bourdieu +verwendet für diese Positionsbestimmung die beiden +Hauptprinzipien, das ökonomische und das kulturelle +Kapital. Für das Kapitalkonzept zentral ist die Erweiterung +der Ungleichheitsperspektive über die Dimension +materieller Ungleichverteilung (etwa Geld) hinaus. +Kulturelles Kapital ist als direkt verantwortlich für die +Produktion und Reproduktion ungleicher Status- und +Lebenschancen anzusehen. +Der soziale Raum ist dem geographischen Raum +vergleichbar und – wie Bourdieu sagt – auch ähnlich wie +eine Landkarte objektiv vermessbar. Anhand der beiden +strukturierenden Hauptprinzipien, dem ökonomischen und +dem kulturellen Kapital, lassen sich soziale Positionen nach +dem zur Verfügung stehenden Kapital-Gesamtvolumen +vertikal und nach der Kapitalstruktur (entsprechend dem +Mengenverhältnis zwischen ökonomischem und kulturellem +Kapital) horizontal differenzieren. Im sozialen Raum sind +individuelle Akteure und soziale Gruppen nach dem Prinzip +des Nachbarschaftsverhältnisses durch räumliche Nähe +miteinander verbunden oder durch Distanz voneinander +getrennt. Von der Strukturierung des sozialen Raums nach +objektiven Kriterien der Kapitalausstattung unterscheidet +Bourdieu den Raum der Lebensstile. Lebensstile +bezeichnen demnach symbolische Merkmale der +Lebensführung. Sie stellen wahrnehmbare Ausdrucks- und +Handlungsformen dar und sind damit sichtbarer als die aus +der unterschiedlichen Kapitalverteilung resultierenden, +positionsgebundenen Unterscheidungsmerkmale, die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/100.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/100.md new file mode 100644 index 0000000..45b6eae --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/100.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Bourdieu primär lediglich auf Grundlage der +Berufszugehörigkeit differenziert. +Im Sozialraum lassen sich danach die +Hauptcharakteristika der sozialen Positionen und der +Lebensstile zu einem übergeordneten Raster +gesellschaftlicher Großgruppen zusammenfassen. Bourdieu +hält diesbezüglich an der Bezeichnung »Klasse« als +Strukturierungsprinzip gegenwärtiger Gesellschaften fest: +Klassen stellen auf der Ebene des Raums der sozialen +Positionen zunächst nur »Ensembles von Akteuren mit +ähnlichen Stellungen« (Bourdieu 1985, S. 12) dar. +Schärfere Konturen erlangt der Klassenbegriff durch +Einbeziehung der Unterschiede in der Lebensführung. Die +Kategorie des Geschmacks verdichtet distinktive (also +Unterschiede erzeugende) Praktiken zu +zusammengehörigen Einstellungs- und Handlungsmustern +und fungiert als das hauptsächliche +Unterscheidungsmerkmal sozial ungleicher +Lebensbedingungen und -formen. Bourdieu unterscheidet +zwischen einem legitimen bzw. distinguierten (auf +bewusste Unterscheidung gerichteten) Geschmack der +herrschenden Klasse oder Bourgeoisie, dem Nachahmungsoder Prätentionsgeschmack der mittleren Klasse oder des +Kleinbürgertums sowie dem populären bzw. +Notwendigkeitsgeschmack der beherrschten oder +Volksklasse (Bourdieu 1982, S. 405): +Je nach Menge und Ausprägung der zur Verfügung +stehenden Kapitalsorten lassen sich Menschen in +unterschiedliche Klassen und Milieus differenzieren. Durch +die jeweilige ökonomische, kulturelle und soziale Position +im gesellschaftlichen Gefüge werden die Lebensstile der +Angehörigen dieser Klassen und Milieus geprägt. Damit +sind Muster der Lebensführung, die verschiedenen Habitus +bezüglich Einstellungen und Haltungen, Fähigkeiten, +Kompetenzen und Gewohnheiten gemeint, die fest als +Wahrnehmungs- und Denkschemata verinnerlicht werden. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/101.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/101.md new file mode 100644 index 0000000..3cc3f5b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/101.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Nicht nur die wirtschaftliche Lage, sondern auch +Wohnungseinrichtungen, Speisen, der Musikgeschmack, +die Kunstorientierung, die Häufigkeit von Besuchen im +Museum, das Bildungswissen und andere kulturelle Stile +bestimmen zusammen mit der sozialen Vernetzung den +Status eines Menschen und seiner Familie. Die Denk-, +Wahrnehmungs- und Bewertungsformen von Menschen +werden demnach von den jeweiligen ökonomischen, +kulturellen und sozialen Lebensbedingungen geprägt. Sie +finden Gestalt in der Form eines kohärenten Habitus, mit +dem Menschen von anderen Menschen wahrgenommen +und bewertet, also in gewisser Hinsicht in die Hierarchie +der Machtbeziehungen »eingeordnet« werden. +Die Praxeologie in sozialisationstheoretischer Perspektive + +Der Ansatz Bourdieus ist inzwischen von großem Einfluss +auf die Sozialisationstheorie. Das liegt vor allem daran, +dass die Praxeologie ein Grundproblem beschreibt, das +auch den Bereich der Sozialisation berührt. Bourdieus +Doppelperspektive auf die gesellschaftlichen +Lebensbedingungen einerseits und die Ausbildung +individueller Dispositionen andererseits ist ein zentraler +Baustein des Denkens über Sozialisation. Schon in den +anderen soziologischen Zugängen kam das zum Ausdruck. +Zudem hat Bourdieu mit dem Habitus-Konzept eine +Theoriefigur entwickelt, in der das einzelne Individuum +durch die gesellschaftlichen Bedingungen geprägt ist, aber +gleichzeitig auch kreativ handlungsfähig. Wichtig dabei ist: +Die zentrale Idee der Habitualisierung verweist auf eine +Gesetz- und Regelmäßigkeit von Handlungen, die im +Individuum selbst verankert ist. Der soziale Wissensvorrat +existiert damit nicht virtuell, sondern als eine dem +Individuum innewohnende Größe, eine dem Subjekt +einverleibte Struktur. +Dieses aus den Interaktionen abgeleitete +Handlungswissen, das als Gebrauchsanweisung fungiert diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/102.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/102.md new file mode 100644 index 0000000..1472d07 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/102.md @@ -0,0 +1,36 @@ +und als »Rezept« habitualisiert wird, ist die Grundlage der +Habitustheorie (Krais/Gebauer 2017). Was als +Wissensvorrat über die soziale Welt gespeichert wird, +drückt sich in kognitiven und körperlichen +Dispositionsmustern aus (Fröhlich 2007). Die erlernten und +erworbenen Strukturen haben damit eine materiale und +körperliche Basis (Körperhaltungen, die Beziehung zu +seinem eigenen Körper etc.). Die Dispositionen des Habitus +sind Bestandteil und zugleich Produkte der Sozialisation. Je +früher sie gebildet werden, desto stabiler sind sie in der +Biografie. +In den vergangenen Jahren wird in weiten Bereichen der +Soziologie und besonders auch der Sozialisationsforschung +sehr intensiv mit diesem Ansatz gearbeitet +(Baumgart 2004). Es wird anerkannt, dass es sich um eine +theoretische Konzeption handelt, die wie kaum eine andere +in der Lage ist, eine Struktur- und Handlungsorientierung +miteinander zu verbinden. Seinem Denken ist indes auch +häufig vorgeworfen, dass es zu »deterministisch« sei. Dies +meint für die Frage des Lebenslaufs, dass die Entwicklung +durch Strukturen festgelegt ist und Freiräume kaum +vorhanden sind. Bourdieu selbst hat dieser Einordnung +vehement widersprochen. Er wiederholte immer wieder, +was auch für andere aktuelle Diskussionslinien in der +Sozialisationsforschung gilt. Mit der Habitualisierung ist +nur die eine Seite der Vergesellschaftung angesprochen, +die Verarbeitung der eigenen Erfahrungen und die +Übersetzung in einen individuellen Wissensvorrat. +Variationen der Entwicklung aber entstehen mannigfaltig: +Keine Entwicklungsbedingungen sind gleich und selbst +ähnliche Realitäten werden von unterschiedlichen +Menschen unterschiedlich verarbeitet. Schließlich werden +Unterscheidungen dadurch real, weil sich die sozialen +Bedingungen, unter denen einmal ausgeprägte +Dispositionen zum Einsatz kommen, von denen +unterscheiden, in denen diese Dispositionen konstruiert diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/103.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/103.md new file mode 100644 index 0000000..56f6680 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/103.md @@ -0,0 +1,4 @@ +wurden. Es gibt also immer neue Herausforderungen und +Krisenerfahrungen (worauf später die Ansätze von +Oevermann und Piaget fokussieren), die die Flexibilität und +Innovationsfähigkeit des Individuums herausfordern. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/104.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/104.md new file mode 100644 index 0000000..219b078 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/104.md @@ -0,0 +1,33 @@ +2.2 + +Handlungstheoretische Ansätze + +Alternative Ansätze in der soziologischen Theoriebildung, +die eine konkrete Handlungsorientierung beinhalten, +entstehen bereits vor Bourdieus Praxeologie und +entwickeln sich parallel dazu weiter. Sogenannte +handlungstheoretische Ansätze waren in der Soziologie bis +in die 1970er Jahre hinein so weit weitverbreitet, dass sie +kaum einer einzelnen Richtung subsumiert werden können. +Kennzeichnend für sie ist durchgehend, dass sie weder auf +eine umfassende Systemanalyse wie bei Parsons und später +bei Luhmann zielen noch auf die Gesamtbeschreibung +einer gesellschaftlichen Entwicklung wie in den übrigen +gesellschaftstheoretischen Ansätzen. Vielmehr sehen sie in +der menschlichen Handlung selbst und in der Interaktion +von Menschen das wegweisende Prinzip zum Verständnis +sozialer Realität. In dieser »Reduzierung« auf den +Handlungsbereich, der soziologisch auch als +mikrologischer Fokus bezeichnet wird, liegt ihr Wert für die +Sozialisationstheorie. Solche zumeist mikrologischinteraktionistisch ausgerichteten Handlungstheorien haben +eine breite internationale Wahrnehmung erfahren und +werden heute noch fortgeführt. Hier wird im Folgenden auf +den Grundlagenbeitrag von George H. Mead fokussiert und +im Anschluss auf jene Ansätze, die Meads Denken +weiterentwickelt und dabei auch immer weiter auf den +Sozialisationsprozess fokussiert haben. +DIE THEORIE DES SYMBOLISCHEN +INTERAKTIONISMUS VON GEORGE HERBERT MEAD +George Herbert Mead (1863–1931) wird häufig als +Begründer des »symbolischen Interaktionismus« +bezeichnet. Meads selbst wurde – obwohl er sich selbst diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/105.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/105.md new file mode 100644 index 0000000..5220ed5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/105.md @@ -0,0 +1,36 @@ +vorrangig als Sozialpsychologe definierte – von Anfang an +und später nahezu ausschließlich in der Soziologie +wahrgenommen. Seine Identifikation mit dem symbolischen +Interaktionismus hat mit der besonderen Bedeutung zu tun, +die Mead dem sprachlichen Handeln, also der Interaktion +über sprachlich vermittelte Symbole einräumt. Für Mead +kann eine Gesellschaft letztlich immer nur aus den sozialen +Netzwerken hervorgehen, die Menschen herstellen. Er +konzentriert seine Theorie entsprechend auf die Strukturen +der Handlungen zwischen Menschen und auf die +symbolisch vermittelte Interaktion, die eine gegenseitige +Verständigung ermöglicht. Die wichtigsten Symbole dieser +Verständigung sind Sprache und körperliche Gesten. +Sozialisation als Entstehung menschlicher Subjektivität + +George Herbert Mead schöpfte vor allem aus der +europäischen Geistesgeschichte, ist früh an den modernen +Strömungen der Psychologie beteiligt und gilt als ein der +Mitbegründer des amerikanischen Pragmatismus sowie der +Chicagoer Schuler der Soziologie. Mead geht in seinem +Werk vom offen beobachtbaren Verhalten des Menschen +aus, konzentriert seine Analyse aber zugleich auf die +subjektive Interpretation von Handlungen anderer +Menschen. Die Besonderheit des menschlichen Verhaltens +gegenüber dem tierischen sieht er in dessen Intentionalität +und Zielgerichtetheit. Dieser spezifische Charakter +rechtfertigt nach seiner Theorie den Begriff »Handeln«, +verstanden als sinnhaft aufeinander bezogene Aktion +(Interaktion) von mindestens zwei Menschen. Handeln ist +in diesem Verständnis als eine durch Beziehungen +zwischen Akteuren geregelte Folge von Aktionen definiert, +die in sozialen Situationen stattfindet, Regeln unterliegt +und der Motivation der Akteure folgt. +Mead konzentriert seine Arbeiten in seinem Hauptwerk +»Mind, Self, and Society« (einer posthumen +Veröffentlichung seiner Vorlesungen, die auf Deutsch diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/106.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/106.md new file mode 100644 index 0000000..542d9fb --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/106.md @@ -0,0 +1,34 @@ +erstmals 1968 erschienen ist) auf den Ursprung und die +Entstehung der menschlichen Subjektivität. Grundlage für +diesen Prozess ist in seiner Konzeption die +Auseinandersetzung des Menschen mit der natürlichen und +der sozialen Umwelt. Menschliches Handeln folgt +physiologischen und organischen Bedingungen, ist aber +durch soziale Interaktionen überformt. Individuum und +Gesellschaft sind in sich eng verwoben. Mead versteht sie +als zwei aufeinander bezogene Dimensionen, die erst im +Wechselspiel die Entstehung des menschlichen Subjektes +möglich machen (Joas 1991). +Persönlichkeit entsteht in dieser Konzeption als Produkt +zweier Größen, der eher sozialen Komponente des »Me« +(Mich) und der eher psychischen Komponente des »I« (Ich): +Das Me präsentiert die Vorstellungen dessen, wie +andere Menschen ein Individuum sehen und wie es sich +nach der Interpretation ihrer Erwartungen zu verhalten +hat. Es speichert gewissermaßen die intersubjektiv +ausgehandelten Erwartungen und stellt +handlungsleitende Strukturen und Orientierungen zur +Verfügung. Berührungspunkte zur Konzeption des +»Über-Ich« bei Freud sind unverkennbar (Furth 1990). +Das I vertritt gegenüber dem Me impulsive und +spontane Energien der Person, die zwar durch das Me +gezügelt wurden, aber eine unabhängige Größe der +Persönlichkeit darstellen. Anklänge an Freuds Konzept +des »Es« sind deutlich. +Philosophisch gesehen stehen für »I« und »Me« die +Kategorien: Freiheit und Determination. Mead spricht von +einer positiven Rekonstruktion des »I« und einer negativen +Rekonstruktion des »Me«. Besitzt das »Me« noch eine (die +Gesellschaft repräsentierende) determinierende Funktion, +spielt das »I« andererseits eine emergierende (Neues +erzeugende) Rolle, indem es durch Kreativität, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/107.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/107.md new file mode 100644 index 0000000..ac6e203 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/107.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Spontaneität und Kontrolle das gesellschaftliche »Me« +reorganisiert. +Mead ist sich darüber im Klaren, dass man es nur mit +einem kleinen Teil menschlichen Verhaltens zu tun hat, in +dem das »I« überhaupt auftritt. Gemäß seiner +pragmatistischen Prämisse taucht es nur im Falle eines +Handlungsproblems auf. Gerät gewohntes Verhalten ins +Stocken, erfüllt das »I« seine wichtigste Funktion: das +Suchen und Finden von alternativen Handlungsoptionen +durch spontane Reaktionen. In der Unterscheidung +zwischen »I« und »Me« liegt ein wichtiger Ansatzpunkt für +die Suche nach dem »subjektiven Faktor«, nach +Individualität und Originalität. Das meadsche »I« liefert, +wenn auch nur in sehr spekulativer Form, bedeutende +Hinweise für die Verankerung (die Bedingungen der +Möglichkeit) von schöpferischer Kreativität, Spontaneität, +Individualität und Originalität im menschlichen +Organismus. +Durch das Zusammenwirken von »I« und »Me« bildet +sich das »Self« (Selbst), nämlich das Selbstverständnis und +Selbstbild von sich als Person. Das »Self« ist die reflexive +Intelligenz des Menschen, also eine Art Vorstufe für das +Bewusstsein (»Mind«), das dann in Erscheinung tritt. Erst +aus dem komplexen Zusammenspiel von »I«, »Me«, »Self« +und »Mind« sind in der meadschen Konzeption die +Entstehung der Persönlichkeit und das Handeln des +Menschen erklärbar. Der Mensch wird als ein Wesen mit +reflexivem Bewusstsein verstanden, das ein individuelles +und zugleich soziales und vergesellschaftetes Subjekt +darstellt (Mead 1968, S. 244). +Handeln als symbolisch vermittelte Interaktion + +Mead geht bei der Begründung seiner Sozialpsychologie, +seinem »zentralen Werkstück« (Wenzel 1990), nicht vom +Verhalten des einzelnen Individuums, sondern von der +kooperierenden Gruppe aus. Nicht die »Robinsonade« (der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/108.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/108.md new file mode 100644 index 0000000..7378de7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/108.md @@ -0,0 +1,35 @@ +isoliert handelnde Mensch), sondern der »social act«, eine +komplexe Gruppenaktivität, steht für Mead am Anfang der +Analyse. Er fasst den Prozess der Identitätsbildung als eine +Form der Einheit von Vergesellschaftung und Individuation +auf. In dieser Auffassung liegt die zentrale Bedeutung +seiner sozialisationstheoretischen Überlegungen. +Meads Theorie ist zudem, wie schon erwähnt, durch die +zentrale Bedingung der Sprachfähigkeit des Menschen +gekennzeichnet. Die Annahme der durch Kommunikation +konstruierten Identitäten hat in der Soziologiediskussion +nach Mead viel Bedeutung erlangt und beruft sich häufig +auf ihn (Berger/Luckmann 1969; Habermas 1981). Den +konkreten Mechanismus indes, der die Entwicklung einer +Identität bewirkt, nennt Mead »Rollenübernahme« (»roletaking«). Die Übernahme einer Perspektive des anderen +Handelnden durch das Individuum macht die objektive +soziale Struktur seines Selbst aus. Um sozial und +abgestimmt handeln zu können, muss ein Mensch in der +Lage sein, Empathie aufzubringen, also die eigene +Handlung in ihrer Bedeutung für andere einzuschätzen. +Daraus ergibt sich auch die Vorwegnahme der Reaktion. +Jeder Mensch muss sich selbst mit den Augen des anderer +sehen und andere Handlungen quasi als eigene +vorwegnehmen können (»Rollenübernahme«). Hierdurch +kann er bzw. sie selbst zum Objekt werden, was +Voraussetzung dafür ist, subjektiv sinnhaft handeln zu +können. +In Meads Theorie wird soziales Handeln als symbolisch +vermittelte Interaktion verstanden, die sich durch die +wechselseitige Interpretation von Situationen, +Rollenerwartungen und Handlungen vollzieht. Die +wahrgenommenen Absichten und Einstellungen sowie die +Bedeutungen im Handeln der anderen sind ebenso wie die +Definition der eigenen Handlungen stets vorläufige +Interpretationen, die ständig einer Revision durch +nachfolgende Ereignisse im Handlungsprozess unterzogen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/109.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/109.md new file mode 100644 index 0000000..194140f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/109.md @@ -0,0 +1,36 @@ +werden müssen, um das Handeln auf die jeweils aktuellen +Bedingungen der inneren und äußeren Realität +auszurichten. +Play und Game + +Sozialisationstheoretisch geht Meads Theorie also sehr +weit und das reine Rollenlernen bzw. der Prozess der +Rollenübernahme ist nur eine Variante im Prozess der +Ausbildung von Identität. Dabei entwirft einer ehr +einfaches sozialisationstheoretisches Modell: Wenn ein +Kind eine Rolle einspielt, indem es sich zunächst aus der +Perspektive wohl vertrauter Anderer (Vater, Mutter u. a.) +einzuschätzen lernt, spricht Mead von »signifikanten +Anderen«. In diesen signifikanten, also bedeutungsvollen +Rollen spricht das Kind sich selbst an und kann durch +Sprache bei sich selbst die gleiche Reaktion auslösen kann, +die es sonst nur beobachtet (so bei der gedachten +Situation, dass der Vater imitiert wird, der nach Hause +kommt und die Familie begrüßt). Das Ego (Selbst) kann so +die Rolle von Alter (eines Gegenüber) einnehmen und sich +selbst zum sozialen Objekt machen, sich selbst also +einzuschätzen lernen. Mead postuliert: »Wir müssen +andere sein, um wir selbst sein zu können.« (Mead 1987a, +S. 327) So muss es die »Ich-Identität der Anderen geben, +wenn die eigene Ich-Identität existieren soll.« +(Mead 1987b, S. 208) Hierbei handelt es sich um eine +Entwicklung, die sich im Leben eines Heranwachsenden +wahrscheinlich nach und nach herausbildet und die – wie +Mead annimmt – auch in der Menschheitsgeschichte +stufenweise erfolgt ist. Sie entsteht im Leben des Kindes +durch einen Prozess, der »unglückseligerweise als +Nachahmung bezeichnet wird.« (Mead 1987c, S. 293) +Ausdruck findet diese Entwicklung nach Mead +interessanterweise im Spiel kleiner Kinder. +Der Gedanke, dass sich die Entwicklung des Kindes vor +allem im Spiel vollzieht, ist bis zu den frühesten Aufsätzen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/110.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/110.md new file mode 100644 index 0000000..ffa4c10 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/110.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Meads zurückzuverfolgen. Zentral sind die mit »play« und +»game« unterschiedenen Entwicklungsstufen des +kindlichen Spiels. Die erste Stufe (»play«) bezieht sich auf +das Spiel von Kindern, in dessen Verlauf sie die Rollen (die +ihnen in der sozialen Umgebung angeboten werden) +phantasievoll wiedergeben. Das Verhalten des Anderen +wird imitiert und durch das eigene Antwortverhalten +ergänzt. Auf dieser Stufe wird die Fähigkeit zur +Verhaltensantizipation eingeübt, das Kind beginnt damit, +Handlungs- und Reaktionsfolgen zu erwarten. Komplexer +werden diese in der »play«-Phase erst beginnenden +Fähigkeiten der Reaktionserwartung auf einer weiteren +Stufe, dem organisierten Gruppen- oder Wettkampfspiel +(»game«). Innerhalb der »game«-Phase genügt nicht mehr +die Antizipation des Verhaltens eines signifikanten +Gegenübers, das Kind muss die Rolle aller an einem Spiel +Beteiligten übernehmen und daran sein eigenes Handeln +ausrichten (wie etwa in Gruppenspielen, Sportspielen etc.). +Es muss die für das Spiel geltenden Regeln internalisieren, +um sinnvoll daran teilhaben zu können. Das Regelsystem +beinhaltet das Wissen über alle Handlungsmuster der +Beteiligten, das Kind erlernt damit die Perspektive aller am +Spiel Beteiligten, der generalisierten Anderen also +(»generalized other«). Die Haltung des generalisierten +Anderen ist also die einer ganzen Gruppe von Haltungen. +Das Modell des die Umwelt verarbeitenden Menschen + +Mead ist vielleicht der erste Denker in der soziologischen +Traditionslinie, der vom Modell eines kreativ seine Umwelt +verarbeitenden und gestaltenden Menschen ausgeht: Der +Mensch wird dabei als schöpferischer Interpret und +Konstrukteur seiner sozialen Lebenswelt verstanden. Die +wesentliche Kompetenz, die ihn von der Vereinnahmung +durch die soziale und materielle Welt befreit, ist die der +symbolischen Kommunikation. Der Mensch kann dadurch +seine Umwelt und seine Handlungen mit Bedeutungen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/111.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/111.md new file mode 100644 index 0000000..ba188dd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/111.md @@ -0,0 +1,36 @@ +versehen, er kann sich in die Rolle der anderen +Kommunikationspartner begeben, die soziale Umwelt +konstituieren, und er entwickelt auf diesem Wege +Bewusstsein und Selbstbild. +Die Beziehungen zwischen Person und Umwelt werden in +dieser Theorie erstmals wie im gesellschaftstheoretischen +Zugang der Vertreter der Frankfurter Schule dialektisch +gesehen. Das heißt, gesellschaftliche Bedingungen +beeinflussen, determinieren aber nicht Bewusstseins- und +Handlungsstrukturen. Menschliches Bewusstsein und +menschliches Handeln sind kein mechanischer Ausdruck +der sozialen Strukturen. Vielmehr bilden sich nach dieser +Theorie die sozialen Strukturen aus den wechselseitigen +Beziehungen der Menschen untereinander. Die sozialen +Strukturen sind das Produkt der Interaktion und +Interpretation der menschlichen Subjekte (Mead 1968, S. +307). +Die soziale Realität wird als ein interindividuelles +Arrangement verstanden, das jeweils mit Bedeutungen +belegt und unterlegt wird. Es handelt sich um ein +Arrangement, das sich verselbstständigen, dem aktiven +Interpretationsprozess entziehen und den Individuen als +scheinbar dinghaft gestaltete Realität entgegentreten kann. +Mead bindet also in der zusammenfassenden Perspektive +die Vorstellung von Gesellschaft an den Prozess des +kommunikativen Handelns. Gesellschaft ist ein kollektives +Handeln, das aus der Verbindung der Handlungen aller am +gesellschaftlichen Leben beteiligten Menschen besteht. Die +Verbindung der einzelnen Handlungen wird durch den +Prozess der wechselseitigen Rollenübernahme vollzogen. +Durch die Internalisierung gesellschaftlicher Werte und +Normen ist soziales Handeln erst möglich, und umgekehrt +verändert sich die Gesellschaft durch die Verbindung +sozialer Handlungen. Gesellschaft in diesem Verständnis ist +eine Verkettung stabiler Handlungsmuster +(Krappmann 1985; Mühlbauer 1980, S. 60). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/112.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/112.md new file mode 100644 index 0000000..f8c4c8e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/112.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Für die Sozialisationsforschung ist Mead ein +unverzichtbarer Meilenstein geworden. Der Reiz seiner +symbolisch-interaktionistischen Theorie liegt vor allem +darin, individualistisch handlungstheoretische und +gesellschaftlich strukturtheoretische Aspekte in einer +Theorie kommunikativer Beziehungen zwischen Menschen +miteinander verbunden zu haben (Berger/Luckmann 1980; +Joas 1980). Allerdings liegt der Schwerpunkt seiner +Konzeption auf der Subjektseite. So elaboriert und +differenziert Mead seine Konzeption der +Persönlichkeitsbildung im sozialen Prozess des +gemeinsamen Handelns mit anderen Menschen entworfen +hat, so vage bleiben seine Aussagen dazu, wie sich +Strukturen einer Gesellschaft herausbilden, die hierauf +aufbauen. +DIE KOMPETENZTHEORIE VON JÜRGEN HABERMAS +Zu einer der Weiterentwicklungen des Ansatzes von Mead +gehört die Theorie des deutschen Sozialphilosophen Jürgen +Habermas (geb. 1929). Dieser hat viele Annahmen des +symbolischen Interaktionismus aufgenommen und sie mit +anderen Positionen zusammen in seine eigene »Theorie der +kommunikativen Kompetenz« (Habermas 1981) +einbezogen. Das Erkenntnisinteresse dieser Theorie ist es, +Bedingungen für die Emanzipation der menschlichen +Subjekte in der Gesellschaft zu benennen, die wiederum +eng mit der Sprachfähigkeit, dem Sprechakt selbst und +sozialisatorischen Prozessen verbunden sind. +Habermas folgt dabei dem Impuls der Mitglieder der +Frankfurter Schule, in deren Generationenfolge er +einzuordnen ist. Für das Ziel, gesellschaftliche und +ökonomische Strukturen zu analysieren, die eine +Emanzipation des Individuums und seine Befreiung aus +autoritären Zwangsstrukturen ermöglichen, entwirft +Habermas aber einen eigenen Ansatz, der von der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/113.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/113.md new file mode 100644 index 0000000..3fc0c97 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/113.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Kritischen Theorie abweicht und viele Motive George +Herbert Meads aufnimmt, gleichzeitig aber eine +eigenständige soziologische Strömung begründet. In dieser +stehen soziologische Handlungstheorien neben +psychologischen Entwicklungstheorien und +psychoanalytischen Konflikttheorien. Sein Ansatz umfasst +zudem eine explizit als solche bezeichnete +Sozialisationstheorie (Habermas 1973b). Charakteristisch +dafür ist die Annäherung an psychoanalytische Konzepte, +um zu erklären, wie die außerfamiliären, durch +Staatsherrschaft im Totalitarismus abgesicherten Formen +gesellschaftlicher Autorität unmittelbar, also nicht mehr +vermittelt durch die Sozialisationsleistung von Vater und +Mutter, auf das Kind treffen und die Identitätsbildung +beeinflussen. An die Stelle einer bewussten Selbstreflexion, +so die Theorie, tritt unter totalitären gesellschaftlichen +Bedingungen die herrschaftliche Unmittelbarkeit des +gesellschaftlichen Zwangs (Dubiel 2001, S. 49). +Das besondere Bemühen von Habermas richtet sich +darauf, im Anschluss an den historischen Materialismus +von Karl Marx ein analytisches Instrumentarium zur +Beschreibung und Erklärung von gesellschaftlichen +Bedingungen zur Verfügung zu stellen, das die +Freiheitsgrade des sozialen Handelns von Menschen in +unterschiedlichen Lebenslagen erfasst (Habermas 1976). +Gesellschaftliche Bedingungen und Situationen sollen nach +ihrem Unterdrückungsgehalt, der Dichte ihrer +Verhaltensvorschriften und der Intensität ihrer +Handlungskontrolle unterschieden werden. Soziale +Konstellationen werden darauf abgefragt, ob sie +Interaktionen und Kommunikationen zulassen, die jedem +Menschen die Entfaltung seiner Persönlichkeit und die +Bildung einer Identität ermöglichen. Die Theorie fragt nach +den strukturellen Vorgaben und Möglichkeiten für die +Entfaltung von persönlichen Kompetenzen unter konkreten +gesellschaftlichen Bedingungen (Habermas 1976, S. 63). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/114.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/114.md new file mode 100644 index 0000000..f636206 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/114.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Habermas hat eine interdisziplinäre Theoriekonzeption +vorgelegt. An seinem Werk lässt sich damit vor allem +ablesen, wie ein Verbund von unterschiedlichen +Einzeltheorien gebildet werden kann, gewissermaßen eine +Montage von Theoriestücken aus verschiedenen +Basistheorien, die zu einer breiten und mehrdimensionalen +Theorie zusammengefasst werden: Habermas orientiert +sich an der Gesellschaftstheorie von Marx, die er aus dem +historischen Entwicklungsstadium des klassischen +Kapitalismus heraushebt und zu einer Theorie des +Spätkapitalismus weiterentwickelt. Er ergänzt diese +theoretischen Vorgaben mit der Handlungs- und +Rollentheorie, um zu klären, wie Menschen ihre +Handlungsfähigkeit entwickeln und ihre Identität aufbauen. +Um die schrittweise Entwicklung der menschlichen +Persönlichkeit im körperlichen, psychischen und sozialen +Bereich und insbesondere in den intellektuellen und +moralischen Dimensionen einbeziehen zu können, +orientiert er sich an den Aussagen der kognitiven +Entwicklungspsychologie. Schließlich werden +psychoanalytische Erkenntnisse über Entwicklungskrisen +während des menschlichen Lebenslaufs aufgenommen, um +eine Analyse der elementaren innerpsychischen +Antriebskräfte vornehmen zu können. +Das Konzept der kommunikativen Kompetenz + +Das Erkenntnisinteresse dieser Theorie ist es, die +Bedingungen für die Emanzipation der menschlichen +Subjekte und die Demokratisierung der Gesellschaft zu +benennen. Die Begriffe »Gerechtigkeit«, »Gleichheit« und +»Herrschaftsfreiheit« bezeichnen die Merkmale einer +demokratischen Gesellschaft. Nur wenn diese Merkmale +gegeben sind, kann nach dieser Theorie das volle Potenzial +der menschlichen Entwicklung freigesetzt werden. +Der Schlüsselbegriff in der jüngeren Theorie von +Habermas ist das Konzept der kommunikativen Kompetenz diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/115.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/115.md new file mode 100644 index 0000000..38876e7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/115.md @@ -0,0 +1,36 @@ +(Habermas 1981): Das Ziel der Subjektbildung ist danach +die Beherrschung der Regeln für »vernünftiges Handeln«. +Ist dieser Zustand der Entwicklung gegeben, spricht +Habermas von der Verfügbarkeit einer kommunikativen +Kompetenz. Diese Kompetenz ist für ihn die Fähigkeit, +Redesituationen hervorzubringen und an ihnen verstehend +teilzunehmen, indem man bestimmte Sprechakte +beherrscht. Besonders wichtiger Bestandteil der +kommunikativen Kompetenz ist die Fähigkeit zum Diskurs. +Im Diskurs wird die Geltung von Sinnzusammenhängen +nicht wie in eingelebten und normativ abgesicherten +Sprachspielen einfach vorausgesetzt, sondern durch +Verständigung und argumentative Begründung ständig neu +hergestellt. +Eine Verständigung zwischen Menschen ist nach dieser +Konzeption nur möglich, wenn eine ideale Sprechsituation +vorliegt, wenn also eine gleichberechtigte und unverzerrte +Kommunikation hergestellt ist, in der nur der »Zwang des +besseren Arguments« gelten kann. Diese Bedingungen der +idealen Sprechsituation sind zugleich die Bedingungen der +idealen Lebensform, die real nicht immer existiert. Der +Begriff der idealen Sprechsituation nimmt in diesem +Verständnis die Lebensform vorweg, an der +gesellschaftliche Verhältnisse idealerweise zu messen sind. +Diese Lebensform ist nur in einer demokratischen +Verfassung der Gesellschaft zu verwirklichen +(Habermas 1973a). Um kompetent kommunizieren zu +können, müssen Menschen die Sprache als Regelsystem +beherrschen und die Fähigkeiten der Rollendistanz, +Ambiguitätstoleranz und Frustrationstoleranz aufbringen. +Hiermit sind Grundlagen des Handelns bezeichnet, mit +denen unterschiedliche Erwartungen im Rollenspiel +bewältigt werden, die in der täglichen Kommunikation +auftreten (Habermas 1973b, S. 128). +Ein weiteres theoretisches Element in der +Sozialisationstheorie von Habermas ist die Vorstellung von diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/116.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/116.md new file mode 100644 index 0000000..408bc1d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/116.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Entwicklungsstufen und Entwicklungskrisen im Laufe der +menschlichen Persönlichkeitsbildung. Ziel ist es, +verschiedene Stadien der kommunikativen Kompetenz zu +analysieren, die mit verschiedenen Stufen der persönlichen +Reife und Identität korrespondieren. In Anlehnung an die +Theorie von Piaget und Kohlberg (die später noch erörtert +werden) konzentriert Habermas seine Überlegungen auf +die stufenweise Entwicklung der moralischen +Urteilsfähigkeit im Lebenslauf. Die höchste Stufe der +Moralentwicklung ist die postkonventionelle Moral, bei der +geltende Regeln und Gesetze auf ihre Einstimmung mit +selbst gewählten moralischen Prinzipien hin abgefragt +werden. Diese hohe und ausgereifte Stufe der +menschlichen Moralentwicklung gestattet eine Ich-Identität +und gilt als Ideal für die Entwicklung einer demokratischen +Gesellschaft mit allgemein gültigen Regeln von Gleichheit +und Gerechtigkeit. Sie kann nur erreicht werden, wenn der +Sozialisationsprozess in Familie, Schule und sozialer +Umwelt optimal abläuft (Habermas 1981). +Mit dem Begriff der Ich-Identität ist ein begriffliches +Konstrukt geschaffen worden, das hier von Habermas in +Dienst genommen wird und das wahrscheinlich das erste +Mal bei George Herbert Mead auftaucht. Es ist eine +terminologische Verlegenheitsgeste, die Habermas aus der +deutschen Übersetzung der englischen Originalfassung von +Meads Arbeiten übernimmt. Tatsächlich ist dies eigentlich +ein Übersetzungsunfall, weil der Ausdruck »Ich-Identität« +natürlich nicht von alleine seine Bedeutung preisgibt und +sogar sehr unterschiedliche (wenn nicht sogar +widersprüchliche) Assoziationen hervorrufen kann. +Gemeint ist mit dieser terminologischen Neuschöpfung, +dass es eine Entwicklungsstufe gibt, auf der das +Individuum in der Lage ist, freier und autonomer zu +werden und damit vorher gehende Entwicklungsstufen der +Persönlichkeit zu überwinden. Die »Ich-Identität« ist also +so etwas wie die wirkliche Identität des Individuums, die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/117.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/117.md new file mode 100644 index 0000000..f33909f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/117.md @@ -0,0 +1,35 @@ +erste Form, die sich von Rollen- und Anpassungszwängen +freimachen kann. Wie wichtig dieses Konstrukt ist, wird in +der Weiterentwicklung dieses Ansatzes noch deutlich. +Kompetenzen des Rollenhandelns + +Noch im Anschluss an Parsons, vor allem aber an Mead +setzt sich Habermas (1973b) mit den konkreten +Anforderungen auseinander, die ein Mensch in einer +demokratischen Gesellschaft erfüllen muss, um voll +handlungsfähig und mit sich selbst identisch sein zu +können. In diesem Zusammenhang arbeitet er +insbesondere die drei Fähigkeiten der Rollendistanz, der +Ambiguitätstoleranz und der Frustrationstoleranz heraus: +Rollendistanz ist notwendig, weil in Familie, Schule, +Freizeit und Arbeitsleben verschiedene Werte und +Normen institutionalisiert sind, die den eigenen +Bewertungen und dem Streben nach Autonomie +teilweise widersprechen. Ein autonomes »Spielen« der +sozialen Rolle setzt voraus, dass diese zwar beherrscht +wird, dass aber auch die Fähigkeit vorhanden ist, sich +von ihr in Teilen strategisch wieder abzusetzen. Wer +vollständig nur in einer Rolle aufgeht, kann seine +Persönlichkeit nicht autonom entwickeln, sondern wird +von den sozialen Vorgaben der Rolle gewissermaßen +erdrückt. +Ambiguitätstoleranz ist notwendig, weil die +Erwartungen an eine soziale Rolle immer ungenau und +diffus sind und deswegen teilweise der Interpretation +bedürfen. Jeder Mensch muss über die Fähigkeit +verfügen, Unklarheiten und Spannungen im +Rollengefüge zu ertragen und dennoch handlungsfähig +zu bleiben. Eine vollständige Übereinstimmung der +Rollendefinition mit dem tatsächlichen Verhalten ist +äußerst selten und meist ein Zeichen für ein hohes +Ausmaß an Zwang in einem sozialen System. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/118.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/118.md new file mode 100644 index 0000000..27f6cdc --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/118.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Frustrationstoleranz ist notwendig, weil +Rollenerwartungen und Bedürfnisse von Menschen nur +selten vollständig übereinstimmen. Viele Rollen +erlauben nur eine geringe Befriedigung der eigenen +Wünsche und Bedürfnisse. Dennoch muss ein Mensch in +ihnen handeln und die Interaktion in ihren Bahnen +aufrechterhalten. Hierfür ist die Fähigkeit notwendig, +trotz der geringen Bedürfnisbefriedigung und trotz der +Einschränkungen von Handlungsmöglichkeiten die +Kommunikation fortzusetzen. +Die Entstehung der Ich-Identität + +Jürgen Habermas muss ebenso wie sein akademischer +Schüler Lothar Krappmann (der ebenfalls nachfolgend +noch vorgestellt wird) als Vertreter der kritischen +Rollentheorie verstanden werden. Beide wenden sich +gegen eine Deutung des Verhältnisses von Individuum und +Gesellschaft, in dem soziale Strukturen und ihre Wirkung +auf die Integration des Individuums die Oberhand haben +(wie noch im Strukturfunktionalismus bei Parsons sehr +deutlich der Fall). Individuelles Handeln ist für Habermas +mehr als nur der mechanische Vollzug sozialer +Rollenerwartungen. Rollenhandeln ist für ihn zwar eine +bedeutsame, zugleich aber nicht die einzige Facette +menschlicher Handlungsbefähigung. Habermas bindet in +seine sozialisationstheoretischen Annahmen darum die +Eventualität und Potenzialität autonomen Handelns ein. Mit +der »Ich-Identität« wird nach der natürlichen und der +Rollenidentität die höchste Stufe der Identitätsentwicklung +erreicht, die das Individuum zu autonomem Handeln +befähigt. Auf dieser Stufe befreit sich das Individuum von +strikter Normenbindung und Normenbefolgung und ist in +der Lage, gesellschaftliche Zwänge zu überwinden. +Das Entwicklungsmodell von Habermas beinhaltet damit +im Kern, dass die Rollenidentität der Heranwachsenden +nur eine Stufe in der Entwicklung zu einer potenziell diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/119.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/119.md new file mode 100644 index 0000000..44ea2c5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/119.md @@ -0,0 +1,36 @@ +autonom handlungsfähigen Persönlichkeit darstellt. +Gegenüber der biografisch vorangegangenen natürlichen +Identität des Kleinkindes bezeichnet sie ein durch +Vergesellschaftung erzeugtes Vermögen, sich in ein +soziales System zu integrieren (ähnlich zu den +Überlegungen von Parsons). Allerdings schließt die +Rollenidentität das Kontinuum menschlicher +Persönlichkeitsentwicklung nicht ab. Habermas behauptet, +dass Heranwachsende im Idealfall in der Lage sind, die +höchste Stufe der Identitätsentwicklung zu erreichen, die +Ausbildung einer Ich-Identität. Ich-Identität bezeichnet – +und jetzt wird die hohe Bedeutung dieses begrifflichen +Konstruktes sichtbar – bei Habermas ein sprach- und +handlungsfähiges Subjekt, das sich von den Anforderungen +in Gestalt sozialer Rollenerwartungen emanzipiert und +eigene Geltungsansprüche auch gegen die Rigidität +auferlegter Systemzwänge aufrechterhält. +Das Erreichen einer Ich-Identität als Sozialisationsideal + +Habermas hat in der zusammenfassenden Perspektive eine +Theorie vorgelegt, die zu klären versucht, welche +gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine gelingende +Persönlichkeitsentwicklung gegeben sein müssen. Seine +Theorie lenkt die Aufmerksamkeit auf die konkrete +Beschaffenheit der sozialen, kulturellen und +wirtschaftlichen Lebensbedingungen, die den +Referenzrahmen für die Persönlichkeitsentwicklung eines +Menschen bilden. Eine gelingende Sozialisation ist +demnach nur möglich, wenn ein Mindestmaß an +gesellschaftlicher Gleichheit und Gerechtigkeit gegeben ist. +Sein Subjektmodell zielt auf Veränderbarkeit und sozialen +Wandel oder genauer gesagt: auf die Bedingung der +Möglichkeit individuellen und sozialen Wandels. +Für die Entwicklung in der Sozialisationsforschung ist +der Beitrag seiner kritischen Rollentheorie konstitutiv. +Damit hat sich ein Fundament herausgebildet, auf dem diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/120.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/120.md new file mode 100644 index 0000000..2a77781 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/120.md @@ -0,0 +1,36 @@ +auch innerhalb der soziologischen Ansätze die Wendung +zum Subjekt vollzogen wird. Modernen arbeitsteiligen +Gesellschaften wird damit die Qualität unterstellt, nicht nur +für die Integration ihrer Mitglieder zu sorgen, sondern +auch einen Nährboden für die Ausbildung autonomer +Handlungskompetenzen bereitzustellen. +Mit der Theorie der kommunikativen Kompetenz hat +Habermas ein darüber hinausgehendes Konzept entwickelt, +mit dem die Fähigkeit des Menschen zum flexiblen und +prinzipiengeleiteten Handeln in sozialen Rollen und die +Fähigkeit, in kritischer Selbstreflexion auch über Regeln +und Normen zu verhandeln, systematisch analysiert +werden kann. Damit wird ein von Ungleichheit und +Unterdrückung freies, ideales Modell der gesellschaftlichen +Verständigung vorgeschlagen, das sich als Prüfstein +anwenden lässt, um Ungleichheit und beengende +Lebensbedingungen zu identifizieren. Mithilfe dieses +Modells lässt sich klären, welche gesellschaftlichen +Voraussetzungen notwendig sind, um die Ich-Identität eines +Menschen zu sichern (Tillmann 2000, S. 239). +Es ist leicht zu erkennen, dass der Ansatz von Habermas +auf der Eigenständigkeit des Individuums gegenüber +gesellschaftlich normierten Rollenerwartungen insistiert. +Habermas ist daran interessiert, die Autonomie- und +Freiheitsspielräume des menschlichen Handelns sichtbar +zu machen. Dieses im Verhältnis zu dem passiven +Menschenbild in den Gesellschaftstheorien erweiterte +Subjektverständnis ist progressiv ausgerichtet. Habermas +ist aus dieser Perspektive ein kritischer Reformer der +sozialisationstheoretischen Debatte. »Sozialisation in +seinem Sinne müsste die Ausbildung einer besonderen +Form der Ich-Organisation zum Ziel haben, einer ›starken +Ich-Identität‹, die gleichermaßen durch die +Vergesellschaftung und Individuierung gekennzeichnet ist. +Sie hätte den einzelnen Subjekten nicht nur die Fähigkeit +zu vermitteln, den Anforderungen der Gesellschaft zu diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/121.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/121.md new file mode 100644 index 0000000..79fd8aa --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/121.md @@ -0,0 +1,36 @@ +genügen, sondern sie zugleich in die Lage zu versetzen, +kritische Distanz zu den ihnen abverlangten Rollen zu +entwickeln.« (Baumgart 1997, S. 160) +Fallstricke der Rezeption von Habermas + +Interessanterweise übersah eine an Habermas +anschließende wissenschaftliche Rezeption mehrheitlich, +dass mit dem Erreichen der Ich-Identität eine mögliche, +nicht aber notwendige Folge der Sozialisation +Heranwachsender verbunden ist. Habermas hat die +Erlangung einer Ich-Identität als durchweg prekäre, von +Reifekrisen und vielfältigen Lernprozessen begleitete +Entwicklung der Persönlichkeit gesehen. Sie ist die +Bedingung autonomer Handlungsfähigkeit, ohne dass diese +Bedingung zugleich von allen Heranwachsenden erfüllt +wird. Allgemein unberücksichtigt bleibt, dass Habermas die +Ich-Identität als das ideale Ergebnis der +Persönlichkeitsentwicklung darstellt. Wird »Identität« als +Endstufe der Entwicklung zu einem autonom +handlungsfähigen Subjekt gesehen (sozusagen als Schritt +einer normalen Entwicklung), entstehen Probleme. Dann +verliert diese höchste Stufe der Handlungsautonomie ihren +Charakter als ein außergewöhnliches Entwicklungsstadium +im Sozialisationsprozess. Damit unterstellen die frühen +Annahmen zur Handlungsfähigkeit Heranwachsender ein +Maß an autonomer Entscheidungs-, Wahl- und +Handlungsfreiheit, das noch bei Habermas das Ideal der +Identitätsentwicklung bezeichnet. +Kritisch lässt sich der Theorie entgegenhalten, dass von +der ursprünglichen materialistischen Ausgangsposition bei +Marx nur die kommunikative Komponente übriggeblieben +ist, während die produktiv-arbeitsbezogene fast ganz +zurückgenommen wurde. Gesellschaftlichkeit, so wird etwa +von Bilden (1977) angemerkt, ist auf Sprache, die +menschliche Subjektentwicklung auf die Aneignung von +interaktiven Fähigkeiten reduziert. Der Umgang und die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/122.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/122.md new file mode 100644 index 0000000..64bd81e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/122.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Auseinandersetzung des Menschen mit der +gegenständlichen Umwelt über Arbeit und Spiel finden +hingegen kaum Aufmerksamkeit. Auch die Aneignung der +eigenen Körperlichkeit und der Umgang mit Trieben und +Emotionen erscheinen nur am Rande. +Trotz dieser Einwände lässt sich sagen, dass mit der +Theorie von Habermas eine weitreichende Konzeption für +die Sozialisationstheorie vorliegt. Die Theorie erfüllt viele +Anforderungen an eine sozialwissenschaftlich orientierte +Basiskonzeption. Es ist bemerkenswert, dass sich +Habermas dabei einer Kombination verschiedener +Theoriestücke aus unterschiedlichen Strömungen bedient. +Damit macht er auf die Möglichkeit aufmerksam, zur +breiten Abdeckung eines erkenntnisleitenden Modells nicht +auf eine Universaltheorie zurückzugreifen, sondern auf +eine Verknüpfung von verschiedenen Einzeltheorien. +DIE KONSTRUKTIVISTISCHE THEORIE VON PETER +L. BERGER UND THOMAS LUCKMANN +Ebenfalls im Anschluss an die Denkfigur des symbolischen +Interaktionismus (aber auch der hier nicht behandelten +phänomenologischen Strömung innerhalb der Soziologie) +haben Peter L. Berger (1929–2017) und Thomas +Luckmann (1927–2016) ihren Ansatz der +»gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit« +entwickelt, der über weite Strecken eine +Sozialisationstheorie darstellt. Obwohl hier viele +Ähnlichkeiten zu der Theorie von Habermas erkennbar +werden, sind direkte Verbindungslinien beider +Theoriestränge selten. Berger und Luckmann +argumentieren noch stärker aus einer +entwicklungsbezogenen Perspektive (die später als +sozialkonstruktivistische Lesart bekannt werden wird). +Wachsen Kinder in eine bestehende Gesellschaft hinein, +werden sie mit den Deutungen der sozialen Realitäten diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/123.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/123.md new file mode 100644 index 0000000..572c816 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/123.md @@ -0,0 +1,36 @@ +konfrontiert, die von den Gesellschaftsmitgliedern +vorangegangener Generationen konstruiert worden sind. +Den »Novizen« bleibt nichts anderes übrig, als sich mit den +Werten und Bedeutungszuschreibungen +auseinanderzusetzen, die sie vorfinden und die ihnen von +ihren Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrern vermittelt +werden. Unvermeidlich kommt es dabei zu einer +Verinnerlichung dieser Vorgaben. Dieser Prozess ist umso +intensiver, je mehr die bisherigen +»Wirklichkeitskonstruktionen« der etablierten +Gesellschaftsmitglieder in habitualisierte und +institutionalisierte Formen geronnen sind, also etwa über +Familien und Schulen vermittelt werden. +Die neuen Gesellschaftsmitglieder sind aber – ganz im +Sinne von Mead – Konstrukteure ihrer eigenen Realität. +Zwar müssen sie sich mit der ihnen nahegelegten +Wirklichkeitskonstruktion auseinandersetzen, doch haben +sie die Möglichkeit, ihrerseits eine eigene Konstruktion der +Wirklichkeit zu erstellen. Als interaktiv handelnde +Individuen konstruieren sie Gegenmodelle zu den bisher +existierenden Werten und bieten neuartige +Interpretationen der sozialen Realität an. Sie mischen sich +auf diesem Weg in die Weiterentwicklung der sozialen +Strukturen der Gesellschaft ein und entwerfen ihre eigenen +Gesellschaftsmodelle (Berger/Luckmann 1969). +Der Ansatz von Berger und Luckmann ist in einem +knappen Entwurf formuliert, hat in der soziologischen +Diskussion aber Spuren hinterlassen. Aus mehreren +Gründen ist der Ansatz zur gesellschaftlichen Konstruktion +der Wirklichkeit eine Besonderheit, weil hier – ohne sich an +einzelne große Theorietraditionen zu binden (und +deswegen vielleicht auch so leicht zugänglich ist) – ein +Sachverhalt hervorgehoben wird, der so etwas wie die +Gewöhnung und Institutionalisierung sozialer Praktiken zu +fassen versucht. Hermann Veith (2015) fasst das als +Zusammenspiel von »Institutionalisierung, Legitimation diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/124.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/124.md new file mode 100644 index 0000000..c841506 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/124.md @@ -0,0 +1,36 @@ +und Sozialisation« zusammen und kann damit gut +pointieren, warum dieser Ansatz, der implizit wie explizit +immer auf Sozialisation zielt, eine so hohe Wirkung erzielt +hat: »Durch Prozesse der Institutionalisierung erhalten +bestimmte Verhaltensmuster, die das Zusammenleben +organisieren, praktische Relevanz. Durch +Legitimationsprozesse werden sie normativ verbindlich und +die entsprechenden Sinnzusammenhänge gewinnen +dadurch Objektivität. Im Sozialisationsprozess, den Berger +und Luckmann in einen primären und sekundären +unterteilen, macht sich die nachwachsende Generation +schließlich die grundlegenden Rollenordnungen und +Sinnstrukturen zu eigen.« (Veith 2015, S. 34) +Praxis schafft also Wirklichkeit und Wirklichkeit schafft +Regeln, die nicht nur ernst genommen, sondern auch +verinnerlicht werden und damit zu einem Gerüst der +Weltdeutung werden, die ein »richtig« und ein »falsch« +unterscheiden kann. »Richtig« ist legitim und »falsch« ist +illegitim. Zwischen diesen beiden Formen muss das Subjekt +immer unterscheiden können und zieht sich dabei die +bereits gewonnenen Erfahrungen zurück. Solche +Unterscheidungen sind aber immer auch damit verbunden, +die Realität und die viele Zwischenformen von »richtig« +und »falsch«, ihre Anwendung in der eigenen Biografie +(was in der Kindheit »richtig« ist, kann unter Erwachsenen +»falsch« sein und umgekehrt) und den allmählichen +gesellschaftlichen Wandel von »richtig« und »falsch« zu +begreifen. All dies verlangt ein schöpferisches Subjekt auch +in der Theorie von Berger und Luckmann. Die +schöpferischen Möglichkeiten der Konstruktion von +Wirklichkeit sind dann gegeben, wenn die Phase der +»primären Sozialisation« in der Kindheit abgeschlossen ist. +Sie dient nach Berger und Luckmann noch der Fundierung +der sozial integrierten Persönlichkeit, während in der +darauffolgenden Phase, der »sekundären Sozialisation« in +Jugendzeit und im jungen Erwachsenenalter, die sozialen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/125.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/125.md new file mode 100644 index 0000000..d1bec9b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/125.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Spielräume erschlossen sind und genutzt werden können +(also mit »richtig« und »falsch« experimentiert wird, wie +man sagen könnte). Über den weiteren Lebenslauf hinweg +kann ein Gesellschaftsmitglied zu einem aktiven +Konstrukteur der eigenen Wirklichkeit werden und dadurch +auch die gesellschaftliche Wirklichkeit (im übertragenen +Sinne die Bewertungen von »richtig« und »falsch«) +verändern. +Obwohl auf einem anderen Weg als Habermas, +konstituieren sich hier ähnliche Denkmuster. Berger und +Luckmann gehen ebenfalls von der Grundfigur aus, dass +Menschen durch Institutionalisierung und Gewöhnung +zunächst Regeln verinnerlichen, diese in ein +Rollenrepertoir übersetzen und erst in der Adoleszenz +damit beginnen, eine Identität auszubilden, die sich von +strikter Normenbefolgung trennen kann. Sie beschreiben +zwar nicht das emphatische Moment einer autonomen und +kritikfähigen Subjektivität. Dafür aber weisen die +Beschreibungen eines schöpferischen menschlichen +Handelns in eine sehr ähnliche Richtung. +DIE THEORIE DER SOZIALISATORISCHEN +INTERAKTION VON ULRICH OEVERMANN +In der Tradition von Mead, des symbolischen +Interaktionismus, aber auch des Ansatzes von Berger und +Luckmann steht das sozialisationstheoretische Denken +Ulrich Oevermanns (geboren 1940). Oevermann ist +zugleich ein akademischer Schüler von Jürgen Habermas. +Er entwickelte eine Theorie der »sozialisatorischen +Interaktion«, die auf die Bedeutung der Strukturen und +Inhalte der sozialen und dinglichen Umwelt für die +Persönlichkeitsentwicklung abstellt. Demnach ist die +Persönlichkeitsentwicklung nicht allein auf +innerorganismische und innerpsychische Antriebe einer +stufenweisen Entwicklung zurückzuführen, sondern auch diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/126.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/126.md new file mode 100644 index 0000000..e25686e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/126.md @@ -0,0 +1,36 @@ +durch ihre Einbettung in soziale und dingliche Kontexte. +Eine ähnliche Vorstellung findet sich in der Sprach- und +Kommunikationstheorie von Vygotsky (1986). Vygotsky hat +herausgearbeitet, dass Kinder in der Entwicklung ihrer +Kompetenzen des sozialen Handelns von +Interaktionsprozessen profitieren und dabei schrittweise +die Kontrolle über ihr eigenes Verhalten aufbauen +(Miller/Weissenborn 1991, S. 548). +Oevermann betont, dass die Entwicklung persönlicher +Kompetenzen nicht allein über Reifung und aus einer +Selbstdynamik der kognitiven Entwicklung heraus erklärt +werden kann, sondern sich »im Vollzug der dialogischen +Interaktion« bildet (Oevermann 1976, S. 43). Die +notwendigen kommunikativen Kompetenzen können +demnach nur aufgebaut werden, wenn hierfür bestimmte +strukturelle Bedingungen gegeben sind, die auf den +jeweiligen Entwicklungsstand des Kindes Bezug nehmen. +Deswegen wird eine Analyse der »Struktureigenschaften +der sozialisatorischen Interaktion« vorgenommen. Das Kind +benötigt solche Strukturen, die es in seiner Entwicklung +voranbringen, zugleich aber auch eine Art probeweises +Handeln ermöglichen, ohne die genaue Logik und den Sinn +der Handlungen schon vollständig zu verstehen. Es wird +vermutet, dass schon kleine Kinder die Fähigkeit besitzen, +Handlungen und Gesten zu strukturieren und in einen +Zusammenhang zu bringen, ohne die gesamte Logik der +Handlungsabläufe nachvollziehen zu können. Das Kind +benötigt hierfür Bezugspersonen, die ihr Verhalten dem +jeweiligen kindlichen Verhaltensrepertoire anpassen und es +zugleich zur nächsten Stufe in der Entwicklung anregen. +Die Theorie der sozialisatorischen Interaktion ergänzt die +entwicklungspsychologischen Theorien der Strukturgenese +von Jean Piaget, auf die noch detaillierter Bezug +genommen wird. Durch das Verhalten der Bezugspersonen +und die damit entstehende sozialisatorische Interaktion +werden die von Piaget herausgearbeiteten Prozesse der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/127.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/127.md new file mode 100644 index 0000000..15d2746 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/127.md @@ -0,0 +1,35 @@ +ständigen Adaption angeregt, die dem Kind im Laufe der +Entwicklung einen neuen und elaborierten Stand von +Wahrnehmung, Urteil, Sprechen und sozialem Handeln +ermöglichen. Die sozialisatorische Interaktion stellt einen +zentralen Bedingungszusammenhang der Subjektbildung +dar, indem sie die in der Entwicklungspsychologie +herausgearbeiteten selbstreferenziellen Operationsweisen +der Assimilation sozial einbettet und damit erst möglich +macht. Die sozialen Handlungen der nahen +Bezugspersonen bilden für das Kind einen +sinnstrukturierenden Rahmen, der für den Aufbau seiner +subjektiven Innenorganisation die notwendige +Voraussetzung ist (Sutter 1997; Sutter 1999a, S. 73). In dem +Maße, in dem hier von Sinnstrukturierung gesprochen +wird, werden auch die Ähnlichkeiten zu der Theorie von +Berger und Luckmann sichtbar. Generell zeigt sich für die +handlungstheoretischen Ansätzen in der Soziologie eine +starke Orientierung auf Aspekte der Sinnkonstruktion und +Orientierung, die auch für die sozialisationstheoretische +Perspektive bedeutsam werden. +In der Weiterführung seiner sozialisationstheoretischen +Überlegungen hat Ulrich Oevermann seinen Ansatz immer +wieder erweitert und in eine breitete interdisziplinäre +Perspektive integriert. Hierzu gehört, dass Sozialisation als +Prozess der systematischen Erzeugung von Neuem +verstanden werden muss (Oevermann 2004). Diese Position +beinhaltet nicht, dass Sozialisationsprozesse und ihre +Folgen immer unvorhersehbar Neues hervorbringen. Der +interaktionistische Ansatz Oevermanns geht davon aus, +dass die Verarbeitung der sozialen Realität mit Konflikten +und Krisen verbunden ist. Bei Oevermann ist jede Konfliktund Krisenerfahrung Motor einer Stimulation von Neuem, +hier der kognitiven Entwicklung. Jede Herausforderung +bringt also eine Erweiterung des Wissen- und +Handlungsvorrates, die das Vorhandene überschreitet. +Solche typischen sozialisationsrelevanten Krisen sind diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/128.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/128.md new file mode 100644 index 0000000..ac23932 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/128.md @@ -0,0 +1,36 @@ +traumatische Krisen, Entscheidungskrisen oder Krisen +durch Muße. +Oevermann selbst beschreibt den besonderen Wert eines +soziologischen Zugangs in der Sozialisationsforschung als +Vermittlung der individuellen und der +Handlungsperspektive (die beobachtbar und erfragbar ist) +sowie des Kontextwissens (über das in der Regel nur bzw. +besser die Forschenden verfügen): »Die soziologische +Sozialisationsforschung hat eine große Menge von +Untersuchungsergebnissen produziert, aber die Versuche +einer genuin soziologischen Interpretation der Daten +nehmen sich demgegenüber recht kläglich aus. Soweit +darin Erklärungsversuche vorgenommen werden, +reduzieren sie sich in der Regel auf die Applikation +psychologischer Hypothesen. Das trifft nicht nur auf den +offenen Reduktionismus der verhaltenstheoretischen +Position zu, sondern gilt auch für jene Versuche – etwa im +Rahmen rollentheoretischer Formulierungen –, in denen +psychoanalytische oder kognitivistische +Entwicklungstheorien herangezogen werden. Soziale +Faktoren werden als kontingente Randbedingungen für die +Wirkungsweise psychischer Mechanismen, aber nicht als +konstitutive Strukturen in Betracht gezogen; die Soziologie +degeneriert dabei zum hilfswissenschaftlichen +Datenlieferanten der Psychologie.« (Oevermann et al. 1976, +S. 274) +Das Plädoyers Oevermanns ist hier nicht leicht zu +verstehen, es ist aber eines, das für die Integration +gesellschaftlicher Rahmenbedingungen eintritt. Oevermann +macht damit eine interessante Denkbewegung, die für die +Sozialisationsforschung prägend werden wird. Diese +plädiert dafür, die Handlungsorientierungen und +Motivationen der einzelnen Akteure ernst zu nehmen, weil +sie der Ausgangspunkt für menschliches Handeln sind. +Oevermann zeigt auf, dass Subjektstrukturen entscheidend +sind für die Ausrichtung der Sozialisationsforschung. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/129.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/129.md new file mode 100644 index 0000000..7756c94 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/129.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gleichzeitig aber votiert er dafür, die wesentlichen +Dispositionen einer Persönlichkeit nicht für kontingent +(also für zufällig) zu halten. Der Handlungssinn und die +Motivation der Menschen leitet sich nicht aus Strukturen +einer Persönlichkeit ab, die einfach bereits da ist. +Deswegen ist gerade der Prozess der Entstehung jener +Subjektstrukturen für Oevermann wichtig. Das +Schaltzentrum eines Menschen, mit seinen Wünschen und +Präferenzen, einer spezifischen Mentalität und +Werthaltungen, reagiert auf gesellschaftliche dominante +Leitbilder, auf einen spezifischen gesellschaftlichen Code +der Weltwahrnehmung und Weltbewertung. Darum muss +jede Perspektive, die auf das Individuum gerichtet ist, auch +die gesellschaftlichen Sinnstrukturen im Hintergrund +abbilden – da diese den Rahmen setzen, der eine bestimmte +Entwicklung bedingt. +Der Begriff der sozialisatorischen Interaktion kehrt an +dieser Stelle noch einmal wieder. Im Interaktionsraum +nehmen zunächst die primären Bezugspersonen in der +Familie die Rolle der Sinnvermittler ein. Diese beschreiben +den gesellschaftlichen Code der Erwartungen und +übersetzen ihn zugleich in legitime Wünsche einer +nachwachsenden Generation (wobei die illegitimen +Wünsche eliminiert werden). In diesem Milieu einer +sozialisatorischen Interaktionen bilden sich die frühesten +Strukturen der Weltdeutung aus, an die dann erweiterte +Formen der sozialisatorischen Interaktion andocken und +immer mehr zu einem kohärenten Konstrukt der +Persönlichkeit werden, die die Fähigkeit besitzt, durch +sozialisatorische Interaktion normierte Erwartungen an die +Persönlichkeit fehlerfrei zu erfüllen. +Oevermanns Arbeiten blieben interessanterweise +unterbewertet, zumindest im Verhältnis zu Umfang und +Radikalität seines Denkens (Graz/Raven 2015). So hatte +Oevermann beispielsweise schon früh auf Defizite der +Sozialisationsforschung aufmerksam gemacht, die sich auf diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/130.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/130.md new file mode 100644 index 0000000..e488494 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/130.md @@ -0,0 +1,34 @@ +die Reproduktion sozialer Ungleichheiten konzentriert und +dabei so tut, also ob gesellschaftliche Strukturbedingungen +unausweichliche Biografien hervorbringen würde +(Oevermann 1972; Oevermann et al. 1976a). Mit dem +heutigen Vokabular würde man dies die +»Strukturzentriertheit« der Sozialisationsforschung +nennen, also eine Forschung, die nur die sozialen +Strukturen wahrnimmt, aber nicht die handelnden +Subjekte. Im Einklang mit dieser Kritik ist Oevermann, so +sehr er auf die übergeordnete Bedeutung sozialer +Strukturen der Einbettung und Anpassung pocht, ein +durchaus flexibler Theoretiker, für den die Abweichung von +den äußeren Erwartungen keine Ausnahme, sondern die +Regel ist. Oevermann bestand folgerichtig darauf, den +Kreis der Sozialisationsbedingungen zu erweitern und +dadurch immer auch jene Kontexte in den Blick zu nehmen, +die nicht große Strukturbedingungen darstellen, sondern +Interaktionsverhältnisse auf der Ebene mikrosozialer +Beziehungen. Sie bilden den Nährboden für die +Entwicklung der Denk- und Handlungsstrukturen einer +Persönlichkeit. +DIE THEORIE DER SOZIALEN IDENTITÄT VON +LOTHAR KRAPPMANN +Gerade die Einbeziehung des subjektiven Faktors ist ein +wesentlicher Aspekt handlungstheoretisch geprägter +Ansätze in der Sozialisationsforschung. Identitäts- und +rollentheoretische Ansätze sind ein Beispiel hierfür. In +Deutschland sind sie im Anschluss an den amerikanischer +Sozialpsychologen Erving Goffman (1967, 1996) vor allem +von Lothar Krappmann (geb. 1936) aufgenommen worden. +Krappmann, dessen Ansatz eine große Nähe wiederum zu +Jürgen Habermas aufweist, definiert Identität als das +Erleben des Sich-selbst-Gleichseins, das sich auf die +verschiedenen Stadien der eigenen Lebensgeschichte und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/131.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/131.md new file mode 100644 index 0000000..19b030d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/131.md @@ -0,0 +1,36 @@ +auf die jeweils unterschiedlichen sozialen Anforderungen in +verschiedenen Handlungsbereichen bezieht (1969). Eine +Person muss sich nach dieser Auffassung mit sich selbst +identisch erleben, wenn sie zum Handeln fähig sein will. +Dazu sind eine realistische Selbstwahrnehmung und eine +positiv gefärbte Selbstbewertung Voraussetzung. Nur wenn +diese Bedingungen gegeben sind, können unterschiedliche +situative Anforderungen an das eigene Handeln und die +Koordination der verschiedenen Handlungsanforderungen +bewältigt werden. +In die Ausbildung einer Identität fließen Prozesse der +Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung bei der +Aneignung und Auseinandersetzung mit der äußeren und +inneren Realität ein. Voraussetzung für den Aufbau der +Identität ist außerdem die realistische Wahrnehmung von +Handlungskompetenzen, Bedürfnis- und +Interessensstrukturen sowie eine insgesamt positiv +gefärbte Erfahrung der eigenen Handlungsfähigkeit in +sozialen Situationen (Geulen 1977). Krappmann versteht +Identität als eine organisierende und koordinierende +Instanz der Persönlichkeit mit zwei Komponenten: Als +»persönliche Identität« wird die Kontinuität und Konsistenz +des Selbsterlebens im Verlauf wechselnder +lebensgeschichtlicher und biografischer Umstände +bezeichnet, als »soziale Identität« die Kontinuität und +Konsistenz des Selbsterlebens in der Auseinandersetzung +mit den Anforderungen verschiedener gesellschaftlicher +Gruppen und Handlungsfelder. +Krappmann nennt seinen eigenen Ansatz »Soziologische +Dimensionen der Identität« (Krappmann 1969). Diese +soziologischen Dimensionen werden in zweifacher +Dimension in seinem Identitätsmodell berücksichtigt. Zum +einen als Ausgangsbedingung des Lernens und als +individueller Erfahrungsraum, in dem der Wissensvorrat +angelegt wird, der notwendig ist, um in menschlichen +Gesellschaften handlungsfähig zu werden. In dieser diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/132.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/132.md new file mode 100644 index 0000000..ab21748 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/132.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Hinsicht können wir von einer sozialen Bedingtheit oder +auch Festgelegtheit der Identität sprechen, weil spezifische +Erfahrungsräume eine bestimmte Entwicklung +wahrscheinlich machen. Zum anderen ist die soziologische +Dimension damit verbunden, dass Menschen immer wieder +neu herausgefordert werden, wenn sich ihre sozialen +Handlungsbedingungen ändern. Die Festgelegtheit qua +Entwicklungsbedingungen der Identität ist also relativ. +Identitäten müssen sich von ihren Festlegungen trennen, +weil sie in flexiblen und wechselnden +Handlungszusammenhängen permanent herausgefordert +werden und sich neu anpassen müssen. +In Krappmanns Worten ist diese Anpassungsleistung eine +Orientierung an den Bedarfen, die außerhalb und innerhalb +des Individuums liegen: »Die Struktur fortdauernder +Interaktionsprozesse erlegt dem Individuum vielmehr auf, +sein Handeln ständig an einem Bezugsrahmen diskrepanter +und inkonsistenter Anforderungen zu orientieren. +Einerseits muß es nämlich die von seinen eigenen und auch +untereinander divergierenden Erwartungen seiner +Interaktionspartner berücksichtigen, um seine Beteiligung +an Interaktionen zu sichern. Es darf dabei auch die +Anforderungen von Interaktionspartnern nicht außer acht +lassen, die in der aktuellen Situation nicht anwesend sind. +Andererseits steht das Individuum auch vor der +Notwendigkeit, seine eigenen Erwartungen und +Bedürfnisse den anderen zu verdeutlichen, weil die +vollständige Übernahme der Anforderungen seiner +derzeitigen Interaktionspartner seine Beteiligung in +anderen Interaktionssystemen belasten würde.« +(Krappmann 1969, S. 207) +Für die soziale Identität wird von einem Menschen also +verlangt, sich den gesellschaftlichen Erwartungen (der +äußeren Realität) unterzuordnen, die sich im Prinzip an alle +Menschen richten. Für die persönliche Identität wird +hingegen erwartet, sich wegen der unverwechselbaren diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/133.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/133.md new file mode 100644 index 0000000..0ebf087 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/133.md @@ -0,0 +1,34 @@ +inneren Realität von allen anderen Menschen zu +unterscheiden: »Es wird also zugleich gefordert, so zu sein +wie alle und so zu sein wie niemand. Auf beiden +Dimensionen muss das Individuum balancieren, weil es, um +Interaktion nicht zu gefährden, weder der einen noch der +anderen Anforderung noch beiden voll nachgeben, noch sie +gänzlich verweigern kann« (Krappmann 1969, S. 78). +Zwischen diesen beiden Anforderungen zu balancieren, +ist die Leistung des Individuums, die auch Krappmann im +gelingenden Fall wiederum als Ich-Identität bezeichnet. +Ich-Identität wird in diesem Verständnis wie bei Habermas +nicht als ein für alle Mal gelungener, feststehender und +verlässlicher Besitz des Menschen verstanden, sondern als +ein Zustand des Selbsterlebens, der ständig neuen +Interpretations- und Aushandlungsprozessen mit der +äußeren Umwelt und der eigenen inneren Natur unterliegt. +Dabei bildet die Geschichte des bisherigen Kontinuitätsoder Diskontinuitätserlebens eines Menschen die +Grundlage für die aktuellen »Balancierungen« der +Komponenten von Identität (Haußer 1983; +Leu/Krappmann 1999; Nunner-Winkler 1991). +Ich-Identität ist dann hergestellt, wenn die +Auseinandersetzung mit der äußeren und inneren Realität +zu Lösungen geführt hat, die miteinander vereinbar sind. +Die Bedürfnis- und Interessenstruktur eines Menschen und +seine Handlungskompetenzen müssen dabei nicht mit den +institutionell und organisatorisch definierten sozialen +Erwartungen der Umwelt übereinstimmen. Die eigentliche +Koordinierungsleistung, die das Spezifikum von Identität +ist, liegt gerade darin, die unvermeidlich bestehenden +Spannungen auszuhalten oder auszugleichen, die sich aus +der zwangsläufigen Nicht-Übereinstimmung zwischen +eigenen Bedürfnissen und Kompetenzen und den sozialen +und dinglichen Umweltanforderungen ergeben +(Luckmann 1979, S. 103). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/134.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/134.md new file mode 100644 index 0000000..7932d2b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/134.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Viele Forschungsarbeiten wiesen im Anschluss an +Krappmann darauf hin, dass die Sicherung der Identität +durch die zunehmende Differenzierung von sozialen +Organisationen in modernen Gesellschaften schwieriger +geworden ist. Rollen werden spezialisierter, zugleich gibt +es nur wenige Modelle für die Ausführung und Kombination +von Rollen. Die spezifischen Rollenkombinationen +unterscheiden sich immer stärker von Person zu Person +(Frey 1974; Frey/Hausser 1987; Schimank 2010, S. 77). + +ZWISCHEN HANDLUNGS- UND +GESELLSCHAFTSTHEORIEN + +Gerade die soziologischen Handlungstheorien haben dazu +beigetragen, dass die Perspektive auf den Prozess der +Sozialisation expliziter wurde. Für sie ist eine nur auf +Stabilität und Reproduktion ausgerichtete Sichtweise (die +der soziologischen Gesellschaftstheorien) unverständlich. +Ihr Blick auf die Mikroprozesse sozialer Interaktionen +bringt sie auf eine alternative Spur: Die Rolle eines sich +entwickelnden Handlungswissens und damit verbunden die +unübersehbare Bedeutung eines sich aktiv mit der Umwelt +auseinandersetzenden Individuums. Dass auch die +Handlungstheorien eher von typischen und regelhaften +Verläufen der Sozialisation ausgehen, hält sie nicht davon +ab, den Wandel in der sozialen Welt zu erfassen, der durch +individuelles Handeln, ständig wechselnde +Herausforderungen oder menschliche Spontanität +hervorgebracht wird. +In der Soziologie gibt es für eine solche Sichtweise +interessante Ansätze und Theorien. Einige lassen sich auch +nicht richtig zwischen den Kategorien der Handlungs- oder +Gesellschaftstheorien einordnen. Sie stehen dazwischen +und werden darum mitunter nur unvollständig +berücksichtigt. Ein Beispiel dafür ist der deutsche +Soziologe (der durch Vertreibung überwiegend im Ausland diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/135.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/135.md new file mode 100644 index 0000000..b750816 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/135.md @@ -0,0 +1,36 @@ +lebte und lehrte) Norbert Elias (1897–1990). Sein +Hauptwerk über den »Prozess der Zivilisation« (1997) +betont ebenso wie eine andere seiner berühmten Arbeiten +über die »Gesellschaft der Individuen« (1987) eine +historische Sichtweise, die den Blick auf Handlungen und +gesellschaftliche Strukturen verbindet. Sie zeigt, welche +Freiheitsgrade und Restriktionen, Belohnungen und Kosten +durch den Weg aus den eng geknüpften vorstaatlichen +Geburtsverbänden in die modernen, differenzierten und +pluralistischen Staatsgesellschaften entstanden sind. Vor +allem die individuellen Gestaltungschancen sind im +historischen Vergleich gestiegen. Alle Menschen haben die +Möglichkeit zu einem hohen Maß an Individualität. +Individualität versteht Elias dabei als die »Gestaltqualität +der Selbststeuerung in Beziehung zu anderen Menschen +und Dingen« (Elias 1987, S. 87). +Diese Denkrichtung der erhöhten Freiheitspielräume ist +ein wichtiges Merkmal auch jüngerer soziologischer +Ansätze in der Sozialisationsforschung. Der »Behauptung« +der Identität wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Nach +der Theorie von Elias können heutige +Gesellschaftsmitglieder nicht nur, sie müssen vielmehr in +einem höheren Maße selbstständig werden, um mit den +gesteigerten Wahlmöglichkeiten zurechtzukommen. Die +Möglichkeit und die Notwendigkeit der größeren +»Individualitätsentwicklung« ist eine gesellschaftliche +Anforderung, die jenseits der Kontrolle des Einzelnen liegt. +Die gesellschaftliche Entwicklung öffnet die Möglichkeit zu +einem Mehr an persönlicher Entfaltung, auch unabhängig +von der sozialen Herkunft, und erschließt damit neue +Formen der Befriedigung und Erfüllung des Lebens. +Zugleich aber bringt sie notwendig auch neuartigen +sozialen Stress, neue Risiken des Leidens, des Unbehagens +und der Ungewissheit mit sich. Jüngere Ansätze innerhalb +der Sozialisationstheorien, die mit dem MpR noch vorstellt +werden, nehmen diese Motivik verstärkt auf. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/136.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/136.md new file mode 100644 index 0000000..a8c2da9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/136.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Aus der Perspektive der soziologischen +Handlungstheorien kommt diese zunehmende Komplexität +der Vergesellschaftung viel deutlicher in den Blick als aus +der eher groben gesellschaftstheoretischen Perspektive. +Hierfür gibt es interessante Beispiele: Die Bedeutung der +Identitätsbedrohung ist in der handlungstheoretisch +ausgerichteten Diskussion ein immer wieder kehrendes +Thema. Sie kann sich aus einer zu großen Wahlmöglichkeit +von Alternativen, aber auch daraus ergeben, dass in sozial +völlig festgelegten Situationen Vorstellungen von der +eigenen Identität nicht eingelöst werden können. Diese +Variante führt zu einer »Entindividualisierung«, die sich +zum Beispiel in totalen Institutionen wie psychiatrischen +Anstalten, Militäreinrichtungen, Klöstern oder und zum Teil +auch Krankenhäusern beobachten lässt (Goffman 1967, +1973). In diesen Einrichtungen ist die Lebensführung der +»Insassen« durch strenge Handlungsvorgaben und +Bewachung in extremem Maß reglementiert. Deswegen +sind die Spielräume für persönlichen Ausdruck äußerst +gering oder gar nicht vorhanden. Die Rollenzwänge sind so +stark, dass kaum Selbstansprüche artikuliert werden +können (Plake 1981). +Interessanterweise haben erst die Handlungstheorien die +Perspektive für einen derart spannungsreich verlaufenden +Prozess der Sozialisation geöffnet. Wenn +Gesellschaftstheorien also so etwas wie das Initial des +Denkens über Sozialisation in der Soziologie darstellen, +beginnen die Handlungstheorien die Idee der lebenslangen +Interaktionsbeziehung des Individuums mit der +Gesellschaft nach und nach auszuformulieren. Mit den +Handlungstheorien wird Sozialisation auch erstmals zum +Gegenstand empirischer Forschung und mit dieser +Ausrichtung gewinnen wiederum neue Impulse an Einfluss. +Es ist keine Überraschung, dass in dieser Phase, die sehr +stark an den Denk- und Handlungsprozessen des +Individuums ausgerichtet sind, Ansätze der Psychologie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/137.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/137.md new file mode 100644 index 0000000..24ec750 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/137.md @@ -0,0 +1,6 @@ +relevanter für die Sozialisationsforschung werden. Auch +wenn die Psychologie eine klassische Phase kennt, sind ihre +jüngeren Stränge enger mit der soziologischen Tradition +verschwistert als es jemals zuvor der Fall war. Damit haben +sie zu einer meist entscheidenden Modifikation unseres +heutigen Denkens über Sozialisation beigetragen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/138.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/138.md new file mode 100644 index 0000000..94cbbf6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/138.md @@ -0,0 +1,35 @@ +3. + +Psychologische Theorien der +Sozialisation + +In diesem Kapitel werden die psychologischen Theorien +vorgestellt, bei denen die analytische Sicht von der +Perspektive des Individuums oder von innerpsychischen +und innerkörperlichen Prozessen ausgeht. Wie im vorigen +Kapitel werden in einem ersten Schritt die frühen und in +einem zweiten Schritt die modernen Ansätze erörtert. Diese +stufenweise Erörterung lohnt um so mehr, weil mit den +frühen Theorien zwei sehr unterschiedliche Wege in der +Entwicklung des Stammbaums psychologischer +Denkansätze beschritten werden. Im Mittelpunkt dieser +ersten kurzen Einführung stehen darum die Anfänge der +psychologischen Persönlichkeits- sowie der Lern- und +Entwicklungstheorien. +FRÜHE ANSÄTZE DER PSYCHOLOGISCHEN THEORIE +Die Grundlegung der Sozialisationstheorie erfolgte, wie im +vorangehenden Kapitel dargestellt, um 1900 durch die +beiden psychologisch aufgeschlossenen Soziologen Simmel +und Durkheim. Etwas später arbeiteten der Psychologe +Sigmund Freud an einer Theorie der menschlichen +Bedürfnisse und Triebe und der Psychologe John B. Watson +an einer Theorie des menschlichen Lernens. Beide +verwendeten zwar den Begriff »Sozialisation« nicht, ihre +erkenntnisleitenden Interessen waren aber eindeutig +darauf ausgerichtet, die Entwicklung der menschlichen +Persönlichkeit auf die intensive Auseinandersetzung des +Individuums mit seiner sozialen Umwelt zurückzuführen. In +diesem Sinne waren sie in der Psychologie die ersten +Sozialisationstheoretiker. +Sigmund Freud (1856–1939) setzt sich in seiner +Psychoanalytischen Persönlichkeitstheorie intensiv mit den diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/139.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/139.md new file mode 100644 index 0000000..c654ff9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/139.md @@ -0,0 +1,36 @@ +biologischen Trieben und psychischen Bedürfnissen des +menschlichen Subjekts auseinander, bezieht diese aber +auch auf die gesellschaftlichen Zwänge, denen sich ein +Mensch ausgeliefert sieht. Alle Einstellungen, +Motivationen, Gefühle und Verhaltensweisen eines +Menschen sind nach dieser Theorie auf biologisch +angelegte Bedürfnisse und Triebe zurückzuführen. Den +Eltern, besonders der Mutter, kommt die Aufgabe zu, diese +biologische Ausstattung zu zähmen und zu kanalisieren, um +das neu geborene »Triebbündel« mit seinen natürlichen +animalischen Eigenschaften gleich zu Beginn seines Lebens +zu einem Familien- und Gesellschaftsmitglied, einem sozial +integrierten Wesen zu machen. Die psychoanalytische +Theorie nimmt damit Durkheims Frage auf, wie es zur +Vergesellschaftung der menschlichen Natur kommt. Im +Unterschied zu Durkheim wird allerdings nicht in der +systematischen Erziehung, sondern in der engen und +gefühlsbetonten Interaktion von Mutter, Vater und Kind die +Antwort gesucht. +Eine andere, fast zeitgleich beginnende Theorietradition +in der Psychologie geht einen entgegengesetzten Weg. Die +Lerntheorie von John B. Watson (1878–1958) folgt der Idee, +dass das Verhalten eines Menschen und damit auch seine +Persönlichkeitsentwicklung von Impulsen aus der sozialen +Umwelt beeinflusst werden. Entsprechend wird nach dieser +Theorie die Persönlichkeit nicht durch genetische Faktoren +oder Triebe gesteuert, sondern durch die Verarbeitung der +Einflüsse und Anregungen der Umwelt. Ein Mensch kommt +demnach ohne angeborene oder vorgeprägte Muster der +Verarbeitung der äußeren Realität zur Welt und muss sein +Verhalten mithilfe von Erfahrungen aufbauen. Erst durch +Person-Umwelt-Interaktionen, die Lernprozesse darstellen, +werden Verhaltensweisen und Handlungskompetenzen +ausgebildet. +Das Verhalten eines Menschen wird mithin als Reaktion +auf Impulse aus der Umwelt verstanden diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/140.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/140.md new file mode 100644 index 0000000..977961f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/140.md @@ -0,0 +1,35 @@ +(Watson 1968/1919), bei denen Lernen von Routine und +Belohnungen abhängt. Hier findet sich die Kernidee von +Durkheim wieder, der Mensch spiegle letztlich in seinen +Eigenschaften und Merkmalen die gesellschaftliche +Wirklichkeit und sei ein Produkt seiner Umwelt. Der +Mensch ist nach Watsons behavioraler Lerntheorie zwar +lernfähig, er entwickelt aber kein eigenständiges +Bewusstsein. Durch Lernen sind Menschen in der Lage, +Reize und Impulse der Umwelt flexibel aufzunehmen und +zum eigenen Vorteil produktiv zu verarbeiten. Das +Besondere der frühen Lerntheorien ist, dass diese +Lernleistungen den Menschen eher als einen evolutionären +Anpasser erscheinen lassen. Watson hat sich selbst +ausdrücklich gegen die Vorstellung gewendet, es gäbe +etwas, was von der Philosophie als das Bewusstsein eines +Menschen ausgegeben wird. Für ihn ist menschliches +Lernen dem tierischen Lernen gleichgesetzt und das Gehirn +beherbergt nur eine Verschaltung von Reizen und +Reaktionen, aber keinen Raum für eine eigenständige, +autonome Entscheidungsfindung. Tatsächlich hat sich diese +Vorstellung über das »bewusstseinslose« menschliche +Lernen nicht halten lassen. Nichtsdestotrotz ist Watsons +Beitrag für die Psychologie wesentlich, weil er +Lernprozesse das erste Mal wissenschaftlich kontrolliert +untersuchte und damit zum Begründer der experimentellen +Lerntheorien wurde. +Lerntheorien und Persönlichkeitstheorien bestimmen bis +heute die sozialisationstheoretisch wichtigen Strömungen +der Psychologie. Aus den Persönlichkeitstheorien haben +sich zusätzlich eigenständige Entwicklungstheorien +herausgebildet, die auf die phasenweise Entstehung immer +neuer Ausprägungen und Strukturen der menschlichen +Persönlichkeit ausgerichtet sind und heute als +eigenständige Variante der psychologischen Theorie gelten +müssen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/141.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/141.md new file mode 100644 index 0000000..50242e4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/141.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Ein Zusatz noch für die weitere Erörterung: Alle +erwähnten psychologischen Theorien verwenden den +Begriff »Sozialisation« nur sehr zurückhaltend oder auch +gar nicht (ein Trend der sich in der Psychologie bis heute +fortsetzt, vgl. Lechner/Silbereisen 2015, S. 96 f.). Der +Begriff Sozialisation ist historisch in den primär +soziologisch ausgerichteten Ansätzen entstanden und das +hinterlässt bis heute seine Spuren. Im Zentrum +psychologischer Theorien steht eher der Begriff +»Persönlichkeitsentwicklung«. Grundsätzlich beschäftigen +sich diese Ansätze aber mit den Einflüssen +gesellschaftlicher Strukturen auf individuelle Merkmale +und Eigenschaften im Lebenslauf, und damit sind sie +faktisch Theorien der Sozialisation (Flammer 2017). In +dieser Hinsicht sollen sie im Folgenden auch vorgestellt +und verstanden werden. + +3.1 + +Persönlichkeitstheorien + +Persönlichkeitstheorien befassen sich mit der menschlichen +Persönlichkeit, also den relativ stabilen Eigenschaften, +Einstellungen, Motivationen, Gefühlen und Interessen eines +Menschen, in die biologisch angelegte Bedürfnisse und +Triebe eingehen (Asendorpf 1996). Die bekannteste +Variante der Persönlichkeitstheorie ist die Psychoanalyse, +eine tiefenpsychologische Konzeption, bei der vor allem die +Kraft von tief in der Persönlichkeit verankerten Antrieben, +Motivationen und Gefühlen für die +Persönlichkeitsentwicklung und ihre Formung durch die +Eltern-Kind-Beziehung analysiert wird. Andere Strömungen +der Persönlichkeitstheorie konzentrieren sich darauf, die +überdauernden, fest verankerten Persönlichkeitsmerkmale +zu benennen, die lebenslang Einfluss auf die Steuerung des +individuellen Denkens und Handels haben. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/142.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/142.md new file mode 100644 index 0000000..5520b36 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/142.md @@ -0,0 +1,35 @@ +DIE PSYCHOANALYTISCHE THEORIETRADITION +Der schon erwähnte Begründer der Psychoanalyse, +Sigmund Freud, hat seine Theorie nicht in erster Linie als +eine Persönlichkeitstheorie und auch nicht als eine +Sozialisationstheorie konzipiert, sondern als eine +medizinisch-psychologische Therapie. Doch ist die dieser +»Psychotherapie« zugrunde liegende Konzeption der +Entwicklung der Persönlichkeit zweifellos +sozialisationstheoretisch wichtig und ergiebig, weil sie eine +Konzeption für die Aufnahme sozialer Normen in das Innere +des Individuums enthält. +Die Beobachtung, dass die psychisch-neurotische +Erkrankung seiner erwachsenen Patienten in deren +frühkindlicher Entwicklung begründet war, führte Freud zu +Theorien über die Entwicklungsgeschichte des »normalen« +Kindes. Die Rekonstruktion der Kindheitserfahrungen +erkrankter Erwachsener diente ihm dazu, die +psychodynamische Entwicklung seiner Patientinnen und +Patienten aufzuhellen, und verwies auf die zwischen Eltern, +Kindern und Umwelt ablaufenden Prozesse der Interaktion, +in deren Verlauf sich die psychischen Strukturen von +Kindern herausbilden. In diesem Verständnis enthält +Freuds Konzeption eine für die Sozialisationstheorie +interessante Analyse des Verhältnisses von Person und +Umwelt. +Persönlichkeitsentwicklung als Beziehung von Es, Ich und Über-Ich + +In der psychoanalytischen Theorie werden das Verhalten +eines Menschen und die Entwicklung seiner Persönlichkeit +maßgeblich durch die unbewussten biologischen und +psychischen Antriebe erklärt, die der eigentliche Grund für +alle Handlungen an der Oberfläche des menschlichen +Verhaltens sind. Die Grundstrukturen der Persönlichkeit +bilden sich demnach auf der Grundlage emotional +verankerter Beziehungen zwischen Eltern und ihren diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/143.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/143.md new file mode 100644 index 0000000..acb128f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/143.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Kindern aus. In dieser intensiven gefühlsmäßigen +Beziehung entwickeln sich überdauernde Merkmale der +Persönlichkeit. Sie bilden die »innere Realität« des +Menschen, die ihm selbst aber nur in kleinen Teilen +bewusst ist. Deshalb sind in Träumen, Assoziationen, +Versprechern und gefühlsmäßigen Ausdrücken die +Wahrnehmungen und Handlungsabsichten eines Menschen +meist genauso gut oder besser erkennbar als im direkt +beobachtbaren Verhalten. +Freud entwickelt ein Modell »innerpsychischer +Instanzen«, das die Grundmechanismen für die +Verarbeitung der inneren und äußeren Realität durch ein +Individuum darstellt. Es besteht aus den drei Bestandteilen +Es, Ich und Über-Ich (Freud 1953): +Das »Es« ist die älteste Instanz, es bezeichnet die Triebe +des Menschen, insbesondere seine biologischen +Bedürfnisse sowie seine sexuellen und aggressiven +Impulse. +Im »Über-Ich« sind die elterlichen Gebote, Verbote und +Normen repräsentiert. Jeder Mensch hat hier die +kulturellen und sozialen Regeln verinnerlicht, die wie +eine Zensurinstanz auf das Verhalten wirken. +Das »Ich« repräsentiert den Willen und entscheidet über +die Verwirklichung, Aufschiebung oder Unterdrückung +der Triebansprüche des Es. Freud vergleicht die +Spannung zwischen diesen beiden Instanzen mit dem +Reiter (Ich), der die überlegene Kraft des Pferdes (Es) +zu zügeln versucht. Das Ich ist die vermittelnde Instanz, +die ständig zwischen den Urkräften des Es und den +Kontrollimpulsen des Über-Ich ausgleichen muss. +Von Freud stammen auch die ersten Phasenmodelle der +Entwicklung, die sich auf unterschiedliche Stufen im +Verhältnis zwischen Es, Ich und Über-Ich beziehen +(Freud 1960). Je nachdem, wie die biologischen Urkräfte im diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/144.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/144.md new file mode 100644 index 0000000..19f6e01 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/144.md @@ -0,0 +1,36 @@ +psychosexuellen (libidinösen) Bereich in der körperlichen +und psychischen Entwicklung verarbeitet werden, +unterscheidet er eine orale Phase (erstes Lebensjahr), eine +anale Phase (zweites bis drittes Lebensjahr), eine phallische +Phase mit ödipaler Konstellation (bis zum fünften +Lebensjahr), eine sexuelle Latenzphase (sechstes bis +zwölftes Lebensjahr) und die Pubertät. +Die Psychoanalyse hat eine interessante Methodik +entwickelt. Sie ist durch eigene und spezifische Verfahren +hervorgetreten, mit denen der Versuch gemacht wird, die +dem Bewusstsein des Menschen teilweise verborgenen +Strukturen der Motivation und der Bedürfnislage zu +erfassen. Hierzu werden analytische Gespräche zwischen +einem Menschen in der Rolle des Probanden und einem +Gegenüber in der Rolle des Therapeuten geführt, die sich +auf eine Rekonstruktion der gesamten Lebensgeschichte +beziehen. Diese Methode ist einzelfallorientiert und hat +eine gewisse Ähnlichkeit zu dem späteren soziologischen +Argument, Sozialisationsprozesse pfadorientiert zu +analysieren und damit eine persönliche +Entwicklungsgeschichte zu rekonstruieren. +Die Weiterentwicklung der Theorie von Freud + +Theoretisch ist der Beitrag der Psychoanalyse für die +Sozialisationstheorie wichtig, weil sie den nur schwer +zugänglichen Bereich der inneren Realität von Menschen +wie kaum eine andere psychologische Basistheorie zum +Thema macht (Mertens 1991). Freud hat mit der +analytischen Verbindung einer biologischen und sozialen +Realität des Menschen Pionierarbeit geleistet. Das +psychoanalytische Gerüst ist damit der erste Versuch, um +die Dynamik von Persönlichkeitseigenschaften und +menschlichen Handlungen auf tief im Unbewussten +liegende Triebe und eng mit den Persönlichkeitsstrukturen +verankerte Bedürfnisse zurückzuführen. Die Rolle von +Körperlichkeit und Emotionen wird in dieser Theorie stark diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/145.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/145.md new file mode 100644 index 0000000..7b388f3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/145.md @@ -0,0 +1,36 @@ +betont, teilweise auch überbetont, wie kritische +Strömungen der Folgezeit hervorheben (Tillmann 2000, S. +75). +Überhaupt ist Freuds Theorie in ihrer Entstehungszeit +und in der Folge immer hoch kontrovers diskutiert worden. +In der sozialisationstheoretisch relevanten Rezeption muss +vor allem die Kritik an den starken biologischen +Vorannahmen genannt werden. Hierzu gehört, dass ihre +triebtheoretische Akzentuierung dazu verleitet, die +mächtigen innerpsychischen Instanzen wie anthropologisch +universale, gewissermaßen vererbte und nicht +beeinflussbare Bestimmungsgrößen des menschlichen +Handelns wahrzunehmen. Damit wird die +psychoanalytische Theorie zu einer biologischen +Antriebstheorie, die nicht ausreichend in der Lage ist, die +psychische Verarbeitung von Umweltimpulsen durch +persönliche Bewertungen und Bewältigungsstrategien zu +berücksichtigen. Damit geht einher, dass eine +gesellschaftsdynamische Sichtweise zumeist fehlt. +Beziehungen in der Familie wurden von Freud nicht in ihrer +historischen Veränderung und Vergänglichkeit +wahrgenommen, sondern wie Naturkonstanten behandelt. +Freud fehlte der Blick dafür, dass die in der +psychoanalytischen Beratungspraxis überwiegend +vertretenen bürgerlichen Familien nur eine Sozialschicht +repräsentieren und sich mit veränderten gesellschaftlichen +Verhältnissen wandeln: »Sein individualanalytisch so +scharfer Blick trübte sich, sobald er über den Rand der +Familie hinaus den soziokulturellen Bedingungen von +Persönlichkeit nachspüren wollte. Das Fehlen eines Begriffs +geschichtlich-gesellschaftlicher Strukturen ließ ein +historisch-spezifisches Verständnis von Familie und +Individuum ebenso wenig zu wie ein mikrosoziologisches.« +(Busch 1985, S. 38) +Trotzdem kann man nicht sagen, dass die Psychoanalyse +an den Herausforderungen einer Verknüpfung der bio- mit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/146.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/146.md new file mode 100644 index 0000000..5f1fc3b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/146.md @@ -0,0 +1,34 @@ +der psycho- und soziodynamischen Sichtweise scheiterte. +Viele Anschlüsse haben genau diese Verbindung gesucht, +das psychoanalytische Denken soziokulturell Kontext +sensibel erweitert und von einer triebtheoretischen +Fixierung befreit (so Kamper 1974, s. auch die Theorie +Eriksons, die noch dargestellt wird). Gelingt das, kann der +Beitrag der Psychoanalyse für die Sozialisationstheorie +immer noch als bedeutsam eingeschätzt werden +(Leithäuser 2012). +Das Besondere liegt in der Nachzeichnung eines +Spannungsverhältnisses zwischen der inneren +menschlichen Natur von Motiven und Trieben und der +gesellschaftlichen Kultur mit ihren sozialen Normen und +Sanktionen, das die Persönlichkeitsentwicklung lebenslang +charakterisiert (Furth 1990). Interessanterweise hatten +bereits die Vertreter der Frankfurter Schule die Lücke +gesehen, die Freud dadurch gelassen hatte, dass er ein zu +wenig präzises Verständnis gesellschaftlicher +Umfeldbedingungen gelassen hatte. Die Frankfurter Schule +setzt hier die soziologische Interpretation der +Psychoanalyse an (Dahmer 2019). So hatte etwa Herbert +Marcuse auf den unterdrückenden Charakter einer Kultur +hingewiesen, die in kapitalistischen Gesellschaften das +»Es« nicht nur beherrscht, sondern so weit unterdrückt, +dass negative Auswüchse dieser Herrschaft einen Teil der +Massengewalt des 20. Jahrhunderts erklären. Eine daran +anschließende Reformulierung Freuds durch Marcuse +ergibt, dass das »Ich« sich mit dem »Es« auszusöhnen +vermag, wenn das über die herrschende Kultur vermittelte +»Leistungsprinzip«, repräsentiert im »Über-Ich«, +eingeschränkt wird (Marcuse 1990). +DER PSYCHOSOZIALE ZUGANG ALFRED LORENZERS +Alfred Lorenzer (1922–2002), der eine andere Lesart und +Weiterentwicklung des Freudschen Denkens repräsentiert, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/147.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/147.md new file mode 100644 index 0000000..fb69477 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/147.md @@ -0,0 +1,36 @@ +war wie Freud Psychiater und ebenfalls an +Psychopathologiebildung interessiert. Anders als Freud +aber geht Lorenzer weit über den klinischen Fokus hinaus +und verbindet die Psychoanalyse mit der Analyse sozialer +Kontexte, in denen Menschen leben und aufwachsen +(Leithäuser 2013). Hierzu gehören die Binnenverhältnisse +in der Familie, aber auch die Bedeutung des Spiels, der +Arbeit, des Lernens, der Religion und ihrer Wirkung auf das +Unbewusste unserer Handlungen. Bei Lorenzer wird +deutlich, dass man das Verhältnis der biologischen zur +sozialen Realität des Menschen auch streng +kontextabhängig verstehen kann, also als Prägungsvorgang +unserer Bedürfnisstruktur: »Die, im Beginn noch +organismische, Lebensgeschichte des Kindes ist ein +Vorgang zunehmender Kanalisierung der kindlichen +Bedürfnisse. Die Brechung oder, milder ausgedrückt, die +Beeinflussung der originären Bedürfnisse nimmt einen Weg, +bei dem jeder Schritt den nachfolgenden determiniert. +Umsetzung dieser Wünsche in Realität verändert das Profil +der Bedürfnisse und biegt so eine Entwicklungslinie +zunehmender Formung der Körperbedürfnisse zurecht.« +(Lorenzer 1972, S. 33) +Wie Salling Olesen & Weber (2013) argumentieren, ist +gerade Alfred Lorenzers Ansatz ein Beispiel für eine +»psychosoziale« Methodologie. Diese Methodologie +(verstanden als Anleitung für das methodische Analysieren) +ist eine Verbindung des materialistischen Denkens mit dem +der Vertreter der Frankfurter Schule und den +rekonstruktiven Ansätzen, für die zum Beispiel der Ansatz +von Ulrich Oevermann steht. Lorenzer betonte etwas +innerhalb der Freudschen Methode, was in der +Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse häufig +vergessen wird: Die Bedeutung von Beziehungsstrukturen, +die Auswirkungen von Effekten der Abstoßung und +Anziehung, die wir in sozialen Interaktionen erfahren. Die +nachfolgenden psychologischen Ansätze werden diese diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/148.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/148.md new file mode 100644 index 0000000..ea5e024 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/148.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Aspekte noch häufiger hervorheben. Es ist interessant, dass +bereits in der Auseinandersetzung mit Freud der Gedanke +aufkommt, den persönlichkeits- und sozialpsychologischen +Akzent der Psychoanalyse zu stärken. Busch (1985) sieht im +Konzept der »Identifizierung« ein Schlüsselkonzept für den +Prozess der Aneignung der äußeren Realität durch einen +Menschen. Diese Form der liebevollen Einverleibung eines +anderen Menschen wird gleichgesetzt mit Nachahmung +und Zugang zum Seelenleben des anderen, also zu einer +emotional intensiven Form der Auseinandersetzung mit +Personen aus der sozialen Umwelt. In dieser Betrachtung +ist in der psychoanalytischen Theorie der Kern für die +Analyse von Person-Umwelt-Interaktionen angelegt, die +auch für die Sozialisationstheorie konstitutiv ist. +DIE PSYCHOSOZIALE ENTWICKLUNGSTHEORIE VON +ERIK H. ERIKSON +Eine ganz wesentliche Strömung, in der die +psychoanalytische Methode eine Weiterentwicklung findet, +ist die psychosoziale Entwicklungstheorie. Viele der bereits +angesprochenen Anschlüsse und Erweiterungen der +Theorie von Freud kommen hier zur Anwendung. In +Anlehnung an Freud hat sich Erik H. Erikson (1902–1994) +um eine Einbeziehung der psychodynamischen Entwicklung +des Menschen in einen sozialpsychologischen Rahmen der +Persönlichkeitstheorie bemüht. Erikson, der in Deutschland +geboren und aufgewachsen ist, über die Tochter Sigmund +Freuds mit der Psychoanalyse in Verbindung trat und nach +der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die USA +emigrierte, hat eine deutlicher auf die sozialen und nicht +die sexuellen Funktionen der Identitätsentwicklung +ausgerichtete Spielart des psychoanalytischen Denkens +entwickelt. Er geht dabei auch über die Annahme von +Freud hinaus, die menschliche Persönlichkeit werde vor +allem in der frühen Kindheit geprägt. Seine Theorie betont diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/149.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/149.md new file mode 100644 index 0000000..ce5e216 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/149.md @@ -0,0 +1,36 @@ +die permanente Weiterentwicklung der Persönlichkeit über +die gesamte Lebensspanne hinweg, von der Geburt bis an +das Lebensende. +Persönlichkeitsentwicklung als Ablauf von Krisen und Konflikten + +Nach Erikson durchläuft eine Persönlichkeit im Laufe des +Lebens mehrere Phasen mit jeweils alters- und +entwicklungsspezifischen Konflikten, die mit mehr oder +weniger heftigen psychischen Krisen einhergehen. Sein +»Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung« beschreibt +über den gesamten Lebenslauf hinweg die Spannung +zwischen den Bedürfnissen und Wünschen eines Kindes, +Jugendlichen oder Erwachsenen und den jeweiligen +Anforderungen der gesellschaftlichen Umwelt. Die +Persönlichkeit entwickelt sich stets im Kontext sozialer +Beziehungen und folgt dabei keinen innerpsychisch +programmierten Strukturmerkmalen (Erikson 1959). +Im Lebenslauf lassen sich nach Erikson acht Phasen mit +jeweils typischen Konflikten und Krisen identifizieren. Am +Beginn des Lebens steht der Konflikt zwischen der tiefen +inneren Geborgenheit (»Urvertrauen«) und der +Enttäuschung dieses Gefühls durch die Zurückweisung +vonseiten früher Bezugspersonen, meist Mutter und Vater, +beziehungsweise durch die zunehmende Distanz zu ihnen. +Danach folgen in Kindheit und Jugend Konflikte, die Erikson +»Autonomie versus Scham« und »Werksinn versus +Minderwertigkeitsgefühl« nennt. Damit charakterisiert er +die Spannung zwischen dem unbändigen Drang nach +Selbstentfaltung, Machtausübung und dem Empfinden, den +hohen Ansprüchen an die eigene Lebensgestaltung noch +nicht gerecht werden zu können. +Beim Übergang von der Adoleszenz- in das +Erwachsenenalter spricht Erikson den Konflikt »Identität +versus Identitätsdiffusion« an und weist auf die Aufgabe +hin, zu diesem Zeitpunkt im Lebenslauf alle Zweifel am +Selbstbild überwunden zu haben. Im mittleren diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/150.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/150.md new file mode 100644 index 0000000..864be83 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/150.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Erwachsenenalter steht dann die schwierige Entscheidung +für oder gegen eigene Kinder (»Generativität versus +Stagnation«) im Vordergrund, am Ende des Lebens spielt +schließlich die Frage, ob man eine in sich stimmige oder +eine unbefriedigende Lebensbilanz ziehen könne +(»Integrität versus Verzweiflung«), die entscheidende Rolle. +Keiner dieser Konflikte kann ohne – teilweise heftige – +innere und intensive soziale Auseinandersetzungen gelöst +werden. Ihre Lösung ist aber die Bedingung dafür, dass die +Persönlichkeitsentwicklung auf einer neuen Reifestufe +erfolgreich weiterverlaufen kann. Die Lösung der +Entwicklungskrisen ist überdies auch die Voraussetzung für +die Bildung und Aufrechterhaltung einer Ich-Identität. +Eriksons Ansatz als soziale Beziehungstheorie + +Im Vordergrund von Eriksons Entwicklungstheorie stehen +die lebenslangen Koordinationsprozesse, die ein Mensch +vornimmt, um seine körperlichen und psychischen +Bedürfnisse mit den Anforderungen der sozialen Umwelt in +Einklang zu bringen. Persönlichkeitsentwicklung spiegelt +sich in dieser Theorie in den voneinander abhängigen +Prozessen der Organisation des menschlichen Körpers und +des psychischen Bewusstseins auf der einen und der +sozialen Integration und der solidarischen Orientierung am +Gemeinwesen auf der anderen Seite. Im Unterschied zur +Theorie Freuds legt die Theorie Eriksons großes Gewicht +darauf, die sinnlich-körperliche Grundlage des Erlebens +gesellschaftlich einzubetten, um den Einfluss von sozialen +Gegebenheiten auf die Gestaltung der Beziehungen +zwischen Kind und Eltern und die Bewältigung von +Beziehungskrisen in der Persönlichkeitsentwicklung zu +verstehen. +Erikson arbeitet die gesellschaftlichen und +kulturhistorischen Einflüsse auf die Struktur der Familie +heraus und öffnet damit die psychoanalytische Konzeption +für die soziologische Dimension. Die konkrete diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/151.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/151.md new file mode 100644 index 0000000..e753d59 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/151.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Beschaffenheit der sozialen Umwelt, die Freud weitgehend +ausgeklammert hat, wird damit zum Bestandteil der +theoretischen Konzeption. Mit dieser Weiterentwicklung +der Theorie verschiebt sich das analytische Interesse auf +die Bewusstseins- und Ich-Prozesse, die ein Mensch zur +Koordinierung der natürlich-sinnlichen Grundlage seines +Wesens mit den sozialen Anforderungen und +Handlungsnormen der sozialen Umwelt aktiviert. +Persönlichkeitsentwicklung spiegelt sich in dieser +Konzeption in den gegenseitig voneinander abhängigen +Prozessen der Organisation des menschlichen Körpers, der +psychischen Ich-Synthese und der sozial eingebetteten IchIdentität wider (Erikson 1973, S. 52). +DIE FÜNF ZENTRALEN +PERSÖNLICHKEITSFAKTOREN (»BIG FIVE«) +Einen ergänzenden Akzent zu den vorgestellten, +allgemeinen Persönlichkeitstheorien setzen die +»strukturellen Persönlichkeitstheorien«. Sie versuchen, die +wichtigsten Eigenschaften eines Menschen zu identifizieren +(daher werden sie auch »Eigenschaftstheorien« innerhalb +der Persönlichkeitspsychologie genannt), die über die +Qualität des Umgangs mit der äußeren Realität +entscheiden. Neben Persönlichkeitszügen und +Temperamentprofilen beschreiben sie das Eigenschaften +eines Menschen in Belastungssituationen mithilfe empirisch +gewonnener Merkmale, die Vorhersagen für künftiges +Verhalten erlauben (Schneewind 1982). Das wichtigste +Erhebungsinstrument hierfür sind +Persönlichkeitsfragebögen, die mit unterschiedlichen +Impulsen und Aufgaben arbeiten und eine +Selbsteinschätzung der Persönlichkeit ermöglichen. +Die Vielzahl von Persönlichkeitsmerkmalen, die auf diese +Weise identifizierbar sind, wird auf fünf Gruppen +konzentriert, die sich immer wieder in den verschiedenen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/152.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/152.md new file mode 100644 index 0000000..368d68f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/152.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Untersuchungen fanden. Die fünf Persönlichkeitsfaktoren +bestätigen sich in Studien zwischen verschiedenen sozialen +Gruppen innerhalb einer Bevölkerung und im +internationalen Vergleich zwischen Kulturen. Sie +umspannen nach Einschätzung der strukturellen +Persönlichkeitstheorie nicht den gesamten Bereich +denkbarer Persönlichkeitsmerkmale, erfassen aber die +wesentlichen Dimensionen der Persönlichkeit eines +Menschen. +Die fünf zentralen Persönlichkeitsfaktoren (»big five«) +sind die folgenden: +Extraversion: Hierunter fallen Persönlichkeitsmerkmale +wie gesellig, kontaktfreudig und abenteuerlustig. +Verträglichkeit: Hierunter fallen +Persönlichkeitsmerkmale wie liebenswürdig, gutmütig +und freundlich. +Gewissenhaftigkeit: Hierunter fallen +Persönlichkeitsmerkmale wie zuverlässig, ordentlich +und gründlich. +Emotionale Stabilität: Hierunter fallen +Persönlichkeitsmerkmale wie ruhig, gelassen und +selbstvertrauend. +Offenheit für Erfahrungen: Hierunter fallen +Persönlichkeitsmerkmale wie originell, kreativ und +fantasievoll. +Alle fünf Merkmale werden nach der Stärke ihrer +Ausprägung erfasst und in ihrer Kombination miteinander +zur Kennzeichnung von Persönlichkeiten herangezogen. +Verschiedene Untersuchungen verweisen auf eine hohe +Stabilität der einzelnen Merkmale und ihrer Konstellation +zueinander, das heißt auf eine Grundstruktur der +Persönlichkeit über den gesamten Lebensverlauf hinweg +(Asendorpf 1996). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/153.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/153.md new file mode 100644 index 0000000..7529dfd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/153.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die verhaltensgenetische Forschung innerhalb der +Persönlichkeitstheorie geht davon aus, dass zentrale +Persönlichkeitsmerkmale wie die in den »big five« +genannten durch persönliche Dispositionen vorstrukturiert +werden, die durch Vererbung bestimmt sind, aber durch die +familiale und soziale Umwelt modellierbar bleiben +(Asendorpf 2015; Plomin 1986; Rowe 1997, S. 88). Die +genetische Anlage führt demnach zu einer Disposition, +einer festen Bahnung von Verhaltensmustern, die durch +Umwelteinflüsse bestimmte Ausprägungen erfahren. +Die Bedeutsamkeit stabiler Persönlichkeitsmerkmale + +In Deutschland hat Becker (1995) die Annahmen zu den +stabilen Persönlichkeitseigenschaften auf die Stress- und +Bewältigungstheorie bezogen. Er identifiziert zwei +grundlegende Persönlichkeitsfaktoren, die die +Möglichkeiten und Fähigkeiten der individuellen +Problemlösung charakterisieren: »seelische Gesundheit« +und »Verhaltenskontrolle«. Seelische Gesundheit +bezeichnet die Fähigkeit zur Bewältigung externer und +interner Anforderungen. Basis der Fähigkeiten sind eine +optimistische Stimmung, seelisch-körperliches +Wohlbefinden, ständige aufmerksame Selbstbeobachtung +und das Gefühl der Wertschätzung durch andere. +Verhaltenskontrolle bezeichnet die subjektiv eingeschätzte +Kompetenz, eigene Handlungen genau zu analysieren und +zuverlässig zu regulieren. +Eine stabile und überdauernde seelische Gesundheit wird +von Becker als »aktuelles Wohlbefinden« und +»Lebensfreude« bezeichnet. Psychische Gesundheit +zeichnet sich demnach durch die Fähigkeit aus, die +Aufmerksamkeit sowohl auf die eigene Person als auch auf +die Umwelt zu richten. Psychisch Gesunde engagieren sich +in konkreten Vorhaben, sind außengerichtet und +liebesfähig, haben ein gutes Selbstwertgefühl und eine +stabile Selbstsicherheit. Sie sind in der Lage, sich diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/154.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/154.md new file mode 100644 index 0000000..73b76ff --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/154.md @@ -0,0 +1,36 @@ +selbstsicher und gestaltungsbereit der äußeren Realität +zuzuwenden, weil sie sensibel und kontrolliert mit ihrer +inneren Realität umzugehen gelernt haben (Becker 1995, +S. 263). +Die Bedeutsamkeit stabiler Persönlichkeitsmerkmale +zeigt sich nach dem »dynamisch-interaktionistischen +Modell« (Neyer/Lehnart 2015) darin, dass sich Menschen +zwar im Laufe ihres Lebens ändern, aber dennoch eine +hohe Konstanz und Kontinuität zentraler Eigenschaften +aufweisen. Trotz der Variabilität von Lebensläufen sind +Menschen und ihre charakteristischen Eigenschaften +erstaunlich robust und zugleich extrem anpassungsfähig. +Diese stabilen Eigenschaften bedingen auch, dass +Menschen ihre Umwelten aktiv aussuchen (Selektion), also +aktiv entscheiden, welchen Einflüssen sie sich selbst +aussetzen. Damit wird die soziale Umwelt immer mehr das +Resultat einer gestaltenden Persönlichkeit. Hierbei spielen +normative Übergänge (die einem festen, sozial geregelten +Schema folgen, wie etwa der Schuleintritt und -austritt +sowie der Berufsstart) und nicht-normative Transitionen +(die also keinen vorhersehbaren Regeln folgen, wie etwa +Flucht, Migration, Arbeitslosigkeit oder Krankheit) eine +zusätzlich entscheidende Rolle. +Gerade die letztgenannten Beispiele machen deutlich, +dass der Wählbarkeitscharakter (der oben genannte Aspekt +der Selektion) nicht immer mit selbst steuerbaren +Wahloptionen verbunden ist. Dies ist der Anker für eine +kritische Sicht auf die Eigenschaftstheorien der +Persönlichkeitspsychologie. Annahmen dazu, dass +Persönlichkeitsmerkmale eine hohe Beharrungskraft +besitzen, bleiben in der wissenschaftlichen Diskussion nicht +unwidersprochen (Haller/Müller 2006). Sie sind zumeist aus +seiner spezifischen Sichtweise entwickelt, die vor allem +durch das verhaltensgenetische Paradigma geprägt ist +(Gerlitz/Schupp 2005). Das bedeutet, dass die Frage +danach, wie bestimmte Persönlichkeitseigenschaften diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/155.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/155.md new file mode 100644 index 0000000..1220f33 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/155.md @@ -0,0 +1,37 @@ +entstehen, selten in eine soziale, häufiger aber in eine +biologisch-genetische Richtung interpretiert werden. Dabei +muss berücksichtigt werden, dass die Methoden, über die +solche Hypothesen getestet werden (Geschwister-, +Adoptions- und Zwillingsforschung), ebenso häufig kritisch +gesehen werden und fehleranfällig sind. Zudem lassen +Kulturvergleiche nicht in allen Fällen die Annahme der +Universalität zentraler Persönlichkeitseigenschaften zu +(Gurven et al. 2013). Zusammenfassend lässt sich von den +strukturellen Persönlichkeitstheorien nur als einem +wichtigen Impulsgeber sprechen. Alle vorliegenden +Untersuchungen und Erkenntnisse sind aber noch nicht so +anwendbar, dass sie schlüssig für eine einheitliche Lesart in +der sozialisationstheoretischen Diskussion verwendet +werden können. + +3.2 + +Lern- und Entwicklungstheorien + +Mit den Persönlichkeitstheorien zwar häufig eng +verbunden, stellen Lern- und Entwicklungstheorien ein +eigenständiges Forschungsfeld innerhalb der Psychologie +dar. Lern- und Entwicklungstheorien halten den Menschen +für grundsätzlich aktivitäts- und reaktionsbereit. +Menschliches Verhalten ist offen und steuert sich nach +Versuch und Irrtum (Trial and Error), wobei positive +Verstärkungen (zum Beispiel bei Erfolg, wenn man belohnt +wird) oder Bestrafung (z. B. Computerspielverbot) über den +Aufbau von Routinen, Wissens- und Verhaltensstrukturen +entscheiden. Dies ist eine der Grundannahme der +behavioralen Lerntheorie, die mit John B. Watson ihren +Initiator gefunden hat. +Behaviorale Lerntheorien analogisieren zumeist die +Lernmuster von Menschen und Tieren. In den berühmten +Tierversuchen von Pawlow (1960), bei denen schon die +Ankündigung von Speisen Magensekretionen auslöste, fand diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/156.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/156.md new file mode 100644 index 0000000..a88a316 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/156.md @@ -0,0 +1,36 @@ +man Belege für die Theorie der klassischen +Konditionierung. Diese wurde dann später zur Theorie der +operanten Konditionierung ausgearbeitet (Lernen durch +Belohnung). Skinner (1973) entwickelte auf dieser Basis +Konzepte des instrumentellen Lernens, wobei der Lehrstoff +in kleine und leicht zu lösende Aufgaben aufgeteilt wurde, +die systematisch aufeinander abgestimmt waren und +nacheinander gelöst werden mussten. +Nicht in allen Fällen handelt es sich beim Lernen um +einen bewussten und in der Wahrnehmung reflektierten +Vorgang. Es kann auch ein mechanisches und assoziatives +Reagieren darunter fallen, was besonders für das +nachahmende, imitative Lernen gilt, wie es vor allem beim +Erwerb von Sprache, Werthaltungen, Gewohnheiten und +sozialen Normen vorherrscht. Lernen kann mit einer +Absicht geschehen, also intentional sein, es kann aber auch +ohne Aufforderung und ohne eine besondere zugrunde +liegende Motivation erfolgen (inzidentelles Lernen, vgl. +Ulich 1991). +Lerntheorien folgen der konzeptionellen Idee, das +Verhalten eines Menschen sei durch Impulse aus der +Umwelt fast beliebig beeinflussbar. Der Begriff »Lernen« +bezeichnet Aktionen und Aktivitäten von Menschen, um +durch eigene Anstrengung und teilweise auch durch +mechanische Anpassung an Umweltgegebenheiten +bestimmte Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben. +Lernen ist also die Folge des Reagierens auf bestimmte +Reize, Vorgaben, Begrenzungen und Anregungen – und +damit die Anpassung an gegebene soziale Strukturen sowie +die Nachahmung von Verhaltensweisen anderer Menschen. +In diesem Verständnis liegen Lerntheorien auch den +Entwicklungstheorien zugrunde, die einen engen +Verwandtschaftsgrad zueinander aufweisen. Zumeist sind +beide auch Bestandteil einer breiteren Perspektive der +Entwicklungspsychologie. Sie treffen systematische +Aussagen über die Entwicklung und Veränderung von diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/157.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/157.md new file mode 100644 index 0000000..5561766 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/157.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Persönlichkeitsmerkmalen im Laufe des Lebens und liefern +gerade deshalb maßgebliche theoretische Bausteine für die +Sozialisationsforschung. Als Entwicklungstheorien +konzentrieren sie sich auf Aussagen zu aufeinander +aufbauenden Phasen und Mustern der menschlichen +Persönlichkeit über die gesamte Lebensspanne hinweg. +Dabei steht üblicherweise die Entwicklung in den frühen +Lebensabschnitten im Mittelpunkt, wobei inzwischen eine +Ausdehnung der Perspektive auf die nachfolgenden +Lebensphasen bis in das hohe Alter hinein stattgefunden +hat. Entwicklungstheorien haben sich entsprechend über +ein weites Feld klassischer und moderner Positionen in der +Psychologie ausgebreitet. Dies alles kann hier nicht +umfassend, sondern nur selektiv mit Blick auf die +wichtigsten, sozialisationstheoretisch relevanten Ansätzen +dargestellt werden (für einen ausführlicheren Überblick +vgl. Baumgart 2007). +DIE KOGNITIVE ENTWICKLUNGSPSYCHOLOGIE VON +JEAN PIAGET +Die kognitive Entwicklungspsychologie von Jean +Piaget (1886–1980) ist ein Meilenstein in der Geschichte +der modernen Psychologie. Piaget gilt als Begründer des +kognitiven Paradigmas, mit dem das vorherrschende +Schema der klassischen Lerntheorien abgelöst wurde. +Obwohl Piaget wie viele andere Vertreterinnen und +Vertreter der kognitiven Psychologie noch mit der Schule +des Behaviorismus wissenschaftlich sozialisiert wurde, geht +seine Theorie weit darüber hinaus. Eine der wesentlichen +Triebkräfte ist, dass der Mensch nicht als passiv Lernender +verstanden wird, sondern als aktiver Umwelt-Interpret. +Gegenüber der Annahme der Konditionierung im +Lernvorgang, bei dem Gewohnheiten und Belohnungen eine +Anapassungsleistung herbeiführen, formuliert Piaget die +Annahme eines bewussten Verständnisses, eines logischen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/158.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/158.md new file mode 100644 index 0000000..51caffd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/158.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Schließens und einer empathischen Variante des +Verstehens sozialer Prozesse. Der kognitive Aspekt ist +hierbei zentral. Kognitionen (von lat. cognoscere = +erkennen, erfahren) sind Verstandesleistungen, die ein +Bewusstsein voraussetzen. Piaget geht also im genauen +Gegensatz zu Watson und der klassischen Lerntheorie von +einem selbständigen Denkapparat aus, der eigene +Entscheidungen treffen kann und von extrinsischen (also +von außen kommenden), aber auch intrinsischen (autonom +erzeugten) Motivationen abhängig ist. +Piagets Ausgangsannahme ist, dass der Mensch +einerseits von seiner Umwelt beeinflusst wird und +andererseits aber auch aktiv auf sie einwirkt. In diesem +wechselseitigen Vorgang werden Verhaltensweisen des +Denkens und Strukturen der Wahrnehmung gebildet, die +sich stufenweise weiterentwickeln. Auf jeder Stufe der +Entwicklung ist schon die Voraussetzung für die nächste, +komplexere und übergreifende Struktur angelegt +(Piaget 1972; Piaget/Inhelder 1977). Wiederum im +Unterschied zu den klassischen Lerntheorien wird die +Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit also nicht als +kumulativ-additiver Prozess verstanden, in dem sich neue +Strukturen zu den schon vorhandenen hinzugesellen, +sondern als ein Vorgang der fortschreitenden +Differenzierung, indem neue Strukturen die alten +verändern und mit ihnen zusammen ein verändertes Ganzes +bilden. Persönlichkeitsentwicklung dient der immer +besseren Anpassung an Umweltbedingungen +(Montada 1998). Sie wird als ein schrittweiser Aufbau (oder +auch als »Genese«) von kognitiven Strukturen konzipiert, +aus diesem Grund wird die Theorie auch als +»strukturgenetische Theorie« bezeichnet. +Persönlichkeitsentwicklung als Ablauf von Stadien + +Der Schwerpunkt des Erkenntnisinteresses von Piaget liegt +auf der Frage, wie ein Mensch sich als aktiver Organismus diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/159.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/159.md new file mode 100644 index 0000000..83f3d30 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/159.md @@ -0,0 +1,35 @@ +mit seiner sozialen und materiellen Umwelt +auseinandersetzt und dabei Vorstellungen von der Welt +entwirft. Während der Entwicklung werden neue +Erfahrungen gesammelt. Dabei entstehen entweder +Einordnungsprobleme, weil sich neue Erfahrungen mit dem +bisherigen Entwicklungsstand des intellektuellen Niveaus +nicht immer in Einklang bringen lassen. Oder es kommt zu +einem Ungleichgewicht zwischen den Außenanforderungen +und den inneren kognitiven Strukturen, der Druck für die +Weiterentwicklung der vorhandenen Strukturen auf einem +höheren Niveau auslöst. +Von diesem Denkansatz aus wird die Theorie einer +stufenweisen Entwicklung aufeinander aufbauender +Stadien von Denkoperationen abgeleitet: +Nach Piaget durchläuft ein Kind vier Stufen der +intellektuellen Entwicklung: zuerst eine +»sensomotorische« Stufe, dann zwischen dem zweiten +und siebten Lebensjahr eine »präoperationale« Stufe, +zwischen dem siebten und elften Lebensjahr die Stufe +des »konkreten« Operierens und nach dem elften +Lebensjahr die Stufe des »formalen« Operierens. +Während in den ersten Stufen das Denken und Sprechen +eines Kindes noch durch ein egozentrisches Weltbild +geprägt sind, beginnt mit der Stufe des konkreten +kognitiven Operierens ein sachlicher Umgang mit der +Außenwelt und ihren Objekten. Die ersten Schritte des +logischen Denkens treten ein, darunter auch die +Fähigkeit, sich in Gesprächen in die Perspektive von +anderen hineinzuversetzen. +Ein abstrahierendes Denken über die äußere Realität +wird erst mit der Stufe der formalen Operation in der +Adoleszenz möglich. Jetzt kann sich ein Kind von der +konkreten Anschauung lösen und logische Operationen +verallgemeinern und abstrahieren. Im Jugendalter +beginnt die Möglichkeit, gedankliche Hypothesen zu diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/160.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/160.md new file mode 100644 index 0000000..4c68d92 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/160.md @@ -0,0 +1,34 @@ +bilden und die möglichen Folgen abzuschätzen, die +formalen Aspekte einer Argumentation zu analysieren +und hinter Einzelfällen allgemeine Gesetze zu erkennen. +Piaget konzipiert also eine für die Sozialisationstheorie +interessante Vorstellung, wonach die +Persönlichkeitsentwicklung – bei ihm sehr stark auf die +kognitive, intellektuelle Entwicklung konzentriert – durch +einen intensiven Austausch zwischen dem Organismus und +seiner Umwelt erklärt werden kann. Wie Tillmann (2000, S. +94) betont, geht diese Theorie von einem für die +Sozialisationstheorie grundlegenden Konzept des +Individuums aus, das aktiv mit der Umwelt interagiert und +sich diese in ihren materiell-dinglichen und sozialen +Komponenten aneignet. +Die Funktionen der Adaption + +Als Grundfunktion des Organismus gilt die »Adaption«, +auch als »Äquilibration« bezeichnet, nämlich die +notwendige, immer neu zu leistende Anpassung eines +menschlichen Organismus an die Umwelt. Jeder Zustand +eines Gleichgewichts geht durch Entwicklung +unvermeidlich in den Zustand eines gestörten +Gleichgewichtes über, wodurch Prozesse der Neuanpassung +von inneren Denkstrukturen an die äußere Umwelt +notwendig werden. Die Adaption ist immer auch ein +Prozess der aktiven Gestaltung der Umwelt, mit dem Ziel, +dass weitere, nachfolgende Austauschprozesse zwischen +Organismus und Umwelt begünstigt werden. +Die Anpassung und Neukoordination der Strukturen von +Organismus und Wahrnehmung setzen sich aus zwei +Modalitäten zusammen: +Assimilation, wodurch der Organismus sich +Gegebenheiten der Umwelt einverleibt, also +Umweltwissen aufbaut und die soziale und dingliche diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/161.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/161.md new file mode 100644 index 0000000..8012497 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/161.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Umwelt zu verstehen lernt. Für Piaget ist Assimilation +ein Prozess, bei dem ein Wissensvorrat beständig +aufgebaut und erweitert wird. +Akkomodation, wodurch der Organismus sich den +Gegebenheiten der Umwelt anpasst und Neues lernt. +Für Piaget ist Akkomodation der Prozess, bei dem ein +vorhandener Wissensvorrat erneuert, also altes Wissen, +das nicht mehr ausreicht, um die Umwelt zu verstehen, +korrigiert wird. +Tatsächlich sind im Prozess der Äquilibration die Vorgänge +der Assimilation und Akkomodation nie wirklich +voneinander getrennt. Sie verlaufen zumeist parallel. Wenn +ein Kind gelernt hat, dass man fremden Erwachsenen +gegenüber immer folgsam ist und sich ruhig verhält, dann +wird jede Begegnung mit einem Erwachsenen außerhalb +der eigenen Familie (Unbekannte, Nachbarn, Erzieherinnen +und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, Fremde etc.) in +dieses Wissensschema angepasst (in Piagets Sinne +»assimiliert«). Wenn aber Kinder einem erwachsenen +Clown im Zirkus begegnen, wird eine neue Kategorie der +Erwachsenen erstellt (»akkomodiert«). Ähnlich »plastisch« +ist das langsam sich differenzierende Umweltwissen. Kinder +sehen in ihrem Alltag Hunde und assimilieren jedes +vierbeinige Wesen der Kategorie Hund oder »Wau-Wau«. +Sehen Kinder dann eine Katze wird akkomodiert und was +sie zunächst Hund nennen, wird korrigiert und als Katze +oder »Miau« bezeichnet. Innerhalb der vorhandenen +kognitiven Strukturen wird damit die Kategorie Hund +erweitert und präziser eingegrenzt (Assimilation) und +gleichzeitig ein neues Tiererkenntnisschema erstellt +(Akkomodation). +Der Organismus wird von Piaget als ein offenes System +betrachtet, das in ständigem Austausch mit seiner Umwelt +steht und von ihr gestaltet und verändert wird +(Montada 1998; Piaget/Inhelder 1977). Der Motor der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/162.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/162.md new file mode 100644 index 0000000..c34c138 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/162.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Entwicklung ist die Selbstregulierung. Die kognitive +Entwicklung ist für Piaget ein spontaner Vorgang, den das +Kind selbsttätig in Gang setzt. Im Unterschied zur +klassischen Lerntheorie betont er die Regelmäßigkeiten +und Gesetzmäßigkeiten des Aufbaus von Mechanismen und +»Ordnungsschemata« bei der Auseinandersetzung des +Menschen mit seiner Umwelt. +Die kognitive Entwicklungstheorie des moralischen Urteils + +Die kognitive Entwicklungspsychologie von Piaget ist für +die Sozialisationsforschung wichtig, weil sie die Konzeption +eines durch spontane und konstruktive Aktivität +gekennzeichneten menschlichen Organismus entfaltet +(Ginsburg/Opper 1998). Sie lässt einfache, reduktionistische +Modellvorstellungen hinter sich und arbeitet differenzierte +und konstruktive Austauschbeziehungen zwischen Mensch +und Umwelt heraus. Die theoretischen Aussagen beziehen +sich dabei – ebenso wie die der Lerntheorie – auf einen +lebenslangen Prozess der Entwicklung, sie sind also nicht +auf einzelne Lebensabschnitte fixiert (Buggle 2001; +Edelstein/Hoppe-Graff 1993; Flammer 2017; +Oerter/Montada 2002). +Allerdings ist die Umweltseite in dieser Theorie nur +wenig ausgearbeitet. Das hängt mit den biologischen +Ursprüngen des Stadien-Denkens und der sehr basalen +Konzeption der Lernprozesse als Prozess der Adaption +zusammen. Die Persönlichkeit entwickelt sich nach dieser +Vorstellung aus innerpsychischen Dynamiken heraus +(Grundmann 1999, S. 23). Für Piaget ist nur von geringem +Interesse, welche Gestalt die soziale und die dinglichmaterielle Umwelt haben. Umwelten werden als eine +Voraussetzung der Persönlichkeitsentwicklung verstanden, +während ihre unmittelbare Beschaffenheit von +untergeordneter Bedeutung ist. Die Umwelt beeinflusst den +Organismus nur insofern, als sie den existierenden +Strukturen des Organismus eingegliedert werden muss. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/163.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/163.md new file mode 100644 index 0000000..8a21fb9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/163.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Der Organismus konstruiert sein +Anpassungsinstrumentarium also gewissermaßen aus sich +selbst heraus (Sutter 1999a, S. 59). +In einigen an Piaget anschließenden Theorieansätzen +wird dieses Defizit überwunden und betont, dass der +Mensch in einer sozialen und dinglichen Umwelt lebt. So +wird berücksichtigt, dass Beschleunigungen oder +Verzögerungen beim Durchlaufen der Entwicklungsstufen +vom Anregungsgehalt der sozialen und materiellen Umwelt +abhängig sind. Eine solche Erweiterung ist dem Werk von +Lawrence Kohlberg (1927–1987) zu verdanken. Kohlberg ist +Schüler Piagets, sein Schwerpunkt liegt ebenfalls in der +Entwicklungstheorie, und er untersucht ebenso wie Piaget +die verschiedenen Stufen der moralischen Urteilsfähigkeit. +Piaget hatte bereits unterschiedliche Entwicklungsniveaus +der moralischen Urteilsfähigkeit untersucht (Piaget 1986). +Kohlberg (1995) geht aber differenzierter vor und +konstruiert sechs aufeinander folgende Stadien, die +unterschiedliche Moralvorstellungen bei Kindern und +Heranwachsenden bezeichnen. Dieser Forschung zu +Grunde liegen empirische Untersuchungen, bei denen +ethische Konflikte vorgestellt und daraus Lösungen für +Interessen- und Wertkonflikte abgeleitet werden. Die +moralische Urteilsfähigkeit wird danach bemessen, auf +welchem Argumentationsniveau die Konfliktlösung und die +darin vorgeschlagenen Handlungsalternativen liegen. +Durch die Konstruktion von insgesamt sechs Stufen kann +Kohlberg ein Modell der kognitiven Entfaltung vorlegen, +das die schrittweise Entwicklung zu einer komplexen +Persönlichkeit abbildet. Die Stufen des moralischen Urteils +(Tab. 4) werden dabei mit den Stufen der intellektuellen +Entwicklung verknüpft. Die höchste Stufe der Entwicklung +ist die »prinzipiengeleitete Moral«, die zugleich als +ausgereifte Form der menschlichen Subjektentwicklung in +modernen Gesellschaften angesehen wird. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/164.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/164.md new file mode 100644 index 0000000..d80ca10 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/164.md @@ -0,0 +1,50 @@ +Moralische +Stufe + +Orientierung Perspektive + +Präkonventionelle Stufe 1: +Egozentrische / +Moral +Orientierung unilaterale Perspektive +an Gehorsam Perspektivenkoordination +und Strafe +/ mutuelle Perspektive +Stufe 2: +Instrumenteller +Austausch +Konventionelle +Moral + +Stufe 3: Moral +der guten +Beziehung +Stufe 4: +Mitglied einer +Gesellschaft + +Perspektive der +Beziehung / +Beobachterperspektive +Perspektive des sozialen +Systems + +Postkonventionelle Stufe 5 und 6: Perspektive aller +Moral +Universelle +rationalen Subjekte +Moral +Tab. 4: Stufen der Moralentwicklung nach Kohlberg. Quelle: Keller 2007, S. 151 +(Layout leicht verändert). + +Kohlbergs Stufen der Moralentwicklung haben eine +zentrale Linie der Forschung zur kognitiven Entwicklung +geprägt. Wie bei Piaget ist sein Vorgehen ein +experimentelles und er ermittelte die moralische +Urteilsfähigkeit, indem er Kindern und Jugendlichen +unterschiedliche Dilemmata-Situationen vorlegte, in den die +Befragten ein ethisch-moralisches Urteil treffen sollten. +Besonders bekannt ist das Dilemma eines Mannes, dessen +Frau an Krebs erkrankt ist und der die Krebsmedikamente +nicht kaufen kann und sie daher stiehlt (»Heinz-Dilemma«). +Kohlberg interessierte sich bei diesen Dilemmata- diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/165.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/165.md new file mode 100644 index 0000000..a9c1d08 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/165.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Situationen nicht nur für eine Lösung, sondern vor allem +für die Begründungen, wie mit moralisch schwierigen +Situationen umgegangen werden soll. Von hier aus konnte +er erkennen, welche moralischen Maßstäbe bereits +vorhanden waren. +Die an Kohlberg anschließende Diskussion erweitert noch +einmal die Perspektive auf die Moralentwicklung im Kindesund Jugendalter. Monika Keller (geb. 1943) ist eine +Expertin im Bereich der Forschung zur moralischen +Entwicklung, die gerade im deutschsprachigen Raum für +eine rege Rezeption der Annahmen Kohlbergs gesorgt +haben. Diese Arbeiten haben die moralische Entwicklung +als sozialisationstheoretische Fragestellung behandelt, die +ausdrücklich interdisziplinär zwischen der Psychologie, +Soziologie, Philosophie und Pädagogik verhandelt werden +sollte. Ihre Darstellung der Stufen der Moralentwicklung +nach Kohlberg beinhaltet (Keller 2007, S. 151): + +»Die Stufe 1 des so genannten präkonventionellen +moralischen Urteils wird wie bei Piaget als egozentrisch +gekennzeichnet, da die Interessen anderer mit den +eigenen gleichsetzt werden. Handlungen werden nicht +psychologisch interpretiert, sondern moralische Urteile +gelten als selbstevident und sind in der Setzung von +Autoritäten begründet. Autorität und moralischer Wert +werden kategorial und physikalistisch bestimmt (zum +Beispiel ist der Vater deshalb der ›Boss‹, weil er stärker +ist). Physische Bestrafung im Falle einer Regelverletzung +wird nicht nur als unvermeidliche Folge einer Verletzung +von Regeln und Geboten betrachtet, sondern die Tatsache +der Bestrafung durch Autoritäten weist diese Handlung +als moralisch falsch aus. +Die Stufe 2 des präkonventionellen moralischen Urteils +beruht auf der Fähigkeit zur Koordination konkreter +individualistischer Perspektiven. Der moralische diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/166.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/166.md new file mode 100644 index 0000000..96e60b5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/166.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Realismus der Stufe 1 wird durch einen moralischen +Relativismus abgelöst. Was moralisch richtig ist, wird aus +der Situation sowie der Perspektive des jeweiligen +Handelnden bestimmt. Interessen anderer, die mit den +eigenen konfligieren, können wahrgenommen werden, +und es werden auch Regelungen für solche Konflikte +gesucht. Die Person hat jedoch auf dieser +Entwicklungsstufe ein pragmatisch-instrumentelles Motiv, +die Befriedigung eigener Interessen zu maximieren und +negative Folgen für das Selbst zu vermeiden. Es gilt die +einfache Handlungsregel des ›tit for tat‹ – ›wie du mir so +ich dir‹. +Auf Stufe 3 des so genannten konventionellen +moralischen Urteils werden die individuellen Perspektiven +in eine Beobachterperspektive der dritten Person +integriert. Dies ermöglicht zugleich eine Perspektive der +Beziehung, in der die individuellen Interessen den +gemeinsamen Interessen der Gruppe untergeordnet +werden. Die sozialen Beziehungen beruhen auf der +gegenseitigen Anerkennung von Normen der Reziprozität. +Dazu gehören Vertrauen, Respekt, Loyalität und +Dankbarkeit. Die Geltung dieser Normen resultiert aus +einer verallgemeinerten Perspektive, die sich in der +›goldenen Regel‹ ausdrückt: ›Was du nicht willst, das man +dir tu, das füg auch keinem andern zu‹. +Auf Stufe 4 des konventionellen moralischen Urteils +beginnt sich die Person als gesellschaftliches Wesen und +als Teil eines übergreifenden sozialen Systems zu +begreifen. Pflichten und Rechte werden aus der +Perspektive des gesellschaftlichen Systems definiert. Auf +dieser Entwicklungsstufe steht die Verantwortung als +Mitglied einer Gesellschaft im Vordergrund, mit der sich +die Person identifiziert.« +Die Stufen 5 und 6 der so genannten postkonventionellen +Moral beruhen auf einer der speziellen Gesellschaft +übergeordneten Perspektive aller rationalen moralischen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/167.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/167.md new file mode 100644 index 0000000..68c4454 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/167.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Subjekte. Erst diese Perspektive ermöglicht moralische +Autonomie im Sinne einer kritischen +gewissensorientierten Haltung gegenüber den Normen +der jeweiligen Gesellschaft. Diese können unter +Einbeziehung der Verantwortung gegenüber allen +moralischen Subjekten reflektiert und kritisiert werden.« +Der sozialisationstheoretische Impuls der Forschung zur +moralischen Entwicklung ist sehr hoch. Was bei Piaget erst +begonnen hatte, hat durch die Diskussion Kohlbergs eine +größere Dynamik erhalten. Die Stufen der +Moralentwicklung sind zwar ein +entwicklungspsychologisches Thema, sie haben aber über +die Psychologie hinaus gestrahlt. Autoren wie Jürgen +Habermas haben direkt an Kohlbergs und Piagets +Untersuchungen zur moralischen Urteilsfähigkeit +angeschlossen. In den 1970er und 80er Jahren galt diese +Forschung sogar als Sprungbrett zu sozialpolitisch +relevanten Fragen. So etwa danach, wie Demokratie +möglich ist, Gesellschaften gerechter werden und weniger +Gewalt erzeugen (Edelstein/Nunner-Winkler 2000; +Edelstein/Habermas 1984). Soziale, ethische und +geschlechtsspezifische Faktoren werden als wichtige +Weichenstellungen für die Persönlichkeitsentwicklung +wahrgenommen, der Lebenslauf wird als sozial und +persönlich gestaltbar konzipiert (Garz 2006; Geulen 1987; +Keller 1990). Um so überraschender ist aus heutiger +Perspektive, dass weder die Idee der stufenförmigen +Entwicklung noch die inhaltliche Richtung der moralischen +Sozialisation eine Rolle in den Fachdebatten spielt. +DIE THEORIE DES SOZIALEN LERNENS VON ALBERT +BANDURA +Eine andere Linie der Lern- und Entwicklungstheorien ist +etwas weniger populär als die Piagets und Kohlbergs. Dafür diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/168.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/168.md new file mode 100644 index 0000000..3f8f1b5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/168.md @@ -0,0 +1,35 @@ +hat sie in der Folge eine möglicherweise sogar größere +Breitenwirkung entfalten können. In der Theorie des +sozialen Lernens von Albert Bandura (geboren 1925) wird +wie bei Piaget die mechanische Sichtweise der klassischen +behavioralen Lerntheorie verlassen und die wechselseitige +Beeinflussung von Person und Umwelt betont. Die Umwelt +wird als sozialer und strukturierter Kontext verstanden. +Lernen wird als Prozess der Aneignung von +Wissensbeständen beschrieben (Bandura 1979). Trotz +dieser Ähnlichkeiten zu den zuvor bereits genannten +Vertretern der kognitiven Psychologie, ist Bandura durch +eine andere Schwerpunktsetzung bekannt geworden. +Banduras Hauptinteresse gilt dem Prinzip des +Modelllernens. Wie Piaget und Kohlberg hat er zunächst als +experimenteller Forscher gearbeitet und am Bekanntesten +wurde sein Experiment »Bobo-Doll«. In dieser +experimentellen Anordnung schauten Kinder dabei zu, wie +ein Erwachsener eine Puppe (Bobo-Doll) aggressiv +behandelt und verprügelt. Das Ergebnis war, dass Kinder +danach häufiger ein aggressives Verhalten gegenüber BoboDoll zeigten, wenn die Erwachsenen (sichtbar für das Kind) +nicht bestraft wurden. Kinder, die gesehen hatten, wie der +Erwachsene ausgeschimpft wird, waren dagegen deutlich +weniger aggressiv. +Kinder sind – so das Credo der Theorie des Modelllernens +– sehr empfänglich für die Interpretation und Anwendung +von Verhaltensnormen. Sie deuten ihre Umwelt und +unterscheiden erwünschtes von unerwünschtem Verhalten. +Das soziale Lernen (im englischen Original heißt Banduras +Ansatz »social learning theory«) funktioniert als Aneignung +und Verarbeitung von Normen, Erwartungen und Regeln, +die Kinder in ihrer sozialen Umwelt wahrnehmen. Wie alle +anderen Lernprozesse auch ist das soziale Lernen ein +lebenslanger Prozess, hat allerdings eine besonders +formative und prägende Phase in Kindheit und Jugend. +Deswegen sind pädagogisch gezielte Steuerungen durch diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/169.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/169.md new file mode 100644 index 0000000..b4138cd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/169.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Gruppenarbeit, Rollenspiel, Übungsaufgaben und +Gespräche zur Beeinflussung des Sozialverhaltens von +Kindern und Jugendlichen besonders aussichtsreich. Auch +das Beobachtungslernen durch die Imitation eines anderen +Menschen als Vorbild spielt in dieser Perspektive eine +große Rolle (Baldwin 1974, S. 155). +Persönlichkeitsentwicklung als aktive Aneignung von Umwelt + +In der Konzeption von Bandura (1979) verarbeitet jeder +Mensch das, was er am Verhalten anderer Menschen +wahrnimmt. Jede Handlung von Menschen hat in dieser +Hinsicht eine Modellfunktion. Der Mechanismus ist +folgender: Menschen lernen, über die Wahrnehmung, +Bedeutungszuschreibung, kognitive Strukturierung, +Gewichtung und Selektion von Informationen eine +Konstruktion von Regelsystemen aus dem Verhalten +anderer vorzunehmen. Schon Kinder bauen durch den +aktiven Umgang mit anderen Menschen und insbesondere +mit Erwachsenen »generative Regelsysteme«, nämlich +begriffliche Schemata und verschiedene Stile der +Informationsverarbeitung, auf. Das Lernen am sozialen +Modell geschieht überwiegend durch Nachahmung und +Identifikation mit dem beobachteten Verhalten. +Die soziale Lerntheorie geht indes nicht von einer +einzelnen Lernperiode, sondern von der permanenten +Lernfähigkeit des Menschen über die gesamte +Lebensspanne aus. Es kommt zu dauerhaften +Veränderungen von Persönlichkeitsmerkmalen, die sich auf +den Neuerwerb und das Verlernen oder Vergessen +erstrecken. Die Veränderung kann sich sowohl auf eine +zunehmende Differenzierung von Handlungen als auch auf +eine routinierte Übertragung von Reaktionen auf jeweils +ähnliche Situationen beziehen. Veränderungen durch +Lernen umfassen verschiedene Funktionsbereiche der +Persönlichkeit, von der Wahrnehmung über Motive, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/170.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/170.md new file mode 100644 index 0000000..414f566 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/170.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Einstellungen und Bewertungen bis zu sozialen +Verhaltensdispositionen (Rosemann/Bielski 2001, S. 45). +Die soziale Lerntheorie ist noch stärker als die Ansätze +Piagets und Kohlbergs dadurch bestimmt, die Unterschiede +zur klassischen Lerntheorie Watsons darzustellen. Er setzt +sich noch deutlicher von der »bewusstlosen« Konzeption +der Reiz-Reaktions-Verbindungen ab und betont die +subjektive Verarbeitung von Erfahrungen in einem von +jedem Individuum nach eigenen Maßstäben gesteuerten +Prozess. Kreativität und Selbstverantwortlichkeit des +Menschen werden stark gewichtet. Wie Ulich (1991, S. 71) +betont, ist für Bandura Lernen niemals passive Aufnahme, +sondern immer aktive Aneignung, Verarbeitung, +Kanalisierung und Strukturierung von Erfahrungen. +Der Ansatz des sozialen Lernens im Sozialisationsprozess + +Ausgehend von ihrer gesamten Anlage, liegt der +Schwerpunkt der sozialen Lerntheorie auf der +systematischen, theoretischen und methodischen Analyse +spezifisch menschlicher Interaktion. Dabei sind die +Unterschiede zu der klassischen Lerntheorie mannigfaltig. +Bandura, der selbst noch in dem älteren Denken des +Behaviorismus geschult wurde, wirft diesem vor, die +menschliche Persönlichkeit als ein unbeschriebenes Blatt zu +verstehen, das beliebig durch äußere Umwelteinflüsse +programmiert werden könne. Seine eigene soziale +Lerntheorie will diese Defizite überwunden sehen. Sie +bezieht körperliche und psychische Anlagen der Menschen +mit ein. Ihr Fokus sind innerpsychische Vorgänge, die damit +nicht mehr länger als Blackbox der Analyse gelten, sondern +als ihr Hauptgegenstand. Dadurch ist die soziale +Lerntheorie für die Sozialisationstheorie eine hochrelevante +Basistheorie geworden. +In den 1970er Jahren hat Bandura seine Theorie erweitert +und das Konzept »Selbstwirksamkeit« zusätzlich +eingeführt. Es bezeichnet die Überzeugung eines diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/171.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/171.md new file mode 100644 index 0000000..d62dbf8 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/171.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Menschen, ein bestimmtes Verhalten in Eigensteuerung +ausführen und dabei auftretende Hindernisse oder +Schwierigkeiten überwinden zu können. Selbstwirksamkeit +ist damit eine wichtige Bedingung für jede Form der +Verhaltensänderung, weil sie Einfluss darauf hat, wie viel +Anstrengung in ein bestimmtes Vorhaben investiert und +inwieweit das gewünschte Ziel erreicht wird. Das +wiederholte Ausführen einer einzelnen Aufgabe kann nach +dieser Theorie helfen, die Selbstwirksamkeit zu stärken, +indem schrittweise die Überzeugung aufgebaut wird, dass +Effekte in bestimmten Situationen mit einer gewissen +Wahrscheinlichkeit als Folge des eigenen Verhaltens +auftreten. Diese Überzeugung wird auch als +»Ergebniserwartung« bezeichnet. +Mit dem Konzept Selbstwirksamkeit hat Bandura ein +reflexiv-motivationales Element in die Lerntheorie +eingezogen, das eine Brücke zu den Persönlichkeitstheorien +baut. Seine Lerntheorie hat ihre Leistungsfähigkeit für die +Analyse von Sozialisationsprozessen somit noch erhöht +(Bandura 1997). Die für die Sozialisationstheorie wichtigen +Anwendungsfelder der sozialen Lerntheorie liegen heute +dort, wo es um die gezielte Analyse und Beeinflussung +persönlicher Verhaltensweisen geht, die einen hohen Wert +für die weitere Persönlichkeitsentwicklung haben. Beispiele +sind das Erlernen von Verhaltensmustern in Krisenlagen, +die Einübung von gesundheitsförderlichen +Verhaltensweisen oder das Verlernen von ungesunden +Verhaltensmustern. Auf diese Weise hat die Lerntheorie +einfach zu handhabende Modelle entwickelt, die +Verhaltensbeeinflussungen ermöglichen, ohne dass die +Aufmerksamkeit vergeblich auf die Grundstrukturen der +Persönlichkeit und auf schwer veränderbare +Konstellationen der sozialen Umwelt in Familie, Freizeit +und Beruf gerichtet wird. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/172.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/172.md new file mode 100644 index 0000000..3ae2f1f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/172.md @@ -0,0 +1,35 @@ +DIE THEORIE DER SELBSTENTWICKLUNG VON +RICHARD M. LERNER +Eine stark auf die Selbststeuerungsfähigkeit des Menschen +konzentrierte Entwicklungstheorie stammt von dem +amerikanischen Sozialpsychologen Richard M. Lerner +(geboren 1946). Diese Theorie postuliert, dass sich der +Mensch als »Produzent seiner eigenen Entwicklung« nicht +nur flexibel an die Umwelt anpasst, sondern diese auch +selbst bearbeiten und gestalten kann. Im Sinne des +Ansatzes von George Herbert Mead, vor allem aber +angeregt durch die Theorie des sozialen Lernens Albert +Banduras werden durch diese Umweltgestaltung die +Rahmenbedingungen für die weitere +Persönlichkeitsentwicklung geschaffen. Es ist also nach +Lerner der Mensch, der die Bedingungen für die +»Produktion« seines Selbst herstellt (Lerner 1976). +Nach der Theorie der Selbststeuerung der menschlichen +Entwicklung sind Menschen vom Kindesalter an Gestalter +ihrer Persönlichkeit (Lerner/Busch- Rossnagel 1981). Nicht +mehr die Kontinuität der Entwicklung als eine einlinige, +streng aufeinander aufbauende Abfolge von Eigenschaften +und Merkmalen der Persönlichkeit (wie bei Piaget) wird +betont, sondern die Flexibilität, die es ermöglicht, auch +über Diskontinuitäten der persönlichen Entwicklung +hinweg ein Persönlichkeitskonzept aufrechtzuerhalten. +Besonders wird die individuelle Einmaligkeit jeder +Persönlichkeit herausgestellt, die auch dann hervortritt, +wenn die gleichen kulturellen, sozialen und physikalischen +Umweltbedingungen gegeben sind. Diese Selbstentfaltung +des Individuums wird aber nur als möglich erachtet, wenn +ein Mensch sich auf die soziale Umwelt und ihre +Bedingungen einlässt und sich aktiv an der Gestaltung +dieser Umwelt beteiligt. Zufriedenheit mit der eigenen +Persönlichkeitsentwicklung kann sich nur dann einstellen, +wenn eine realistische Einschätzung der jeweiligen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/173.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/173.md new file mode 100644 index 0000000..802442a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/173.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Entfaltungsmöglichkeiten besteht. Menschen sind in +diesem Verständnis individuelle Gestalter ihrer +Lebensverläufe. +Die Persönlichkeitsentwicklung vollzieht sich nach Lerner +in einem Prozess der Selbstregulation durch Rückkopplung: +Auf dem jeweils erreichten Stand der Auseinandersetzung +mit den körperlichen und psychischen Anforderungen +justiert der Mensch seine Erwartungen und Ziele für +künftige Handlungen jeweils neu. Um diese Erwartungen +und Ziele umsetzen zu können, werden die bisherigen +Muster der Bewältigung von Anforderungen korrigiert und +neu ausgerichtet. So kommt es zu einer permanenten +Selbstregulation des Handelns im Entwicklungsverlauf, also +zu einer Eigensteuerung der Persönlichkeit. +Die Theorie des Individuums als Produzent seiner eigenen +Entwicklung betont die Spielräume, die Menschen offen +stehen, um den sozialen und physischen Kontext, der sie +beeinflusst, durch eigene Aktivitäten auch selbst zu formen +und damit die Richtung künftiger Umwelteinflüsse +mitzubestimmen. Außerdem haben Menschen die +Möglichkeit, bestimmte soziale und räumliche Kontexte +auszuwählen und andere zu meiden. Auch hierdurch +nehmen sie Einfluss auf Umweltimpulse, die ihre +Persönlichkeitsentwicklung formen, und erzeugen so in +Eigenregie ein von ihnen mitbestimmtes Feedback. +Für Lerner spielen die Entwicklungsherausforderungen +während des gesamten Lebenslaufs eine große Rolle, +besonders in der Lebensphase Jugend. In diesem +Lebensabschnitt werden Menschen – ganz im Sinne der +Entwicklungstheorie von Erikson – mit einer Vielzahl +körperlicher, psychischer, emotionaler, kognitiver und +sozialer Anspannungen konfrontiert, die »Stress« erzeugen +können. In der Jugendphase entscheidet sich, ob das +Bedrohungspotenzial von Belastungen, die etwa durch eine +persönliche Krise, einen Unfall oder eine Krankheit bedingt +sein können, und die eigenen Fähigkeiten so realistisch diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/174.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/174.md new file mode 100644 index 0000000..d43aa48 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/174.md @@ -0,0 +1,34 @@ +eingeschätzt werden, dass angespannte Situationen auch +wirklich erfolgreich gemeistert werden können. Hiervon +hängt ab, ob für den weiteren Lebenslauf eine sichere Basis +für Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit gelegt werden +kann (Hurrelmann/Quenzel 2013). +Je nach Bewältigungsstrategie kommt es auch in dieser +Theorie im positiven Fall zur Aufrechterhaltung oder +Wiederherstellung der seelischen und körperlichen +Gesundheit, im negativen Fall zu einer Störung der +Entwicklung. Der Erfolg der Bewältigungsstrategien hängt +davon ab, welche psychischen, sozialen und kulturellen +Ressourcen einem Menschen für den Abbau der Belastung +zur Verfügung stehen. +DIE ÖKOLOGISCHE ENTWICKLUNGSTHEORIE VON +URIE BRONFENBRENNER +Die ökologische Entwicklungspsychologie stellt eine +weitere Variante der Entwicklungstheorien dar. Sie steht +zwar ebenfalls auf dem Boden der kognitiven Psychologie, +hebt aber viel deutlicher als zuvor Richard M. Lerner die +Kontextbedeutung für die Entwicklung hervor. In der +ökologischen Entwicklungstheorie ist der Mensch zwar +Gestalter seiner Entwicklung und ein sich selbst +reflektierendes Wesen, das ein Bild von seiner Umwelt +aufbaut und flexibel modifiziert. Menschen und ihre +Umwelt werden aber viel deutlicher als ein Gesamtsystem +verstanden, wobei die Veränderungen von Mensch und +Umwelt jeweils transaktional (sich wechselseitig +beeinflussend) verlaufen. Der Mensch wird in dieser +Theorie als Produkt und Gestalter seiner Umwelt zugleich +gesehen. Die konkrete Beschaffenheit der sozialen und +materiellen Umwelt ist der Hauptgegenstand der Theorie +(Epp 2018). +Der Begründer der ökologischen Entwicklungstheorie ist +Urie Bronfenbrenner (1917–2005). Bronfenbrenner wird in diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/175.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/175.md new file mode 100644 index 0000000..0e42cb5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/175.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Moskau geboren, erhält seine Ausbildung aber in den USA, +wo er lebte und lehrte. Sein Ansatz einer ökologischen +Entwicklungstheorie sieht die Beziehung zwischen Person +und Umwelt als eine intensive Gegenseitigkeitsbeziehung +(Bronfenbrenner 1976 und 1981). Dabei entwickelt +Bronfenbrenner ein Modell der schrittweisen Erschließung +von Lebensräumen, von den unmittelbaren zu den +entferntesten Lebensbereichen. Er selbst benennt dies als +»Ökologie der menschlichen Entwicklung«, sie »befasst +sich mit der fortschreitenden gegenseitigen Anpassung +zwischen dem aktiven, sich entwickelnden Menschen und +den wechselnden Eigenschaften seiner unmittelbaren +Lebensbereiche. Dieser Prozess wird fortlaufend von den +Beziehungen dieser Lebensbereiche untereinander und von +den größeren Kontexten beeinflusst, in dies eingebettet +sind.« (Bronfenbrenner 1981, S. 37) Er unterscheidet vier +Systemebenen: +»Ein Mikrosystem ist ein Muster von Tätigkeiten und +Aktivitäten, Rollen und zwischenmenschlichen +Beziehungen, das die in Entwicklung begriffene Person +in einem gegebenen Lebensbereich mit seinen +eigentümlichen physischen und materiellen Merkmalen +erlebt.« (Bronfenbrenner 1981, S. 38) Für +Bronfenbrenner ist das typische Mikrosystem die +Familie als die unmittelbare Umgebung, in der das Kind +lebt. Es umfasst die persönlichen Beziehungen zwischen +den Familienmitgliedern und die räumlichen und +ökonomischen Gegebenheiten von Haus und Straße. In +Bronfenbrenner eigener Definition des Mikrosystems +betont er aber auch den Aspekt des Erlebens des +persönlichen Lebensbereiches. Er betont dabei selbst. +»Ein entscheidender Terminus in der Definition des +Mikrosystems ist das Wort ›erlebt‹. Ich möchte durch +diesen Ausdruck deutlich machen, dass nicht nur die +objektiven Eigenschaften der Umwelten diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/176.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/176.md new file mode 100644 index 0000000..8b58a43 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/176.md @@ -0,0 +1,36 @@ +wissenschaftlich relevant sind, sondern auch die Art und +Weise, wie diese Eigenschaften von den Personen in +diesen Umwelten wahrgenomen werden.« +(Bronfenbrenner 1981, S. 38) +Das Mesosystem stellt die nächsthöhere Ebene dar und +besteht aus den Wechselbeziehungen zwischen +Mikrosystemen, zum Beispiel den Beziehungen zwischen +der Kernfamilie und dem Kindergarten. Nach +Bronfenbrenner ist es »die Wechselbeziehungen +zwischen den Lebensbereichen, an denen die sich +entwickelnde Person aktiv beteiligt ist (für ein Kind etwa +die Beziehungen zwischen Elternhaus, Schule und +Kameradengruppe in der Nachbarschaft; für einen +Erwachsenen die zwischen Familie, Arbeit und +Bekanntenkreis).« (Bronfenbrenner 1981, S. 41) +Bronfenbrenner bezeichnet das Mikrosystem als +»System von Mikrosystemen« (Bronfenbrenner 1981, S. +41), also Verschachtelung und Verbindung der +unterschiedlichen Mikrosysteme. +Erst das Exosystem bezeichnet für Bronfenbrenner +einen Systembereich, für die Lebensbedingungen eines +Menschen entscheidend ist, der aber nicht unmittelbar +erlebt wird. Das Exosystem ist also im engeren Sinne +eine rahmende soziale Bedingung (wie die Ebene der +lokalen Politik, der Schulsteuerung, der +Arbeitsbedingungen der Eltern), es meint »einen +Lebensbereich oder mehrere Lebensbereiche, an denen +die sich entwickelnde Person nicht selbst beteiligt ist, in +denen aber Ereignisse stattfinden, die beeinflussen, was +in ihrem Lebensbereich geschieht, oder die davon +beeinflusst werden.« (Bronfenbrenner 1981, S. 42) +Das Makrosystem ist in dieser Hinsicht noch einmal +Steigerung der distalen (also von der Person entfernten) +Bedingungen, die aber dennoch einen rahmenden und +beeinflussenden Charakter haben. Das Makrosystem ist +das System mit der größten Reichweite und stellt diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/177.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/177.md new file mode 100644 index 0000000..4d5aa99 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/177.md @@ -0,0 +1,35 @@ +gesellschaftliche Zusammenhänge dar, die ihrerseits +Mikro-, Meso- und Exosystem beeinflussen. Im +Makrosystem bildet sich die Gesamtkultur einer +Gesellschaft mit ihrer Werte- und Normstruktur, aber +auch der dominierenden Regierungs- und +Wirtschaftsform ab. In Bronfenbrenners eigener, etwas +umständlicher Beschreibung bezieht sich der »Begriff +des Makrosystems (…) auf die grundsätzliche formale +und inhaltliche Ähnlichkeit der Systeme niedrigerer +Ordnung (Mikro-, Meso- und Exo-), die in der Subkultur +oder der ganzen Kultur bestehen oder bestehen +könnten, einschließlich der ihnen zugrunde liegenden +Weltanschauungen und Ideologien.« +(Bronfenbrenner 1981, S. 42) +Die verschiedenen Systeme (später noch das +Chronosystem, das Entwicklungen und Einflüsse zwischen +Systemen im zeitlichen Verlauf abbildet) kann man sich +ineinander geschaltet vorstellen. Mit voranschreitender +Entwicklung bekommt der Mensch Zugang zu +Lebensbereichen außerhalb des familiären Mikrosystems +und entwickelt die Fähigkeit, die Einflüsse verschiedener +Lebensbereiche miteinander zu verbinden (Ditton 2006). +Lebensbereiche werden in dem Maße als +entwicklungsfördernd klassifiziert, wie sie es der sich +entwickelnden Person ermöglichen, an fortschreitend +komplexeren Tätigkeiten, zwischenmenschlichen +Beziehungen und sozialen Rollenstrukturen teilzunehmen. +Dabei ist die Verschachtelung der unterschiedlichen +Systeme auch eine der Vermittlung. +Das Makrosystem, das in den meisten westlichen +Gesellschaften durch eine kapitalistische +Wirtschaftsstruktur oder durch eine demokratische +Verfassung geprägt ist, strukturiert Lebens- und +Arbeitsbedingungen im Exosystem. Das heißt, es gibt sozial +differenzierte, aber auch selektive Wohngebiete, die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/178.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/178.md new file mode 100644 index 0000000..abf183b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/178.md @@ -0,0 +1,34 @@ +unterschiedliche anregende Wohnbedingungen zur +Verfügung stellen, unterschiedliche Alltagsbedingungen, +Kontakte zu Gleichaltrigen etc. Diese Bedingungen wirken +wiederum auf Meso- und Mikrosysteme und bedeuten eine +unmittelbare Wirkung auf die Person und ihre täglichen +Routinen. Hierzu gehört die Erwartung von Verlässlichkeit +und Unversehrtheit (durch die Garantie von Rechten), die +Erfahrung von Wohlstand und Wohlstandsgefälle oder +variierende Muster der Zeiteinteilung und +Freizeitgestaltung (die beispielsweise durch Bedingungen +auf der Exo- und Makroebene wie die Verbreitung von +social media oder die Anforderungen an Bildungsbiografien +geformt werden). +Die menschliche Entwicklung wird als die dauerhafte +Veränderung der Art und Weise verstanden, wie die Person +auf die Umwelt eingeht und sich mit ihr auseinandersetzt: +»Menschliche Entwicklung ist der Prozess, durch den sich +die entwickelnde Person erweiterte, differenziertere und +verlässlichere Vorstellungen über ihre Umwelt erwirbt. +Dabei wird sie zu Aktivitäten und Tätigkeiten motiviert und +befähigt, die es ihr ermöglichen, die Eigenschaften ihrer +Umwelt zu erkennen und zu erhalten oder auf nach Form +und Inhalt ähnlich komplexem oder komplexerem Niveau +umzubilden« (Bronfenbrenner 1981, S. 44). Das +entwicklungsfördernde Potenzial eines Lebensbereiches +wächst demnach mit der Anzahl der unterstützenden +Verbindungen zu anderen Lebensbereichen. Das Potenzial +eines Lebensbereichs wird in dem Ausmaß gesteigert, in +dem den Beteiligten Verbindungen offenstehen, die es +ihnen erlauben, Unterstützungen und +Entscheidungsfindungen den Bedürfnissen der sich +entwickelnden Person und den Bestrebungen ihrer +Vertreterinnen und Vertreter entsprechend zu beeinflussen. +Das sozialisationstheoretische Potenzial Bronfenbrenners diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/179.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/179.md new file mode 100644 index 0000000..b72cc19 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/179.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Bronfenbrenners Konzeption kennt im Unterschied zu +anderen lern- und entwicklungspsychologischen Ansätzen +keine feste Abfolge von Entwicklungsschritten der +Persönlichkeit. Bronfenbrenner teilt aber einige der +wichtigsten Annahmen anderer Lern- und +Entwicklungstheorien, indem Entwicklung als der +summierte Niederschlag der Anregungsimpulse der +sozialen Umwelt verstanden wird. Die Entwicklung der +Persönlichkeit folgt in Bronfenbrenners Konzeption keinen +zwingend aufeinander aufbauenden Regelmäßigkeiten und +steuert auch nicht auf irgendeinen Ziel- oder Endzustand +hin, sondern ist prinzipiell formbar und beeinflussbar. +Trotzdem kennt Bronfenbrenner so etwas wie den sich +herausschälenden Kern einer Persönlichkeit. Er nennt dies +»molar« und mein damit eine Persönlichkeits-, Aktivitätsund Handlungsebene: »Eine molare Tätigkeit oder Aktivität +ist ein über eine gewisse Zeit fortgesetztes Verhalten, das +sine eigenes Beharrungsvermögen besitzt und von den am +Lebensbereich Beteiligten als bedeutungs- oder absichtsvoll +wahrgenommen wird.« (Bronfenbrenner 1981, S. 60) +Bronfenbrenner weist auf die Beständigkeit von +Persönlichkeitszügen hin und man könnte hierin auch eine +Ähnlichkeit zu jenen Theorien kennen, die von den festen +Dispositionssystemen eines Menschen ausgehen (etwa auch +Bourdieus Habitus-Annahme). Es finden sich aber wichtige +Ansatzpunkte für die Ähnlichkeit zu anderen +Entwicklungstheorien. Mit jedem Schritt des Übergangs +von einem Lebensbereich in einen anderen und mit jeder +Erweiterung des sozialen Aktionsradius eines Menschen +tritt nach Bronfenbrenner die Erweiterung der jeweils +spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen ein +(Grundmann/Lüscher 2000; Magnusson/Allen 1984; +Silbereisen 1986). Der Mensch ist also ein Wesen, dass +Wissen und Fertigkeiten akkumuliert und dadurch immer +besser anpassungsfähig ist an die Herausforderungen, die +sich in unterschiedlichen Handlungssystemen stellen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/180.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/180.md new file mode 100644 index 0000000..5fbf2c4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/180.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die besondere Leistung der ökologischen +Entwicklungspsychologie besteht darin, Umwelteinflüsse +als Bedingungszusammenhänge für die menschliche +Persönlichkeitsentwicklung zu erkennen. Die interaktive +Einbettung kognitiver und sozialer Strukturen bei Kindern, +Jugendlichen und Erwachsenen wird ausdrücklich +berücksichtigt. Diese geht weit über die Betrachtung von +Umweltaspekten bei Piaget und Kohlberg hinaus. Merkmale +von Interaktionsprozessen werden als Bedingungen für den +Aufbau von individuellen Kompetenzen betrachtet und auf +ihre Förderlichkeit für die Persönlichkeitsentwicklung +abgefragt. Dabei wird zudem – eine Neuerung innerhalb +der Sozialisationsforschung – die gesamte Lebensspanne +berücksichtigt (Baltes/Featherman/Lerner 1988). +Allerdings bleiben viele Fragen auch bei Bronfenbrenner +noch unbeantwortet. Seine mikroanalytischen Studien sind +intensiv, aber Zusammenhänge zwischen verschiedenen +Merkmalen der Interaktionssituation und umfassenderen +sozialstrukturellen Bedingungen werden nur postuliert. Wie +die Mikrostruktur (etwa der Lebensbedingungen) mit der +Makrostruktur (Organisation ökonomischer, politischer und +sozialer Gegebenheiten) zusammenhängt, wird nicht +detailliert analysiert. Allerdings ist durch das Modell der +Einbettung der unmittelbaren Lebensbereiche in +konzentrisch angeordnete weitere Lebensbereiche, die sich +wechselseitig beeinflussen, das Spektrum der theoretisch +für wichtig erachteten Faktoren klar benannt. +Weiterführungen dieser Theorie sind vor allem bei +Ansätzen zur frühkindlichen Sozialisation vorgelegt worden +(Grundmann/Lüscher 2000). Diese Arbeiten gehen von der +zentralen Vorstellung Bronfenbrenners aus, dass +Sozialisation und Erziehung auf eine möglichst umfassende +Entwicklung und Förderung der kindlichen Persönlichkeit +zielen und dazu beitragen sollen, die Heranwachsenden zu +Individualität, kritischer Wahrnehmung ihrer selbst und der +Umwelt sowie zu sozialer und emotionaler Kompetenz zu diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/181.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/181.md new file mode 100644 index 0000000..30e129a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/181.md @@ -0,0 +1,17 @@ +führen. Dippelhofer-Stiem (1995) bezeichnet diese +Vorstellung als »Ideal der allseits entwickelten +Persönlichkeit« und analysiert, welches die +Umweltgegebenheiten sind, die eine fördernde oder +hindernde Rolle für die Entwicklung einzelner +Persönlichkeitsdimensionen bei Kindern spielen. Sie +erarbeitet ein »Mehrebenen-Modell der +Sozialisationsumwelt« für Kinder, das eine +Weiterentwicklung des Konzepts von Bronfenbrenner +darstellt, und legt großen Wert darauf, dass nicht nur die +Mikro-, Meso-, Exo- und Makro-Systeme jeweils die richtige +Ausprägung nach Dimensionen einer förderlichen +ökologischen Umwelt annehmen müssen, sondern vor allem +auch das Zusammenspiel der Systeme diesen Kriterien zu +folgen hat. Jedes der einzelnen Systeme umfasst +spezifische, für die Sozialisation relevante Muster von +Aktivitäten, Rollen und Angeboten, die sich auf sozialräumlicher Ebene entfalten. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/182.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/182.md new file mode 100644 index 0000000..7516f44 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/182.md @@ -0,0 +1,3 @@ +III. +Das Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung (MpR) diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/183.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/183.md new file mode 100644 index 0000000..16cafea --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/183.md @@ -0,0 +1,34 @@ +4. + +Die Verbindung soziologischer +und psychologischer +Propädeutik + +Die Entwicklung der Sozialisationstheorien ist an eine +inzwischen über einhundertjährige Geschichte des Themas +Sozialisation gekoppelt. Hierzu haben Dutzende +Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beigetragen. +Zahlreiche dieser Theorien haben sich monodisziplinär +entwickelt, in einigen Entwicklungen der Fachdebatte +zeigen sich aber auch die Spuren eines regen +interdisziplinären Austausches. Die soziologische +Diskussion bietet im ausgehenden 19. Jahrhundert bis +heute den größten Antrieb, das Thema zu bearbeiten. In +der Psychologie ist das Sozialisationsthema selten +terminologisch explizit, dafür aber in fast allen +Grundlagentheorien der Entwicklungs-, Lern- und +Persönlichkeitspsychologie implizit vorhanden. Ebenso wie +die soziologische Diskussion durch die Verbreiterung in +einen sozial- und erziehungswissenschaftlichen Diskurs nur +noch künstlich isoliert werden kann, ist die psychologische +Perspektive durch die Debatte in den Neurowissenschaften, +der Genetik und Epigenetik ergänzt worden. Wir sprechen +heute darum von unterschiedlichen disziplinären +Traditionen, die immer noch erkennbar sind, und damit +auch unterschiedlichen Perspektiven, mit denen das Thema +Sozialisation erschlossen wird. +VON DER STRUKTUR- ZUR SUBJEKTORIENTIERUNG +Zunächst waren es die frühen soziologischen Theorien von +Simmel und Durkheim, die stark auf die Integration des +Menschen in die soziale Ordnung der Gesellschaft, auf die +»Vergesellschaftung der menschlichen Natur«, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/184.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/184.md new file mode 100644 index 0000000..0c6217d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/184.md @@ -0,0 +1,36 @@ +ausgerichtet waren. Alle nachfolgenden soziologischen +Theorien haben hingegen den Schwerpunkt der +wissenschaftlichen Analyse auf das Wechselspiel von +Individuum und Gesellschaft und das spannungsreiche +Ausgleichen von individuellen Bedürfnissen der +Identitätssicherung einerseits und sozialen +Integrationsanforderungen andererseits verschoben. Es +bedurfte also einer Übergangs- und Entwicklungszeit, bis +sich entsprechende Denk- und Theoriemuster in der +Debatte durchgesetzt haben. Der interaktionistische Ansatz +Meads mit seiner Vorstellung vom Menschen als +schöpferischem Gestalter seiner sozialen Lebenswelt war +für diese Sichtweise bereits wegweisend. Auch Parsons +schlägt mit seinem Konzept der gegenseitigen +Durchdringung der Systeme Organismus, Person und +Gesellschaft eine solche interaktionistische Richtung ein. +Später ist es Bourdieus Praxeologie, die wie keine andere +die Komplexität eines Ansatzes in sich aufnimmt, der die +beiden auseinanderliegenden Pole Individuum und +Gesellschaft in sich aufzunehmen weiß. +Vom Außen- zum Innenleben im Sozialisationsprozess + +Von heute aus betrachtet entwirft der soziologische +Fachdiskurs ein an Komplexität gewinnendes Bild. In +diesem ist Sozialisation nicht ein Prozess, durch den +heranwachsende Individuen befähigt werden, +gesellschaftliche Anforderungen an ihr Handeln zu erfüllen, +sondern Menschen werden in allen Stadien ihrer +Entwicklung immer schon als Persönlichkeit aktiv. Die +neuere Kindheitsforschung, die später eingeführt wird, +wird diesen Standpunkt parallel stark machen. In ihr +werden Kinder als »Beings« (als bereits »Agierende«) und +nicht als »Becomings« (also nur als »Werdende«) +bezeichnet. Ebenso deutlich wie andere soziologische und +psychologische Theorien wendet sie sich damit gegen die +ältere Vorstellung des passiven Subjekts im diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/185.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/185.md new file mode 100644 index 0000000..e1da8cc --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/185.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Sozialisationsprozess, das nur geprägt von den +Umweltstrukturen wird, aber selbst die Umwelt nicht +prägen kann. +Auch die übrigen vorgestellten Theorien betonen die +Eigenleistungen des menschlichen Subjekts bei der +Persönlichkeitsentwicklung und Individuation. Sie sind +jeweils darum bemüht, die Mechanismen zu identifizieren, +über die äußere, gesellschaftliche Einflüsse auf innere, +persönliche Merkmale und Strukturen einwirken. Sie +verweisen auf die sozialen und kulturellen Erwartungen +der Umwelt, auf die Anforderungen und Anregungen +sozialer und ökologischer Lebensräume und auf die +Möglichkeiten des Menschen, die eigene Persönlichkeit +durch aktive Interaktion mit der sozialen Umwelt selbst zu +gestalten. Bourdieu vertritt aber auch die wieder auf die +Strukturen gerichtete Perspektive, die deutlich macht, dass +es einen langen Arm der sozialen Strukturen gibt. Dieser +reicht weit bis in die Entwicklung der kognitiven +Instrumente hinein, die der Mensch zur Welterschließung +benötigt. Bourdieu spricht hier von den Wahrnehmungs-, +Denk- und Handlungsschemata des Menschen, die sich in +seinem Habitus niederschlagen. Auch der Habitus +verkörpert also beides: das Weiterwirken der Umwelt in +den Denkwerkzeugen eines Menschen und gleichzeitig die +Fähigkeit, kreativ und innovativ die eigene Entwicklung zu +steuern. +Die psychologischen Theorien wirken für eine solche +Sichtweise wie eine Blaupause. Auch sie kennen die ältere +Perspektive der dominierenden gesellschaftlichen +Strukturen, die die Lern- und Entwicklungsvorgänge +strukturieren und damit die Persönlichkeit determinieren +(Freud, Watson). Erst die weitere Entwicklung im +Fachdiskurs öffnet diese sehr enge Perspektive. Die +vorgestellten Persönlichkeitstheorien, etwa die von +Erikson, verweisen wie die Entwicklungs- und Lerntheorien +von Lerner bis Bronfenbrenner neben den sozialen und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/186.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/186.md new file mode 100644 index 0000000..5dfd280 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/186.md @@ -0,0 +1,35 @@ +kulturellen Erwartungen, die an einen Menschen gerichtet +werden, auf die Eigenleistungen der Subjekte. Den +Durchbruch erreichen die kognitiven Lerntheorien. +Banduras und Piagets Zugänge bedeuten für die +Psychologie einen Paradigmenwechsel. Die »kognitive +Wende« legt sie aber auch auf eine Verkleinerung des +Forschungsfokus fest. Mehr und mehr wird die Psychologie +eine Wissenschaft des menschlichen Innenlebens, bei der +vor allem Sinnes- und Hirnaktivitäten im Mittelpunkt +stehen. +Auf diese Weise ergänzen psychologische die +soziologischen Positionen grundlegend. Sie öffnen +gewissermaßen das Fenster von einem Außen- in das +Innenleben des Individuums, indem sie die Übersetzung +der Umwelterfahrungen in Prozesse der kognitiven +Informationsverarbeitung nachzeichnen. +Ansätze zu einem Paradigmenwechsel + +In gewisser Weise beschreibt diese Hinwendung zum +Subjekt bereits eine bestimmte Tendenz, nämlich die +zunehmende Bedeutung von Individualität bzw. des +einzelnen Subjektes im Sozialisationsprozess. In einem +über einhundertjährigen Verlauf der Debatte ist es zu +dieser Verschiebung gekommen. Finden Verschiebungen +wie diese in einem Wissenschaftsfeld statt, wird auch von +einem neuen Paradigma (also einem neuem Denkrahmen) +oder einem Paradigmenwechsel gesprochen. Einen solchen +Paradigmenwechsel wahrzunehmen, heißt aber auch, +neben den Fortschritten auf eventuelle (neue) Probleme +hinzuweisen, die sich für die Forschung ergeben. Für den +Forschungsgegenstand Sozialisation bedeutet dies: Ist die +Geschichte der Sozialisationstheorie lediglich eine +Erfolgsgeschichte und bereits abgeschlossen? Oder können +wir auch noch weiße Flecken auf der Landkarte des +Sozialisationsthemas finden? diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/187.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/187.md new file mode 100644 index 0000000..16b997c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/187.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Tatsächlich erlaubt eine Einschätzung beides. Es gibt +keine vollständige Abgeschlossenheit, aber auch keine +Notwendigkeit, neue Theorien zu erfinden. Wir müssen +vielmehr sehen, dass Sozialisation als Thema in der +Soziologie und Psychologie, als Gegenstand der +Theoriebildung und der empirischen Forschung eine +Wandlungsbewegung durchlebt hat: Standen in den +Gründerjahren der Sozialisationstheorie +Vergesellschaftungsaspekte im Vordergrund, sind es heute +eher die Individuationsaspekte. Die Aufmerksamkeit dieser +historisch älteren Ansätze (und hier weisen die +soziologischen und psychologischen Klassiker mehr +Übereinstimmungen als Unterschiede auf) richtet sich auf +die Übertragung gesellschaftlich normierter Erwartungen, +die von außen an die Persönlichkeit der +Gesellschaftsmitglieder gestellt werden. Durkheim und +Simmel, aber auch Freud und Watson sind sich hieran +einig: der Impuls für Sozialisation geht von der Außenwelt +aus. +Die Gleichsetzung von Sozialisation mit dem Prozess der +Anpassung an vorgegebene soziale Strukturen stellt über +Jahrzehnte hinweg das ausdrückliche Motto der +Sozialisationsforschung dar. Das Leitmotiv der Integration +von Gesellschaftsmitgliedern in ein soziales Gefüge ist mit +der Frage verbunden, wie Menschen die grundlegenden +Kompetenzen erwerben, um in einer sozialen Gruppe +handeln zu können. Die damit verbundene Stoßrichtung +bleibt bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage +der gesellschaftlichen Stabilität und der Reproduktion der +sozialen Strukturen. Diese wird durch die erwähnten +Strömungen in der Soziologie, etwa den +Strukturfunktionalismus und den materialistischmarxistischen Ansatz, gleichermaßen gestützt. Sie sind +Denkschablonen, die natürlich auch in der Psychologie +vorhanden sind (so etwa im Behaviorismus und der +Psychoanalyse). Mit dieser Akzentuierung ist das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/188.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/188.md new file mode 100644 index 0000000..552abd6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/188.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Sozialisationsparadigma ab der Mitte des 20. Jahrhunderts +zu einem Kernbestandteil unseres Denkens über das +Soziale geworden (Veith 2008; Hörner/Drinck/Jobst 2010; +Tillmann 2000). +Diese generelle Vorstellung der Prägewirkung durch +Umweltbedingungen, die bis in die 1960er Jahre hinein +sozialisationstheoretische Ansätze dominierte, wird +seitdem mehr und mehr zurückgedrängt. Insbesondere die +zunehmende Kritik an den strukturfunktionalistisch +inspirierten Strömungen im Anschluss an Parsons macht +das deutlich. Zunächst wird das Konformitätsmodell der +strukturfunktionalistischen Rollentheorie kritisiert, wonach +der einzelne Akteur immer nur als eine Art Anhängsel +gesellschaftlicher Strukturen gilt. Dann kommt es zu +grundsätzlicher Kritik an der Parsons vorgeworfenen +Vorstellung der »gesellschaftlichen Übersozialisierung«, +etwa durch den Aufsatz von Dennis Wrong (1961) mit dem +Titel »The oversocialized concept of man« oder in +Deutschland durch die Arbeiten von Gerhard +Wurzbacher (1963). +Mit der Zurückweisung einer lediglich passiven +Subjektivität entwickelt sich in der Sozialisationsforschung +eine anti-deterministische (also eine gegen die Vorstellung +der Dominanz sozialer Strukturen gerichtete) Tendenz. +Insbesondere der Aspekt der gesellschaftlichen Prägung +und der Anpassung an vorgegebene soziale Strukturen, der +als »Vergesellschaftung« verstanden wurde, wird mehr und +mehr relativiert. An seine Stelle tritt ein Leitverständnis +von Sozialisation als »Individuation«, als Entwicklung zu +einer autonomen, sich selbst steuernden Persönlichkeit. Die +Perspektive auf die Entwicklung von +Persönlichkeitsmerkmalen, Fähigkeiten und Kompetenzen, +um eigenständig und autonom zu handeln, besitzt – nicht +zufällig – seine Verankerung in der psychologisch +orientierten Diskussion mit dem Leitmotiv der »Individuals +as Producers of Their Development« (siehe die Theorie von diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/189.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/189.md new file mode 100644 index 0000000..c41f117 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/189.md @@ -0,0 +1,20 @@ +Lerner hierzu ). In weiten Teilen der sozial- und +erziehungswissenschaftlichen Debatte wird die ältere +Annahme des sozial voll integrierten, angepassten und +passiven Akteurs durch das Konzept des aktiv handelnden +Subjekts ersetzt (siehe Abb. 1). + +Abb. 1: Der Paradigmenwechsel von der Struktur- zur Subjektzentrierung in der +Sozialisationsforschung im Zeitverlauf. Quelle: Bauer 2012. + +Schaut man genau, dann wird deutlich, dass fast alle +jüngeren Theorien ab den 1980er Jahren die +Individuationsfunktion im Sozialisationsprozess betonen. +Sie heben mehrheitlich auf die Entwicklung einer autonom +handlungsfähigen Persönlichkeit ab, während +gesellschaftliche Integrationserfordernisse weniger stark +beachtet werden. Individualentwicklung bezeichnet aus +dieser Perspektive mehr als nur die Summe der konkret an +ein Gesellschaftsmitglied gestellten (Rollen-)Erwartungen. +Der Wechsel von der Struktur- zur Subjektorientierung, +oder von der Vergesellschaftungs- zur diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/190.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/190.md new file mode 100644 index 0000000..f382832 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/190.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Individuationsperspektive, der in fast allen Basisentwürfen +zur Theoriebildung vollzogen wird, ist zugleich ein Wandel +der Bezugstheorien in der Sozialisationsforschung. +Während die ältere Perspektive von der Dominanz der +Strukturbedingungen ausging und den +Sozialisationsinstanzen in der Familie, den Peers und der +Schule die Potenz zur Rollen- und Verhaltenssteuerung +zuwies, verweist die neuere Perspektive auf die Variabilität +von Rollen- und Verhaltenserwartungen und auf die +Möglichkeit zu einer autonomen Steuerung der +Persönlichkeitsentwicklung. +VON DER FREMD- ZUR SELBSTSOZIALISATION +Man muss die Denkbewegung ernst nehmen, die das +Sozialisationsthema von der Tendenz zur +Strukturzentrierung in ihr Gegenteil, die +Subjektzentrierung, bewegt. In gewisser Hinsicht wird mit +dieser Verschiebung das angesprochen, was in der +Darstellung zum systemtheoretischen Ansatz als das +Konzept der »Selbstsozialisation« bezeichnet wurde. Die +Subjektzentrierung ist das Pendant zur Selbstsozialisation. +Begünstigt durch die Zeitdiagnose einer zunehmen +Individualisierung, bildet sich mit dem Konzept der +Selbstsozialisation ein jüngerer Strang in der +Sozialisationsforschung heraus, der bis heute ein hohes +Maß an Popularität erfährt. Selbstsozialisation ist das +Gegenstück zu Fremdsozialisation. +Das Denken über Selbstsozialisation ist begrifflich durch +den beschriebenen Ansatz Niklas Luhmanns inspiriert. Der +einflussreichste Sozialisationstheoretiker des Konzeptes +Selbstsozialisation wird dann aber der Kindheits- und +Jugendforscher Jürgen Zinnecker (1941–2011). Für +Zinnecker bezeichnet das Konzept Selbstsozialisation einen +theoretischen Schlusspunkt in der Entwicklung der +Sozialisationsforschung nach dem zweiten Weltkrieg diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/191.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/191.md new file mode 100644 index 0000000..bea6ea5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/191.md @@ -0,0 +1,35 @@ +(hierzu Bauer 2002). Er spricht von einer »Modernisierung +des Sozialisationskonzeptes« (Zinnecker 2000, S. 274), in +der der Terminus technicus »Selbstsozialisation« das enge +Verwandtschaftsverhältnis zwischen einer soziologisch, +pädagogisch, sozialpsychologisch und sogar ethnologisch +inspirierten Sozialisationsforschung dokumentiert. Das +Konzept der »Selbstentwicklung« +(Krewer/Eckensberger 1991) bildet einen der Vorläufer der +Selbstsozialisationsforschung im deutschsprachigen +Diskurs. Hinzu treten soziologische und +erziehungswissenschaftliche Ansätze (»Der Jugendliche als +Werk seiner Selbst«, Fend 2000), in die eine +Selbstsozialisationsforschung eingebettet ist. +Das Präfix »Selbst« (so auch Selbstbildung, +Selbstorganisation, Selbstinitiation, Selbstkultivierung, +Selbstkontrolle und Selbsthilfe) nimmt darin eine durchaus +vorentscheidende Funktion ein. Es steht stellvertretend für +ein Verständnis, das an dem von Zinnecker so bezeichneten +»Selbst-Pol« ansetzt. Darunter ist nicht nur der +»Eigenanteil« zu fassen, »den eine Person zu ihrer +Sozialisation leistet.« (Zinnecker 2000, S. 281) Es sind die +im engeren Sinne »substantiellen Aussagen« über einen +mit dem Konzept der Selbstsozialisation »korrelierenden +Subjektbegriff«, die Zinnecker treffen will: +»Selbstsozialisation kann […] dahingehend ausgelegt +werden, daß ein ›Selbst‹, also ein zentraler Kern der +Persönlichkeit sozialisiert wird.« (Zinnecker 2000, S. 281). +Der Grund für die enge Verbindung zwischen +Sozialisations- und Selbstforschung liegt schließlich in der +sozialen Realität selbst: »Als je anspruchsvoller die +Leistungen oder Tätigkeiten beschrieben werden, die im +Prozeß des Aufwachsens zu erbringen sind, als um so +anspruchsvoller gestalten sich ja wohl die Modelle der +Subjektivität oder Persönlichkeit, die solche Leistungen +erbringen können.« (Zinnecker 2000, S. 281) diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/192.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/192.md new file mode 100644 index 0000000..da6e34a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/192.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Wandel oder Auflösung von Sozialisationsprozessen? + +Zinneckers Selbstsozialisations-Thesen bilden einen guten +Hintergrund für die damalige Diskussion, die sich von der +Struktur- zur Subjektzentrierung verschoben hatte. Die +Vermutung, dass das Konzept der Selbstsozialisation eine +Entsprechung in der Realität des Aufwachsens besitzt, ist +dabei durchaus als radikal anzusehen. Zinnecker reagiert +auf einen offenkundigen Wandel der +Sozialisationsbedingungen am Ende des 20. Jahrhunderts. +Dieser Wandel ist überall sichtbar und Zinnecker nahm an, +dass das Aufwachsen der jüngeren Generationen kaum +noch mit dem der Generationen verglichen werden kann, +die im oder nach dem zweiten Weltkrieg sozialisiert +wurden. +Heute muss man fragen, ob diese radikale These Bestand +haben kann. Werden die Veränderungen der Lebenswelten +nicht überschätzt? Wahrscheinlich ja, lautet die Antwort. +Der zunehmende Wandel der Sozialisationsbedingungen +einer nachwachsenden Generation verleitet zu +weitreichenden Thesen. Rund 20 Jahre nach der +Selbstozialisations-Diagnose Zinneckers kann das aber +nicht bestätigt werden. Die digitale Revolution hat seitdem +erst stattgefunden und trotzdem wird das »Selbst« nicht +unbedingt relevanter und Strukturen der Einbindung +verlieren nicht an Bedeutung. Entgegengesetzt könnte +auch vermutet werden, dass das »Selbst« nur noch +Anhängsel der Kontexte ist, die es umgeben. Es gibt auch +keine Hinweise darauf, dass die Bedeutung der +sozialisatorischen Instanz Familie oder der pädagogischen +Institutionen Kindergarten, Schule und Hochschule an +Relevanz verlieren (Denzin 2009; Grusec/Hastings 2006; +Herwartz-Emden/Schurt/Waburg 2010; Sameroff 2009). +Muss man nun darum den Spieß wiederum umdrehen? +Muss das Sozialisationsdenken von den äußeren Strukturen +ausgehend wieder neu aufgenommen werden? Eine weitere diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/193.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/193.md new file mode 100644 index 0000000..bfdba4c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/193.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Antwort lautet daher: Wer auf die Subjekte schaut, muss +also die Strukturen nicht unbedingt vernachlässigen. + +4.1 + +Die Entwicklung der Modellvorstellung +produktiver Realitätsverarbeitung + +Diese Antwort hat aber auch Folgen. Die Idee einer +umfassenden, interdisziplinär ausgerichteten +Sozialisationstheorie lebt nicht nur rückblickend von der +analytischen Doppelperspektive der Erklärungseinheiten +»Gesellschaft« und »Individuum«. Sie muss auch weiterhin +beide Perspektiven beinhalten, am Günstigsten in einer +einzelnen, zusammenhängenden Theorie. »Gesellschaft« +und »Individuum« sind hierbei in gewisser Weise +gleichzusetzen mit der Struktur- und der +Subjektorientierung in der Sozialisationsforschung. +Struktur- und Subjekt- bzw. Vergesellschaftungs- und +Individuationseinflüsse stehen in unserer Perspektive in +einem Verhältnis der wechselseitigen Abhängigkeit und +werden als gleichgewichtig verstanden. +Diese »Dialektik von Vergesellschaftung und +Individuation« (hierzu bereits Hurrelmann 1983) stellt die +Vermittlung der zentralen Analyseebenen Individuum und +Gesellschaft, also Subjekt und Struktur bzw. Person und +Umwelt, in den Mittelpunkt. Als konzeptioneller Grundsatz +gilt etwas, das in der sozialisationstheoretischen Debatte +bereits Anfang der 1980er Jahre sehr passend von dem +Sozialisationsforscher Dieter Geulen (1938–2017) +formuliert wurde: »Das Subjekt verhält sich gegenüber der +Realität teils aktiv gestaltend, teils ausweichend bzw. +selektiv suchend, teils auch nur passiv hinnehmend. Als +Folge dieser Tätigkeit verändert sich zunächst die reale +Situation des Subjekts, wobei anzunehmen ist, daß die sich +real herstellende neue Situation nicht vollständig und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/194.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/194.md new file mode 100644 index 0000000..ecdc52a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/194.md @@ -0,0 +1,36 @@ +genau der antizipierten Situation entspricht. Als Folge der +Tätigkeit verändert sich außerdem das Subjekt selber, dies +ist seine Sozialisation« (Geulen 1981, S. 553). +Für eine aussagekräftige umfassende +Sozialisationstheorie ist es aus den vorgestellten +Überlegungen heraus notwendig, eine modellhafte +Konzeption zur Verfügung zu haben, die oberhalb der +Einzeltheorien angesiedelt ist. Bereits in der ersten Auflage +des Handbuches der Sozialisationsforschung +(Hurrelmann/Ulich 1980) wird diese Konzeption als eine +»Metatheorie« verstanden. Eine solche Metatheorie +orientiert sich an einem »Modell«, einer über den +Einzeltheorien angesiedelten erkenntnisleitenden +Vorstellung, welche die einzelnen Theorien zu einem +Ganzen verbinden hilft und das hypothetische +Zusammenwirken aller bekannten oder vermuteten +Faktoren abbildet (Hurrelmann/Ulich 1980, S. 8). +Sozialisation dient in diesem Verständnis als Oberbegriff +zur Ordnung und Integration einer Reihe von +Sachverhalten, zu deren Erklärung jeweils +gegenstandsspezifische Theorien notwendig sind. Die +Entscheidung, welches Verfahren der Theoriebildung +gewählt und welche Einzeltheorien dafür herangezogen +werden, richtet sich nach dem Erkenntnisinteresse der +beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. +Die metatheoretische Vorstellung wird als »Modell der +produktiven Realitätsverarbeitung« (MpR) bezeichnet. +Dieses stellt das menschliche Subjekt in einen sozialen und +ökologischen Kontext, der individuell aufgenommen und +verarbeitet wird, der in diesem Sinne auf das Subjekt +einwirkt, aber zugleich immer auch von ihm beeinflusst, +verändert und gestaltet wird. Das Modell nimmt die +traditionelle Vorstellung von Sozialisation als die +Übernahme von Normen auf, entwickelt sie aber durch die +Idee der individuellen Aneignung und Gestaltung weiter +(Hurrelmann 1983, S. 97). Entscheidend für die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/195.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/195.md new file mode 100644 index 0000000..7476fff --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/195.md @@ -0,0 +1,35 @@ +konzeptionelle Idee ist das Spannungsverhältnis zwischen +den Polen Fremdbestimmung (Heteronomie) und +Selbstbestimmung (Autonomie) der +Persönlichkeitsentwicklung. +Ein wichtiges erkenntnistheoretisches Ziel des MpR ist, +solche sozialen Strukturen identifizieren zu können, die +einem Menschen als handelndem Subjekt entgegentreten. +Strukturen, die die emotionalen, kognitiven und +motivationalen Dispositionen stimulieren, aber auch einer +selbstbestimmten Gestaltung der Persönlichkeit +Restriktionen auferlegen. Hinter dieser groben +Orientierung stehen natürlich weitere Leitfragen: Wie weit +sind Bedürfnissee lediglich Adaptionen (also +Anpassungsleistungen) an soziale Bedingungen, die ein +hohes Maß an gemeinsamer Orientierung verlangen? Wann +kann sich ein Individuum frei und autonom entscheiden? +Hinter all diesen Aspekten wird deutlich, dass der +Prozess der Subjektwerdung nur in der wechselseitigen +Beziehung zwischen der Persönlichkeits- und der +Gesellschaftsentwicklung zu verstehen ist und die +Individualität des Menschen sowohl durch persönliche +Anlagen, seine biografische Entwicklung als auch durch +soziale und ökologische Faktoren bedingt ist. Ein Mensch +wird nur durch sein Leben in der sozialen und +physikalischen Umwelt zu einem gesellschaftlich +handlungsfähigen Subjekt, weil nur so die Grundstruktur +der Persönlichkeit ausgeformt und von einer Lebensphase +zur anderen modifiziert und weiterentwickelt werden kann. +Die dabei den gesellschaftlichen Umweltbedingungen +zugeschriebene Bedeutung ist in vielfacher Hinsicht +relevant: Umwelten sind vielfältig und für jeden Menschen +anders, sie können Vorteile oder Nachteile für die +Entwicklung beinhalten, sie bilden das Gerüst für die +Ausbildung einer individuellen Handlungsfähigkeit und +können gleichzeitig jene Grenzen darstellen, die das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/196.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/196.md new file mode 100644 index 0000000..1d18622 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/196.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Bedürfnis nach individueller Autonomie zu überwinden +versucht. +Sozialisationsprozesse rekonstruieren + +Ein jüngerer Strang, der die Denkbewegung beinhaltet, +dass eine detailgetreue Umweltperspektive mit der +Perspektive auf das handelnde Subjekt verbunden werden +muss, ist in dem Ansatz der »rekonstruktiven +Sozialisationsforschung« sehr ähnlich auffindbar. +Kennzeichnend für »rekonstruktive +Sozialisationsforschung« (Zizek 2018) ist, dass sie die +Diskussion mehrerer Jahrzehnte integriert, interdisziplinär +vorgeht und darin der internationale Fokus der Diskussion +über Sozialisation sehr deutlich wird. Das Besondere ist +zudem, dass ähnlich wie im Habitus-Konzept eine reine +Gegenüberstellung von starken sozialen Strukturen auf der +einen Seite und individuellen Freiheiten auf der anderen +Seite überwunden wird. Sozialisation wird verstanden als +ein Prozess, der in »haltenden Kulturen« (Zizek 2018, S. +356) eingebettet ist, interaktiv, dynamisch und vor allem +schöpferisch-rekonstruktiv erfolgt: +»Rekonstruktive Sozialisationsforschung« nimmt in +dieser Perspektive zum einen die Entwicklungsaspekte +eines Individuums ernst, die auch aus den +handlungstheoretischen Ansätzen innerhalb der +Soziologie bereits bekannt sind. Das Hauptargument ist, +dass man die Entwicklung eines Individuums nur +verstehen kann, wenn man die Sinnstrukturen +verstehbar macht, die die biografischen Verläufe +begleiten. Der Sozialisationsforscher Boris Zizek (geb. +1976) schreibt selbst dazu: »Nimmt die +sozialisationstheoretische Perspektive das Subjekt als +ein gewordenes, immer schon in sozialisatorische Praxis +eingebettetes und sich sukzessive daraus lösendes in +den Blick, so tendieren rationalistische Perspektiven diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/197.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/197.md new file mode 100644 index 0000000..9230d2d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/197.md @@ -0,0 +1,36 @@ +dazu, diese Geschichte des Subjekts auszublenden und +es als eine konturierte und reflexive Instanz zum +Anfangspunkt theoretischer Reflexion zu machen.« +(Zizek 2018, S. 358) +»Rekonstruktive Sozialisationsforschung« ist zum +anderen so etwas wie der Blick hinter die Kulissen +dessen, was wir sehen, wenn Menschen aktiv +Entscheidungen treffen und rational (also nach einem +genauen Abwägen von Kosten und Nutzen) handeln. Die +autonome Handlungsfähigkeit wird ernst genommen, +auch Kinder sind bereits in hohem Maße aktive +Umweltgestalter. Aber jede Handlung hat auch seine +Voraussetzungen, jede Entscheidung hat eine +Begründung und jede Begründung beruht auf +Erfahrungen mit der sozialen Welt. Der rekonstruktive +Aspekt umfasst analytisch gesehen das Erschließen +dieser Vorerfahrungen, der sozialisatorische Aspekt +bezeichnet die Vielzahl von Kontextfaktoren, die auf die +Erfahrungsbildung Einfluss nehmen. +»Rekonstruktive Sozialisationsforschung« ist darüber +hinaus zu gleichen Teilen eine auf das einzelne +Individuum, seine Denk- und Handlungsstrukturen +fokussierende Mikroforschung und eine auf das +gesellschaftliche Umfeld sowie die dazugehörigen +sozialen Bedingungen fokussierende Makroforschung. +Wie Bourdieus Theorie ist der Ansatz so zu +kennzeichnen, dass die Gegensätze der Blickrichtung – +allein auf das Subjekt oder die umgeben sozialen +Strukturen – vermieden wird. Sozialisationsprozesse +können nur mit dem Rückgriff auf beide Perspektiven +verstanden werden. +»Rekonstruktive Sozialisationsforschung« ist +zusammenfassend betrachtet ein Pendant zur +metatheoretischen Ausrichtung des MpR. Innerhalb der +deutschsprachigen Diskussion scheinen innerhalb der +rekonstruktiven Sozialisationsforschung wie im MpR diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/198.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/198.md new file mode 100644 index 0000000..c7b283f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/198.md @@ -0,0 +1,35 @@ +der Ansatz der Frankfurter Schule, Ulrich Oevermanns, +die Arbeiten von Jürgen Habermas und psychologische +Theorien auf. Das gebündelte Produkt dieser +Zusammenführung ist ein methodischer Ansatz, den +Zizek im Anschluss an Detlev Garz als die Analyse der +Pfadabhängigkeit sozialisatorischer Entwicklung +bezeichnet (Garz 2015). Diese unterstellt in der +biografischen Flugbahn eines Menschen eine +zunehmende Pfadabhängigkeit. Sie ist das Produkt +eines angehäuften Wissensvorrates, der eine bestimmte +Weiterentwicklung zwar niemals festlegen kann, aber +zunehmend wahrscheinlicher macht. »Von den +Möglichkeiten, die zu Beginn eines Lebens offenstehen, +werden nur einige ausgeschöpft, während andere +abgelehnt bzw. ›vertan‹ werden. Die Wahlmöglichkeiten +nehmen ab, bis hin zu dem Punkt, an dem +Entscheidungen nicht mehr möglich sind.« (Zizek 2018, +S. 382) +Definitorische Zugriffe + +Die Modellvorstellung produktiver Realitätsverarbeitung +hat auf dieser Grundlage ein erstes Fundament. Das MpR +als metatheoretischer Bezugsrahmen in der +Sozialisationsforschung kann auf Bezüge rekurrieren, die +bis in die aktuelle Diskussion reichen. Eine Definition von +»Sozialisation«, die sich auf diese Vorannahmen bezieht +und den weiteren Ausführungen zugrunde liegt, ist im +ersten Abschnitt bereits skizziert worden. Sie wird hier +wieder aufgenommen als allgemeine Beschreibung des +Gegenstandes von Sozialisation, die den Ausgangspunkt für +die weitere Erörterung des MpR darstellt. + +Sozialisation ist als ein Interaktionsprozess definiert, der +das gesamte Leben erfasst und die Beziehung zwischen +der sich entwickelnden Persönlichkeit und den diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/199.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/199.md new file mode 100644 index 0000000..94b0bce --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/199.md @@ -0,0 +1,34 @@ +umgebenden sozialen und materiellen Strukturen +einschließt. Im Kern bezeichnet Sozialisation damit die +Persönlichkeitsentwicklung als eine ständige Interaktion +zwischen dem Individuum und den umgebenden +gesellschaftlichen Bedingungen. Diese +Interaktionserfahrungen werden aktiv und produktiv +verarbeitet und dabei sowohl mit den inneren +körperlichen und psychischen als auch mit den äußeren +sozialen und physischen Gegebenheiten vermittelt. +Sozialisations- als Interaktionsprozesse, in denen sich ein +Mensch über die gesamte Lebensspanne hinweg befindet, +sind ein Modus der Integration und Anpassung an +gesellschaftliche Anforderungen. Diese +Interaktionserfahren können eine bestimmte Entwicklung +der Persönlichkeit wahrscheinlich machen, nicht aber +eindeutig festlegen. Eine analytische Perspektive muss +darum immer von den Wahrscheinlichkeiten ausgehen, die +durch Einbindung in typische Interaktionsstrukturen +bedingt sind (hierzu gehören die Dauer und die Dominanz +von Strukturen, in denen Menschen interagieren), die aber +auch Individuierungs- und Abweichungseffekte erzeugen +können (auch als bewusst vollzogene Trennung von +Integrations- und Anpassungsanforderungen zu verstehen). +Gesetzesmäßige Aussagen lassen sich daher aus einer +Sozialisationsperspektive nicht ableiten. Dagegen spricht +eine prinzipielle individuelle Entwicklungsoffenheit, die +dadurch bedingt ist, dass das Individuum +Interaktionsprozesse selbst mitbeeinflussen kann. +In die Definition von Sozialisation gehen bereits +Annahmen ein, die wichtige Vorgaben für das Verständnis +des MpR machen. + +Das MpR definiert den Modus der +Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen, der sich aus diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/200.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/200.md new file mode 100644 index 0000000..9c870f8 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/200.md @@ -0,0 +1,34 @@ +der produktiven Verarbeitung der inneren und der +äußeren Realität ergibt. Die körperlichen und psychischen +Dispositionen und Eigenschaften bilden für einen +Menschen die innere Realität, die Gegebenheiten der +sozialen und physischen Umwelt die äußere Realität. Die +Realitätsverarbeitung ist produktiv, weil ein Mensch sich +stets aktiv mit seinem Leben auseinandersetzt und auf +immer neue Handlungsherausforderungen stößt. +Ob und wie die Bewältigung der Handlungsanforderungen +gelingt, hängt von den zur Verfügung stehenden personalen +und sozialen Ressourcen eines Menschen ab. In dieser +Hinsicht bezeichnet das MpR eine aktive, während des +gesamten Lebenslaufs anhaltende Tätigkeit eines +Menschen, der die Aneignung und Verarbeitung seiner +natürlichen Anlagen sowie der sozialen und physischen +Umweltbedingungen gleichermaßen umfasst. Die +Persönlichkeitsentwicklung des Menschen wird demnach +weder durch Anlagen noch durch Umwelten determiniert, +sondern in einem Wechselspiel zwischen diesen beiden +Größen und durch den jeweils spezifischen, individuellen +Modus der produktiven Realitätsverarbeitung. +Die bisher vorgestellten Überlegungen umfassen den +Sozialisationsbereich und das MpR. Kennzeichnend ist die +hohe Dynamik, die in Sozialisationsprozessen auftritt. +Sozialisation und der Modus der produktiven +Realitätsverarbeitung sind hiernach also nicht mal als »on« +und mal als »off« vorzustellen. Sie sind einer permanenten +»on«-Position, Sozialisation und die produktive +Realitätsverarbeitung finden immer statt. Offen ist nur die +Frage, in welcher Form, mit welchen Voraussetzungen und +mit welchen »Konsequenzen« für das Individuum. +Konsequenzen und Ergebnisse des Prozesses der +Interkation zwischen der äußeren und inneren Realität +spiegeln sich individuell im Prozess der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/201.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/201.md new file mode 100644 index 0000000..b0819d1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/201.md @@ -0,0 +1,17 @@ +Persönlichkeitsentwicklung. Die Persönlichkeit steht darum +im Mittelpunkt des heutigen Sozialisationsverständnisses. +Definitorisch einzugrenzen, was mit Persönlichkeit gemeint +ist, ist auch ein notwendiger Anhaltspunkt für das +Verständnis des MpR: + +Mit Persönlichkeit wird die individuelle und einmalige +Struktur von körperlichen und psychischen Merkmalen, +Eigenschaften und Dispositionen eines Menschen +bezeichnet. Unter Persönlichkeitsentwicklung lässt sich +folglich die Veränderung wesentlicher Elemente dieser +Struktur im Verlauf des Lebens verstehen. Je nach +Herausforderung verändern Menschen als +umweltbezogene und lernfähige Wesen bei +gleichbleibender Grundstruktur ihrer Persönlichkeit ihre +Verarbeitungsstrategien und konstruieren so ihre eigene +Lebensgeschichte (»Biografie«). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/202.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/202.md new file mode 100644 index 0000000..8e3d90a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/202.md @@ -0,0 +1,34 @@ +5. + +Erkenntnistheoretische und +konzeptionelle +Grundannahmen + +Die vorgenommenen definitorischen Schritte sind +Bausteine des Verständnisses von Sozialisation als Modus +der produktiven Realitätsverarbeitung. Das MpR lässt sich +detaillierter durch die Formulierung von Kernaussagen und +den Bezug auf ihre Anwendungsbereiche in der +empirischen Forschung entfalten. Bei den Kernaussagen +handelt es sich um Leitsätze, die den Gegenstandsbereich +»Sozialisation« auf seinen wesentlichen Gehalt zuspitzen. +Diese Kernaussagen werden im Folgenden als »Prinzipien« +bezeichnet. +Die ersten beiden grundlegenden Prinzipien +konzentrieren sich auf die theoretische und +methodologische Ausrichtung des Modells der produktiven +Realitätsverarbeitung. Hierbei wird auf die Zugänge aus +der soziologischen und psychologischen Forschung +rekurriert, vor allem aber auf neueste Entwicklungen im +Bereich der Theoriebildung + +5.1 + +Erstes Prinzip zum Verhältnis von innerer +und äußerer Realität + +Persönlichkeitsentwicklung wird im ersten Prinzip +verstanden als produktive Verarbeitung der inneren +Realität von körperlichen und psychischen Dispositionen +und der äußeren Realität aus sozialer und physischräumlicher Umwelt. Der Prozess der Verarbeitung ist +produktiv, weil es sich hierbei nicht um einen passiven diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/203.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/203.md new file mode 100644 index 0000000..996a3f4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/203.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Vorgang, sondern um eine dynamische und aktive Form +von Tätigkeit handelt, auch wenn sie im Bewusstsein +eines Menschen nicht immer präsent ist. Die innere und +äußere Realität repräsentieren unterschiedliche Bezüge +auf das Subjekt und die umgebenden sozialen Strukturen, +wobei sie sich analytisch trennen lassen, in der Praxis +aber miteinander verwoben sind. +Gegenstand und Verortung + +Das erste Prinzip umfasst die in den verschiedenen +Sozialisationstheorien meist nur mitgedachten, aber nicht +immer ausdrücklich ausgesprochenen Annahmen zur +Wechselbeziehung von biologischer Anlage und sozialer +Umwelt. Diese Wechselbeziehung kann auch als +Verbindung von genetischer Disposition und sozialer +Beeinflussung der Persönlichkeitsstruktur eines Menschen +verstanden werden. Die in den Abschnitten 2 und 3 +vorgestellte soziologische und psychologische Propädeutik +entwickelt sich in diesem ersten Prinzip weiter. Sie öffnet +sich zu einer genetisch und epigenetisch aufgeschlossenen +Forschung, die den Anlagefaktor sehr deutlich einbezieht. +Implizit müssen alle erwähnten Theorien – unabhängig +davon, ob sie soziologisch oder psychologisch inspiriert +sind – davon ausgehen, dass die Persönlichkeitsentwicklung +von Menschen sowohl durch körperliche und psychische als +auch durch soziale und ökologische Bedingungen +beeinflusst wird. Kein Mensch kann die körperliche und +psychische Ausstattung abstreifen, mit denen er geboren +wird und die so etwas wie unsere innere Realität darstellt. +Diese Vorgaben lassen sich im Laufe des Lebens nur +bedingt verändern. Ebenso wenig kann ein Mensch die +sozialen, ökonomischen, politischen, kulturellen und +physischen Umweltbedingungen ausschalten, die die +außerhalb der Person existierende Realität darstellen. +Entscheidend ist darum, wie Menschen über den Modus diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/204.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/204.md new file mode 100644 index 0000000..0b047f7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/204.md @@ -0,0 +1,36 @@ +der Realitätsverarbeitung, mit ihren Anlagen und +Dispositionen umgehen. Dabei sind schon die körperlichen +und psychischen Merkmale sehr vielfältig, wie noch gezeigt +werden soll. Aber auch für die äußere Umwelt muss sofort +deutlich gemacht werden, dass hier eine große Bandbreite +an unterschiedlichen Bedingungen vorliegt. So sind +Umweltfaktoren nicht nur Bedingungen, die material, also +dinglich und anfassbar sind (wie die bauliche Umwelt oder +das verfügbare Vermögen einer Person). +Viele der Umweltbedingungen sind immateriell und +hängen mit der Art und Weise zusammen, wie Menschen +miteinander interagieren und kommunizieren. So wird +beispielsweise über Sprache (also einer immateriellen +Bedingung) permanent eine Umwelt erzeugt. Denn Sprache +erzeugt Bedeutungen, die häufig mit Einschätzungen und +Bewertungen verbunden sind. Menschen sind in ihrer +Umwelt diesen Bedeutungen, Einschätzungen und +Bewertungen ausgesetzt. In der wissenschaftlichen +Diskussion wird hier von symbolischen Klassifikationen +oder symbolischen Hierarchien gesprochen, die durch +sprachliche vermittelte Bedeutungen und Bewertungen +erzeugt werden. Diese sind ein Produkt der Interaktion, +sind also keine Anlagen im engeren Sinne. Sie haben aber +die gleiche Wirkung. Wenn Menschen Einschätzungen und +Bewertungen begegnen, dann haben sie eine im weitesten +Sinne »orientierende« Wirkung. +Menschen »regulieren«, wie sie sich auf eine bestimmte +Bewertung einstellen und wie sie darauf reagieren. Das gilt +für die Erwartung, als Mann oder Frau zu agieren ebenso +wie für Aussagen über unsere intellektuelle +Leistungsfähigkeit oder dem Umgang mit Diskriminierung. +Alle Wahrnehmungen der sozialen Realität haben einen +normierenden Charakter, weil sie bestimmte Erwartungen +an eine Situation, eine Handlung oder eine Person +beinhalten. Wir sind selbst daher permanent der +Bewertung durch die äußere Realität ausgesetzt. Vieles diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/205.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/205.md new file mode 100644 index 0000000..3735a31 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/205.md @@ -0,0 +1,36 @@ +davon ist einem historischen Wandel ausgesetzt (so auch +die Geschlechterverhältnisse oder andere +Hierarchiebildungen), dieser Wandel liegt aber selten in +den eigenen Händen. Um so stärker muss beachtet werden, +welche Vorgaben aus der äußeren Realität für die +Bewertungen kommen, die uns als Personen mit unseren +jeweils spezifischen inneren Realitäten erreichen. +Die mit dem MpR verbundene Sozialisationstheorie zieht +hieraus erste Schlüsse, die die Verwobenheit der äußeren +mit der inneren Realität betreffen. Daher geht das erste +Prinzip von der grundlegenden Annahme aus, dass sich die +Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen im +Wechselspiel von äußerer und innerer Realität vollzieht. +Dieser Wechselbeziehung entspricht auch das Verhältnis +von körperlichen und psychischen Anlagen auf der einen +Seite sowie der sozialen, materiellen und symbolischen +Umwelt auf der anderen. Die biologischen und genetischen +Merkmale (oder auch der Genotyp als Gesamtheit aller +genetischen Anlagen) legen die körperlichen +Entwicklungsmöglichkeiten in gewisser Hinsicht fest. Sie +stellen bestimmte Wahrscheinlichkeiten dar, die sich auch +als Dispositionen für bestimmte Erkrankungen, körperliche +Fähigkeiten oder Einschränkungen angesehen werden +können. +Diese Anlagefaktoren beeinflussen die Persönlichkeit und +das Verhalten eines Menschen aber nicht direkt. Sie +bestimmen vielmehr einen Möglichkeitsraum, aus dem +einzelne Elemente aktiviert werden können. Wie groß der +Einfluss der Anlagen als innerer Realität und der Umwelt +als äußerer Realität auf die Persönlichkeitsentwicklung +jeweils ist, lässt sich nicht genau sagen. Hierzu können nur +Aussagen getroffen werden, die Einzelfälle umfassen. +Wichtig für das erste Prinzip des MpR ist, dass die +interdisziplinäre Forschung beide Realitäten +berücksichtigen muss, weil sie sich in einem permanenten +Interaktionsprozess befinden. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/206.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/206.md new file mode 100644 index 0000000..242853d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/206.md @@ -0,0 +1,34 @@ +DAS ERSTE PRINZIP UNTER DER LUPE +Die aktive, dauerhafte und individuelle Auseinandersetzung +mit der inneren und äußeren Realität wird in diesem ersten +Prinzip als »Verarbeitung« bezeichnet. Der Begriff drückt +nicht nur die permanente, zumeist unbewusste PersonUmwelt-Interaktion, sondern auch die ständige, ein Leben +lang anhaltende Arbeit an der eigenen Person aus. Der +Aspekt der »Verarbeitung« betont die permanente +Eigenleistung des Menschen beim Aufbau seiner +Eigenschaften und Merkmale sowie bei der Auswahl und +Festlegung seiner sozialen Handlungen (worauf das zweite +Prinzip besonders hinweist). +In die subjektive Wahrnehmung geht die Vorstellung +eines Menschen von seinem Körper, seiner Psyche und +seiner sozialen und physischen Umwelt ein. Jede +Vorstellung von der inneren und äußeren Realität kann +deshalb nur eine individuell gefärbte sein. Gleichzeitig sind +auch die individuellen Möglichkeiten, eine jeweilige +»Färbung« der Wahrnehmung der äußeren Realität +vorzunehmen an den Aufbau des Wahrnehmungs- und +Denkapparates gebunden. Hieraus leitet sich eine +vorherige »Prägung« durch die äußere Realität ab, die den +Möglichkeitsraum für die Kategorien öffnet, die später +wieder dem Individuum zur Verarbeitung der Realität zur +Verfügung stehen. +Eine solche innige Verwobenheit der inneren mit der +äußeren Realität kann man auch als dauerhaftes Verhältnis +des Austausches, also der Interaktion zwischen beiden +Einheiten bezeichnen. Das Besondere ist, dass diese +Verwobenheit keinen Anfang und Ende kennt. Was als +Prozess der produktiven Verarbeitung von innerer und +äußerer Realität beschrieben werden kann, ist eine +analytische Abstraktion. Tatsächlich sind die innere mit der +äußeren Realität untrennbar verbunden. Die äußere +Realität stimuliert bereits Fähigkeiten, mit der das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/207.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/207.md new file mode 100644 index 0000000..6415dfa --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/207.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Individuum aus seiner inneren Realität auf die äußere +zugreift. Gleichzeitig ist die äußere Realität abhängig +davon, wie sie von der inneren Realität wahrgenommen +und konstruiert wird. +Die innere Realität im Fokus + +Aus dem ersten Prinzip lässt sich folgern, dass für ein +umfassendes Verständnis von Sozialisation die +Anreicherung um Erkenntnisse aus Biologie, +Verhaltensgenetik, Molekulargenetik und Epigenetik +wünschenswert ist. Sie würde es erlauben, die Diskussion +über die innere Realität zu intensivieren. Was aus einer +genetischen Disposition im Verlaufe des Lebens wird, +entscheidet sich danach, wie soziale und sonstige +Umwelteinflüsse diese Disposition formen und gestalten +(Bock/Braun 2013; Scheunpflug 2013). +In neurowissenschaftlicher Hinsicht ist das Gehirn als +Teil des menschlichen Körpers zu verstehen, in dem +sämtliche Informationen über Sinneseindrücke +zusammenlaufen und koordiniert werden. Informationen +über körperliche, psychische, soziale und physikalische +Lebensbedingungen werden im Gehirn aufgenommen, in +vorhandene Strukturen und Archive eingeordnet, mit +bereits abgespeicherten Informationen und Kenntnissen +abgeglichen und dann in Handlungen umgesetzt. +In der neurowissenschaftlichen Diskussion wird die +Entwicklung der Gehirnfunktionen als offen und dissipativ +(entwicklungsdynamisch) beschrieben, gleichzeitig muss +die wissenschaftliche Diskussion die sensiblen Zeiträume +der Ausbildung von Hirnfunktionen (die sogenannten +kritischen Entwicklungsphasen) wahrnehmen und damit +auch die Grenzen der Entwicklung der kognitiven +Grundstruktur. Für das Gehirn des Menschen bedeutet das: +Es ist keine passive Aufnahmestelle von Sinneseindrücken +und Informationen, sondern stellt ununterbrochen +Vergleiche und Einordnungen an, nimmt Kombinationen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/208.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/208.md new file mode 100644 index 0000000..0a3d6f5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/208.md @@ -0,0 +1,35 @@ +und Rückschlüsse vor und macht den Menschen auf diese +Weise reaktions- und handlungsfähig. Der Begriff +»produktiv«, mit dem die Verarbeitung der inneren und +äußeren Realität charakterisiert wird, drückt dies auch +sprachlich aus. +Die Anlage-Umwelt-Kontroverse + +Es ist Kern des MpR, dass es von der Interaktion der +inneren mit der äußeren Realität ausgeht. Dabei ist es +ebenso selbstverständlich, dass die Erkenntnisse aus dem +Bereich der Biologie und Genetik aufgenommen werden, +wenn die innere Realität im Fokus steht. Die Erschließung +des Kenntnisstandes hierzu verspricht wichtige Einblicke +vor allem in der Hinsicht, dass die Stimulierung von außen +eine enorme Prägewirkung auf körperliche und kognitive +bzw. psychische Strukturen hat. Im Verhältnis von +biologischen Anlage- und sozialen Umwelteinflüssen muss +darum von einer sehr dynamischen Beziehung +ausgegangen werden. Oder: Anlage- und Umweltfaktoren +können nicht gegeneinander ausgespielt werden. Sie +bezeichnen kein »Entweder-Oder«, sondern ein »Sowohlals-Auch«. +Interessanterweise schießen die Emotionen schnell über, +wenn über Anlagefaktoren der menschlichen Entwicklung +gesprochen wird. In den Alltagsdiskussionen über die +Frage, ob der Mensch erfahrungs- und lernabhängig ist +oder doch nur bestimmt wird von seinen Genen, werden +schnell Entscheidungen für die eine oder andere Seite +getroffen. Kurz gesagt: Es ist einfacher, nur von einer der +beiden Perspektive auszugehen. Offenbar stoßen hier +immer schon ideologische Grundhaltungen aufeinander. +Überraschend ist darum nicht, dass im Alltag sehr schnell +in die eine oder andere Richtung votiert wird, sondern, +dass auch in der wissenschaftlichen Debatte die Fronten +eher verhärtet und ausgleichende Positionen selten sind. In +den letzten Jahren ist vor allem wahrzunehmen, dass die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/209.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/209.md new file mode 100644 index 0000000..0d94cff --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/209.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Genforschung auf sich aufmerksam macht. Sie deutet +immer wieder an, das Rätsel des Menschen entschlüsselt +zu haben. Vor allem einzelne Wissenschaftlerinnen und +Wissenschaftler trumpfen mit einer solchen Auffassung auf. +Obwohl immer schon auf die sinnvolle Einbeziehung, aber +begrenzte Aussagekraft der genetischen und +epigenetischen Forschung hingewiesen wurde, soll hier im +Rahmen der Auseinandersetzung über das Verhältnis von +äußerer und innerer Realität noch einmal verdeutlicht +werden, warum eine wissenschaftliche Perspektive nur eine +vermittelnde Position einnehmen kann. +Während das MpR deutlich Stellung bezieht, wenn es +darum geht, dass Umwelttheorien überbetont werden und +das Subjekt wie die Marionette der gesellschaftlichen +Einflüsse wirkt, gilt das auch in Richtung einer genetischen +Orthodoxie. Die Überpointierung einer genetischen +Position, um menschliches Verhalten zu erklären, muss +deswegen ebenso konsequent hinterfragt werden. +Die Utopie der Gene + +Die Leitfrage einer solchen Überprüfung der Aussagekraft +genetischer Ansätze (hierzu in Anlehnung an Bauer 2019) +muss lauten: Hat die Genforschung für die Erklärung +menschlichen Verhaltens ausreichend Potenzial? Die +Antwort ist ebenso pointiert: wohl eher wenig. +Überraschend ist, mit welcher Macht einzelne +Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Druck auf die +öffentliche Meinung ausüben, um die Sicht zu verbreiten, +dass die Gene unsere Entwicklung bestimmen. +Robert Plomin (geb. 1948) ist Humangenetiker und einer +der Hauptvertreter der orthodoxen Gen-DominanzAnnahme. Plomin ist weltweit bekannt und wird vor allem +in der Nichtfachöffentlichkeit wahrgenommen. Die These +ist die immer wiederkehrende. Der Mensch und seine +Eigenschaften sind genetisch determiniert. Wir sollten +darum Verständnis haben, wenn bestimmte Menschen in diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/210.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/210.md new file mode 100644 index 0000000..49a51ff --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/210.md @@ -0,0 +1,36 @@ +ihrer Entwicklung limitiert sind. Krankheiten, Übergewicht, +Schulerfolg oder der individuelle Charakter – es ist eine +Frage der Gene. +Interessanterweise hat die Genetik zuletzt eigentlich +relativ wenig für diese große Bühne getan. Die +Ankündigungen, dass mit der Humangenom-Dechiffrierung +nun auch die letzten Rätsel der Menschheit (der Mensch +und seine Fähigkeiten selbst) gelöst würden, liegen rund +20 Jahre zurück. Seitdem gab es einen stillen Abschied von +den hohen Erwartungen an die Genforschung. Aber nur +wenige der vielen Protagonisten sehen öffentlich ein, dass +die Erklärungskraft der Genetik für die Erforschung +komplexer menschlicher Entwicklung sehr gering ist. +In der neurowissenschaftlichen Forschung war es nicht +unähnlich. Dort wurde zwar nicht behauptet, alles, was +Menschen ausmacht, aus einem Nukleus der Vererbung +ableiten zu können. Aber der Blick auf die »Mikrotechnik« +des Menschen versprach neue Einsichten in die +Funktionsweisen menschlicher Entwicklung. Heute sind +sich dagegen Genetik, Epigenetik und +Neurowissenschaften einig. Der Mensch wird zum +Menschen dadurch, dass er durch vielfältige soziale +Einbindungen eine Aktivierung, Reifung und Veränderung +seiner natürlichen Anlagen erfährt. +Es lassen sich zusammenfassend kaum Bereiche finden, +in denen wirklich von genetischer Verursachung +gesprochen werden kann, wenn es um menschliche +Entwicklung geht. Eine genetische Determination der +Persönlichkeitsentwicklung kann ohnehin ausgeschlossen +werden, allein unser Phänotyp und einige wenige +Erbkrankheiten sind in einem höheren Maße genetisch +bedingt. Eines der wenigen Beispiele hierfür betrifft +psychische Erkrankungen. Während zwar bei depressiven +Verhaltensmustern kaum noch von dominanten genetischen +Determinanten ausgegangen wird, verhält es sich bei +einigen psychotischen Störungen anders. Aber auch hier diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/211.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/211.md new file mode 100644 index 0000000..f869f8c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/211.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gilt. Von einem determinierenden erblichen (also +genetischen) Faktor zu sprechen, ist unredlich. Selbst in +der Psychiatrie wird in vergangenen 20 Jahren der Faktor +der genetischen Determination immer weiter nach unten +korrigiert. +Der Sozial-Epidemiologie, einer Verbindung von +Gesundheits- und Sozialforschung, ist in dieser Hinsicht ein +Durchbruch nach dem anderen gelungen. Durch diese hoch +spezialisierte Gesundheitsforschung ist inzwischen +bekannt, dass kritische Lebensereignisse, +Gewalterfahrungen oder der sozioökonomische Statuts +Einfluss auf Stress, Krankheit, die Entwicklung von +Hirnstrukturen und die Ausprägung der genetischen +Anlagen haben. Inzwischen wird also immer weniger +Genetik selbst dort angenommen, wo die menschliche +Entwicklung stark durch die Erbanlagen geprägt ist. +Der Mensch ist »nur« ein Erfahrungswesen + +Pränatale Umwelteinflüsse beispielsweise sind heute in +einem Maße für die Entstehung von Krankheiten +verantwortlich zu machen, wie sich das ältere +Prägungsannahmen niemals haben träumen lassen. +Lebenserwartungsunterschiede können in der Bevölkerung +mehr als 20 Jahre betragen, wenn sich die Lebensumstände +ändern. Der Einfluss unterschiedlicher genetischer +Ausstattungen ist dabei irrelevant. »Adversities« (englisch +Widrigkeiten) bezeichnen das Stichwort einer neuen +interdisziplinären Forschung zu Belastungen im +Lebenslauf. Sie machen die Unterschiede in den Bereichen +der Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung, +Gesundheit und Schulerfolg aus. Bedeutsamer kann die +Wirkung von Umwelteinflüssen also kaum noch einschätzt +werden. Die alte Humangenetik mit ihrer Orthodoxie +kämpft nicht nur auf dieser Ebene gegen die inzwischen +verfügbare Empirie an. Problematisch ist vor allem, mit der +Genetik auf die Entwicklung eines Menschen, das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/212.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/212.md new file mode 100644 index 0000000..95f137b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/212.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Verhalten, die Persönlichkeit oder Kompetenz und +Fähigkeiten zu schließen. Wer das tut, befindet sich schnell +fernab des wissenschaftlichen Faktenwissens. +Tatsächlich sagt die Botschaft des »Wir-haben-diemenschliche-Natur-entschlüsselt« mehr über die +Empfänger solcher Botschaften aus als über deren +Absender. Es müssen also nicht diejenigen hinterfragt +werden, die die dieses Versprechen geben, sondern die, die +daran glauben. Klar ist, dass wenig »common sense« in der +Humangenetik-Debatte existiert. Wenn man viel +Entgegenkommen formulieren möchte, dann können +bestimmte Dispositionen wie das Temperament als +zumindest genetisch beeinflusst angenommen werden. +Aber selbst das einmal konzedierrt, heißt was? Ein +Temperament gibt wenig Aufschluss, es beschreibt +Unterschiede zwischen Menschen, aber für alles Weitere ist +das zu abstrakt. Analytisch gesehen geht es um die Folgen +solcher Dispositionen für die menschliche Entwicklung, +sonst erbringen abstrakte Merkmale wenig Aufschluss. Ein +aufbrausendes extrovertiertes Temperament kann man als +trinkender Obdachloser genauso ausleben wie als +rührselige Vorstandsvorsitzende. Darum: Hinweise auf +Charaktermerkmale zu haben, die genetisch bedingt sind, +wäre ja schön. Es ist aber immer noch fern jeder Realität – +und am Ende ergibt dies in der Forschung zu +menschlichem Verhalten kaum Ertrag. +Die Nüchternheit wissenschaftlicher Erkenntnisse über +den Menschen bezeichnet so etwas wie ein Gegenmodell zu +der Genetik, die »populistische Thesen« (so selbst der +Verhaltensgenetiker Frank M. Spinath in einem Interview +in »Spektrum der Wissenschaft« im Jahr 2013) als +Aufmerksamkeitsfalle formuliert. Den Menschen als Lernund Erfahrungswesen zu beschreiben, bedeutet noch +immer so etwas wie eine Entthronung in der +Schöpfungskette. Der Soziologe Pierre Bourdieu +bezeichnete dies als eine fortgesetzte narzisstische diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/213.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/213.md new file mode 100644 index 0000000..b51e5d0 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/213.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Kränkung des Menschen. Kopernikus, Darwin, Freud und +schließlich die Erkenntnis, dass der Mensch »nur« ein +Erfahrungswesen ist. +Was können Genetik, Epigenetik und Neurowissenschaften leisten? + +Der Blick auf die ideologisch überformte »Anlage-UmweltKontroverse« sollte eine seriöse Rezeption indes nicht +überschatten. Schaut man auf die wissenschaftlich +getragene Debatte zum Beitrag »neuer« Erkenntnisse aus +Genetik, Epigenetik und Neurowissenschaften, dann ist der +Ertrag beachtlich. Im Anschluss an die +entwicklungspsychologischen Theorien beispielsweise +können Erkenntnisse der neurowissenschaftlichen +Forschung Einfluss auf das Verständnis von Sozialisation +nehmen. Noch befindet sich dieser Forschungszweig stark +in Bewegung und es ist auch noch keine +zusammenhängende widerspruchsfreie Kenntnisbasis zu +identifizieren. Es ist aber eindeutig, dass mit dem +neurowissenschaftlichen Ansatz die körperliche und +psychische Komponente der Persönlichkeitsentwicklung +eine Form der Beachtung findet, die über die in den +soziologischen und psychologischen Theorien bisher zum +Ausdruck gebrachte deutlich hinausgeht. +Insgesamt lassen sich in die Sammelbezeichnung +»Neurowissenschaften« alle Disziplinen einordnen, die sich +mit der Erforschung des Nervensystems und des Gehirns +beschäftigen. Dazu gehören Neurobiologie und -physiologie +ebenso wie Hirnforschung im engeren Sinne, +Entwicklungs- und Evolutionsbiologie sowie +Neuropharmakologie. Wegen ihrer Fokussierung auf die +Wechselwirkungen zwischen Hirnaktivitäten, Verhalten und +Umwelteinflüssen ergänzen sie die bisher vorgestellten +psychologischen Theorien und sind für die +Sozialisationstheorie von großem Interesse. +Lange Zeit hatte die Sozialisationsforschung befürchtet, +die Neurobiologie würde ebenfalls einseitig die genetische diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/214.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/214.md new file mode 100644 index 0000000..c1f6ea5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/214.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Komponente betonen und die Persönlichkeitsentwicklung +ausschließlich als eine Entfaltung angeborener Anlagen +erklären wollen. Man sah sich mit der +naturwissenschaftlichen Herangehensweise in einem +Konkurrenzverhältnis und hatte die Sorge, Neuro- und +Hirnforschung könnten Belege für die innerorganische +Determination von Persönlichkeitsmerkmalen erarbeiten, +die Umwelteffekte als unbedeutend erscheinen ließen. +Diese Sorge erweist sich heute als unberechtigt. Die +neurobiologischen Ansätze liefern interessante Befunde zur +Wechselbeziehung von Anlage und Umwelt. Auch sie +zeigen, wie eng genetische Dispositionen und soziale +Umweltfaktoren zusammenwirken und sich gegenseitig +beeinflussen. In kaum einem Ansatz der Neuroforschung +wird die sozial bedingte Beeinflussung und Ausprägung der +Persönlichkeitsstruktur eines Menschen infrage gestellt. +Mehr und mehr setzt sich deshalb die Auffassung durch, +dass für ein umfassendes Verständnis von Sozialisation eine +Ergänzung der psychologischen und soziologischen +Theorien um solche aus Verhaltensgenetik, +Molekulargenetik, Epigenetik und ähnlichen Gebieten +sinnvoll und sogar notwendig ist, um die Interaktion +zwischen einer ererbten, veranlagten inneren Realität von +Organismus und Psyche und der sozial geformten äußeren +Realität aus Umwelteinflüssen besser als bisher zu +verstehen (Bock/Braun 2013; Scheunpflug 2013). +Das Konzept der neuronalen Plastizität + +Wie groß der Einfluss von genetischen Anlagen als innerer +Realität und der Umwelt als äußerer Realität jeweils ist, +lässt sich nicht pauschal für alle Merkmale der +Persönlichkeit und des Verhaltens eines Menschen sagen. +Es gilt indes die allgemeine Regel: Je komplexer die +Handlungsvollzüge und Verhaltensmodi sind, in die ein +Mensch einbezogen ist, desto stärker ist der Einfluss seines +soziokulturellen Umfeldes. Eine genetische diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/215.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/215.md new file mode 100644 index 0000000..11067e7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/215.md @@ -0,0 +1,35 @@ +»Programmierung« ist in den modernen Gesellschaften mit +ihrer starken Differenzierung von Lebenswelten und darauf +bezogenen, erlernten Verhaltensweisen wohl nicht möglich. +Moderne auf Hirnaktivitäten angewandte bildgebende +Verfahren haben Ergebnisse erbracht, die sich nur durch +eine enge Zusammenarbeit zwischen der +Entwicklungspsychologie und den Neurowissenschaften +interpretieren lassen. Zunehmend werden auch die +Sozialwissenschaften einbezogen. Ziel ist zu verstehen, wie +das menschliche Gehirn durch Erfahrung und Anlage in +seiner epigenetischen Veränderungsfähigkeit strukturiert +ist. Dabei müssen einfache lineare Annahmen zur +Entwicklung menschlicher Eigenschaften und Merkmale +überwunden und komplexere Modelle erarbeitet werden, +die erklären können, welche Bereiche der kognitiven und +emotionalen Entwicklung in welchen Zeiträumen besonders +aktiv sind. +In der neurowissenschaftlichen Diskussion wird die +Entwicklung der Gehirnfunktionen als offen und dissipativ +(also entwicklungsdynamisch) beschrieben, gleichzeitig +aber werden die sensiblen Zeiträume der Ausbildung von +Hirnfunktionen identifiziert. Das Gehirn eines Menschen ist +offenbar so beschaffen, dass es keine passive +Aufnahmestelle von Sinneseindrücken und +Realitätsinformationen darstellt, sondern ununterbrochen +Vergleiche und Einordnungen vornimmt, Kombinationen +und Rückschlüsse anbietet und damit einen Menschen +reaktions- und handlungsfähig macht, aber auch eine +ständige Reaktions- und Handlungsfähigkeit herausfordert. +Dieses allgemeine Prinzip der Aushandlung von +Assimiliations- und Akkomodationsprozessen des Wissens +ist bereits aus der kognitiven Entwicklungstheorie bekannt. +Das Gehirn ist dort wie auch in den +neurowissenschaftlichen Ansätzen das Koordinations- und +Schaltzentrum der produktiven Realitätsverarbeitung. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/216.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/216.md new file mode 100644 index 0000000..67fae32 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/216.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Studien zur neuronalen Plastizität konzentrieren sich +aktuell vor allem auf die Untersuchung der +Hirnentwicklung während der Kindheit und Jugend, in +Lebensphasen also, in denen den sozialen Kontextfaktoren +ein zentraler Stellenwert im Sinne von potenziell +schädigenden oder förderlichen Faktoren für die +Hirnentwicklung zugeschrieben wird. In Anlehnung an +Becker (2015) können die wichtigsten Erkenntnisse hierzu +wie folgt zusammengefasst werden: +Die neuronale Plastizität betrifft alle Arten der +hirnphysiologischen und -anatomischen Veränderungen +Die Anzahl synaptischer Verbindungen im Gehirn eines +Kleinkindes ist gegen Ende des ersten Lebensjahres +etwa doppelt so hoch wie im späteren +Erwachsenengehirn +Zunächst wird ein Überschuss an synaptischen +Verbindungen produziert, anschließend findet der +erfahrungsabhängige Abbau statt +Es bleiben nur die Verbindungen bestehen, die von Wert +für die Steuerung des alltäglichen Verhaltens sind +Umwelteinflüsse gewinnen im Verlauf der +Hirnentwicklung mehr und mehr an Einfluss. +Genetisch prädisponiert ist die anatomische Form des +Gehirns und der Neuronenbewegung in bestimmten +Hirnregionen. Intrinsische und extrinsische Faktoren der +Hirnentwicklung lassen sich unterscheiden: In der +pränatalen Phase und innerhalb des ersten Lebensjahres +dominieren intrinsische, genetisch prädisponierte Prozesse +(so die Herausbildung bestimmter Regionen der +Großhirnrinde). Extrinsische Faktoren existieren bereits als +vorgeburtliche Einflüsse durch den mütterlichen +Organismus (Medikamente, Infektionen, Ernährung). +Nach der Geburt werden extrinsische Einflüsse als Reize +aus der Umwelt stärker, sie stimulieren Verbindungen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/217.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/217.md new file mode 100644 index 0000000..d51d21f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/217.md @@ -0,0 +1,35 @@ +zwischen den Nervenzellen. Die Hirnstrukturen bleiben +formbar. Diejenigen Strukturen, die für die Verarbeitung +von Sinnesreizen zuständig sind, entwickeln sich vor jenen +Strukturen, die für die Regulation von Emotionen +verantwortlich werden. Zentren der motorischen +Steuerung werden relativ früh angelegt, während +Hirnstrukturen, die komplexe kognitive Leistungen +ermöglichen, erst später ausreifen. Die Regionen des +Gehirns, die für die Verarbeitung sensorischer Reize +zuständig sind, sind also auf intensive Stimulation in den +frühen Lebensphasen angewiesen, während die Regionen, +die mit komplexen Funktionen verbunden sind, im Prinzip +lebenslang veränderbar bleiben. +Genetische Prädispositionen in der frühen Entwicklung +spielen – ganz im Einklang mit der älteren +persönlichkeitspsychologischen Propädeutik – eine +besonders große Rolle. Das gilt vor allem im Hinblick auf +das Erlernen sensomotorischer Fähigkeiten. Die Phase der +Adoleszenz erweist sich als eine der erhöhten neuronalen +Plastizität; vor allem in Hinsicht auf die Ausbildung von +emotionalen, sozialen und intellektuellen Fähigkeiten und +für potenziell schädliche Einflüsse von außen. So können +Verletzungen, Traumatisierungen oder riskante +Verhaltensweisen wie Mutproben oder Drogenkonsum +unmittelbar mit dem intensiven Umbau der Hirnfunktionen +nach der Pubertät in Verbindung gebracht werden. +Kindheit und Jugend sind aber keineswegs die einzigen +sensiblen Phasen der Persönlichkeitsentwicklung. +Hirnregionen, die mit komplexen Funktionen befasst sind, +sind in der Regel lebenslang veränderbar. Gerade in +späteren Lebensphasen zeigt sich oft eine erhöhte +neuronale Plastizität, die nur durch bestimmte +umweltabhängige Faktoren stimuliert werden kann. Auch +die Entwicklung emotionaler und höherer kognitiver +Funktionen wie Intelligenz, Lernen, Wahrnehmung, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/218.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/218.md new file mode 100644 index 0000000..59e74bb --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/218.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gedächtnis und Aufmerksamkeit vollzieht sich während der +gesamten Lebensspanne (Becker 2015). +Hirnfunktion und Persönlichkeitsentwicklung + +Neben der Forschung zur Veränderbarkeit neuronaler +Netzwerke ist die zur physiologischen Ausstattung des +Gehirns von großer Bedeutung für die +Sozialisationsforschung. Bei Kindern konnten bisher mit +den bildgebenden Verfahren der Hirnanalyse zwar +anatomische und funktionelle Prozesse noch kaum erfasst +werden. Erste Rückschlüsse zum Beispiel zu +Gewalterfahrungen in der Kindheit oder anderen +traumatischen Ereignissen (Unfall, Tod eines Elternteils) +lassen sich aber bereits ziehen. Dabei findet die Epigenetik +ein stetig größer werdendes Interesse. Ihre Leitfrage +lautet, welches die einzelnen (innerorganismischen, aber +auch Umwelt-)Faktoren sind, die eine Aktivität des Gens +festlegen, und ob sich diese Festlegung vererbt. Unter +anderem geht es also darum, zu klären, wie die Umwelt +»unter die Haut« gelangt und mit dem Genom interagieren +kann (Lechner/Silbereisen 2015). Das ist zweifellos eine +sozialisationstheoretisch wichtige Frage. +Auch in dieser Hinsicht wird deutlich, dass die Annahme +einer Determination von Verhaltens- und +Erlebensmerkmalen durch die Genstruktur inzwischen als +unrealistisch gilt. Ob und wann Gene tatsächlich zur +Ausprägung gelangen, wird von verschiedenen +biochemischen Mechanismen gesteuert, in die +Verursachungskette gehören aber ebenso die +Umwelteinflüsse auf das Gen. Dass epigenetische Prozesse +eine wichtige Rolle während der Embryonalentwicklung +spielen, wurde schon vor vielen Jahren erkannt. Die +Anpassbarkeit der Genstruktur an Umweltbedingungen +wird inzwischen für die gesamte Lebensspanne +angenommen. Umwelteinflüsse können hiernach die +Genexpression über eine lange Reihe von diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/219.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/219.md new file mode 100644 index 0000000..43f755b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/219.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Entwicklungsstadien in der menschlichen Persönlichkeit +beeinflussen (Lechner/Silbereisen 2015). +Epigenetische Modifikationen sind auch ein möglicher +Erklärungsansatz für die Veränderbarkeit der Biologie des +menschlichen Verhaltens. Die Verhaltensepigenetik +(»behavioral epigenetics«) basiert in der Forschung nahezu +ausschließlich auf Experimenten mit Tieren, lässt sich aber +inzwischen auch auf menschliche Entwicklungsprozesse +übertragen. Themen in der Genetik betreffen +molekulargenetische Studien, die spezifische Gene zu +identifizieren versuchen. Fast alle genetischen Studien sind +aber Assoziationsstudien und folglich mit wesentlichen +Einschränkungen verbunden, weil sie keine kausalen +Aussagen ermöglichen (Ebstein et al. 2010). Das heißt, es +kann nur begründet werden, dass bestimmte beobachtbare +Phänomene zusammenhängen, nicht aber, was der Grund +für diesen Zusammenhang ist. Diese Einschränkung gilt +gerade für Zwillingsstudien. Sie sind immer noch eine der +Hauptstützen der Verhaltensgenetik und dienen als +Instrument, um die Erblichkeit von Verhaltensmerkmalen +zu bestimmen. Ihre methodischen Grundlagen und +inhaltliche Aussagefähigkeit sind aber umstritten und aus +sozialisationstheoretischer Perspektive als begrenzt +einzuschätzen. +Neuronale Grundlagen kognitiver Entwicklung + +In einer weiteren Forschungslinie der +Neurowissenschaften, der Neuroendokrinologie, wird der +Versuch unternommen, der Verknüpfung des +Hormonsystems mit dem Nervensystem genauer +nachzugehen. Die Psychoneuroendokrinologie bezieht +dabei das Verhalten und Erleben mit ein. McCall und +Singer (2012) stellen den Ansatz der Neuroendokrinologie +dar und verweisen auf die Möglichkeit, die Hirnaktivität +des komplexen menschlichen Verhaltens weiter +aufzuhellen. Dies gilt vor allem für die Einflüsse der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/220.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/220.md new file mode 100644 index 0000000..cffda36 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/220.md @@ -0,0 +1,36 @@ +neuroendokrinologischen Aktivität auf Kognitionen, +Emotionen und Motivationsstrukturen. +Der Zusammenhang von Hormonen und Neuropeptiden +(das sind Peptide, die im Nervengewebe vorkommen) auf +der einen Seite und menschlichen Reaktionsmustern auf +der anderen ist ebenfalls ein interessanter +Forschungszweig. Unterschiedliche neuronale Wege +bestimmen offenbar die Fähigkeit, andere Menschen zu +verstehen, indem Mimik, Handlungen, Gedanken oder +Gefühle in besonderer Weise erkannt und interpretiert +werden. Inspiriert von der Entdeckung der sogenannten +Spiegelneuronen haben eine Vielzahl von Studien Regionen +identifiziert, die für unterschiedliche Empfindungen +verantwortlich sind. Unter den Peptidhormonen gilt +Arginin-Vasopressin (AVP) als Regulator für die Reaktionen +auf Stresssituationen. Oxytocin wird eine überragende +Bedeutung zugeschrieben, wenn es um Anerkennung und +Empathie in der sozialen Interaktion geht. Oxytocin +verbessert offenbar auch die Fähigkeit, Gedanken und +Gefühle aus der Mimik anderer zu lesen +(McCall/Singer 2012). +Stärker bezogen auf die Hirnphysiognomie gehen +neurowissenschaftliche Untersuchungen davon aus, dass +das Volumen und die Dichte von Hirnregionen Aufschluss +über epigenetische und neuroendokrinologische Aktivitäten +geben (Becker 2015). So gehen Angststörungen mit einer +Überaktivität der Amygdala bei gleichzeitiger +Unteraktivierung des präfrontalen Cortexes einher. +Überdurchschnittlich intelligente Kinder haben eine +besonders plastische Großhirnrinde mit einer stark +ausgeprägten und verlängerten Phase des kortikalen +Wachstums. Wie aber so oft, wenn Korrelate (also nur +Wechselwirkungen), aber keine Kausalbeziehungen zu +Persönlichkeitseigenschaften und Kompetenzprofilen auf +der Ebene der Hirnaktivitäten herangezogen werden, steht +die Frage im Mittelpunkt: Sind diese Aktivitäten der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/221.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/221.md new file mode 100644 index 0000000..6d1bad5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/221.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Auslöser oder nur Ausdruck von Entwicklungsprozessen, +die dann auf der kognitiven, somatischen oder auf der +Verhaltensebene messbar sind? +Die Rückkehr der Umweltperspektive + +Ein erster zusammenfassender Blick auf die Ergebnisse des +naturwissenschaftlich geprägten Blicks auf die innere +Realität, bestätigt den schon geäußerten Verdacht. Ein +neuer Paradigmenwechsel ist nicht erfolgt, im Gegenteil +sogar. Weil die befürchtete genetische Orthodoxie der +Persönlichkeitsentwicklung ausgeblieben und an die Stelle +der »genetischen Determination« das Konzept der +»genetischen Disposition« getreten ist, bestätigen die +neurowissenschaftlichen Ansätze die grundlegende +Ausrichtung der Sozialisationstheorie mit ihrer Betonung +der Wechselwirkung von Subjekt- und Struktureffekten. Sie +ergänzen das bisherige Wissen von stimulierenden oder +beeinträchtigenden Umweltfaktoren um die genaue +Analyse von basalen Hirnfunktionen. Es scheint so, als ob +die Aufnahme naturwissenschaftlicher Ansätze in den +Sozialisationstheorien, also diese »neue« interdisziplinäre +Verkopplung, ältere Annahmen zur Bedeutung +divergierender Umwelten für die menschliche +Persönlichkeitsentwicklung wieder aktuell werden lässt. +Das Wissen über die »innere Realität« der Persönlichkeit +im MpR profitiert davon. +Lechner und Silbereisen (2015) betonen aus der +Perspektive der Entwicklungspsychologie, dass sich +genetische Ansätze, die eine Gen-Umwelt-Interaktion +berücksichtigen, immer noch in der Etablierungsphase +befinden. Noch ist nicht bekannt, wie dauerhaft oder +reversibel epigenetische Veränderungen sind und ob ihr +Status als »Verursacher« für komplexe menschliche +Verhaltensweisen wirklich zweifelsfrei festzustellen ist. +Beide Autoren halten aber die molekularen Mechanismen +für ein Kernthema von Entwicklungspsychologie und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/222.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/222.md new file mode 100644 index 0000000..74e25e3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/222.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Sozialisationsforschung, weil sie neue Erkenntnisse zu den +frühen Erfahrungen im Umgang mit der Umwelt +versprechen. +Es ist nicht auszuschließen, dass sich in Zukunft eine +neurowissenschaftlich inspirierte Sozialisationsforschung +oder eine sozialisationsorientierte Neurowissenschaft +entwickelt. Schwerpunkt könnten kritische +Lebensereignisse in der Kindheit wie etwa +Missbrauchserfahrungen sein, die so einschneidend sind, +dass sie epigenetische Veränderungen hervorrufen. Dazu +könnte eine besondere Stressanfälligkeit gehören, die +wiederum Folgen für den Aufbau der individuellen +Vulnerabilität haben. +Durch diese Ansätze wird die einfache, fast mechanische +Vorstellung, dass sich die Persönlichkeit immer dann +ändert, wenn sich die Umwelt durch das Eintreten +unvorhergesehener Lebensereignisse wandelt, präziser und +differenzierter. Hierdurch werden +persönlichkeitspsychologische und milieusoziologische +Theorien bestärkt, die auf die lang andauernde Wirkung +von stabilen Haltungen und Persönlichkeitseigenschaften +hinweisen, die sich in der Auseinandersetzung mit den +Lebensbedingungen herausbilden (Neyer/Lehnart 2015). +Für Pierre Bourdieus Ansatz in der Soziologie stand bereits +fest, dass die Ausprägung eines je individuellen Sets von +Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata – ein +ebenfalls kognitives Fundament, das Bourdieu »Habitus« +nennt – dazu führt, dass sich Wahrnehmungen und +Bewertungen einspielen, also auch bestimmte Anziehungsund Abwehrreaktionen programmiert werden, die dann +meist schwer veränderlich sind. +Was in Bourdieus soziologisch orientierter Theorie zum +Verständnis der individuellen Handlungsorientierungen +dient, wird von der Persönlichkeitspsychologie als +dynamisch-interaktionistisches Modell beschrieben. Es +verweist auf die unterschiedliche Wirkung von Person- diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/223.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/223.md new file mode 100644 index 0000000..c9f207b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/223.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Umwelt-Interaktionen, wenn die variierende Form der +individuellen Situationssteuerung berücksichtigt wird. +Diese Annahme der Person-Umwelt-Kovariationen geht +davon aus, dass sozialisationsrelevante Umwelten auch das +Resultat des aktiven Filterns und Aufsuchens sind. +Menschen wählen ihre Umwelten also aus und damit auch +die Einflüsse, denen sie sich aussetzen. +Zusammenfassend lassen sich die Befunde der +Neurobiologie und insbesondere auch die der Epigenetik +mit Lechner und Silbereisen (2015) so interpretieren, dass +die Dichotomie (also der reinen Gegenüberstellung) von +Anlage und Umwelt beziehungsweise von Organismus und +Kontext aufgehoben wird, weil sich die genetische +Ausstattung eben nicht als mechanische Determination +(also als nicht-variable Bestimmung) der menschlichen +Entwicklung erweist, sondern stets im »Dialog« mit der +Umwelt zur Geltung kommt. Selbst die Genstruktur eines +Menschen steht hiernach unter dem Einfluss von +Umwelteinflüssen. Wenn die genetische oder epigenetische +Struktur wirksam wird, dann in einer Variante, in der eine +Person-Umwelt-Interaktion bereits stattgefunden hat. +Neurowissenschaftliche Befunde bestätigen parallel jene +Annahmen, die eine frühe Prägung von langlebigen oder +stabilen Persönlichkeitseigenschaften nahelegen. In der +Persönlichkeitspsychologie spricht man von +Persönlichkeitseigenschaften mit einer hohen +transsituativen Konsistenz, die – einmal ausgebildet – über +eine lange Dauer hinweg und handlungsfeldübergreifend +wirksam bleiben. Pointiert könnte man sagen, es ist die +Rückkehr der Umwelt in die auf das einzelne Individuum +bezogenen Ansätze der Psychologie, Genetik und +Verhaltensforschung. Dass diese Ansätze wiederum mit +vielen soziologisch orientierten Ansätzen übereinstimmen, +ist eine echte Überraschung in der Entwicklung des +Forschungsdiskurses in den Neurowissenschaften. +Gleichzeitig geben diese Ansätze einen Einblick in sensible diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/224.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/224.md new file mode 100644 index 0000000..e0ad82c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/224.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Phasen von Entwicklungsdynamiken und in die Interaktion +zwischen Genetik, Epigenetik, neuronaler Grundstruktur +und Umweltreizen. Von dieser Forschung ist künftig zu +erwarten, dass Kausalzusammenhänge besser identifiziert +werden und auf dieser Grundlage auch eine Handlungsund Interventionsorientierung in der +Sozialisationsforschung neuen Schwung erhält. + +5.2 + +Zweites Prinzip zur Produktion der eigenen +Persönlichkeit + +Menschen sind Produzentinnen und Produzenten ihrer +eigenen Entwicklung. Die sich entwickelnde +Persönlichkeit ist in diesem Prozess nicht passiv oder +abwartend, sondern als schöpferischer Konstrukteur aktiv +an der Gestaltung ihrer Biografie beteiligt. Der Begriff +»produktive Verarbeitung« drückt aus, dass es sich bei +der Auseinandersetzung mit der inneren und äußeren +Realität um einen aktiven Prozess handelt, in dem der +einzelne Mensch eine individuelle, den eigenen +Voraussetzungen und Bedürfnissen angemessene Form +wählt. +Gegenstand und Verortung + +Viele Ansätze der in den Abschnitten 2 und 3 vorgestellten +soziologischen und psychologischen Propädeutik betonen +bereits, wie individuell sich jeder einzelne Mensch mit den +individuellen Anlagen und den je spezifischen +Umwelterfahrungen auseinandersetzt. Mit dieser +Ausrichtung wird die Hauptaussage des zweiten Prinzips +des MpR berührt. Sie besagt, dass in den heutigen hoch +entwickelten Gesellschaften ein besonders hoher +Freiheitsgrad für die Eigengestaltung der Persönlichkeit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/225.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/225.md new file mode 100644 index 0000000..8ed5d00 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/225.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gegeben ist, weil traditionelle Vorgaben hinsichtlich +sozialer Rollen und kultureller Normen relativiert wurden +und hierdurch den allermeisten Menschen ein erweiterter +Spielraum für individuelle Profilierungen zur Verfügung +steht. Analytisch betrachtet beschreibt die Annahme der +aktiven Entwicklung der eigenen Persönlichkeit einen +allgemeingültigen Mechanismus der Sozialisation. Dieser +Mechanismus umfasst die unmittelbare Beteiligung der +Motivations- und Sinnstrukturen bei der Gestaltung der +Persönlichkeit, die Herstellung von Kontinuität in der +individuellen Biografie und das kumulative Prinzip des +Ineinandergreifens von Vorerfahrungen und jenen +Erfahrungen, die unmittelbar an Dispositionen und einen +bereits verfügbaren Vorrat an Wissen anschließen. +Die menschliche Persönlichkeit formt sich von der +frühesten Entwicklung als Säugling und als Kleinkind an, +über das Jugendalter und das Erwachsenenalter hinweg bis +ins hohe Alter in der Interaktion zwischen verfügbaren und +erworbenen individuellen Merkmalen sowie der +materiellen, sozialen und symbolischen Ausstattung der +Umwelt ständig weiter. Die Verarbeitung ist »produktiv«, +weil sie sich aus der jeweils individuell besonderen +Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren +Bedingungen ergibt. Das Wort »produktiv« sagt aber noch +nichts darüber aus, ob es sich um eine erfolgreiche +Verarbeitung handelt, die Vorteile für die weitere +Persönlichkeitsentwicklung mit sich bringt, ob es also zu +einer Bewältigung von Problemen oder Krisen in der +Persönlichkeitsentwicklung kommt oder nicht. »Produktiv« +wird also nicht als wertender, sondern als beschreibender +Begriff verwendet. +Realitätsverarbeitung beschreibt in sehr analoger +Hinsicht die Fähigkeit, sich durch eigene Aktivität Realität +anzueignen. Damit ist die Tätigkeit des Individuums +gemeint, die äußere Realität vor dem Hintergrund der +bereits erworbenen Erfahrungen wahrzunehmen, zu diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/226.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/226.md new file mode 100644 index 0000000..cece982 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/226.md @@ -0,0 +1,35 @@ +bewerten und innerpsychisch neu einzuordnen. Dieser +Erkenntnisakt setzt vor dem reaktiven oder aktiven +Handeln ein. Umweltereignisse gehen in das +Ordnungssystem und die Interpretationsmuster eines +Individuums ein, werden dort bewertet und zur Grundlage +späterer Handlungsorientierungen. Durch diese evaluative +Fähigkeit wird die gezielte Orientierung und +Strukturierung des eigenen Handelns erreicht. +Die jüngeren Theorieimpulse aus der psychologisch, aber +auch soziologisch geprägten Perspektive beinhalten viel +Potenzial für das MpR. Inzwischen verdichtet sich eine +Diskussionslinie, die das Innenleben der +Persönlichkeitsentwicklung viel stärker macht als das in +den klassischen Diskussionslinien der Fall war. Das +kognitive und später das konstruktive Paradigma, die viele +dieser Perspektiven erst möglich machten, legen einen +Schwerpunkt auf die Fähigkeiten des Menschen, mit +Interpretationen und Deutungen sozialer Realitäten +umzugehen. Wie eine soziale Situation wirkt, hängt davon +ab, wie diese wahrgenommen wird und wir sie angeeignet +wird – aber auch davon, wie Deutungen verändert oder +selbständig produziert werden. +Das MpR betont mit dem zweiten Prinzip zur Produktion +der eigenen Persönlichkeit diese Perspektive. Handeln wird +teils bewusst, teils unbewusst an der Wahrnehmung und +Bewertung vorausgegangener Umweltereignisse und erfahrungen ausgerichtet. Im Ergebnis bedingt dies im +Idealfall die Fähigkeit zur »Reflexion des eigenen +Entwicklungsprozesses und der eigenen +Persönlichkeitsbildung« +(Hurrelmann/Mürmann/Wissinger 1986, S. 100), die bereits +in der Kindheitsphase einsetzt. Zur +Persönlichkeitsentwicklung gehört nach dieser These die +Akzeptanz der eigenen körperlichen und psychischen +Anlagen und ihrer Veränderungen im Laufe des Lebens. +Für die Steuerung der individuellen Persönlichkeit ist es diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/227.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/227.md new file mode 100644 index 0000000..3afb4ad --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/227.md @@ -0,0 +1,36 @@ +zentral, sich der Möglichkeiten bewusst zu sein, die durch +die inneren Anlagen gegeben sind, zugleich aber auch alle +Chancen der Entfaltung wahrzunehmen, die sich aus den +äußeren Bedingungen ergeben. +In diesem Wechselspiel zwischen Möglichkeiten und +Limitationen ist auch das Verhältnis zwischen der +Reproduktion und Produktion der eigenen Persönlichkeit +begründet. Je größer der Spielraum ist, den sich ein +Mensch für seine produktive Verarbeitung der inneren und +der äußeren Realität erobert, desto größer sind auch die +Möglichkeiten, die soziale und physische Realität +mitzugestalten und in diesen neu erschlossenen Bereichen +Verhaltensmuster auszuprobieren, die den eigenen +Bedürfnissen besonders gut gerecht werden. +Produktion und Eigentätigkeit setzen voraus, dass ein +Mensch im Verlauf seiner Persönlichkeitsentwicklung auf +ein vielschichtiges Repertoire von Reaktions- und +Handlungsformen zurückgreifen kann, das es ihm vor dem +Hintergrund der Wahrnehmung und Bewertung +(Realitätsverarbeitung) differenzierter Anforderungen in +der Umwelt erlaubt, Strategien zur Realitätsbearbeitung +einzusetzen. Mit Bearbeitung der Realität ist dann die +Fähigkeit gemeint, auf Umweltanforderungen bewusst +handelnd zu reagieren und dadurch die persönliche +Entwicklung selbstständig zu steuern. Der individuelle +Mensch verfügt damit immer über »Agency«, bildet +sozusagen sein eigenes »Handlungszentrum« +(Heitmeyer/Hurrelmann 1988, S. 64). Gesteuert wird dieses +Handlungszentrum durch Handlungskompetenzen, die die +individuelle Verfügbarkeit und die angemessene +Anwendung von Fertigkeiten und Fähigkeiten zur +Auseinandersetzung mit der äußeren und inneren Realität +bezeichnen. Sie stellen die Ausgangskonstellation für +soziales und instrumentelles Handeln dar. Sie dienen der +Bewältigung situativer, mittel- oder langfristiger +Anforderungen, die durch Fremderwartungen einerseits diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/228.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/228.md new file mode 100644 index 0000000..f23d2d3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/228.md @@ -0,0 +1,34 @@ +sowie andererseits durch Bedürfnisse, Wünsche und +Zielorientierungen des Handelnden selbst charakterisiert +sind. +DAS ZWEITE PRINZIP UNTER DER LUPE +Das zweite Prinzip des MpR hat neben der Verankerung in +der soziologischen und psychologischen Propädeutik vor +allem auch eine Anbindung zu der neueren +Forschungsdiskussion. Disziplinübergreifend werden hier +jene Aspekte verhandelt, die für das MpR und das Prinzip +zur Produktion der eigenen Persönlichkeit hoch relevant +sind. Es geht um Fragen der Motivationssteuerung, des +Verhältnisses von innerer und äußerer Realität sowie der +Entstehung eines eigenständigen Handlungszentrums der +Persönlichkeit. Die Selbstbestimmungstheorie (im +Englischen »Self-Determination Theory« oder SDT) ist eine +Lern- und Motivationstheorie. Ihre Entwicklung wurde von +den Psychologen Edward L. Deci (geb. 1942) und Richard +Ryan (geb. 1953) in den 1970er und 80er Jahren begonnen +und bis heute fortgeführt (siehe u. v. a. Deci/Ryan 1985, +2000 und 2008; Ryan/Deci 2000). Die SDT ist eine wirkliche +Weiterführung der lern- und entwicklungstheoretischen +Ansätze im kognitiven Paradigma, wobei einige Aspekte der +Annahmen von Piaget, Bandura oder Lerner intensiviert +wurden. Deci & Ryan betonen dabei vor allem die +Bedeutung der Motivation für Lern- und +Entwicklungsprozesse und verbinden diese mit der +Konstitution des »Selbst« (in der Psychologie der typische +Fachbegriff für Persönlichkeit, Subjekt oder Individuum). +Die SDT geht dabei von einer unauflöslichen interaktiven +Beziehung zwischen dem Selbst und den Einflüssen der +sozialen Umwelt aus und nennt diese Beziehung eine +»organismische Dialektik« (hier wie im Folgen +Deci/Ryan 1993). In ihren eigenen Worten formulieren sie: +»Die Struktur des Selbst erweitert und verfeinert sich im diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/229.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/229.md new file mode 100644 index 0000000..5ff51bf --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/229.md @@ -0,0 +1,44 @@ +Laufes der Entwicklung durch die Auseinandersetzung mit +der sozialen Umwelt; sie ist das sich ständige ändernde +Produkt von Prozessen und Strukturen dieser +organismischen Dialektik.« (Deci/Ryan 1993, S. 223) +Deci & Ryan unterscheiden motivierte und nicht +motivierte (»amotivierte«) Verhaltensweisen des Menschen, +wobei ihr Augenmerk auf der Motivation liegt, die sie in der +bisherigen Lern- und Entwicklungspsychologie als noch +nicht hinreichend differenziert ansehen. Intrinsische +(interessenbestimmte) Handlungen beinhalten Neugierde +und Interesse, extrinsische Handlungen sind außengeleitet +und erfüllen eine Aufforderung. Der zumeist angenommene +Gegensatz beider Motivationstypen ist für die SDT +Ausgangspunkt einer eigenen Grundlegung, die sich zu +diesem Gegensatz kritisch verhält. Sie unterscheiden +extrinsische Motivation vierfach in einem Kontinuum +zwischen »heteronomer Kontrolle« (hier vollkommene +Fremdbestimmung) und Selbstbestimmung (s. Tab. 5). Die +extrinsische Motivation wird hier nach der Quelle ihrer +Regulation unterschieden. + +Regulation Beschreibung + +Autonomiegrad + +External + +Das Individuum hat +Äußerst gering +keinen Einfluss auf +Regulation, Handlung +muss ausgeführt werden, +um Belohnung zu +erhalten oder Bestrafung +zu entgehen + +Introjiziert + +Das Individuum befolgt +eine Norm oder eine +Verhaltenserwartung, +muss nicht gezwungen + +Gering diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/230.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/230.md new file mode 100644 index 0000000..f407b7e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/230.md @@ -0,0 +1,36 @@ +werden, kann die +Handlung aber nicht mit +Lust ausführen +Identifiziert Man tut etwas, weil man Ansteigend +es für wichtig hält (ohne +es unbedingt tun zu +wollen), hohe persönliche +Relevanzsetzung der +damit verbundenen +Werte und Ziele +Integriert + +Ergebnis der Integration Hoch +von Zielen und Normen +in das Selbstkonzept, +bildet gemeinsam mit der +intrinsischen Motivation +Basis selbstbestimmten +Handelns + +Tab. 5. Typen extrinsischer Motivation. Dargestellt nach Deci/Ryan 1993. + +Deci & Ryan zeigen, dass extrinsische Motivationsmuster +durchaus nahe an intrinsische Muster heranreichen: »Der +integrierte Regulationsstil, der die eigenständigste Form +extrinsischer Motivation repräsentiert, bildet gemeinsam +mit der intrinsischen Motivation die Basis des +selbstbestimmten Handelns. Da sowohl die integrierte +Regulation als auch die intrinsische Motivation Qualitäten +besitzen, die Selbstbestimmung konstituieren, sind sie +einander durchaus ähnlich. Der Unterschied ist, daß +intrinsisch motivierte Verhaltensweisen autotelischer Natur +sind, während integriertes (extrinsisches) Verhalten eine +instrumentelle Funktion besitzt, aber freiwillig ausgeführt +wird, weil das individuelle Selbst das Handlungsergebnis +subjektiv hoch bewertet.« (Deci/Ryan 1993, S. 228) diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/231.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/231.md new file mode 100644 index 0000000..8daf6eb --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/231.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Das Besondere der Selbstbestimmungstheorie der +Motivation ist, dass sie die Entwicklung des Selbst in die +Ausprägung von Motivationstypen einbezieht. Hiernach +sind vor allem das Bedürfnis nach Kompetenz und +Wirksamkeit, das Bedürfnis nach Autonomie und +Selbstbestimmung sowie das Bedürfnis nach sozialer +Eingebundenheit und Zugehörigkeit eine feststehende +Grundlage der Persönlichkeitsstruktur. Diese Bedürfnisse +speisen wiederum sowohl die intrinsische als auch die +extrinsische Motivation. In sozialisationstheoretischer +Hinsicht sind damit wichtige Aspekte benannt, die vor +allem die Fähigkeiten des Individuums betreffen, Lern- und +Entwicklungsprozesse selbständig zu organisieren. Deci & +Ryan verfolgen hier ähnlich wie Piaget, Bandura und das +kognitive Lernparadigma die Argumentation, dass vor +allem die Autonomiebedingung ein zentraler Zugang zu den +Entfaltungsmöglichkeiten eines Individuums ist. Die +sozialen Kontexte, in den Menschen leben und aufwachsen, +fördern das Auftreten intrinsischer Motivation dann, wenn +sie die Bedürfnisse nach Autonomie und Kompetenz +unterstützen. +Die »Agency« Forschung + +Eine weitere Ergänzung in der Theorieentwicklung des +kognitiven Paradigmas sind die Arbeiten zum Thema +»Agency«. Agency bezeichnet im Englischen das +Handlungszentrum eines Menschen. In der +psychologischen Debatte ist Agency als Fachterminus +entwickelt worden, um die Bedeutung personengebundener +Fähigkeiten der Informationsverarbeitung, des +Wissensaufbaus und der Verhaltenssteuerung zu +beschreiben. Wie die Selbstbestimmungstheorie der +Motivation steht sie in der Verlängerung der Annahmen +kognitiver Lern- und Entwicklungstheorien. Sie bauen auf +den Erkenntnissen Piagets und Banduras auf. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/232.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/232.md new file mode 100644 index 0000000..60a08c7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/232.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Es ist kein Zufall, dass der schon erwähnte Albert +Bandura selbst dem Agency-Begriff in seinem Spätwerk +eine entscheidende Prägung gegeben hat. Bandura (hierzu +u. a. auch Bandura 1989, 2006 und 2017) bezeichnet +Agency »als Fähigkeit des Individuums, das eigene +Verhalten zu steuern: Die Fähigkeit, Kontrolle über die +eigenen Denkprozesse, die Motivation und das +Handlungsvermögen auszuüben, ist eine ausgeprägte +menschliche Eigenschaft. Da Urteile und Handlungen +teilweise selbstbestimmt sind, können Menschen durch +eigene Anstrengung Veränderungen sich selbst und die +soziale Situation, in die sie eingebettet sind, verändern.« +(Bandura 1989, S. 1175; eigene Übersetzung) +Nach Bandura ist für die Ausprägung eines spezifischen +Handlungsvermögens nichts wichtiger als Überzeugungen, +die die eigene Handlungsfähigkeit betreffen. Diese +Überlegungen, die an das Konzept der Selbstwirksamkeit +anschließen, heben kognitive, motivationale und affektive +(Gefühle, wie z. B. Ängstlichkeit) Aspekte hervor, die die +Selbsteinschätzung regulieren. In späteren Publikationen +werden auch noch die kognitiven »Begleitumstände« +hervorgehoben. Agency ist verbunden mit der +Zielgerichtetheit (Intentionalität) des eigenen Handelns, +der Fähigkeit, voraus zu denken, die eigene +Handlungsmotivation zu regulieren und Handlungsvollzüge +zu revidieren (Bandura 2006). +Für Bandura ist moralische Handlungsfähigkeit (»moral +agency«) ein Beispiel für die soziale Kontextualisierung des +allgemeinen Agency-Konzeptes. Moralische +Handlungsfähigkeit ist ausgerichtet an den +gesellschaftlichen Normen für ein moralisch »richtiges« +oder »falsches« Verhalten, wobei diese Normen in die +individuellen Ausprägungen kognitiver, motivationaler und +affektiver Agency übersetzt werden. Agency ist damit +bereits für Bandura ein Phänomen, das mit der kulturellen +Evolution des Menschen einhergeht. Das individuelle diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/233.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/233.md new file mode 100644 index 0000000..7616be0 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/233.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Handlungsvermögen wächst mit den Freiheiten, die +Menschen in modernen Gesellschaften erfahren. Nicht in +jedem Handlungsfeld, aber immer häufiger in den +kreativen Bereichen des Lernens und Arbeitens ist Agency +damit ein bedeutsamerer Faktor. +Banduras Weiterentwicklung der älteren Überlegungen +zu sozialem Lernen und Selbstwirksamkeit spiegelt die +Potenziale des kognitiven Paradigmas für die Analyse von +Lern- und Entwicklungsprozessen. In der Fachdiskussion +sind diese Überlegungen sehr intensiv aufgenommen und +weiterentwickelt worden. Viele sehen sogar im Agency +Konzept eine Ähnlichkeit zu Bourdieus Habitustheorie +(Emirbayer/Mische 1998) und verstehen Agency damit als +ein Subjektkonzept, das in Sozialisationsprozessen immer +mehr Berücksichtigung findet (Scherr 2012). +Das dynamisch-interaktionistische Modell + +Die Agency-Forschung ist bereits an der Schwelle, den +Rahmen der kognitivistischen Ansätze innerhalb der +psychologischen Lerntheorien zu überschreiten. Nach +Petermann & Lohbeck (2015) ist der Aspekt der +Selbstregulation des Lernens ein wesentlicher Indikator für +die Zugehörigkeit zum konstruktivistischen Paradigma +innerhalb der Lerntheorien, das dem kognitivistischen +Paradigma nachfolgt. In diese Richtung geht auch ein +Modell der Entwicklungspsychologie, das als dynamischinteraktionistisches Modell (Asendorpf/Wilpers 1998; +Asendorpf/Neyer, 2012; Neyer/Lehnart 2015) bezeichnet +wird, was im zweiten Prinzip des MpR in besonderer Weise +zum Ausdruck kommt. +Das dynamisch-interaktionistisches Modell verfolgt einen +spezifischen Zugang, der Sozialisation »als Ausdruck +dynamischer Wechselwirkungen beziehungsweise +Transaktionen zwischen individuellen +(Persönlichkeits-)Merkmalen und – überwiegend sozialen – +Umweltbedingungen betrachtet. Das Individuum und seine diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/234.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/234.md new file mode 100644 index 0000000..b59af63 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/234.md @@ -0,0 +1,21 @@ +Persönlichkeit sind somit Schrittmacher und Resultat der +Sozialisation.« (Neyer/Lehnhart 2015, S. 180) Deutlicher +noch als bei Bandura und der jüngeren Agency-Forschung +wird im dynamisch-interaktionistischen Modell postuliert, +dass eine Persönlichkeit als Gestalter der eigenen +Entwicklung und damit der eigenen Sozialisation fungiert. +Letzteres impliziert, »dass die soziale Umwelt immer mehr +das Resultat einer gestaltenden Persönlichkeit wird« +(Neyer/Lehnhart 2015, S. 183) und nicht umgekehrt. Die +sich entwickelnde Persönlichkeit ist also nicht abhängig +von Umwelteinflüssen, sondern konstruiert diese selbst. +Wichtige Persönlichkeitszüge, die wie die vorgestellten +»Big Five« nach dem dynamisch-interaktionistischen +Modell als sehr stabil angenommen werden müssen, sorgen +dafür, dass eine Persönlichkeit sich nur sehr selektiv +Umwelteinflüssen aussetzt. Extrovertierte Personen +beispielsweise suchen sich nach dieser Vorstellung +Umwelten, in denen sie ihr Temperament ausleben und in +dieser Hinsicht auch angeregt werden. Introvertierte +dagegen wählen das Gegenteil, stillere und weniger +herausfordernde Orte. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/235.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/235.md new file mode 100644 index 0000000..a4133e3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/235.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Abb. 2: Psychologische Mechanismen von der Beeinflussung der Person durch +die Umwelt (Sozialisation) und der Beeinflussung der Umwelt durch die Person +(Selektion). Quelle: Neyer/Lehnardt 2015, S. 183. + +Abbildung 2 veranschaulicht das dynamische Denken des +Ansatzes, in dem das interaktionistische Moment dafür +sorgt, dass kein einseitiger Determinationszusammenhang +wirkt. Vielmehr wird die Umwelt als anregend angesehen, +weil sie das Beobachtungslernen stimuliert und der sich +entwickelnden Persönlichkeit die Werkzeuge der +Welterschließung nahelegt. Auf der anderen Seite aber +wählt das Individuum aus (es selektiert), welchen +Umwelten es sich aussetzen möchte. Es strukturiert die +Umwelteinflüsse vor, die dann wieder Gegenstand der +Auseinandersetzung mit der Realität sind. Auf diese Weise +erzeugt das dynamisch-interaktionistische Modell einen +erheblichen Überhang der Persönlichkeit im Verhältnis zur +Umwelt, weil Umwelteinflüsse zwar fortbestehen, aber +vorher individuell ausgewählt wurden. +Für Neyer & Lehnardt (2015, S. 184) ist dies +veranschaulicht in der Auswahl der jugendlichen +Bezugsgruppen: »Die Person-Umwelt-Passung kann +deshalb als Resultat einer kontinuierlichen Transaktion +zwischen der Persönlichkeit (Selektion) einerseits und der +sozialen Umwelt (Sozialisation) andererseits zustande +kommen. Diese Transaktionen fin- den über die gesamte +Lebensspanne hinweg statt. Zum Beispiel haben Mund und +Neyer (2014) in einer Längsschnittstudie über 15 Jahre +gezeigt, dass vom jungen bis zum mittleren +Erwachsenenalter Partnerschafts- und +Freundschaftsbeziehungen die spätere +Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen und umgekehrt +diese Beziehungen von der Persönlichkeit beeinflusst +werden. Dieses Muster ist insofern bemerkenswert, als sich +in den Partnerschafts- und Freundschaftsbeziehungen die +selbstgewählten Lebensstile junger Erwachsener diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/236.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/236.md new file mode 100644 index 0000000..4a693fc --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/236.md @@ -0,0 +1,35 @@ +widerspiegeln, die damit als wichtige +Sozialisationskontexte der Persönlichkeitsentwicklung +angesehen werden können.« +Zweifellos bekennt sich das dynamischinteraktionistisches Modell mit der Selektionsthese zu +einer sozialisationstheoretischen Kernannahme, die +Anschlussfragen provoziert: Woher kommen die +Persönlichkeitszüge, die zu einer Selektion (Auswahl) der +Umwelteinflüsse führen, denen sich ein Individuum +aussetzt? Sind diese Persönlichkeitseigenschaften +genetisch bedingt oder ein Ergebnis der +Auseinandersetzung mit der Umwelt? Wenn doch +Umwelteinflüsse auf die Entwicklung der frühen +Persönlichkeit wirken, kann man dann wirklich von einer so +hohen Bedeutung der individuellen Selektion sprechen – +oder ist es doch ein vermittelter Umwelteinfluss? Diese und +andere Fragen zum Verhältnis zwischen Kontext- bzw. +Umweltbedingungen, den genetischen Anlagen und den +sich entwickelnden Grundlagen des eigentätig handelnden +Individuums nicht neu. Sie begleiten bereits die +Perspektive der klassischen psychologischen Perspektive in +der Sozialisationsforschung und tauchen nun ebenso +charakteristisch in der jüngeren Debatte wieder auf. +Generationale Ordnung und Agency + +Eine alternative, ebenfalls jüngere Theorieperspektive, die +dem zweiten Prinzip des MpR zur Produktion der eigenen +Persönlichkeit als Fundament dient, stammt aus der +soziologisch geprägten Sozialisationsdebatte. Hier wird das +Hauptaugenmerk auf die aktive Rolle bereits im +Kindesalter gerichtet. Der Impuls für diese Theorierichtung +entstammt der Soziologie der Kindheit und dem Eintreten +für eine Kinderperspektive und Kinderrechte (so auch +Krappmann 2016). In theoretisch-konzeptioneller Hinsicht +ist damit das bereits bekannte Motiv der Überwindung der +Einseitigkeit der Vergesellschaftungsperspektive in der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/237.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/237.md new file mode 100644 index 0000000..9794fa5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/237.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Sozialisationsforschung verbunden. Aus diesem Grund ist +Kindheitsforschung seit den 1980er Jahren auch als »neue« +Soziologie der Kindheit bezeichnet worden. +Zu diesem sehr breiten Strang einer kindheitsbezogenen +Perspektive gehören im deutschsprachigen Bereich vor +allem die Arbeiten von Doris Bühler-Niederberger (2011). +Sie beinhalten die Beschreibung von Kindheit als +Bestandteil der Herstellung generationaler Ordnung. Dies +meint genauer, dass die Differenzierung der Bevölkerung +nach Alter eine gesellschaftliche Konstruktion und keine +»natürliche Ordnung« darstellt. Sie ist historisch +gewachsen und damit abhängig von gesellschaftlichen +Bedingungen der Herstellung sozialer Ordnung, die vor +allem von Erwachsenen vorgegeben werden. Eine solche +Differenzierungslinie ist aber durch Praktiken im Bereich +kindlicher Ordnungen auch veränderbar. Kinder sind also +von Strukturen geprägt, verändern aber gleichzeitig diese +Strukturen. Rahmenbedingungen kindlicher Lebenswelten +sind also zugleich eine vorgegebene Struktur und ein +Optionsraum. Aus der praxeologischen Perspektive +Bourdieus heraus argumentiert könnten man sagen, dass +Kinder-Praktiken abhängig sind von ihren +Rahmenbedingungen, sie aber gleichzeitig auch eigene +Handlungsmacht entwickeln können. Auch Kinder sind also +Produzenten ihrer eigenen Entwicklung. +Dieses besondere Motiv hat durchaus Konsequenzen. +Kinder sind damit nicht nur in einem Korsett ihrer +Verhältnisse gefangen, sie sind nicht in einem +Vorbereitungsstadium einer Lebensphase als Erwachsene, +sondern handeln bereits selbständig und aktiv. Man fängt +diese Denkbewegung mit der englischsprachigen +Formulierung »children as beings« vs. »children as +becomings« besonders gut ein. Kinder sind nicht nur in der +Phase, etwas zu werden (»becoming«), sondern sind bereits +in ihrer Lebensphase aktiv handelnd (»being«) und +existieren, konstruieren und verändern. Kinder sind diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/238.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/238.md new file mode 100644 index 0000000..01a444b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/238.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Bestandteil einer sozialen Praxis, in der sie aktiv agieren im +Sinne es »doing childhood«. +Nahe an diese Perspektive der neuen Soziologie der +Kindheit tritt die Thematisierung kindlicher »agency«. +Agency ist der aus der eben dargestellten psychologischen +Debatte übernommener Fachbegriff, der im Deutschen als +»Handlungsvermögen« übersetzt wird. Ein solches +Handlungsvermögen eignen sich Kinder nicht nur an und +verändern es, sondern sie verfügen immer bereits darüber +(Alanen 2005). Seit den 1980er-Jahren wird dies auch in +der Formulierung »Kinder als Akteure« diskutiert. In den +vergangenen Jahren ist auch deutschsprachig dieser +Forschungsstrang enorm gewachsen. Im Kontext der +Debatte über Sozialisation und Kindheit entsteht damit das +erste Mal eine theoretische Hintergrundfolie, die es +erlaubt, die Potenziale in der Kindheit zu verstehen, die auf +Eigenständigkeit, kindlichem Handlungsvermögen und +kindlicher Autonomiefähigkeit beruhen. Dies unterstützt +wiederum den Produktionsaspekt der eigenen +Persönlichkeit. Sozialisation als generationales Ordnen +bestätigt zugleich die aktive Rolle des Kindes. Diese +»erleichtert den (geregelten) Ablauf der +Sozialisationsprozesse, kann deren Wirkung aber auch +torpedieren.« (BühlerNiederberger/Gräsel/Morgenroth 2015, S. 125) +Die Perspektive der neueren Kindheitsforschung hat +natürlich weitreichende Implikationen, impliziert aber +wiederum Anschlussfragen. Wie weit beispielsweise reicht +die kindliche Fähigkeit, Verhältnisse, in die sie als Kinder +integriert werden, tatsächlich zu »torpedieren«? Zweifellos +sollte hier vorsichtig argumentiert werden. Kindliche +Erfahrungsräume müssen eine autonome Betrachtung +beanspruchen und die Eigenständigkeit des kindlichen +Tuns in Rechnung stellen. So zu tun aber, als ob es +kindliche Autonomie per se gibt, bekommt problematische +Züge. Auf diese Weise würden Ungleichheits- und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/239.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/239.md new file mode 100644 index 0000000..a165ac9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/239.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Hierarchiestrukturen, in die Kinder eingebettet sind, +übersehen (Bühler-Niederberger/Sünker 2006). Die +Autonomie der Kindheit wäre dann etwas, was man fordern +oder ablehnen kann. Sie sollte aber nicht dazu führen, dass +die Perspektive auf die Mikroperspektive des kindlichen +Handelns dominiert und die dahinter liegenden Strukturen +der verfügbaren Ressourcen übersieht. +Die Produktion und Reproduktion der eigenen Persönlichkeit + +In der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung findet, +auch das ist eine Konsequenz des zweiten Prinzips des +MpR, eine notwendige Selbstbezogenheit statt. Sie sorgt +dafür, dass die einzelne Persönlichkeit niemals passiv +abwartend verstanden werden kann, sondern immer als +aktiv beteiligt und die eigene Entwicklung steuernd. +Hierfür stellt das Beispiel, die eigene Persönlichkeit in +festen Rollenstereotypen zu orientieren, einen +Anwendungsfall dar. +In einer bestimmten Lebenssituation in der Rolle als +Mann oder als Frau auf traditionelle Rollenerwartungen +zurückzugreifen, ist im Sinne des MpR ein aktiver Prozess. +In diesem Sinne ist sogar unter Bedingungen der starken +Rollennormierung von einem Prozess der aktiven +Steuerung zu sprechen. Vielleicht ist hier auch die Nähe zu +dem schon eingeführten Begriff der »Selbstsozialisation« +sinnvoll. Niklas Luhmann, der Schöpfer dieses Begriffes, +benennt es ausdrücklich: »Sozialisation ist immer +Selbstsozialisation« (Luhmann 1987, S. 177). Bei allen +problematischen Implikationen dieser Deutung, der oder +die Einzelne ist hier immer aktiv an dem Prozess der +Sozialisation beteiligt. Oder, um im genannten Beispiel zu +bleiben: Die Verbindung der gewohnten und erfahrenen +Struktur (wie die unterschiedlichen +Geschlechtererwartungen aufeinander bezogen sind) mit +den Anforderungen einer konkreten Handlungssituation +(wie ziehe ich mich an für ein Bewerbungsgespräch, wie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/240.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/240.md new file mode 100644 index 0000000..3103274 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/240.md @@ -0,0 +1,36 @@ +verhalte ich mich, was darf ich auf gar keinen Fall tun, wie +gehe ich mit modernen Rollenbildern um?) ist ein aktiv von +der Persönlichkeit herzustellender Prozess der +Wahrnehmung, des Denkens und des Handelns. +So viele Rollenerwartungen auch vorhanden sind, so viele +Alternativen müssen dennoch abgewogen und in Einklang +gebracht werden. Keine Handlungssituation ist also so +vorherbestimmt, dass der individuelle Handlungsspielraum +aufgelöst wird (aus der systemtheoretischen Perspektive +hierzu Scherr 2015). Es wäre also ein Kurzschluss, das +MpR und die besondere Bedeutung der aktiven +Entwicklung der eigenen Persönlichkeit so zu verstehen, +dass nur eine durchgehend vorhandene +Handlungsautonomie diese Bedingung erfüllt. Der Modus +der Produktion der eigenen Entwicklung ist auch aktiv, +wenn ein Individuum Kompromisse eingeht und +Einschränkungen der persönlichen Entfaltung hinnimmt. +Nur in Handlungssituationen des absoluten Zwangs, in +denen keine Alternative mehr gegeben ist, hat der Modus +der Produktion der Persönlichkeit keine Bedeutung mehr +für die aktive Beeinflussung einer Handlungssituation. +Im umgekehrten Sinne sind die produktive +Realitätsverarbeitung und damit das Maß der +»Selbstsozialisation« keine Errungenschaft der Moderne, +auch nicht einer Verringerung von Fremdzwang oder einer +Art Auflösung von Prozessen der gesellschaftlichen +»Fremdsozialisation«. Die aktive Gestaltung oder +Produktion der eigenen Persönlichkeit ist konstitutiv mit +der menschlichen Entwicklung verbunden. Eine empirische +Frage ist allerdings, wie stark gesellschaftliche +Freiheitsgrade die Möglichkeitsräume der Abweichung +(von den Normierungen der Lebensführung) erweitern oder +verschließen. +Die Verringerung oder Zunahme von Freiheiten im +Verlauf der historischen Entwicklung von Gesellschaften ist +sehr schwer einzuschätzen. Ein Beispiel hierzu macht viele diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/241.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/241.md new file mode 100644 index 0000000..895bc99 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/241.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Widersprüche des Vergleichs historischer und aktueller +Lebensbedingungen gut deutlich. Das Beispiel geht von +den Lebensbedingungen der nachwachsenden Generation +aus. So erleben Kinder und Jugendliche heute die Zunahme +von tatsächlichen und virtuellen Freiheiten der +Lebensführung sowie der erhöhten Möglichkeiten zur +Selbstbestimmung. Dennoch fühlen sie sich immer früher +durch den Zwang zur beruflichen Orientierung und der +wachsenden Konkurrenz bereits in der Schule belastet. +Bedeutet dies eine Zunahme oder eher eine Abnahme der +Freiheitsgrade? +Schon Kinder können in den offenen, individualisierten +westlichen Gesellschaften Belastungssymptome zeigen, die +typischerweise als Stresserkrankungen von Managerinnen +und Managern bezeichnet werden. In der Summe kann +daher nur bedingt von gestiegenen Freiheiten in den +westlich orientierten Gesellschaften gesprochen werden, +obwohl wir gleichzeitig den fast vollständigen Wegfall +körperlicher Züchtigung und das Verbot der Kinderarbeit +kennen. Mitunter können Zwänge, die mit Ängsten +verbunden sind, mehr Gewalt über die Persönlichkeit +bekommen als materielle Zwänge und tatsächliche +Bedrohungen. In den nachfolgenden Abschnitten werden +solche Phänomene, die in der Fachdebatte auch als +»Deprivation« oder »relative Deprivation« bezeichnet +werden, noch ausführlicher erörtert. +Die Weiterführung des interaktionistischen Paradigmas + +Obwohl die Theoriebezüge zum zweiten Prinzip des MpR +mannigfaltig sind, bleibt eine Ausgangsannahme +kontinuierlich stabil. Sozialisation als Eigengestaltung der +Persönlichkeit durch produktive Realitätsverarbeitung ist +durch und durch ein Interaktionsphänomen, das eine +doppelte Wirkrichtung hat: Zum einen auf die Prozesse der +Individuation, die entweder die Veränderung oder aber die +Verfestigung von Persönlichkeitsmerkmalen beinhalten diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/242.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/242.md new file mode 100644 index 0000000..c2e41a3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/242.md @@ -0,0 +1,36 @@ +können; zum anderen auf Prozesse der Vergesellschaftung, +da sich soziale Strukturen, in denen gehandelt wird, +ebenfalls in einem permanenten Prozess der Veränderung +und Verfestigung befinden. +Diese Akzentsetzung schlägt sich unter anderem in der +Weiterentwicklung des interaktionistischen Paradigmas +innerhalb der Sozialisationsforschung nieder. Heinz Abels +und Alexandra König (2010) etwa unterscheiden zwischen +einer auf die Entwicklung der Persönlichkeit (mit Blick auf +die Entwicklung von Identität und Individualität) und einer +auf Prozesse der sozialen Integration zielenden +Perspektive: »Während es beim Prozess der Sozialisation +vor allem um die Frage geht, wie das Individuum zum +Mithandeln in der Gesellschaft gebracht wird bzw. sich +selbst auf die Gesellschaft einstellt, geht es unter der +Perspektive ›Identität‹ und ›Individualität‹ um die +Erfahrung des Individuums von sich selbst bzw. seine +Meinung von der Besonderheit in den Augen der Anderen« +(Abels/König 2016, S. 21). Der sozialisierende Prozess +überträgt demnach Erfahrungen mit der Gesellschaft in +eine Kompetenz im Umgang mit der Gesellschaft +(Bauer/Hurrelmann 2007). +Diese Wechselseitigkeit von Veränderungsträgheit und +Veränderungsdynamik, die Frage danach, wann +Handlungsstrukturen erhalten oder modifiziert werden, ist +für die aktuelle Forschung von großer Bedeutung. Hierfür +stellen sich Themen wie die Erklärung +»unwahrscheinlicher« Bildungskarrieren – etwa +Bildungsaufstiege von Heranwachsenden aus Risikolagen +oder Bildungsabstiege aus privilegierten Elternhäusern – +als interessante Beispiele dar. In der Theoriedebatte +existieren wichtige Anbindungen an diesen +Diskussionstand. Hierzu gehören die Annahmen aus der +erörterten lern- und entwicklungspsychologischen +Perspektive, die Agency-Forschung und eine erweiterte +sozialpsychologische Perspektive in der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/243.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/243.md new file mode 100644 index 0000000..01dbf36 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/243.md @@ -0,0 +1,25 @@ +Sozialisationsforschung (Grusec/Hastings 2006) sowie die +Ansätze zum »Transactional Model of Development« +(Sameroff 2009). +An diese Ausrichtung eng angelehnt, haben sich die +Biografie-Forschung und das Konzept der Lebensführung +als wichtige Ergänzungen der Sozialisationsthematik +durchgesetzt, die im Folgenden noch vorgestellt werden. +Sie stehen neben der eigenständigen Etablierung der +Kindheits- und Jugendforschung zum Teil in Konkurrenz zur +etablierten Sozialisationsforschung, beanspruchen jedoch +nicht, diese vollständig zu ersetzen. Das Modell der +generationalen Ordnung nach Bühler-Niederberger +versteht aus einer solchen, auf die gesamte Lebensspanne +bezogenen Perspektive, Sozialisation als Vorbereitung auf +gesellschaftliche Teilhabe, die in asymmetrischen +Konstellationen ungleicher Altersgruppen erfolgt. Diese +generationalen Arrangements verlangen kompetentes +Handeln der Kinder und Jugendlichen, in denen diese +selbst als aktive Produzenten, vor allem aber als +»Koalitionspartner« in die Herstellung von generationalen +Ordnungsrastern einbezogen sind und in diesen aktiv und +produktiv Positionen einnehmen. Damit wird das MpR in +seiner Perspektive bestärkt, Kinder und Heranwachsende +nicht als »Mängelwesen« wahrzunehmen, sondern als sich +entwickelnde Subjekte, die ihr Leben aktiv mitgestalten. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/244.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/244.md new file mode 100644 index 0000000..c9428ea --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/244.md @@ -0,0 +1,35 @@ +6. + +Produktive +Realitätsverarbeitung im +Lebenslauf + +Nachdem im vorangehenden Kapitel die beiden +grundlegenden, konzeptionellen Prinzipien des MpR +formuliert wurden, wird das Modell nun weiter entfaltet, +indem die Betrachtung empirischer Phänomene der +produktiven Realitätsverarbeitung mit der +Lebenslaufperspektive verbunden werden. Innerhalb eines +Jahrhunderts, im Zeitraum von 1900 bis 2000, haben +ökonomische und soziale Veränderungen, vor allem der +ständig anwachsende Wohlstand, die Verlängerung der +Bildungs- und Ausbildungszeiten und die permanente +Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu einem spürbaren +Strukturwandel des Lebenslaufs geführt, der unmittelbare +Auswirkungen auf die Abfolge und den Zuschnitt der +einzelnen Lebensphasen hat. Nehmen wir die drei +Zeitpunkte 1900, 1950 und 2000 als Wegmarken für einen +historischen Vergleich, dann lässt sich die Veränderung der +Strukturmerkmale des Lebenslaufs mit seiner Einteilung in +verschiedene Lebensphasen idealtypisch veranschaulichen. +So bestand der Lebenslauf im Jahr 1900 aus den Phasen +der Kindheit und des Erwachsenenalters. Der Übergang +von der Kindheit in das Erwachsenenalter fiel meist mit +dem Übergang in das Erwerbsleben und dem Aufbau einer +eigenen Familienbeziehung mit Kindern zusammen. Nur in +einer Minderheit äußerst begüterter oder privilegierter +Gruppen war eine längere Ausbildungsphase vorgesehen, +die Merkmale des Jugendalters erkennen ließ. Für die +meisten Menschen gab es diese Differenzierung aber nicht +und auch das Ende des Erwachsenenalters trat schnell, +noch in der Erwerbsphase mit dem für heutige Verhältnisse diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/245.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/245.md new file mode 100644 index 0000000..39414b1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/245.md @@ -0,0 +1,36 @@ +früh einsetzenden Tod (die durchschnittliche +Lebenserwartung betrug nur etwa 50 Jahre) ein. +Im Jahr 1950 hatte sich die Lebensdauer deutlich +verlängert. Die Lebensphasen Jugend und Senior hatten +sich neu herausgebildet und wurden zu einem allgemeinen +Merkmal. Die Kindheit war wegen der Vorverlagerung der +Pubertät im Lebensalter kürzer als noch 1900, das +Jugendalter diente als Übergang von der abhängigen +Kindheit zum unabhängigen Erwachsenenalter (Ecarius et +al. 2011). Die Erwachsenenphase hatte sich durch die +verlängerte Lebensdauer erheblich ausgedehnt. Damit war +der gesamte Lebenslauf vom Erwerbs- und Familienleben +des Erwachsenenalters dominiert. Nach dem Austritt aus +dem Erwerbsleben wurde es möglich, eine zwar meist +kurze, aber doch von der Verantwortung des +Erwachsenenalters entlastete Phase im Ruhestand zu +verbringen. +Auffällig ist, dass die allein durch Bildung und +Berufsvorbereitung geprägten Lebensphasen in der Regel +um das 20. Lebensjahr beendet sind. Danach geht für viele +junge Leute zwar die allgemeine und berufliche Ausbildung +weiter, aber sie ist von gelegentlichen Berufstätigkeiten +unterbrochen oder begleitet. Durch partnerschaftliches +Zusammenleben im privaten Bereich und durch völlig +autonome Handlungsmuster im Konsum-, Medien- und +Freizeitbereich kann es zu einer Art der Lebensführung +kommen, die mit der traditionellen Jugendphase der +1950er Jahre nichts mehr zu tun hat, sondern eher Züge +des Erwachsenenalters annimmt (vgl. zur Flexibilisierung +von jugendspezifischen Szenen Eulenbach/Fraij 2018 und +Schinkel/Herrmann 2017). +Durch das Aufschieben des Übergangs in die +Erwachsenenrolle entsteht zwischen den Lebensphasen +Jugend und Erwachsenenalter eine flexible +Übergangsphase. Sie stellt ein biografisches »Moratorium« +dar, das der persönlichen Entfaltung dient, ohne dass der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/246.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/246.md new file mode 100644 index 0000000..0f39005 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/246.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Einzelne durch beruflich Tätigkeiten oder familiäre +Verpflichtungen der Kindererziehung eingeschränkt wird. +In dieser Phase ist eine flexible und kreative Verbindung +von Bildung, Beruf und Privatleben möglich. +Im Jahr 2000 war die Lebensdauer zudem erneut +angewachsen, und der Lebenslauf war im Vergleich zu +1950 noch stärker untergliedert. Die Lebensphase Kindheit +hatte sich auf nun nur noch etwa zwölf Lebensjahre +verkürzt, die Jugendzeit hatte sich insgesamt deutlich +verlängert und zog sich bis in die Zeit des früheren +Erwachsenenalters hinein. Die Lebensphase der +»Spätadoleszenz«, die man auch als »Junges +Erwachsenenalter« bezeichnen kann, in der noch keine +Berufstätigkeit ausgeübt und keine Familie gegründet +wurde, hatte sich herauskristallisiert. Damit verbunden war +ein späterer Übergang in Beruf und Familie. +Das Erwachsenenalter behält zwar seine dominierende +Rolle für die Gestaltung des Lebens, ist aber wegen +zunehmender beruflicher und familiärer Brüche und der +erweiterten Option der Neuanfänge in sich stärker +untergliedert als 1950. Heute sind während des +Erwachsenenalters durch Arbeitsplatzverlust oder -wechsel +und oft auch durch Partnerverlust oder -wechsel vielfältige +Neuorientierungen möglich und notwendig. Für viele +Menschen ergibt sich nach der ersten Phase des Berufsund Familienlebens ein »zweites Erwachsenenleben« um +das 50. oder 55. Lebensjahr, mit neuer Partnerschaft und +neuem Familienleben, oft auch mit einem beruflichen +Neuanfang. Standen in der davorliegenden Phase Beruf +und Karriere im Vordergrund, sind es nun möglicherweise +die neu zusammengesetzte Familie und die breit +gefächerten Freizeitmöglichkeiten. +Auch der Übergang in das Seniorenalter wird hierdurch +fließend. Das traditionelle Bild des »Ruhestands« mit +völligem Rückzug aus dem Berufs- und Familienleben passt +immer weniger, stattdessen ist eine aktive Lebensführung diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/247.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/247.md new file mode 100644 index 0000000..b2e89c1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/247.md @@ -0,0 +1,35 @@ +mit gelegentlichen Berufstätigkeiten und ehrenamtlichen +Beschäftigungen typisch. Die biografischen +Gestaltungsmöglichkeiten lassen sich von denen im +(jungen) Erwachsenenalter oft nicht mehr unterscheiden. +Auch in der letzten Phase des Lebens ist bei vielen älteren +Menschen noch ein »Un-Ruhestand« möglich. Erst ganz am +Ende des Lebens trifft die traditionelle Vorstellung aus den +Zeiten der Normal-Biografie noch zu, wonach das hohe +Alter durch Rückzug und Austritt aus aktiven +Lebensvollzügen gekennzeichnet ist. Die Lebensphase +Senior verlängert sich auf einen insgesamt fünfzehn Jahre +langen Abschnitt, der in seinem ersten Teil nicht mehr den +Charakter des Ruhestands hatte, sondern durch vielfältige +Aktivitäten gekennzeichnet war, die für das +Erwachsenenleben typisch sind, bevor er im zweiten Teil in +die Hochaltrigkeit übergeht. +Der zunächst beschreibende Blick auf die +unterschiedlichen Lebenslaufabschnitte ist durchaus +instruktiv. Er soll in den Beschreibungen der Prinzipien 3, 4 +und 5 fortgesetzt werden, um einige Trends der +Entwicklung in den unterschiedlichen Lebensphasen +zwischen Kindheit und Hochaltrigkeit abzubilden. Die +einzelnen Lebensphasen Kindheit, Jugend, Erwachsenenund Seniorenalter sehen sich durchgehend Anforderungen +an die produktive Verarbeitung der inneren und der +äußeren Realität gegenüber. Dabei spiele die Unterschiede +nach Fähigkeiten und Ressourcen zu Realitätsverarbeitung +eine besonders zentrale Rolle. Mit der allgemeinen +Anlehnung an die erörterten lebenslaufspezifischen +Herausforderungen der Realitätsverarbeitung wird eine +Schablone erzeugt, um die strukturellen Probleme zu +identifizieren, die sich in der biografischen Entwicklung +ergeben. +Der Blick auf den Lebenslauf offenbart aber auch +wichtige Variationen dieser Schablone. Die Möglichkeiten +(oder auch Notwendigkeiten) zur »Produktion« der eigenen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/248.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/248.md new file mode 100644 index 0000000..7aa1caa --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/248.md @@ -0,0 +1,30 @@ +Persönlichkeit steigen dadurch in jedem Lebensabschnitt. +Schon in der Kindheit gibt es viele Möglichkeiten der +Gestaltung der Persönlichkeit, weil ein direkter Zugang zu +Medien und zum Freizeit- und Konsummarkt besteht; +außerdem verfügen die meisten Kinder bereits über eigene +finanzielle Ressourcen. Im Jugendalter steigern sich die +Möglichkeiten der Selbstorganisation der Persönlichkeit +weiter. Der offene Charakter dieses Lebensabschnitts als +Statuspassage zwischen Kind und Erwachsenem bietet +große Spielräume für eine eigenwillige und +selbstverantwortliche Lebensführung +(Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 65). +Da sich Jugendliche häufig in Lebenssituationen mit +unsicherem Ausgang und ungewisser Zukunftsperspektive +befinden, sind sie gezwungen, sich individuelle +Zielperspektiven und Sinngebungen aufzubauen, um ein +Mindestmaß an Stabilität in ihren Lebensalltag zu bringen +(etwa in Phasen des Übergangs von der Schule in den +Beruf oder bei dem Bruch einer Freundschafts- oder +Partnerbeziehung) (Behnken/Mikota 2009). Grundsätzlich +gilt das Gleiche auch für die Lebensphasen des +Erwachsenen- und Seniorenalters. +Durch die Verlängerung der Lebensdauer und die großen +Spielräume für einen individuellen Lebensstil ist die +Persönlichkeitsentwicklung damit in keiner Phase des +Lebens wirklich abgeschlossen, sondern sie befindet sich +ständig im Fluss. Die für das Jugendalter charakteristische +suchende und sondierende Haltung gilt vielen Menschen +demnach auch in späteren Lebensphasen als Muster und +Vorbild für die Persönlichkeitsbildung. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/249.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/249.md new file mode 100644 index 0000000..aaa8121 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/249.md @@ -0,0 +1,36 @@ +6.1 + +Drittes Prinzip zur Bewältigung +lebenslaufspezifischer Anforderungen der +Realitätsverarbeitung + +Das dritte Prinzip fokussiert darauf, dass in jedem +Lebensabschnitt Erwartungen an die Verarbeitung der +Realitätt vorhanden sind. Diese sind gesellschaftlich +mehrheitlich akzeptiert und gelten als Normen der +Entwicklung. Im Lebenslauf kommt es damit zu einer +ständigen Konfrontation mit neuen Situationen, die +jeweils mit angemessenen Formen des Handelns +bewältigt werden müssen. +Gegenstand und Verortung + +In jedem Lebensabschnitt ergeben sich aus der +körperlichen und psychischen Entwicklung sowie aus der +sozialen Umwelt stammende Erwartungen an die +Verarbeitung der Realität. Diese Erwartungen werden in +der einer älteren Theoriesprache als +»Entwicklungsaufgaben« bezeichnet. Sie beschreiben die +für ein Kind, einen Jugendlichen, einen Erwachsenen oder +einen Senior als »Norm« erachtete Handlungs- und +Bewältigungsherausforderungen. Sie sind von jedem +Menschen auf seine eigene Weise zu definieren, in das +eigene Handlungsrepertoire zu übersetzen und zu +bewältigen. +Im Lebenslauf kommt es zu einer ständigen +Konfrontation mit neuen Situationen, die jeweils mit +angemessenen Formen des Handelns bewältigt werden +müssen. Immer wieder – besonders zugespitzt bei +einschneidenden sozialen oder wirtschaftlichen Krisen oder +bei biografischen Umbrüchen und Übergängen – steht der +Mensch vor der Aufgabe, seine Bewältigungsfähigkeiten zu +aktivieren. Zur Analyse dieser Prozesse bietet u. a. das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/250.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/250.md new file mode 100644 index 0000000..5f184ba --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/250.md @@ -0,0 +1,36 @@ +»Konzept der Entwicklungsaufgaben« ein zunächst +hilfreiches Orientierungsraster. Es findet sich in den +soziologischen Theorien von Jürgen Habermas und Lothar +Krappmann, besonders aber in den psychologischen +Theorien von Erik H. Erikson, Robert J. Havighurst und +Urie Bronfenbrenner. Mithilfe des Konzepts können soziale +Anforderungen und die je individuellen +Entwicklungsverläufe ins Verhältnis gesetzt und bestimmte +Etappenziele der Entwicklung identifiziert werden (ein +umfassender Überblick hierzu bei Quenzel 2015). +In den allgemeinen Zugängen zum Verständnis von +Entwicklungsaufgaben beschreiben diese typischen +Herausforderungen in der Biografie eines Menschen. Zu +ihrer Bewältigung wird ein Profil individueller +Handlungskompetenzen im Umgang mit Körper, Psyche, +sozialer und physischer Umwelt angenommen, das in den +Lebensphasen sehr unterschiedlich ausfällt. Jede +Entwicklungsaufgabe ist von jedem Menschen auf seine +individuelle Weise zu bewältigen (Albisser/Buschor 2011). +Die Bewältigung setzt voraus, dass ein Abgleich von +biologischen und psychischen Anforderungen der inneren +Realität mit gesellschaftlichen und ökologischen +Anforderungen der äußeren Realität erfolgt. Die +biologischen und psychischen Anforderungen in den +einzelnen Lebensphasen sind universal und demzufolge in +jeder Kultur nach weitgehend vorgegebenen und meist +angelegten Mustern zu bewältigen. +Die gesellschaftlichen und ökologischen Anforderungen +unterschieden sich sehr stark nach dem Stadium der +politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entfaltung +einer Gesellschaft. In demokratischen +Wohlstandsgesellschaften sind in der Regel die Spielräume +für eine individuelle Gestaltung des Lebenslaufs in einem +höheren Maße vorhanden als etwa in autokratischen +Gesellschaften mit niedrigem Wohlstandniveau. Ein +Beispiel dafür ist die Ausgestaltung der Geschlechtsrolle, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/251.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/251.md new file mode 100644 index 0000000..ffd1500 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/251.md @@ -0,0 +1,34 @@ +die entweder sehr deutlich oder eher vage an kulturell +festgelegte Stereotype gebunden ist oder auch die +Entscheidung für eine Familiengründung, die nicht +zwangsläufig in jeder Gesellschaft als Voraussetzung für +gesellschaftliche Anerkennung zählt. +In Gesellschaften mit hoher Sensitivität für Pluralität sind +– ganz allgemein gesprochen – die kulturellen und sozialen +Vorgaben nicht mehr so stark normiert wie in +Gesellschaften, in denen noch traditionelle, zumeist religiös +dominierte Verhaltensnormen vorherrschen. Dadurch steht +den Individuen für die Bewältigung von +lebenslaufspezifischen Anforderungen der +Realitätsverarbeitung eine größere Vielfalt an Wegen offen, +die nach persönlichen Vorlieben eingeschlagen werden +können (Böhnisch 2001). +DAS DRITTE PRINZIP UNTER DER LUPE +Es wird von einem Menschen verlangt, das eigene +Verhalten an den weitgehend biologisch programmierten +körperlichen Veränderungen auszurichten. Auch wird +erwartet, dass die Veränderungen in der psychischen +Befindlichkeit angenommen und angemessen im eigenen +Verhalten zum Ausdruck gebracht werden. +Das Entwicklungsaufgaben-Konzept gehörte Beginn an zu +den Kernannahmen im MpR. Deswegen auch wird auf seine +Nutzung nicht vollkommen verzichtet, obwohl kritische +Stimmen immer wieder vernehmbar sind. Ein Hauptaspekt +der Kritik ist die durchscheinende Erwachsenensicht. Ihr +zu begegnen bedeutet zum einen, zu verstehen, dass die +Einbeziehung der subjektiven Perspektive nicht ersetzen, +was eine analytische Perspektive von außen erkennen und +damit auch hinzufügen kann (so die Verbindung der +subjektiven Sicht mit sozialen Strukturdaten, dem Wissen +über Privilegierungen oder Benachteiligungen, was von den +Befragten meist selbst nicht reflektiert wird). Eine diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/252.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/252.md new file mode 100644 index 0000000..d41e7d9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/252.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Forschungsperspektive kann darum nie im »entweder-oderModus« entschieden, sondern muss entdeckend beide +methodischen Herangehensweisen beinhalten. Für die +Auseinandersetzung mit der Kritik bedeutet dies zum +anderen, dass der Zugang zu den subjektiven +Handlungsformen, die ausgebildet werden, um den +lebenslaufspezifischen Anforderungen der +Realitätsbewältigung zu begegnen, stark gemacht werden +muss. +Die Perspektive auf das Subjekt als »Bewährungssucher« +(Zizek 2012), individuelle »Entwicklungsaufgaben« oder +Modi der »Bewältigung« sind eine mikrologische +Fokussierung auf den Kernprozess der Sozialisation. Durch +alle diese Anforderungen der Lebensbewältigung, die mehr +oder weniger krisenförmig erlebt werden, zieht sich die +Herausforderung, die persönliche Individuation mit der +sozialen Integration zu vermitteln. +Individuation und Integration stehen während des +gesamten Lebenslaufs in einem ständigen +Spannungsverhältnis zueinander. Zur »Individuation« +gehören der Aufbau einer individuellen +Persönlichkeitsstruktur mit unverwechselbaren +körperlichen, psychischen und sozialen Merkmalen sowie +das subjektive Erleben als einzigartige und einmalige +Persönlichkeit. Zur »Integration« gehören die +Respektierung der gesellschaftlichen Werte, Normen und +Verhaltensstandards, die Übernahme gesellschaftlicher +Mitgliedsrollen (also die oben genannten Rollen als +Berufstätiger, Familiengründer, Konsument und politischer +Bürger) sowie die Eingliederung in die sozialen Strukturen +der Gesellschaft. +Die klassische Theorie der Entwicklungsaufgaben von Robert J. +Havighurst + +Der Blick auf das klassische Modell der +Entwicklungsaufgaben ist ein sinnvoller Einstieg in die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/253.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/253.md new file mode 100644 index 0000000..a47d82d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/253.md @@ -0,0 +1,36 @@ +weiterführenden Überlegungen zu den +lebenslaufspezifischen Anforderungen einer Biografie. Der +amerikanische Sozial- und Erziehungswissenschaftler +Robert J. Havighurst (1900–1991) gilt als Begründer des +Konzeptes. Er schloss sowohl an psychoanalytische als +auch an lerntheoretische Ansätze an und interessierte sich +nicht nur für die sich im Verlauf der +Persönlichkeitsentwicklung ergebenden körperlichen und +psychischen Stadien, sondern auch für die in den einzelnen +Lebensphasen typischen gesellschaftlichen Erwartungen, +die an einen Menschen herangetragen werden. Diese +bezeichnete er zusammenfassend als +»Entwicklungsaufgaben«. +Entwicklungsaufgaben sind auch nach Havighurst +gesellschaftlich artikulierte Lernanforderungen und +Verhaltensweisen, die Gesellschaftsmitglieder sich +aneignen müssen und zu »bewältigen« haben, wenn sie +eine zufriedenstellende und konstruktive Bewältigung des +Lebens sowie eine Integration in ihr soziales Umfeld – +inklusive der damit verbundenen Anerkennung – erreichen +wollen (hierzu grundlegend Havighurst 1953). Diese +Ausgangslage verrät natürlich deutlich ihre Verbindung mit +dem strukturfunktionalistischen Denken in der Soziologie. +Die Zielrichtung von Havighurst ist aber deutlich stärker +auf die individuelle Ebene ausgerichtet. +Entwicklungsaufgaben nach Havighurst umfassen +körperliche und psychische ebenso wie soziale und +kulturelle Erwartungen, die an ein Kind, einen +Jugendlichen, einen Erwachsenen oder an Seniorinnen und +Senioren gerichtet sind. +Bei einem Kleinkind gehören dazu der Aufbau eines +elementaren emotionalen Vertrauens, die Entwicklung von +sensorischen und motorischen Grundfertigkeiten und die +Entwicklung der Fähigkeit zur Kommunikation und zur +Bindung. Im Schulalter kommen die Entwicklung einer +Geschlechtsidentität dazu, weiterhin der Aufbau von ersten diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/254.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/254.md new file mode 100644 index 0000000..f88c40e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/254.md @@ -0,0 +1,35 @@ +kognitiven und intellektuellen Konzepten, grundlegenden +Fertigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen sowie die +Konstituierung von Gewissen, Moral und Werthaltungen. +Bei einem Jugendlichen gehören zu den zentralen +Entwicklungsaufgaben die Vorbereitung auf die Rolle des +Berufstätigen durch Bildung und Qualifizierung sowie die +Vorbereitung auf die Rolle des Familiengründers durch die +Ablösung von der Herkunftsfamilie und den Aufbau einer +engen Beziehung zu einem Partner bzw. einer Partnerin. +Über die gesamte Lebensspanne müssen die Fähigkeiten +entwickelt werden, mit dem gesellschaftlichen Angebot an +Konsumgütern, Freizeitaktivitäten und Medien angemessen +umzugehen. Auch die Entwicklung der Rolle als politisch +partizipierender Bürger gehört nach Havighurst dazu. Im +Erwachsenenalter stellen sich in der Regel die Aufgaben +der Berufsausübung und der Familiengründung, der +verantwortlichen wirtschaftlichen Tätigkeit und der +politischen Beteiligung. Im hohen Alter rückt die +Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit und mit +dem Schwinden der Kräfte in den Vordergrund, um ganz +am Ende des Lebens dann auf den Tod vorbereitet zu sein. +Entwicklungsaufgaben in den einzelnen Lebensphasen + +Die erfolgreiche Bewältigung einer Entwicklungsaufgabe +ist nach Havighurst eine gute Voraussetzung für die +Bewältigung anderer. Umgekehrt erschwert die NichtBewältigung einer Anforderung auch die Bewältigung +anderer Entwicklungsaufgaben. Unter »Bewältigung« wird +ein Prozess verstanden, der einsetzt, wenn ein Mensch sich +aktiv darum bemüht, den Anforderungen und Erwartungen +gerecht zu werden, die über die Eltern oder später über +Freundinnen und Freunde, Arbeitskolleginnen und +Arbeitskollegen oder einflussreiche gesellschaftliche +Instanzen bewusst wahrgenommen werden. +Nach der Theorie von Havighurst spielt sich der Prozess +der Bewältigung immer gleichzeitig in einer körperlichen, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/255.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/255.md new file mode 100644 index 0000000..4c5f90e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/255.md @@ -0,0 +1,35 @@ +psychischen, kulturellen und sozialen Dimension ab. Der +erste Schritt der Bewältigung besteht in der subjektiven +Einschätzung der Situation und des Ausmaßes der +Herausforderung. Anschließend erfolgt eine Einschätzung +der eigenen Handlungsmöglichkeiten und der Chancen für +eine Lösung. Das Spektrum der tatsächlichen +Bewältigungshandlungen liegt dabei zwischen einem eher +aktiven, gestaltenden und einem eher passiven, +bewahrenden Pol. Dabei muss jedes Individuum auf die +inneren Ressourcen zurückgreifen, die es in seinem +bisherigen Verlauf des Lebens aufgebaut hat. Das soziale +Umfeld wirkt durch Unterstützung und Rückmeldung bei +diesem Bewältigungsprozess mit. +Natürlich kann es sich bei Entwicklungsaufgaben niemals +an universale, also überall und in allen historischen +Epochen gleichbleibende Herausforderungen handeln. Im +Gegenteil sogar, wie deutlich lebenslaufspezifische +Anforderungen der Realitätsbewältigung einem Zeitkern +unterworfen sind, zeigt sich allenthalben. Für +Lebensbedingungen, die den unseren in technisch +hochentwickelten, demokratisch-kapitalistischen und +gleichzeitig individualistisch-konkurrenzorientierten +Gesellschaften entsprechen, können wir sehr allgemein für +die Lebensphasen unterscheiden: +In der frühen Kindheit geht es darum, die +grundlegenden sensorischen und motorischen +Fertigkeiten zu entwickeln, die Bindungen zu den +primären Bezugspersonen aufzubauen, anschließend +soziale Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen und +Sprache und Wahrnehmung zu schulen. In der +Grundschulzeit werden dann intellektuelle Leistungen +und das Einhalten sozialer Umgangsformen verlangt. +Im Jugendalter ist die Veränderung der körperlichen +Gestalt zu akzeptieren, eine Geschlechtsidentität zu +entwickeln, die schulische Leistungsfähigkeit zu stärken diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/256.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/256.md new file mode 100644 index 0000000..46e1839 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/256.md @@ -0,0 +1,34 @@ +und eine Ablösung von den Eltern einzuleiten. +Außerdem geht es darum, Beziehungen zu +Gleichaltrigen und später auch intime Paarbeziehungen +einzugehen, wirtschaftlich zu handeln und mit Konsumund Medienangeboten umgehen zu lernen, ein eigenes +Wertsystem sowie eine politische Handlungsfähigkeit +aufzubauen. +Im Erwachsenenalter wird in der Regel die Aufnahme +einer Berufstätigkeit erwartet, ebenso die Gründung +eines eigenen Haushalts mit selbstständiger +Bewirtschaftung, die Etablierung einer eigenen Familie +mit Kindern und deren Versorgung und Betreuung, die +Pflege von Freundschaften und sozialen Kontakten und +die Übernahme von Verantwortung als Staatsbürger. +Im Seniorenalter geht es darum, sich auf die +Veränderung der körperlichen und kognitiven +Leistungsfähigkeit einzustellen, den Austritt aus dem +Erwerbsleben zu gestalten, die Beziehungen zur +Gesamtfamilie weiterzuführen, eine neue Rolle im +sozialen Netzwerk von Freunden und Bekannten zu +finden, die Rolle als Wirtschafts- und Staatsbürger +fortzuführen und sich auf das Lebensende +vorzubereiten. +Die vier Gruppen von Entwicklungsaufgaben + +Schon mit dem Ursprungskonzept der +Entwicklungsaufgaben fallen typische Herausforderungen +der Lebensbewältigung auf, die zu der Periodisierung des +Lebenslaufs homolog verlaufen. Das heißt, dass die +Entwicklungsaufgaben der verschiedenen Lebensphasen +nicht nur aufeinander aufbauen, sondern auch in jeder +Phase Anforderungen stellen, die eine Neuorganisation der +personalen und sozialen Ressourcen verlangen. Diese +Neuorganisation erfolgt sowohl auf der biologischkörperlichen und psychologischen Ebene, also der +Verarbeitung der inneren Realität, als auch auf der sozialen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/257.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/257.md new file mode 100644 index 0000000..bdf4174 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/257.md @@ -0,0 +1,34 @@ +und kulturellen Ebene, also der Verarbeitung der äußeren +Realität. +Die einzelnen Entwicklungsaufgaben lassen sich in vier +Bereiche mit jeweils über den gesamten Lebenslauf hinweg +recht gleichartigen Anforderungen zuordnen (s. +Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 38): +1. Qualifizieren: Hier geht es um die Entwicklung der +Kompetenzen, die notwendig sind, um den Leistungsund Sozialanforderungen gerecht zu werden, und um +die Aufgabe, Kompetenzen für die gesellschaftliche +Mitgliedsrolle eines aktiv Berufstätigen zu erwerben. +Dazu sollen im Kindes- und Jugendalter solche +kognitiven und sozialen Fähigkeiten und Fachkenntnisse +angeeignet werden, dass später im Lebenslauf +gesellschaftlich relevante Beschäftigungen +übernommen werden können. Wird die +Entwicklungsaufgabe bewältigt, gelingen somit der +Abschluss der schulischen und Berufsbildung und der +Übergang in eine Berufstätigkeit, besteht die +Möglichkeit zur selbstständigen Finanzierung des +Lebensunterhalts und zur »ökonomischen +Reproduktion« der eigenen Existenz und zugleich der +gesamten Gesellschaft. +2. Binden: Hier geht es im Kindes- und Jugendalter um die +Entwicklung der Körper- und Geschlechtsidentität, um +die emotionale und soziale Ablösung von den Eltern und +später dann die Fähigkeit der intimen Bindung an eine +Partnerin oder einen Partner. Wird diese +Entwicklungsaufgabe erfüllt, besteht grundsätzlich die +Bereitschaft und Fähigkeit zur Familiengründung mit +eigenen Kindern. Damit ist die »biologische +Reproduktion« der Gesellschaft gewährleistet. +3. Konsumieren: Hier geht es um Anregungs- und +Entlastungsstrategien sowie um Fähigkeiten im +Umgang mit Wirtschafts-, Freizeit- und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/258.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/258.md new file mode 100644 index 0000000..83472cb --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/258.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Medienangeboten sowie mit Geld. Im Zentrum steht die +Vorbereitung auf die gesellschaftliche Mitgliedsrolle des +Konsumenten und Wirtschaftsbürgers. Wird diese +Entwicklungsaufgabe erfüllt, verfügt ein Mensch im +Idealfall über die Fähigkeit, Konsum- und +Freizeitangebote zum eigenen Vorteil zu nutzen und +einen eigenen Haushalt zu führen. Außerdem gelingt +eine »psychische Reproduktion«, also eine +Wiederherstellung der in anderen Lebensbereichen +(etwa in Bildung und Beruf) aufgezehrten +Leistungsfähigkeit, die sowohl dem Individuum als auch +der gesamten Gesellschaft zugutekommt. +4. Partizipieren: Hier besteht die Aufgabe darin, ein +individuelles Werte- und Normensystem und die +Fähigkeit zur politischen Partizipation zu entwickeln. +Grundsätzlich geht es darum, die gesellschaftliche +Mitgliedsrolle der Bürgerin oder des Bürgers zu +übernehmen, also die Fähigkeit zur aktiven Beteiligung +an öffentlichen Angelegenheiten zu erlangen. +Voraussetzung dafür ist der Aufbau von ethischen, +moralischen und politischen Orientierungen und darauf +aufbauenden Handlungsfähigkeiten. Wird diese +Entwicklungsaufgabe erfüllt, verfügt ein Mensch über +die Kompetenz, seine eigenen Bedürfnisse und +Interessen in der Öffentlichkeit zu artikulieren sowie +durch seine bürgerschaftliche Beteiligung gleichzeitig +zur Stärkung der Selbststeuerungsfähigkeit der +Gesellschaft beizutragen. +Die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben setzt in jeder +Lebensphase eine intensive »Arbeit an der eigenen Person« +voraus. Die körperlichen Veränderungen, die psychischen +Befindlichkeiten, die gesellschaftlichen und ökologischen +Anforderungen werden sensibel wahrgenommen, in +Vergleiche mit anderen Menschen einbezogen und mit den +eigenen Bedürfnissen und Handlungsplänen abgestimmt. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/259.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/259.md new file mode 100644 index 0000000..189de2c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/259.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Permanent werden flexible und belastbare Strukturen der +Abstimmung zwischen inneren Bedürfnissen und äußeren +Erwartungen herausgebildet. Wie bereits erwähnt wurde, +verbinden Entwicklungsaufgaben die Anforderungen der +inneren und der äußeren Realität miteinander. So müssen +zum Beispiel die kognitiven Fähigkeiten mit der Schul- und +Berufswahl in Einklang stehen, die körperlichen +Bedingungen mit den Arbeitsanforderungen harmonieren, +die psychischen und sexuellen Orientierungen mit der +Partnerwahl harmonieren und die +Unterhaltungsbedürfnisse mit der Auswahl von +Freizeitbeschäftigungen in Übereinstimmung gebracht +werden. +Wie brauchbar ist die Perspektive der Entwicklungsaufgaben heute? + +In der aktuellen Diskussion ist eine Perspektive auf die +Entwicklungsaufgaben im Lebenslauf nicht unumstritten. +Die Modellvorstellungen von Havighurst stoßen sogar +vielfach auf Kritik. Hauptaspekte der Kritik sind +insbesondere, dass die Annahme lebenslaufspezifischer +Entwicklungsaufgaben vereinheitlichend, nicht mehr auf +der Höhe der Zeit und normativ aus Sicht der Erwachsenen +ausgerichtet sind (Harring 2015, S. 864). Havighurst selbst +muss man gegenüber einer solchen starken Kritik +eigentlich in Schutz nehmen. Er verwies (Havighurst 1953) +durchgehend darauf, dass sich Entwicklungsaufgaben +immer in einem Wandel befinden und nur zum Teil +invariant (also unveränderlich) sind, so vielleicht am +Deutlichsten, wenn es um physische Ausgangsbedingungen +(z. B. dem Spracherwerb) geht. Viel stärker aber hebt +Havighurst hervor, dass für die Ausgestaltung von +Entwicklungsaufgaben individuelle Präferenzen oder +gesellschaftliche Erwartungen und Normierungen (also die +festen Erwartungen an bestimmte Entwicklungen eines +Menschen) entscheidend sind. Damit ist die Vorstellung +einer feststehenden Gruppe von Entwicklungsaufgaben diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/260.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/260.md new file mode 100644 index 0000000..f1ad5bd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/260.md @@ -0,0 +1,36 @@ +auch bereits für Havighurst immer nur Bestandteil einer +allgemeinen und abstrakten Modellvorstellung. Vor diesem +Hintergrund ist die Frage dann durchaus sinnvoll zu +stellen, ob eine Perspektive auf Entwicklungsaufgaben im +Lebenslauf überhaupt noch brauchbar ist. +Der bereits eingeführte Sozialisationsforscher Boris Zizek +stellt eine entgegengesetzte Behauptung auf und kritisiert +die Skepsis, die dem Entwicklungsaufgaben-Konzept +generell entgegengebracht wird. Er argumentiert +(Zizek 2018, S. 276 f.), dass Anpassungen an +gesellschaftliche Ausgangsbedingungen nicht nur +permanent stattfinden, sondern vor allem, dass bei der +Kritik nicht vergessen werden sollte, dass der Fokus auf +Entwicklungsaufgaben im engeren Sinne auf individuelle +Fähigkeiten ausgerichtet ist oder im hier übertragenen +Sinne auf den Modus der produktiven +Realitätsverarbeitung. Auch den Einwand, die Sichtweise +der Jugendlichen selbst sei zu wenig im Zentrum und die +Forschung stülpe dem Gegenstand eine +Erwachsenenperspektive über, kritisiert Zizek. Er +argumentiert dagegen, »dass es schon lange zum +wissenschaftlichen Alltag gehört, etwa in der +Adoleszenzforschung Interviews mit Jugendlichen zu +führen und auszuwerten. Worüber geht dieser Ansatz also +hinaus, sollen die Jugendliche bei der Auswertung der mit +ihnen geführten Interviews mitwirken? So sympathisch +diese Wende gegen die Erwachsenenperspektive +unzweifelhaft anklingt, methodisch ist eine solche +Herangehensweise nicht unproblematisch. Wissen die +Jugendlichen besser als die Theorie, ›was Sache ist‹?« +(Zizek 2018, S. 277) +Trotz der Kritik am umfassenden Konzept der +Entwicklungsaufgaben, sollte also berücksichtigt werden, +dass auch Gründe für eine Konzeption sprechen, die +analytisch auf die großen Anforderungen der +Realitätsverarbeitung im Lebenslauf zielt. Im Sinne einer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/261.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/261.md new file mode 100644 index 0000000..16ddb23 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/261.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Zusammenfassung lässt sich darum von einem Übergang +sprechen. Es wird nicht mehr von einem starren Konzept +der Entwicklungsaufgaben ausgegangen, sondern von der +Bewältigung lebenslaufspezifischer Anforderungen der +Realitätsverarbeitung, die dynamisch sind, sich sehr +vielfältig unterscheiden können und nicht für alle +Menschen immer gleich auftreten. Werden die vier großen +Abschnitte oder Phasen des Lebenslaufes zu Grunde gelegt, +lassen sich die jeweils spezifischen Ereignisse und damit +verbundenen Anforderungen an die +Persönlichkeitsentwicklung konturieren. In den +Lebensphasen Kindheit, Jugend, Erwachsen- und +Seniorenalter existieren jeweils spezifische +Herausforderungen für die biografische Gestaltung und +Rhythmisierung des Lebens. Die sich wandelnden +Strukturen des Lebenslaufs und die sich daraus +ergebenden Anforderungen an die Verarbeitung der +inneren und äußeren Realität sind Ausgangspunkt der +dritten Kernannahme des MpR und damit die Vorbereitung +der beiden anderen Prinzipien, die sich auf die Entwicklung +der Persönlichkeit im Lebenslauf beziehen. + +6.2 + +Viertes Prinzip zur Bildung der Ich-Identität + +Das vierte Prinzip verstärkt die Orientierung auf die +Bewältigung lebenslaufspezifischer Anforderungen der +Realitätsverarbeitung. Es fokussiert darauf, dass die +Fähigkeit eines Individuums erwartet wird, den Ausgleich +der Spannungen zwischen persönlicher Individuation und +sozialer Integration vorzunehmen. Werden +lebenslaufspezifische Anforderungen der +Realitätsverarbeitung nicht bewältigt, ist der Aufbau der +Ich-Identität gefährdet oder sogar unmöglich. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/262.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/262.md new file mode 100644 index 0000000..f118d83 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/262.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gegenstand und Verortung + +Das vierte Prinzip des MpR ist eng mit den Spannungen +verbunden, denen ein Mensch im Prozesse der Bildung von +Bewusst- und Selbstbewusstseinsstrukturen ausgesetzt ist. +Zugleich reagiert es auf die Bedeutung der +lebenslaufspezifischen Anforderungen der +Realitätsbewältigung und sondiert, welche Folgen +unterschiedliche Formen der Bewältigung haben. Die +Verlagerung des Erkenntnisinteresses von der Bewältigung +zur Spannung von Individuations- und +Integrationsanforderungen, erschließt für das MpR eine +weitere Untersuchungseinheit. +Die Verbindung von persönlicher Individuation und +sozialer Integration wird bereits in der Theorie der +psychosozialen Entwicklung von Erik H. Erikson und in der +Kompetenztheorie von Jürgen Habermas sowie dem +interaktionistischen Ansatz von Lothar Krappmann +thematisiert. Das subjektive Empfinden von Individuation +und Integration macht einem Menschen bewusst, wie +unterschiedlich die Anforderungen von Körper und Psyche +auf der einen sowie sozialer und physischer Umwelt auf der +anderen Seite sind. Ganz besonders bewusst und äußerst +sensibel wird dieses Spannungsverhältnis von den meisten +Menschen in der Pubertät, also beim Eintritt in die +Lebensphase Jugend empfunden +(Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 27). Zum ersten Mal im +Lebenslauf ist zu diesem Entwicklungszeitpunkt die +Fähigkeit gegeben, über sich selbst, den eigenen Körper, +die Psyche und die Umwelt nachzudenken und +wahrzunehmen, dass auch andere Menschen diese +Fähigkeit besitzen. +Dabei ist zu beachten, dass die Anforderungen der +inneren und der äußeren Realität unterschiedlichen Regeln +und Logiken folgen. Die oben vorgestellten Ansätze von +Talcott Parsons und Niklas Luhmann betonen diese diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/263.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/263.md new file mode 100644 index 0000000..d9473db --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/263.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Unterschiede, indem sie auf die »selbstreferenzielle Logik« +der Systeme Körper, Psyche und Gesellschaft hinweisen, +die jeweils eigene Funktionserfordernisse besitzen und die +füreinander jeweils fremde Außenwelten darstellen. +Insbesondere wenn ein Mensch in existenzielle Krisen +gerät (dazu zählen neben der Pubertät auch Unfälle, +Schicksalsschläge, ökonomische und politische Krisen +sowie schwere Krankheiten), kann es zu dem Gefühl +kommen, die spezifischen Anforderungen der inneren und +der äußeren Realität seien nicht miteinander zu versöhnen, +weil sie völlig unterschiedliche Anforderungen mit sich +bringen. +Das Austarieren von Individuation und Integration als +zwei sich widersprechenden, weil jeweils in eine andere +Richtung zielenden, Anforderungen und Erwartungen, kann +für einen Menschen zu einem anstrengenden und +quälenden Erlebnis werden. Die Kluft zwischen +persönlicher Einzigartigkeit und sozialer Interdependenz +(als das Geflecht der gegenseitigen Abhängigkeiten, in die +wir sozial verflochten sind) kann ein dissoziatives Erleben +der eigenen Realität bedeuten. Hierdurch wird mitunter die +Bildung einer stabilen »Ich-Identität« verzögert oder +blockiert. Auch kann der operative Modus der produktiven +Realitätsverarbeitung vor die Situation gestellt werden, +Auswege (wie etwa aggressives Verhalten, depressive +Verstimmung oder Flucht in den Drogenkonsum) zu finden, +die dem obligatorischen Weg der erwarteten Lösung oder +Bewältigung lebenslaufspezifischer Anforderungen +entgegensteht. +DAS VIERTE PRINZIP UNTER DER LUPE +Von der Ich-Identität eines Menschen ist zu sprechen, wenn +über verschiedene Entwicklungs- und Lebensphasen +hinweg eine Kontinuität des Selbsterlebens existiert. Im +günstigen Fall erfolgt dies auf der Grundlage eines positiv diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/264.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/264.md new file mode 100644 index 0000000..e061d11 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/264.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gefärbten Selbstwertgefühls und des Empfindens einer +hohen Selbstwirksamkeit. Im ungünstigen Fall betonen +Negativ- und Unterlegenheitserfahrungen die Erfahrung +des Selbst. Obwohl das Konzept einer Identität bzw. des +Selbst- und Identitätsempfindens sehr theoretisch +dominiert scheint, werden diese Annahmen durch +mannigfaltige Erkenntnisse der Stress- und +Bewältigungsforschung bestätigt. Hinzu treten Befunde aus +der Forschung zu kritischen Lebensereignissen, die +deutlich machen, wie zum Beispiel der unerwartete Verlust +einer wichtigen Bezugsperson, Trennung oder Scheidung +der Eltern, das plötzliche Eintreten einer schweren +Krankheit oder eines Unfalls die Bewältigungsmuster und +den Aufbau einer stabilen Identität erschweren. +Die Ausprägung einer »Ich-Identität« ist eine +lebensphasenübergreifende Entwicklung. In Kindheit und +Jugend nehmen die Fähigkeiten zu, sich sowohl als Akteur +in eigener Sache als auch als Objekt für andere +wahrzunehmen. Ausgehend davon kann ein Mensch ein +Bild von sich selbst aufbauen, indem er alle Ergebnisse +seiner bisherigen Wahrnehmungen auswertet und zu einem +»Selbstbild« zusammenfügt. +Das Selbstbild besteht aus den subjektiven +Einschätzungen, die ein Mensch von sich selbst hat. Die +Basis des Selbstbildes ist eine realistische Wahrnehmung +der inneren Realität, also der genetischen, körperlichen +und psychischen Potenziale (also insbesondere der +spezifischen Begabungen, der Konstitution und des +Temperaments) und der Möglichkeiten, mit diesen +Potenzialen in der äußeren Realität handlungsfähig zu sein. +Kommt ein Mensch hierbei zu positiven und optimistischen +Einschätzungen, kann er ein stabiles Selbstvertrauen und +ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl aufbauen. Er entwickelt +– folgt man der oben vorgestellten sozial-kognitiven +Lerntheorie von Bandura – das Gefühl von +Selbstwirksamkeit, indem er sich die Gewissheit verschafft, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/265.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/265.md new file mode 100644 index 0000000..f5ed53b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/265.md @@ -0,0 +1,35 @@ +die anstehenden Anforderungen mit den eigenen +Ressourcen effektiv bewältigen zu können. +Störungen der Identitätsbildung haben ihren +Ausgangspunkt meist in einer mangelnden +Übereinstimmung der personalen und sozialen +Komponenten der Identität, also den auf Individuation +zielenden Bedürfnissen, Motiven und Interessen auf der +einen und den auf Integration gerichteten +gesellschaftlichen Erwartungen auf der anderen Seite. +Stimmen diese nicht überein, kann es zu Störungen des +Selbstvertrauens und in der Folge zu sozial zu einem +Verhalten kommen, dass von den Normen der +gesellschaftlich erwünschten Verhaltensregulierung +abweicht. Je entscheidungsfähiger und handlungssicherer +ein Mensch ist, je mehr Fertigkeiten zur Bewältigung +psychischer und sozialer Probleme er besitzt, je mehr er in +zuverlässige soziale Beziehungsstrukturen und Netzwerke +einbezogen und in wichtigen gesellschaftlichen +Rollenzusammenhängen anerkannt ist, desto besser sind +die Voraussetzungen für die Ich-Identität, eine +selbstständige und autonome Handlungsfähigkeit und die +Möglichkeiten der Lebensbewältigung. +Die Bildung einer Ich-Identität + +Der Ausgangspunkt der Bildung einer stabilen »IchIdentität« geht auf die Arbeiten von George Herbert Mead, +Jürgen Habermas und Lothar Krappmann zurück. In dem +Überblick zur Propädeutik wurde bereits argumentiert, +dass die deutsche Übersetzung stabiler Ich-Strukturen (bei +Mead ursprünglich »self« in Abgrenzung von »I« und +»me«) als »Ich-Identität« begrifflich unglücklich ist, weil +der Ausdruck »Ich-Identität« natürlich nicht von alleine +eine Bedeutung preisgibt und sogar sehr unterschiedliche +(wenn nicht sogar widersprüchliche) Assoziationen +hervorrufen kann. Gemeint ist mit dieser terminologischen +Neuschöpfung in der deutschsprachigen Debatte der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/266.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/266.md new file mode 100644 index 0000000..2c2ec2c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/266.md @@ -0,0 +1,34 @@ +1960er Jahre, dass es eine Entwicklungsstufe gibt, auf der +das Individuum in der Lage ist, freier und autonomer zu +werden und damit vorher gehende Entwicklungsstufen der +Persönlichkeit zu überwinden. +Diese Beschreibung war ein wichtiger Meilenstein in der +Geschichte der Sozialisationsforschung, die bis dahin von +den Annahmen der Integration des Einzelnen in ein +gesellschaftliches Gefüge geprägt war und sich +Sozialisation immer als das »Einsozialisieren« des passiven +Subjektes in übermächtige soziale Strukturen vorstellte. In +der jüngeren Debatte, an die wir anzuschließen versuchen, +wird die Perspektive umgedreht. Jürgen Habermas und sein +Modell der Identitätsbildung ist dafür wahrscheinlich +besonders prägend. Ich-Identität bezeichnet bei Habermas +ein sprach- und handlungsfähiges Subjekt, das sich von den +Anforderungen in Gestalt sozialer Rollenerwartungen +emanzipiert und eigene Geltungsansprüche auch gegen die +Rigidität auferlegter Systemzwänge aufrechterhält. +Jürgen Habermas hatte ein eigenes Modell der +Identitätsentwicklung vorgelegt, in dem die +Autonomiepotenziale mit der Zeit immer weiter zunehmen. +Mit »Ich-Identität« wird nach der natürlichen und der +Rollenidentität die höchste Stufe der Identitätsentwicklung +erreicht. Auf dieser Stufe befreit sich das Individuum von +strikter Normenbindung und ist in der Lage, +gesellschaftliche Zwänge zu überwinden. Für die soziale +Identität wird von einem Menschen also verlangt, sich den +gesellschaftlichen Erwartungen (der äußeren Realität) +unterzuordnen, die sich im Prinzip an alle Menschen +richten. Für die persönliche Identität wird hingegen +erwartet, sich wegen der unverwechselbaren inneren +Realität von allen anderen Menschen zu unterscheiden. +Zwischen diesen beiden Anforderungen zu balancieren ist +die Bewältigungsleistung des Individuums bzw. einer IchIdentität. Sie ist dann hergestellt, wenn die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/267.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/267.md new file mode 100644 index 0000000..afa943e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/267.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Auseinandersetzung mit der äußeren und inneren Realität +zu Lösungen geführt hat, die miteinander vereinbar sind. +Voraussetzungen für eine gelingende Bewältigung – die Stress- und +Bewältigungstheorie + +Gelingt die Bewältigung lebensphasenspezifischer +Entwicklungsherausforderungen, kann das +Spannungsverhältnis von persönlicher Individuation und +sozialer Integration ausgeglichen werden, was als Aufbau +einer stabilen Ich-Identität verstanden wird. Gelingt die +Bewältigung nicht, bleibt die Spannung zwischen +Individuation und Integration bestehen und die Identität ist +unsicher. In der Folge kann es zu Störungen der weiteren +Persönlichkeitsentwicklung und zu Problemverhalten +kommen, was sich in einem körperlich-psychischen +Ungleichgewicht niederschlagen und zum Entstehen +gesundheitlicher Störungen beitragen kann +(Erhart/Hurrelmann/Ravens-Sieberer 2008). +Ein zentraler Ansatzpunkt der Annahmen zum +Zusammenhang von Entwicklungsherausforderungen, +Bewältigungsformen und dem Ergebnis einer balancierten +oder überforderten Ich-Identität, entstammen der +psychologischen Debatte über Stress und Bewältigung. +Diese wird seit über 50 Jahren vor allem mit dem Fokus auf +Erscheinungen der individuellen Überforderung und damit +verbundener Auswirkungen geführt. Die Stresstheorie im +engeren Sinne beschäftigt sich mit der Frage, wie sich ein +Mensch mit kritischen Anforderungen an das Verhalten +auseinandersetzt und welche Folgen eine gelingende oder +nicht gelingende Verarbeitung dieser Anforderungen hat. +Ein zentraler Ausgangspunkt ist das Stresskonzept von +Hans Selye (1907–1982), das maßgeblich von Richard +Lazarus (1922–2002) weiterentwickelt wurde. Hiernach +mobilisieren Menschen in bedrohlichen Situationen alle +physiologischen Ressourcen, um einer Herausforderung zu +entgehen. Die extremen Anforderungen führen zu einer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/268.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/268.md new file mode 100644 index 0000000..7f2a0d4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/268.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Reaktion, die das Ziel hat, die Anforderungen zu meistern +und zu bewältigen. Ein Mindestmaß an »Stress« im Sinne +von aktiven Herausforderungen für die menschliche +Anpassungsfähigkeit wird positiv bewertet (Selye 1984). +Befindet sich ein Mensch allerdings ständig in +Alarmbereitschaft, dann wird aus dem positiven Stress ein +»Dystress« mit negativen Konsequenzen für die weitere +Persönlichkeitsentwicklung. +Die ursprünglich auf rein physiologische Mechanismen +ausgerichtete Stresskonzeption von Selye wurde Zug um +Zug um psychische Dimensionen und die Analyse der +Mechanismen der Bewältigung kritischer +Lebenssituationen erweitert. Heutige Stress- und +Bewältigungstheorien gehen von der Annahme aus, dass +auch in hochzivilisierten Gesellschaften Menschen wegen +ihrer ererbten Grundausstattung an Körper und Psyche +noch immer mit der gleichen archaischen Spontaneität wie +in den Frühstadien der menschlichen Entwicklung +reagieren, und zwar überwiegend mit Mechanismen, die +sich der direkten Kontrolle des Menschen entziehen. +Typisch für heutige Gesellschaften ist aber, dass eine +urtümliche, spontane Spannungsabfuhr in Form von Flucht +oder offenem Kampf meist nicht möglich ist. Soll es nicht +zu destruktiven Reaktionen wie Gewalt, Selbstaggression, +Depression und Drogenkonsum kommen, ist deshalb eine +bewusste Analyse der Spannungspotenziale und eine +Entwicklung wirksamer Bewältigungskompetenzen +notwendig. +Aufbauend auf dieser Grundidee haben Lazarus und +Folkman (1984) in ihrer »transaktionalen Stresstheorie« +großen Wert auf die subjektive Einschätzung und +Bewertung von belastenden Ereignissen gelegt. Nach +dieser Theorie wird jedes Ereignis von verschiedenen +Menschen auf unterschiedliche Weise wahrgenommen. Die +Schwere und Bedeutung einer externen Belastung hängt +davon ab, wie ein Mensch diese individuell einschätzt und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/269.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/269.md new file mode 100644 index 0000000..e6d9db4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/269.md @@ -0,0 +1,35 @@ +welche psychologischen, sozialen und kulturellen +Ressourcen ihm für die Bearbeitung der Belastung zur +Verfügung stehen. Tritt ein Stressor (Belastung durch eine +persönliche Krise, einen Unfall, eine Krankheit usw.) auf, +schätzt das Individuum dessen Bedrohung ein und +überdenkt seine Fähigkeiten, die Situation zu verändern +und kognitiv ebenso wie gefühlsmäßig mit der neuen +Situation umzugehen. Anschließend werden +»Bewältigungsstrategien« eingesetzt, die im Erfolgsfall zur +Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der seelischen +und körperlichen Gesundheit, im Fall des Scheiterns zu +einer (weiteren) Störung der Entwicklung führen. +Unter »Bewältigung« wird das Bemühen eines Menschen +verstanden, Anforderungen und Belastungen in den Griff zu +bekommen und möglichst zu meistern (auch akkomodatives +Coping). Ziel ist es, die persönliche Handlungsfähigkeit zu +erhalten, eventuell die Ursache der Belastung +zurückzudrängen oder doch zumindest abzuschwächen, +aber auch – für den Fall, dass dies nicht möglich ist – die +Belastung durch emotionale Umstellung zu tolerieren und +zu ertragen (»Gefühlsregulierung«) +(Lazarus/Launier 1978). +Das Konzept der kritischen Lebensereignisse + +Welche Form und welcher Stil der Bewältigung jeweils der +beste und angemessene ist, entscheidet sich sowohl nach +der Art der Belastung als auch nach den +Persönlichkeitsmerkmalen und sozialen +Unterstützungsressourcen, die eine Person aktivieren kann. +Pearlin (1987) hat drei Ereignisgruppen unterschieden: +Kritische Lebensereignisse, zum Beispiel der +unerwartete Verlust einer wichtigen Bezugsperson, +Trennung oder Scheidung, das plötzliche Eintreten +einer schweren Krankheit oder eines Unfalls, der +Verlust des Arbeitsplatzes. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/270.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/270.md new file mode 100644 index 0000000..3b4acb9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/270.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Chronische Spannungen, zum Beispiel andauernde +Rollenkonflikte wie Doppelbelastung durch Arbeit und +Haushalt, körperliche und nervliche Belastung in der +Arbeitswelt, ständige Zeitüberlastung, enttäuschte +Karriereerwartungen, unlösbare Konflikte mit dem +Lebenspartner, emotionale Spannungen mit den +Kindern. +Schwierige Übergänge im Lebenslauf, zum Beispiel vom +Jugend- in das Erwachsenenalter, von der Schule in die +Arbeitswelt, vom Leben mit Kindern in das leere +»Familiennest«, aus der Arbeitswelt in das +Rentnerleben. +Bei der ersten Ereignisgruppe ist die Möglichkeit, die +Ursache der Belastung zu verändern, praktisch nicht +gegeben, deswegen ist meist die Bewältigungsform +»Gefühlsregulierung« die einzig mögliche. Dazu kann die +Abschwächung der Bedeutung eines Ereignisses ebenso +gehören wie die optimistische Einschätzung der weiteren +Anspannungen und Belastungen etwa im Falle einer +lebensgefährlichen Krankheit. +Bei den beiden anderen Kategorien von Ereignissen ist +hingegen eine instrumentell-problemlösende Form der +Bewältigung möglich, die allerdings immer von +angemessenen Formen der Gefühlsregulierung begleitet +werden muss. Im Falle dauerhafter Rollenspannungen und +Übergänge im Lebenslauf wäre aber die nur verdrängende +und beschönigende Form der Gefühlsregulierung nicht +hilfreich, denn im Kern geht es darum, sich den neuen +Herausforderungen zu stellen und die körperlichen und +psychischen Verhaltensweisen hierauf einzustellen. +Hilfreich ist deshalb ein flexibles Verhalten mit einer +realistischen Bestandsaufnahme der Ausgangssituation und +der Fähigkeit zur Neuorientierung des eigenen Verhaltens. +Günstig ist auch die Fähigkeit, gute soziale Beziehungen zu +anderen Menschen herzustellen und aufrechtzuerhalten diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/271.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/271.md new file mode 100644 index 0000000..add6a32 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/271.md @@ -0,0 +1,36 @@ +und damit auch Unterstützung für die eigene schwierige +Situation zu aktivieren (Gottlieb 1983; Faltermaier 1987). +hängen – pauschal gesprochen – von den angeborenen und +erworbenen Strukturen der Persönlichkeit ab. Neben den +in der Psychoanalyse erarbeiteten Grundmustern der +Bedürfnisbefriedigung spielt die angelegte +Verhaltensdisposition eine große Rolle, die auch als +»Temperament« bezeichnet wird. Hiermit ist ein +bestimmter Stil, eine spezifische Neigung im Wahrnehmen, +Denken und Handeln von Menschen bezeichnet, die +darüber entscheidet, wie die soziale und physische Umwelt +aufgenommen und bearbeitet wird. +Das Temperament kann sich nach Aktivitätsniveau, +Körperrhythmus, Anpassungsbereitschaft, +Reaktionsschnelligkeit, Intensität der Reaktionen, +emotionaler Bestimmtheit, Ablenkbarkeit und Ausdauer +unterscheiden. Wie die strukturellen +Persönlichkeitstheorien herausgearbeitet haben, prägen +sich diese Charakteristiken schon in frühen Lebensphasen +aus und legen fest, ob mit Anspannungen und Belastungen +mehr zurückgezogen und nach innen gewandt +(interiorisierend) oder mehr offensiv und nach außen +gewandt (exteriorisierend) umgegangen wird. Das +Temperament stellt in dieser Sichtweise eine psychische +Grundausstattung dar, die den Stil der Bewältigung, der +Auseinandersetzung mit der inneren und äußeren Realität +mitbeeinflusst (Chess/Thomas 1986; Cohen 1991). +Risikowege des Aufbaus einer Ich-Identität + +Die klassische Stresstheorie hat eine Vielzahl an +weiterführenden Forschungssträngen motiviert, die sich +mit den Ursachen und den Folgen von +Bewältigungshandeln befassen. Eine besondere Richtung +dieser Diskussion ist die Fokussierung auf +Problemverhalten im Kindes- und Jugendalter. Hier steht +im Mittelpunkt, wie der Bewältigungsdruck wirkt, ob und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/272.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/272.md new file mode 100644 index 0000000..7d78c3f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/272.md @@ -0,0 +1,33 @@ +wie lange er ertragen werden kann und welche Folgen die +»Nicht-Bewältigung« normierter Anforderungen auf den +Aufbau einer Ich-Identität haben. Typischerweise wird in +dieser Hinsicht von drei Risikowegen bei der »NichtBewältigung« ausgegangen: dem nach außen, nach innen +und auf Ausweichen gerichteten Risikoweg: +Von einer nach außen gerichteten, »externalisierenden« +Variante der unzureichenden Bewältigung kann +gesprochen werden, wenn ein Mensch auf den +entstandenen Druck mit Aggressionen gegen andere +reagiert. Der starken Beeinträchtigung des +Selbstwertgefühls, die aus der unzureichenden +Bewältigung resultiert, wird mit Aggression nach außen +begegnet. +Bei der nach innen gerichteten, »internalisierenden« +Variante des Bewältigungsverhaltens reagiert ein +Mensch durch Rückzug und Isolation, Desinteresse und +Apathie, psychosomatische Störungen und depressive +Stimmungen. Typischerweise wird hier von der +Aggression nach innen gesprochen. +Die dritte Variante eines Risikoweges bei der +Bewältigung ist durch ein Ausweichen charakterisiert, +was als »evadierende« Variante im Fachdiskurs +verhandelt wird. Dieses aus dem Lateinischen wörtlich +übersetzte »Aus-dem-Feld-Gehen« drückt sich in +fluchtförmigen Verhaltensweisen, in unsteten, +wechselhaften sozialen Beziehungsmustern und in +suchtgefährdetem Verhalten aus, etwa dem +unkontrollierten Konsum legaler wie illegaler Drogen, +von Nahrungsmitteln und der exzessiven Nutzung von +elektronischen Medien (vor allem im Spiele- und +Unterhaltungsbereich). +Vor allem die oben vorgestellten Theorien der ökologischen +Entwicklung von Urie Bronfenbrenner, der Produktion der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/273.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/273.md new file mode 100644 index 0000000..b58edcc --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/273.md @@ -0,0 +1,36 @@ +eigenen Entwicklung von Richard L. Lerner und der +Salutogenese von Aaron Antonovsky (das noch vorgestellt +wird) haben zu diesen Erkenntnissen Beiträge geleistet. +Diese Theorien legen Wert auf die Analyse der einem +Menschen zur Verfügung stehenden Ressourcen. Dazu +gehören die individuellen Handlungs- und +Kommunikationskompetenzen, die Basisfähigkeiten des +Rollenhandelns und die kreativen Potenziale des flexiblen +Handelns ebenso wie das Ausmaß von Unterstützung und +Hilfestellung der sozialen Umwelt. Neben individuellen +Bewältigungskompetenzen (»personalen Ressourcen«) sind +immer auch Unterstützungsleistungen aus der sozialen +Umwelt (»soziale Ressourcen«) notwendig. +Die Bedeutung personaler und sozialer Ressourcen + +Ein Mangel an personalen und sozialen Ressourcen führt +zu einem Zustand von Schutzlosigkeit, der als +Vulnerabilität (also Verletzlichkeit), bezeichnet werden +kann. Dieser Zustand entsteht zum Beispiel bei kritischen +Lebensereignissen wie Unfällen, Todesfällen und schweren +Erkrankungen in einer Familie (Filipp/Aymanns 2009). +Unter diesen Umständen wird es schwierig, eine an und für +sich anstehende Entwicklungsaufgabe wie etwa die +Erbringung schulischer und beruflicher Leistungen +aufrechtzuerhalten. Die Ressourcen werden vollständig +durch das kritische Ereignis absorbiert. Treffen diese +Ereignisse auf Menschen in benachteiligten Lagen, dann +kann die Kapazität der Bewältigung vollständig erschöpft +werden, weil zum Beispiel die »doppelten Netze« fehlen, +um beispielsweise Einkommensausfälle, Mehrbelastungen +und Mängel an Zuwendung kompensieren zu können. Meist +kommt auch noch die Unfähigkeit hinzu, sich in geeigneter +Weise institutionelle Hilfeangebote zu erschließen. +Ein Beispiel hierzu aus der Familienforschung: Im Falle +der schweren Erkrankung eines Elternteils übernehmen oft +die Kinder umfängliche Pflege-, mithin elterliche Aufgaben. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/274.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/274.md new file mode 100644 index 0000000..36fa910 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/274.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Man kann von einer »Parentifizierung« der Kinder +sprechen, die in die Rolle eines Erwachsenen und oft auch +eines Partnerersatzes gedrängt werden, ohne die dafür +notwendigen Ressourcen zu besitzen. Sie stellen eigene +Bedürfnisse als Kind zurück, werden somit in +»umgekehrte« Rollenbeziehungen gedrängt. Ihr +Anpassungs- und Bewältigungsdruck, ihre Angst vor dem +Zerreißen der Familie und ihr Mangel an Unterstützung +kann dazu führen, dass sie ihre altersgemäßen +Entwicklungsaufgaben (schulische Leistungen erbringen, +Kontakte zu Freunden und Gleichaltrigen aufbauen) nicht +erfüllen können. Die Folge können Störungen in ihrer +Persönlichkeitsentwicklung sein. Schlafmangel und +Konzentrationsschwächen, Zeitmangel, Lernrückstande +und Fehlzeiten beeinträchtigen ihren Schulalltag. Der +nachhaltige Normbruch des Familienarrangements führt zu +sozialer Isolation, Angst und Scham. Deshalb wird es oft +auch sehr schwierig, geeignete institutionelle Hilfen +anzufordern und einzubeziehen (Beardslee et al. 2009). +Ein anderes Beispiel: Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die +im Grundschulalter nach Deutschland kommen, die +deutsche Sprache nicht sprechen können und sich von +heute auf morgen auf die ihnen völlig fremde neue Sprach-, +Lern- und Alltagskultur einstellen müssen. Sie können die +Anforderungen der schulischen »Qualifikation« meist nie +reibungslos erfüllen, weil sie große Defizite beim +Schriftspracherwerb haben (Brizic 2008). Das kann aber +auch schnell dazu führen, dass sie keine regulären +Kontakte zu den Mitschülerinnen und Mitschülern +aufbauen können. Für diese Kinder besteht das Risiko, als +Problemschülerinnen oder -schüler identifiziert und +infolgedessen von der Schule verwiesen oder in eine +Anfangsklasse zurückgestuft zu werden. +Alle diese Nachteile können sich aufschaukeln und so zu +einer Diskriminierung entlang ethnischer Merkmale +führen, in die fremdenfeindliche Komponenten eingehen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/275.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/275.md new file mode 100644 index 0000000..d08fa26 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/275.md @@ -0,0 +1,35 @@ +(Gomolla/Radtke 2009). Die weitere +Persönlichkeitsentwicklung dieser Kinder kann hierdurch +nachhaltig gestört werden, zumal es ihnen und ihren Eltern +sehr schwerfällt, institutionelle Unterstützung zu erhalten. +Neuere Untersuchungen – die durchgeführt werden, +seitdem immer mehr junge Menschen als Flüchtlinge nach +Europa kommen – zeigen eine hohe Vulnerabilität mit Blick +auf chronische und mentale Erkrankungen von Kindern und +Jugendlichen, die auf solche zusätzlichen +Herausforderungen im Aufnahmeland treffen (Barthel et al. +2019). +Gesundheit als Ergebnis einer gelingenden Bewältigung + +Die gelingende Bewältigung lebensphasenspezifischer +Herausforderungen kann umgekehrt ebenso schematisch +dargestellt werden. Wenn Anforderungen an die +Verarbeitung der inneren und äußeren Realität bewältigt +werden, sind damit positive Erfahrungen (Wohlbefinden, +Lebensfreude) verbunden. Mit dem Wohlbefinden ist eine +Vielzahl von Mustern assoziiert, die Ernährung, Bewegung, +Konsum, Freizeittätigkeit, soziales Engagement, politische +Partizipation, Berufstätigkeit, Bindungsfähigkeit, Liebe und +Sexualität umfassen (Hurrelmann/Richter 2013, S. 128). Zu +den Komponenten einer die Gesundheit direkt betreffenden +Lebensführung zählen: +die optimistische Einstellung zur Meisterung der +alltäglichen Herausforderungen +die Akzeptanz des eigenen Körpers und der psychischen +Merkmale +der Optimismus, dem eigenen Leben Sinn zu verleihen +die Vorstellung von der Beeinflussbarkeit der für die +eigene Lebensführung wichtigen Parameter und +eine auf Zuversicht aufgebaute Erwartung an die +Gestaltung der sozialen und physischen Umwelt +(Hurrelmann/Richter 2013, S. 125). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/276.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/276.md new file mode 100644 index 0000000..3556a72 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/276.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gesundheit lässt sich hiernach als ein Balancezustand +beschreiben. In diesem sind Risiko- und Schutzfaktoren, die +den Körper, die Psyche, die soziale Umwelt und ökologische +Lebenswelt umfassen, miteinander verbunden und im Falle +eines positiven Gesundheitsempfindens haben die +Schutzfaktoren die Oberhand. In +sozialisationstheoretischer Perspektive ist die Bewältigung +von Herausforderungen der alltäglichen Lebensführung die +Voraussetzung für den Zustand von Gesundheit. +Überwiegen die Risikofaktoren, kommt es zu +Beeinträchtigungen der Abläufe in den körperlichen, +psychischen, sozialen und ökologischen Systemen. Die +Folgen können Gesundheitsstörungen verschiedener Art +sein. Persönlichkeits- und Gesundheitsentwicklung sind +nach dieser Vorstellung sehr eng miteinander verbunden. +Die Einbindung einer sozialisationstheoretischen +Perspektive in den Zusammenhang von +Persönlichkeitsentwicklung, Wohlbefinden und Gesundheit +ist heute ein immer aktuellerer Strang der Debatte. +Vielfach wird hierbei auf die Abhängigkeit von sozialen +Faktoren rekurriert, die die gesundheitlichen +Lebenschancen bestimmen +(Bauer/Bittlingmayer/Richter 2008; Lampert et al. 2016). +Ein anderer Zweig thematisiert, wie Stressempfinden und +Überforderungserfahrungen das Wohlergehen und die +mentale Gesundheit beeinflussen können (Albus et al. +2009; Baumgarten et al. 2019). +Der salutogenetische Ansatz + +Neuere Ansätze zu der Entwicklung eines gesundheitlichen +Wohlbefindens finden gerade erst ihren Weg in die eher +sozial- und erziehungswissenschaftlich geprägten +Sozialisationstheorien. Hierzu gehört die auf Formen der +Stressbewältigung ausgerichtete Theorie der Salutogenese +des israelischen Gesundheitswissenschaftlers Aaron +Antonovsky (1923–1994) eine wichtige Quelle. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/277.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/277.md new file mode 100644 index 0000000..22fe716 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/277.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Antonovsky orientiert sich mit seinem Ansatz zunächst +auch an einer stress- und bewältigungstheoretischen +Perspektive, in die er sozialpsychologische und +persönlichkeitstheoretische Konzepte einbezieht. Der in +seinem Denken zentrale Begriff »Salutogenese« setzt sich +aus dem lateinischen Wort »salus« für Unverletztheit, Heil +und Glück und dem griechischen Wort »genese« für +Entstehung zusammen und kann sinngemäß als +»Gesundheitsentstehung« verstanden werden. Diese +Theorie der Entstehung von Gesundheit räumt den +persönlichen Bewältigungskompetenzen und +Widerstandskräften gegen Störungen (»Resilienz«) einen +großen Stellenwert ein. Belastungsfaktoren (»Stressoren«) +sind nach diesem Ansatz in jeder Phase des Lebenslaufs +präsent. Die meisten Menschen schirmen diese Stressoren +ab, sie aktivieren ihre Schutz- und Abwehrmechanismen. +Stressoren sind in dieser Konzeption also per se nicht +problematisch, sondern sie sind normaler Bestandteil des +alltäglichen Lebens und gewissermaßen notwendig, um die +Widerstandskräfte eines Menschen und damit seine +Überlebensfähigkeit aktiv zu halten. Problematisch wird es +allerdings, wenn die Stressoren stärker sind als die +personalen und sozialen Ressourcen für die Bewältigung +der Entwicklungsaufgaben. In einer solchen Situation +reichen die Schutz- und Abwehrmechanismen nicht aus, um +die Belastung unter Kontrolle zu halten (Antonovsky 1997). +Die Widerstandskräfte sind in Antonovskys Zugang die +personalen und sozialen Ressourcen, über die ein Mensch +verfügt. Ihre Stärke und Ausprägung entscheiden nach +dieser Theorie darüber, ob sich Belastungen in einer +Beeinträchtigung des psychischen und körperlichen +Wohlbefindens niederschlagen oder nicht. Zu den +körperlichen Widerstandskräften gehören ein gutes +Immunsystem, ein stabiles vegetatives und +kardiovaskuläres System, körperliche Fitness als +Kombination von Beweglichkeit, Kraft und Kondition und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/278.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/278.md new file mode 100644 index 0000000..8f3a8a9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/278.md @@ -0,0 +1,36 @@ +eine sensible Körperwahrnehmung. Im psychischen Bereich +sind es Kontrollüberzeugungen, +Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und hoffnungsvolle +Lebenseinstellungen, eine hohe Intelligenz und ein positiv +getöntes Selbstwertgefühl. Zusammen führen diese +Fähigkeiten zu der Kompetenz, rational, flexibel und +vorausschauend auf die Anforderungen des Alltags zu +reagieren, gute soziale Beziehungen zu entwickeln und in +das gesellschaftliche Leben integriert zu sein +(Faltermaier 2017). +Das Konzept der Salutogenese ist heute vor allem in der +eher gesundheitswissenschaftlichen Debatte ein +bedeutsamer Ansatzpunkt. Dabei taucht immer +Antonovskys Ausgangsfrage auf, wie es Menschen auch in +extremen Belastungssituationen gelingt, handlungsfähig +und autonom und damit gesund zu bleiben. Seine Antwort: +Wer für den aus Belastungen resultierenden +Spannungszustand (»Stress«) genügend körperliche, +psychische, emotionale, kognitive und soziale +Widerstandsressourcen aufbieten kann, hat Chancen, sich +aus der kritischen Situation herauszubewegen und in +seiner persönlichen Integrität gestärkt zu werden +(Antonovsky 1997). +Entscheidend für eine gesundheitsfördernde +Spannungsverarbeitung ist in dieser Theorie das +»Kohärenzgefühl«. Es wird als eine subjektive Orientierung +definiert, die das Ausmaß ausdrückt, in dem ein Mensch +den sicheren Eindruck hat, dass, erstens, die +Anforderungen aus der inneren und äußeren +Erfahrungswelt strukturiert, vorhersagbar und erklärbar +sind; dass, zweitens, die nötigen Ressourcen verfügbar +sind, um den Anforderungen gerecht zu werden; und +drittens, dass diese Anforderungen Herausforderungen +sind, die ein persönliches Engagement verdienen. Mit +anderen Worten: Die Anforderungen müssen verstehbar, zu +bewältigen und sinnhaft sein. Mit diesem theoretischen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/279.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/279.md new file mode 100644 index 0000000..ac7c7e9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/279.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Ansatz baut Antonovsky eine konzeptionelle und +begriffliche Brücke zu den Lerntheorien und insbesondere +zum Konzept der Selbstwirksamkeit. Er definiert eine +Zielsetzung nicht nur für eine gelingende Balance von +gesundheitlichen Risiko- und Schutzfaktoren, sondern auch +für eine sozialisationstheoretische Perspektive auf das +Zusammenspiel von Anforderungen der sozialen +Integration und Entfaltung von Autonomiepotenzialen +(hierzu weiterführend Hurrelmann/Richter 2013; Rathmann +et al. 2018). +Reziprozität und Ambivalenz + +Bisher ist deutlich geworden, dass das vierte Prinzip zur +Bildung der Ich-Identität auf sehr unterschiedliche Quellen +in der Fachliteratur zurückgreift. Ursprünglich ein Begriff, +der sehr theoretisch aufgeladen ist, philosophische +Strömungen aufnimmt und konkret im +handlungstheoretisch-interaktionistischen Ansatz verankert +ist, wurde das Denken in Kategogrien der IchIdentitätsentwicklung vor allem in den +sozialisationstheoretischen Annahmen von Habermas und +Krappmann aufgenommen. Im Anschluss dominierte eine +psychologische Perspektive, weil der Zusammenhang von +Persönlichkeit, Identität und Stabilität immer wichtiger +dafür wird, Unterschiede im Wohlbefinden von Menschen +zu verstehen, die durch unterschiedliche +Lebensbedingungen in Gang gesetzt werden und von der +Verarbeitungs- und Bewältigungsfähigkeit des Subjekts +abhängen. +Heute ist das besondere Interesse mit der Frage danach +verbunden, warum eine große Diversität in der Anfälligkeit +bzw. Resilienz gegenüber hoch belastenden Faktoren der +Lebensführung existiert, die das Wohlergehen und die +Gesundheit eines Menschen beeinflussen. Seit geraumer +Zeit ist dieses Wissen zu einer Brücke der +sozialisationstheoretischen Diskussion in die Stress- und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/280.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/280.md new file mode 100644 index 0000000..8ff0d40 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/280.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Gesundheitsforschung geworden (SinghManoux/Marmot 2005; Wilkinson/Pickett 2010). Daneben +hat sich die Diskussion über Identität in einigen +sozialisationstheoretischen Ansätzen ebenfalls +weiterentwickelt. +Neue Theorieperspektiven fokussieren auf den Aspekt +der Erfahrungen, die gesammelt werden, und den Prozess +der Erfahrungsverarbeitung. Beide Aspekte bzw. Vorgänge +versuchen, Realitätsverarbeitung als einen Vorgang der +Identitätsbildung bzw. der permanenten +Identitätsveränderung zu beschreiben. Beispiele hierfür +gibt die Diskussion zu den Themen Reziprozität und +Ambivalenz. Sie stehen für eine sozialisationstheoretische +Perspektive, die auf Beziehungspraxis fokussiert, +»ausgehend von humanspezifischen Bedürfnissen nach +Handlungskoordination und nach sozialen +Handlungsbezügen die Gleichursprünglichkeit von +Sozialisation als Prozess der Persönlichkeitsgenese und der +Gestaltung sozialer Beziehungen thematisiert.« +(Grundmann 2015, S. 162) Der Soziologe Matthias +Grundmann (geb. 1959) verweist entsprechend auf +unterschiedliche Wellen der Thematisierung von +Sozialisation, an deren Beginn die Frage der möglichst +reibungslosen sozialen Integration und am Ende Fragen +der sozialen Offenheit, der Unsicherheit und des Umgangs +mit entwicklungsoffenen (kontingenten) und zudem +uneindeutigen (ambivalenten) Handlungssituationen +stehen: +»Die 1. Phase ist durch die Problemdefinition der +Integrationsbedürftigkeit von Individuen in moderne +Gesellschaften (einschließlich des +Subjektivierungsdiskurses) gekennzeichnet. +Die darauf folgende 2. Phase fokussiert die +gesellschaftliche Bedingtheit der +Persönlichkeitsentwicklung. Sie folgt der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/281.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/281.md new file mode 100644 index 0000000..d17477c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/281.md @@ -0,0 +1,34 @@ +forschungspragmatischen Einsicht, dass es zunächst zu +klären gilt, wie Umwelten die +Persönlichkeitsentwicklung und damit einhergehende +Prozesse der Handlungsgenese und Sozialintegration +beeinflussen. +Die 3. Phase der Modellierung konzentriert sich auf die +Frage danach, wie Sozialisation als ein kontingentes, +damit ergebnisoffenes Geschehen im zwischenmenschlichen Austausch zu begreifen ist. In den Blick +geraten hier also sozialkonstruktivistische Vorgänge des +Welterlebens und des Wirkens in der Welt, ebenso wie +die Frage nach den Ursprüngen und Triebkräften, die +diese Wirkungen erzeugen. Dabei wird ein zentrales +Erkenntnisproblem der Sozialisationsforschung +offensichtlich: nämlich die Frage nach der Entstehung +von etwas Neuem bei gleichzeitiger Reproduktion des +Bestehenden.« (Grundmann 2015, S. 163 f., hier ohne +Literaturverweise des Autors wiedergegeben) +Grundmann gibt damit einen guten Überblick über die +Geschichte der soziologischen Sozialisationsforschung. +Diese endet nicht zufällig mit der Perspektive auf eine +einzelne Identität, die Unsicherheit und Neues in +Beziehungsstrukturen verhandeln muss. Diese strenge +Fokussierung auf »reziproke« (also wechselseitige, +aufeinander bezogene) Beziehungsmuster sind Ertrag einer +sozial-konstruktivistisch geprägten Perspektive, die sich für +das individuelle Verstehen von Sinnstrukturen der sozialen +Welt interessiert. Grundverständnis dieses Denkens ist +(anders als bei vielen der gesellschaftstheoretischen +Ansätze), dass individuelles Handeln nicht zahnradähnlich +ineinandergreift, sondern Scharniere hergestellt werden +müssen, die das Sinnverstehen voraussetzen, aber auch die +Fähigkeit, Sinnfäden des gemeinsamen Handelns +weiterzuspinnen. Gerade hier entwickelt das +sozialkonstruktivistische Denken Annahmen weiter, die in diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/282.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/282.md new file mode 100644 index 0000000..e67c9f5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/282.md @@ -0,0 +1,36 @@ +der Theorie der Salutogenese als »Kohärenzgefühl« +genannt wurden. Es geht also nicht nur um die die soziale +Eingebundenheit des Menschen, sondern gleichzeitig +darum, welche Auswirkungen es für die Wahrnehmung der +eigenen Identität besitzt. +Kurt Lüscher (geb. 1935) ist ebenfalls Vertreter einer +soziologischen Sozialisationstheorie und fokussiert wie +Grundmann auf Beziehungsmuster und das Erleben bzw. +den Umgang mit Ambivalenz. Für Lüscher ist die +Gestaltung von Generationenbeziehungen prototypisch für +den Prozess der Sozialisation. Seine Ausgangsannahme +beinhaltet die Skepsis gegenüber der Annahme, dass in +Familien Beziehungsmuster immer schon festzustehen +scheinen. Dagegen wird übersehen, dass durch familiäre +Beziehungspraktiken Beziehungsstrukturen erst etabliert, +permanent interpretiert und ebenso permanent modelliert +werden müssen. Dabei ist nicht Kontinuität, sondern +Ambivalenz (Uneindeutigkeit) das Leitmuster individueller +Orientierung. Ambivalenzerfahrungen werden bei der +Suche nach Sinnmustern in sozialen Beziehungen gemacht, +die für die Entfaltung und Veränderung persönlicher und +kollektiver Identitäten bedeutsam sind (Lüscher 2016; +2017). Identitäten sind demnach nicht festgelegt, sondern +befinden sich in einer doppelten Wechselbeziehung mit den +inneren und äußeren Realitäten. Identitäten machen +folglich auch doppelte Ambivalenzerfahrungen, wodurch +die Entstehung von Neuem immer wahrscheinlicher, aber +auch das Festhalten an Ankerpunkten der eigenen Identität +immer relevanter wird. +Ansätze dieser neueren soziologisch geprägten +Sozialisationsforschung weisen zusammenfassend eine sehr +deutliche Tendenz auf. Sie sind orientiert an dem Prozess +der Aneignung von und des Umgangs mit Erfahrungen +sozialer Realität im Prozess der Bildung einer Ich-Identität. +Was schon die älteren soziologischen Handlungstheorien +betonten, wird jetzt noch deutlicher: Die Subjekte diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/283.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/283.md new file mode 100644 index 0000000..dd5b196 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/283.md @@ -0,0 +1,36 @@ +fungieren als Interpreten ihrer Lebensumstände, sie sind +zu keinem Zeitpunkt ihrer Biografie +»konstruktionsunfähig« (auch nicht im Kindesalter) und +ihre Wandlungsfähigkeit nimmt bis zum Ender ihrer +Biografie nicht ab. Ein wesentlicher Motor der +gesellschaftlichen Verständigung auf gemeinsame Werte +sind hierbei Einigungsprozesse. Hierbei sind es nicht +formale Prozesse, sondern bewusste wie unbewusste +Verständigungsakte, die Orientierung an gemeinsamen +Erwartungen an eine soziale Situation und die Erwartung, +dass andere Menschen diese Erwartungen auch haben. +Dass hier kein reibungsloser Prozess der Aneignung von +Erwartungserwartungen erfolgt, zeigen jene Ambivalenzen +auf, die mit der Deutung und Missdeutung von +Sinnstrukturen verbunden sind. +Komplexe Anforderungen an den Aufbau der Ich-Identität + +Die aktuellen soziologischen Erweiterungen zum +thematischen Dreieck Identität, Reziprozität und +Ambivalenz sind offene Diskussionsfelder. Zweifellos +schließen sie an ältere Annahmen von Krappmann zur +Identität an. Hierin liegt eine besondere Bedeutung, weil +sie die soziale Komponente der Identitätsbildung stärker +betonen als psychologische Zugänge. Gleichzeitig sind sie +wertvoll, weil sie in einer empirischen +Sozialisationsperspektive auf das fokussieren können, was +häufig »übrig« bleibt, nämlich auf die Mikroperspektive der +Identitätsbildung. In dieser Hinsicht ist Kurt Lüscher zu +verstehen, wenn er fordert, »Sozialisation a priori als +›offen‹ zu betrachten« (Lüscher 2016, S. 133). Diese +Offenheit ist sowohl normativ (was wir gesellschaftlich +»wollen«) als auch analytisch (unsere wissenschaftliche +Perspektive betreffend) zu verstehen. Vor allem als +analytische Perspektive stellt sie Bezüge zur +Kulturanthropologie (Helmut Plessner) und von dort zu der +bereits skizzierten Denkrichtung rekonstruktiver diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/284.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/284.md new file mode 100644 index 0000000..94f93e3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/284.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Sozialisationsforschung her. Letztere betont mit der +sinnbildlichen Unterscheidung zwischen der »Philosophin« +und der »Künstlerin«, in welche Konstruktionsprozesse der +Sinnbildung und des Sinnverständnisses Menschen in ihrer +Identitätsbildung eingebunden sind. Boris Zizek (2018, S. +370) argumentiert hierzu: +»Die progressive Seite dieser metaphorischen Charakterisierung als +Philosophin ist, dass das Kind, die/der Adoleszent und die/der Jugendliche +in ihrer Eigenschaft als reflektierende, sich aktiv mit sich und der Welt +auseinandersetzende Konstrukteure von Deutungen und Sinn akzentuiert +werden. […] Mit der Metapher der Künstlerin soll diese konstruktivistischkognitivistische Perspektive um den spontanen, kreativen, leiblichen, +intuitiven Aspekt ergänzt bzw. vervollständigt werden«. + +Im Mittelpunkt einer sozial-konstruktivistischen +Perspektive stehen also Aneignungs- und +Aushandlungsprozesse, die den Prozess der Sozialisation +bestimmen und mit dem die Identitätsentwicklung immer +parallel verläuft. Damit ist aber auch eine gesellschaftliche +Perspektive verbunden, die keine geschlossen +Reproduktion der Bedingungen kennt, die sie den +Gesellschaftsmitgliedern zur Verfügung stellt. Der Wandel +ist also in das gesellschaftliche Miteinander +eingeschlossen. Ob Gesellschaften »Offenheit« anbieten +oder »Geschlossenheit« erzwingen (etwa in sehr +hierarchischen oder autoritären Gesellschaften), ist für die +Wandlungsoption selbstverständlich ausschlaggebend. +Hierauf kann sicher keine pauschale Antwort gegeben +werden, sondern nur eine an den historischen +Gegebenheiten ausgerichtete Annäherung. Es ist also eine +an die historischen und gesellschaftlichen Bedingungen +angenäherte Einschätzung. +Ein Beispiel hierfür: Der Soziologe Ulrich Beck (1986) hat +für die Entwicklung der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg +in allen industrialisierten Wohlstandgesellschaften eine +Entwicklung der Individualisierung diagnostiziert. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/285.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/285.md new file mode 100644 index 0000000..1fc6079 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/285.md @@ -0,0 +1,28 @@ +Tatsächlich ist die Diagnose einer Individualisierung der +Gesellschaft in Verbindung mit gestiegenen +Freiheitsgraden nicht unumstritten (Zinn 2006). +Wahrscheinlicher ist, dass die gestiegene +Individualisierung ein Effekt der Zunahme von +Konkurrenzverhältnissen ist und sich nicht die nur die +Freiheit, sondern auch der »Zwang« zur individuellen +Verantwortung herausgebildet hat. In der Summe ist es +aber so, dass in der einen wie der anderen Variante +Biografie-Optionen bedeutsamer werden. Sie bedeuten den +Zwang, richtig auszuwählen und einen Lebensplan zu +entwerfen. Einen Masterplan dafür gibt es nicht, und +Modelle und Vorbilder, an denen man sich fest orientieren +kann, sind wandelbar. Die hohe Entscheidungslast für die +Gestaltung der eigenen Biografie und Maßstäbe für die +individuelle Lebenslaufnavigation werden mehr und mehr +zu einem lebensbegleitenden Thema +(Kohli/Künemund 2000). +Zweifellos ist mit dieser Entwicklung in jeder Phase des +Lebenslaufs ein hohes Maß an »Selbstorganisation« +notwendig, um Anforderungen an die Individuation und +Integration miteinander zu verbinden. Eine stabile IchIdentität ist in dieser Hinsicht ebenso sehr die +Voraussetzung wie das Ergebnis der Prozesse des +Aushandelns. Voraussetzung dafür ist eine genaue +Wahrnehmung der »inneren Realität« der körperlichen und +psychischen Ressourcen, um mit ihnen in eine aktive +Auseinandersetzung mit der »äußeren Realität« der +sozialen und physischen Lebensbedingungen zu treten. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/286.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/286.md new file mode 100644 index 0000000..5a74de3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/286.md @@ -0,0 +1,16 @@ +6.3 + +Fünftes Prinzip zur +Persönlichkeitsentwicklung im Lebenslauf + +Das fünfte Prinzip hebt darauf ab, dass sich in jedem +Lebensabschnitt unterschiedliche Anforderungen an die +Verarbeitung der Realität ergeben, die an die +Veränderungen der inneren und äußeren Realität +gekoppelt sind. Durch die Verlängerung der Lebensdauer +und die heute typischen Anforderung der +individualisierten Lebensführung stehen steigende +biografische Freiheitsgrade den Individuierungszwängen +gegenüber. Deswegen ist die Persönlichkeitsentwicklung +trotz der elementaren Fundierung, die sie in Kindheit und +Jugendalter erfährt, nie abgeschlossen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/287.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/287.md new file mode 100644 index 0000000..e3e4df6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/287.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Gegenstand und Verortung + +Mit der Debatte zu Aufbau und Bedeutung einer IchIdentität ist kein abgeschlossenes Ergebnis vorhanden. Sie +ist Hinweis auf die Lernfähigkeit des Individuums und +zugleich auf die besondere Bedeutung der menschlichen +Fähigkeit, ein Bewusstsein seiner selbst auszubilden. Sie ist +aber auch ein Zugang zu Verletzbarkeit eines Menschen, +die zu einem großen Maße von der Einbindung in soziale +Kontexte, Belastungen und den verfügbaren Ressourcen +zur Widerstandsfähigkeit (Resilienz) abhängig sind. +Dennoch bleiben Begriff und Ausprägung einer IchIdentität in der Schwebe einer interdisziplinären +Diskussion, die vor allem danach fragen muss, was die +spezifische Identität eines Menschen eigentlich beinhaltet +und wie diese Identität entsteht? In der jüngeren +Forschung sind es vor allem wieder allgemeinere, aus den +Sozialtheorien stammende Überlegungen zum Umgang mit +Unsicherheit und Ambivalenz, die die Diskussion prägen. +Hierzu gehört auch die Frage, ob eine Ich-Identität unter +den heutigen Lebensbedingungen schwieriger zu erlangen +ist als noch vor zwei oder drei Generationen? +Auch diese Frage ist nicht eindeutig und pauschal zu +beantworten. Eine erste Annäherung muss aber beinhalten, +dass der Identitätsbildungsprozess durch das permanente +Austarieren zwischen Anforderungen an die Individuation +und Integration zu jedem Zeitpunkt der eigenen +Lebensgeschichte eine Herausforderung auf individueller +Ebene darstellt. Diese lebenslange Relevanz der +Identitätsbildung ist vielleicht nicht selbstverständlich. +Historisch gesehen ist sie das Ergebnis der gestiegenen +sozialen und geografischen Mobilität der Menschen. Sie +spiegelt eine Veränderung gesellschaftlicher +Hierarchieverhältnisse, die gesteigerten Möglichkeiten der +Teilhabe, die Durchsetzung des Leistungs- gegenüber dem +Ständeprinzip, aber auch ausgeprägtere materielle diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/288.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/288.md new file mode 100644 index 0000000..6c0aaee --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/288.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Konsummuster, die in der Biografie ständige Begleiter sind. +Vor alldem durch sich verändernde ökonomische, +politische, soziale und kulturelle Bedingungen stehen +Menschen in den jeweiligen Lebensphasen vor der +Herausforderung, ihren biografischen und +gesellschaftlichen Standort zu akzeptieren oder neu zu +definieren. +Die Veränderung von klassenspezifischen Mentalitäten, +die die Gesellschaft nicht mehr so sicher unterteilen wie +noch vor wenigen Jahrzehnten, werden immer die Frage +danach auf, wer man ist und sein möchte. In der +Perspektive des gesamten Lebenslaufs lassen sich darum +ständige, aber auch wechselnde Anforderungen an die +Identitätsentwicklung und Selbstorganisation abbilden +(Hurrelmann/Quenzel 2013, S. 80). In jeder einzelnen +Lebensphase stellt sich die Aufgabe, die voneinander +abgegrenzten sozialen Lebenswelten (bei Jugendlichen zum +Beispiel Schule und Elternhaus, die Gleichaltrigengruppe, +der Sportverein oder die vielfältige Einbindung in digitale +Netzwerke), mit ihren spezifischen organisatorischen +Anforderungen zu koordinieren und sich dennoch in diesen +verschiedenen Lebenswelten als »identisch« zu erleben. +Aus diesen Anforderungen an das Biografiemanagement +können Belastungen entstehen, die zu einem +dysfunktionalen Bewältigungsverhalten führen (Aggression, +Depression, Drogenkonsum etc.). Die Vielfalt der +Anforderungen kann aber auch zu einer Erweiterung von +Optionen führen, die Variabilität und Vielfalt von +selbstbestimmten Handlungen zur Folge haben. Vor allem +durch die Verlängerung der Lebensdauer, aber auch die die +gewandelten sozialen und ökonomischen Bedingungen +einer Gesellschaft hat sich der Aufbau des Lebenslaufs und +die Taktung der einzelnen Lebensphasen dynamisiert. Die +Lebensphase Kindheit erweckt den Eindruck, kürzer zu +werden, weil sich das Jugendalter durch die immer früher +einsetzende Pubertät immer weiter nach vorn verlagert. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/289.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/289.md new file mode 100644 index 0000000..9017aee --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/289.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Zugleich verlängert sich – zumindest auf den ersten Blick – +das Jugendalter durch eine ausgedehnte schulische und +berufliche Bildung. Qualifikationszeiten ziehen sich zeitlich +in die Länge, die Übernahme der Erwerbs-, Familien-, +Konsumenten- und Bürgerrolle, die den Erwachsenenstatus +kennzeichnen, verschiebt sich. Am Ende des Lebens ergibt +sich für immer mehr Menschen eine ausgedehnte +Seniorenphase, die historisch einzigartig und mit der +Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer +verbunden ist. +DAS FÜNFTE PRINZIP UNTER DER LUPE +Das fünfte Prinzip vereint viele der vorgestellten Aussagen +aus den psychologischen Theorien. In den soziologischen +Theorien legen insbesondere die erörterten Ansätze von +Jürgen Habermas und des großen Spektrums +sozialkonstruktivistischer Modelle Gewicht auf die +lebenslaufbezogenen Aussagen. Auch betont Pierre +Bourdieus Theorie des Habitus die Bedeutung aufeinander +aufbauender Erfahrungs- und Wissensvorräte, die zu einer +zusammenhängenden Identität der Persönlichkeit und +einem kohärenten Wahrnehmungs-, Denk- und +Handlungsschema (Habitus) einer Person führen. Dabei ist +zu berücksichtigen, dass die Lebenssituation vieler +Menschen vor allem dadurch charakterisiert ist, dass +Spielräume zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit +erweitert wurden, weil die soziale und geografische +Mobilität zugenommen hat. Zugleich ist ein wichtiger +Faktor die Verlängerung der Lebensdauer und genauer, die +Verlängerung der Option auf ein gesundes und weitgehend +unabhängiges Leben in der erweiterten Lebensphase als +Seniorin oder Senior. +Bis in das 19. Jahrhundert hinein gab es die Abgrenzung +zwischen den Lebensphasen Kindheit, Jugend und +Erwachsenenalter nicht. Für Kinder kannte man in der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/290.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/290.md new file mode 100644 index 0000000..80228a5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/290.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gesellschaft keinen sozialen und psychischen Schonraum, +der ausschließlich ihrer Erziehung und Bildung diente. Sie +lebten vielmehr schon nach wenigen Jahren ähnlich wie die +Erwachsenen im meist familiären Bereich (oder Betrieb), +trugen die gleichen Kleider, verrichteten die gleichen +Arbeiten, sahen und hörten die gleichen Dinge wie die +Erwachsenen. Sie wurden wie »kleine Erwachsene« +wahrgenommen und behandelt. Einen Schutz für ihre +besonderen kindlichen Bedürfnisse gab es in der Regel +nicht. Sehr viele Kinder mussten große Belastungen, +Ausbeutung und Missbrauch ertragen. +Erst im 19. Jahrhundert änderte sich diese Ausgangslage, +indem sich im Verlauf der Industrialisierung Arbeits- und +Familienwelten immer weiter voneinander trennten. Kinder +lebten jetzt in Familien, die von der wirtschaftlichen +Produktion abgeschirmt waren und sich als +Erziehungsinstanzen verstanden. Unterstützt wurden sie +durch Kindergärten, Schulen und andere öffentliche +Bildungseinrichtungen, die ihre Aufgabe darin sahen, die +Persönlichkeitsentwicklung des gesellschaftlichen +Nachwuchses zu begleiten und Kinder und Jugendliche auf +das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Ihr Einfluss ist +in den letzten Jahrzehnten immer größer geworden +(Andresen/Hurrelmann 2010; Bühler-Niederberger 2011). +Gleichzeitig ist die Lebensphase Kindheit wegen der sehr +früh einsetzenden Pubertät kürzer geworden. +Entsprechend drängen sich die Anforderungen für die +Verarbeitung der inneren und der äußeren Realität in +einem kurzen Zeitraum. +Zur Kindheit gehört heute die Ernsthaftigkeit des +Leistungsdrucks, spätestens aber der mit dem sechsten +Lebensjahr beginnenden Schulpflicht. Schon im +Kindergartenalter spüren viele Kinder die Erwartung ihrer +Eltern, ihre kognitive und intellektuelle Entwicklung +schnell voranzutreiben und auf die Leistungsanforderungen +der Schule vorbereitet zu sein. Sie werden fast ebenso diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/291.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/291.md new file mode 100644 index 0000000..3087abf --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/291.md @@ -0,0 +1,36 @@ +intensiv wie Jugendliche mit der lebenslauftypischen +Entwicklungsanforderung »Qualifizieren« konfrontiert. Es +wird ihnen nachdrücklich vermittelt, dass sie in einer +Wettbewerbsgesellschaft leben und ihre ersten Schritte auf +dem Weg zur beruflichen Kompetenzbildung über ihre +Chancen im gesamten späteren Lebenslauf entscheiden. +Der Freiraum für eine verspielte Kindheit mit ausreichend +Zeit für Umwege in der persönlichen Entwicklung ist damit +äußerst begrenzt. +Dabei spielen das Elternhaus und die soziale Herkunft +eine besondere Rolle. Die Familie ist nach wie vor die +eindeutig gewichtigste Sozialisationsinstanz im Kindesalter +(s. hierzu vor allem das sechste Prinzip). Den Eltern kommt +die Schlüsselrolle für alle Aspekte der +Persönlichkeitsentwicklung zu. Doch müssen Kinder heute +auch darauf eingerichtet sein, dass sich die +Familienkonstellation jederzeit verändern kann. Die +Beziehung der Eltern bricht in etwa jeder vierten Familie +dauerhaft auseinander; die betroffenen Kinder sind dann +gefordert, die Spannungen zu bewältigen, die sich aus +diesen Veränderungen und einer eventuellen neuen +Partnerbeziehung ihrer Eltern ergeben. Die sozialen +Bindungen im Familienleben haben sich insgesamt +gelockert. Sie ermöglichen es den Erwachsenen, flexible +Formen von Partnerschaften einzugehen und zu leben, +wodurch allerdings auch die Bedürfnisse der Kinder nach +Gemeinschaft und Zugehörigkeit verletzt werden können. +Kinder sind letztlich immer die »Anhängsel« der +Partnerbeziehungen ihrer Eltern und insofern von deren +Unsicherheit und Unbeständigkeit betroffen, ohne +gestaltend auf sie einwirken zu können. +Im Konsum- und Freizeitbereich erleben Kinder +heutzutage wie Jugendliche und Erwachsene die Vorteile +und die Nachteile einer demokratisch offenen, kommerziell +orientierten Gesellschaft. Sie können sich vor allem bei der +Nutzung von Medien weitgehend frei bewegen und sind im diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/292.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/292.md new file mode 100644 index 0000000..5b23632 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/292.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Umgang mit den Angeboten der modernen Informationsund Kommunikationstechnologien teilweise souveräner als +ihre Eltern. Sie sind »Digital Natives«, weil die interaktiven +Medien ihre selbstverständliche Umwelt bilden. Damit ist +aber auch die Herausforderung verbunden, die Inhalte zu +verarbeiten, die sich damit erschließen lassen. Die vielen +Anreize im Freizeitbereich führen bei vielen Kindern zu +Überreizungen und zur Steigerung ihrer +Erwartungshaltung gegenüber vielfältigen Formen der +Unterhaltung, Zerstreuung und erregender +Grenzüberschreitungen. Hierdurch kann die realistische +Einordnung von Ereignissen und der Aufbau eines +strukturierten Selbst- und Weltbildes erschwert werden. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/293.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/293.md new file mode 100644 index 0000000..f8c1393 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/293.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Ungleiche Ausgangsbedingungen + +Kinder erfahren eine Vielfalt ihrer Lebenswelt durch den +Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen, Regionen und +Religionen. In ihren Freundschaftsbeziehungen, die sich in +ersten Schritten im Grundschulalter aufbauen und Einfluss +auf ihr Freizeit- und Medienverhalten ausüben, spüren +Kinder die kulturellen und sozialen Spannungsfelder im +gesellschaftlichen Alltag. Sie erfahren die Unterschiede +zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft +und Glaubensorientierung. Auch werden Kinder früh auf +das Auseinandergehen der Schere zwischen Arm und Reich +aufmerksam gemacht, zumal viele von ihnen durch die +relative Armut ihres Elternhauses selbst betroffen sind und +ungünstige räumliche Wohn- und Umweltbedingungen +ertragen müssen. Insgesamt sind ihre Möglichkeiten, ihre +Lebenswelt aktiv mitzugestalten, auch in den heutigen +Gesellschaften minimal. +Kindheit bedeutet heute demnach, in einem Nukleus der +Intimität zu leben und dennoch in einer unsicheren sozialen +Bindung aufzuwachsen und eine Wettbewerbsgesellschaft +zu erfahren, in der allein individuelle Leistung zählt. +Kindheit heißt auch, sich in einer Freizeitwelt aufzuhalten, +die von Konsum und kommerzieller Anreizung geprägt ist, +die Verknappung von Spiel- und Freiflächen in der +Wohnumgebung zu erleben und zu erfahren, dass die +ökologische Umwelt schädigende Wirkungen (etwa durch +Lärm und Umweltverschmutzung im Wohnviertel oder +chemisch behandelte Nahrungsmittel) haben kann. Je +besser die wirtschaftliche Lage, die soziale Verankerung +und Vernetzung und die Erziehungskompetenzen der Eltern +sind, desto günstiger sind die Voraussetzungen für die +Kinder, die heute notwendigen Bausteine für eine +erfolgreiche Persönlichkeitsentwicklung mit einer +eigenständigen Lebensführung zur Verfügung zu haben. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/294.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/294.md new file mode 100644 index 0000000..70d449f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/294.md @@ -0,0 +1,37 @@ +In der »World-Vision-Kinderstudie« ist diese Situation +präzise beschrieben worden: +»Kinder haben je nach Schichtzugehörigkeit unterschiedliche +Gestaltungsspielräume. Armut und fehlende häusliche Ressourcen führen +zu geringeren Teilhabemöglichkeiten: in der Familie, in der der materielle +Druck und die existenziellen Sorgen von den Kindern bereits sehr genau +registriert werden, in der Schule, in der die Möglichkeiten für eine +individuelle Förderung zum Ausgleich von Nachteilen fehlt, sowie im +Wohnumfeld oder hinsichtlich der Möglichkeit, in Vereinen mitzumachen +oder Kreativangebote zu nutzen. Kinder aus den unteren Schichten sind +häufiger auf sich allein gestellt. Es fehlt ihnen an Rückhalt, an Anregungen +und an gezielter Förderung. In der Konsequenz ist der Alltag dieser Kinder +bei einem größeren Teil einseitig auf Fernsehen oder auf sonstigen +Medienkonsum ausgerichtet. Jungen sind hierfür besonders anfällig« +(World Vision Deutschland 2010, S. 16). + +Calderón-Almendros (2011) gibt einen Einblick in die +Lebenswelt depravierter Jugendlicher, die sich selbst als +abgehängte und abgedrängte Gruppe wahrnehmen, in +Armenquartieren leben, chancenlos sind und gegen Polizei +und Schule in Opposition gehen, weil sie für die Lebenswelt +derjenigen stehen, die Macht und Einfluss haben. Die +Wechselwirkung aus wahrgenommener Chancenlosigkeit +und dem Nicht-Wahrnehmen von Chancen geht hier in +einen Teufelskreis ein. Im Kontrast dazu können die Kinder +aus den gehobenen Schichten von Anfang an ihre besseren +Chancen tatsächlich auch nutzen. Sie verfügen im +Vergleich über mehr Gestaltungsspielräume. Ihr familiärer +Bildungshintergrund eröffnet ihnen den Zugang zu einer +vielfältigen und kreativen Form der Freizeitgestaltung. +Deshalb kann sich bei ihnen das Vertrauen bilden, selbst +Dinge gestalten zu können. Sie verfügen über ein höheres +Maß Selbstwirksamkeit an und diese wird fortlaufen +stimuliert. Sie können vielfältigere Gelegenheiten nutzen, +um einen stabilen Freundeskreis aufzubauen, und +gleichzeitig erleben sie, dass ihre eigene Meinung weitaus +häufiger wertgeschätzt wird: diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/295.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/295.md new file mode 100644 index 0000000..4d37470 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/295.md @@ -0,0 +1,21 @@ +»Entsprechend höher ist bei diesen Kindern auch das Vertrauen in die +eigene Lernkompetenz ausgeprägt. Diese Kinder lernen dadurch selber zu +entscheiden, wie sie ihr eigenes Leben angehen müssen, um die sich ihnen +bietenden Chancen zu nutzen. Auch sie sind im Alltag mit Risiken +konfrontiert und verspüren Bewährungsdruck. Der Unterschied ist jedoch, +dass ihnen mehr Wege offen stehen und dass sie von daher weitaus besser +das erforderliche Selbstbewusstsein gegenüber den zum Teil ganz +unterschiedlichen Herausforderungen in Familie, Schule, Freizeit und +Freundeskreis entwickeln können« (World Vision Deutschland 2010, S. 16). + +Bei etwa einem Fünftel der Angehörigen der jüngsten +Bevölkerungsgruppe sind die Ausgangsbedingungen relativ +schlecht. In der »World-Vision-Studie« wird bildhaft von +einer »Vier-Fünftel-Gesellschaft« der Kinder in +Deutschland gesprochen, wobei die Kluft zwischen den +Privilegierten und Benachteiligten in den letzten Jahren +größer geworden ist. Kinder verfügen also über sehr +ungleiche soziale Voraussetzungen für die Bewältigung +ihrer Entwicklungsaufgaben und für den Aufbau der schon +in ihrem Lebensabschnitt notwendigen Kompetenz +Biografie-Management zu betreiben. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/296.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/296.md new file mode 100644 index 0000000..ef5484d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/296.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Sozialisation in der Lebensphase Jugend + +Die an die Kindheit anschließende Lebensphase Jugend +umfasst den Abschnitt zwischen der Pubertät und dem +Eintritt in ein eigenständiges Berufs- und Familienleben, +der mit der Erlangung des Erwachsenenstatus +gleichgesetzt werden kann. Jugend symbolisiert wie keine +andere Lebensphase die Spannung zwischen persönlicher +Individuation und sozialer Integration. Jugendliche müssen +die schnelle Veränderung ihrer körperlichen und +psychischen Eigenschaften in einer Zeitspanne bewältigen, +in der von ihnen mit massivem Nachdruck auch die soziale +Anpassung, insbesondere schulische Bildungsleistungen +und berufliche Qualifizierungen, verlangt wird (Fend 2000; +Hurrelmann/Quenzel 2013). +Die schon in der Kindheit hohen Erwartungen an die +Leistungsfähigkeit steigern sich weiter und werden von +vielen Jugendlichen als ein starker Bewährungsdruck +empfunden. Hohe Schul- und Ausbildungsabschlüsse sind +in Zeiten von Arbeitsplatzmangel und internationaler +Konkurrenz zu notwendigen, aber noch lange nicht +hinreichenden Voraussetzungen für die Aufnahme in die +Berufswelt geworden. +Grundvoraussetzung für die Bewältigung +lebenslaufspezifischer Anforderungen der +Persönlichkeitsentwicklung ist daher, mit der Ungewissheit +umgehen zu können, ob man tatsächlich jemals in die +Phase des Erwachsenen im Sinne einer gesellschaftlichen +Vollmitgliedschaft vorrücken wird oder aber im Moratorium +Jugend verbleibt. Jugendliche müssen also die strukturelle +Unsicherheit aushalten lernen, dass sie nicht wissen, ob sie +später einmal eine berufliche Position besetzen oder nur +kurzfristige Arbeitsmöglichkeiten erhalten und eine damit +verbundene prekäre Existenz erfahren. Da hiervon auch die +Entscheidung über eine spätere Gründung einer Familie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/297.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/297.md new file mode 100644 index 0000000..6e8a1d0 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/297.md @@ -0,0 +1,36 @@ +abhängt, vergrößert sich die biografische Ungewissheit, die +sie ertragen lernen müssen. +Die Jugendphase wird heute auch als Vorbereitung auf +die sexuelle, partnerschaftliche und familiäre +Selbstständigkeit des Erwachsenenalters empfunden. Die +Vorgaben und Rahmenbedingungen für diesen Übergang +sind gegenüber früheren Generationen freier und +ungezwungener geworden. Sofern nicht besonders +traditionsgebundene (zumeist religiös geprägte +Herkunftsmilieus) im Hintergrund wirken, können +Jugendliche Freundschafts-, Partnerschafts- und +Liebesbeziehungen weitgehend frei gestalten. Sie können +eine Beziehungs- und Partnerschaftsorientierung mit +relativ hohen, dem Erwachsenenstatus ähnlichen Graden +von Selbstständigkeit entfalten. Im Unterschied zu +früheren Generationen ist das gemeinsame intime +partnerschaftliche Zusammenleben aber über viele Jahre +hinweg möglich, ohne einer Familiengründung zu dienen. +Noch stärker als Kindern stehen Jugendlichen die +Angebote der Medien- und Freizeitwelt zur Verfügung, +zumal sie meist über die nötigen Mittel zu ihrer +Erschließung verfügen. Die überwiegend kommerziell +gesteuerten Medienangebote verlangen aber nach einer +gut strukturierten Vorstellung davon, wie man sie nutzen +möchte. Ansonsten können sie zu einem rauschhaften +Konsumverhalten mit Suchtgefahr verleiten. In diesem Fall +haben Jugendliche nicht mehr die volle Kontrolle über die +Nutzung der Angebote, sondern die Angebote ziehen sie in +einen Sog, den sie zeitlich und sozial nicht mehr selbst +steuern können. Besonders im Jugendalter tritt diese +Gefahr auch bei dem Konsum psychoaktiver Drogen auf, +die zur Steigerung von Empfindungen konsumiert werden. +Jugendliche benötigen für die selbstbestimmte Nutzung +der Medien- und Freizeitangebote ein inneres +Ordnungssystem mit einem eingebauten +»Relevanzkompass«, um die vielfältigen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/298.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/298.md new file mode 100644 index 0000000..b7fcc0b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/298.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Handlungsanforderungen und die Widersprüche bei der +Einräumung von persönlicher Autonomie flexibel und +sinnvoll zu bewältigen. Durch die Abnahme der +innerfamiliaren Vernetzung ist ein Gespür dafür wichtig, +wohin man eigentlich will und wo man langfristig einen +Platz in der Gesellschaft für sich selbst sieht. Verfügen +Jugendliche über eine sichere »Ich-Identität«, haben sie die +besten Voraussetzungen, Freiräume zu ihrem Vorteil +nutzen zu können, ohne Gefahr zu laufen, dass ihre +persönlichen Bedürfnisse und Wünsche durch die Dynamik +der Medien- und Freizeitangebote gesteuert werden. +Jugendliche müssen mit der Angst leben lernen, nicht zu +wissen, ob sie als Erwachsene gleiche Lebensbedingungen +vorfinden und die Welt für sie bewohnbar bleibt. Trotz all +dieser Sorgen und Bedenken können sie +lebenslaufspezifische Anforderungen der +Realitätsverarbeitung nur bewältigen, wenn sie von ihrer +Selbstwirksamkeit überzeugt sind, sich also zutrauen, ihre +Lebensherausforderungen gegen alle widrigen Umstände +meistern zu können. Jugendliche haben in einer +demokratischen Gesellschaft die Möglichkeit, ihre +Interessen durchzusetzen, und können politisch +partizipieren, müssen aber immer wieder abwägen, ob sich +der Kraftaufwand hierfür lohnt. Die wechselnde (und für +die Zeit vor den »Fridays-for-Future«-Demonstrationen +sinkende) Beteiligung von Jugendlichen an Umweltschutzund Bürgerrechtsbewegungen macht der Tendenz nach +deutlich, dass politische Partizipation mit anderen Formen +der Lebensstilpräferenzen (berufliche Orientierung, +Konsum) konkurriert – aber auch stimuliert werden kann. +Die Entwicklung von Selbstbild und Ich-Identität + +Die herausragende Besonderheit des +Sozialisationsprozesses im Jugendalter ist der Aufbau einer +Ich-Identität, der in dieser Lebensphase verstärkt möglich +ist. Er setzt ein dem Alter und dem Entwicklungsstand diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/299.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/299.md new file mode 100644 index 0000000..3eae06d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/299.md @@ -0,0 +1,36 @@ +angemessenes eigenes Selbstbild voraus, also eine +realistische Einschätzung der personalen und sozialen +Ressourcen. Voraussetzung für den Aufbau eines +Selbstbildes ist die Fähigkeit, zwischen der eigenen Person +mit ihrer inneren Realität und der umgebenden äußeren +Realität unterscheiden zu können. Diese Fähigkeit baut +sich im Verlauf der Entwicklung im Jugendalter auf. Die +reflexive Beziehung eines Menschen zu dem eigenen +Körper und persönlichen Bedürfnissen, Motiven und +Interessen wird differenzierter und komplexer und erreicht +in der frühen Jugendphase eine qualitativ neue +Entwicklungsstufe. +In den entwicklungspsychologischen Theorien wird das +Jugendalter als ein Abschnitt verstanden, in dem heftige +persönliche Entwicklungskrisen im Lebenslauf auftreten. +Junge Frauen und junge Männer in der Pubertät reagieren +äußerst sensibel auf die Veränderungen von Körper und +Psyche, aber auch auf die sich ihnen unvermittelt +stellenden Herausforderungen in der sozialen und +physischen Umwelt. Es handelt sich um eine besonders +konfliktanfällige Zeit, in der es eine Abfolge von +»Adoleszenzkrisen« zu bewältigen gilt +(Silbereisen/Hasselhorn 2008). +Die hiermit verbundenen Spannungen und +Stimmungsschwankungen müssen voll durchlebt werden, +um eine ausgereifte Persönlichkeitsstruktur mit einem +Ausgleich von Individuations- und Identitätsanforderungen +aufbauen zu können. Nur nach dem Durchstehen dieser +Krisen kann es gelingen, über eine oberflächliche +Anpassung an die gesellschaftlichen und kulturellen +Verhältnisse, etwa durch eine mechanische +Leistungsmotivation und eine materialistische Orientierung +an Geld, Ansehen und Karriere, hinwegzukommen und +autonome Handlungskompetenzen aufzubauen. +Da die heutigen individualistisch geprägten +Gesellschaften so viele Freiräume für unkonventionelle diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/300.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/300.md new file mode 100644 index 0000000..40b73a4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/300.md @@ -0,0 +1,27 @@ +Verhaltensweisen einräumen, bieten sich den Jugendlichen +nicht die Reibungen und Widerstände, die sich in Zeiten +der standardisierten »Normal-Biografie« fast zwangsläufig +einstellten. Durch die verhältnismäßig frühe +Selbstständigkeit im Konsum-, Medien- und +partnerschaftlichen Lebensbereich auf der einen und die +lang anhaltende Bildungs- und Ausbildungszeit mit +ökonomischer Unselbstständigkeit auf der anderen Seite, +tritt an die Stelle einer noch in den 1950er Jahren +genormten Statuspassage von der Jugendzeit in das +Erwachsenenalter nun eine Übergangsphase mit der +Anforderung, sie biografisch sinnvoll zu gestalten +(Neubauer/Hurrelmann 1996). +Von Jugendlichen wird eine kreative individuelle +Lebensführung verlangt, um die erheblichen Spannungen +zwischen den Selbstständigkeitspotenzialen in den +verschiedenen Lebensbereichen auszugleichen. Eine solche +Lebensführung scheint vor allem dann möglich zu sein, +wenn die Lebensphase Jugend nicht ihrem traditionellen +Verständnis gemäß als Durchgangsphase von der Kindheit +in den vollwertigen Status des Erwachsenen interpretiert +wird, sondern als eine Lebensphase, die selbstständig +gestaltet wird und eine besondere Lebensqualität hat. Im +Jugendalter spitzt sich die Anforderung zu, die persönliche +Individuation und die soziale Integration miteinander +auszutarieren und hierauf die personale und eine soziale +Identität aufzubauen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/301.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/301.md new file mode 100644 index 0000000..b607920 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/301.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Sozial ungleiche Ausgangsbedingungen + +Die Ausgangsbedingungen für die Bewältigung normierter +Herausforderungen der Realitätsverarbeitung +unterscheiden sich in Abhängigkeit von der sozialen +Herkunft der Jugendlichen sehr stark. Wie schon im +Kindesalter spielen hierfür die +Entwicklungsvoraussetzungen in der Familie und die von +dort kommenden Erziehungsimpulse eine Schlüsselrolle. +Je höher der sozioökonomische und Bildungsstatus der +Eltern, desto eher schafft es eine Jugendliche oder ein +Jugendlicher, Kompetenzen aufzubauen, die im Bildungsund Berufsleben gefordert werden. Ungünstige +Voraussetzungen für den Ausgleich von Individuation und +Integration haben hingegen die Jugendlichen aus Familien +mit niedrigem sozialem Status. Die Chancen, zu einer +wirklich kompetenten Planungsinstanz des eigenen Lebens +und in diesem Sinne zum Produzenten der eigenen +Jugendlichen-Persönlichkeit zu werden (»doing +adolescence«), sind mithin sehr ungleich verteilt +(Schinkel 2017). +Jugendliche, die ihre Lebensführung leicht an die +Anforderungen einer modernen, technisierten +Leistungsgesellschaft anpassen könne, stammen vor allem +aus den Elternhäusern, in denen die Eltern selbst hohe +Bildungsabschlüsse haben und gesicherte berufliche +Positionen besetzen. Diese Sicherheit geben die Eltern +ebenso an ihre jugendlichen Kinder weiter wie die +Kompetenz zum selbstbewussten Bewältigen von +Herausforderungen der Lebensführung. +Die meisten der benachteiligten Jugendlichen stammen +aus wirtschaftlich relativ armen Elternhäusern, in denen +beide Elternteile über eine geringe oder gar keine +Ausbildung verfügen und von Arbeitslosigkeit bedroht oder +bereits betroffen sind. Von diesen leben überproportional +viele in Haushalten, die schon seit längerer Zeit von diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/302.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/302.md new file mode 100644 index 0000000..a93cda4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/302.md @@ -0,0 +1,36 @@ +staatlichen Transferleistungen (wie »Hartz IV«) abhängen. +Nicht wenige haben eine schwierige Schullaufbahn +durchlaufen, einige haben deswegen am Ende der Schulzeit +sogar die Schule ohne Abschluss verlassen. Wenn eine +Mehrheit der Jugendlichen sich heute in einer mehr oder +weniger befriedigenden Lebenslage befindet, erfährt eine +Minderheit von rund 20 Prozent das Gefühl +gesellschaftlicher Marginalisierung. Sie befinden sich in +einer marginalen gesellschaftlichen Position, die zu +erheblichen Beeinträchtigungen des Wohlbefindens im +sozialen, psychischen und gesundheitlichen Bereich führen +kann. Diese Jugendlichen können zudem einem hohen +Bewährungsdruck zumeist nicht standhalten, weil ihnen +der familiale Hintergrund der langen Vorbereitung und vor +allem der Absicherung in Krisenzeiten fehlt. +Unterschiedliche Entwicklungschancen können in dieser +Hinsicht mit einem 100 Meter Lauf vergleichen werden. +Alle müssen schnell laufen können und über ausreichend +Kondition verfügen. Die einen starten aber mit einem +Vorsprung von 10, 20 oder sogar 50 Metern und müssen +darum weniger Strecke zurücklegen, während die anderen +den Vorsprung nie wieder aufholen können und eine höhere +Gefahr haben, auf der Strecke die Kondition zu verlieren +und abgehängt zu werden. Die »Abgehängten« fühlen sich +von den komplexen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen +Umständen des Lebens teilweise überrollt und schaffen es +nicht, das hohe Ausmaß an Biografie-Management zu +aktivieren, das für einen Erfolg im Bildungs- und +Berufssystem oder für die Gestaltung des privaten und +freizeitlichen Lebens notwendig ist. Auch ihre Bereitschaft +zum politischen Engagement ist sehr gering. »Die sozial an +den Rand gedrängten jungen Menschen spüren deutlich, in +einer prekären sozialen Lebenslage zu stecken […]. Man +ahnt, zu den in der Gesellschaft Abgehängten zu gehören. +Dass ihr Risiko einer dauerhaften Exklusion vom +Arbeitsmarkt verhältnismäßig hoch ist, ist diesen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/303.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/303.md new file mode 100644 index 0000000..9e856dd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/303.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Jugendlichen zumindest unterschwellig bewusst« +(Albert/Hurrelmann/Quenzel 2010, S. 345). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/304.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/304.md new file mode 100644 index 0000000..0fa34b7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/304.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Sozialisation in der Lebensphase Erwachsener + +Der Eintritt in die Lebensphase des Erwachsenenalters ist +typischerweise durch die Übernahme der Rolle des +Erwerbstätigen und des Familiengründers definiert. Infolge +der zerfaserten Gestalt der Lebensphase Jugend werden +diese beiden sozialen Meilensteine im Lebenslauf +heutzutage zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten passiert. +Daher erfolgt der Eintritt in die Lebensphase des +Erwachsenenalters meist sehr spät im Lebenslauf. Durch +den immer größer werdenden Anteil von Menschen, die +nicht in Ehen leben, und durch die steigende +Arbeitslosigkeit kommt es sogar dazu, dass viele +Gesellschaftsmitglieder den Status Erwachsener im Sinne +des traditionellen »Standard-Lebenslaufs« gar nicht mehr +erreichen. Das macht deutlich, wie stark sich mit der +Neustrukturierung des Lebenslaufs auch der Charakter des +bisher wichtigsten Lebensabschnitts gewandelt hat (BeckGernsheim/Beck 2005). +Der Übergang in das Erwachsenenalter vollzieht sich bei +der Mehrheit der Bevölkerung heute zwischen dem 25. und +dem 30. Lebensjahr. Er bringt erhebliche Anforderungen an +die Selbstorganisation mit sich. Das Erwachsenenalter ist +von den unsicheren ökonomischen Ausgangsbedingungen +der letzten Jahrzehnte nicht unberührt geblieben. Große +Herausforderungen für das Biografie-Management in der +Lebensphase des Erwachsenseins liegen heute in den +unterbrochenen oder sogar abgebrochenen +Berufslaufbahnen, die in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit +immer mehr erwachsene Berufstätige betreffen. Hieraus +ergibt sich die Notwendigkeit zur beruflichen Umschulung, +zum Arbeitsplatzwechsel sowie zur Weiterbildung und +Fortbildung im beruflichen Bereich – alles Anforderungen, +die noch vor einer Generation untypisch waren. +Ebenso wie im Jugendalter setzt auch im +Erwachsenenalter jeder Übergang Umorganisationen und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/305.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/305.md new file mode 100644 index 0000000..37a0f11 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/305.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Neudefinitionen des Selbstbildes voraus, die meist mit +Bilanzierungen zurückliegender und Vorwegnahmen +künftiger Erfahrungen und Erlebnissen einhergehen. Ein +markanter Einschnitt ist das Erreichen des Zenits der +körperlichen und psychischen Kräfte etwa zwischen dem +45. und 50. Lebensjahr. Er bietet für viele Menschen einen +Anlass zum Abgleich der früheren Ansprüche, Perspektiven +und Wünsche im beruflichen und privaten Bereich mit dem +tatsächlich Erreichten und dem, was in Zukunft noch +realistisch erreichbar ist. Dieser Abgleich kann +insbesondere dann zu einer »Krise der Lebensmitte« +führen, wenn Menschen erkennen, dass sie die selbst +gesetzten beruflichen und die damit verbundenen +persönlichen Lebensziele nicht so erreichen können, wie +sie es erhofft haben. +Der Bilanzierungsprozess zur Mitte des Lebens kann so +zu einer großen Belastung werden und sich noch +verschärfen, wenn auch die eigenen Kinder, deren +Ablösungsprozess sich in der Regel in diesem Zeitraum +vollzieht, nicht die schulischen und beruflichen +Ausgangspositionen erreicht haben, die sich die Eltern +wünschten. +Geschlechtliche und soziale Diversität + +Die partnerschaftlichen Beziehungen im Erwachsenenalter +unterliegen zum Teil ähnlichen biografischen Abwägungen. +Durch die im Vergleich zu den 1950er Jahren eingetretene +Emanzipation der Frauen von der traditionellen +Hausfrauen- und Mutterrolle hat sich bei beiden +Geschlechtern der Trend verstärkt, (Ehe-)Partnerschaften +als persönlich erfüllende und Glück bringende Beziehungen +zu definieren. Eine schrittweise Neudefinition der +traditionellen Frauenrolle und ihre Angleichung an bislang +typisch männliche Verhaltensmuster lassen sich spätestens +seit den 1980er Jahren beobachten. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/306.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/306.md new file mode 100644 index 0000000..188d162 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/306.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Ihren Ausgang nimmt diese Entwicklung schon im +Jugendalter. Hier sind Mädchen im Schulbildungsbereich +den Jungen überlegen. Im Erwachsenenalter setzt sich +diese Entwicklung fort, denn immer mehr Frauen wenden +sich von der Aufgabenbeschränkung auf Haushalt, +Kindererziehung und soziale Gemeinnützigkeit (die »drei +Ks«: Küche, Kinder, Kirche) ab und erschließen sich ein +viertes »K«, nämlich die berufliche Karriere. Dabei kommt +ihnen ihr Bildungserfolg zugute. +Diese Entwicklung lässt sich an dem über die letzten +dreißig Jahre kontinuierlich anhaltendem Anwachsen der +Erwerbsquote von Frauen in Deutschland ablesen (obwohl +das konservative Geschlechtermodell gerade hier sehr +lange vorherrschend war). Dieser Trend wurde von der +wirtschaftlichen und konjunkturellen Entwicklung kaum +beeinflusst und setzte sich auch während wirtschaftlicher +Krisenzeiten unvermindert fort. Im gleichen Zeitraum ist +der prozentuale Anteil der erwerbstätigen Männer stetig +gesunken. Diese Trends bringen auch symbolisch zum +Ausdruck, wie stark der Drang von Frauen ist, ihre soziale +Rolle in den modernen Gesellschaften grundlegend zu +verändern sowie im ökonomischen und zunehmend auch im +politischen Bereich einen aktiven Part zu übernehmen. +Sowohl bei Frauen als auch bei Männern gibt es aber +unabhängig von dieser Entwicklung große Teilgruppen, die +den traditionellen sozialen Status »Erwachsener« nicht voll +erfüllen, weil sie nicht berufstätig sind und nicht in einem +Familienkontext mit eigenen Kindern leben. Immer seltener +werden sie aber in der Öffentlichkeit so wahrgenommen. +Wenn sich Erwachsene bewusst dafür entscheiden, keine +Familie zu gründen, wird das heute nicht mehr als +folgenschwere Widersetzung gegen vordefinierte +Rollenerwartungen empfunden, und unter bestimmten +Umständen (zum Beispiel bei einer Behinderung oder +intensiver Pflegearbeit) gilt das auch für +Nichterwerbstätige. Trotz einer zunehmenden Enge bei der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/307.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/307.md new file mode 100644 index 0000000..1e46504 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/307.md @@ -0,0 +1,36 @@ +alternativen Lebenslaufgestaltung, stellen sich aber auch +Bereiche heraus, in denen die Freiheitsgrade für die +Definition einer »erfolgreichen« Bewältigung zunehmen. +Für die große Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung +sind die Möglichkeiten der biografischen Gestaltung des +Lebenslaufs in den letzten fünfzig Jahren kontinuierlich +angewachsen. Wegen der wirtschaftlich erfolgreichen +Entwicklung sind die Chancen stetig gestiegen, das +Erwachsenenleben nach den persönlichen Wünschen und +Zielen zu gestalten. Breit gefächerte soziale +Sicherungssysteme haben auch in Krisenzeiten das Risiko +der Arbeitslosigkeit gut abgefedert. Dadurch konnten sich +die meisten Erwachsenen größere Spielräume für die +subjektive Entfaltung der Persönlichkeit erschließen. +Diese positive Bilanz schlägt sich auch in den +Gesundheits- und Krankheitsdaten nieder. Im Vergleich zu +den 1950er und 1960er Jahren ist das gesundheitliche +Wohlbefinden der erwachsenen Bevölkerung im +körperlichen und psychischen Bereich deutlich +angestiegen, vor allem durch verbesserte Hygiene, gute +Wohnmöglichkeiten, gute Ernährung und die medizinische +und psychologische Versorgung. Das hat dazu geführt, dass +sich die Lebenserwartung beider Geschlechter ständig +weiter erhöht hat. +Diese Aussagen treffen nicht oder nur mit erheblichen +Einschränkungen auf eine Minderheit der Angehörigen der +Erwachsenenpopulation zu. Wie in der Kinder- und +Jugendpopulation ist bei Erwachsenen eine allmählich +anwachsende Minderheit von gegenwärtig etwa 20 Prozent +benachteiligten und relativ armen Menschen zu +identifizieren. Die wirtschaftliche und in der Folge auch die +soziale und kulturelle Ungleichheit ist besonders durch die +hohe Arbeitslosigkeit in den 1990er und 2000er Jahren +angestiegen, was sich wiederum an der hohen Zahl von +Empfängern von Transferleistungen ablesen lässt. In vielen +Fällen hat sich dabei die Benachteiligung von der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/308.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/308.md new file mode 100644 index 0000000..8801df7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/308.md @@ -0,0 +1,6 @@ +Lebensphase Kindheit über die Lebensphase Jugend bis in +das Erwachsenenalter fortgeschrieben. Auch Erwachsene +leben in diesem Sinne in einer »Vier-Fünftel-Gesellschaft«, +die von ihren sozialen und ökonomischen +Chancenstrukturen her dazu tendiert, 20 Prozent ihrer +Mitglieder auszuschließen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/309.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/309.md new file mode 100644 index 0000000..f69c0b3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/309.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Sozialisation in der Lebensphase Senior + +Ebenso fließend wie der Übergang vom Jugend- in das +Erwachsenenalter verläuft heute auch der Übergang vom +Erwachsenenalter in die nachfolgenden Altersphasen, die +hier als »Seniorenalter« bezeichnet werden. Im +standardisierten Lebenslauf der 1950er Jahre erfolgte der +Übergang für die berufstätigen Männer fast automatisch +mit dem Tag des Austritts aus dem Beruf. Die mehrheitlich +nicht berufstätigen Frauen waren von diesem +einschneidenden Schritt der Pensionierung ihres +(Ehe-)Mannes ebenfalls stark betroffen, weil sich damit der +gesamte Ablauf von Haushaltsgeschäften, +Freizeitaktivitäten und der Pflege sozialer +Netzwerkkontakte veränderte. +Heute sind diese Übergänge weitaus vielgestaltiger. Das +hat maßgeblich mit der Verlängerung der Lebensdauer zu +tun. Im frühen Seniorenalter, etwa in der Spanne vom 60. +bis zum 65. Lebensjahr, geht zwar im Vergleich zum +Erwachsenenalter die physiologische Leistungskapazität +zurück und das Risiko von chronischen Erkrankungen +nimmt zu. Doch die Gruppe der »jungen Alten« weist +insgesamt eine gute körperliche und psychische Kondition +auf und ist überwiegend unabhängig von Hilfe oder Pflege. +Die materiellen Ressourcen sind im Durchschnitt ebenfalls +gut. Diese Ausgangslage macht es möglich, einen vom +Erwachsenenstatus kaum abweichenden Lebensstil zu +praktizieren, der auch eine Aufrechterhaltung von +beruflichen (Teil-)Aktivitäten umfasst +(Backes/Clemens 2013). +Der erste Abschnitt des Seniorenalters ist deshalb bei +einem Teil der Population kaum vom davorliegenden +Erwachsenenleben unterscheidbar. Das ändert sich erst im +zweiten Abschnitt des Seniorenalters, wenn die +körperlichen und psychischen Kräfte spürbar nachlassen. +Einige Seniorinnen und Senioren haben sich schon am diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/310.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/310.md new file mode 100644 index 0000000..eb3778e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/310.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Ende des traditionellen Erwachsenenalters aus +gesundheitlichen oder arbeitsmarktpolitischen Gründen +(Frühpensionierung) aus der Berufstätigkeit +zurückgezogen, andere gehen auch nach dem 65. +Lebensjahr zumindest Teilzeit‑Berufstätigkeiten nach. +Zu welchem Zeitpunkt die Pensionierung auch immer +eintritt – die Ausgliederung eines Menschen aus dem +Berufsleben bedeutet soziologisch gesehen einen klaren +Rollenverlust, der individuell verarbeitet werden muss und +ein neues Konzept des zukünftigen Lebensweges notwendig +macht. Die Ausgliederung aus dem sozialen Bezugssystem +der Erwerbsarbeit entlastet zwar von den oft schwierigen +Bedingungen und stressigen Anforderungen, die mit dem +Arbeitsprozess einhergehen können, gleichzeitig geht aber +das Gefühl der Anerkennung verloren, das sich daraus +ergibt, dass man sich als produktiv, gesellschaftlich +nützlich und wertvoll wahrnehmen kann. +Menschen, die aus dem aktiven Erwerbsleben austreten, +stehen vor der Aufgabe, sich auch innerlich abzulösen und +neue, öffentlich anerkannte Formen der sozialen Aktivität +(etwa freiwilliges Engagement im sozialen Sektor) zu +suchen. Am erfolgreichsten scheinen diejenigen Menschen +in diese Altersphase einmünden zu können, die ihre +bisherigen nichtberuflichen Aktivitäten nach der +Pensionierung beibehalten und auf ihr individuelles +Aktivitätsniveau abstimmen. Hilfreich ist dabei, sich darauf +zu besinnen, dass ihnen ein breites Spektrum an sozialen +Rollen in Familie, Nachbarschaft und Gemeinde zur +Verfügung steht und dass eine Intensivierung dieser Rollen +das Ausscheiden aus der Erwerbsrolle ausgleichen kann. +Alternativ dazu bieten sich heute aber auch zahlreiche +Möglichkeiten, neue berufliche Beschäftigungen zu finden. +Im Bereich Partnerschaft und Beziehungen unterscheiden +sich die Lebensbedingungen der Senioren heute kaum von +denen der Erwachsenen. Bei der Mehrheit der Senioren +sind die eigenen Kinder aus dem Haus; sie können ihre diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/311.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/311.md new file mode 100644 index 0000000..a079bfd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/311.md @@ -0,0 +1,29 @@ +Partnerschaft mit Freunden und Bekannten frei gestalten +und daneben die Beziehungen zu den Familien der Kinder +mit eventuellen Enkelkindern pflegen. Im höheren Alter +sind viele der Partnerinnen oder Partner bereits +verstorben, oft werden neue Partnerschaften geschlossen. +Etwa ein Drittel der Senioren ist nach einer ersten +(Ehe-)Beziehung eine neue Partnerschaft eingegangen, oft +mit eigenen Kindern. Insgesamt ergibt sich hieraus ein +vielgestaltiges Partnerschafts-, Familien- und +Freundschaftsgeflecht. +Durch die verlängerte Lebensdauer ergeben sich auch +breit gefächerte Generationenbeziehungen. Immer häufiger +kommt es vor, dass Kinder ihre Urgroßeltern und diese ihre +Urenkelkinder erleben können. Das Beziehungsgeflecht +umfasst mithin bis zu vier Generationen, die voneinander +abstammen und zur gleichen Zeit leben. Die Generation der +Erwachsenen hat dabei durch ihre mittlere Stellung in der +familiären Generationenfolge eine »Sandwich-Position« +inne, die ihnen einen intensiven Kontakt zu ihren Kindern +wie auch zur Eltern- und Großelterngeneration erlaubt. +Die Sandwich-Position kann mit der Verpflichtung +einhergehen, gleichzeitig sowohl für die jüngere als auch +für die älteste oder sogar die beiden älteren Generationen +soziale und psychische Unterstützung leisten zu müssen. +Diese Konstellation tritt ein, wenn die eigenen Kinder noch +im Kindergarten- oder Schulalter sind und intensive +Anleitung brauchen, zugleich aber auch die eigenen Eltern +(und möglicherweise Großeltern) pflegebedürftig werden +und durchgehende Unterstützung benötigen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/312.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/312.md new file mode 100644 index 0000000..4ead759 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/312.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gesundheit und Wohlbefinden im Seniorenalter + +Insgesamt hat sich die körperliche, psychische und soziale +Lebenssituation der alten Menschen stetig verbessert. Die +heute Siebzigjährigen weisen im Hinblick auf ihre +Gesundheit und Leistungsfähigkeit ein ähnliches Niveau +auf wie die vor etwa dreißig Jahren lebenden +Sechzigjährigen. Die gute wirtschaftliche Lage hat auch +positive Folgen für die selbstverantwortliche Gestaltung +des gesamten Freizeitlebens und der Konsumtätigkeiten +einschließlich Reisen und ehrenamtlicher Tätigkeiten. +Erst im »späten Seniorenalter«, etwa nach dem 75. bis +80. Lebensjahr, wächst das Risiko gesundheitlicher +Störungen und funktioneller Einbußen und zwingt zu +Einschränkungen bei vielen Aktivitäten. In dieser +Lebensphase steigt der Bedarf an Hilfe und Pflege. Die +sozialen Verluste nehmen durch den Tod von Freunden und +Bekannten zu. Da die sozialen Netzwerke innerhalb und +außerhalb der Familie auf diese Weise sukzessive kleiner +werden, stellt sich mitunter auch das Gefühl sozialer +Isolation und Einsamkeit ein. +Der Prozess des Alterns ist ein komplexes +Zusammenspiel zwischen körperlichen und psychischen +Merkmalen und den Bedingungen der räumlichen, sozialen +und institutionellen Umwelt. Zum normalen biologischen +und physiologischen Altern gehört der Verlust der +Vitalkapazität des Organismus, der sich in +Anpassungsschwierigkeiten und Ausgleichsproblemen +einzelner Organe und Funktionssysteme ausdrückt. Im +Seniorenalter sind die Organe nicht mehr so +belastungsfähig wie zuvor und haben keine ausreichende +Funktionsreserve. Der Blutdruck und die Blutfettwerte +steigen, die Muskelfasern und Gefäße werden schwächer, +das Skelett verliert an Stabilität, die Augenlinse wird +getrübt, das Hörvermögen reduziert. Dieser natürlich +angelegte körperliche Alterungsprozess kann durch einen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/313.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/313.md new file mode 100644 index 0000000..495e73c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/313.md @@ -0,0 +1,35 @@ +gesundheitsbewussten aktiven Lebensstil (Sport, +Bewegung, soziale Aktivitäten, öffentliches Engagement) +zwar verlangsamt, aber nicht verhindert werden. +Frauen scheinen im Vergleich zu Männern den +Alterungsprozess im Lebenslauf deutlich hinausschieben zu +können. Sie haben ein größeres immunologisches Potenzial +und leben insgesamt gesünder als Männer. Sie setzen +häufiger präventive Strategien ein (etwa gesunde +Ernährung, einen festen Tagesrhythmus und wirkungsvolle +Entspannung zur Vermeidung der Folgen und Nebenfolgen +von chronischen körperlichen Krankheiten), um die +Aktivitäten des täglichen Lebens aufrechtzuerhalten und +die bestehenden Gesundheitspotenziale zu stärken. Sie +fördern hierdurch ihre physische und psychische +Funktionstüchtigkeit und haben eine erheblich höhere +Lebenserwartung. +Hieraus ergeben sich die unterschiedlichen individuellen +Potenziale für soziales Engagement und politische +Partizipation im Seniorenalter, deren Spannweite vom +konventionellen »Ruhestand« eines +sechsundfünfzigjährigen Lehrers nach zwei Herzinfarkten +bis hin zur Vollzeitaktivität einer fünfundsiebzigjährigen +Unternehmerin reichen kann (Kruse 2010). +Die Unterschiede nach sozialer Herkunft sind dennoch +auch im Seniorenalter unverkennbar und nehmen vor allem +im hohen Alter deutlich zu. Das spiegelt sich besonders in +der gesundheitlichen Bilanz wider. Gelingt es alten +Menschen, ihre körperliche und soziale +Widerstandsfähigkeit (»Resilienz«) zu stärken, um die +psychische und körperliche Funktionsfähigkeit auf einem +guten Niveau zu stabilisieren, können kognitive +Leistungsfähigkeit, Wahrnehmung und Gedächtniskapazität +lange erhalten bleiben. Am besten schneiden hierbei +Senioren in guter wirtschaftlicher Lage und mit einem +hohen Bildungsgrad ab. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/314.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/314.md new file mode 100644 index 0000000..13864a7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/314.md @@ -0,0 +1,13 @@ +Bei den sozial benachteiligten Gruppen unter den +Senioren bauen sich die Grundkompetenzen der +Lebensführung (Körperpflege, Einkleiden, Einkaufen, +Mobilität) im hohen Alter deutlich schneller ab als bei den +gut situierten. Auch das Ausmaß sozialer Aktivitäten +(Besuche machen und empfangen) sowie der förderlichen +Freizeitbeschäftigungen (Ausflüge, Sport, ehrenamtliche +Tätigkeiten, Theater- und Kinobesuche) unterscheidet sich +nach sozialer Herkunft. Die sozioökonomische und die +Bildungslage entscheiden ganz offensichtlich auch im +hohen Alter darüber, wie reichhaltig die personalen und +sozialen Ressourcen sind, die in der alltäglichen +Lebensführung eingesetzt werden können. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/315.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/315.md new file mode 100644 index 0000000..eb47816 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/315.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die Weiterentwicklung einer Lebenslaufperspektive + +Der differenzierte Blick auf die unterschiedlichen +Lebensphasen als Kinder, Jugendliche, Erwachsene sowie +Senioren und Seniorinnen zeigt, wie unterschiedlich +Herausforderungen sein können, die mit der inneren +(körperliche Reifungsaspekte, Gesundheitsrisiken) und +äußeren Realität (den Möglichkeitsräumen, +Lebensumständen und Ressourcen) verbunden sind. Aus +diesen Zusammenhängen lässt sich vor allem ablesen, wie +wichtig der Einfluss der ökonomischen und sozialen +Rahmenbedingungen ist. Sie bestimmen auch in den +heutigen individualistisch geprägten Gesellschaften die +Spielräume, die sich für die individuelle Lebensgestaltung +ergeben. Vor allem die zunehmende ökonomische +Ungleichheit, die für hochentwickelte Gesellschaften +kennzeichnend ist, beschränkt die personalen und sozialen +Ressourcen der benachteiligten Gruppen der Bevölkerung +in jeder Lebensphase. Dadurch ergeben sich für rund ein +Fünftel der Bevölkerung negative Bedingungen für den +Sozialisationsprozess, die sich oft schon in der Kindheit +einstellen und sich während des gesamten Lebenslaufs +weiter verfestigen. +Gleichzeitig verändert sich heute auch unser Blick auf die +sozialen Konstruktionen, die die Einteilung unserer +Lebensphasen bestimmen. Dass wir heute von einer +verlängerten Phase sprechen, ist nicht selbstverständlich. +Es ist Wirkung einer erweiterten Bildungs- und +Ausbildungsphase, die seit dem letzten Drittel des 20. +Jahrhunderts zu einem Massenphänomen geworden ist. +Erst seitdem nehmen wir Menschen als Jugendliche wahr, +obwohl sie sich in der zweiten Hälfte oder am Ende ihres +dritten Lebensjahrzehnts befinden (entsprechend reicht der +moderne Jugendbegriff weit bis in das dritte Jahrzehnt +eines Menschen hinein). Auch die Phase der Hochaltrigkeit +der über 80-jährigen ist ein Phänomen der durchschnittlich diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/316.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/316.md new file mode 100644 index 0000000..0ac2baa --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/316.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gestiegenen Lebenserwartungen, so dass die Lebensphase +des Seniorenalters heute als erweitert, erfüllt und +größtenteils auch als gesund erwarten werden darf. Mit +diesen Veränderungen unseres Blicks auf die +unterschiedlichen Phasen des Lebenslaufs gehen auch +Veränderungen für eine sozialisationstheoretische +Perspektive einher. Einige dieser Veränderungen sollen hier +(in Anlehnung an Bauer 2020) beschrieben werden, die +sowohl empirische als auch theoretische Aspekte +beinhalten. +Mit dem Blick auf die Struktur des Lebenslaufs im +historischen Vergleich kommt man nicht umhin, nach den +Veränderungen in der Periodisierung der Lebensabschnitte +zu fragen. Das soll einmal beispielhaft für das Jugendalter +erörtert werden, weil hier besonders spannende +Verschiebungen erfolgen. Was die historische Entwicklung +nahelegt ist, dass analog zur »Erfindung der Kindheit« +(Ariès et al. 1976) Jahrhunderts von einer nachfolgenden +»Erfindung« der Jugend (Savage 2008) gesprochen werden +kann. In historischer Perspektive lässt sich eine durchaus +neue Beschreibung einer Lebensphase beobachten, die erst +in der industriegesellschaftlichen Moderne auftaucht und +erst im Anschluss als eigenständige abgrenzbare Struktur +im Lebenslauf einzuschätzen ist. +Gestreckte oder verkürzte Pubertät? + +Heute sind ca. zehn Prozent der Bevölkerung zwischen 15 +und 25 Jahre alt. Dennoch ist Jugend nur als eine +Übergangsphase zwischen dem Erwachsensein und +Kindheitsphase konnotiert, sie ist »Kuratorium«, eine Art +Vorbereitungsphase für die Erwerbstätigkeit. Jugend als +»Moratorium« und damit als Latenzphase anzusehen heißt, +sie als Raum der Entwicklung und Orientierung, des +Autonomiestrebens und des Ausprobierens von +Lebensentwürfen zu beschreiben. Diese Wahrnehmung von +Jugend ist seltener, vielleicht sogar fragwürdig geworden. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/317.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/317.md new file mode 100644 index 0000000..d006248 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/317.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Als Entstrukturierung oder Entgrenzung der Jugendphase +(Ferchhoff/Dewe 2016) wird diskutiert, dass Jugend nicht +mehr als Freiraum gedacht werden kann. Dabei stellt das +Hineinreichen von Arbeitsmarkt- und +Erwerbsanforderungen einen sehr zentralen solcher +Auflösungseffekte dar. +Die zeitliche Ausweitung von Bildungsverläufen in der +Lebensspanne, die das Jugendalter auf den ersten Blick als +expandierend erscheinen lässt, steht hierzu nicht im +Widerspruch. Sie ist Ausdruck des Gegenteils, also der +Verkürzung der Jugendphase, weil der Bildungsbereich +einer utilitaristischen Logik unterworfen und kaum mehr +als Moratoriumsphase gedacht wird. Es verschwindet +damit ein Freiraum und dies bedeutet, dass nicht +automatisch Autonomieerfahrungen in die verlängerte +Bildungsbiografie eingehen, sondern umgekehrt +Qualifikationserfordernisse Autonomiemöglichkeiten des +Jugendalters einschränken. +Der Psychologe und empirische Sozialforscher Paul +Lazarsfeld (1901–1976) hatte bereits in einer der ersten +Jugendstudien der 1920er Jahre darauf hingewiesen, dass +sich die Jugendphase in diese Richtung verändert (hier +nach Abels 1993, S. 125 ff.). Er bezeichnet als »verkürzte +Pubertät« das, was als Zwang zur Erwerbstätigkeit und als +Wirkung von Armut und unzureichenden +Lebensbedingungen die mögliche Autonomie der +Jugendphase einschränkt. Diese Verkürzung ist darum ein +Phänomen zunächst der unteren, also der damaligen +proletarischen Milieus. Sie ist das Gegenteil einer +»gestreckten Pubertät«, wie der Reformpädagoge Siegfried +Bernfeld und Jugendforscher der ersten Generation (1892– +1953), die noch auf die Entfaltungsmöglichkeiten abseits +eines Standardisierungs- und Erwerbszwangs rekurriert. +Die Perspektive der sozialstrukturellen Unterschiede mit +ihren sozial ungleichen Autonomieräumen ist noch heute +aktuell. Viele Untersuchungen zu der Wirkung von diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/318.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/318.md new file mode 100644 index 0000000..36ed430 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/318.md @@ -0,0 +1,36 @@ +ungleichen Sozialisationsbedingungen in unterschiedlichen +sozialen Milieus (z. B. Lareau 2003) vermitteln hiervon +einen guten Eindruck. Sie stehen in der Tradition der +schichtspezifischen Sozialisationsforschung und +thematisieren, wie sich Lebens- und Erfahrungsräume von +Kindern und Jugendlichen materiell und vor allem sozial +unterscheiden, weil Mentalitäten, Alltagszwänge, +ökonomische Ressourcen und Habitus unterschiedlich sind +(s. hierzu auch das neunte Prinzip). +Jugend findet also in unterschiedlichen sozialen Räumen +statt und damit auch unter unterschiedlichen Bedingungen +der Ermöglichung und Limitierung. Nicht überall existieren +jugendspezifische Freiräume, die wir positiv als eine Form +der »gestreckten« oder »verlängerten« Pubertät verstehen +können. Im Gegenteil sogar, die verkürzte Pubertät ist zwar +zunächst Merkmal der sozial Benachteiligten. Sie ist +infolge der hohen Qualifikationsanforderungen, die aus +jedem Bildungsweg eigentlich einen lebenslangen +Qualifikationsweg machen, vielleicht aber bereits in alle +sozialen Gruppen vorgedrungen. Hierzu passt, dass von +einem jugendspezifischen Kuratorium bzw. Moratorium, +das noch die frühe Thematisierung von Jugend begleitet +(Zinnecker 2003), heute eigentlich nicht mehr gesprochen +wird. Zudem kommt eine eingrenzbare Jugendphase +eigentlich nur noch in den älteren Phasen- und +Stadienkonzepten zur kognitiven, psychosexuellen, +psychosozialen oder moralischen Entwicklung vor (Freud, +Piaget, Erikson, Kohlberg etc.). +Die Lebenslauf-, Lebensverlauf- und Biografieforschung + +Die relativ jungen Phänomene einer Erweiterung des +Lebenslaufs, der stärkeren Bildungsbasierung oder der +Ästhetisierung von spezifischen Lebensphasen (wie der +Jugend) müssen in der Forschung zunächst wahrgenommen +werden. Nicht immer aber sind theoretische Perspektiven +auch so schnell wie der Wandel der empirischen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/319.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/319.md new file mode 100644 index 0000000..a53d8bf --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/319.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Phänomene. Immerhin versuchen die soziologisch +inspirierte Lebenslauf-, Lebensverlauf- und +Biografieforschung die Debatte über die Übergänge und +Kontinuitäten der Lebensführung aufzunehmen. Hierzu +gehört vor allem das Bemühen, mit der Ausdifferenzierung +einer Perspektive der unterschiedlichen Lebensphasen den +gesamten Lebenslauf als Bestandteil einer +sozialisationstheoretischen Perspektive zu erschließen. +Es sind Bemühungen darum, sozialisationstheoretische +Fragestellungen zu integrieren, zugleich aber bereits die +engen disziplinären Grenzen der Debatten zu +überschreiten. Lebenslauf-, Lebensverlauf- und +Biografieforschung stellen in sich geschlossene und +zumeist auch theoretisch und methodisch voneinander +abgetrennte Paradigmen dar. Sie eint allerdings, dass sie +der Betrachtung einer lebenslangen bzw. +lebensbegleitenden Sozialisationsperspektive ein +empirisches Fundament zu verleihen versuchen +(grundlegend Kohli 1991; Krüger/Marotzki 1999; +Schütze 2015). Von besonderer Bedeutung erscheinen +Versuche, die Sozialisationsforschung vorurteilslos und +abseits programmatischer Grundsatzkontroversen +zwischen den großen Theoriepositionen auf eine +empirische Perspektive festzulegen (Leu 1997; +Grundmann 1998, 2006). +Für die Perspektive der frühkindlichen Sozialisation +(Dittrich 2015), der Sozialisation in Kindheit (BühlerNiederberger 2015), Jugend (Harring 2015), im +Erwachsenenalter (Böhnisch/Lenz 2015) sowie im +fortgeschrittenen Alter (Haller 2015) stehen solche heute +Ansätze bereit. Sie zeigen, in welch unterschiedlichem +Maße das Zusammenspiel aus institutionellen +Arrangements der Sorge, Pflege, Zuwendung und +sozialräumlichen Interaktionen wirken. Hinzu tritt eine +Perspektive auf das Eintreten von besonderen +Lebensereignissen, die eine biografie- bzw. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/320.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/320.md new file mode 100644 index 0000000..c98a23a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/320.md @@ -0,0 +1,36 @@ +lebenslaufbestimmende Wirkung entwickeln. Eine +zusammenfassende Perspektive dieser unterschiedlichen +Richtungen kann noch nicht als Synthese gelesen werden. +Vielmehr stellen die in der Lebens(ver)lauf- und +Biografieforschung verbundenen Ansätze noch immer +Beispiele der theoretischen wie methodischen Pionierphase +dar. Sie bestätigen nicht lediglich vorherige +Theorieannahmen, sondern sind an der Entwicklung von +Hypothesen zum Zusammenspiel von individuellen und +Struktureinflüssen auf den Prozess der Sozialisation +unmittelbar beteiligt. +So wird auch die Perspektive dafür eröffnet, dass +Biografiephasen nicht dauerhaft stabil, sondern hoch +dynamisch sind (Schütze 2016). Ihre Ausprägung unterliegt +Ausgangsbedingungen, die sich historisch wandeln. So +können »typische« Lebensphasen im Wandel und sogar im +Schwinden begriffen sein. In diesem Sinne wird auch die +Jugendphase, nach ihrem Aufblühen im 20. Jahrhundert, +immer weniger als eine fest umrissene Statuspassage im +Lebenslauf verstanden, die eine Verbindung zwischen der +Kindheit und dem Erwachsenenalter als Phase der +Qualifizierung und Ausbildung funktionaler Kompetenzen +herstellt (Heinen/Wiezorek/Willems 2019). +Die biografische Ausweitung von Qualifikations-, +Bildungs- und »Lern«-Perioden steht auch hier beispielhaft +für eine Entgrenzung der vormals als jugendspezifisch +angenommenen Lebensphase. Jugend ist also zum einen +nicht mehr mit einer bestimmten Lern- und +Bildungsepisode gleichzusetzen, weil diese im +Lebensverlauf mehr und mehr ausfranst. Dies bezieht sich +vor allem jugendkulturelle Muster der Lebensführung, die +schon lange nicht mehr nur Kennzeichen einer begrenzten +Lebensphase sind. Man kann auch von einer +kulturindustriellen Vereinnahmung ästhetischer +Ausdrucksweisen des Jugendalters sprechen. +Jugendästhetiken, die sich vor allem auf den Konsum diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/321.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/321.md new file mode 100644 index 0000000..4e523e3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/321.md @@ -0,0 +1,28 @@ +beziehen, werden universalisiert, reichen weit in die höhen +Altersstufen hinein und stellen kein Alleinstellungsmerkmal +für Jugendliche mehr dar. Beide Bereiche – eine +eingrenzbare jugendspezifische Qualifikationsphase als +auch eine abgegrenzte Jugendästhetik – werden als +überholt angesehen, weil sie nicht mehr dazu dienen, die +Jugendphase als hinlänglich abgrenzbar zu thematisieren. +Zusammenfassend gesehen ist mit der Lebenslauf-, +Lebensverlauf- und Biografieforschung nicht nur eine neue +Kontroverse um die Periodisierung von Lebensabschnitten +entstanden. Vielmehr reagieren diese soziologisch +orientierten Ansätze sehr sensibel auf die Veränderungen +der gesellschaftlichen Lebensbedingungen. Zu diesen +gehört die Frage einer Alltagskultur genauso wie die +ökonomischen Voraussetzungen, die zu einer Veränderung +der Aufteilung der Lebensabschnitte führen. Der Soziologe +Karl Mannheim (1893–1947) ist der Begründer dieses +modernen Generationenbegriffs. Mannheim (1964) verband +in seinen Veröffentlichungen in der Zeit nach dem ersten +Weltkrieg die Perspektive des generationalen mit der des +sozialen Wandels. Diese Perspektive auf die Entstehung +neuer kultureller Muster der Deutung und des Handelns +kann weder nur auf die Dynamik des Übergangs von einer +Generation zur nächsten noch als rein sozio-ökonomisch in +Gang gesetzter Prozess angesehen werden. Mannheims +Verbindung einer Generationen- mit der +Gesellschaftsperspektive ist bis heute prägend für eine +dynamisierte Lebenslaufperspektive. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/322.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/322.md new file mode 100644 index 0000000..da5a4f4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/322.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Demografischer Wandel und Generationenbeziehungen + +Mit Mannheims Überlegungen entsteht nicht nur das Bild +eines permanenten Wandels des Generationengefüges, +sondern die Altersspanne und damit der »Nährboden« der +Generationenbeziehungen entwickelt sich ebenfalls. Durch +die anhaltende Verlängerung der Lebensdauer wächst +beispielsweise der Anteil der älteren Bevölkerung stetig. +Diese Bevölkerung besteht aus zahlenmäßig sehr starken +Jahrgängen. Durch die seit Ende der 1960er Jahre sinkende +Zahl der Kindergeburten sind die jüngeren Jahrgänge +hingegen erheblich schwächer besetzt. Noch bis 1970 +wurden in Deutschland über eine Million Kinder pro Jahr +geboren, aktuell sind es nach Angaben des Statistischen +Bundesamtes rund 670.000, bei einem zunehmenden Alter +der Eltern und einer Angleichung der Geburtenquote in +deutschen Familien mit und ohne +Einwanderungshintergrund. +Durch diese demografische Entwicklung hat sich die um +1900 typische Alterspyramide im Bevölkerungsaufbau mit +einer sehr breiten Besetzung der jüngeren und einer +schmalen der älteren Jahrgänge bis heute stark verändert. +Der Bevölkerungsaufbau hat heute eher die Gestalt einer +Pappel als die einer Pyramide, denn die junge Generation +stellt nicht mehr die größte der drei Bevölkerungsgruppen, +sondern die kleinste. Kinder und Jugendliche sind +anteilsmäßig die Minderheit unter den drei Generationen, +die Altersgruppen der über 45 Jahre alten Erwachsenen +und Senioren haben die zahlenmäßige Mehrheit. +Analysen zur Bevölkerungsentwicklung zeigen, dass sich +in den letzten rund 150 Jahren der Anteil der unter 20Jährigen in Deutschland ständig verkleinert hat, während +der Anteil der über 65-Jährigen ebenso stetig gestiegen ist. +Nach den Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes +wird diese Entwicklung in den nächsten dreißig Jahren +noch an Dynamik gewinnen, sodass für das Jahr 2050 für diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/323.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/323.md new file mode 100644 index 0000000..c50942e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/323.md @@ -0,0 +1,36 @@ +das Bundesgebiet ein gleich großer Anteil von Senioren +(über 60-Jährige) und Erwachsenen (20- bis 60-Jährige) +vorausgesagt werden kann. Der Anteil der jungen +Generation (Kinder und Jugendliche) liegt nach dieser +Schätzung dann nur noch bei ca. 15 Prozent. +Durch ihr wachsendes demografisches Gewicht binden +Erwachsene und Senioren größere Anteile von +Steuermitteln und Ausgleichszahlungen. Deutschland hat +ein intensiv ausgebautes System von Transferleistungen für +Sozialhilfe, Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit, Krankheit +und Pensionierung, das mit wenigen Ausnahmen vor allem +der mittleren und älteren Generation zugutekommt. Vor +allem die im internationalen Vergleich recht gute +Rentenversicherung steht symbolträchtig für die +garantierte Absicherung der Ansprüche auf +gesellschaftliche Ressourcen, die nach dem Austritt aus +dem aktiven Berufsleben der älteren Generation +zugewiesen werden. Bedeutsam ist dabei vor allem, dass +ein Rechtsanspruch auf diese Leistungen besteht, der +durch eine tarifvertragliche Versicherungskonstruktion +weitgehend unabhängig von politischer Einflussnahme ist. +Im Vergleich dazu ist die Absicherung der jüngeren +Generation weit weniger zukunftssicher. Die wichtigen +Ressourcen für Kinder und Jugendliche, insbesondere für +Gesundheit, Erziehung und Bildung, sind von der +jeweiligen Wirtschafts- und Finanzlage des Staates +abhängig und nicht durch automatische Anpassungs- oder +Versicherungsregelungen stabilisiert. Die Wohlfahrtspolitik +kann insofern als konservativ bezeichnet werden, als dass +sie grundsätzlich auf die Wahrung der Besitzstände +derjenigen Bevölkerungsgruppen ausgerichtet ist, die +bereits im Berufsleben stehen oder aus ihm wieder +ausgetreten sind. Demgegenüber werden die +Bevölkerungsgruppen strukturell vernachlässigt, die noch +keinen gesellschaftlichen Status erworben haben, und das +sind naturgemäß Kinder und Jugendliche. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/324.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/324.md new file mode 100644 index 0000000..b49e7e2 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/324.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Im internationalen Vergleich fällt zudem auf, dass in +Deutschland die Ausgaben für das Bildungssystem +ungewöhnlich niedrig und die für das soziale +Sicherungssystem ungewöhnlich hoch sind +(Hurrelmann/Quenzel/Rathmann 2011). Auf mittlere Sicht +können sich aus diesem Ungleichgewicht der +Ressourcenverteilung politische Konflikte zwischen der +jüngeren, der mittleren und der älteren Generation +ergeben. Die jüngere Generation wird spätestens dann +empfindlich auf ihre strukturelle Benachteiligung +reagieren, wenn es zu wirtschaftlichen Krisen kommt, die +ihr einen Eintritt in den Arbeitsmarkt und damit einen +Zugang zu den sozialen Sicherungsleistungen unmöglich +machen. Sobald sich Jugendliche ihrer +Zukunftsperspektiven ungewiss sind, kommt es schon +heute zu politischen Protesten und zu einer spürbaren +Distanz gegenüber demokratischen Institutionen wie +Parteien und Parlamenten. Bei den sozial benachteiligten +Gruppen sind diese Einstellungen bereits seit vielen Jahren +zu beobachten (besonders aufschlussreich hierzu die 19. +Shell Jugendstudie, vgl. Hurrelmann et al. 2019). +Eine ausgewogene Wohlfahrtspolitik mit einer gleichen +Gewichtung der Ausgaben für das Bildungs- und das soziale +Sicherungssystem zahlt sich auch aus +sozialisationstheoretischer Sicht aus. Es ist für ein +gesellschaftliches Gemeinwesen von Vorteil, wenn sich +Elemente der Sicherung und Kontinuität mit solchen der +Innovation und des Wandels der Lebensführung der +Gesellschaftsmitglieder mischen. Eine Bevorzugung der +Bevölkerungsgruppen, die bereits einen sozialen Status +erworben haben, kann zur Stagnation der weiteren sozialen +und wirtschaftlichen Entwicklung führen. Es ist in der +Regel die jüngere Generation, die gesellschaftliche +Entscheidungen stimuliert und vorantreibt, mit denen alte +Strukturen aufgebrochen werden, die angesichts der +veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/325.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/325.md new file mode 100644 index 0000000..cdd9d98 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/325.md @@ -0,0 +1,7 @@ +Bedingungen nicht mehr angemessen sind. Um ihre Rolle +als die vorwärtstreibende Kraft ausüben zu können, +benötigt die junge Generation aber starke Sozialisationsund Bildungsinstanzen, die ihre Potenziale in optimaler +Weise fördern können. Wenn eine Gesellschaft die +entsprechenden Ressourcen hierfür nicht bereitstellt, ist +sie langfristig in ihrer Existenz gefährdet +(Liegle/Lüscher 2008). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/326.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/326.md new file mode 100644 index 0000000..611dc90 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/326.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die biografische Rhythmisierung des Lebenslaufs + +Von diesem kurzen Blick auf die demografische +Entwicklung und Karl Mannheims Generationenforschung +ausgehend könnte man folgern, dass nicht der Wandel, +sondern die Stabilität eines über Generationen +gleichbleibenden Lebenslaufs die Ausnahme ist. Der +empirische Blick lässt eine solche Annahme durchaus +plausibel erscheinen. In der historischen Rückschau wie in +der Jetztzeit kann ein konstanter Wandel im Verhältnis der +Generationen abgebildet werden. Die Veränderung von +Lebenslaufintervallen drückt das am deutlichsten aus: 1950 +hatte er drei Teile, nämlich den auf den Beruf +vorbereitenden (Kindheit und Jugend), den, in dem der +Beruf ausgeübt wurde (Erwachsenenalter), und den vom +Beruf entlasteten (Senior). Die Kindheit galt der +Herausbildung der grundlegenden Strukturen der +Persönlichkeit, das Jugendalter der Vorbereitung auf die +Vollmitgliedschaft in der Gesellschaft als Berufstätiger und +Familiengründer, das Erwachsenenalter war der +biografische Höhepunkt der Lebensführung und gab Status +und Sicherheit, danach folgte eine Phase des Ruhestands +und des sukzessiven Rückzugs aus der gesellschaftlichen +Verantwortung. +Eine solche Struktur des Lebenslaufs machte es möglich, +eine berechenbare, fest rhythmisierte Biografie zu +entfalten. Gesellschaftlich existierte das »Angebot« einer +normierten Lebenskarriere. Damit war ein einheitliches +Muster der Lebensführung verbunden: Jedes +Gesellschaftsmitglied konnte auf eine sinngebende +biografische Rhythmisierung des Lebenslaufs, +gewissermaßen auf eine Normal-Biografie, zurückgreifen, +die von allen Gesellschaftsmitgliedern geteilt wurde. Durch +heftige Wirtschaftskrisen und politische Umbrüche oder – +auf der individuellen Ebene – durch schwere +Schicksalsschläge wie Krankheiten oder Arbeitslosigkeit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/327.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/327.md new file mode 100644 index 0000000..e6ae834 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/327.md @@ -0,0 +1,33 @@ +konnte sie aus dem Takt geraten, ansonsten aber galt sie. +Diese »Normal-Biografie« bestand zumeist aus drei +Stationen, die jeweils von den folgenden biografischen +Narrativen getragen waren: +In der Kleinkindphase, bis etwa zum sechsten +Lebensjahr, lebt ein Kind im Schonraum der Familie und +kann die wesentlichen Handlungskompetenzen und +persönlichen Fertigkeiten ausbilden (Dittrich 2012). In +der daran anschließenden Schulzeit werden +intellektuelle und fachliche Fertigkeiten trainiert, die +durch den Schulabschluss symbolisch dokumentiert +werden. Hiermit ist zugleich die Jugendzeit beendet und +der Übergang in den Erwachsenenstatus vollzogen. +Der Erwachsenenstatus wird durch die Aufnahme einer +Berufsausbildung mit nachfolgender Erwerbstätigkeit +realisiert. Darüber hinaus wird mit dem Übergang in +den Erwachsenen- und Erwerbsstatus die Ablösung von +der Herkunftsfamilie vollzogen, die Gründung einer +eigenen Familie mit Kindern ist die Regel. Der +Erwachsenenstatus kommt dem Einzelnen über eine +lange aktive Lebensspanne bis zur Pensionierung zu. In +dieser Zeit sind Menschen vollwertige +Gesellschaftsmitglieder und übernehmen in Wirtschaft +und Politik auch die maßgebliche Verantwortung für die +Gestaltung der ökonomischen, sozialen und kulturellen +Lebensbedingungen im Gemeinwesen. +Mit der Pensionierung werden kulturell und rechtlich +der Austritt aus dem Erwerbsleben und der Übergang in +die Seniorenphase des Lebenslaufs eingeleitet, die sich +bis zum Tod erstreckt. Diese Phase gilt als Ruhestand +und damit als wohlverdiente Lebenszeit, in welcher der +Einzelne von den verantwortungsvollen Aufgaben des +Erwachsenenalters entlastet ist. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/328.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/328.md new file mode 100644 index 0000000..b86e417 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/328.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Eine solche Biografie wurde bis in die 1980er Jahre hinein, +in Deutschland bezogen auf die alten Bundesländer, als +»natürlich« erachtet. Menschen, die von ihr abwichen, +galten eher als randständig. Das galt besonders für +kinderlose Frauen, die keine Familie gründen wollten oder +konnten, und für nicht berufstätige Männer. Die NormalBiografie schloss Angehörige aller gesellschaftlichen +Schichten ein, aber sie kannte deutliche Unterschiede +zwischen Männern und Frauen. Da Frauen als Müttern die +Verantwortung für die Erziehung der Kinder zukam, war +für sie während der Lebensphase des Erwachsenenalters +keine Berufstätigkeit vorgesehen. Diese war vielmehr den +Männern vorbehalten, die zugleich die »Brotverdiener« der +gesamten Familie sein sollten (Sackmann 2013). +Das allmähliche Aufbrechen der Normal-Biografie + +Alle diese Regelungen und die dahinterstehenden Konzepte +einer »normalen« Lebensführung wirken bis heute nach +und sind teilweise noch unverändert in Kraft, obwohl schon +in den 1980er Jahren deutlich wurde, dass sich der +dreiteilige Lebenslauf umgestaltete. Der Grund dafür sind +tiefgreifende Veränderungen der wirtschaftlichen und +sozialen Rahmenbedingungen, die neuartige +Anforderungen an die Rhythmisierung des Lebenslaufs mit +sich bringen (Faltermaier 2008): +1. Die Berufsanforderungen und Arbeitsbedingungen +haben sich so gewandelt, dass sie eine immer +anspruchsvollere und längere, hochqualifizierende +Ausbildung voraussetzen. Das gilt für wirtschaftliche +Wachstums- und Krisenzeiten gleichermaßen. Durch +beides wächst ein enormer Druck auf die +Arbeitsmarktintegration junger Menschen. +Rationalisierungs- und Automatisierungsprozesse sowie +die weltweite Verzahnung der Volkswirtschaften +bedingen, dass die Zahl der Arbeitsplätze nicht beliebig diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/329.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/329.md new file mode 100644 index 0000000..2eb2f75 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/329.md @@ -0,0 +1,35 @@ +ausgedehnt werden kann. Daher stehen perspektivisch +betrachtet nicht allen Angehörigen der jungen +Generation Arbeitsplätze zur Verfügung. Das Resultat +ist, dass ein großer Teil der Jugendlichen einen sehr +späten oder gar keinen Zugang zum Erwerbsleben +findet. Im Erwerbsleben werden, vor allem in den neuen +Dienstleistungsbranchen, außerdem oft nur zeitlich +befristete Arbeitsverträge angeboten, die es schwierig +oder sogar unmöglich machen, eine Familie zu gründen. +2. Die Wünsche und Perspektiven für die private +Lebensführung haben sich verändert. Das gilt +insbesondere für die große Gruppe arbeitender +Menschen, die über Generationen hinweg mit geringer +formaler Schulbildung in den manuellen Berufen im +produktiven Sektor tätig waren. Zum einen fehlen heute +viele dieser Berufsfelder, zum anderen hat die +Bildungsexpansion zu einer erhöhten Aufstiegsmobilität +dieser sozialen Milieus geführt, so dass die +Erwartungen an den eigenen Lebenslauf nicht mehr auf +das Zusammenspiel von geringer Bildung, geringem +Einkommen und abhängiger Beschäftigung reduziert +werden kann. In Hinsicht auf die Lebensplanung kann +heute für Menschen in den hoch entwickelten +Dienstleistungsökonomien Ländern behauptet werden, +dass sie mehrheitlich nach Entfaltung ihrer +individuellen Fähigkeiten streben. Dabei spielen +Geschlechterdifferenzen ein viel geringere Rolle als in +früheren Zeiten. Heute wollen nur noch wenige Frauen +und Männer gemäß der noch 1950 als +selbstverständlich erscheinenden Arbeitsteilung leben, +die mit der Normal-Biografie verbunden war. Immer +mehr Frauen, auch Mütter, streben nach einer +Beteiligung am Erwerbsleben. Weil sie dafür ebenso wie +die Männer eine lange Ausbildung durchlaufen müssen, +verzögert sich die Familiengründung oftmals. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/330.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/330.md new file mode 100644 index 0000000..cff4942 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/330.md @@ -0,0 +1,35 @@ +3. In den wohlhabenden Gesellschaften der Gegenwart +sind über den gesamten Lebenslauf hinweg die +Möglichkeiten größer geworden, eigene Vorstellungen +bezüglich der Lebensführung umzusetzen, die nicht den +traditionellen Mustern entsprechen. Als siebzehnjährige +Gymnasiastin kann man heute zur +Unternehmensgründerin werden, als +fünfundsiebzigjährige Pensionärin noch in einem +Betrieb mitarbeiten. Für die private Lebensgestaltung, +etwa die Partnerschaftsbeziehung, gelten praktisch +keine Einschränkungen mehr. Durch diese Entwicklung +ist der 1950 noch als natürlich geltende traditionelle +Rhythmus der geschlechtsspezifischen Gestaltung des +Lebenslaufs außer Kraft gesetzt worden. +Gibt es heute eine flexible Struktur des Lebenslaufs? + +Die einzelnen Lebensphasen folgen heute nicht mehr klar +abgegrenzt und sequenziell aufeinander, sondern sie +können sich überschneiden und ineinanderschieben. Auch +die feste Abfolge von schulischer und beruflicher +Ausbildung und anschließender Erwerbstätigkeit ist nicht +mehr garantiert. Für einige junge Leute ergibt sich bereits +in der Schul- und Studienzeit die Möglichkeit, berufstätig +zu sein und ein Erwachsenenleben nach traditionellem +Muster zu führen. Für andere hingegen kann es durch +langanhaltende Arbeitslosigkeit und befristete +Arbeitsverträge sogar noch im Erwachsenenalter +Unsicherheiten und Unwägbarkeiten der Lebensführung +geben, die das Eingehen einer festen Partnerschaft und die +Gründung einer Familie als unsicher und angstbesetzt +erscheinen lassen. Weil damit die Spielräume für eine +individuelle Gestaltung des Lebenslaufs immer größer +geworden sind, wurden auch die Übergänge zwischen den +Lebensphasen Kindheit, Jugend, Erwachsenen- und +Seniorenalter fließender (Böhnisch/Lenz/Schröer 2009). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/331.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/331.md new file mode 100644 index 0000000..180cfbf --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/331.md @@ -0,0 +1,24 @@ +Kann man deswegen aber durchgehend von einer flexiblen +Struktur des Lebenslaufs sprechen? +Tatsächlich ist auch hier Skepsis angebracht. Eine +vollständige Flexibilisierung ist nicht zu erkennen. Noch +immer sind es Standardvorstellungen, die eine Biografie +prägen. Wenn es einmal erwartbar war, dass nach einer +kurze Qualifikationsphase das Berufsleben an einem Ort, in +einem Beruf stattfand, dann ist es heute das Gegenteil. +Man wundert sich sogar, wenn jemand nicht geografisch +mobil ist, keine lange oder sich ständig verlängernde +Ausbildungsphase hat und das berufliche Profil nicht +mindestens einmal wechselt. In gewisser Hinsicht finden +hier Abwertungen solcher »Monobiografien« statt. Auf der +anderen Seite aber Aufwertungen und »Distinktionen« der +gehobenen, bildungsstarken Milieus. Die flexible Struktur +des permanenten Wandels von Orten und Inhalten in +Ausbildung und Beruf ist so etwas wie ein +Standardleitfaden, an dem sich die Erwartungen an die +Biografie heute abarbeiten. Flexibilität als neuer Standard +und die unterschiedliche Fähigkeit, Flexibilität +»organisieren« zu können, sind Momente, die deutlich +machen, dass nur eine Ablösung alter Schemata beobachtet +werden kann, ohne dass die neuen Schemata nun als +vollkommen zwanglos anzusehen sind. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/332.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/332.md new file mode 100644 index 0000000..f073bad --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/332.md @@ -0,0 +1,36 @@ +7. + +Kontexte der Sozialisation + +Anders als die Lebenslaufperspektive betonen Ansätze, die +auf die Kontexte von Sozialisation konzentriert sind, die +unmittelbare Umgebung des Menschen im Prozess der +produktiven Realitätsverarbeitung. Man könnte sagen, dass +dies vielleicht der unmittelbarste Bereich der Sozialisation +ist. Kontexte der Sozialisation sind gesellschaftliche +Rahmenbedingungen, die Struktur der sozialen +Ungleichheiten, Freundschaftsbeziehungen oder auch +Schule, das Medienangebot und die Lebensbedingungen +innerhalb der Familie. Das heißt, als Kontexte werden +soziale, symbolische, materielle und immaterielle Räume +verstanden, in denen Menschen agieren. Urie +Bronfenbrenners sozial-ökologisches Analysesystem, das +bereits vorgestellt wurde, ist bis heute das bekannteste +Beispiel für die Unterscheidung von System- als +Kontextbezügen im Prozess der Sozialisation. +Bronfenbrenners sozial-ökologisches Bezugssystem der +Mikro-, Meso-, Exo- und Makro-Ebene zeigt die +Verschachtelung unterschiedlicher Kontextbezüge an, +wobei entscheidend ist, dass sich die Ebenen nicht nur +nachbarschaftlich begegnen, sondern durch Bezüge des +Einschlusses und der Rahmung miteinander interagieren +(hierzu auch Dippelhofer-Stiem 2015). +Bronfenbrenners Modellvorstellung lässt sich sehr +einfach auf die Analyse von Sozialisationskontexten +übertragen. In hoch entwickelten Gesellschaften entsteht +ein breites Spektrum gesellschaftlicher Kontexte, in denen +Menschen leben und Erfahrungen machen. Die meisten +dieser Kontexte sind in Form von sozialen Organisationen +verfasst, die nach spezifischen Regeln und +Verfahrensweisen operieren. Mit dieser sozialen +Differenzierung verlagern und verbreitern sich die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/333.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/333.md new file mode 100644 index 0000000..a4e2b3e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/333.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Sozialisationseffekte, denn immer mehr ursprünglich nicht +für die Sozialisation entstandene soziale Systeme üben +Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der Menschen +aus, die sich längere Zeit in ihnen aufhalten und mit ihnen +in Kontakt treten und durch diesen Kontakt in häufig sehr +lange und prägende Interaktionsbeziehungen eintreten. +Dieses Verständnis sozialer Kontexte schließt also +unmittelbar an die eingangs erörterte Definition von +Sozialisation an. Hiernach bezeichnet Sozialisation einen +Interaktionsprozess, der das gesamte Leben erfasst und die +Beziehung zwischen der sich entwickelnden Persönlichkeit +und den umgebenden sozialen und materiellen Strukturen +einschließt. Im Kern bezeichnet Sozialisation damit die +Persönlichkeitsentwicklung als eine ständige Interaktion +zwischen der Person und den umgebenden +gesellschaftlichen Bedingungen, die zu unterschiedlichen +Zeitpunkten und unterschiedlich intensiv in die +Interaktionsbeziehungen zu einem Individuum einbezogen +werden. +Primäre, sekundäre und tertiäre Sozialisationsinstanzen + +Diese Kontextbeschreibung kann analog verstanden +werden zu Bronfenbrenners Modellvorstellung. Der +markante Unterschied ist, dass in Bronfenbrenners Modell +die Persönlichkeitsentwicklung nicht eigens thematisiert +ist. Im MpR ist das anders, das handelnde Subjekt wird +deutlich stärker betont. Es ist Ort des Zusammenspiels von +innerer und äußerer Realität. Zugleich ist es das Zentrum +der Analyse, das von der primären Sozialisationsinstanz +umgeben ist, die in Bronfenbrenners wie im MpR die +Mikro- oder Nahumwelt darstellt und zumeist mit der +Familie bezeichnet wird. +Sekundäre Sozialisationsinstanzen bezeichnen im +Besonderen die neben den Familien existierenden engen +Einbindungen junger Menschen, also Freundes- und +Gleichaltrigengruppen, vor allem aber die Schule und das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/334.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/334.md new file mode 100644 index 0000000..c90cbb0 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/334.md @@ -0,0 +1,36 @@ +vielfältige Netz von Erziehungs- und +Bildungseinrichtungen, das die Zeit eines jungen Menschen +außerhalb der Familie dominiert. +Diese Meso-Ebene geht nach Bronfenbrenner fließend in +einen Bereich des Makro- und Exosystems über, der die +gesellschaftlichen Rahmenbedingungen umfasst. Die +tertiären Sozialisationsinstanzen im MpR sind in dieser +Hinsicht etwas anders orientiert. Sie setzen die +Entwicklungsperspektive eines Menschen in +chronologischer Sicht fort. Das heißt, tertiär sind solche +Instanzen, die sich in der Biografie an die Erfahrung eines +familialen, peerbezogenen und schulischen +Interaktionsraumes anschließen. Hiermit sind die +Einbindungen gemeint, die am Übergang des Endes der +regulären Schulzeit zu erweiterten Bildungs- und +Qualifikationslaufbahnen führen (also Studium, +Berufstätigkeit und Berufsausbildung). Es sind aber auch +die Lebenswelten, die sich ab dem Übergang in das +Erwachsenenalter immer weiter ausdifferenzieren und die +wie die Freizeitgestaltung, der Konsum oder religiöse +Orientierungen eine größere Rolle spielen als es primäre +oder sekundäre Sozialisationsinstanzen in diesen +Altersstufen noch vermögen. +Die folgende Darstellung des sechsten, siebten und +achten Prinzips des MpR folgt der Logik, die primären, +sekundären und tertiären Instanzen der Sozialisation +nacheinander darzustellen. Dabei wird als roter Faden der +Argumentation die Frage dienen, wie durch +unterschiedliche Kontexte Unterschiede in der +Lebensweise jener Menschen bedingt sind, die in +unterschiedlichen Kontexten leben und dort +unterschiedliche Erfahrungen machen. Unterschiede und +Differenzen werden dabei immer wieder auch auf soziale +Ungleichheiten bezogen. Soziale Ungleichheiten sind nicht +nur Ausdruck dessen, was wir als Unterschiede zwischen +Kontexten beschreiben können. Sie haben auch Effekte auf diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/335.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/335.md new file mode 100644 index 0000000..907f796 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/335.md @@ -0,0 +1,35 @@ +individueller Ebene, im engeren Sinne eine +lebensbegleitende Wirkung, wie das neunte Prinzip zur +Wirkung intersektionaler Ungleichheiten dann in aller +Ausführlichkeit erläutern wird. + +7.1 + +Sechstes Prinzip zur Bedeutung der Familie +für die Sozialisation + +Als primärer und wichtigster Sozialisationskontext +fungieren in den meisten Kulturkreisen die Familien. Sie +agieren seit Jahrhunderten als die einflussreichsten +Vermittler der äußeren Realität und werden oft als +»primäre Sozialisationsinstanz« bezeichnet, da sie für die +meisten Menschen die erste und wichtigste soziale +Umwelt bilden. Wie in einem Mikrokosmos spiegeln sich +in einer Familie von früher Kindheit an soziale, kulturelle +und ökonomische Lebensbedingungen, die auf die +Persönlichkeitsentwicklung einwirken und frühe Formen +der Realitätsverarbeitung bedingen. +Gegenstand und Verortung + +Familien sind der erste und vielleicht der wichtigste Ort +der Sozialisation. Sie werden deshalb schon in der +klassischen Sozialisationsperspektive berücksichtigt, +erleben aber einen Bedeutungswandel in der historischen +Entwicklung (Nave-Herz 2006). In modernen +Dienstleistungsökonomien wie der deutschen entsteht +neben den Familien ein breites Spektrum eigenständiger +gesellschaftlicher Teilsysteme für Wirtschaft und Arbeit, +Politik und Verwaltung, Religion und Wertsetzung, +Information und Unterhaltung, aber eben auch für +Sozialisation, Erziehung und Bildung. Die meisten dieser +Teilsysteme sind in Form von sozialen Organisationen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/336.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/336.md new file mode 100644 index 0000000..a7e0846 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/336.md @@ -0,0 +1,35 @@ +verfasst, die nach spezifischen Regeln und +Verfahrensweisen operieren. Mit dieser sozialen +Differenzierung verlagern und verbreitern sich die +Sozialisationseffekte, denn immer mehr ursprünglich nicht +für Erziehung und Bildung entstandene soziale Systeme +üben Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung der +Menschen aus, die sich längere Zeit in ihnen aufhalten und +mit ihnen in Kontakt kommen. +Daneben bewahrt die Familie eine erstaunliche +Kontinuität, auch wenn sie sich in einer stetigen +Transformationsbewegung befindet. Trotz der +Veränderungsdynamik blieb die Familie bisher in den +meisten bekannten Kulturen der zentrale soziale Kontext +der Sozialisation. Als sehr dicht gewobenes soziales System +ist sie durch das Zusammenleben von Eltern und Kindern +und erweiterten Verwandtschaftsbeziehungen +gekennzeichnet. Dadurch gelingt es der Familie, intensiv +auf die persönlichen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, +Impulse für ihre körperliche und psychische Entwicklung +und damit die Gestaltung der »inneren Realität« zu geben +und die Einflüsse der »äußeren Realität«, der sozialen und +physischen Umwelt, zu filtern und zu interpretieren. +Allgemein formuliert ist eine Familie durch das +dauerhafte Zusammenleben von Angehörigen mehrerer +Generationen gekennzeichnet, die in der Regel +voneinander abstammen (aber nicht müssen) und in einem +Sorge- oder Erziehungsverhältnis zueinander stehen. +Welche konkrete soziale Form die Familie hat, hängt +maßgeblich von den wirtschaftlichen und kulturellen +Rahmenbedingungen einer Gesellschaft ab. Die weiteren +Ausführungen dieses Kapitels sollen durch eine weitere +Kernannahme des MpR getragen werden, die diese große +Bedeutung der Familie, aber auch ihrer sich wandelnden +Funktion Rechnung trägt. +DAS SECHSTE PRINZIP UNTER DER LUPE diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/337.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/337.md new file mode 100644 index 0000000..e43cadf --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/337.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Ein Hauptmerkmal der gesellschaftlichen Veränderungen +seit dem 19. Jahrhundert ist die Aufgliederung eines +ursprünglich zusammenhängenden, umfassenden sozialen +Systems mit verschiedensten Aufgaben in verschiedene +neue, funktional spezialisierte Systeme. Vor und während +der Industrialisierung waren Familien ökonomische und +praktische Zweckbündnisse, die ihren Mitgliedern alle +Lebensfunktionen bis hin zu Sicherheit und Schutz boten. +In den vergangenen Jahrzehnten entsteht eine breite +Vielfalt verschiedener Ausprägungen und Formen von +Familien. Diese reicht von der Ein-Eltern-Familie über die +Familie mit zwei berufstätigen Eltern, neu +zusammengesetzten Familienteilen bis hin zur Familie mit +homosexuellen Eltern. Zudem haben sich die +Erziehungsstile mehrheitlich demokratisiert, obwohl immer +noch eine große Spannbreite zwischen »autoritären« und +»Laissez-faire«-Erziehungsmentalitäten ausgemacht +werden können. +Bis in das 19. Jahrhundert hinein war die Familie in der +Regel ein sehr großes soziales System mit vielen +Verwandten und Angehörigen mehrerer verschiedener +Generationen. Sie vereinte das tägliche Leben und +Arbeiten, aber auch das Haushalten, Kochen und Essen, +Erziehen, Bilden, Pflegen und Versorgen unter einem Dach +(Ariès 1975). Durch die tiefgreifenden Veränderungen +gesellschaftlicher Lebensverhältnisse mit der +Industrialisierung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts +haben sich die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen +Rahmenbedingungen für die Familie grundlegend +gewandelt. Das erwerbstätige Mitglied der Familie, in der +Regel der Ehemann und Vater, geht seiner Berufstätigkeit +nicht mehr innerhalb, sondern außerhalb der Familie nach. +Die Ehefrau und Mutter als Haushälterin und +Kindererzieherin findet ebenfalls veränderte Bedingungen +vor. Nahrung und Kleidung werden nicht mehr in der +Familie, sondern in Lebensmittel- und Textilfabriken diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/338.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/338.md new file mode 100644 index 0000000..93e3ad3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/338.md @@ -0,0 +1,34 @@ +produziert, die Bildung und Berufsvorbereitung der Kinder +verlagern sich ebenfalls aus der Familie in Schulen und +Betriebe. Das Gleiche gilt für das Pflegen und Versorgen +und in Ansätzen auch für das Kochen und Essen (NaveHerz 2004). +Im Verlauf dieser Entwicklung gliedert sich der vormals +große Familienverband in mehrere kleine auf, die nicht +mehr unter einem Dach, sondern in jeweils eigenen +Haushalten leben. Hierdurch wird der Familienverband, +der ursprünglich eine Großfamilie darstellt, zu einer +Kleinfamilie. Im engeren Sinne gehören der Familie fortan +nur noch Mutter, Vater und Kinder an, und zur wichtigsten +und oft einzigen Funktion wird die Sozialisation und +Erziehung der Kinder, begleitet von Restbeständen der +früheren Funktionen, etwa Haushalten, Essen und Kochen. +Weil sie auf den Kern dessen reduziert ist, was eine Familie +ausmacht, wird sie auch als »Kernfamilie« bezeichnet. +Die vormals in der Großfamilie verankerten Funktionen +des täglichen Lebens von der Nahrungsherstellung und zubereitung, dem Haushalten, Kochen und Essen über das +berufstätige Arbeiten, Produzieren und Dienstleisten bis +hin zum Bilden, Erziehen und Pflegen sind im Laufe der +Zeit in andere Bereiche ausgelagert worden. Sie finden sich +heute in der Regel in jeweils nur für die spezifische +Funktion zugeschnittenen Einzelsystemen: dem Betrieb für +das Arbeiten, der Kindertagesstätte und der Schule für das +Bilden, dem Supermarkt für den Kauf der fertig +hergestellten Nahrungsmittel, der Arztpraxis für das +medizinische Versorgen, dem Pflegedienst für das Pflegen +und so weiter. Die einzigen sicher verbleibenden +Funktionen für die Kleinfamilie sind das Erziehen und +Betreuen der Kinder. +Der Wandel der Aufgaben, die das soziale System +»Familie« für seine Mitglieder und für die gesamte +Gesellschaft erfüllt, ist also sehr weitreichend. Vor und +während der Industrialisierung waren Familien diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/339.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/339.md new file mode 100644 index 0000000..3129af5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/339.md @@ -0,0 +1,36 @@ +ökonomische und praktische Zweckbündnisse, die ihren +Mitgliedern alle Lebensfunktionen bis hin zu Sicherheit +und Schutz boten. Es war wirtschaftlich hilfreich und fast +unabdingbar, Kinder zu haben, denn davon hing die weitere +Existenz als Familie ab. Für die Gesellschaft fungierten die +Familien als Produktionsgemeinschaften, die für die +Versorgung aller ihrer Mitglieder aufkamen und zugleich +auch Bildung, Gesundheit und Alterssicherung +garantierten. +Im Vergleich dazu sind die Familien heute eine sensible +Gemeinschaft, die die emotionalen Bedürfnisse der +Zugehörigkeit, Anerkennung und Zuwendung befriedigt. +Die Familie ist zu einem System mit sehr starker +Personenorientierung und mit großer Privatheit und +Intimität geworden. Sie ist heutzutage bei den +erwachsenen Partnerinnen und Partnern ganz überwiegend +auf die Erfüllung der Bedürfnisse nach Glück und +persönlicher Bestätigung im Sinne von Liebe, Nähe, +Emotionalität, Entspannung und Rückzug ausgerichtet, bei +den Kindern auf Erziehung und Persönlichkeitsbildung, +während spezifischere Aufgaben wie die formale Bildung +und die Vorbereitung auf den Beruf aus der Familie +ausgelagert sind (Bertram/Ehlert 2011; Schneewind 2008). +Zugespitzt lässt sich sagen: Die Familie ist zu einer +reinen Sozialisationsinstanz geworden, die nur noch in +wenigen Restbeständen andere gesellschaftliche +Funktionen als die der Erziehung und Betreuung des +gesellschaftlichen Nachwuchses wahrnimmt. +Veränderung der Familienformen + +Aus der Familie »ausgewandert« sind aber nicht nur +wichtige Lebensfunktionen, sondern auch viele der +Personen, die ihr früher angehörten. Das gilt in den +betuchten bürgerlichen Haushalten nicht nur für das +Hauspersonal und die beruflich Beschäftigten, sondern +allgemein für das Zusammenleben mit Großeltern und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/340.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/340.md new file mode 100644 index 0000000..7710d1f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/340.md @@ -0,0 +1,36 @@ +anderen Verwandten, die jetzt über jeweils eigene +Haushalte mit eigenen Wohnungen verfügen. Die +Kleinfamilie ist also von verschiedensten sozialen +Institutionen und Systemen umgeben, mit denen sie in +Beziehung tritt. Sie ist auf diese Kooperation angewiesen, +weil sie sonst nicht überlebensfähig wäre. +Die Radikalität dieser historischen Veränderung war +lange Zeit nicht vollständig erkennbar, weil sich eine +ziemlich stabile Form der Kleinfamilie etablierte, die noch +einige der Charakteristika der früheren Großfamilie +aufwies. Gemeint ist die von 1900 bis in die 1980er Jahre +hinein dominierende Form der bürgerlichen Kleinfamilie, +die aus dem verheirateten Elternpaar und in der Regel zwei +oder mehr leiblichen Kindern besteht. Sie ist durch eine +strenge Arbeitsteilung zwischen dem Ehemann und Vater +als Broterwerber und der Ehefrau und Mutter als Hausfrau +und Kindererzieherin charakterisiert. Sie beruht in der +Regel auf einer patriarchalischen und hierarchischen +Struktur. Der Vater ist das unbestrittene Oberhaupt und hat +bei allen Entscheidungen das letzte Wort; die Kinder haben +ihm und der Mutter (als seiner Stellvertreterin in +Erziehungsfragen) zu gehorchen. Die bürgerliche +Kleinfamilie hält intensiven Kontakt zur Generation der +Großeltern und ist auch um intensive Beziehungen zu den +Verwandten bemüht. +Diese Form der Kleinfamilie korrespondierte mit dem +standardisierten Lebenslauf der 1950er Jahre und dem +Muster der »Normal-Biografie«, das zu dieser Zeit, wie im +fünften Prinzip dargestellt, als selbstverständlich galt. Bis +heute wird die bürgerliche Kleinfamilie dieses Zuschnitts in +großen Teilen der Bevölkerung als die »natürliche« und +ideale soziale Form von Familie angesehen. +Die wachsende Vielfalt von Familienformen + +Durch die Veränderungen der gesellschaftlichen +Lebensverhältnisse seit den 1950er Jahren haben sich die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/341.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/341.md new file mode 100644 index 0000000..132cd3c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/341.md @@ -0,0 +1,35 @@ +wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen +Rahmenbedingungen für die Familie erneut grundlegend +gewandelt. Betroffen ist davon insbesondere die +traditionelle bürgerliche Kleinfamilie, die mehr und mehr +ihre dominierende und Orientierung gebende Funktion +verliert. Dadurch wird vielen Menschen der Wandel von der +funktionsreichen Großfamilie des vorigen Jahrhunderts zur +funktionsarmen Kleinfamilie der Gegenwart erst richtig +bewusst (Ecarius 2002). +Die wichtigste Veränderung ist im Erwerbssektor zu +sehen. Aus verschiedenen Gründen sind es nicht mehr nur +die (Ehe-)Männer, die berufstätig sind, sondern auch ihre +Frauen. Auch als Mütter gehen sie immer häufiger und +intensiver einer außerhäuslichen Erwerbstätigkeit nach, +die zuvor ihren Männern vorbehalten war. Heute ist es fast +schon die Regel, dass beide Eltern berufstätig sind, wenn +der Arbeitsmarkt ihnen die Chance dazu gibt. Nur durch +die Berufstätigkeit beider Eltern lässt sich oft die +ökonomische Basis der Familie sicherstellen. Damit entfällt +einer der zentralen Parameter der traditionellen +bürgerlichen Kleinfamilie. +Mütter wählen den Weg in die Berufstätigkeit auch, um +selbstständig und unabhängig zu sein und eine soziale +Rolle außerhalb der Familie zu übernehmen. Die +Oberhaupt-Rolle des Ehemanns und Vaters ist dadurch +geschwächt oder sogar verloren gegangen. Aus diesem +Grund haben sich neben der traditionellen immer mehr +»moderne« bürgerliche Kleinfamilien gebildet, die aus +einem verheirateten Paar und Kind(ern) bestehen, aber +nicht die Arbeitsteilung der traditionellen Familienform +übernehmen. Diese modernen bürgerlichen Kleinfamilien +sind mit heute etwa 35 Prozent aller Familien schon +häufiger anzutreffen als die traditionelle bürgerliche +Kleinfamilie mit etwa 30 Prozent (World Vision +Deutschland 2010). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/342.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/342.md new file mode 100644 index 0000000..c61a876 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/342.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Eine weitere Familienform entsteht dadurch, dass das +Eingehen einer Ehe heute nicht mehr mit der Gründung +einer Familie gleichzusetzen ist. Etwa die Hälfte aller +Ehepaare entscheidet sich aus wirtschaftlichen und +lebensplanerischen Gründen gegen Kinder. Sie geht die +Ehe deshalb ein, weil sie gesellschaftliche und finanzielle +Vorteile verspricht. Andererseits gibt es viele Paare mit +Kindern, die nicht verheiratet sind. Sie wollen ihre +Beziehung nach eigenen Regeln und Vereinbarungen frei +gestalten und auf die staatliche Sanktionierung und +rechtliche Registrierung ihrer Lebensgemeinschaft +verzichten. Nichteheliche Lebensgemeinschaften mit und +ohne Kinder sind weitverbreitet und bilden mit einem +Anteil, der auf fast zehn Prozent anzusetzen ist, eine nicht +mehr zu übersehende Familienform. +Viele Eltern, gleich ob verheiratet oder nicht, trennen +sich oder lassen sich scheiden. Dadurch gibt es viele +Familien, in denen nur ein Elternteil für die Erziehung und +Sozialisation verantwortlich ist (Alleinerziehende). Der +Anteil von Ein-Eltern-Familien liegt bei etwa einem Fünftel +aller Familien. Oft gehen die beiden Elternteile nach einer +Trennung aber auch neue Beziehungen ein, wodurch +sogenannte Patchwork-Familien entstehen, in denen Eltern +und Kinder in der Regel zwar eine soziale, aber teilweise +keine biologische Beziehung zueinander haben. Auch der +Anteil dieser Familien ist in den letzten Jahrzehnten immer +stärker angewachsen und liegt bereits bei über fünf +Prozent aller Familien. +Schließlich entscheiden sich heute auch +gleichgeschlechtliche (homosexuelle schwule und +lesbische) Paare auf dem Weg über Adoptionen, +Leihmütterschaften und die neuen Möglichkeiten der +Reproduktionsmedizin immer häufiger für Kinder, sodass +die Eltern in diesen Familien nicht wie in der bürgerlichen +Kleinfamilie zwei unterschiedlichen Geschlechtern +angehören. Der Anteil dieser Familienform mit einem im diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/343.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/343.md new file mode 100644 index 0000000..005b15e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/343.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Haushalt lebenden Kind ist aber noch sehr gering und liegt +nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bei immer +noch weniger als 0,1 Prozent. +Angesichts der skizzierten Veränderungen verliert nach +der in früheren Zeiten dominierenden Großfamilie, die +heute allenfalls noch fünf Prozent der Familien stellt, nun +auch die noch in den 1980er Jahren am stärksten +verbreitete Form der traditionellen bürgerlichen +Kernfamilie allmählich ihre Vorherrschaft. In den +hochentwickelten Gesellschaften entsteht eine breite +Vielfalt verschiedener Ausprägungen und Formen von +Familien – von der Ein-Eltern-Familie über die Familie mit +zwei berufstätigen Eltern bis hin zur Familie mit +homosexuellen Eltern. Trotz der Auffächerung in +verschiedene Formationen wird die Institution »Familie« +von der großen Mehrheit der Bevölkerung als eine Einheit +wahrgenommen. Die Mehrzahl von 70 Prozent der +nachwachsenden Generation wächst heute in vollständigen +Familien mit zwei Eltern auf. Aber es gibt auch gegenteilte +Entwicklungen. Der Anteil von Alleinerziehenden steigt +jedes Jahr und macht schon rund 20 Prozent aller Familien +aus. Nach Trennung und Scheidung neu zusammengesetzte +»Patchwork-Familien« stellen fast 10 Prozent. Die heutige +Diagnose lautet, dass der Wandel der Familie eine +konsequente Reaktion auf die gesellschaftlichen +Veränderungen der letzten Jahrzehnte darstellt +(Huinink 2011). +Trotz der Verringerung der Familiengröße bei +gleichzeitiger Zunahme der Heterogenität +partnerschaftlicher Verbindungen sind die Merkmale +Zugehörigkeit, Zuwendung und Schutz als Beschreibung +von Familien relativ stabil geblieben. Der Wandel macht es +aber auch notwendig, die Definition der Familie nicht an +eine bestimmte Familienform zu binden (Matthies 2018). +Auch darf die Definition nicht an bestimmte kulturelle +Traditionen wie eine Ehebeziehung oder eine Beziehung diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/344.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/344.md new file mode 100644 index 0000000..d2372f3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/344.md @@ -0,0 +1,34 @@ +von zwei erwachsenen Menschen unterschiedlichen +Geschlechts geknüpft oder davon abhängig gemacht +werden, ob die Kinder eine biologische oder eine soziale +Beziehung zu ihren Eltern haben (vgl. +Wonneberger/Weidtmann/Stelzig-Willutzki 2018). +Werden diese Aspekte berücksichtigt, kann »Familie« wie +folgt genauer definiert werden: Eine Familie ist eine private +Lebensform, die durch das dauerhafte Zusammenleben von +mindestens einem Elternteil und einem Kind in enger +persönlicher Verbundenheit, solidarischer Beziehung und +verlässlicher Betreuung charakterisiert ist. Die wichtigsten +Funktionen der Familie liegen in der Herstellung einer +dauerhaften Beziehung von Menschen verschiedener +Generationen, die füreinander einstehen, der Erziehung +und Sozialisation der Kinder und der gegenseitigen +Berücksichtigung der Bedürfnisse aller ihrer Mitglieder. +Die Familie bietet als Sozialisationsinstanz den Kindern +deshalb wertvolle Rahmenbedingungen und Erfahrungen, +weil sie trotz ihrer geringen Größe eine reiche Vielfalt von +sozialen und emotionalen Interaktionen ermöglicht. Die +Beziehungen innerhalb der Kernfamilie bauen damit zum +Ersten auf der Unterschiedlichkeit der Geschlechter auf. +Vater und Sohn bilden ein System männlicher, Mutter und +Tochter ein System weiblicher Rollenzuschreibungen. Über +diese Beziehungen werden geschlechtsspezifische +Stereotype innerhalb der Familien artikuliert und +durchgesetzt. Beziehungsdynamiken sind aber auf der +Generationenebene zu beobachten. Mutter und Vater +bilden das »Elternsystem«, die Kinder »Kindersystem«, +beide Systeme stehen sich in einer generationalen Ordnung +gegenüber, wobei die Eltern Einfluss auf die +Umgangsformen und Regeln des Familienlebens nehmen +(Büchner/Brake 2006). +Der Wandel der innerfamiliären sozialen Rollen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/345.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/345.md new file mode 100644 index 0000000..970776d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/345.md @@ -0,0 +1,34 @@ +In den traditionell ausgerichteten bürgerlichen +Kleinfamilien, die bis in die 1980er Jahre hinein +zahlenmäßig vorherrschten, waren Familienrollen an eine +festgelegte Auslegung gebunden. Die Rolle der Mutter war +durch die Verantwortung für die Gesamtheit der +innerfamiliären Beziehungen einschließlich der +Haushaltsführung und der Erziehung der Kinder +charakterisiert, während die Erwerbstätigkeit und damit +die Verantwortung für die wirtschaftliche und finanzielle +Sicherheit sowie die Sicherung des sozialen Status allein +dem Vater oblag. Diese Rollenmuster wurden bewusst an +die Kinder weitergegeben. Die Tochter wurde also auf die +spätere Rolle als Hausfrau, der Sohn auf die des +Broterwerbers der Familie vorbereitet. Damit gingen feste +Erwartungen an das soziale Verhalten und die +Bildungslaufbahn einher. Heute ist, wie schon erwähnt, in +der Mehrzahl der Familien, die sich nicht mehr notwendig +am Modell der traditionellen bürgerlichen Kleinfamilie +ausrichten, die Arbeitsteilung zwischen Müttern und Vätern +aufgelockert oder ganz aufgehoben. Die Geschlechtsrollen +können freier und vielfältiger ausgestaltet werden als in +der traditionellen bürgerlichen Kleinfamilie. Auch die +Generationenbeziehungen haben sich gelockert, weil +Kindern bei der Gestaltung ihres täglichen Lebens viel +mehr Rechte und Freiheiten eingeräumt werden als noch +vor ein bis zwei Generationen. +Dieser Gewinn an Gestaltungsspielraum für Geschlechtsund Generationenrollen verschafft vielfältige +Verhaltensoptionen. Je stärker eine Familienform von dem +viele Generationen vorherrschenden Modell der +traditionellen Rollenzuweisung abweicht, desto höher sind +die Anforderungen an eine kreative und flexible Gestaltung +im Familienalltag. Besonders deutlich wird das in den EinEltern-Familien. Dort ist in der Mehrzahl der Fälle die Rolle +Vater und bei einem Fünftel der Familien die Rolle Mutter +nicht besetzt. Damit fehlt vielen Kindern ein konkretes diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/346.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/346.md new file mode 100644 index 0000000..4f7fff3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/346.md @@ -0,0 +1,35 @@ +soziales Vorbild für die Identifizierung mit der +Geschlechtsrolle. Die Beziehung des einen Elternteils zum +Kind ist außerdem oft besonders eng, kann aber durch +allzu viele Anforderungen und Erwartungen überlastet +sein. Für die Kinder ist unter diesen Umständen das +Beziehungs-Selbstmanagement mit einer Berücksichtigung +der dem Alter angemessenen und den individuellen +Wünschen entsprechenden Geschlechts- und +Generationenrolle sehr schwierig. Ein besonderes Problem +liegt auch darin, dass der alleinerziehende Elternteil nur +unter großen Schwierigkeiten einer Berufstätigkeit +nachgehen kann, damit von vielen Kontaktmöglichkeiten +abgeschnitten und zusätzlich meist auch finanziell +eingeengt ist. +Eine Trennung oder Scheidung der Eltern konfrontiert +Kinder mit großen Bewältigungsaufgaben (Fthenakis et al. +2008), mit neuen Formen der Beteiligung an familiären +Aufgaben und Entscheidungen, der Neuorganisation des +Alltags, mitunter über mehrere Haushaltskontexte, und der +sozialen Beziehungen. Die Trennungssituation erschüttert +eingespielte Balancen grundlegender +Beziehungsambivalenzen (Wunsch nach Nähe und nach +Distanz, Solidarität etc.) und provoziert neue +Loyalitätskonflikte und Parteinahmen (Lüscher/PajungBilger 1998; Lüscher 2016). Trennungen bergen das Risiko +ökonomischen und sozialen Abstiegs und damit des +Verlustes der Mittel zur Abfederung zusätzlicher +Belastungen. Verschiedene Studien (Fend et al. 2009; +Fend/Berger 2001; Carter/Murdock 2001) verweisen seit +langem sehr fundiert auf Zusammenhänge zwischen +Lebenskrisen und schlechteren Lebenschancen der +betroffenen Kinder. +In der Sozialform der Patchwork-Familien sind die +Anforderungen an das Rollen- und Beziehungsmanagement +ebenfalls besonders hoch. Es kann zu Loyalitätskonflikten +kommen, weil die Kinder sich einer jeweils neuartigen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/347.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/347.md new file mode 100644 index 0000000..0681676 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/347.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Elternkoalition gegenübersehen, die zu den biologischen +und den sozialen Kindern unterschiedliche Bindungen +aufbaut. +Veränderung der Rollen von Vätern und Müttern + +In immer mehr Familien wandelt sich die traditionelle +patriarchalische, durch die Dominanz des Mannes +gekennzeichnete, in eine parentale Beziehungsstruktur, die +gleichberechtigte Elternrollen definiert. Hierdurch +entstehen neuartige Impulse für den kindlichen +Sozialisationsprozess. Für Väter ergeben sich durch ein +Engagement im Erziehungsprozess neue +Erlebensqualitäten und die Erfahrung, über einen längeren +Zeitraum zuverlässig für das Wohlergehen von Kindern +sorgen zu können. Sie werden dadurch zunehmend stärker +als Ratgeber, Vertrauensperson, Unterstützer, Konfliktlöser +und zuverlässiger Partner geschätzt (Hill/Kopp 2013). +Um sich ausprägen zu können, ist diese »neue +Väterlichkeit« allerdings auf eine enge Partnerschaft +angewiesen, in der die Aufgaben von Haushalt, Erziehung +und der Pflege von Außenkontakten abgestimmt werden. +Unterschiedliche soziale und emotionale Anforderungen +von Müttern und Vätern gegenüber den Kindern sind aber +für deren Persönlichkeitsentwicklung von Vorteil, weil sie +die Vielfalt der Anregungen erhöhen. Eine lebendige und +impulsreiche Vater-Mutter-Kind-Triade ist für die +Persönlichkeitsentwicklung der Kinder jedenfalls in der +Regel positiv. Kinder können sich in einer +Dreierkonstellation je nach ihrem Entwicklungsstand aktiv +diejenigen Anregungen holen, die für ihre Persönlichkeit +besonders hilfreich sind. Kinder, die in Familien mit nur +einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen, haben in +dieser Hinsicht einen strukturellen Nachteil, der nur durch +viele intensive Außenkontakte zu anderen Familien und zu +öffentlichen Erziehungseinrichtungen ausgeglichen werden +kann. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/348.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/348.md new file mode 100644 index 0000000..8ddcf78 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/348.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Spiegelbildlich profiliert sich durch die Aufnahme einer +Berufstätigkeit auch die Rolle der Mutter. Sie transportiert +jetzt ebenso wie der Vater die nicht-familiäre Außenwelt in +das Binnensystem der Familie und hat nicht mehr nur die +Rolle der emotionalen Betreuerin und Erzieherin inne. +Mit der Zunahme der Berufstätigkeit beider Eltern +wächst die Bedeutung der außerfamiliären +Erziehungseinrichtungen. Auch wenn ein Kind im Vorschulund Grundschulalter viele Stunden am Tag in einer +Einrichtung außerhalb der Familie verbringt, spielt sich ein +erheblicher Teil des täglichen Lebens weiter im sozialen +Beziehungssystem der Familie ab. Eltern übernehmen +außerdem die Aufgabe, das Kind auf die vorschulischen +und schulischen Erziehungseinrichtungen vorzubereiten, +und sie helfen ihrem Kind, die dort gewonnenen +Erfahrungen und Erlebnisse einordnen und bewerten zu +können. Welche Form die Familie auch hat – sie dient +immer als eine Art sozialer Filter für die Verarbeitung von +Umwelteinflüssen. Die Impulse aus Kindergarten, +Freundesgruppe und Medien dringen in die Familie ein, +aber sie werden hier verarbeitet und interpretiert. Die Art +und Weise, wie die Umwelt wahrgenommen wird, +korrespondiert dabei eng mit der Struktur und dem Inhalt +der familiären Beziehungen. So gesehen lässt sich die +These vertreten, dass ein Kind im Kindergarten- und +Grundschulalter die soziale Welt durch die Augen des +»Systems Familie« wahrnimmt und diese Sichtweise auch +nutzt, um alle anderen sozialen Umwelteinflüsse +aufzunehmen und zu strukturieren. +Sozialisationseffekte unterschiedlicher Erziehungsstile + +Was wir bisher sehr holzschnittartig dargestellt haben, ist +in der analytischen Perspektive unterschiedlicher +Beziehungsgestaltung in der Familie natürlich +differenzierter. So wie die Lebensform Familie im +Allgemeinen einen historischen Wandlungsprozess diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/349.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/349.md new file mode 100644 index 0000000..68e22b8 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/349.md @@ -0,0 +1,36 @@ +durchlebt hat, ist sie in jeder Epoche selbst auch sehr +wandelbar. Wie Familie gelebt wird, hängt von den sozialen +und ökonomischen Voraussetzungen ab, vom Einkommen +der Eltern, ihrer Lebenslage, der Familiengröße, der +Familienkonstellation und den Familienproblemen, +schließlich von kulturellen Prägungen und +unterschiedlichen Erziehungsstilen. Wir wissen heute, dass +die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes sowohl durch +die bewussten und gezielten Erziehungsstile der Eltern als +auch durch ihr gesamtes Verhalten geprägt wird, also ihre +Einstellungen und Gesten, die sich aus dem familiären +Zusammenleben und aus ihren beruflichen, +freundschaftlichen und nachbarschaftlichen Kontakten +ergeben. +Wird hierbei im engeren Sinne von Erziehung in der +Familie gesprochen, so wird darunter der bewusste +Versuch der Beeinflussung durch die Eltern verstanden, +durch den eine Veränderung der Persönlichkeit des Kindes +erreicht werden soll. Erziehung zielt auf wünschens- und +erstrebenswerte Verhaltensweisen, Fähigkeiten, +Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften, die für ein +Kind als wertvoll angesehen werden. +Die meisten Eltern halten Ehrlichkeit, Selbstständigkeit +und Selbstvertrauen, Verantwortungsbewusstsein, +Hilfsbereitschaft und Leistungsfähigkeit für besonders +wichtig. Über die letzten fünfzig Jahre hinweg hat dabei +das Ziel der Vermittlung von Selbstständigkeit und +Selbstvertrauen deutlich an Gewicht gewonnen, während +die früher hoch bewerteten Vorstellungen von Ordnung und +Unterordnung (Konformität) heutzutage von den meisten +Eltern weniger gewichtet werden. Hierin spiegelt sich der +allgemeine Wertewandel in den westlichen Gesellschaften +wider. Dabei wird heute immer deutlicher, dass eine +Orientierung an den Bedürfnissen von Kindern das +durchgängige Leitmotiv von Erziehung wird (Knauf 2019). +Trotz vielfältiger Differenzierungen, mehr Trennungen, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/350.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/350.md new file mode 100644 index 0000000..34b794c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/350.md @@ -0,0 +1,36 @@ +dem Verblassen traditioneller Geschlechterrollen und einer +nachlassenden Familienorientierung – Kindeswohl und +Kindesorientierung sind die dominierenden Merkmale bei +der Beschreibung von Erziehungspraktiken in der Familie. +Erziehungspraktiken drücken Wünsche zu +Persönlichkeitsmerkmalen, Fähigkeiten und Einstellungen +des Kindes aus, zu deren Verwirklichung elterliches +Erziehungsverhalten beitragen soll. Die Ausprägungen des +Erziehungsverhaltens der Eltern lassen sich zu bestimmten +Gruppen zusammenfassen, die als »Erziehungsstile« +bezeichnet werden können (Fuhrer 2007). Unter +Erziehungsstilen werden die beobachtbaren und +verhältnismäßig überdauernden tatsächlichen Praktiken +der Eltern im Umgang mit ihren Kindern verstanden. In das +Verhalten geht ein Erziehungswissen ein und eine +Erziehungsmentalität. Beides hängt in hohem Maße +voneinander ab und ist nicht zu trennen. Dabei sind sie +aber auch abhängig von gesellschaftlichen Leitbildern zur +Erziehung. Wie ein solcher Wandel der Leitbilder mit dem +Wandel von Erziehungsstilen einhergeht, soll mit einer +Beschreibung der Differenzierung von Erziehungsrealitäten +in der Familie erläutert werden. +Der Gegensatz von autoritärem und permissivem Erziehungsstil + +In den 1960er und 1970er Jahren gab es über die +Angemessenheit von elterlichen Erziehungsstilen intensive +wissenschaftliche und öffentliche Diskussionen. Dabei +wurden als Extrempositionen der stark an der Autorität von +Eltern orientierte »autoritäre« und der stark an den +Bedürfnissen des Kindes orientierte »permissive« +Erziehungsstil unterschieden. Die Anhänger des +permissiven Stils plädierten dafür, elterliche Eingriffe in die +Persönlichkeitsentwicklung von Kindern zu unterlassen, um +der Gefahr zu entgehen, hierbei dirigistisch und autoritär +zu sein und den Eigenwillen des Kindes zu unterdrücken. +Dagegen sprachen sich die Anhänger des autoritären diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/351.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/351.md new file mode 100644 index 0000000..65077eb --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/351.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Erziehungsstils dafür aus, mit der natürlichen Autorität der +Mutter- und Vaterrolle aktiv bzw. gezielt in die +Persönlichkeitsentwicklung von Kindern einzugreifen, um +ihnen hierdurch klare Orientierungen und +Wertvorstellungen zu vermitteln und sie auf die +gesellschaftlichen Anforderungen vorzubereiten. +Vertreterinnen und Vertreter der permissiven Position +vermeiden meist den Begriff »Erziehung« und halten ihn +von seiner Wortbedeutung her für hierarchieorientiert. Die +Vertreter der autoritären Position sprechen sich +demgegenüber entschieden für eine Beibehaltung dieses +Begriffs aus und halten eine Machtausübung der Eltern +gegenüber den Kindern für unvermeidlich und sinnvoll. Die +beiden Erziehungsstile drücken entgegengesetzte +Strategien elterlicher Einflussnahme aus. +Bei permissiv orientierten Eltern herrscht Unsicherheit +über die Angemessenheit des Ausübens von Autorität. Sie +fragen sich, ob sie in einer demokratischen und offenen +Gesellschaft das Recht haben, steuernden und +disziplinierenden Einfluss auf die +Persönlichkeitsentwicklung ihres Kindes auszuüben. Sie +befürchten, dass ihre – zwangsläufig überlegene – Position +in autoritäre Verhaltensweisen umschlagen könne, die von +den Kindern konformes Verhalten, Unterwerfung, +übermäßige Kontrolle der eigenen Gefühle und Intoleranz +verlange. +Autoritär orientierte Eltern bewegt die Sorge, bei einem +Eingehen auf die Bedürfnisse des Kindes zu weit zu gehen +und dem Kind damit die Möglichkeit zu nehmen, +Enttäuschungen auszuhalten und an der eigenen +Persönlichkeit zu arbeiten, um das eigene Verhalten an die +real existierenden sozialen Umweltbedingungen +anzupassen. Analytisch lassen sich Erziehungsstile danach +unterscheiden, wie stark die individuellen Bedürfnisse des +Kindes berücksichtigt werden und wie stark die Autorität +der Eltern in die Beziehung eingebracht wird. Entlang diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/352.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/352.md new file mode 100644 index 0000000..fc36315 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/352.md @@ -0,0 +1,52 @@ +dieser beiden Dimensionen können Erziehungsstile nach +dem Grad der Ausübung elterlicher Autorität und der +Berücksichtigung kindlicher Bedürfnisse unterschieden +werden. +Die Typisierung unterschiedlicher Erziehungsstile + +Der autoritäre und der permissive Stil sind nur zwei sehr +markante Muster der Erziehung. Neben diesen beiden +können zusätzlich noch ein überbehütender und ein +vernachlässigender Stil identifiziert werden. Beim +überbehütenden Stil ist sowohl die Autoritäts- als auch die +kindliche Bedürfnisorientierung extrem stark, beim +vernachlässigenden sind beide Orientierungen extrem +schwach ausgeprägt. + +Hoch + +Elterliche +Autorität + +Gering + +(1) Der autoritäre +(2) Der permissive Stil +Erziehungsstil setzt sich +bietet wenig klare Regeln +über die Bedürfnisse der +für den Umgang zwischen +Kinder hinweg. Damit +Eltern und Kindern. Ein +erzeugen Eltern oft +Zusammenleben ohne +aggressive +Normen führt zu +Verhaltensweisen bei den Irritationen und +Kindern. Auf körperliche +Verwirrungen der Kinder. +Züchtigung, die zum +Regellosigkeit wird von +typischen Verhalten der +ihnen oft als Lieblosigkeit +Eltern gehört, reagieren +und Mangel an +Kinder mit Widerstand +Aufmerksamkeit +und Trotz, Rebellion und +empfunden. In der Folge +Ungehorsam, Regelbruch +kann es zu aggressivem +und Wutanfällen, andere +Verhalten der Kinder +mit Meiden des Kontaktes kommen, mit dem sie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/353.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/353.md new file mode 100644 index 0000000..5ac93f2 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/353.md @@ -0,0 +1,62 @@ +zu den Eltern, Abbruch +der Schule, +Drogenkonsum, wieder +andere mit +überangepasstem und +unterwürfigem Verhalten. +Selbstständigkeit und +soziale Verantwortung +werden wenig gefördert, +Leistungsstärke selten. + +Zuwendung und +Aufmerksamkeit +herausfordern wollen. +Statt sozialer +Verantwortung kann +Selbstbezug, statt +Leistung Opportunismus +gefördert werden. Die +Entwicklung der +Selbstständigkeit ist nicht +gesichert. + +(4) Der überbehütende Stil (3) Der vernachlässigende +bedingt, dass durch die +Stil potenziert die schon +Kombination von stark +beim permissiven Stil +akzentuierter elterlicher +erwähnten Probleme, weil +Autorität, bei Vorgabe +die geringe Ausübung +starker Berücksichtigung +von elterlicher Autorität +der kindlichen +mit wenig +Bedürfnisse, eine +Aufmerksamkeit und +Entfaltung der +Zuwendung und +Persönlichkeit und eine +minimaler +selbstständige +Berücksichtigung der +Entwicklung von +Kinder gekoppelt ist. +Verhaltensweisen +Dieser Stil kann +erschwert werden. Die +erhebliche negative +Kinder sind von der +Effekte haben, weil +Möglichkeit +Kinder sich nicht nur +abgeschnitten, +alleingelassen, sondern +Selbstverantwortlichkeit +sogar missachtet fühlen. +zu entwickeln. +Es ist überdeutlich, dass so eine holzschnittartige +Unterscheidung der Erziehungsstile an der Realität vorbei +geht, in der das Erziehungsgeschehen einer Familie durch diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/354.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/354.md new file mode 100644 index 0000000..59fc53b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/354.md @@ -0,0 +1,35 @@ +viele innere und äußere Faktoren bestimmt wird und mehr +Übergänge als »reine« Typen der Erziehungsstilpraktiken +zu beobachten sind (Ratzke/GebhardtKrempin/Zander 2008). Es darf nicht vergessen werden, +dass ein Erziehungsteil nicht nur von einem Elternteil +geprägt wird und Inkonsistenzen in der Erziehungspraxis +häufiger sind als eine reine Ausprägung eines einzelnen +Stils bei beiden Eltern. Alle verfügbaren Erkenntnisse +geben aber auch Aufschluss darüber, dass extreme +Ausprägungen – also der autoritäre, der permissive, der +überbehütende wie auch der vernachlässigende Stil – nicht +zu den von den Eltern gewünschten Zielen der +Selbstständigkeit, sozialen Verantwortlichkeit oder +Leistungsfähigkeit führen. +Der Vorteil des autoritativ-partizipativen Stils + +In sozialisationstheoretischer Perspektive stellt also keiner +der Erziehungsstile ein wünschenswertes Ideal dar. Die +Konsequenz ist eindeutig: Die extremen Ausprägungen der +elterlichen Autorität und der Berücksichtigung der +kindlichen Bedürfnisse sollten durch einen moderaten und +nachvollziehbaren Gebrauch von persönlicher, immer +wieder neu zu rechtfertigender Autorität von Eltern und +eine sensible, aber nicht übertriebene Berücksichtigung +der Bedürfnisse des Kindes ersetzt werden +(Hurrelmann/Unverzagt 2000). +Ein solcher ausgewogener Erziehungsstil ist +»autoritativ«, weil die Autorität der Eltern zurückhaltend +und umsichtig eingesetzt wird, und er ist »partizipativ«, +weil auf die Bedürfnisse des Kindes im Sinne einer +Mitgestaltung der gemeinsamen Beziehung eingegangen +wird. Er betont dadurch die partnerschaftliche und +kooperative Komponente des Erziehungsprozesses. Im +Unterschied zum permissiven Erziehungsstil sollen nicht +die Kinder die Spielregeln der Erziehung festlegen, +sondern die Eltern sollen diese mit ihnen abstimmen und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/355.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/355.md new file mode 100644 index 0000000..da51a3b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/355.md @@ -0,0 +1,34 @@ +aushandeln. Im Unterschied zum autoritären Stil sollen +nicht die Erwachsenen die Beziehung dominieren, sondern +sie sollen sich mit ihren Kindern über ihre Erziehungsziele +austauschen, ihre Bedürfnisse anzeigen und dann über das +Vorgehen abstimmen. +Der »autoritativ-partizipative« Stil ist schon begrifflich +eine Neuschöpfung. Autoritativ bedeutetet nicht etwa +autoritär, sondern ist eine neue terminologische Variante, +die auf die Entwicklungspsychologin Diana +Baumrind (1971) zurückgeht und die Vermittlung von +Autorität und Permissivität beinhaltet. Der partizipative +Aspekt ist dagegen erste heute wirklich berücksichtigt +worden. Er fokussiert darauf, dass Erziehung ohne eine +gute Beziehung zwischen Eltern und Kindern nicht möglich +ist. Jede Beziehung ist eine Interaktion, die auf +Gegenseitigkeit beruht, auch wenn die Alters- und +Kompetenzunterschiede groß sind. Erziehung wird als die +gemeinsame Absprache und das Aushandeln von +Umgangsformen und Regeln mit Begründung und +Erläuterung gestaltet und dabei angepasst an die jeweilige +Entwicklungsstufe der Kinder. Auf diese Weise erreichen +die Eltern am ehesten die von ihnen angestrebten Ziele der +Selbstständigkeit, Leistungsfähigkeit und sozialen +Verantwortlichkeit ihrer Kinder. Sie unterstützen die +Kinder beim Aufbau ihrer Kompetenzen für die +Bewältigung lebenslaufspezifischer Herausforderungen der +Realitätsbewältigung, für das Ausgleichen von +Individuation und Integration und das Entfalten einer IchIdentität. +Die Kombination von Anerkennung, Anregung und Anleitung + +Will man den wissenschaftlichen Begriff des autoritativpartizipativen Erziehungsstils pädagogisch +veranschaulichen, kann auf das Bild eines Zieldreiecks der +Erziehung mit den drei Polen der Anerkennung, Anregung +und Anleitung eines Kindes zurückgegriffen werden. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/356.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/356.md new file mode 100644 index 0000000..a1bf88b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/356.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Am Pol »Anerkennung« kommt es darauf an, dem Kind +Wärme, liebevolle emotionale Zuwendung und Akzeptanz +zuteilwerden zu lassen. Ungünstig ist es, wenn die +emotionale Zuwendung zu stark oder zu schwach +ausgeprägt ist, also eine gefühlsmäßige Überwärmung +oder Unterkühlung der Beziehung eintritt. Kühle und +zurückweisende gefühlsmäßige Einstellungen von Eltern +und Erzieherinnen und Erziehern können zu Störungen des +Selbstwertgefühls führen, weil Kinder sich abgelehnt +fühlen. Eine von zu großer Enge geprägte emotionale +Atmosphäre kann problematisch sein, weil Kinder sich von +der Liebe und Zuwendung der Eltern erdrückt fühlen und +sich nicht selbstständig entfalten können. +Am Pol »Anregung« geht es darum, Kindern positive +Rückmeldungen zu ihrem erreichten Entwicklungsstand im +sozialen und Leistungsbereich zu geben, zugleich aber +auch wohldosierte Herausforderungen für eine +Weiterentwicklung und Verbesserung zu vermitteln. +Problematisch ist, wenn die Erwartungen an die +Weiterentwicklung zu hoch oder zu niedrig sind. Bei zu +niedriger »Stimulation« erhält das Kind zu wenige Anstöße +für eine höhere Motivation und fühlt sich nicht genügend +ernst genommen. Bei einer zu starken Stimulation kann es +zu Belastungen und Überforderungen kommen, die im +Endeffekt auch die Leistungsfähigkeit des Kindes negativ +beeinflussen. +Am Pol »Anleitung« besteht die Aufgabe darin, ein dem +Alter und der jeweiligen Entwicklung angemessenes sowie +der Persönlichkeit des Kindes gerecht werdendes Ausmaß +an klaren Vereinbarungen und Umgangsformen +festzulegen. Die erwarteten Umgangsformen dürfen von +den Erwachsenen nicht autoritär gesetzt werden, ihre +Bedeutung muss zugleich aber immer wieder +hervorgehoben werden. Günstig für die Entwicklung von +Kindern ist ein gut dosiertes Ausmaß an mit den Kindern diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/357.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/357.md new file mode 100644 index 0000000..4a52fae --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/357.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gemeinsam abgestimmten Regeln mit klar festgelegten +Sanktionen, die bei Regelbruch sofort eingesetzt werden. +Die drei Enden des Erziehungsdreiecks müssen jeweils +aufeinander abgestimmt sein, um die +Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes zu stärken. So +kann etwa ein Mangel an Anerkennung nicht durch ein +Mehr an Anleitung oder Anregung ausgeglichen werden. +Eine solche Kompensation lässt vielmehr eine inkonsistente +und das Kind irritierende Beziehungsdynamik entstehen. +Ähnliches gilt für andere »Unwuchten« im Zieldreieck. Die +Impulse an allen drei Polen müssen jeweils für sich in einer +guten Dosierung gegeben werden, und zugleich kommt es +auf den ausgewogenen Dreiklang der Pole an. Wie weit +diese noch abstrakte Darstellung von Erziehungspraktiken +an die Orientierung in unterschiedlichen sozialen Milieus +der Eltern heran reicht, wird weiter unten, bei der +Darstellung der durch soziale Ungleichheiten überformten +Erziehungsstile noch einmal aufgenommen. +Liebevolle Konsequenz als geeigneter Erziehungsstil + +Ein Resümee zu den Erziehungsstilen kann bisher folgern: +Wird das Zieldreieck der Erziehung umgesetzt, ergibt sich +der Erziehungsstil der auch als »liebevolle Konsequenz« +(Hurrelmann/Timm 2011, S. 45) bezeichnet werden kann. +Liebevoll ist dieser Erziehungsstil, weil das Kind als +eigenständige Persönlichkeit anerkannt und wertgeschätzt +wird und weil die Interessen und Bedürfnisse des Kindes +aufgenommen und weiterentwickelt werden. Konsequenz +zeigt er, weil Eltern und Erziehungsberechtigte sich ihrer +verantwortlichen Rolle bewusst sind und sich mit ihrer +Autorität für das Einhalten der vereinbarten Regeln +(einschließlich der Sanktionierung des Verhaltens bei +Regelverletzung) einsetzen. Es ist vielleicht nicht +überraschend vor diesem Hintergrund, dass der Anteil +derjenigen befragten jungen Menschen, die angeben, dass +ihre Eltern überhaupt nicht als Erziehungsvorbilder dienen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/358.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/358.md new file mode 100644 index 0000000..d2345cd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/358.md @@ -0,0 +1,35 @@ +können, im Zeitraum von 2002 bis 2019 nach Angaben der +18. Shell Jugendstudie um sechs Prozent (von 29 auf 23 +Prozent) gesunken sind (Hurrelmann et al. 2019). +Wichtig für den Aufbau der Beziehung sind aufseiten der +Eltern der (positiv gefärbte) Ausdruck von persönlichen +Empfindungen, Gefühlen und Erfahrungen, das Vorleben +von Verhaltensweisen (Vorbildverhalten) bei der +Bewältigung der Entwicklungsaufgaben und die +zuverlässige Einhaltung von gemeinsamen Vereinbarungen. +Liebevolle Konsequenz ist durch Offenheit und +Aufrichtigkeit, gegenseitiges Vertrauen und Achtung, aber +auch eine deutliche Berücksichtigung von Bedürfnissen +und Interessen beider beteiligter Parteien gekennzeichnet. +Der Erwachsene ist in dieser Beziehung der ältere und +lebenserfahrenere Partner, der natürlicherweise viel von +seinen eigenen Vorstellungen und Wünschen in die +erzieherische Beziehung einfließen lässt. Nach +Erkenntnissen der »Children’s Worlds+«-Studie lässt sich +durchaus annahmen, dass solche partnerschaftlichen +Verbindungen in der Familie existieren. Rund 93 Prozent +der Neun- und 84 Prozent der Vierzehnjährigen der Kinder +stimmen der Aussage zu, dass sie mindestens eine Person +in der Familie haben, die sich um sie kümmert +(Andresen/Wilmes/Möller 2019). +Auf unerwünschtes Verhalten des Kindes wird durch die +sofortige und nachdrückliche Mitteilung reagiert, dass eine +Vereinbarung oder eine Regel gebrochen wurde. So können +Gewissen und innere Kontrolle des Kindes entwickelt +werden, die zu Selbstdisziplin und Selbstständigkeit +führen. Das Kind entwickelt eigene Maßstäbe für das +Verhalten und baut eine Kompetenz für die Selbststeuerung +auf. Eltern sind daher nicht auf ständige Außenkorrekturen +des Verhaltens des Kindes angewiesen. Durch die dem Kind +vermittelte Rücksichtnahme auf seine Bedürfnisse wird +auch seine Selbstachtung gefördert, die Voraussetzung für diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/359.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/359.md new file mode 100644 index 0000000..3a280dd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/359.md @@ -0,0 +1,35 @@ +den Aufbau des Selbstwertgefühls, also der positiven +Wertschätzung der eigenen Person, ist. +Das Absinken der Geburtenziffern + +Für viele Paare ist die Entscheidung zur Familiengründung, +also das Votum für oder gegen ein Kind, sehr kompliziert +geworden. Es handelt sich um eine höchst private und +persönliche Entscheidung, die in eine intime Paar- und +Liebesbeziehung eingebettet ist. Da bei dieser +Entscheidung aber die sozialen, kulturellen und +ökonomischen Rahmenbedingungen mitbedacht sein +müssen, kann sie trotz ihres privaten Ausgangscharakters +gesellschaftlich beeinflusst werden. +Das lässt sich daran ablesen, dass sich die Zahl der +Familiengründungen in den einzelnen hochentwickelten +Ländern teilweise stark unterscheidet. Deutschland ist ein +extremes Beispiel für ein technisch entwickeltes und +wohlhabendes Land, in dem die Geburtenziffern, also die +durchschnittliche Kinderzahl pro Frau, in den letzten +fünfzig Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist. Im +Jahr 1960 lag diese Ziffer noch bei 2,4 Kindern pro Frau, +sie erreichte zwischenzeitlich ein Tief unter 1,3 Kindern +und liegt heute wieder bei über 1,5 Geburten in einer +Paarbeziehung (im Vergleich dazu liegt die Geburtenrate +bei rund 1,8 in Großbritannien und rund 2,0 in Frankreich). +Deutschland gehört damit heute zu denjenigen Staaten, +die weltweit die geringsten Geburtenziffern aufweisen und +deren Bevölkerung deshalb bereits deutlich zu schrumpfen +beginnt. Ein Rückgang der Bevölkerung ließe sich nur +vermeiden, wenn die Geburtenquote um den Wert von 2,0 +Kindern läge, weil sich damit ein Paar biologisch +reproduzieren würde. Diesen Wert erreichen heute nur +noch wenige hoch entwickelte Staaten, darunter die USA, +Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und die +skandinavischen Länder. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/360.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/360.md new file mode 100644 index 0000000..38a942a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/360.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die schwachen Geburtenziffern in Deutschland führen +dazu, dass Familien mit Kindern, die 1960 noch etwa die +Hälfte aller Haushalte in Deutschland stellten, heute mehr +und mehr ihre dominierende Rolle verlieren. Etwa in einem +Drittel aller Haushalte leben heute noch Familien mit +Kindern. Die kinderlosen Haushalte umfassen in +Deutschland inzwischen über 30 Prozent, ein großer Teil +der Bevölkerung – vor allem in den Großstädten und +Ballungsräumen lebt als Single. Die Einpersonenhaushalte +haben in den vergangenen rund 30 Jahren um rund 50 +Prozent zugenommen, knapp jeder Fünfte lebt inzwischen +in einem Einpersonenhaushalt. Vieles deutet darauf hin, +dass andere Länder mit ähnlichen +Ausgangsvoraussetzungen, aber einer höheren +Geburtenrate besser als Deutschland dastehen, weil sie seit +Jahrzehnten eine Politik betreiben, die unterschiedliche +Familienformen bewusst fördert und insbesondere die +Berufstätigkeit der Mütter gezielt unterstützt. Es sind, +trotz politischer Anstrengungen, immer noch rund ein +Drittel der Paarfamilien, in denen beide Elternteile +erwerbstätig sein können mit einem Kind unter drei Jahren. +Offenbar ist es die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und +die Unterstützung der elterlichen Erziehung der Kinder +durch öffentliche Einrichtungen, die Paaren die +Entscheidung für eine Familiengründung erleichtert. +In den wirtschaftlich hoch entwickelten Gesellschaften +tritt die Entscheidung für ein Kind aber auch immer +häufiger in Konkurrenz zu anderen Lebenszielen von +Menschen in Paarbeziehungen. Ursache hierfür sind die +veränderten ökonomischen, kulturellen und biografischen +Bedingungen. So verlängern sich, wie bereits erläutert +wurde, die Bildungs- und Ausbildungszeiten von Frauen +und Männern. Wichtige biografische Entscheidungen, unter +ihnen auch die Entscheidung für oder gegen Kinder, +verlagern sich hierdurch im Lebenslauf. Beide Partner +warten heute meist bis zum Ende der Ausbildung und zum diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/361.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/361.md new file mode 100644 index 0000000..7eaffd2 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/361.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Beginn der ersten Berufsphase ab, also bis zu einem +Zeitpunkt, zu dem ihnen die Ausgangssituation für die +Entscheidung für ein Kind als optimal erscheint +(Bertram/Ehlert 2011). So liegt das durchschnittliche Alter +bei der Erstgeburt einer Frau bei rund 30 Jahren (ohne +wesentlichen Unterschied zwischen Ost- und +Westdeutschland). +Durch das Aufschieben werden die Anforderungen an die +Entscheidung komplexer, weil in dieser +»Hauptverkehrszeit« biografischer Vorgänge (»rush hour of +life«) sehr viele Weichenstellungen zu beachten sind. +Frauen sind heute ganz überwiegend berufstätig, wenn sie +vor der Entscheidung für oder gegen ein Kind stehen. Sie +müssen sich fragen, welche Konsequenzen sich aus einer +positiven Entscheidung ergeben, und zwar sowohl im +Hinblick auf ihre weitere berufliche Laufbahn und ihre +finanzielle Absicherung als auch auf das weitere Bestehen +der Paarbeziehung. Das Ergebnis ist in vielen Fällen der +Verzicht auf ein Kind. +Die gestiegenen Kosten von Kindern + +Die Entscheidung für ein Kind ist unter anderem auch mit +finanziellen Risiken für ein Paar verbunden. Wer ein Kind +hat, muss im Vergleich zu Nichtfamilien erhebliche +zusätzliche Belastungen in Form von Betreuungs-, +Ernährungs- und Versorgungskosten von Kindern in Kauf +nehmen, die sich bis zum Abschluss der Ausbildung auf +mehrere Hunderttausend Euro belaufen können. Auch +deshalb zögern viele Paare, sich für ein Kind zu +entscheiden (Kaufmann 1995). +Weil ökonomische Vorteile (Geschäftsübernahme, +Altersversorgung) bei der Entscheidung für ein Kind heute +weitgehend bedeutungslos geworden sind (oder sogar +umgekehrt gelten), wird von Paaren geprüft, wie groß die +emotionale Befriedigung, die lebensperspektivische +Sinnerfüllung, der Grad der Selbstverwirklichung und das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/362.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/362.md new file mode 100644 index 0000000..85f1744 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/362.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gesteigerte Erleben der eigenen Verantwortung durch ein +Kind sind. Positiven Entscheidungen liegen deshalb meist +psychische und biografische und nicht ökonomische Motive +zugrunde. Mütter und Väter versprechen sich von einem +Kind einen Gewinn für ihre eigene +Persönlichkeitsentwicklung und emotionale Befriedigung. +Es ist ihnen aber bewusst, dass sich hieraus finanzielle +Nachteile ergeben können. +Anders als vor der Industrialisierung tragen Kinder +heutzutage nicht mehr zur Optimierung des materiellen +Wohlbefindens ihrer Eltern bei, sondern belasten die +Haushaltskasse. Auch wirken sie nicht mehr bei der +Absicherung gegen Risiken des Lebens der Eltern mit. Nur +noch in seltenen Fällen arbeiten sie als Produktionskräfte +in der Landwirtschaft und helfen in Familienbetrieben des +Handwerks mit. Auch ihre Mithilfe bei der +Haushaltsführung und der Versorgung von jüngeren +Kindern ist die Ausnahme. Bei der Absicherung gegen +Krankheit, Katastrophen, Arbeitslosigkeit und +Verdienstausfall wegen Pensionierung haben sie ebenfalls +keine maßgebliche Funktion. +Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Familien heute +zu den Haushalten zählen, die stärker von ökonomischen +Engpässen betroffen sind als andere. Wer Kinder hat, ist +statistisch stärker von relativer Armut bedroht als +Kinderlose. In der »World-Vision-Kinderstudie« von 2010 +geben 13 Prozent der Eltern eine unbefriedigende +wirtschaftliche Situation ihres Haushalts an. Dieser Wert +deckt sich ungefähr mit den Daten der Armutserfassung +des Statistischen Bundesamtes, wonach sogar rund 19 +Prozent der Bevölkerung von Armut oder sozialer +Ausgrenzung gefährdet sind. Die »World-Vision-Studie« +zeigt, dass zu diesen 13 Prozent von Eltern, die ihre +Situation subjektiv als wirtschaftlich außerordentlich +schwierig einschätzen, noch einmal etwa zwölf Prozent +hinzukommen, die sich im Vergleich zu den anderen Eltern diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/363.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/363.md new file mode 100644 index 0000000..8111d77 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/363.md @@ -0,0 +1,35 @@ +in einer sehr ungünstigen wirtschaftlichen, +bildungsmäßigen und kulturellen Lebenssituation befinden +(World Vision Deutschland 2010, S. 74). +Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass die Länder +den besten Finanzausgleich zwischen Haushalten mit und +ohne Kindern herstellen können, die beiden Eltern – oder +im Fall der Ein-Eltern-Familien dem einen Elternteil – eine +Berufstätigkeit mit eigenem Einkommen ermöglichen. Die +Politik Deutschlands, welche durch Steuervorteile und +Kindergeldzahlungen die finanziellen Nachteile von +Familienhaushalten zu kompensieren versuchen, ist +hingegen nur mäßig erfolgreich. +Die Gefahr von sozialer Isolierung und Armut + +Von Benachteiligung, relativer Armut und sozialer +Ausgrenzung können alle Familien und Familienformen +betroffen sein. Anteilsmäßig häufiger, als es ihrer +durchschnittlichen Verbreitung entspricht, sind unter ihnen +allerdings Familien von Alleinerziehenden und solche mit +einem Zuwanderungshintergrund vertreten. In diesen +Familien fällt es den Eltern aus strukturellen Gründen +besonders schwer, berufstätig zu sein und den nötigen +finanziellen Lebensunterhalt zu verdienen. Bei den EinEltern-Familien ist die Vereinbarkeit von Beruf und +Kindererziehung besonders schwierig, bei den Familien mit +Zuwanderungshintergrund sind vor allem diejenigen +betroffen, in denen die Eltern nur einen geringen +Bildungsgrad und wenige berufliche Qualifikationen +mitbringen. +Reichen die Unterstützungsleistungen der familiären +Netzwerke nicht aus, dann müssen institutionalisierte +Hilfeangebote an ihre Stelle treten. In Deutschland +existiert zwar ein breites Angebot an Beratung und Hilfe +für Familien in Krisenlagen, aber die sozialen und +psychischen Barrieren beim Aufsuchen von +Beratungsstellen sind gerade bei bedürftigen Eltern und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/364.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/364.md new file mode 100644 index 0000000..d817562 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/364.md @@ -0,0 +1,36 @@ +den betroffenen Kindern und Jugendlichen sehr hoch. Bei +Trennung und Scheidung der Eltern, bei organisatorischen +und finanziellen Schwierigkeiten und Spannungen, aber +auch bei Erziehungsproblemen mit den Kindern und – in +wachsendem Ausmaß – Überforderung durch die +Betreuung älterer Familienangehöriger fehlt es deshalb oft +an geeigneter Hilfe. Psychosoziale Problemlagen sind ein +wesentlicher Faktor, der ausgehend von einem +Familienmitglied in den Familien viele Belastungen und +auch Hilfebedarfe produziert. +Ein Beispiel für familiale Belastungen – Kinder psychisch erkrankter +Eltern + +Ein Beispiel der steigenden Belastungen und Hilfebedarfe +sind die psychischen Erkrankungen eines Elternteils. +Entgegen dem Eindruck, den man erhalten kann, wenn von +psychischen Störungen bekannte Persönlichkeiten der +Öffentlichkeit betroffen sind, können psychische +Erkrankungen noch lange nicht als ein normales Thema +begriffen werden. Jüngere Studien zeigen beispielsweise, +dass die Stigmatisierung und Ausgrenzung Betroffener +immer noch eher zu- als abnimmt. Dabei sind viele der +Störungen näher an unsere Lebenswelt herangerückt. +Depressionen und Burnout erweisen sich als so etwas wie +die Kehrseite der Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft. +Und dennoch fehlen immer noch viele Antworten darauf, +wie die Normalisierung erfolgen soll und Betroffene dazu +gebracht werden, gute Hilfe erhalten zu können. Die +durchschnittliche Dauer von dem Auftreten erster +Symptome bis zur Krankheitseinsicht und dem Aufsuchen +von Hilfesystemen beträgt rund acht Jahre. 70 Prozent +derjenigen mit einem komplexen Störungsbild suchen keine +Hilfe auf, bei den »einfachen« Störungen sind es sogar +knapp 90 Prozent. Dies sind dramatische Hinweise darauf, +wie viel im Verborgenen, im Bereich eines Dunkelfeldes +verbleibt. Dieses umfasst die Perspektive auf die Partner diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/365.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/365.md new file mode 100644 index 0000000..d1764a3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/365.md @@ -0,0 +1,36 @@ +und Angehörigen der Betroffenen und hier vor allem die +Situation der Kinder psychisch erkrankter Eltern. +Internationale Studien weisen seit vielen Jahren nach, +dass das Risiko von Kindern psychisch erkrankter Eltern +um ein Vielfaches erhöht ist, selbst eine gesundheitliche +oder psychische Störung auszubilden. Rund ein Drittel der +Kinder aus Familien mit einem erkrankten Elternteil ist +selbst dauerhaft und chronisch betroffen, ein Drittel +vorübergehend und nur ein Drittel unbelastet. Allein in +Deutschland gehen konservative (also sehr zurückhaltende) +Schätzungen davon aus, dass etwa 3 Millionen Kinder mit +einem psychisch erkrankten Elternteil zusammenleben. Das +ergibt rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen im +deutschen Schulsystem. Regionalstudien zeigen, dass +Familien, die Leistungen der Jugendhilfe erhalten, zu dem +überwiegenden Teil mit der Problematik der Erkrankung +mindestens eines Elternteils belastet sind. Inzwischen ist +klar, dass dieses Ausmaß der betroffenen Familien und vor +allem der Belastung der Kinder systematisch unterschätzt +wurde und immer noch wird. +Besonders schwerwiegend an der mangelnden +Sichtbarkeit dieser Problematik ist, dass bisher kaum +Handlungsansätze existieren, um den betroffenen Kindern +wirksam zu helfen. Die Dunkelziffer der Betroffenen in den +Familien bleibt seit vielen Jahren stabil. In der Versorgung +dieser Familien haben wir einen »Treatment-Gap«, das +heißt, Therapien für Erwachsene und Präventionsangebote +für Kinder werden kaum in Anspruch genommen. Dass +Kinder in der Schule auffällig werden, also uns als belastet +auffallen, ist dabei überhaupt nicht die Regel. Die +problematischen Fälle erwachsen aus Loyalitätskonflikten +in den Familien, einer Tabuisierungsneigung oder sogar +dem Zwang zum Verschweigen, den negativen Etiketten +der Krankheit, den extremen Ängsten der Kinder vor +Rückfällen und Verschlimmerungen der elterlichen +Symptomatik, der Angst vor einer eigenen Erkrankung, der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/366.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/366.md new file mode 100644 index 0000000..19a60a7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/366.md @@ -0,0 +1,36 @@ +extremen Verunsicherung, den Informationsdefiziten (der +viel beschriebene Glaube an die Monster im Kopf eines +betroffenen Elternteils), der Desorientierung, den +Schuldgefühlen für die Krankheit der Eltern, dem zumeist +eklatanten Betreuungsmangel in den Familien und – +besonders dramatisch – der Übernahme der Sorgefunktion +von den Kindern für die Eltern. +Diese Art der Umkehrung der Sorgebeziehung, der so +bezeichneten »Parentifizierung«, entspricht dem +Rollentausch zwischen Eltern und Kindern. Dieser ist +dramatischerweise unauffällig, er geht mit einer +ernsthaften und verantwortungsbewussten Haltung der +betroffenen Kinder einher. Aber gerade diese +Überbeanspruchung der Kinder ist bekannt dafür, dass sie +in der weiteren Entwicklung besonders vulnerabel für +eigene gesundheitliche Störungen macht (als +Weiterführung hierzu Brockmann/Lenz 2016; Lenz 2014). +Die Belastungsperspektive geht von der Familie aus + +Wenn familiäre Belastungen in den Blick genommen +werden, dann sind es natürlich im engeren Sinne +Beziehungsdynamiken in der Familie (Walper et al. 2015). +Wie das Beispiel der Familien mit einem psychisch +erkrankten Elternteil darüber hinaus zeigt, sind die +Lebensbedingungen einer Familie aber auch von äußeren +Faktoren abhängig. Hierzu gehören +Unterstützungsmöglichkeiten der Familie, die Wohn- und +Lebenslage, das Einkommen, Hilfe und Versorgung und +natürlich die familiären und nicht-familiären Netzwerke. +Eine komplexe Untersuchungsperspektive muss immer in +diesem Geflecht von unterschiedlichen Faktoren +Orientierung finden. Dazu bedarf es natürlich auch der +Berücksichtigung der dominanten Einflüsse auf das +Familienleben. Zu diesen gehören nach allen vorliegenden +Erkenntnissen immer noch die Bedingungen der sozialen +ökonomisch benachteiligende Lebenslagen. Sie können zu diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/367.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/367.md new file mode 100644 index 0000000..0f07f6d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/367.md @@ -0,0 +1,36 @@ +einer Absenkung des Lebensstandards führen, die zudem +Auswirkungen auf die Erziehungs- und Beziehungsqualität +in den Familien hat. +Arme Eltern, die durch langanhaltende Arbeitslosigkeit +den in ihrem sozialen Umfeld üblichen durchschnittlichen +Lebensstandard nicht aufrechterhalten können, sind durch +ihre starken Belastungen auch pädagogisch verunsichert. +Sie ziehen sich und ihre Familie oft auch sozial zurück und +rutschen dadurch in eine soziale Isolation. Die Anregungen +aus Nachbarschaft und öffentlichem Raum werden auf +diese Weise immer geringer, und darunter leidet auch die +emotionale und soziale Entwicklung der Kinder +(Walper 2008, ausführlich hierzu die Beiträge in +Quenzel/Hurrelmann 2019). +Alle diese Prozesse führen häufig auch zu Formen der +Bildungsbenachteiligung in der Kindergruppe. Wie die +bereits erwähnte »World-Vision-Kinderstudie« +dokumentiert, streben nur rund 20 Prozent der Kinder aus +relativ armen Elternhäusern das Abitur als Schulabschluss +an, während der Anteil bei Kindern aus besonders +wohlhabenden Schichten bei über 80 Prozent liegt (World +Vision Deutschland 2010, S. 162). Wie sehr die Eltern selbst +verunsichert sind, lässt sich an anderen Befunden der +Studie ablesen. So kontrolliert nur die Hälfte der Eltern aus +den unteren Schichten regelmäßig die Hausaufgaben ihrer +Kinder, während es bei den oberen Schichten fast alle tun. +Bei den benachteiligten Kindern verändert sich hierdurch +die Einstellung zur Schule: Sie wird zunehmend negativ +oder zumindest distanziert, und entsprechend wird auch +die Bereitschaft geringer, sich auf Anforderungen und +Impulse einzulassen, die von den Lehrkräften ausgehen +(World Vision Deutschland 2010, S. 178; Breyvogel 2010). +Auf die Auswirkungen der sozialen Ungleichheiten und +vor allem sozialer Benachteiligung wird in den folgenden +Ausführungen noch ausführlicher eingegangen. Hier kann +aber schon festgehalten werden, dass gerade arme diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/368.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/368.md new file mode 100644 index 0000000..ac875bd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/368.md @@ -0,0 +1,23 @@ +Familien einen viel höheren Unterstützungsbedarf im +Familienleben und in der Bildungsbiografie zeigen als +weniger benachteiligte. Im Vergleich zu anderen Ländern +besteht in Deutschland noch immer ein zu geringes +Angebot an Kinderkrippen, Horten, Kindertagesstätten, +Kindergärten und Schulen mit Nachmittagsunterricht +(»Ganztagsschulen«), die diese Problemlagen der Kinder +und der Familien mit Zeit, Geld und vernetzten Hilfen +aufnehmen können. Benachteiligt sind die Kinder aus +relativ armen Familien auch durch die meist +kinderunfreundliche Gestaltung ihrer sozialen Umwelt. +Diese Benachteiligung reicht von den schlechten +Wohnbedingungen, den höheren Belastungen in der Familie +bis zu den unzureichenden Freizeitangeboten für Kinder +und Jugendlichen gleichermaßen. Die Bedürfnisse und +Wünsche dieser Kinder werden in ihrem Umfeld kaum +beachtet. In der Forschungslandschaft sind diese +dominierenden Faktoren, die durch räumliche Segregation +(also durch die Entmischung von Wohngebieten und die +Abdrängung von armen oder, umgekehrt, wohlhabenden +Gruppen) bedingt werden, gut bekannt (Keller 2007). +Inzwischen finden sie auch Eingang in die +Familienforschung. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/369.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/369.md new file mode 100644 index 0000000..4d86752 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/369.md @@ -0,0 +1,15 @@ +7.2 + +Siebtes Prinzip zur Bedeutung der +Bildungsinstitutionen + +Das siebte Prinzip fokussiert auf die Ebene der +sekundären Sozialisationsinstanzen, die als Institutionen +des Erziehungs- und Bildungssystems zum einen eine +Qualifikationsfunktion, zum anderen eine Selektions(Auslese) und Allokationsfunktion (Statuszuweisung) +einnehmen. Durch sekundäre Sozialisationsinstanzen +werden die Erfahrungsräume erweitert und es werden +erstmals verlässliche Interaktionsräume außerhalb der +Familie geschaffen. Schülerinnen und Schüler bauen ein +Selbstkonzept auf, das auf den Bewertungen von +Bildungsinstitutionen basiert. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/370.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/370.md new file mode 100644 index 0000000..1e61562 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/370.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gegenstand und Verortung + +Die Darstellung zum sechsten Prinzip zeigt, wie stark sich +die sozialen Funktionen der Familie im Laufe der letzten +einhundert Jahre verändert haben. Familien sind kleine und +spezialisierte soziale Systeme geworden, die neben der +Sicherung der Beziehung des Elternpaares fast nur noch +die Aufgabe der Betreuung der Kinder, aber auch die +deutlich eingeschränkt, haben. Wichtige gesellschaftlichen +Funktionen, etwa die der Arbeit, des Haushaltens und der +sozialen Absicherung bei Krankheit und Austritt aus dem +Arbeitsleben, Pflege und Versorgung, sind bereits oder auf +dem Weg, aus der Familie in spezialisierte Systeme +ausgelagert zu werden. +So haben sich auch die Aufgaben von Erziehung und +Bildung in den letzten Jahrzehnten Schritt für Schritt aus +den Familien ausgelagert und sind in spezialisierte +Institutionen übergegangen. Auf diese Weise ist ein +ausdifferenziertes Erziehungs- und Bildungssystem von den +Kinderkrippen über Grundschulen bis hin zu Hochschulen +entstanden, das sich seit der Industrialisierung und +besonders stark seit der Einführung der allgemeinen +Schulpflicht um 1900 zeitlich und sozial immer weiter +ausgedehnt hat. Heute begleitet es ein +Gesellschaftsmitglied während der gesamten Zeit in den +Lebensphasen Kindheit und Jugend und spielt mit +Einrichtungen der Berufs- und Weiterbildung zunehmend +auch im Erwachsenen- und Seniorenalter eine wichtige +Rolle (Rauschenbach 2009). +Zu den sekundären Sozialisationsinstanzen gehören +öffentliche Erziehungs- und Bildungsinstitutionen wie +Kindertagesstätten, Horte, Schulen, +Ausbildungseinrichtungen, Hochschulen, +sozialpädagogische Institutionen sowie Einrichtungen der +beruflichen Aus- und Weiterbildung. Während in der +Sozialisationsinstanz Familie Mütter und Väter als diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/371.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/371.md new file mode 100644 index 0000000..45252b9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/371.md @@ -0,0 +1,34 @@ +»Laienerzieher« tätig sind, arbeiten im Erziehungs- und +Bildungssystem professionell ausgebildete Berufsgruppen. +Dabei ist zusätzlich zu beachten, dass der deutsche +Sonderweg im Bildungssystem nachwirkt. Vor allem im +internationalen Vergleich fällt auf, dass in Deutschland ein +immer noch konservatives Wohlfahrtstaatsdenken +nachwirkt, das traditionell wenig Bildungsinvestitionen +vornimmt und wenig auf Chancengleichheit setzt. +DAS SIEBTE PRINZIP UNTER DER LUPE +Grundlegende Bedingung für die gestiegene Bedeutung des +Bildungswesens in den Dienstleistungsökonomien sind +unterschiedliche Entwicklungen. Diese können wiederum +mit Verweis auf die Sozialtheorie von Pierre Bourdieu recht +gut erläutert werden. Hierzu bedarf es eines kurzen +Exkurses zur Bedeutung der historischen +Entwicklungslinien, die verständlich machen, warum der +Bildungssektor so an Bedeutung zunehmen konnte. +Hierdurch wird deutlich, wie der Prozess einer wachsenden +Arbeitsteilung, des Bedarfs nach höher qualifizierten +Arbeitskräften und der spezifische Konkurrenzmodus um +kulturelles Kapital zu der Ausformung von +Bildungsstrukturen beigetragen hat, wie wir sie heute +kennen. +In den westlichen Gesellschaften hat vor allem seit dem +zweiten Weltkrieg ein »Umstrukturierungsprozeß in der +Wirtschaft« (Bourdieu/Boltanski/de Saint Martin 1981, S. +26) stattgefunden. Durch Zunahme der +Wirtschaftseinheiten, die Bürokratisierung der +Wirtschaftsbeziehungen sowie interne Veränderungen der +Betriebsorganisation hat sich der Modus der +Betriebsführung sehr grundsätzlich gewandelt (ab hier in +Anlehnung an Bauer 2012). Die Betriebsleitung durch einen +einzelnen Wirtschaftsmagnaten ist seither mehrheitlich – +mit Größe und Potenz des Betriebs zunehmend – durch die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/372.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/372.md new file mode 100644 index 0000000..f488839 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/372.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Tätigkeiten einer großen Gruppe von Managern und +leitenden Angestellten ersetzt worden. An die Stelle des +»ownerships« (der Eigentümerschaft) ist die Funktion des +»managerships« (der Leitung durch Manager) getreten. +Profitabschöpfung erfolgt nicht mehr durch den einzelnen +Kapitaleigner, sondern durch die von Bourdieu so +bezeichnete »proletaroide Intelligenzschicht« derjenigen, +die in Management und Bürokratie die Unternehmen leiten +(Boltanski 1990 und Bourdieu 1996). +Überraschend hellsichtig wird damit schon vor über 50 +Jahren eine Entwicklung antizipiert, die später +Tertiarisierungswelle (die Verdrängung der körperlichen +Arbeiten durch den Dienstleistungsbereich) genannt wird: +»Als ausschlaggebende Qualitäten treten Diskussions- und +Verhandlungsgeschick, Fremdsprachenkenntnisse und vielleicht vor allem +die durch gesellschaftlichen Schliff und Feingefühl gekennzeichneten +Umgangsformen in den Vordergrund, die im krassen Gegensatz zu der +ruppig-energischen Raubeinigkeit stehen, die den kämpferischen +Unternehmer alter Schule zumindest idealtypisch kennzeichnete. Der +Spitzenbeamte (als moderne Version des ›Diplomaten‹) ersetzt den +Truppenführer im Fundus gesellschaftlicher Leitbilder […].« +(Bourdieu/Boltanski/de Saint Martin 1981, S. 41 f.) + +Die neue leitende Dienstleistungsschicht setzt sich nicht +mehr nach einem ständischen oder mechanischen Prinzip +der Nachfolge in der Familie zusammen. Die +Herkunftsfamilie ist keine ausreichende Bedingung mehr +für sozialen Aufstieg. Mit dem wirtschaftlichen Feld +wandeln sich auch die Anforderungen an neue Tätigkeiten. +Auf der Ebene der Führungskräfte werden neue +Qualifikation verlangt, zu denen vor allem solche gehören, +die zur Ausübung administrativer Tätigkeiten befähigen +und eine gute, zumeist universitäre Ausbildung zur +Voraussetzung machen (Bourdieu/Boltanski/de Saint +Martin 1981, S. 28 ff.). Der Bildungstitel dient dabei als +Nachweis darüber, dass die Qualifikation jene +Eigenschaften aufweist, die die Ausübung einer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/373.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/373.md new file mode 100644 index 0000000..6c3b124 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/373.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Führungstätigkeit erfordert. Auslese und Aufstieg im +Unternehmensbereich machen das Erlangen des +Bildungstitels zur notwendigen Eintrittsvoraussetzung. +Wenn auch, wie Hartmann (1995, 1996) in seinen Arbeiten +zur Elitenreproduktion gezeigt hat, der Bildungstitel allein +nicht ausreicht und persönliche Netzwerke doch noch zu +einem Vorteil im Statuswettbewerb werden, haben +Bildungsbiografien den Familienstammbaum abgelöst. +Die Reproduktion sozialer Ungleichheiten durch Familie und Schule + +Das Besondere dieser Entwicklung ist nach Bourdieu, dass +trotz des Wandels im Bildungsbereich soziale +Ungleichheiten, die mit der sozialen Herkunft verbunden +sind, immer noch weiterwirken. Der Zusammenhang +zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist nicht +festgelegt (die familiäre Herkunft bestimmt nicht, welche +Chancen man hat), aber er sorgt dennoch für ungleiche +Startchancen. Weil Bourdieu zu diesem Themenkomplex als +Pionier gilt, soll noch einmal auf seine Arbeiten Bezug +genommen werden: +»Doch was ihr [der Familie] weggenommen wird, erhält sie zugleich in +anderer Form, über die Klassenschiene, wieder zurück, und zwar vermittels +der weniger sicht- baren Mechanismen der Sozialstatistik, die – eben weil +sie nach der Wahrscheinlichkeit funktioniert – der Klasse im ganzen jene +Eigenschaften zu verleihen imstande ist, die sie dem einen oder anderen +Klassenmitglied im Einzelfall verweigert.« (Bourdieu/Boltanski/de Saint +Martin 1981, S. 45) + +Im Gegensatz zur direkten Statusvererbung in der Familie +erfüllt der schulische Reproduktionsmodus eine +legitimatorische Funktion. Die Schule wird zur +rechtmäßigen Instanz, die die soziale Selektion vornehmen +darf. Sie trifft damit aber auch eine wesentliche +Entscheidung darüber, wer sozial auf- oder absteigt. Nach +Bourdieu stellen der schulische und familiale +Reproduktionsmodus daher keinen Gegensatz dar. Wie aber +erreichen die Privilegierten die Erhaltung und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/374.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/374.md new file mode 100644 index 0000000..c5d65aa --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/374.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Reproduktion ihrer sozialen Lage, wenn der Bildungstitel +notwendige Voraussetzung und der Zugang zur Bildung +tatsächlich formal offen ist? +Nach Bourdieus Bildungssoziologie ist der schulische +Reproduktionsmodus mit dem System der sozialen +Ungleichheit direkt vermittelt. Der Habitus garantiert, dass +der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Bildungschancen +im Erwachsenenalter, trotz des Wandels vom familialen +zum schulischen Reproduktionsmodus, weiter fortbesteht. +Mit dem Habitusbegriff wird überhaupt erst verständlich, +warum etwa die Unterprivilegierten »unmotiviert« dem +Schulsystem gegenüberstehen, die Privilegierten dagegen +»hochmotiviert« und in der Lage sind, lukrative Strategien +des Bildungserwerbs zu verfolgen. Und dieses +Erklärungsmuster ist – so betagt die Theorie dahinter auch +sein mag – unvermindert aktuell. +Das Bildungssystem ist für Bourdieu ein gutes Beispiel +dafür, weil hier Schulbildungsferne im engeren Sinne +bedeutet, dass ein Habitus durch die Herkunftsstrukturen +weniger auf das vorbereitet ist, was in der Schule gefordert +wird und deswegen Schüler*innen mit schulbildungsferner +Herkunft Schwierigkeiten in der Adaption an Lern-, +Sprach- und Interaktionsgewohnheiten haben. Vielleicht ist +hier noch einmal das Beispiel des 100-Meter-Laufes +sinnvoll. Auch der Habitus ist so etwas wie ein Startvorteil, +der einem viele Meter abnimmt. Sind die Regeln, die über +den Prozess der Habitusbildung verinnerlicht werden, mit +dem kompatibel, was in der Schule erfordert wird? Wenn +ja, dann bedeutet dies einen Startvorteil. Dieser kann die +Sprache betreffen (die Nähe zur Bildungssprache), die +Motivations- und Begeisterungsfähigkeit, manchmal aber +auch einfach den Mut, in der Schule etwas sagen zu +können oder sich nicht zu trauen. +Bourdieu hebt in diesem Zusammenhang immer wieder +hervor, wie die im Herkunftsmilieu einmal erworbenen +habituellen Muster ein Handeln in all jenen Räumen und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/375.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/375.md new file mode 100644 index 0000000..93778a7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/375.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Situationen ermöglichen, die diesen Ersterfahrungen +gleichkommen. Er spricht hier von »Homologien« also +Räumen, die »homolog« = »übereinstimmend« sind und +meint damit die Ähnlichkeiten zwischen Umgebungen, in +denen Menschen sich bewegen müssen. Mit der +»Sicherheit eines Instinkts«, mit der Selbstverständlichkeit +eines – wie Bourdieu sagt – Fisches im Wasser könne ein +Mensch sich verhalten, wenn er auf eine vertraute, weil +habituell bekannte Umgebung trifft. Dies meint wiederum +genau die Situation, in der der Habitus in der Schule auf +Erwartungen trifft, die ihm eher fremd oder, anders herum, +nahe sind. Diese Sicherheit wird allerdings zu einem +Hindernis, wenn in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen, +die für den sozialen Aufstieg von Bedeutung sind, andere +Muster des Handelns erforderlich werden. Wie weit +Habitus an andere soziale Umgebungen anpassbar sind, ist +damit für den Erfolg oder das Scheitern eines sozialen +Aufstiegs entscheidend. +Der Soziologe Michael Hartmann (geb. 1952) hat auf +dieser Basis sehr eindrucksvoll nachgewiesen, wie die +Ähnlichkeiten zwischen den Habitus zu einer sicheren +Basis für die Reproduktion der ökonomischen Eliten wird, +wenn der Nachwuchs in die Führungsetagen der Macht +rekrutiert wird (Hartmann 2007, 2013). In einer anderen +Publikation wurde ein Beispiel vorgestellt, dass zeigt, wie +Menschen, wenn die Orte ihres Handelns sich ändern, +unterschiedlich gut an veränderte Bedingungen angepasst +sind. Dies gilt insbesondere dann, wenn neue Orte mehr +kulturelles und ökonomisches Kapitel voraussetzen. Dieses +Beispiel wird hier noch einmal wiedergegeben (in +Anlehnung an Bauer 2012): + +Das Essen in einer Imbissbude etwa zwar nur geringer +kultureller Vorkenntnisse und ökonomischer Ressourcen. +Und dennoch: Wenn die mit den dort anerkannten diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/376.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/376.md new file mode 100644 index 0000000..4ce922b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/376.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Praktiken nicht vertraute Bildungs- oder Besitzbürgerin +statt dem Plastikgäbelchen »richtiges Besteck« verlangt, +sich nicht ordentlich »hinfletzt«, »Konversation +betreiben« will und schließlich »um die Rechnung bittet«, +ist er höchstens dem versteckten Hohn der an diesem +sozialen Ort »Arrivierten« (also der typischen ImbissBesucher*innen) ausgesetzt. Das kümmert sie kaum, +solange sie auf die Anerkennung der dort Ansässigen +oder etwaige Vergünstigungen und Hilfeleistungen nicht +angewiesen ist – was als die Regel angenommen werden +darf. Umgekehrt hingegen wird das Mahl im +ausgewiesenen Gourmetrestaurant zur sozialen +Reifeprüfung. Wer dort isst, ist etwas, will etwas werden +oder erhalten. Das Zusammentreffen an »exklusiven« +sozialen Orten wird für die Unterprivilegierten zu einer +unbewältigbaren Herausforderung. Ihr fehlendes +ökonomisches Kapital schließt sie regelmäßig von den +kulturell legitimierten Praktiken aus. Verschlägt es sie +doch einmal dorthin, eliminieren sie sich auch noch selbst +in den gesellschaftlichen Distinktionskämpfen. Sie sind +»ungalant«, »unschick« und »unbeholfen« (haben »keine +Manieren«, reichen etwa dem Ober den zu vollständig +geleerten Teller), verhalten sich demütig gegenüber den +Gastgeber*innen (die vielleicht potenzieller +Arbeitgeber*innen sind) und dokumentieren damit ihr +Ausgeschlossensein von den Sphären der Macht, die +deren Einübung von Kindesbeinen an zur +Einschlussbedingung machen. Der spielerische Umgang +mit den gesellschaftlichen Mindestanforderungen des +guten Benehmens kennzeichnet den distinguierten +Geschmack einer gehobenen sozialen Schicht, das +Bemühte zeigt zumindest noch den guten Willen der +Mittelschichten, die Angehörigen aus benachteiligten +Gruppen meiden diese Orte. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/377.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/377.md new file mode 100644 index 0000000..ca3dfec --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/377.md @@ -0,0 +1,14 @@ +In der Bildungsforschung werden eine Vielzahl von +Ansätzen versammelt, die zu erklären versuchen, wie der +Zusammenhang zwischen dem Bildungssystem, sozialen +Ungleichheiten und Prozessen der Sozialisation beschaffen +ist. Einen sehr guten Überblich dazu gibt der langjährige +Bildungsforscher Wulf Hopf (geb. 1944) in seinen Arbeiten. +Hopf (2015) geht ebenfalls davon aus, dass die Epoche von +Bourdieus Arbeiten zur sozialen Ungleichheit im +Bildungswesen vor rund 50 Jahren besonders fruchtbar für +die Analyse war. Nicht nur Bourdieus eigenen Ansatz, auch +die Arbeiten zur ungleichen Behandlung der durch die +Schule belegen das in der Forschung vielfach beschriebene +Problem der »Passung« zwischen dem, was Schülerinnen +und Schüler mitbringen und dem, was die Schule erwartet. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/378.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/378.md new file mode 100644 index 0000000..6afabe8 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/378.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Basil Bernsteins Soziolinguistik + +In diesem Sinne ist auch der Bezug auf eine +Unterscheidung des Soziolinguisten Basil Bernstein (1924– +2000) immer noch aktuell, die ebenfalls bereits rund 50 +Jahre alt ist. Bernsteins Unterscheidung in einen +»restringierten« und einen »elaborierten« Sprachcode, der +die schulische Leistungsbereitschaft beeinflusst, kann als +Beispiel dienen. Bernstein war Bildungsforscher, Linguist +und Sprachsoziologe. Seine soziolinguistische Forschung +schließt an Erkenntnisse zu sozial bedingten +Ungleichheiten im Sprachgebrauch an und beschreibt die +schichtspezifische Verwendung unterschiedlicher +Sprachcodes (hierzu noch einmal in Anlehnung an +Bauer 2012, wo die Wirkung von Sprache in der Schule +beschrieben wird). +Bernstein (1972a, b, 1977) vertritt die Annahme, dass +sich bildungsnahe und bildungsferne Schichten durch ihren +Sprachcode unterscheiden. Er differenziert dabei einen +restringierten (eingeschränkten) von einem elaborierten +(erweiterten) Sprachcode. Der restringierte Sprachcode +steht für ein geringes Sprachniveau, der elaborierte für das +hohe Niveau. Bernsteins eigene Untersuchungen mit +Bildergeschichten, die von Kindern nacherzählt werden, +unterlegen diese Unterschiedlichkeit im Sprachgebrauch, +die zu einem unterschiedlichen Grad der Passung an +Sprachanforderungen in der Schule führen. Im Folgenden +zeigen dies zwei Beispiele für den »elaborierten« und +»restringierten« Sprachcode auf. + +»Drei Jungen spielen Fußball und ein Junge schießt den +Ball und er fliegt durch das Fenster der Ball zertrümmert +die Fensterscheibe und die Jungen schauen zu und ein +Mann kommt heraus und schimpft mit ihnen weil sie die +Scheibe zerbrochen haben also rennen sie fort und dann diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/379.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/379.md new file mode 100644 index 0000000..152c1c7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/379.md @@ -0,0 +1,32 @@ +schaut diese Dame aus ihrem Fenster und sie schimpft +hinter den Jungen her.« +Dieses erste Beispiel ist typisch für den »elaborierten« +Sprachcode. Die Sprache enthält eine universelle +Orientierung, ist situations-unspezifisch, verwendet +explizite Bedeutungen (auch ohne Kenntnis der Situation +verständlich), komplexere grammatikalische Strukturen, +einen komplizierten Satzbau, Nebensätze, dagegen kaum +Konjunktionen, aber viele erklärende Substantive, die den +Erzählfluss strukturieren. Wie »elaboriert« dieses +Sprachverwendung zeigt das Beispiel für den +»restringierten« Sprachcode. + +»Sie spielen Fußball und er schießt ihn und er fliegt rein +dort zertrümmert er die Scheibe und sie schauen zu und +er kommt raus und schimpft mit ihnen weil sie sie +zerbrochen haben deshalb rennen sie weg und dann sieht +sie raus und sie schimpft hinter ihnen her.« +Dieses zweite Beispiel zeigt die – nach Bernstein – +typischen Einschränkungen (Restriktionen) im +Sprachgebrauch. Eine partikulare Orientierung, das +situationsspezifische Erzählen, das auf implizite +Bedeutungen setzt (die nur aus der Situation heraus +verständlich sind), es werden einfachere grammatikalische +Strukturen verwendet, einfache und unvollständige Sätze, +Nebensätze werden selten verwendet, dafür viele +Konjunktionen und Pronomen statt Substantive. +Obwohl die Soziolinguistik in der Zeit nach Bernstein +sozial bedingte Sprachcodes differenzierter unterscheidet +(Trudgill 2000; Veith 2005), ist die Grundüberlegung +ungebrochen aktuell. Wenn Menschen einen +unterschiedlichen Sprachgebrauch bewerten, fällt sofort diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/380.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/380.md new file mode 100644 index 0000000..29b5c5e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/380.md @@ -0,0 +1,36 @@ +auf. In der Weise, wie Sprache wahrgenommen, klassifiziert +und diejenigen, die sprechen, sozial eingeordnet werden, +werden soziale Ungleichheiten sichtbar. In sozialen +Interaktionen erkennen Handelnde selbst in kleinen +Textfragmenten den Grad der Bildungsnähe ihrer +Interaktionspartner. Auch wenn heute nicht mehr im +schulischen Kontext sofort gefolgert wird, dass der +»restringierte« Code für eine Person steht, die als +unbegabt angesehen werden muss, so wird doch auf +bestimmte Merkmale der Lebenslage geschlossen, die zu +Bildungskarrieren ungleich befähigen. Für den +»restringierten« Code bedeutet dies: bildungsferne +Herkunft, Aufwachsen in einem ressourcenschwachen +Milieu. Und umgekehrt: die »elaborierte« Ausdrucksweise: +tendenziell bildungsnah, eher ein ressourcenstarkes +Herkunftsmilieu im Hintergrund, die Eltern selbst +akademisch. Diese Grundüberlegung, die heute der +Soziolinguistik zu verdanken ist, dient als +Leitunterscheidung für die Wirkung unterschiedlicher +sozialer Kontexte. +Was wäre wenn? Hip Hop als sprachliche Leitnorm in der Schule + +Diese Besonderheit der Bewertung von Sprachtypen ist +natürlich willkürlich. Sie hängt davon ab, wer Sprache und +ihre Verwendung bewertet. Wäre Hip Hop-Sprache die +Leitnorm und Capital Bra für das Bildungssystem +verantwortlich, würden Kinder aus benachteiligten +Stadtteilen vielleicht Startvorteile haben. Das System +würde sich umdrehen, und die typische Ausstattung des +»Bildungsadels« (lässige Jacketts in der Hochschule, +Funktionskleidung in der Schule) sähe auf einmal +deplatziert aus, dann sind die akademischen Curricula +Vitae (die akademischen Lebensläufe), +Auslandsaufenthalte, der bilinguale Unterricht auf der +Eliteschule, der Vater als Arzt, die Mutter als Apothekerin +gar nicht mehr so hochrangig. Sie würden nicht mehr die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/381.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/381.md new file mode 100644 index 0000000..1fa3cdd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/381.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Norm eines akademischen Habitus darstellen. Auch nicht, +dass am Wochenende einen Kurztrip nach Berlin gemacht +wird, um endlich mal die Museumsinsel besuchen zu +können. Eine Leitfrage muss darum gestellt werden. Hat +erfolgreiche Bildung immer etwas mit einem bestimmten +Bildungsideal zu tun, an dem erfolgreiche Bildungsprozesse +bemessen werden? +Diese mit dieser Frage verbundene Denkfigur ist wichtig, +sie lässt sich weiter ausformulieren. Denn: Bildungsnähe +und Bildungsferne werden von bestimmten Standards +abhängig gemacht, die nicht konstant sind, sich demnach +auch verändern. Dennoch aber wird angenommen, es +existiere so etwas wie eine Konstante des richtigen +Zugangs zu Bildung, der Bildungsaneignung und des +Umgangs mit Bildung. Das aber, was hinter diesen +Prozessen der Wahrnehmung und Bewertung von +Bildungspraktiken steckt, bleibt häufig unbemerkt. Es ist +ein Prozess der Anziehung und Abstoßung. Das, was das +Gourmetrestaurant ist, könnte auch die Schule sein. Die +einen sind habituell angepasst, die anderen nicht. +Ein weiteres Beispiel zu diesem Aspekt, der Besuch einer +Kollegin im Hochschulbereich: Der erste Blick fällt auf das +Bücherregal, am besten eine Antiquität, vornehmlich ein +Gegenstand vom Flohmarkt. Groß, sichtbar, Mittelpunkt +der Wohnung, von außen durch die Fenster auch für alle, +die nur vorbei gehen, zu erkennen. Der Fernseher so klein +wie möglich, kein Flachbildfernseher. Das gesamte +kulturelle Kapital wäre mit einem Schlag entwertet, würde +sich die Kollegin als Konsummensch entpuppen, es sei +denn, sie kann es als Interesse an der Medienforschung +ausgeben. Am besten aber noch immer gar kein Fernseher. +Den Apparat im Schrank zu verschließen, ist indes nicht +mehr modisch in den Bildungsmilieus, das wirkt spießig. +Die Küche ist der zentrale Wohnort. Man kocht gerne, kein +Fast-Food, sondern vegan oder mindestens vegetarisch. Im +akademischen Feld wird ein ganz bestimmter kultureller diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/382.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/382.md new file mode 100644 index 0000000..cdeaa89 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/382.md @@ -0,0 +1,7 @@ +Code gepflegt, sprachlich sowieso, aber auch unabhängig +davon. Hier genauer hin zu schauen, offenbart äußerst +Interessantes: Jede noch so zufällige Geste ist ein Ausweis +von bestimmten Bildungspraktiken, die nicht offen, sondern +nur verklausuliert benannt werden dürfen, wenn sie +erfolgreich wirken sollen, um kulturelles Kapital +aufzubauen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/383.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/383.md new file mode 100644 index 0000000..fe4cc8c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/383.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Kulturelles Kapital und soziale Eliminierung + +Im akademischen Feld wird auf diese Weise miteinander +konkurriert, es wird um Anerkennung gerungen. Es finden +aber auch permanent Modernisierungen statt. Wenn ein +junger Professor oder eine junge Professorin vor den +Studierenden steht und in lockerer Kleidung (kaum von der +der Studierenden zu unterscheiden) spricht, wirkt das wie +eine Liberalisierung des Bildungsfeldes. Tatsächlich ist es +aber nicht so. Die Machtmechanismen bleiben erhalten, +nur in anderer Form. Professorinnen und Professoren, die +ohne Manuskript reden können, alte Schuhe tragen, eine +Jeanshose (keine Anzughose) oder Lederjacke, halten einen +bestimmten Code ein, an den man sich zu halten hat. Es ist +ein permanentes Spiel mit Signalen, die andeuten, wo wir +jemanden einordnen. Bildungsnah oder bildungsfern, +erfolgreich im Bildungsfeld oder doch ein Mitläufer, welche +Art von Milieuzugehörigkeit liegt vor usw. +Man würde nie auf die Idee kommen, dass +Universitätsprofessoreninnen für Soziologie oder +Erziehungswissenschaften ein Auto fahren, das jünger als +zwei Jahre ist. So wird ohne Pause kategorisiert, und durch +diesen Mechanismus werden auch Schülerinnen und +Schüler eingeordnet. Der kleine Junge mit der Sporthose, +der nicht die adäquate Schulkleidung trägt, das kleine +Mädchen, das immer ihr Handy fixiert, das andere +Mädchen, das gern liest und ein Instrument spielt. Das sind +die Signale und damit verbundene Zuschreibungen, mit +denen soziale Zugehörigkeit bestimmt wird und eine +Voraussage über das getroffen, was jemand erreichen kann +(weil die soziale Laufbahn immer schon vorausgesehen +wird). +An dieser Stelle sind Sprachbarrieren in der Schule ganz +eng mit dem kulturellen Kapital verbunden, das eine +Person hat. Diejenigen Leserinnen und Leser, die aus +bildungsfernen Milieus stammen, kennen das aus ihrer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/384.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/384.md new file mode 100644 index 0000000..0823375 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/384.md @@ -0,0 +1,34 @@ +eigenen Erfahrung. Sie sprechen im schulischen und +universitären Milieu anders als im Kontext der Familie und +Freunde (und hier geht es um den Sprachcode, nicht um +die Amtssprache). Es handelt sich um einen Bruch, der sich +aus den unterschiedlichen Sprachanforderungen und +Sprachnormen ergibt. Woran diese Überlegungen – hier +einmal etwas beschleunigt – nun angeschlossen werden +sollen, ist das Motiv der sozialen »Eliminierung«. +Eliminierung ist ein analytischer Begriff der soziologisch +geprägten Ungleichheitsforschung, über den versucht wird +zu beschreiben, wie bestimmte Gruppen in bestimmen +Institutionen, zum Beispiel im Bildungswesen, aussortiert +werden. Die Kernfrage ist, wie »überleben« bestimmte +Gruppen den Konkurrenzkampf und über welche +Mechanismen werden andere »selektiert«. Die Bedeutung +des Eliminierungsbegriffes ist dabei eine doppelte: Zum +einen »Fremdeliminierung«, also Aussortierung durch +Andere, zum anderen »Selbsteliminierung«, als Form des +Aussortierens durch eigenen Verzicht. Und genau hierfür +gibt die Sprachcodeforschung viele Beispiele. Ein +bestimmter Code, eine bestimmte Art des Ausdrucks +(»Isch«, »Ey Alter«) wird fremd eliminiert. Wer so spricht, +wird abgewertet, das kommt in den Institutionen der +Bildungsvermittlung nicht an. Genau komplementär aber +funktioniert der Mechanismus der »Selbsteliminierung«. +Wenn man mit seiner Sprache nicht ankommt, wächst die +Wahrscheinlichkeit, dass man sich zurückzieht. Also auch +ohne Fremdurteil, als Ergebnis einer eigenen +Entscheidung, als Entschluss, der für alle weiteren +Handlungen vermeiden will, dass ein Gefühl von NichtAnschlussfähigkeit, von Unpassend-Sein, des +Ausgesondert-Werdens oder von Scham auftritt. +Die Mechanismen beider Formen der Eliminierung +bewirken, dass die »Eliminierten« ihre Selektion als selbstund nicht als fremdverschuldet wahrnehmen. Es ist ein +Prozess der sanften oder der schmerzlosen Eliminierung, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/385.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/385.md new file mode 100644 index 0000000..ac7e39f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/385.md @@ -0,0 +1,7 @@ +der nicht erst des generellen Ausschlusses der Unterprivilegierten aus dem Bildungswesen bedarf. Er +reproduziert jedoch mit der gleichen Wirksamkeit +Sozialhierarchien, obwohl das Prinzip formaler +Chancengleichheit existiert. Hierbei fungiert der +»Bildungsmarkt als Hauptschlachtfeld des +Klassenkampfes« (Bourdieu/Boltanski/de Saint +Martin 1981). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/386.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/386.md new file mode 100644 index 0000000..64405d6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/386.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Bildungsprozesse im Spiegel gesellschaftlicher Differenzierung + +Es wird im Folgenden noch einige Bereiche der Darstellung +geben, in denen deutlich wird, wie eng die Bereiche der +Familie, der Bildungsprozesse und der sozialen +Ungleichheiten miteinander verwoben sind. Dies darf aber +nicht den Detailblick auf die Institutionen des +Bildungswesens, die darin stattfindenden Prozesse und +Interaktionen versperren. Denn tatsächlich muss heute +Berücksichtigung finden, was sich im Laufe der +Entwicklung des Erziehungs- und Bildungssystems +verändert hat und permanent weiter verändert. +Aus den ursprünglich kleinen und überschaubaren, mit +einer breiten Palette von Erziehungs- und +Bildungsaufgaben beauftragten »Volksschulen« sind heute +hochprofessionelle Institutionen geworden, die vom +Kleinkindalter an bis in das Erwachsenenalter hinein +spezielle Angebote für Erziehung, Bildung, Weiterbildung +und Fortbildung machen. Sie unterscheiden sich vor allem +danach, welche Altersgruppe von Kindern, Jugendlichen +und Erwachsenen sie ansprechen und als Mitglieder +einbeziehen. Es lassen sich die folgenden Teilsysteme +unterscheiden: +Erziehungseinrichtungen für Kinder im Vorschulalter: +Kinderkrippen, Kindergärten, Kindertagesstätten, +Kinderhorte, Heime, Kinderfreizeiteinrichtungen +Schulen für die sechs bis sechzehn Jahre alten Kinder +und Jugendlichen: Grundschulen für die sechs bis zehn +Jahre alten Kinder, danach weiterführende Schulen bis +zum qualifizierten mittleren Schulabschluss nach neun +oder zehn Schuljahren +Oberstufen des Schulsystems mit der Qualifizierung +zum Abitur als Hochschulzugangsberechtigung, in der +Regel für die etwa siebzehn- bis neunzehnjährigen +Jugendlichen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/387.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/387.md new file mode 100644 index 0000000..c370186 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/387.md @@ -0,0 +1,32 @@ +Berufsbildung: Berufsschulen in Kombination mit +betrieblicher Ausbildung (Duales System) sowie +Vollzeitberufsschulen für die etwa Zwanzig- bis +Dreiundzwanzigjährigen +Hochschulen: Duale Hochschulen, Fachhochschulen und +Universitäten für die etwa Zwanzig- bis +Siebenundzwanzigjährigen +Fort- und Weiterbildungseinrichtungen: +Volkshochschulen, berufliche Bildungsstätten und +Berufsakademien für alle Altersgruppen, vor allem die +im Erwachsenen- und Seniorenalter. +Heute sind ca. drei Millionen Kinder in den Einrichtungen +des Vorschul- oder Elementarbereichs. Dagegen besuchen +etwa elf Millionen Kinder, Jugendliche und junge +Erwachsenen allgemeinbildende oder berufliche Schulen. +All diese Einrichtungen haben in den letzten Jahrzehnten +Schritt für Schritt immer mehr Komponenten der +Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen aus +dem Verantwortungsbereich der Familie übernommen und +– in Reaktion auf die steigenden +Qualifikationsanforderungen auch im Erwachsenenalter – +einen ständig größer werdenden Anteil der gesamten +Bevölkerung in sich aufgenommen. +Dieser Trend ist universal und global. Alle +hochentwickelten arbeitsteiligen Gesellschaften gehen mit +ihm den Weg von einer »naturwüchsigen«, von nahen +Angehörigen und Blutsverwandten (neben anderen +Alltagsaktivitäten) durchgeführten, zur gesellschaftlich +geplanten und organisierten Erziehung durch professionell +geschulte Fachleute in speziell hierfür eingerichteten +Institutionen. Allerdings lassen sich von Land zu Land +unterschiedliche Umsetzungen und Zeitpläne beobachten. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/388.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/388.md new file mode 100644 index 0000000..a0bc374 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/388.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die unterschiedliche Gewichtung der Teilsysteme + +Pädagoginnen und Pädagogen erhalten für ihre Arbeit in +den Erziehungs- und Bildungseinrichtungen eine spezielle +Ausbildung. Deutschland gehört zu den Ländern, die einen +besonders großen Unterschied zwischen den Ausbildungen +für die verschiedenen Teilsysteme machen: Erzieherinnen +und Erzieher in einer Kinderkrippe haben die kürzeste und +einfachste, Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer in +der Universität die längste und komplexeste Ausbildung. +Entsprechend differieren auch die Bezahlung und das +berufliche Prestige, also die Anerkennung des Berufes in +der Öffentlichkeit. +Damit wird ein klares gesellschaftspolitisches Signal +gesetzt: Je älter die Klientel der Bildungseinrichtungen, +desto anspruchsvoller ist die Ausbildung und desto höher +ist auch die Bezahlung der Pädagoginnen und Pädagogen. +Die für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung +grundlegende Erziehungs- und Bildungsarbeit am Beginn +des Lebenslaufs wird also schlecht bezahlt und +gesellschaftlich wenig geschätzt. Diese Arbeit wird von +dem formal am geringsten qualifizierten professionellen +Personal ausgeübt. +Diese Weichenstellung vernachlässigt die fundamentale +Erkenntnis der Sozialisationsforschung, dass grundlegende +Entwicklungsschritte in der Kindheit gemacht und alle +weiteren Ausprägungen der Persönlichkeit auf diesen +ersten Schritten aufbauen. Die meisten europäischen +Länder gehen hier andere Wege als Deutschland. In ihnen +halten sich die Kinder in diesen Einrichtungen deutlich +länger auf, meist über den gesamten Tag hinweg. Dahinter +steht zum einen die pragmatische Erkenntnis, dass viele +Eltern mit der alleinigen Erziehung ihrer Kinder +überfordert sind, zum anderen aber auch der politische +Grundsatz, jedem Kind die Möglichkeit einer persönlichen +Entwicklung auch unabhängig von der Erziehung im diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/389.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/389.md new file mode 100644 index 0000000..eb299be --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/389.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Elternhaus einzuräumen. Auf diese Weise soll die +Abhängigkeit der Leistungsentwicklung eines Kindes von +seiner sozialen Herkunft minimiert werden, um gleiche +Bürgerrechte für alle Gesellschaftsmitglieder zu sichern. +In Deutschland wird traditionell die Familie als Zentrum +des »natürlichen« sozialen Netzwerkes von Kindern +angesehen, das so weit wie möglich vor jedem staatlichen +Eingriff, auch dem des Erziehungs- und Bildungssystems, +zu verschonen ist. Damit wird der Familie und nicht dem +Staat die oberste Verantwortung für die +Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes gegeben. Im +Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wird +ausdrücklich festgelegt, dass die Pflege und Erziehung der +Kinder das »natürliche Recht« der Eltern seien. Eine solche +Verfassungsregel dürfte weltweit einmalig sein. +Die Konsequenz aus diesen Festlegungen ist, dass der +Bildungspolitik im Vergleich zur Familien- und sozialen +Sicherungspolitik (Absicherung gegen Krankheit, +Arbeitslosigkeit und Berufsunfähigkeit sowie Sicherung der +Pensionen) ein nachgeordneter Stellenwert zugesprochen +wird (Hurrelmann/Quenzel/Rathmann 2011). +Die Kooperation von Familie und Bildungssystem + +In Europa können drei Traditionen der Verbindung von +Familien- und Bildungspolitik unterschieden werden, die +von jeweils unterschiedlichen Modellen der »Wohlfahrt« für +die Bevölkerung ausgehen (Esping-Andersen 1990). +Die skandinavische Tradition ist darauf ausgerichtet, +gleich stark in die individuelle Bildung jedes einzelnen +Gesellschaftsmitglieds und in dessen Absicherung gegen +Risiken im Lebensverlauf zu investieren. Diese Tradition +eröffnet jeder Bürgerin und jedem Bürger unabhängig von +der Herkunftsfamilie einen Spielraum für die Entfaltung +eigener beruflicher Möglichkeiten, also für den +»Statuserwerb«. Gleichzeitig gewährt sie ein hohes Niveau +garantierter Lebensqualität, also eine »Statussicherung«, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/390.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/390.md new file mode 100644 index 0000000..c091210 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/390.md @@ -0,0 +1,36 @@ +für alle diejenigen, die bereits ihre Ausbildung beendet und +einen Status, vor allem einen beruflichen, innehaben. +Schweden ist ein Beispiel dafür. +Die marktorientierte angelsächsische Tradition verfolgt +einen stimulierenden Förderansatz und ist von ihrer +Grundphilosophie her ebenfalls geneigt, intensiv in die +Bildung des einzelnen Gesellschaftsmitglieds zu +investieren, damit es sich einen starken Status und eine +gute Position am Arbeitsmarkt aufbauen kann. Die +Chancengleichheit von Kindern aller Herkunftsgruppen +wird stark betont. Im weiteren Lebenslauf jedoch werden +den Bürgern zur Statussicherung nur wenige soziale +Transferleistungen zugestanden. Das gilt auch für die +Familien. Der Staat sichert ihnen zwar eine gute +Ausgangsposition zu, den weiteren Lebensweg sollen sie +aber im Wettbewerb mit anderen am Markt selbst +gestalten. Großbritannien ist maßgeblich von dieser +Tradition geprägt. +Das deutsche Modell der Wohlfahrtspolitik unterscheidet +sich von diesen Ansätzen. Es spricht der sozialen Sicherung +die eindeutig größte Bedeutung zu, und diese Sicherung +wird überwiegend über die Familie vorgenommen, indem +der »Broterwerber«, meist der berufstätige Vater, der +Empfänger von Versorgungsleistungen für alle +Familienmitglieder ist. Der öffentlichen Bildungspolitik +kommt in dieser Tradition eine eher geringere Rolle zu. Die +zugrunde liegende Wohlfahrtsvorstellung ist, dass die +Förderung des Statuserwerbs über Bildung in den ersten +Lebensjahren des Kindes eindeutig die Sache der Familien +sei. Erst ab dem sechsten Lebensjahr werden Eltern hierbei +von (Halbtags-)Schulen unterstützt. Den Familien wird +zugetraut, am besten über das Wohl ihrer Mitglieder +bestimmen zu können. +Die Unterschiede dieser drei gesellschaftspolitischen +Modelle sind deutlich. In Deutschland als Prototyp eines +»konservativen« Wohlfahrtsstaates sind die Investitionen in diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/391.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/391.md new file mode 100644 index 0000000..59861d3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/391.md @@ -0,0 +1,36 @@ +die öffentliche Bildung vergleichsweise niedrig, weil die +ganze Aufmerksamkeit des Staates darauf gerichtet ist, die +Familien als »Keimzellen« des sozialen Lebens zu stärken. +Den Familien wird so viel Verantwortung für das +Wohlbefinden ihrer Mitglieder wie möglich überlassen. +Damit verbunden ist die Absicht, das jeweilige Niveau der +Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger zu sichern, das +sie im Laufe ihres Lebens erworben haben. Entsprechend +investieren Länder wie Deutschland traditionell erheblich +mehr in die soziale Sicherung und die Familienförderung +als in die Bildung. So investieren zum Beispiel auch die +meisten anderen EU-Länder (etwa drei Viertel) einen weit +höheren Anteil an Finanzen in den Bildungssektor. Rund +sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für +Bildungsausgaben bei den europäischen Spitzenreitern +stehen etwa vier Prozent des BIP (das als Indikator für die +Wirtschaftskraft eines Landes verwendet wird) in +Deutschland gegenüber. +Dies ist der Hintergrund dafür, dass in Deutschland vor +allem im Vorschulbereich die Rolle der öffentlichen Bildung +schwach ausgeprägt ist. Im Vergleich zu den anderen +Ländern ist dadurch der Einfluss des Elternhauses auf die +gesamte Persönlichkeitsentwicklung der Kinder sehr groß. +Entsprechend bestehen große Unterschiede zwischen den +Familien, wenn es um die Förderung der Kinder und ihre +Vorbereitung auf die Schule geht. +Die Kinder in Deutschland sind sozusagen »auf Gedeih +und Verderb« auf ihre Eltern angewiesen. Sind die Eltern +erziehungskompetent, dann stimulieren sie ihr Kind und +machen es fit für die Schule (s. unten ein Beispiel zur +Erziehungsforschung von Annette Lareau im neunten +Prinzip). Sind die Eltern in dieser Hinsicht nicht +ausreichend vorbereitet, dann ist die Wahrscheinlichkeit +groß, dass ihr Kind einen schlechten Schulstart haben +wird. Erst in den letzten zehn Jahren zeigt sich ein +spürbarer Wandel, der die öffentliche Erziehung und den diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/392.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/392.md new file mode 100644 index 0000000..73d7ba4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/392.md @@ -0,0 +1,23 @@ +früheren Start in den Bildungseinrichtungen stärkt. Damit +verändert sich allmählich das konservative deutsche +Modell, das auch in anderen Bereichen wie etwa der +Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, dem Gesundheitsbereich +und der Altenpflege einen Wandel eingeleitet hat, der als +»Vermarktlichung« oder »Ökonomisierung öffentlicher +Wohlfahrt« diskutiert wird. +Nach Angaben des statistischen Bundesamtes ist die Zahl +der Privatschulen in den 25 Jahren nach dem +Schuljahr 1992/1993 um über 80 Prozent gestiegen. Es +kann heute davon ausgegangen werden, dass es nach 30 +Jahren eine Verdoppelung gegeben haben wird. Das heißt +in der Konsequenz, dass das unattraktive öffentlich +Bildungswesen private Gegenspieler bekommen hat. In +vielen Ballungsräumen mit ihren »abgehängten« +Einzugsgebieten zeigen sich die Folgen schon. Die Mittelund Oberschichten zweigen Geld ab und bezahlen +Schulgeld. Dafür bekommen sie eine Schulausbildung für +ihre Kinder, der sich von der mageren Bilanz überlasteter +öffentlichen Schulen absetzt. Durch diese allmähliche +Verschiebung von öffentlich zu privat verlieren die +öffentlichen Schulen ihre ambitionierte Schülerschaft und +machen den privaten Schulsektor ebenso schleichend +attraktiver. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/393.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/393.md new file mode 100644 index 0000000..3135fe1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/393.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Der Aufbau des deutschen Bildungssystems + +Auch ohne diesen Aufbau einer Parallelstruktur der +Privatschulen neben dem öffentlichen Schulsektor besitzt +das deutsche Schulwesen eine Besonderheit. Es ist von fast +allen internationalen Bildungssystemen darin +unterschieden, dass die Bildungslaufbahnen sehr früh +getrennt werden. Nach der Grundschulzeit (in den meisten +Bundesländern nach dem vierten Schuljahr) werden die +Schülerinnen und Schüler in das mehrgliedrige +Schulsystem entlassen, dass immer noch sehr deutlich +durch die frühe Auffächerung in die einfache, mittlere und +gehobene Bildung getrennt ist. +Viele Differenzierungen tragen dem Umstand Rechnung, +dass sich die Bildungsgänge in den 16 Bundesländern +mitunter sehr deutlich unterscheiden. So sind Haupt- und +Realschulen nur noch in einer Minderheit der +Bundesländer in nennenswerter Zahl vertreten. Dennoch +weht der »Geist« der alten Dreigliedrigkeit (Hauptschule, +Realschule und Gymnasium) in Deutschland weiter. Trotz +der internationalen Entwicklung in die Richtung des +gemeinsamen Lernens und trotz der Parallelwelt eines +deutschen Schulsystems in der DDR, haben sich alte +Strukturen behauptet. Dies hat natürlich auch mit der +schwierigen Steuerung des Bildungswesens zu tun, weil +Kultusanagelegenheiten (zu denen der Bildungssektor +gehört) in der Hoheit der Bundesländer verbleiben und +damit immer auch von den multiplen Vorstellungen +unterschiedlicher Bundeslandregierungen und politischer +Konstellationen abhängen. +Heute kann man sagen, dass das deutsche +Bildungssystem so etwas wie ein »natürliches Labor« in der +internationalen Bildungslandschaft ist. Es ist so besonders, +dass sogar viel daraus gelernt werden kann. Dabei ist es ist +nicht nur so, dass alle diejenigen, die in diesem System +tätig sind (Lehrende wie Lernende) gar nicht bemerken, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/394.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/394.md new file mode 100644 index 0000000..2c4c9ba --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/394.md @@ -0,0 +1,36 @@ +wie »sonderbar« unsere Rolle ist. Ein Beispiel dazu: Der +Anteil der schulischen Absolventinnen und Absolventen mit +Abitur ist inzwischen auf einen Wert von rund 40 Prozent +im Bundesdurchschnitt gestiegen. In der allgemeinen +Wahrnehmung wird dies als »Abiturschwemme« +empfunden. Und es gibt nicht wenige, die fragen, wohin +sollen denn all diese Absolventinnen und Absolventen +einmal vermittelt werden? +Tatsächlich aber ist die deutsche Abiturquote ein +Sonderfall im internationalen Vergleich. Nicht, weil sie +besonders hoch, sondern weil sie immer noch so niedrig ist. +Denn obwohl in den mit Deutschland vergleichbaren +Ländern, also den hoch entwickelten +Dienstleistungsökonomien, eine Abiturquote von über 70 +Prozent normal ist und mitunter auch über 80 Prozent +eines Jahrgangs die Hochschulzugangsberechtigung +erwerben, überwiegt in Deutschland die Vorstellung, dass +nur eine Minderheit studieren sollte. Vielleicht ist das ein +Überbleibsel des alten Denkens, das darin besteht, nur der +sozialen Elite den Zugang zum Gymnasium zu gewähren? +Nichtsdestotrotz lässt die deutsche Bildungslandschaft +noch eine weitere Besonderheit erkennen. Nämlich der +Blick auf das, was nach dem Abitur oder parallel dazu +erfolgt. Dies ist der Weiterbildungs- und der berufliche +Bildungsbereich, der Bereich der nachholenden Bildung, +was zusammengenommen auch als zweiter und dritter +Bildungsweg bezeichnet wird. Auf diese Möglichkeiten, +sich nachträglich zu qualifizieren und zwar mehrfach und +bis zum Ziel der Hochschulzugangsberechtigung verzichten +die meisten anderen Länder. Wir sprechen hier von der +berühmten »zweiten Chance« des deutschen +Bildungssystems, die im internationalen Vergleich ebenfalls +fast einzigartig ist und die eine enorme soziale Mobilität +(also vor allem soziale Aufstiegsprozesse) auch dann noch +zulässt, wenn die Chance auf das Abitur verpasst wurde +(hierzu Groh-Samberg et al. 2012). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/395.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/395.md new file mode 100644 index 0000000..7c045ed --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/395.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Bildungsbilanzen und Bildungsvergleiche + +Es lohnt sich, noch einmal den Blick von der bloßen +Struktur zu den Erträgen im deutschen Bildungssystem zu +verschieben. Im internationalen Vergleich sind die +Bildungserfolge nicht so gut wie sie für ein rohstoffarmes, +von seinem technischen Fortschritt abhängiges Land wie +Deutschland erwartet werden könnte. Eine empirisch gut +abgesicherte Möglichkeit, die Bildungsbilanzen +unterschiedlicher Länder zu vergleichen, bieten die +Schulleistungsstudien des »Programme for International +Student Assessment« (PISA). Die Organisation für +wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) +führt mit PISA detaillierte Analysen der Kompetenz +fünfzehnjähriger Schülerinnen und Schüler durch und +misst den Einfluss des sozioökonomischen Status auf ihren +Bildungserfolg. Damit lässt sich das Leistungsniveau der +Schülerschaft ebenso wie die Leistungsungleichheit nach +sozialer Herkunft feststellen – und zwar von Beginn der +Messungen an (Deutsches PISA-Konsortium 2002). Die +Kritik an den PISA-Studien, die rund 20 Jahren +durchgeführt wurden, ist unüberhörbar geworden. Darum +auch sollten die Ergebnisse sehr vorsichtig interpretiert +werden. +Grundsätzlich kann aus den vorliegen Erkenntnissen aus +internationalen Vergleichsstudien gefolgert werden, dass +die skandinavischen Länder beim Mittelwert der +Leistungen fast durchgängig am besten abschneiden. +Zugleich ist in diesen Ländern der Einfluss der sozialen +Herkunft auf die Schulleistungen am geringsten. Die +ausgewogene Familien- und Bildungspolitik dieser Länder +führt dazu, dass sie im Vergleich das höchste +Leistungsniveau der Schülerschaft und zugleich die +geringste Leistungsungleichheit nach familiärem +Hintergrund der Schülerinnen und Schüler erreichen. +Großbritannien als marktwirtschaftlich geprägtes Land diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/396.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/396.md new file mode 100644 index 0000000..9e018cd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/396.md @@ -0,0 +1,36 @@ +schneidet im Vergleich schlechter ab, weil nach der +Förderung gleicher Startbedingungen die weitere +Absicherung der Berufslaufbahnen ausbleibt. +Für Deutschland ist die Bilanz gespalten. In der Regel +schneidet Deutschland bezüglich des durchschnittlichen +Leistungsniveaus in den Naturwissenschaften, Mathematik +sowie im Lesen und Schreiben durchschnittlich bis leicht +überdurchschnittlich ab (nach einer Steigerung bis 2015 +sind die Leistungen im internationalen Vergleich aber +wieder rückläufig). Zugleich weist Deutschland im +Vergleich aller teilnehmenden Länder eine sehr hohe Quote +der Leistungsunterscheide auf, die durch +Herkunftsungleichheiten bedingt sind. In kaum einem +anderen Land mit einer hohen Produktivkraft sind +Leistungsunterschiede im Bildungswesen so stark von der +sozialen Herkunft, also den Erziehungsimpulsen des +Elternhauses, abhängig. Diese Unterschiede ziehen sich +durch das gesamte Bildungssystem und sind bis in die +Hochschulbildung hinein zu identifizieren (Becker 2016). +Kombinationen aus familiärer und öffentlicher Erziehung + +An Ergebnissen wie diesen, die durch zahlreiche andere +Untersuchungen bestätigt werden, lässt sich ablesen, dass +sich das Fehlen eines frühen und zeitlich ausgedehnten +Besuchs von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen +ungünstig auf die Leistungsfähigkeit der Kinder und +Jugendlichen auswirkt. Kinder, die lange unterschiedlich +gefördert werden, haben den genannten Vorsprung bzw. +Rückstand in einem 100 m-Lauf. Die wichtigste +Schlussfolgerung ist darum, auch in Deutschland die Eltern +darin zu unterstützen, schon im Vorschulalter ihrer Kinder +eine Kooperation mit den öffentlichen Erziehungs- und +Bildungsinstitutionen im Sinne einer +Erziehungspartnerschaft einzugehen. Umgekehrt sollte das +Fachpersonal so geschult werden, dass es sensibel auf die +Wünsche und Bedürfnisse der Eltern eingehen und sie an diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/397.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/397.md new file mode 100644 index 0000000..ee28ab3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/397.md @@ -0,0 +1,35 @@ +der Konzeption von pädagogischen Programmen beteiligen +kann (Fried/Roux 2006). In der Fachsprache wird hier von +einer »Geh-Struktur« der Bildungsangebote gesprochen. +Wenn die Grenzen der Teilnahme derjenigen Familien +erreicht ist, die höhere Bedarfe haben, dann müssen sich +Erziehungs- und Bildungssysteme selbst auf den Weg +machen, nicht mehr auf die auf sie »zukommenden« Eltern +warten, sondern selbstständig auf die Bedarfe dieser +Gruppen »zugehen«. +Für die Bildungsbilanz der Kinder zahlt es sich aus, +Eltern bei der Förderung der Bildung ihrer Kinder nicht +allein zu lassen, sondern sie öffentlich zu unterstützen. +Dazu gehören ausreichende und qualitätsvolle Angebote +von Kinderkrippen, Kindertagesstätten und Kindergärten +mit einem gut strukturierten und rhythmisierten +Ganztagsbetrieb. Erfahren die Eltern hierdurch Entlastung, +können sie sich viel besser auf ihre eigenen Fähigkeiten +der persönlichen und emotionalen Stärkung der Kinder +konzentrieren. Sie erleben die öffentlichen Einrichtungen +als unterstützende Miterzieher, als Verbündete bei der +Sicherung des Wohls der Kinder. +Pädagogisch gut konzipierte Kindergärten mit +professionell ausgebildeten Fachkräften erweisen sich +nicht nur als wertvolle und notwendige Ergänzung der +familiären Erziehung, sondern als Sozialisationsinstanzen, +die Kinder bei der Erschließung der gesamten sozialen und +physischen Umwelt unterstützen und damit auch +Kompetenzen für die schulische Bildung fördern. Sie +können zudem bei der sozialen Integration von +Nachbarschaften eine wichtige Rolle spielen, indem sie +Kontakte zwischen den Kindern aus Zuwanderer- und +einheimischen Familien und ihren Eltern stiften, die Eltern +aus eigener Initiative nicht herstellen könnten. +Für die sehr kleinen Familien, insbesondere die EinEltern- und die Ein-Kind-Familien, können im Kindergarten +durch soziale Gruppenarbeit Lernfelder für Solidarität und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/398.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/398.md new file mode 100644 index 0000000..11bde77 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/398.md @@ -0,0 +1,35 @@ +soziale Verantwortung eröffnet werden, die inhaltlich +wichtige Ergänzungen zur Familienerziehung darstellen. +Kinder können sich als Teil einer +altersgruppenübergreifenden Gemeinschaft erleben und +aktive Rollen in der Gestaltung ihres Wohnumfeldes +übernehmen. Diese Entwicklung kann dadurch unterstützt +werden, dass familienbezogene Beratung, psychologische +Hilfe und medizinische Betreuung in den Kindergarten +integriert werden. Hierdurch können Kindergärten für die +Familien mit Vorschulkindern zu Nachbarschaftszentren +werden, über die viele Kontakte und Informationen laufen. +Ein gemeindeorientierter Kindergarten ermöglicht es +Kindern, sich die Kompetenz anzueignen, erste Schritte in +den öffentlichen Raum zu machen und mit der Erweiterung +ihres sozialen Aktionsradius Kontakte zu erschließen, die +über die in der Familie hinausgehen. Wenn Eltern laut +Grundgesetz eine Schlüsselrolle für die Förderung der +Kinder eingeräumt bekommen, dann müssen sie also auch +in die Lage versetzt werden, sie kompetent auszufüllen. +Nach Abschluss des Kindergartens beginnt für alle +Kinder in den meisten Gesellschaften der gesetzlich +verpflichtende Schulbesuch. Der Kindergarten hat die +Aufgabe, den Sozialisationsprozess der ersten fünf bis +sechs Lebensjahre zusammen mit den Eltern zu gestalten +und die Kinder auf den Übergang in die Schule +vorzubereiten. Mit der Schule beginnt dann der Ernst der +Bildungsqualifizierung. +Die vier Ebenen der Sozialisation in der Schule + +Der Übergang von der Erziehungsinstitution Kindergarten +in die Bildungsinstitution Schule ist aus diesem Grund in +den meisten Gesellschaften ein Wechsel zwischen zwei +sozialen Welten, die sich in ihren Umgangsformen und +Arbeitsweisen deutlich unterscheiden (hierzu bereits +Hurrelmann 1975 und aktuell Graßhoff et al. 2013). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/399.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/399.md new file mode 100644 index 0000000..cec0847 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/399.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Die sozialen Rollenbeziehungen in der Schule lassen sich +idealtypisch veranschaulichen. Es existieren viele stabile +Faktoren im System Schule: Sie hat als Teil des +organisierten Bildungswesens eine Schulaufsicht, die +staatliche Vorgaben umsetzt. Diese werden von der +Schulleitung aufgenommen, die für die Steuerung aller +Abläufe innerhalb der Schule zuständig ist. Die eigentliche +Bildungsarbeit erfolgt in den Schulklassen, in denen jeweils +professionelle Pädagoginnen und Pädagogen (also zumeist +ausgebildete Lehrkräfte) einer größeren Gruppe von +Schülerinnen und Schülern zugeordnet ist. Die Lehrkraft +ist von den Vorgaben der Schulleitung abhängig und richtet +das Handeln an Lehrplänen und Leistungstests aus, die +feste Lernziele und oft auch spezielle Arbeitsformen zum +Erreichen der Lernziele vorgeben. +Die Lehrkraft baut zur Gesamtgruppe der Schülerinnen +und Schüler ebenso eine Beziehung auf. Die Schülerinnen +und Schüler bilden als Kollektiv ein soziales Untersystem +(»Schüler*innensystem«), in dem viele Interaktionen +ablaufen, und sie sind auch in kleineren Netzwerken +miteinander verbunden, die freundschaftlichen Charakter +haben können (»Schüler*innenbeziehungen«). Insgesamt +ergibt sich hieraus ein vielschichtiges Geflecht von +Beziehungen und Einflussnahmen. Die Schule übt ihre +Bildungs- und Sozialisationsfunktion auf vier verschiedenen +Ebenen aus: +1. Direkte Person-zu-Person-Beziehung zwischen +Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern: Pädagoginnen +und Pädagogen interagieren mit den Kindern und +Jugendlichen der jeweiligen Schulklasse, um das +Wissen, die Einstellungen und die +Verhaltensdispositionen zu beeinflussen. +2. Beziehung zwischen Lehrkräften und dem gesamten +Kollektiv der Schülerinnen und Schüler: Lehrkräfte +müssen immer die Interessen und Bedürfnisse der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/400.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/400.md new file mode 100644 index 0000000..ae76ddb --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/400.md @@ -0,0 +1,35 @@ +gesamten Gruppe berücksichtigen, wenn sie eine +gestaltende Rolle beibehalten wollen. Daraus ergeben +sich Grenzen für die Intensität der persönlichen +Beziehung zu einzelnen Schülerinnen und Schülern und +somit auch für die persönliche Förderung. +3. Schüler*innenschaft untereinander: Die Sozialisation in +einer Schule ist nicht nur durch die jeweiligen +persönlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen der +Lehrkräfte, sondern auch durch die übrigen Mitglieder +der Schüler*innenschaft beeinflusst. Das Kollektiv der +Schüler*innenschaft übt Sozialisationsfunktionen aus. +Der Anpassungsdruck der Mitschüler als direkte +»peers« (den meist gleichaltrigen Bezugsgruppen) kann +in manchen Phasen des Schullebens mehr Einfluss +ausüben, als es die von den Lehrkräften ausgehenden +Impulse vermögen. +4. Organisationsstruktur: Die Bildungseinrichtung Schule +ist eine große und komplexe Organisation mit formal +festgelegten Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. +Diese Organisationsstruktur wirkt auf die +Verhaltensweisen aller Menschen ein, die sich in der +Schule aufhalten. Sie schafft bestimmte +Verhaltensspielräume für die Pädagoginnen und +Pädagogen und ebenso für die Schülerinnen und +Schüler und legt damit Einstellungen und Normen fest, +die sich in Spannung oder sogar Widerspruch zu denen +befinden können, die vom Pädagogen in der direkten +Beziehung angestrebt werden. Kurz: Die Schule als +Institution erzieht. +Auf diesen vier Ebenen übt die Schule als +Bildungsinstitution ihre Sozialisationsfunktionen aus. +Durch den spezifischen Zuschnitt ihrer Beziehungs- und +Organisationsstruktur kann die Schule eine +Sozialisationsfunktionen wahrnehmen, die wiederum +unterschiedliche Dimensionen unterscheidet. Wir folgen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/401.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/401.md new file mode 100644 index 0000000..614f60c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/401.md @@ -0,0 +1,33 @@ +hierzu einmal der analytischen Differenzierung, die der +österreichische Pädagoge Helmut Fend (geb. 1940) +vornimmt. Er unterscheidet hierbei vier Dimensionen bzw. +Aufgaben der Schule als Sozialisationsinstanz (hierzu +Fend 2008): +1. Die Funktion der Leistungsorientierung: Die erste +Funktion der Einführung in die vorherrschenden +gesellschaftlichen Werte der Leistungsorientierung +wäre der Sozialisationsinstanz Familie nicht möglich, +weil sie zu sehr auf harmonischen und gefühlsmäßigen +persönlichen Beziehungen aufbaut. In der Schule aber +sind die Beziehungen rollenbetonter und distanzierter. +Hier werden vom ersten Tag an Leistungen unter +Wettbewerbsbedingungen gefordert und mit Zensuren +und Zeugnissen sowie permanentem Loben und Tadeln +bewertet und eingestuft. Auf diese Weise wird den +Kindern vermittelt, wie man in einer Gruppe einen +sozialen Status erwirbt und verteidigt. Sie lernen +zugleich nachzuvollziehen, dass allein die individuelle +Leistung nach vorab definierten Kriterien der +Ausgangspunkt für den Erwerb eines Status ist, und +werden darin eingeübt, einen gerechten Wettbewerb +durchzuhalten und die Ergebnisse als legitim +hinzunehmen. +Damit wird über die schulische Sozialisation der +gesellschaftliche Wert der Chancengleichheit vermittelt. +Da formal alle Kinder die gleiche Ausgangssituation +haben, werden hiermit zugleich die ungleichen +Leistungsergebnisse legitimiert, besonders bei +denjenigen, die schlecht abgeschnitten haben und +deshalb zu den Verlierern im Wettbewerb gehören. +1. Die Funktion der Selektion: Hieraus ergibt sich die +zweite Sozialisationsfunktion, die Vorbereitung und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/402.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/402.md new file mode 100644 index 0000000..56c6a13 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/402.md @@ -0,0 +1,34 @@ +»soziale Sortierung« (Selektion) der Schülerinnen und +Schüler für spätere gesellschaftliche Positionen. Die +Schule vergibt Zeugnisse und Abschlusszertifikate, die +Zugangsvoraussetzungen für nachfolgende +Ausbildungseinrichtungen und spätere Berufspositionen +sind. Durch diese Vorgehensweise bildet sie über die +Rollenstrukturen und Verhaltensanforderungen +bestimmte Persönlichkeitsmerkmale der Schülerinnen +und Schüler heraus und klassifiziert diese Merkmale +zugleich nach Kriterien der Wettbewerbsgesellschaft als +mehr oder weniger wertvoll für künftige berufliche +Karrieren. +Die schulische Leistungsfähigkeit ist in den +hochentwickelten Ländern zur strukturell wichtigsten +Basis für das berufliche Fortkommen geworden. Das gilt +besonders stark in solchen Gesellschaften, die wie +Deutschland von einem formalen Laufbahnprinzip, also +von klaren Berechtigungen für den Eintritt in bestimmte +Berufslaufbahnen ausgehen. Eine gute Schulausbildung +mit einem hochwertigen Abschluss ist eine notwendige, +aber noch keine hinreichende Voraussetzung für einen +sicheren und hohen Berufsstatus. Weil immer mehr +Angehörige eines Jahrgangs hohe Abschlüsse erwerben, +kommt der Qualität der sich anschließenden beruflichen +oder hochschulischen Ausbildung eine zunehmend +wichtige Rolle im Statuswettbewerb zu. +1. Die Funktion der Vermittlung von sozialen +Umgangsformen: Schulen übernehmen drittens die +Sozialisationsfunktion der Vermittlung der in der +Gesellschaft vorherrschenden sozialen Umgangsformen. +Als gesellschaftlich autorisierte Bildungseinrichtungen +sind sie bemüht, durch geplante und gesteuerte Impulse +ihres professionellen Personals die +Persönlichkeitsentwicklung ihrer »Klient*innen« gezielt diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/403.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/403.md new file mode 100644 index 0000000..d0dd41d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/403.md @@ -0,0 +1,34 @@ +zu beeinflussen. Die pädagogischen Fachkräfte und ihre +Klient*innen sind Inhaber sich ergänzender sozialer +Rollen. Sie verrichten mithin gemeinsam eine +inhaltliche pädagogische und eine kommunikative +Beziehungsarbeit, die auf die Förderung einer +selbstständigen und leistungsfähigen +Lernpersönlichkeit zielt. Man kann bildhaft von einer +»sozialisatorischen Ko-Produktion« der Persönlichkeit +durch die Schule sprechen. +Schulen stellen einen gesellschaftlichen Mikrokosmos +dar, der einige der wesentlichen Komponenten der +Makrogesellschaft repräsentiert. Sie sind in diesem Sinne +Bestandteil der äußeren Realität. Sie erziehen und bilden +das Klientel der Schüler*innen nicht nur in ihrer +Eigenschaft als sozialer Arbeits- und Erfahrungsraum, +sondern auch als gesellschaftlich organisierte +Bildungsinstanz. Der Organisationszweck der +Bildungseinrichtung Schule besteht darin, die produktive +Auseinandersetzung der Kinder und Jugendlichen mit +ihrer inneren und äußeren Realität zu stimulieren und +ihnen dadurch die Aneignung von Körper und Psyche +ebenso wie von sozialer und räumlicher Umwelt zu +ermöglichen. Die Schule bietet Orientierungen für die +Auseinandersetzung mit der inneren und der äußeren +Realität an. Sie vermittelt Informationen und Wissen zur +Bewältigung der Entwicklungsaufgaben. +Die Schülerinnen und Schüler bauen sich in der Schule +ihre eigene soziale Kontaktwelt mit festen Ritualen und +Bedeutungen auf, die sie vor den Lehrerinnen und Lehrer +abzuschirmen versuchen. Entsprechend üben die +Kontakte der Schülerinnen und Schüler untereinander +eine starke Sozialisationswirkung aus und können die von +den Lehrkräften gesetzten Impulse je nach Ausrichtung +verstärken oder konterkarieren. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/404.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/404.md new file mode 100644 index 0000000..f187a47 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/404.md @@ -0,0 +1,35 @@ +1. Die Funktion der Vermittlung von Wissen und +Fertigkeiten: Schließlich lässt sich die +Sozialisationsfunktion der Wissens- und +Kompetenzvermittlung identifizieren. Die Vermittlung +von Fertigkeiten zur Analyse fachlicher +Zusammenhänge ist dabei nicht nur von den konkreten +Inhalten abhängig, sondern auch von der Art und Weise +der Vermittlung und Präsentation dieser Inhalte durch +die Lehrkräfte. Im Unterricht eignen sich Schülerinnen +und Schüler nicht nur Wissensbestände und Methoden +an, sondern lernen zugleich, wie man sich mit den +Anweisungen und Eigenarten der Lehrkräfte +arrangieren kann, dass die zu erbringenden Leistungen +innerhalb von bestimmten Zeitabschnitten erledigt sein +müssen und wie durch Allianzen mit anderen +Schüler*innen die Kriterien für die +Leistungsbeurteilung durch Lehrkräfte beeinflusst +werden können. +Individueller und gesellschaftlicher Nutzen von Bildung + +Die fachliche und pädagogische Ausbildung der Lehrkräfte +spielt eine große Rolle für ihre Kompetenz bei der +Gestaltung der Interaktion in den pädagogischen Settings +und der Vermittlung von Lern- und Unterrichtsinhalten. +Das gilt besonders in den heutigen Zeiten, in denen schnell +und einfach auf interaktive Informations- und +Kommunikationsmedien zugegriffen werden kann. Die +ideale Rolle der Lehrkräfte ist in dieser Hinsicht die von +Moderatorinnen und Moderatoren für selbst organisierte +Lernprozesse. Je mehr Bildungs-Selbstmanagement diese +betreiben können, desto besser fällt ihre Lernbilanz aus. +Das Konzept des zuvor erörterten Zieldreiecks der +Erziehung im sechsten Prinzip lässt sich in Ansätzen auch +auf die Schule übertragen, denn auch das Handeln von +Lehrkräften ist im Idealfall durch die ausgewogene diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/405.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/405.md new file mode 100644 index 0000000..bc19741 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/405.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Kombination von Anerkennung, Anregung und Anleitung +gekennzeichnet. Man kann in diesem Sinne von einem +Zieldreieck der pädagogischen Beziehungen sprechen. Eine +autoritäre, permissive, vernachlässigende oder +überbehütende Beziehungsgestaltung ist auch in den +organisierten Bildungseinrichtungen nicht zielführend. +Die differenzierten Blickwinkel, aus denen Bildungs- und +Erziehungsprozesse bisher thematisiert wurden, machen +deutlich, dass unterschiedliche Blickwinkel auf die +Bereiche Erziehung und Bildung und ihre individuellen und +gesellschaftlichen Funktionen existieren. Die Theorie von +Bourdieu zum Beispiel sieht Schule und Bildung fast +durchgehend als Wettbewerb, bei dem die Frage der +Produktion und Reproduktion von Ungleichheiten im +Mittelpunkt steht. Fends Ansatz dagegen ist +beschreibender und versucht die Breite dessen in Blick zu +nehmen, was in den pädagogischen Settings passiert. Diese +Unterschiedlichkeit der Perspektiven wird durch andere +Blickwinkel noch ergänzt. +Bildung wird gemeinhin als Grundlage für den +materiellen Wohlstand und die wirtschaftliche und +politische Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft angesehen. +Ohne ein leistungsfähiges Erziehungs- und Bildungssystem, +das Wissen und Kompetenzen vermittelt und die für das +Fortbestehen von Wirtschaft und Gesellschaft bedeutsamen +Informationen und Wissensbestände auswählt, sind +komplexe Informations- und Wissensgesellschaften nicht +mehr handlungsfähig (Stehr 1994; Bittlingmayer 2005). +Angesichts der riesigen Fülle von Informationen kommt +dem Bildungssystem dabei immer mehr die Aufgabe der +Strukturierung und Gewichtung von Informationen nach +ihrem Wissensgehalt und ihrer Bedeutung für die +Entwicklung der Persönlichkeit zu. +Historisch gesehen wird ein hohes Maß an Bildung als +Zielsetzung des Sozialisationsprozesses verstanden, um +individuelle Autonomie und Freiheiten zu gewährleisten. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/406.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/406.md new file mode 100644 index 0000000..b1ce255 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/406.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Dieses Bildungsverständnis hat auf den ersten Blick mit +dem heutigen Charakter einer pragmatisch und +funktionalistisch ausgerichteten Bildung relativ wenig zu +tun. Tatsächlich aber ist der Wert von Bildung offenbar +nicht unmittelbar mit den Lerninhalten verbunden, +vielmehr steht das Ergebnis einer Bildungslaufbahn im +Mittelpunkt. Ein hoher Bildungsabschluss ist ein Kapital, +das in gesellschaftlichen Verteilungskämpfen eingesetzt +wird. Autonomie und Freiheit bedeuten in dieser Hinsicht, +dass die Stufenleiter emporgestiegen werden kann. Oben +angekommen sind die Tätigkeiten weniger fremdbestimmt, +die Gratifikation als Gehalt ist umfangreicher und +Anerkennung und Autonomie der Lebensführung sind +leichter zu erlangen. +Sozialisation in der Hochschule und beruflichen Bildung + +Angesichts dieser Tendenzen ist in allen hochentwickelten +Gesellschaften ein Trend zur Hochqualifizierung zu +erkennen, der sich insbesondere in dem wachsenden Anteil +von Studierenden im Hochschulsystem ausdrückt. +Deutschland ist – wie bereits argumentiert – im +internationalen Vergleich eher ein Schlusslicht und die +akademische Bildung an Hochschulen ist noch kein +dominierendes Muster. Angelsächsische Länder wie die +USA und Australien, aber auch die skandinavischen Länder +kennen weit höhere Quoten, die im Durchschnitt um die 70 +Prozent liegen (OECD 2010, S. 56). +Ungefähr eine halbe Million Jugendliche nimmt jährlich +ein Hochschulstudium neu auf. Pro Jahr wandern aber auch +ca. eine Million Jugendliche in einen Bildungsgang +innerhalb des beruflichen Ausbildungssystems. Dobischat +und Düsseldorff (2015, S. 469) rahmen diese Zahlen, indem +sie den Charakter der an die Schulbildung anschließenden +Bildungsetappen erörtern: »Der Auftrag der institutionellen +Akteure ist dabei nicht allein, fachliches Wissen und +berufliche Kompetenzen zu vermitteln, sondern sie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/407.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/407.md new file mode 100644 index 0000000..638006f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/407.md @@ -0,0 +1,36 @@ +repräsentieren zugleich ein relevantes Erfahrungsterrain +für die individuelle Entwicklung und Entfaltung, das nicht +nur in direkter Abhängigkeit von der umgebenden sozialen +Lebenswelt steht, sondern von vorgelagerten familial oder +schulisch geprägten Sozialisationserfahrungen unterlegt +ist.« +Im Unterschied zur beruflichen Bildung sind die +Bildungsimpulse an Hochschulen systematischer und +theoretischer Natur. Schaut auf man auf die +Entstehungsgeschichte der beruflichen Bildung, war diese +Abgrenzung wahrscheinlich auch ein wesentliches Ziel der +Vorbereitung auf praktische Tätigkeiten im Berufsfeld. +Dobischat und Düsseldorff (2015, S. 473 f.) führen hierzu +weiter aus: »Historisch betrachtet war die Berufsbildung +und ihre sukzessive Institutionalisierung ein im 18. +Jahrhundert beginnender und dauerhafter Prozess der +sekundären Sozialisation. Es ging darum, die +Sozialisationsfunktion der handwerklichen Ausbildung der +Ständegesellschaft qualifikatorisch den sich entwickelnden +Produktivkräften schrittweise anzupassen (18. +Jahrhundert), dabei eine Identifikationsbasis für das in der +Entstehung begriffene System industriell-gewerblicher +Arbeitsmärkte in der Phase der Protoindustrialisierung (ab +den 1830er Jahren) zu schaffen und später die in der Phase +der Hochindustrialisierung diagnostizierte Erziehungslücke +bei männlichen Jugendlichen der Unterschicht an der +Übergangszone zwischen Volksschulentlassung und +Militärdienst zu schließen, um die Transformation einer +traditionell handwerklich und merkantilistisch verfassten +zu einer bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu +flankieren und Integrations- und Identifikationsleistungen +für die herrschenden politischen Machtverhältnisse zu +vollbringen.« +Im Unterschied dazu sind die formalen +Rahmenbedingungen für die Sozialisation in Hochschulen +mit denen in allgemeinbildenden Schulen eher diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/408.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/408.md new file mode 100644 index 0000000..cc03010 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/408.md @@ -0,0 +1,33 @@ +vergleichbar. Effekte für die Persönlichkeitsentwicklung +entstehen durch die direkte Interaktion mit dem +professionellen Ausbildungspersonal, parallel dazu aber +auch durch die institutionellen und räumlichen +Gegebenheiten einschließlich der nicht geplanten und +curricular fixierten Impulse, die von den +Mitauszubildenden gesetzt werden. Zwischen +verschiedenen Hochschulen und ihren jeweiligen +Fachbereichen bestehen deutliche Unterschiede in der +Ausprägung von Lernanforderungen, Partizipations- und +Kommunikationsstilen, Arbeitsformen, überfachlicher +Orientierung und Praxisbezügen. Entsprechend prägen +sich Einstellungen und Lebensstile, Routinen in der +Entwicklung von Problemwahrnehmungen, +Lösungsperspektiven und Arbeitstechniken aus, die zum +Beispiel Kunststudierende von Maschinenbaustudierenden +nachhaltig unterscheiden. +Wegen der anwachsenden Bedeutung von systematischer +Reflexion und komplexer Kombination im beruflichen +Alltagsleben sowie der gleichzeitigen Zunahme von +Kommunikations- und Moderationskompetenzen gewinnt in +den letzten Jahren die theoretische, eng an +wissenschaftlichem Arbeiten ausgerichtete akademische +Komponente der Hochschulausbildung im tertiären Sektor +des Bildungssystems immer mehr an Gewicht. Um den +Berufsbezug dennoch sicherzustellen, werden bestimmte +Komponenten der beruflichen Ausbildung als +Studienleistungen im akademischen Betrieb anerkannt. +Außerdem werden zunehmend Studienangebote +unterbreitet, die praktische Trainingseinheiten in die +wissenschaftliche Schulung einbeziehen. In Deutschland +gehören die Dualen Hochschulen dazu, die ein Studium mit +der praktischen beruflichen Ausbildung verbinden. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/409.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/409.md new file mode 100644 index 0000000..31b0d0b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/409.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Sozialisation in Arbeit und Beruf + +Mit dem Eintritt in den Beruf ergeben sich Veränderungen +von Handlungskompetenzen und Selbstdefinitionen. Im +Rahmen der betrieblichen Arbeit werden unter +Ergebnisdruck neue Einschätzungen der weiteren +beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und +Karriereperspektiven aufgebaut. Die während der +Ausbildung entwickelten Vorstellungen müssen nun auf die +vorgefundenen Bedingungen abgestellt werden, was häufig +zu schmerzlichen Korrekturen führt. Dies kann in einen +Prozess der »Abkühlung« hochfliegender Karrierepläne +oder alternativ in ein »Aufschaukeln« von Ehrgeiz und +Motivation münden (hierzu bereits Heinz 1991). Dabei ist +der Übergang vom Bildungs- in den beruflichen Sektor ein +zentraler Sozialisationsvorgang, der auf eine Angleichung +oder Passung ausgerichtet ist: »Passung ist dabei +herzustellen im Hinblick auf die Verkehrsformen, mit denen +Menschen ihre Reproduktion betreiben (wesentlich: +Sprache, Kompetenzen, Qualifikationen, Wissen, mentale +Muster, Handhabungs- und Gestaltungspraktiken, +Reflexivität). In den Verkehrsformen drücken sich ihre +Beziehungen zur übrigen Natur und zu anderen Menschen +als Arbeit aus. Insofern äußert sich in den Verkehrsformen +das Leben als produzierendes und gestaltendes +gesellschaftliches Sein und als wechselseitiger Austausch +von Aktivitäten und Kommunikation.« (Huisinger 2015, S. +492) +Nicht nur dieser Laufbahn- und Passungseffekt mit +seinem biografischen Stellenwert macht die Bedeutung der +beruflichen Sozialisation aus, sondern auch der +strukturierende Effekt der Art der Arbeitstätigkeit nach +Selbstständigkeitsgrad, Typ der Beschaffenheit der Arbeit +und Einbindung in eine Betriebshierarchie. Das +»Betriebsklima« mit seiner spezifischen technischorganisatorischen und kommunikativen Strukturierung diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/410.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/410.md new file mode 100644 index 0000000..d3201f3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/410.md @@ -0,0 +1,35 @@ +bildet über die gesamte Zeit der Erwerbstätigkeit hinweg +ein nachhaltig wirkendes Sozialisationsmilieu, einen +zentralen Bereich der äußeren Realität, mit vielen +persönlichen Kontakten zu Berufskollegen und +Abstimmungen von Werten und Lebensansprüchen. +Arbeitsbedingungen üben einen starken Einfluss auf die +Persönlichkeitsmerkmale und die Lebensplanung aus. Die +physischen Arbeitsbedingungen, die Möglichkeiten des +Einsatzes der eigenen Fähigkeiten, der Rhythmus der +Arbeitstätigkeiten und ihr Abwechslungsgehalt, das Tempo +und die Intensität der Arbeitsabläufe, die sozialen +Bedingungen und interaktiven Beziehungen, das Prestige +und die Beförderungsmöglichkeiten, der Bezahlungsmodus +und das Gesamteinkommen erweisen sich als +ausschlaggebende Faktoren. +Die berufliche Entwicklung zum Arbeitskraft-Unternehmer + +Im Zuge der Einführung von modernen Informations- und +Kommunikationstechniken in den Arbeitsalltag verschieben +sich die beruflichen Anforderungen in Richtung eines +individualisierten Qualifikationsprofils von Erwerbstätigen, +verbunden mit der Notwendigkeit einer permanenten +Anpassung an veränderte Arbeitsbedingungen. Das setzt +die Bereitschaft zur Selbstkontrolle der eigenen +Arbeitsleistung voraus. +Allmählich bildet sich hierdurch ein neuer Idealtypus der +Erwerbstätigkeit heraus, der dadurch gekennzeichnet ist, +dass Berufstätige nicht mehr in erster Linie ihr +Arbeitsvermögen im Rahmen von vorstrukturierten +Arbeitsplätzen anbieten (»verkaufen«), sondern +vorwiegend als Auftragnehmer für im Einzelnen +vereinbarte Arbeitsleistungen handeln. Die »ArbeitskraftUnternehmer«, wie sie genannt werden, können +(Pongratz/Voß 2004) und müssen in der Lage sein, den +täglichen Arbeitsablauf selbstständig zu planen und zu +strukturieren. Das gilt für die zeitliche Ebene ebenso wie diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/411.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/411.md new file mode 100644 index 0000000..c3602dd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/411.md @@ -0,0 +1,35 @@ +für die räumliche, wobei in beiden Fällen ein hohes Ausmaß +an Flexibilität charakteristisch ist. An welchem Ort und zu +welcher Zeit die vereinbarte Arbeitsleistung erbracht wird, +das liegt in Zeiten der Erreichbarkeit über Mobiltelefone +und E-Mails im Verantwortungsbereich des Arbeitenden. +Ein solches Anforderungsprofil verlangt eine ausgeprägte +Fähigkeit zur Selbstmotivation und die Bereitschaft zur +fachlichen Flexibilität, verbunden mit einer hohen +Sensibilität für sich abzeichnende Veränderungen im +Arbeitsablauf. Arbeitskraft-Unternehmer werden +gewissermaßen zu aktiven Maklern der eigenen +Fähigkeiten und individuellen Qualifikationen. Die eigene +Arbeitskraft wird permanent am wirtschaftlichen Nutzen +und am spezifischen Bedarf des Unternehmens orientiert, +wobei die persönliche Bewertung des Nutzens stark +einfließt. +Typischerweise hat der »Arbeitskraft-Unternehmer« +gegenüber dem klassischen Typus des abhängig +Erwerbstätigen viel größere zeitliche und räumliche +Freiräume und verfügt über ein deutlich höheres Maß an +Autonomie in der Gestaltung der Arbeitsabläufe. Er sieht +sich allerdings durch die starke Selbstdisziplinierung einem +hohen Leistungsdruck ausgesetzt und ist gezwungen, die +Fähigkeit des selbst organisierten Arbeitens und Lernens in +den Vordergrund seines Lebens zu rücken. In nicht nur +einer Hinsicht können wir hierin auch die Überforderung +moderner Bildungs- und Arbeitsbiografien erkennen. Der +französische Soziologe Alain Ehrenberg (geb. 1950) hat +hierfür bereits vor rund 20 Jahren die Formulierung »Das +erschöpfte Selbst« (Ehrenberg 2004) geprägt, die heute +zum geflügelten Wort für die Beschreibung der +Arbeitsfixierung und ihrer Auswirkungen auf die mentale +Vulnerabilität (Verletzlichkeit) moderner +Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer geworden ist. +Wohin steuert das Erziehungs- und Bildungssystem? diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/412.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/412.md new file mode 100644 index 0000000..9f3e08a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/412.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die Ausführungen haben gezeigt, mit welcher Intensität +Bildungsprozesse unser Leben heute begleiten. Dies +beginnt inzwischen weit vor dem Eintritt in die +Grundschule – es endet lange nach Austritt aus dem +allgemeinbildenden Schulbereich. Auch Arbeitsplatz und +Beruf sind längst zu einem Bereich geworden, in dem +Bildung immer wieder eine Rolle spielt. Auffällig ist, dass +Bildung heute in aller Munde ist und Bildungsansprüche +laufend neu formuliert und hochgesetzt werden. Weniger +auffällig ist, dass das deutsche Bildungswesen in +internationalen Vergleichen immer wieder eine Sonderrolle +spielt. Es kommt mit weniger Mitteln aus den öffentlichen +Haushalten aus, es ist abhängig von unzähligen regionalen +und Bundesregelungen und es schneidet für eine Land mit +einer hochentwickelten Dienstleistungsökonomie, das auf +die vielleicht bekannteste Bildungstradition weltweit +zurückblickt, überraschend mager bei den internationalen +Vergleichsuntersuchungen zum schulischen Lernen ab. +Neben der Formel eines lebensbegleitenden Lernens und +den Versuchen, eine Bildungselite zu erzeugen, erleben +aber auch das Gegenteil. Wir sprechen von 7,5 Millionen +funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten (also +Menschen, die auch trotz Schulbesuch manifeste Lese- und +Schreibprobleme haben) in Deutschland und dies vor allem, +weil sich die Anforderungen an Grundfertigkeiten des +Lesens, Schreibens und Rechnens immer weiter erhöht +haben. Diente zu Beginn des 20. Jahrhunderts die +Fähigkeit, den eigenen Namen schreiben zu können, als +Kriterium für eine ausreichende Alphabetisierung, wird von +der Beherrschung der literalen Basiskompetenzen heute +sehr viel mehr erwartet. +Um dieser Entwicklung gerecht zu werden, steht jedes +Gesellschaftsmitglied – vom Kindergarten an über die +Schule bis hin zur Weiterbildung – vor der +Herausforderung, eine individuelle Bildungsbiografie zu +komponieren. Es geht um ein lebenslanges Lernen, womit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/413.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/413.md new file mode 100644 index 0000000..79f5fc6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/413.md @@ -0,0 +1,35 @@ +deutlich wird, wie weit sekundäre Sozialisationsinstanzen +in der Biografie verankert sind. Das muss nicht immer +positiv gesehen werden. Skeptische Stimmen fragen: Ist +das noch Bildung, was wir in Bildungsinstitutionen +vermitteln? Erleben Schülerinnen und Schüler nicht einen +ständigen Wettbewerb und ein »teaching to the test«? +Die Kritik am deutschen Schulsystem ist inzwischen +allgegenwärtig. Ein Strang dieser Kritik bezieht sich auf +die fehlende Chancengerechtigkeit, die durch die Struktur +des deutschen Bildungswesens (die unterschiedlichen +Schulformen) einerseits und schlechte Förderpraxis +andererseits bedingt wird. Ein anderer Strang bezieht sich +auf die Inhalte und Ziele von Bildung. Ist Bildung hiernach +vielleicht ein Merkmal von Konkurrenzgesellschaften +geworden, in denen junge Menschen lernen, das liberale +Werte wie der Humanismus nur noch Hüllen darstellen und +der Lehrbetrieb in Wahrheit eine Ellenbogenmentalität +erzeugt, in eine Form der sozialen »Kälte« eingeübt wird, +die nur durch Bildungsfloskeln verdeckt wird? Diese +Position stammt aus einer gesellschaftskritischen +Perspektive, ist mit den Vertretern der Frankfurter Schule +und wird interessanter in den vergangenen Jahrzehnten +immer wieder aufgenommen (Gruschka 1994; +Heinrich 2001) und für aktuell befunden. +Ohne hier auf die Kritik im Einzelnen eingehen zu wollen, +kann aus dem bisher Thematisierten geschlossen werden, +dass Erziehungs- und Bildungseinrichtungen als sekundäre +Sozialisationsinstanzen eine enorme Reichweite haben. +Zudem wird in der öffentlichen, aber auch der +wissenschaftlichen Debatte immer wieder Zweifel an der +Entwicklungsrichtung öffentlicher Erziehung und Bildung +geäußert. Die Reformierbarkeit der komplizierten und +hierarchischen schulischen Strukturen ist die eine +Herausforderung (Hurrelmann 2013). Die Enge schulischer +Wissensvermittlung, bei der die volle Breite des diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/414.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/414.md new file mode 100644 index 0000000..eea3ae1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/414.md @@ -0,0 +1,19 @@ +Bildungsbegriffs unausgeschöpft bleibt, die andere +(Hurrelmann 2018; Bauer/Bittlingmayer 2005). + +7.3 + +Achtes Prinzip zur Bedeutung der +alltäglichen Lebenswelt + +Informelle Kontexte wie die intime Partnerschaft, der +Freundes- und Bekanntenkreis oder die Nutzung analoger +und digitaler Medien bilden den Alltag der Menschen ab +und sind gerade dadurch, dass sie nicht auf +Sozialisationseffekte zielen, sozialisationswirksam. +Menschen leiten aus ihren lebensweltlichen Erfahrungen +Handlungswissen ab. Dadurch wird Gewissheiten über +das erzeugt, was als Selbstverständlichkeit der +Lebensführung vorausgesetzt wird. Es werden Lebensstile +geformt, Motivationsstrukturen und +Gruppenbildungsprozesse beeinflusst. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/415.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/415.md new file mode 100644 index 0000000..02d9a0e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/415.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Gegenstand und Verortung + +Nachdem in den beiden vorangegangenen Prinzipien zum +MpR Familien und Bildungsinstitutionen als die primären +und sekundären Sozialisationsinstanzen analysiert wurden, +richtet sich nun der Blick auf solche sozialen Systeme, die +nicht ausdrücklich mit dem Ziel der Beeinflussung der +Persönlichkeitsentwicklung ihrer Mitglieder etabliert +wurden, aber dennoch von großer Relevanz für die +Sozialisation sind. Es handelt sich hierbei um Erfahrung in +der alltäglichen Lebenswelt, die als »tertiäre +Sozialisationsinstanzen« fungieren. +Familien sind die »primären Sozialisationsinstanzen«, +weil sie die Grundstrukturen der Persönlichkeit eines +Menschen prägen und den Aufbau der Fähigkeit zur +Verarbeitung der inneren und der äußeren Realität +unterstützen. Öffentliche Erziehungs- und +Bildungseinrichtungen sind »sekundäre +Sozialisationsinstanzen«, weil sie auf der Sozialisationsund Erziehungsarbeit der Familien aufbauend auf +systematische Weise die für das gesellschaftliche und +berufliche Leben wichtigen Sozial- und +Leistungskompetenzen vermitteln. Die »tertiären +Sozialisationsinstanzen« wurden in dieser Logik lange Zeit +übersehen. Sie haben in den komplexen und stark +differenzierten Gesellschaften der Gegenwart eine große +Bedeutung erlangt und sind eng mit den primären und +sekundären Sozialisationsinstanzen verflochten. Zum +Beispiel wirkt die berufliche Erwerbsarbeit von Eltern +ebenso wie die gemeinsame Nutzung der Massenmedien in +Familien direkt und indirekt auf die Sozialisation der +Familie ein und stellt für diese einen gesellschaftlichen +Kontext dar. Die Sozialisationseinflüsse sind deshalb auch +im Einzelnen oft gar nicht voneinander zu unterscheiden. +Auch die Rolle digitaler Medien ist ein Beispiel, das zeigt, +wie schnell sich Entwicklungen Bahn brechen und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/416.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/416.md new file mode 100644 index 0000000..5cece4d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/416.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Lebensbereiche verändern. Die jüngeren Altersgruppen +wachsen heute selbstverständlich mit der Nutzung der +digitalen Medien auf. Sie verbringen zumeist mehr Zeit vor +einem Bildschirm (Smartphone, Tablet) als in der Schule. +Der Verzicht auf diese Medien, den »Erwachsene« häufig +verlangen, bedeutet für sie den Verzicht auf eine +Lebenswelt, die für sie so natürlich ist wie für eine ältere +Generation der Rekurs auf eine analoge Erfahrungswelt. +Damit ist eine weitere Kernannahme des MpR in der +Sozialisationstheorie umschrieben. Das achte Prinzip der +Bedeutung der alltäglichen Lebenswelt hebt darauf ab, +dass neben den primären und sekundären +Sozialisationsinstanzen ein breites Spektrum von sozialen +Systemen existiert, deren wesentliche gesellschaftliche +Funktion nicht in Erziehung, Bildung und Qualifizierung +besteht. In das Spektrum der tertiären Instanzen gehören +neben der beruflichen Erwerbsarbeit, dem Freundes- und +Bekanntenkreis, dem Konsum- und Freizeitsektor, den +Medien auch die religiös geprägten Vergemeinschaftungsund die politischen Beteiligungsformen. Sie alle sind zur +alltäglichen Lebenswelt eines Menschen zu zählen und +üben jeweils auf andere Weise einen erheblichen Einfluss +auf die Persönlichkeitsentwicklung aus. +DAS ACHTE PRINZIP UNTER DER LUPE +Die erste Annäherung macht bereits deutlich, wie eng die +primären und sekundären Sozialisationsinstanzen mit den +tertiären der sozialisationsrelevanten Lebenswelt +verflochten sind. Alle Dimensionen der +sozialisationsrelevanten Lebenswelt wirken auf die +Persönlichkeitsentwicklung ein und spielen eine +unterschiedliche Rolle für jeden Menschen. Gleichzeitig ist +hier schwer zu pauschalisieren. In jeder Biografie und in +jeder Lebenswelt finden sich große Unterschiede der +Instanzen, die Einfluss nehmen. Einige Lebenswelten diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/417.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/417.md new file mode 100644 index 0000000..957a194 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/417.md @@ -0,0 +1,36 @@ +werden frei gewählt (so vor allem im Konsumbereich), +andere sind einfach vorhanden und vor allem für junge +Menschen kaum zu verändern (wie die sozial-ökologische +Umwelt, der Politikbereich oder die Glaubensrichtung). +Es wird noch zu zeigen sein, welche Bedeutung gerade +solche Bedingungen haben, die nicht immer frei wählbar +sind und dadurch eine hohe belastende Wirkung haben. +Gleichzeitig beschränkt sich die Darstellung wie so oft auf +einen Ausschnitt der Biografie. Auch wenn der Prozesse +der Sozialisation als ein lebenslanger verstanden werden +muss, setzt die Darstellung in der jüngeren Generation +ihren Schwerpunkt. +Milieustudien (wie die des SINUS Instituts, die später +noch eingeführt werden) erlauben einen sehr detaillierten +Einblick in die alltäglichen Lebenswelten junger Menschen. +Sie basieren auf einem breiten Hintergrundverständnis der +Lebensbedingungen und kombinieren mit +Erhebungsverfahren, die Weltsichten und Lebensstile +junger Menschen aufzunehmen im Stande sind. Von hier +aus erschließen sich auch jene Themen, die für Jugendliche +von besonderer Bedeutung sind. Wir haben schon vorher +immer wieder auf die Bedeutung von Bindungen und +Partnerschaften hingewiesen, die traditionellerweise eine +hohe gesellschaftliche Beachtung erfahren. Entsprechend +kann auch aus einer sozialisationstheoretischen +Perspektive die enorme Bedeutung enger intimer +Beziehungen erkannt werden. +Der Einfluss von Partnerschaft und Familie + +Die Partnerschaft, das enge Zusammenleben zweier +Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg, prägt die +Persönlichkeit beider an der Beziehung Beteiligter. Durch +das enge Zusammensein entsteht ein gleichartiger oder +sogar identischer Tagesrhythmus. Daraus ergibt sich in der +Regel eine Angleichung der Geschmacks- und +Kleidungspräferenzen ebenso wie der Ernährungs- und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/418.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/418.md new file mode 100644 index 0000000..6235690 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/418.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Bewegungsmuster. Es kommt zu einem intensiven +Austausch von Auffassungen und Einstellungen, einer +Annäherung oder sogar Übereinstimmung von Lebensstilen +und Werthaltungen, religiösen und politischen Positionen +oder Freizeit- und Konsumgewohnheiten. Da die +Partnerbeziehung – unabhängig davon, ob sie gleich- oder +gemischtgeschlechtlich ist – eine erotische und sexuelle +Basis hat, sind alle diese Einflüsse auf die +Persönlichkeitsentwicklung von großem Gewicht. +Die Partnerschaft kann in eine Familie integriert sein; +Familien entstehen in der Regel aus dem intimen +Zusammenleben von zwei Menschen in einer +Liebesbeziehung. Sobald Kinder geboren werden, +verändert die Partnerschaft der Eltern ihren Charakter, +bleibt aber als relativ autonomes Untersystem im +Gesamtsystem der Familie bestehen. Vor der +Familiengründung und nach dem Auszug der Kinder aus +der Familie ist diese Partnerschaft ein soziales System, das +keine Erziehungs- und Bildungsaufgaben erfüllt, sondern +der Lebensgestaltung zu zweit dient. In allen Fällen ist die +Partnerschaft ein sozialisationsrelevantes System, das +starken Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung nimmt. +Die befragten Jugendlichen der Shell Jugendstudie aus +der jüngsten Erhebungswelle im Jahr 20019 bestätigen +diese hohe Bedeutung der Partnerschaften sehr deutlich +(Hurrelmann et al. 2019). Sie artikulieren eine enge +Bindung zu ihren direkten Bezugsgruppen, vor allem zu +denen, denen sie familiär verbunden sind. Bezüglich der +Einschätzung zu der partnerschaftlichen Beziehung in der +Familie lässt sich im Zeitvergleich über 17 Jahre hinweg +sogar noch eine Steigerung unter den zustimmungswerten +der Jugendlichen erkennen, wenn es darum geht, das +eigene Verhältnis zu den Eltern als gut oder bestens zu +bewerten. Haben im Jahr 2002 bereits 90 Prozent von +einem durchweg positiven Verhältnis zu denen eigenen +Eltern berichtet, sind es im Jahr 2019 sogar 92 Prozent. Das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/419.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/419.md new file mode 100644 index 0000000..eeecca9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/419.md @@ -0,0 +1,16 @@ +sind Ergebnisse, die den bereits genannten Wandel in den +Erziehungspraktiken noch einmal sehr deutlich machen. +Eltern sind immer weniger Autoritäten, die überwunden +werden müssen, sondern partnerschaftlich im Prozess des +Aufwachsens mit ihren Kindern verbunden. Ebenso gut +erkennbar wird dies bei der Beantwortung der Frage, ob +die Eltern als Erziehungsvorbilder dienen. 69 Prozent der +Jugendlichen bestätigen dies im Jahr 2002 und sogar 74 +Prozent im Jahr 2019. +Auch der Blick auf das, was Jugendliche als wichtig +erachten, zeigt wie wichtig Beziehungen in der Lebenswelt +sind. Hier rangieren nach den Erkenntnissen der Shell +Jugendstudie 2019 gute Freunde und eine vertrauensvolle +Partnerschaft ganz vorn. Materielle Interessen und die +Durchsetzung der eigenen Bedürfnisse sind dagegen viel +weniger bedeutsam in der Prioritätensetzung. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/420.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/420.md new file mode 100644 index 0000000..0a965f2 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/420.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Der Einfluss der beruflichen Erwerbsarbeit + +Mit einem Perspektivwechsel zur beruflichen +Erwerbsarbeit wird auf Sozialisationsprozesse fokussiert, +die neben denen der Familie und der Partnerschaften +liegen. Dieser Bereich wird von den Jugendlichen als nicht +weniger bedeutsam eingeschätzt. Die berufliche +Erwerbsarbeit sichert die ökonomische Existenz eines +erwachsenen Gesellschaftsmitglieds und nimmt deshalb in +der Lebensgestaltung einen herausragenden Stellenwert +ein. Durch die inhaltliche Beschaffenheit der Arbeit, ihren +zeitlichen Rhythmus und ihre soziale Einbindung werden +viele Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung beeinflusst. +Das ist in Zeiten der allumfassenden Verfügbarkeit durch +Informations- und Kommunikationsmedien besonders +wichtig, weil sich nur schwer Grenzen zwischen Berufsund anderen Lebenstätigkeiten ziehen lassen. Die +berufliche Arbeit kann auf diese Weise zur absolut +dominanten Beschäftigung über weite Strecken des +Lebenslaufs hinweg werden und Einstellungen und +Handlungen des Alltags prägen, die eigentlich anderen +sozialen Regeln folgen (»déformation professionelle«). +Obwohl die Gefahr, dass die Erwerbsarbeit alles +überschattet und von der Schule über die Freizeit alles +dem Qualifikationsregime untergeordnet wird, noch nicht +gebannt ist, zeigen sich zumindest Einspannungen auf dem +Arbeitsmarkt, die auch veränderte Einstellungen +gegenüber dem Arbeitsmarkt bedingen könnten. Die heute +jüngste »Generation Z« löst die »Babyboomer« ab und +damit hinterlassen sehr geburtenstarke Jahrgänge einen +Arbeitsmarkt, dessen Bedarfe durch die Angehörigen der +»Generation Z« kaum zu sättigen sind. Entsprechend +entspannt schaut die nachwachsende Generation ihrer +beruflichen Zukunft entgegen. Auch die Erwartungen an +die Erwerbsarbeit sind von einem hohen Maß an +Motivation und Gestaltungswillen geprägt. Sichere und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/421.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/421.md new file mode 100644 index 0000000..bae8029 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/421.md @@ -0,0 +1,22 @@ +sinnvolle Tätigkeit werden erwartet, während eine hohe +Leistungsmotivation vollkommen selbstverständlich neben +dem Bedürfnis nach Freizeit und Work-Life-Balance +artikuliert wird. +Aber es sind nicht nur die Erwartungen an die +Erwerbsarbeit, die eine Rolle für die produktive +Realitätsverarbeitung im Jugendalter spielen. Ähnlich wie +bei den organisierten Bildungseinrichtungen lassen sich bei +der beruflichen Erwerbsarbeit Sozialisationseffekte auf +mehreren Ebenen ausmachen: der direkten Person-zuPerson-Beziehung, den kollektiven Kontakten zwischen den +Arbeitnehmern als Team, den Beziehungen zwischen +Vorgesetzten und Arbeitnehmerinnen und indirekt über die +Organisationsstruktur. Immer bedeutsamer wird aber +angesichts von unsicheren Arbeitsverhältnissen und sich +schnell wandelnder Berufsanforderungen die Orientierung +an selbstständigen Tätigkeiten und die Umstellung auf die +Haltung eines »Arbeitskraft-Unternehmers« +(Pongratz/Voß 2003). Hierdurch kann es zu einer besonders +intensiven Identifizierung mit den Arbeitsinhalten und +einer ängstlichen Fixierung auf die Sicherung der +beruflichen Existenz kommen, was prekäre Einflüsse auf +die Persönlichkeitsentwicklung verstärkt. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/422.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/422.md new file mode 100644 index 0000000..e6db65f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/422.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Der Einfluss der Freundesgruppe + +Vom Kindes- und Jugendalter an führen Freundes- und +Gleichaltrigengruppen Menschen mit ähnlichen +Bedürfnissen und Orientierungen zusammen und erfüllen +ihr Verlangen nach Gemeinschaft und Beteiligung. Diese +Gruppen begleiten die Emanzipation von den Eltern, +ergänzen die Impulse der Schule und bereiten auf soziale +Anforderungen in der Freizeit- und Konsumwelt vor. +In der Freundesgruppe ist ein Austausch von Sichtweisen +und Gefühlen unter Personen gleichen Rangs und mit +vergleichbarem Erfahrungshorizont möglich. Es geht um +Sorgen und Probleme, die mit der Bewältigung +lebenslaufspezifischer Herausforderungen +zusammenhängen. Freundesgruppen bemühen sich um +Verständnis und Solidarität und unterstützen sich +gegenseitig darin, ihre soziale Lebenswelt zu gestalten. +Aufgrund ihrer Vertraulichkeit können sie auch Themen +aus dem emotionalen und sexuellen Bereich aufgreifen, die +in der familiären oder partnerschaftlichen Kommunikation +meist ausgespart bleiben. Freundesgruppen sind daher für +die Vermittlung von Hilfe und Unterstützung unverzichtbar +(Harring/Böhm-Kasper/Rohlfs 2010; +Albisser/Buschor 2011). +Ein Blick auf die Freizeitaktivitäten der in der SHELL +Studie befragten Jugendlichen zeigt entsprechend, dass +neben Musik-, Fernseh- und Filmkonsum das Treffen mit +den peers eine große Rolle spielt. Sie dominieren nicht, +sind aber, angereichert durch den Austausch über social +media der zentrale Anker von Kontakt- und +Austauschbedürfnissen in Freundeskreisen. Gerade soziale +Netzwerke ermöglichen eine freie Gestaltung von +Beziehungen und Kontakten unterschiedlichster Form und +Dichte, die so im direkten persönlichen Austausch von +Angesicht zu Angesicht gar nicht möglich wären. Durch die +weltweite Vernetzung werden traditionelle soziale diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/423.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/423.md new file mode 100644 index 0000000..ca7ce70 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/423.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Beschränkungen aufgehoben. Die Netzwerke eröffnen +Kommunikationsmöglichkeiten, mit denen räumliche +Entfernungen überbrückt und Unterschiede der sozialen +Herkunft, des biologischen Alters und der Sprache +überwunden werden können. +Durch digitale Medien ergeben sich also bisher +ungeahnte soziale Kontaktreichweiten, die eine +Bereicherung der Persönlichkeitsentwicklung darstellen +und viele Anregungen für eine Erweiterung des +Erfahrungsradius bereithalten. Die problematische Seite +dieser Entwicklung ist, dass sich viele Menschen dem +Druck ausgesetzt sehen, ein möglichst breites und großes +Netzwerk von vielfältigsten Kontakten zu entwickeln und +aufrechtzuerhalten, das den eigenen Bedürfnissen nicht +notwendigerweise entspricht. Wer sich in den Netzwerken +mit innerer Unsicherheit und ungefestigter Identität +bewegt, kann in kritische Kommunikationssituationen und +Bindungen hineingezogen werden. Dazu gehören die +Ausgrenzung und Abwertung von teilnehmenden Personen +bis hin zu aggressiven Beleidigungen und Angriffen +(Mobbing), die Anbahnung von Geschäftskontakten, bei +denen in betrügerischer Absicht falsche Personenangaben +gemacht werden, und der Missbrauch des Netzwerks für +erotische und sexuelle Kontakte. Es ist offensichtlich, dass +sich hieraus Gefahren für die weitere +Persönlichkeitsentwicklung ergeben können. +Der Einfluss des Freizeit- und Konsumsektors + +Virtuelle Netzwerke können aber auch eine limitierende +(also beschränkende) Rolle für den direkten, sozusagen +»analogen« Kontakt zu Freundinnen und Freunden haben. +In der »Children’s Worlds+« Studie der Bertelsmann +Stiftung berichten noch rund 80 Prozent der 8-jährigen, +dass sie ausreichend Zeit für Freundinnen und Freunde +haben, während dieser Wert mit zunehmendem Alter sinkt +(Andresen/Wilmes/Möller 2019, S. 41). Es sind noch 70 diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/424.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/424.md new file mode 100644 index 0000000..6b290d3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/424.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Prozent der 11-jährigen und nur noch rund 65 Prozent der +14-jährigen. Obwohl also die Freundesgruppen mit +steigendem Alter wichtiger werden, wird Zeit für sie +subjektiv gesehen immer weniger. +Es kann nur spekuliert werden, was dieses Empfinden +von Zeitmangel bedingt. Naheliegend erscheint, dass durch +längere Schulzeiten und eine Zunahme der Angebote im +Freizeit- und Konsumsektor Gefühle von Zeitmangel +wahrscheinlich keine Seltenheit bleiben. Die souveräne +Nutzung von Konsum-, Medien- und Freizeitangeboten +gehört daher heute zu einer der zentralen Aufgaben in +jeder Lebensphase. Und »souverän« heißt in dieser +Hinsicht vor allem, dass Zeitbudgets nicht durch die +Übernutzung der digitalen Medien eingeschränkt werden. +Vielleicht gerade weil die Belastungen in den anderen +Lebensbereichen als anforderungsreich empfunden +werden, entsteht eine große Nachfrage nach Unterhaltung, +Ablenkung und Regeneration. Das hat dazu geführt, dass +derartige Angebote von vielen verschiedenen Anbietern +vorgehalten, mit immer größerer Raffinesse beworben und +zunehmend kommerzialisiert werden. Dadurch wird das +Angebot unterbreitet, Entspannung und Fitness, Muße und +Genuss »einkaufen« zu können, ohne aktiv darauf +hinarbeiten zu müssen. +Diese Haltung geht damit einher, Imagepflege zu +betreiben und ein bestimmtes Bild der eigenen +Persönlichkeit zu entwerfen. Konsumgüter haben damit für +die Entwicklung des Selbstbildes enorm an Bedeutung +gewonnen. Mithilfe eines Produkts suchen Menschen +Zugang zu einem Lebensstil oder einem Status, den sie für +sich erstreben. Der Jugendforscher Claus Tully (geb. 1949) +spricht von einer Kommerzialisierung des Jugendalters, die +bereits im Kindesalter beginnt und durch OnlineSuchverhalten junge Menschen bereits sehr früh zu +»cleveren Konsumenten« erzieht (Tully 2018). Die +Hersteller von Konsumartikeln – vom Kleidungsstück über diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/425.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/425.md new file mode 100644 index 0000000..f53125b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/425.md @@ -0,0 +1,13 @@ +gemietete Autos bis zur Wohnungsausstattung – machen +sich diese Einstellungen zunutze und bemühen sich durch +Design und Werbung, Markenartikel zu etablieren, zu +denen ihre Kunden eine enge Bindung aufbauen können. +Ihr Angebot besteht darin, den Markenartikel demonstrativ +als eine Art »zweite Haut« nutzen und damit die Identität +eines Menschen mit einem begehrenswerten Lebensstil +annehmen zu können. Dieser Mechanismus des +»Einkaufens einer Identität« ist in konsumorientierten +Gesellschaften vor allem für Menschen verlockend, die +Probleme bei der Entwicklung der Ich-Identität haben und +sich selbst und die soziale Umwelt von diesen Problemen +ablenken möchten (Unverzagt/Hurrelmann 2001). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/426.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/426.md new file mode 100644 index 0000000..fb3a01b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/426.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Der Einfluss der Medien + +Die nach dem Jahr 2000 Geborenen sind »Digital Natives«, +die mit Smartphone und Computer groß werden und diese +als Bestandteil ihres Körpers empfinden. Die Angehörigen +der »Generation Z« sind damit digital durchwirkte +Persönlichkeiten. Die Nutzung digitaler sozialer Netzwerke +wie Facebook und Plattformen wie »Instagram« oder +»Snapchat« und »Houseparty« ist absolut +selbstverständlich. Andere Kommunikationskanäle +versiegen – wie etwa die Zeitung. Über Massenmedien wie +Radio, Fernsehen und Internet ist heute eine +informationelle Teilhabe an praktisch jedem Lebensbereich +möglich. Vor allem die interaktiven Internetmedien setzen +dafür aber auch eine hohe Kompetenz der Nutzung voraus. +Die unerschöpfliche Fülle der angebotenen Informationen +verlangt nach Kriterien der richtigen Decodierung, +Auswahl und Bewertung der Inhalte für die eigenen +Bedürfnisse. Dazu müssen Nutzerinnen und Nutzer in der +Lage sein, die Botschaften der Texte und Bilder und ihre +Bedeutung zu erkennen und in den eigenen +Erfahrungshorizont zu übertragen. Häufig ist genau dies +nicht der Fall oder zumindest sehr schwer: »Insbesondere +Onlinewerbeformen zeichnen sich durch technische und +inhaltliche Besonderheiten, gegenüber analogen +Werbeformen aus, von denen anzunehmen ist, dass sowohl +die Reichweite der Werbung gesteigert als auch ein +substanzieller Beitrag zur Persuasion und damit zur +Kaufabsicht geleistet wird. Neben offensichtlichen Formen +von Werbeanzeigen, Bannern und Buttons auf Webseiten +wird der Rezipient vermehrt mit versteckten und +unkontrollierten Werbebotschaften, wie Pop-ups oder +Cookies konfrontiert. Darüber hinaus ermöglicht +Interaktivität einen Dialog mit den potenziellen Kunden. So +kann zur Produktentwicklung beigetragen werden, in dem +etwa die Kommentarfunktion auf der Fanpage der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/427.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/427.md new file mode 100644 index 0000000..3bdc4a6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/427.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Lieblingssüßigkeit genutzt wird.« (Sander/Kamin 2018, S. +7) +Bei der Suche nach Informationen müssen also Relevanz +und Glaubwürdigkeit der Inhalte eingeschätzt werden +können, wenn die Nutzerinnen und Nutzer nicht verzerrten +oder falschen Aussagen von durch kommerzielle, politische +oder religiöse Absichten geleiteten Anbietern aufsitzen +wollen (hierzu grundlegend von +Gross/Meister/Sander 2015). In sozialisationstheoretischer +Perspektive ist eine den eigenen Bedürfnissen +entsprechende Nutzung das entscheidende Kriterium für +die Frage, ob Medien einen positiven Einfluss auf die +Persönlichkeitsentwicklung, also vor allem auf die +Bewältigung der lebenslaufspezifischen +Herausforderungen, die Verbindung von Individuation und +Integration und die Festigung der Ich-Identität, ausüben +oder nicht. Auch für die gesellschaftliche +Handlungsfähigkeit wird Medienkompetenz zu einer immer +wichtigeren Größe, weil sie für Bildungsleistungen und +berufliche Tätigkeiten und zunehmend auch für Konsumund Politikaktivitäten immer selbstverständlicher +vorausgesetzt wird. +Die Medien bieten vielfältige Orientierungspunkte für die +Selbstinszenierung und Identitätsdefinition an, denn sie +ermöglichen die Produktion eigener Inhalte. Eigene +künstlerische Werke, Artikel in elektronischen Lexika und +Beiträge zu Produkten und Dienstleistungen können einem +beliebig großen Kreis von Interessenten angeboten werden. +Die Voraussetzung für diese kreative und selbsttätige +Nutzung ist, dass Nutzerinnen und Nutzer über eine breite +Mischung aus Medienwissen, -gestaltung und -reflexion +verfügen. Werden Menschen hingegen durch die +überwältigende Fülle und Dynamik der medialen Formen +und Botschaften in eine passive Konsumentenrolle +gedrängt, kann es zu einer »Instrumentalisierung« der +Bedürfnisse und Interessen kommen. Das Ergebnis können diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/428.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/428.md new file mode 100644 index 0000000..449918e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/428.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gestörte, unausgewogene Persönlichkeits- und +Identitätsstrukturen sein (Lukesch 2008). +Gefahren durch Social Media, Smartphones & Co + +In der öffentlichen Debatte wird die Situation der +internetgestützten Mediennutzung zwiespältig diskutiert. +Offensichtlich ist, dass gestiegene Möglichkeiten der +Vernetzung und Information zur Verfügung stehen, die es in +dieser Form bisher noch nicht gegeben hat. Informationen +über Finanzen, die eigene Gesundheit oder Bildungsinhalte +sind so offen verfügbar wie noch nie. Zweifellos ist das +auch eine Demokratisierung des Zugangs zu +lebenswichtigem Wissen. Wenn wir dabei über eine +Generationen sprechen, die jetzt das erste Mal von Geburt +an mit diesem neuen Medien sozialisiert werden, dürfen +wir nicht vergessen, dass auch die »älteren« Generationen +»Y« und »X« natürlich extensive Nutzerinnen und Nutzer +der digitalen Angebote sind. Gesellschaftlich ließe sich +heute kaum ein Lebensbereich aufrechterhalten, der nicht +von den digitalen Medien unterstützt wird. Wird also über +Gefahren durch Internetnutzung geredet, darf nicht nur +von einem Problem der Übernutzung gesprochen werden. +Eine Diskussion über die Nicht-Nutzung führt an den +gesellschaftlichen Bedingungen vorbei, in denen sich eine +Gesellschaft des 21. Jahrhunderts befindet. +Die bekannteste Kritik an einer expansiven Nutzung +digitaler Medien stammt von dem deutschen +Neurowissenschaftler und Hirnforscher Manfred Spitzer +(geb. 1958). Spitzer spricht provokativ von einer »digitalen +Demenz« (Spitzer 2012), die durch digitale Vielnutzung vor +allem in der nachwachsenden Generation entsteht. Was +Spitzer populärwissenschaftlich publiziert, trifft den +Zeitgeist einer kritischen Begleitung der Digitalisierung +heutiger Lebenswelten. Dies treibt im Moment einen Keil +zwischen die Generationen. Bevor eine solche Kritik aber +zu einem Intervenieren in Klassen- und Kinderzimmer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/429.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/429.md new file mode 100644 index 0000000..d9a3393 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/429.md @@ -0,0 +1,34 @@ +führen sollte, sollte die Kritik Spitzers im Detail angesehen +werden. +In einem im Jahr 2015 erschienen Artikel (Spitzer 2015a) +in der Zeitschrift »Nervenheilkunde« berichtet Spitzer die +Ergebnisse vielfältiger empirischer Studien, die sich +kritisch mit der Nutzung von Smartphones +auseinandersetzen und sogar einen Zusammenhang zu der +Entstehung von Angststörungen erkennen (zu +Sozialverhalten und anderen Aspekten berichtet er +ebenfalls (Spitzer 2014a, b und 2015b, c). In den von +Spitzer zusammengetragenen Daten heißt es: +junge, erwachsene Smartphone-Nutzer senden im +Jahr 2015 täglich durchschnittlich 109,5 +Textnachrichten und schaut etwa 60 Mal pro Tag auf +das Telefon +die mit der Smartphone-Nutzung verbundenen sozialen +Medien schüren die Angst vor sozialem Aufschluss, +Spitzer bezieht sich hier auf das FoMO-Syndrom (engl. +für Fear of Missing Out), also die Angst, etwas zu +verpassen, was in den sozialen Medien berichtet wird +das Handy wird häufig in das Bett mitgenommen und +Smartphones sind das digitale Endgerät, auf deren +Nutzung man am wenigsten verzichten kann und bei +deren Nicht-Verfügbarkeit nach kurzer Zeit +Angstzustände klinisch gemessen werden können. +Spitzers Analysen zeigen ein Horror-Szenario der Nutzung +von digitalen Medien auf. Heute kann aktualisiert werden, +dass die Situation im Jahr 2015 (dem Erscheinungsjahr von +Spitzers Argumentation) eine durchaus andere war. Waren +damals noch ca. 46 Millionen Smartphone-Nutzerinnen und +Nutzer vom Statistischen Bundesamt ermittelt worden, +wird die Zahl heute über 60 Millionen geschätzt. 25 +Prozent mehr Smartphonenutzung in der Bevölkerung, +mehr Angebote im Konsumbereich und eine Umstellung diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/430.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/430.md new file mode 100644 index 0000000..dea3203 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/430.md @@ -0,0 +1,2 @@ +fast aller Kommunikationswege auf digitale Optionen? Gibt +es da auch positive Einschätzungen? diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/431.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/431.md new file mode 100644 index 0000000..fbd2407 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/431.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die Unterscheidung nach Nutzungsverhalten + +Tatsächlich kann man auch andere Einschätzungen als die +Spitzers finden. Die Debatte über ein pro und contra wird +ein sicherer Begleiter in den nächsten Jahren sein. Es +bleibt darum viel Zeit, differenzierte Urteile zu treffen – +und genau dies ist heute wichtig. Ein Blick auf das +Nutzungsverhalten digitaler Medien zeigt dies. Mit Daten +der bereits genannten SHELL Jugendstudie 2019 lassen +sich unterschiedliche Nutzungstypen unterscheiden. +Hiernach lassen sich unterschiedliche Formen der +Inanspruchnahme erkennen, die allein bezüglich der +Unterhaltungsangebote von den »zurückhaltenden« bis zu +den »Intensiv-Allroundern« und dauernden +»Unterhaltungs-Konsumenten« reicht. Auch bezüglich der +Dauer der Nutzung zeigen sich große Unterschiede. +Vielnutzerinnen sind fast durchgehend online, +Geringnutzer dagegen so gut wie kaum. Bei der +Gerätepräferenz liegt das Smartphone uneinholbar vorne. +75 Prozent der weiblichen und 65 Prozent der männlichen +Jugendlichen bevorzugen das Handy. Der tiefergehende +Blick zeigt, dass wiederum Messengerdienste (80 Prozent +Nutzung mehrmals am Tag) weit vor den sozialen +Netzwerken (so Facebook oder YouTube mit weniger als 50 +Prozent Nutzung mehrmals am Tag) und Musikplattformen +oder der Suche nach Informations- und Bildungsangeboten +liegen. +Für eine sozialisationstheoretische Perspektive ergeben +sich hieraus viele Ansatzpunkte. Einer ist, dass nicht nur +Risiken bezüglich der Nutzung digitaler Medien sichtbar +werden müssen. Dennoch ist der alltägliche Umgang mit +den Phänomenen der Viel- und Übernutzung in unserer +Wahrnehmung dominierend. Viele Eltern sind hier an der +Grenze ihrer erzieherischen Möglichkeiten. Die Konsolen-, +Online-, Tablet-, Handy- und Computerspiele scheinen eine +psychische Abhängigkeit, einen Suchtmechanismus diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/432.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/432.md new file mode 100644 index 0000000..8336e5b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/432.md @@ -0,0 +1,36 @@ +einprogrammiert zu haben. Über 90 Prozent der +Jugendlichen spielen regelmäßig, der Sog des Mitmachens +ist überwältigend. Das wirkt es so, als sei eine +übermenschliche Macht am Werk. Kinder drängeln und +quälen, um digitale Medien nutzen zu können, dagegen +können Eltern kaum ankommen. Minecraft, Candy Crush +und FIFA sind für junge Menschen faszinierend, +zwischenzeitlich schlugen Fortnite und Warzone alles um +Längen, aktuell sind bereits neue Verkaufsschlager auf dem +Vormarsch. +Wie Adrian Kreye in einer Reportage in der SZ am +9.2.2019 herausarbeitet, haben die psychologisch und +kommunikativ geschulten »Verhaltensformer« im Silicon +Valley Algorithmen mit Anreizprogrammen entwickelt, die +die Nutzer und Nutzerinnen so geschickt mit Belohnungen +und Leistungspunkten, aber auch mit Alarmsignalen +versorgen, dass sie in andauernde, große innere Erregung +versetzt werden und nicht mehr aufhören können. +Spielerinnern und Spieler fühlen sich gezwungen, in die +nächste Runde zu gehen, weil sie sonst nicht zur Ruhe +kommen. In Wirklichkeit werden sie dabei immer +unruhiger. Die Spiele-Produktionen spielen mit der +menschlichen Psyche und ihren untergründigen Antrieben. +Ihre Ware besteht nicht aus Substanzen (»Stoffen«) wie +Alkohol, Tabak, Kokain, Crack oder Amphetaminen, sie +erzielen »nichtstofflich« die gleichen oder noch stärkere +Abhängigkeits- und Suchteffekte, die krankhafte +Auswirkungen haben können: Aufmerksamkeits- und +Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, +Mangelernährung. Das wirkt sich aus in Depressionen, +Vereinsamung, sozialer Verwahrlosung und schulischem +Leistungsabfall. +Für jeden Vater und jede Mutter ist das eine +Angstvorstellung. Aber: Kinder- und Jugendstudien rücken +das Bild zurecht. 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen +kommen nach eigenen Angaben mit den digitalen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/433.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/433.md new file mode 100644 index 0000000..9be03e5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/433.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Herausforderungen gut zurecht, überwiegend jene mit +hoher bis sehr hoher Bildung. Sie können virtuos mit +digitalen Geräten und Angeboten umgehen, intuitiv und +unbefangen. Sie beherrschen die mobile Kommunikation, +geraten nicht in Abhängigkeitsschlaufen bei Videospielen, +nutzen die sozialen Medien zu ihrem Vorteil, sind dabei +teilweise erfindungsreich und kreativ. Sie mischen virtuelle +und reale Kontakte und behalten trotzdem die soziale +Bodenhaftung. Sie können sich sowohl in Onlineshops +sicher bewegen, als auch mit aggressiver Werbung +umgehen. In die Begeisterung für das Digitale mischt sich +bei ihnen eine kritische Distanz und die Sorge vor +persönlicher Ausbeutung. Sie wissen um die kommerziellen +Interessen der großen Anbieter und achten nach eigenen +Angaben darauf, nicht zu viel von sich im Internet +preiszugeben. +Der Mehrheit der jungen Nutzerinnen ist es demnach +gelungen, die Risiken einer Überdosis von digitalen +Impulsen abzuwehren. Dies ist nicht durch einen Bann, +durch ein striktes Verbot der Nutzung von Smartphone und +Laptop gelungen, sondern durch das Erlernen und Einüben +eines kompetenten Umgangs mit den Geräten, den +Plattformen und den Spielen. Zusammen mit ihren Eltern +haben sie trainiert, sich selbst Grenzen zu setzen, +Auszeiten zu nehmen, die Dosis des Konsums zu regulieren. +Sie schaffen es, trotz der ungeheuren psychischen +Verlockungen der virtuellen, fiktiven Welt ihre Kontakte in +der realen Welt nicht zu vernachlässigen. Ebenso wie sie +mit den Suchtstoffen umzugehen gelernt haben – +bekanntlich ist der Alkohol- und Tabakkonsum in der +jungen Generation auf einem historischen Tiefstand – +gelingt ihnen das mit den nichtstofflichen, +verhaltensbezogenen suchtgefährdenden Angeboten. Sie +schaffen es, gegen die Algorithmen der KonsumentenPsychologie zu leben. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/434.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/434.md new file mode 100644 index 0000000..3ab176f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/434.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Neben diesen souveränen Nutzerinnen und Nutzern gibt +es 20 Prozent, die keine kompetente Nutzung schaffen. Sie +rutschen immer in die Abhängigkeitsmechanismen hinein, +können sich aber nach einiger Zeit auch wieder daraus +befreien. Ihre psychische Gesundheit und ihre soziale +Kontaktfähigkeit stehen auf der Kippe. Sie sind schnell +abgelenkt und durch virtuelle Umgangsformen nicht mehr +gewohnt, sich in realen sozialen Situationen angemessen +zu verhalten, Höflichkeitsregeln einzuhalten und dem +Gegenüber ins Auge zu sehen. Weil Konzentrationsfähigkeit +und Ausdauer leiden, sinkt ihre Leistungsfähigkeit ab. Aber +sie sind nicht krank im Sinne der Definition von »Internet +Addiction Disorder« oder »Gaming Disorder« der +Weltgesundheitsorganisation, sondern verhaltensgestört. +Sie brauchen Unterstützung und Hilfe von Elternhaus und +Umwelt, dann können sie sich fangen. +Es gibt aber auch eine Gruppe von noch einmal etwa 20 +Prozent, die aus passiven, nicht-souveränen Nutzerinnen +und Nutzer von Medien und Netzwerken besteht. Für sie +ist das Suchtpotential der kommerziell aufgeladenen +Anwendungen mit ihren ständig neuen Anreizen zu groß. +Unter ihnen sind die wahrscheinlich zwei bis drei Prozent +krankhaft Onlinesüchtigen und Videospielsüchtigen. Nach +Schätzungen können das um die 500.000 junge Leute unter +20 Jahren in Deutschland sein. Die große Mehrheit sind +Jungen und junge Männer. Der sozialpsychologische +Hintergrund ist oft durch desolate Familienkonstellationen, +Bildungs- und Bindungsarmut gekennzeichnet, oft sind +Ursache und Wirkung nicht zu unterscheiden. +Ganz offensichtlich sind die Eltern dieser beiden zuletzt +genannten Gruppen überfordert. Sie können den Kindern +und Jugendlichen in die Welt des Internet und der Spiele +nicht mehr folgen: Was früher die Straße war, in der man +von Eltern unkontrolliert potentiell gefährlich spielt, ist +heute das Internet. Auch Ballerspiele und sexuelles +Mobbing gehören zu den Gefahren. Diese Eltern, aber auch diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/435.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/435.md new file mode 100644 index 0000000..b2cf3f4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/435.md @@ -0,0 +1,35 @@ +alle anderen, benötigen dringend professionelle Hilfe. Bei +den stoffbasierten Süchten ist das in Kindergarten und +Schule inzwischen recht gut gelungen. Mit der gleichen +Intensität sollten präventive Ansätze jetzt im +nichtstofflichen Bereich der Internetsucht eingeleitet +werden. +Abseits des Digitalen – die Beziehung zu religiösen Werten + +Der differenzierende Blick auf das Nutzungsverhalten im +digitalen Raum zeigt zweierlei: Zum einen, dass »Nutzung +nicht gleich Nutzung« bedeutet. Digitale Medien über +einen Kamm zu scheren, wäre aus diesem Grund fahrlässig. +Schon die Nutzung des Smartphones oder internetbasierter +Konsumangebote zeigen, dass viele Differenzierungen eine +Rolle spielen. Von einer Generation der Gleichartigkeit +kann also kaum gesprochen werden. Zum anderen zeigt +sich aber auch, dass viele Unterschiede der Nutzung +erkennbar sind, aber selten Formen der Nicht-Nutzung. +Dies ist der Anhaltspunkt, der verdeutlicht, dass eine Welt +ohne die (wahrscheinlich auch noch deutlich zunehmende) +Vielfalt digitaler Medien nicht mehr vorstellbar ist. +Was bedeutet das aber für Werte in der Lebenswelt von +Jugendlichen? Lassen sich traditionelle Werte mit +modernen verbinden? Auch hier muss eine Antwort sehr +differenziert ausfallen. Technisch weit entwickelte +Gesellschaften des industrialisierten Nordens zeichnen sich +dadurch aus, dass Religion im Leben der meisten +Menschen eine immer geringere Rolle spielt. Zwar gehören +in Deutschland noch gut über 50 Prozent der Bevölkerung +einer der beiden christlichen Kirchen oder den anderen +Religionen (wobei es ca. 6 Prozent Muslime sind) an, aber +nur etwa die Hälfte von ihnen ist religiös in dem Sinne, +dass sie an einen persönlichen Gott glauben. Diese +Einstellung ist in der Bevölkerung inzwischen deutlich in +der Minderheit. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/436.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/436.md new file mode 100644 index 0000000..a3078af --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/436.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Die Mehrheit stellt sich Sinngebungs- und Wertemuster +nach persönlichen Vorstellungen zusammen oder ist +areligiös. Die Religionsgemeinschaften erreichen mit dem +eigentlichen Kern ihrer inhaltlichen Botschaft auch nur +noch kleine Teile der Bevölkerung. Bei der Mehrheit +herrscht religiöse Unsicherheit, Gleichgültigkeit oder ein +unpersönliches Gottes- oder Glaubensverständnis vor. +Parallel wächst die Gruppe der Menschen, die sich als +Atheisten bezeichnen. Entsprechend wächst auch der +Anteil unter Jugendlichen, die von sich behaupten, dass der +Glaube an Gott immer weniger wichtig ist. Sagten in den +SHELL Erhebungen im Jahr 2002 noch über 50 Prozent der +Jugendliche, dass der Gottesglaube ihnen wichtig sei, sind +es in der letzten Erhebung im Jahr 2019 nur noch unter 40 +Prozent. Interessanterweise ist die noch anders bei +muslimischen Jugendlichen: Für 73 Prozent von ihnen ist +der Gottesglaube wichtig. Ähnliche Muster zeigen sich bei +der Religionsausübung. Nur 18 Prozent der katholischen, +13 Prozent der evangelischen, aber 60 Prozent der +muslimischen Jugendlichen beten mindestens einmal pro +Woche (Hurrelmann et al. 2019). +Vor diesem Hintergrund der Emanzipation von Tradition +und Glaube werden Religionsgemeinschaften von vielen +Jugendlichen zwar immer noch als gesellschaftliche +Instanzen der Wertsetzung grundsätzlich akzeptiert, um +wichtige persönliche und biografische Lebensschritte und +Krisen einordnen und begleiten zu können. Ihre konkrete +Bedeutung für die Gestaltung des täglichen Lebens, die +Auseinandersetzung mit Alltagskonflikten, die Bewältigung +lebenslaufspezifischer Anforderungen oder den Aufbau +einer Ich-Identität ist aber begrenzt. Trotzdem befindet +man sich heute nicht in der Situation des Bruches mit den +religiösen Werten vorheriger Generationen, sondern in der +Phase des Übergangs. 69 Prozent der Jugendlichen finden +es daher gut, dass es die Kirche gibt (75 der katholischen, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/437.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/437.md new file mode 100644 index 0000000..abe91a8 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/437.md @@ -0,0 +1,33 @@ +79 der evangelischen und sogar 45 Prozent der +konfessionslosen Jugendlichen). +Die sich dagegen durchsetzende Wertorientierung ist die +einer pragmatischen Ausrichtung auf die im Alltag zu +bewältigenden Herausforderungen. Auffällig ist eine +Synthese von alten und neuen Werten: Fleiß und Ehrgeiz, +Macht und Einfluss sowie Sicherheit erleben als +»materialistische« Werte eine Renaissance. Sie werden +aber mit den postmaterialistischen +Selbstverwirklichungswerten Kreativität, Unabhängigkeit, +Lebensgenuss und Lebensstandard kombiniert. Wie die +Shell-Jugendstudien zeigen, ist sich die Mehrheit der +jungen Leute angesichts von globalen wirtschaftlichen +Krisen bewusst, dass die Sicherung der materiellen Basis +im Vordergrund ihrer Lebensführung zu stehen hat. Sie +sind entsprechend aufstiegsorientiert und zielen +selbstbewusst und mitunter durchaus eigennützig auf die +Umsetzung eigener Interessen. Verbreitet ist aber +gleichzeitig die Bereitschaft für ein soziales Engagement. +Erfahrungsgemäß sedimentieren sich die Wertmuster der +jungen Generation nach einiger Zeit in der gesamten +Bevölkerung. Demnach herrscht eine pragmatische und +konstruktive Lebenshaltung vor, die von hoher +Leistungsmotivation und Ehrgeiz geprägt ist. Zugleich +existiert eine große Sehnsucht nach Absicherung der +Lebensexistenz, Wahrung der Umweltressourcen, +Zugehörigkeit zu sozialen Netzwerken und Eingliederung +in harmonische Beziehungen. Kirchen und +Religionsgemeinschaften werden in diesem Zusammenhang +von der Mehrheit der Bevölkerung als ein +Wertsetzungsangebot unter anderen empfunden. Wer +hierauf nicht zurückgreift, bastelt sich selbst sein +subjektives Modell der Sinngebung des Lebens zusammen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/438.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/438.md new file mode 100644 index 0000000..d24fc0c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/438.md @@ -0,0 +1,14 @@ +7.4 + +Neuntes Prinzip zur Bedeutung +intersektionaler Ungleichheiten + +Auch hochentwickelte Wohlstandsgesellschaften sind +durch ein großes Ausmaß an ökonomischer, sozialer und +kulturell-symbolischer Ungleichheiten gekennzeichnet. +Dadurch kommt es zu Unterschieden in den +Sozialisationsprozessen der Bevölkerungsgruppen. +Existierende Ungleichheiten bedingen die Tendenz zur +Reproduktion von einer Generation zur nächsten durch +das Zusammenspiel von Praktiken der Selbst- und +Fremdeliminierung. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/439.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/439.md new file mode 100644 index 0000000..8b227e4 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/439.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gegenstand und Verortung + +Mit der Unterscheidung von Kontexten der Sozialisation, +die teilweise als aktiv steuernde, teilweise eher passiv +strukturierende Räume der Entfaltung für die +Persönlichkeit fungieren, hat die Erforschung von +Ungleichheiten ein neues Blickfeld eröffnet. Jedes Setting +ist demnach mit einer unterschiedlichen Ausstattung +verbunden (räumlich wie sozial), bietet unterschiedliche +Anforderungen für das Handeln und stimuliert +Entwicklungspotenziale auf unterschiedliche Weise. Auf +diesem Pfad wird ein Zentralthema der +Sozialisationstheorie berührt, der Einfluss von ungleichen +Lebensbedingungen auf die Ausprägung der Persönlichkeit +und damit auf den Modus der produktiven +Realitätsverarbeitung. +Die Fragen nach den Kontexten der Sozialisation war von +Beginn an sensibel für die Einflüsse sozialer Nahumwelten. +Die Lebensbedingungen in der Familie, die Bedeutung der +Herkunftsressourcen, der Einfluss der Wohnumwelt, das +ökonomische, kulturelle und soziale Kapital der Eltern +müssen in einem Orchester der unterschiedlichen +Kontexteinflüsse gesehen werden. In Zeit der +schichtspezifischen Sozialisationsforschung vor rund 50 +Jahren dominierte hier die Frage nach den Einflüssen der +sozialen Schicht auf die Lebenschancen von Kindern und +Jugendlichen, wobei unter Lebenschancen meistens die +Bildungschancen verstanden wurden. Heute sind die +Zugänge der Forschung oder – wenn man so will – die +Orchesterarrangements komplexer geworden. Es wird +schon lange nicht mehr nur auf die Auswirkungen der +sozialen Ungleichheit im Bildungsbereich geschaut. +Genauso meint Ungleichheit keineswegs nur die soziale +Herkunft der Eltern einer Familie (wobei auch nicht mehr +nur auf den Beruf des Vaters geschaut wird). Heute wird +auf »Flugbahnen« einer Familie fokussiert (steigt die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/440.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/440.md new file mode 100644 index 0000000..3f0ef38 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/440.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Familie sozial ab oder steigt sie auf), auf die erweiterten +milieuspezifischen Lebensbedingungen, temporäre oder +dauerhafte Erwerbslosigkeit, Eltern- und +Geschwisterkonstellationen, Wohnumfelder, besondere +Belastungen in der Familie durch Krankheit, Scheidung +oder Tod eines Familienmitgliedes, Diskriminierungs-, +Flucht- oder Migrationserfahrungen (wobei dann auch +wieder die soziale Herkunft im vorherigen Lebenskontext +eine Rolle spielt), geschlechtliche Ungleichheiten, +Diversität u. v. m. Insofern ist auch die Kontextbedingung +soziale Ungleichheit »mehrdimensional« zu verstehen. +Die analytische Perspektive auf Ungleichheiten musste +also in den vergangenen Jahren angepasst werden an die +besonderen Lebensbedingungen einer Gesellschaft, in der +bestimmte Formen der Lebensführung, Ressourcen und +vorgefundenen Bedingungen einen Vorteil oder +entsprechend auch einen Nachteil für die Verwirklichung +der eigenen Lebenschancen darstellen können. Diese führt +zu einem weiteren Schwerpunktbereich des MpR, der die +Bedeutung ungleicher Kontexte auf die Frage der sozialen +Ungleichheit und ihre vielfältigen Dimensionen +konzentriert. +DAS NEUNTE PRINZIP UNTER DER LUPE +In der Sozialisationsforschung hat die Forschung zu der +Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheiten eine +lange Tradition. Heute geht die Frage der +Ungleichheitsreproduktion weit über die Frage der +ökonomischen Verteilungsungleichheiten hinaus. Der +Fachbegriff der Intersektionalität (im Englischen +»intersectionality«) ist in dieser Hinsicht ein wesentlich +neues Element in der Debatte. Er bezeichnet die +Überschneidung von unterschiedlichen Benachteiligungsoder Diskriminierungsformen. Hierzu gehören das +Vermögen, der Bildungsgrad, die ethnisch-kulturelle und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/441.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/441.md new file mode 100644 index 0000000..2164b57 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/441.md @@ -0,0 +1,31 @@ +geschlechtliche Heterogenität. Das heißt, dass +beispielsweise Männer auch arm oder ethnisch +diskriminiert sein können, Frauen aber auch einer weißen +Mehrheit angehörend und wohlhabend, Ungleichheiten +sich also »ausgleichen«, aber auch verstärkt werden +können wie im Falle von Frauen aus ethnisch +diskriminierten Gruppen mit wenig ökonomischen, +kulturellen oder sozialen Ressourcen. +Wenn Intersektionalität die Überschneidung von +unterschiedlichen Benachteiligungs- oder +Diskriminierungsformen bezeichnet, dann ist damit wird +damit die Komplexität von Ungleichheiten aufgeschlossen, +die vor allem in der sozialisationstheoretischen Perspektive +relevant werden (Walgenbach 2017). Wenn dabei explizit +sozialisationstheoretisch argumentiert wird, so ist das +dazugehörige Hintergrundverständnis klar erkennbar: +Sozialisation ist der Prozess der Interaktion mit kontextuell +und kompositorisch differenzierten Umweltstrukturen, in +denen Erfahrungen gesammelt werden. Diese sind +wiederum die Grundlage für die Ausbildung von +Handlungsorientierungen und Kompetenzen. +Intersektionalität ist so etwas wie das Kondensat einer +Theoriefigur, die nicht mehr auf die Beschreibung von +Ungleichheiten in einer eindimensionalen Form beschränkt +bleibt. Ohne Zweifel wird der Ungleichheitsblick damit viel +komplexer als bei der alleinigen Betrachtung von +Ungleichheiten auf der sozioökonomischen Ebene. Auch +der Diskurs über klassische Verteilungsungerechtigkeiten +wird auf diese Weise in die viel breitere Perspektive sich +überlagernder und wechselseitig beeinflussender +Ungleichheiten überführt. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/442.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/442.md new file mode 100644 index 0000000..387e61b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/442.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Die Ungleichheit von Sozialisationsprozessen + +Zu der Bedeutung intersektionaler Ungleichheiten existiert +inzwischen eine breite Palette empirischer Forschung. +Diese betont, dass in entwickelten +Dienstleistungsökonomien wie Deutschland der +durchschnittliche Lebensstandard der Bevölkerung und +damit ihr materieller Wohlstand ebenso wie ihr subjektives +Wohlbefinden einschließlich der Gesundheit immer weiter +anwächst, aber gleichzeitig die Unterschiede im +Lebensstandard zwischen den sozial privilegierten und den +benachteiligten Gruppen der Bevölkerung zunehmen, sich +also die Lebenschancen in der Gesellschaft polarisieren. +In der Perspektive einer solchen sozialstrukturellen +Polarisierung (Groh-Samberg 2019) lassen sich kontextuelle +und kompositorische Differenzierungen in der Gesellschaft +unterscheiden. In dem Eingangsbeispiel des jungen +Mannes in einer U-Bahn-Station wurde auf diese +Unterscheidung bereits hingewiesen. Zur Erinnerung +hierzu: Kontextuelle Faktoren betreffen die materielle +Ausstattung, die symbolische Besetzung und Normierung +eines Raumes, in dem Menschen handeln. Kompositorische +Faktoren bezeichnen die Zusammensetzung der Gruppe, +denen Menschen angehören oder in denen sie handeln. +Beide Dimensionen – Kontexte (als Umwelten, soziale und +räumliche Bedingungen) und Kompositionen +(Gruppenzusammensetzungen) – bilden bereits +Operationalisierungen dessen, was wir als Ungleichheiten +verstehen. +Die Diagnose einer sozialstrukturellen Polarisierung +beinhaltet in diesem Kontext, dass die Unwucht zwischen +den sozialen Lebenslagen in den vergangenen drei +Jahrzehnten auch in den reichen Ländern zunimmt. Die +Sozialstruktur- und Ungleichheitsforschung hebt +horizontale und vertikale Muster der Ungleichheiten +hervor, stellt den hoch entwickelten westlichen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/443.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/443.md new file mode 100644 index 0000000..bd654f8 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/443.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Gesellschaften aber vor allem das Zeugnis einer neuen +Hierarchiebildung aus und sieht in der Perspektive auf +Sozialisationsprozesse den Schlüssel zum Verständnis der +Weitergabe sowohl von Privilegierungen als auch +Benachteiligungen von der einen zur anderen Generation +(Becker/Solga 2012). +Die Mehrdimensionalität von Ungleichheit + +Im Gegensatz zu früheren Thematisierungen von +Ungleichheit wird in der aktuellen Debatte von +vielschichtigen Ungleichheiten ausgegangen. Während bis +in die 1970er Jahre ein Ungleichheitsverständnis aktuell +war, das noch stark die Betonung von Schicht- oder +Klassenungleichheiten beinhaltete, wurde im Anschluss +eine Erweiterung der Diskussion erreicht. So ist es heute +ganz selbstverständlich, dass über Ungleichheiten in der +Hinsicht gesprochen wird, dass sowohl klassische +Verteilungsungleichheiten in den Blick genommen werden +(Vermögen, Einkommen, Besitz), daneben aber auch die +Bedeutung des Bildungsabschlusses (ein Aspekt des von +Bourdieu so bezeichneten kulturellen Kapitals), der +sozialen Netzwerke, Mentalitäten und Lebensstile. +Auf diese Weise wird auf sehr allgemeine Weise von einer +gesellschaftlichen Dynamik der Lebenslagen einer +Gesellschaft gesprochen, die ungleiche Chancen gewährt +und Benachteiligungen bzw. Privilegierungen zulässt. +Gleichzeitig wird es aber leichter zu differenzieren, wie +Ungleichheiten auftreten, wodurch Benachteiligungen +bedingt werden, wie Ungleichheiten hergestellt und auf +Dauer gestellt, also produziert und reproduziert werden. +In früheren Ansätzen der Sozialisationstheorie wurde +Ungleichheit eindimensional auf einer Rangordnung von +gesellschaftlichem Oben und Unten gemessen. Die +traditionelle »schichtenspezifische +Sozialisationsforschung« räumte der Ausstattung mit +ökonomischen Ressourcen die alleinige Bedeutung für die diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/444.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/444.md new file mode 100644 index 0000000..d0b28d1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/444.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Position einzelner Bevölkerungsgruppen im +gesellschaftlichen Gefüge der Hierarchie ein. Die Einflüsse +von kulturellen, sozialen und ökologischen Bedingungen +wurden übersehen oder zu wenig beachtet, oft auch die von +Subkulturen mit ihren kontextuellen und kompositorischen +Parametern wie etwa jugendlicher Gleichaltrigengruppen, +der Familien- und Geschwisterkonstellation sowie der +Schul-, Nachbarschafts- und Wohnumwelt, ebenso die von +Erziehungsstilen und Bildungspotenzialen (Choi 2012). Auf +dieses Defizit wiesen schon 1980 Dieter Geulen und Klaus +Hurrelmann hin: Um den vollständigen +Strukturzusammenhang der gesellschaftlichen +Sozialisationsbedingungen erfassen zu können, sollten die +»horizontale, kontextuelle Einbettung der einzelnen +Momente innerhalb jeder Betrachtungsebene, technisch +gesprochen die Kovarianzen und die Interaktionseffekte +zwischen ihnen, berücksichtigt werden« +(Geulen/Hurrelmann 1980, S. 56). +Inzwischen ist die Mehrdimensionalität der +Sozialisationsfelder, Sozialisationsinstanzen und Wirkungen +sorgfältig erforscht und wird die Fokussierung auf +Kovarianzen und Interaktionseffekte mit dem Einfluss +sozialökologischer Modellvorstellungen in Verbindung +gebracht (Grundmann/Lüscher 2000). Ein besonderer +Schwerpunkt der sozialökologischen Forschung liegt auf +dauerhaften und alltäglichen (Sozialisations-)Kontexten, in +denen Menschen interagieren, ohne dass sie von +abstrakten Einflüssen wie der Schichtzugehörigkeit +Kenntnis nehmen. Diese Einschätzung zehrt insbesondere +davon, dass die Menschen selbst ihre persönliche +Lebenslage nicht als »klassentypisch« oder +»schichtkonform« beschreiben. Die Vorstellung, dass keine +»klassentypischen« oder »schichtkonformen« +Lebenswelten existieren, wird allerdings seit geraumer Zeit +kritisch gesehen. Dagegen spricht, dass ungleiche +Sozialisationsbedingungen in der konkreten Nahumwelt diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/445.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/445.md new file mode 100644 index 0000000..6a7cd2f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/445.md @@ -0,0 +1,36 @@ +eines Menschen sehr wohl mit der Zugehörigkeit zu +spezifischen Großgruppen in Verbindung stehen. Dies +unterlegt das Beispiel der in »bestimmten« Wohngegenden +konzentrierten oder, wie der Fachterminus lautet, +»segregierten« einkommensschwachen und ethnisch +marginalisierten Bevölkerungsgruppen (Keller 2005). +Konsequenzen für die Lebensführung + +In den Wachstumsgesellschaften (vor allem des globalen +Nordens) wird die kompositorische Zusammensetzung +hinsichtlich der ethnischen Zugehörigkeit und der +nationalen Herkunft immer diversifizierter. Wegen des +hohen Lebensstandards der reichen Länder und der +international verflochtenen Arbeitsmärkte ist der Anteil der +Zuwanderer aus anderen Ländern und Kulturen in den +letzten fünfzig Jahren in den meisten westlichen +Gesellschaften kontinuierlich angewachsen. In Deutschland +liegt er bei rund einem Viertel der Gesamtbevölkerung, in +der jüngsten Generation schon bei knapp der Hälfte (wenn +der Migrationshintergrund in der Eltern- und +Großelterngeneration einbezogen wird). +Für einen großen Teil der Zuwandererinnen und +Zuwanderer waren die Voraussetzungen für die +Bewältigung lebenslaufspezifischer Herausforderungen in +den Prozessen Bildung, Qualifikation und Erwerbsarbeit in +der Regel schlechter als für die Einheimischen. Sind +Menschen mit Migrationshintergrund sozial und kulturell +schlecht integriert, verfügen sie auch nicht über die +sozialen Ressourcen, um die für die jeweilige Lebensphase +typischen Belastungen bewältigen zu können. +Entsprechend groß ist das Risiko, dass soziale und +gesundheitliche Entwicklungsstörungen auftreten. +Mit dem Bezug auf dynamische gesellschaftliche +Bedingungen der Ausprägung von kontextuellen und +kompositorischen Ungleichheiten, die eine hohe Relevanz +für die Ausprägung von Lebenschancen besitzen, geht eine diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/446.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/446.md new file mode 100644 index 0000000..3bfbf0f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/446.md @@ -0,0 +1,25 @@ +intensive Forschungsdebatte einher, in der sich die +Positionen mitunter heftig widersprechen. Der historische +Blick in die Entstehungsgeschichte des +sozialisationstheoretischen Denkens in den ersten +abschnitten zeigte schon, dass bereits in der +Gründungsphase der Soziologie, am Ende des 19. und zu +Beginn des 20. Jahrhunderts, die Wahrnehmung sozialer +Ungleichheiten zunimmt und Ungleichheiten damit ein +Thema von hoher disziplinprägender Bedeutung werden. +Ab der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wechseln sich +dann Wellenbewegungen der Thematisierung ab, die um +die gegensätzlichen Diagnosen der Verschärfung und +Verringerung von Ungleichheiten gruppiert sind. Daneben +haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten immer +deutlicher die Konturen eines autonomen Feldes der +Ungleichheitsforschung und Sozialstrukturanalyse +herausgebildet, in der nichtsdestotrotz (und +paradoxerweise) das Ungleichheitsthema fast vor dem +Verschwinden stand, weil soziologische Ansätze das Ende +der klassischen Verteilungsungleichheiten vermuteten +(Beck 1983, 1986; hierzu die Beiträge in +Bittlingmayer/Bauer 2006). Am weitesten scheint darum +heute eine Perspektive zu reichen, die die Bedeutung einer +ungleichen Ressourcenausstattung mit der Perspektive auf +individuelle Lebensstile verbinden kann. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/447.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/447.md new file mode 100644 index 0000000..15cf01e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/447.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Materielle und immaterielle Ungleichheiten + +Soziale Ungleichheiten werden als Forschungsgegenstand +von einem alltagsweltlichen Ungleichheitsverständnis +abgehoben. Im Unterschied zu der Perspektive auf die +Phänomene sozialer Differenzierung und ubiquitärer (also +überall vorhandener) Unterschiede zwischen Individuen +werden als »strukturierte soziale Ungleichheiten« +(Kreckel 1992) solche verstanden, die systematisch erzeugt +oder reproduziert werden und soziale Konsequenzen nach +sich ziehen, also Konsequenzen für die individuelle +Lebensführung oder den Zugang zu bestimmten Gütern +und Ressourcen haben. Ungleichheiten werden in dieser +Hinsicht unterschieden in materielle Ungleichheiten +(verstanden als ungleiche materielle Ausstattung bei der +Verfügbarkeit über Geld, Vermögen, und Besitz), +Ungleichheiten der Lebensführung, Präferenzbildung und +Lebensstile sowie schließlich Ungleichheiten der +Netzwerkorientierung und -bildung (Vester et al. 2001). Die +Orientierung auf allen drei Ebenen wird mit Bezug zur +soziologischen Theorie von Bourdieu auch als +Unterscheidung zwischen ökonomischem, kulturellem und +sozialem Kapital diskutiert. +Ein entscheidender Schritt der Perspektiverweiterung in +der Ungleichheitsforschung ist, dass Ungleichheiten nicht +nur materiell verstanden werden (also als Geld und +Vermögen im Sinne des ökonomischen Kapitals), sondern +immateriell als kulturelle Ressource oder nach Bourdieu als +kulturelles Kapital. Die Frage nach der dominanten +Ressourcen- oder Kapitalform kann aber nicht einwandfrei +beantwortet werden. Vor allem makrosoziale Bedingungen +(gesellschaftliche Kräfteverhältnisse, Zustand des +Wohlfahrtsstaates, ökonomische Ausgangsbedingungen +oder der Einfluss von sozialen Bewegungen) können +Schwankungen im Grad der Spreizung der +Ungleichheitsstruktur bedingen. Als relevante diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/448.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/448.md new file mode 100644 index 0000000..4e2461b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/448.md @@ -0,0 +1,15 @@ +Lebensbereiche der Ausprägung von Ungleichheiten +werden in der wissenschaftlichen Diskussion traditionell +am stärksten der Bildungs- und Erwerbsbereich +(Becker/Lauterbach 2016) sowie der Gesundheitsbereich +(Richter/Hurrelmann 2016; Bauer et al. 2008) thematisiert. +Die Suche nach Ausprägungen sozialer Ungleichheiten +für die Lebensführung, aber auch der Ursachen von +Ungleichheiten macht sensibel für weitere +Differenzierungen. Immaterielle Ungleichheiten eröffnen +die Perspektive der Diversität. Diversität bezeichnet in der +Fachdiskussion zumeist solche Differenzierungen, die mit +dem Geschlecht, der sexuellen Orientierung, dem Alter, der +ethnischen Zugehörigkeit, einer Behinderung oder der +religiösen und weltanschaulichen Ausrichtung verbunden +sind. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/449.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/449.md new file mode 100644 index 0000000..e426ede --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/449.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Sex und Gender + +Für die Sozialisationstheorie von besonders großer +Bedeutung ist die geschlechtliche Diversität +(Bilden/Dausien 2006). Sie strahlt in praktisch alle Bereiche +der Persönlichkeitsentwicklung aus. Männer und Frauen +unterscheiden sich nach ihren Geschlechtschromosomen +und Geschlechtshormonen (englischsprachig wird mit +»sex« die biologische Seite des Geschlechts beschrieben). +In rein physiologischer Hinsicht ist das Ergebnis ein +unterschiedlicher Bau der Geschlechtsorgane, des Körpers +und des Gehirns sowie ein unterschiedlicher hormoneller +Haushalt. Diese körperliche Dimension wird aber stark +durch stereotype kulturelle und erzieherische Einflüsse +überlagert (Zuschreibungen, die englischsprachig als +»gender«, also als eine Art »soziales« Geschlecht +beschrieben werden). +Noch immer lassen sich durch die »Sex-und-GenderBrille« auch für die fortgeschrittenen westlichen +Gesellschaften sehr typische und konservative +Rollenzuschreibungen erkennen. Selbstverständlich sind +diese nicht so stark wie in einigen traditionell und +patriarchal verfassten Gesellschaften (zumeist des globalen +Südens), in denen Frauen häufiger nicht die gleichen +Rechte eingeräumt werden, Gewalt gegenüber Frauen eher +toleriert wird und Abweichungen von geschlechtlichen +Festlegungen mitunter sogar »rechtlich« verfolgt werden. +Männer nehmen aber auch in den Ländern, in denen +soziale Bewegungen von Frauen wichtige Erfolge errungen +haben, traditionell die Rolle ein, machtvoll und überlegen +für die Sicherung der eigenen Lebensgrundlagen und der +ihrer Angehörigen zu sorgen. Zum »typisch männlichen« +Verhalten gehören die Durchsetzung gegen Konkurrenten, +das Bemühen um Dominanz, Selbstbehauptung, die +Abgrenzung von anderen, die Ausweitung des Selbst und +Eroberung des sozialen Raumes. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/450.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/450.md new file mode 100644 index 0000000..04da898 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/450.md @@ -0,0 +1,19 @@ +Diesem Muster steht die »typisch weibliche« +Orientierung gegenüber, die als gemeinschaftsorientiert +bezeichnet werden kann. Frauen spielen traditionell die +Rolle der Haushälterin, die auf sozialen Zusammenhalt und +das Funktionieren des Gemeinwesens achten. Zum »typisch +weiblichen« Verhalten zählen das Bemühen, ein Teil der +Gemeinschaft sein und diese formen und gestalten zu +wollen, das intensive Bestreben um Kooperation mit und +Bindung an andere Menschen sowie der Aufbau von +Beziehungen und Netzwerken. Diese Zuschreibungen sind +»wackelig« geworden und ihre Lockerung verursachen +neue Freiheitsgrade. Nicht alle sind aber damit zufrieden. +Gegenüber der alten Festlegung der Geschlechter +bedeuten neue »Gelechterordnungen« auch eine neue +Aushandlung, die Infragestellung von Routine, Privilegien +und der vorgegebenen Natürlichkeit unseres Verhaltens als +Mann und Frau – wenn nicht sogar die »binäre« Ordnung, +nach der es entweder Männer oder Frauen gibt, gleich +zerbrechlich wird. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/451.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/451.md new file mode 100644 index 0000000..456c1de --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/451.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Geschlechtliche Sozialisation + +Die Geschlechterforscherin Andrea Maihofer (geb. 1953) +beschreibt sehr anschaulich, dass sich heutige Annahmen +zur Entstehung der Geschlechter gegen den Essentialismus +(die Annahme fester Geschlechtszuordnungen, die sich zum +Beispiel aus der Biologie ableiten lassen) und die +Zweigeschlechtlichkeit wenden (die Aufteilung lediglich in +das weibliche und männliche Geschlecht). »Wird von +Individuen als von Frauen oder Männern, als männlich oder +weiblich gesprochen, bedeutet das also nicht zwangsläufig, +sie seien idealtypisch. Es impliziert lediglich, dass die +Individuen soweit den herrschenden Normen von +Weiblichkeit oder Männlichkeit entsprechen, dass sie als +Frauen und Männer erkennbar, intelligibel sind und als +solche anerkannt werden.« (Maihofer 2015, S. 648) +Wird also eine Form der geschlechtlichen Diversität in +der Realitätsverarbeitung angenommen, heißt das +zunächst, dass Gesellschaften ihre Mitglieder nach +bestimmten Merkmalen unterschiedlichen Gruppen +zuordnen. Eine besonders typische Zuordnung ist die nach +Geschlecht, wobei binär (also zweiseitig) unterschieden +wird. Die Annahme feststehender Merkmale von Menschen, +die einer solchen »definierbaren« Gruppe angehören, +unterliegt einer sozialen Konstruktion. Diese legt einen +Bereich von erwarteten Verhaltensweisen und Mustern für +die Bewältigung lebenslaufspezifischer Herausforderungen +fest. Weiblichkeit und Männlichkeit werden gelebt und +individuell hergestellt, indem ein Mann oder eine Frau mit +der jeweils angelegten physiologischen Ausstattung, der +körperlichen Konstitution, den psychischen +Grundstrukturen und den zugeschriebenen Erwartungen +individuell arbeitet und diese mit der sozialen und +physischen Umwelt in eine Passung bringt (»doing +gender«). Trotz aller Spielräume bei der individuellen +Ausgestaltung setzen sich darum im Alltag immer noch diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/452.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/452.md new file mode 100644 index 0000000..4ef46cb --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/452.md @@ -0,0 +1,35 @@ +eher typisch weibliche und typisch männliche Muster der +produktiven Realitätsverarbeitung durch. +Es lässt sich nicht immer genau unterscheiden, was an +diesen Vorgaben für die Rollengestaltung von Frauen und +Männern anlage- und was umweltbedingt ist. +Forschungsrichtungen wie die Gendermedizin gehen zwar +auch von biologischen Unterschieden aus, die bestimmte +biochemische Prozesse des Körpers geschlechtlich +unterscheidbar machen (und relevant sind z. B. bei der +Medikamenteneinnahme). Die enorme Variabilität, die +»typisch« männliche und weibliche Verhaltensweisen +aufweisen (allein, wenn man auf die Umwälzungen der +Geschlechtsrollen in den vergangenen fünfzig Jahren +schaut), deuten jedoch auf den weit höheren Anteil an +konstruierten, also von der Umwelt (einschließlich der +primären, sekundären und tertiären +Sozialisationsinstanzen) erwarteten und durch die Umwelt +stimulierten Verhaltensweisen hin. Die angeborene +genetische Ausstattung, die die Unterschiede in Körperbau +und Organen bedingt, wird durch kulturelle Vorstellungen +von Männlichkeit und Weiblichkeit »überformt«. +Die Differenz der Geschlechter ist zu einem erheblichen +Teil durch solche sozialen Einflüsse bedingt. Viele +geschlechtsspezifischen Persönlichkeitsmerkmale und +Verhaltensweisen sind offensichtlich erlernt und werden im +Verlauf des Sozialisationsprozesses herausgebildet. Die +genetische Ausstattung und die Anlage der +Persönlichkeitsmerkmale dienen dabei nur noch als +Ausgangslage und als Möglichkeitsraum für die +geschlechtsspezifische Entfaltung. Die geschlechtliche +Sozialisation ist somit keinesfalls nur ein Akt der +Unterwerfung, der mit Zwang hergestellt wird. +Geschlechter werden angewählt, sie entwickeln eine +Attraktivität und sind Möglichkeiten der Welterschließung, +der Anerkennung und Teilhabe: diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/453.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/453.md new file mode 100644 index 0000000..b8460bd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/453.md @@ -0,0 +1,39 @@ +»Von Geburt an (und heute aufgrund einer hochentwickelten pränatalen +Diagnostik vermehrt bereits davor) werden als männlich oder weiblich +identifizierte Individuen mit den hegemonialen Geschlechternormen (für +beide Geschlechter) konfrontiert, durch die gesellschaftlich-kulturellen +Verhältnisse, in denen sie leben, die Erwartungen und Verhaltensweisen +der Personen, mit den sie alltäglich zu tun haben, die Institutionen, in +denen sie sich aufhalten (Kindergrippe, Schule) und nicht zuletzt durch die +Medien (Werbung, Kinder- und Schulbücher, Filme, Internet) […]. Sie +lernen nach und nach die damit verbundenen Verhaltensweisen, +Körperpraxen und Gefühlsweisen, aber auch Berufs- und +Lebensperspektiven kennen und beziehen sie auf ihr »eigenes« Geschlecht. +So erfahren sie – verstärkt durch Praxen der Anerkennung und +Sanktionierung –, welche Verhaltens- und Darstellungsweisen als Junge +respektive Mädchen für sie selbst und andere angemessen und normal sind +oder nicht. Sie entwickeln die Kompetenz, andere unmittelbar als Mann +oder Frau zu identifizieren und zu wissen, wie sie agieren und sich +darstellen müssen, um in ihrem Geschlecht (an)erkannt zu werden, sozial +intelligibel zu sein. Allemal ist gerade in jungen Jahren, aber nicht nur +dann, das Begehren nach Anerkennung und damit nach Konformität sehr +ausgeprägt. Das Herstellen von Eindeutigkeit ist dafür, wie angesprochen, +eine zentrale Norm, die erfüllt werden muss.« (Maihofer 2015, S. 649 f.) +Geschlechtsspezifische Muster der Lebensführung + +Mit Blick auf die Wirkung von Sozialisationsprozessen auf +die Persönlichkeitsentwicklung ist es geradezu beispielhaft, +wie sich Geschlechts- bzw. Genderunterschiede auswirken. +Es existieren in den meisten industriell entwickelten +Ländern Lebenserwartungsunterschiede (Frauen leben +hierzulande durchschnittlich fünf Lebensjahre länger), von +denen angenommen wird, dass sie mit +geschlechtsspezifischen Verhaltensmustern +zusammenhängen (Erhart/Hurrelmann/RavensSieberer 2008). In den letzten rund vier Jahrzehnten lässt +sich aus sozialwissenschaftlichen Studien ablesen, dass vor +allem Frauen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter +intensivere Bemühungen als Männer unternehmen, um sich +aktiv auf die gegenwärtigen Anforderungen in allen +Lebensbereichen einzustellen und ein flexibles Verständnis +ihrer Geschlechtsrolle zu entwickeln. Die jungen Frauen +streben an, ihren Dispositionsspielraum zu vergrößern und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/454.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/454.md new file mode 100644 index 0000000..6626e7f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/454.md @@ -0,0 +1,35 @@ +sich aus den traditionell für sie vorgesehenen +gesellschaftlichen Positionen herauszulösen. +Mit dem bereits genannten Bild von den Lebensbereichen +»Küche«, »Kirche« und »Kinder« lässt sich das illustrieren. +Die drei »Ks«, welche die traditionellen Segmente der +Frauenrolle definieren, sind bei der Mehrzahl der jungen +Frauen nach wie vor wichtige Orientierungspunkte. Die +Mehrheit der jungen Frauen hat diese drei »Ks« flexibel +weiterentwickelt, in ihrem Verhältnis zueinander neu +bestimmt und zusätzlich ein viertes »K« erobert, die +»Karriere«. Die Lebensführung der Frauen ist damit auf +vielfältige Rollen ausgerichtet. Diese Orientierung scheint +es zu sein, die Frauen fit macht für die neuartigen +Lebensbedingungen moderner Gesellschaften. Die +Mehrfachorientierung führt konsequenterweise auch dazu, +dass junge Frauen stark in die eigene Bildung investieren, +weil diese eine grundlegende Voraussetzung für den +Einstieg in eine berufliche Karriere ist. +Anders ist die Ausgangslage bei den jungen Männern. Sie +sehen gegenwärtig noch keinen Vorteil darin, ihre +genetisch und kulturell prädisponierte Geschlechtsrolle +neu auszulegen. Sie zögern, zu dem traditionellen »K« der +männlichen Rolle, der »Karriere«, die anderen drei »Ks« +hinzuzufügen. Die Orientierung an der Karriere hat ihren +Vätern und Großvätern bisher Vorteile gebracht, sie in +wirtschaftliche und gesellschaftliche Machtpositionen +geführt, und die Mehrheit der jungen Männer möchte das +für sich reproduzieren. Bis weit in das 20. Jahrhundert +hinein war die typisch männliche Art der +Lebensbewältigung offenbar die durchsetzungsfähigere +und führte dazu, dass Männer in den entscheidenden +Lebensbereichen Politik, Wirtschaft und Kultur die +dominante Rolle einnahmen und diese durch Herrschaftsund Homogamie-Effekte auch zu erhalten wussten. In den +letzten drei Jahrzehnten scheint sich hier endlich eine +Wende anzubahnen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/455.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/455.md new file mode 100644 index 0000000..e826cc7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/455.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Das Problem für die jungen Männer wird dadurch größer, +dass sich die beruflichen Anforderungen durch die +Integration der neuen Informations- und +Kommunikationstechniken in den Alltag stark +umgeschichtet haben und dass die gesellschaftlichen +Lebensbedingungen offener als noch vor dreißig Jahren +strukturiert sind. Feste Verhaltensstandards sind dadurch +entfallen, während der Stellenwert der sozialen +Sensibilität, der flexiblen Anpassung an neue Bedingungen +und der Kommunikationsnetzwerke gestiegen ist. +Traditionelle männliche Stärken wie das +durchsetzungsorientierte Kämpfen und kraftvolle +Machtausüben sind obsolet geworden. An ihre Stelle tritt +Teamarbeit mit Interessenausgleich und +Verhandlungsgeschick. +Junge Männer, die unter diesen Umständen weiter auf die +eng zugeschnittene traditionelle Geschlechtsrolle setzen, +bauen sich damit unbeabsichtigt ein soziales +Rollengefängnis, das ihre weitere Entwicklung blockiert +(Böhnisch 2013) oder in die Situation des Widerstandes +gegen die Geschlechtergerechtigkeit, also einen strengen +geschlechterbezogenen Konservatismus bringt. Das zeigt +anschaulich die von Anja Mays (2012) durchgeführte, +empirisch breit fundierte Untersuchung, nach der enge +Rollenvorstellungen und sexistische Haltungen bei +Männern mit niedriger Bildung und traditionellen +Rollenmustern der Eltern einschließlich der mütterlichen +Nicht-Berufstätigkeit zusammenhängen. Die so +sozialisierten jungen Männer werden den veränderten +Anforderungen im Berufsleben ebenso wenig gerecht wie +der in den modernen Gesellschaften immer weiter +voranschreitenden engen Verzahnung von instrumentell +orientiertem Berufs- und emotional orientiertem +Privatleben. Sie ignorieren die Symbiose von Beruf und +Familie, die sich hieraus ergibt. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/456.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/456.md new file mode 100644 index 0000000..07a4261 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/456.md @@ -0,0 +1,36 @@ +In Zeiten eines omnipräsenten Wettbewerbs und +gestiegenen Anforderungen an die Leistungs- und +Teamfähigkeit steigen aber auch die Anforderungen an die +Akzeptanz von Diversität in geschlechtlicher Hinsicht +(Quenzel/Hurrelmann 2010). Dass die jungen Frauen ihre +Bildungsleistungen auf allen Stufen des Bildungssystems in +den letzten dreißig Jahren stetig verbessert haben und +Männer das erste Mal häufiger zu den Bildungsverlierern +gehören, scheint in dieser Situation auch die Bereitschaft +zu erhöhen, Ressentiments und Vorurteile gegenüber der +Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit auszubilden. +Die Erweiterung der binären Geschlechterperspektive + +An Komplexität gewinnt eine Genderperspektive dann +noch, wenn weitere Formen der Vielfalt und +Vervielfältigung mitgedacht werden. Für junge Menschen +ist die geschlechtliche Sozialisation heute bereits mit einer +viel größeren Selbstverständlichkeit damit konfrontiert, +dass Lebenspartnerschaften aus homosexuellen Paaren +bestehen können und die geschlechtliche Zuordnung im +Lebenslauf variieren kann. Noch stehen wir hier am Beginn +einer Dekonstruktion der Zwei-Geschlechterordnung. Aber +dass bereits LGBTQ oder LGBTQIA+ (als Abkürzungen für +lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, +queere, intersexuelle und asexuelle Menschen) +Gemeinschaften von Jugendlichen wahrgenommen werden, +ist Zeichen einer weiteren Transformation. Noch ist +deutlich, dass die Akzeptanz dieser weiteren Aufweichung +der biologischen Geschlechtsperspektive sehr gering ist. +Jugendliche, die sich einer »queeren« Identität zuordnen, +machen Diskriminierungserfahrungen und können und +haben kaum Zugang zu Normalität im Umgang mit ihrer +geschlechtlichen Identität. +Watzlawik/Salden/Hertlein (2017, S. 170) berichten aus +eine solche Perspektive aus der Befragung von +Jugendlichen im Alter von 15 bis 21 Jahren: »Eine zweite diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/457.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/457.md new file mode 100644 index 0000000..3f32b82 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/457.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Annahme, die viel gesellschaftlichen Konsens erfährt, +besagt, dass innerhalb des binären und eindeutigen +Geschlechtersystems Frauen sich (nur) in Männer +verlieben bzw. diese begehren, und Männer sich (nur) in +Frauen verlieben bzw. diese begehren. Wer in seinem +Begehren dieser Annahme widerspricht, erfährt auch hier +häufig Diskriminierung. Die Verwendung des Wortes +›schwul‹ als Schimpfwort und die damit einhergehende +Botschaft, schwul sein sei etwas Schlechtes, nannten +relativ viele Teilnehmende der Fokusgruppen als eine +häufige negative Erfahrung.« +Ethnische Diversität und Intersektionalität + +Der Begriff der Diversität findet bei der Beschreibung von +Geschlechterdifferenzen ein breites Anwendungsfeld. +Daneben lassen sich auch ethnische Zuschreibungen mit +dem Diversitätsbegriff fassen. Ethnische und kulturelle +Diversität wird durch das hohe Ausmaß an Immigration +und Emigration, also Einwanderung und Auswanderung +zwischen verschiedenen Ländern mit ihren +unterschiedlichen Kulturen, immer auffälliger. Solche +migrationsbedingten Differenzierungen der Lebensführung +liegen quer zu allen anderen; sie treten zu den schon +existierenden Differenzierungen nach sozioökonomischem +Status, Bildungsgrad, Geschlecht, Alter und Region hinzu. +Auf diese Weise korrespondieren ökonomische, soziale, +biologische und ethnisch-kulturelle Ungleichheiten +miteinander. Diese intersektionale Perspektive geht wie +gesagt davon aus, dass sich diverse Ungleichheitslagen +gegenseitig verstärken oder auch abschwächen können; sie +hängen von der Zusammensetzung der Merkmale ab, von +der Mischung oder, in dem schon verwendeten Bild, dem +Orchester des Zusammenspiels unterschiedlicher +Benachteiligungen und Privilegierungen, das den +Ausschlag für die Lebenschancen eines Menschen gibt. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/458.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/458.md new file mode 100644 index 0000000..c863cc7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/458.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Der Begriff der Diversität ist also auch in der +intersektionalen Perspektive auf unterschiedliche +Differenzierungslinien ausgerichtet, die mit körperlichen +Merkmalen oder Beeinträchtigungen (Alter, Geschlecht, +Aussehen) als den sogenannten »askriptiven« +(zugeschriebenen und als unveränderlich geltenden) +Merkmalen sowie mit Gruppenzugehörigkeiten und +Mentalitäten verbunden werden, die als »deskriptiv« und +damit als veränderlich gelten. Formen ethnischer +Stigmatisierung können dabei auf beide Differenzlinien +zurück gehen. Hinweise hierauf ergeben sich aus +zahlreichen Untersuchungen, deren Erkenntnisse +international diskutiert werden, und die für +Zugangsbarrieren und Diskriminierungsmuster im +Bildungs- und Gesundheitsbereich bereits gut aufbereitet +sind. Bezüglich solcher Unterschiede, die mit ethnischen +Ungleichheiten assoziiert sind (etwa die Benachteiligung +im Bildungssektor), muss aber genau geprüft werden, wie +weit ein eigenständiger ethnischer Faktor als der reale +Wirkfaktor angesehen werden kann. In den meisten Fällen +sind es das ökonomische und soziale Profil einer Gruppe, +das die ethnischen Besonderheiten immer noch zu +überragen scheint, wie Detailstudien aufzeigen können. +Das heißt, dass eigentlich der soziale Status und die +Ressourcenverfügbarkeit Formen der Benachteiligung +bedingen und nicht die ethnische Zugehörigkeit. +In der Tat weisen viele Beispiele darauf hin, dass zum +Beispiel schlechtere Leistungen in der Schule nicht immer +einen Zusammenhang mit dem Zuwanderungsstatus +aufweisen. Wenn Schülerinnen und Schüler mit +Migrationshintergrund mit Gleichaltrigen verglichen +werden, die keinen Migrationshintergrund haben, aber das +gleiche Sozialprofil (zum Beispiel der gleiche Bildungs- und +Berufsabschluss der Eltern), dann fallen die Schülerinnen +und Schüler mit Migrationshintergrund nicht mehr auf. Ihr +Migrationshintergrund als Determinante für schulische diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/459.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/459.md new file mode 100644 index 0000000..1bef078 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/459.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Leistungen wird also häufig überschätzt (Dollmann 2017). +Unterschätzt wird dagegen, wie in der Schule die +Leistungsfähigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund +geringer bewertet wird und damit Effekte der +institutionellen Diskriminierung ausgelöst werden +(Glorius 2014). +Für die öffentliche Diskussion ist dies natürlich sehr +bedeutsam, weil häufig falsch rückgeschlossen wird auf +migrationsbedingte Faktoren. Das Gleiche gilt +interessanterweise auch für den umgekehrten Fall der +Bildungsprivilegierten: Bildungs- und ausbildungsstarke +Elternhäuser haben Kinder, die selbst wiederum zu einer +Bildungselite gehören, und der eigene ethnische oder +Migrationshintergrund spielt hier praktisch keine Rolle. In +Deutschland sind die aus Iran stammenden Flüchtlinge ein +Beispiel, die nach der radikalen religiösen »Islamischen +Revolution« im Jahr 1979 als gut etablierte, säkulare +Bildungselite das Land verlassen und von heute auf Morgen +in Deutschland Fuß fassen musste. Über viele Jahre hinweg +waren die Kinder dieser Geflüchteten einer der +bildungserfolgreichsten migrantischen Gruppen im +deutschen Bildungssystem. +Warum reden wir also über ethnische Diversität? + +Solche Beispiele für das Verschwinden der Bedeutung einer +ethnischen Zugehörigkeit finden wir sehr oft. In der +öffentlichen Wahrnehmung hat sich diese Erkenntnis aber +noch nicht durchgesetzt. Es gibt immer noch eine starke +Tendenz, Unterschiede in den Fähigkeiten, Leistungen oder +Mentalitäten Gruppenmerkmalen zuzuschreiben. Sie +werden als natürliche Merkmale einer Gruppe angesehen +oder, in der Fachsprache, »naturalisiert«. Dafür gibt es im +Alltag viele Beispiele. Wenn ein Schüler, dessen Eltern aus +Italien stammen, zum Beispiel etwas zu laut wird, dann ist +es sein »heißblütiges Temperament«. Diese Wahrnehmung +kennzeichnet ihn dann lange, ohne dass er eine solche diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/460.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/460.md new file mode 100644 index 0000000..d469cb3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/460.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Etikettierung seiner Person ebenso leicht, wie sie +vorgenommen wurde, wieder neutralisieren kann. Dabei +verweisen die Erkenntnisse, die wir einer +sozialisationstheoretischen Perspektive zuordnen, auf die +genaue Gegentendenz. Mentalitätsmuster ethnischer +Gruppen sind enorm variabel. Die Anpassung an +veränderte kulturelle Räume (also Kontexte) erfolgt sehr +schnell (Zick 2010) und die Sozialprofile (ökonomisches, +kulturelles und soziales Kapital) sind viel bedeutsamer für +die Ausprägung einer spezifischen Mentalität als +angenommene »natürliche« (und damit feststehende und +unbewegliche) Merkmale einer Gruppe. +Von hier aus eröffnet sich ganz notwendig die +Problematisierung dessen, was als ethnische Diversität +diskutiert wird. Ihre Thematisierung ist aus der +Ungleichheitsperspektive lohnenswert, weil ethnische +Zuschreibungen auch als eigenständige Quelle von +Benachteiligungen wirken können. Ethnische +Marginalisierung, der Ausschluss aufgrund von +Gruppenzugehörigkeiten, Diskriminierung und Rassismus +sind Bestandteil der Erfahrungen vieler Gruppen, die von +außen als migrantisch geprägt definiert werden. +Der Psychologe und Migrationsforscher Hacı-Halil +Uslucan (geb. 1965), der u. a. als Mitglied der +Fachkommission der Bundesregierung zu den +Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit tätig ist, +erörtert eine Zangensituation, in der sich Menschen mit +Migrationshintergrund befinden. »Dabei und doch nicht +mittendrin. Die Integration türkeistämmiger Zuwanderer« +(Uslucan 2011) thematisiert Ausgrenzungs- und +Stigmatisierungserfahrungen wie etwa auf dem +Wohnungsmarkt, wenn ein ausländischer Name bereits ein +Ausschlusskriterium ist, oder in der Schule, wenn +kollektive Stigmata auf einzelne Personen angewendet +werden. Zum anderen gibt es Gegen- und +Abgrenzungsbewegungen innerhalb der Minderheit. Je diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/461.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/461.md new file mode 100644 index 0000000..9326c63 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/461.md @@ -0,0 +1,35 @@ +mehr »Stress« mit der Akkulturation (im Sinne der +Anpassung an eine neue Kultur) verbunden ist, desto +geringer ist eine Akkulturationsbereitschaft. Diese +Stresssymptome treten notwendig ein, wenn Migration +stattfindet, sie können aber verlängert werden, wenn +Akkulturation auf hohe Hürden trifft. Dann +verbarrikadieren sich auch die Minderheiten hinter einer +Tendenz zur Vereinheitlichung. »Stillschweigend wird hier +eine Homogenität der Mehrheitsgesellschaft und ihrer +Leitwerte sowie eine Einheitlichkeit der Minderheiten und +ihrer familialen Orientierungen unterstellt, die so jedoch +kaum gegeben ist.« (Uslucan 2011, S. 43) +Heute wird mehr und mehr und mehr öffentlich +diskutiert, dass die Integrationsfähigkeit gerade +türkeistämmiger Zuwanderer viel höher ist als es in der +öffentlichen Diskussion wahrgenommen wird. Der +Soziologe Aladin El-Mafaalani (geb. 1978) spricht +diesbezüglich von einem »Integrationsparadox« (ElMafaalani 2018), weil erst in der Jetztzeit offen thematisiert +wird, was unterhalb der Schwelle der öffentlichen +Wahrnehmung über Jahre hinweg, über ein bis zwei +Generationen auf dem Rücken von Migrantinnen und +Migranten ausgetragen wurde. Es darf nicht unterschätzt +werden, mit welcher Macht die Folgen eines solchen +Missverstehens, wie sie El-Mafaalani und Uslucan +beschreiben, auf gesellschaftliche Beziehungen und das +Austarieren von Normen durchschlagen. Uslucan hat +Recht, wenn er eine intersektionale Perspektive verlangt, +die den sehr differenzierten Lebensbedingungen von +Menschen Rechnung trägt und in der Migration und +Ethnizität eine wichtige, aber nicht die einzige Bedingung +für die Ausprägung von Diversität darstellen. +Im Zusammenhang mit der Sozialtheorie Bourdieus ist +schon einmal auf das Verhältnis von »Fremdeliminierung«, +also der Aussortierung durch Andere, und +»Selbsteliminierung«, als Rückzugsverhalten diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/462.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/462.md new file mode 100644 index 0000000..0ea7270 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/462.md @@ -0,0 +1,34 @@ +benachteiligter Gruppen, bei der Erklärung sozialer +Ungleichheiten verwiesen worden. Hier könnte das +Begriffspaar abermals dienlich sein. Intersektionale +Ungleichheiten sind in diesem Sinne sichtbar als das +Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren, die die Fremdund Selbsteliminierung beeinflussen. Sie dienen nicht nur +der Wissenschaft als analytische Brille. Sie sind auch +praktisch wirksam und entscheiden darüber mit, wie +Ausgrenzungs- und Anerkennungserfahrungen gemacht, +eigene Handlungsperspektiven entwickelt und damit +Ausschlussprozesse erlebt werden. +Ungleichheit und Diversität in der Sozialisationsforschung + +Es lassen sich bereits viel Verbindungen erkennen, die das +Thema der intersektionalen Ungleichheiten an die +Sozialisationsperspektive anschließen. Die Verbindung mit +der Forschung zu divergierenden Erziehungsarrangements +ist ein solcher Anknüpfungspunkt. Herwartz-Emden, Schurt +und Waburg (2010) können in einer Studie zeigen, wie sich +soziale, geschlechtliche und ethnisierte Ungleichheiten in +der familialen Sozialisation vermischen. Diese Vermischung +bedeutet auch die Nicht-Festlegung auf ein dominierendes +Merkmal sozialer Ungleichheit. Wiederum verweist dieses +Ergebnis auf die Bedeutung intersektionaler, also +verschiedener und sich gegenseitig beeinflussender +Ungleichheitserfahrungen. Sozial-ökologisch divergierende +Sozialisationsräume müssen also sehr genau nach +kontextuellen und kompositorischen Merkmalen +unterschieden werden. +Solche kontextuellen und kompositorischen Merkmale +der räumlichen Umgebung scheinen die +Zugangsmöglichkeiten zu zentralen Gütern im Bildungsund Gesundheitssektor zu regulieren. Dabei zeigt sich in +einer Untersuchung von Kirby und Kaneda (2006): Wenn +individuelle Merkmale als Ursache ausgeschlossen werden +(also personengebundene Kompetenzen gleich sind), diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/463.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/463.md new file mode 100644 index 0000000..0e1ffb8 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/463.md @@ -0,0 +1,36 @@ +nehmen genau diese sozial-ökologischen Faktoren +eigenständig Einfluss auf die Zugangschancen. Hieraus +ergeben sich Rückschlüsse auf die Effektkette sozialer +Benachteiligung. Merkmale der Stigmatisierung +(Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen) rücken in den +Vordergrund, die genauso wie infrastrukturelle Faktoren +(Entfernung zum Arzt, zu einer guten Schule etc.) für die +Ausprägung von Ungleichheiten oder Zugangsbarrieren +relevant werden können. +Das neunte Prinzip zur Bedeutung intersektionaler +Ungleichheiten versucht dieses sehr komplexe Geschehen +an die Stelle einfacher, monokausaler Ursachenannahmen +über die Ausbildung sozialer Ungleichheiten zu stellen. Die +damit verbundene analytische Reichweite geht über die +Frage reiner ökonomischer Verteilungsungleichheiten +selbstverständlich weit hinaus. +Ein Zugang, der die Komplexität ungleicher Lebenslagen +empirisch zu fassen versucht, ist der der milieuspezifischen +sozialen Ungleichheiten von Choi (2012), der für die +Analyse von Erziehungsarrangements genutzt wird. Der +Ansatz der milieuspezifischen Erziehungsstildifferenzierung +wird von Choi an die sogenannten SINUS-Milieus +angelehnt. Hierfür wird eine Milieuperspektive mit der +Betrachtung der elterlichen Erziehungsstile verbunden +(Merkle/Wippermann/Henry-Huthmacher 2008). Das +Ergebnis dieser Untersuchungen knüpft an +Grundannahmen der sozialökologischen Differenzierung +an, konzentriert sich aber auf die Unterscheidung von +elterlichen Mentalitäten (also zumeist +Einstellungsmustern), die milieuspezifisch variieren und +dann als unterscheidbare Erziehungsstilmerkmale +erkennbar werden. Tabelle 6 fasst die Ergebnisse auf der +Grundlage der Darstellung von Choi (2012) zusammen und +verweist darauf, wie eng die Perspektive der familialen +Sozialisation im sechsten Prinzip des MpR mit der der +Ungleichheiten im neunten Prinzip verbunden ist. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/464.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/464.md new file mode 100644 index 0000000..56423e1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/464.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Sinus-Milieu + +Merkmale der Erziehung + +Etablierte + +Autoritativer Erziehungsstil mit +Tendenz zu Strenge; ambitionierte +Erziehungsarbeit; hohe Ansprüche +an die Entwicklung des Kindes; +Setzen auf Fachliteratur und +Ratgeber diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/465.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/465.md new file mode 100644 index 0000000..61d6740 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/465.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Sinus-Milieu + +Merkmale der Erziehung + +Postmaterielle + +Autoritativer Erziehungsstil; +selbstkritische Erziehungsarbeit; +hohe Ansprüche an eigene +Leistung; Kinder als Geschenk diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/466.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/466.md new file mode 100644 index 0000000..66ddd83 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/466.md @@ -0,0 +1,22 @@ +Sinus-Milieu + +Merkmale der Erziehung + +Moderne Performer + +Autoritative Erziehung mit klarer +Vorgabe und Orientierung an +Vorschriften und Regeln; +selbstbewusste, von eigener +Intuition geprägte +Erziehungsarbeit; hohe lern- und +leistungsorientierte Anforderungen +an das Kind + +Bürgerliche Mitte + +Aufopfernde Erziehungsarbeit; +Behüten und Beschützen; +umfassende Information; Risiken +meiden; starkes Engagement vor +allem der Mütter diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/467.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/467.md new file mode 100644 index 0000000..6649759 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/467.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Sinus-Milieu + +Merkmale der Erziehung + +Experimentalisten + +Permissiver Erziehungsstil, +Maxime der Gleichstellung in der +Erziehung, intuitives Vorgehen; +innovative pädagogische Ansätze; +freie Entfaltung des Kindes; +Selbstständigkeit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/468.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/468.md new file mode 100644 index 0000000..0f1d0bd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/468.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Sinus-Milieu + +Merkmale der Erziehung + +Konsummaterialisten Permissiv-vernachlässigender +Erziehungsstil, +Erziehungsverständnis stark auf +bestrafende Elemente reduziert; +keine expliziten Erziehungsziele; +frühe Selbstständigkeit; +Medienkonsum hoch; Konsum ist +Fürsorge diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/469.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/469.md new file mode 100644 index 0000000..7848da7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/469.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Sinus-Milieu + +Merkmale der Erziehung + +Hedonisten + +Konzeptloses »Laissez-faire«; +Erziehung ist negativ belegter +Begriff und gilt als anstrengend; +viel Freiheit und Verantwortung für +das Kind + +Tab. 6: Soziale Milieus und ihre Erziehungsstile. Quelle: +Merkle/Wippermann/Henry-Huthmacher 2008. + +Für die Verbindung der Ungleichheits- und +Sozialisationsperspektive sind diese Ergebnisse von hoher +Relevanz. Sie zeigen, dass in der horizontalen und +vertikalen Gliederung einer Gesellschaft sich +Ungleichheiten der Verfügbarkeit über Ressourcen und +entsprechende Mentalitäten überschneiden. Einmal +beispielhaft hierzu: Während sich die Erziehungsstile der +»Etablierten«, »Postmateriellen« und »Modernen +Performer« (den Trägern von viel ökonomischem und +kulturellem Kapital) zwar unterscheiden, sind sie im +Merkmal der deutlichen Leistungsorientierung eng +miteinander verbunden. Dem behütenden Erziehungsstil +der »Bürgerlichen Mitte« (der als Bremse der Entwicklung +individueller Selbstständigkeit fungieren kann), stehen die +auf Permissivität und Laissez-faire ausgerichteten +Erziehungsstile der »Experimentalisten«, +»Konsummaterialisten« und »Hedonisten« am unteren +Ende der sozialen Hierarchie gegenüber. Hier wird +deutlich, dass dieser wenig involvierte Erziehungsstil in der +Realität nur selten praktiziert wird. Wenn er eingesetzt +wird, dann nicht von den erfolgsorientierten, +ressourcenstarken Milieus, sondern von den Eltern, die in +unterprivilegierten oder prekären Lebensverhältnissen +erziehen. Hiermit wird ein hochinteressanter Blick auf den diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/470.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/470.md new file mode 100644 index 0000000..663b5af --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/470.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Zusammenhang zwischen ungleichen Lebensbedingungen, +Mentalitäten und Erziehungsstilen geworfen. Gleichzeitig +könnte in diesem Zusammenhang auch eine Ursache für +die Reproduktion von Ungleichheitslagen begründet sein. +Dennoch bleiben diese Erkenntnisse in der +Forschungsdiskussion nicht unwidersprochen. Choi selbst +rekurriert darauf, dass es fraglich ist, wie homogen die +Erziehungsstilmuster in den einzelnen Milieus anzunehmen +sind. Die Empirie kann für eine starke +Homogenitätsannahme auf Grundlage der SINUS-Milieus +keine ausreichenden Hinweise bieten (Choi 2009). Die +Milieuperspektive lässt in der vorgestellten Form also nur +erste Anknüpfungspunkte für die weitere Diskussion +erkennen. +Die empirische Beschreibbarkeit (das, was in der +Forschung als »Operationalisierung« einer Theorie +bezeichnet wird) von Lebens- und Umweltbedingungen, die +an sozial-ökologische Prämissen anschließbar ist, scheint +also nicht ohne Schwierigkeiten zu sein. Zumindest muss +die Annahme vorsichtig eingesetzt werden, dass +sozialisatorische Einflüsse mit der hierarchischen Struktur +ungleicher Lebensbedingungen im Erwachsenenalter +identisch seien. Vorstellungen über die Sozialisation von +Kindern und Jugendlichen als direkter Spiegel der +elterlichen Lebensbedingungen ist als funktionalistisches +Erbe der Soziologie (im Sinne der Theorie von Parsons, die +bereits vorgestellt wurde) in der Sozialisationsforschung +anzusehen. Der Vorwurf an diese Perspektive ist, dass sie +der Vorstellung »eigenständiger« Lebenswelten der +Heranwachsenden keinen Raum lässt. +Muster der intersektionalen Differenzierung verweisen +dennoch auf die Bedeutung von Lebensstil- und +Mentalitätsmustern Lebenswelten von Kindern und +Jugendliche, die mit der Verteilung des ökonomischen und +kulturellen Kapitals im Herkunftsmilieu zusammenhängen +(Büchner/Brake 2006; Kramer/Helsper 2010). Auch hier diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/471.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/471.md new file mode 100644 index 0000000..386bf81 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/471.md @@ -0,0 +1,36 @@ +gilt, dass die Milieuherkunft die individuellen Lebens- und +Erziehungsstile nicht ohne Ausnahme vorhersagen kann. +Wie stark der Zusammenhang von Milieu und Erziehung +ist, kann aber nur empirisch beantwortet werden. +Für die weitere Argumentation ist dies ein wichtiger +Ansatzpunkt. Bisher ist nur darauf verwiesen worden, +Sozialisationsräume nicht aus ihrer Verankerung im +sozialstrukturellen Gefüge herausgelöst werden können +(hierzu auch Bauer/Vester 2015). Im Folgenden sollen für +diese Annahme, die in der ungleichheitsorientierten +Sozialisationsforschung immer noch eine große Rolle spielt, +auch weiterhin Erkenntnisse empirischer Forschung +herangezogen werden. +Soziale Ungleichheit und Erziehungsstile im Ansatz von Annette Lareau + +Der wohl prägnanteste Versuch, die +Ungleichheitsperspektive mit Sozialisations- und +Erziehungsarrangements zu verbinden, erfolgte durch die +US-amerikanische Soziologin Annette Lareau (geb. 1952). +Lareau (2003) untersucht Erziehungspraktiken und Muster +der Eltern-Kind-Interaktion in sozial differenzierten Milieus +(»Unequal Childhoods«). Lareaus Methode – der Vergleich +zwischen Arbeiter- und Mittelschichtsfamilien – zeigt klare +Mentalitätsunterschiede, die sich in den Praktiken der +Kindererziehung reproduzieren. Das Besondere ist dabei, +dass die Unterschiede durch teilnehmende Beobachtung +(die Anwendung der ethnografischen Methode) erfasst +werden. Damit werden vor allem solche Ungleichheiten im +Erziehungsverhalten relevant, die unterschiedliche, +zumeist symbolische Praktiken (wie etwa die +Aufmerksamkeitszuwendung und die Bestrafung durch +Nicht-Beachtung) repräsentieren, die in einer sonst +typischen standardisierten Befragung (so mit der +Fragebogenmethode) nicht erfasst werden können. +Lareau bestätigt mit ihren Untersuchungen ein +traditionelles Muster der ungleichheitsorientierten diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/472.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/472.md new file mode 100644 index 0000000..b02b05a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/472.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Sozialisationsforschung, differenziert aber noch weiter auf +der Ebene der Beschreibung von Erziehungsstilen wie sie +Choi vorgenommen hatte. So identifiziert sie in den +gehobenen Milieus der US-amerikanischen Mittelschicht +ein übergreifendes Erziehungsstilmuster, das sie die +»konzertierte Kultivierung« (concerted cultivation) nennt. +Sie beschreibt hiermit einen spezifischen Typ der +elterlichen Erziehungspraktiken, der vor allem auf die CoOrganisation aller schulischen und außerschulischen +Aktivitäten der Kinder durch die Eltern zielt. Die Eltern +sind hiernach in alle Entscheidungsprozesse der Kinder +einbezogen, sie organisieren die Schulwahl und das +Schulleben und sind die Hauptansprechpartner ihrer +Kinder in allen Fragen der Schulvorbereitung, +Lernüberwachung und Freizeitgestaltung. +Am deutlichsten wird diese Form der konzertierten +Vorbereitung am gezielten Training, mit dem Kinder auf die +Umgangsformen in den gehobenen +Dienstleistungssegmenten eingestellt werden: der höfliche +Umgang, die gezielte Ansprache, aber auch das +selbstständige Kommunizieren mit Ärzten, anderen Eltern +und das forschende und interessierte Fragen im +Schulbereich. Demgegenüber ist der Erziehungsstil der +Arbeiterfamilien durch etwas gekennzeichnet, das Lareau +als die Bereitstellung von Bedingungen des »natürlichen +Aufwachsens« bezeichnet (accomplishment of natural +growth). +Lareau stellt mit diesem sehr defensiven Erziehungsstil +ein bereits bekanntes Muster vor, in dem die Eltern ihren +Einfluss auf die Erziehungspraktiken nur sehr partiell +geltend machen. Die Orientierung an der Bereitstellung +von Bedingungen des »natürlichen Aufwachsens« ist +gekennzeichnet durch einen besonders geringen Grad an +Einflussnahme auf die Freizeitgestaltung, aber auch auf +schulische Angelegenheiten. Es ist ein der konzertierten +Kultivierung diametral entgegengesetztes diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/473.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/473.md new file mode 100644 index 0000000..79287e6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/473.md @@ -0,0 +1,25 @@ +Erziehungsstilmuster. Der Entwicklungsprozess wird nicht +überwacht, der Vorbereitungsfunktion der häuslichen +Erziehung wird keine große Bedeutung verliehen, der +schulischen Erziehungsarbeit wird viel Verantwortung +übertragen, und damit wird auch das akzeptiert, was die +Schule als Bewertung der Kinder anbietet. +Lareaus Forschungserkenntnisse haben in der Debatte +über ungleiche Sozialisationsbedingungen zweifellos +wichtige Annahmen der älteren schichtspezifischen +Forschung nach dem Vorbild beispielsweise von Bernstein +wieder aufnehmen können. Wenn sie im Rahmen der +ethnografischen Forschung die Kinder und Jugendlichen +auf dem Weg in die Arztpraxis begleitet, beobachtet, wie +die Jugendlichen den Ärzten die Hand geben und in die +Augen schauen, wie sie versuchen zu folgen, worüber +gesprochen wird, sie sich in die Konversation einmischen, +Mut entwickeln, wenn es darum geht der eigenen Lehrerin +zu widersprechen usw., ist dies ein bedeutsamer ein +Hinweis auf die Bedeutung von Ressourcenungleichheiten. +Diese sind nicht nur ein limitierender Einfluss von außen, +sondern stellen auch für die Faktoren, die eng mit der +Persönlichkeit verbunden sind (wie z. B. die +Selbstwirksamkeitserwartungen), ein starkes Element des +Zusammenspiels von Benachteiligung und Privilegierung +dar. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/474.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/474.md new file mode 100644 index 0000000..3ba65f0 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/474.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Die kumulative Wirkung von Ungleichheiten + +Aktuell vergrößern sich die Unterschiede zwischen +Familien, die ihren Kindern sehr gute materielle +Lebensbedingungen, eine gute Ausstattung an Wohnung +und Kleidung, reichhaltige Freizeit- und Bildungsimpulse, +gesunde Ernährung und eine gute Erziehung auf der Basis +einer sicheren Bindung bieten können, und Familien, die in +allen diesen Bereichen Einschränkungen haben. Diese +Unterschiede in der Ausprägung der sozialen Ressourcen +in den primären Sozialisationsinstanzen werden in die +produktive Verarbeitung der äußeren Realität einbezogen +und wirken sich auf die Persönlichkeitsentwicklung der +Kinder aus. +Kinder aus sozial privilegierten Familien starten auf diese +Weise mit ungleich besseren Voraussetzungen für die +Bewältigung der lebenslaufspezifischen Herausforderungen +als die aus sozial benachteiligten Familien. Dies zeigen +eindrucksvoll die Erkenntnisse von Lareau oder anderer +Detailstudien, etwa für das Gesundheitsverhalten und das +Erleben der eigenen Selbstwirksamkeit (Kroll 2010, S. 72 +ff.; Weyers 2011), den Umgang mit Medien- und +Konsumangeboten (Stecher 2005) oder das +Ernährungsverhalten in den Mittepunkt stellen +(Oncini 2019). Die Traumatisierung durch +Fluchterfahrungen, die Erfahrung von schwerer Krankheit +oder der Tod eines Angehörigen bedeuten Sonderfälle der +Beeinflussung der eigenen Bewältigungsfähigkeit. Obwohl +diese Erfahrungen nicht an die Zugehörigkeit zu einem +bestimmten Milieu gekoppelt ist, haben auch diese +Erfahrungen Auswirkungen auf die Lebensführung. Treten +sie in das Orchester der unterschiedlichen, intersektionalen +Einflüsse sozialer Ungleichheit ein, sind sie zumeist ein +Verstärker der Wirkung von belastentenden +Lebensbedingungen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/475.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/475.md new file mode 100644 index 0000000..84a8e0e --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/475.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Es kann also nicht genau gesagt werden, wie +Ungleichheiten wirken, weil die individuelle Mischung +unterschiedlicher Erfahrungen mit Ungleichheit und dem +dazugehörigen Modus der produktiven +Realitätsverarbeitung, der auch den Umgang mit +Belastungen reguliert, nicht voll verstanden ist. Aus einer +Perspektive, die nicht auf das einzelne Individuum, sondern +auf die großen Zahlen der Statistik schaut, lassen sich +dagegen Folgerungen formulieren. Hiernach ist deutlich, +dass im weiteren Verlauf des Lebens die Startunterschiede +für die Persönlichkeitsentwicklung nur in den seltensten +Fällen ausgeglichen werden. Bei der Mehrheit der Kinder +kommt es vielmehr zu einer Verstetigung und ständigen +Verstärkung des einmal eingeschlagenen Pfades der +Persönlichkeitsentwicklung. Den sekundären +Sozialisationsinstanzen gelingt es nur bei einem kleinen +Teil der Kinder aus den sozial benachteiligten Familien, die +Weichenstellungen des Elternhauses so zu verändern, dass +die fehlende Nähe zum kulturellen Kapital, was sich als +Rückstände in der Leistungs- und Kompetenzentwicklung +bemerkbar macht, in der Förderung ausgeglichen werden +können. +Auch die tertiären Sozialisationsinstanzen verstärken in +der Regel die bereits vorhandenen Ungleichheiten, weil – +um nur ein Beispiel zu nennen – Freizeit- und +Medienangebote mit den bereits durch die Familie +geformten Einstellungs-, Wahrnehmungs- und +Fähigkeitsunterschieden und damit zusammenhängenden +Verhaltenserwartungen aufgenommen werden. Der +»soziale Habitus« ist mithin meist schon so stark +ausgebildet, dass er sich gewissermaßen immer wieder +selbst reproduziert. +Ungleichheiten wirken ungleich – und nicht immer direkt + +Bei der Mehrzahl der Kinder aus privilegierten sozialen +Bevölkerungsgruppen kommt es auf diese Weise zu einer diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/476.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/476.md new file mode 100644 index 0000000..cdab923 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/476.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Kumulation von Bevorzugungen, bei denen aus +unterprivilegierten zu kumulierten Benachteiligungen. +Natürlich ist in beiden Gruppen der Prozess der +Realitätsverarbeitung produktiv in dem Sinne, dass er +individuell suchend und sondierend abläuft. Das jeweilige +Ergebnis dieses Prozesses – gemessen an der Fähigkeit, +Individuation und Integration miteinander zu verbinden +und eine Ich-Identität zu entwickeln – fällt allerdings +höchst unterschiedlich aus. Die Faustregel lautet: Je +privilegierter die Lebenssituation, desto weniger Risiken in +der Ausbildung von Fähigkeiten und Kompetenzen. Den +entscheidenden Faktor bilden die individuellen +Ausgangsbedingungen, die über die Resilienz (also die +Widerstandsfähigkeit) und Fähigkeiten zur Bewältigung +ungünstiger Belastungen entscheiden. Von hier aus +betrachtet kann tatsächlich gesagt werden, dass +Ungleichheiten nicht immer gleich wirken. Zwei weitere +Faktoren sind hierfür ausschlaggebend: +Zum einen sind die Wirkungen von Ungleichheiten nicht +immer kausal, also direkt zu verstehen. Es existiert die +Tendenz, immer von einem unmittelbaren Einfluss der +sozialen Ungleichheit auf Belastungen und +Einschränkungen eines Menschen auszugehen. +Forschungsarbeiten, die untersuchen, wie sich +Ungleichheiten auf die Gesundheit auswirken, verfolgen +einen anderen Ansatzpunkt. Sie gehen nicht von +direkten Wirkungen aus, sondern Auswirkungen der +»Verwitterung« (im Englischen »wheathering«) aus, die +beinhaltet, dass gerade Dauerbelastungen und Stress +zunächst eine Sammeltendenz haben und dann +beschleunigt die Verschlechterung der Gesundheit +bewirken (Allanen et al. 2019). +Zum anderen sind Ungleichheiten immer relativ. Auch +in sehr wohlhabenden Gesellschaften zeigen sich +deutliche Auswirkungen von Ungleichheiten und Armut. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/477.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/477.md new file mode 100644 index 0000000..de45426 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/477.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Dies mag auf den ersten Blick überraschend sein. +Tatsächlich sind ja selbst wenig verdienende und arme +Menschen in Deutschland zumeist nicht wohnungslos +oder müssen hungern. Trotzdem lehren uns empirische +Erkenntnisse, dass sich Deprivationserfahrungen +(Deprivation wird häufiger psychologisch verwendet +und bezeichnet die Auswirkungen von Mangel und +Verlusten auf eine Person) immer relativ, also in +Vergleichen zu anderen Menschen herstellen. Menschen +machen Vergleiche und stellen dabei fest, dass sie +weniger haben, weniger bekommen oder weniger +können. Diese Vergleichsprozesse sind schon einmal +angesprochen worden, als es um Resilienz gegenüber +hoch belastenden Faktoren der Lebensführung ging, die +das Individuum mit Blick auf das Wohlergehen und die +Gesundheit unterschiedlich stark beeinflussen. Schon +hier ist auf die wegweisenden Untersuchungen der +Gesundheitsforschung hingewiesen worden, die +beinhalten, dass Ungleichheiten krank machen – nicht +weil sie Mangel erzeugen, sondern weil sie Menschen +mit der enormen Spanne an Möglichkeiten +konfrontieren, die sie selbst nicht realisieren können +(Wilkinson/Pickett 2010). +Der Umgang mit Ungleichheit und Diversität + +Die Annahmen dazu, wie sich soziale Ungleichheiten über +Erziehungs- und Sozialisationsprozesse in der Familie auf +Kinder und Jugendliche übertragen, sind weiterreichend. +Der Ansatz der intersektionalen Ungleichheiten beinhaltet, +dass Ungleichheiten sich in vielen anderen Dimensionen als +nur einer ökonomischen ausprägen können, sich +überlagern und gegenseitig beeinflussen können. Dieses +Verständnis ist wichtig, um in der Debatte über +Gegenmaßnahmen auch die richtigen Hebel bewegen zu +können. Denn: Nur wer Ungleichheiten und ihre +Entwicklung versteht, kann auch dagegen angehen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/478.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/478.md new file mode 100644 index 0000000..4ed076c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/478.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Für die intersektionale Perspektive ist ebenso +entscheidend, dass die Ähnlichkeiten zu der Wirkweise +»typischer« sozialer Ungleichheiten erkannt werden. Vieles +von dem, was über die »Übertragung« sozialer +Ungleichheit bisher bekannt ist, trifft auch intersektionale +Ungleichheiten. Pierre Bourdieu hat dazu sehr umfangreich +argumentiert, indem er die Entstehung von Ungleichheiten +mit der Akzeptanz der eigenen Position in einem sozialen +Gefüge in Verbindung bringt. +»Bekanntlich verdankt die soziale Ordnung ihre Beständigkeit zumindest +teilweise der Tatsache, daß sie Klassifizierungsschemata durchsetzt, die – +da sie sich den objektiven Klassifizierungen anpassen – zu einer +bestimmten Form der Anerkennung dieser Ordnung führen, derjenigen +nämlich, die mit der Verkennung der Willkür ihrer Grundlagen einhergeht: +Die Korrespondenz zwischen objektiven sozialen Gliederungen und +Klassifizierungsschemata, zwischen objektiven sozialen Strukturen und +mentalen Strukturen, ist Grundlage einer Art Ur-Bejahung der bestehenden +Ordnung. Politik beginnt eigentlich erst mit der Aufkündigung dieses für +die ursprüngliche Doxa charakteristischen und unausgesprochenen +Vertrags über die Bejahung der bestehenden Ordnung; mit anderen Worten +Politische Subversion setzt kognitive Subversion voraus, Konversion der +Weltsicht.« (Bourdieu 1990, S. 104) + +Bourdieu ist hier besonders deutlich: Benachteiligungen +wirken, weil sie als legitim anerkannt werden; sie gehen +mit Klassifizierungen einher, die sich durchsetzen und auf +die Menschen sich in ihrem Handeln beziehen. Den +Zusammenhang von »Beschreiben und vorschreiben« nennt +Bourdieu dies und meint, dass die soziale Welt, indem sie +Ungleichheiten akzeptiert, quasi-natürliche Gesetze, +Vorgaben und Vorschriften anbietet. Die Realität bietet +viele diesbezügliche Beispiele: Mädchen sind nicht so +analytisch, Jungen sind eher aggressiv und Italiener +heißblütig. Wer diese Beschreibung hört, ist bereits dafür +vorgesehen, Klassifizierungen der sozialen Welt +anzuerkennen. Dies meint die von Bourdieu so bezeichnete +»Ur-Bejahung« der gesellschaftlichen Ordnung, die in diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/479.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/479.md new file mode 100644 index 0000000..cd29261 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/479.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Köpfen aller Menschen vorhanden ist (und die Dominanz +dieser einen Weltsicht nennt Bourdieu »Doxa«). +Erkennen wir also über Sprache und Kommunikation +bestimmte Beschreibungen von Herrschaftsverhältnissen +an, akzeptieren wir auch die damit verbundenen +Ungleichheitsprinzipien. Aber kann man dagegen +ankommen? Kann man die Akzeptanz verweigern? +»Konversion«, die Umwandlung der Weltsicht, ist für +Bourdieu die Lösung. Mädchen lassen sich nicht mehr auf +die Beschreibung ein, dass sie zurückhaltend sind, Jungen +müssen nicht hart sein, Migrantinnen und Migranten sind +nicht emotionaler und bildungsferne Kinder nicht +ungeeignet für die Schule, weil sie die Verhaltens- und +Sprachcodes der bildungsnahen Familien nicht +beherrschen. +Die Beschreibung der Mechanismen, die Ungleichheiten +befördern und erhalten, und jenen, die Ungleichheiten +unterbrechen und aufheben können, passt zum MpR. Auch +der Modus der produktiven Realitätsverarbeitung geht +davon aus, dass Erfahrungen mit der sozialen Welt und +ihren Klassifizierungsprinzipien das Handlungsrepertoire +anfüllen. Gleichzeitigt heißt produktive +Realitätsverarbeitung aber auch, dass eine »Konversion« +stattfinden kann und sich damit Handlungsoptionen +ändern. Mit Blick auf die hohe Bedeutung sozialer +Ungleichheiten ist diese Umkehroption wichtig. Ein hohes +Ausmaß an sozialer Ungleichheit und Diversität, das zu +Benachteiligungen führt, stellt für eine Gesellschaft ein +Risiko für den Zusammenhalt dar. Die Spaltung in arme +und reiche Bevölkerungsgruppen wird wie die +Unterscheidung in ein mächtiges und ein ohnmächtiges +Geschlecht als ungerecht empfunden und untergräbt das +Gefühl der Zusammengehörigkeit in einem Gemeinwesen. +Alle hochentwickelten Gesellschaften sollten deshalb ein +Interesse daran haben, soziale Ungleichheiten auf ein +möglichst geringes Maß zu reduzieren. Interventionen in diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/480.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/480.md new file mode 100644 index 0000000..b772ad6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/480.md @@ -0,0 +1,35 @@ +den Prozess der Sozialisation sind dafür besonders +geeignet, weil damit die Kompetenzen der +Gesellschaftsmitglieder beeinflusst werden können. Je +früher im Lebenslauf unterstützende und ausgleichende +Interventionen einsetzen, desto eher können sie ungleiche +Ausgangsbedingungen für die Persönlichkeitsentwicklung +überwinden helfen. Beispiele dafür existieren heute bereits +vielfach, vor allem, um Toleranz in Fragen der +Geschlechtervielfalt zu fördern (Mayerhoffer 2018). +Die Bedeutung früher Förderung + +Frühe Förderung gegen soziale Ungleichheiten, ist eine viel +gehörte Forderung. Aber wie? Der Unterstützung von +Eltern bei der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder und +ihrer Kooperation mit den vorschulischen Erziehungs- und +Bildungsangeboten kommt hierbei zweifellos eine +besonders wichtige Rolle zu (Brake/Büchner 2010). +Chancengerechtigkeit setzt aber auch voraus, jedes Kind +unabhängig von den Merkmalen wie Herkunft, Prestige +und Vermögen der Eltern, Wohnort, Religionszugehörigkeit, +Hautfarbe oder politischer Einstellung gezielt individuell zu +fördern. Länder, die ein breit ausgebautes System von +vorschulischen Einrichtungen mit geschultem Personal zur +individuellen Leistungs- und Sozialförderung der Kinder +haben, sind im internationalen Vergleich bisher am besten +in der Lage, das Ausmaß der schicht- und +migrationsspezifischen Ungleichheit der Verteilung von +Bildungsabschlüssen zu reduzieren. Wie deutlich wird, hat +Deutschland in dieser Hinsicht immer noch einen +Nachholbedarf. +Der diesem Zielhorizont korrespondierende CapabilityAnsatz (Otto/Ziegler 2009) entwickelt das +Spannungsverhältnis zwischen individuellen +Verwirklichungschancen auf der einen und +Chancenstrukturen, die gesellschaftlich zu Verfügung +gestellt werden, auf der anderen Seite. Im Zuge dieser diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/481.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/481.md new file mode 100644 index 0000000..9a537ee --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/481.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Diskussion wurde immer wieder konstatiert, dass +tatsächliche Realisierungschancen eines guten Lebens für +jedes Mitglied einer Gesellschaft von der Verfügbarkeit +über ausreichende Bildungschancen abhängen (Albus et al. +2009). In dem Maße, in dem nach den schulischen +Mechanismen der Benachteiligung von Kindern und +Jugendlichen aus ressourcenschwachen Gruppen gefragt +wird, rücken damit mehr und mehr die schulischen +Kompensationspotenziale in den Mittelpunkt einer +Praxisperspektive. +Gemessen an dem Ziel der Förderung individueller +Bildungs-, Lebensgestaltungs- und Teilhabemöglichkeiten +mahnen die Ergebnisse internationaler +Vergleichsuntersuchungen in Deutschland seit Langem +politischen Gestaltungswillen an. Die Chancenstrukturen +des deutschen Bildungssystems verhindern hiernach die +Normen universaler Chancengerechtigkeit; die +Selektionsfunktion des Bildungssystems privilegiert +bildungsnahe und ressourcenstarke Gruppen (OECD 2010). +Die soziale »Sortierung nach Herkunft« (Vester 2013) und +die »Vererbung« von Armut« (Edelstein 2006) sind kein +Zufallsprodukt. Sie sind mit der Funktionsweise des +Bildungssystems verbunden. Leistungsschwache oder +verhaltensauffällige Schülerinnen und Schüler werden +systematisch abgeschult, also an rangniedrige Schulformen +bis zu den Förderschulen überwiesen. Die erfolgreiche +Förderung von Chancengerechtigkeit dagegen fällt, wenn +die vorliegenden Befunde zusammengefasst werden, mit +integrativ angelegten Schulsystemen zusammen, die +individuell angepasste Bildungswege eröffnen. Sie sind in +Deutschland aber immer noch die Ausnahme. +Herausforderungen für die Kompetenzen von Lehrkräften + +Wenn in der Ungleichheitsforschung heute Sozialmilieus +identifiziert werden, die Heranwachsenden +unterschiedliche Wissensformen, Verhaltensweisen, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/482.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/482.md new file mode 100644 index 0000000..dbb68af --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/482.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Einstellungen und Erwartungsmuster vermitteln, dann +können wir von der Erwartung ausgehen, dass diese +differente Ausbildung von Dispositionen zu ungleichen +Chancen der Bildungsaneignung führt. Schülerinnen und +Schüler bildungsferner Gruppen sind in dieser Hinsicht als +ressourcenschwach einzuschätzen (Kramer/Helsper 2010) +und unterliegen am Ehesten der so bezeichneten +Passungsproblematik in schulischen Lernprozessen. +Diesen ungleichen Chancen durch schulbildungsferne +Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler korrespondiert +eine Form der Ungleichbehandlung durch die Schule. Die +Forschung zu institutioneller Diskriminierung hat dazu +geführt, die institutionalisierte Handlungspraxis von +Lehrkräften als Bestandteil schulischer +Selektionsmechanismen zu bewerten, die +schulbildungsferne Milieus nicht nur nicht fördern kann, +sondern zusätzlich benachteiligt. Die Einschränkung von +Chancengleichheit im Setting Schule lässt sich in dieser +Hinsicht in doppelter Weise pointieren: Zum einen können +schulbildungsferne Gruppen in ihrer Ressourcen- und +Kompetenzausstattung nicht entsprechend gefördert +werden. Zum anderen sind die Urteile von Lehrkräften von +engen Schulbildungsnormen geprägt, die +Partizipationsmöglichkeiten zusätzlich einschränken. Diese +Perspektive bedeutet für die Ausbildung professioneller +Lehrerkompetenzen eine Erweiterung, die bisher kaum +diskutiert wurde (Bittlingmayer/Reith/Bauer 2008). Zudem +bleibt die Diskussion über Lebensbedingungen, die +negative Auswirkungen auf Bildungschancen haben +können, auf wenige Einflussfaktoren beschränkt. +Insbesondere aber für die Entwicklungsdynamik besonders +vulnerabler Bildungsprozesse in den ersten vier Jahren der +Primarstufe ist festzustellen, dass problematische +Lebensbedingungen polyvalent zur Ausprägung gelangen. +Die in den schulbildungsfernen Verhältnissen +aufwachsenden Kinder tragen ein erhöhtes Risiko, von diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/483.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/483.md new file mode 100644 index 0000000..0842ab3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/483.md @@ -0,0 +1,34 @@ +besonderen Schwierigkeiten wie Arbeitslosigkeit der Eltern +oder anderen familiären Belastungen betroffen zu sein +(World Vision Deutschland 2010). Das gilt insbesondere für +Verläufe und die Ausbildung von LeseRechtschreibproblemen (Drucks et al. 2011). Diese +verstärken bei den Lehrkräften den Eindruck, dass Kinder +für höhere Schulformen nicht geeignet zu sein scheinen. +Die »erkannte« Risikobiografie wird durch die so +bezeichnete Abschulung und Dauererfahrungen des +Scheiterns aktiv hergestellt (Breyvogel 2010). Die +Verinnerlichung von Erfahrungen des Scheiterns erfolgt +parallel zu dem »Abkühlen« der Bildungs- und +Berufsaspirationen; dieser Negativzirkel wird vor allem bei +Lese- und Rechtschreibschwächen verstärkt +(Bauer/Bittlingmayer 2012). +Solche Risikokonstellationen werden aber nur in seltenen +Fällen von Lehrkräften als symptomatisch für bestimmte +Benachteiligungslagen erkannt. Zudem fehlen gute +Standards der wohlwollenden Unterstützung, ohne dass +damit eine Diskriminierung der Lernfähigkeit einhergeht +(wie das bei dem sonderpädagogischen Förderbedarf der +Fall sein kann). Aber auch wenn eine wohlwollende +Haltung von Seiten der Lehrkräfte entsteht, sind +Maßnahmen zur individuell angemessenen Förderung +selten vorhanden und belassen die Lehrkräfte in einem +Schwebezustand der Entscheidung für oder gegen diese +Form der schulischen Absonderung. Während etwa im +finnischen Bildungssystem der Nachhilfeunterricht +unentgeltlich und durch die Schule gut koordiniert +angeboten wird, ist in Deutschland der Schritt in den +Förderbedarf eine organisatorische und zumeist auch +finanzielle Herausforderung gerade für jene Familien, die +selbst über wenig Kompetenzen im Umgang mit dem +Bildungssystem verfügen +(Birkelbach/Dobischat/Dobischat 2017). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/484.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/484.md new file mode 100644 index 0000000..909bdab --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/484.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Heterogenität und gezielte Förderpolitiken + +Wenn über Heterogenität, Ungleichheiten oder Diversität +gesprochen wird, heißt das zugleich, über Förderpolitiken +nachzudenken, die nicht diskriminieren und so gut +konzeptioniert sind, um Bedarfsstrukturen genau zu +treffen. Ein großer Teil der Bevölkerungsgruppen mit +einem Zuwanderungshintergrund braucht diese +passgenaue individuelle Unterstützung. Die Eingliederung +ihrer erwachsenen Mitglieder in das Erwerbsleben und die +Unterstützung der Eltern in diesen Familien bei der +Betreuung und Förderung der Kinder in enger +Zusammenarbeit mit Vorschul- und Schuleinrichtungen +sind die effektivsten Strategien zur gesellschaftlichen +Teilhabe. Da moderne Gesellschaften wegen ihrer +demografischen Entwicklung auf die Zuwanderung von +jungen Bevölkerungsmitgliedern aus anderen Ländern +angewiesen sind, müssen sie der Förderpolitik in diesem +Bereich einen hohen Stellenwert einräumen. +Verringert eine Gesellschaft die wirtschaftliche und +soziale Ungleichheit, wächst das Ausmaß an sozialem +Zusammenhalt (Kohäsion), steigt die Bereitschaft der +Mitglieder, solidarisch füreinander einzutreten, und sinkt +langfristig das Niveau von Konflikten und Spannungen. +Eine hohe soziale Kohäsion führt in einem Gemeinwesen zu +einem erhöhten Maß an geteilten und anerkannten Werten, +einer übereinstimmenden Deutung der gesellschaftlichen +Verhältnisse und einem Verantwortungsgefühl für die +Gemeinschaft mit der Bereitschaft zum Engagement für +öffentliche Angelegenheiten. Hierdurch wird nicht nur die +Persönlichkeit jedes einzelnen Gesellschaftsmitglieds +gestärkt, sondern auf der gesellschaftlichen Ebene steigt +gleichzeitig die kollektive Innovations- und +Produktionskraft, weil die Menschen sich als Bestandteil +eines Gemeinwesens empfinden. Der Sozialisation kommt +hierbei eine zentrale Rolle zu, und deshalb sind diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/485.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/485.md new file mode 100644 index 0000000..a72cb74 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/485.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Interventionen in den Prozess der Sozialisation, wie sie +zumindest beispielhaft angesprochen wurden, von großer +Bedeutung. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/486.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/486.md new file mode 100644 index 0000000..ef24b67 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/486.md @@ -0,0 +1,34 @@ +8 + +Aktuelle Herausforderungen +der Sozialisation + +Das MpR hat im Laufe seiner Entwicklung immer wieder +Modifikationen erfahren. Damit bleibt es als +sozialisationstheoretisches Modell zeitgemäß und kann +aktuelle gesellschaftliche Veränderungen aufnehmen. Einer +dieser Veränderungen trägt auch die vorliegende Fassung +Rechnung. Die Prinzipien sind nicht nur aktualisiert und +präzisiert worden. Das neunte Prinzip wurde an den +Forschungsstand zur Debatte über intersektionale +Ungleichheiten angepasst und das abschließende zehnte +Prinzip nimmt darauf Bezug, dass globalisierte +gesellschaftliche Lebensbedingungen als unsicher +wahrgenommen werden und die nachwachsende +Generation ihre Rolle von der des pragmatischen +Mitmachens zu der einer fordernden Mitbestimmung +verändert. + +8.1 + +Zehntes Prinzip zur Bewältigung +gesellschaftlicher Herausforderungen + +Das zehnte Prinzip hebt darauf ab, dass alle Menschen in +der Gesellschaft von wirtschaftlichen, ökologischen und +politischen Herausforderungen global betroffen sind. Die +Auseinandersetzung mit der realen und medial +vermittelten Krisenwahrnehmung ist zu einem festen +Bestandteil der Entwicklung der Persönlichkeit geworden, +wozu auch Phänomene der Opposition und Abwehr +gehören, mit denen Praktiken der wirtschaftlichen, diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/487.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/487.md new file mode 100644 index 0000000..d9e04d5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/487.md @@ -0,0 +1,35 @@ +ökologischen und politischen Nachhaltigkeit abgelehnt +werden. +Gegenstand und Verortung + +Überlegungen zur Krisenbearbeitung tragen das zehnte +und letzte Prinzip des MpR. Es ist an die vorangegangenen +Prinzipien direkt angeschlossen, weil es die Aspekte +bündelt, die für Sozialisationsprozesse entweder besonders +neu oder aus Sicht der Persönlichkeitsentwicklung als +besonders herausfordernd betrachtet werden. Die Lösung +komplexer Krisenphänomene ist in den Prinzipien zur +Produktion der eigenen Persönlichkeit, aber zur +Gestaltungsfähigkeit im Lebenslauf bereits auf einer +individuellen Ebene erörtert worden. Auf der +gesellschaftlichen Ebene hängt der Modus der +Krisenverarbeitung von einer gemeinsamem +Gestaltungsfähigkeit ab, die auch als kollektive Form der +Realitätsverarbeitung verstanden werden kann. +Es ist auffällig, dass Kinder und Jugendliche ein globales +Krisenbewusstsein bereits ausgebildet haben und sich +dieses auch artikuliert. Dabei ist nicht entscheidend, dass +Krisenphänomene heute zum Grund für eine intensivere +Auseinandersetzung mit politischer Gestaltungsfähigkeit +geworden sind (die vergangenen 20 Jahre zeigen das sehr +eindrücklich, weil das Interesse für Politik in der jüngeren +Generation immer stärker zunimmt). Mitunter ist auch das +Gegenteil, der Rückzug und die Opposition, der Hang zu +Populismus und einer Politik der starken Hand, ein Beispiel +für die zunehmende Bedeutung globaler Krisenphänomene +in den Erfahrungswelten einer heranwachsenden +Generation. Die äußere Realität ist jetzt nicht nur +Herausforderung der produktiven Realitätsverarbeitung +auf einer individuellen, sondern auch auf der +gesellschaftlichen Ebene. Hierüber sind sich junge +Menschen im Klaren. Einige brechen bereits mit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/488.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/488.md new file mode 100644 index 0000000..67e709d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/488.md @@ -0,0 +1,33 @@ +eingespielten Routinen, sie stellen Bildung, Ausbildung und +den starren Takt von Ökonomie und Arbeitsleben in Frage. +Das zehnte Prinzip geht explizit auf die Wahrnehmung +und Verarbeitung gesellschaftlicher Krisenphänomene ein. +In der Sozialisationsforschung wird immer deutlicher, dass +die nachwachsende Generation normierte +Lebenslaufentscheidungen (Qualifikation, Job, Familie) +immer mehr in Frage stellt. Viel stärkere Priorität +bekommt, wie gesellschaftliche Normen wahrgenommen +und bewertet werden. Was über zwei bis drei Generationen +hinweg als selbstverständliche Abfolge im Lebenslauf +anerkannt wurde, gilt vielen darum heute nicht als Teil der +Lösung, sondern als Teil des Problems. +DAS ZEHNTE PRINZIP UNTER DER LUPE +Eine analytische Perspektive, die hier entwickelt werden +soll, ist vielgestaltig. Sie ist dazu gezwungen, viel +Komplexität aufnehmen müssen, weil auf sehr +unterschiedliche Ausprägungen des Modus der produktiven +Realitätsverarbeitung in der Jetztzeit reagiert. Die +Herausforderungen sind gerade dadurch begründet, dass +gesellschaftliche Konfliktherausforderungen im Fokus des +zehnten Prinzips stehen, die einen mehrheitlich neuen +Charakter haben. Heute sind die Erfahrungen einer +Generation eng an den technologischen Fortschritt, die +sozialen Bedingungen und globale Verflechtungen +gekoppelt. Natürlich ist keine Generation ohne ihre +Kontexte und gesellschaftlichen Ausgangsbedingungen zu +verstehen. Für die heutigen Lebensbedingungen ist aber +entscheidend, dass das Ausmaß globaler +Interdependenzbeziehungen zugenommen hat. +Ökonomische, soziale und ökologische Herausforderungen, +aber auch gesundheitliche Krisen wie Pandemien zeigen +diesen Charakter der vielfältigen Verflechtungen an. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/489.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/489.md new file mode 100644 index 0000000..ff53461 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/489.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Der generationale Wandel ist in diese Vielfältigkeit +eingebunden. Man kann beinah sagen, dass die »unruhige« +Zeit des kalten Krieges leichter war zu bewältigen. Sie +bestand aus einer Durchsichtigkeit politischer +Systemunterschiede. Sie kannte gesellschaftliche +Ungleichheiten, die als einfache Schicht- oder +Klassenungleichheiten wahrgenommen wurden, und kannte +Solidarität, die aber national begrenzt wurde. Heute hat +die Komponente der globalen Vernetzung zugenommen. +Menschen agieren global und genau so müssen auch +Sozialisationsprozesse analysiert werden. Eine nationale +und kulturelle Zentrierung von Sozialisationsforschung ist +zwar immer noch dominierend, aber nicht mehr zeitgemäß. +Sozialisationsprozesse in Frankreich, Spanien, Estland, +Russland, Argentinien, Südafrika, Namibia, Saudi-Arabien, +Iran, Neuseeland etc. bieten ständige Vergleichspunkte. +Die Ergebnisse eines solchen relationalen (also +vergleichenden) Vorgehens sind beachtenswert. Es +existieren Ähnlichkeiten, die die Bildungssysteme oder den +Konsumsektor in globaler Perspektive betreffen. Was noch +nicht ähnlich ist, ähnelt sich an. Daneben sind aber auch +Gegenbewegungen zu beobachten. Es existieren +»Brechungen« weltweiter Trends auf der lokalen Ebene. +Trends mögen universal sein, sie treffen aber auf +Bedingungen, die diese Trends sehr unterschiedlich +wirksam werden lassen. Der Trend zur +geschlechtsspezifischen Chancengerechtigkeit hängt von +der gesellschaftlichen Reformfähigkeit traditioneller +Geschlechterbeziehungen ab. Die steigende Bedeutung des +Bildungssektors hängt von der Entwicklung, +konkurrenzorientierter Dienstleistungsökonomien ab. Die +Brechungen von gesellschaftlichen +Standardisierungsprozessen sind vielfältig. Zumeist sind +sie mit dem Erhalt von lokalen Gewohnheiten gegen +Prozesse der Hyperglobalisierung oder mit politischen +Widerständigkeiten gegen Tendenzen der internationalen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/490.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/490.md new file mode 100644 index 0000000..78e5cf7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/490.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Verflechtungen verbunden. Manchmal greifen sie auf +traditionelle Muster der Lebensführung zurück, manchmal +konstruieren sie aber auch »authentische« Identitäten, die +in eine Widerstandshaltung eingehen sollen. +Die Erfahrungen der »Generation Greta« spiegeln diese +Heterogenität. Weltweit existiert heute eine neu politisierte +junge Generation, die sich nicht sicher ist, wie sie globale +Politik- oder Ökologieprobleme lösen soll, die aber ihren +Unmut deutlich macht. Gesellschaften erleben eine +unruhige Generation, für die Bildung nur noch Ausbildung +ist und als eine Vorbereitung auf den Beruf gesehen wird. +Diese Generation kennt frühen Konkurrenz- und +Leistungsdruck, reagiert aber nicht stromlinienförmig. +Interessanterweise sind junge Menschen gerade in den +erfolgreichsten Ökonomien heute nicht mehr bereit, ihre +gesamte Lebenszeit Karriere und Beruf unterzuordnen. Es +gibt Suchbewegungen, die nicht einfach an die +Orientierungen anschließen, die von der Elterngeneration +vorgelebt werden. Es existieren säkulare +Grundüberzeugungen, die direkt neben den konservativen +Werten stehen. Es gibt Formen der politischen Beteiligung, +die als moderat und reformfreudig erscheinen. Daneben +wachsen radikale Gegentendenzen, die sich mit +demokratischen Grundwerten nicht einverstanden erklären +wollen. Sind das die Zeichen von Sozialisation im Zeitalter +der Polarisierung? +Gibt es eine Generation Z und wenn ja, wer ist das? + +Um zu verstehen, wie eine nachwachsende Generation +heute Lebenswelten erfährt, lohnt der Blick auf das, was +charakteristisch ist für die Epoche, in der heutiges +Aufwachsen stattfindet. In der sozialwissenschaftlichen +Diskussion ist man sich zwar einig darüber, dass die +Vorstellung einer zusammenhängenden, einheitlichen +Generationenerfahrung verkürzt ist. Dennoch kann man +sagen, dass es durch spezifische Lebensbedingungen und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/491.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/491.md new file mode 100644 index 0000000..b62a7cc --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/491.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Ereignisse gemeinsame Prägungen gibt, die eine +Altersgruppe miteinander verbindet. In der Soziologie +bezieht man sich dabei gerne auf den »Generationen«Begriff von Karl Mannheim (1893–1947). Von gemeinsamen +»Generationserlebnissen« spricht in Kindheit und Jugend, +wenn diese einen Einfluss auf Geburtsjahrgänge oder +ganze Geburtskohorten haben. Die Abgrenzung von +Generationen ist also so etwas wie ein hilfreicher +Kunstgriff. Jede junge Generation, könnte man sagen, ist +durch ihre historisch einmaligen Lebensumstände geprägt. +Daraus ergeben sich wiederum starke Impulse für +gesellschaftliche Veränderungen. In diesem sehr +allgemeinen Verständnis unterschiedlicher +Generationserlebnisse kann man für die Zeit in +Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sechs +unterschiedliche Generationsmuster beschreiben, die +durch unterschiedlich prägende Einflüsse gemeinsame +Erfahrungen teilen. +Die erste Generation, die der 1925 bis 1940 Geborenen, +ist die »skeptische Nachkriegsgeneration«. Sie teilt die +Weltkriegserfahrung und die Besonderheiten von +völkischem Nationalismus, seiner Verdrängung, +ökonomischem Mangel und einer demokratischen +Wiedergeburt. Die nachfolgende ist die der 1940 bis 1955 +Geborenen, sie sind die »politisch rebellische 68er +Generation«, die kaum noch die unmittelbare Kriegszeit +erlebt hat und von Demokratie und wirtschaftlichem +Aufschwung viel erwartet – so viel, dass sie die +gesellschaftlichen Verhältnisse vor allem politisch und +kulturell auf den Kopf stellt. Die dritte +Nachkriegsgeneration ist die der 1955 bis 1970 geborenen +»Babyboomer«, die Wohlstand, Bildungsexpansion und +glänzende Aussichten eines gesellschaftlichen Fortschritts +ohne erkennbares Ende erfahren haben. Weniger +optimistisch ist die 1970 bis1985 geborene »Generation X«, +die das erste Mal nicht mehr optimistisch und pragmatisch diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/492.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/492.md new file mode 100644 index 0000000..75f8ef5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/492.md @@ -0,0 +1,35 @@ +orientiert war, die mit den Konsumgütern der Film- und +Musikindustrie sozialisiert wurde und den Beginn der +politischen Ernüchterung verarbeitete. +Heutige Formen der Distanzierung und Ernüchterung +nehmen in dieser Zeit ihren Ausgang. Zum einen durch +eine beginnende ökologische Krisenwahrnehmung, zum +anderen, weil die Konfrontation von kapitalistischen und +kommunistischen Regimen eine eingespielte, aber kaum +noch zu irritierende politische Situation erzeugte. +Die 1985 bis 2000 geborene »Generation Y« ist die +skeptische Nachfolgegeneration (Das »Y« steht in diesem +Fall auch für das englisch gesprochene »Why«). Sie +hinterfragt den Lebenslaufrhythmus typischer +Erwerbsbiografien und ist die erste Generation der +Internet-, Handy- und Smartphonenutzer, die sich nicht +nachträglich an die neuen Medien adaptieren musste. +Jetzt strömt eine neue Generation von jungen Leuten in +die Schulen und danach in die betriebliche Ausbildung, die +Hochschulen und die Betriebe. Sie wurden nach der +Jahrtausendwende geboren, sie sind die »Post-Millennials«. +Als vorläufige Bezeichnung für diese Generation hat sich +der Name »Generation Z« eingebürgert. So wenig die +vorherigen Generationenbeschreibungen im Detail +beschreiben können, wie Menschen und unterschiedliche +Gruppen ihre Epoche erleben, so sehr sind die +Generationenlabels auch nur Annäherungen an +gesellschaftliche Ausgangsbedingungen in den +Erfahrungswelten junger Menschen. Weil »Generation Z« +nun ein wenig sprechendes Label ist, wurde auch schon +eine Alternativbezeichnung eingeführt, die »Generation +Greta« (hierzu ausführlich Hurrelmann/Albrecht 2020). +Was wissen wir über diese Generation »Z« oder »Greta«? +Kinder- und Jugendstudien, darunter die World Vision +Kinderstudien, die Shell Jugendstudien, die McDonald’s +Ausbildungsstudien, die Sinus Milieustudien und die JIMMedienstudien, nehmen umfangreiche, zumeist diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/493.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/493.md new file mode 100644 index 0000000..fbb4656 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/493.md @@ -0,0 +1,26 @@ +repräsentative Befragungen vor. Ein paar Basisdaten aus +diesen Umfragen: Die »Generation Greta« stellt nur +ungefähr 15 Prozent der deutschen Bevölkerung, also etwa +zwölf Millionen Menschen. Die Generation ist zahlenmäßig +darum nicht besonders stark. Aber ihr Einfluss wird +ungeheuer groß sein, weil die Generation der +»Babyboomer« in den nächsten Jahren aus dem beruflichen +Leben ausscheidet und damit die Hälfte aller Arbeitsplätze +frei macht. +Wie ticken die Angehörigen der »Generation Greta«? + +Verschiedene Jugendstudien erlauben eine Annäherung an +die Lebensstile und Lebenswelten Jugendlicher. Die +Grundlage, die wir zunächst vorstellen wollen, stammt aus +der SINUS Jugendstudie aus dem Jahr 2016 (Calmbach et +al. 2016), eine neuere Fassung aus dem Jahr 2020 +empfehlen wir als gute Aktualisierung der Befunde +(Calmbach et al. 2020). Die SINUS Studien versammeln +erprobte und über viele Jahre eingesetzte +Befragungsinstrumente, mit denen die Wahrnehmungen +Jugendlicher erfasst werden. Das SINUS +Lebensweltenmodell in Abb. 3 ist eine Zusammensetzung +aus dem Wissen über die Lebenslagen der Jugendlichen +(vor allem Bildungsverläufe und Wohlstandsniveau) sowie +die Lebensstile, Einstellungen und Mentalitäten (hier die +normativen Grundorientierungen) genannt. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/494.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/494.md new file mode 100644 index 0000000..765c6c3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/494.md @@ -0,0 +1,17 @@ +Abb. 3: Lebenswelten der 14- bis 17-Jährigen in Deutschland. Quelle: SINUS +Markt- und Sozialforschung (im Original farbig). + +Mit den Lebenswelten ist die Mischung aus +Lebensbedingungen und Mentalitäten gemeint. Die SINUS +Studien unterscheiden insgesamt acht dieser »Stile«, sich +werte- und mentalitätsmäßig zu orientieren. Ein Beispiel +hierzu direkt aus dem Buch, das die gesellschaftliche Mitte +beschreibt. Dies sind zum Beispiel Jugendliche aus einem +konservativ-bürgerlichen Milieu, mit mittleren +Bildungsorientierungen und einer eher traditionell +orientierten Werthaltung: »Konservativ-bürgerliche +Jugendliche sind sehr heimatnah und regional verwurzelt. +Beispielsweise folgt man häufig den großen Sportvereinen +aus der Region. Unter den Migranten und Migrantinnen +dieser Lebenswelt besteht meist ein enger Draht in die +Heimatregion der Eltern. Viele sind auch mit Blick auf das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/495.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/495.md new file mode 100644 index 0000000..eeffc2a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/495.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Herkunftsland der Eltern Lokalpatrioten. Auch die +autochthonen Deutschen sind in dieser Lebenswelt +patriotisch – oder haben zumindest überhaupt kein +Verständnis dafür, dass andere Jugendliche es befremdlich +finden, wenn man Deutschlandfahnen bei Fußballspielen +schwenkt.« (Calmbach et al. 2016, 41) +Man erkennt, dass die Beschreibung Ähnlichkeiten zu +Pierre Bourdieus Theorie zu den milieuspezifischen +Prägungen des Habitus aufweist. In der Tat ist dies kein +Zufall. Bourdieus Beschreibung der Zusammenhänge von +Herkunftsressourcen, Bildungsorientierungen, Lebensstilen +und Mentalitäten ist sehr eng mit dieser Art der +Sozialforschung verwandt. So sind auch die +Beschreibungen im Detail sehr ähnlich. Das Besondere ist +hingegen, dass Bourdieu so detailliert niemals zu den +jugendlichen Lebenswelten geforscht hat. So entsteht ein +erstmaliges Bild davon, wie eng jugendliche Lebensstile an +das gebunden sind, was sie in ihren Herkunftsmilieus +vorfinden. Meistens sprechen wir bei diesen Bindungen an +das Herkunftsmilieu von den Ressourcen der Menschen. +Tatsächlich aber ist dies weit mehr als der Bildungsgrad +oder der Geldbeutel der Eltern. Häufig sind damit +verschiedene Mentalitäten verbunden, selbstverständliches +Wissen oder das Selbstvertrauen und der eigene Status in +der Gesellschaft. +Es lassen sich unterschiedlich stark ausgeprägte +Hemmungen oder Schamgefühle erkennen. Aber auch das +Gegenteil: der lockere Umgang mit den Anforderungen in +der Schule, das übermäßige Vertrauen in sich selbst oder +die Erwartung, dass man einmal eine Führungsposition in +der Gesellschaft übernehmen wird. Dabei gilt wiederum +eine Faustregel. Je mehr Kinder und Jugendliche schon von +Kindesbeinen an die Selbstverständlichkeit erfahren, sich +in »gehobenen« Kreisen der Gesellschaft zu bewegen, +desto einfacher fällt es ihnen, sich später selbst in diesen +Milieus zu etablieren. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/496.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/496.md new file mode 100644 index 0000000..b7ea9a2 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/496.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Es gibt aber auch andere, regelrechte Kontrastmilieus zu +dem der »konservativ-bürgerlichen Jugendlichen«. Die +»Expeditiven« stammen bereits aus einem sehr gut +gebildeten Herkunftsmilieu und sind in ihrer +Werteorientierung modern oder sogar postmodern (was +bedeutet, dass sie vorgegebene Stile ablehnen und +Innovation und Seltenheit ihrer Ausdrucksformen suchen): +»Typisch für Expeditive ist ein buntes Wertepatchwork. Sie +legen großen Wert auf eine Balance zwischen +Selbstverwirklichung, Selbstentfaltung, Selbständigkeit +sowie Hedonismus einerseits und Pflicht- und +Leistungswerten wie Streben nach Karriere und Erfolg, +Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Fleiß andererseits. Von allen +Jugendlichen sind sie mit die flexibelsten, mobilsten, +pragmatischsten, innovativsten. Viele sind auch sehr +kompetitiv und akzeptieren die Wettbewerbsgesellschaft.« +(Calmbach et al. 2016, S. 150). +Man sieht hier, dass vieles in diesem Milieu an die +»Generation Greta« erinnert. Das macht darauf +aufmerksam, dass Generationsbeschreibungen häufig nur +die sichtbarste, obere soziale Schicht einer Generation +abbilden. Meistens wird nach diesem Oberflächeneindruck +nicht mehr nach den Schattierungen und Differenzierungen +gefragt. Wenn doch, dann wird erkennbar, wie tastend +solche Beschreibungen sind. Ein Beispiel: Die sogenannte +»68er Generation« ist eine Gruppe Studierender gewesen, +die auch in der Gesamtheit aller Studierenden eine +Minderheit darstellte. Studierende insgesamt stellten in +den 1960er Jahren eine sehr kleine Gruppe dar. Weniger als +zehn Prozent eines Jahrgangs besucht überhaupt eine +Hochschule. Obwohl also über eine gesellschaftliche +Kleingruppe gesprochen wird, prägt diese die +gesellschaftliche Wahrnehmung einer Generation. +Generationenbegriffe sind demnach nicht immer treffend +und weisen eine soziale Unwucht auf. Die Sichtbaren sind +zumeist auch diejenigen, die über viel kulturelles und diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/497.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/497.md new file mode 100644 index 0000000..035da61 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/497.md @@ -0,0 +1,36 @@ +ökonomisches Kapital verfügen, sie haben die Mittel in der +Hand, auf sich aufmerksam zu machen und gesellschaftlich +prägend zu wirken. +In gewisser Weise ist das heute auch so, wenn über +aktuelle Generationenleitbilder gesprochen wird. Das zeigt +ganz beispielhaft das Nachbarmilieu zu den »Expeditiven«, +das »Sozialökologische Milieu«. Dessen Angehörige sind +noch gebildeter und gleichzeitig stärker sozial und +ökologisch orientiert: »Sozialökologische Jugendliche +verfügen über ein großes Repertoire an sozial- und +systemkritischen Positionen. Man empfindet Sympathie und +Solidarität mit einer – etwas romantisch verklärten – +›Unterschicht‹. Man übt teilweise fundamentale Kritik am +politischen und sozialen System und befürwortet +Bürgerprotest, lehnt jedoch ›Stres‹ und Rechtswidrigkeiten +ab. Einige pflegen die traditionelle postmaterielle +amerikakritische Grundhaltung.« (Calmbach et al. 2016, S. +133) Hier wird noch deutlicher die Nähe zur »Generation +Greta«, weil der fürsorgliche und helfende Charakter +hervorgehoben wird. Gleichzeitig sucht man auch wieder +nach Abgrenzungen zu einem einfachen oder profanen +Geschmack. »Expeditive selbst distanzieren sich von +Menschen, die sie als zu langweilig, gleichgeschaltet, +banal, kindisch und spießig verstehen: +»Reihenhausbesitzer«, »Ballermann-Touris«, »Normalos«, +»Prolls«, »Kleintierzüchter«. Auch von weniger +leistungsfähigen und -willigen Jugendlichen grenzt man +sich ab – v. a. wenn sie ihnen persönliche Nachteile +bereiten, z. B. im Kontext von Schule und Lernen. Dies +kommt zum Ausdruck in einer deutlich kritischen Haltung +gegenüber »Hartzern« oder der Aussage, dass man mit +Haupt- und Realschülern lieber nichts zu tun haben +möchte.« (Calmbach et al. 2016, S. 169) +Dagegen sind »sozialökologisch« geerdete Jugendliche +ohne aggressive Abgrenzungs- und +Hierarchisierungstendenz. Ein Beispiel aus einem diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/498.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/498.md new file mode 100644 index 0000000..af59d9c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/498.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Interview mit einer 15-jährigen Jugendlichen aus dem +Material der SINUS Studien zeigt das sehr deutlich: +»Ich denke sehr sozial. Ich finde Rastalocken schön, ich finde es gut, wie +vegetarische Menschen leben und will das vielleicht selber mal +ausprobieren. Ich achte auch auf meine Umwelt, wenn jemand einen +Becher wegschmeißt, ich so: Heb den bitte auf oder gib ihn mir, ich +schmeiß den in den Müll. Ich will auch Blutspenden gehen, und dieses +Knochenmark will ich auch spenden. Ich will mir auch später einen +Organspendeausweis holen und so etwas. Also, viel für andere leben und +für unsere Welt, damit die erhalten bleibt.« (Calmbach et al. 2016, S. 137) +Der Einfluss des politischen Systems + +Die Ergebnisse der SINUS Studie zeigen, dass Jugendliche +auf keinen Fall unpolitisch sind. Vielmehr spiegeln sie eine +Entwicklung, die das Verhältnis zur Politik über alle +Generationen hinweg kennzeichnet. Demokratie als Staatsund Gesellschaftsform wird von der großen Mehrzahl der +Bevölkerung befürwortet, aber die von den politischen +Parteien umgesetzte heutige demokratische Praxis erzeugt +Unbehagen und führt zu einer großen Distanz gegenüber +der parlamentarischen Demokratie. Diese Distanz wächst +an, wenn die eigene Lebenssituation als ungünstig +eingeschätzt wird. In dieser Lebenslage sinkt das +Vertrauen, dass Politik und Parteien eine persönliche +Benachteiligung jemals ausgleichen können (Rippl 2008). +Auf diese Weise stellt sich in breiten Schichten der +Bevölkerung eine Zurückhaltung dem politischen +»Apparat« gegenüber ein. Die Parteien werden als in sich +abgekapselte Systeme wahrgenommen, die nur wenige +persönliche Mitbestimmungsmöglichkeiten eröffnen. Viele +Menschen sind zwar bereit, in Maßen Verantwortung zu +übernehmen und sich für humanistische Ziele und die +Verbesserung von Lebensbedingungen einzusetzen, aber +sie möchten nicht in den Strukturen eines +unübersichtlichen Parteiapparats agieren. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/499.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/499.md new file mode 100644 index 0000000..57648aa --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/499.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Das politische Engagement mit der Bereitschaft, sich an +der Gestaltung der Lebensbedingungen zu beteiligen, ist +aus diesen Gründen zurückhaltend. Die Mehrheit der +Bevölkerungsmitglieder partizipiert am Gemeinwesen über +den Erfolg in der Leistungsgesellschaft, also überwiegend +im beruflich-wirtschaftlichen Bereich. Hier ist man auch +bereit, sich einzubringen und zu engagieren. Die +individuelle Bewältigung von Problemen im privaten und +schulisch-beruflichen Alltag war der großen Mehrheit +wichtiger als die Arbeit an übergreifenden Zielen der +Gesellschaftsreform. Die Selbstorganisation der eigenen +Persönlichkeit und das Biografie-Management kosten ganz +offensichtlich viel Kraft, die aus dem politischen System +abgezogen wird. +Politikerinnen und Politiker werden vielfach nicht mehr +als »Sprachrohr« für die Belange und Bedürfnisse der +Gesellschaftsmitglieder verstanden, sondern als +Funktionäre eines abgehobenen Kartells von Parteien und +Regierungsapparaten wahrgenommen. Viele Bürgerinnen +und Bürger haben den Eindruck, wenig Einfluss auf die +Entscheidungen der Politikerkartelle ausüben zu können. +Hier entsteht ein gefährliches Gemisch von Hilflosigkeit +und Entfremdung, verbunden mit Gefühlen der Ohnmacht +und der Irritation. Weitverbreitet sind Ängste, dass soziale +und wirtschaftliche Fehlentwicklungen nicht erkannt und +politisch nicht gesteuert werden können. Es besteht eine +reale Gefahr der Abwendung nicht nur der jungen +Generation vom politischen System und der mangelnden +Identifizierung mit den heutigen politischen Strukturen und +Parteien. Die Ansprechbarkeit und Mobilisierbarkeit sind +zwar potenziell vorhanden, müssen allerdings noch mit +geeigneten Auslösern und Initiationsbewegungen +verbunden werden. +Die Re-Politisierung der jungen Generation diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/500.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/500.md new file mode 100644 index 0000000..b170778 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/500.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Aber es existieren auch wahrnehmbare Gegentrends. +Politisch wächst die »Generation Greta« in unsicheren +Zeiten auf. In Europa und den USA ist das etablierte +repräsentativ-demokratische System ins Wanken geraten. +Parteien bieten keine Garantie für klare inhaltliche +Positionen mehr. In mehreren europäischen Ländern sind +rechtspopulistische Parteien entweder in +Regierungsverantwortung oder mit einem hohen Maß an +Einflusspotenzial ausgestattet. Großbritannien hat die +Europäische Union formal verlassen. Das Votum zum Brexit +war aber ein Symptom für unterschiedliche politische +Haltungen der Generationen und die sich daraus +ergebende prekäre Generationengerechtigkeit politischer +Entscheidungen in allen westlichen Demokratien. Weil +jeder Mensch eine Stimme hat, unabhängig von seinem +Alter, wird der Einfluss der älteren Wählerinnen und +Wähler immer größer. Ihre Chance, in demokratischen +System Interessen durchzusetzen, wachsen strukturell von +Jahr zu Jahr, weil sie wegen der demographischen +Entwicklung immer mehr werden. +Das prägt die politischen Entscheidungen auch in +Deutschland, wo das demographische Gewicht der älteren +Generationen deutlich höher ist. Die spezifischen +Interessen der jüngeren Bevölkerung im Bereich von +Bildung und Ausbildung, Infrastruktur und Ökologie +werden notorisch vernachlässigt, wie ein Blick in marode +Kindergärten und Schulen, auf Straßen oder die +mangelnden Investitionen in die erneuerbaren Energien +deutlich macht. Es ist zu erwarten, dass sich eine junge +Generation mehr Gehör verschaffen kann. Es gibt eine +neue politische Beteiligung, die Umweltthemen und +Klimapolitik zum Gegenstand macht. Das Interesse der +unter 20-Jährigen steigt. Zum ersten Mal seit Jahren lassen +sich große politische Aktionen erleben, die von jungen +Menschen getragen werden. Die Daten der SHELL +Jugendstudie 2019 zeigen, dass der Anteil der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/501.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/501.md new file mode 100644 index 0000000..2c915fc --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/501.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Politikverdrossenen sehr hoch, gleichzeitig aber auch das +Interesse an Politik seit 2002 kontinuierlich gestiegen ist +und seit 2015 auf hohem Niveau verbleibt – die politische +Engagementbereitschaft sogar weiter zunimmt. +Die Schablonen einer nachwachsenden Generation + +Die Außen- und Innensicht der nachwachsenden +Generation stimmen nicht notwendig überein. Kinder und +Jugendliche nehmen Krisen wahr, aber nicht nur durch die +Schablonen Älterer (Lee 2020). Immer wieder stößt man +auf diesen Unterschied, der einen Keil zwischen die +Generationen treibt. Vielleicht ist genau das für die +»Generation Z« repräsentativ, dass der Erwartung einfach +nicht entsprochen wird, eine dass Kinder und Jugendliche +Anspruch auf eine eigene Stimme haben. Gleichzeitigt wird +von der älteren Generation zumeist nicht gesehen, wie der +Umgang mit der Digitalisierung, den sozialen Medien und +einer veränderten Form der Lebensplanung die Generation +herausfordert. Die Perspektive einer älteren Generation ist +hier abweisend, zumeist uninformiert und konservativ. Ein +Beispiel hier ist der Kommunikationskanal der »Memes«. +Ein »Meme« fasst Medieninhalte, meist ironisch gebrochen +zusammen. Memes sind Teil einer Kommunikationskultur, +die mit den sozialen Medien und den Möglichkeiten +digitaler Kommunikation verbunden ist. Für ältere +Nutzerinnen und Nutzer ist es ein bisschen überraschend, +in den Jugendkulturen ist es das aber nicht. +Das Brechen eines ernsten Inhaltes gehört zu den +sozialen Medien dazu, nirgends sehen wir das so +komprimiert wie in den Memes. Die Welle der Memes, die +die Sorge um einen Dritten Weltkrieg ausdrücken (nach der +USA-Iran-Krise im Jahr 2020), ist Ausdruck davon. Es ist ein +Bestandteil von wirklicher Sorge und einer gewissen +Überforderung mit den Ereignissen. Viele der +Jugendlichen, die in den sozialen Medien aktiv sind, +schöpfen lediglich Schlagzeilen aus der Nachrichtenkultur diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/502.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/502.md new file mode 100644 index 0000000..8bfa0a3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/502.md @@ -0,0 +1,36 @@ +einer Erwachsenengesellschaft ab. In diesem Fall genügt +das, um zu erkennen, dass es sich um etwas +Folgenschweres handelt, wenn zwei Staaten mit Krieg +drohen (und die Medien ein Weltkriegsszenario +beschreiben). Es greift dann die typische +Kommunikationsschablone der sozialen Medien. +Natürlich wurden viele dieser »WW3«-Memes von +besorgten Jugendlichen versendet, aber ironisch gebrochen +und wenn auf diese Ironie mit Ironie geantwortet wird, +wirkt das entlastend. Aber auch hier gilt: Diejenigen, die +überhaupt aktiv sind und sichtbar werden, stellen eine +Minderheit da. Natürlich ist Gewalt und Terrorismus ein +sehr großes Thema unter Jugendlichen. Aber nicht alle +Jugendlichen ticken gleich oder nutzen die sozialen Medien +in der gleichen Häufigkeit. Es finden sich »Digital +Outsiders« und »Digital Natives«, diejenigen, die nur +konsumieren und diejenigen, die Inhalte produzieren. Es +äußern sich nicht die klassischen bildungsnahen Milieus, es +sind aber nicht die abgehängten Gruppen. Es sind in +gewisser Weise neue und experimentelle Schablonen einer +Jugendkultur, die zwischen Konsum und Hedonismus, aber +auch Interesse und Beteiligung hin und her pendeln. +Das zunehmende Interesse an Politik fällt zusammen mit +dem abnehmenden Vertrauen in die Vertreterinnen und +Vertreter der politischen Repräsentation in der analogen +Epoche. Das Smartphone ist historisch gesehen das +Scharnier zu neuen Formen der Beteiligung. Einer älteren +Generation ist das nicht unmittelbar verständlich. Die +Inhalte der Memes aber nur als oberflächliche +Kommunikation abzutun, ist zu einfach. Immerhin ist es das +erste Mal seit langer Zeit, dass Themen wie Krieg nicht nur +in einer politisch hoch motivierten Öffentlichkeit artikuliert +werden (oder von Jugendlichen, die selbst zumeist aus +Elternhäusern stammen, die politisch motiviert sind). Diese +massenweise Verbreitung dieser Informations- und +Kommunikationsformen ist das wirklich interessante. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/503.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/503.md new file mode 100644 index 0000000..4fd41ff --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/503.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Zumal gerade aus der Perspektive der Krisenbearbeitung +deutlich wird, dass seit zehn Jahren die sozialen Medien +aus den sozialen Bewegungen weltweit nicht mehr +wegzudenken sind. +Die Semantiken der Krise + +Heute werden Reaktion auf etwas gezeigt, was als Krise +zumeist medial erfahren wird. Menschen reagieren auf +einen bestimmten Filter, durch den globale Entwicklungen +gespiegelt werden. Diese Filter legen durchgehend nahe, +dass globale Krisen durchlebt werden – obwohl dies nicht +immer stimmt. Von einer Finanzkrise in Deutschland wird +noch heute gesprochen, obwohl selbst in den +Krisenjahren 2007 bis 2009 in Deutschland keine +Auswirkungen auf die Lebensqualität festzustellen waren. +Im Gegenteil, Lebensqualität und Konsum sind in dieser +Zeit sogar gestiegen. Dagegen machen uns Bilder Angst +und auch Krisenberichte, ohne dass konkrete Anlässe in +unserer Alltagswelt dafür zu finden sind. Analytisch +gesprochen sind es »Semantiken« (also über +Kommunikation vermittelte Bedeutungen) der Krise und +diese sind durchaus wirksam, vor allem in den +Jugendmilieus. Es wird also über Krisen gesprochen und +das, was medial kommuniziert wird, kommt als +Krisendiagnose an. +Gleichzeitig wird deutlich, dass die Häufigkeit der +Diskurse über Krisen und ihre Intensität in gewisser +Hinsicht abhärtend wirken und desensibilisieren. +Jugendliche Lebenswelten sind ohnehin stark dominiert von +Konkurrenz und Konsum. Es bleibt sehr wenig Zeit für +vertiefte Auseinandersetzung mit politischen Themen. Aus +dieser Perspektive ist jede Form der Reaktion auf Krisen +ein Zeichen dafür, dass Jugendliche sich sorgen. Darum ist +es wichtig, dass diese Äußerungen wahrgenommen und +Angebote für eine weitere Auseinandersetzung geschaffen +werden. Es wäre fatal, wenn Kinder und Jugendliche mit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/504.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/504.md new file mode 100644 index 0000000..496c3eb --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/504.md @@ -0,0 +1,33 @@ +diffusen Angstangeboten allein blieben und es wäre sehr +bedauerlich, wenn dem damit verbundenen Interesse an +Lösungen keine Angebote gemacht werden können, um die +Eigenaktivität zu fördern. Bleibt eine ältere Generation +passiv, wird eine Generation von frustrierten jungen +Menschen erzeugt, die dann nur noch für +Alternativangebote offen ist. Hier lauern einfache +Welterklärungen, Angebote aus Verschwörungstheorien +und Fatalismus. Ab diesem Moment müsste sich eine +Gesellschaft große Sorgen machen über den Mainstream in +der Jugendkultur. Unmittelbar bevor steht das nicht, aber +es ist sehr deutlich zu erkennen, dass eine Gesellschaft für +die Probleme, die heute von einer Jugendgeneration wie ein +Seismograph wahrgenommen werden, nicht gerüstet ist. +Interessanterweise sind Memes aber nicht das +bevorzugte Kommunikationsmedium der »Fridays-forfuture«-Bewegung. Gerade im deutschsprachigen Raum +sind viele Jugendliche besorgt, engagiert sind aber eher die +Kinder aus ökologisch orientierten Milieus. »Fridays-forfuture« hat bereits einen hohen Organisationsgrad, die +Bewegung ist sehr konkret – dies alles ist so etwas wie das +genaue Gegenteil der eher diffusen MemesKommunikation. Memes können entlasten, appellieren, ein +Interesse lebendig halten. Sie können aber nicht das +erzeugen, was eine Bewegung benötigt, die bereits +informiert ist, klare Ziele formuliert und längst die +Öffentlichkeit erreicht hat. +Kinder und Jugendliche fordern »Voice« + +Der Geist von »Fridays-for-future« ist also etwas, was +schon formierter auftritt und über die diffuse +Kommunikation hinaus geht. Hier wird sehr besorgt auf ein +Bevölkerungswachstum geschaut (seriöse Prognosen lassen +ein Bevölkerungswachstum von derzeit rund 8 Milliarden +Menschen auf rund 10 Milliarden im Jahr 2050 erwarten +und eine weitere Verdoppelung bis zum Ende des diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/505.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/505.md new file mode 100644 index 0000000..2f73b24 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/505.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Jahrhunderts) und damit verbundene Probleme vor allem +des ökologischen, aber auch des sozialen Gleichgewichts. +Ob Kinder und Jugendliche sich als »Generation Greta« +fühlen oder nicht, sie merken, dass die Sorgen ihrer +Zukunft nicht ernst genommen werden. Über Twitter wird +von einem bekannten Politiker im Jahr 2019 in der Hochzeit +der »Fridays-for-future«-Demonstrationen eine +Einschätzung öffentlich gemacht, die den eben +bezeichneten Keil zwischen den Generationen noch einmal +deutlich macht: »Ich finde politisches Engagement von +Schülerinnen und Schülern toll. Von Kindern und +Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie +bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch +Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist +eine Sache für Profis.« +Diese Perspektive formt Konfliktbeziehungen zwischen +den Generationen. Kinder und Jugendliche spüren dies und +gehören mehr und mehr zu den »Entfremdeten« heutiger +Politik. Erwachsene bedienen das Narrativ der Erfahrung, +Kinder und Jugendliche stellen genau dieses in Frage. +Typischerweise (und in alten Konstellationen) würde man +hier von der Systemfrage sprechen. Dies ist aber in +vielfacher Hinsicht eine veraltete Deutung. Neue +Protestformen halten sich nicht mehr strikt an die +uniformierten Links-Recht-Konstellationen. Sie wollen +Alternativen, auch in den Ausdrucksformen. Das Bestehen +auf Hörbarkeit ist das politisch so bezeichnete Drängen in +Richtung »Voice«. Dieses kennt weniger politische +Uniformierung als das noch eine Generation zuvor der Fall +war. So sind junge Menschen auch nicht mehr äußerlich als +»Kritisch« oder »Alternative« erkennbar. Es scheint, also +ob die Ausgangsvoraussetzung einer Gegenbewegung, die +sich auf das Erbe systemkritischer Ideen (wie der +klassischen protest-linken Gruppen) inhaltlich und +äußerlich bezieht, als lähmend empfunden wird. Man diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/506.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/506.md new file mode 100644 index 0000000..b62786d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/506.md @@ -0,0 +1,36 @@ +möchte auch keine vorgefertigten Antworten geben, +sondern das Recht haben, Fragen zu stellen. +Für die neuen und extrem konservativen Bestrebungen +kann das Spektrum nicht ganz so leicht abgegrenzt +werden. In vielen Gesellschaften erhalten heute +traditionelle Sozialmilieus wieder vermehrt +Aufmerksamkeit, die ähnliche Orientierungen aufweisen, +aber sehr unterschiedlich motiviert sind. Es finden sich +darunter vor allem traditionelle, religiös geerdete und +gegen einen modernen westlichen Lebensstil revoltierende +Mentalitäten. Diese teilen mit orthodox Gläubigen nahezu +aller Konfessionen diese Abneigung. Hier verbindet sich die +Rhetorik radikaler Christen in den USA mit den Islamisten +vieler muslimischer Länder. Ihre Opposition gegen die +Durchmischung und Auflösung gruppenbezogener +Zugehörigkeiten (zu Geschlecht, Religion oder Ethnie) +weist große Ähnlichkeiten auf, ihr Streben nach Identitäten +wird aber auch instrumentalisiert von +rechtsextremistischen Gruppen. So entstehen schnell zwei +Lager und nationale Artikulationen finden an der Grenze +der demokratischen Tolerierbarkeit statt. Konservative in +den zu Systemprotest gesteigerten Gruppierungen sehen +sich mitunter auch sehr schnell als Gegner offener +Demokratien. +Radikale Demokratiegegner finden sich in den +nationalistischen Bewegungen, die an faschistische +Vorbilder anschließen wollen und die zumeist nicht religiös +motiviert auftreten, dafür aber eine klare Orientierung an +Führerfiguren vertreten (wiewohl viele religiöse +Bewegungen auch dieser Tendenz sehr nahekommen). +Beide demokratiefeindlichen Bewegungen überraschen +einen großen Teil der demokratischen Öffentlichkeit, weil +sie unhinterfragte Gewissheiten der individuellen +Freiheitsrechte in Frage stellen. Ein Mittel dieser +Radikalisierung breiter Bevölkerungsgruppen ist die +Hinterfragung der Legitimität demokratischer Prozesse. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/507.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/507.md new file mode 100644 index 0000000..888e25c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/507.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Diese »Populisten auf dem Vormarsch« (Leggewie 2019) +schließen an konstruktivistische Methoden an, sie +hinterfragen die Sprecherinnen und Sprecher und +kritisieren, dass eine herrschende Sprache Wirklichkeiten +erzeugt, die Alternativen nicht zulassen. +Hiergegen wendet sich ein erwachender Kritikgeist in +der nachwachsenden Generation. Er geht davon das, dass +Sprache Wirklichkeit schafft (also damit auch durch +Sprache beeinflussbar ist), gleichzeitig aber Wirklichkeiten +auch ohne Sprache existieren. Kinder und Jugendliche +pochen auf ihr Recht, diese Wirklichkeit, die sie als +Naturzerstörung und Gewalt wahrnehmen, zu gestalten +und lebenswert zu machen. Das radikale Infragestellen ist +eine Protestform, die nicht nur daran denkt, dass +Gruppeninteressen formuliert werden, um im Konflikt mit +anderen Gruppen zu konkurrieren. Hier geht es um mehr. +Das Ringen um Klimanachhaltigkeit ist wahrscheinlich nur +der Höhepunkt dieser Infragestellung. +Das Verhältnis von Bewegung und Beharrung + +Die »Fridays-for-future« Proteste sind interessanterweise +nicht vorausgesagt worden. Noch als sie einsetzten, waren +sich viele Kommentare darüber einig, dass es ein Verhältnis +zum Aktionismus von kurzer Dauer sein würde. Heute ist +die Diskussion weiter, die Forschung stellt sich auf die +Generation »Z« bzw. »Greta« ein und damit werden auch +Fragen der Theoriebildung neu entfacht. Welche der +theoretischen Perspektiven passt hierzu? Welche kann +erklären, dass jungen Menschen an das gebunden sind, +was sie als gesellschaftliche Bedingungen vorfinden und +gleichzeitig dazu in der Lage sind, Grenzen zu +überschreiten? Wie flexibel sind heutige Strukturen des +Lebenslaufs? Welche Möglichkeiten für das Überschreiten +eines Möglichkeitsraums hat das individuelle Subjekt? Was +bedingt, dass beharrliche gesellschaftliche Strukturen +aufgebrochen werden können? diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/508.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/508.md new file mode 100644 index 0000000..6f138a9 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/508.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Nur wenige der vorgestellten Basistheorien der +Sozialisation vermögen, das Verhältnis von Bewegung und +Beharrung in dieser Weise berücksichtigen zu können. Die +Sozialtheorie Bourdieus gehört zu dieser Auswahl. Sie ist +darauf ausgerichtet, gesellschaftliche +Wandlungsphänomene zu untersuchen, wofür Bourdieu +mehrfach die französische und die algerische Gesellschaft +mit Blick auf die Transformationserfahrung zu einer +kapitalistischen Ökonomie (in Algerien in der Phase der +Dekolonialisierung) in den Blick genommen hat. Weil +Bourdieu damit auch den generationalen Wandel von +Lebensläufen thematisiert, kann seine Theorie dafür +genutzt werden, die vielfältigen empirische Phänomene, die +mit dem zehnten Prinzip des MpR verbunden sind, +einzuordnen. +Ein Beispiel hierzu: Jugendliche aus einem Elternhaus +mit politisch interessierten Eltern reagieren auf politische +Voice-Situationen mit viel Sicherheit. Das gilt vor allem für +Familien mit viel kulturellem Kapital, die aus Deutschland +stammen oder aus politischen Gründen geflüchtete +Menschen gleichermaßen. Sie können Kritikformen mit +etwas verbinden, was in ihren Wahrnehmungs-, Denk- und +Handlungsschematat bereits angelegt ist. Sie filtern aber +auch durch diese bereits vorhandenen Schablonen. Damit +ist die Ausdrucksform »Kritik« eine, die mit +Vorerfahrungen verbunden werden kann. +Dagegen sind Jugendliche, die aus Familien stammen, in +denen die Infragestellung von Autoritäten nie erfolgt ist, +anders voreingestellt. Sie sind habituell nicht auf »Voice« +vorbereitet. Im Gegenteil sogar, sie lehnen Voice häufig +sogar intuitiv ab oder fühlen sich zumindest nicht +»ermächtigt«, an Kritik beteiligt zu sein oder sie zu +initiieren. Das bedingt Unsicherheit im Umgang mit +Protestgruppen, vielleicht auch Abwehr und Fremdscham. +Es bedeutet aber auch Probleme in der Kommunikation und +Rechtfertigung der eigenen Praxis. Man kann sich das diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/509.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/509.md new file mode 100644 index 0000000..99e806b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/509.md @@ -0,0 +1,36 @@ +leicht vorstellen. Jugendliche, die in einem Milieu zu Hause +sind, in denen Voice und Selbstermächtigung zu Kritik +nicht gefordert wird, können das, was sie tun, kaum +artikulieren. Sie haben Schwierigkeiten, sich selbst zu +rechtfertigen, in der eigenen Familie, unter ihren Peers und +vor sich selbst. Die Brucherfahrung, die damit verbunden +ist, ist eine ganz andere als die derjenigen, deren Habitus +bereits mit der »Zutat« Kritik & Protest ausgestattet ist. +Das Beispiel ist mitten in der Matrix von Bourdieu. Es +zeigt, warum bestimmte Praktiken nach Bourdieu eher +wahrscheinlich oder unwahrscheinlich sind und warum sie +zu ungleichen Befähigungen der Akteure führen. Es gibt +aber auch den Grund dafür, warum Bourdieu +Habitusformen als Ausdruck der Unterschiede beschreibt, +die den Herkunfts- und Existenzbedingungen »in Form von +Systemen differentieller Abstände eingegraben sind« +(Bourdieu 1982, S. 279). Dauerhafte Dispositionen, +Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata sind +Ausdruck der Beharrung, weil sie träge sind. Sie erzeugen +Sinn für die Situation, in der Menschen leben. Dadurch +kann sich ein Habitus spielend leicht an Bedingungen +anpassen, in denen können. Sinn ist eine Ressource, die in +Praxis eingesetzt wird und mit der das eigene Handeln +gerechtfertigt wird. Hier können Sicherheiten einstehen +(wie im Falle der mit Protest und Kritik sozialisierten +Jugendlichen) oder auch Unsicherheiten. Bourdieu kommt +mit dieser Argumentation interessanterweise den +soziologischen Ansätzen von Berger und Luckmann, aber +auch dem von Krappmann sehr nahe, weil er von +Kontinuitäten und von einem sich aufschichtenden +Erfahrungswissen in der Biografie ausgeht, das immer +vermitteln muss zwischen dem vorhandenen Wissen und +Anforderungen, die neu sind, also Ambivalenz fördernden +Strukturen. Im vierten Prinzip des MpR zur Bildung einer +Ich-Identität ist bereits ähnlich argumentiert worden. Die +Grundregel ist: Je näher an den vorhandenen Erfahrungen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/510.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/510.md new file mode 100644 index 0000000..d641fa8 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/510.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Bedingungen sind, in denen ein Habitus handeln muss, +desto sicherer kann ein Mensch agieren. +Es ist in diesem Buch schon anderer Stelle +hervorgehoben worden, dass Bourdieus Denken häufig +vorgeworfen wurde, dass es zu »deterministisch« sei. Dies +meint für die Frage des Lebenslaufs, dass die Entwicklung +durch Strukturen festgelegt ist und Freiräume kaum +vorhanden sind. Bourdieu selbst argumentiert dagegen, +indem er darauf verweist, dass sich die sozialen +Bedingungen, unter denen einmal ausgeprägte Habitus +zum Einsatz kommen, von denen unterscheiden, in denen +diese Habits entstanden sind. Der Habitus muss sich also +permanent auf neue Lebenswelten einstellen. Es gibt keine +Stagnation, sondern der Wandel ist in die Theorie des +Habitus von Beginn an »eingebaut«. Für das zehnte Prinzip +zum Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen hat +dies wichtige Konsequenzen. Jede Generation erlebt seit +mehreren Jahrhunderten veränderte Lebensbedingungen. +Von Kriegen über die Veränderung von Herrschafts- und +Regierungsverhältnissen bis zu den technischen +Revolutionen der vergangenen 250 Jahre (also von der +Dampfmaschine bis zum digitalen Zeitalter) zeigt die +historische Entwicklung ein Dauerkonjunktur des Neuen. +Auch wenn man nicht historisch, sondern nur auf die +Jetztzeit schaut, fällt auf, dass in einem einzelnen Land und +in einer einzelnen Epoche die Lebensbedingungen niemals +gleich sind. In allen Gesellschaften zeigen sich zu jedem +Zeitpunkt ganz unterschiedliche Lebensrealitäten parallel +bzw. nebeneinander. Es gibt traditionelle Lebensumfelder, +regionale Unterschiede, geschlechtliche Disparitäten und +vor allem ökonomische und soziale Ungleichheiten, die die +Lebensläufe von Menschen entscheidend beeinflussen. +Für jeden einzelnen Menschen besteht die +Herausforderung in jeder Lebensphase darin, sich +dauerhaft auf Ungewissheiten und Unwägbarkeiten mit +ihren positiven und negativen Überraschungen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/511.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/511.md new file mode 100644 index 0000000..891e0ac --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/511.md @@ -0,0 +1,36 @@ +einzurichten. Diese sind für hochentwickelte, global +vernetzte Gesellschaften sogar charakteristisch geworden. +Ausprobieren und Dazulernen, mit Provisorien leben und +Spannungen zwischen widersprüchlichen Erwartungen +aushalten – diese zuvor vielleicht nur für die Lebensphase +Jugend charakteristischen Verhaltens- und +Einstellungsmuster sind heute in jeder Phase des Lebens +unentbehrlich. Dies gilt für Bildung und Beruf ebenso wie +für Freizeit und Privatleben. +Von Objekten zu Subjekten der Forschung + +Das MpR berührt mit dem zehnten Prinzip eine zunehmend +relevantere Bedingung des Aufwachsens jüngerer +Altersgruppen. Diese war immer vorhanden, Krisen und +der Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen +werden heute jedoch wieder expliziter. Aber wie reagiert +der Forschungsbereich darauf? Über viele Jahrzehnte +hinweg war das MpR Instrument einer analytischen +Betrachtung von außen. Inzwischen haben sich +Forschungsdiskurse und Methoden gewandelt. In der +Kindheits- und Jugendforschung, aber auch in anderen +Zugängen innerhalb der Sozial- und +Erziehungswissenschaften haben sich sehr sensible +Verfahren herausgebildet, um die Lebenswelten von +Kindern und Jugendlichen aufzunehmen. Dazu gehört auch, +dass Kinder und Jugendliche in die Entwicklung von +Forschungsdesigns aktiv aufgenommen werden. Dies ist +der so genannte partizipative Aspekt innerhalb der +Forschungsmethoden. Er ist zugleich Bestandteil einer +Demokratisierung, weil Kindern und Jugendliche nicht +mehr nur beforscht werden, sondern diese Forschung +selbst anleiten sollen und davon profitieren. +In kaum einer anderen Zeit scheint dieser Wandel der +Zugangsweisen von Forschung sinnvoller als in der der +permanenten Herausforderung durch gesellschaftliche und +globalen Krisenphänomene. Im Rahmen des MpR ist damit diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/512.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/512.md new file mode 100644 index 0000000..b720255 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/512.md @@ -0,0 +1,36 @@ +verbunden, dass insbesondere die nachwachsende +Generation auf sich selbst und ihre Lebensumstände +reflektieren kann. Im Anwendungsfall einer +sozialisationstheoretischen Perspektive, die in der Schule +oder der Universität gelehrt wird, ist das ebenfalls von +hoher Relevanz. Das MpR beinhaltet deswegen die +analytische Perspektive, um zu verstehen, welche +Kontextbedingungen die Entwicklung beeinflussen. Sie +betont aber gleichzeitig die Perspektive der produktiven +Realitätsverarbeitung, die das direkte Eingreifen und +Aktivwerden beinhaltet. +In diesem Sinne soll das zehnte Prinzip auch eine +inhaltliche Öffnung vornehmen, die als Chance zur +Partizipation gesehen werden soll. Kinder und Jugendliche +in Schule und Ausbildungsgängen sollen in +Unterrichtseinheiten erarbeiten, a) welche +Krisenphänomene sie sehen und wie sie sich Formen der +Krisenbearbeitung vorstellen, b) Herausforderungen eines +Zusammenwirkens globaler Konflikte, ökonomischer und +ökologischer Anforderungen begegnen wollen und c) +welche Chancen bzw. Risiken sie in den neuen +Technologien einer digitalisierten Welt sehen. In dem +Maße, in dem heute von den Herausforderungen einer +Gesellschaft im Zeitalter des Einflusses der künstlichen +Intelligenz auf menschliche Gesellschaften gesprochen +wird, ist das zehnte Prinzip die Frage nach den +Möglichkeiten des menschlichen Gestaltungswillens in der +Welt eines exponierten Bevölkerungswachstums und der +sozial-ökonomisch-ökologischen Krisenphänomene. +Dieser veränderte Zugang, durch den Kinder und +Jugendliche von Objekten zu Subjekten der Forschung +werden, ist eine Antwort auf die Forderung nach mehr +Rechten von Kindern und Jugendlichen Gesellschaft. Sie ist +selbstredend die richtige Antwort darauf, dass die +nachwachsende Generation die globalen +Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung in den diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/513.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/513.md new file mode 100644 index 0000000..49fa2dd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/513.md @@ -0,0 +1,35 @@ +nächsten Jahrzehnten lösen muss. Sie ist damit aber eine +Art partizipative Leitlinie für das MpR. Die +Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen, aber +auch die Herausforderungen und Krisensymptome müssen +mehr als bisher aus ihren Perspektiven aufgenommen +werden. + +8.2 + +Herausforderungen für das Modell der +produktiven Realitätsverarbeitung + +Der Ausblick auf die Herausforderungen schließt in jeder +Auflage die aktuelle Diskussion rund um das MpR ab. In +den vergangenen Auflagen haben wir hier ein Gespräch der +beiden Autoren abgedruckt, das zu einer ständigen +Veränderung des MpR und vor allem dazu geführt hat, dass +das zehnte Prinzip in dieser 14. Auflage neu hinzugefügt +wurde. Einige Inhalte dieses Gesprächs werden hier noch +einmal wiedergegeben. Darüber hinaus wurden die Linien +für eine Diskussion gelegt, die das MpR in der Analyse und +Anwendung im Forschungs- und Lehrkontexten begleiten +sollen. +Weiterentwicklungen des MpR + +Das MpR hat in der Sozialisationsforschung eine +ununterbrochene Anwendung gefunden. Der besondere +Wert des Modells zeigt sich auf vielen Ebenen. Dabei sind +die Modifikationen der zentralen Modellannahmen, die als +Thesen, Maxime oder jetzt als Prinzipien diskutiert wurden, +mannigfaltig. Besonders interessant sind die kritischen +Stellungnahmen zum MpR, die in den vergangenen +Jahrzehnten auch immer wieder vorgebracht wurden. Am +stärksten trägt die Kritik, dass das MpR zu stark auf das +individuelle Subjekt bezogen ist. Eine Folge davon ist, dass diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/514.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/514.md new file mode 100644 index 0000000..9f50687 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/514.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Sozialisationsprozesse zu stark aus der Perspektive der +Persönlichkeitsentwicklung betrachtet werden. +Man kann sagen, dass dies in der gegenwärtigen +Formulierung des MpR keine wirkliche Problematik mehr +darstellt. Es kann vielmehr heute von einem Gleichgewicht +gesprochen werden, das die analytische Ebene des +Subjektes mit der analytischen Ebene der Umfeld- und +Kontextfaktoren verbindet. Auch die Kritik am Konzept der +Entwicklungsaufgaben ist inzwischen in das Modell +eingegangen. Eine zögerliche Betrachtung der Bedeutung +sozialer Ungleichheiten ist ebenfalls nicht mehr +Gegenstand der Kritik von außen, da die Frage der +Produktion und Reproduktion ungleicher Lebenschancen +eine tragende Säule der Argumentation im MpR darstellt. +Es gibt aber auch maßgebliche Weiterentwicklungen in +der sozialisationstheoretischen Diskussion. Hierzu gehört, +dass nicht mehr nur noch die Psychologie und Soziologie +als theoretische Inputgeber gelten. Heute haben die +Neurowissenschaften und die Genetik zusätzlich ihren +Platz im Spektrum der Theoriebildung gefunden. Die +Funktion, die sie einnehmen, ist indes eine andere als +zunächst gedacht. Sowohl die Neurowissenschaften als +auch die genetischen und verhaltensbiologischen Ansätze +sind nicht so weit gekommen, wie noch vor wenigen +Jahren, zu Beginn ihrer Diskussion, erwartet wurde. Wie +sich genetische und epigenetische Einflüsse auf die sich +entwickelnde Persönlichkeit auswirken, ist zwar heute +plastischer geworden. Das Gleiche gilt für den Aufbau und +die Funktion der neuronalen Vernetzung. +Für beide Bereiche gilt aber gleichermaßen, dass an der +grundlegenden Ausrichtung der Sozialisationsforschung, +wenn sie nach dem Einfluss von stimulierenden +Umweltfaktoren auf die Genese basaler Hirn- und +Körperfunktionen oder der emotionalen und +Kompetenzentwicklung fragt, keine Änderung erfolgte. Im +Gegenteil sogar: Gerade die »neue« interdisziplinäre diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/515.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/515.md new file mode 100644 index 0000000..8c4ea92 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/515.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Verkopplung im Bereich der Sozialisationsforschung +scheinen ältere Annahmen zur Bedeutung der +Umwelteinflüsse wieder aktuell werden zu lassen. +Aktuell ließe sich auf der eher naturwissenschaftlichen +Grundlage der Diskussion über Sozialisation sogar +behaupten, dass die Sozial- und Erziehungswissenschaften +eine zu geringe Vorstellung davon haben, wie frühe +Prägungsvorgänge in die weitere Biografie hineinreichen +und sehr stabile Dispositionen zur Ausbildung gelangen, +die eine hohe lebenslaufbegleitende und transsituative +Konsistenz aufweisen. Selbst epigenetische Veränderungen +können durch Erfahrungen in der Kindheit ausgelöst +werden. Gegen die »einfache« Annahme, dass Kontexte das +Verhalten beeinflussen, scheint sich heute also die neurowissenschaftliche und verhaltensgenetische Ansicht +durchzusetzen, dass frühe Stimulationen durch die +gesellschaftliche Umwelt eine nicht mehr zu löschende +Spur in den Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklungen +hinterlassen. +Gesellschaftliche Schlüsselprobleme + +Abseits der Zugänge, die in der Sozialisationsforschung +gewählt werden, ist eine andere Frage die des +Gegenstands. Wofür interessiert sich die +Sozialisationsforschung? Natürlich steht hier an erster +Stelle die Relevanz der Forschungsergebnisse und ein +gesellschaftlicher Nutzen. Wissenschaftliche Forschung ist +aber sicher niemals nur ein utilitaristischer +Verwertungszusammenhang; und doch hat gerade das MpR +immer eine Perspektive eingenommen, die pragmatisch an +gesellschaftlichen Schlüsselproblemen ausgerichtet ist. +Eine der aktuellen Perspektiven ist zweifellos die der +sozialen und intersektionalen Ungleichheit, die als +wachsend wahrgenommen werden muss. Wenn Kinder +unterschiedlich ausgestattet werden durch den Rucksack, +der mit der sozialen Herkunft vollgepfropft ist – also zum diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/516.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/516.md new file mode 100644 index 0000000..5143ad5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/516.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Beispiel der Fähigkeit, sich an die Schulregeln anzupassen, +so zu sprechen wie ein Mitglied des akademischen Milieus, +die Ausstattung eines guten Zuhauses zu haben, Urlaub im +Ausland machen zu können –, dann ist das ein Zeichen von +ungleicher Privilegierung oder, umgekehrt, ungleicher +Benachteiligung. Dann muss damit angefangen werden, die +Bedingungen der Benachteiligten zu verbessern, damit +diese Rückstände sich nicht in die Ungleichheit der +Lebenschancen lebenslang übersetzen. +Eine typische Lösungsstrategie dafür, die Lebenschancen +der Benachteiligten anzupassen, lässt aber das normierte +System der Anforderungen unangetastet. Zensuren und +Zeugnisse entscheiden aber nachhaltig über die weitere +Zukunft junger Menschen. Das heißt, Forschung arbeitet +wie im Moment, wenn sie nur an den Fähigkeiten der +Schülerinnen und Schüler ansetzt, lediglich an der +Oberfläche. Darunter liegende Ungleichheiten werden +nicht nur vergrößert, sondern zementieret. Lehrerinnen +und Lehrer müssen zum Beispiel ihre Bewertungspraxis +kaum hinterfragen. Eine Anpassung an eine sensible +Balancierung zwischen Herkunftsvoraussetzungen und +schulischen Leistungspotenzialen schaffen nur gut +ausgebildete Lehrkräfte, die in ihren Schule Rückhalt für +eine solche Praxis erhalten. Selbst wenn Lehrkräften nun +die Fertigkeit vermittelt würde, Kompetenzen der +Schülerinnen und Schüler zu erkennen, die aus +benachteiligten Milieus kommen, wird auch das +irgendwann nur zu einer Feigenblattpolitik. Auch so +können Ungleichheiten nicht verringert werden, wenn +Barrieren im Hintergrund unangetastet bleiben, die durch +eine finanzielle Verteilungspraxis aufgestellt werden und +die in soziale und räumliche Trennungen der Gesellschaft +führen. Der lange Arm der sozialen Herkunft ist ein +zentrales Ergebnis der Forschung zur Wirkung von +Ungleichheiten, die mit der Lebensweise und den zur +Verfügung stehenden Lebenschancen verbunden sind. Der diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/517.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/517.md new file mode 100644 index 0000000..a3e5499 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/517.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Druck zur Kompensation dieser Ungleichheiten kann nicht +lediglich auf der Schule und den in ihr arbeitenden +Lehrkräften abgeladen werden. Das wäre nicht nur +Feigenblattpolitik, sondern bereits falsche Praxis, die +falsche Konflikte in der Gesellschaft heraufbeschwört. +Die Makro-Perspektive des MpR stellt solche +Bedingungen der gesellschaftlichen Struktur, die +gemeinhin für »gesetzt« und »natürlich« gehalten werden, +daher immer mit zur Disposition. Der Grund dafür ist, dass +nachgewiesen werden kann, dass gegen stark +strukturierende Hintergrundbedingungen Interventionen +der Praxis nicht ankommen, deren Wirkungsradius nicht +auch gesellschaftliche Strukturbedingungen erreicht. Die +Diagnose für Initiativen, die nur am Verhalten und der +Einsicht ansetzen, ist schlecht. Sie beinhaltet, dass +Symptome bearbeitet werden, teures Nachbearbeiten der +sozialen Folgekosten im Vordergrund steht, und im +schlechtesten Falle von »kleinen« Interventionen nur +denjenigen profitieren, die dafür in einem boomenden +Bereich der Angebote sozialer Prävention und Intervention +zuständig sind. +In der Gesundheitsforschung finden wir für weitere +Belege für die These, dass nicht alles automatisch nützt +und ein zu kleiner Radius der Interventionen in die Praxis +auch das Gegenteil bewirken kann. So ist die +Einkommensstruktur, also die Verteilung von +Einkommensniveaus zwischen verschiedenen +Bevölkerungsgruppen, die zentrale Stellschraube für die +Ungleichheit der Gesundheit. Wer wenig Einkommen hat, +ist häufiger krank und hat eine kürzere Lebensdauer +(Lampert et al. 2016). Gegen diese Stellschraube kommt +nichts an. Da ist weit weniger entscheidend, wie die +Gesundheitssysteme ausgestattet sind oder wie Strategien +der Gesundheitsförderung angesetzt werden. Es zählt +primär, wie viel finanzielle Ungleichheit in einer +Gesellschaft in welchem Ausmaß existiert. Dagegen sind diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/518.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/518.md new file mode 100644 index 0000000..9512ee6 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/518.md @@ -0,0 +1,35 @@ +alle bewussten, auf die Gesundheit zielenden Maßnahmen +wie Gesundheitsförderungsprogramme und Anleitungen +zum richtigen Verhalten ziemlich wirkungslos. +Der Blick aufs Ganze + +Deshalb muss eine Intensivierung des Denkens darüber +vorgenommen werden, welche Forderungen gestellt +werden, damit Chancengerechtigkeit wirksamer hergestellt +werden kann; und zusätzlich, dass über den Sinn +bestimmter Systeme der Verteilung neu nachgedacht wird. +Bisher werden Forschende gefragt: Wie wird die +Ausbildung von Schülerinnen und Schülern effizienter? Wie +werden Ungleichheiten in der Bildung verringert? Wie +werden Lernwege verkürzt? +Überlegungen zu diesen Fragen sind natürlich sinnvoll, +aber auch häufig sehr kurz gegriffen. Aus der Perspektive +des MpR heißt das, es muss immer auch danach gefragt +werden, wie die Umwelt beschaffen ist, in der die +Individuen handeln, und nach welcher Logik sie sich +entwickelt. Die Logiken sozialer Systeme passen nicht +immer zu dem, was für einen einzelnen Menschen sinnvoll +ist oder was für eine Gesellschaft im Ganzen zu wünschen +wäre. Manchmal ist auch subjektiv sinnvolles Handeln in +gesellschaftlicher Hinsicht nicht sinnvoll. Auf solche +Situationen trifft die Debatte über Sozialisation häufig: +Wenn eine Jugendliche sich gut ausbilden lässt, um +hervorragend auf Selektions- und Allokationsprozesse +vorbereitet zu sein, riskiert sie damit den Wert des +jugendlichen Moratoriums, weil Zeit fehlt, die in +Konkurrenz- und Statuskämpfe investiert wird. Mehr noch, +sie treibt damit die Standards für die Übernahme von +beruflichen Positionen immer weiter in die Höhe. +Unfreiwillig wird auf diese Weise unfreiwillig die +Ausgangsposition verschlechtert, Konkurrenz und +Positionierungskämpfe setzen immer früher ein. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/519.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/519.md new file mode 100644 index 0000000..99285fa --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/519.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Für die Ausbildung anderer Fertigkeiten bleibt aus dieser +Sicht wenig Platz. Jugendliche, die bereits früh Selektionsund Allokationszwänge voraussehen, sehen sich in der +Zwickmühle zwischen Mitmachen und Aussteigen. Sie +stehen unter Druck und haben ihren Horizont notwendig +eingeschränkt. Das ist aus gesellschaftlich gesehen +irrational, obwohl es aus der Perspektive der Handelnden +durchaus rational ist. Und genauso ist es umgekehrt. +Irrationale Muster können heute rational sein. Die +Jugendliche könnte sich gegen Konkurrenz entscheiden +und auf Verzicht setzen. Verzicht zum Beispiel auf Karriere, +Urlaubsflüge, lange Ausbildungszeiten und Konkurrenz. In +gewisser Hinsicht ist das vor dem Hintergrund globaler +Probleme vielleicht eine ganz rationale Strategie. Nun +bekommen diejenigen, die sich für so etwas entscheiden, +nicht unbedingt in dieser Weise aus ihrer Umwelt +mitgeteilt, dass sie sinnvoll handeln. Das Gegenteil ist der +Fall. Der Rechtfertigungsdruck in Familie und Umfeld ist so +hoch, dass sie nur in kleinen, selbst gewählten +Gemeinschaften eine Möglichkeit haben zu existieren. +Indem die Sozialisationsforschung daran mitwirkt und +Kategorien für gelingende und nicht gelingende Biografien +aufstellt, ist sie auch an der Normierung von Lebensläufen +beteiligt und entscheidet mit über die Bewertung von +»Rationalität« und »Irrationalität« von Lebensführungen. +Hier stellt sich auch die Frage der praktischen +Anwendbarkeit der Erkenntnisse der Sozialisationstheorie. +Übersetzt heißt dies: Es muss ein Blick aufs Ganze der +gesellschaftlichen Entwicklung geworfen werden. Was als +gelingende oder misslingende Form der Lebensgestaltung +gesehen wird, muss in der Sozialisationsforschung mit +verhandelt werden. +Erkenntnisse über Sozialisation praktisch machen + +Sozialisationstheorie in der hier vorgestellten Form kann +ein wichtiges Instrument sein, um über den analytischen diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/520.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/520.md new file mode 100644 index 0000000..e500262 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/520.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Blick hinaus Anwendungsbezüge herzustellen und damit +direkt praktisch zu wirken. Um hierfür konkrete Vorschläge +unterbreiten zu können, müssen Daten gesammelt werden, +systematisch ausgewertet und in Beratung im öffentlichen +Bereich eingebracht werden. Dies ist ein Modell nach dem +Vorbild der internationalen Cochrane Collaboration. Hier +finden sich aus dem Bereich der Gesundheits- und +Krankheitsforschung zahlreiche Beispiele für die +Aufbereitung von Wissen zur Bewertung von konkreten +Interventionen. Alle Untersuchungen zusammenzustellen, +die – um ein Beispiel zu nennen – empirisch abgesicherte +Aussagen darüber machen, wie Kinder aus sozial +benachteiligten Familien am besten in Kindergarten und +Schule gefördert werden, und diese Untersuchungen +verständlich und klar aufzubereiten – das wäre das Ziel. +So ein Vorgehen ist in den Sozial- und +Erziehungswissenschaften im Unterschied zur Medizin und +Therapie immer noch nicht umgesetzt. Natürlich hat es +Schwächen. Es kann nicht davon ausgegangen werden, +dass Wissen über das Soziale so aufbereitet werden kann +wie das Wissen über naturwissenschaftliche +Zusammenhänge oder Experimente mit Medikamenten etc. +Die Erkenntnisse über das Soziale basieren auf Wissen +über ungefähre Zusammenhänge und +Wahrscheinlichkeiten. Wirklich Regelsätze gibt es +(wahrscheinlich zum Glück) nicht, wenn über menschliches +Handeln in sozialen Zusammenhängen gesprochen wird. +Dafür sind Menschen zu variabel in ihren Entscheidungen +und die Entwicklung eines Menschen hängt von zu vielen +Einflüssen ab, die kein Modell einfangen könnte. Trotzdem +sollte man aus der Not keine Tugend machen. Einiges an +Wissensbasis ist vorhanden und kann zusammengetragen +werden. Auf solche Erkenntnisse kann zurückgegriffen +werden, wenn man sich orientieren möchte – aber natürlich +nicht, um ein Kochbuchwissen umzusetzen. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/521.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/521.md new file mode 100644 index 0000000..9cdc3b2 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/521.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Mit einem solchen Vorgehen wäre ein erster Schritt +getan, die Erkenntnisse der Sozialisationsforschung +systematisch aufzunehmen, gegeneinander abzuwägen und +von hier aus eine Wissensbasis bereitzuhalten, die für +politische Entscheidungen wegweisend sein kann. In +einigen Bereichen gibt es immerhin Ansätze dazu, zum +Beispiel in der Gesundheitsförderung für sozial +Benachteiligte oder in der Einrichtung früher +Hilfsmaßnahmen. Von hier aus ist es nur ein kleiner +Schritt, um runde Tische einzurichten, die direkt in die +Politikberatung hineinwirken. Dies wäre dann ein aktiver +Schritt in die Expertisierung der Sozialisationsforschung. +Wenn man in diese Richtung weiterdenkt, dann müssen +natürlich auch die Fachgesellschaften zusammenarbeiten, +damit der Austausch unter den Wissenschaftlerinnen und +Wissenschaftlern und mit der Fachöffentlichkeit zunimmt. +Hier haben die Deutschen Gesellschaften für Soziologie +und Erziehungswissenschaften eine große Bedeutung. In +beiden spielt Sozialisation eine viel zu geringe Rolle. Neben +die Aufgabe, eine gute Datenbasis zur Verfügung zu stellen, +um praxisnah beraten und steuern zu können, gehört also +die Aufgabe, das Thema Sozialisation wieder in den +Fachgesellschaften zu verankern. +Schließlich sollte auch die Lehramtsausbildung verstärkt +in eine solche Strategie einbezogen werden. Der Bedarf ist +hier sehr groß. Die positiven Anteile eines allgemeinen +erziehungswissenschaftlichen Studiums sollen nicht +kleinredet werden. Sie sind wichtig und stellen eine immer +noch zentrale Bedingung dar, um Lehrkräfte für die Arbeit +mit unterschiedlichen Zielgruppen zu befähigen. In der +Darstellung zum MpR sind ja hier schon spezifische +Herausforderungen wie die Belastungen von Kindern +psychisch erkrankter Eltern benannt. Das war früher für +die Sozialisationsforschung kein Thema, ein Tabu und wenn +überhaupt ein psychologisch relevanter Zugang. Dies ist in +der Schule eine große Problematik, die vollkommen dunkel diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/522.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/522.md new file mode 100644 index 0000000..9fee7e7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/522.md @@ -0,0 +1,36 @@ +bleibt. Hier liegen die Ursachen für zahlreiche +abweichende und problematische Schulkarrieren, zudem +wirken unterschiedliche Belastungen zusammen, zum einen +der sozialen Herkunft und zum anderen besonderer +kritischer Lebensereignisse. +Ähnlich ist das Thema der Entstehung von funktionalem +Analphabetismus. Die besonderen Lebenslagen der +Heranwachsenden sind hier der Schlüssel für gute +unterstützende Angebote. Lehrkräfte wissen dies aber +zumeist überhaupt nicht. Hier fängt eine Expertise an, die +die Sozialisationsforschung anbieten kann. Sie beinhaltet +ein Wissen über die Wirkungen unterschiedlicher Systeme +und Kontextebenen. Als Fach ist dieses Wissen aber noch +nicht etabliert, es steht gewissermaßen zwischen den +Fächern, denen Studierende in der Ausbildung begegnen. +Dabei sind auch für die Ausbildung Hilfen und +Praxisanleitungen schnell formuliert. Keine der Lehrkräfte +muss später für diese Zwecke selbst eine psychologische +oder therapeutische Expertise haben. Ganz im Gegenteil: +Es geht darum, genau zu wissen, wo man mit dem eigenen +Laienwissen nicht mehr weiterkommt und besser an +Fachleute abgeben sollte. Diese explizite Verringerung +einer Problemlast, die in der Schule akkumuliert wird, ist +für die Sozialisationstheorie ein gutes Anwendungsfeld. +Die Offenheit der sozialisationstheoretischen Debatte + +Über viele Jahre hin weg war die Sozialisationstheorie nur +noch ein Ort, wo über Theorien gesprochen wurde, die zum +einen sehr alt waren und zum anderen eigentlich nur eine +akademische Bedeutung hatten. Auf diese Weise hatte man +sich allmählich abgeschirmt gegen eine politische +Instrumentalisierung. In Erinnerung bleibt die hitzige +Diskussion, die nach der Zeit der politisierten Wissenschaft +ab 1968 das Thema Sozialisation erfasste. Die Frage, wie +Menschen zu dem werden, was sie sind, war zu diesem +Zeitpunkt eine regelrecht politische. Hier hatte dann aber diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/523.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/523.md new file mode 100644 index 0000000..c66a6f3 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/523.md @@ -0,0 +1,36 @@ +auch das Fach viel von seiner Neutralität und +Wissenschaftlichkeit eingebüßt. Dazu kamen einige andere +Gründe, wie die unzureichende Verankerung im +Fächerkanon der Sozialwissenschaften und die ganz +eigenständige Diskussion, die die Psychologie seither über +Sozialisation führt. Vor allem aber war es die Angst, noch +einmal in die Falle einer normativ vereinnahmten +Wissenschaft zu tappen. Dieser Reputationsverlust wog +schwer und es ist kein Zufall, dass in den Jahren darauf +erst einmal die »trockene« Aufarbeitung der verfügbaren +Theorien im Mittelpunkt vieler Forschenden stand. +Heute ist dies nicht mehr notwendig. Im Fächerkanon der +Sozial- und Erziehungswissenschaft hat eine enorme +Differenzierung stattgefunden. In vielerlei Hinsicht lässt +sich auch hier eine Tendenz beobachten, die sonst aus den +Naturwissenschaften bekannt sind. Also eine Bewegung +dazu, in immer kleineren Feldern zu immer kleineren +Gegenständen zu arbeiten. Wo früher +Sozialisationsforschung als Schirm ausreichte, findet man +heute viele deutlicher abgegrenzte Forschungsfelder: die +Kindheits- und Jugendforschung, die Familienforschung, die +Bildungsforschung, Kultur- und Sozialstrukturforschung, +die Forschung zu Unterricht, Elementar-, Primar- und +Sekundarbereich und eine Vielzahl mehr an +Differenzierungen. Der Vorteil einer solchen Strategie liegt +auf der Hand. Es bringt mehr Aufmerksamkeit für den +Gegenstand und eine spezialisierte Fachdebatte. Der +Nachteil ist indes genauso offensichtlich. Ein Fach wie +Sozialisation, das auf mehrere Analyseebenen orientiert ist +und unterschiedliche Systeme (so die Mikro-, Meso-, +Makro-Differenzierung Bronfenbrenners) in ihrer +Wechselwirkung untersucht, ist ganzheitlicher +ausgerichtet. Forschungsfragen sind immer mit sozialen +Ausgangsbedingungen, Theorien über Gesellschaft, den +Menschen und Interaktionsstrukturen und einem +empirischen Zugriff verbunden. Das ist eine bleibende diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/524.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/524.md new file mode 100644 index 0000000..df9ec75 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/524.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Herausforderung der Sozialisationsforschung, die sie heute +lebendiger denn je macht. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/525.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/525.md new file mode 100644 index 0000000..f8c803b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/525.md @@ -0,0 +1,31 @@ +Anhang – Texte und Materialien zur +Arbeit mit dem MpR in der Schule +Die folgende Sammlung an Texten und Materialien umfasst +im Wesentlichen aktuell zugängliche Quellen, die das +Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (MpR) +darstellen, erläutern, auf einen bestimmten +Gegenstandsbereich fokussieren, es für den akademischen +oder schulischen Unterricht und das Selbststudium +aufbereiten. Auswahl und Annotierung sind notwendig +selektiv. +Die jetzt vollständige Aktualisierung der bereits in den +vorherigen Auflagen begonnenen Sammlung hat Michael +Willemsen vorgenommen. Er ist Lehrer für die +Unterrichtsfächer Mathematik, Erziehungswissenschaft +und Praktische Philosophie am Mindener HerderGymnasium. Er ist Mitherausgeber der Schulbuchreihe +»Perspektive Pädagogik« und Fachberater für das +Unterrichtsfach Erziehungswissenschaft. +Wissenschaftliche Lehrbücher, Sammelbände und Aufsätze +Abels, H. (2019): Einführung in die Soziologie. Bd. 2: Die Individuen in ihrer +Gesellschaft. 5. Aufl. Wiesbaden: Springer VS. +Im ersten Band der »Einführung in die Soziologie« wirft Abels einen »Blick +auf die Gesellschaft«, während er sich im zweiten Band mit den +»Individuen in der Gesellschaft« befasst. Hier verortet er auch das Modell +der produktiven Realitätsverarbeitung (S. 86–88). +Abels, H., König, A. (2016): Sozialisation. Über die Vermittlung von Gesellschaft +und Individuum und die Bedingungen von Identität. 2. Aufl. Wiesbaden: +Springer VS. +Gut verständliche Darstellung und Kommentierung des Modells der +produktiven Realitätsverarbeitung in Kapitel 18 (S. 171–180) im Kontext +der wichtigsten Ansätze der Sozialisationstheorie. +Andresen, S., Hurrelmann, K. (2010): Kindheit. Weinheim: Beltz. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/526.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/526.md new file mode 100644 index 0000000..0721ce7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/526.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Eine Einführung in die Kindheitsforschung, bei der nach einer Darstellung +unterschiedlicher theoretischer Ansätze die Sozialisationstheorie als +integrierender Ansatz für das Verständnis kindlicher Lebenswelten und +Entwicklungsprobleme gewählt wird. +Bauer, U. (2012): Das sozialisationstheoretische Paradigma. In: Bauer, U., +Bittlingmayer, U. H., Scherr, A. (Hg.): Handbuch Bildungs- und +Erziehungssoziologie. Wiesbaden: Springer VS, S. 473–490. +Bauer ordnet das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung als ein +wesentliches Beispiel für die Wende soziologischer Erklärungsansätze von +einer Strukturzentrierung (Systemtheorie wie Marxismus) auf die +Integration in die Gesellschaft zu einer Subjektorientierung auf die +Individuation in den 1980er Jahren ein. +Bauer, U. (2012): Sozialisation und Ungleichheit. Eine Hinführung. 2. Aufl. +Wiesbaden: Springer VS. +Bisher ausführlichste Darstellung des Modells der produktiven +Realitätsverarbeitung in der Fachliteratur mit exakter Bibliografie aller +wissenschaftlichen Publikationen hierzu. Kritische Auseinandersetzung mit +dem MpR und Kontrastierung des Modells mit dem Habitusmodell von +Pierre Bourdieu. +Bauer, U. (2013): Erziehung und soziale Ungleichheit. In: Andresen, S., HunnerKreisel, C., Fries, S. (Hg.): Erziehung. Ein interdisziplinäres Handbuch. +Stuttgart/Weimar: Metzler, S. 281–290. +Bauer, U., Hurrelmann, K. (2007): Sozialisation. In: Tenorth, H.-E., Tippelt, R. +(Hg.): Beltz Lexikon Pädagogik. Weinheim: Beltz, S. 672–675. +Bauer, U., Hurrelmann, K. (2015): Das Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung in der aktuellen Diskussion. In: ZSE Zeitschrift für +Soziologie der Erziehung und Sozialisation, Jg. 35, Nr. 2, S. 155–170. +Beer, R. (2007): Erkenntniskritische Sozialisationstheorie. Kritik der +sozialisierten Vernunft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. +Auf den Seiten 51–53 nimmt Beer eine theoriegeschichtliche Einordnung des +MpR vor. +Beushausen, J. (2013): Gesundheit und Krankheit in psychosozialen +Arbeitsfeldern. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht (UTB). +Das MpR wird hier als »integratives Modell« zur Beschreibung von +Gesundheit und Krankheit beschrieben, wobei der durch das Modell +ausgedrückte Zusammenhang von Ressourcen, selbstgesteuerter diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/527.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/527.md new file mode 100644 index 0000000..60d5c48 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/527.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Persönlichkeitsentwicklung und Copingverhalten besonders betont wird. +(S. 224) +Bründel, H., Hurrelmann, K. (2017): Kindheit heute. Lebenswelten der jungen +Generation. Weinheim: Beltz. +Die Beschreibung heutiger Kindheit mit Hilfe empirischer +Forschungsergebnisse und verschiedener theoretischer Ansätze orientieren +sich am MpR, das im Kontext der Darstellung kindlicher +Entwicklungsaufgaben in einem eigenen Abschnitt referiert wird ( S. 23 ff). +Drieschner, E. (2007): Erziehungsziel »Selbstständigkeit«. Grundlagen, +Theorien und Probleme eines Leitbildes der Pädagogik. Wiesbaden: VS Verlag +für Sozialwissenschaften. +Kompakte Darstellung des Modells der produktiven Realitätsverarbeitung vor +dem Hintergrund des Sozialisationsbegriffs um die Jahrtausendwende, +inklusive kritischer Diskussion und Problematisierung des MpR (S. 54–55). +Ecarius, J., Eulenbach, M., Fuchs, T., Walgenbach, K. (2011): Jugend und +Sozialisation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. +Im Kapitel über die theoretischen Grundlagen der Jugendforschung wird u. a. +auf das MpR als ein interdisziplinärer Ansatz verwiesen, um die +Sozialisation Jugendlicher zu erklären (S. 43–46). +Endruweit, G., Trommsdorff, G., Burzan, N. (Hg.) (2014): Wörterbuch der +Soziologie. 3. Aufl. Konstanz: UVK (UTB). +Knappe Beschreibung des MpR als Unterkapitel zum Stichwort +»Sozialisation« (S. 448 f.). +Faulstich-Wieland, H. (2008): Sozialisation. In: Faulstich-Wieland, H., Faulstich, +P. (Hg.): Erziehungswissenschaft. Ein Grundkurs. Reinbek: Rowohlt, S. 58–81. +Ableitung eines Sozialisationsbegriffs, der sich dem pädagogischen Handeln +nicht verschließt und zugleich in der pädagogischen Praxis zu +berücksichtigen ist (S. 58–81). Dabei werden historisch-gesellschaftliche +Bedingungen ebenso wie soziale Milieus und individuelle Biographien +berücksichtigt. +Griese, H. M. (2015): Sozialisation. In: Jordan, S., Schlüter, M. (Hg.): Lexikon +Pädagogik. Hundert Grundbegriffe. Stuttgart: Reclam, S. 269–273. +Der sozialisationstheoretische Ansatz der produktiven Realitätsverarbeitung +wird als Ausgangspunkt für die Stellung der Sozialisation als +eigenständiger Forschungsdisziplin gewertet (Griese 2015, S. 272). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/528.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/528.md new file mode 100644 index 0000000..0ccc8dd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/528.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Grundmann, M. (2011): Sozialisation und Entwicklung. In: Kade, J. u. a. (Hg.): +Pädagogisches Wissen. Erziehungswissenschaft in Grundbegriffen. Stuttgart: +Kohlhammer (Grundriss der Pädagogik/Erziehungswissenschaft, Bd. 5), S. 28– +35. +Der Artikel nimmt sowohl in seiner Definition des Sozialisationsbegriffs (S. +29) als auch in seiner Skizze der Sozialisationsforschung und ihrer +Ergebnisse (S. 33 f.) auf das MpR Bezug (S. 28–35). +Gudjons, H., Traub, S. (2016): Pädagogisches Grundwissen. Überblick – +Kompendium – Studienbuch. 12., aktual. Aufl. Bad Heilbrunn: Julius +Klinkhardt (UTB). +Das MpR wird als wichtiger Ausgangspunkt der interdisziplinären +Sozialisationsforschung dargestellt (S. 161) und als Bezugspunkt +verschiedener psychologischer und soziologischer Erklärungsansätze +gewertet (S. 159–163). +Hoyer, T. (2011): Vermittelnde Formen pädagogischen Handelns. In: Mertens, +G. u. a. (Hg.): Handbuch der Erziehungswissenschaft. Bd. 2: Allgemeine +Erziehungswissenschaft II. Studienausg. Paderborn: Schöningh (UTB), S. +503–524. +Der Artikel referiert kurz das MpR und verweist auf die Folgen eines aktiv +seine (auch erzieherischen) Umwelteinflüsse verarbeitenden Zöglings für +die Annahme der Wirksamkeit pädagogischer Einflüsse (vgl. S. 506 f.). +Hurrelmann, K. (1983): Das Modell des produktiv realitätsverarbeitenden +Subjekts in der Sozialisationsforschung. In: ZSE Zeitschrift für Soziologie der +Erziehung und Sozialisation, 3. Jahrgang, Heft 1, S. 91–103. +Initialer Aufsatz, in dem das Modell des produktiv realitätsverarbeitenden +Subjekts zum ersten Mal ausformuliert und als metatheoretischer Ansatz +der Sozialisationsforschung proklamiert wurde. +Hurrelmann, K. (2008): Sieben Maximen der Sozialisationstheorie. In: +Baumgart, F. (Hg.): Theorien der Sozialisation. Erläuterungen – Texte – +Arbeitsaufgaben. 4. Aufl. Bad Heilbrunn: Klinkhardt (UTB) (Studienbücher +Erziehungswissenschaft, Bd. III), S. 19–27. +Beitrag mit Ausschnitten aus der Einführung in die Sozialisationstheorie aus +dem Jahr 1986 (S. 70–81) Aufgaben zum Lektüreverständnis (S. 27 f.). +Hurrelmann, K. (2013): Das »Modell der produktiven Realitätsverarbeitung« in +der Sozialisationsforschung. In: ZSE Zeitschrift für Soziologie der Erziehung +und Sozialisation, 33. Jahrgang, Heft 1, S. 82–98. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/529.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/529.md new file mode 100644 index 0000000..e059c5b --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/529.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Artikel, in dem dreißig Jahre nach seinem initialen Aufsatz die Geschichte +und Weiterentwicklung des Modells der produktiven Realitätsverarbeitung +und seine theoretische und empirische Umsetzung in den Bereichen der +Kindheits-, Jugend-, Familien- und Schulforschung sowie der +Gesundheits-/Krankheitsforschung erläutert wird. +Hurrelmann, K., Bauer, U. (2015): Das Modell des produktiv +realitätsverarbeitenden Subjekts. In: Hurrelmann, K., Bauer, U., Grundmann, +M., Walper, S. (Hg.): Handbuch Sozialisationsforschung. 8. Aufl. Weinheim: +Beltz, S. 144–161. +Darstellung der Entstehung des Modells der produktiven +Realitätsverarbeitung mit anschließender Erläuterung des Modells in zehn +Thesen, die sich auf den theoretisch-epistemologischen Rahmen, den +Modus der Realitätsverarbeitung im Lebenslauf sowie Kontexte und +Diversitäten der Sozialisation beziehen. +Hurrelmann, K., Quenzel, G. (2016): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in +die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. 13. Aufl. Weinheim: Beltz +Juventa. +Die Lebensphase Jugend wird aus Sicht des interdisziplinären +sozialisationstheoretischen Modells der produktiven Realitätsverarbeitung +dargestellt. Eingebettet in die Betrachtung jugendlicher +Entwicklungsaufgaben aus individueller wie aus gesellschaftlicher +Perspektive werden die Grundannahmen des Modells in zehn Maximen auf +die Persönlichkeitsentwicklung in der Lebensphase Jugend übertragen. +Hurrelmann, K., Richter, M. (2013): Gesundheits- und Medizinsoziologie. 8. +Aufl. Weinheim: Beltz, Juventa. +Das Konstrukt der produktiven Realitätsverarbeitung wird als integratives +Konzept sowohl zur Definition als auch zur Erklärung von Gesundheit und +Krankheit neben das Modell der Salutogenese gestellt. Mit Hilfe des MpR +werden die für Gesundheit und Krankheit relevanten sozialen und +personalen Faktoren und das aktive Gesundheitsverhalten zur Bewältigung +altersspezifischer Entwicklungsaufgaben erläutert. Abschließend werden +konsensfähige Definitionen von Gesundheit und Krankheit und acht darauf +bezogene Maximen formuliert (S. 138–148). +Niederbacher, A., Zimmermann, P. (2011): Grundwissen Sozialisation. +Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter. 4. Aufl. Wiesbaden: +VS Verlag für Sozialwissenschaften. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/530.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/530.md new file mode 100644 index 0000000..a389044 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/530.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Bei der Erläuterung interdisziplinärer und multiperspektivischer Ansätze und +bei der Darstellung der Entwicklungsaufgaben im Jugendalter werden +substantielle Bezüge auf das MpR vorgenommen (S. 15 ff. u. S. 134 ff.) +Raithel, J. (2011): Jugendliches Risikoverhalten. Eine Einführung. 2. Aufl. +Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. +Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung wird hier als +interdisziplinäres und mehrdimensionales belastungstheoretisches +Sozialisationsmodell verstanden und beschrieben, mithilfe dessen sich das +Zustandekommen von jugendlichem Risikoverhalten erklären lässt (S. 67– +72). +Raithel, J., Dollinger, B., Hörmann, G. (2009): Einführung Pädagogik. Begriffe, +Strömungen, Klassiker, Fachrichtungen. 3. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für +Sozialwissenschaften. +Auf das MpR Bezug nehmend wird eine gelungene Sozialisation normativ als +erfolgreiche produktive Verarbeitung innerer und äußerer Einflüsse auf das +Subjekt beschrieben (S. 64–65). +Spies, A., Stecklina, G. (2015): Pädagogik. Studienbuch für pädagogische und +soziale Berufe. München: Ernst Reinhardt (UTB). +Ausgang nehmend von der Bestimmung des Sozialisationsprozesses als +produktive Realitätsverarbeitung wird die Notwendigkeit von +Grundkenntnissen über strukturbedingte Barrieren und Widerstände für +den pädagogischen Prozess betont (S. 25–28). +Trabandt, S., Wagner, H.-J. (2020): Pädagogisches Grundwissen für das Studium +der Sozialen Arbeit. Ein Kompendium. Opladen: Barbara Budrich (UTB). +Das Buch enthält einen Abschnitt zum MpR (S. 31 f.), eingebettet in die +Unterscheidung von psychologischen und soziologischen +Sozialisationstheorien (S. 23 ff.) und der primären, sekundären und +tertiären Stufen der Sozialisation (S. 33 f.). +Lehrwerke für den Pädagogikunterricht +Bauer, Ullrich / Püttmann, Carsten / Weinberg, Nils (2021) Produktive +Realitätsverarbeitung als Herausforderung für pädagogisches Handeln. Fünf +Zugänge zu Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung im PU. +Schüler*innenband. (=Reihe: Propädix), Baltmannsweiler: Schneider Verlag +Hohengehren. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/531.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/531.md new file mode 100644 index 0000000..e124357 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/531.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Berkemeier, A. u. a. (2013): Kein Kinderkram! Erzieherinnen- und +Erzieherausbildung. 2 Bde. 3. Aufl. Braunschweig: Westermann. +Im ersten Band wird der Prozess der Sozialisation als aktive +Auseinandersetzung mit der inneren und äußeren Umwelt erläutert (S. +226–229). Im zweiten Band wird mit Rückgriff auf das Buch »Lebensphase +Jugend« die These der Eigenständigkeit der Jugendphase und damit die +Notwendigkeit einer autonomen Jugendarbeit herausgearbeitet. +Böcher, H. (Hg.) (2017): Erziehen, bilden und begleiten. Die sechs Lernfelder +für Erzieherinnen und Erzieher in Ausbildung und Beruf. Köln: Bildungsverl. +EINS. +Im Abschnitt über Entwicklung und Sozialisation wird das Modell der +produktiven Realitätsverarbeitung als Zentrum der Sozialisationsforschung +bestimmt (S. 440–447). +Bubolz, G. (Hg.) (2014): Kursbuch Erziehungswissenschaft. Berlin: Cornelsen. +Mit einem Auszug aus der »Lebensphase Jugend« wird das Modell der +produktiven Realitätsverarbeitung eingeführt. Anschließend werden die +Maximen des MpR erläutert und die Frage aufgeworfen, ob das Modell +tatsächlich eine Metatheorie sei (S. 380–390). +Bubolz, G. (Hg.) (2018): Kursbuch Erziehungswissenschaft. Zentralabitur NRW +ab 2020. Berlin: Cornelsen. +Mit Auszügen aus den Büchern »Sozialisation« und »Lebensphase Jugend« +wird die Identitäts- und Autonomieentwicklung Jugendlicher im +Spannungsfeld von Individuation und Integration erläutert. Ein +Schwerpunkt liegt dabei auf der Ablösung der Jugendlichen von den Eltern +(S. 8–15). +Dorlöchter, H., Stiller, E. (2015): PHOENIX – Der etwas andere Weg zur +Pädagogik. Ein Arbeitsbuch. Bd. 2. Paderborn: Schöningh (Bildungshaus +Schulbuchverlage). +Wesentlich aufbauend auf Auszügen aus dem Buch »Sozialisation« werden +Grundzüge des MpR und die zehn Thesen dargestellt, mit den Ergebnissen +des SINUS-Lebenswelt-Modells konfrontiert und auf pädagogische +Handlungsfelder – etwa in der Familie – bezogen (S. 210–241). +Durt, M. (2011): Hurrelmanns Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. +Entwicklung, Sozialisation und Identität im Jugendalter. Materialsammlung. +Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren (PROPÄDIX, 8). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/532.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/532.md new file mode 100644 index 0000000..155850f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/532.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Ausgehend von den Maximen im Buch »Lebensphase Jugend« werden +biographische Beispiele gegeben. Es folgen systematisch angelegte +graphische Übersichten, die zum Teil der »Einführung in die +Sozialisationstheorie« entnommen sind. Mit Hilfe von Aufgaben werden die +Schülerinnen und Schüler aufgefordert, den Zusammenhang zwischen den +jeweiligen Maximen und den Beispielen herzustellen. +Gartinger, S., Janssen, R. (Hg.) (2020): Erzieherinnen + Erzieher. Bd. 1: +Professionelles Handeln im sozialpädagogischen Berufsfeld. Berlin: +Cornelsen. +Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung wird als abschließender +Ansatz vorgestellt, um den Zusammenhang zwischen Individuum und +Gesellschaft zu erklären. +Jansen, P., Peters, R., Uerlings, O. M.; Wit, A. de (2018): Abi-Box +Erziehungswissenschaft: Entwicklung, Sozialisation und Erziehung. +Interdependenzen und Differenzen. Schülerarbeitsbuch, 1. Halbjahr der +Qualifikationsphase. Hannover: Brinkmann, Meyhöfer. +In diesem Buch werden die Maximen und die Auslistung der +Entwicklungsaufgaben des Jugendalters nach der »Lebensphase Jungend« +ausführlich wiedergegeben. Daran schließt sich die Erläuterung und +Analyse praktischer Beispiele zur Interdependenz von Streben nach +Autonomie und sozialer Verantwortlichkeit an (S. 1–53). +Jaszus, R., Ackermann, A., Klemens, G. (2015): Psychologie und Pädagogik. +Lehrbuch für berufliche Gymnasien. Stuttgart: Holland + +Josenhans/Handwerk und Technik. +Die Autoren erläutern den Sozialisationsbegriff des MpR und grenzen ihn +vom engeren Erziehungsbegriff ab (S. 463–466). +Jaszus, R., Büchin-Wilhelm, I., Mäder-Berg, M., Gutmann, W. (2014): +Sozialpädagogische Lernfelder für Erzieherinnen und Erzieher. 2. Aufl. +Stuttgart: Holland + Josenhans/Handwerk und Technik. +Mit Rückgriff auf »Lebensphase Jugend« wird auf die Eigenständigkeit der +Jugendphase, die Entwicklungsphasen des Jugendalters und dessen +Einschätzung »als produktive und konstruktive Phase« hingewiesen (S. +148). +Ledig, M., Merget, G., Püttmann, C., Uhlendorff, U. (Hg.) (2019): Erziehen als +Profession. Bd. 2: Lernfelder 4–6. 1. Auflage. Köln: Bildungsverlag EINS +(Westermann Gruppe). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/533.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/533.md new file mode 100644 index 0000000..3bb6368 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/533.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Im Anschluss an das MpR wird die Persönlichkeitsentwicklung in das +Zentrum der miteinander verbundenen Entwicklungsbereiche gestellt (S. +72–94). Mit Blick auf die Entwicklungsaufgaben in der Lebensphase Jugend +wird herausgearbeitet, dass die Jugendlichen selbst die ihnen durch die +Lebensphase gestellten Aufgaben bewältigen müssen (S. 99 f.). +Püttmann, C., Rogowski, H. (Hg.) (2011): Lernen an Stationen im +Pädagogikunterricht. Bd. 1: Lernen an Stationen mit Kopiervorlagen für den +Pädagogikunterricht in der Sekundarstufe II. 4. Aufl. Baltmannsweiler: +Schneider Hohengehren (PROPÄDIX, 1). +Im Segment »Entwicklung und Sozialisation in der Kindheit« werden +Auszüge aus der »Einführung in die Sozialisationstheorie« gebracht und +die aktive Auseinandersetzung der Kinder und Jugendlichen mit den +sozialen und den dinglich-materiellen Lebensbedingungen betont (S. 65). +Rödel, B. (Hg.) (2017): Weiter Wissen. Pädagogik, Psychologie, Soziologie. +Berufliche Oberstufe. Unter Mitarbeit von S. Bachmann, V. Baur, K.-W. Falke +et al. Berlin: Cornelsen. +Nachdem im Abschnitt über Sozialisation (S. 268–299) allgemein die +Definition des Sozialisationsbegriffs erläutert wird, beschreibt der +Abschnitt »Interdisziplinärer Ansatz – Sozialisation als ständiger +Balanceakt« das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung (S. 289). +Willemsen, M., Wortmann, E. (Hg.) (2016): Perspektive Pädagogik. Heft 4: +Erziehung und Lebenslauf. Stuttgart, Leipzig: Klett. +Kontextualisiert durch ein jugendliches Fallbeispiel aus der ShellJugendstudie 2010 und eine erziehungs- und bildungstheoretische +Perspektive auf Jugend wird das Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung wesentlich anhand von Primärquellen vorgestellt (S. +27–42). Dabei wird auch die aktuelle Diskussion um das Modell und seine +Weiterentwicklung aufgegriffen. +Planungshilfen für Lehrende und Fachdidaktik +Armbrüster, M. (2013): Vorbereitung auf das Abitur im Fach Pädagogik: Lernen +und Wiederholen von Fachbegriffen mit Hilfe eines Gruppenturniers. In: +Pädagogikunterricht, Jg. 33, Nr. 2/3, S. 28–33. Der Beitrag stellt die Methode +des Gruppenturniers vor, um Fachbegriffe vor dem Abitur wiederholend zu +festigen – darunter ein Turnier zum Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung (S. 32). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/534.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/534.md new file mode 100644 index 0000000..7932a1d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/534.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Bauer, U. (2019): Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung: Kritik und +Weiterentwicklung. In: Verband der Pädagogiklehrer und +Pädagogiklehrerinnen (VdP) (Hg.): 39. Pädagogiklehrertag. 24.09.2019 – +Universität Duisburg-Essen. DVD. Wesel: VdP Eigenverlag. +Der Artikel bietet eine Übersicht über die bisherigen Ansätze des MpR und +seine aktuelle Weiterentwicklung. +Bauer, Ullrich / Püttmann, Carsten / Vogelsang, Lea / Weinberg, Nils (2021) +Produktive Realitätsverarbeitung als Herausforderung für pädagogisches +Handeln. Fünf Zugänge zu Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung im +PU. Lehrer*innenband. (=Reihe: Propädix), Baltmannsweiler: Schneider +Verlag Hohengehren . +Beyer, K. (2004): Planungshilfen für den Pädagogikunterricht – 45 +Rahmenreihen. Teil III: Förderung der Sozialisation. Zentrale pädagogische +Probleme. Baltmannsweiler: Schneider. +Darstellung des MpR anhand der Maximen aus »Lebensphase Jugend«, +»Einführung in die Sozialisationstheorie« und »Handbuch der +Sozialisationsforschung« (S. 15) und Hinweise für die Thematisierung des +Ansatzes im Pädagogikunterricht. +Bubolz, G. (2014): Handreichungen für den Unterricht. Berlin: Cornelsen. +Beantwortung der im Kursbuch Erziehungswissenschaft gestellten Fragen +und Aufgaben mit einzelnen Hinweisen auf eine Kritik des MpR und eine +Ergänzung um den salutogenetischen Ansatz. +Durt, M. (2008): Zu Hurrelmann: Eine »produktive Begriffsverarbeitung«. In: +Pädagogikunterricht, Jg. 28, Nr. 2/3, S. 44–47. +Kritische Auseinandersetzung mit der Bezeichnung »produktiv« im MpR und +der mangelnden Berücksichtigung fremdbestimmender (gesellschaftlicher) +Einflüsse auf die Sozialisationsprozesse. +Durt, M. (2011a): Einführung in Theorie und Begrifflichkeit. In: +Pädagogikunterricht, Jg. 31, Nr. 1, S. 19–26. +Erläuterung des MpR als Gegenstand des Pädagogikunterrichts zum einen +aufgrund seiner Anschlussfähigkeit an andere fachspezifische Themen und +zum anderen aufgrund der persönlichen Bedeutsamkeit des Themas +»Jugendalter« für die Schülerinnen und Schüler. +Durt, M. (2011b): Hurrelmanns Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. +Einführung in Theorie und Begrifflichkeit. Lehrerband. Baltmannsweiler: +Schneider Hohengehren (PROPÄDIX, 8). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/535.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/535.md new file mode 100644 index 0000000..3dc4991 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/535.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Darstellung der Genese des MpR mit anschließender Fokussierung auf die +Identitätsentwicklung und auf die aktive Konstruktion der Persönlichkeit in +der Jugendphase. +Gebel, M. (2006): Der dreifache Hurrelmann. In: Pädagogikunterricht, Jg. 26, +Nr. 2/3, S. 60–61. +Darstellung der unterschiedlichen Fassungen des MpR in verschiedenen +Publikationen mit Schwerpunkt auf dem Wandel der Maximen in +verschiedenen Auflagen von »Lebensphase Jugend«. +Heindrihof, Fred; Röken, Gernod (2020): Das Modell des produktivrealitätsverarbeitenden Subjekts (nicht nur) im Zentralabitur im Fach +Erziehungswissenschaft eine endlose Problemgeschichte? Oder: Wie +Schüler*innen als affirmative Anwender*innen eines vorgegebenen +Konstruktes instrumentalisiert werden. Teil I. In: Pädagogikunterricht, Jg. 40, +Nr. 1, S. 32–47. +Kritische Auseinandersetzung mit der Stellung des MpR im Kanon des +Zentralabiturs, den normativen Annahmen des Modells und der damit +einhergehenden pädagogischen Affirmation sowie der mangelnden +Beachtung der strukturellen gesellschaftlichen Bedingungen der +Ungleichheit. Forderung nach einer pädagogischen Perspektivierung des +Pädagogikunterrichts und – unter Beachtung des Kontroversitätsgebots – +nach gesellschaftskritischen sozialisationstheoretischen Alternativen. +Heindrihof, Fred; Röken, Gernod (i. E.): Das Modell des produktivrealitätsverarbeitenden Subjekts (nicht nur) im Zentralabitur im Fach +Erziehungswissenschaft eine endlose Problemgeschichte? Oder: Wie +Schüler*innen als affirmative Anwender*innen eines vorgegebenen +Konstruktes instrumentalisiert werden. Teil II. +Hurrelmann, K. (2007): Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. +Entstehung und Entwicklung eines sozialisationstheoretischen Ansatzes. In: +Pädagogikunterricht, Jg. 27, Nr. 2/3, S. 3–9. +Angesichts der Fokussierung des MpR im nordrhein-westfälischen +Pädagogikabitur und zahlreicher Anfragen wird die Entstehung und +Entwicklung des Ansatzes dargestellt. +Hurrelmann, K. (2011): Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. In: +Verband der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen (VdP) (Hg.): 31. +Pädagogiklehrertag. 5.10.2011 – Ruhr-Universität Bochum. DVD. Wesel: VdP +Eigenverlag. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/536.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/536.md new file mode 100644 index 0000000..6ee8c20 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/536.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Erläuterung der Entstehung des MpR und seiner Anwendungsmöglichkeiten. +Hurrelmann, K. (2012): Sozialisation: Das Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung. Zur Neuausgabe der Bücher »Sozialisation« und +»Lebensphase Jugend«. In: Pädagogikunterricht, Jg. 32, Nr. 1, S. 6–17. +Erläuterung der Weiterentwicklung des MpR und Auseinandersetzung mit +der Kritik an der mitunter wertenden Verwendung des Begriffs »produktiv« +sowie der Vernachlässigung der äußeren Bedingungen für die Sozialisation. +Hurrelmann, K. (2016): Bildungs- und Berufsperspektiven der jungen +Generation – Ergebnisse aktueller Jugendstudien. In: Pädagogikunterricht, +Jg. 36, Nr. 2/3, S. 26–31. +Anhand von vier Jugendstudien (Shell, Sinus, MetallRente, McDonald’s) wird +die These entwickelt, dass Jugendliche mit der Wahrnehmung ihrer eigenen +Bildungschancen die Gestaltung ihrer Entwicklung in die eigene Hand +nehmen. +Hurrelmann, K. (2016): Die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters. In: +Verband der Pädagogiklehrer und Pädagogiklehrerinnen (VdP) (Hg.): 36. +Pädagogiklehrertag. 28.09.2016 – Universität Duisburg-Essen. DVD. Wesel: +VdP Eigenverlag. +Mit Hilfe biographischer Beispiele Erläuterung der Entwicklungsaufgaben +des Jugendalters im Kontext des MpR. Bezug zur Generationenforschung. +Hurrelmann, K. (2016): Die Sozialisation der Generation Y. Wie junge Leute +Bildung, Beruf, Familie und Alltag managen. In: Knöpfel, E., Püttmann, C. +(Hg.): Bildungstheorie und Schulwirklichkeit. Arbeiten zur Theorie und Praxis +pädagogischer Bildung im allgemein- und berufsbildenden Schulwesen. +Elmar Wortmann zum 65. Geburtstag. Baltmannsweiler: Schneider Verl. +Hohengehren (Didactica nova, 25), S. 267–276. +Darstellung der Herausbildung von Generationsgestalten durch die Prägung +von Alterskohorten bei der produktiven Verarbeitung der jeweils historisch, +politisch, wirtschaftlich, kulturell und technisch geprägten äußeren +Realität. +Hurrelmann, K. (2017): Die Entwicklungsaufgaben des Jugendalters. Vor +welchen Herausforderungen stehen die Generationen Y und Z? In: +Pädagogikunterricht, Jg. 37, Nr. 1, S. 10–18. +Darstellung der Entwicklungsaufgaben des Jugendalters mit Vorschlägen für +die anschauliche Umsetzung im Unterricht. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/537.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/537.md new file mode 100644 index 0000000..8380d2c --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/537.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Hurrelmann, K. (2018): Wie die Sozialisationsforschung Wolfgang Klafkis +didaktischen und schulorganisatorischen Ansatz erweitern kann. In: +Pädagogikunterricht, Jg. 38, Nr. 2/3, S. 4–9. +Der Artikel empfiehlt, die sozialisationstheoretischen Erkenntnisse über die +Entwicklungsaufgaben der Jugendlichen unter je aktuellen Bedingungen +als Orientierung für die Unterrichtsplanung nach Klafki zu wählen und +bietet damit eine Verknüpfung zwischen zwei abiturrelevanten Themen an. +Jansen, P., Peters, R., Uerlings, O. M., Wit, A. de (2018): Abi-Box +Erziehungswissenschaft: Entwicklung, Sozialisation und Erziehung. +Interdependenzen und Differenzen. Lehrermappe, 1. Halbjahr der +Qualifikationsphase. Hannover: Brinkmann, Meyhöfer. +In einem Einlegeheftchen werden Unterrichtshinweise, Lösungen und vier +Klausurvorschläge mit Beug zum MpR unterbreitet. +Klocke, D. (2016): Eine Lernaufgabe zum »Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung« für den Pädagogikunterricht. In: Pädagogikunterricht, +Jg. 36, Nr. 4, S. 12–18. +Klocke erläutert anhand des MpR den Einsatz von Lernaufgaben im +Pädagogikunterricht, wie ihn zuvor Püttmann/Wortmann theoretisch +begründen. +Stiller, E. (2017): Subjekt und Gesellschaft im Pädagogikunterricht. Zur +Weiterentwicklung der Dialogischen Fachdidaktik Pädagogik. In: Bubenzer, +K., Rühle, M., Schützenmeister, J. (Hg.): Gesellschaftsorientierte +pädagogische Bildung. Pädagogikunterricht als Fach des +gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeldes. Münster/New York: +Waxmann, S. 65–90. +Im Anschluss an das MpR wird die Dominanz der Subjektperspektive im +Menschenbild der Fachdidaktik erläutert. +Stiller, E.; Dorlöchter, H. (2017): Dialogische Fachdidaktik Pädagogik. Neue +didaktische und methodische Impulse für den Pädagogikunterricht. +Neubearb. Paderborn: Schöningh (Westermann Gruppe). +Die Subjektorientierung des MpR, die oft kritisiert wird, sehen die Autoren +als Stärke an und beziehen sie auf ihren Ansatz zur Notwendigkeit des +Biografiemanagements (S. 27). +Storck, Ch. (2009): Identitätsentwicklung und neue Medien. In: +Schützenmeister, J. (Hg.): Zeitgemäße pädagogische Bildung. Beiträge zur diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/538.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/538.md new file mode 100644 index 0000000..17724fc --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/538.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Entwicklung und zum Studium der Fachdidaktik Pädagogik. Baltmannsweiler: +Schneider Hohengehren (Didactica nova, 17), S. 123–139. +Darstellung der für das nordrhein-westfälische Abitur im Unterrichtsfach +Erziehungswissenschaft wiederholten psychologischen und +sozialwissenschaftlichen Erklärungsansätze zur Entwicklung von Identität +vor, darunter das MpR (S. 131). +Materialien zum Selbststudium / Aufgabenstellungen für das Abitur +Backherms, F. u. a. (2019): Erziehungswissenschaft GK. Gymnasium +Gesamtschule NRW. Abitur 2020: Original-Prüfungsaufgaben mit Lösungen. +10. Aufl. Hallbergmoos: Stark. +Der Band enthält Grundkursklausuren im Abiturformat und originale +Abiturklausuren der Jahre 2015 – 2019 mit Lösungen. Einige Klausuren +fordern in den Aufgabenstellungen explizit zum Bezug auf das Modell der +produktiven Realitätsverarbeitung auf. +Backherms, F. u. a. (2019): Erziehungswissenschaft LK. Gymnasium +Gesamtschule NRW. Abitur 2020: Original-Prüfungsaufgaben mit Lösungen. +13. Aufl. Hallbergmoos: Stark. +Band mit Leistungskursklausuren im Abiturformat und originale +Abiturklausuren der Jahre 2015 – 2019 mit Lösungen, darunter +Aufgabenstellungen mit Bezug zum MpR. +Czerwinski, N. u. a. (2019): Erziehungswissenschaft – Oberstufenwissen. +Braunschweig: Westermann (Fit fürs Abi). +In einem Abschnitt kurzer Überblick über das MpR (S. 112). +Durt, M. (2018): AbiturSkript: Erziehungswissenschaft. Gymnasium, +Gesamtschule NRW. Abi NRW ab 2020. Hallbergmoos: Stark. +Angelehnt an die Maximen beschreibt der Beitrag die wesentlichen +Merkmale des MpR (S. 41–45). +Eppler, N., Klein, M., Knorr, A., Wilms, E. (2014): Pädagogik, Psychologie, +Erziehungswissenschaft. Gymnasium, Berufliches Gymnasium. +[Hallbergmoos]: Stark (Klausuren). +Zwei Klausurbeispiele erfordern die Auseinandersetzung mit dem MpR (S. +87–102). +Frohmann-Stadtlander, M., Kleinwegener, S., Storck, C. (2018): +Erziehungswissenschaft. 2 Bde. Zentralabitur NRW ab 2020. Hallbergmoos: +Stark (Abitur-Training). diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/539.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/539.md new file mode 100644 index 0000000..2ab304d --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/539.md @@ -0,0 +1,28 @@ +Über die Lebensphase Jugendalter und deren Entwicklungsaufgaben werden +im ersten Band die zehn Maximen referiert und erklärt und schließlich +einer pädagogischen Würdigung unterzogen (S. 123–137). Im zweiten Band +folgen Bezüge zum MpR beim Thema Menschenbild im Nationalsozialismus +(S. 21–23). +Storck, C., Wortmann, E. (2018): Pocket Teacher Pädagogik. 4. Aufl. Berlin: +Dudenverlag. +Ausgehend von einer kritischen Betrachtung des im MpR verwendeten +Sozialisationsbegriffs und der Entwicklungsaufgaben des Jugendalters +werden die zehn Thesen referiert und in einem zweiten Schritt auf die +Lebensphase Jugend ausgelegt (S. 136–147). +Links +Blech, Thomas (2016): Klaus Hurrelmann [Playlist]. Bearb. v. M. Czolbe. Online +unter: https://www.youtube.com/channel/UCJw0fH9kDWVJ8-j9LYIhhA/playlists (Zugriff: 20.06.2020). +Höltkemeier, H.-W. (2008): Hurrelmann: Modell der produktiven +Realitätsverarbeitung. Online unter: http://www.gesamtschuleeiserfeld.de/AAblage/Lernpfade/paedagogik/lernpfadepaedagogik/hurrelmann/herder-gymnasium-minden.pdf (Zugriff: 20.06.2020). +Löcher, P. (2020): Klaus Hurrelmann: Jugend – eine eigenständige Phase. +[Begriffsnetz.] Online unter: +https://www.ploecher.de/Material/Hurrelmann/Hurrelmann-Begriffsnetz+.pdf +(Zugriff: 20.06.2020). +Löcher, P. (2020): Hurrelmann: Produktive Realitätsverarbeitung. 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Wiesbaden: Springer VS, S. 353–386. diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/567.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/567.md new file mode 100644 index 0000000..3697f6a --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/567.md @@ -0,0 +1,30 @@ +Impressum +Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. +Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. +Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, +Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronische +Systeme. +1. Auflage 1986 +2. Auflage 1989 +3. Auflage 1991 +4. überarbeitete und ergänzte Auflage 1993 +5. Auflage 1995 +6. Auflage 1997 +7. Auflage 2000 +8. vollständig überarbeitete Auflage 2002 +9. aktualisierte Auflage 2006 +10. vollständig überarbeitete Auflage 2012 (Sozialisation) 11. vollständig +überarbeitete Auflage 2015 +12. Auflage 2018 +13. Auflage 2020 +14. vollständig überarbeitete Auflage 2021 +Dieses Buch ist erhältlich als: © 2021 Beltz +in der Verlagsgruppe Beltz · Weinheim Basel Werderstraße 10, 69469 Weinheim +Alle Rechte vorbehalten +Lektorat: Frank Engelhardt Umschlaggestaltung: Michael Matl +Umschlagabbildung: © getty images / evrensel baris Herstellung: Michael Matl +Satz: Datagrafix, Berlin +Druck und Bindung: Beltz Grafische Betriebe, Bad Langensalza Printed in +Germany +Weitere Informationen zu unseren Autor_innen und Titeln finden Sie unter: +www.beltz.de diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/568.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/568.md new file mode 100644 index 0000000..6d76f58 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/568.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Einführung in die Sozialisationstheorie +Bauer, Ullrich 9783407258885 +350 Seiten Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) + +Die Sozialisationstheorie ist interdisziplinär orientiert und verbindet +soziologische mit psychologischen und pädagogischen +Fragestellungen: Wie wirken soziale, familiale, ökonomische, +kulturelle und ökologische Strukturen und Kontexte auf die Bildung +und Entwicklung einer Person? Wie kann die Lebenswelt eines +Menschen so stimuliert und gestaltet werden, dass eine diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/569.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/569.md new file mode 100644 index 0000000..86390b1 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/569.md @@ -0,0 +1,10 @@ +selbstständige, sozial handlungsfähige und zugleich kooperative +Persönlichkeit entsteht? Die Autoren zeichnen die wichtigsten +Theorien der Sozialisationsforschung in leicht verständlicher Form +nach und stellen die wesentlichen Untersuchungsergebnisse zur +Sozialisation in Familien, Erziehungs- und Bildungssystemen, +Gleichaltrigengruppen und Medien zusammen. Die 14., vollständig +überarbeitete Auflage vermittelt einen geschlossenen Überblick, der +auch die jüngsten Ansätze und Forschungsergebnisse +berücksichtigt. +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/570.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/570.md new file mode 100644 index 0000000..b77c2cd --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/570.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Positive Leadership in der Schule +Blum, Ewald 9783407259158 +91 Seiten Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) + +Die Führungsqualität ist für das Wohlbefinden und die +Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden entscheidend. Doch worauf +muss eine schulische Führungskraft achten, damit das +Schulpersonal gerne seiner Tätigkeit nachgeht und sich professionell +(weiter-)entwickelt? Wie gelingt es ihr, die Vielzahl an Talenten und +Potenzialen im Kollegium zu fördern und die Stärken einzelner diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/571.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/571.md new file mode 100644 index 0000000..06854a7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/571.md @@ -0,0 +1,11 @@ +Lehrkräfte noch gezielter in den Blick zu nehmen? Dieses Buch +zeigt, wie Erkenntnisse des Positive Leadership, der Positiven +Psychologie und des systemisch-lösungsorientierten Denkens dazu +beitragen können, aus Schulen Organisationen der Entwicklung und +des persönlichen Wachstums zu machen. Für die drei zentralen +Aufgabenfelder von Führung (»Sich selbst führen«, »Menschen +führen«, »Organisationen führen«) werden den Leserinnen und +Lesern jeweils drei bewährte Praxiskonzepte an die Hand gegeben +(»Das 3 x 3 guter Führung«), um den Führungsalltag und die +Schulentwicklung erfolgreich zu gestalten. +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/572.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/572.md new file mode 100644 index 0000000..810c1e7 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/572.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Qualitative Inhaltsanalyse +Mayring, Philipp 9783407258991 +148 Seiten Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) + +Das Buch stellt mit der »Qualitativen Inhaltsanalyse« eine der am +häufigsten angewandten qualitativ orientierten +Auswertungsmethoden vor – als theorie- und regelgeleitete Analyse +sprachlichen Materials. Ausgehend von den drei Grundformen +Zusammenfassung, Explikation und Strukturierung werden einzelne +Techniken durch Ablaufmodelle und Interpretationsregeln diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/573.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/573.md new file mode 100644 index 0000000..7ac21f5 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/573.md @@ -0,0 +1,9 @@ +beschrieben und am Beispiel veranschaulicht. Die Qualitative +Inhaltsanalyse ist für Studierende von Pädagogik, Psychologie und +Soziologie unverzichtbar, wird aber auch in der Kommunikations-, +Literatur- und Kulturwissenschaft immer wichtiger. Das Buch wurde +für die 13. Auflage komplett überarbeitet, ergänzt und aktualisiert. +Zudem stellt es mit QCAmap erstmals eine Open-Access-Software +für Qualitative Inhaltsanalyse vor, in der man Projekte anlegen und +Dokumente hochladen kann. +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/574.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/574.md new file mode 100644 index 0000000..0302636 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/574.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Einführung in die qualitative +Sozialforschung +Mayring, Philipp 9783407296023 +140 Seiten Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) + +Die qualitative Sozialforschung erfreut sich stetig wachsenden +wissenschaftlichen Zuspruchs. Diese Einführung gibt – verständlich +formuliert und kompakt – Aufschluss über die komplexen Methoden: +von der Einzelfallanalyse über die Feldforschung bis hin zur +qualitativen Evaluationsforschung. Dabei wird deutlich, dass diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/575.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/575.md new file mode 100644 index 0000000..672b534 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/575.md @@ -0,0 +1,11 @@ +qualitative Forschung keine beliebig einsetzbare Technik ist, sondern +eine Grundhaltung, ein Denkstil, der sich immer streng am +Gegenstand orientiert. Das Buch ist für Studierende aller sozial- und +humanwissenschaftlichen Disziplinen geeignet. Die 7. Auflage wurde +vollständig aktualisiert und um neue Ansätze (Mixed Methods) und +Tools (QCAmap) ergänzt. Aus dem Inhalt: 1. Geschichte qualitativen +Denkens 2. Theorie qualitativen Denkens 3. Untersuchungspläner +qualitativer Forschung 4. Verfahren qualitativer Analyse 5. +Computereinsatz in der qualitaitven Sozialforschung 6. Gütekriterien +qualitaitver Forschung 7. Schlussbemerkung: Fallstricke qualitativer +Forschung Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/576.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/576.md new file mode 100644 index 0000000..ac80b71 --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/576.md @@ -0,0 +1,9 @@ +Der lange Schatten Maria Montessoris +Seichter, Sabine 9783407259387 +195 Seiten Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) + +Wie unter einem Brennglas beleuchtet dieses Buch den langen +Schatten der weltweit berühmten Maria Montessori. Es rückt ihr +Denken in einen bislang weitestgehend verdrängten aber +gegenwärtig (erneut) höchst aktuellen Zusammenhang von Eugenik, +Rassentheorie und Optimierungsstreben. Als Maria Montessori diff --git a/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/577.md b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/577.md new file mode 100644 index 0000000..331a17f --- /dev/null +++ b/documents/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/577.md @@ -0,0 +1,18 @@ +(1870-1952) im Jahre 1915 den Besuchern der "Panama-Pacific +International Exposition" in San Francisco die stillen und diszipliniert +arbeitenden "Montessori-Kinder" in einem gläsernen show-room +präsentierte, war die italienische Ärztin und Biologin auf dem +Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. Zusammen mit den Eugenikern +und Rasseideologen ihrer Zeit demonstrierte sie der +fortschrittsgläubigen Welt die Möglichkeiten einer erziehungs- und +biotechnologischen Erschaffung des "neuen Messias". Gut 100 +Jahre später holen die Fortschritte auf den Feldern der Gen- und +Reproduktionstechnologie Maria Montessoris biopolitische Visionen +eines "Ministry of the Race" (1951) und ihren lebenslangen Traum +vom perfekten Kind ein. Wie unter einem Brennglas beleuchtet +dieses Buch den langen Schatten der weltweit berühmten Maria +Montessori und rückt ihr Denken in einen bislang weitestgehend +verdrängten aber gegenwärtig (erneut) höchst aktuellen +Zusammenhang von Eugenik, Rassentheorie und +Optimierungsstreben. +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/README.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/README.md index f6d0907..c4b7e36 100644 --- a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/README.md +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/README.md @@ -1,17 +1,38 @@ # Systemische Modelle für die Soziale Arbeit -**Author:** Wolf Ritscher (unter Mitarbeit von Jürgen Armbruster, Klaus Döhner-Rotter, Karlheinz Menzler-Fröhlich, Werner Müller und Gabriele Rein) -**Publisher:** Carl-Auer Verlag, 7. Auflage, 2022 -**ISBN:** 978-3-89670-881-6 -**Pages:** 706 +## Bibliografische Angaben -## Description +| Feld | Angabe | +|---|---| +| **Titel** | Systemische Modelle für die Soziale Arbeit – Ein integratives Lehrbuch für Theorie und Praxis | +| **Autor** | Wolf Ritscher | +| **Mitarbeit** | Jürgen Armbruster, Klaus Döhner-Rotter, Karlheinz Menzler-Fröhlich, Werner Müller, Gabriele Rein | +| **Verlag** | Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg | +| **Auflage** | 7. Auflage, 2022 | +| **ISBN (Print)** | 978-3-89670-881-6 | +| **ISBN (ePub)** | 978-3-8497-8225-2 | +| **Seitenzahl** | ca. 702 | +| **Vorwort** | Helm Stierlin | -*Systemische Modelle für die Soziale Arbeit* ist ein integratives Lehrbuch, das systemische Theorie und Praxis für die Soziale Arbeit verbindet. Es vermittelt systemisches Denken und Handeln als Grundlage für professionelle Interventionen in verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit. +## Beschreibung + +Dieses Lehrbuch verbindet systemische Theorie und Praxis mit der Sozialen Arbeit und zeigt in fünf aufeinander aufbauenden Schritten, wie systemisches Denken – von der Metatheorie über ökosoziale Kontextmodelle und Familiendynamik bis hin zu konkreten Methoden – in die professionelle Sozialarbeit integriert werden kann. Wolf Ritscher legt dabei besonderen Wert darauf, dass die originären Grundlagen der Sozialen Arbeit (gesellschaftliche Funktion, Arbeitsfelder, Ziele, Handlungsbereiche) erhalten bleiben und nicht durch eine "von aussen herangetragene Modetheorie" ersetzt werden. Das Buch umfasst sowohl theoretische Fundierungen (Systembegriff, Erkenntnistheorie, Bronfenbrenners ökosystemisches Modell, Lebenszyklus und Familiendynamik) als auch ausführliche Praxiskapitel mit Fallbeispielen aus dem Allgemeinen Sozialen Dienst, der Sozialpsychiatrie und der Jugendhilfe. Es richtet sich an Studierende und Fachpersonen der Sozialen Arbeit, die einen theoretisch reflektierten und methodisch gesicherten Zugang zur systemischen Praxis suchen. + +## Inhaltsverzeichnis (Übersicht) + +1. **Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit I** – Ein Fallbeispiel aus der Arbeit des Allgemeinen Sozialen Dienstes (Beschreibung der familiären Situation, Verlauf des Unterstützungsprozesses) +2. **Exkurse zur systemischen Metatheorie** – Systembegriff, Systemdenken und Ökologie, erkenntnistheoretische Voraussetzungen, Perspektiven der Beschreibung sozialer Wirklichkeiten +3. **Soziale Kontexte der systemischen Arbeit mit Familien** – Bronfenbrenners ökosoziales Modell der Systemebenen (Mikro-, Meso-, Exo-, Makrosystem), Erweiterung um Gender-Thematik und Gesellschaftstheorie +4. **Familie, familiärer Lebenszyklus und Familiendynamik** – Familie als soziales System, Sozialisation und Enkulturation, Lebenszyklusmodell, Mehrgenerationenperspektive, Delegation, Loyalitätsbindungen, Mythen, Tabus und Geheimnisse +5. **Schritte zu einer systemisch begründeten Sozialen Arbeit** – Gegenstandsbeschreibung, Lebenslagen, Lebenswelt, soziale Netzwerke, Ressourcenorientierung, Empowerment, Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit, Arbeit in sozialen Organisationen, Qualitätssicherung +6. **Systemische Handlungsrichtlinien und Methoden für die Soziale Arbeit** – Hypothetisieren, Zirkularität, Allparteilichkeit, Kontextualisierung, Ressourcenorientierung, Auftrags- und Lösungsorientierung, Gender-Sensitivität, verbale und darstellende Methoden +7. **Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit II** – Beispiele aus Sozialpsychiatrie (Armbruster/Rein), Qualitätsentwicklung durch "Kursgespräche" (Menzler-Fröhlich), gemeinwesenorientierte Jugendhilfe (Döhner-Rotter) + +Anhänge: Literaturverzeichnis, Sachregister, Namensregister, Über den Autor ## Document Role -Dieses Dokument dient als fachwissenschaftliches Referenzwerk für eine KPG/EPG-Fallstudie im Bereich Soziale Arbeit. Es ist insbesondere relevant für die systemische Perspektive auf Interventionsplanung und Prozessgestaltung. +Dieses Buch dient als fachwissenschaftliches Referenzwerk für eine KPG/EPG-Fallstudie im Bereich Soziale Arbeit. Es liefert die theoretischen Grundlagen für eine systemische Perspektive auf Interventionsplanung, Prozessgestaltung und Fallanalyse. Besonders relevant sind die Modelle zur Beschreibung sozialer Systeme, die Methoden der systemischen Handlungspraxis sowie die Fallbeispiele, die den Transfer von Theorie in konkrete Sozialarbeitspraxis veranschaulichen. Das Buch eignet sich als Bezugsquelle für die Begründung systemischer Interventionen und für die Reflexion des eigenen professionellen Handelns im Rahmen der Fallstudie. ## Clean up diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/000.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/000.md new file mode 100644 index 0000000..e69de29 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/001.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/001.md new file mode 100644 index 0000000..3d44c76 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/001.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Wolf Ritscher + +Systemische Modelle für die +Soziale Arbeit +Ein integratives Lehrbuch für Theorie und Praxis + +Unter Mitarbeit von Jürgen Armbruster, Klaus +Döhner-Rotter, Karlheinz Menzler-Fröhlich, Werner +Müller und Gabriele Rein +Siebte Auflage, 2022 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/002.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/002.md new file mode 100644 index 0000000..147d369 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/002.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags: +Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern) +Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke) +Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg) +Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln) +Dr. Barbara Heitger (Wien) +Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg) +Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena) +Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg) +Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke) +Dr. Roswita Königswieser (Wien) +Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück) +Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg) +Tom Levold (Köln) +Dr. Kurt Ludewig (Münster) +Dr. Burkhard Peter (München) +Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen) +Prof. Dr. Kersten Reich (Köln) +Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg) +Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen) +Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln) +Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke) +Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg) +Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster) +Jakob R. Schneider (München) +Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg) +Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin) +Dr. Therese Steiner (Embrach) +Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg) +Karsten Trebesch (Berlin) +Bernhard Trenkle (Rottweil) +Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln) +Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/003.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/003.md new file mode 100644 index 0000000..eb37c9b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/003.md @@ -0,0 +1,28 @@ +Dr. Gunthard Weber (Wiesloch) +Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien) +Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg) +Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch) +Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach +Umschlaggestaltung: WSP Design, Heidelberg +Umschlagfoto: Mathias Weber/www.umschlag3.de +Printed in Germany +Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck +Siebte Auflage, 2022 +ISBN 978-3-89670-881-6 (Printausgabe) +ISBN 978-3-8497-8225-2 (ePub) +© 2002, 2022 Carl-Auer-Systeme Verlag +und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg +Alle Rechte vorbehalten +Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die +Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der +Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind +im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. + +Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die +Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der +Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind +im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. +Informationen zu unserem gesamten Programm, unseren Autoren +und zum Verlag finden Sie unter: https://www.carl-auer.de/. +Dort können Sie auch unseren Newsletter abonnieren. +Carl-Auer Verlag GmbH diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/004.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/004.md new file mode 100644 index 0000000..a39fe4c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/004.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Vangerowstraße 14 • 69115 Heidelberg +Tel. +49 6221 6438-0 • Fax +49 6221 6438-22 +info@carl-auer.de diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/005.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/005.md new file mode 100644 index 0000000..49f3605 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/005.md @@ -0,0 +1,43 @@ +Inhalt + +Vorwort +Einleitung: Zur Einfädelung systemischer Theorie und Praxis +in die Soziale Arbeit +1 + +1.1 +1.2 +2 +2.1 +2.2 +2.3 + +2.3.1 +2.4 + +2.4.1 +2.4.2 +2.4.3 +2.4.4 + +Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit I: Ein +Fallbeispiel aus der Arbeit des Allgemeinen Sozialen +Dienstes +Die Beschreibung der familiären Situation +Der Verlauf des Unterstützungsprozesses +Exkurse zur systemischen Metatheorie +Der Systembegriff: Das Muster, das verbindet, seine +Vordenkerinnen und Vordenker +Systemdenken, Ökologie und Sozialarbeit +Erkenntnistheoretische Voraussetzungen der +Systembeobachtung, -beschreibung und -erkenntnis +Die Einheit von Beobachterin und Beobachtetem und ihre +Folge für die Soziale Arbeit +Systemische Perspektiven der Beschreibung sozialer +Wirklichkeiten oder: Das System im Kopf der Beobachterin +Übergeordnete Definitionen +Perspektiven für die systemische Beschreibung sozialer +Wirklichkeiten im Überblick +Die drei zentralen Perspektiven der Systembeschreibung und +Systemanalyse +Die drei Kontextperspektiven diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/006.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/006.md new file mode 100644 index 0000000..841ec4c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/006.md @@ -0,0 +1,63 @@ +3 +3.1 +3.2 +3.2.1 +3.2.2 +3.2.3 +3.2.4 +3.2.5 +3.3 + +3.3.1 +3.3.2 +3.3.3 +3.3.4 +3.3.5 +3.3.6 +4 +4.1 + +4.1.1 +4.1.2 +4.1.3 +4.2 +4.2.1 +4.2.2 +4.3 +4.3.1 +4.3.2 +4.3.3 + +Soziale Kontexte der systemischen Arbeit mit Familien +Das ökosoziale Modell der Systemebenen von Uri +Bronfenbrenner im Überblick +Die einzelnen Systemebenen +Das Subjekt als psychosomatisches soziales System +Das Mikrosystem +Das Mesosystem +Das Exosystem +Das Makrosystem +Die Erweiterung des Makrosystems: Ein Modell der +Gesellschaft in Verbindung mit der „Gender“-Thematik +Das Modell im Überblick +Die Gender-Thematik im Kontext der Gesellschaftstheorie +Die Ökonomie +Die Politik +Kultur, Alltag und soziale Kommunikation +Wissenschaft und Technologie +Familie, familiärer Lebenszyklus und Familiendynamik +Die Familie als besonderes soziales System aus der Sicht der +Familiensoziologie und Familiendynamik +Die Funktionen der Familie: Sozialisation und Enkulturation, +Haushaltsorganisation und soziale Platzierung der Kinder +Familienbezogene demographische Daten +Sozialisation und Enkulturation aus der Sicht der +Familiendynamik +Der Lebenszyklus von Paaren und Familien +Grundannahmen des Lebenszyklusmodells +Die einzelnen Phasen +Familiendynamik +Die Mehrgenerationenperspektive +Delegation und Aufträge +Die Gerechtigkeitsbilanz für das System und die darauf +basierenden Loyalitätsbindungen als existenzielle Ressourcen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/007.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/007.md new file mode 100644 index 0000000..ba331ae --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/007.md @@ -0,0 +1,56 @@ +des Systems +4.3.4 Zentrale Ideen, Mythen und Geschichten als +Traditionsübermittler +4.3.5 Tabus und Geheimnisse, Scham- und Schuldgefühle in der +Familie +5 +5.1 +5.2 + +5.2.1 +5.2.2 +5.2.3 +5.2.4 +5.2.5 +5.2.6 +5.3 +5.4 + +5.4.1 +5.4.2 +5.4.3 +5.5 + +5.5.1 +5.5.2 +5.5.3 +5.5.4 + +Schritte zu einer systemisch begründeten Sozialen +Arbeit +Die Beschreibung des Gegenstands der Sozialen Arbeit +Die aus der Gegenstandsbeschreibung abgeleiteten +Theoriebereiche der Sozialen Arbeit +Lebenslagen und Handlungsspielräume +Alltag und Lebenswelt +Soziale Netzwerke +Integration statt Ausgrenzung +Soziale Probleme, Problemlagen und auf sie bezogene +Interventionsstrategien +Ressourcen, Coping-Strategien, Partizipation und +Empowerment +Das Belastungs-Bewältigungs-Paradigma +Arbeitsfeldbezug, Auftragsorientierung und die +Auftraggeberinnen der Sozialen Arbeit +Der Arbeitsfeldbezug +Auftragsorientierung und ihre Realisierung durch +Auftragsklärung und Hilfeplan +Die primären Auftraggeberinnen der Sozialen Arbeit +Der allgemeine Rahmen für die methodisch gesicherte +systemische Soziale Arbeit: Einzelfallhilfe, soziale +Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit, Arbeit in sozialen +Organisationen und die Qualitätssicherung +Die Basiskompetenzen der Sozialarbeiterin +Die Einzelfallhilfe/Einzelfallarbeit (Casework) +Soziale Gruppenarbeit +Gemeinwesenarbeit (von Werner Müller) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/008.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/008.md new file mode 100644 index 0000000..a130a59 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/008.md @@ -0,0 +1,55 @@ +5.5.5 Arbeit in sozialen Organisationen (von Werner Müller) +5.5.6 Die Qualitätssicherung in der Sozialen Arbeit +5.6 +Therapie, Beratung, Pädagogik und Sozialarbeit im Rahmen +der systemischen Sozialen Arbeit +5.7 +Systemische Soziale Arbeit konkret: Die Vernetzung +verschiedener Teilsysteme des Unterstützungssystems +5.8 +Die vier Imperative der systemischen Sozialen Arbeit +6 +6.1 +6.2 +6.2.1 +6.2.2 +6.2.3 +6.2.4 +6.2.5 +6.2.6 +6.2.7 +6.2.8 +6.3 +6.4 +6.5 +6.6 +6.6.1 +6.6.2 +6.6.3 +6.6.4 +7 + +Systemische Handlungsrichtlinien und Methoden für +die Soziale Arbeit +Methodisches Handeln in der systemischen Arbeit +Systemische Handlungsrichtlinien +Hypothetisieren +Zirkularität +Allparteilichkeit, Neutralität, Respekt und Interesse +Kontextualisierung +Ressourcenorientierung +Auftrags- und Lösungsorientierung +Gender-Sensitivität +Die Frage nach der „Opfer-Täterin-Beziehung“ bei Akten der +Gewalt +Handlungsformen der systemischen Sozialen Arbeit +Ein Orientierungsschema für das Handeln in Familien und +anderen sozialen Systemen +Ein Überblick über die Methoden der systemischen Arbeit +Beschreibung der Bereiche und einzelnen Methoden +Verbale Methoden +Darstellende Methoden +Methoden zur Strukturierung des Settings +Methoden der Qualitätssicherung +Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit II: +Beispiele aus Sozialpsychiatrie und Jugendhilfe diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/009.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/009.md new file mode 100644 index 0000000..08766ba --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/009.md @@ -0,0 +1,33 @@ +7.1 + +7.1.1 +7.1.2 +7.1.3 +7.2 + +7.2.1 +7.2.2 +7.3 +7.3.1 + +Systemische Soziale Arbeit in der außerstationären +Sozialpsychiatrie (von Jürgen Armbruster und Gabriele Rein) +Grundannahmen, Grundhaltungen und Handlungsrichtlinien +des systemischen Denkens und die praktischen Konsequenzen +Systemische Grundhaltungen – Illustriert an einer +„Fall“geschichte +Systemische (Paar-)Beratung im Sozialpsychiatrischen Dienst +Systemische Praxisreflexion und Qualitätsentwicklung in der +Sozialpsychiatrie: Nutzerorientierung und Zielplanung durch +gemeinsame Prozessgestaltung im Rahmen von +„Kursgesprächen“ (von Karlheinz Menzler-Fröhlich) +Strömungen +„Kursgespräche“ +Systemische Soziale Arbeit in der gemeinwesenorientierten +Jugendhilfe: Ein Fallbericht (von Klaus Döhner-Rotter) +Ein Fallbericht aus der Praxis des Projektes: Familie K. + +Literatur +Sachregister +Namensregister +Über den Autor diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/010.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/010.md new file mode 100644 index 0000000..deb2d21 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/010.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Vorwort + +Seit mehr als 50 Jahren leben wir Deutschen (West) in einer +Demokratie, der bisher längsten in unserer Geschichte. Sie brachte +den meisten Menschen einen bislang unbekannten Wohlstand, +brachte Rechtssicherheit und eine freie Presse. Aber sie brachte auch +neue Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, brachte einen sich +beschleunigenden +gesellschaftlichen +Wandel +und +brachte +Informationsüberflutung und Orientierungslosigkeit, was sich nicht +zuletzt in immer häufiger zerbrechenden Familien und sich immer +ratloser zeigenden Eltern und Erziehern zum Ausdruck bringt. +Und damit ergeben sich gerade für Sozialarbeiterinnen und +Sozialarbeiter neue Auftragslagen, neue Problemsichten und neue +Herausforderungen und zeigen sich damit auch nicht wenige +(scheinbare oder wirkliche) Widersprüche. So sollen sie etwa ihren +Klienten beratend und unterstützend zur Seite stehen, aber auch mit +dafür sorgen, dass die Rechte und die Würde einzelner Menschen +und Gruppen nicht verletzt werden. Die Schwierigkeiten, die aus +einem solchen doppelten Mandat erwachsen können, zeigen sich +beispielhaft an einem Geschehen wie dem des sexuellen +Missbrauchs. +Denn hier haben sich die in der Sozialarbeit Tätigen etwa zu +fragen: Ist der Auftraggeber das missbrauchte Kind, obwohl es +diesen Auftrag selbst nicht formulieren kann? Bringen hier einzelne +oder alle Familienmitglieder (sei dies offen, sei dies verdeckt) den +Auftrag, etwas in ihren Beziehungen zu verändern? Sind +gesellschaftliche Institutionen der oder die Auftraggeber? Solche +Uneindeutigkeit der Auftragslage spiegelt sich bereits in den +unterschiedlichen hier verwendeten Begriffen wie Patient, Klient, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/011.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/011.md new file mode 100644 index 0000000..9196fae --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/011.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Kunde oder auch Auftraggeber wider. Wobei solch unterschiedlicher +Wortgebrauch auch eine jeweils unterschiedliche professionelle +Beziehung nahe legt. Das spiegelt sich weiter in den +unterschiedlichen Begriffen wider, die Tätigkeit und den +Aufgabenbereich der Sozialarbeiterinnen und der Sozialarbeiter +beschreiben, Begriffe wie Therapie, Beratung, Unterstützung, Hilfe +zur Selbsthilfe, Hilfe bei der Mobilisierung von Ressourcen und +andere mehr. +Angesichts dieser oft so widersprüchlichen, ja verwirrenden Sachund Auftragslage vermag gerade der systemisch-therapeutische +Ansatz wichtige Orientierungshilfen zu leisten. Diesen Ansatz hat +Wolf Ritscher in dem vorliegenden Buch mit großer Sachkenntnis +unter Berücksichtigung der Herausforderungen dargestellt, die sich +heutigen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern stellen. Er hat sich +diese Arbeit nicht leicht gemacht. Denn auch auf dem Feld der +systemischen +Therapie +lässt +sich +heute +von +einer +Informationsexplosion sprechen, die den Autor immer wieder vor die +Frage stellte: Was ist für die Sozialarbeit wesentlich und +wegweisend, und wie lässt sich das möglichst klar vermitteln? +Ich selbst habe bei der Lektüre des Buches einen neuen Respekt +nicht nur vor dem Autor gewonnen, der im deutschen Sprachbereich +in vorderster Linie vieles zur Entwicklung und Akzeptanz des +systemisch-therapeutischen Ansatzes beigetragen hat. Mein +gewachsener Respekt gilt auch einem Berufsstand, der wie kaum ein +anderer mit den Problemen einer offenen und sich immer schneller +wandelnden Gesellschaft konfrontiert ist. Verständlich daher, dass ich +dem Buch viele Leser und Leserinnen wünsche. + +Heidelberg, im Januar 2002 +Helm Stierlin diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/012.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/012.md new file mode 100644 index 0000000..5bb2020 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/012.md @@ -0,0 +1,32 @@ +Einleitung: Zur Einfädelung +systemischer Theorie und Praxis in +die Soziale Arbeit + +Das Welt- und Menschenbild des systemischen Ansatzes weist in +vieler Hinsicht eine Überschneidung mit den Grundideen der Sozialen +Arbeit auf, und in ihrer Praxis gewinnen die Methoden der +systemischen Arbeit eine immer größere Wichtigkeit. +Mit dem vorliegenden Buch soll diese Entwicklung gefördert +werden, indem ich in mehreren Schritten die „Einfädelung“ der +System- und Familientherapie in die Soziale Arbeit und deren +Ausweitung zur systemischen Sozialen Arbeit nachzeichne. Damit +möchte ich die bisher oft pragmatisch vollzogene Integration +systemischer Denk- und Handlungskonzepte in die Soziale Arbeit der +Reflexion und Kritik zugänglich machen. +Die Soziale Arbeit gewinnt durch diese Integration einen +einheitlichen theoretischen Rahmen und mithilfe der vielen +systemischen Methoden neue Spielräume für ihre Praxis. +Sie lässt sich in fünf Schritten vollziehen. +In einem ersten Schritt (im zweiten Kapitel) werden Soziale +Arbeit und Systembzw. Familientherapie unter dem +gemeinsamen Dach der systemischen Metatheorie angesiedelt. +Damit finden deren Begriffe und Konzepte Eingang in die +theoretischen Überlegungen und Praxiskonzepte der Sozialen +Arbeit. +Systemtherapie +und +Soziale +Arbeit +können +sich +erkenntnistheoretisch auf eine systemische Sicht der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/013.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/013.md new file mode 100644 index 0000000..caf8842 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/013.md @@ -0,0 +1,41 @@ +lebendigen Welt verständigen. Die Welt und jede Form sozialer +Realität zeigt sich als Beziehungsnetz, Ereignisse als +Beziehungsereignisse +und +Informationen +als +Beziehungsinformationen. +Ich +entwerfe +deshalb +ein +allgemeines Modell für die Beschreibung sozialer Systeme. +Dessen sechs Perspektiven ermöglichen eine zirkuläre und +ganzheitliche Sicht auf soziale Wirklichkeiten und deren +Beschreibung. +Mit einem zweiten Schritt (im dritten Kapitel) wechseln wir die +Ebene des Zugangs zu sozialen Wirklichkeiten. Von der +Beschreibung allgemeiner Prinzipien eines die Wahrnehmung +und Beschreibung leitenden systemischen Denkmodells +kommen wir zu Modellen, welche die sozialen Kontexte +darstellen, in denen Menschen ihr Beziehungsleben gestalten. +Dabei orientiere ich mich an dem ökosystemischen Modell von +Uri Bronfenbrenner (1978), das um eine spezifische Sicht auf +die „Risikogesellschaft“ (Beck 1986) erweitert wird. +Im dritten Schritt (im vierten Kapitel) wende ich mich der +Familie als einem besonderen sozialen System zu. Sie ist das +wichtigste Sozialisationssystem und die immer noch +bedeutsamste private Lebensform in unserer Gesellschaft. +Deshalb bleibt trotz der Entwicklung einer auf viele soziale +Systeme anwendbaren Systemtherapie die systemische +Familientherapie und Familiensozialarbeit ein eigenständiger +Bereich. Innerhalb der Sozialen Arbeit ist der Bezug auf die +Familie in der Jugendhilfe zentral, aber auch in anderen +Arbeitsfeldern ist sie ein bedeutungsvoller Kontext und muss +bei den Interventionen berücksichtigt werden. Dafür ist es +notwendig, den Blick auf die Dynamik, die Beziehungsmuster +und die Entwicklungsphasen von Familiensystemen zu lenken. +Diese Muster bilden das theoretische „Netz“, mit dessen Hilfe +die Wirklichkeiten einer Familie hypothetisch „eingefangen“ +und aus der Perspektive der Beobachterin rekonstruiert werden +können. Die dadurch entstehenden Informationen können für diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/014.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/014.md new file mode 100644 index 0000000..e9be9ec --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/014.md @@ -0,0 +1,46 @@ +die Auftragsklärung, Zielfindung und Interventionen genutzt +werden und sind Teil des Veränderungsprozesses. Gerade an +diesem Punkt ist auf den Anfang der Achtzigerjahre +vollzogenen Sprung von der Familien- zur Systemtherapie zu +verweisen. Entscheidend ist nun nicht mehr das Setting +(„Therapie findet nur statt, wenn die ganze Familie im Raum +versammelt ist“), sondern entscheidend sind die systemischen +Modelle im Kopf der Therapeutin bzw. Sozialarbeiterin. Sie +ermöglichen den systemischen Blick auf das Problem- und +Unterstützungssystem +und +die +„maßgeschneiderte“ +Verwendung systemischer Methoden an den entsprechenden +Punkten des Unterstützungsprozesses. Das kann in den +unterschiedlichsten Settings und Subsystemen geschehen. +Dieser Gesichtspunkt ist besonders wichtig in der Arbeit mit +diskontinuierlichen, +chaotischen +und +unstrukturierten +Problemsystemen, die wichtige Adressaten der Sozialen Arbeit +sind. +In einem vierten Schritt (im fünften Kapitel) verbinde ich +theoretische Konzepte der Sozialen Arbeit, die mit der +systemischen Metatheorie vereinbar sind oder – wie bei den +Konzepten der Gemeinwesenarbeit – direkt als systemisch +bezeichnet werden. +Als Rahmen der dadurch entstehenden systemischen +Sozialen Arbeit wähle ich fünf primäre Handlungsbereiche der +Sozialen +Arbeit: +Einzelfallarbeit, +Gruppenarbeit, +Gemeinwesenarbeit, Arbeit in sozialen Organisationen und +Qualitätssicherung. +Den +Ausgangspunkt +meiner +zusammenführenden +Darstellung bildet eine dem Ausbildungscurriculum für +Sozialarbeiterinnen an der Hochschule für Sozialwesen +Esslingen zugrunde gelegte Gegenstandsbeschreibung der +Sozialen Arbeit. Dadurch wird die von vielen Kolleginnen +befürchtete „Kolonialisierung der Sozialen Arbeit“ durch eine +von außen an sie herangetragene „Modetheorie“ verhindert. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/015.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/015.md new file mode 100644 index 0000000..0607778 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/015.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Die originären Grundlagen der Sozialen Arbeit, d. h. ihre +gesellschaftliche Funktion, ihre Adressatinnen, Arbeitsfelder, +Ziele, Handlungsbereiche und Handlungsformen bleiben +erhalten. Dass sie nun in eine systemische Sicht der +Wirklichkeit integriert werden, ist kein Akt der Willkür, denn ich +behaupte, dass die Sozialarbeit in ihrem Kern immer schon +eine systemische Orientierung hatte, um ihrem zentralen +Auftrag – der Lösung bzw. Milderung von materiellen und +kommunikativen Problemen im Feld des Sozialen – gerecht zu +werden. Mein ehemaliger Hochschulkollege Werner Müller hat +für dieses Kapitel die Teile über Gemeinwesenarbeit und Arbeit +in sozialen Organisationen verfasst und das gesamte Kapitel +kritisch gegengelesen. Dafür danke ich ihm sehr herzlich. +Mit einem fünften Schritt (im sechsten Kapitel) kommt diese +Entdeckungsreise zu ihrem vorläufigen Ende. Hier werden die +in der systemischen Sozialen Arbeit verwendbaren Methoden +und Handlungsrichtlinien vorgestellt. Ich spreche in diesem +Zusammenhang nicht von Therapie oder Sozialarbeit, sondern +nur allgemein von Systemischer Arbeit; in ihr sind +Sozialpädagogik, +Therapie, +Beratung +und +materielle +Unterstützung als Teilbereiche enthalten. Zusammen mit den +im selben Kapitel dargestellten originären Methoden der +sozialen Arbeit ermöglichen sie eine theoretisch reflektierte +und methodisch gesicherte Praxis der systemischen Sozialen +Arbeit. Ihre Ziele heißen Empowerment, Hilfe zur Selbsthilfe +und die Erschließung der dafür notwendigen Ressourcen. +Die Falldarstellung im ersten Kapitel sowie die Praxisbeschreibungen +des siebten Kapitels zeigen, wie systemische Metatheorie und +Methoden mit der klassischen Sozialen Arbeit zu einer einheitlichen +praxisrelevanten Konzeption zusammenwachsen. +Für die Beiträge des siebten Kapitels danke ich Jürgen +Armbruster und Gabriele Rein vom Sozialpsychiatrischen Dienst +Stuttgart-Freiberg, Karlheinz Menzler-Fröhlich vom Wohnverbund diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/016.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/016.md new file mode 100644 index 0000000..ec33148 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/016.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Stuttgart-Nord und Klaus Döhner-Rotter vom Projekt Jugendhilfe im +Lebensfeld (ProJuLe) in Bad Rappenau sehr herzlich. Die +Falldarstellung des ersten Kapitels entstammt einem Video, das im +Rahmen eines von mir geleiteten Projektes an der Hochschule für +Sozialwesen Esslingen entstanden ist. Dieses Werkstattvideo zeigt +die praktische Umsetzung der in diesem Buch entfalteten Modelle für +die Soziale Arbeit (zur Bezugsquelle siehe Kap. 1, Anm. 1). +Von der systemischen „Einrahmung“ der Sozialen Arbeit +profitieren beide Seiten. Die Einführung der systemischen +Metatheorie schärft den Blick der Sozialarbeiterinnen für Netzwerke, +kommunikative +Rückkoppelungseffekte +(Zirkularität), +den +Beziehungssinn von Symptomen und Ressourcen, die das System +selbst für die Lösung seiner Probleme aktivieren kann. Die +Erschließung des Methodenspektrums der Systemtherapie vermittelt +den Sozialarbeiterinnen Kompetenzen, sich an das Problemsystem +anzukoppeln und gemeinsam Lösungen zu finden, die neue +Entwicklungschancen und Handlungsspielräume eröffnen. +Die Integration systemischer Theorie und Praxis in die Soziale +Arbeit hat auch einen rückbezüglichen Effekt. Die System- und +Familientherapie wird im ursprünglichen Sinn des Wortes politisch +und schärft den Blick für die Lebenswelt ihrer Auftraggeberinnen. +Überschaubare Mikrosysteme wie die Familie werden nun als Teil des +Gemeinwesens (griechisch polis) wahrgenommen. Der Zugang zu +seinen infrastrukturellen Angeboten (Schule, Kindergarten, soziale +Dienste, aber auch Verkehrsmittel, Müllabfuhr, Krankenhäuser usw.), +informellen (z. B. Nachbarschaft, Freunde) und formalen Netzwerken +(z. B. Vereine, Kirchengemeinden, Parteien) ist ein wesentlicher +Faktor für den „gelingenden Alltag“. Ist der Zugang zu ihnen +blockiert oder erschwert, geraten die betreffenden Mikrosysteme in +die soziale Isolation: Sie werden zu „geschlossenen Systemen“, +deren Krisen nicht mehr im Austausch mit der Umwelt bewältigt +werden können. So erweitert sich der Rahmen von +Problemdefinitionen: Neben kommunikativen Problemen werden nun diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/017.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/017.md new file mode 100644 index 0000000..60ffe65 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/017.md @@ -0,0 +1,36 @@ +auch „Ausstattungsprobleme“ und damit soziale Disparitäten ein Teil +des therapeutischen Diskurses. +Ansätze zur Beschreibung und Erklärung lebender Systeme +fördern den theoretischen Narzissmus. Sie suggerieren die +Möglichkeit, den systemischen Ansatz als Universaltheorie zu +verstehen und alle Phänomene des Lebens unter ihren begrifflichen +Hut zu bringen. Ich halte das für ein Missverständnis, denn eine +solche Perspektive ist zentralistisch und ausgrenzend gegenüber +anderen Theorieansätzen. Systemisches Denken hingegen favorisiert +Pluralismus, +Selbstorganisation +kleiner +Einheiten, +innere +Differenzierung durch Inklusion (Einbeziehung) statt Exklusion +(Ausgrenzung). Deshalb halte ich es für wenig förderlich, mit der +systemischen Keule nach anderen Theorie-Praxis-Ansätzen, z. B. der +Psychoanalyse, zu werfen – die Keule könnte sich als Bumerang +erweisen. Zu wünschen ist vielmehr, dass der systemische Ansatz +seine eigenen weißen Flecke auf der Landkarte benennt und bereit +ist, diese durch andere Theorieansätze erforschen und beschreiben +zu lassen. Ich denke hier an den ganzen Bereich der +intrapsychischen Prozesse, des individuellen und des persönlichen +Unbewussten. Warum muss eine systemische Traumtheorie erfunden +werden, wenn es hierfür schon ausdifferenzierte und plausible +Ansätze bei Freud und Jung gibt? +Ich möchte auch darauf hinweisen, dass ich in dieser Arbeit +Systeme beschreibe, in denen Menschen des christlichabendländischen Kulturkreises ihren Alltag leben. Über die sozialen +Systeme anderer Kulturkreise stehen mir aufgrund meiner +Informationsdefizite keine Aussagen zu. +Es gibt einen weiteren weißen Fleck auf der systemischen +Landkarte, den ich in den Begriff der menschlichen Existenzialien +fassen möchte. Hier denke ich u. a. an: +das Leben als ein „Leben zum Tod“ (Heidegger 1967); +die menschliche Sehnsucht nach dem Paradies, der Erlösung +und der Transzendenz, die sich in allen Kulturen dieser Welt als diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/018.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/018.md new file mode 100644 index 0000000..757e098 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/018.md @@ -0,0 +1,39 @@ +spirituelle Kraft findet; +die soziale Trias von „Arbeit, Herrschaft und Sprache“ +(Habermas 1971); +das auf eine humanistische Selbstverwirklichung des Menschen +gerichtete „Prinzip Hoffnung“ (Bloch 1973); +und den existenziellen Glauben an die einsam machende, +Enttäuschungen notwendig hervorrufende und dennoch +lebensnotwendige Freiheit der Wahl in der persönlichen +Existenz. Gäbe es diese nicht, dann gäbe es auch keine +persönliche Verantwortung für das eigene Handeln, es gäbe +weder Schuld noch Scheitern. Dann aber hätte sich der Mensch +als Gott gesetzt, als vollkommenes Wesen, dessen Worte die +Welt erschaffen können. Zwölf Jahre Führerkult in Deutschland +haben gezeigt, dass ein solcher Weg in Auschwitz endet. +Systemische Theorie sollte also in ihrem Weltbild Platz lassen für +tiefenpsychologische, +philosophische, +spirituelle, +gesellschaftskritische Diskurse und sie als eigensinnige Partner bei +der Beschreibung der Welt und dem Handeln in ihr willkommen +heißen. +Ich habe die Ergebnisse dieser nicht systemischen Theorien als +Kontextperspektiven +im +zweiten +Kapitel, +bei +meinen +gesellschaftstheoretischen Überlegungen im dritten Kapitel und den +Überlegungen zum familiären Lebenszyklus im vierten Kapitel mit +einbezogen. +Zum Schluss noch zwei Anmerkungen: +Ich verwende im folgenden Text die Begriffe Systemtherapie +und systemische Therapie gleichbedeutend. +Wenn es um Personen geht, verwende ich überwiegend die +weibliche Schreibweise. Ich möchte damit die vielen +Bemühungen in unserem Feld und der Gesellschaft für eine +Gleichstellung der Geschlechter unterstützen. Bislang findet +sich in fast allen Fachtexten die männliche Schreibweise für diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/019.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/019.md new file mode 100644 index 0000000..613672d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/019.md @@ -0,0 +1,21 @@ +beide Geschlechter, und es fehlt inzwischen fast nirgends mehr +die Anmerkung, dass die Frauen dabei als eigenständige +Personen mitzudenken seien. Aus Gründen der Gerechtigkeit, +die in der Sozialen Arbeit und Familientherapie doch eine große +Rolle spielt, drehe ich den Spieß einmal um; denn die Frauen +befinden sich sowohl bei den Profis als auch bei den +Auftraggeberinnen der Sozialen Arbeit und Systemtherapie in +der Mehrzahl. Wenn man im Text darüber stolpert, weil es so +ungewohnt ist, wird man merken, wie tief die männliche +Dominanz noch in unseren Köpfen verankert ist und durch die +Sprache verfestigt wird. Da tut ein „Gegen-den-Strich-Bürsten“ +gut. Die männliche Form wähle ich nur dort, wo es um +konkrete Personen männlichen Geschlechts geht, zum Beispiel +mich selbst. +Ich danke allen, die mich bei der Erstellung dieses Buches +unterstützt haben: dem Team des Carl-Auer-Systeme Verlags und +hier vor allem den Lektoren Ralf Holtzmann und Uli Wetz –, Satu und +Helm Stierlin für ihr motivierendes Interesse auch in kritischen +Phasen des Schreibens, und last, but not least, meiner Familie. Der +Titel des Buches entstand als Gemeinschaftswerk bei einer Fahrt in +die Sommerferien – mitten in die schöne Schweiz. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/020.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/020.md new file mode 100644 index 0000000..3515949 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/020.md @@ -0,0 +1,9 @@ +1 +Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit I: +Ein Fallbeispiel aus der Arbeit des Allgemeinen +Sozialen Dienstes + +Das folgende Beispiel entnehme ich einem Lehrvideo, das eine +studentische Projektgruppe zusammen mit mir erstellt hat. Die +anonymisierte und inhaltlich auch veränderte „Fall“geschichte +stammt aus der Praktikumserfahrung eines Studenten.1 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/021.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/021.md new file mode 100644 index 0000000..7e81cac --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/021.md @@ -0,0 +1,11 @@ +1.1 + +Die Beschreibung der familiären +Situation + +Abb. 1: Das Genogramm der Familie Beierle +Ein 50-jähriger Vater, von Beruf Lehrer, der aufgrund von immer +noch bestehenden psychosomatischen Beschwerden vor zwölf +Jahren frühpensioniert wurde, lebt mit seinem 15-jährigen Sohn +Manuel zusammen in einem Haushalt. Die finanziellen Mittel sind +knapp, sichern aber eine Lebensführung oberhalb der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/022.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/022.md new file mode 100644 index 0000000..add1086 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/022.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Sozialhilfegrenze. Der Vater versucht, durch englisch-deutsche +Übersetzungen zusätzlich Geld zu verdienen. Hilfreich wäre dafür ein +besserer Computer, den er sich aber nicht leisten kann. Die Mutter +hat sich vor ca. zehn Jahren von ihrem Mann getrennt, lebt heute +mit einer neuen Familie in einer 400 km entfernten Großstadt und +hat nur sporadische Kontakte zu ihrem Sohn aus der ersten Ehe. Auf +Unterhaltszahlungen hat der Mann wegen massiver Konflikte mit +seiner Ex-Frau verzichtet. Manuel, der von seinem Vater als sehr +intelligent und intellektuell interessiert beschrieben wird, verweigert +seit fast einem Jahr den Schulbesuch und hat auch sonst kaum +soziale Kontakte. Er liest viel, auch anspruchsvolle Literatur, und +verbringt viel Zeit mit seinem Computer. Auch er wünscht sich einen +leistungsfähigeren Rechner. Sein Berufswunsch ist es, als Erfinder +von Computerspielen Geld zu verdienen und gleichzeitig Spaß zu +haben. Dafür, so meint er, brauche er keine formale Schulausbildung. +Die Schule mag er auch deshalb nicht besuchen, weil er das Opfer +von Hänseleien und Gewalttätigkeiten der Mitschüler war. (Manuels +Mutter stammt aus Südostasien, und er eignet sich allein schon +wegen seines Aussehens als Zielscheibe für Gewalt und Ausgrenzung +durch die Mitschüler.) Er geht nur selten aus dem Haus. Die Schule +hat bisher noch keine Zwangsmittel angewendet, sondern suchte in +Zusammenarbeit mit dem Vater nach einer Lösung ohne Zeitdruck +und juristische Pression. Der Vater selbst hält ständig nach +Möglichkeiten für einen geeigneten und offiziell anerkannten +Lernkontext für Manuel Ausschau. Aber Manuel hat alle bisherigen +Angebote ausgeschlagen. Die neuste Idee heißt Hausunterricht; dem +würde er sich nicht widersetzen. Manuel wurde in der Kinder- und +Jugendpsychiatrie vorgestellt. Diese schlug eine längerfristige +stationäre Therapie vor, weil sie die Diagnose „Schulphobie“, „soziale +Ängste“, „neurotische Depression“ in den Kontext einer intensiven +Symbiose zwischen Vater und Sohn stellte, die durch den stationären +Aufenthalt gelockert werden sollte. Der Sohn verweigerte sich auch +dieser Therapieperspektive, der Vater zeigte sich ebenfalls +abwehrend. Im Grunde hatten sich beide im „trauten Unglück zu diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/023.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/023.md new file mode 100644 index 0000000..ee1c949 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/023.md @@ -0,0 +1,5 @@ +zweit“ eingerichtet und agierten unter der unausgesprochenen +Annahme: „Wenn es das Problem mit der Schule nicht gäbe, könnte +doch alles so bleiben, wie es ist.“ Der Vater hat sich jetzt mit der +Bitte um Unterstützung bei der Schulproblematik an das Jugendamt +gewandt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/024.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/024.md new file mode 100644 index 0000000..6dca82c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/024.md @@ -0,0 +1,36 @@ +1.2 + +Der Verlauf des +Unterstützungsprozesses2 + +Das erste Gespräch mit der zuständigen Bezirkssozialarbeiterin und +einer ihr zugeordneten Praktikantin findet im Amt statt. Hier handelt +es sich um die settingstrukturierende Methode der Teamarbeit. +Manuel ist nicht mitgekommen. Der Vater ist sichtlich zufrieden, +eine Gesprächspartnerin für seine Sorgen gefunden zu haben. Ein +weiteres Gespräch soll in der Wohnung stattfinden, damit die +Hemmschwelle für Manuels Teilnahme verringert würde. Die +systemischen Methoden des „verlängerten Erstgespräches“ und des +„Settingwechsels“ werden eingeführt. +Als dieses geplante Gespräch stattfindet, kommt Manuel +tatsächlich nach einiger Zeit dazu. Das Gespräch dient aus der Sicht +der Sozialarbeiterin einerseits der Beziehungsfindung (Joining), +andererseits der Informationsgewinnung zur Hypothesenbildung. Es +wird von Anfang an versucht, die Richtlinie „Hypothesenbildung“ zu +realisieren. Bei der Erkundung der mikro- und mesosystemischen +Beziehungen wird deutlich, dass es einen kontinuierlichen, wenn +auch zeitlich nicht sehr dichten Kontakt zur Oma (Mutter des Vaters) +gibt und zu einer „Bekannten“ des Vaters. Über diese Beziehung +spricht er aber nur sehr widerwillig. Die große Nähe zwischen Vater +und Sohn (von der Psychiatrie als pathogene Symbiose eingeschätzt) +wird erkennbar und von der Sozialarbeiterin als Ressource für +künftige Veränderungen positiv konnotiert. Gegenüber der Aussage +des psychiatrischen Gutachtens wird ein Reframing vorgenommen, +das der Ressourcenorientierung der systemischen Arbeit entspringt. +Um diese Nähe auch für Erkundungen des sozialen Umfeldes zu +nutzen – denn gemeinsam gehen Vater und Sohn fast nie aus dem +Haus –, schlägt die Sozialarbeiterin eine halbstündige Pause vor. In +diesem Fall wird die Pause als settingstrukturierende Methode +genutzt. Vater und Sohn sollen während dieser Zeit zusammen +spazieren gehen und miteinander über eine zuvor im gemeinsamen +Gespräch formulierte Frage, „Wenn Manuel öfters die Großmutter diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/025.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/025.md new file mode 100644 index 0000000..176fcf3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/025.md @@ -0,0 +1,34 @@ +besuchen möchte, auf welche Weise kann das geschehen?“, reden. +Die Sozialarbeiterinnen führen eine Hausaufgabe für die Pause ein. +Über das Ergebnis ihres Gesprächs soll dann nach der Pause +gesprochen werden. An dieser Stelle wird die systemische +Doppelperspektive von „Diagnose“ und „Intervention“ genutzt: +Schon während der „diagnostischen“ Hypothesenbildung entsteht +eine Intervention – Pause und Hausaufgabe, die dann wieder +„diagnostisch“ unter der Frage „Welche innerfamiliären Ressourcen +sind auffindbar und ausbaubar?“ genutzt wird. +Es wird ein weiter Hausbesuch verabredet. Vor diesem beraten +sich Sozialarbeiterin und Praktikantin mit einem erfahrenen Kollegen +(Methode der kollegialen Supervision) und bilden Hypothesen für das +nächste Gespräch. Das Fünfphasenmodell des systemischen +Interviews wird an die Realität der Sozialen Arbeit angepasst: Die +erste Phase der gemeinsamen Hypothesenbildung im Team findet +nicht direkt vor dem Familiengespräch statt. +Das nächste Gespräch dient der Informationsgewinnung +bezüglich der Dreiecksbeziehung Vater – Sohn – entfremdete Mutter; +hier kommt das familiendynamische Triangulationsmodell von Bowen +(1972) und Minuchin (1977) ins Spiel. Auch die Schulproblematik +wird nun thematisiert. Erst jetzt, nachdem schon ein Joining +(Minuchin) der Sozialarbeiterinnen stattgefunden hat, wird das +aktuelle Problem genauer besprochen. Denn Manuel hat eine erste +Ahnung davon entwickelt, dass ein Ansprechen der Schulproblematik +– die Inhaltsseite der Kommunikation – durch die Sozialarbeiterin +keine Disqualifikation auf der Beziehungsebene – z. B.: „Was bist du +für ein Schlappschwanz, dass du dich so vor dem rauen Umgangston +in der Schule fürchtest?“ – mit sich bringt. Hier wir die systemische +Doppelperspektive von Inhalts- und Beziehungsaspekt jeder +Kommunikation ernst genommen. +In der auf diese Sitzung folgenden kollegialen Supervision wird +eine zentrale familiendynamische Hypothese gebildet: Vater und +Mutter hatten ihre Beziehung mithilfe eines komplementären +Beziehungsmusters organisiert, innerhalb dessen der Vater in der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/026.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/026.md new file mode 100644 index 0000000..9125656 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/026.md @@ -0,0 +1,49 @@ +(scheinbar) inferioren Position des „placating“ (Satir 1989), die +Mutter in der (scheinbar) dominanten Position des „blaming“ (ebd.) +agierte („scheinbar“ bezieht sich auf die unauftrennbare Dialektik +von +Dominanz +und +Inferiorität +in +komplementären +Beziehungsmustern). +Aus +Enttäuschung +über +ihren +„lebensuntüchtigen“ und jeder Konfrontation aus dem Wege +gehenden „schwachen“ Mann hatte sie sich von ihm getrennt und +das ca. siebenjährige Kind als Ausgleich zurückgelassen. Dank dieser +zusätzlichen Übernahme der Mutterfunktion konnte der Vater die +Trennung einigermaßen überstehen. Der Kontakt zwischen Mutter +und Sohn dünnte aus, weil er immer vom Konflikt Mutter – Vater +überschattet war. Der Vater wiederum interpretiert den nur +sporadischen Kontakt der Mutter zum Sohn als Desinteresse. Der +Sohn kann aus Loyalität zum Vater dem nicht widersprechen und +auch von sich aus keine weit reichenden Kontaktversuche bezüglich +der Mutter starten. Seine Schulverweigerung ergibt Sinn, wenn sie +als Loyalität gegenüber dem Vater verstanden wird. Ginge er in die +Schule, würde der Vater noch weiter vereinsamen (eventuell würden +auch Suizidgedanken entstehen); möglicherweise würde durch die +Leistungen des Sohnes und seine sozialen Kontakte dann auch das +Versagerimage +des +Vaters +verstärkt. +Hier +findet +eine +Hypothesenbildung auf der Grundlage der familiendynamischen +Konzepte „unsichtbaren Bindungen“ (Boszormenyi-Nagy u. Spark +1981) und der „Delegation“ (Stierlin 1982) statt. Als Folge dieser +Hypothese wurden erste Interventionen besprochen. Die Achse Vater +– Sohn sollte erhalten bleiben, dem Sohn sollte über andere +familiäre (Oma, Mutter) und außerfamiliäre Kontakte (einen +Jugendlichen im gleichen Alter, regelmäßige Kontakte mit der +Praktikantin auch außerhalb der Wohnung) „der Schritt ins Leben“ +erleichtert werden. Dem Vater sollte gleichzeitig eine Kompensation +für die bei erhöhter Mobilität des Sohnes zeitweilig geringer +werdende Nähe angeboten werden. Diese sollte durch den Ausbau +seiner ihn interessierenden Übersetzungstätigkeiten angepeilt +werden. Um einen neuen Computer kaufen zu können, sollten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/027.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/027.md new file mode 100644 index 0000000..082551b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/027.md @@ -0,0 +1,39 @@ +innerfamiliäre Ressourcen (z. B. bisher verschmähte finanzielle +Unterstützungsangebote der Oma) und vorhandene Zeitkapazitäten +des Vaters für mehr Übersetzungsarbeit genutzt werden; ein +Teilbetrag +sollte +durch +den +Antrag +bei +einer +Familienförderungsstiftung beigebracht werden. Die Schulfrage sollte +u. a. Teil des jetzt anstehenden ersten Hilfeplangesprächs sein, zu +dem die Rektorin der Schule eingeladen werden sollte. Das +Hilfeplangespräch sollte im Amt stattfinden, damit sein formaler +Charakter hervorgehoben würde. Der Hilfeplan rückt nun ins +Zentrum; in ihm sollen weitere Maßnahmen festgelegt werden. Zum +Beispiel die Erweiterung des Unterstützungssystems durch den +punktuellen Einbezug von Großmutter, Mutter und Rektorin; die +Etablierung eines formalen aus Manuel und Praktikantin gebildeten +Settings – Subsystems des Unterstützungssystems – als Vorform +einer ISE-Maßnahme nach § 35 Kinder- und Jugendhilfegesetz (ISE += intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung); materielle und +kommunikative Unterstützung bei der Beschaffung eines neuen +Computers als dinglicher Metapher für die Hoffnung auf eine +erwünschte und dennoch ängstigende Veränderung; die Einführung +der den Schulbesuch enthaltenden Metapher „Sprung ins Leben“. +Manuel muss nun zum ersten Mal ins Amt, also die schützende +Familienhöhle zusammen mit dem Vater verlassen. +Im Hilfeplangespräch wird mit der Rektorin eine Verlängerung der +bisherigen Schonfrist bis zu den Sommerferien vereinbart. Bis dahin +soll statt des „geraden Weges“ in die Schule der „Umweg“ über die +oben skizzierten sozial aktivierende Maßnahmen versucht werden. In +drei Monaten sollte ein zweites Hilfeplangespräch zur Bilanzierung +des bis dahin begangenen Umweges stattfinden. Der Hilfeplan +wurde dann festgelegt und von allen Beteiligten unterschrieben. Der +Hilfeplan wird stets festgelegt; seine Erstellung mit allen relevanten +Personen und seine Fortschreibung ist eine zentrale Methode der +Jugendhilfe. Eine neue Metapher – „der Umweg“ – wird eingeführt, +um den Veränderungsdruck abzumildern. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/028.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/028.md new file mode 100644 index 0000000..63eb2f5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/028.md @@ -0,0 +1,40 @@ +Im Folgenden fand dann ein Treffen zwischen Manuel und der +Praktikantin statt, bei dem mithilfe des Familienbretts mögliche +Zukünfte +mit +ihren +Konsequenzen +für +die +Gegenwart +vorweggenommen wurden. Das Familienbrett als darstellende +Methode, hypothetische Fragen als verbale Methode und Zeit als +soziales Konstrukt werden eingeführt. +In einem Gespräch mit Großmutter, Vater und Manuel wurde ein +etwas häufigerer Kontakt zwischen allen drei Familienmitgliedern +besprochen – Stichwort „Keller ausmisten“ – und gemeinsam das +Familiengenogramm erstellt. Die Beziehung innerhalb des +Dreigenerationensystems wird durch Hausaufgaben und den +gemeinsamen Blick auf die Familiengeschichte aktiviert. Das +Genogramm ist in diesem Sinne eine Interventionsmethode; es +erbrachte aber zugleich als „diagnostische“ Methode Informationen +über bisher nicht genannte Familienmitglieder. +Zu einem weiteren Gespräch wurde die Mutter eingeladen. Trotz +der verständlichen Widerstände des Vaters und einer offenkundigen +Wut der Mutter auf ihren Ex-Mann konnte die Beziehung Mutter – +Sohn ein wenig von den Beziehungen Vater – Sohn und Mutter – +Vater abgekoppelt werden. Es wurde ein neuer Besuch von Manuel +bei seiner Mutter und ihrer neuen Familie vereinbart. Dieses +Gespräch war durch eine emotionale Intensität gekennzeichnet, die +in manchen „offiziellen“ Therapien kein einziges Mal erreicht wird. +Die Verhakung des Sohnes in der konflikthaften Beziehung von +Vater und Mutter – die so genannte Triangulierung – und seine +Funktionalisierung für den immer noch bestehenden gegenseitigen +Ablösungskampf der Eltern konnte gelockert werden. Die +therapeutische Arbeit richtet sich nicht auf die Verbesserung der +Elternbeziehung oder das persönliche Wachstum der Eltern, sondern +auf die Unterstützung des Sohnes durch seine Mutter – ganz im +Sinne der Förderung des Kindeswohles. +In einem weiteren Hilfeplangespräch wurden zwar erhebliche +Veränderungen festgestellt, aber Manuel war immer noch nicht +bereit, die reguläre Schule zu besuchen. Um den positiven diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/029.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/029.md new file mode 100644 index 0000000..756f207 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/029.md @@ -0,0 +1,22 @@ +Veränderungsprozess nicht zu stoppen, kam man überein, nach einer +anderen Beschulungsform zu suchen, bis Manuel über weitere +Schleifen des Umweges die Schule wird betreten können. +Anmerkungen +1 Der nachfolgend beschriebene Hilfe- bzw. Unterstützungsprozess, +den die Familie Beierle und der Allgemeine Soziale Dienst +gemeinsam gestalteten, ist in einem Lehrvideo dargestellt, das eine +Projektgruppe an der Hochschule für Sozialwesen zusammen mit mir +als Projektdozent erstellt hat. Wir haben für die Darstellung des +Hilfeprozesses das Medium der Rollenspiele genutzt. Das Video kann +zusammen mit einer Broschüre unter folgendem Titel bezogen +werden: Wolf Ritscher (Hrsg.) et al. (2000): Die Beierle-Saga oder: +Der Sprung ins Leben. Ein Lehrvideo zur Praxis der Systemischen +Sozialen Arbeit mit Familien. Erstellt von der Projektgruppe +„Systemische Soziale Arbeit“ an der Hochschule für Sozialwesen +Esslingen. Esslingen (Verlag der Hochschule für Sozialwesen). +Bezugsadresse: Verlag der Hochschule für Sozialwesen Esslingen, z. +Hd. Frau S. Hultenlocher, Flandernstr. 101, 73732 Esslingen (E-Mail: +hulo@vw.hfs-esslingen.de). +2 Die kursiv gedruckten Ausdrücke verweisen auf theoretische und +praktische Konzepte, die im weiteren Verlauf des Buches, vor allem +im zweiten, fünften und sechsten Kapitel, dargestellt werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/030.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/030.md new file mode 100644 index 0000000..45dadd1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/030.md @@ -0,0 +1,2 @@ +2 +Exkurse zur systemischen Metatheorie diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/031.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/031.md new file mode 100644 index 0000000..141493e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/031.md @@ -0,0 +1,63 @@ +2.1 + +Der Systembegriff: Das Muster, das +verbindet, seine Vordenkerinnen und +Vordenker + +Das Ziel meiner Arbeit ist es, die systemische Familientherapie +theoretisch und praktisch in die Soziale Arbeit „einzufädeln“ und +beide unter dem Dach des Systemkonzeptes zu verbinden. Das +System als ein hypothetisches Konstrukt1 und das darauf basierende +Modell sozialer Systeme ist das beide verbindende Muster (siehe +Bateson 1982, S. 15). Es eignet sich hierfür schon deshalb besonders +gut, weil die Systemtheorie sich von Anfang an quer zur klassischen +Einteilung +der +Wissenschaften +in +Natur-, +Geistesund +Sozialwissenschaften entwickelte und statt deren Unterschiedlichkeit +den gemeinsamen erkenntnistheoretischen Rahmen betonte. +Es +waren +Vertreterinnen +aus +allen +drei +klassischen +Wissenschaftsbereichen, die teilweise parallel, teilweise in einem +gemeinsamen Diskurs an diesem die Einzelwissenschaften +übergreifenden Modell gearbeitet haben (vgl. Capra 1996): +Der Biologe Ludwig von Bertalanffy – er schuf das Konzept des +„Fließgleichgewichtes“. +Der Mathematiker Norbert Wiener; er prägte den Begriff +„Kybernetik“, der in den legendären Sitzungen der Macy-Gruppe +zu +einem +hoch +differenzierten +Modell +systemischer +Kommunikation weiterentwickelt wurde. +Gregory Bateson, der als Biologe und Anthropologe zusammen +mit seiner damaligen Frau, der Anthropologin und Psychologin +Margret +Mead, +Feldforschungen +bei +Südseestämmen +durchführte +und +das +Konzept +der +„symmetrischen, +komplementären +und +reziproken +Beziehungsmuster“ +begründete. Als einer der Pioniere der Familientherapie +erarbeitete er maßgeblich das Konzept des „Double-bind“ und +formulierte grundlegende Überlegungen zur Überwindung der +cartesianischen Geist-Körper-Spaltung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/032.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/032.md new file mode 100644 index 0000000..d8c3ecc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/032.md @@ -0,0 +1,40 @@ +Margret Mead, die u. a. durch ihre die Beziehung der +Geschlechter thematisierenden ethnologischen Feldforschungen +im Südseegebiet und ihre sozialpsychologischen Studien +berühmt geworden ist. +Walter Cannon, ein Hirnphysiologe, der den Begriff der +„Homöostase“ +schuf. +Damit +ist +der +Prozess +der +Selbstregulierung gemeint, „der es Organismen erlaubt, einen +Zustand des dynamischen Gleichgewichtes zu erhalten, wobei +ihre Variablen innerhalb gewisser Toleranzgrenzen schwanken“ +(Capra 1996, S. 58). +Ilya Prigogine, ein Chemiker, der mit dem Konzept der +„dissipativen Strukturen“ die Entwicklung von Systemen +beschrieb, die aus stabilen Zuständen heraustreten, in einem +instabilen Zustand ihre bisherige Ordnung auflösen und eine +neue schaffen, durch die sie wieder in einen neuen stabilen +Zustand zurückkehren. Mit diesem Konzept wurde eine neue +Sicht der Beziehung von Ordnung und Chaos möglich. +Die Gestaltpsychologie der Zwanzigerjahre (Max Wertheimer, +Wolfgang Köhler, Kurt Koffka); sie erarbeitete, ausgehend von +dem Satz des Philosophen Christian von Ehrenfels, „Das Ganze +ist mehr als die Summe seiner Teile“, das Konzept einer +ganzheitlichen Wahrnehmung. +Der Neurologe und Psychosomatiker Victor von Weizsäcker +ersetzte die kausale und individuumzentrierte Orientierung der +Medizin durch die „Verklammerung von Organismus und +Umwelt“ (von Weizsäcker 1973, S. 191) und prägte dafür die +Metapher des „Gestaltkreises“. +Die Begründer der atomaren und subatomaren Physik, Max +Planck, Albert Einstein, Nils Bohr, Otto Hahn, Lise Meitner, +Werner Heisenberg u. a., deren Forschungen wir die Grundzüge +eines neuen Bildes der Welt und des Kosmos verdanken. +Diese Vordenkerinnen des Systembegriffs wiesen zugleich große +Affinitäten zur Philosophie auf und knüpften an deren Diskurse an. So +entwickelte sich unter verschiedenen theoretischen Ausgangspunkten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/033.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/033.md new file mode 100644 index 0000000..7e9d078 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/033.md @@ -0,0 +1,36 @@ +und Perspektiven ein Konzept des Systems, das in der +Philosophiegeschichte schon in vielfältiger Weise vorausgedacht +worden war (siehe Duss-von Werdt 1996, S. 6 ff.). Der Systembegriff +findet sich schon bei Platon und Aristoteles. Kant unterscheidet in +seiner Kritik der Urteilskraft das Maschinensystem von einem +lebendigen System. Hegels Impulse für eine systemische und +dialektische Kommunikationstheorie hat Helm Stierlin in einem Buch +aufgearbeitet, dessen Titel eine berühmte Formulierung aus der +Phänomenologie des Geistes wiedergibt: Das Tun des Einen ist das +Tun des Anderen (Stierlin 1972). Buber paraphrasierte in seiner +Dialogphilosophie +die +Essenz +des +jüdisch-christlichen +Schöpfungsmythos (Johannes 1, 1: „Im Anfang war das Wort“) und +formulierte: „Im Anfang ist die Beziehung“ (Buber 1983, S. 25). In +der Beziehung konstituiert sich das „Ich“ zum „Du“ und umgekehrt, +sodass beide erst im „Wir“ zu ihrer eigenen Existenz finden. Der +Bereich, in dem sich das „Wir“ gestaltet, nennt Buber „das Zwischen“ +– und nimmt damit das Konzept der „Organisation von Beziehungen“ +vorweg: „Das Wesentliche … vollzieht sich nicht in dem einem und +dem andern Teilnehmer, noch in einer beide und alle Dinge +umfassenden neutralen Welt, sondern im genauesten Sinne zwischen +beiden, gleichsam in einer nur ihnen beiden zugänglichen Dimension“ +(Buber 1982, S. 166; Hervorh.: W. R.). +Schon diese kurzen Verweise machen deutlich, in welch +komplexen Traditionsprozess wir eingesponnen sind, wenn wir heute +den Begriff des Systems verwenden. +Vielleicht kann uns eine solche Rückbesinnung davor bewahren, +die heute gängigen systemischen Handlungskonzepte als pure +Techniken zu missbrauchen. Ihr Wert für die menschenfreundliche +Entwicklung von sozialen Systemen, die als „problematisch“ +bezeichnet werden, resultiert gerade aus ihrer Einbettung in die +philosophische Frage nach dem Menschen als Teil eines größeren +Ganzen; das ist zugleich die Frage nach dem Sinn seiner Existenz. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/034.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/034.md new file mode 100644 index 0000000..39a7384 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/034.md @@ -0,0 +1,36 @@ +2.2 + +Systemdenken, Ökologie und Sozialarbeit + +Wir gestalten unsere Interaktionen in sozialen Räumen. +Landschaften, der Himmel über und die Erde unter uns, Gebäude, +Straßen und ihre Verknüpfung mit Organisationen bzw. Institutionen +im Gemeinwesen stecken als dreidimensional wahrgenommene +Räume unsere Handlungsfelder ab. Wir gestalten sie und sie +gestalten uns in einem zeitlichen Verlauf, den wir zunächst als die +Linie Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft erleben. Wir lassen +Beziehungsräume entstehen und vergehen, wir entwickeln in ihnen +neue Situationen, durch die sich Vergangenes aufhebt und Zukunft +vorweggenommen wird. Räumliches Sein lebt im zeitlichen Werden; +ohne diese Verknüpfung gäbe es keine lebenden Systeme. +Die Gesamtgesellschaft oder gar die Welt insgesamt ist – wie auch +die Natur und das Universum – Kontext der engeren sozialen Räume. +Diese überschaubaren Räume lassen sich mithilfe des +griechischen Begriffs oikos erschließen. Oikos war der Haushalt als +Wirtschaftseinheit. In ihm verbanden sich die gemeinsam +produzierenden und ihren Lebensunterhalt („Reproduktion“) +sichernden Menschen mit dem bearbeiteten Boden, den Tieren, +Pflanzen, Gebäuden und Werkzeugen. Er gewährleistete auch den +Austausch mit anderen Wirtschaftseinheiten, z. B. durch +Handelsbeziehungen. +Die moderne Ökologie betont unter Bezug auf dieses traditionelle +System vor allem den Gesichtspunkt einer wechselseitigen +Abhängigkeit zwischen der „ersten Natur“ und dem Menschen als +sozialisierter, „zweiter Natur“. Das setzt einen Ausgleich der +Interessen und die Respektierung der Natur als Lebensgrundlage aller +daran Beteiligten voraus. +Wenn wir den Aspekt der Balance zwischen System und Umwelt +im Interesse der Lebensfähigkeit beider zu einer grundlegenden +systemischen Perspektive machen, erweisen sich nicht nur Biotope, +sondern auch Menschen (biopsychosoziale Systeme) und +gesellschaftliche Umwelten als Ökosysteme. In ihnen verbinden sich diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/035.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/035.md new file mode 100644 index 0000000..ac1ec0a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/035.md @@ -0,0 +1,50 @@ +biopsychosoziale, kommunikative und natürliche Systeme in +gegenseitiger Abhängigkeit und sichern dadurch ihr Überleben und +ihre Entwicklung. +Für die soziale Ökologie ist darüber hinaus das Konzept der +„sozialen Netzwerke“ von besonderer Bedeutung. Durch sie sind +Menschen mit Menschen und sozialen Organisationen/Institutionen +wissentlich und unwissentlich, direkt und indirekt verbunden. In den +Netzwerken zirkulieren Informationen, die verbinden und voneinander +abhängig machen. Netzwerke können gegenseitige oder einseitige +Hilfen oder Behinderungen für einen „gelungenen Alltag“ (Thiersch +1992) +etablieren. +Formelle +Netzwerke +sind +offizielle +Organisationen/Institutionen, informelle Netzwerke entstehen durch +private Entscheidungen und sind schneller auflösbar (zum +Netzwerkkonzept siehe Keupp 1988b). +Im Sinne der Ökologie müssen System, Umwelt und die +ausbalancierte +Beziehung +zwischen +beiden +als +eine +zusammengehörende Gestalt betrachtet werden: Ein System existiert +nur mithilfe seiner Umwelt, die es zu erhalten gilt und mit der es sich +zusammen entwickelt. Die Begriffe System und Ökologie können +gleichbedeutend verwendet werden: Ökologisches Denken ist +systemisches Denken.2 +Pure natürliche Ökosysteme (erste Natur) gibt es nicht mehr. Der +Mensch hat die Natur zu seiner Entwicklungsressource gemacht und +sie dabei nachhaltig sozial verändert. Dabei ist die systemische +Balance verloren gegangen, und es ist die Aufgabe der Gegenwart +und Zukunft, sie auf einem neuen Niveau wiederherzustellen. Eine +moderne soziale Ökologie muss darüber hinaus – im Gegensatz zur +antiken +Sklavenhaltungsgesellschaft +– +die +wechselseitige +Anerkennung aller Menschen betonen. Das wird in den Grund- bzw. +Menschenrechten festgeschrieben, welche die Wertebasis aller +westlichen Demokratien bilden. +Neben +den +wechselseitigen +Abhängigkeitsund +Austauschbeziehungen sind es vor allem die Konzepte der Balance diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/036.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/036.md new file mode 100644 index 0000000..efc2868 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/036.md @@ -0,0 +1,49 @@ +und der gemeinsamen Entwicklung, die +systemisches Denken miteinander verbinden. + +ökologisches + +und + +Lebensfähige Systeme benötigen die immer wieder +herzustellende Balance in ihrem Binnenraum sowie zwischen +sich und den Systemen der äußeren Umwelt. Die chronische +Überbetonung eines Elementes, eines Teilsystems oder eines +Systems gegenüber den anderen stellt die Lebensfähigkeit des +Ganzen infrage. Die Umweltbewegung hat seit den +Siebzigerjahren darauf hingewiesen, dass die gegenwärtige +Vorherrschaft der Naturverwertung über die Pflege der +natürlichen Ressourcen alle sozialen Systeme dieser Erde +bedroht. Deren Lebensfähigkeit gründet sich auf der +Verschränkung von Natur und vergesellschaftetem Menschen. +Zeitweilige +Dominanzen, +die +manchmal +auch +entwicklungsfördernd sein können, müssen zugunsten der +Entwicklung anderer Bereiche des Gesamtsystems wieder in +den Hintergrund treten; meistens geschieht das im Kontext von +Krisen. Die im gesellschaftlichen Diskurs der Industrieländer +praktizierte +Vorherrschaft +des +Ausbeutungsparadigmas +gegenüber dem Nachhaltigkeitsparadigma (siehe Kopfmüller et +al. 2001) führt z. B. zur Erwärmung der Erdatmosphäre und in +deren Gefolge zu Stürmen, Überschwemmungen und anderen +vom Menschen gemachten „Naturkatastrophen“3. Diese sind +mit sozialen Krisen verknüpft: Kinder werden zu Waisen, +Familien verlieren Heimat und Wohnung, Eltern ihren +Arbeitsplatz. Ein anderes Beispiel ist die zu einer Krise führende +Unterdrückung einer nationalen Minderheit durch die sich +absolut setzende Mehrheit. Tritt in diesem Fall das +Dominanzparadigma +nicht +zugunsten +des +Kooperationsparadigmas in den Hintergrund, droht eine +Eskalation der Gewalt, die sich dann auch gegen die nationale +Mehrheit der Gesellschaft richtet. Auch die Ausgrenzung +verarmter Minderheiten durch die materiell gesicherte Mehrheit +einer Gesellschaft erweist sich im Sinne der notwendigen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/037.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/037.md new file mode 100644 index 0000000..b2e6451 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/037.md @@ -0,0 +1,34 @@ +ökosystemischen Balance als problematisch. Deren blockierte +Entwicklungsmöglichkeiten finden ihren Ausdruck in steigenden +Kriminalitätsraten, einem sich selbst und andere schädigenden +Drogenkonsum oder innerfamiliären Gewalttätigkeiten. Diese +wirken rekursiv auf die materiell gesicherte Mehrheit zurück, +indem auch diese von Kriminalität, Drogen und einer +allgemeinen Unsicherheit betroffen ist. +In der klassischen Systemtheorie findet sich diese Idee der +immer wieder neu herzustellenden Balance in dem Konstrukt +des „Fließgleichgewichtes“ (von Bertalanffy)4 und der „Ordnung +durch Fluktuation“ (Prigogine)5. +Das Konzept der Koevolution verweist auf das gemeinsame +Wachstum in Systemen. Die Kontextbezogenheit von Systemen +bringt es mit sich, dass Systeme nur in Abhängigkeit von ihren +eigenen inneren und äußeren Umwelten, also in einer +gemeinsamen Entwicklung von System und Umwelten +(„Koevolution“, Willi 1985) überleben können. Blockiert ein +System die Lebensfähigkeit seiner Umweltsysteme, blockiert es +auch seine eigenen Ressourcen und Überlebenschancen. Die +politisch-kulturelle Ökologiebewegung hat darauf mit allem +Nachdruck hingewiesen. Diese wechselseitige existenzielle +Abhängigkeit erfordert auf der Ebene menschlicher sozialer +Systeme eine Ethik der Nachhaltigkeit, Verantwortlichkeit und +Akzeptanz des Eigenwertes aller anderen Menschen und der +Natur. Eine Regierung, die gesellschaftliche Minoritäten +drangsaliert, gräbt sich letztlich selbst ihr Grab, auch wenn das +lange dauern mag; ein Staat, der die Lebensrechte anderer +Völker missachtet, baut seine Existenz auf tönernen Füßen. Ein +Vater, der seine Kinder misshandelt bzw. missbraucht, betreibt +nicht nur „Seelenmord“ (Wirtz 1992) an seinen Kindern, +sondern auch an sich selbst. Er untergräbt nicht nur die +Beziehungsfähigkeit der Kinder, sondern auch seine eigene. +Ökologie betont also die gemeinsame Überlebensfähigkeit +durch die Etablierung einer „positiven Gegenseitigkeit“ (Stierlin diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/038.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/038.md new file mode 100644 index 0000000..69e1d60 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/038.md @@ -0,0 +1,12 @@ +1972), eines gemeinsamen Wachstums +Gerechtigkeit basierenden Austausches. + +und + +eines + +auf + +Ausgleich zwischen unterschiedlichen Teilsystemen und ihre +Koevolution sind also die wesentlichen Merkmale des systemischen +und des ökologischen Paradigmas. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/039.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/039.md new file mode 100644 index 0000000..274860f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/039.md @@ -0,0 +1,46 @@ +2.3 + +Erkenntnistheoretische Voraussetzungen +der Systembeobachtung, -beschreibung +und -erkenntnis + +Systemisches Wahrnehmen, Beobachten, Erkennen, Denken, Fühlen +richtet sich immer auf Kommunikation, d. h. die Verknüpfung von +Menschen, Tieren, Pflanzen, Gedanken, Gefühlen und Dingen durch +bedeutungsvolle Beziehungen und ihre Organisation in einer +Gesamtgestalt, die wir System bzw. Ökosystem nennen. +Entscheidend +für +das +systemische +Denken +ist +der +Paradigmenwechsel von einer objektiven zu einer epistemischen +Wissenschaft: „… zu einem Denksystem, in dem die Epistemologie – +die Art der Fragestellung – ein integraler Bestandteil +wissenschaftlicher Theorien wird“ (Capra 1996, S. 56). Systemisches +Denken, Forschen und Handeln postuliert die Einheit von Denkerin +und Gedachtem, Beobachterin und Beobachtetem, Ego und Alter in +der +Kommunikation. +Alle +umgangssprachlichen +und +wissenschaftlichen Aussagen stehen unter diesem Axiom der Einheit +von Beobachterin und Beobachtetem und der zwischen ihnen +geknüpften Beziehung. Deshalb geben sie kein objektiv gesichertes +Wissen über die Wirklichkeit wieder, sondern Beschreibungen und +Erklärungen der Wirklichkeit im Lichte der von der Beobachterin +verwendeten Theorien sowie der im Beobachtungssystem relevanten +und deshalb von der Beobachterin gewählten Themen (vgl. auch +Heisenberg 1959, S. 40). +Pointiert ausgedrückt: Wenn wir von einem System sprechen, +sprechen wir über ein Modell in unserem Kopfe, mit dessen Hilfe wir +die Wirklichkeit wahrnehmen, beschreiben, erklären, theoretisieren +und handelnd gestalten. Mithilfe des Systemmodells stellen wir +soziale Wirklichkeiten noch einmal her; wir rekonstruieren sie, indem +wir ihnen einen neuen Rahmen und darin bestimmte Bedeutungen +geben. Im Gegensatz zu Erkenntnistheorien, welche das Primat und +die Unabhängigkeit der äußeren Realität betonen, stellt die +„Kybernetik zweiter Ordnung“ („the second cybernetics“, Maruyama diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/040.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/040.md new file mode 100644 index 0000000..ec9b689 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/040.md @@ -0,0 +1,34 @@ +nach Capra 1996, S. 80) die Verbindung, Gleichzeitigkeit und +Gleichwertigkeit von beschreibender Person und beschriebener +Wirklichkeit heraus. Sie betont die „Konstruktion der Wirklichkeit(en)“ +durch die Beobachterin. Da es auch harte, z. B. materielle +Wirklichkeiten und ihre Gesetzmäßigkeiten gibt, die nicht allein durch +Denkprozesse entstanden und aktuell auch nicht in ihrer Existenz, +sondern höchstens in ihrer Bedeutung für die Beobachterinnen +veränderbar sind, schlage ich den Begriff subjektive Rekonstruktion +der Wirklichkeit vor. Dadurch wird das Dilemma vermieden, einerseits +Wirklichkeit als reine Kopfgeburt zu verstehen und andererseits in +einen platten Materialismus zu verfallen, der das menschliche Gehirn +als Container für die gegenstandsgetreuen Abbilder der Umwelt +auffasst. +Die erkenntnistheoretische Konsequenz dieser Hypothese heißt: +Es gibt keine Möglichkeit, Wirklichkeit in einem Eins-zu-eins-Verhältnis +abzubilden bzw. objektiv darzustellen. Es gibt also auch keine absolut +richtigen oder falschen Aussagen, denn solches setzte voraus, was +die zweite Kybernetik bestreitet: eine von der Beobachterin +unabhängig beobachtbare, beschreibbare, analysierbare und nach +objektiven Gesetzen im Experiment reproduzierbare soziale +Wirklichkeit. Maturana spricht in diesem Zusammenhang von +„Objektivität in Klammern“ (zit. nach Hargens 1987). +Im Gegensatz zum „Radikalen Konstruktivismus“, der in der Folge +einer radikalisierten „Kybernetik zweiter Ordnung“ die Welt nur noch +als Erfindung der Beobachterin definiert (siehe von Foerster in +Watzlawick 1990, S. 36), bevorzuge ich den Begriff der +Rekonstruktion der Wirklichkeit durch eine Beobachterin. +Diese Rekonstruktion kann durchaus zu einer neuen, bisher noch +nie da gewesenen Gestalt führen; aber auch sie enthält +Reproduktionen von Umweltkomponenten, die im schöpferischen Akt +zu einer neuen Gestalt verknüpft werden (siehe Ritscher 1998). +Die wissenschaftstheoretische Konsequenz dieser Hypothese +heißt, dass die subjektiven Voraussetzungen für die drei Bereiche der +Rekonstruktion von Wirklichkeit – Beschreibung, Erklärung und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/041.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/041.md new file mode 100644 index 0000000..b077cf8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/041.md @@ -0,0 +1,27 @@ +Bewertung – durch die Beobachterin transparent gemacht werden. +Die Beschreibung der Wirklichkeit sagt mehr über die +Beschreiberinnen und ihre Sichtweisen aus als über die Wirklichkeit +selbst. Deshalb müssen die der Beobachtung vorauslaufenden und +durch sie aktivierten Theorien, Modelle, Begrifflichkeiten der +Beobachterin und ihre Erkenntnisinteressen (Habermas 1973) sowie +der methodisch gesicherte Weg der Erkenntnis benannt werden und +kritisierbar sein. +Für die Soziale Arbeit und Therapie als Handlungswissenschaften +sind darüber hinaus das methodisch gesicherte Handeln, vorab +benennbare Ziele und ihr Vergleich mit den Ergebnissen (Evaluation) +wesentliche Kriterien. +Die ethische Konsequenz dieser Sichtweise fordert eine Akzeptanz +anderer Sichtweisen und die Übernahme von Verantwortung für das +eigene Handeln, seine Voraussetzungen und kommunikativen Folgen. +Die methodische Konsequenz verlangt Interventionen, die auf +Dialog und Kooperation angelegt sind und die Gleichwertigkeit ihrer +Adressatinnen und der intervenierenden Professionellen betonen. +Beispielhaft hierfür ist die Methode des Reflecting Team (vgl. +6.6.3.2). +Die politische Konsequenz heißt: Einerseits müssen wir uns um +eine hohe professionelle Kompetenz bemühen. Wir sind Fachleute für +in der bisherigen Geschichte des Problemsystems noch nicht oder +nicht genügend thematisierte Problemlösungsstrategien. Andererseits +bleiben unsere Auftraggeberinnen die Spezialistinnen für ihren Alltag, +und ich persönlich kenne nur wenige, deren Bemühungen zur +Alltagsbewältigung mir keinen Respekt abverlangt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/042.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/042.md new file mode 100644 index 0000000..5de7b82 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/042.md @@ -0,0 +1,40 @@ +2.3.1 Die Einheit von Beobachterin und Beobachtetem und +ihre Folge für die Soziale Arbeit +„Der entscheidende Zug der Atomphysik ist, daß der menschliche +Beobachter nicht nur für die Beobachtung der Eigenschaften eines +Objekts notwendig ist, sondern sogar, um diese Eigenschaften zu +definieren. In der Atomphysik können wir nicht von den +Eigenschaften eines Objektes als solchem sprechen. Sie sind nur im +Zusammenhang mit der Wechselwirkung des Objektes mit dem +Beobachter von Bedeutung … Der Beobachter entscheidet, wie er die +Messungen aufstellt, und diese Anordnung entscheidet bis zu einem +gewissen Grad die Eigenschaften des beobachteten Objekts. Wird die +Versuchsanordnung verändert, ändern sich die Eigenschaften des +beobachteten Objektes ebenfalls“ Capra 1984, S. 141). +Diese für die mikroskopische Welt getroffene Feststellung +kulminiert in der von Heisenberg formulierten „Unschärferelation“6; +die „zweite Kybernetik“ hat sie für die Sozial- bzw. +Kommunikationswissenschaften und damit für die Größenordnung der +menschlichen Welt erschlossen. Auch für die Wahrnehmung, +Beschreibung, Analyse und Bewertung sozialer Wirklichkeiten hat die +Aussage der Einheit von Beobachterin und beobachteten Systemen +erhebliche theoretische und praktische Konsequenzen. Die Forscherin +steht nicht einer objektiven Wirklichkeit gegenüber, die sie +vermessen, beschreiben und kausal erklären kann. Stattdessen +schließen sich sie und der von ihr festgelegte erforschte Ausschnitt +der Wirklichkeit zu einem Beobachtungssystem zusammen, das den +transparent zu machenden Kontext der wissenschaftlichen Aussagen +darstellt. Diese für die wissenschaftliche Forschungspraxis getroffene +Feststellung gilt entsprechend für die kommunikative Alltagspraxis. In +der „Handlungs- bzw. Aktionsforschung“ (Moser 1975; Zinnecker et +al. 1975) wird diese Sichtweise schon lange vertreten. +Der „zweiten Kybernetik“ folgend, hat die systemische +Familientherapie +immer +schon +betont, +dass +durch +den +Zusammenschluss von zwei eigenständigen Systemen – dem +Therapeutinnen- und dem Klientinnensystem – ein neues, zeitlich diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/043.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/043.md new file mode 100644 index 0000000..076b5c0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/043.md @@ -0,0 +1,48 @@ +begrenztes Unterstützungssystem entsteht. Es folgt seinen eigenen +Gesetzen. Selvini Palazzoli sprach in diesem Zusammenhang vom +übergeordneten „Metasystem“ (Selvini Palazzoli et al. 1989); +Minuchin u. a. beschrieben die Bildung dieses „therapeutischen +Systems“ (Minuchin u. a. 1989), Goolishian und Anderson sprachen +von einem „problemdeterminierten System“: „Es organisiert sich um +das Sprechen über bestimmte Fragen, die das System enthält und +über die bestimmte Personen besorgt oder beunruhigt sind“ +(Goolishian u. Anderson 1988, S. 200). Lösungsorientierte +Therapeuten wie de Shazer u. a richten ihre Interventionen auf das +Problemlösesystem (de Shazer 1989). Dieser Kontext integriert +Therapeutinnen +und +Klientinnen +unter +der +Zielsetzung +„Problemlösung“ für kurze Zeit zu einem System. Für die Praxis +bedeutet dies, dass auch noch so detaillierte Informationen, die über +eine Familie, ihre Lebenswelt und ihren Alltag vorliegen bzw. im +Familieninterview gewonnen werden, kein objektives diagnostisches +Bild dieses Systems erbringen. Sie sind an das von der +Sozialarbeiterin +und +ihren +Auftraggeberinnen +gebildete +Unterstützungssystem gebunden, d. h. an die Beziehung und das +zwischen beiden Seiten entstehende Muster. Von Bedeutung für ihre +Beziehung und die darin entstehenden Informationen sind u.a. die +„Tagesform“ der Beteiligten, der institutionelle Kontext, in dem die +Arbeit +stattfindet, +eventuelle +Teambeziehungen +und +der +„Überweisungskontext“ (siehe 6.2.4). Für die Sozialarbeit, Beratung +und Therapie umfassende systemische Arbeit empfiehlt sich statt der +Verwendung des Begriffs „Therapiesystem“ die Verwendung des +Begriffs „Unterstützungssystem“, statt „Klientin“ „Auftraggeberin“7. +Dadurch werden die klinische Einengung auf Therapie vermieden, +Probleme auch jenseits ihrer Lösung ernst genommen und das durch +die „Hilfe zur Selbsthilfe“ angestrebte „Empowerment“ betont. In der +Folge dieser Überlegungen erhalten auch Diagnosen einen zum +medizinischen Kontext unterschiedlichen Stellenwert. Sie sind keine +objektiven Beschreibungen eines Zustandes, aus denen möglichst +eindeutige lineare Behandlungsmaßnahmen abzuleiten sind. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/044.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/044.md new file mode 100644 index 0000000..71ea39e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/044.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Stattdessen sind sie Momentaufnahmen eines doppelperspektivischen +Beziehungs- und Beschreibungsprozesses. Sie sind abhängig von den +Voraussetzungen der Beobachterinnen – phänomenologisch +gesprochen von deren Standort und Perspektive – sowie dem +aktuellen Kontakt mit dem zu diagnostizierenden System. +Die Beschreibung ist in den Kontext einer Beziehung eingebettet, +in dem sich Auftraggeberinnen und Professionelle wechselseitig +beeinflussen. Elkaim nennt diese wechselseitige Beeinflussung +„Resonanz“ (Elkaim 1992). Er erweitert damit das auf die +intrapsychischen Prozesse von Analytikerin und Analysandin +fokussierende psychoanalytische Konzept der Übertragung – +Gegenübertragung. Das erfordert seitens der Professionellen, ihr +Augenmerk auf eigene beziehungsfördernde Einstellungen und +Verhaltensweisen zu lenken.8 Darüber hinaus entsteht bei der +Beschreibung des Problemsystems und seiner Umweltbeziehungen +durch die Auftraggeberinnen eine eigene Sichtweise der +Sozialarbeiterin bezüglich dieser Beschreibungen; sie schlägt sich in +ihren Hypothesen und Fragen nieder. Wenn also die +Bezirkssozialarbeiterin die Mutter eines in der Schule auffälligen +Kindes zu einem ersten Gespräch in ihr Arbeitszimmer eingeladen +hat, sind die dort zur Sprache kommenden Informationen an das +aktuelle Beziehungssystem gebunden. Wenn sie die Familie zu Hause +aufsuchte, könnte die Mutter im Beisein der anderen +Familienmitglieder ganz anders sprechen, und eine andere +Sozialarbeiterin würde vielleicht nochmals ganz andere Informationen +erhalten. Die Adressatinnen von Therapie und Sozialer Arbeit sagen +also nicht „die Wahrheit“, sondern reduzieren die Komplexität der +Wirklichkeit unter Kriterien wie soziale Erwünschtheit, soziale +Konformität, Sympathie vs. Antipathie, Vertrauen vs. Misstrauen, +Hilfe- vs. Kontrollerwartung. Ihnen bei einer unterschiedlichen +Darstellung +ihrer +Lebenswirklichkeiten +absichtsvolle +Manipulationsversuche („Lügen“) zu unterstellen und eventuell als +Professionelle beleidigt zu sein – „weil man doch nur das Beste will“ – diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/045.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/045.md new file mode 100644 index 0000000..f083254 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/045.md @@ -0,0 +1,37 @@ +missachtet die systemische Einsicht in die Kontextabhängigkeit jeder +Wirklichkeitsbeschreibung. +Dieses Beispiel zeigt: Auch das beobachtete System bzw. der +beobachtete Mensch unterliegt dem Prinzip der Rekonstruktion von +Wirklichkeit. Er nimmt die Beobachterin wahr, schreibt ihren +Handlungen Bedeutungen zu und antwortet darauf, was wiederum zu +einer Antwort der Beobachterin führt. +Durch +dieses +Wechselspiel +entsteht +bedeutungsvolle +Kommunikation, und das dabei sich bildende Beobachtungssystem +zeichnet sich durch folgende Elemente aus: +Rollenverteilungen, z. B. Beobachterin vs. beobachtete Person +bzw. Personen; +Regeln, z. B. unterwerfen sich die beobachteten Personen in +einem klassischempirischen Experiment den von der +Versuchsleiterin festgelegten Regeln; +Statusfestlegungen, z. B. verfügt in diesem Kontext die +Versuchsleiterin über mehr Informationen als die beobachtete +Person; +Beziehungsmuster, z. B. wird in diesem Kontext ein +komplementäres Beziehungsmuster hierarchischer Prägung +etabliert. +Beobachterin (= beobachtendes System) und beobachtete Person +bzw. Personen (= beobachtetes System) unterliegen aufgrund des +Prinzips der Rekonstruktion von Wirklichkeit einer wechselseitigen +Unsicherheit und Undurchschaubarkeit. Denn das Verhalten der +jeweils anderen ist in einem freiheitlichen, d. h. nicht totalitär +organisierten Kontext nicht erzwingbar.9 Auch filigran ausgetüftelte +pädagogische Methoden können das Verhalten der Schülerinnen nicht +eindeutig determinieren, d. h., Lehrerinnen können es zwar vorweg +festlegen, aber ob die Schülerinnen sich danach richten, bleibt +prinzipiell unsicher: Instruktive Interaktion ist nicht möglich. +Dennoch versuchen wir, diese Festlegung der anderen auf das von +uns erwünschte Verhalten zu erreichen, um für uns ein (trügerisches) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/046.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/046.md new file mode 100644 index 0000000..b98f9d1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/046.md @@ -0,0 +1,27 @@ +Gefühl der Sicherheit und Kontinuität herzustellen. Wir etablieren eine +„Als-ob-Kommunikation“ und versuchen in deren Rahmen, das +Verhalten der anderen mental vorwegzunehmen und uns in unserem +Verhalten prophylaktisch darauf einzustellen. Der Begründer des +„Symbolischen Interaktionismus“, George Herbert Mead (1973), hat +diese +Struktur +der +Antizipation +im +Rahmen +seiner +sozialpsychologischen Rollentheorie herausgearbeitet. +Trotz dieser Versuche bleibt unser kommunikatives Handeln +letztlich unbestimmbar, denn wir können nicht in den Köpfen der +anderen lesen. Wir berühren uns mit unseren kommunikativen +Anfragen; ob wir uns treffen und den Wünschen der anderen +entsprechend antworten, bleibt unsicher. Luhmann nennt diesen +Sachverhalt „Kontingenz“10. Diese Unbestimmbarkeit geht von allen +Partnerinnen in der kommunikativen Situation aus und ist daher +wechselseitig. In Luhmann Begrifflichkeit handelt es sich deshalb um +eine „doppelte Kontingenz“ (Luhmann, zit. in Ludewig 1992, S. 97). +Die Sozialarbeiterin kann deshalb nicht davon ausgehen, dass ihre +Auftraggeberin bzw. Adressatin das tut, was sie von ihr erwartet; sie +muss sich immer wieder neu um deren Bereitschaft zur Kooperation +bemühen. Das entspricht der modernen Beschreibung von Sozialer +Arbeit, Beratung und Therapie als einer Dienstleistung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/047.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/047.md new file mode 100644 index 0000000..3aeeec7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/047.md @@ -0,0 +1,11 @@ +2.4 + +Systemische Perspektiven der +Beschreibung sozialer Wirklichkeiten +oder: Das System im Kopf der +Beobachterin + +Für die Integration der folgenden sehr abstrakten Überlegungen in +erfahrungsnahe Bilder schlage ich vor, die Familie immer als Beispiel +mitzudenken. Dieses soziale System kennen wir alle gut – privat und +viele Leserinnen sicher auch professionell. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/048.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/048.md new file mode 100644 index 0000000..54c6fcc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/048.md @@ -0,0 +1,41 @@ +2.4.1 Übergeordnete Definitionen + +Im Folgenden stelle ich ein aus sechs Perspektiven bestehendes +Modell für die Beschreibung und Analyse sozialer Wirklichkeiten vor. +Durch seine Anwendung werden soziale Wirklichkeiten als soziale +Systeme wahrgenommen, beobachtet, beschrieben und analysiert – +also rekonstruiert. Ich entwerfe und formuliere dieses Modell unter +einem sozialwissenschaftlichen Gesichtspunkt. Das heißt, es geht um +ein Modell für soziale Beziehungen, das auf die Gesellschaft als +Ganzes und einzelne soziale Kontexte, wie Familie, Nachbarschaft, +Schule +oder +professionelle +soziale +Unterstützungssysteme, +angewendet werden kann. +Ein System lässt sich erkenntnistheoretisch (epistemologisch), im +Hinblick auf seine Erscheinung (phänomenologisch) und durch die +Bedingungen der Möglichkeit seiner Existenz (transzendental) +definieren. +Erkenntnistheoretisch: Das Modell systemischer Perspektiven +lässt sich als ein ordnender Rahmen verstehen, der von einer +Beobachterin für die Systematisierung ihrer Wahrnehmung, +Beschreibung, Analyse und Rekonstruktion benutzt werden +kann. Mit seiner Hilfe lassen sich soziale Wirklichkeiten als +Beziehungsereignisse bzw. Situationen verstehen. Ihre +Bedeutung, ihr Sinn und ihre Funktion erschließen sich durch +die Bezugnahme auf ihre Kontexte.11 +Beispiel: Die an den Sohn gerichtete Strafpredigt eines Vaters +lässt sich im Rahmen des Konzeptes „die Familie als System“ als +eine familiäre Beziehungssituation deuten, in die alle +Familienmitglieder direkt oder indirekt verwickelt sind. Die +Mutter hat vielleicht den Vater auf die Verfehlung der Kinder +aufmerksam gemacht, die Tochter verdrückt sich, weil sie weiß, +dass sie nach dem Bruder an der Reihe ist, und deshalb +bekommt er es gleich für beide ab. +Phänomenologisch: +Mithilfe +der +erkenntnisleitenden +systemischen Perspektiven verknüpft die Beobachterin die Teile diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/049.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/049.md new file mode 100644 index 0000000..9fadaa8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/049.md @@ -0,0 +1,33 @@ +(Elemente) einer sozialen Situation zu einer in den Vordergrund +der Betrachtung tretenden, vom Hintergrund abgegrenzten +einheitlichen Gestalt. Deren sich selbst organisierende +Strukturen werden durch die Interaktion dieser Teile selbst +geschaffen und erhalten zugleich das Gesamtsystem. +Beispiel: Mutter, Vater, Tochter und Sohn werden als +Elemente des Familiensystems gesehen, deren allseitige +Kommunikation Verhaltensregeln schafft, die das System selbst +erhalten. Regeln wie „Am Samstag beteiligen sich alle +Familienmitglieder am Hausputz“ bringen diese in einer +Beziehungssituation zusammen, in der sie sich als Mitglieder +ihrer und keiner anderen Familie erleben und definieren +können. +Transzendental: Die Interaktionen zwischen den Teilen eines +Systems erschaffen seine Organisation, d. h. das sie +verbindende Muster. Erst durch das Muster entsteht die Gestalt, +durch welche das System in seiner Besonderheit identifizierbar +ist. Das Muster wiederum gibt den Interaktionen ihren Sinn und +macht sie zu für das System bedeutsamen kommunikativen +Handlungen. Sie werden dadurch zum Teil der bewussten und +dargestellten Geschichte des Systems (Tradition) und +ermöglichen dessen Zukunft. Muster und aktuelle Interaktionen +sind also in einer Rückkoppelungsschleife verbunden: Das +Muster entsteht als neue Qualität aus den Interaktionen und +ermöglicht zugleich, dass Interaktionen Sinn ergeben, also zu +Informationen werden. In sozialen Systemen setzt sich das +Muster aus Rollen, Regeln, Statuszuschreibungen und immer +wiederkehrenden Verhaltenssequenzen zusammen. Bateson hat +für die menschliche Kommunikation drei Beziehungsmuster +identifiziert und nannte sie Symmetrie, Komplementarität und +Reziprozität (siehe Ritscher 1998, S. 204 ff.). Darüber hinaus +gibt es Muster der Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit, der +Kontinuität und der Unterbrechung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/050.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/050.md new file mode 100644 index 0000000..c2b3c12 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/050.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Beispiel: Mutter, Vater und Kind essen gemeinsam am Tisch. +Dabei +gelten +bestimmte +Regeln, +die +durch +viele +Essenssituationen gebildet und gefestigt worden sind. Sie +gelten auch für weitere Situationen – in denen es immer die +Möglichkeit ihrer Veränderung gibt. Ohne Regeln, z. B. dass sich +nicht alle gleichzeitig auf den Suppentopf stürzen, dass man +zum Essen der Suppe einen Löffel und keine Gabel benutzt, +dass man den Mund jetzt zum Essen und nicht zum Reden +benutzt, fände die gemeinsame Mahlzeit nicht statt. Dann +entstünde keine Situation, welche die Handlungen der +Familienmitglieder verbindet und damit die Identität ihrer +Familie sichert. Das spezifischer Muster für die Essenssituation +könnte auch in der Dimension „Gleichzeitigkeit – +Ungleichzeitigkeit“ +beschrieben +werden. +Zum +Beispiel +versammeln sich alle Familienmitglieder gleichzeitig am Tisch +und beginnen gleichzeitig zu essen. Oder sie treffen +nacheinander ein und beginnen zu verschiedenen Zeitpunkten +mit ihrer Mahlzeit. Die unterschiedlichen Muster enthalten +unterschiedliche Informationen über die Werte der Familie: In +dem ersten Fall steht die Idee der Familie als eines den +einzelnen Mitgliedern übergeordneten Ganzen im Vordergrund; +im zweiten Fall wird die Individualität der Familienmitglieder +betont. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/051.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/051.md new file mode 100644 index 0000000..d2d968c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/051.md @@ -0,0 +1,20 @@ +2.4.2 Perspektiven für die systemische Beschreibung sozialer +Wirklichkeiten im Überblick +Die vorgeschlagenen Perspektiven für die Beschreibung sozialer +Wirklichkeiten, die dadurch als soziale Systeme dargestellt werden, +sind in Abbildung 2 dargestellt. Der Blick fällt zunächst auf ihre Mitte. +Hier befindet sich eine Illustration der Idee, das System als Gestalt zu +beschreiben. Ich habe dafür die Familie gewählt – Eltern, Kind, das +Fernsehgerät, deren Beziehungen zueinander durch die Pfeillinien +symbolisiert sind. Alle Mitglieder einer Familie sind durch +kommunikative Rückkoppelungsprozesse miteinander verbunden; +auch nichtmenschliche Lebewesen (z. B. Hunde) oder materielle +Objekte (z. B. ein Fernsehgerät) können als bedeutsame +Beziehungspartner verstanden werden. Sie alle bilden das System +Familie, das sich einer Außenbeobachterin u. a. durch seine +wahrnehmbare Grenze und seine Veränderungen als raum-zeitliche +Gestalt präsentiert. Mit dieser zusammen bildet die Familie +entsprechend dem Axiom der Einheit von Beobachterin und +Beobachtetem das Beobachtungssystem. +Um diese Illustration des Systems als Gestalt sind die drei +zentralen Perspektiven angeordnet: Systembeobachtung und erkenntnis, Beziehungen und das System als raum-zeitliche Gestalt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/052.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/052.md new file mode 100644 index 0000000..e69de29 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/053.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/053.md new file mode 100644 index 0000000..e45626b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/053.md @@ -0,0 +1,26 @@ +Abb. 2: Perspektiven für die Beschreibung eines Modells sozialer +Systeme +Die drei Kontextperspektiven bilden den Außenkreis. Sie benennen +kulturell vermittelte Bedingungen der sozialen Existenz des Menschen +und ermöglichen den Beobachterinnen eigene Bewertungen des +Beobachteten. Mit ihrer Benennung möchte ich dem Vorurteil +entgegentreten, dass der systemische Ansatz formal und +mechanistisch sei und sich existenziellen Sinnfragen wie auch einer +kritischen Betrachtung unserer Gesellschaft verschließe (siehe Körner +u. Zygowski 1988)12. Natürlich sind die hier aufgeführten Stichworte +nicht im Bereich systemischer Theoriebildung erfunden worden. Sie +sind aber unter den Stichworten Kontext und Kontextualisierung für +den systemischen Ansatz erschließbar, denn ein differenzierter +Kontextbegriff umfasst äußere soziale und innere psychische wie +auch ideelle Kontexte. Ein handlungsleitendes persönliches +Überzeugungssystem ist ein intrapsychischer geistiger Kontext, der +für das Verhalten nicht weniger bedeutsam ist als die +Austauschbeziehung mit anderen Systemen des sozialen Umfeldes. +Die insgesamt sechs Perspektiven ergeben in ihrer Gesamtheit ein +Modell zur Beobachtung, Beschreibung und Analyse sozialer Systeme +und der Zuordnung der dabei gewonnenen Informationen zu ihnen. +Die entscheidende Frage für die Nützlichkeit dieses Modells ist, ob +eine solche Betrachtungsweise die Handlungsmöglichkeiten der +Beobachterinnen erhöht. Daran erweist sich ihr Wert für eine +Handlungswissenschaft, denn praktische Nützlichkeit scheint mir ein +wichtiges Kriterium für sozialwissenschaftliche Theoriebildung zu sein. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/054.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/054.md new file mode 100644 index 0000000..6b70d89 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/054.md @@ -0,0 +1,6 @@ +2.4.3 Die drei zentralen Perspektiven der +Systembeschreibung und Systemanalyse +2.4.3.1Systembeobachtung und Systemerkenntnis +Diese Perspektive wurde unter 2.3 schon dargestellt, da sie als die +grundlegende Voraussetzung für systemisches Denken und Handeln +gelten kann. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/055.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/055.md new file mode 100644 index 0000000..2deb589 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/055.md @@ -0,0 +1,34 @@ +2.4.3.2Beziehungen +Die systemische Grundannahme bezüglich der Welt lautet: Die Welt +lässt sich als ein Komplex von Beziehungen darstellen, die sich +koevolutiv verzweigen und weiterentwickeln. Es sind nicht die +einzelnen Dinge bzw. Objekte „für sich“, sondern die Beziehungen +zwischen ihnen, die im Zentrum der systemischen Betrachtung +stehen. Beziehungen stellen Verbindungen her, indem sie +Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen verschiedenen Teilen +eines Ganzen markieren: Karl zeigt sich in der Beziehung zu seinem +Bruder Otto weniger aggressiv als dieser, beide verteidigen aber ihren +jüngeren Bruder, wenn dieser von anderen Kindern beschimpft wird. +Im Rahmen von Beziehungen lassen sich auch Verhältnisse +benennen, d. h. Vergleiche zwischen den miteinander verbundenen +Bestandteilen eines Ganzen ziehen: Peter ist im Verhältnis zu seinem +Vater kleiner oder größer, er zeigt sich aggressiver oder freundlicher, +sportlicher oder weniger sportlich als dieser. Bateson betonte den +Unterschied zwischen der Welt des Lebendigen – „creatura“ und der +des Unbelebten – „pleroma“ (Bateson 1982, S. 14). Das Unbelebte +lässt sich im klassisch physikalischen Sinne durch Kräfte und +Wirkungen erklären – eine Billardkugel bewegt sich, weil ihr durch +einen Stoß Energie zugeführt wurde. In der Welt des Lebendigen +können die Begriffe von Energie, Impuls und Bewegung bzw. +Dynamik nur noch als Metaphern dienen. Wir sprechen zwar auch im +Kontext systemischer Betrachtungsweisen von Lebensenergie, +Handlungsimpulsen und der Dynamik von Systemen. Was wir aber +damit zum Ausdruck bringen wollen, sind die Beziehungen, die durch +Handlungen der einzelnen Elemente des Systems entstehen, sie +verbinden und deren Verhalten einen Sinn ergeben. In einer Familie +hat das Verhalten der Kinder nur Sinn, wenn wir es auf die +Interaktion zwischen Eltern und Kindern, der Kinder untereinander +und die sie regulierenden zeitübergreifenden Strukturen beziehen. +Das Weinen des Kindes kann in diesem Sinne als Botschaft an den +gerade anwesenden Elternteil verstanden werden, dass es +Unterstützung, Nähe, Trost sucht; die Antwort der Eltern – streicheln, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/056.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/056.md new file mode 100644 index 0000000..65f25b4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/056.md @@ -0,0 +1,6 @@ +Abweisung, auf den Schoß nehmen – richtet sich nach den Mustern, +die sich in der Beziehungsgeschichte dieser Familie etabliert haben. +Die interpersonellen sozialen Beziehungen lassen sich auf drei – +nur analytisch, nicht in der Beziehungsrealität unterscheidbaren – +Ebenen beschreiben: auf den Ebenen der Interaktion, Kommunikation +und Organisation von Beziehungen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/057.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/057.md new file mode 100644 index 0000000..a3c641e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/057.md @@ -0,0 +1,21 @@ +2.4.3.2.1 Interaktion – Die erste Ebene der Beschreibung von +Beziehungen +Auf der Ebene der Interaktion beschreiben wir die Formen des +Informationsaustausches zwischen Personen. +Aus systemischer Sicht ist die Rückkoppelung (Feedback) die +tragende Struktur der Interaktion. Unter Rückkoppelung wird in der +Kybernetik die zirkuläre Verknüpfung mehrerer Ereignisse verstanden. +„Eine Kausalkette, in der Ereignis a Ereignis b bewirkt, b dann c +verursacht und c andererseits d usw., würde die Eigenschaften eines +deterministischen, linearen Systems haben. Wenn aber a auf a +zurückwirkt, so ist das System zirkulär und funktioniert auf eine völlig +andere Weise“ (Watzlawick et al. 1972, S. 31). Nun sind alle +Ereignisse bzw. Elemente des Gesamtsystems miteinander verbunden +– sie wirken alle aufeinander und sind deshalb alle voneinander +abhängig. So entsteht ein Rückkoppelungskreislauf bzw. Regelkreis. +Sein klassisches Beispiel ist der Thermostat einer Heizung. Andere +Beispiele sind der körperliche Regelkreis Nerven – Muskeln, der +animalische Regelkreis Beutetiere – Raubtiere in der afrikanischen +Savanne, der psychische Regelkreis Angst – Aggression oder der +interaktive Regelkreis depressives Verhalten – aggressives Verhalten +innerhalb einer Paarbeziehung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/058.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/058.md new file mode 100644 index 0000000..50913fb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/058.md @@ -0,0 +1,22 @@ +Abb. 3: Ein Rückkoppelungskreislauf zwischen zwei Personen auf der +interpersonellen und intrapsychischen Ebene +Zur Erläuterung der dritten Abbildung: +Zwischen zwei Menschen findet ein Austausch von Informationen +statt, durch den das Verhalten der Interaktionspartnerinnen +miteinander verknüpft und voneinander abhängig ist. Person A +übermittelt als A1, d. h. nach einer wahrgenommenen +vorauslaufenden Botschaft der Person B eine Botschaft V1, die durch +in dieser Situation aktivierte kognitiv-affektive Schemata K1 +strukturiert ist. B nimmt diese Botschaft auf, die bei ihr +aktivierten/umgestalteten Schemata K1 bringen B in den Zustand B1. +Daraus entsteht eine Botschaft an A, die als V(B) 1 an A übermittelt +wird. Die dadurch bei Person A aktivierten/umgestalteten/erweiterten +kognitiven Schemata K2 bringen diese in den Zustand A2, daraus +entsteht eine erneute Botschaft an Person B in Form von V(A)2. +Person B nimmt sie wahr, es werden die Schemata K2 +aktiviert/umgestaltet/erweitert, welche sie in den Zustand B2 bringen +und eine erneute Rückantwort an A in Form von V(B)2 nach sich +ziehen usw. Es handelt sich hier um ein formales Modell. Anfang und +Endpunkt der Rückkoppelungsschleifen sind willkürlich gesetzt, man +könnte z. B. den Anfang noch weiter zurück, das Ende noch weiter +nach vorn verfolgen. Diese willkürliche Setzung lässt sich als diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/059.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/059.md new file mode 100644 index 0000000..45ed12d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/059.md @@ -0,0 +1,32 @@ +„Interpunktion“ verstehen. Wo die Beschreibung beginnt und an +welchem Punkt sie unterbrochen (interpunktiert) wird, ist von großer +Bedeutung für die Bewertung der Kommunikation durch die an ihr +beteiligten Personen (vgl. Watzlawick et al. 1972, S. 57 ff.). +Es lassen sich „negative“ und „positive Rückkoppelungen“ +unterscheiden.13 „Negative Rückkoppelung“ führt zum Erhalt des +vorgegebenen Gleichgewichtes in einem System, indem Informationsbzw. Verhaltensabweichungen mit dem vorgegebenen Sollwert +verglichen und ihm angepasst werden. Sie bewirkt also die +Homöostase, die mittel- und langfristige Sicherung des gleichen +Systemzustandes. Negative Rückkoppelungen waren die Prozesse, die +im Rahmen der „ersten Kybernetik“ untersucht wurden. Ein +klassisches Beispiel ist der Thermostat einer Heizung, der alle +Prozesse im Hinblick auf das Ziel des immer wiederherzustellenden +Sollzustandes reguliert. Für soziale Systeme hingegen ist auch die +„positive Rückkoppelung“ von Bedeutung. Sie führt langfristig zu +einer Veränderung des Systemzustandes, indem Informations- und +Verhaltensabweichungen so lange verstärkt werden, bis das System +in einen neuen Zustand übergeht. +Funktionsfähige soziale Systeme zeichnen sich durch positive und +negative Rückkoppelungen aus; das garantiert eine Dialektik von +Tradition und Innovation und damit ihren Erhalt. Eine Gesellschaft +kann gravierende Abweichungen von ihren Normen, z. B. die +Aufweichung des staatlichen Gewaltmonopols durch Aktionen der +Lynchjustiz oder von radikalen, ihre Mitmenschen terrorisierenden +Gruppen, nicht dulden. Tut sie es, verliert sie langfristig die Loyalität +der Bürgerinnen und damit die Basis für eine demokratische Kultur. +Andererseits lebt eine Gesellschaft auch von Abweichungen. Die +außerparlamentarische Opposition der Sechziger- und Siebzigerjahre +hat durch viele nichtlegale Handlungen ein neues Bewusstsein für +politische Partizipation und die Einforderung demokratischer +Grundrechte für gesellschaftliche Minderheiten erstritten. Damit hat +sie langfristig Änderungen in unserem Rechtssystem bewirkt, die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/060.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/060.md new file mode 100644 index 0000000..b6bd382 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/060.md @@ -0,0 +1,33 @@ +sowohl den Minderheitsgruppen als auch der Mehrheit zugute +kommen. +Seit den Siebzigerjahren wurde der Begriff der Rückkoppelung in +der systemischen Familientherapie zugunsten des Begriffs der +Zirkularität in den Hintergrund gedrängt. Ausgangspunkt dieser +Entwicklung war der berühmte Aufsatz der Mailänder Gruppe unter +dem Titel Hypothetisieren – Zirkularität – Neutralität: Drei Richtlinien +für den Leiter der Sitzung (Selvini Palazzoli et al. 1981). Meines +Erachtens wird das Konzept des Feedbacks dadurch an einigen +Punkten geschärft und erweitert. +Der Begriff der Zirkularität betont die theoretisch unendliche +Vielzahl möglicher Rückkoppelungsschleifen zwischen allen +Mitgliedern eines Systems. +Des Weiteren beleuchtet er sehr viel schärfer die Verbindung +aller Mitglieder des Systems über direkte und indirekte +Interaktionen. Wenn in einem aus A, B und C gebildeten +System nur A und B in eine direkte Interaktion miteinander +eintreten, werden Informationen über die Interaktionsschleifen +zwischen A und B auch von C empfangen, und zwar über die +Beziehungen A – C und B – C. Die Beziehung zwischen A und B +hat also indirekte Folgen für die Beziehungen zwischen A und C, +B und C und damit auch für C selbst. Wenn in einer aus +pubertierender Tochter, Mutter und Vater bestehenden Familie +der Vater die Mutter attackiert (Beziehung A – B), kann die +Tochter (C) die Angst der Mutter im Kontext ihrer gemeinsamen +Beziehung wahrnehmen und nun ihrerseits den Vater +provozieren, um ihn von der Mutter abzulenken. Sie wählt dazu +vielleicht ein Verhalten, von dem sie aus der Beziehung zu ihm +weiß, dass es einen raschen Aufmerksamkeitswechsel +seinerseits hin zu ihr zur Folge hat. Das könnte z. B. eine leicht +hingeworfene Bemerkung über einen neuen Freund sein, mit +dem sie sich heute Abend treffen wird, obwohl ihr am nächsten +Tag eine schwere Klassenarbeit bevorsteht. Vater und Mutter diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/061.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/061.md new file mode 100644 index 0000000..01e3c12 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/061.md @@ -0,0 +1,11 @@ +sind also über ihre direkte Interaktion auch in eine jeweils +indirekte Interaktion mit ihrer Tochter verwickelt. +Mit dem Verweis auf die Selbstreferenz jeder Interaktion geht das +Konzept der Zirkularität über das des Feedbacks hinaus. Der Begriff +Selbstreferenz drückt aus, dass jedes von mir ausgehende Verhalten +nicht nur direkt, sondern auch indirekt – über Umwege – auf mich +zurückwirkt. Die ethische Folge dieser Struktur besteht in der +Aufforderung, schon aus Eigeninteresse die Verantwortung für mein +Verhalten bzw. die von mir ausgehenden Botschaften zu übernehmen +und ihre Folgen mental vorwegzunehmen, um entscheiden zu +können, ob ich die Folgen tragen kann oder nicht. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/062.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/062.md new file mode 100644 index 0000000..ea5565e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/062.md @@ -0,0 +1,8 @@ +2.4.3.2.2 Kommunikation – Die zweite Ebene der Beschreibung von +Beziehungen +Mit diesem Begriff bezeichnen wir Interaktionen, denen von den +Beteiligten bzw. Beobachterinnen kulturell vermittelte Bedeutungen +und damit ein der öffentlichen Sprache zugänglicher Sinn zugewiesen +wird. Sinnvolle Interaktionen sind die Grundlage sozialer Situationen, +in denen sich die Menschen als soziale Wesen verwirklichen und ihren +Alltag gestalten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/063.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/063.md new file mode 100644 index 0000000..6c79fd0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/063.md @@ -0,0 +1,29 @@ +2.4.3.2.2.1 Die vier Bedeutungsbereiche der Kommunikation +Friedemann Schultz von Thun hat für die zwischenmenschlichen +Botschaften – das Medium der Kommunikation – ein Modell +entwickelt, das vier Bedeutungsbereiche unterscheidet. Sachinhalt, +Appell, Beziehung und Selbstoffenbarung bilden die „vier Seiten einer +Nachricht“, die zwischen den Teilnehmerinnen einer sozialen Situation +zirkuliert (Schultz von Thun 1994, S. 26 ff.; Hervorh.: W. R.). + +Abb. 4: Die vier Seiten (Bedeutungsbereiche) einer Botschaft (nach +Schultz von Thun 1994 S. 30) +„Sachinhalt (oder: Worüber ich informiere)“: Der Inhalt der +Botschaft informiert über ein Ereignis, einen Sachverhalt, eine +Meinung, ein Verhalten, dessen Kontext usw. +„Selbstoffenbarung (oder: Was ich von mir selbst kundgebe)“: +Die Absenderin einer Botschaft sagt in ihr etwas über sich +selbst, +ihre +Vorlieben, +Animositäten, +grundlegenden +Überzeugungen und Interessen aus; das schließt sowohl die +gewollte Selbstdarstellung als auch die unfreiwillige +Selbstenthüllung ein. +„Beziehung (oder: Was ich von dir halte und wie wir zueinander +stehen)“: „Während also die Selbstoffenbarungsseite (vom +Sender aus betrachtet) Ich-Botschaften enthält, enthält die +Beziehungsseite einerseits Du-Botschaften und andererseits +Wir-Botschaften“ (ebd., S. 28). In dieser Dimension der +Nachricht übermitteln wir den sozialen anderen unsere Sicht auf diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/064.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/064.md new file mode 100644 index 0000000..d9ff95e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/064.md @@ -0,0 +1,43 @@ +sie und unsere gemeinsame Beziehung. Letztlich geht es dabei +immer um eine Positionsbestimmung im Spektrum zwischen +Sympathie und Antipathie, Nähe und Distanz. In dyadischen +Situationen springt der Beziehungsaspekt einer Botschaft +geradezu ins Auge. In Gruppensituationen sind die durch +Botschaften +ausgehandelten, +festgelegten +und +im +Kommunikationsprozess veränderbaren Beziehungsdefinitionen +für +die +einzelnen +Gruppenmitglieder +oft +schwerer +durchschaubar. Moreno hat deshalb für deren systematische +Beschreibung die Methode des Soziogramms entwickelt. Es +ermöglicht die Zuordnung von Sachinformationen zu zwei +Kategorien der Beziehungsdefinition, die er als Anziehung +(„Sympathie“) und Abstoßung („Antipathie“) bezeichnete +(Moreno 1974). +„Appell (oder: Wozu ich dich veranlassen möchte)“: Jede +Botschaft enthält auch eine Handlungsaufforderung, über +welche die Absenderin das Verhalten der sozialen anderen und +damit die soziale Situation zu ihren Gunsten kontrollieren +möchte. „Die Nachricht dient also auch dazu, den Empfänger zu +veranlassen, bestimmte Dinge zu tun oder zu unterlassen, zu +denken oder zu fühlen“ (ebd., S. 29). +Ein Beispiel (ebd., S. 48): +Wenn die Mutter zu ihrer Tochter sagt: „Zieh dir eine Jacke über, +es ist kalt draußen“, hören wir zunächst den Sachinhalt; die Tochter +wird von der Mutter über einen Sachverhalt und die zugehörige +Bewältigungsmöglichkeit informiert. Die Tochter hört aber auch die +anderen Seiten der Botschaft. Da ist zum einen der Appell – „Tu, was +ich möchte“; dann der Beziehungsaspekt – „Ich bin für dich +verantwortlich“; und drittens die Seite der Selbstoffenbarung – „Ich +sorge mich um deine Gesundheit.“ Im Kontext der Beziehung +zwischen einer Mutter und ihrer um Selbstständigkeit kämpfenden +14-jährigen Tochter ist zu erwarten, dass diese zwar auf der +Sachebene antwortet: „So kalt ist es doch gar nicht“, aber damit die +drei anderen Seiten der Botschaft unter der generellen Leitlinie „Ich diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/065.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/065.md new file mode 100644 index 0000000..5a594ba --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/065.md @@ -0,0 +1,44 @@ +bin schon selber groß genug“ zurückweist. Appell: „Kümmere dich +doch um deine und nicht um meine Angelegenheiten“; Beziehung: +„Ich lasse mich von dir nicht mehr bevormunden“; Selbstoffenbarung: +„Ich weiß selber, was ich will.“ Wenn die Mutter darauf symmetrisch +reagiert, ist der Beziehungskrach unvermeidlich. +Aus der Vieldeutigkeit der übermittelten Botschaften ergibt sich +eine +Vielzahl +kommunikativer +Missverständnisse, +die +zu +kommunikativen Problemen und chronifizierten Konflikten führen +können (ebd., S. 97). Dann „redet man aneinander vorbei“, indem die +Bedeutungen (Seiten) der eigenen Botschaft nicht klar benannt und +die der anderen ignoriert werden. Oder es entsteht ein Kampf um die +Anerkennung der eigenen Bedeutungen. +Die Seite des Sachinhaltes einer Nachricht kann „Probleme der +Sachlichkeit und Verständlichkeit“ nach sich ziehen. Diese kennt jede +Lehrerin, die sich darum bemüht, die Kinder für den Unterrichtsstoff +zu interessieren, und deshalb nach anregenden und Verständlichkeit +ermöglichenden Methoden sucht. Die Seite des Appells bringt +eventuell „Probleme der Beeinflussung, Manipulation und des +Ausdrückens von Wünschen“ mit sich, wenn sich die Empfängerin der +Botschaft gegen die im Appell enthaltenen Kontrollversuche wehrt. +Auf der Beziehungsseite einer Nachricht wird direkt oder indirekt das +grundlegende Bedürfnis jedes Menschen nach Liebe, Achtung und +Wertschätzung zum Thema. Wir alle haben aber unsere ganz eigene +Vorstellung darüber, wie Botschaften beschaffen sein müssen, die wir +als liebvoll und wertschätzend identifizieren. Je nach eigener – +biografisch verstehbarer – Sensibilität für dieses Thema und eigenen +Vorstellungen +von +den +angemessenen +verbalen +oder +körpersprachlichen Ausdrucksmitteln können hier schon kleine +Irritationen, Missverständnisse oder situative Zurückweisungen eine +weit reichende Eskalationsdynamik in der Beziehung in Gang setzen +(vgl. Tannen 1991). Die Seite der Selbstoffenbarung verweist auf die +Notwendigkeit von Grenzen zwischen uns und den sozialen anderen. +Wenn wir die Kontrolle darüber verlieren, was diese von uns wissen +dürfen, wächst das Risiko der psychischen Verletzung bzw. Kränkung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/066.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/066.md new file mode 100644 index 0000000..8c95791 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/066.md @@ -0,0 +1,11 @@ +Hier geht es u. a. um das Thema der Scham: Wir fühlen uns +beschämt, wenn andere etwas bei uns entdecken, das wir verbergen +möchten, da es kulturellen Normen und Werten zuwiderläuft. Ein +psychiatrisch als krank definierter junger Mann z. B. traute sich nach +der Entlassung aus der Klinik kaum noch, in seinem Heimatdorf aus +dem Haus zu gehen, weil die Nachbarinnen ihn über den Grund +seiner mehrwöchigen Abwesenheit hätten befragen können. Und +über den wollte er Stillschweigen bewahren. Hier sollte die Seite der +Selbstoffenbarung nicht Teil der Kommunikation sein. Die Folge +allerdings war eine neue Botschaft der anderen an ihn: „Du bist +krank, denn nur das erklärt, warum du dich so isolierst.“ diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/067.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/067.md new file mode 100644 index 0000000..2051f1c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/067.md @@ -0,0 +1,15 @@ +2.4.3.2.2.2 Symbole – Die Medien der Kommunikation +Zirkuläre Kommunikation vollzieht sich im Medium von verbalen, +bildhaften und körpersprachlichen Symbolen, die wir als Botschaft +empfangen und aussenden. +Symbole sind Träger mehrfacher Bedeutungen.14 Auf ihrer +Bedeutungsvielfalt +beruht +die +Pluralität +kultureller +Ausdrucksmöglichkeiten und damit Kreativität. Mit ihr ist aber auch +das Risiko kommunikativer Verwirrungen und Missverständnisse +gegeben: Die wahrgenommenen Symbole werden möglicherweise +von der Empfängerin ganz anders interpretiert, als es die Absenderin +beabsichtigte. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/068.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/068.md new file mode 100644 index 0000000..d0701d3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/068.md @@ -0,0 +1,38 @@ +2.4.3.2.2.2.1 Wörter +Die Worte bzw. Symbole der verbalen Sprache werden in unserem +Kulturkreis vornehmlich unter dem Anspruch der Eindeutigkeit +benutzt. Die linguistische Unterscheidung zwischen Signifikant – das +Bezeichnende – und Signifikat – das Bezeichnete –15 verweist aber +darauf, dass durch diese Differenz Mehrdeutigkeiten entstehen +können, denn sowohl Absenderin als auch Empfängerin einer +Nachricht weisen den Worten als Signifikanten ihre jeweils eigenen, +biografisch nachvollziehbaren Bedeutungen (Konnotationen) zu. +Umgangssprachlich kann das mathematische Zeichen „Null“ zu +einer Metapher, d. h. einem Sprachbild werden. Der im Streit +entstehende Ausspruch „Du bist doch ’ne Null“ kann bei der +Empfängerin eine Vielzahl von Bedeutungszuweisungen hervorrufen, +die denen der Absenderin entsprechen oder auch nicht. Die Wörter +als Signifikanten sind in einen Bedeutungskontext eingebettet, der sie +je +nach +Bedeutungszuweisung +kommentiert +und +damit +bedeutungsspezifische Antworten initiiert. „Die Wörter haben einen +Hof. Beatriz Garza vergleicht in ihrer Arbeit über die Denotation, also +die Bezeichnung einer Sache (in meinem Text „Signifikant“ genannt; +W. R.), mit einer ersten Welle, die sich bildet, wenn ein Stein ins +Wasser fällt; und die Konnotation, die Mitbezeichnung dessen, was an +Gefühlen, Wertungen, Assoziationen um die Sache herum ist, mit +weiteren Wellen. Unsere Wörter scheinen nur aus den ringartig, +wellenartig sich ausbreitenden Konnotationen zu bestehen, von Welle +2 bis unendlich, während der Stein und die erste Welle verschwunden +sind“ (Pörksen 1989, S. 22). +Die linguistische Struktur der Konnotation hat mehrere +Konsequenzen: +Durch sie kommentieren Absenderin und Empfängerin einer +Botschaft ihre Beziehung; die metakommunikative Aussage „So +sehe ich unsere Beziehung“ wird aber oft durch die Fixierung +auf den im Wort bezeichneten Sachverhalt missachtet. Das +führt dann zu den aus der Beziehungsseite einer Nachricht diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/069.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/069.md new file mode 100644 index 0000000..d1d41dd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/069.md @@ -0,0 +1,24 @@ +resultierenden Konflikten, auf die Schultz von Thun hingewiesen +hat. +Durch die Konnotation entsteht Sinn. Sinn, Sinnbestimmung +und Sinnfindung ist eine existenzielle Kategorie des Menschen +(Gadamer 1990; Frankl 1975), die im Rahmen eines Dialoges +(Buber 1983; Stierlin 1982) verstehbar wird. Verstehen ist im +Feld der menschlichen Kommunikation eine wichtige Strategie, +um Missverständnisse aus dem Feld zu räumen, und damit +Garant eines „gelungenen Dialoges“ (Stierlin 1982). +Bedeutungszuweisungen geschehen in der interpersonalen +Kommunikation zwar subjektiv, vollziehen sich aber im +kulturellen Kontext. Als in diesem Kontext sozialisierte Subjekte +beziehen wir uns bei unseren Bedeutungsgebungen mehr oder +weniger kreativ auf kulturell gebildete und institutionalisierte +Bedeutungen. Dadurch integrieren wir uns in das +übergeordnete System der Kultur und Gesellschaft. Mehr oder +weniger kreativ heißt, dass wir in der individualisierenden +postmodernen Kultur einen Freiheitsspielraum haben, kulturelle +Konnotationen „eigensinnig“ zu verändern. Man bedenke nur, +wie unterschiedlich heutzutage die Bedeutungen des Wortes +Familie sind. Für die einen ist sie die mit allen Mitteln zu +stützende „Keimzelle der Gesellschaft“, für andere ein „goldener +Käfig“, ein Auslaufmodell der privaten Lebensformen oder eine +Brutstätte psychischer und körperlicher Gewalt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/070.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/070.md new file mode 100644 index 0000000..51c0a45 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/070.md @@ -0,0 +1,34 @@ +2.4.3.2.2.2.2 Ikonische und metaphorische Symbole +Das ikonische Symbol ist an ein Bild (griech. eikon) gebunden. Ein in +unserer Kultur immer noch mächtiges ikonisches Symbol ist das +Kreuz. Es ist zunächst der Ausdruck des Opfertodes Christi. Diese +Bedeutung ist aber – um in Beatriz Garzas Metapher zu bleiben – in +weitere konzentrische Wellenkreise eingebettet, die über die +christliche Ideenwelt hinausreichen. Folgen wir C. G. Jung, ist das +Kreuz ein Symbol des kollektiven Unbewussten. Es repräsentiert die +Transzendenz, die vier Himmelsrichtungen und damit die Welt, die +Verbindung von Materie und Geist, Vergangenheit, Gegenwart und +Zukunft, Tod und Auferstehung bzw. Wiedergeburt, das Werden und +Vergehen bzw. die Zyklen der Fruchtbarkeit (Jung et al. 1979). Als +Symbol des individuellen Unbewussten nimmt es diese Bedeutungen +auf und verbindet sie mit einer persönlichen Konnotation, z. B. „Auch +ich leide unsäglich“, „Mein Selbst stirbt, aber es wird auch +wiedergeboren“, „Am Ende des Leidensweges bin ich eine andere“ +(siehe Jacobi 1977). Das differenzierteste kulturelle und +psychosoziale Verständnis für die symbolische Welt der Bilder findet +sich im Werk C. G. Jungs und seiner Schule, der „analytischen +Psychologie“ (Jung et al. 1979). +Die Metapher (griech. metapherein – „etwas auf etwas anderes +übertragen“) lässt sich als das in ein Wort verwandelte Bild von dem +zunächst in seiner visuellen Gestalt wahrgenommenen ikonischen +Symbol unterscheiden. Es geht von solchen Bildern aus und +transformiert sie in Worte. Dadurch entstehen Sprachbilder. Wir alle +wissen, dass solche Sprachbilder oder Metaphern uns oft mehr sagen +als viele Worte, z. B. „Ich muss mein Kreuz tragen“, „Ich bin im Hafen +der Ehe angelangt“, „Der kleine Bruder durchlebt die familiären +Kämpfe im Windschatten des großen“, „Schuster, bleib bei deinem +Leisten“. +Ikonische und metaphorische Symbole wirken durch die Kraft des +Analogen:16 Viele Bedeutungen verdichten sich in einem durch seine +visuelle Gestalt unmittelbar eindrücklichen und aussagekräftigen Bild. +Das erspart uns eine Vielzahl von aneinander gereihten Wörtern und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/071.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/071.md new file mode 100644 index 0000000..ae397d3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/071.md @@ -0,0 +1,5 @@ +erhält den Bezug zur Welt der Gefühle. Denn viele Wörter +(Signifikanten) zum gleichen Sachverhalt (Signifikat) stellen diesen +zwar differenziert heraus. Mit jedem zusätzlichen Wort nimmt aber +meistens das Bemühen um die eindeutige Benennung der Sache zu +und die Aufmerksamkeit für die eigenen Gefühle ab. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/072.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/072.md new file mode 100644 index 0000000..9509d0f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/072.md @@ -0,0 +1,37 @@ +2.4.3.2.2.2.3 Die Symbole der Körpersprache +Mit der Körpersprache kommentieren wir unsere Worte, Symbole und +Metaphern für die Kommunikationspartnerinnen und uns selbst. Wir +wollen z. B. mit starrem Blick, zupackender Geste, vorgebeugtem +Oberkörper und lauter Stimme unserer Partnerin „etwas besonders +Wichtiges“ sagen, aber die körpersprachliche Konnotation sagt ihr: +„Ich habe Recht, ich bin hier der Boss“ (Molcho 1983). Im Kontext +eines symmetrischen Beziehungsmusters („Gleiches wird mit +Gleichem beantwortet“) kann die Partnerin ebenfalls die Stimme +erheben, womit sie ihre Worte mit der körpersprachlichen Botschaft +„Falsch, ich bin hier die Chefin“ kommentiert. Im Kontext eines +komplementären Beziehungsmusters (eine Botschaft wird durch das +Gegenteil beantwortet) wird sie sich vielleicht mit weinerlicher +Stimme entschuldigen und damit körpersprachlich die Bedeutung +übermitteln: „Du hast Recht, ich unterwerfe mich.“ Möglich wäre +auch das Muster der Metakommunikation. Dann kommt die verbale +Sprache zu ihrem Recht, z. B. mit der Antwort: „Warum muss es +immer Gewinner und Verlierer geben, lass uns doch gleichberechtigt +sein.“ Mimik, Gestik, Körperhaltung, Stimmklang, Lautstärke und +Betonungen geben der Körpersprache ihre symbolische Form. +Virginia Satir hat fünf Formen der körpersprachlichen +Kommunikation herausgearbeitet und bildlich dargestellt.17 Sie +können von der Partnerin symmetrisch oder komplementär +beantwortet werden. Vier von ihnen produzieren notwendigerweise +Probleme, weil sie eine einseitige Kontrolle der Situation +gewährleisten sollen und damit in der Struktur von Dominanz vs. +Unterwerfung verortet sind: „anklagen“ (blaming), „beschwichtigen“ +(placating) +„rationalisieren“ +(computering) +und +die +Ablenkungsmanöver durch eine extreme Uneindeutigkeit der eigenen +Botschaften (distracting). Die fünfte ist jenseits des Sieger-BesiegtenSpiels angesiedelt. Satir nennt sie „Kongruenz“ und meint damit die +wechselseitige Akzeptanz der Beziehungspartnerinnen bei durchaus +unterschiedlichen Erwartungen, Meinungen und Wünschen (siehe +Satir 1989, S. 87 ff.). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/073.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/073.md new file mode 100644 index 0000000..56e5878 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/073.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Abb. 5: Anklagen (nach Satir 1989, S. 89) +„Anklagen“ (ebd., S. 89): Körperhaltung, Tonlage, Mimik und +Gestik weisen nur auf den bzw. die anderen, Selbstreflexion +wird nicht zugelassen. Die Beziehungsbotschaft heißt: „Ich bin +hier die Herrin im Hause.“ Die verwendeten Worte beinhalten +Anklagen, der Körper ist aggressiv gespannt, die Botschaft im +Bereich der Selbstoffenbarung heißt: „Ich fühle mich einsam +und ungeliebt, nur als Boss bekomme ich, was ich brauche.“ +Die Anklagende appelliert an die Bereitschaft der anderen, sich +zu unterwerfen. Als Beziehungsstrategie ist das Anklagen ein +mehr oder weniger erfolgreicher Versuch, die eigene psychische +Schwäche in Stärke zu verwandeln. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/074.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/074.md new file mode 100644 index 0000000..d3fdefa --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/074.md @@ -0,0 +1,15 @@ +Abb. 6: Beschwichtigen (nach Satir 1989, S. 87) +Beschwichtigen (ebd., S. 87): Alle Codes der Körpersprache +weisen auf die Botschaft der Unterlegenheit hin. Der Körper +verliert seine vitale Spannkraft, die Stimme wird leise, die Mimik +zeigt Gefühle der Resignation und Traurigkeit. Der Inhalt der +Worte kommuniziert Zustimmung, die Gedanken/Gefühle +kreisen um das Thema „Ich bin nichts wert, ich werde nicht +geliebt, nicht akzeptiert und kann nichts bewirken“ (Seite der +„Selbstoffenbarung“). Als Beziehungsstrategie führt die +Beschwichtigung paradoxerweise zu einer höchst effektiven +Kontrolle über die Situation. Die anderen werden im Kontext +des subjektiven Erlebens der eigenen Schwäche zum Helfen +aufgefordert (Seite des „Appells“), erleben sich aber als „hilflose +Helfer“. Schwäche wird also im kommunikativen Prozess zur +Stärke. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/075.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/075.md new file mode 100644 index 0000000..85fb4fe --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/075.md @@ -0,0 +1,16 @@ +Abb. 7: Rationalisieren (nach Satir 1989, S. 91) +Rationalisieren (ebd., S. 91): Die Körpersprache vermittelt in +Mimik, Gestik und Körperhaltung Nüchternheit, Kühle, Distanz +und die rationale Abwägung aller Eventualitäten. Die Stimme +unterstützt dies durch eine gleich bleibende und ausdrucksarme +Modulation. Der Inhalt der Nachricht bezieht sich auf sachliche +Notwendigkeiten, die – so der Appell – jeder einsehen muss. +Die Beziehungsbotschaft heißt: „Folge mir, ich habe den +Überblick.“ Als Beziehungsstrategie verhindert sie Intuition, +Spontaneität, Nähe und ermöglicht eine effektive Kontrolle +gegen +alle +unvorhersehbaren +Möglichkeiten +des +Beziehungslebens. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/076.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/076.md new file mode 100644 index 0000000..e8912fd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/076.md @@ -0,0 +1,31 @@ +Abb. 8: Ablenken (nach Satir 1989, S. 93) +Ablenken (ebd., S. 93): Die Körpersprache als kommentierender +Kontext der verbalen Botschaft vermittelt die Schwierigkeit, in +der aktuellen Situation psychisch präsent zu sein und sich ihren +Erfordernissen auszusetzen. Der Körper zeigt sich unruhig und +mit +ständigen +Richtungswechseln. +Die +Inhalte +des +Gesprochenen wechseln schnell und unvermittelt entlang einer +für die anderen unverständlichen inneren Assoziationskette. Es +entstehen thematische Brüche und Verschiebungen (vgl. Wynne +u. Singer 1965). Unter dem Selbstoffenbarungsaspekt heißt die +Botschaft: „Ich habe keinen sicheren Platz im Leben, mein Tun +ist für die anderen bedeutungslos.“ Als Appell vermittelt sie die +Aufforderung, +keine +Festlegung +zu +fordern. +Als +Beziehungsstrategie +verhindert +sie +Kontinuität +und +Beziehungsdefinitionen. +Anklagen, Beschwichtigen, Rationalisieren und Ablenken werden +interpersonell zu Beziehungsmustern verknüpft. Diese können diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/077.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/077.md new file mode 100644 index 0000000..8de556b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/077.md @@ -0,0 +1,11 @@ +symmetrisch, komplementär oder reziprok sein (siehe Ritscher 1998, +S. 204 ff.). + +Abb. 9: Die Verbindung von zwei Anklagehaltungen zu einem +Beziehungsmuster +In der Verbindung von zwei Anklagehaltungen entsteht ein +symmetrisches Beziehungsmuster des Konfliktes, der schnell eskaliert +und unkontrollierbar zu werden droht. Denn beide Beteiligten +attackieren den jeweils anderen als Schuldigen ohne die Bereitschaft, +sich selbst als verantwortlichen Teil des Konfliktszenarios zu +definieren. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/078.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/078.md new file mode 100644 index 0000000..e12290e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/078.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Abb. 10: Die Verbindung von Anklagen und Beschwichtigung zu +einem Beziehungsmuster +In der Verbindung von Anklage und Beschwichtigung entsteht ein +komplementäres Muster der Konfliktkontrolle, das allerdings wenig +Perspektiven für eine Konfliktlösung enthält. Denn auch hier +verbleiben beide in ihrer Position und fixieren damit den jeweils +anderen in seiner Position. + +Abb. 11: Die Verbindung von Anklagen und Rationalisieren zu einem +Beziehungsmuster diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/079.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/079.md new file mode 100644 index 0000000..84a9fdd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/079.md @@ -0,0 +1,18 @@ +Abb. 12: Die Verbindung von Anklagen und Ablenken zu einem +Beziehungsmuster +In den Mustern „Anklage/Rationalisieren“ und „Anklage/Ablenkung“ +stecken einige Möglichkeiten, die Anklägerin relativ schnell +auszuhebeln. In beiden Fällen erreichen ihre Attacken ihr Ziel nicht, +weil die Kontrahentinnen auf einer je anderen „Welle“ +kommunizieren. Im ersten Fall wird für die Inhalte der Anklagen eine +rationale Begründung eingefordert, die die Anklägerin gar nicht +geben kann, denn sie verhält sich nicht im Kontext der Ratio, sondern +der überbordenden Gefühle. Im zweiten Fall kämpft die Anklägerin +gegen eine Gummiwand. Jede anklagende Benennung wird sofort mit +einem Wort assoziiert, das mit dem Sachverhalt der Anklagen nichts +zu tun hat. Wirft ein Ankläger seiner Frau vor, dass das Essen +versalzen ist, kann sie zurückfragen, warum er gestern Abend nicht +pünktlich zum Essen nach Hause gekommen ist. Geht er darauf ein, +gerät er in die Rolle des Schuldigen, geht er nicht darauf ein, kann sie +ihm viele Motive für seine Unpünktlichkeit unterstellen; so sitzt er in +der Rechtfertigungsfalle. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/080.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/080.md new file mode 100644 index 0000000..758395d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/080.md @@ -0,0 +1,18 @@ +Abb. 13: Das Beziehungsmuster der Kongruenz (nach Satir 1989, S. +68) +Das kongruente körpersprachliche Beziehungsmuster (Satir 1989, S. +68) stellt zugleich eine Kongruenz zwischen gesprochenem Wort und +körpersprachlichem Ausdruck her. Beide Seiten passen zusammen +und ergeben eine einheitliche Beziehungsbotschaft. Mehrdeutigkeiten +können metakommunikativ geklärt werden. Nichtübereinstimmung in +den Inhalten und der Selbstoffenbarung ist möglich, weil die +Beziehungsbotschaft „persönliche Akzeptanz und Kooperation“ heißt. +Appelle sind transparent. Allen Teilnehmerinnen an der sozialen +Situation wird Einfluss und damit demokratische Partizipation +zugestanden. Als Beispiel für dieses Beziehungsmuster wählte Satir +die Erwachsenen-Kind-Situation. Hier werden die allein schon durch +die Größenunterschiede nahe gelegten hierarchischen Unterschiede +durch Mimik, Gestik, Körperhaltung und Sprache vermieden. Die +Körperhaltung richtet sich auf die Kommunikationspartnerin und +drückt das Interesse an einer „positiven Gegenseitigkeit“ (Stierlin +1972) aus. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/081.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/081.md new file mode 100644 index 0000000..091b9c4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/081.md @@ -0,0 +1,42 @@ +2.4.3.2.2.2.4 Repräsentationssysteme und Kommunikationswege Die +in Zeichen sowie verbalsprachlichen, ikonischen, metaphorischen und +körpersprachlichen Symbolen codierten Botschaften werden auf +unterschiedlichen Wegen kommuniziert. +Grinder und Bandler haben im Rahmen ihres Konzeptes, des +„Neurolinguistischen Programmierens“ (NLP), drei wesentliche +Austauschwege +und +die +dazugehörigen +subjektiven +„Repräsentationssysteme“ der empfangenen bzw. ausgesendeten +Botschaften herausgearbeitet (Grinder u. Bandler 1982): +Im visuellen Repräsentationssystem und Kommunikationskanal +und dem dazugehörigen Kommunikationsweg sind die +sichtbaren Symbole und Zeichen verortet. Es geht um die als +visuelle Gestalt wahrnehmbaren und vorstellbaren Bilder, +Metaphern und Ausdrucksformen des Körpers. Sie können +erinnert („visuell-erinnernd“) oder neu hergestellt („visuellkonstruktiv“) +und +über +visualisierende +Symbolformen +kommuniziert werden. +Im auditiven Repräsentationssystem und Kommunikationskanal +werden Geräusche, Laute, Töne, Wörter erinnert („auditiverinnernd“) oder in der aktuellen Situation neu hergestellt +(„auditiv-konstruktiv“). Die innere Sprache, d. h., die Wörter +und Sätze, die ich in mir selbst bilde und höre, wird wegen ihrer +Bedeutung für die Kommunikation nochmals als ein eigenes +Teilsystem innerhalb des auditiven Repräsentationssystems +definiert („auditiv-digital“). +Im +kinästhetischen +Repräsentationssystem +und +Kommunikationskanal werden Körperempfindungen und die mit +ihnen verknüpften Gefühle in den Bereich der Wahrnehmung +gebracht. Das Gefühl der Freude wird vielleicht mit einer +„Leichtigkeit des Körpers“ assoziiert, Angst mit einem „leeren +Kopf“, Zufriedenheit mit körperlicher Entspannung. +Systemisch-zirkuläres Denken betont die Interaktion zwischen der +Aktivierung des einen Bereiches und dem der anderen. Insofern ist z. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/082.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/082.md new file mode 100644 index 0000000..e563757 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/082.md @@ -0,0 +1,39 @@ +B. Satirs „Rationalisieren“ nur als vereinfachende Zuspitzung zu +verstehen, denn ein Sprechen ohne jede kinästhetische +Kontextualisierung erscheint mir unmöglich. +Grinder und Bandler gehen davon aus, dass jeder Mensch ein +bestimmtes Repräsentationssystem bevorzugt. Komplikationen +entstehen, wenn zwei oder mehrere Menschen in unterschiedlichen +Repräsentationssystemen miteinander kommunizieren und sie für das +der jeweils anderen keine oder nur schwache „Antennen“ haben. +Dann ist das notwendige wechselseitige „Andocken“ an die kognitivaffektiven +Schemata +erschwert, +und +es +entstehen +Verständigungsprobleme. Ein Mensch, der wenig Zugang zur +kinästhetischen Welt der Gefühle hat, also eher rationalisierend +kommuniziert, wird vielleicht die Botschaft „Wenn du das sagst, fühle +ich mich ganz schlecht in meinem Körper“ nicht verstehen. Er kann +eher auf eine auditive, die Situation klar definierende Botschaft +antworten, z. B. „Ich denke, dass dein Ärger durch deinen langen +Arbeitstag verursacht wurde“. Hilfreich ist es, gleichzeitig in zwei +Systemen zu kommunizieren, z. B. auditiv-sprachlich organisierte +Informationen durch eine visuelle Präsentation zu ergänzen. Wir alle +wissen, dass wir uns einem Vortrag, der durch Bildprojektionen +unterstützt wird, eine längere Zeit aufmerksam zuwenden können als +einem reinen Wortvortrag. Filme werden als visuelles und auditives +Erleben noch eindrücklicher, wenn sie durch eine zum szenischen +Verlauf passende Musik „untermalt“ werden. Die Musik wird zunächst +auditiv wahrgenommen und regt dann das kinästhetische +Repräsentationssystem, also Gefühle und Körperempfindungen, an. +Wir erleben uns dann gleichzeitig kognitiv aufmerksam, gefühlsmäßig +identifiziert und körperlich entspannt. In diesem Fall aktivieren die +angebotenen Informationen alle drei Repräsentationssysteme. Dieses +Modell erklärt m. E. auch die allseitige Beliebtheit von +Multimediaangeboten. +Für die systemische Praxis hat das Modell zwei Konsequenzen. + +Pädagogische bzw. therapeutische Angebote können zur +Erweiterung der kommunikativen Kompetenzen anregen, indem diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/083.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/083.md new file mode 100644 index 0000000..b78789e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/083.md @@ -0,0 +1,52 @@ +andere, bislang wenig bedeutsame Repräsentationssysteme +aktiviert und differenziert werden. Dann wird die Gefahr der +oben beschrieben Missverständnisse geringer. Z. B. kann der +beschriebene eher rational orientierte Mensch die Welt des +Körpers und der mit körperlichen Empfindungen assoziierten +Gefühle durch bioenergetische Übungen oder FeldenkraisSeminare entdecken. Er wird dann vielleicht offener für die +kinästethisch organisierten Botschaften seiner Frau, die +wiederum +durch +den +Ausbau +ihres +auditiven +Repräsentationssystems seinen verbalen Äußerungen mehr +abgewinnen könnte. +Grinder und Bandler haben ein Modell der „access cues“ +entwickelt, die es den Profis gestattet, relativ schnell zu +erfassen, +in +welchem +Repräsentationssystem +ihre +Auftraggeberinnen gerade kommunizieren. Die access cues +beziehen sich einerseits auf die Wörter, andererseits auf die +Richtung der Augenbewegung. +Im aktivierten visuellen Repräsentationssystem wird mit Sätzen wie +„Ich sehe nicht, was mein Kopfweh mit meiner Frau zu tun haben +soll“, „Da blick ich nicht mehr durch“ oder „Ich versuche immer, die +Dinge genau im Blick zu haben“ kommuniziert. Die Formulierungen +„Ich fühle mich gut“, „Das macht mich ganz traurig“, „Da kribbelt es +in +meinem +Bauch“ +verweisen +auf +das +kinästhetische +Repräsentationssystem. Bei den Sätzen „Ich denke, dass du krank +bist“, „Ich höre aus dem, was du sagst, heraus, dass …“ oder „Das +sagt mir gar nichts“ ist die auditiv-sprachliche Dimension im Spiel. +Mithilfe +der +Hypothese +über +das +bevorzugte +Repräsentationssystem einer Klientin kann die Sozialarbeiterin ihre +Fragen auf das von der Auftraggeberin bevorzugte System beziehen +und so ein wechselseitiges „Andocken“ von ihrer Seite aus +ermöglichen. +Beispiele (Grinder u. Bandler 1984, S. 312 f.): +Visuell-erinnernd: „Welche Augenfarbe hat Ihre Mutter?“ diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/084.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/084.md new file mode 100644 index 0000000..7089ff8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/084.md @@ -0,0 +1,27 @@ +Visuell-konstruktiv: „Wie würde Ihr Zimmer aussehen, wenn Sie +es ganz nach Ihren Wünschen umgestalten würden?“ +Auditiv-erinnernd: „Wie klingelte ihr Wecker, als Sie morgens für +Ihre Reise in den Urlaub aufgestanden sind?“ +Auditiv-konstruktiv „Wie würde Ihre Stimme klingen, wenn Sie +Ihren Chef auf die notwendigen Grenzen hinweisen?“ +Auditiv-digital: „Wollen Sie mal in einen inneren Dialog mit den +verschiedenen Stimmen in Ihnen eintreten?“ +Kinästhetisch: „Wie fühlen Sie sich, wenn Sie glücklich sind?“ +Auch die Augenbewegungen können als access cues interpretiert +werden. Bei einem Rechtshänder weisen die – von der Beobachterin +aus gesehenen – Augenbewegungen darauf hin, in welchem +Repräsentationssystem der beobachtete Mensch gerade seine inneren +kognitiv-affektiven Prozesse wahrnimmt (Bandler u. Grinder 1981, S. +43): +Augenbewegung nach oben links: visuelle Konstruktion; +Augenbewegung nach oben rechts: visuelle Erinnerung; +Augenbewegung nach links: auditive Konstruktion; +Augenbewegung nach rechts: auditive Erinnerung; +Augenbewegung +nach +unten +links: +kinästhetische +Empfindungen; +Augenbewegungen nach unten rechts: aktuelle Repräsentation +von Klängen, Geräuschen und Worten (auditives System). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/085.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/085.md new file mode 100644 index 0000000..706919a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/085.md @@ -0,0 +1,33 @@ +2.4.3.2.3 Organisation – Die dritte Ebene der Beschreibung von +Beziehungen +Durch ihre kommunikativen Beiträge vernetzen sich die +Teilnehmerinnen sozialer Situationen und konstituieren ein soziales +System. Obwohl sie dessen Mitbegründerinnen sind, werden sie als +dessen Teile (Elemente) in ihrem kommunikativen Handeln zugleich +von ihm abhängig. +Wir können bei sozialen Systemen vier Abstufungen hinsichtlich +der Kontinuität und Intensität der Beziehungen unterscheiden. +Systeme ersten Grades sind alltägliche, schnelllebige soziale +Situationen, z. B. der Schwatz mit einer Bekannten, die man +zufällig beim Einkaufen getroffen hat. +Systeme zweiten Grades werden durch sich wiederholende, +mehr oder weniger ritualisierte soziale Situationen hergestellt, +z. B. die Gemeinde beim sonntäglichen Gottesdienst. +In Systemen dritten Grades werden wechselnde soziale +Situationen durch dieselben Personen gestaltet. Ein Beispiel +hierfür ist eine konkrete Familie. +Systeme vierten Grades erhalten trotz wechselnder sozialer +Situationen und Personen langfristig ihre Gestalt und ihre +Funktionsbestimmung, z. B. die Gesellschaft, soziale +Institutionen (z. B. die Familie, die Kirche) und Organisationen +(z. B ein Wirtschaftsbetrieb). +In aufsteigender Linie werden diese Systeme immer komplexer und +stabiler. Abweichungen bzw. Krisen in den Teilsystemen können durch +negative Feedback-Schleifen gepuffert werden. Dann ergibt sich +hinsichtlich des Gesamtsystems (zunächst) kein Veränderungsbedarf. +Z. B. waren ökologisch orientierte Verbraucherinnen in den Anfängen +der Umweltbewegung für die Wirtschaft zwar lästig, aber eine zu +ignorierende Größe. Auch ohne sie wurde genügend Profit gemacht. +Hier handelt es sich aus der Sicht des ökonomischen Systems um ein +negatives Feedback. Ein stabiles System muss in seinen Teilsystemen +auch eine Vielzahl von positiven Feedback-Schleifen zulassen, sich diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/086.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/086.md new file mode 100644 index 0000000..5494b3d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/086.md @@ -0,0 +1,18 @@ +also flexibel zeigen, um langfristig überdauern zu können. Die +Dialektik von Beharrung und Veränderung um des Erhaltes willen ist +eine grundlegende Existenzbedingung lebender bzw. sozialer +Systeme, die über Augenblickskontakte hinausgehen. Mit der +zunehmenden Zahl ökologisch denkender Konsumentinnen musste +sich die Wirtschaft in bestimmten Teilen zu nachhaltigen +Produktionsweisen und Produkten durchringen, um ihren Profit zu +sichern; z. B. musste sie das Recyclingsystem akzeptieren. So haben +ständige Abweichungen der ökologisch orientierten Verbraucherinnen +zu partiellen Veränderungen im Produktionssektor geführt. Ein +Beispiel aus Kultur und Politik: Homosexualität war noch in den +Sechzigerjahren kulturell verpönt und wurde strafrechtlich verfolgt. +Die zunehmende öffentliche Selbstdarstellung der Schwulen- und +Lesbenbewegung, also das ständige Infragestellen der Normen +überführte die negative Feedback-Schleife (Strafverfolgung und +Ausgrenzung) in eine positive, deren Eigendynamik letztlich zu einer +Veränderung der kulturellen Einstellung und der rechtlichen +Regelungen geführt hat.18 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/087.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/087.md new file mode 100644 index 0000000..af36dbe --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/087.md @@ -0,0 +1,39 @@ +2.4.3.2.3.1 Organisation als systemisches Konzept +Komplexität, Stabilität und Kontinuität der großen wie der kleinen +sozialen Systeme werden durch die Organisation der Systeme, d. h. +ihr Muster, gewährleistet. Es entsteht, stabilisiert und entwickelt sich +durch die kommunikativen Handlungen der Systemmitglieder und ist +zugleich deren Regulator. Wir entdecken hier eine grundlegende +systemische Bestimmung: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner +Teile, weil die Teile eine Organisation bilden und von ihr abhängig +werden. Je größer und komplexer die Systeme werden, desto +unabhängiger wird die Organisation von den Einzelnen und ihren +Handlungen. Die einzelnen Bestandteile bzw. Komponenten der +Organisation und ihre Beziehung untereinander können Struktur +genannt werden. Strukturen sind also die Einzelsegmente einer +Organisation. +Von Capra stammt das folgende Beispiel für die durch +Organisations- und Strukturbildung möglich werdende Verbindung +zwischen dem Ganzen und seinen Teilen. +„Um den Unterschied zwischen Muster und Struktur zu +veranschaulichen, wollen wir uns ein bekanntes nichtlebendes +System ansehen: ein Fahrrad. Damit etwas ein Fahrrad genannt +werden kann, muss es eine Reihe funktionaler Beziehungen +zwischen Bestandteilen geben, die man Rahmen, Pedale, +Lenkstange, Räder, Kette, Zahnkranz usw. nennt. Die +vollständige Anordnung dieser funktionalen Beziehungen stellt +das Organisationsmuster des Fahrrads dar. Alle diese +Beziehungen müssen gegeben sein, damit das System die +wesentlichen Merkmale eines Fahrrads aufweist. Die Struktur des +Fahrrads +ist +die +materielle +Verkörperung +seines +Organisationsmusters in besonders geformten und aus +besonderen Materialien bestehenden Bestandteilen. Das gleiche +Muster ‚Fahrrad‘ läßt sich in vielen verschiedenen Strukturen +verkörpern. Die Lenkstange wird bei einem Tourenrad, einem +Rennrad oder einem Mountainbike unterschiedlich geformt sein; +der Rahmen kann schwer und massiv oder leicht und zierlich diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/088.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/088.md new file mode 100644 index 0000000..150863c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/088.md @@ -0,0 +1,29 @@ +sein; die Reifen können schmal oder breit sein und Schläuche +haben oder aus Vollgummi bestehen. All diese Kombinationen +und noch zahlreiche weitere lassen sich leicht als verschiedene +Verkörperungen desselben Musters aus Beziehungen erkennen, +das ein Fahrrad definiert“ (Capra 1996, S. 182 f.; Hervorh.: W. +R.). +Für ein lebendes System kommt laut Capra ein drittes +konstituierendes Merkmal hinzu, der Prozess – also eine Veränderung +bzw. Entwicklung in Zeit und Raum. Im Konzept der systemischen +Familientherapie wird der Prozess auch mit der aus der Physik +entlehnten Metapher als „Dynamik“ bezeichnet. +Wenn wir das Beispiel des Fahrrades unter Hinzunahme der +Kategorie des Prozesses auf die Familie als lebendes soziales System +übertragen, lässt sich das Netz der funktionalen Beziehungen +zwischen den einzelnen Bestandteilen = Familienmitgliedern als +familiäre Organisation bezeichnen. Mutter und Vater bilden eine +intime, reproduktive (d. h. sich durch Arbeit und Generativität selbst +erhaltende) und arbeitsteilige Beziehung, in die das Kind als ein +Drittes eintritt, wodurch ein neues System, die Familie, geschaffen +wird. Kind und Mutter, Kind und Vater, Mutter und Vater gestalten +jeweils unterschiedliche Beziehungen, wobei die Beziehungen zum +Kind anfänglich vor allem durch materielle und emotionale +Versorgung gekennzeichnet sind. Lange Zeit wird die materielle +Versorgung einseitig von den Eltern gewährleistet, die emotionale +wird im Normalfall von Anfang an wechselseitig sein. +Als Strukturen werden die darstellbaren Komponenten dieses +Musters bezeichnet, über die es sich verfestigt und die den Rahmen +für die konkreten kommunikativen Handlungen der Familienmitglieder +bilden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/089.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/089.md new file mode 100644 index 0000000..4ee79eb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/089.md @@ -0,0 +1,39 @@ +2.4.3.2.3.2 Strukturen des Systems +Es lassen sich folgende Strukturen unterscheiden. + +Funktionen: Wer tut was – für und gegen wen, um die +gegebene Ordnung des Systems aufrechtzuerhalten bzw. zu +verändern, und welcher Nutzen ergibt sich daraus für die +Aufrechterhaltung, Veränderung oder gar Zerstörung des +Systems? +Positionen: die Bündelung von Informationswegen an +bestimmten Punkten des sozialen Netzwerkes (= System) und +die u. a. daraus resultierende Macht. +Rollen: das Gesamt der sozialen Verhaltenserwartungen an eine +Person in einer bestimmten sozialen Situation, die wiederum +ihre Bedeutung durch einen bestimmten institutionellen und +kulturell-normativen Kontext erhält. +Regeln: auf bestimmte Kontexte und Situationen bezogene +Handlungsanweisungen. +Interne Hierarchie: die abgestufte Verantwortlichkeit von +Mitgliedern des Systems für seine Aufrechterhaltung und die +Koppelung eines „Mehr“ an Verantwortlichkeit mit einem „Mehr“ +an Machtmöglichkeiten; hier geht es also um die Verfügung +einzelner Elemente bzw. Subsysteme des Systems über +systeminterne +und +-externe +Ressourcen +und +Sanktionsmöglichkeiten. +Allgemeine Beziehungsmuster: Symmetrie, Komplementarität +und Reziprozität (siehe Ritscher 1998, S. 204 ff.). +Spezielle Beziehungsmuster: Wer nimmt mit wem – gegen wen +– wann – wo – auf welche Weise – wie oft – unter welcher +Regel und wozu Beziehungen auf, die sich zwischen folgenden +Polen entfalten: +– Dialog vs. Kampf, +– Konsens vs. Konflikt, +– Kooperation vs. Konkurrenz, +– Dominanz vs. Unterordnung, +– Abhängigkeit vs. Unabhängigkeit, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/090.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/090.md new file mode 100644 index 0000000..ffb7a76 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/090.md @@ -0,0 +1,3 @@ +– + +Repression vs. Toleranz? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/091.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/091.md new file mode 100644 index 0000000..8524878 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/091.md @@ -0,0 +1,21 @@ +2.4.3.2.3.3 Systemdynamik +Strukturen repräsentieren Teile der zeitüberdauernden Organisation +bzw. des Musters des Systems. Mit dem Begriff der Dynamik kommt +die Bewegung des Systems, seine Veränderung in der Zeit, ins Spiel. +Die Entwicklung eines Systems wird durch das Zusammenspiel von +zwei bipolar organisierten Tendenzen beeinflusst: zentrifugale vs. +zentripetale und verändernde vs. erhaltende Systemkräfte. + +Abb. 14: Dimensionen der Systemdynamik +Die „zentrifugal-ausstoßenden“ und „zentripetal-bindenden“ +Systemkräfte (Stierlin 1975a) ergeben in ihrer Kombination die +Systemkohäsion. Zentrifugale Tendenzen orientieren Interesse, +Handlungsrichtung und -impulse der Systemmitglieder nach +außen. Durch sie wird das System in seiner Funktion, sich selbst +zu erhalten, geschwächt. Die Mitglieder des Systems setzen ihre +Ressourcen in den sozialen Umwelten des Systems ein, achten +aber nicht auf kompensatorische Rückkoppelungen, durch +welche die innere Situation des Systems von ihren +Außenaktivitäten profitieren könnte. Zentripetale Tendenzen +weisen in die entgegengesetzte Richtung; sie stabilisieren das +System, indem seine Mitglieder ihre Aktivitäten auf den diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/092.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/092.md new file mode 100644 index 0000000..f311cd7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/092.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Binnenraum des Systems richten und dadurch ihre Bindung +aneinander stärken. Aus dem Zusammenspiel beider Polaritäten +in den aktuellen Beziehungssituationen ergibt sich der Grad des +Systemzusammenhaltes („Systemkohäsion“). Notwendig für ein +langfristig bestehendes System ist eine Balance zwischen +beiden Aspekten. Das Übergewicht der zentripetalen Kräfte +erschwert den Austausch des Systems mit seinen Umwelten, +ein Übergewicht der zentrifugalen Kräfte erschwert die +Selbstzuschreibung einer Eigenidentität. In beiden Fällen bleibt +der Grad der Systemkohäsion gering, die Existenz des Systems +ist bedroht. +Verändernde vs. erhaltende Systemkräfte. Verändernde +Systemkräfte richten das System auf Weiterentwicklung aus, +indem neue von außen kommende oder intern herausgebildete +Informationen durch Assimilation und Akkommodation in die +Systemorganisation integriert werden. Da für diese neuen +Anforderungen noch keine sicheren Bewältigungsschemata +ausgebildet sind, reagiert das System „ver-stört“ bzw. +verunsichert. Die erhaltenden Systemkräfte richten sich auf +altbekannte (redundante) Informationen. Diese verunsichern +nicht, weil sie die vorhandenen Schemata in ihrer bestehenden +Gestalt verstärken und keine Neuanpassung („Äquilibration“; +siehe auch Anm. 21) erfordern. Im Zusammenspiel dieser +beiden Kräfte entsteht Entwicklung, d. h. die kontinuierliche +Anpassung des Systems an neue systeminterne und -externe +Informationen und Anforderungen. +Jeder Systemprozess lässt sich im Hinblick auf seine Funktion für die +Stabilität oder Instabilität des Systems einschätzen, je nachdem, in +welchem der vier Felder er verortet ist. Die Stabilität eines Systems +wird langfristig immer durch eine ausbalancierte Dialektik zwischen +den genannten vier Polen gesichert. Das heißt, ein einseitiges +Beharren auf zentripetalen, zentrifugalen, veränderungsorientierten +oder erhaltungsorientierten Kräften wirkt destabilisierend für das +Ganze. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/093.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/093.md new file mode 100644 index 0000000..5d299fb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/093.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Ein durch die Kombination von zentripetalen und +veränderungsorientierten Kräften vorangetriebener Prozess +sichert über die Zeit hinweg Stabilität durch eine Verknüpfung +von zusammenhaltenden und die Entwicklung begünstigenden +Kräften. Das Verhalten der Systemmitglieder ist aufeinander +bezogenen (Zentripetalität) und zugleich offen für neue vom +System zu integrierende Informationen (Veränderung). Beispiel: +Der Schuleintritt des ersten Kindes führt zu einer Vielzahl neuer +Informationen bzw. Anpassungsanforderungen an die ganze +Familie. Das Kind muss nun pünktlich aufstehen und aus dem +Haus gehen; der Schulweg ist neu und vielleicht gefährlich; das +wachsame Auge der Erzieherinnen des Kindergartens fehlt nun +in der Schule beim Kontakt der Kinder, was möglicherweise zu +Rangeleien oder aggressiven Auseinandersetzungen führt, und +die Leistungsanforderungen der Schule sind am Anfang schwer +einzuschätzen. Die Lebenssituation des Kindes außerhalb des +Hauses wird unbestimmbarer und ist – zumindest für die Eltern +– weniger kontrollierbar. Das verunsichert, bringt aber auch die +Chance für einen familiären Entwicklungsschritt mit sich. Die +Eltern lernen, das Kind „loszulassen“ und seinen +Bewältigungsmöglichkeiten +für +die +Leistungsund +Kommunikationsanforderungen der Schule zu vertrauen. Dieses +Vertrauen wiederum stärkt den Selbstwert des Kindes, das sich +nun intensiv an die Erkundung der Welt außerhalb der Familie +wagt, z. B., indem es Nachmittage bei neuen Freunden weitab +von der eigenen Wohnung verbringt. Dadurch entsteht für die +Eltern ein Freiraum, den sie für sich oder für andere +innerfamiliäre Beziehungen nutzen können. +Die Kombination von zentripetalen und erhaltungsorientierten +Kräften bringt Stillstand und damit nur eine trügerische und +langfristig nicht zu erhaltende Stabilität. Die Beschreibung +„pseudoharmonischer“ Beziehungsmuster in Familien (Wynne et +al. 1972) trifft auf diese Konstellation zu. Die Familienmitglieder +leben eng aufeinander bezogen und sind mehr an dem Erhalt diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/094.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/094.md new file mode 100644 index 0000000..175fdf2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/094.md @@ -0,0 +1,43 @@ +der augenblicklichen Situation als an einer mit Übergangskrisen +verbundenen Weiterentwicklung des Systems interessiert. Die +Übergangskrisen sind durch Einstellungen und Regeln, die sich +wiederholende gleichgerichtete Kommunikationssituationen +erzeugen, in dem Bedeutungsrahmen „Angst und Unsicherheit“ +fixiert worden. Quer dazu liegende Informationen werden +ausgeblendet. Familientherapeutische Interventionen müssten +die Familie anregen, einen neuen Bedeutungsrahmen für +Übergangskrisen zu schaffen, in dem die Erkenntnis ihrer +Notwendigkeit reifen kann und das Interesse an bisher nicht +bekannten Entwicklungsmöglichkeiten überwiegt. In dem eben +geschilderten Beispiel würden dann die Erkundungsschritte des +Kindes außerhalb der Familie stark begrenzt; es würde keine +neuen Verhaltensweisen erproben, sondern die in der Familie +erlernten weiterhin zeigen. Es würde nach der Schule so schnell +wie möglich ins vertraute Elternhaus zurückkehren und keine +neuen Kontakte suchen. Damit blieben entwicklungsfördernde +Informationen für die Familie unentdeckt. +In +der +Kombination +von +zentrifugalen +und +erhaltungsorientierten Kräften wird das für ständige +Turbulenzen sorgende Ausbrechen von Elementen aus dem +System durch konservierende Gegenreaktionen auf dessen +Organisationsebene eingedämmt. Es verschließt sich gegen +neue, von außen und innen kommende Informationen und kann +deshalb keine Bewältigungsstrategien für deren Integration +entwickeln. Im Rahmen einer komplementären Eskalation +werden die Außeneinflüsse in Verbindung mit den inneren +Kräfte +gegen +die +Konservierungsversuche +der +Organisationsebene immer stärker, bis das System an diesem +Widerspruch zerbricht. +Beispiel: Das Regierungssystem der DDR war durch eine +Abschottung gegen alle die Parteidoktrinen infrage stellenden +Umweltinformationen gekennzeichnet. Der „Eiserne Vorhang“ +und die Berliner Mauer führten dazu, dass sich innerhalb des diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/095.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/095.md new file mode 100644 index 0000000..fee4b50 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/095.md @@ -0,0 +1,51 @@ +politischen Sektors keine Anpassungsstrategien für globale +ökonomisch-technologische +Veränderungen +und +die +Herausforderungen +der +parlamentarischen +Demokratien +entwickeln konnten. Da die Menschen von den aus dem Westen +kommenden Informationen nicht vollständig abgeschnitten +werden konnten und sich die innere ökonomische Krise durch +Nichtanpassung verstärkte, zerbröckelte das innere politische +System unter dem Druck von außen kommender Einflüsse. Sie +wurden von Bürgerrechtsgruppen in der DDR-Gesellschaft +aufgenommen, vor dem Hintergrund ihrer Wertesysteme +weiterentwickelt und gegen die eigene Staatsmacht gewendet. +Die +Kombination +von +zentrifugalen +und +veränderungsorientierten Systemkräften erzeugt maximale +Instabilität durch maximale Unsicherheit. Das Ausbrechen der +Elemente des Systems verbindet sich mit ständig neuen +Einflüssen und Informationen. Auf der Organisationsebene des +Systems können durch immer neue Informationen und +Perspektivenwechsel +keine +stabilen +Integrationsmuster +entwickelt werden. Entscheidend ist hier das Muster der +Zeitorganisation. Zeit zerfällt in eine schnelle und absolut +diskontinuierliche Aufeinanderfolge von Informationen. Die +Schnelllebigkeit und Unbestimmbarkeit der Informationen +„zerhackt“ das Erleben von Kontinuität. Es entsteht eine +„Gleichzeitigkeit“ für vielfältige Informationen, die keine +subjektiv hergestellte Unterscheidung hinsichtlich ihres Inhaltes +und ihrer Bedeutung zulässt. Die Gleichheit der Inhalte und +Bedeutungen +erzeugt +paradoxerweise +den +absoluten +Unterschied, weil es keine die unterschiedlichen Informationen +verbindende Bedeutungsstruktur mehr gibt. Retzer und Weber +nannten dies „synchrone Dissoziation“ (Retzer u. Weber 1991, +S. 107). Bei Familien, in denen ein Familienmitglied als +schizophren definierte Verhaltensweisen zeigt, finden wir Retzer +und Weber zufolge oft eine Art Zeitorganisation, die extreme +„Gleichzeitigkeit“ und damit „synchrone Dissoziationen“ erzeugt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/096.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/096.md new file mode 100644 index 0000000..5bb7e2c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/096.md @@ -0,0 +1,12 @@ +„Das ‚minimale Zeitintervall‘ (für die bedeutungsvolle +Wahrnehmung von Informationen; W. R.) wird unterschritten, +‚der Batesonsche Schalter‘ (eine Metapher Batesons für die +Unterbrechung +von +Informationsflüssen +durch +das +wahrnehmende Subjekt; W. R.) wird sehr schnell betätigt, so +daß es nicht zur unterscheidbaren Wahrnehmung und der +Konstruktion gegensätzlicher Bedeutungen und Tendenzen +kommt“ (ebd., S. 108). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/097.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/097.md new file mode 100644 index 0000000..d58808d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/097.md @@ -0,0 +1,40 @@ +2.4.3.2.3.4 Selbstorganisationsfähigkeiten des Systems +Luhmann vertrat die Position, dass Systeme gegenüber ihrer Umwelt +operational geschlossen und nur durch sich selbst beeinflussbar sind +(Luhmann 1986). Sie sind deshalb keiner instruktiven Interaktion +zugänglich, sondern verarbeiten von außen kommende Informationen +nur dann, wenn sie zu den eigenen Mustern der Wahrnehmung, +Beschreibung und Bewertung passen. Das heißt, ein System erfindet +seine Organisation selbst durch interne Operationen und nicht durch +Beeinflussung von außen. Es ist von seiner Umwelt unabhängig. Um +dieses Muster zu benennen, benutzt Luhmann den von den Biologen +Maturana und Varela geprägten Begriff der „Autopoiese“ (Maturana u. +Varela 1982), der auf das mit „Selbstschöpfung“ zu übersetzende +altgriechische Wort autopoiesis zurückgeht. An einem Punkt stimme +ich Luhmann zu: Natürlich muss ein System selbst handeln und intern +kommunizieren, um eine eigene Organisation und die sie +markierenden Strukturen zu schaffen. Außeneinflüsse müssen in die +inneren Kommunikations- und Handlungsprozeduren integriert und +deshalb auf sie zugeschnitten werden. Es bleiben dennoch +Außeneinflüsse, denen sich das beobachtende und handelnde System +nicht entziehen kann – es kann sie nur modifizieren. Eine Familie z. B. +wird durch viele Diskussionen und Handlungen die für ihre +Lebenssituation passenden Regeln, Rollen, Werte usw. schaffen. Aber +diese Lebenssituation wird durch eine Vielzahl äußerer Faktoren +beeinflusst, auf welche die Familie Rücksicht nehmen muss, um +überleben zu können. Sie kann die Arbeitslosigkeit der bisherigen +Hauptverdienerin genauso wenig ignorieren wie den Abbau von +bisherigen Sozialleistungen, eine Wohnungskündigung genauso wenig +wie Gewalttätigkeiten in der Schule der Kinder. Auch den durch eine +gesellschaftlich akzeptierte „Behinderungsmacht“ (Staub-Bernasconi +1995, S. 45 ff.) zugefügten Kränkungen des eigenen +Selbstwertgefühles kann sie nicht ausweichen. Diese durch komplexe +systemische Zusammenhänge hergestellten Verhältnisse entziehen +sich +einer +systematischen +und +alle +wichtigen +Faktoren +kontrollierenden Beeinflussung durch die Familie. Sie erzwingen von diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/098.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/098.md new file mode 100644 index 0000000..4e97aa4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/098.md @@ -0,0 +1,20 @@ +außen die „strukturelle Koppelung“19 zwischen ihr und diesen +Bereichen der sozialen Wirklichkeit, mit denen sie sich auseinander +setzen muss. Für diese nicht frei gewählte Koppelung kann die +Familie als mit diesen Teilen der sozialen Wirklichkeit verknüpftes +Beobachtungs- und Handlungssystem durchaus auf Ressourcen +zurückgreifen – in Abhängigkeit von der Umwelt.20 Ich bevorzuge den +Begriff der „Selbstorganisation“ statt den der „Autopoiese“, um dieser +Sichtweise gerecht zu werden. +Das Konzept der Selbstorganisation verbindet drei Aspekte: +das interne Ausbalancieren zwischen unterschiedlichen und +widersprüchlichen Teilen des Systems; +ein Ausbalancieren zwischen den Erfordernissen und +Zielsetzungen des Systems selbst und seiner Umwelt; +eine Eigensteuerung mithilfe von Regeln, die das System nicht +aus sich selbst heraus erfunden hat, sondern im Wechselspiel +von „Assimilation“ der Umwelten an das System und +„Akkommodation“ des Systems an die Umwelten schafft.21 +Dadurch etablieren sich äußere Umwelten auch innerhalb des +Systems und werden dort zu Initiatorinnen systeminterner +Handlungen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/099.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/099.md new file mode 100644 index 0000000..13f5579 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/099.md @@ -0,0 +1,50 @@ +2.4.3.2.3.5 Die flexible System-Kontext-Hierarchie +Was als untergeordnetes System oder übergeordneter Kontext +festgelegt wird, entscheiden Perspektive, Zeitpunkt und soziale +Situation, nicht aber die Beschaffenheit des Systems selbst. +Ich habe an anderer Stelle drei miteinander verbundene und +dennoch voneinander unterscheidbare Systembereiche beschrieben, +mit deren Hilfe der soziale Alltag systematisch beobachtet und +verstanden werden kann (Ritscher 1991). Ich nenne sie +Bedeutungssysteme (kulturelle Muster), soziale Systeme (Gesellschaft +und ihre Teilbereiche) und Subjektsysteme. Sie können je nach +aktueller Perspektive auf einer übergeordneten Ebene als Kontexte +oder auf einer untergeordneten Ebene als Systeme betrachtet +werden. +Beispiele: Geht es um eine Analyse der gegenwärtigen +Auswirkungen +historisch-gesellschaftlicher +Ereignisse +und +Entwicklungen +auf +persönliche +und +kollektive +Bedeutungszuschreibungen (z. B. der Folgen des Nationalsozialismus +für +politische +und +familiäre +Ideenbildungen), +wird +die +Gesamtgesellschaft zum übergeordneten Kontext für die Etablierung +von familiären Bedeutungen. Die Beschreibung von ökonomischen +Veränderungen als Folge von in der Moderne neu entstandenen +Rollenbildern +macht +dagegen +Bedeutungssysteme +zum +übergeordneten Kontext für ökonomische Systemprozesse. Wenn +hingegen die zunehmende Bewertung jeder sozialen Handlung unter +den Kriterien einer am Geld orientierten Wirtschaftlichkeit als Folge +der kapitalistischen Produktionsverhältnisse herausgearbeitet wird, +lässt sich die Ökonomie als übergeordneter Kontext des Sozialen +definieren. +Untergeordnete Systeme können so lange auf übergeordnete +Kontexte einwirken, bis sich die Verhältnisse umkehren. Um in +unserem Beispiel zu bleiben: Im sozialen Bereich könnten als Folge +des Vorranges der Ökonomie so viele soziale Konflikte entstehen, +dass die kulturell entwickelten Werte der Solidarität und ökologischen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/100.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/100.md new file mode 100644 index 0000000..2c63fcc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/100.md @@ -0,0 +1,32 @@ +Verantwortung als wesentliche Kategorien ökonomischer Denk- und +Produktionsprozesse anerkannt werden. +Antwortet ein Mensch B auf das Verhalten eines anderen +Menschen A mit Gefühlen der Sympathie oder Antipathie, ist A in +dieser Situation der sozial-kommunikative Kontext für Bs Verhalten. +Fragt sich B oder eine äußere Beobachterin, welche inneren kognitivaffektiven Schemata von B bei seiner Wahrnehmung und Bewertung +von As Verhalten beteiligt waren, werden Bedeutung erzeugende +Muster als ein innerer Kontext von B für sein eigenes Verhalten +verstanden. Auch innerhalb der Bedeutungs-, Sozial- und +Subjektsysteme lassen sich also einzelne Ebenen festlegen, die je +nach Perspektive als übergeordnete Kontexte oder untergeordnete +Systeme eingestuft werden können. +Kontext und System erweisen sich immer wieder als zwei Seiten +derselben Medaille, die je nach Perspektive, Zeitpunkt und Situation +hin- und hergewendet werden kann. +Cronen et al. haben im Rahmen ihres hierarchischen Modells von +Bedeutungsebenen eine Theorie der Rückkoppelung zwischen den +einzelnen Systembereichen entwickelt. Über die jeweilige Position der +Bereiche entscheiden zwei Kräfte: +„Eine implikative, schwächere Kraft – von unten nach oben –, +wodurch Einzelheiten auf tieferem Niveau Bedeutung auf +höheren Ebenen schaffen oder verändern, und eine stärkere, +abwärts gerichtete – kontextuelle – Kraft, mit welcher eine +höhere Bedeutungsebene die Bedeutungen auf der tieferen +definiert“ (Cronen et al. 1983, S. 111; Hervorh. im Orig.). +Zwischen einer über- und einer untergeordneten Ebene wird eine +prinzipielle Rückkoppelung angenommen: Sie bilden immer eine +implikative und kontextuelle Beziehung. Diese Rückkoppelung kann +einerseits zu einer Gleichrangigkeit beider Ebenen führen, „wenn zwei +Elemente in einer Hierarchie so organisiert sind, daß jedes +gleichzeitig den Kontext für das andere bildet und sich selbst im +Kontext des anderen befindet“ (ebd., S. 109). In diesem Fall diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/101.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/101.md new file mode 100644 index 0000000..fd3a1d5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/101.md @@ -0,0 +1,13 @@ +„erweisen sich implikative (von unten nach oben) und kontextuelle +(von oben nach unten) Kräfte als gleich stark“ (ebd., S. 111). Es kann +auch zu einer Positionsumkehrung von bisher übergeordnetem +Kontext und untergeordnetem System kommen, wenn die implikative +Kraft stärker ist als die kontextuelle Kraft. +Hierarchische Muster sind also umkehrbar bzw. veränderbar, wenn +neue +Perspektiven +und +Handlungsmöglichkeiten +zur +Realitätsveränderung eingeführt werden. Das ist die im systemischen +Ansatz enthaltene demokratische Botschaft. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/102.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/102.md new file mode 100644 index 0000000..b2bbcac --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/102.md @@ -0,0 +1,44 @@ +2.4.3.3Das System als sich in Zeit und Raum verändernde +Gestalt +Wir können ein System durch Vorstellungen und Bilder visualisieren. +Dann entsteht eine Systemgestalt, z. B. die im Zentrum von +Abbildung 2 grafisch dargestellte Familie als Beobachtungssystem. Im +Rahmen einer solchen Gestalt werden Strukturen deutlich, die als +markante +Komponenten +der +Gesamtorganisation +die +Kommunikations- und damit Lebensfähigkeit des Systems sichern. Die +Gestaltpsychologie als eine der wichtigen Wurzeln des systemischen +Paradigmas hat den Begriff der Gestalt geprägt. In ihr verknüpfen +sich Elemente zu einer Einheit, die sich als Vordergrund eines +Gesamtbildes präsentiert. Ohne den zum Gesamtbild dazugehörigen +Hintergrund („äußerer Kontext“) hätte die Gestalt im Vordergrund +keine eigenständige Existenz. +Als raum-zeitliche Gestalt wird das System durch folgende +Komponenten definiert: + +Grenzen: Jede Systemgestalt zeichnet sich durch eine Grenze +gegenüber ihrer äußeren Umwelt aus, die den Unterschied +zwischen innen und außen definiert. Ohne diese Grenze hätte +sie keine eigene Identität und damit keinen „Eigensinn“ +(Thiersch 1992). Eine Familie kann ihre Grenze über eine +eigene Identitätsbeschreibung festlegen: „Im Unterschied zur +Familie X gelten bei uns die Regeln X, die Werte Y und die +Normen Z.“ Auch die Wände der Wohnung, die als +sozialräumliches Kommunikationsfeld der Familie verstanden +werden kann, definieren eine Grenze. Grenzen können in +Anlehnung an Minuchin als mehr oder weniger „offen, +undurchlässig oder diffus“ beschrieben werden (vgl. Minuchin +1977; 2.4.1.3 u. 6.6.2.3.2). +Die Beziehung von Kontext (Umwelt) und System: Die Grenze +trennt das System von seiner Umwelt. Umwelt und Kontext +können als gleichbedeutende Begriffe verwendet werden. Im +Lateinischen +hat +contextus +die +Bedeutung +von +„Zusammenhang“. Kontexte bilden den übergeordneten, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/103.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/103.md new file mode 100644 index 0000000..893816e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/103.md @@ -0,0 +1,30 @@ +Bedeutung gebenden Rahmen für Informationen über +Ereignisse in einem System – eine soziale Situation, ein Wort, +eine Aktion, ein politische Meldung, ein Naturereignis oder eine +persönliche Erfahrung. Es gibt innere und äußere Kontexte. + +Äußere Kontexte sind: +– soziale Situationen, in denen sich die konkret +beobachtbaren kommunikativen Handlungen von Menschen +systemisch verbinden; +– ökonomische, politische, kulturelle Verhältnisse, in die +soziale Situationen eingebettet sind; +– kulturell institutionalisierte Normen, Werte, Einstellungen +und Ideen, die in jeder Gesellschaft der kollektiven +Regulierung des Verhaltens der Mitglieder dienen. +Der Blick richtet sich auf innere Kontexte, +– wenn ein Mensch (als Subjektsystem) seinen eigenen +Körper als materielle Basis aller psychischen Prozesse +wahrnimmt oder dieser von außen, z. B. im medizinischen +Rahmen, zum Bezugspunkt von Diagnose und Therapie +gemacht wird; +– wenn die im Verlauf der Sozialisation gebildeten +persönlichen Einstellungen, Überzeugungen, Interessen, +Werte und Kompetenzen zum Thema werden; +– wenn soziale Systeme ihre eigenen Bedeutung gebenden +Strukturen, d. h. ihre Eigenorganisation, zum Gegenstand +ihrer Beobachtung machen. +System und Umwelt gehören zusammen, auch wenn sie durch eine +Grenze getrennt sind. Das eine kann nur durch das andere existieren; +deshalb muss die Beschreibung eines Systems zugleich die +Beschreibung seiner Umwelten und damit auch der System-UmweltBeziehungen enthalten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/104.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/104.md new file mode 100644 index 0000000..4444327 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/104.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Subsysteme: In seinem Binnenraum differenziert sich das +System in einzelne Teilsysteme bzw. Subsysteme. Durch die +Beziehungen in und zwischen seinen Teilsystemen etabliert und +erhält sich das System als Ganzes. Minuchin (vgl. Minuchin u. +Fishman 1983) hat diese Idee für die Familientherapie nutzbar +gemacht und die einzelnen familiären Subsysteme zu +Ansatzpunkten seiner Interventionen gemacht. Ihm zufolge lebt +Familie durch die zirkulären Beziehungen zwischen Eltern +(Eltern- und Paarsubsystem), zwischen den Kindern +(Geschwistersubsystem) und zwischen Eltern und Kindern +(Eltern-Kind-Subsystem). Nur durch das Gesamt dieser +Beziehungen entsteht das System der Kernfamilie. Es kann über +seine Beziehung zum Großelternsubsystem zur erweiterten +Familie ausgedehnt werden. +Variablen: Die inneren Komponenten der Systemgestalt lassen +sich hinsichtlich ihrer Funktion ordnen, hierarchisieren und +unter bestimmten Bedingungen auch messen. In diesem Sinne +können sie als „Variablen“ bezeichnet werden. Vester +unterscheidet vier Typen von Variablen (Vester 1990, S. 37); +diese sind nicht notwendig an Personen gebunden, sondern +beziehen sich auch auf nichtmenschliche Lebewesen, Dinge, +Ideen, Einstellungen, Normen, Werte und Rollen: +– „Aktive Variablen“: Sie beeinflussen alle anderen stark, +werden von ihnen aber nur in geringerem Masse +beeinflusst. Im traditionellen bürgerlichen Familiensystem +wäre z. B. der sich patriarchalisch zeigende Vater +hinsichtlich der familiären Außenbeziehungen und der +generellen Normen für das Verhalten der Familienmitglieder +eine aktive Variable; er beeinflusst durch sein Verhalten die +anderen Mitglieder stark, wird aber von ihnen weniger +beeinflusst. Auch relativ fest gefügte das Verhalten +regulierende Normen und Werte (z. B. die im römischen +Recht kodifizierte Machtsouveränität des Vaters) können als +aktive Variablen verstanden werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/105.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/105.md new file mode 100644 index 0000000..ed9d4f9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/105.md @@ -0,0 +1,27 @@ +„Passive Variablen“: Sie beeinflussen die anderen Variablen +weniger, als sie von diesen beeinflusst werden. Im Haushalt +der griechischen Antike (oikos) waren das die Dienstboten, +Knechte, Mägde, Sklaven usw., aber auch deren ganz +persönliche Wünsche und Hoffnungen. +– „Kritische Variablen“: Sie beeinflussen die anderen Variablen +stark, werden aber im gleichen Masse auch von ihnen +beeinflusst. In einem sehr modernen Verständnis von +Familie wären dies alle ihre Mitglieder. Zwar sind die Eltern +kleinerer Kinder im Bereich der Versorgung, der +Organisation des Haushaltes und der Durchsetzung von +Normen, Werten und Rollenvorschriften im Normalfall +einflussreicher als diese, aber im Hinblick auf die emotionale +Verbundenheit können Kinder sehr wohl genauso +einflussreich sein. Freud sprach in diesem Sinne einmal von +„her majesty, the baby“. In Familien mit älteren Kindern +können sich auch im Versorgungsbereich Verschiebungen in +Richtung Gleichheit ergeben, sodass hier die beeinflussende +Kraft der Kinder noch zu- und die der Eltern abnimmt. +– „Puffernde Variablen“: Diese beeinflussen selber wenig und +werden ebenfalls nur wenig beeinflusst. Ein Beispiel wäre +die religiöse Einstellung des Mitglieds einer ansonsten +nichtreligiösen, aber – was ihr Muster angeht – toleranten +Familie. Dessen Glaube, seine Kirchenbesuche usw. sind nur +für sein Wohlbefinden wichtig aber nur ein Randthema der +familiären Kommunikation. +– diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/106.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/106.md new file mode 100644 index 0000000..f41f22d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/106.md @@ -0,0 +1,34 @@ +2.4.3.3.1 Exkurs: Prozesse – Entwicklung in der Zeit und Ordnung +durch Fluktuation +Systemprozesse sind Wachstums- bzw. Evolutionsprozesse, die sich +im dialektischen Wechselspiel der jedem System innewohnenden +gegensätzlichen Tendenzen von Beharrung und Veränderung, +Tradition und Innovation, Ordnung und Chaos entfalten. Dabei +entstehen Muster, die das Vergangene als Rekonstruktion und die +Zukunft als Prospektion in der Gegenwart „aufheben“22. Dieses +Wechselspiel zwischen den beharrenden und auf Veränderung +ausgerichteten Tendenzen erzeugt Konflikte. Stabilität bzw. eine +langfristige Kontinuität des Systems stellt sich nur in der Folge von +Entwicklungsprozessen her, die als dialektische Aufhebung dieser +beiden widerstreitenden Tendenzen verstanden werden können. +Organisiert sich ein System unter der Vorherrschaft nur einer von +ihnen, vermag das zwar kurzfristig Konflikte dämpfen oder +ausschalten, langfristig bildet sich aber gerade dadurch eine +chronifizierte Konfliktstruktur, zu deren Vermeidung immer mehr +Ressourcen mobilisiert werden müssen. Das System verlässt sich +dann selbstgenügsam auf das Muster des negativen Feedbacks, um +anscheinend bedrohliche Unterschiede zu beseitigen. Wir kennen +diese Verläufe aus vielen Familiengeschichten und der Politik. +Realitäten lassen sich unter dem Aspekt von Entwicklung, +Veränderung und Zeit als Prozesse verstehen, in denen Zustände +relativer Stabilität in Zustände einer relativen Unbestimmtheit +übergehen und umgekehrt. Die Übergänge vom Zustand relativer +Stabilität bzw. sicherer Ordnung in den der relativen Unbestimmtheit +bzw. des Chaos lassen sich auch als Krisen definieren, in denen sich +unterschiedliche zukünftige Wege eröffnen und versuchsweise +begangen werden. Die Sicherheit wird aufgegeben zugunsten +kreativer, aber verunsichernder Schritte in (teilweise) neue Regionen, +die auf diesem Wege soziale Realitäten für uns werden. +Schacht hat Prigogines Modell der „dissipativen Strukturen“ auf +den Bereich sozialer Realitäten angewendet. Er tat dies unter dem +Blickwinkel des von Moreno entwickelten Psychodramas (Schacht diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/107.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/107.md new file mode 100644 index 0000000..04187ee --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/107.md @@ -0,0 +1,27 @@ +1992). Prigogine untersuchte offene Systeme, die im Rahmen ihrer +energetischen, materiellen und informationellen Austauschprozesse +mit der Umwelt ihre eigene Organisation entwickeln. Diese +Organisation stellt sich der Beobachterin in Form einer bestimmten +Prozessstruktur dar. Diese Prozessstruktur lässt sich auch als +momentane raum-zeitliche Gestalt des Systems beschreiben. „Ein +Beispiel ist der Wasserstrudel, der nur eine Form darstellt, in der sich +ein Wasserfluß organisieren kann – und nur im Rahmen dieses +Wasserflusses kann er seine Struktur wahren … Ändert sich der Fluß +des Wassers, ändert sich auch die Prozeßstruktur ‚Strudel‘, er wird +breiter oder schmaler, schneller oder langsamer, turbulenter oder +glatter“ (ebd., S. 98). Im sozialen Raum wäre eine solche +Prozessstruktur z. B. eine Familie, die sich durch Regeln, +Rollendefinitionen, Rituale und Gratifikationen organisiert. Wie der +Name Prozessstruktur schon ausdrückt, befindet sie sich in einem +beständigen Wandlungsprozess. Dieser verläuft zyklisch. In der +ersten Phase des Zyklus unterliegen Abweichungen vom +Gleichgewichtszustand (Homöostase) zunächst der Tendenz, sie +rückgängig zu machen, zumindest aber, sie zu dämpfen (negatives +Feedback). Langfristig aber schaukeln sich die Abweichungen immer +stärker auf und führen eigendynamisch zu immer stärkeren +Abweichungen (positives Feedback); dies ist die zweite Phase des +Zyklus. In der dritten Phase löst sich die bisherige Struktur auf und +sucht eine neue Gestalt, welche die Bestandteile der bisherigen in +sich aufhebt. In der vierten Phase ist die neue Gestalt gefunden und +etabliert sich in einem neuen Gleichgewichtszustand, der zugleich die +erste Phase eines neuen Zyklus darstellt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/108.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/108.md new file mode 100644 index 0000000..e69de29 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/109.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/109.md new file mode 100644 index 0000000..b627ee3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/109.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Abb. 15: Ein Modell der Evolution in sich selbst organisierenden +Systemen (nach Schacht 1992) +Diese „Abweichungen in den sonst stabilen und kontinuierlichen +Mechanismen des Prozessverlaufes“ (ebd., S. 99), die in der zweiten +Phase auftreten, werden in Prigogines Modell als „Fluktuationen“ +bezeichnet. In der Regel versucht ein System zunächst, seine +Stabilität dadurch zu erhalten, dass es die Nichtveränderungstendenz +durch negatives Feedback verstärkt und damit die Fluktuationen +reduziert (konservative Lösung). In der oben genannten Familie +würde das vielleicht bedeuten, dass bei zunehmender Opposition +eines Kindes gegen grundlegende familiäre Regeln ein zusätzliches +Regel- und Kontrollwerk eingerichtet wird, um das unerwünschte +Verhalten zu stoppen. Erreichen die Abweichungen trotz aller +Einschränkungsversuche der Eltern einen bestimmten Schwellenwert, +können sie durch negatives Feedback nicht mehr ausgeglichen +werden. An diesem Punkt tritt die Veränderungstendenz massiv in +den Vordergrund, und es eröffnen sich viele Möglichkeiten der +weiteren Entwicklung. Prigogine spricht hier von „Verzweigungs- bzw. +Bifurkationspunkten“. „Das System tritt in eine Instabilitätsphase, in +der die bisherige Struktur des Systemprozesses auseinanderbricht +und kurzfristig eine scheinbar chaotische und völlig ungeordnete +Situation herrscht“ (Schacht 1992, S. 99). Im Sinn Morenos ist mit +dieser Unbestimmtheit die „Spontaneitätslage“ erreicht, durch die +neue, bisher fern liegende Verhaltens- und Erfahrungsmöglichkeiten +in den Horizont der Menschen treten. In unserem Beispiel: Das +Familiensystem ist durch das unerwünschte Verhalten eines Kindes +mit einer Vielzahl von sozialen Unterstützungsangeboten, z. B. der +öffentlichen Jugendhilfe, in Kontakt gekommen; es ergeben sich nun +eine +Vielzahl +von +Entwicklungsmöglichkeiten +für +alle +Familienmitglieder und das ganze Familiensystem. Die Eltern können +über eine Familientherapie lernen, sich zu entlasten, indem sie sich +nicht mehr als Ursache für das abweichende Verhalten ihres Kindes +definieren; der Sohn lernt vielleicht, seine Opposition gegen die +familiären Regeln weniger destruktiv auszudrücken; und die bisher im diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/110.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/110.md new file mode 100644 index 0000000..aeff6c2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/110.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Schatten ihres rebellischen Bruders aufgewachsene Schwester erlebt, +dass mehr Freiraum für ihre Beziehungswünsche an die Eltern +entsteht. Die Familie insgesamt entdeckt jetzt neue Formen des +Miteinanders, die vorher nicht möglich waren. +Im Bereich der „Verzweigungspunkte“ ist die Unbestimmtheit am +größten, d. h., hier sind die Prognosen über die weitere Zukunft des +Systems am unsichersten. An ihnen erhärtet sich auch die +systemisch-konstruktivistische These, dass es keine instruktive +Interaktion gibt. Welchen Weg das System einschlägt, hängt von +seiner eigenen Organisation ab. Unterstützungsangebote sind nur +dann hilfreich, wenn sie sich mit den inneren Mustern des Systems +verbinden. Im Falle unserer Familie steht die Sozialarbeiterin vielleicht +vor der schwierigen Aufgabe, die Kontrollversuche der Eltern als +Ausdruck ihrer fürsorglichen Ängste um die Zukunft des Sohnes zu +verstehen. Sie könnte dann auf seine Stärken in der +Alltagsbewältigung hinweisen, die bislang nicht in das elterliche +Blickfeld gerückt sind, und dadurch statt der Ängste Zuversicht und +Vertrauen in den Vordergrund treten lassen. +Im Modell von Prigogine ist das der Punkt, an dem neue +Strukturen herausgebildet und konsolidiert werden; das System +richtet sich in seiner neuen Ordnung ein. In unserer Beispielfamilie +werden vielleicht Regeln gefunden bzw. erfunden, die Konflikte +erlauben und den konstruktiven Umgang mit ihnen ermöglichen. +Damit ist der erste Zyklus abgeschlossen. +Ein neuer Zyklus beginnt mit der Phase der Konsolidierung der +neuen Strukturen, in der aufgrund negativen Feedbacks die +Beharrungstendenzen im Vordergrund stehen, bis der Anstieg der +„Fluktuationen“ so stark ist, dass das System in einer zweiten Phase +wieder in den Bereich der Unbestimmtheit eintritt und einen +„Verzweigungspunkt“ erreicht – usw. usw. … +Solange das System sich auf diesen Prozess einlässt, kann es sich +selbst erhalten, indem es sich weiterentwickelt. +Bezogen auf unser Beispiel, könnten Eltern und Kinder immer +wieder neue Lösungen für ihre Regelungskonflikte finden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/111.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/111.md new file mode 100644 index 0000000..bf05116 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/111.md @@ -0,0 +1,29 @@ +Das System kann aber auch in der Phase der Unbestimmtheit +auseinander fallen und sich damit selbst auflösen. In unserem +Beispiel wäre das die Trennung der Eltern. +„Spontaneität“, „Kreativität“, „Konserven“, „Erstmaligkeit“ und +„Bestätigung“ sind Begriffe aus Morenos Psychodrama (Ritscher +1998). In seinem Sinne ist der Mensch in der Lage, aus eigenem +Willen Neues zu schaffen („Kreativität“ und „Spontaneität“) und +Neues in stabile Strukturen zu überführen, um es (in Form von +„Konserven“) zu bewahren. „Kreativität“ und „Spontaneität“ gehören +also in den von Prigogine beschriebenen Bereich der Unbestimmtheit, +in dem neue Strukturen aufgebaut werden. Die „Konserve“ ist auf der +anderen Seite, im Bereich der stabilen Strukturen und ihres Erhaltes +durch „Dämpfung der Fluktuationen“, angesiedelt. Die „Erstmaligkeit“ +eines Verhaltens ist im Bereich der Konserven am geringsten, mit +dem Anstieg der „Fluktuationen“ wird Neues möglich, „Erstmaligkeit“ +also wahrscheinlicher. „Bestätigung“, also Wiederholung des +Verhaltens, ist im Bereich der Unbestimmtheit am geringsten. Neue +Strukturen bleiben zunächst diffus, und erst im Zuge ihrer +Konsolidierung gewinnen sie an Prägnanz, u. a. durch sich +wiederholende Bestätigungen. +Dieses Modell beschreibt die Entwicklung bzw. Evolution des +Systems als einen spiralförmigen Prozess, der zwischen den Polen +von Beharrung und Veränderung durch Krisen vorangetrieben wird +und eine unaufhebbare Beziehung zwischen Ordnung und Chaos +herstellt. Jede Ordnung entwickelt aus sich heraus auch Zustände des +Chaos, jedes Chaos neue Zustände der Ordnung. +Für die Entwicklung von sozialen Systemen, z. B. Familien, +definiert dieses Modell Krisen als Übergänge zwischen zwei +Zuständen, in denen Neues möglich wird. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/112.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/112.md new file mode 100644 index 0000000..0f7fd6c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/112.md @@ -0,0 +1 @@ +2.4.4 Die drei Kontextperspektiven diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/113.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/113.md new file mode 100644 index 0000000..6895059 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/113.md @@ -0,0 +1,23 @@ +2.4.4.1Kontextperspektive a: Zeit und Raum +Zeit und Raum sind spätestens seit Einsteins allgemeiner +Relativitätstheorie nicht mehr voneinander zu trennen. Sie bilden ein +vierdimensionales Koordinatensystem, innerhalb dessen sich alle +Prozesse des Lebendigen räumlich gestalten, werden und vergehen. +Wenn ich im Folgenden beide Kategorien getrennt beschreibe, +geschieht das einerseits im Interesse einer für die Darstellung +hilfreichen Reduzierung von Komplexität. Andererseits erleben wir +persönlich oft Raum und Zeit als voneinander getrennt. Wir stehen +auf einem Berggipfel und genießen das Panorama – jetzt steht die +Erfahrung des Raumes im Vordergrund; Zeit, also reale und mögliche +Veränderungen, bleibt im Hintergrund. Sie kommt vielleicht zu ihrem +Recht, wenn wir nach dem Urlaub die Bilder der Bergwanderung +unter dem Gesichtspunkt „Das war eine schöne Zeit“ betrachten. Die +von der Quantenphysik festgestellte Zusammengehörigkeit von +Raum und Zeit ist also in der aktuellen Erfahrung nicht +notwendigerweise +präsent +und +muss +eventuell +durch +Metakommunikation wiederhergestellt werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/114.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/114.md new file mode 100644 index 0000000..1c64780 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/114.md @@ -0,0 +1,36 @@ +2.4.4.1.1 Zeit +Entwicklung ist per definitionem ein zeitlicher Prozess. Soziale Zeit ist +ein Konstrukt, mit dessen Hilfe die Menschen soziale +Erlebnisabfolgen nach Unterschiedlichkeiten ordnen und dadurch +relevante Informationen für sich gewinnen. Das wichtigste +Ordnungsmuster ist die Interpunktion in Vergangenheit, Gegenwart +und Zukunft. +„Die Begriffe ‚Vergangenheit‘, ‚Gegenwart‘ und ‚Zukunft‘… +bringen die Beziehung einer Person (oder Personengruppe) zu +einer Wandlungsfolge zum Ausdruck. Nur im Bezug auf einen +Menschen, der ihn erlebt, nimmt ein bestimmter Augenblick in +einem kontinuierlichen Strom den Charakter der Gegenwart an, +gegenüber anderen den Charakter einer Vergangenheit oder +einer Zukunft. Als Symbole erlebter Zeiteinheiten repräsentieren +diese drei Ausdrücke nicht nur eine Abfolge, sondern die +gleichzeitige Präsenz der drei Zeiteinheiten in der menschlichen +Erfahrung. Man könnte sagen, dass ‚Vergangenheit‘, ‚Gegenwart‘ +und ‚Zukunft‘, obgleich drei verschiedene Worte, einen einzigen +Begriff bilden“ (Elias 1984, S. 47 f.). +Die Vergangenheit eines sozialen Systems repräsentiert sich nicht als +objektive Geschichte, sondern in „Geschichten über die Geschichte“, +also ihrer Rekonstruktion durch die im aktuellen System Handelnden. +Neben dieser möglicherweise von Erzählerin zu Erzählerin +variierenden Geschichtsschreibung gibt es eine auf das Handeln aller +Systemmitglieder +bezogene, +über +langfristige +Zeitprozesse +festgeschriebene Traditionsbildung des Systems. Geschichten über +Vorfahren, Vorstellungen von Familienehre und Pflege des ideellen +wie materiellen Erbes, Berufswahlen, Strategien zum Umgang mit +familiären Konfliktthemen und familiäre Dissidentinnen – all das und +noch vieles mehr kann intergenerational weitergegeben werden. Im +diesem Prozess der intergenerationalen Weitergabe fügen sich die +genannten Elemente zu einem mehr oder weniger offenen oder diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/115.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/115.md new file mode 100644 index 0000000..d077c23 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/115.md @@ -0,0 +1,39 @@ +geschlossenen System von Ideen zusammen – Tradition entsteht. Sie +ist über zentrale handlungsleitende, handlungsbegründende und +Sinn stiftende Ideen im aktuellen System präsent und damit auch +mitverantwortlich für die Bildung familiärer Normen und Werte. +Im systemischen Modell der Realität wird Vergangenheit auch als +Diachronie bezeichnet. Damit wird eine Beziehung betont, in der +„vorher“ und „nachher“ prozesshaft miteinander verknüpft sind. Wird +durch diesen Vergleich ein Unterschied zwischen dem „vorher“ und +„nachher“ festgelegt, steht Veränderung und damit der Aspekt des +Zeitpfeiles im Vordergrund. Wird kein Unterschied gefunden, steht +die Stabilität und damit der Aspekt des Zeitkreises im Vordergrund. +„Diese zwei Standpunkte – der eine statisch, der andere dynamisch +– können versöhnt werden, weil Stabilität und Wandel – Zeitpfeil und +Zeitkreis – sich in der Familienzeit ergänzen“ (Boscolo u. Bertrando +1994, S. 90.). +Gegenwart wird als Synchronie verstanden. Damit wird die +Gleichzeitigkeit verschiedener Ereignisse betont, die in ihrer +zirkulären Verknüpfung eine abgegrenzte gegenwärtige Ganzheit, +also ein System, bilden. +Zukünftiges Handeln ist nicht allein durch Tradition und das Hier +und Jetzt determinierbar – wenn wir menschliche und soziale +Systeme als nontrivial verstehen. Von der Zukunft her gedacht, +eröffnen sich in jeder gegenwärtigen Situation Freiheitsgrade für das +weitere Handeln und damit neue Optionen. Dank der +vorweggenommenen Zukunft werden auch neue Perspektiven auf +die Vergangenheit und damit auch das mit ihr durch Tradition +verknüpfte +gegenwärtige +Handeln +möglich. +In +der +Zukunftsdimension nehme ich die Zeit in der Zeit vorweg und kann +von dort aus mit vielen Perspektiven spielen. In diesem Sinne geht +es um die multichronische Dimension der Zeit. +Die systemische Beratung hat vor dem Hintergrund dieser Idee +das Konzept der hypothetischen Fragen entwickelt. Mit den +Sprachmustern des „Was wäre, wenn …?“, „Was wäre gewesen, +wenn …?“, „Was würde sein, wenn …?“ werden hypothetische diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/116.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/116.md new file mode 100644 index 0000000..2ae8d0e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/116.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Konstruktionen in alle Richtungen mit Handlungskonsequenzen für +das „Hier und Jetzt“ möglich. Vergangenheit, Gegenwart und +Zukunft sind also durch eine „kybernetische, selbstreflexive Schleife“ +(ebd., S. 61) ineinander verwoben. Zentraler Punkt in dieser +Schleifenbildung ist die Gegenwart als Zusammenschluss aller +aktuellen Strukturen in der Situation des Augenblicks (Synchronie). +In ihr wird die Vergangenheit retrospektiv noch einmal hergestellt; +nicht objektiv, „wie sie war“, sondern unter der Perspektive +gegenwärtiger Standpunkte und Interessen. Sie entsteht durch die +konstruierte Beziehung zwischen einem „vorher“ und einem +„nachher“ (Diachronie). Zukunft nehmen wir ebenfalls unter der +Perspektive unseres gegenwärtigen Standortes als viele mögliche +Zukünfte vorweg (Multichronie), also auch vor dem Hintergrund +unserer +gegenwärtig +rekonstruierten +Vergangenheit. +Die +gegenwärtige Vorwegnahme der Zukunft lässt sich auch als +Feedback zwischen antizipierten Möglichkeiten und gegenwärtiger +Reaktion beschreiben. Genauer formuliert, handelt es sich dann nicht +um ein Feedback, sondern um ein „Feedforward“ (ebd., S. 90). +Boscolo und Bertrando treffen eine Unterscheidung zwischen +individueller, kultureller und sozialer Zeit. In allen drei Formen +werden eigene Vorstellungen von der Zeit entwickelt. + +Individuelle Zeit: Der einzelne Mensch erlebt seine individuelle +Zeit als einen manchmal kontinuierlichen, manchmal +diskontinuierlichen, mehr langsamen oder mehr schnellen, +plötzlichen oder vorhersehbaren Wandel. Vor diesem +Hintergrund gewinnt er sein Selbstverständnis als eher +sprunghafter oder gleichmütiger, langsam oder schnell +handelnder, kurzfristig oder langfristig planender Mensch. +Treffen zwei Menschen aufeinander, verschränken sich ihre +beiden Zeitperspektiven zu einer „dyadischen Interaktionszeit“ +(Boscolo u. Bertrando 1994, S. 63). +Dieses Zusammentreffen zweier Perspektiven kann +Übereinstimmung und Beziehungsharmonie oder Konflikt und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/117.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/117.md new file mode 100644 index 0000000..e21606f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/117.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Beziehungsstörung nach sich ziehen. Denn in jeder +Zeitaussage sind Bewertungsaussagen enthalten, die Einfluss +auf den „Beziehungstanz“ nehmen. Wenn Faust im Dialog mit +Mephistopheles sagt: + +„Werd ich zum Augenblicke sagen: +Verweile doch! du bist so schön! +Dann magst du mich in Fesseln schlagen, +Dann will ich gern zugrunde gehen!“ +(Faust I, Vers 1699–1702; hier zit. nach Goethe 1962, S. 935.) +setzt er auf die das Neue hervorbringende Zukunft, die ihn +doch endlich zu der Erkenntnis dessen, „was die Welt / Im +Innersten zusammenhält“ (Faust I, Vers 382 f.; ebd., S.901), +führen möge. +Margarethe dagegen könnte sich bei der ersehnten +Begegnung mit Faust gerade dies wünschen: „Verweile doch! +du bist so schön!“, um in diesem Augenblick die gemeinsame +Liebe festzuhalten. Wie uns der Fortgang des Dramas zeigt, +werfen beide Perspektiven neue Fragen auf: Das Neue ist nicht +immer erstrebenswert, das Verharren im Augenblick garantiert +nicht den Erhalt der in ihm gewonnenen Erfahrung. +Aber beides zeigt uns, dass Zeit keine (scheinbar) +„objektive“ physikalische Gegebenheit ist. Aussagen über die +Zeit sind an die Hoffnungen und Erwartungen, Wünsche und +Ängste der jeweiligen Sprecherin und damit an ihre +Bewertungen gebunden. +Deutlich wird auch, dass diese subjektive Bewertung der Zeit +immer an den Kontext der Aussage gebunden ist. Faust geht +es um die in der Zukunft liegende höchste Erkenntnis, +Margarethe im Unterschied dazu um die Erfahrung der +absoluten Liebe. Das eine braucht den Augenblick als nicht zu +übersteigenden Höhepunkt, das andere zwingt dazu, ihn hinter +sich zu lassen. Dass Faust im Angesicht des Todes23 zu einer diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/118.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/118.md new file mode 100644 index 0000000..6467a88 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/118.md @@ -0,0 +1,31 @@ +ganz entgegengesetzten Bewertung des Augenblicks kommt, +verdankt sich ebenfalls dem thematischen Kontext. Wenn er +am Ende seines Lebens feststellen könnte, dass durch ihn die +Menschen ihre tätige Freiheit gewonnen hätten, dann sollte +dieser Augenblick ewig sein: Denn in ihm würde sich das „hohe +Glück“ erschließen und aufbewahren. +Kulturelle Zeit wird durch das gesellschaftliche Kollektiv +konstruiert und variiert von Kultur zu Kultur. Die westliche +Kultur hat z. B., ausgehend von der monotheistischen jüdischchristlichen Kultur, Zeit als eine aufsteigenden Linie des +Fortschritts definiert, an dessen Anfang das Chaos und am +Ende die Erlösung, das Paradies, die alle Ungewissheiten +beseitigende Beherrschung der Natur durch die Technik usw. +steht. Östliche Kulturen haben dagegen das Modell der +zyklischen Zeitabläufe entwickelt (siehe von Franz 1981). +Beispielhaft hierfür sind die hinduistischen und buddhistischen +Lehren von Wiedergeburt und Reinkarnation oder das +Beharren auf der Nützlichkeit unveränderlicher traditioneller +Strukturen. Der moderne westliche Menschen versteht sich als +Herrscher über seine Zeit; in ihrer Tradition verankerte +Menschen anderer Kulturkreise leben eher in den von außen +gegeben Zyklen der Zeit. Oder sie definieren Zeit wie die HopiIndianer weder zyklisch noch linear, sondern im Kontext einer +Polarität von materiellen äußeren Manifestationen und inneren +psychischen Wirklichkeiten. +„Sogar die uns selbstverständliche Unterscheidung von +Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist nichts allgemein +Anerkanntes. Die Hopi-Indianer z. B. besitzen sie in ihrer +Sprache nicht. Ihre Welt hat nur zwei Grundaspekte; das +Manifeste, welches objektiv ist, und das subjektive +Unmanifestierte. Das Manifeste ist alles Vergangene und +Gegenwärtige. Die Zukunft hingegen existiert nur subjektiv ‚im +Herzen‘, nicht nur des Menschen, sondern auch im Herzen der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/119.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/119.md new file mode 100644 index 0000000..026febf --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/119.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Natur. Es ist von intensivster Wirklichkeit. Es ist das Erhoffte, +welches wahr wird“ (von Franz 1981, S. 5). +Treffen Menschen unterschiedlicher Kulturkreise zusammen, +müssen sie, um Missverständnisse zu vermeiden, auch ihre +Zeitvorstellungen koordinieren. +Soziale Zeit „impliziert, die Zeit als ein Mittel der sozialen +Koordination anzusehen, das heißt, dass sie einen +instrumentellen Wert hat“ (Boscolo u. Bertrando 1994, S. 73; +Hervorh. im Orig.). Zeit dient hier als Uhrzeit für Absprachen, +vorab festgelegte Handlungsabfolgen, Zusammenkünfte, +Arbeitsteilung und kollektive Arbeitseinsätze; als Jahreszeit +ermöglicht sie den Kalender und dadurch langfristige +Planungen. Zeit dient auch dazu, einen Menschen als Träger +verschiedener Rollen in unterschiedlichen Kontexten zu +definieren. +„In den Städten entstand zum ersten Mal das Bedürfnis, die +Individuen in unterschiedliche Zeiten ‚aufzuteilen‘. Der +mittelalterliche Bauer war für 24 Stunden des Tages Bauer, ein +Bürger konnte jedoch bis zu einer bestimmten Uhrzeit +Handwerker sein, dann Mitglied einer Versammlung etc.“ (ebd., +S. 79). +Auch hinsichtlich der sozialen Zeit gibt es kulturelle +Unterschiede. Diese lassen sich schon innerhalb des westlichen +Kulturkreises feststellen. In bestimmten Ländern sind z. B. mit +der Uhr gemessene Verspätungen ein akzeptierter Ausdruck +der eigenen Individualität, in anderen werden sie als Verstoß +gegen die kollektive Solidarität kritisiert oder zumindest nur +widerwillig zur Kenntnis genommen. Zu diesen Konventionen +gibt es allerdings in jeder Kultur auch Gegenbewegungen. In +Michael Endes Buch Momo (Ende 1973) verweist uns die +Geschichte der Titelheldin auf den Verlust an Lebensqualität, +den uns die in den american dream verwandelte calvinistische +Ethik (Weber 1969) unter dem Motto Time is money beschert +hat. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/120.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/120.md new file mode 100644 index 0000000..206d886 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/120.md @@ -0,0 +1,4 @@ +Für psychosoziale Interventionen ist es von großer Bedeutung, diese +unterschiedlichen Formen der Zeit und ihre unterschiedliche +Interpretation zu thematisieren. Das wird z. B. ganz praktisch in der +psychosozialen Arbeit mit bikulturellen Paaren (Liebelt 2000). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/121.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/121.md new file mode 100644 index 0000000..c3a5ee8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/121.md @@ -0,0 +1,31 @@ +2.4.4.1.2 Sozialer Raum +Die Kategorie des sozialen Raumes bringt die räumliche Dimension +eines Systems und seiner Kontexte ins Spiel. +Die sozialen Umwelten sind für den Menschen als +dreidimensionale Räume wahrnehmbar. Dass diese Perspektive – wie +beim klassischen Konzept von Zeit als einem gleichförmigen Fluss +von A nach B – nur bedingte Gültigkeit hat, zeigt Einsteins +„allgemeine Relativitätstheorie“: +„Die allgemeine Relativitätstheorie schafft die klassischen +Begriffe von Raum und Zeit als absolute und unabhängige +Einheiten völlig ab. Nicht nur alle Messungen von Raum und Zeit +sind relativ und vom Bewegungszustand des Beobachters +abhängig, sondern die ganze Struktur der Raum-Zeit hängt +unauflöslich mit der Verteilung der Materie zusammen. Der +Raum ist verschieden stark gekrümmt, und die Zeit fließt an den +verschiedenen Orten des Universums mit verschiedener +Geschwindigkeit. Unsere Begriffe vom dreidimensionalen +euklidischen Raum und vom linearen Zeitverlauf beschränken +sich also auf unser alltägliches Leben, und wir müssen sie +fallenlassen, wenn wir darüber hinausgehen“ (Capra 1984, S. +179; Hervorh.: W. R.). +Im Alltag ermöglicht uns diese eingeschränkte Auffassung von Raum +und Zeit die Erfahrung von Kontinuität, Vertrautheit und +Vorhersagbarkeit. Unser Vertrauen in die Stabilität unserer +(Um-)Welt ist also eine Illusion – aber lebensnotwendig. Ohne sie +gäbe es kein Vertrauen in unsere Existenz – psychologisch +gesprochen, kein „Urvertrauen“ (Erikson 1973). +Soziale Umwelten werden als Räume erlebt, in denen sich +Menschen einen Ort suchen, erhalten, einnehmen oder zugewiesen +bekommen; sie „verorten“ sich und werden „verortet“. Diese +Verortung findet in Beziehung zu anderen Orten im Raum statt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/122.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/122.md new file mode 100644 index 0000000..4c27356 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/122.md @@ -0,0 +1,31 @@ +Das Gegensatzpaar „Nähe vs. Distanz“ benennt im sozialen Raum +die Entfernung zwischen geographischen Orten (Zwischenraum), z. +B. zwischen Wohnung und Kindergarten; metaphorisch wird damit +auch die psychische Entfernung zwischen Menschen beschrieben. +Entfernung im sozialen Raum spielt eine gewichtige Rolle im +familiären Alltag. +Nehmen wir als Beispiel die Beziehung zwischen Familie und +Kindergarten: +Wie groß ist die Entfernung zwischen beiden Orten; kann das +Kind sie allein bewältigen, oder ist es auf Begleitung +angewiesen? +Wie sicher ist der Weg hinsichtlich möglicher Gefährdungen +durch den Autoverkehr? +Kann das Kind den Weg in Gemeinschaft mit anderen Kindern +gehen, oder muss es diese Aufgabe allein bewältigen? +Die Wohnung der Familie lässt sich als sozialer Ort definieren. +Ihre Gestaltung hat eine große Bedeutung für die Gestaltung der +familiären Kommunikation: +Liegt die Wohnung in einem verkehrsreichen Stadtteil, sodass +ein freies Spiel der Kinder nur innerhalb der Wohnung und +anderer fest umgrenzter Orte (z. B. dem Kindergarten) möglich +ist? +Ist die Wohnung groß genug, um weiträumige Spiele des +Kindes zu gestatten, oder ist das nur in dem großflächigen +Kindergarten möglich? +Gibt es in der Wohnung genügend Spielmaterialien, die +Kreativität, Spontaneität und Aktionsinteresse des Kindes +anregen? +Gibt es genügend Rückzugsraum für alle Familienmitglieder, +können z. B. die älteren Kinder, ungestört durch die jüngeren, +ihre Schulaufgaben erledigen? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/123.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/123.md new file mode 100644 index 0000000..c9a8602 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/123.md @@ -0,0 +1,23 @@ +Auch das Gemeinwesen kann als sozialer Raum beschrieben werden. +Es strukturiert Wohn- und Arbeitsräume von Menschen auf +verschiedenen Ebenen: +politisch durch das Hoheitsgebiet der Gemeinde und die darin +gültigen Entscheidungen der Gemeindeorgane; +verkehrsmäßig durch das Straßen- und Wegenetz; +kulturell durch Schulen, Kindergärten, Theater, Kinos, Kneipen, +Volkshochschule, Schwimmbäder usw.; +psychosozial durch Unterstützungsangebote für Menschen in +kritischen Lebenssituationen, prophylaktische Angebote zur +Vermeidung solcher Krisen und pädagogische Angebote für die +Alltagsbewältigung; +konsumtiv +durch +Kaufhäuser, +Läden, +Banken, +Reparaturbetriebe usw. +Soziale Räume sind in Landschaften und das entsprechende Klima +eingebettet. Die Menschen der Südsee haben aufgrund anderer +klimatischer und landschaftlicher Lebensumstände ihre Lebensräume +anders gestaltet als die Eskimos, was auch zu einem anderen +Denken führt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/124.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/124.md new file mode 100644 index 0000000..2c14b75 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/124.md @@ -0,0 +1,33 @@ +2.4.4.2Kontextperspektive b: Menschenbild und Ethik +Jede Wahrnehmung, jede Theoriebildung und jede psychosoziale +Intervention ist mit einem bestimmten Menschenbild und einer damit +verbundenen ethischen Konzeption des professionell handelnden +Menschen verknüpft. Insofern muss die Beschreibung eines +sozialwissenschaftlich fundierten Modells sozialer Systeme diese +beiden Perspektiven näher bestimmen. +Im systemischen Modell wird der Mensch primär als +Beziehungswesen verstanden. Er tritt in den Austausch mit +seiner äußeren natürlichen Umwelt (der ersten Natur); er +schafft sich soziale Systeme zur Organisation von +Arbeitsteilung, Kooperation und Kommunikation; und er tritt +mithilfe der anderen in Beziehung zu sich selbst. Er ist zugleich +ein gesellschaftliches, symbolisches, zeitliches und endliches, +sozialräumlich orientiertes, leibliches und geschlechtliches, +lebenspraktisch planendes und handelndes, auf seine +Verantwortung verwiesenes und letztlich nicht von außen +determinierbares Wesen. All diese Bestimmungen finden sich +auch als Bestimmungen der von ihm organisierten sozialen +Systeme wieder.24 +Jedem Menschenbild ist eine implizite oder explizite Ethik +zugeordnet. Die vom einzelnen Menschen vertretene Ethik +enthält persönlich reflektierte, für das eigene Handeln +relevante moralische Prinzipien. Ethik lässt sich nur in Bezug +auf die sozial anderen bestimmen. Diese werden dabei trotz +aller Unterschiedlichkeit als ein gleichwertiges Gegenüber +gesetzt. Insofern lebt jede Ethik von einer Vorentscheidung, +nämlich der prinzipiellen Anerkennung des anderen. Ethik ist +auch in der therapeutischen Diskussion der letzten Jahre +immer wichtiger geworden. Die Ethik der systemischen Arbeit +basiert auf Grundsätzen, die sich alle als Konsequenz einer +rekonstruktivistischen Erkenntnistheorie auffassen lassen. +Hierzu zählen der Abschied von Objektivitätsansprüchen und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/125.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/125.md new file mode 100644 index 0000000..c4864dc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/125.md @@ -0,0 +1,11 @@ +Dogmatismus, die Toleranz für Unterschiedlichkeit, das +Interesse an einer dialogischen Beschreibung und Erkenntnis +von Wirklichkeiten, die soziale Verantwortung für die +Konsequenzen des eigenen Denkens und Handelns und das +Interesse an der Erhöhung des Freiheitsgrades menschlicher +Praxis durch die Entwicklung alternativer Handlungsoptionen.25 +2.4.4.3Kontextperspektive c: Gesellschaft – Arbeit, +Herrschaft und Sprache +Diese Perspektive und ihre Konsequenzen für das professionelle +psychosoziale Handeln werden im dritten Kapitel ausführlich +dargestellt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/126.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/126.md new file mode 100644 index 0000000..9b7d14b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/126.md @@ -0,0 +1,40 @@ +Anmerkungen +1 Konstrukte, genauer: hypothetische Konstrukte haben in der +Wissenschaftsmethodologie +den +Status +eines +allgemeinen +theoretischen Begriffs, der durch empirische Beobachtungen gebildet +und durch von ihm geleitete Beobachtungen überprüft werden kann: +„Einerseits ist ein hypothetisches Konstrukt verankert in stets +mehreren +beobachtbaren +bzw. +meßbaren +empirischen +Sachverhalten; andererseits verleiht das Konstrukt diesen +Sachverhalten ihre ‚konstrukt-spezifische‘ Bedeutung“ (Herrmann +1969, S. 33); zum Konstruktivismus als Konzept empirischer +Forschung siehe Holzkamp (1968). +2 Siehe Capra (1996, S. 29); man könnte aber auch vor dem +Hintergrund des bisher Gesagten die Doppelnennung ökologischsystemisch rechtfertigen. Ich verzichte darauf meistens um der +Einfachheit des Textes willen, verweise aber ausdrücklich auf die +große Bedeutung dieser ökologischen Gesichtspunkte im +Systembegriff. +3 Wir bezeichnen sie als „Naturkatastrophen“ und verwischen damit +den Anteil des Menschen an ihnen. +4 „Er (von Bertalanffy; W. R.) prägte den Begriff ‚Fließgleichgewicht‘, +um das Miteinander von Gleichgewicht und Fließen, von Struktur und +Veränderung in allen Lebensformen zum Ausdruck zu bringen“ +(Capra 1996, S. 203). +5 „Fluktuation/Dissipative Strukturen – ein Begriff, den I. Prigogine +… zur Erklärung der spontanen Bildung von Strukturen in offenen +Systemen benutzte. Er beschreibt, wie aus Abweichungen von einem +relativ stabilen Gleichgewichtszustand unter Energieverbrauch neue +Organisationsformen (dissipative Strukturen) entstehen. Auf +Familiensysteme angewandt … verdeutlicht er, daß gerade die +zufälligen Abweichungen vom Ausgangszustand der wesentliche +strukturierende Faktor ist. Somit stellt sich Ungleichgewicht als +Quelle von Ordnung und Organisation bzw. als ‚Ordnung durch +Fluktuation‘ (Prigogine 1976) dar. Fluktuationen in diesem Sinne sind diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/127.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/127.md new file mode 100644 index 0000000..564c6e2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/127.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Abweichungen vom Gleichgewichtszustand, die durch positive +Rückkoppelung zur fortschreitenden Selbstorganisation führen“ +(Simon u. Stierlin 1984, S. 119 f.). +6 „Die präzise mathematische Form dieser Relation zwischen den +Unsicherheiten von Aufenthaltsort und Impuls kennen wir als die +Heisenbergsche Unschärferelation oder das Unsicherheitsprinzip. Es +bedeutet, daß wir in der subatomaren Welt niemals sowohl +Aufenthaltsort als auch Impuls eines Teilchens gleichzeitig mit großer +Genauigkeit erfahren können. Je besser wir den Aufenthaltsort +feststellen, um so unschärfer wird sein Impuls, und umgekehrt. Wir +können uns für die genaue Messung einer der beiden Größen +entscheiden, die andere bleibt uns verborgen“ (Capra 1984, S. 158). +7 Ich verwende diesen Begriff anstelle des klassischen Begriffs der +Klienten/Klientinnen (zur Begründung siehe 5.4.2.1). Da im +systemischen Modell auch die Unterscheidung zwischen Therapie, +Beratung, Sozialarbeit brüchig wird, wäre es hilfreich, einen +einheitlichen Begriff für die in allen drei Bereichen arbeitenden +Professionellen zu finden, z. B. systemische Helferin oder +Psychosozialarbeiterin. +Da +diese +Begriffe +sprachästhetisch +unzumutbar sind, werde ich im weiteren Verlauf die Begriffe +Therapeutin, Beraterin, Sozialarbeiterin gleichbedeutend verwenden, +und zwar für Professionelle, die im Kontext eines Unterstützungsbzw. Hilfesystems auf der Basis systemischer Theoriemodelle und +der entsprechenden Methoden arbeiten. +8 Im Kontext des personenzentrierten Ansatzes hat Rogers hierfür +die drei zu realisierenden Therapeutinnenvariablen „einfühlendes +Verstehen“, „emotionale Zuwendung“ und „Echtheit“ formuliert +(siehe Bommert 1987). +9 Selbst im Kontext der Konzentrationslager des „Dritten Reiches“ – +des Paradigmas totalitärer Organisationsformen – war das Verhalten +der Häftlinge nicht vollständig determinierbar. Zwar gelang dies der +SS bei den meisten ihrer Opfer, es gab aber immer wieder +Menschen, die sich durch eigene Ressourcen (z. B. gute Beziehung diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/128.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/128.md new file mode 100644 index 0000000..d22feb4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/128.md @@ -0,0 +1,32 @@ +zu Mithäftlingen in Funktionsstellen, Kenntnisse der deutschen +Sprache, musikalische Begabungen) der totalen Kontrolle entziehen, +ihr Überleben und ihre Menschlichkeit sichern konnten (siehe Levi +1988). +10 Contingere hat im Lat. die Bedeutung von „berühren“. +11 „Ohne Kontext haben Worte und Handlungen überhaupt keine +Bedeutung. Das gilt nicht nur für die menschliche Kommunikation +mit Worten, sondern für alle Kommunikation schlechthin, für alle +geistigen Prozesse, für jeglichen Geist, den eingeschlossen, der einer +Seeanemone (mitteilt), wie man wächst, und der Amöbe, was sie als +nächstes tun soll … Was ist ein Elefantenrüssel? … Wie Sie wissen, +lautet die Antwort, daß der Rüssel des Elefanten seine ‚Nase‘ ist. +(Selbst Kipling wußte das!) Und ich setze das Wort ‚Nase‘ in +Anführungszeichen, weil der Rüssel durch einen inneren +Kommunikationsprozeß im Wachstum definiert wurde. Der Rüssel ist +aufgrund eines Kommunikationsprozesses eine Nase: Es ist der +Kontext des Rüssels, der ihn als eine Nase identifiziert. Was +zwischen zwei Augen und oberhalb des Mundes steht, ist eine ‚Nase‘, +und damit hat es sich“ (Bateson 1982, S. 25 f.). +12 An diesen Artikel von Körner und Zygowski in Psychologie Heute +schloss sich in den darauf folgenden Heften eine lebhafte, sich um +die Werteorientierung der systemischen Familientherapie drehende +Diskussion an. +13 Die Attribute „positiv“ und „negativ“ sind nicht wertend zu +verstehen. +14 Zeichen enthalten im Unterschied dazu einen klar definierten +Inhalt; Bezeichnetes (Signifikat) und Bezeichnendes (Signifikant) +stehen hier in einer Eins-zu-eins-Beziehung. +15 „Die Karte ist nicht das Territorium, und der Name ist nicht die +benannte Sache“; wir verspeisen nicht das Kochrezept, sondern den +Braten. Darauf verwies Bateson immer wieder unter Bezug auf Alfred +Korzybski (Bateson 1982, S. 40). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/129.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/129.md new file mode 100644 index 0000000..b25425e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/129.md @@ -0,0 +1,37 @@ +16 Watzlawick et al. unterscheiden digitale und analoge Formen der +Kommunikation. Digitale Kommunikation steht unter dem Prinzip der +Eindeutigkeit, analoge Kommunikation – also die Welt der Symbole – +unter dem der Mehrdeutigkeit (Watzlawick et al. 1972, S. 61 ff.). +17 Die Formulierungen und grafischen Darstellungen Satirs +verführen dazu, die fünf Kommunikationsformen als individualisierte +Charakterdarstellungen zu verstehen. Das würde aber der dieser +Arbeit zugrunde liegenden Perspektive zuwiderlaufen. Ich spreche +deshalb bewusst von Kommunikationsformen und nicht vom Typ des +„Anklägers“, „Beschwichtigers“, „Rationalisierers“ oder „Ablenkers“. +18 Ab August 2001 können schwule und lesbische Paare ihre +Lebensgemeinschaft rechtlich institutionalisieren. Die neue Regelung +sichert zwar noch keine vollständige Gleichheit, aber ein erhebliches +Maß an Rechten für diese gesellschaftliche Minderheit. +19 „Der Begriff der strukturellen Koppelung bezeichnet ein Verhältnis +der Gleichzeitigkeit, also kein Kausalverhältnis“ (Luhmann 1998, S. +33). Luhmann verweist darauf, dass zwei „psychische Systeme“, also +zwei Menschen, nur miteinander kommunizieren und damit +gegenseitig Umwelt füreinander werden können, wenn ihre +Wahrnehmungsmuster „Antennen“ für die spezifische Sprache des +jeweils anderen besitzen bzw. entwickeln können. +20 Rolf Huschke-Rhein macht darauf aufmerksam, dass die +Autopoiesistheorie und der mit ihr verknüpfte „Radikale +Konstruktivismus“ unter pragmatischer Perspektive hilfreich für den +Kontext von Therapie und Beratung sein können. Hier geht es +darum, die „Selbstthematisierung“ so wenig wie möglich zu +behindern, also ein Höchstmaß an Freiheit kontextuell zu sichern. In +pädagogischen Kontexten ist eine solche Theorie problematischer. +Dort spiegelt sie die zum Überlebensproblem dieser Gesellschaft +gewordenen +Ohnmachtsgefühle +von +Eltern, +Lehrerinnen, +Erzieherinnen, Sozialarbeiterinnen (und vielleicht auch einiger +selbstkritischer Politikerinnen) wider, ohne Alternativen aufzuzeigen. +„Der noble Verzicht auf Außensteuerung autopoietischer Systeme, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/130.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/130.md new file mode 100644 index 0000000..77e2d32 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/130.md @@ -0,0 +1,25 @@ +wie ihn Pädagogen (und Therapeuten) als der Erziehungsweisheit +letzter Schluß heute formulieren, wäre so gesehen gar keine +zukunftsweisende Einstellung, sondern nur das Eingeständnis einer +systembedingten Ohmacht, weil die ihnen anvertrauten Subsysteme +‚Kinder‘ ohnehin unter den gegenwärtigen soziokulturellen +Bedingungen nicht mehr steuerbar sind, jedenfalls nicht auf die +traditionelle autoritäre Weise: Die Not der Nichtsteuerbarkeit wird +dabei bloß zur pädagogischen Tugend umstilisiert. Und während das +Nichtsteuern für Therapeuten nach wie vor eine lohnende, weil +effektive Strategie zu sein scheint, wäre es für die Pädagogen der +Weg in das Nullbockland. Das ganze Problem wäre also, unter +historisch-pädagogischer Perspektive, umzuformulieren in die +Fragestellung, wie denn Pädagogen die übermäßige Komplexität +heute steuern können“ (Huschke-Rhein 1989, S. 90). +21 Zu den Begriffen „Assimilation“ und „Akkommodation“ siehe +3.2.1. +22 Zu Hegels Begriff der „Aufhebung“ siehe Bloch (1972, s. 121 ff.). +23 Faust II, V. Akt, siehe ab Vers 11559; die Verse 11585 f. lauten: +„Im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Genieß’ ich jetzt den +höchsten Augenblick.“ +24 Zur Erläuterung des systemischen Menschenbildes und seiner +einzelnen Bestimmungen siehe Ritscher (1996, S. 316 ff.). +25 Zur detaillierteren Beschreibung der systemischen Ethik und ihrer +Konsequenzen für die systemische Arbeit siehe Ritscher (1998, S. +319 ff.). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/131.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/131.md new file mode 100644 index 0000000..e62f960 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/131.md @@ -0,0 +1,3 @@ +3 +Soziale Kontexte der systemischen Arbeit mit +Familien diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/132.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/132.md new file mode 100644 index 0000000..e233514 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/132.md @@ -0,0 +1,31 @@ +3.1 + +Das ökosoziale Modell der Systemebenen +von Uri Bronfenbrenner im Überblick + +Uri Bronfenbrenner, ein US-amerikanischer Entwicklungspsychologe, +hat ein Modell entwickelt, in dem unterschiedliche soziale Systeme als +Teile eines übergeordneten Ganzen miteinander in Beziehung +gebracht werden. Er unterscheidet „Mikro-, Meso-, Exo- und +Makrosysteme“. Ich habe zusätzlich das in diesen Systemen +handelnde und sie zugleich beobachtende Subjekt als eigenes +Subjektsystem eingeführt. Zugleich sind in Abbildung 16 einzelne +sozialwissenschaftliche Bereiche genannt, die sich mit den +entsprechenden Systemen befassen. Die in und mit ihnen handelnde +Sozialarbeiterin kann deren Modelle und Theorien für ihre +Beobachtungen, Theoriebildungen und Interventionen nutzen. +Die Sozialisationssysteme Familie, Schule, Kindergarten und +Betrieb können durch dieses Modells miteinander und mit für sie +bedeutsamen anderen Systemen der Gesamtgesellschaft in +Verbindung gebracht werden. Ausgangspunkt ist dabei immer eine +Person, von der ausgehend die Beziehungen zwischen den Systemen +beschrieben werden. Bei Bronfenbrenner war dies das Kind in einer +Familie, das von vornherein als Person in Beziehung zu und nicht als +Individuum für sich verstanden wird. Wir können für andere +Zusammenhänge auch andere Personen bzw. Rollenträgerinnen als +Ausgangspunkt der ökosystemischen Modellkonstruktion wählen, z. B. +einen arbeitslosen erwachsenen Menschen, eine allein erziehende +Mutter, die Lehrerin eines in der Schule auffälligen Kindes. Diese +Person ist als Trägerin gesellschaftlich zugewiesener Rollen +verstehbar und zugleich als ein in soziale Kontexte eingebettetes +psychosomatisches System. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/133.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/133.md new file mode 100644 index 0000000..28ba8a2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/133.md @@ -0,0 +1,25 @@ +3.2 + +Die einzelnen Systemebenen + +Die im Folgenden dargestellten fünf Systemebenen werden auf einer +aufsteigenden Linie angeordnet, die vom Subjekt- zum Makrosystem +führt. Dadurch entsteht aber keine lineare Hierarchie, sondern eine +Rückkoppelungsbeziehung zwischen allen Systemebenen (vgl. +2.4.3.2.3.5). +Durch +die +implikativen +und +kontextuellen +Rückkoppelungen zwischen verschiedenen Systemebenen wird die +Hierarchie der fünf Systemebenen veränderbar. Das gilt rein formal, +wenn z. B. das Mikrosystem Familie zum Kontext des Mikrosystems +Schule oder des Exosystems Jugendamt werden kann, indem sie als +zu unterstützendes System in deren Aufmerksamkeitsfokus rückt. +Dies gilt aber auch im Hinblick auf Wertbestimmungen: Neue +Rollenverteilungen in der Familie (Mikrosystem) können die Politik +(Exosystem) zur Neuformulierung bisheriger Gesetze zwingen. Je +nach Standort der Beobachterin, ihrer Perspektive und der aktuellen +Ausprägung der implikativen und kontextuellen Kräfte sind also +unterschiedliche Vorrangstellungen möglich. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/134.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/134.md new file mode 100644 index 0000000..aa7656e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/134.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Abb. 16: Das ökosoziale Modell der Systemebenen und ihre +Beobachterin diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/135.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/135.md new file mode 100644 index 0000000..18ef2bd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/135.md @@ -0,0 +1,38 @@ +3.2.1 Das Subjekt als psychosomatisches soziales System +Spezifische kommunikative Erfahrungen werden vom Subjekt im +Kontext mikrosystemischer Kommunikationsprozesse zu inneren +Schemata (Handlungsplänen, Kommunikations-, Wahrnehmungs- und +Erkenntnismustern) +und +Bildern +(Metaphern, +Symbolen, +Vorstellungen) umgestaltet bzw. in schon vorhandene integriert. Die +Psychoanalyse und auf sie zurückgreifende Sozialisationstheorien +(Brenner 1970; Habermas 1968) sprechen in diesem Zusammenhang +von „Internalisierung“. Dabei ist es wichtig, die aktive Eigenleistung +bei der verändernden Umgestaltung erlebter sozialer Situationen zu +inneren Mustern und Bildern zu betonen. Den Begriff des Schemas +entnehme ich der strukturellen Entwicklungspsychologie von Jean +Piaget (siehe Furth 1972). Luc Ciompi hat das rein kognitive Konzept +von Piaget in den Bereich des Emotionalen ausgedehnt und spricht +von „kognitiv-affektiven Schemata“; den Prozess ihrer Bildung und +Ausweitung nennt er „Affektlogik“ (Ciompi 1982). +Die Schemata entwickeln sich durch die von Piaget erforschten +Prozesse der „Assimilation“, „Akkommodation“ und „Äquilibration“ (z. +B. Piaget 1976). „Assimilation“ meint die Einpassung von +Umweltinformationen in die kognitiv-affektiven Schemata des +Subjekts, „Akkommodation“ die Veränderung der kognitiv-affektiven +Schemata durch die nicht mehr nahtlos einzupassenden neuen +Informationen über die Umwelt. Durch beide Prozesse wird das +System aus seinem bisherigen Gleichgewicht gebracht. Durch eine +innere Umstrukturierung werden die bisherigen Schemata so +differenziert und umgestaltet, dass ein neues Gleichgewicht auf +höherer Ebene entsteht. Dieses bezeichnet Piaget als „Äquilibration“. +Nun beginnt ein neuer Zyklus, indem durch erneute wechselseitige +Assimilation und Akkommodation das Gleichgewicht gestört wird. Das +macht neue interne Umstrukturierungen mit dem Ziel einer neuen +Balance auf höherer Ebene (erneute Äquilibration) erforderlich. +Solange Entwicklung besteht, wird dieser dialektisch-systemische +Prozess der zunehmenden inneren Differenzierung weitergehen. +Dieser führt zugleich zu immer differenzierteren Möglichkeiten des diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/136.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/136.md new file mode 100644 index 0000000..ae5b5ec --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/136.md @@ -0,0 +1,40 @@ +Subjekts, mit seinen Umwelten in Beziehung zu treten und dabei +diese wie auch sich selbst zu verändern. Denken, Fühlen und Handeln +gehören zusammen; deshalb bleibt es nicht aus, dass Assimilation +nicht nur eine kognitiv-affektive Anpassung der Umwelt an das +Subjekt, sondern zugleich eine Umgestaltung der Umwelt durch das +Subjekt mit sich bringt. Umgekehrt bedeutet Akkommodation nicht +nur eine kognitiv-affektive Anpassung des Subjekts an die Umwelt, +sondern seine Veränderung. +Durch die Schemabildung und die damit erfolgende innere psychische +Strukturierung wird eine Grenzziehung zu den äußeren Kontexten +möglich. Darüber hinaus ermöglicht das Subjekt durch die eigene +Differenzierung +und +Selbstdarstellung +seinen +Interaktionspartnerinnen deren persönliche innere Differenzierung +und Grenzbildung. Auch hier gilt die Grundstruktur der hegelianischen +Dialektik: Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen (Stierlin 1972). +Innere Differenzierung und Grenzbildung sind nur als wechselseitiger +intersubjektiver +Prozess +vorstellbar. +Die +kognitiv-affektive +Individuation des Kindes geht schon am Anfang seines Lebens einher +mit der sich weiterentwickelnden kognitiv-affektiven Individuation der +Eltern. Stierlin spricht von der „bezogenen Individuation“ (Stierlin +1977); dieses Konzept lässt sich durch die komplementäre Struktur +der „bezogenen Separation“ (Ritscher 1998) ergänzen. +Durch diesen wechselseitigen lebenslangen Prozess der inneren +Differenzierung und Grenzziehung definiert sich jeder Mensch als +einzigartiger Begründer seiner Erfahrungen und Erkenntnisse, d. h. +als Subjekt. Es empfindet sich anders als alle anderen – und doch +bilden +die +durch +wechselseitige +intersubjektive +Prozesse +entstehenden sozialen Einflüsse die Basis seiner Einzigartigkeit. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/137.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/137.md new file mode 100644 index 0000000..879595f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/137.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Abb. 17: Das Subjektsystem +Im Folgenden beschreibe ich den Menschen modellhaft als mit seiner +Umwelt unentrinnbar verbundenes Subjekt. Seine Beziehungen zur diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/138.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/138.md new file mode 100644 index 0000000..2dd19f8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/138.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Umwelt finden über Wahrnehmungsprozesse statt, die durch seine +inneren kognitiv-affektiven Schemata vorstrukturiert und als +Gedächtnisinhalte in diese Schemata integriert werden. Über die +Schemata werden die mit der inneren und äußeren Wahrnehmung +verknüpften Denk-, Fühl- und Handlungsprozesse zirkulär gesteuert. +Ein zentrales Schema, das hierbei immer beteiligt ist, lässt sich als +Selbstbild bzw. Konzept der eigenen Identität definieren. Es +ermöglicht die Aussage „ICH denke, fühle, handle, sehe, schmecke … +im Unterschied zu allen anderen Menschen“. Die Schemata lassen +sich auch neuropsychologisch als neuronale Netze, die Prozesse der +Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens und Handelns als neuronale +Bewegungen verstehen (siehe Dörner 1999). +Das Stichwort neuronales Netz bringt uns zum zweiten Aspekt des +Subjekts. Der Mensch ist ein leibliches Wesen, d. h., alle psychischen +Prozesse haben ihr körperliches Korrelat; umgekehrt gilt das Gleiche. +Es gibt also keine einseitige Ursache-Wirkungs-Beziehung zwischen +Seele/Geist (psyche) und Körper (soma), sondern zirkuläre +Verknüpfungen. Der diagnostische und therapeutische Einstieg in +diese Verknüpfungen ist eine Interpunktion des Prozesses und keine +objektive Benennung einer Ursache bzw. eines Anfangs. +Die körperliche Seite der innerpsychischen Erlebnis- und +Wahrnehmungswelt wird oft zu wenig beachtet. In der systemischen +Kommunikationstheorie und Familientherapie wurde von Anfang an +die Körpersprache als Kommentator der verbalen Sprache betont +(Watzlawick et al. 1972; Satir 1989; Bandler et al. 1978). Den Aspekt +der Verbindung von psychischer und körperlicher Selbstwahrnehmung +haben vor allem Gestalttherapie (Polster u. Polster 1975; Perls 1974) +und Bioenergetik (Keleman 1980; Lowen 1979) herausgearbeitet. In +der initiatischen Therapie Karlfried Graf Dürckheims (Dürckheim +1976; Wehr 1996) ist der Körper als „Leib“ der Kontext aller geistigen +Prozesse. +Mithilfe +der +im +Zen-Buddhismus +entwickelten +Meditationsübungen wird er zugleich zum Ausgangspunkt seiner +momenthaften spirituellen Überwindung. Der meditierende Mensch +erfährt sich in diesen „höheren Bewusstseinszuständen“ (Tart 1975) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/139.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/139.md new file mode 100644 index 0000000..87d42e7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/139.md @@ -0,0 +1,34 @@ +als Teil der kosmischen Einheit. Er überschreitet die Begrenzungen +seines Ego, das ihn auf Neid, Eifersucht, Macht-Ohnmacht-Fantasien +und Situationen des verletzten Stolzes fixiert. Sein Selbstwert +begründet sich nun durch die Zugehörigkeit zum Ganzen und nicht +durch die Konkurrenz mit den sozialen anderen. Damit kann er sich +von der Fixierung auf biografische Kränkungen verabschieden, die ihn +in Krankheiten erstarren lassen. Der allererste Ausgangspunkt dieser +Heilungsprozesse ist paradoxerweise die Möglichkeit, sich selbst als +Leib zu erfahren und in der Aussage „Ich bin“ die Verankerung des +Ich im eigenen Körper zu erfahren. Dieser Weg wurde schon von +Schopenhauer, dem großen Antipoden Hegels, in seinem Hauptwerk +Die Welt als Wille und Vorstellung begangen: Nur durch die Erfahrung +des Leibes können wir uns als reale Wesen in einer realen Welt +finden.1 Und das ist der Ausgangspunkt aller kognitiven +Wirklichkeitskonstruktionen bzw. Rekonstruktionen, wie sie im +Folgenden beschrieben werden. +Die kognitiv-affektiven Schemata integrieren Denk- und +Gefühlsinhalte zu Gestalten. Dieses Konzept betont den nicht +hintergehbaren Zusammenhang des Denkens und Fühlens: Es gibt +keinen Gedanken ohne ein ihn begleitendes Gefühl und umgekehrt. +Sie sind die Ergebnisse von Wahrnehmungsprozessen und zugleich +ihre Bedingung, denn ohne sie könnte die Fokussierung der +Aufmerksamkeit („Af“ in Abb. 17) auf sich anbietende Botschaften der +inneren (psychischen) oder äußeren (biosozialen) Umwelt nicht +stattfinden. +Ein Beispiel für eine Schemaentwicklung aus der eigenen +Erfahrung: Ich möchte eine Wanderung machen und habe mir auf +einer Karte verschiedene Wege ausgesucht, die alle zum gleichen +Gipfel führen. Die Karte ist ziemlich alt und ungenau. Wahrscheinlich +gibt es inzwischen auch andere Wegführungen – denke ich. Ich gehe +entsprechend der Karte durch das betreffende Dorf, um an dessen +Ende den Einstieg in den Wanderpfad zu finden. Die Pflasterstraße +endet, und nun beginnt ein Fußweg; ich bin sicher, dass er mich zum +Ziel führt. Nach ca. 20 Minuten Fußmarsch verliert sich der Weg im diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/140.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/140.md new file mode 100644 index 0000000..602644a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/140.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Gestrüpp; es geht nicht weiter. Ich bin also einen Weg gegangen, der +auf der Karte nicht eingezeichnet war. Ich kehre zum Anfang des +Fußpfades am Dorfrand zurück und versuche, mich an der +vorhandenen Karte zu orientieren. Ich laufe am Ortsrand entlang in +der Hoffung, an einer anderen Stelle den Einstieg zu finden. Über +mehrere Straßen gelange ich wieder zum Dorfrand und finde einen +Weg, der in die freie Landschaft hinausführt. Aber auch er verliert +sich dort nach einer kurzen Wegstrecke. Kurz vor dem Ende der +Dorfstraße war mir noch eine Abzweigung aufgefallen, der auch aus +dem Dorf hinauszuführen schien. Ich gehe wieder zurück und wähle +jetzt diese Möglichkeit; dabei entdecke ich einen kleinen Wegweiser, +der anzeigt, dass ich auf der richtigen Strecke bin. Bei einem +erneuten Blick auf die Wanderkarte entdecke ich diesen Weg und +bemerke, dass ich bei den beiden ersten Versuchen der Dorfstraße zu +kurz bzw. zu lange gefolgt bin; d. h., ich habe die Karte nicht genau +genug studiert und zur Grundlage meines eigenen Handelns +gemacht. Dem gefundenen Pfad folge ich nun bis zum Gipfel. +Im Zuge dieses Versuch-und-Irrtum-Spiels entstand in meinem +Kopf – ausgehend von der Wanderkarte – ein neuer Plan bezüglich +der Straßen am Dorfrand, verschiedener Einstiege und Wege, von +denen einer zu dem gewählten Ziel führt. Dieser Plan wird dazu +führen, dass ich mich bei einem erneuten Versuch planvoll dem +gewünschten Einstieg nähern werde. Es ist also ein konkretes +Schema entstanden, das zugleich ein Handlungsplan ist. Es +differenziert das anfangs durch die Wanderkarte gebildete und wird +zugleich in ein größeres, abstrakteres Schema integriert: das innere +Muster der Landkarte und eine Orientierung an den dadurch +aufgezeigten Wegen. Bei einer Wanderung in einer anderen +Landschaft gibt es jetzt die Möglichkeit, die mitgeführte Karte +genauer zu lesen, d. h., aus ihr in Verbindung mit der konkreten +Landschaft ein neues Schema zu konstruieren. Das macht ein +Versuch-und-Irrtum-Spiel überflüssig und ermöglicht plan- bzw. +einsichtsvolles Handeln in der konkreten Subjekt-Umwelt-Situation. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/141.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/141.md new file mode 100644 index 0000000..32efa96 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/141.md @@ -0,0 +1,47 @@ +Ich komme zu den Botschaften der Umwelt an das +wahrnehmende Subjekt zurück. Diese lassen sich in verschiedene +Formen einteilen: taktil (Empfindungen der Haut), visuell (sehen), +auditiv (hören), olfaktorisch (riechen) und gustatorisch (schmecken). +(Die taktilen, olfaktorischen und gustatorischen Reize gehören zu +dem +unter +2.4.3.2.2.2.4 +dargestellten +„kinästhetischen +Repräsentationssystem“ bzw. „Kommunikationskanal“.) Wird der +Reizschutz (in dem Schaubild als Mütze dargestellt) durch die +Kombination von psychischer Aufmerksamkeit und Reizstärke +überwunden, werden die wahrgenommenen Botschaften ein Teil des +Ultrakurzzeitgedächtnisses (UKZG); dessen Begrenzung liegt bei 20 +Sekunden. Werden die neuronalen Impulse innerhalb von 20 +Sekunden durch die Aktivierung eines oder mehrerer schon +vorhandener Schemata verstärkt und damit als bedeutsam erkannt, +werden sie diesen zugeordnet und treten als dessen Teil in den +Bereich des Kurzzeitgedächtnisses (KZG) ein. Diese aktivierenden +Schemata werden von der empirischen Persönlichkeitspsychologie als +Motive beschrieben (Hermann 1969). Die Psychoanalyse versteht sie +als zumeist unbewusste Fantasien, Bilder im Kontext von Wunsch und +Angst, die sich mit wahrgenommenen Anregungen der Umwelt +verbinden. In dieser Kombination entstehen durch das „Es“ geleitete +Handlungen, die auch die Qualität von Symptomen oder +Fehlleistungen haben können (Freud 1969a). Gelangt die Botschaft +durch neuronale Impulse in das Kurzzeitgedächtnis, kann eine +erneute Aktivierung von Schemata und damit ihre Verstärkung +erfolgen. Die dadurch mögliche Integration in ein schon vorhandenes +Schema bzw. die Bildung eines neuen ermöglicht die Verbindung mit +schon Gewusstem, das dadurch eine Erweiterung bzw. eine neue +Gestalt gewinnt. Alles, was 20 Minuten lang im Aufmerksamkeitsfokus +des wahrnehmenden Subjektes bleibt, wird als Schema in das +Langzeitgedächtnis +(LZG) +übernommen. +Die +Muster +des +Langzeitgedächtnisses +sind +biochemisch +materialisiert; +das +Ultrakurzzeit- und das Kurzzeitgedächtnis verbleiben im Status leicht +vergänglicher neuronaler Prozesse. Die Materialisierung ermöglicht diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/142.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/142.md new file mode 100644 index 0000000..6b3330e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/142.md @@ -0,0 +1,40 @@ +die langfristige psychische Präsenz der durch die beschriebenen +Prozesse verwandelten Botschaften.2 +Die kognitiv-affektiven Schemata setzen sich aus den +Komponenten des Denkens und Fühlens zusammen. Im Bereich des +Denkens handelt es sich um untereinander verknüpfte benennbare +Gedanken, +übergeordnete +Ideen/Überzeugungen/Einstellungen, +symbolbestimmte innere Bilder und Vorstellungen. Im Bereich des +Fühlens lassen sich Empfindungen als unmittelbare sinnliche +Wahrnehmungen, Gefühle als benennbare Empfindungen und Affekte +als handlungsleitende Gefühle unterscheiden. Mittels des +beobachtbaren Handelns verbindet sich das Subjekt mit der äußeren +Umwelt. Dadurch wird es selbst zum Autor von Botschaften für +andere Menschen, mit denen es eine soziale Situation herstellt und +teilt. Diese antworten spiegelbildlich mit den gleichen Prozeduren, die +ich soeben beschrieben habe. Es gibt also zwei Aktivitätsschleifen, +durch die das Subjekt zirkulär mit seinen Umwelten verknüpft ist. +Zum einen ist das die Aufmerksamkeitsfokussierung auf äußere und +innere Quellen der angebotenen Botschaften; zum anderen sind es +die Handlungen als Folge der beschriebenen Integration von +Botschaften in vorhandene bzw. die Bildung neuer Schemata. Dieses +gesamte System der Verwandlung der von außen und innen +kommenden Botschaften in für jeden Menschen spezifische Schemata +und ihre Inhalte lässt sich auch als das psychische System eines +Menschen bezeichnen. Die Haut markiert seine Grenze, also die +psychosomatische Grenze, zwischen dem Innen und dem Außen des +Menschen. Als „Handschuh der Seele“ (Molcho 1983, S. 20) gibt sie +ihm durch vielfältige taktile Rückmeldungen Informationen über die +eigene psychische Befindlichkeit. Das psychische System, seine +Grenzziehung zu den äußeren Umwelten und die für jeden Menschen +spezifische +körperliche +Erscheinung +garantiert +seine +unverwechselbare Eigenheit und damit auch den „Eigensinn“ +(Thiersch 1992) seiner Handlungen. +In der Kombination aller Schemata und einer kognitiv, +gefühlsmäßig und leiblich verankerten Aussage „Ich bin, der ich bin, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/143.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/143.md new file mode 100644 index 0000000..3657fc9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/143.md @@ -0,0 +1,38 @@ +war und werden könnte“ entsteht Identität. Sie wird durch die +Identitätszuschreibungen der anderen, „Du bist, der du bist, warst +und werden könntest“, bestätigt oder bezweifelt. +Identität als Selbst- und Fremdzuschreibung ermöglicht dem +Einzelnen die inhaltliche Bestimmung seines Andersseins, seiner +Subjektivität. Diese organisiert sich als ein Drittes jenseits der Innenund +Außenwelt. +Sie +markiert +durch +die +Verknüpfung +lebensgeschichtlich relevanter Beziehungsereignisse das Eigene im +Unterschied zu allen anderen. So entsteht Identität als ein Netz von +Verknüpfungen. +Seine „Knoten“ sind: +die Sinnbestimmung der eigenen Existenz: „Woher komme ich, +wohin gehe ich, wer will ich werden, was wünsche ich?“; +die Verknüpfung von Selbst- und Fremdbeschreibung: „Wie +sehe ich mich, wie sehen mich die anderen, wie sehe ich mich +im Spiegel der anderen?“ +grundsätzliche Wertbestimmungen für die eigene Lebenspraxis: +„Was ist mir wichtig, woran hängt mein Herz?“; +das Netz von inneren Bildern und Beschreibungen von +wichtigen sozialen Beziehungen und Beziehungssystemen, z. B. +die eigene Herkunftsfamilie; +ein Muster von Erwartungen und Einstellungen sich selbst und +den sozialen anderen gegenüber (role making im Gegensatz zu +role taking, vgl. Krappmann 1969); +ein Set von Regeln, die das eigene Verhalten und die +Verhaltenserwartungen an die anderen leiten. +Eine positive Identitätszuschreibung ist verbunden mit dem Gefühl +eines existenziellen Vertrauens in die Welt und des eigenen Einflusses +auf die persönlichen Lebensbedingungen. Dadurch entsteht zugleich +ein Gefühl des eigenen Wertes, d. h. eine Akzeptanz meiner selbst +durch mich, die durch die entsprechenden Rückmeldungen der +Umwelt bestätigt oder bezweifelt wird. Eng damit verbunden ist auch +die Bildung eines situationsübergreifenden Erfolgsmotivs. Es diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/144.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/144.md new file mode 100644 index 0000000..3de53e5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/144.md @@ -0,0 +1,8 @@ +ermöglicht dem Subjekt, sich den Bewährungsproben des Lebens mit +einem optimistischen Gefühl hinsichtlich ihrer Bewältigung +gegenüberzutreten. +Mithilfe des Konzeptes der kognitiv-affektiven Schemata, der Haut +als der psychosomatischen Grenze zwischen der intra- und +extrapsychischen Realität und eines auf die Unterscheidung zwischen +Ich und Umwelt fokussierenden Konzepts der Identität lässt sich ein +systemisches Konzept des Menschen entwerfen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/145.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/145.md new file mode 100644 index 0000000..9f401e9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/145.md @@ -0,0 +1,38 @@ +3.2.2 Das Mikrosystem +„Ein Mikrosystem ist das Beziehungsgefüge zwischen der sich +entwickelnden Person und der Umwelt in einem unmittelbaren +Setting, in dem sich die Person befindet“ (Bronfenbrenner 1978, +S. 35). +Familie, Kindertagesstätte, Schule, Heim, Arbeitsplatz, die Gruppe +befreundeter bzw. im gemeinsamen situativen Handeln verbundener +Gleichaltriger (Peers) u. a. können als Mikrosysteme bezeichnet +werden. Sie sind verstehbar als sozialisierende Kontexte, in denen ein +Mensch sein alltägliches Handeln organisiert, diesem im Austausch +mit den sozialen anderen Bedeutungen verleiht und dadurch in +verschiedenen Phasen seines Lebens einen unterschiedlichen Sinn +gewinnen kann. In der Kombination des Subjekts mit einem dieser +sozialisierenden Kontexte wird ein Mikrosystem gebildet, z. B. die +Familie. In seinem Rahmen entfaltet sich eine Beziehungsdynamik, +durch die ein gemeinsamer Entwicklungsprozess des Systems und +seiner einzelnen Mitglieder möglich wird. Willi spricht in diesem +Zusammenhang von „Koevolution“ als „der Kunst des gemeinsamen +Wachsens“ (Willi 1985). +So lässt sich auch die wachsende psychische Differenzierung der +Kinder und der Eltern im Kontext des Mikrosystems Familie als ein +Wechselspiel von „Koevolution und Koindividuation“ betrachten: Das +psychische Wachstum des einen ist an das des anderen und damit an +das gemeinsame Wachstum und das des sie umgreifenden Systems +gebunden (vgl. Stierlin 1987). Für die Eltern eines neugeborenen +Kindes und das Kind selbst gibt es in dieser Phase des familiären +Lebenszyklus (siehe 4.2.2.3) spezifische Aufgaben, an denen alle +wachsen. Die Eltern entdecken ihre Fähigkeiten, zu sorgen, zu +beschützen und zu nähren. Sie können auch lernen, sich im Hinblick +darauf als Team zu organisieren, in dem zwei Menschen verschiedene +bzw. verschieden stark ausgebildete Ressourcen kooperativ +verknüpfen. Die Aufgabe des Kindes in dieser ersten Phase seines +persönlichen +Lebenszyklus +heißt, +sich +gleichermaßen +auf diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/146.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/146.md new file mode 100644 index 0000000..37025dc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/146.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Beziehungsangebote der Umwelt einzulassen und sie aktiv +hervorzurufen (vgl. Stern 1992). Aus dem angeborenen Saugreflex +(Piaget u. Inhelder 1991) entwickelt das Kind ein erstes kognitivaffektives Schema. Dies geschieht, indem das Gefühl des Hungers, +die Suchbewegung nach der Brust bzw. Flasche, deren +Wahrnehmung, die Anpassung des Mundes an die Form von +Brustwarze bzw. Flaschennuckel, der Blick auf die nährende Person, +das Gefühl von Zufriedenheit und Wärme (psychische Dimension der +Antwort) und ein Lächeln (Verhaltensdimension der Antwort) zirkulär +miteinander verknüpft werden. In der Weiterentwicklung dieses +Schemas werden die Bezugspersonen zunehmend als besondere +Personen aus der Vielzahl der Umweltangebote herausgefiltert. Spitz +hat die Achtmonatsangst des Säuglings als Indikator beschrieben, der +zeigt, dass die primäre Bezugsperson – in seinem Konzept die Mutter +– nun als eigenständige Person und permanentes Beziehungs„objekt“ +wahrgenommen wird (Spitz 1976). Im Sinne des Schemakonzeptes +hat es jetzt das kognitiv-affektive Schema „primäre Bezugsperson(en) ++ ihre Beziehungsangebote + Inhalte der Beziehungsangebote +(Nahrung, Liebe, Körperkontakt) + eigene Aufforderung an die +Bezugsperson(en) ++ +eigene +Antwort +(z. +B. +in +der +Verhaltensdimension das Lachen, in der psychischen Dimension +Freude und Lust) + Antizipation der Angebote der Bezugsperson(en)“ +entwickelt. Im Rahmen des hier geschilderten Beziehungsspieles +konstituiert sich das Mikrosystem Familie durch den Eintritt des +Kindes in das Paarsystem. Dadurch wird die Dyade zu einer Triade +weiterentwickelt. Erst durch sie lässt sich das System als Familie +definieren. Die Institution der Ehe spielt in diesem Zusammenhang +keine Rolle. Sie ist eine rechtliche Institution, die sekundär, d. h. über +Einstellungen, +Erwartungen, +Mythenbildungen, +finanzielle +Ressourcen, Einfluss auf die Eltern und Eltern-Kind-Beziehung nimmt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/147.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/147.md new file mode 100644 index 0000000..b02b6c3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/147.md @@ -0,0 +1,43 @@ +3.2.2.1Rollen +Die Rollen von Mutter, Vater, Eltern, Kind, Tochter, Sohn, Bruder, +Schwester, Großmutter, Großvater, Großeltern usw. definieren kulturell +(makrosystemisch) festgelegte Verhaltenserwartungen an Personen, +die +in +einem +bestimmten +institutionellen +Kontext +zum +Beziehungshandeln aufgefordert sind. Rollen gewinnen ihre +normative Kraft für das konkrete Verhalten durch Bilder, die +bestimmte +Werthaltungen, +Regeln +und +körperliche +Erscheinungsformen verbinden. Sie sichern auch die komplementäre +Verknüpfung mit anderen Rollen, denn jede Rolle bestimmt sich +durch ihre Unterschiedsbeziehung zu anderen. Im klassischbürgerlichen Rollenbild wurde vom Vater erwartet, dass er den +Lebensunterhalt der Familie allein bestritt. Im familiären Binnenraum +fungierte er als im Alltag distanzierte, aber für besondere Probleme +zuständige oberste Instanz von Moral und Gesetz. Deshalb war er +auch für das Aussprechen von Strafen und ihre Ausführung +zuständig. Er hatte aber auch im klassischen Verständnis eine Wahl +bei Häufigkeit, Strenge und Form der Strafen. Das Rollenbild „Vater“ +entstand auch als bildhafte Gestalt, z. B. in der darstellenden Kunst +des Bürgertums (siehe Weber-Kellermann 1989). Es setzte sich dann +wieder rückbezüglich als bildhafte Gestalt in den Köpfen der in ihren +Rollen handelnden Personen fest und verband sich mit den für +Situationen des Rollehandelns zuständigen kognitiv-affektiven +Schemata. +Komplementär dazu wurde die Mutter als familieninterne +Organisatorin des Beziehungsalltages und Bewahrerin des +emotionalen familiären Zusammenhaltes verstanden, welche die +distanziert fordernde, manchmal auch aggressive Haltung des Vaters +durch ihre Fürsorge abzumildern hatte. Auch sie finden wir in Bildern +der darstellenden Kunst, die als Familienbilder die Rollenvorschriften +bzw. Rollenbilder symbolisch stützen. Rollen definieren sich durch +eine wechselseitige Unterschiedsbeziehung: Es gibt die Vaterrolle +nicht ohne die zugehörige Mutterrolle und beide wiederum nicht ohne +die des Kindes.3 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/148.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/148.md new file mode 100644 index 0000000..b74c345 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/148.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Die Rollen von Mutter, Vater und Kind unterlagen einer Vielzahl +von Veränderungen. Ihr gegenwärtiges Erscheinungsbild in unserer +Kultur lässt sich unter dem Stichwort „Pluralisierung von +Verhaltensmöglichkeiten und Rollenbildern“ zusammenfassen. Das +Kind wird heute weder als eine bei ihrer selbst gesteuerten +Entwicklung zu hegende und vor schädlichen Einflüssen zu +bewahrende Pflanze gesehen, wie z. B. der von Rousseau entworfene +Émile (Rousseau 1978); auch nicht als antizipierter Kämpfer für die +Befreiung +des +Menschen +aus +historisch +geschaffenen +Ausbeutungsstrukturen, wie bei Makarenko (Makarenko 1975). +Stattdessen wird es zunehmend als ein selbst organisiertes System +verstanden, das sich im Rahmen von unter seiner Teilnahme +gestalteten größeren Systemen Ressourcen für die eigene +Entwicklung schaffen kann – in Interaktion mit und in Abhängigkeit +von der Umwelt. Die elterlichen Vorgaben sind weniger rigide und +eher diskutierbar. Vor allem soll das Kind sie durch Einsicht zu +eigenen Vorgaben werden lassen. Die gewünschte Einsicht gewinnt +das Kind weniger in autoritär strukturierten Situationen des +Ermahnens, Strafens und der Vorhaltungen, wie sie das klassische +Erziehungsbild entwarf (Rutschky 1977). Heute gehen wir davon aus, +dass ein Kind seine Einsicht durch Erfahrungen in vielen +unterschiedlichen sozialen Situationen mit unterschiedlichen +Menschen und in unterschiedlichen Kontexten selbst gewinnt. +Deshalb muss sich das primäre Sozialisationssystem Familie durch +offene Grenzen zu den Systemen des gesellschaftlichen Umfeldes +auszeichnen. Dadurch wird das Kind frei für vielfältige +Erfahrungsräume jenseits der Familie – teilweise ohne Präsenz +familiärer Bezugspersonen. So entsteht auch ein neues Bild von +Kindheit: Das Kind erhält einen eigenen, von den Ansprüchen des +erwachsenen Lebens abgetrennten Raum (Ariès 1975). Zugleich +werden ihm eine Vielzahl von Konsummöglichkeiten eröffnet, die es +den Erwachsenen als Adressaten von Konsumangeboten gleichstellen +und von ihnen unabhängig machen (Ritscher 1987). In bestimmten +Bereichen, z. B. dem Gebrauch der neuen Informationstechnologien, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/149.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/149.md new file mode 100644 index 0000000..49be03c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/149.md @@ -0,0 +1,45 @@ +sind sie in vielen Fällen sogar erfahrener und kenntnisreicher als ihre +Eltern, Lehrerinnen oder Erzieherinnen. +In den letzten Jahrzehnten haben sich die klassischen +Familienrollenbilder rasant verändert. Innerhalb der größeren +Spielräume, die der kulturelle Sektor gestattet, hat die +Individualisierungstendenz für eine Vielzahl unterschiedlicher +Wahlmöglichkeiten im Rollenhandeln gesorgt. Zugleich hat sie die +individuelle Ausgestaltung der Rollen zur Pflicht gemacht. In der +Soziologie wird in diesem Zusammenhang von role making vs. role +taking gesprochen; d. h., die gesellschaftlich präformierten Rollen +werden nicht standardgemäß übernommen, sondern in einem +Aushandlungsprozess mit der Umwelt persönlich neu interpretiert +(Krappmann 1969). Der Vater kann auch Kumpel sein; die Mutter darf +ihren Schwerpunkt zu einem Beruf außerhalb des Hauses verschieben +und dem Vater die Präsenz im familiären Binnenraum überlassen. Das +Kind kann sich aus der häuslichen Enge in die außerfamiliären +Mikrosysteme wie Kindergarten, Schule, Peers, befreundete Familien, +Straßencliquen usw. flüchten. Es darf unter bestimmten Umständen +sogar seine Rolle als Kind dieser speziellen Eltern zurückweisen und +sich in die Obhut der Jugendhilfe begeben („Inobhutnahme“ nach §§ +42 u. 43, 1 KJHG, BfFSJ 1999). Erwachsene können die Rolle des +Vaters oder der Mutter, des Partners oder der Partnerin ablehnen und +als kinderlose Singles oder kinderloses Paar, separat lebende oder +allein erziehende Elternteile im erweiterten Spektrum der sozial +akzeptierten Verhaltensweisen agieren. Es entstehen auch völlig neue +Formen von Familien, indem z. B. ein Kind im Kontext einer +Wohngemeinschaft, +einer +Hausgemeinschaft +oder +von +gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwächst. +Krappmann hat für das Rollenhandeln vier Fähigkeiten benannt: + +Rollendistanz ist die Fähigkeit der Rollenspielerin, „sich Normen +gegenüber reflektierend und interpretierend zu verhalten“ +(Krappmann 1969; S. 133). +Role taking meint den Prozess der Übernahme gesellschaftlich +definierter +Rollen +und +wird +im +Interesse +einer diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/150.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/150.md new file mode 100644 index 0000000..aa2a732 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/150.md @@ -0,0 +1,20 @@ +emanzipatorischen Rollentheorie mit dem Prozess des role +making, also der eigenen Ausgestaltung und Veränderung der +Rollenschablonen, gekoppelt (ebd., S. 142 ff.). +Ambiguitätstoleranz bezieht sich einerseits auf die Fähigkeit, +Widersprüche zwischen den eigenen und den fremden +Erwartungen an die Rollenausübung in die eigene +Identitätszuschreibung zu integrieren. Andererseits bezieht sie +sich auf die Fähigkeit, unterschiedliche Rollen (z. B. +Bauunternehmer und Gemeinderat) gleichzeitig auszuüben, +ohne sie zu vermischen oder rigide voneinander abzugrenzen. +Vom Bauunternehmer, der gleichzeitig Gemeinderat ist, wird +erwartet, dass er bei kommunalen Auftragsvergaben keine +Begünstigung seines Betriebes gegenüber anderen Anbietern +anstrebt, also beide Rollen trennt. Andererseits soll er aber +seinen bautechnischen und finanziellen Sachverstand in die +Diskussionen des Gemeinderates einbringen und damit beide +Rollen verknüpfen. +Identitätsdarstellung benennt die Möglichkeiten, sich in sozialen +Situationen allen anderen als abgegrenzte und auf ihrem +Eigensinn beharrende Person darzustellen (ebd., S. 168 ff.). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/151.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/151.md new file mode 100644 index 0000000..5528c82 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/151.md @@ -0,0 +1,30 @@ +3.2.2.2Regeln +Regeln sind konkrete Handlungsanweisungen für Rollenträgerinnen in +Interaktionssituationen. Auch im Bezug auf Regeln finden wir die von +Beck konstatierte Individualisierung und Pluralisierung. Der Vorteil +dieser Tendenz liegt in der demokratischen Grundeinstellung, dass die +Befolgung von Regeln nicht durch autoritäre Elternfiguren und den +von ihnen vertretenen Verhaltensdogmen gesichert wird. Stattdessen +sollen Regeln gemeinsam gefunden und für alle – auch die Kinder – +einsehbar sein. Die Gefahr liegt in einer Aufsplitterung eines +notwendigen Basiskonsenses hinsichtlich sozial erwünschter +Verhaltensweisen. Ein Beispiel: +In meiner Jugend war die Regel, dass Kinder als Trägerinnen der +kulturellen Rolle „Kind“ in öffentlichen Verkehrsmitteln älteren +Menschen den Sitzplatz anzubieten haben, noch unumstößlich und an +die gesellschaftliche Wertschätzung des Alters, älterer Menschen und +ihrer Lebenserfahrung geknüpft. Heute nehmen Kinder für sich in +Anspruch, dass ihr Alltag nicht minder anstrengend sei als der von +Erwachsen und aus dem Alter allein noch kein Anspruch auf +besondere Rücksichtnahme abzuleiten sei. Sie werden darin auch von +vielen älteren Menschen unterstützt, die sich als „junge Alte“ fühlen +und einen angebotenen Sitzplatz eher als unerwünschten Hinweis auf +ihr Lebensalter auffassen. Diese Haltung wiederum verbindet sich mit +dem durch die Medien gestützte Mythos einer – kurzfristigen +Modetrends folgenden – Jugendkultur. Alter wird dabei mit +mangelnder Flexibilität und nicht mit Altersweisheit assoziiert. Die +konkrete Regel „In öffentlichen Verkehrsmitteln bietest du älteren +Menschen einen Sitzplatz an“ ist also nicht mehr allgemein gültig. +Ihre Existenz und vor allem ihre Befolgung hängt von den einzelnen +Familien, ihrem Wertesystem und der Zustimmung aller +Familienmitglieder ab. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/152.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/152.md new file mode 100644 index 0000000..c535c5e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/152.md @@ -0,0 +1,22 @@ +3.2.2.3Normen +Normen sind begrifflich von Regeln schwer abgrenzbar. Das lat. +norma heißt übersetzt „Winkelmaß, Regel, Richtschnur, Vorschrift“. +Normen lassen sich als allgemeine, für eine Vielzahl von Situationen +geltende Regeln verstehen. Die oben beschriebene Regel „Kinder und +Jugendliche bieten alten Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln +einen Platz an“ bezieht sich auf die übergeordnete Norm „Man achtet +und respektiert alte Menschen wegen ihrer Lebenserfahrung und +ihrer möglichen Einschränkungen“. Solche Normen werden weniger in +einem thematisch darauf bezogenen Diskurs in der Familie +ausgehandelt, sondern setzen sich – bei unserem Beispiel bleibend – +als Erfahrungskondensat aufgrund einer Vielzahl von Erlebnissen mit +alten Menschen in den Köpfen der Kinder fest. Eine der hierfür +notwendigen Bedingungen ist die Möglichkeit, alten Menschen und +dem Thema Altern in vielzähligen Varianten zu begegnen. Ist dies +nicht der Fall, bleiben Normen für diesen Bereich abstrakt und wenig +verbindlich. Normenbildung setzt also eine an den Erfahrungen der +Kinder ansetzende und an einer Vielzahl von Begegnungssituationen +orientierte Erziehung voraus (siehe von Hentig 1971; Miedaner 2001). +Das gilt auch für eine sekundär einsetzende, familiäre Defizite +kompensierende professionelle Erziehung im Rahmen der Sozialen +Arbeit. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/153.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/153.md new file mode 100644 index 0000000..096a5f6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/153.md @@ -0,0 +1,34 @@ +3.2.2.4Werte +Werte lassen sich als den Normen übergeordnete allgemeine +Einstellungen verstehen, die ein sinnvolles und begründbares +Handeln ermöglichen. Werte bilden die Grundorientierung einer +Kultur (die im Sinne Bronfenbrenners ein Teil des Makrosystems ist) +und sind Teil der gesellschaftlichen und persönlichen Identität. Die +Mitglieder einer Kultur identifizieren sich mit ihnen und verankern sie +durch ihr öffentliches und privates Handeln sowohl auf der kulturellen +wie auf der persönlichen Ebene (vgl. Erikson 1987). Werte entstehen +aus einer doppelten Bedingung menschlicher Existenz. +Als soziales Wesen ist der Mensch von Anfang an auf die +Gemeinsamkeit einer Gruppe angewiesen, um zu überleben. Das gilt +für den die ostafrikanische Savanne durchstreifenden Urmenschen +genauso wie für den Homo sapiens der heutigen hoch technisierten +Gesellschaften. Daraus entstand der Wert der Solidarität. Anfangs +blieb er auf die überschaubare Gruppe beschränkt, die den sozialen +Rahmen des Alltags herstellte. Heute gilt es, auch abstraktere, +räumlich entferntere und am Rande des Sozialen liegende Biosysteme +in das solidarische Handeln mit einzubeziehen, um das eigene +Überleben zu sichern. Verarmte Gruppen in der eigenen Gesellschaft +werden über die erhöhte Kriminalitätsrate zu einem persönlichen +Sicherheitsrisiko der Wohlstandbürgerinnen. +Das in Europa verbotene umweltschädliche Pflanzenschutzmittel +DDT wurde weiter in die „Dritte-Welt“-Staaten exportiert, schädigte +die dort lebenden Menschen, fand aber in deren landwirtschaftlichen +Exportprodukten wieder den Weg zurück in die „Erste Welt“. +Die Folgen der vornehmlich durch die Industriestaaten erzeugten +Erwärmung der Erdatmosphäre treffen in Form von Stürmen oder +Überschwemmungen nicht nur die armen Länder Asiens und +Südamerikas. Auch die Bewohner der Industriestaaten, die meinen, +auf ihr energieintensives Konsumverhalten nicht verzichten zu +können, leiden unter ihnen. +Es müsste also ein neuer Wert grundlegend in der Kultur +verankert werden. Man könnte ihn den ökologischen Wert der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/154.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/154.md new file mode 100644 index 0000000..bc9ffab --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/154.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Verantwortung für die gesamte Natur und die in sie eingeschlossenen +Menschen bezeichnen; er wird neuerdings im Rahmen des Konzeptes +der „Nachhaltigkeit“ diskutiert (vgl. Kopfmüller et al. 2001). +Als Homo Faber, also ein geistiges und auf die Kontrolle, +Indienstnahme und Veränderung seiner Umwelt bedachtes Wesen, +nimmt der Mensch sein Handeln mittels Plänen vorweg. Durch immer +wieder geprüfte und verbesserte Methoden versucht er, die Prozesse +der Naturaneignung zu standardisieren und unabhängig von +einzelnen Menschen wiederholbar zu machen. Dafür benötigt er +Begründungen, deshalb bildet er seit Beginn der Kulturgeschichte +Theorien, die das Wesen der Dinge begreifbar machen sollen (siehe +Habermas 1971, S. 146 ff.). Hier verortet sich die grundlegende +geistige Struktur des Menschen, jedem Ereignis eine Bedeutung +zuzuweisen. „Was ist damit gemeint?“, „Welchen Sinn hat das?“, „Wie +lässt sich das verstehen?“, „Womit hängt das zusammen?“, „Warum +ist das so“?, „Was sagt mir das?“ – das sind die Fragen, über die eine +Bedeutung des Ereignisses hergestellt wird, wenn sie nicht durch +kulturelle Standards automatisch und zweifelsfrei zugewiesen werden +kann. Diese Bedeutungen werden zu Werten, wenn sie für die +unterschiedlichsten +persönlichen +Handlungen, +beobachteten +Interaktionssituationen und gesellschaftlichen Ereignissen als deren +Begründungen dienen. In der Kultur als Teil des Makrosystems +entwickelte Werte verschränken sich mit den Werten des +Mikrosystems Familie (oder Schule, Kindergarten, Peers) und der in +ihnen handelnden Subjektsysteme. +Die schon genannten Werte der Solidarität und Verantwortung +gelten auch für die Familie. In der konkreten Familiendynamik sind +sie mit der Struktur der Loyalität verbunden, die vor allem von +Boszormenyi-Nagy und Stierlin als theoretisches Konzept schon früh +in das familientherapeutische Feld eingeführt wurde. Dabei geht es +um den gelungenen oder nicht gelungenen Ausgleich von Verdienst +und Schuld in intimen (= sehr nahen) Beziehungen. Leitidee dieses +Konzeptes ist die für jede längerfristige soziale Beziehung existenziell +bedeutsame Balance von Geben und Nehmen. Loyalität ist eine diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/155.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/155.md new file mode 100644 index 0000000..b75be99 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/155.md @@ -0,0 +1,4 @@ +wesentliche Ressource für Zusammenhalt und Wachstum der Familie +und ihrer Mitglieder: Man bleibt verbunden und gewinnt in diesem +Verbund persönliche Aufträge und Aufgaben, die Sinnhaftigkeit und +Bedeutsamkeit verleihen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/156.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/156.md new file mode 100644 index 0000000..bd78c6b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/156.md @@ -0,0 +1,41 @@ +3.2.2.5Rituale +Rituale sind besonders markierte Verhaltenssequenzen, in denen +Rollen-, Regel-, Norm- und Wertbestimmungen verdichtet zum +Ausdruck kommen, um die Integration von Menschen in ein für sie +bedeutsames System herzustellen und zu sichern. +Die Strukturen des Rituals (Rollen, Regeln, Werte, Normen) und +seine einzelnen Handlungsteile (z.B. der jedes Jahr wiederholte +Ablauf einer Geburtstagsfeier) werden durch ein Leitsymbol und/oder +eine Leitmetapher zusammengehalten. In ihnen verdichtet sich der +gesamte Bedeutungsgehalt des Rituals. Sie dienen als immer +präsente Anker, über die in den unterschiedlichsten Situationen der +Bezug auf das Ritual und seine Bedeutungen hergestellt werden +kann. Bei einem Kindergeburtstag symbolisieren die sich in ihrer +Anzahl nach dem erreichten Lebensalter richtenden Kerzen den +Werdegang des bisherigen Lebens, ihr Licht den sich im Raum des +Lebens ausbreitenden Geist und die den lebendigen Körper +durchströmende und ihn umhüllende Wärme. Als Metapher steht die +Kerze für das „Lebenslicht“, das dem Menschen seinen Lebensweg +erhellt und ihm die Richtung weist. Rituale übersteigen damit die +konkrete soziale Situation, in der sie zelebriert werden, und +verdeutlichen Kontinuität, Sinn und Funktion des Systems für jedes +einzelne Mitglied. Dadurch sichern sie auch den Bezug zu den +größeren Systemen, in die sie eingebettet sind. +Die Kontinuität des Systems, d. h. sein langfristiger Bestand, +gewährt den Subjekten einen sicheren und vertrauten Ort, vor dessen +Hintergrund +sie +sich +den +unsicheren +und +krisenhaften +Entwicklungsaufgaben im erweiterten sozialen Raum stellen können. +Ihr +Sinn liegt in allgemeinen, kulturell verankerten +Wertbestimmungen. Rituale der Familie verdeutlichen die für sie und +die gesamte Gesellschaft notwendigen Werte der Solidarität, der +Verantwortlichkeit für das eigene Handeln und der Loyalität bezüglich +der eigenen Gruppe. +Ihre Funktion liegt in der Herstellung von kommunikativer +Handlungsfähigkeit aller Mitglieder des Systems, die eine individuelle diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/157.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/157.md new file mode 100644 index 0000000..7012a62 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/157.md @@ -0,0 +1,33 @@ +und kollektive Bewältigung des sozialen Alltags sichert. Deshalb +dienen Rituale dazu, Erfolge zu feiern (z. B. den Gewinn einer +Meisterschaft), derer zu gedenken, die für das System wichtige +Leistungen erbracht haben (bei Geburtstags- und andere +Jahrestagsfeiern), Gemeinsamkeit zu betonen (z. B. bei +Familienfeiern) und Übergänge in der persönlichen Entwicklung zu +markieren (durch Initiationsrituale wie Konfirmation, Kommunion, +Jugendweihe). +Rituale bieten sich besonders als Markierungspunkte im Fluss der +Zeit an. Übergangskrisen im familiären Lebenszyklus wie Geburt oder +Tod, die kulturell geforderte Ablösung der Kinder, aber auch +Trennungen können ein der Entwicklung dienender Sinn +zugesprochen werden; Trauer, Schmerz, Verlustängste werden durch +Hoffnung, Zuversicht, Entdeckung eigener Stärken positiv +„eingerahmt“ (zum Begriff der Einrahmung siehe Pfeifer-Schaupp +1995). +In der Familie entwickelte und durch den kulturellen Kontext mehr +oder weniger angebotene Rituale können die Entwicklung der Kinder +fördern: +Zubettgehrituale helfen, von einem ereignisreichen Tag +Abschied zu nehmen und die Angst vor dem Einschlafen zu +mildern. +Rituale der täglichen Mahlzeiten bieten immer wiederkehrende +Zeitpunkte, an denen über das Leben der Kinder in und +außerhalb der Familie gesprochen wird und die Kinder Einblick +in die Welt der Erwachsenen außerhalb der Familie erhalten. +Religiös motivierte Rituale dienen der Einführung der Kinder in +das Weltbild der Eltern. Sie sollten die familieninterne +Auseinandersetzung darüber ermöglichen, um den Kindern +Wahlmöglichkeiten bei der Entwicklung ihres eigenen Weltbildes +zu eröffnen. +Neben dem durch die Verknüpfung des Subjektsystems Kind mit +seinem primären Bezugsystem entstehenden Mikrosystem Familie diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/158.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/158.md new file mode 100644 index 0000000..ed63ecd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/158.md @@ -0,0 +1,44 @@ +wurden schon andere Mikrosysteme benannt: Schule, Kindergarten, +Peers, Arbeitsplatz. Für sie lässt sich wie für die Familie eine Analyse +im Hinblick auf Rollen, Regeln, Normen und Werte vornehmen. In der +Schule +finden +wir +die +Rollen +von +„Lehrer/Lehrerin“, +„Schüler/Schülerin“ usw.; Regeln sind benennbar, wie etwa „Sprechen +ist nur nach Aufforderung der Lehrerin“ gestattet“; Normen werden +u. a. in der Notenskala ausgedrückt; dadurch sollen bestimmte +Werte, z. B. „Nur durch Leistung kommt man im Leben voran“, +durchgesetzt werden. Auch hier spielen Rituale als Bündelung dieser +die Schule strukturierenden Dimensionen eine große Rolle. +„Die in der Schule institutionalisierten Rituale drücken die von +den beteiligten Individuen geforderte institutionelle Solidarität +aus und stellen zugleich als strukturierende Interaktionsmuster +die relevanten Unterschiede in Rang, Macht und Funktion +zwischen Schulleitung, Lehrern und Schülern (in einigen Fällen +auch Eltern) vor einem internen oder externen Publikum dar“ +(Wellendorf 1973, S. 100). +Ein Beispiel für solche Rituale sind „Eintritts- oder Austrittsrituale“, in +denen der Beginn bzw. das Ende der Schulkarriere von Schülerinnen +gefeiert wird, „Rituale zur Bewältigung von Krisen“ (z. B. +Elterngespräche), „Rituale des schulischen Alltags“ (z. B. die tägliche +Morgenrunde in der Schulklasse und „Rituale des self-government“ +(z. B. Sitzungen des Schülerinnenrates) (ebd.). +Alle Mikrosysteme sind Systeme, in deren Kontext bedeutsame +Prozesse der Sozialisation stattfinden und durch Beiträge der vier +gesellschaftlichen Sektoren (Ökonomie, Politik, Kultur und +Wissenschaft/Technologie, siehe 3.3) unterstützt bzw. behindert +werden. +Sie werden gesellschaftlich mit der Sozialisation von Kindern, +Jugendlichen und Erwachsenen beauftragt, um Bestand und +Fortentwicklung +der +Gesellschaft +zu +sichern. +Diese +Sozialisierungsfunktion, der Status als primäres Bezugssystem +aufgrund der Möglichkeit der alltäglich stattfindenden bzw. möglichen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/159.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/159.md new file mode 100644 index 0000000..d798d5e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/159.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Face-to-face-Kommunikation und ein gemeinsamer sozialräumlicher +Rahmen (z. B. die familiäre Wohnung, das Schulgebäude, ein +Jugendhaus) sind die entscheidenden Kriterien eines Mikrosystems. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/160.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/160.md new file mode 100644 index 0000000..bdb5b71 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/160.md @@ -0,0 +1,33 @@ +3.2.3 Das Mesosystem +„Ein Mesosystem umfasst die Beziehungen zwischen den +wichtigeren Settings, in denen sich die in der Entwicklung +begriffene Person zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Lebens +befindet … Ein Mesosystem ist ein System von Mikrosystemen“ +(Bronfenbrenner 1978, S. 36). +Ein Mesosystem entsteht durch die Kombination von zwei oder +mehreren Mikrosystemen, z. B. Familie + Schule, Familie + +Kindertagesstätte, Familie + Kindertagesstätte + Schule (beim +Übergang zwischen KiTa und Schule), Familie A + Familie B + +Kindertagesstätte + Peers von Kind A + Peers von Kind B. Im +Schnittpunkt der verschiedenen zu einem Mesosystem verbundenen +Mikrosysteme steht das Subjekt, dessen Alltag durch die aktive +Mitgliedschaft in ihnen geprägt ist. Über seine Person als Mediator +verknüpfen sich die verschiedenen Mikrosysteme zu einem +Mesosystem. Das Subjekt übernimmt die in den verschiedenen +Mikrosystemen geforderten Rollen mittels einer Dialektik von role +taking und role making. Beim Eintritt in das System Schule z. B. wird +seine familiäre Rolle als Kind zugunsten der Rolle des Schulkindes in +den Hintergrund gedrängt. Diese bringt Anforderungen mit sich, die +im familiären Bereich weniger wichtig sind, z. B. die systematische +Schulung von Gedächtnis und kognitiven Problemlösungsstrategien. +Soziale Kompetenzen, die im Rahmen der Familie, des Kindergartens +und von Freundschaften erworben wurden, müssen nun auf den +Kontext Schule übertragen werden. Dieser ist durch eine stärkere +formale Hierarchie und eine größere soziale Unübersichtlichkeit +gekennzeichnet. Zu ihrer Bewältigung benötigt das Subjekt auch die +Erfahrungen, die an seine Rolle als Familienkind gebunden sind, z. B. +Konfliktlösungsmuster innerhalb des Geschwistersubsystems, den +Umgang mit Aufträgen der Eltern und die Nutzung von frustrierenden +Situationen für das eigene psychische Wachstum. Das Kind als +Bindeglied zwischen den verschiedenen Kontexten ermöglicht auch +einen kommunikativen Austausch zwischen den einzelnen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/161.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/161.md new file mode 100644 index 0000000..0c2b2f9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/161.md @@ -0,0 +1,29 @@ +Mikrosystemen, der als bedrohlich oder förderlich erlebt werden +kann. Eltern können im dyadischen Mesosystem Familie + Schule die +schulische Rückmeldung zur Leistungsfähigkeit ihres Kindes als Kritik +oder als Unterstützung der eigenen Erziehungsrichtlinien verstehen. +Die Schule hingegen hat die Möglichkeit, die Familienverhältnisse +eines auffälligen Schülers als Auftrag für dessen verstärkte +schulinterne Förderung zu interpretieren. Eine andere Option wäre +es, sein Verhalten als ein das Eingreifen des Jugendamtes +erforderndes Überschwappen des familiären Chaos in den Schulalltag +zu begreifen. Durch dessen Hinzutreten würde ein triadisches +Mesosystem Familie + Schule + Jugendamt entstehen. Je +vielschichtiger das System wird, desto wichtiger wird seine +Gesamtkoordination, wenn Probleme benannt und professionelle +Interventionen erforderlich werden. Im Rahmen der Sozialen Arbeit +wurde für diesen Fall das Konzept des Case-Management und der +Vernetzungsarbeit entwickelt (vgl. 5.5.2.2.1). +Mit dem Begriff des Mesosystems richtet sich die Perspektive der +Beobachterin auf die wechselseitige Beeinflussung von sozialen +Institutionen und Organisationen und die daran gebundene +Entwicklung einer Person. Die systemische Metatheorie spricht hier +von Rekursivität: Alle Systeme sind in einen Kontext zirkulärer +Beziehungen eingebunden, in dem jede von einem System +ausgehende Aktivität in vielfältigen Wandlungen auf dieses selbst +zurückwirkt. Das Konzept des Mesosystems repräsentiert in aller +Deutlichkeit, dass Systeme Muster entwickeln, die sie miteinander +verbinden, wodurch jedes von ihnen neue Wachstumsmöglichkeiten +gewinnt. +Das Modell eines Mesosystem soll das bisher Gesagte +zusammenfassen: diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/162.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/162.md new file mode 100644 index 0000000..bb37bac --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/162.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Abb. 18: Das durch die Intervention der Jugendhilfe entstandene +Mesosystem „Familie + Schule + Sozialarbeiterin des Jugendamtes“ +Das bisher Gesagte enthält schon einen Vorgriff auf die Abgrenzung +von Meso- und Exosystem: Das Jugendamt lässt sich als ein +Exosystem definieren. Die Sozialarbeiterin als Repräsentantin dieses +Systems tritt nun in einen intensiveren Kontakt mit Familie und +Schule. Dadurch löst sich die personale Anonymität des Amtes auf +und erhält „ein Gesicht“; es entsteht ein Mesosystem Familie + +Schule + Sozialarbeiterin des Jugendamtes. Die Mikrosysteme Kind + +Familie und Kind + Schule stellen mithilfe der Sozialarbeiterin Kontakt diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/163.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/163.md new file mode 100644 index 0000000..c0ce3a6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/163.md @@ -0,0 +1,3 @@ +zu dieser bis dahin abstrakt gebliebenen sozialen Organisation her. +Das Jugendamt als Gesamtheit hingegen behält weiterhin den +theoretischen Status eines Exosystems. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/164.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/164.md new file mode 100644 index 0000000..bdf4019 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/164.md @@ -0,0 +1,41 @@ +3.2.4 Das Exosystem +„Ein Exosystem ist eine Ausweitung des Mesosystems, das +weitere soziale Strukturen sowohl formeller als auch informeller +Art umfaßt, zu denen die sich entwickelnde Person nicht selbst +gehört, die aber die unmittelbaren Settings, denen die Person +angehört, berühren oder mit einschließen und von daher das, +was darin vor sich geht, beeinflussen, eingrenzen oder sogar +determinieren“ (Bronfenbrenner 1978, S. 36). + +Exosysteme sind z. B. die Kombination von: +Familie + Jugendamt + Familiengericht (wenn es um eine +Sorgerechtsregelung geht); +Familie ++ +Jugendamt ++ +Sozialministerium ++ +Familienministerium (wenn ein Jugendzentrum gebaut wird und +dafür gesetzliche Grundlagen und Zuschüsse abgeklärt werden +müssen); +Familie + Schule + Kultusministerium + Finanzministerium + +Volkswirtschaft (wenn es um eine Verbesserung der +Lernchancen eines Kindes durch die bessere Ausstattung von +Schulen mit Lehrerinnen geht und diese Frage unter dem +Gesichtspunkt des Staatshaushaltes diskutiert wird); +Familie ++ +Arbeitgeberverband ++ +Gewerkschaft ++ +Sozialministerium + Finanzministerium + Bundesanstalt für +Arbeit + lokales Arbeitsamt + Erziehungsberatungsstelle (wenn +es um einen durch Arbeitslosigkeit eines Elternteiles +intensivierten Familienkonflikt geht, in dessen Kontext das Kind +zum „Symptomträger“ wird); +Familie + Ökonomie + Börse (wenn der Vater durch +Aktienspekulationen das Familieneinkommen erheblich vermehrt +oder vermindert hat); +usw. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/165.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/165.md new file mode 100644 index 0000000..a9125df --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/165.md @@ -0,0 +1,45 @@ +Mikro- und Mesosysteme sind also die Teile von Exosystemen. +Entscheidend für die Definition eines Exosystems ist die relative +Alltagsferne und Anonymität einer sozialen Organisation oder +Institution, die durch ihre Entscheidungen mit einer Vielzahl von +Mikro- und Mesosystemen in Beziehung tritt. Diese Entscheidungen +manifestieren sich in Verordnungen, Gesetzen, Verlautbarungen, +Plänen, Finanzbudgets. Sie wurden nicht im Rahmen eines +alltäglichen Face-to-face-Kontaktes zwischen den Mitgliedern von +Mikro- bzw. Mesosystemen und den Repräsentantinnen des +Exosystems getroffen. Deren Um- und Durchsetzung allerdings +erfordert persönliche, d. h. Face-to-face-Kontakte zwischen beiden +Seiten. Diese können unbedeutend und einmalig sein. Dann bleibt die +soziale Organisation bzw. Institution der bestimmende Teil des +Exosystems. +Ihre +Repräsentantinnen +können +auch, +z. +B. +als +Bezirkssozialarbeiterinnen, eine sehr intensive und zeitaufwändige +Beziehung zu einem Mikro- oder Mesosystem aufnehmen. Sie werden +dann durch die häufigen, deren Alltag beeinflussenden Face-to-faceKontakte zum Teil eines Mesosystems. Das Jugendamt hat aus der +Perspektive der Sozialarbeiterin den Status eines Mikrosystems +Sozialarbeiterin + alle anderen Mitglieder des Jugendamtes. Das +bringt in der Praxis häufig Probleme mit sich, weil die Sozialarbeiterin +über diese beiden unterschiedlichen Systeme in eine doppelte und +durch persönliche Kontakte untermauerte Loyalität eingebunden ist. +Als Vertreterin des Exosystems und Teil des für sie bestehenden +Mikrosystems Jugendamt muss sie dessen gesetzliche Grundlagen, +Werte, Zielsetzung und das von ihm akzeptierte Methodenspektrum +vertreten. Darauf wird sie z. B. in den Dienstbesprechungen und +Teamsitzungen, +d.h. +in +persönlichen +und +damit +sehr +verhaltenswirksamen Kontakten, hingewiesen. Als Mitglied des neu +gebildeten Mesosystems Kind + Familie + Sozialarbeiterin lernt sie +den Alltag des Mikrosystems Kind + Familie kennen, entwickelt +Verständnis, Sympathie und Empathie. Daraus können Hilfeimpulse +entstehen, die den Richtlinien des Exosystems zuwiderlaufen. Sie diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/166.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/166.md new file mode 100644 index 0000000..af67e4d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/166.md @@ -0,0 +1,37 @@ +muss dann ihre Loyalitäten klären und vor dem Hintergrund ihrer +eigenen fachlichen und ethischen Standards eine Entscheidung +treffen. Im besten Fall kann sie beide Loyalitäten verbinden, im +schlechtesten Fall driften sie auseinander und behindern das +notwendige Arbeitsbündnis mit der Familie. Glücklicherweise gibt es +viele Wege dazwischen. +Exosysteme zeichnen sich auch dadurch aus, dass die Aufnahme +des Kontakts zwischen Subjektsystemen, Mikro- und Mesosystemen +einerseits und der sozialen Organisation/Institution andererseits +durch persönliche Fremdheit, räumliche Entfernungen und formale +Zugangsbarrieren erschwert wird. Öffentliche Verwaltungen +versuchen unter dem Stichwort „Bürgernähe“, diese Distanz zu +verringern. Die Soziale Arbeit hat unter dem Stichwort +„niedrigschwellige Angebote“ entsprechende Konzepte entworfen. +Ihre potenziellen Adressatinnen sollen dadurch ermuntert werden, +Soziale Arbeit als Dienstleistungsangebot zu begreifen, an dessen +Zustandekommen sie selbst aktiv beteiligt sind. Das Konzept der +Exosysteme lässt sich mit den unter 3.3 dargestellten +gesellschaftlichen Sektoren der Politik, der Ökonomie, der Kultur und +der Wissenschaft/Technologie verbinden. In ihnen werden mehr oder +weniger anonym Entscheidungen getroffen und Konzepte entwickelt, +die bedeutsame Auswirkungen auf die Meso- und Exosysteme haben. +Denken wir an die im ökonomischen Sektor getroffenen +Entscheidungen +über +Investitionen, +Rationalisierungen, +Betriebsverlagerungen oder -erweiterungen. Es entstehen neue +Arbeitsplätze, andere gehen verloren. Arbeitslosigkeit, die Aussicht +auf einen anderen Arbeitsplatz, berufliche Karrieren und damit +verbundene finanzielle Verbesserungen bzw. Verschlechterungen +werden zu bedeutsamen Themen der Familiendynamik. Geringere +oder höhere Steuereinnahmen führen im Sektor der Politik zu +geringeren oder ausgeweiteten Bildungsinvestitionen – mit Folgen für +Klima und Dynamik innerhalb der Schulen. Neue im Sektor +Wissenschaft/Technologie entwickelte Informationsmedien verändern +den familiären Alltag. Fernsehgerät und Computer sind heute diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/167.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/167.md new file mode 100644 index 0000000..96defe5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/167.md @@ -0,0 +1,22 @@ +wichtige Beziehungspartner im Familienspiel und haben in vielen +Familien Einfluss auf die Tagestruktur; z. B. muss das Abendessen bis +zur Tagesschau beendet sein. Einerseits kann das Fernsehen familiäre +Konflikte induzieren, andererseits kann es auch zu einem +gemeinsamen gemütlichen Abend „vor der Glotze“ verhelfen. +Im Sinne des unter 3.3 dargestellten Gesellschaftsmodells lassen +sich Kreisläufe zwischen den vier gesellschaftlichen Teilsystemen und +den Subjekt-, Mikro- und Mesosystemebenen beleuchten bzw. +kritisieren. Das hat Folgen für die praktische Soziale Arbeit. Sie kann +die +Systemabhängigkeit +von +Schwierigkeiten +auf +diesen +Systemebenen in Rechnung stellen und sich in die politischen +Entscheidungsprozesse von Legislative und Exekutive einmischen; sie +kann im Bereich von Wissenschaft/Technologie Forschungsbeiträge +einfordern und so die Entwicklung neuer Handlungskonzepte +begünstigen; und sie kann Einfluss auf die Ausbildungsgänge fordern, +um die Verbindung von Theorie und Praxis schon im Bereich der +Hochschulen zu stärken. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/168.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/168.md new file mode 100644 index 0000000..dddd530 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/168.md @@ -0,0 +1,45 @@ +3.2.5 Das Makrosystem +„Ein Makrosystem bezieht sich auf die übergeordneten +institutionellen Muster der Kultur oder Subkultur, wie die +ökonomischen, sozialen, erzieherischen, juristischen und +politischen Systeme, deren konkrete Manifestationen die Mikro-, +Meso- und Exosysteme darstellen“ (Bronfenbrenner 1978, S. 36). +Das Makrosystem stellt Subjekt-, Mikro-, Meso- und Exosysteme in +den Kontext gesellschaftlicher Normen, Werte, Leitbilder und ihrer +Konkretisierung. Ergebnisse können sein: +Gesetze, z. B. das Kinder- und Jugendhilfegesetz (BfFSFJ 1999); +Verordnungen und Beschlüsse (z. B. der Etat einer +Kommunalverwaltung); +Artikel, +Filme, +Theaterstücke, +Bücher +(z. +B. +ein +Erziehungsratgeber für Eltern in Form eines billigen und +allgemein verständlichen Taschenbuchs, das eine Vielzahl von +Leserinnen erreicht); +wissenschaftliche Diskurse (z. B. die neue Diskussion über die +Bioethik); +grundsätzliche Diskussionen über die Grundprinzipien der +Gesellschaft (z. B. Diskussionen über den „Umbau des +Sozialstaates“). +Das Makrosystem umgreift als übergeordneter Kontext die bisher +genannten Subjekt-, Mikro-, Meso- und Exosysteme. Es entwirft das +aus +grundsätzlichen +Werten +bzw. +Leitbildern +bestehende +Koordinatensystem, innerhalb dessen die untergeordneten Systeme +ihren Platz finden und ihre eigenen Wertmaßstäbe bilden. +Das Stichwort Individualisierung lässt sich z. B. durch alle +Systemebenen hindurch verfolgen. Auf der makrosystemischen Ebene +der Kultur bündelt es allgemeine Vorstellungen von Selbstständigkeit, +Eigeninitiative, +Eigenverantwortlichkeit +und +persönlichen +Wahlfreiheiten. Sie kondensieren in Gesetzestexten, z. B. dem seit diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/169.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/169.md new file mode 100644 index 0000000..1c653bf --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/169.md @@ -0,0 +1,25 @@ +1977 existierenden Scheidungsrecht, dem neuen Kindschaftsrecht +von 1998 oder dem 1992 in Kraft getretenen neuen Betreuungsrecht. +Diese werden auf der Ebene der Exosysteme von Regierung und +Parlament als Antwort auf die kulturellen Entwicklungen formuliert +und gehen rückbezüglich wieder als den Prozess der +Individualisierung verstärkende Leitbilder in das Makrosystem ein. Als +Orientierung für administrative, gerichtliche und strukturierende +Prozesse sichern sie für Bürgerinnen und Nachfragerinnen sozialer +Dienstleitungen ein Recht auf Teilhabe an den sie betreffenden +konkreten Entscheidungen. So kann eine Frau sich aus einer +ehelichen Abhängigkeitsbeziehung lösen und dennoch über den +Rechtsanspruch auf Sozialhilfe weiterhin als Mutter für ihre Kinder +sorgen. Auf der Ebene der Mikro- und Mesosysteme erfordert das +Leitbild der Individualisierung eine kooperative Kommunikation +zwischen +Kindern +und +Eltern, +Eltern +und +Lehrerinnen, +Sozialarbeiterinnen und Eltern, Lehrerinnen und Schülerinnen. Denn +allen am Diskurs beteiligten Personen werden Verantwortlichkeit und +persönliche – eventuell mit professioneller Hilfe auszubauende – +Handlungskompetenzen und Entwicklungsmöglichkeiten unterstellt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/170.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/170.md new file mode 100644 index 0000000..792b57a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/170.md @@ -0,0 +1,5 @@ +3.3 + +Die Erweiterung des Makrosystems: Ein +Modell der Gesellschaft in Verbindung +mit der „Gender“-Thematik diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/171.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/171.md new file mode 100644 index 0000000..ba1a546 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/171.md @@ -0,0 +1,34 @@ +3.3.1 Das Modell im Überblick +Ich möchte das Konzept des Makrosystems zu einem +Viersektorenmodell der Gesellschaft erweitern, in dem Ökonomie, +Politik, Kultur und Wissenschaft/Technologie als Teilsysteme des +übergeordneten Systems Gesellschaft ihren Platz finden. +Bronfenbrenner (1978) identifiziert das Makrosystem primär mit +Kultur. Diese schafft aus sich selbst heraus Wertorientierungen und +Rollenbilder, die durch Sinn- und Bedeutungszuschreibung den in +anderen Systemebenen entstehenden Ereignissen und Erfahrungen +ihren Stempel aufdrücken. In dem von mir vorgestellten Modell ist +Kultur neben Ökonomie, Politik und Wissenschaft/Technologie nur +noch eines von vier gesellschaftlichen Teilsystemen. +Die Ökonomie hat in diesem Gesamtsystem den Status eines +gesellschaftlichen Ordners, d. h. eine Vorrangstellung. Allerdings +muss sofort eine Einschränkung formulierte werden: Hierarchische +Beziehungen sind immer auch Rückkoppelungsbeziehungen, in denen +wechselseitige Beeinflussungen stattfinden. Es setzen sich nicht nur +ökonomische Prinzipien als kulturelle Werte durch, sondern kulturelle +Werte nehmen auch Einfluss auf die Ökonomie; z. B. orientieren sich +auch privatwirtschaftlich geführte Betriebe an den grundlegenden +Werten unserer Kultur, die im Grundgesetz als rechtliche Normen +verankert sind. +Eine der drei Kontextperspektiven für die Beschreibung eines +Modells sozialer Systeme und der sozialen Wirklichkeit wurde unter +der Bezeichnung „Gesellschaft – Arbeit, Herrschaft und Sprache“ +eingeführt (siehe 2.4.4.3). Das Konzept einer durch Arbeit, Herrschaft +und Sprache strukturierten Gesellschaft hat Jürgen Habermas im +Rahmen der „Kritischen Theorie“ formuliert (z. B. Habermas 1971, +1973). Durch die Einführung der Sprache wurde die Fixierung des +späten Marx und des „dialektischen Materialismus“ auf die Ökonomie +aufgehoben und der „symbolischen Produktivität“ des Menschen ein +gleichberechtigter Stellenwert im gesellschaftlichen Prozess +zuerkannt. Damit erhält der Bereich der Kultur seinen Platz im +Zentrum der Theoriebildung. Sie hat jetzt den Status eines diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/172.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/172.md new file mode 100644 index 0000000..efa80f8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/172.md @@ -0,0 +1,43 @@ +eigenständigen, mit der Ökonomie in einen wechselseitigen +Austausch tretenden Systems anstelle eines von der ökonomischen +„Basis“ abhängigen „Überbaues“.4 +Ulrich Beck hat ein aus vier Teilsystemen bestehendes Modell der +Gesellschaft entwickelt (Beck 1986), das dieser Perspektive +entspricht. Denn es definiert Ökonomie und Kultur (neben Politik und +Wissenschaft/Technologie) als zunächst gleichberechtigte Systeme +innerhalb des gesellschaftlichen Ganzen. Er sieht die heutige +„postmoderne“ Gesellschaft weniger durch den von Karl Marx +herausgearbeiteten Grundwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital +bestimmt als vielmehr durch technologisch-wissenschaftliche Risiken +(z. B. die Atomenergie oder Gentechnologie). Ich denke aber, dass +die Grundstruktur der vier gleichberechtigten Teilsysteme eine +Position des Sowohl-als-auch ermöglicht. Die Einführung des +Konzeptes der Rückkoppelungsschleifen zwischen den einzelnen +Ebenen einer Hierarchie (siehe 2.4.3.2.3.5) ermöglicht es, sowohl +kulturelle Prozesse in Abhängigkeit von der Ökonomie als auch +umgekehrt deren Einflüsse auf ökonomische Entwicklungen +darzustellen. In vielen Fällen werde ich die erste Perspektive wählen, +weil sie m. E. eine Vielzahl sozialer Konflikte und Disparitäten erklärt. +Denn die kapitalistische Ökonomie hat im Zeitalter der Globalisierung +die Plausibilität einiger marxistischer Grundannahmen selbst +bewiesen. Sie ist ein für die Gesamtgesellschaft wesentlicher Faktor, +der alle anderen gesellschaftlichen Bereiche infiltriert und unter das +Primat +von +Kostenkalkulation, +Profitmaximierung +und +Kapitalakkumulation zu zwingen droht. In dieser Perspektive wird der +Ökonomie die Rolle eines gesellschaftlichen „Ordners“ zugewiesen +(Haken 1987). +Ich versuche in diesem Kapitel auch, die Beschreibung eines +gesellschaftlichen +Modells +mit +dem +Konzept +der +Geschlechtsrollenbeziehungen (Gender-Konzept) zu verknüpfen. +Warum? Das Gender-Thema ist schon von Engels als +gesellschaftliches Thema herausgearbeitet worden: „Die Befreiung +der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/173.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/173.md new file mode 100644 index 0000000..0cdd782 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/173.md @@ -0,0 +1,28 @@ +gesellschaftlichen Maßstab an der Produktion sich beteiligen kann +und die häusliche Arbeit sie nur noch in unbedeutendem Maße in +Anspruch nimmt“ (Engels 1969, S. 182). Es trat aber in der +zunehmenden Einengung der marxistischen Diskussion von einer +philosophisch begründeten Weltanschauung zu einer (ziemlich +erfolglosen) ökonomischen Praxislehre wieder in den Hintergrund. Die +Frauenbewegung hat dieses Thema dann unwiderruflich in den +Vordergrund der gesellschaftlichen Diskussion gebracht: Jedes +gesellschaftliche Phänomen, jedes gesellschaftliche Ereignis +beinhaltet auch die Gender-Thematik: Menschen handeln immer als +gesellschaftliche und geschlechtliche Wesen. Ein Modell der +Gesellschaft kann deshalb auf die Gender-Perspektive nicht +verzichten. +Ich werde das gesellschaftliche Gesamtsystem und seine +Teilbereiche nicht wertfrei mithilfe formaler Strukturen der +Systemtheorie beschreiben (beispielhaft hierfür Luhmann 1986, 1998; +Willke 1993). Stattdessen wähle ich die Position der „Kritischen +Theorie“ als Ausgangspunkt (Horkheimer 1970). Sie analysiert das +gesellschaftliche System vor dem Hintergrund von Leitideen für eine +wünschenswerte Entwicklung. Diese Leitideen – Menschenrechte, +eine globale soziale und ökologische Solidarität sowie die +Ermöglichung gleicher sozialer Chancen für das persönliche +psychosoziale Wachstum – wurden von Habermas einmal +zusammenfassend als die „Idee des guten Lebens“ bezeichnet. +In Abbildung 19 werden die vier Segmente Ökonomie, Politik, +Kultur, Wissenschaft/Technologie als Teile des gesellschaftlichen +Ganzen dargestellt. Die Gender-Perspektive steht quer zu ihnen, denn +sie ist für jeden Bereich eine grundlegende Struktur. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/174.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/174.md new file mode 100644 index 0000000..e69de29 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/175.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/175.md new file mode 100644 index 0000000..0fd2fe7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/175.md @@ -0,0 +1 @@ +Abb. 19: Ein Modell der Gesellschaft diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/176.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/176.md new file mode 100644 index 0000000..6971376 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/176.md @@ -0,0 +1,39 @@ +3.3.2 Die Gender-Thematik im Kontext der +Gesellschaftstheorie +Ich möchte zunächst auf den Unterschied hinweisen, der im +englischen Sprachraum zwischen Sex und Gender gezogen wird. Sex +meint das biologisch festgelegte Geschlecht, Gender bezieht sich auf +die Geschlechtsrollenverhältnisse, d. h. die soziale Bestimmung von +Geschlecht, Sexualität und Geschlechterbeziehung. Mit Gender wird +der Prozess der Transformation des biologischen Geschlechts in +Rollen, Rollenbestimmungen, Rollenerwartungen in den Blickwinkel +gerückt. Gender lässt sich in diesem Sinne als ein +sozialwissenschaftliches Konstrukt hinsichtlich des sozialen und sozial +bestimmten Geschlechterverhältnisses verstehen. Im Konzept der +Lebenslage (5.2.1) wird Gender auch als psychosoziale Struktur +verstanden, die einer Person zugewiesen wird und sie zugleich in eine +Beziehung zu anderen Personen ihres sozialen Umfeldes und zu dem +sozialen Makrosystem setzt. +Wenn wir von Gender sprechen, müssen wir verschiedene +Theorieebenen einführen: +Die Rollentheorie, mit deren Hilfe die im soziokulturellen Bereich +der Gesellschaft verankerten Verhaltenserwartungen an die +Mütter-, Väter-, Eltern-, Kinder- und Männer-/Frauenrollen +bestimmbar sind. Das Konzept der Rollen muss auch einen +Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und +den an die Rollen geknüpften Verhaltenserwartungen +herstellen. +Die +Sozialisationstheorie, +damit +der +Prozess +der +Rollenübernahme (role taking) und Rollengestaltung (role +making) in der Kindheit/Jugend und die Weitergabe +gesellschaftlicher Rollenanforderungen durch die Eltern an ihre +Kinder nachgezeichnet werden kann. +Eine Kritische Theorie der Gesellschaft (Horkheimer 1970), die +folgenden Fragestellungen nachgeht: Wie viel persönlichen, +familiären, institutionellen Freiheitsspielraum gewährt eine +Gesellschaft, um Rollen nicht nur im Sinne einer rigiden diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/177.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/177.md new file mode 100644 index 0000000..9ed9569 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/177.md @@ -0,0 +1,41 @@ +Anpassung zu übernehmen, sondern selbst zu gestalten? +Anders formuliert: Wie viele materielle, ideelle und +kommunikative Ressourcen haben unterschiedliche Menschen +und ihre sozialisierenden Systeme, um es den Menschen zu +erlauben, eigene Lebensentwürfe zu formulieren und zu +realisieren? Welche Benachteiligungen bzw. Privilegien haben in +dieser Hinsicht bestimmte Bevölkerungsgruppen (Frauen, +Kinder, Männer, alte Menschen, chronisch kranke und +behinderte +Menschen, +kinderreiche +Familien) +und +gesellschaftliche Gruppen (Kapitalbesitzer, lohnabhängige +Menschen in gesicherten bzw. prekären Arbeitsverhältnissen, +Selbstständige, Arbeitslose)? (Zu Theorien der sozialen +Ungleichheit siehe Diezinger u. Mayr-Kleffel 1999). +Die Gender-Perspektive erbringt darüber hinaus einige spezifische +Fragestellungen: +Wie viel strukturelle und persönliche Macht/Ohnmacht, +finanzielle +Sicherheit/Unsicherheit, +räumlich-zeitliche +Mobilität/Immobilität wird Männern und Frauen über die +Geschlechtsrolle zugebilligt oder verwehrt? +Welchen +zusätzlichen +Benachteiligungen +unterliegen +homosexuell orientierte Frauen und Männer, die ihre +Geschlechtsrolle quer zur gesellschaftlichen Normalität +definieren? +Durch welche politisch durchzusetzenden Konzepte können die +mit den Geschlechtsrollen verbundenen Benachteiligungen +aufgehoben werden? +Was für Friedrich Engels im Jahre 1884 (siehe Engels 1969) noch der +Schlüssel zur Befreiung der Frau war – ihre (Wieder-)Eingliederung in +die produktive Arbeit –, kann für uns heute nur noch eine von +mehreren miteinander verbundenen Perspektiven sein. Die +Berufstätigkeit der Frauen außer Haus zu ermöglichen (nicht zu +erzwingen) ist heute keine revolutionäre Forderung mehr. Um sie diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/178.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/178.md new file mode 100644 index 0000000..29d0c6b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/178.md @@ -0,0 +1,35 @@ +aber jenseits aller politischen Manifeste im Alltag zu verankern, sind +viele aufeinander bezogene sozialpolitische Maßnahmen notwendig, +z. B.: +Ganztagesbetreuungsmöglichkeiten für Kinder im näheren +Wohnumfeld der Familie; +eine durch die Arbeit„geberinnen“ (Mütter und Väter) +mitbestimmte flexible Arbeitszeitregelung; +Teilzeitarbeitsplätze und geteilte Stellen (Jobsharing) für Mütter +und Väter; +Sonderbeurlaubungen für einen Elternteil bei der Erkrankung +von Kindern. +Diese Vorschläge sind durch das „Gleichheitsparadigma“ (RückerEmbden-Jonasch u. Ebbecke-Nohlen 1992) geprägt: Männer und +Frauen sollen auf dem Arbeitsmarkt die gleichen Chancen haben, weil +es hinsichtlich der für die moderne industrielle bzw. postindustrielle +Arbeit notwendigen Kompetenzen keine grundsätzlichen Unterschiede +zwischen den Geschlechtern gibt. +Dafür sind folgende kulturelle, ökonomische und politische +Entwicklungsziele unumgänglich: +Die Aufwertung der Familienarbeit (im Sinne von Marx und +Engels „reproduktive Arbeit“) zu einer gesellschaftlich +notwendigen und der Erwerbstätigkeit gleichwertigen Arbeit. +Die Erziehung bzw. Sozialisation der Kinder im familiären +Kontext und die damit verbundene Haushaltsarbeit ist +ökonomisch, politisch und kulturell von einer enormen +Bedeutung für die Gesellschaft. Dieser ideelle und finanzielle +Wert der Familienarbeit muss sich auch im Normen- und +Wertesystem der Gesellschaft niederschlagen und konkrete +sozialpolitische Maßnahmen zur Folge haben. Hier denke ich an +eine Ausweitung der auf die Altersrente angerechneten +Erziehungszeiten, +die +Absicherung +von +schweren +Haushaltsunfällen in der Arbeitsunfallsversicherung, Hilfen für diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/179.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/179.md new file mode 100644 index 0000000..d5d943d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/179.md @@ -0,0 +1,47 @@ +Familien in Krisen durch familienunterstützende und ergänzende +Maßnahmen +(z. +B. +Sozialstationen, +sozialpädagogische +Familienhilfe, +Tagesgruppen +usw.), +Teilzeitarbeit für Väter und Mütter. +Die +wechselseitige +Unterstützung +und +Verantwortungsübernahme von Vätern und Müttern in der +Familie. Das erfordert vor allem von den Vätern eine verstärkte +körperliche und psychische familiäre Präsenz, von den Müttern +eine ernst gemeinte Einladung an die Väter zum „familiären +Jobsharing“. Hier ist auch der Platz, an dem sich die +Veränderung +gesellschaftlicher +Rollendefinitionen +direkt +bemerkbar machen kann: Väter können in ihre Rolle auch die +Aufgabe der „Bemutterung“ integrieren, Mütter die expansiven +Seiten der Vaterrolle übernehmen. Hier kommt das +„Reziprozitätsparadigma“ (Rücker-Embden-Jonasch u. EbbeckeNohlen 1992) zur Geltung. +Das Zusammenspiel männlich strukturierter Formen des +Denkens, Fühlens und Handelns mit dem weiblichen Gegenpol, +was auch zu einer Transformation bisher gängiger +Kommunikationsmuster führen würde. Ich denke hier im Sinne +des +„Reziprozitätsparadigmas“ +an +die +wechselseitige +Durchdringung von intuitivem und rationalem Denken/Handeln, +symbiotischer +und +distanzierter +Beziehungsgestaltung, +körperlicher und geistiger Liebe, aktivem Versorgen und +passivem Versorgtwerden. +Ausgangspunkt für eine solche Transformation wäre eine +Gleichberechtigung „männlicher“ und „weiblicher“ Perspektiven +(„Gleichheitsparadigma“) wie auch die wechselseitige Übernahme der +gegengeschlechtlichen Perspektive („Unterschiedsparadigma“). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/180.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/180.md new file mode 100644 index 0000000..b24ecc4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/180.md @@ -0,0 +1,38 @@ +3.3.3 Die Ökonomie +Die Ökonomie und damit die gesamte Gesellschaft wird durch eine +Struktur organisiert, die als weltweit vernetzter bzw. globalisierter +Kapitalismus bezeichnet werden kann. +Überall hören wir das Siegesgeschrei des Kapitalismus: Der +Kommunismus als Idee ist tot, den Sozialismus als funktionierende +Gesellschaftsform hat es nie gegeben usw. Das wird sich wieder +ändern, wenn die Folgekosten eines seiner sozialen Verantwortlichkeit +beraubten Kapitalismus noch deutlicher werden: +steigende Armut und steigende Sozialhilfekosten; +strukturelle Arbeitslosigkeit, vor allem das Problem der +Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit; +eine ungerechte Einkommens- und Vermögensverteilung; +Konzentration und Globalisierung; +Schwächung der nationalen Ordnungspolitik (Wirtschafts- und +Finanzpolitik), Stärkung der global agierenden Unternehmen. +Der +Trend +zur +dreifach +gespaltenen +Gesellschaft +(„Dreidrittelgesellschaft“) ist unübersehbar. In dem untersten +Segment lebt man in chronischer oder zeitweiser Armut, wobei Armut +in Sinne der EU-Definition als ein Mangel definiert wird, der sich +durch ein unterhalb der Hälfte des Durchschnittseinkommens des +betreffenden Landes liegendes Einkommen ergibt.5 Auch die in +unserer Gesellschaft immer wieder von Armut bedrohten bzw. sich +knapp oberhalb der Armutsgrenze befindliche Gruppe lässt sich +diesem Drittel zuweisen. +Nach dem Armutsbericht von 2000 (Bezugsjahr 1998) lebten in +Deutschland 34,5 % aller Menschen mit einem Einkommen von nicht +mehr als 75 % des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens von +1709 DM (874 €)6, 9,1 % mit nicht mehr als 50 % (Hanesch et al. +2000, S. 56). Finanzielle Armut kann verschiedene Gründe haben. +Kinderreichtum, der Status eines allein erziehenden Elternteiles, +Arbeitslosigkeit und fehlende Berufsausbildung werden von der +Armutsforschung als die wichtigsten Armutsrisiken benannt. Aus diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/181.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/181.md new file mode 100644 index 0000000..b6edbf7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/181.md @@ -0,0 +1,39 @@ +persönlichkeitspsychologischer Sicht ist eine im Kontext von Armut +wichtige psychische Struktur zu nennen, die von Seligman +herausgearbeitete „erlernte Hilflosigkeit“ (Seligmann 1983). Die +Lebenswelt und die Beziehungsmuster von Armutsfamilien wurden für +die USA von Salvador Minuchin et al. eindrücklich beschrieben (S. +Minuchin et al. 1967; S. Minuchin 1988; P. Minuchin et al. 1998). +Die Menschen im zweiten Segment der Gesellschaft (54,8 %) +können sich im Bereich unterhalb oder oberhalb des +durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens etablieren. Von dieser +Gruppe verfügen 27,1 % über 76–100 % des durchschnittlichen ProKopf-Einkommens und 27,7 % über 101–150 % (ebd.). Vor allem die +Menschen mit einem Einkommen unterhalb des Durchschnittswertes +(27,1 %) sind mit der Angst vor möglicher Armut und einer +strukturellen Beschneidung ihrer Konsumwünsche konfrontiert. +11 % aller Bewohnerinnen der BRD besetzen das oberste +Segment mit mehr als 151 % des durchschnittlichen Pro-KopfEinkommens. In dieser Gruppe sind es 6,8%, die 151–200 % des +Durchschnittswertes erreichen, 4,2 % liegen darüber (Hanesch et al. +2000, +S. +56). +Diese +Position +ermöglicht +ihnen +eine +überdurchschnittliche Teilhabe am gesellschaftlichen Konsumangebot +und das Ansparen bzw. den Börsengewinn von erheblichen +Vermögenswerten. Nach einer neusten Studie des Wirtschafts- und +sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung stiegen +die Gewinne aus Vermögen und Einkommen bei Selbstständigen seit +1991 um 281 Milliarden DM (144 Mrd. €) auf 1020 Milliarden DM (522 +Mrd. €) im Jahr 1998. In der gleichen Zeit erhöhten sich Nettolöhne +und -gehälter der abhängig Beschäftigten um 125 Milliarden DM (64 +Mrd. €) auf heute 1082 Milliarden DM (553 Mrd. €). Arbeiter und +Angestellte, d. h. die signifikante Mehrheit der außerhalb des eigenen +Haushaltes berufstätigen Menschen, verfügen heute nur noch über +43 % des gesamten Einkommens von knapp 2,5 Billionen DM (1,28 +Billionen €). +Auch bei den Vermögenseinkünften und der Besitzverteilung zeigt +sich ein ähnliches Bild: Die in dieser Hinsicht „obersten“ 10 % der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/182.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/182.md new file mode 100644 index 0000000..3ae6a82 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/182.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Bevölkerung verfügen über fast 45 % der gesamten Vermögenswerte +in Deutschland, die „untere“ Bevölkerungshälfte nur über 8,5 % +(Trott-war 2/2001, S. 7). Der einkommens- und vermögensstarken +Gruppe kommt auch ein entscheidender – direkt persönlicher oder +indirekt über ihre Lobby hergestellter – Einfluss auf +volkswirtschaftliche und damit politische Entscheidungsprozesse zu. +Nimmt man die Haushaltsnettoeinkommen als Bezugsgröße, +verschärft sich das Bild. Das durchschnittliche Haushaltseinkommen +in der BRD betrug 1998 3660 DM (1871 €) (Hanesch et al., S. 59). +Hier sind alle Haushaltsgrößen eingerechnet. Es ist davon +auszugehen, dass in vielen Familienhaushalten mit steigender +Kinderzahl das konsumrelevante Einkommen sinkt. 54,7 % aller +Haushalte sind Drei- und Mehrpersonenhaushalte, in 44,3 % leben +nur ein oder zwei Menschen. „Einpersonenhaushalte haben höhere +Armuts- und Niedrigeinkommensquoten as Zweipersonenhaushalte, +mit weiter wachsender Personenzahl nehmen Armut und prekärer +Wohlstand zu“ (ebd., S. 85). Demzufolge leben allein stehende ältere +Menschen und Familienhaushalte unter dem höchsten Armutsrisiko; +zusammenlebende verheiratete oder unverheiratete Paare haben hier +aufgrund eines häufigen doppelten Einkommens (Dinks: double +income, no kids) die sicherste Position. Das sollte familienpolitisch zu +denken geben, denn anscheinend reichen die bisherigen Maßnahmen +des „Familienlastenausgleiches“ nicht aus.7 +Die kapitalistische Ökonomie lässt sich Marx zufolge durch vier +grundlegende Komponenten kennzeichnen: + +Die Akkumulation von Geld zu Kapital, die Inbesitznahme der +Produktionsmittel durch die Kapitaleigentümer und die aus der +ökonomischen +Stärke +resultierende +politische +Macht. +Beispielhaft hierfür sind die international agierenden großen +Konzerne, welche die jeweiligen kommunalen und nationalen +Regierungen immer wieder zu finanziellen, steuerlichen +sozialpolitischen Zugeständnissen zwingen. +Der absolute Vorrang des Tauschwertes vor dem +Gebrauchswert. Ob das, was man verkauft, langlebige nützliche diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/183.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/183.md new file mode 100644 index 0000000..3e62ccb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/183.md @@ -0,0 +1,40 @@ +Gebrauchsgüter sind oder unnützer Plastikfirlefanz, der nach +zwei Tagen im Mülleimer landet; ob umweltbelastende oder +umweltverträgliche Technologien angewandt werden; ob +Maschinenpistolen oder Verbandszeug hergestellt werden – der +Gebrauchswert der Ware interessiert die Kapitaleigner nicht, +sondern nur ihr in Geld ausgedrückter und auf dem Markt +realisierter Tauschwert. Ethische bzw. moralische Erwägungen, +z. B. der Verzicht auf sexistische Werbung, sind „systemfremd“ +und können nur dann, „wenn sie sich rechnen“, in den +kapitalistischen Denk- und Produktionshorizont übertragen +werden. Aufgabe einer progressiven Politik war es immer, die +aus den Grundrechten abgeleiteten ethischen bzw. moralischen +Forderungen auch gegen den Aspekt des maximalen Profits +durchzusetzen. +Die Verwertung der Ware Arbeitskraft durch die Kapitalbesitzer. +Jeder Mensch, der nicht selbst Kapitaleigner ist, aber seine +eigene Reproduktion sichern muss, ist gezwungen, seine +geistige und körperliche Arbeitsfähigkeit auf dem Arbeits„markt“ +anzubieten. Sie wird von den Kapitaleignern bzw. ihren +Repräsentanten (Geschäftführern, Personalchefs usw.) zu +bestimmtem Bedingungen gekauft. Veränderte gesellschaftliche +Bedingungen führen auch zu veränderten Rahmenbedingungen +für den Kauf und Verkauf der „Ware Arbeitskraft“. Wir erfahren +zurzeit hautnah, dass der weltweit organisierte industrielle +Kapitalismus immer weniger menschliche Arbeitskraft verwerten +muss, +weil +er +immer +mehr +Maschinenkraft +und +Informationstechnologie an die Stelle der „Menschenkraft“ +setzt. Das hat z. B. für die Gender-Thematik eine entscheidende +Bedeutung: In Zeiten knapper Stellenangebote auf dem +Arbeitsmarkt geraten die Männer wieder in die Rolle der +bevorzugten Anbieter, weil sie z. B. die familieninterne +Erziehungs- und Kinderbetreuungsfunktion ihren Frauen +überlassen und deshalb zeitlich flexibler, kontinuierlicher und +unbegrenzter einsetzbar sind. Vor allem für Frauen mit diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/184.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/184.md new file mode 100644 index 0000000..16858b2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/184.md @@ -0,0 +1,34 @@ +geringem Ausbildungsniveau und familiären Verpflichtungen +entsteht dabei die Gefahr, in diesem Prozess der Reduzierung +von Erwerbsarbeitsplatzangeboten wieder zur „industriellen +Reservearmee“ zu werden; bzw. der Zugang zum Arbeitsmarkt +wird für viele von ihnen zunehmend über die „prekären Lohnund Arbeitsverhältnisse“ erfolgen. Dieser Begriff bezieht sich +auf tarifrechtlich abgesicherte Vollerwerbsarbeitsplätze, deren +Entlohnung knapp über dem Sozialhilfeniveau liegt, und +Nebenerwerbsjobs. Prekäre Lohn- und Arbeitsverhältnisse +auszuweiten und in ihrem Rahmen den Kündigungsschutz zu +lockern, ist ein Interesse der Kapitaleigner und ihres +Managements, denn sie erleichtern die Politik des hire and fire. +Die Entfremdung des Menschen von seinen Möglichkeiten, eine +Gesellschaft nach den Prinzipien der Solidarität und +Allgemeinverantwortung zu bilden. „Arbeit-Geberinnen“ sind im +marxistischen Sinne nicht die Unternehmer, sondern diejenigen, +die ihre Arbeitskraft verkaufen (hergeben) müssen, um ihr +Leben und das ihrer Familie finanziell zu sichern; die +Unternehmer hingegen sind „Arbeit-Nehmer“ – diejenigen, +welche die Arbeitskraft annehmen. Sie bringen die Produkte in +den Kreislauf der Waren und Dienstleistungen nach den ihnen +nutzenden Gesetzen des Marktes ein. Dass die „Arbeit-Geber“ +durch den Lohn, die Gesellschaft durch die Ertragssteuern +ebenfalls davon profitieren, ist ein für das Kapital ärgerlicher, +aber unumgehbarer Nebeneffekt, den es durch Lohndrückerei +und unternehmensfreundliche Besteuerungen zu minimieren +gilt. In diesem Sinne wird durch die Ökonomie eine +gesellschaftliche Hierarchisierung geschaffen und verteidigt, bei +der die Differenzlinien zwischen Kapitalinhabern und +Lohnabhängigen, +Modernisierungsgewinnerinnen +und +verliererinnen, Hochlohn- und Niedriglohnarbeitsplätzen, +Arbeitsplatzbesitzerinnen und Erwerbsarbeitslosen, erstem und +zweitem Arbeitsmarkt, Männern und Frauen verlaufen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/185.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/185.md new file mode 100644 index 0000000..210d5ba --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/185.md @@ -0,0 +1,4 @@ +Soziale Arbeit hat es vor allem mit den Folgen ökonomischer +Deprivierung zu tun. Diese ist ein wichtiger Faktor für die Entstehung +und Aufrechterhaltung von Arbeitslosigkeit, Armut, öffentlichen und +familiären Gewaltverhältnissen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/186.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/186.md new file mode 100644 index 0000000..dc5c84b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/186.md @@ -0,0 +1,36 @@ +3.3.4 Die Politik +Der Politik wurde von einer aufklärerischen bürgerlichen +Gesellschafts- und Politiktheorie die Aufgabe zugewiesen, +Ungerechtigkeiten, +Widersprüche, +Unterprivilegierung, +die +notwendigerweise durch die kapitalistische Ökonomie entstehen, +abzufedern. Dazu müssen ein soziales Sicherungssystem für +bestimmte Lebensrisiken und problematische Lebenssituationen +geschaffen werden sowie ein kulturelles Klima, in dem diese +Solidarleistungen als Grundwert verankert sind. Unter Ludwig Erhard, +dem ersten Wirtschaftsminister und zweiten Bundeskanzler der BRD, +wurde in diesem Sinn das Konzept der „sozialen Marktwirtschaft“ zum +allgemein akzeptierten Wert. Erhard hat diese Idee nicht erfunden; er +konnte an die Sozialstaatsidee der Weimarer Verfassung anknüpfen, +die allerdings eine sehr viel ausgeprägtere sozialistische Handschrift +trug. +Die erste große staatliche Aktion im Hinblick auf die soziale +Abpufferung von durch die Ökonomie erzeugten Ungerechtigkeiten +war die bismarcksche Sozialgesetzgebung zwischen 1883 und 1889. +Bismarcks handlungsleitendes Interesse war die Befriedung des +aufmüpfigen Proletariats und eine Spaltung der Arbeiterbewegung. +Das gelang ihm nicht, was auch heißt: Unter bestimmten Umständen +können die Unterprivilegierten eine Verbesserung ihrer Position und +Situation erreichen – wenn sie sich solidarisch verhalten und es in der +aktuellen gesellschaftlichen Situation entsprechende Möglichkeiten +gibt. +Das Sicherungssystem der „sozialen Marktwirtschaft“8 hat für die +Gender-Thematik eine erhebliche Bedeutung. Zu erwähnen sind hier +u. a.: +die bisher noch gültige Regelung, dass Frauen eher in Rente +gehen dürfen als Männer; +der Mutterschutz; +die Anrechnung von Kindererziehungszeiten auf die Rente des +erziehenden Elternteiles; diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/187.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/187.md new file mode 100644 index 0000000..b78aeb6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/187.md @@ -0,0 +1,39 @@ +die +Einführung +der +„Erziehungszeit“ +(bis +2000 +„Erziehungsurlaub“ genannt); dieser Rechtsanspruch stärkt +Frauen in ihrer sozialen Absicherung, denn er garantiert ihnen +die Rückkehr auf ihren alten Arbeitsplatz; darüber hinaus +ermöglicht er den Vätern, statt der Mutter die Hauptlast der +Erziehungs- und Betreuungsfunktion zu übernehmen. +Dass nur etwa 5 % der Väter die Erziehungszeit in Anspruch nehmen, +ist u. a. darauf zurückzuführen, dass die ganze Sozialpolitik immer +noch der Idee der bürgerlichen Normalfamilie und des Vorranges der +Erwerbsarbeit vor anderen Formen gesellschaftlich wertvoller Arbeit +anhängt. Das wird auch daran deutlich, dass viele frauenbezogene +Maßnahmen im Bereich der Sozialpolitik im engeren Sinne +mütterbezogen sind. Wie viel schwerer dagegen tut sich noch die +Politik bis in die jüngste Zeit mit direkt frauenbezogenen Reformen, z. +B. einem Gesetz, das auch Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe +stellt oder dem gewalttätigen Ehemann den Zutritt in die +gemeinsame Wohnung untersagt. +Trotz allem finden wir in der Politik der BRD in ihrer Bedeutung +zunehmende – wenn auch mühsame – Versuche, über die Sozial- und +Rechtspolitik das „Gleichheitsparadigma“ zu realisieren. Die ersten +großen Schritte in diese Richtung waren die erst 1958 erfolgte +Aufhebung des dem Ehemann zugestandenen Rechts, seiner Frau die +Berufstätigkeit zu verwehren, und das neue Scheidungsrecht von +1977. Darüber hinaus hat die Politik durch die gesetzliche Regelung, +dass auch der Vater Anspruch auf die „Erziehungszeit“ hat (und dass +sie, als dritte Variante, zwischen Mutter und Vater teilbar ist), eine +Botschaft an Männer, Frauen und Kinder formuliert: Auch Väter +können Kinder in voller Verantwortung erziehen, und das soll +unterstützt werden. +Das soziale Sicherungssystem und darüber hinaus die Politik +insgesamt befinden sich in einer ernsthaften Glaubwürdigkeitskrise. +Die Hoffnung der Bürgerinnen auf einen Staat, der sich im Hinblick +auf die Lösung anstehender Probleme kompetent zeigt, schwinden. +Die gesellschaftlichen Teilsysteme sind zu komplex geworden, und die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/188.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/188.md new file mode 100644 index 0000000..0370825 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/188.md @@ -0,0 +1,46 @@ +Steuerungskraft des Staates wird durch die politische Macht des +ökonomischen Sektors beschränkt. Darüber hinaus sind die +politischen Entscheidungen weniger an langfristigen Konzepten oder +gar Visionen als vielmehr an dem meist vier- bzw. fünfjährigen Zyklus +von Wahlperioden orientiert. Systemisch gesehen, sind die +Bürgerinnen selbst ein Teil dieses Problems. In ihrer Mehrzahl haben +sie den Staat zu einer ihnen gegenüberstehenden, nicht zu ihnen +gehörenden Struktur erklärt, die sich außerhalb ihres Einfluss- und +Verantwortungsbereiches befindet. Er wird weniger als ein von ihnen +selbst mitgestaltetes Teilsystem definiert, sondern als ein ihnen fremd +bleibendes +Exosystem, +das +seinen +Versorgungsund +Problementsorgungsaufgaben immer nur ungenügend nachkommt. +Gemeinsame, von beiden Seiten getragene Visionen eines +demokratischen, solidarischen, kooperativen, Mensch und Natur +schützenden Gemeinwesens sind eher selten. +Die meistgenannte Kritik am staatlichen System ist seine +bürokratische Verkrustung. Die Verwaltungsbürokratien unternehmen +selbst einige Anstrengungen, um sich als Dienstleistungsunternehmen +für die Bürgerinnen zu präsentieren. Man vergleiche z. B. die +Beziehung +zwischen +einem +durchschnittlichen +kommunalen +Jugendamt und seinen Klientinnen vor 20 Jahren und heute +miteinander. Darüber hinaus wird zu wenig bedacht, dass die +Individualisierung der Gesellschaft zugleich eine Verrechtlichung der +Beziehungen und bürokratische Prozeduren erfordert. Durch die +Individualisierung entsteht ein Komplex von Rechten und +Ansprüchen, die alle Bürgerinnen persönlich einklagen können. Das +erfordert ein System klar definierter Rechte/Pflichten und ebenso klar +definierter Prozeduren der Zuweisung von Ansprüchen bzw. der +juristischen +Überprüfung +staatlicher +bzw. +administrativer +Entscheidungen. Diese demokratisch notwendige andere Seite der +Bürokratie spielt im Bereich der Sozialen Arbeit eine wesentliche +Rolle. Ihr Handlungsrahmen ist durch das Sozialgesetzbuch +festgelegt, und ihre Entscheidungen sind vor dessen Hintergrund zu +begründen und überprüfbar. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/189.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/189.md new file mode 100644 index 0000000..91cd685 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/189.md @@ -0,0 +1,47 @@ +Hinsichtlich der Familienpolitik sind strukturelle Veränderungen +notwendig, +um +die +Familien +im +ersten +und +zweiten +Einkommenssegment bei ihrer Sozialisationsfunktion auch finanziell +zu unterstützen. Der bisherige Familienlastenausgleich reicht nicht +aus. Die Mehrwertsteuer z. B. trifft Familienhaushalte relativ mehr als +Einund +Zweipersonenhaushalte. +Hier +könnte +eine +Mehrwertsteuerrückzahlung für Familien durch das Finanzamt oder +ein entsprechend erhöhtes, auch den Sozialhilfeempfängerinnen voll +zustehendes Kindergeld Abhilfe schaffen. Eltern minderjähriger und +damit von ihnen zu unterhaltender Kinder zahlen prozentual nicht +weniger Rentenbeiträge als gut verdienende Einzelpersonen oder +zusammenlebende Paare, obwohl sie durch ihre materielle +Kinderversorgung die Renten der zukünftigen Ruheständlerinnen +sichern. In der Logik unseres auf einer mehrgenerationalen +kollektiven Solidarität beruhenden Rentensystems wäre hier eine an +die Anzahl der Kinder gekoppelte Reduktionen der monatlichen +Rentenbeitragszahlung sinnvoll. Sie könnte ab einer bestimmten +Kinderzahl in eine vollständige Befreiung übergehen. Parallel dazu +müssten die Rentenbeiträge kinderloser Einzelpersonen und Paare +steigen. +Auch die Kostenseite des familiären Alltags muss überprüft +werden: +öffentliche Verkehrsmittel sind für Familien zu teuer; +ausreichenden Wohnraum können sich nur einkommensstarke +Familien leisten; +die Zahl der beiden Eltern bzw. dem allein erziehenden +Elternteil +eine +Erwerbsarbeit +ermöglichenden +Ganztageseinrichtungen für Kinder reicht nicht aus; +die Förderung leistungsschwacher und sozial auffälliger Kinder +in den Schule kann aufgrund großer Klassen und einer zu wenig +ausgebauten Schulsozialarbeit nicht das leisten, was aufgrund +vorhandener pädagogischer bzw. sozialpädagogischer Konzepte +möglich wäre; diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/190.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/190.md new file mode 100644 index 0000000..cf43272 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/190.md @@ -0,0 +1,6 @@ +Einrichtungen der offenen Jugendarbeit sind ausstattungsmäßig +oft nicht in der Lage, Jugendlichen ein sinnvolles Freizeit- und +die Schule ergänzendes Angebot zu machen; das aber würde so +manche Familie finanziell entlasten, weil ihre Kinder nicht auf +teure Kneipen, Kinos und Discos ausweichen müssten; das +könnte auch die Ängste der Eltern hinsichtlich einer Drogenund Gewaltgefährdung ihrer Kinder mindern. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/191.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/191.md new file mode 100644 index 0000000..b73da34 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/191.md @@ -0,0 +1,40 @@ +3.3.5 Kultur, Alltag und soziale Kommunikation +Dieses gesellschaftliche Teilsystem kennen wir vor allem über das +berühmt gewordene Stichwort von Ulrich Beck zu diesem Bereich: Er +weist auf, dass unsere heutige Kultur einem Trend zur +„Individualisierung“ unterliegt, der den Alltag bzw. das Alltagshandeln +der Menschen grundlegend verändert. Damit ist gemeint, dass +Traditionen aufgeweicht bzw. abgeschwächt werden und einem +ständigen Legitimationsdruck unterliegen. Traditionelle Moralcodices +und Rollenbestimmungen sind nicht mehr selbstverständlich und +werden verändert. Allgemein gültige, für Frauen, Männer und ihre +Beziehung geltende Verhaltenserwartungen und -regulierungen +werden abgelöst durch von den Einzelnen für sich selbst scheinbar +selbst bestimmt hergestellte Werte, Normen und Regeln. Das bringt +auch einen neuen Zwang mit sich: Die Zulässigkeit des selbst +gewählten Verhaltens und – im weiteren Sinne – des eigenen +Lebensentwurfes +muss +immer +wieder +neu +mit +den +Beziehungspartnerinnen ausgehandelt werden. Darin liegt bei aller +Individualisierung die Beziehungsperspektive in der „Postmoderne“.9 +Die im Lebenslauf hergestellten und veränderbaren Lebensentwürfe +der Einzelnen sind nicht mehr vorherbestimmt wie im „Ancien +Régime“ (vgl. Ariès 1975), im Feudalismus, in agrarischen +Gesellschaften. Für diese war klar: Der Stand, der Raum, das Dorf, +die Stadt, in die jemand hineingeboren wurde, blieben ein Leben lang +unveränderlich. Auch die Verhaltenserwartungen, mit denen damals +ein Kind am Anfang seines Lebens konfrontiert wurde, blieben bis +zum Ende seines Lebens gültig. Diese Zwangsverhältnisse lösen sich +im Rahmen der Individualisierungstendenz (von der Idee her +vollständig, realiter zum Teil) auf. +Wie alles, zeigt sich auch diese Entwicklung janusköpfig: + +Die positive Seite: Im Trend der Individualisierung ist es +möglich, unsere Verhaltensweisen vor dem Hintergrund von uns +selbst gesetzter bzw. individuell akzeptierter Normen und Werte +selbst zu wählen. Wir sind nicht gezwungen, uns von diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/192.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/192.md new file mode 100644 index 0000000..174f72b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/192.md @@ -0,0 +1,42 @@ +vornherein, ohne Diskussion und ohne Abstriche, allgemein +gültigen Verhaltensnormen, -werten und -regeln zu +unterwerfen. Wir gewinnen Freiheitsgrade für unser Verhalten, +unsere Lebensplanung, unsere Werteorientierung. Heute +können Frauen sagen: „Mit diesem Mann möchte ich nicht mehr +zusammenleben, ich gehe“; im Mittelalter und in der frühen +Neuzeit hätte das ihren sozialen und biologischen Tod zur Folge +gehabt. Durch die Individualisierung haben Frauen zunächst +sehr viel mehr gewinnen können als Männer, denn im Kontext +der +Individualisierung +müssen +Männer +ihre +Herrschaftspositionen aufgeben. Sie müssen auf ihre +Definitionsmacht über das, was Männern und Frauen zukommt, +verzichten und sich mit der Frauenperspektive abstimmen. +Leider realisieren viele Männer immer noch nicht die in diesem +Prozess auch für sie selbst enthaltene Chance der eigenen +psychischen Entwicklung. Systemisch betrachtet, könnten sich +Frauen und Männer an diesem Punkt in einen Prozess der +Koevolution einlassen. In diesem Kontext könnte die dem +Geschlechterverhältnis immer noch innewohnende Machtfrage +ihre destruktive Kraft für die Gestaltung heutiger +Paarbeziehungen verlieren. +Die negative Seite: Die privaten Beziehungssysteme werden +fragiler. Beziehungen werden nicht mehr durch allgemein +verbindliche Normen, Werte und Regeln festgelegt. Deshalb +müssen Beziehungssituationen immer wieder neu definiert und +geregelt werden. Dem kann man durch das Ausweichen auf +andere Beziehungssituationen entgehen, wenn einem die aus +ihnen resultierenden Verpflichtungen zu mühsam, zu kostspielig +oder zu wenig lustvoll erscheinen. „Selbstfindung“ kann zum +„Egotrip“ umgemünzt werden. Dadurch wird der allgemeine +gesellschaftliche +Zusammenhang +und +die +für +ihn +unverzichtbare, über die eigene Person bzw. engste Gruppe +hinausgehende Solidarität bedroht. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/193.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/193.md new file mode 100644 index 0000000..d4a2c30 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/193.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Im Zuge der Individualisierung lösen sich die klassischen Rollenbilder +für Geschlechter-, Paar- und Familienbeziehungen auf. Väter können +bisher mütterliche, Mütter bisher väterliche Aufgaben übernehmen, +Männer entdecken ihre weibliche, weiche Seite, Frauen ihre +Durchsetzungskraft in öffentlichen sozialen Räumen. +Es entstehen neben der zweigenerationalen Kernfamilie und der +immer noch existierenden Dreigenerationenfamilie eine Vielzahl +kulturell akzeptierter privater Lebensformen: +Einelternfamilien; +Fortsetzungs- bzw. Stieffamilien; +Pflege- und Adoptivfamilien; +Single-Haushalte als auch von jüngeren Menschen für sich +(mindestens zeitweise) gewählter Lebensrahmen; +freiwillig kinderlose Ehepaare; +unverheiratete Paare mit Kindern und ohne Kinder; +Paare unter dem Motto Living a part together; +homosexuelle (schwule und lesbische) Paare; +additive und integrierte Wohngemeinschaften. +Vieles ist möglich und kann auch zeitlich begrenzt gewählt werden. +Die klassische Kernfamilie, die sich im Rahmen der bürgerlichen +Gesellschaft herausgebildet hat, ist immer noch die statistisch +häufigste Familienform – und auch das Beziehungsideal der meisten +Menschen. Doch sie ist nicht mehr das alleinige normative Paradigma +langfristiger Beziehungen. Vor allem Frauen gewinnen durch die neue +Vielfalt der Lebens- und Familienformen einen größeren +Freiheitsspielraum innerhalb und außerhalb der Familie. Dass heute in +Deutschland mehr Scheidungen von Frauen als von Männern +beantragt werden, spricht für diese These. Doch scheint mir eine +funktionierende Familie – bei allen Defiziten – immer noch die beste +Institution, um Kinder zu erziehen bzw. zu sozialisieren. +Die Informations- und Mediengesellschaft fördert einerseits die +Individualisierung. Andererseits fördert sie auch Uniformisierung, +indem durch aufdringliche Bilder von wünschenswertem Sozial- und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/194.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/194.md new file mode 100644 index 0000000..07d0a8e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/194.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Konsumverhalten Idealbilder von Beziehungen, Körperästhetik und +Lebensphasen in modische Trends gegossen und unter die Leute +gebracht werden. Überspitzt formuliert: Heute darf jede einzelne +Person das tun, was viele andere auch tun, früher dagegen wurden +Verhaltensstandards in der sozialen Kommunikation erzwungen. Die +neuen Medien begünstigen auch eine räumlich-zeitliche Mobilität. Wir +sind über Handy an allen Orten der Welt erreichbar, können über Fax +und Internet Informationen austauschen und Entscheidungen treffen, +sind über die Situation in allen Kontinenten informiert und können in +kurzer Zeit an fast jedem Ort der Welt persönlich anwesend sein. Wir +entscheiden uns in der Gegenwart zwischen mehreren möglichen +Zukünften, deren oft kurzfristige Rückmeldung vielleicht eine +Neuorientierung bei der Zukunftsplanung erforderlich macht. +In diesem Zusammenhang löst sich auch ein traditionelles +Verständnis von Heimat auf. Sie ist nicht mehr für alle der räumliche +Kontext lebenslanger verwandtschaftlicher bzw. sozialer Beziehungen, +dem man selbstverständlich verhaftet bleibt. Heimat geht entweder +verloren, oder sie wird an einem neuen Ort, durch selbst gewählte +enge Freundschaften („Wahlverwandtschaften“) und die Integration +in vorhandene sozialräumliche Strukturen neu geschaffen. +Räumliche Mobilität wird nicht nur kulturell, sondern auch im +ökonomischen Sektor zunehmend gefordert. Stellen- oder +Berufswechsel erzwingen häufiger als früher einen Ortswechsel. +Dieser räumlich-zeitlichen Mobilität korrespondiert eine kognitivaffektive Flexibilität. Wir müssen uns psychisch auf schnell +wechselnde Kontexte einlassen können, auf neue Kontakte, neue +Technologien, neue Orte. Wichtig scheint mir dabei die Fähigkeit, +Neues mit Bewährtem zu verbinden, also eine Balance zwischen +Innovation und Tradition zu finden. Es ist eigentlich nicht +verwunderlich, dass diesen neuen Anforderungen eine Zunahme +psychosozialer +Krisen +und +entsprechender +psychosozialer +Unterstützungsangebote korrespondiert. Wir können sie als Ausdruck +schnell wachsender Anforderungen an die kommunikativen +Kompetenzen der vergesellschafteten Subjekte verstehen, für die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/195.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/195.md new file mode 100644 index 0000000..243b98a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/195.md @@ -0,0 +1,9 @@ +aber oft nicht genügend Ressourcen zur Verfügung stehen. Das +immer wichtiger werdende Aushandeln von Beziehungsansprüchen +durch Partner und Partnerinnen erfordert eine Fähigkeit zum offenen +Dialog. Aber viele Menschen, eher die Männer als die Frauen, haben +in ihrer eigenen Sozialisation nicht gelernt, ihre Gedanken, Gefühle +und Wünsche auszudrücken. An dieser Stelle der sozialen +Kommunikation gewinnen professionelle Therapieangebote seitens +von außen kommender neutraler Dritter eine bedeutsame Funktion +der Unterstützung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/196.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/196.md new file mode 100644 index 0000000..c6eab2d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/196.md @@ -0,0 +1,38 @@ +3.3.6 Wissenschaft und Technologie +Wissenschaft und Technologie entwickelten sich im Kapitalismus zur +„ersten Produktivkraft“ (vgl. Habermas 1971, S. 79). Heute ist +entgegen der marxschen Analyse nicht mehr die menschliche +Arbeitskraft primärer Faktor der Erschaffung von Werten, sondern die +zur Technologie geronnene Verbrüderung von Wissenschaft, Technik +und Ökonomie. Früher konnten Maschinen nur mithilfe der Menschen +ihre produktive Kraft entfalten. Daher auch der stolze Arbeiterspruch: +„Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ Heute werden +die +Menschen +tendenziell +zum +Anhängsel +der +Produktionstechnologien, d. h., die Maschinen laufen nach ihrer +Programmierung auch ohne bzw. mit nur geringem menschlichem +Zutun. Prototyp und Metapher für diese Entwicklung ist die +industrielle Serienfertigung durch Roboter. +Dieser Sektor wird durch die Leitidee der Naturbeherrschung (und +damit auch der Menschenbeherrschung) organisiert. Ihr Leitsatz +findet sich schon im 1. Buch Mose (1, 28) als Auftrag Gottes an die +von ihm erschaffenen Menschen: „Füllet die Erde und machet sie +euch untertan.“ Der ebenfalls im Christentum bekannte liebevolle +Bezug zur Natur – hier ist beispielhaft auf Franz von Assisi zu +verweisen – ist auch heute noch „konkrete Utopie“ (Bloch 1973). „Je +effektiver, desto besser“, meint das Abendland, und zwar schon bevor +es den Kapitalismus heutiger Prägung gegeben hat. Aber dieser +optimiert alle Möglichkeiten der technischen Unterwerfung von Natur +und Mensch durch das Zusammenspiel von Ökonomie, Wissenschaft +und Technologie. Aus diesem Zusammenschluss resultiert das +Argument des „Sachzwanges“. Wer sich nicht dem Vorwurf der +Irrationalität und Ideologieverfallenheit aussetzen will, muss +bestimmte politische Entscheidungen (z. B. bei der „Modernisierung +des Sozialstaates“) und ökonomische Entwicklungen (z. B. das +Anheizen des Konsums durch immer kurzlebigere Gebrauchsgüter) +zumindest hinnehmen. Kritik daran ist nicht akzeptabel, weil jede +Alternative als unrealistisch und deshalb irrational stigmatisiert wird. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/197.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/197.md new file mode 100644 index 0000000..4c647bd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/197.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Die Idee, dass durch Wissenschaft und Technik alles machbar sei, +vermindert das Interesse für eine kommunikative Arbeit an +Problemen und schafft damit in vielen Fällen neue. Man denke nur an +die Belastungen, denen sich ein Paar durch die Entscheidung für eine +künstlichen Befruchtung aussetzt, um die Last der Kinderlosigkeit +abzustreifen. +Doch auch hier gibt es eine andere Seite: So komfortabel, gesund +und lang wie wir in der industrialisierten „Ersten Welt“ hat +wahrscheinlich noch keine Generation in der Kulturgeschichte der +Menschheit gelebt; z. B. brachte die Einführung der Antibabypille +einen radikalen Emanzipationsschub für die Frauen mit sich. Auch +Männer können von dieser Möglichkeit einer Sexualität ohne Angst +vor einer Schwangerschaft profitieren. Allerdings haben sie dank der +Antibabypille auch die Möglichkeit, ihre Verantwortung für die +Schwangerschaftsverhütung vollständig an die Frauen zu delegieren – +wenn diese es ihnen gestatten. +Wissenschaft und Technik werden in unserer Gesellschaft immer +noch als die Bewahrer von Wahrheit und Objektivität verstanden. Der +Mythos heißt: Was sie erzeugen, ist gut und erstrebenswert. Auch der +Umgang mit den von ihr erzeugten Risiken bleibt Teil dieses Sektors. +Was als technologisch-wissenschaftliches Risiko definiert wird, welche +Kriterien und Parameter solchen Definitionen zugrunde gelegt +werden, hängt wiederum von Expertisen und Vorschlägen der +Scientific Community ab. Niemand will und kann heute die Erfolge der +Verschweißung von Wissenschaft und Technologie bezweifeln oder +rückgängig machen. Wichtig aber ist eine Infragestellung ihres +universellen Anspruchs auf die Wahrheit ihrer Erkenntnisse und die +langfristige und globale Nützlichkeit ihrer Produkte. Notwendig ist ein +Kontrapunkt, der sich ihrem Diktat entzieht und dennoch im +wissenschaftlichen Diskurs verankert ist. Dies wäre die Aufgabe einer +„Verantwortungsethik“ (Jonas 1984). Sie könnte helfen, die positiven +Seiten von Wissenschaft und Technologie, Neugierde, Kritik, +Innovation, Pragmatismus und die theoriegeleitete Praxis zu erhalten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/198.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/198.md new file mode 100644 index 0000000..cdc7669 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/198.md @@ -0,0 +1,2 @@ +und für eine an Menschenrechten, Ökologie und sozialer Solidarität +orientierte gesellschaftliche Entwicklung zu nutzen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/199.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/199.md new file mode 100644 index 0000000..2216bc1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/199.md @@ -0,0 +1,42 @@ +Anmerkungen +1 „Die Selbsterfahrung des eigenen Leibes ist der einzige Punkt, wo +ich erfahren kann, was die Welt ist, außer daß sie meine Vorstellung +ist“ (Safranski 1987, S. 317). +2 Zum Aufbau des Gedächtnisses siehe Vester (1991). +3 Bilder der darstellenden Kunst, welche die familiären Rollenbilder +des Bürgertums für ihre Betrachter verdeutlicht und zugleich +rückbezüglich in den Köpfen der Menschen verankert haben, finden +sich bei Weber-Kellermann (1989, z. B. S. 180). +4 Zu diesem Thema siehe Arnason (1971). +5 „Die Armutsmessung geht vom Äquivalenzeinkommen aus: Gemäß +dem Vorgehen der Europäischen Union zählt als (einkommens)arm, +wer in einem Haushalt lebt, dessen Äquivalenzeinkommen nicht mehr +als 50 % des arithmetischen Mittels in der Gesamtbevölkerung +beträgt … Ergänzend werden die 40-%-Schwelle zur Abgrenzung +‚Strenger Armut‘ sowie die 75-%-Schwelle zur Kennzeichnung des +‚Prekären Wohlstandes‘ … herangezogen. Analoge Schwellenwerte zur +Abgrenzung des Ausmaßes von relativer Wohlhabenheit werden bei +100 % Mean (= arithmetisches Mittel; W. R.), 150 % und 200 % … +festgesetzt“ (Hanesch u. a. 2000). Aufgrund einer Angleichung +zwischen den neuen und den alten Bundesländern in den unteren +Einkommensbereichen (ebd., S. 61) ist es vertretbar, im Rahmen +meiner Arbeit Ost- und Westdeutschland einheitlich zu betrachten. +6 Das Verhältnis Euro : Deutsche Mark ist 1 € : 1,95583 DM +(aufgerundet 1,96 DM). +7 Weitere Informationen zur Soziodemographie von Armut und +Niedrigeinkommen in Deutschland für 1998: „Kinder sind in +Deutschland überproportional von Armut und insbesondere von +prekärem +Wohlstand +betroffen +… +Einelternhaushalte +mit +minderjährigen Kindern sind im Bundesgebiet zu 30 % von Armut +betroffen, und 72 % leben im Niedrigeinkommensbereich … Bei den +Paarhaushalten +nehmen +die +Armutsund +insbesondere +Niedrigeinkommensquoten mit wachsender Kinderzahl stark zu. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/200.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/200.md new file mode 100644 index 0000000..dde529c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/200.md @@ -0,0 +1,46 @@ +Paarhaushalte mit einem Kind sind im Bundesgebiet (8,7 %) und +auch in den neuen Bundesländern (8,4 %) unterdurchschnittlich von +Armut betroffen. Die Niedrigeinkommensquote dieser Gruppe liegt +bundesweit bei 35 %, in den neuen Bundesländern bei 44 %. +Paarhaushalte mit drei und mehr Kindern sind indes bundesweit zu +20 % von Armut betroffen, und nahezu zwei Drittel leben in +prekärem Wohlstand … Bei Single- und Paarhaushalten ohne Kinder +ergeben +sich +Unterschiede +hinsichtlich +des +Alters +des +Haushaltsvorstandes: Ältere Haushalte haben jeweils sehr niedrige +Armutsquoten und sind unterdurchschnittlich von Niedrigeinkommen +betroffen … Demgegenüber haben Singlehaushalte jüngeren und +mittleren Alters nicht nur in den neuen Bundesländern zum Teil +überdurchschnittliche Armutsquoten, wogegen der Bevölkerungsanteil +im Niedrigeinkommenssektor in diesen Haushalten eher unter dem +gesamtdeutschen Querschnitt liegt. Offenkundig verbergen sich +hinter diesem Haushaltstyp häufiger schwierige Lebensbedingungen +(entweder man ist als Single einkommensstark oder arm – das +Spektrum dazwischen ist schwach ausgeprägt; W. R.). Paarhaushalte +jüngeren +und +mittleren +Alters +ohne +Kinder +weisen +unterdurchschnittlich hohe Armuts- und Niedrigeinkommenswerte auf +… Kleinere Gemeinden sind bundesweit leicht überdurchschnittlich +von Armut und prekärem Wohlstand betroffen, städtische Metropolen +hingegen eher unterdurchschnittlich“ (Hanesch et al. 2000, S. 86 f.; +Hervorh.: W. R.). +Hinsichtlich der Armutsproblematik gibt es allerdings einen kleinen +Lichtblick. Die Arbeitsgruppe um Stephan Leibfried hat in einer Studie +über „Sozialhilfekarrieren“ in Bremen die Dynamik von Armut (Buhr +1995) herausgearbeitet. Es gibt mehr Kurzzeitarmut, als gemeinhin +angenommen: „Die Analysen weisen einerseits auf eine recht hohe +Fluktuation der Armutsbevölkerung hin. Die Armutsgrenze muß +allerdings nicht dauerhaft überschritten werden, so daß mehrere +Armutsperioden, wenn auch mit Unterbrechungen, aufeinanderfolgen +können. Der Anteil von langfristig oder dauerhaft Armen ist jedoch +relativ gering. Armut ist also meist kein Langzeitphänomen, sondern diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/201.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/201.md new file mode 100644 index 0000000..8772448 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/201.md @@ -0,0 +1,37 @@ +eine begrenzte Phase im Lebenslauf“ (ebd., S. 73). Bei der +untersuchten Bremer Stichprobe dauerte der Sozialhilfebezug, je +nach der statistischen Bezugsgröße (Sozialhilfeepisode, Nettooder +Bruttosozialhilfebezug), „zwischen der Hälfte und knapp Dreiviertel +aller Sozialhilfebezüge weniger als ein Jahr und zwischen einem +Zwanzigstel und einem knappen Viertel länger als fünf Jahre“ (ebd., +S. 116). Buhr hat entsprechend diesen Ergebnissen fünf +Verlaufstypen für Sozialhilfekarrieren herausgestellt (ebd., S. 113 ff.): +Überbrücker: „Fälle mit einer Bruttobezugsdauer bis zu 18 Monaten +wurden als Kurzzeitbezieher klassifiziert.“ +Langzeitbezieher: „Langzeitbezug wurde angenommen, wenn +Hilfeempfänger über den gesamten Beobachtungszeitraum +zumindest immer mal wieder im Bezug gestanden haben +(Bruttodauer), die Sozialhilfe also über den relativ langen Zeitraum +von sechs Jahren im Leben der Betroffenen eine Rolle gespielt +hat.“ +Escaper: „Als eine besondere Gruppe von Langzeitfällen wurden +‚Escaper‘ – erfolgreiche Ausbrecher aus der Hilfe – betrachtet: +Diese sollten den Sozialhilfebezug zum Erhebungszeitpunkt bereits +seit mindestens zwei Jahren verlassen haben.“ +Mehrfachüberbrücker und Pendler: „Bei beiden Typen hat die +Sozialhilfe – brutto – für längere Zeit im Leben der Hilfeempfänger +eine Rolle gespielt, allerdings sind jeweils mehrere Episoden +aufgetreten. +Im +einzelnen +wurde +festgelegt, +daß +Mehrfachüberbrücker mindestens zweimal für höchstens sechs +Monate im Bezug gestanden haben sollten, also mehrfach kurz, +und Pendler mindestens dreimal für mehr als sechs Monate, also +mehrfach lang.“ +8 Zum sozialen Sicherungssystem der BRD siehe Bellermann (1990); +Albeck, Meinhardt u. Vortmann (1992). +9 Zur Philosophie der Postmoderne siehe zusammenfassend Duss-von +Werdt (1996, S. 168 ff.). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/202.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/202.md new file mode 100644 index 0000000..5e36577 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/202.md @@ -0,0 +1,3 @@ +4 +Familie, familiärer Lebenszyklus und +Familiendynamik diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/203.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/203.md new file mode 100644 index 0000000..8cc2d43 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/203.md @@ -0,0 +1,5 @@ +4.1 + +Die Familie als besonderes soziales +System aus der Sicht der +Familiensoziologie und Familiendynamik diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/204.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/204.md new file mode 100644 index 0000000..edb41d3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/204.md @@ -0,0 +1,38 @@ +4.1.1 Die Funktionen der Familie: Sozialisation und +Enkulturation, Haushaltsorganisation und soziale +Platzierung der Kinder +Der Begriff Familie bezeichnet im allgemeinsten Sinn ein System, in +dem Kinder und für sie sorgende Erwachsene als primäre +Bezugspersonen langfristig zusammenleben. Nur durch Kinder wird +eine langfristige Beziehung erwachsener Menschen zu einer Familie. +Die Familie ist auch in der postmodernen individualisierenden +Gesellschaft immer noch das wichtigste Sozialisations- und +Enkulturationssystem. Als klassische Kernfamilie und in ihren +vielfältigen Variationen ist sie im Normalfall das Feld der „primären +Sozialisation“.1 +Sozialisation und Enkulturation sind zwei sich ergänzende +soziologische Konzepte. Sozialisation bezieht sich umfassend auf die +Vergesellschaftung des Kindes und darüber hinaus auch des +Erwachsenen in den primären, sekundären und tertiären Systemen +der Sozialisation. +„Sozialisation wird mit Bezug auf das Rollenkonzept des sozialen +Handelns definiert. Sie wird als ein Vorgang der Integration in +bestehende Rollensysteme verstanden“ (Habermas 1968, S. 2). + +Enkulturation +bezieht +sich +innerhalb +der +Sozialisation +schwerpunktmäßig auf die Integration der Menschen in die +Symbolsysteme (siehe 2.4.3.2.2.2) und kulturellen Inhalte der +Gesellschaft – Literatur, Kunst, wissenschaftliche Theorien, familiäre +Geschichten, Spiele, das Internet usw. +Alle Themen der Vergesellschaftung des Menschen lassen sich +unter diesen beiden Perspektiven beleuchten. +Sozialisation und Enkulturation sind interaktive und lebenslange +Prozesse. +Nicht nur Kinder werden durch die Eltern und andere soziale +Institutionen vergesellschaftet, sondern auch ihre Eltern und +professionellen Erzieherinnen. Sozialisation ist ein gemeinsamer diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/205.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/205.md new file mode 100644 index 0000000..b141231 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/205.md @@ -0,0 +1,40 @@ +Entwicklungsprozess von Kindern und Eltern bzw. anderen +Erzieherinnen. Ihr Ort ist das gesellschaftliche Teilsystem Kultur. +Hier bündeln sich die Ergebnisse ökonomischer, politischer und +wissenschaftlich-technischer Prozesse als Ressourcen oder +Behinderungen für die Sozialisation der Kinder und Eltern bzw. +erziehenden Menschen. +Als primäres System der Sozialisation und Enkulturation ist die +Familie zumindest in den ersten Lebensjahren der +entscheidende Kontext für die Beziehungserfahrungen und +Identitätsbildungsprozesse der meisten Kinder. Vor allem die +Psychoanalyse und die von dem Psychoanalytiker Bowlby +begründete Bindungstheorie (Bowlby 1972) haben die +Bedeutung der frühen Kindheitserfahrungen betont. Diese +diachronische Perspektive der Psychoanalyse sollte die +systemische Familientherapie nicht gegen die der Synchronie +und möglicher Zukünfte ausspielen. Dass es Kinder mit +frühkindlichen Beziehungstraumata sehr viel schwerer haben, +eine bezogene Individuation und akzeptierte Position in ihrer +Lebenswelt zu gestalten, bestätigen die alltäglichen +Erfahrungen in der psychosozialen Arbeit mit Familien, Kindern +und +Jugendlichen. +Auch +Entwicklungsund +Persönlichkeitspsychologie erhärten diese Sichtweise.2 +Sozialisation und Enkulturation sind keine zeitlich auf Kindheit +und Jugend eingeengte, sondern lebenslange Prozesse. Wie so +vieles ist auch das eine Errungenschaft der hoch entwickelten +bürgerlichen +Gesellschaft. +In +den +zurückliegenden +frühbürgerlich-industriellen, vor allem in den feudalistischagrarischen Gesellschaftssystemen lagen die Rollen fest, und es +genügte im Normalfall, sie am Anfang des Lebens für dessen +ganze Spanne zu internalisieren. Für unsere Kultur ist das +Lernen bis ins hohe Alter gleichermaßen eine Chance und +Notwendigkeit (Lehr 1983, 1984). Hier gewinnt z. B. der Begriff +der „jungen Alten“ seinen entwicklungspsychologischen Sinn: +Wir bleiben jung bis ins hohe Alter, wenn wir unsere geistige diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/206.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/206.md new file mode 100644 index 0000000..13015fd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/206.md @@ -0,0 +1,25 @@ +Flexibilität und Neugierde erhalten. Die Bedingungen hierfür +schaffen wir schon in unseren jungen Jahren, indem wir die +strukturelle Lernstrategie des „Lernen lernen“ entwickeln und +die fast unendlich vielen neuronalen Verknüpfungsfähigkeiten +unseres Gehirns nutzen. +Neben der Sozialisations- und Enkulturationsfunktion hat die Familie +noch zwei weitere gesellschaftliche Funktionen. Im Rahmen ihrer +Haushaltsfunktion dient sie den Familienmenschen als Ort der +materiellen Lebenssicherung. Unter diesen Aspekt fallen das +Haushaltseinkommen und die entsprechende Teilhabe an den +gesellschaftlich +angebotenen +Konsummöglichkeiten, +die +Wohnbedingungen, die Arbeitsteilung zwischen den Eltern und die +Freizeitgestaltung der Familie. +In ihrer Platzierungsfunktion ist die Familie ein wesentliches +Element im System der gesellschaftlichen Zuweisung von Lebensund Berufschancen. +„Die familiale Placierungsfunktion wird vor allem über die +Beeinflussung der Schullaufbahn von Kindern ausgeübt. Von +besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die +Bildungswünsche der Eltern im Hinblick auf ihre Kinder, die von +den eigenen Bildungs- und Berufserfahrungen, aber auch von +der öffentlichen Meinung und den Medien beeinflußt werden“ +(Textor 1990, S. 111). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/207.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/207.md new file mode 100644 index 0000000..fa7cece --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/207.md @@ -0,0 +1,37 @@ +4.1.2 Familienbezogene demographische Daten +Über den Alltag, die Lebenslagen und Probleme heutiger Familien gibt +es eine Vielzahl statistisch gewonnener Informationen. Für unseren +Zusammenhang sind vor allem Aussagen über Zusammensetzung, +finanzielle Situation, gewählte Lebensformen, Lebensstile und Krisen +des gegenwärtigen sozialen Systems Familie wichtig. +Die sozialstatistischen Daten3 gestatten es, einige Trends zu +formulieren. +Die Pluralisierungsthese der Soziologie wird bestätigt. Es ist in +den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von öffentlich +akzeptierten Lebensformen entstanden – Kernfamilie mit +unverheirateten und verheirateten Eltern; Einelternfamilie mit +einem Elternteil, der noch, nicht, nicht mehr oder noch nicht +verheiratet +ist; +Stieffamilie +mit +verheirateten +oder +unverheirateten Elternteilen, gemeinsamen und/oder Kindern +aus vorhergehenden Beziehungen; Single-Haushalte von +Menschen aller Altergruppen und beider Geschlechter; +Haushalte unverheirateter und verheirateter Paare; Schwulenund Lesbenlebensgemeinschaften und -ehen, die sich öffentlich +dazu bekennen. +Die klassische zweigenerationale Kernfamilie mit verheirateten +Eltern spielt allen Unkenrufen zum Trotz immer noch die erste +Geige in diesem Konzert. 85 % der Bevölkerung lebt in einem +erweiterten multilokalen Familienverbund. Das stärkt die +Hypothese, dass die reale Familienbezogenheit viel stärker ist, +als es die medialen und politischen Katastrophenrufe vermuten +lassen. In der Familienverbundenheit liegt eines der größten +Solidaritätspotenziale der Gesellschaft. Dieses sollte durch +Maßnahmen auf allen Ebenen der Politik gestärkt werden. +Die Wahl des Ehestatus scheint vor allem in den alten +Bundesländern eng mit einem realisierten Kinderwunsch +zusammenzuhängen. Davon abgesehen, dass die Ehe auch +steuerliche Vorteile bietet, gilt sie bei den meisten Eltern immer diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/208.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/208.md new file mode 100644 index 0000000..c0a7637 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/208.md @@ -0,0 +1,38 @@ +noch als ein relativ sicherer Kontext für das Familienleben. +Allerdings scheint es schon aus Gründen der Finanzierbarkeit +eines realistischen Familienlastenausgleichs notwendig, statt +der Ehe nur noch die Familie steuerlich zu begünstigen. +Jede dritte Ehe wird geschieden, zurzeit erhöht sich diese +Quote nicht. 14 % aller Kinder aus Ehepaarbeziehungen +erleben eine Trennung/Scheidung ihrer Eltern. Dem +korrespondiert, dass 86 % aller Kinder bei ihren leiblichen +Eltern aufwachsen. Die Zahl der „Scheidungswaisen“ ist also +keine gesellschaftliche Katastrophe, aber doch bedenklich, vor +allem wenn man an ihre Konflikterfahrungen denkt. Auch diese +Zahl scheint zurzeit stabil zu sein. Das ist sicherlich eine gute +Nachricht +für +die +Erziehungsberatungsstellen, +deren +Anmeldungsquote zu einem immer größeren Teil aus Eltern und +Kindern mit Trennungs- und Scheidungserfahrungen besteht.4 +Ein Ausbau der Beratungs- und Therapiemöglichkeiten für +Trennungs- und Scheidungsfamilien scheint in Anbetracht der +hohen Scheidungsziffern notwendig. +Die Zahl der allein lebenden Menschen nimmt zu. Bedeutsam ist +hier, dass immer mehr gut verdienende Männer mittleren Alters +in einem Single-Haushalt leben. Hier scheint eine Orientierung +an dem Beruf und einer durch Kinder nicht beschwerten Freizeit +vorzuliegen. +Frauen leisten signifikant mehr familienbezogene unbezahlte +Arbeit als Männer. Das korrespondiert mit der Information, dass +sich überwiegend Mütter in Teilzeitarbeitverhältnissen befinden, +während Familienstand, Zahl und Alter der Kinder auf den +Beschäftigungsstatus der Männer keinerlei Einfluss haben. +Männer sind – wenn sie in einem Arbeitsverhältnis stehen – +überwiegend ganztags berufstätig. Die Mütter haben in der +Familie mittels einer Teilzeitbeschäftigung den Status der +„Zuverdienerin“. Trotz einer kulturellen Veränderung der +Männer-, Frauen-, Mütter- und Väterrollen sind immer noch +überwiegend die Frauen für Haushalt und Kinder zuständig, den diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/209.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/209.md new file mode 100644 index 0000000..633a9a2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/209.md @@ -0,0 +1,68 @@ +Männern verbleibt die Rolle der Einkommenssicherung und die +Feierabendbeziehung mit den Kindern. Interessant ist die Frage, +ob +bei +einer +signifikant +höheren +Zahl +von +Ganztagsbetreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder und Kinder ab +drei Jahren die Zahl der teilzeit- und vollzeitbeschäftigten +Mütter ebenfalls signifikant steigen würde. Es könnte durchaus +sein, dass die Mehrzahl der westdeutschen Mütter mit kleinen +Kindern auch dann kein Vollzeitarbeitsverhältnis anstreben +würde. +Hier bieten sich drei Hypothesen an: +– Sie und ihre Männer assoziieren mit der Mutterrolle immer +noch die primäre Betreuungsfunktion für die Kinder. +– Die meisten Mütter streben kein Vollzeitarbeitsverhältnis an, +weil die Väter nicht bereit sind, eine Teilzeiterwerbsstelle mit +einer Teilzeitbetreuung der Kinder zu verbinden. +– Da +ein +Mann +im +Durchschnitt +ein +höheres +Erwerbseinkommen erzielt als eine Frau, ist sein Beitrag +zum +Familieneinkommen +signifikant +höher. +Der +Einkommensrückgang +des +Mannes +durch +eine +Teilzeitbeschäftigung kann in den meisten Fällen nicht durch +eine Teilzeitarbeit der Frau kompensiert werden. Das +Haushaltseinkommen würde dann absolut sinken, und zwar +in vielen Fällen erheblich. +Trotz dieser Interpretationsmöglichkeit hinsichtlich der +vorliegenden Daten scheint es aus Gründen der +Geschlechtergleichberechtigung, der Arbeitsmarktpolitik, der +Entwicklungschancen für Kinder aus sehr konfliktreichen +Familien +und +der +oft +über +die +Grenzen +ihrer +Belastungsmöglichkeit hinaus geforderten allein erziehenden +Mütter +dringend +geboten, +die +Ganztagsbetreuungsmöglichkeiten drastisch zu erhöhen. Das +gilt mehr für die alten Bundesländer, weil im östlichen Teil +Deutschlands die in der DDR gepflegte Tradition der +Ganztagsbetreuung +erhalten +werden +konnte. +Die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/210.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/210.md new file mode 100644 index 0000000..83c2c56 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/210.md @@ -0,0 +1,50 @@ +„Bildungsabhängigkeit der Fertilität“ (Engstler 1999, S. 100) +lässt sich auch in dieser Richtung interpretieren: Wenn gut +ausgebildete Frauen eine Chance hätten, Beruf und Familie +durch eine qualifizierte außerfamiliäre Betreuung der Kinder zu +verbinden, würde vielleicht die Zahl der kinderlosen Frauen in +dieser Gruppe kleiner werden. +Das verfügbare Haushaltseinkommen nimmt mit der Zahl der +Kinder ab. Es scheint so zu sein, dass sich nur noch ganz arme +Familien mittels der Sozialhilfe und sehr wohlhabende Familien +durch ihr eigenes Einkommen mehr als zwei Kinder leisten +können. Die Geburtenrate hat seit den Sechzigerjahren +drastisch abgenommen und liegt zurzeit bei 1,63 Kindern pro +Frau. Neben der in einer individualisierenden Gesellschaft nicht +mehr +notwendigerweise +mit +Kindern +verknüpften +Selbstverwirklichungsidee von Frauen, Männern und Paaren +könnte auch dieser finanzielle Aspekt bei der Entscheidung für +oder gegen Kinder bzw. für wenige oder viele Kinder wichtig +sein. Hier ist ein an den realen Kosten der Kinder orientierter +Familienlastenausgleich gefragt. +Die niedrige Geburtenrate ist das rationalste Argument für +Deutschland als Einwanderungsland. Ohne den Zuzug +ausländischer +Familien, +die +in +der +ersten +Einwanderungsgeneration noch eine deutlich höhere Kinderzahl +aufweisen als deutsche Familien, droht die BRD zu vergreisen. +Das hätte auch dramatische Folgen für die Wirtschaftslage und +die finanzielle Ausstattung der sozialen Sicherungssysteme +(Rente, +Arbeitslosenversicherung, +Krankenund +Pflegeversicherung). +Etwa 5 ‰ der Kinder und Jugendlichen sind in stationären +Einrichtungen der Jugendhilfe und in Pflegefamilien +untergebracht. Dass es nicht mehr sind, hängt sicherlich mit +den differenzierten und qualifizierten Formen der Jugendhilfe +zusammen. +Seit +der +Einführung +des +Kinderund +Jugendhilfegsetzes (KJHG) in den Jahren 1990 (neue diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/211.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/211.md new file mode 100644 index 0000000..999440d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/211.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Bundesländer) und 1991 (alte Bundesländer) sind sie +flächendeckend zum Standard der Jugendhilfe geworden. Hier +ist Qualität wichtig, und diese sollte nicht aus Kostengründen +unterlaufen werden. Das könnte im Endeffekt teurer werden. +Unsere Gesellschaft bietet der Familie eine Vielzahl formeller Hilfen +an, um sie in der Ausgestaltung ihrer Aufgaben zu unterstützen. +Kindergarten, Schule, alle im Kinder- und Jugendhilfegesetz +zusammengefassten Angebote der Jugendhilfe, das badenwürttembergische Mutter-Kind-Modell (Eggen u. Vogel 1994) und die +Sozialhilfe als letztes im BSHG verankertes soziales Netz sind hier zu +nennen. Sie sollen primär familienunterstützend arbeiten, Mängel +kompensieren und zugleich bei der Entwicklung innerfamiliärer +Ressourcen für die Sozialisation behilflich sein.5 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/212.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/212.md new file mode 100644 index 0000000..a97a03b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/212.md @@ -0,0 +1,38 @@ +4.1.3 Sozialisation und Enkulturation aus der Sicht der +Familiendynamik +Unter familiendynamischer Perspektive lässt sich die Familie als eine +„Schicksalsgemeinschaft“ bezeichnen. In ihr bilden sich durch Nähe, +Kontinuität, Langzeitperspektive des familiären Zusammenlebens und +Traditionsbildung intensive sichtbare und unsichtbare Loyalitäten +(Boszormenyi-Nagy u. Spark 1981) innerhalb und zwischen den +Generationen heraus. Mangelt es an diesen Loyalitätsbindungen, +werden die zentrifugalen Kräfte des Systems übermächtig, im +gegenteiligen Fall die zentripetalen Kräfte. In deren dialektischem +Zusammenspiel gewinnt jede Familie ihre ganz eigene +Systemkohäsion. Die Fixierung auf eine der beiden Extrempositionen +des Spektrums gefährdet die ihr gesellschaftlich zugewiesene +Sozialisationsfunktion. Sozial auffällige Kinder stammen zu einem +erheblichen Teil aus Familien, in denen sich eine solche Fixierung +chronifiziert hat (vgl. Stierlin 1975a). Eltern und Kinder extrem +bindenender Familien haben große Schwierigkeiten, die in der +individualisierenden Postmoderne immer stärker und früher +geforderte bezogene Separation zu leisten. Eltern und Kinder in +ausstoßenden bzw. verwahrlosenden Systemen stehen hingegen in +der Gefahr, zu wenig Bindung und damit einen Mangel an +Beziehungsfähigkeit herauszubilden. Dies hat für die Seite der Kinder +die +mit +familiendynamischen +Perspektiven +verknüpfbare +Bindungstheorie herausgestellt (Spangler u. Zimmermann 1999; +Brisch 2000). Gelungene Sozialisation wird wahrscheinlicher jenseits +dieser Extreme. Sie ist auch an die Koevolution von Eltern und +Kindern gebunden. Sowohl Bindung als auch Ausstoßung, +zentripetale wie zentrifugale Impulse (Stierlin 1975a) werden von +beiden Seiten ins Spiel gebracht. Es gibt aus systemischer Sicht keine +bindenden Väter/Mutter und gebundene Kinder, sondern bindende +Familienstrukturen, welche durch die Beziehungshandlungen aller +beteiligten Familienmitglieder gestützt werden. Das Gleiche gilt auch +für die ausstoßenden Systeme. Allerdings steht am Anfang dieser +Entwicklung die „Anpassung an die Realität der stärkeren diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/213.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/213.md new file mode 100644 index 0000000..8173f57 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/213.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Persönlichkeit“ (Stierlin 1975d, S. 50 ff.), also derjenigen, die +aufgrund ihres Status über die größere Definitionsmacht im System +verfügen. Das sind meistens, aber nicht immer die Eltern. Wir kennen +aus Familienanamnesen Beispiele, dass mit einem starken +Temperament begabte Kinder ihre Eltern zu einer deren psychische +und körperliche Kräfte überfordernden Sorge einladen. Diese +Überforderung setzt dann eventuell seitens der Eltern eine Dynamik +der Ablehnung, der Ambivalenz oder der eigenen depressiven +Unfähigkeitserklärung in Gang, die von den Kindern komplementär +beantwortet wird. Sie begegnen dem wahrgenommen Rückzug der +Eltern mit einer umso stärkeren Einladung zum Engagement, die +auch die Qualität von Symptomen erreichen kann, z. B. permanentes +Schreien, psychosomatische Erkrankungen, Aggressionen, nächtliche +Angstattacken oder psychotische Krisen. +Im Folgenden einige aus familiendynamischer Sicht wichtige +Aspekte des Sozialisationssystems Familie: + +Die uns heute beeinflussenden Familienbilder sind Ergebnis +einer langen kulturellen Entwicklung. Bis zum 19. Jahrhundert, +in Bauern- und Handwerkerfamilien noch länger, war die Familie +für alle sozialen Klassen eine Einrichtung zur Existenzsicherung. +Sie war das ganze Haus (oikos), in dem Eltern, eventuell +Großeltern, Kinder, Gesinde, Tiere usw. unter einem Dach +lebten, produzierten, reparierten, Handel betrieben oder – wie +in Adelsfamilien – ihre territoriale Herrschaft sicherten (Ariès +1975). Auch die Kinder waren durch ihren Arbeitsbeitrag und +ihre zukünftige Aufgabe, die alt gewordenen Eltern und +möglicherweise unversorgt gebliebenen Familienmitglieder +materiell abzusichern, ein Teil dieses vorwiegend instrumentell +ausgerichteten Systems. Für die uns heute wichtige Intimität, +emotionale +Offenheit, +Zärtlichkeit, +gegenseitige +Rücksichtnahme und Sensibilität war wenig Platz. Mit der auf +Individualität und psychische Differenzierung angelegten +bürgerlichen Kultur entstand auch ein neues Familienbild. Die +Kinder erhielten für die Eltern einen eigenständigen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/214.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/214.md new file mode 100644 index 0000000..25d843e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/214.md @@ -0,0 +1,34 @@ +emotionalen Wert. Komplementär dazu wurde durch die +Etablierung der Institution Kindheit der Anspruch von Kindern +auf liebevolle Fürsorge anerkannt und gefördert (Ariès 1975). +So entstand eine wechselseitige Identifikationsbeziehung +zwischen Eltern und Kindern: Die Kinder wurden zu einem +emotionalen Teil der Eltern und umgekehrt. Das macht die +Grenzziehung zwischen ihnen schwierig. In der patriarchalisch +strukturierten bürgerlichen Familie kam die Funktion der +Distanzierung und Grenzziehung dem Gesetz und Ordnung +repräsentierenden Vater zu. Hier hatte die „schwarze +Pädagogik“ (Rutschky 1977) ihren Ort, das gewalttätige +Gegenstück zum Idealbild der liebevollen Kleinfamilie. Mit dem +Zerfall der auf den Vater als Ordnungsmacht zentrierten +hierarchischen Organisation wird die Grenzziehung ein Thema +für beide Elternteile. Heute gibt es nur noch wenige Rituale und +selbstverständliche Regeln für diese Grenzziehung. Sie muss +immer wieder neu zwischen Eltern und Kindern ausgehandelt +werden. Gelingt dies nicht in einem auf „positiver +Gegenseitigkeit“ gegründeten Dialog (Stierlin 1972), sind +Konflikte und Störungen wahrscheinlich. Dass in vielen +„Diagnosen“ für problematische Familiensysteme die Grenzen +als „zu diffus“ oder „zu starr“ eingeschätzt werden, +unterstreicht diesen sozialen und psychischen Wandel. In einer +interaktiven Verschränkung mit der Entwicklung von Kindheit +entstand auch das heute gültige Liebesparadigma als +idealisierte Norm für die Paarbeziehung der Eltern. Diese war +frührer vor allem instrumentell ausgerichtet, und es bestand +kaum die Möglichkeit einer Ehe der eigenen Wahl (Ariès 1975). +Soziale Systeme wie Familie oder Schule sind gesellschaftliche +Institutionen, die Kontinuität und Veränderung der Gesellschaft +gewährleisten sollen. +Die Familie soll die dazu nötige Vergesellschaftung der +nächsten Generation sichern. Neben einem am Kindeswohl +orientierten Erziehungskontext soll sie den Erwachsenen eine diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/215.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/215.md new file mode 100644 index 0000000..3bca362 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/215.md @@ -0,0 +1,38 @@ +regenerierende, sozialräumlich abgegrenzte Nische anbieten, in +der durch nahe Beziehungen ein Gegengewicht zu Rationalität, +Rastlosigkeit und Leistungsanforderung der beruflichen bzw. +öffentlichen Umwelt geschaffen wird. Dazu gehört auch die +Idee einer exklusiven psychosozialen und sexuellen Intimität +der Eltern. Dass diese Idee von Anfang an in der Realität +durchbrochen wurde, hat der Popularität dieses Ideals in keiner +Weise geschadet. Treue in der Beziehung ist immer noch eine +wichtige Norm. Wird sie grundsätzlich oder über einen längeren +Zeitraum hinweg infrage gestellt, erfolgt meistens die Trennung. +Was sich in der Postmoderne geändert hat, ist nicht der +Bestand der Treuenorm, sondern ihre staatlich und kirchlich +erzwungene Realisierung in der Institution einer lebenslangen +Ehe. Heute hat weder die offizielle Forderung nach einer +lebenslangen Ehe noch nach einer lebenslangen Ehe einen für +alle +Menschen +verbindlichen +Charakter. +Nichteheliche +Beziehungen sind kulturell akzeptiert, genauso wie die durch +Trennung und Scheidung interpunktierte Aufeinanderfolge +mehrerer Partnerschaften. Es lässt sich sogar ein kultureller +Paradigmenwechsel feststellen: Lebensziel ist nicht mehr ein +prinzipieller Erhalt der Institution Ehe, sondern des +Liebesgefühls in der Ehe. Als dessen Folge zeichnet sich „die +allmähliche Auflösung der Ehe durch die Liebe“ ab (Schenk +1987). +Die mit dem Liebesideal für die Beziehung zwischen den +Eltern sowie den Eltern und Kindern verbundenen Ansprüche +führen nicht selten zu einer Idealisierung der Familiennische +und der individuellen Ansprüche auf Harmonie, Frieden und +Glück. Sie sind im Alltag nicht einlösbar und bleiben nur +wenigen Augenblicken des Beziehungslebens vorbehalten. Vor +solchen Idealen verblasst dann die Erkenntnis, dass allein schon +die Bewältigung des Erziehungsalltags mit kleineren Kindern in +Kombination mit Sicherung des familiären Lebensunterhalt eine +enorme Leistung beider Elternteile darstellt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/216.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/216.md new file mode 100644 index 0000000..7d45f90 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/216.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Die familiäre Konstellation von Intimität, Kontinuität, +Langzeitperspektive und Traditionsbildung birgt ganz besondere +Chancen und Risiken in sich. Emotionale Nähe fördert Liebe, +aber auch Gewalt; tägliche Gemeinsamkeit fördert Vertrauen, +aber auch Ausbeutbarkeit; körperliche Intimität fördert die +positive Erfahrung des eigenen Körpers, macht aber auch +schutzlos; Loyalitätsbindungen markieren die Familie als sichere +Heimat, aber sie engen auch ein und verhindern Widerstand +gegen Übergriffe anderer Familienmitglieder. Für die +Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern ist das in dem +System Familie angelegte Machtgefälle zwischen Eltern und +Kindern ein wesentlicher Faktor. Vor diesem Hintergrund ist es +nicht verwunderlich, dass über 80 % aller sexuellen +Gewalttaten an Kindern und Jugendlichen im Familien- und +engeren Bekanntenkreis stattfinden. Diese Doppelstruktur der +Familie +verweist +auch +auf +die +besonderen +Beziehungsanforderungen, die das Familiensystem an alle +Mitglieder stellt. Sie macht auch verständlich, dass so viele +Beziehungen an dem Balanceakt zwischen Nähe und Distanz, +Liebe und Kontrolle, Sexualität und Erotik, Rationalität und +Emotionalität, Abhängigkeit und Unabhängigkeit scheitern. Ob +er gelingt, hängt von einem Wechselspiel zwischen +familieninternen Ressourcen, situativen und kontextuellen +Bedingungen ab: Familien sind zu unterschiedlichen Zeiten bei +unterschiedlichen Umweltanforderungen auch unterschiedlich +gefährdet, die Balance zu verlieren. +Die Familienmitglieder erhalten und verändern ihr System in +sozialen Räumen; werden sie aufgegeben, z. B. durch Trennung +oder Umzug, kann das zur Destabilisierung des Systems +beitragen (vgl. Gerber 1980). +Wir unterscheiden familiäre Binnenräume und erweiterte soziale +Räume. +– Familiäre Binnenräume: z. B. die Wohnung als Darstellung +der familiären Grenze zur äußeren Umwelt, die zugleich diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/217.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/217.md new file mode 100644 index 0000000..27704e8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/217.md @@ -0,0 +1,38 @@ +durch Türen, Fenster, Briefkasten, TV und Internet in beide +Richtungen durchlässig ist; die Wohnküche als Ort des die +familiäre Verbundenheit darstellenden Familienrituals +gemeinsame Mahlzeiten; das Elternschlafzimmer als von +dem Kindersubsystem abgegrenzter Bereich der elterlichen +Intimität. +– Erweiterte soziale Räume: z. B. der gemeinsame Weg von +Mutter, Vater und Kind von der Wohnung in den +Kindergarten, der eine für die psychosoziale Entwicklung +des Kindes und seiner Familie wichtige Erweiterung der +Familie darstellt; ein samstäglicher Einkaufsbummel in der +Fußgängerzone oder ein Kinobesuch, der sie an den +ökonomischen und kulturellen Konsumangeboten ihres +Gemeinwesens teilhaben lässt; der Gang zu einer +Beratungsstelle, um eine familiäre Krise mit Unterstützung +der öffentlichen Jugendhilfe zu bewältigen. +Beide Formen sozialer Räume sind von großer Bedeutung für die +Abgrenzung des Familiensystems von den sozialen Umwelten und +seine gleichzeitige Integration in diese. Die Abgrenzungsfunktion +ermöglicht die Bildung einer eigenen Familienidentität als Kontext der +Bildung +personaler +Identitäten +ihrer +Mitglieder. +Die +Integrationsfunktion ermöglicht den Austausch mit den Umwelten +und damit die psychosoziale Entwicklung der Familie und ihrer +Mitglieder. + +In einem durch kontinuierliche Nähe und Kontakt +charakterisierten System wie der Familie sind Grenzen und ihre +Einhaltung von ganz besonderer Bedeutung. Minuchin hat drei +Typen von Grenzen herausgearbeitet – diffus, starr, durchlässig +(Minuchin 1977). +Durchlässige Grenzen garantieren einen kontrollierbaren +Informationsfluss; beide Seiten haben die Möglichkeit, +bestimmte Informationen zurückzuhalten und andere in den diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/218.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/218.md new file mode 100644 index 0000000..017719e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/218.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Austauschprozess einzubringen. Diffuse Grenzen hingegen +halten fast keine Informationen zurück, starre übermäßig viele. +Besonders die Durchlässigkeit intergenerationaler Grenzen ist +wichtig. Das verhindert die „Parentifizierung der Kinder“ +(Boszormenyi-Nagy 1975) und sexuelle Übergriffe eines +Elternteiles (vgl. Trepper u. Barrett 1991; Wegner 1997) +gegenüber den Kindern. +Innere Grenzen definieren die familiären Subsysteme als +eigene funktionsfähige Einheiten, die durch ihre Kooperation die +Funktionsfähigkeit der gesamten Familie sichern. Kinder können +z. B. ihre Geheimnisse vor den Eltern schützen, was ein +wichtiger Beitrag zur bezogenen Individuation sein kann; +andererseits können sie ihnen von Schwierigkeiten in der ersten +Liebe erzählen und sich dadurch ein wenig Trost und +Rückendeckung verschaffen. Die Eltern können andererseits +den Kindern viel von ihren eigenen Eltern erzählen, ihre +sexuelle Beziehung aber als einen den Kindern verschlossenen +Bereich definieren. +Die Familie genießt in unserem Kultur- und Rechtssystem +eine Vorrangstellung gegenüber anderen sozialen Systemen. +Diese drückt sich u. a. dadurch aus, dass ihre Grenzen als +besonders schutzwürdig gelten. Das „Elternrecht“ ist eine Folge +dieser herausgehobenen Position, ebenso die Idee, dass +innerfamiliäre Beziehungen kein öffentliches Thema sind. Diese +gesellschaftliche Norm sichert den Familienmitgliedern einen +Schutzraum; sie behindert aber auch den Schutz von +Familienmitgliedern vor innerfamiliärer Gewalt durch die soziale +Umwelt. +Familien +sind +Traditionssysteme. +Forschungen +zur +Mehrgenerationenperspektive (Sperling et al. 1982) haben +deutlich gemacht, wie familiäre Werte, Normen, Rollenbilder, +Regeln, Beziehungsmuster und Problemlösungsstrategien +interaktiv von Generation zu Generation weitergegeben werden. +Jede neue Generation hat die Aufgabe, sich mit diesen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/219.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/219.md new file mode 100644 index 0000000..127d5db --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/219.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Botschaften auseinander zu setzen und sie bei der Gründung +einer eigenen Familie an die neue Konstellation anzupassen. +Dabei müssen sich widersprechende Beziehungsbilder aus +beiden Herkunftsfamilien miteinander in Einklang gebracht +werden, alte Loyalitäten trotz neuer Loyalitätsbindungen +erhalten bleiben und ein neues Beziehungsgeflecht geschaffen +werden, das die Herkunftsfamilien achtet, aber auch +Entwicklungen über sie hinaus zulässt (siehe Reich 1991). +Die Idee einer die Generationen verbindenden und bindenden +Kette der Traditions- und Verantwortungsübermittlung ist Teil +der jüdisch-christlichen Kultur. In 2. Moses 34, 7 lesen wir: +„Der da bewahret Gnade in tausend Glieder und vergibt Missetat, +Übertretung und Sünde, und vor welchem niemand unschuldig +ist; der die Missetat der Väter heimsucht auf Kinder und +Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied.“ +Wir, die Kinder der Aufklärung, haben dem biblischen Gott seine +Macht abgesprochen und uns selbst zum verantwortlichen Zentrum +unseres Schicksals erklärt. Aus dem Schicksal wurde der selbst +gewählte Lebensentwurf des Menschen der individualisierenden +(Post-)Moderne. Das macht es uns schwer, mehrgenerationale +Zusammenhänge und unsere Einbettung in größere soziale Systeme +zu akzeptieren. Durch Sozialisation und Enkulturation sind wir mit den +Handlungen und Erfahrungen früherer Generationen verbunden. +Andererseits sind wir über die Ausübung der dabei gelernten Rollen +Teilnehmerinnen und Teilgeberinnen in den aktuellen sozialen +Systemen und dadurch mit den Mitspielerinnen – auch ohne direkten +Kontakt – verbunden. Durch diese Einbindung in Kontexte, die +jenseits der gerade wahrnehmbaren und benennbaren aktuellen +Ereignisse und Handlungssituationen liegen, entsteht eine persönliche +Verantwortung für Handlungsschleifen, von denen einzelne Teile auch +ohne unser direktes Zutun entstanden sind. +Für die soziologische Theorie der Generationen sind Mannheims +Begriffe „Generationslagerung“, „Generationszusammenhang“ und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/220.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/220.md new file mode 100644 index 0000000..6608fe5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/220.md @@ -0,0 +1,39 @@ +„Generationseinheit“ von Bedeutung (hierzu Rosenthal in Mansel et +al. 1997). +„Generationslagerung“: Hier handelt es sich um die rein +zeitliche Zuordnung von Altersgruppen – in der Demographie +als Kohorten bezeichnet – zu bestimmten historischen +Konstellationen. Die z. B. zwischen 1890 und 1905 Deutschland +geborenen Menschen finden ihren historischen Ort qua +Geburtszeitraum in der Endphase des von Wilhelm II. +repräsentierten „Zweiten Kaiserreiches“, dessen Untergang und +den krisenhaften Übergängen in die Weimarer Republik. +„Generationszusammenhang“: +Die +„Generationslagerung“ +bezeichnet den Raum der Möglichkeiten, innerhalb dessen sich +der „Generationszusammenhang“ bilden kann. Er entsteht +durch die Teilhabe von Menschen einer bestimmten Altergruppe +an Gemeinsamkeit stiftenden gesellschaftlichen Themen, +Ereignissen und Interpretationsmustern. Diese Teilhabe ist für +die Menschen bewusst, d. h. als solche benennbar. Für die +schon genannte Generation sind das Themen/Ereignisse wie +der „an der Heimatfront“ erlebte Weltkrieg, der Versailler +Vertrag, die Ausrufung der Republik, die Inflation. +„Generationseinheit“: In ihr finden sich Gruppen des gleichen +Generationszusammenhanges wieder, die hinsichtlich der +gleichen +Themen +und +Ereignisse +spezifische +Interpretationsmuster entwickeln. In dem uns als Beispiel +dienenden Generationszusammenhang finden wir etwa +Angehörige der (damals noch existierenden) Arbeiterklasse, +mittel- und ostdeutsche Großgrundbesitzer, streng katholische +Münsterländer und voll assimilierte jüdische Intellektuelle, die +sich als Gruppe jeweils unterschiedlich mit den oben genannten +Ereignissen auseinander setzten. +Die entscheidende Grundlage für die Zugehörigkeitsbestimmung der +Menschen bezüglich ihres Generationszusammenhangs sind +Mannheim zufolge ihre je eigenen Erfahrungen. Erfahrung heißt, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/221.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/221.md new file mode 100644 index 0000000..5944f0a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/221.md @@ -0,0 +1,28 @@ +Informationen im interaktiven Wechselspiel sozialer Situationen, an +denen man selbst beteiligt ist, zu gewinnen. Das meint mehr als die +bloße Rezeption von Daten. Vielmehr geht es um die psychische +Umgestaltung wahrgenommener Informationen zu einer das +persönliche +Leben +kommentierenden, +bestätigenden +und +entwickelnden Botschaft, die wiederum auf ihren Absender +zurückwirkt. Darauf verweist Rosenthal mit ihrem das mannheimsche +Konzept +erweiternden +Begriff +des +„interaktionellen +6 +Generationskonzeptes“. +Die familiäre Konstruktion des interaktiven Wechselspieles +zwischen den Generationen geschieht u. a. durch erzählte und +gehörte, gehörte und weitererzählte Geschichten. In ihnen werden +Botschaften über Menschen und Situationen weitergegeben. Die +Menschen können als Vorbilder oder zu vermeidende Negativbeispiele +dargestellt werden, z.B. „Großvater war ein Taugenichts und hat +seiner Familie und damit auch eurem Vater das Leben schwer +gemacht“. Durch die Darstellung ihres Beziehungshandelns lässt sich +auf kulturell akzeptiertes oder inakzeptables Verhalten hinweisen, z. +B. durch die Schilderung seiner Folgen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/222.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/222.md new file mode 100644 index 0000000..b1a96d1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/222.md @@ -0,0 +1,4 @@ +4.2 + +Der Lebenszyklus von Paaren und +Familien diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/223.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/223.md new file mode 100644 index 0000000..ce9e603 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/223.md @@ -0,0 +1,34 @@ +4.2.1 Grundannahmen des Lebenszyklusmodells +Mit dem Konzept des familiären Lebenszyklus lässt sich für die +Geschichte eines Paar- und Familiensystems von seiner Konstitution +bis zu dessen formalem Ende ein gemeinsamer Rahmen konstruieren. +Das Lebenszyklusmodell ist ein Phasenmodell. Als Phasenmodell gibt +es eine bestimmte Sicht der Wirklichkeit wider – nicht diese selbst; +als Phasenmodell unterteilt es einen lang dauernden, manchmal +lebenslangen Prozess in aufeinander folgende Abschnitte. Sein Wert +erweist sich vor allem in der praktischen Hypothesenbildung bei der +Arbeit mit Familien und Paaren. Das Lebenszyklusmodell basiert auf +einigen wichtigen Annahmen. + +Die Zeit und damit Veränderung bzw. Entwicklung wird als +grundlegende Perspektive eingeführt. Mit ihrer Hilfe können die +zentralen Lebensereignisse einer Familie (familiäre life events – +siehe Germain u. Gitterman 1983) in einer Struktur der +Diachronie wahrgenommen, systematisiert und beschrieben +werden. +Das Modell geht zunächst vom „Normalfall“ einer +heterosexuellen Paar- und Familienbeziehung und ihrem Ideal +einer lebenslangen kontinuierlichen Dauer aus. Dieses Modell +lässt sich unter dem Gesichtspunkt der Variierung von Lebensund Familienformen in der individualisierenden Postmoderne +weiter differenzieren. +Das Modell orientiert sich am Leitwert des psychosozialen +Wachstums von Familien und Paaren. Nur unter dieser +Voraussetzung ergibt die Idee des Durchlaufens aller Phasen +einen Sinn. Paar- und Familiensysteme können sich auch in +einer bestimmten Phase fixieren und damit auf eine qualitative +Weiterentwicklung ihres Systems verzichten. Allerdings sind +dann chronifizierte Konflikte zu erwarten, die zumindest für +einige Mitglieder des Systems mit psychosozialen Belastungen +einhergehen. Entwicklung findet als Koevolution aller +systemischen Elemente unter drei Leitlinien statt: Ausweitung +(quantitatives Wachstum), innere Differenzierung und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/224.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/224.md new file mode 100644 index 0000000..8bc9f45 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/224.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Integration +(zunehmende +Vernetzung +als +qualitatives +Wachstum). Der rote Faden, der sich durch alle Phasen +hindurchzieht, heißt: Systemerhalt durch Veränderung und +Wachstum. +Phasen interpunktieren den systemischen Wachstumsprozess +des Paares bzw. der Familie. +– Jede Phase hebt die vorhergehende in sich auf. Im Prozess +der Zeit geht nichts verloren, sondern wird über eine +stufenförmige Evolution in neue Zusammenhänge integriert +und erhält eine neue Gestalt. Die alte Gestalt bleibt als +rekonstruierbare, sich in der Rekonstruktion auch +verändernde Erinnerung mittels Bildern, Geschichten, +verdichtenden Leitsätzen und Metaphern erhalten. +– Sinn und Funktion jeder Phase und der darin stattfindenden +Ereignisse können nur durch den Unterschied zu den +anderen Phasen benannt werden. +– In jeder Phase werden Ressourcen geschaffen bzw. (neu) +entdeckt, die zur Bewältigung der gegenwärtigen Phase +notwendig sind und zugleich die Voraussetzung für die +Bewältigung der darauf folgenden Phase darstellen. +– Phasenspezifische Themen und Entwicklungsaufgaben: Jede +Phase ist durch spezifische, alle Systemmitglieder +umgreifende Themen, Entwicklungsaufgaben und die sich +daraus ergebenden Chancen und Risiken für die +Weiterentwicklung gekennzeichnet (Hofer et al. 1992). +Diese Aufgaben gibt es auch in anderen Phasen, hier aber +stehen sie im Vordergrund, in anderen Phasen dagegen im +Hintergrund. +– Die Transformation des Systems von einer Phase in die +nächste gestaltet sich als Übergangskrise. Capra hat betont +(Capra 1983), dass das chinesische Wort für Krise aus den +Schriftzeichen für Chance und Gefahr zusammengesetzt ist. +Krise lässt sich in diesem Sinne als die Kombination beider diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/225.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/225.md new file mode 100644 index 0000000..8dd2099 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/225.md @@ -0,0 +1,61 @@ +– + +– + +– + +– + +Perspektiven verstehen: Sie eröffnet eine Chance der +Weiterentwicklung unter dem Risiko des Scheiterns. +Die +in +dieser +Übergangskrise +entstehenden +Konflikte/Störungen/Blockierungen +werden +nicht +psychopathologisch als Symptome verstanden, sondern als +das systemische Wachstum fördernde Ressourcen. +Krisen entstehen durch Beziehungskonflikte, die in der +Evolution des Systems begründet sind, und kritische +Lebensereignisse. Das Nachlassen der Neugierde auf +inzwischen bekannte Seiten des Partners/der Partnerin führt +wechselseitig zu Distanzierungen, die man herstellt und an +denen man leidet. Sie können durch das Interesse an neu +zu gestaltenden Facetten des anderen kompensiert bzw. +aufgelöst werden – dann wäre eine Krise gemeistert. +Krisen +entstehen +auch +durch +vorhersehbare +(Schwangerschaft/Geburt, +Umzug, +Verlassen +des +Elternhauses, +Ruhestand) +und +unvorhersehbare +Lebensereignisse +(Tod, +schwere +Krankheit, +Unfall, +Arbeitslosigkeit oder finanziellen Ruin). +Besonders prägnante Lebensereignisse haben innerhalb des +Lebenszyklusmodells einen besonderen Stellenwert. Sie +markieren die Übergänge zwischen den einzelnen Phasen. +Wird eine Krise nicht bewältigt, sind folgende Konsequenzen +für das System zu erwarten: +* Es zerbricht, und die bisherigen Interaktionspartnerinnen +werden mit der Aufgabe konfrontiert, sich in ihren +Beziehungen neu zu orientieren. +* Es wird in seiner Entwicklung blockiert und versucht, +sich einzufrieren, d. h., alle auf Veränderung gerichteten +Informationen zu ignorieren und so weiterzumachen wie +bisher („Lösung 1. Ordnung“ – Watzlawick et al. 1974). +* Es versucht, sich auf einem früheren Niveau mit den +damals benutzten Lösungsstrategien und definierten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/226.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/226.md new file mode 100644 index 0000000..0c5e9f6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/226.md @@ -0,0 +1,32 @@ +Zielen zu stabilisieren (die Psychoanalyse spricht in +diesem Zusammenhang von „Regression“ – Balint 1972). +Die beiden letzten Möglichkeiten machen aus einer situativen Krise +eine chronifizierte strukturelle Krise mit ernsten Folgeproblemen. +Das Modell des Paar- und Familienlebenszyklus hat seine +Entsprechung im Modell des persönlichen Lebenszyklus, das +von Erik H. Erikson entwickelt wurde (Erikson 1973). Beide +Modelle lassen sich zusammen denken, da sich das systemische +Wachstum nur in Interaktion mit dem persönlichen Wachstum +der einzelnen Mitglieder des Systems vollziehen kann (vgl. Satir +1989). +Die Dynamik der Beziehungen wird in allen Phasen durch die +unter 2.4.3.2.3.2 beschriebenen Dimensionen organisiert. +Bestimmte Strukturen entfalten in einzelnen Phasen eine +besondere Kraft, andere treten in den Hintergrund. Zum +Beispiel prägt „Nähe vs. Distanz“ die Phasen 1 und 4, +„Abhängigkeit vs. Unabhängigkeit“ finden wir besonders in +Phase 2, „zentripetale vs. zentrifugale Systemkräfte“ gewinnt in +Phase 4 gestaltende Macht, „Loyalität“ ist besonders für die +Gestaltung der letzten drei Phasen von besonderer Bedeutung. +„Konflikt vs. Harmonie“ durchzieht hingegen alle fünf Phasen als +grundlegende Dimension. +Das Phasenmodell hat seine theoretische Schwäche dort, wo es +einen folgerichtigen und systematischen Ablauf von der +Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft und die +Aufeinanderfolge von jeweils abgeschlossenen Phasen +suggeriert. In der Realität von Beziehungsprozessen dagegen +gehen Phasen ineinander über, vermischen sich, werden +übersprungen oder auch nicht zum Abschluss gebracht. Eine +Beobachtung ohne die theoretische Vorentscheidung für das +nachfolgend beschriebene Modell wird zu anderen Ergebnissen +kommen. Meines Erachtens ist es jedoch hilfreich, weil es die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/227.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/227.md new file mode 100644 index 0000000..42ecf5e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/227.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Reduktion komplexer Beziehungswirklichkeiten unter der Zeitund Entwicklungsperspektive ermöglicht, die gewonnenen +Informationen in eine sinnvolle Ordnung bringt und deshalb die +interventionsbezogene Hypothesenbildung erleichtert. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/228.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/228.md new file mode 100644 index 0000000..f657433 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/228.md @@ -0,0 +1 @@ +Abb. 20: Der Lebenszyklus von Paaren und Familien diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/229.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/229.md new file mode 100644 index 0000000..ccacbeb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/229.md @@ -0,0 +1,6 @@ +4.2.2 Die einzelnen Phasen +Die gesamte Zeitspanne des Zusammenlebens von Paaren und +Familien lässt sich in fünf Phasen unterteilen: instabile Anfangsphase, +Phase der inneren Differenzierung, Projektphase bzw. bei Familien die +Phase der Kindererziehung, Neuorientierungsphase der mittleren +Jahre und End- bzw. Trennungsphase. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/230.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/230.md new file mode 100644 index 0000000..f09aadf --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/230.md @@ -0,0 +1,32 @@ +4.2.2.1Die instabile Anfangsphase +Nehmen wir auch hier den Normalfall: die beginnende intime +Beziehung zwischen einer Frau und einem Mann. Damit ist keine +Wertung verbunden; die gleiche Beschreibung kann für zwei Männer +oder für zwei Frauen gelten. +Es treffen sich zwei Menschen und finden Gefallen aneinander. Die +für diese Phase spezifische Beziehungsaufgabe besteht in dem +wechselseitigen Austesten der Beziehungsmöglichkeiten und der +Einigung auf eine Beziehungsdefinition, die den Einstieg in eine +längerfristig zu gestaltende Dyade ermöglicht. Dadurch wird auch +eine erste Beziehungsidentität gefunden. +Die Eckpunkte dieser Beziehungsdefinition lassen sich als Fragen +formulieren: +„Wie stehen wir zueinander?“ +„Wer bist du, wer bin ich?“ +„Was möchten/wünschen/erwarten wir voneinander, was nicht?“ +„Wovor habe ich Angst, wovor du?“ +„An welchem Punkt wünsche ich mir etwas anderes, als du mir +im Augenblick anbietest?“ +Durch die Beziehungsdefinition wird eine erste Kontinuität in der +Beziehung ermöglicht; das stiftet Vertrauen und Sicherheit. +Das Sinn gebende Ideal dieser ersten Phase ist das der alles +umfassenden, unbedingten Liebe: eins sein ohne Wenn und Aber, +grenzenlos, ohne Beschränkung in Raum und Zeit; Suche nach dem +ganzen Glück, dessen schon kurze Erfüllung lange Wegstrecken der +Sehnsucht und der Verzweiflung aushalten lässt. Die diesem Ideal +zugehörige subjektive Erfahrung hat Freud im Anschluss an Romain +Rolland als „ozeanisches Gefühl“ bezeichnet (Freud 1972 a, S. 422). +Wenn wir uns dieser Metapher assoziativ überlassen, so spüren wir +selbst die unendliche Endlichkeit des Horizontes, wärmende Sonne +und eisige Kälte, Wellen, Wind und Sturm, aber auch friedliche Weite, +freundliche Wogen und den Ruhe versprechenden Hafen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/231.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/231.md new file mode 100644 index 0000000..1d9dd19 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/231.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Dieses Liebesideal ist mit der Individualisierungsidee verknüpft. +Shakespeare hat mit „Romeo und Julia“ diesem Zusammenspiel von +individueller gegenseitiger Liebe und ihrer Verwirklichung jenseits +aller gesellschaftlichen Moralcodices ein alle Generationen +anrührendes Denkmal gesetzt. Seine Schwäche zeigt sich, wenn man +die Liebesgeschichte von Romeo und Julia weiterfantasiert. Allein mit +der Idee der allumfassenden Liebe hätten beide ihren gemeinsamen +Alltag nicht bewältigt. Denn er stellt ganz einfache, aber harte +Fragen: Wer kauft ein, wer putzt die Toilette, wer steht nachts auf, +wenn die Kinder schreien, wer verdient unter welchen Bedingungen +das Geld für den Lebensunterhalt? Um auf sie angemessen zu +antworten, benötigt man noch andere Ressourcen, z. B. +Konfliktfähigkeit, die im weiteren Prozess der Beziehung entdeckt +bzw. gewonnen werden können. +Zwei Menschen finden sich; sozialpsychologisch gesprochen, geht +es darum, dass sie für ihr neues dyadisches System eine gemeinsame +Identität herstellen, erfahren und leben. Von der menschliche +Ursehnsucht nach der „Einheit in der Zweiheit“ (Symbiose) lässt +Platon in seinem Symposion den Komödiendichter Aristophanes +berichten: +In grauer Vorzeit gab es neben dem männlichen und dem +weiblichen ein drittes Menschengeschlecht; dieses war mit vier +Armen, vier Beinen, zwei Köpfen und beiden primären +Geschlechtsteilen ausgestattet und hatte eine Kugelgestalt. Der +Mond war Mutter und Vater in einem. Weil diese Kugelgestalt alle +Stärken der Einzelgeschlechter in sich vereinte und in ihrem +Begehren, gottgleich zu sein, den Himmel zu erstürmen drohte, +beschloss Zeus, sie in ihre zwei gleichen Teile zu zerschneiden. +Und nun sehnen sich die zwei Hälften danach, wieder +zusammenzukommen und eine erneute Einheit zu werden. „Von +so langem her also ist die Liebe zueinander den Menschen +angeboren, um die ursprüngliche Natur wiederherzustellen, und +versucht aus zweien eins zu machen und die menschliche Natur +zu heilen“ (Platon, Symposion 2.4.2, 1971, S. 103). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/232.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/232.md new file mode 100644 index 0000000..3ff3c39 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/232.md @@ -0,0 +1,43 @@ +Das Leben unter diesem Ideal hilft, die phasenspezifische Aufgabe +(Gestaltung der Dyade und einer ersten Beziehungsidentität) zu +lösen. Dadurch werden auch Ressourcen gebildet, die für die +Bewältigung der Übergangskrise und der weiteren Beziehungsphase +von großer Wichtigkeit sind. Ich denke hier an die Bildung eines +primären Gefühls von Bindung – Verbundenheit und Zuversicht in die +Zukunft, wovon in kritischen Situationen eine Motivationskraft für ihre +Bewältigung ausgehen kann. Nun kommt es in diesem gemeinsamen +Prozess zu einem Punkt, an dem die bisher geltenden Regeln, +Leitideen und Handlungsmöglichkeiten nicht mehr ausreichen, um die +im Rahmen des gleichen Prozesses entwickelten persönlichen +Wünsche, +Ängste, +Hoffnungen +mit +den +entsprechenden +Anforderungen des dyadischen Systems und seiner Kontexte +auszubalancieren. +Dieser Punkt lässt sich als die erste Übergangskrise bezeichnen. +Gemeint ist damit die konflikthafte Phase der Transformation einer +Beziehung in eine neue Stufe ihrer Gestaltung am sich immer +bewegenden +Kreuzungspunkt +von +gelebter +Vergangenheit +(Diachronie) und den Möglichkeiten der Zukunft (Multichronie). +Dieser nach dem heraklitischen Prinzip des „Alles fließt“7 zu +beschreibende Kreuzungspunkt wird üblicherweise als Gegenwart +(Synchronie) bezeichnet. Gelingt es, die Krise zu bewältigen, eröffnen +sich der gemeinsamen Beziehungswirklichkeit neue Horizonte; +verfangen sich die Beteiligten in destruktiven Verschlingungen, wird +die Beziehung aufgelöst – ohne damit unbedingt beendet zu sein. +Eine andere Möglichkeit besteht in der Einigung auf die Regel: „Jede +Trennung, aber auch jede Konfliktlösung muss unter allen Umständen +verhindert werden“; dann entsteht ein die Bewegung der Beziehung +einfrierender „Clinch“ (Stierlin et al. 1977, S. 34 ff.). +Das Thema der Übergangskrise heißt: „Konfrontation von +Vergangenheit und Zukunft“ in der Gestaltung der aktuellen +Beziehungswirklichkeit(en). Mit den sich in ihrer Beziehung treffenden +oder verfehlenden Menschen treffen oder verfehlen sich auch zwei +Beziehungsmodelle. Sie wurden in den jeweiligen Kontexten der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/233.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/233.md new file mode 100644 index 0000000..3a8eabf --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/233.md @@ -0,0 +1,38 @@ +primären Sozialisation (Herkunftsfamilie, Pflegefamilie, Stieffamilie, +Heim usw.) und sekundären Sozialisation (Kindertagesstätte, Schule, +Peers) gelernt. +Diese Beziehungsmodelle enthalten systemspezifische Bilder, +Normen, Werte bezüglich: +Alltagskommunikation (der tägliche Kontakt und die +Bewältigung der Alltagsaufgaben) und nichtalltäglicher +Situationen der Familienkommunikation (z. B. Familienfeste); +Metakommunikation (Reflexion der Beziehung); +Beziehungsmustern, Rollenverteilungen, Rollendefinitionen und +Rollenbeziehungen +(Geschlechtsrollen, +Elternund +Kinderrollen); +Hierarchie-, Macht- und Verantwortungsverhältnissen; +Stress-, Konflikt- und Lösungsverhalten in alltäglichen +Beziehungssituationen (Tagesplanung, Auseinandersetzung mit +den +Leistungsanforderungen +der +Schule) +und +außergewöhnlichen Beziehungserfahrungen (Geburt und Tod, +Trennung und Neubeginn); +alltäglicher (z. B. gemeinsame Mahlzeiten) und nichtalltäglicher +Rituale (z. B. Geburtstagsfeiern); +Umgang mit Geheimnissen und Tabus; +Sexualität und Intimität in Beziehungen. +Jeder beziehungssuchende und -gestaltende Mensch trägt mehr oder +weniger schwer an einem „Rucksack“, dessen Inhalt aus diesen +verschiedenen Aspekten des familiären Beziehungsmodells, also +diversen „Einzelpaketen“, besteht. Diese können sehr leicht oder sehr +schwer sein. In der ersten Übergangskrise werden sie aus dem +„Rucksack geholt“ und auf ihre Vereinbarkeit mit der gegenwärtigen +Beziehung geprüft. Die Frage heißt dann.: „Passt das, was ich in +meiner Familie über Sexualität, über Machtverhältnisse, über die +Beziehung von Frau und Mann gelernt habe, zu dem, was du gelernt +hast?“ diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/234.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/234.md new file mode 100644 index 0000000..5136e69 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/234.md @@ -0,0 +1,5 @@ +Gelingt es, diese Übergangskrise konstruktiv zu nutzen, werden +Partner und Partnerin eine Synthese finden, die beiden +Herkunftssystemen ihren Platz zubilligt und zugleich Raum für neue +Beziehungswege jenseits der tradierten Pfade schafft. Gelingt es +nicht, zerbricht die Beziehung schon an diesem Punkt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/235.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/235.md new file mode 100644 index 0000000..5567144 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/235.md @@ -0,0 +1,33 @@ +4.2.2.2Die Phase der inneren Differenzierung +Nach der bewältigten ersten Übergangskrise steht das Paar einer +neuen phasenspezifischen Entwicklungsaufgabe gegenüber. Die Zeit +der Symbiose mündet in den Prozess der Neubestimmung von Ich +und Du im Beziehungsprozess.8 Partner und Partnerin beginnen, sich +im Unterschied zur/zum jeweils anderen zu erleben und eigenen +Bestrebungen auch unabhängig von der/vom anderen mehr +Spielraum zu geben. Das Ich findet sich neu in der Abgrenzung vom +Du. Diese Neuentdeckung der Subjektivität macht auch eine +Neubestimmung der gemeinsamen Beziehung erforderlich. Gerade +die nun zutage tretende Unterschiedlichkeit erfordert ein trotz aller +„Auseinander-Setzungen“ gesichertes Vertrauen in die Kontinuität der +Beziehung. Das entscheidende psychodynamische Stichwort heißt +hier Vertrauen: Vertrauen in die persönliche Integrität der Partnerin, +Vertrauen in die Sicherheit der Beziehung auch während längerer +Zeiten der Trennung, Vertrauen in die Möglichkeit der Integration +unterschiedlicher Wünsche und Perspektiven in die gemeinsame +Lebenswelt. Kontinuität und das dafür notwendige Vertrauen lässt +sich am besten durch die Herstellung eines gemeinsamen +Beziehungsalltages gewinnen; deshalb ist es leicht nachvollziehbar, +dass in dieser Phase die Frage einer gemeinsamen Wohnung ansteht. +Durch sie gewinnt das Paar eine gemeinsame sozialräumliche und +symbolische „Be-Hausung“. +Der gemeinsame Alltag erfordert eine Vielzahl von Absprachen, +Planungen, Aushandlungen, in den sich die Partnerinnen immer mehr +aufeinander beziehen und zugleich ihre Grenzen festlegen müssen. +Auch die äußeren Grenzen, z. B. gegenüber den Herkunftsfamilien, +müssen vor dem Hintergrund einer langfristigen Priorität der +aktuellen Beziehung (neu) definiert werden. Die Wohnung ist eine +Möglichkeit, äußere Grenzen des Paares deutlich zu machen. Die +Definition der äußeren Grenzen kreist um die Frage, wie Partner und +Partnerin ihre Beziehung im Unterschied zu anderen Beziehungen +bewerten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/236.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/236.md new file mode 100644 index 0000000..0be1049 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/236.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Das Beziehungsideal dieser Phase heißt bezogene Individuation: +trotz deutlich werdender Unterschiedlichkeit sich als bewusst gewollte +Beziehungseinheit zu finden und eine entsprechende, den +Zusammenhalt sichernde Paaridentität auszubilden. Identität +beinhaltet die Selbst- und Fremdzuschreibung von Merkmalen, die +diese +Beziehung +gegenüber +allen +anderen +Beziehungen +unverwechselbar machen und ein „Wir-Gefühl“ erzeugen, welches das +Gemeinsame gegenüber dem Trennenden betont. +Die zweite Phase ist durch eine zunehmende innere +Differenzierung der Beziehung gekennzeichnet. Sie ist weniger +spektakulär als die erste; in ihr steht der beginnende +Beziehungsalltag im Vordergrund. Es muss ein gerechter Ausgleich +hinsichtlich der unterschiedlichen Beiträge zum Erhalt und Wachstum +der Beziehung gefunden werden. Dabei kann es um die scheinbar +ganz banalen Themen der Alltagsbewältigung gehen: Wer wäscht ab, +wer kocht, wer fährt das Auto; wird Kleidung gemeinsam gekauft, +und wer sucht sie aus, wo soll welches Bild hängen usw.? Aber auch +schwierigere Themen stehen auf der Tagesordnung: Wie viel Geld +steuert jede(r) zum Haushaltsbudget bei, wie verbringt man +gemeinsame Abende, wenn das prickelnde Gefühl der „Erstmaligkeit“ +nachlässt, wie antwortet man auf bislang unbeachtete +Verhaltensweisen der Partnerin? +Die Aufgaben der zweiten Phase lassen sich auch im Rahmen +eines rollentheoretischen Konzeptes beschreiben. Es geht um die +Ausbildung neuer formeller und informeller Rollen, die eine Zunahme +an innerer Differenzierung und Komplexität des Paarsystems +ermöglichen. Sie wurden z. T. schon in der eigenen Herkunftsfamilie +oder anderen sozialisierenden Systemen gelernt und müssen nun für +die neue Lebenslage „umgeschrieben“ werden. Andere – vor allem +informelle – Rollen müssen neu erworben werden, z.B. im Rahmen +der familiären Arbeitsteilung. Hier entstehen Fragen wie: „Wer ist für +den Haushalt bzw. für welche Haushaltsbereiche zu welcher Zeit +zuständig?“, „Wer übernimmt wann die Initiative für welche diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/237.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/237.md new file mode 100644 index 0000000..bd6e4b0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/237.md @@ -0,0 +1,26 @@ +gemeinsamen Freizeitaktivitäten?“, „Wer organisiert wann welche +Außenkontakte an welchem Ort?“ +In der individualisierenden Kultur erweitert sich der persönliche +Gestaltungsspielraum für Rollen im Verhältnis zur Übernahme +standardisierter Rollen. Das erfordert Flexibilität, Dialog- und +Kompromissbereitschaft von Partner und Partnerin. +In dieser Erhöhung des Freiheitsgrades wurzelt die Krise im +Übergang zur dritten Phase. Deren Thema heißt: Öffnung für neue +Rollen auch jenseits der bisher vertrauten Muster und ihre +Verknüpfung mit bisher erfolgreichen Rollenbildern. Können sich +Partner und Partnerin auf einen fairen Ausgleich hinsichtlich der durch +Berufsalltag, Haushalt, Weiterbildung, Erhalt des Bandes zu den +Herkunftsfamilien entstehenden Belastungen einigen, indem sie die +entsprechenden Aufgaben in das eigene Rollenhandeln integrieren? +Können +entsprechende +Konflikte +auch +nach +heftigen +Auseinandersetzungen einvernehmlich gelöst werden? +Die Ressourcen hierfür wurden u. a. in der ersten Phase gebildet. +In der Symbiose entstehen gegenseitige Zuneigung, Vertrauen in die +Bereitschaft des anderen, sich für die Beziehung zu engagieren, und +die Hoffnung auf eine gemeinsam gestaltete Zukunft. Das motiviert, +auch kritische Situationen durchzustehen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/238.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/238.md new file mode 100644 index 0000000..3a79e7d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/238.md @@ -0,0 +1,39 @@ +4.2.2.3Die Projektphase +In dieser Phase entscheidet sich ein Paar, ob es durch Kinder in den +Status einer Familie überwechseln oder die Paarebene weiterhin als +Mittelpunkt seiner Beziehung definieren will. Beiden Optionen +gemeinsam ist die phasenspezifische Aufgabe: etwas Drittes zu +finden, über das die Beziehung ausgeweitet und zugleich neu +zentriert wird. Dieses Dritte nenne ich ein Projekt. Es ist eine +langfristig angelegte Erkundung neuer Gebiete auf der +Beziehungslandkarte, +ein +Experiment +mit +den +eigenen +Beziehungsressourcen und Verhaltensspielräumen, ein Spiel mit dem +Risiko des Scheiterns. Das Projekt ist zugleich eine Probe auf die +langfristige Stabilität der Beziehung bei neuen Belastungen und +zugleich die Eröffnung von Beziehungschancen jenseits der Dyade. +Dieses Dritte ist notwendig geworden, weil +bestimmte Wünsche, Kompetenzen und Selbstzuschreibungen +in der Dyade nicht genügend gefordert und gefördert werden; +die gegenseitige Kenntnis voneinander zu einer Wiederholung +bisheriger +Verhaltensweisen, +Gefühlen, +Handlungen, +Erfahrungen führt und Langeweile an die Stelle von Neugierde, +Leidenschaft und Erstmaligkeit zu treten droht. +Im weiteren Verlauf verzweigt sich der Lebenszyklus von Paaren und +Familien. +Die Projekte von Paaren, die kinderlos bleiben wollen bzw. +müssen, können sich auf vielfältige Wegen entfalten, z. B.: +gemeinsame Fortbildung und Zusammenarbeit im Rahmen von +Jobsharing; +Übernahme eines gemeinsamen Betriebs oder einer +gemeinsamen Praxis; +gemeinsame Tätigkeit in politischen oder kulturellen +Organisationen und Projekten; +Ausbau gemeinsamer Hobbys. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/239.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/239.md new file mode 100644 index 0000000..84abbf9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/239.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Paare, die sich für ein Kind entscheiden, richten ihre gemeinsame +Aufmerksamkeit in der Zeit vor und während der Schwangerschaft +auf ein in die Welt eintretendes Lebewesen, das ihre Gemeinsamkeit +und zugleich etwas Neues jenseits von ihnen symbolisiert. Die +Paardynamik geht in eine Familiendynamik über. Dabei lassen sich +einige spezifische Gesichtspunkte benennen: +Die durch eine Verknüpfung der Familienbiografien mit der +aktuellen Paarbeziehung fortentwickelte Familientradition erhält +durch den Eintritt der nächsten Generation eine neue Qualität. +Es entstehen Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen im +Zusammenhang mit dem Kind; Richter spricht in diesem +Zusammenhang von den „Erwartungsphantasien“ der Eltern +(Richter 1969). +Ein Kind ermöglicht den in die Vater- bzw. Mutterrolle +übergewechselten +erwachsen +gewordenen +Kindern +in +besonderem Maße, durch ihr Engagement für die neue +Generation ihren Eltern zurückgeben, was sie diesbezüglich von +ihnen erhalten haben. Die zu Großeltern geworden Eltern +erleben sich nun als Glied einer Generationenkette, in der ein +Teil von ihnen weitergegeben wird: Tradition wird mit Zukunft +verknüpft. +Entscheidend ist für beide Varianten der Projektphase, dass Energie, +Aufmerksamkeit, Interesse, das Zeitbudget von Partner und Partnerin +im Hinblick auf eine gemeinsam gefundene und zu gestaltende +Aufgabe verbunden werden. In diesem neuen Muster entstehen auch +Regeln für die konkrete Alltagsgestaltung. Beziehungsdynamische +Stichworte für diesen Prozess sind Loyalität, Arbeitsteilung, +gegenseitige Unterstützung, Konfliktlösungskompetenz und Flexibilität +in Bezug auf Rollen, Regeln und Beziehungsmuster. +Das den Paarprozess in dieser Phase leitende Ideal heißt: +einschränkende Tiefe statt weiträumiger Vielfalt. Zufriedenheit und +Glück stellen sich in diesem Kontext trotz Einschränkung der breiten +Palette bisheriger Handlungsmöglichkeiten durch die Intensität der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/240.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/240.md new file mode 100644 index 0000000..4726de9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/240.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Projekterfahrungen bzw. der Kommunikation mit dem sich +entwickelnden Kind her. +Durch die Gestaltung und Realisierung der phasenspezifischen +Aufgabe entwickelt das Paar Ressourcen für die weitere Evolution +seiner Beziehung. Zum Beispiel entwickeln sich durch die ständigen +Alltagsüberraschungen im Zusammenleben mit kleinen Kindern und +den Erfordernissen für ihre psychische und physische Versorgung +Kompetenzen +wie +Verlässlichkeit, +Frustrationstoleranz +und +Konfliktbewältigungskompetenz. Denn ein Kind benötigt seitens der +Eltern eine besondere Verantwortungsübernahme im Hinblick auf +langfristige Verbindlichkeit und persönliches Engagement. Die +Missachtung dieser Erfordernisse werden für das Kind, seine Eltern +und die Gesellschaft eine Fülle von Konflikten und Reibungsverlusten +heraufbeschwören. +Nicht kindgebundene Projekte können nach bestimmten Fristen +wieder aufgelöst werden. Die Elternrolle dagegen bringt eine +lebenslange Verkettung und Loyalitätsbindung mit sich. Diese kann +meistens nur um den Preis von Symptombildungen innerhalb des +Eltern-Kind-Systems aufgekündigt werden. Für die konstruktive +Bewältigung der durch Kinder bestimmten Projektphase ist die +Akzeptanz dieser lebenslangen Verkettung erforderlich. Sie ermöglicht +es, die in der Elternschaft begründeten Ressourcen für das +persönliche und gemeinsame Wachstum zu nutzen. +Die Unterscheidung von Eltern- und Paarbeziehung muss in dieser +Phase für Frau und Mann erfahrbar bleiben. Auch wenn sich die +Paarbeziehung durch den Status der Elternschaft tief greifend +verändert, benötigt das Paar in seiner Beziehungslandschaft auch +Nischen, die nicht primär durch das Thema Kind besetzt sind. Je älter +die Kinder werden, desto leichter ist das zu realisieren. Die dadurch +gewonnenen Ressourcen sind besonders für den Eintritt in die Phase +der Neuorientierung wichtig. +Die jetzt anstehende Übergangskrise birgt besondere Risiken für +eine Nichtbewältigung und Auflösung der Paarbeziehung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/241.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/241.md new file mode 100644 index 0000000..79d1ec9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/241.md @@ -0,0 +1,16 @@ +Unter dem Thema Kontinuität vs. Diskontinuität geht es auf der +Elternebene um die gegenseitige Ablösung von Eltern und Kindern +und den Abschluss einer im Verhältnis zu den vorhergehenden +Phasen relativ langen und die Paarbeziehung grundlegend +verändernden Beziehungsphase. Neue Räume der Beziehung müssen +erschlossen und die in der Elternrolle begründeten Aufgaben +weitgehend aufgegeben werden, ohne sich aus der Elternschaft zu +verabschieden. Auf der Paarebene geht es um die Neubestimmung +der Bedeutung von Intimität, Sexualität und Zärtlichkeit unter dem +Motto Neues im Vertrauten entdecken. Vielleicht hat in dieser Phase +die erotische Neugierde aufeinander unter der Fokussierung auf das +gemeinsame Projekt gelitten; vielleicht ist die psychische Nähe zur +Partnerin in der täglichen Alltagsroutine verloren gegangen; vielleicht +fehlt auch einseitig oder wechselseitig der Respekt für das, was die +andere bisher für die gemeinsame Beziehung geleistet hat. Das +könnte jetzt wiedergewonnen werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/242.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/242.md new file mode 100644 index 0000000..863b058 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/242.md @@ -0,0 +1,38 @@ +4.2.2.4Die Phase der Neuorientierung +Sowohl auf der Eltern- wie auf der Paarebene geht es um neue +Antworten auf die grundlegende Beziehungsfrage: „Was hält uns +beide noch zusammen, was trennt uns?“ +Die am Ende der Projektphase frei werdenden Bindungsenergien +können nun im Rahmen der durch die Koordinaten zentripetale vs. +zentrifugale und erhaltende vs. verändernde Systemkräfte (siehe +2.4.3.2.3.3) genutzt werden. +Zentrifugale Systemkräfte würde bedeuten, dass die Intensität +und die zu einem bedeutenden Teil über das Projekt vermittelte +wechselseitige Bezogenheit des Paares verloren geht. Die +Beziehungsaufgabe dieser Phase besteht darin, den zentrifugalen +Systemkräften zentripetal entgegenzuwirken und im Bewusstsein +einer jahrelang gewachsenen Verbindlichkeit und Kenntnis +voneinander Nähe und Distanz neu zu bestimmen. Neue, +voneinander getrennte Aktionsfelder lassen sich entdecken, z. B. +unterschiedliche Hobbys, nachdem die Kinder keine sorgende Präsenz +der Eltern mehr benötigen. Dennoch können Partner und Partnerin +durch einen Kern des wechselseitigen Interesses aneinander („Wir +interessieren uns für das, was wir heute getrennt voneinander erlebt +haben“) gegenseitige Unterstützung (in der Organisation des Alltags) +und +gemeinsame +kommunikative +Treffpunkte +(Reisen, +Unternehmungen mit den Enkelkindern, Sexualität und emotionale +Intimität) miteinander verbunden bleiben. +Ein wichtiger Aspekt zur Bewältigung/Nichtbewältigung dieser +Beziehungsaufgabe ergibt sich durch eine zu dieser Zeit besonders +enge Verknüpfung des Lebenszyklus des Paares mit den persönlichen +Lebenszyklen von Partnerin und Partner. Beide befinden sich im +Normalfall in der Phase der Lebensmitte und ihrer Überschreitung. Als +verknüpfendes Element lässt sich die in allen drei Zyklen +auftauchende Frage nach der Bilanz des bisherigen Lebensweges und +der möglichen Zukunft verstehen. Die Frage im Lebenszyklus des +Paares heißt: „Was haben wir bisher erreicht, und können wir es für +neue Beziehungsperspektiven und eine neue Balance von Nähe und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/243.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/243.md new file mode 100644 index 0000000..eb5197a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/243.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Distanz nutzen?“; die entsprechende Frage im persönlichen +Lebenszyklus lautet: „Welche Hoffnungen, Wünsche, Erwartungen +waren in meinem bisherigen Leben realisierbar, welche sind im +Lebenslauf verronnen, welche gibt es noch, was davon möchte ich +weiterverfolgen, wo ist eine Umorientierung notwendig?“ +Es leuchtet ein, dass die Antworten auf diese Fragen von großer +Bedeutung für alle drei Lebenszyklusformen sind. Der Blick zurück auf +die bisherige persönliche Biografie und der Blick auf die Zukunft +werfen Licht und Schatten auf das bisherige Paar- bzw. +Familienleben. +Im +persönlichen +Lebensentwurf +kann +die +Paarbeziehung eher als Störungsfaktor definiert sein und zu einer +weiteren Distanzierung führen; alternativ dazu kann sie als eine +wichtige Stütze auf dem Weg des Altwerdens verstanden werden, +was Begegnung und Intimität fördert. Umgekehrt können neue +Perspektiven für die Paarbeziehung Lebensmut und Initiative in der +neuen Phase des persönlichen Lebenszyklus stärken. +Das sich am Verhalten und an der Erfahrung orientierende Ideal, +das in dieser Phase zur persönlichen Weiterentwicklung beiträgt, +heißt: Selbstvertrauen und Vertrautheit. Die gegenseitige Vertrautheit +zieht einen Rahmen für persönliche Entwicklungen außerhalb der +Paarbeziehung, aber nicht gegen sie. Ein Vertrauen in die eigenen +Möglichkeiten kann z. B. dem bisher karriereorientierten Partner den +Blick auf das Leben jenseits des beruflichen Erfolges, der bisher +familienorientierten Partnerin den Einstieg in ein Berufsfeld außerhalb +des eigenen Haushaltes eröffnen. +Die Ressourcen für diese Neuorientierung liegen in der +Rückbesinnung auf wertvolle gemeinsame Erfahrungen, dem Wissen +um eine Beziehung, die allen bisherigen Krisen des Alltags +standgehalten hat, und der in vielen Szenen des Alltags entwickelten +Fähigkeit, Grenzen zu setzen und zu respektieren. Darüber hinaus +eröffnet sich die Möglichkeit, bisher wenig beachtete Ressourcen der +erweiterten sozialen Systeme, z. B. in Verwandtschafts- und +Freundschaftsbeziehungen, für den Weg jenseits der Lebensmitte zu +erschließen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/244.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/244.md new file mode 100644 index 0000000..6fc3dd3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/244.md @@ -0,0 +1,20 @@ +Die phasenspezifische Gefährdung der Beziehung besteht in ihrer +Versandung. Partner und Partnerin ziehen sich dann auf eine rein +formale Beziehungsdefinition zurück und gehen ansonsten ihre +eigenen Wege. In den letzten Jahren ist die Zahl der Paare, die sich +in dieser Situation scheiden lassen, erheblich angestiegen. Die +gegenwärtige Individualisierungskultur hat hier eine neue +Entscheidungsfreiheit geschaffen. Die darin enthaltene Botschaft +heißt: „Auch lange Beziehungen müssen immer wieder neu gestaltet +werden – kommunikative Entfremdung ist kein Schicksal, das man bis +zum Lebensende ertragen muss.“ +Die Übergangskrise zur letzen Phase wird geprägt durch das +Thema der Trennung. Die Endlichkeit des gemeinsamen und +persönlichen Lebens tritt jetzt beiden entgegen. Körperliche +Einschränkungen behindern die räumliche Mobilität und machen +vielleicht Hilfen von außen erforderlich. Das aus Bekannten, +Freundinnen und Verwandten der gleichen Generation geknüpfte +Beziehungsnetz wird dünner, der eigene Tod dadurch konkreter. Wie +stellen sich Partnerin und Partner diesen letzten Fragen des Lebens? +Kann diese Auseinandersetzung einmünden in eine Versöhnung mit +dem Tod, dem Leben und den darin gestaltenden Beziehungen? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/245.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/245.md new file mode 100644 index 0000000..7dbf13e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/245.md @@ -0,0 +1,8 @@ +4.2.2.5Die Endphase einer Beziehung: Trennung, Trauer, +Bilanz und Versöhnung +Diese Phase hat innerhalb des Lebenszyklus einen besonderen +Status, da sie in zwei absolut gegensätzlichen Varianten verlaufen +kann: als Abschluss einer im bürgerlichen Familienideal vorgesehenen +lebenslangen Beziehung durch den Tod des Partners bzw. der +Partnerin oder als Ende einer missglückten längerfristigen +Zweierbeziehung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/246.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/246.md new file mode 100644 index 0000000..cd35480 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/246.md @@ -0,0 +1,40 @@ +4.2.2.5.1 Die Trennung durch den Tod +In diesem Fall geht es um die existenzielle Perspektive des Lebens: +Sterben als Paradigma von Endlichkeit und Begrenzung, Trennung als +Lebensaufgabe von der Geburt bis zum Tod. Zwei Menschen sind +miteinander alt geworden – das ist das große Ideal, unter dem die +meisten langfristig angelegten Partnerschaften auch heute noch +stehen. +Diese letzte Phase des gemeinsamen Lebens lässt sich unterteilen +in das gemeinsame Leben im Horizont des möglichen Todes und die +Zeit nach der durch ihn erfolgten Trennung und die sich daran +anschließende Übergangskrise. +In der gemeinsam erlebten Zeit vor dem Tod geht es u. a. um +folgende Fragen: „Wer bleibt zurück?“ „Welches Vermächtnis +übernimmt die Weiterlebende?“, „Was kompensiert die durch +den Tod der Partnerin entstehende lebenspraktische und +psychische Lücke?“, „Was bleibt an die gemeinsame +Lebensspanne überdauernden Erinnerungen?“, „Wie sieht deren +Bilanz aus?“, „Können wir uns im Fall langwieriger Krankheiten +selbst versorgen?“ Das Thema des einen ist in diesem Fall auch +das Thema der anderen: Krankheit und Tod der Partnerin +konfrontieren die andere immer auch mit dem eigenen +Lebensende. +Das +Paar +lebt +mehr +oder +weniger +metakommunikativ mit diesen Fragen: Sie können viel oder +wenig darüber sprechen, in Andeutungen oder direkt, allein +oder in Anwesenheit von Kindern, mit Verwandten der gleichen +Generation oder Freundinnen. Und sie können in verschiedenen +Formen darüber sprechen: rational distanziert oder mit starken +Emotionen, ängstlich oder mit der Zuversicht auf einen +versöhnten Abschied, eher die Unterschiede oder eher die +Gemeinsamkeiten betonend. Diese Kommunikation im Horizont +des Beziehungsendes bietet vielfältige Möglichkeiten, das +eigene Leben zu bilanzieren und sich der von Erikson in seinem +Lebenszyklusmodell beschriebenen Weisheit des Alters zu +nähern (Erikson 1971). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/247.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/247.md new file mode 100644 index 0000000..2f9fe0c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/247.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Der Tod selbst erzwingt den endgültigen Abschied aus der +gemeinsamen Beziehung. Als erzwungener Abschied ereignet er +sich in einem Spektrum zwischen seiner durch Krankheit nahe +gelegten Erwartung oder dem plötzlichen Einbruch „aus +heiterem Himmel“. Es ist unmittelbar plausibel, und alle +Forschungen bzw. therapeutischen Erfahrungen bestätigen es, +dass der plötzliche Tod eines geliebten Menschen als ein +Trauma verstanden werden kann. Seine Bewältigung ist +schwieriger als die des erwarteten Todes, an den man sich +schrittweise herantasten kann. Der Umgang mit dem Tod ist, +wie Ariès gezeigt hat, in unserer Gesellschaft durch eine +Tendenz zur Verleugnung und Verdrängung gekennzeichnet +(Ariès 1976). Er rüttelt an dem Selbstverständnis der westlichen +Zivilisation, die den Mythos vom Menschen als allmächtigem +Herrscher und Neuschöpfer der Natur geschaffen hat (Ritscher +1989). In früheren Zeiten war der Tod ein integraler Bestandteil +des Lebenszyklus. Aufgrund der geringeren Lebenserwartung +und der größeren Zahl der Mitglieder einer Familie bzw. des +ganzen Hauses war er ein Ereignis, mit dem man häufiger +direkt konfrontiert wurde als heute. Der Tod fand in der Regel +im Hause statt und war insofern ein Ereignis der haus- bzw. +familieninternen Öffentlichkeit. Durch die Anteilnahme des +sozialen Umfeldes wurde der öffentliche Rahmen noch +erweitert. Die in der Religiosität verankerte Erwartung eines +durch Reue, Buße und gute Werke zu erlangenden Heiles nach +dem Tode machte das Sterben und seine Begleitung durch die +Angehörigen leichter als heute. Das Gleiche gilt hinsichtlich der +für die Zurückgebliebenen selbstverständlichen Rituale der +Trauer und der Reintegration in den sozialen Alltag. Die +vielfältige aktuelle Literatur zu diesem Thema zeigt, dass die +Wiederentdeckung ihrer heilsamen Funktion in vollem Gange ist +(z. B. Kübler-Ross 1982; Albrecht et al. 1995; Güse-Martin +1997). Dadurch entstehen für unsere Kultur passende Formen +des Abschied, in denen der psychische Schmerz akzeptiert ist diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/248.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/248.md new file mode 100644 index 0000000..7a507aa --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/248.md @@ -0,0 +1,2 @@ +und durch „Trauerarbeit“ (Freud 1969d) integriert werden kann +(vgl. Schultz 1985). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/249.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/249.md new file mode 100644 index 0000000..389d557 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/249.md @@ -0,0 +1,33 @@ +4.2.2.5.2 Trennung durch formelle oder informelle Scheidung +In dieser Trennungsvariante geht es um das Eingeständnis des +Scheiterns einer Beziehung, die Konfrontation mit Desillusionierungen +und Enttäuschungen. Eine Trennung wird heute als gesellschaftlicher +Normalfall akzeptiert. Dieser Wechsel vom Skandal zur Normalität +verdankt sich einer in der individualisierenden Kultur möglich +gewordenen Vielfalt von Lebensformen und Zeitperspektiven für +intime Beziehungen. +Trennung als die von mindestens einem Teil des Paarsystems +gewünschte Auflösung der Lebensgemeinschaft wird in den meisten +Fällen geprägt durch: +die Kränkung aufgrund einer missglückten Beziehung; +gegenseitige lineare Schuldzuweisungen und den Kampf um die +Wahrheit; +einen Zustand der kognitiv-emotionalen Verwirrung und +Regression (vgl. Wallerstein u. Blakeslee 1989, S. 30 ff.); +den Verlust der Möglichkeit, sich wechselseitig „in die Schuhe +der/des anderen zu stellen“; +ein Beziehungsbild, das sich an Defiziten, Belastungen, +Störungen in den vorangehenden Phasen des Lebenszyklus +orientiert, darin realisierte Lebenschancen aber ignoriert; +und die Auseinandersetzung um die weitere Beziehung des +separierten Elternteils zu seinen Kindern. +Trennung als Scheidung kann einen formellen, d. h. durch den Spruch +eines Gerichtes vollzogenen oder informellen, d. h. durch eine +Absprache der Partnerinnen zustande gekommenen Charakter haben. +Auf den ersten Fall trifft der juristische Fachbegriff „Scheidung“ zu, im +zweiten Fall wird von „Trennung“ gesprochen. Trennung ist der +Gipfelpunkt einer langen krisenhaften Entwicklung. Mit der +Entscheidung für eine Trennung ist diese in der Regel noch lange +nicht vollzogen – der Trennungsprozess geht weiter. Wallerstein und +Blakeslee rechnen mit ca. zweieinhalb Jahren für die Männer und +dreieinhalb Jahren für die Frauen, die sie benötigen, „um nach einer diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/250.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/250.md new file mode 100644 index 0000000..c230821 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/250.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Trennung äußerlich wieder Ordnung in ihr Leben zu bringen“ (ebd., S. +10). +Insofern ist es sinnvoll, die Trennung selbst als einen Prozess mit +drei Hauptphasen zu definieren. Kaslow und Schwartz haben ein +entsprechendes Modell der Scheidungsstufen („devorce stages“) +erarbeitet. (Kaslow u. Schwartz 1987, S. 23 ff.). Sie unterscheiden +drei Hauptstufen: „predevorce“, „during devorce“ und „postdivorce“. +Werden diese Stufen einigermaßen erfolgreich durchlaufen, lässt sich +der Prozess gemäß der leninschen Definition des Fortschritts9 als eine +aus Fort- und Rückschritten kombinierte Vorwärtsentwicklung +charakterisieren. Diesen drei Phasen ordnen die Autorinnen Stationen +der psychosozialen Scheidung zu. Über die Stationen der emotionalen +(„emotional +divorce“), +rechtlichen +(„legal +devorce“) +und +ökonomischen Scheidung („economic divorce“), die darauf folgenden +Etappen der Scheidung auf der Elternebene („coparental divorce and +the problems of custody“) und der vom nahen und weiteren sozialen +Umfeld realisierten Trennung („community divorce and the problems +of loneliness“) lässt sich die psychische Scheidung („psychic divorce“) +erreichen. Dieser Schlusspunkt des idealtypisch dargestellten +Scheidungsprozesses erweist sich in der Alltagsrealität eher als +Interpunktion eines noch lange nicht beendeten Prozesses der +psychosozialen Scheidung Und dennoch verweist er auf die sich in +seinem Verlauf herausbildende Perspektive des „beeing in the world +anew“ (ebd., S. 235), die nun in der Vordergrund treten kann. +Inwieweit letztlich ein Status von „integration and wholeness“ (ebd., +S. 265) erreicht werden kann, hängt von vielen Faktoren ab, und +gewiss ist es ein schwerer Weg dorthin. +“Rarely is the process simple, gentle or calm. The havoc +wrought, intended and unintended, is severe and its effects long +lasting. Some of the factors to be significant in terms of the +different impacts of divorce were: age at time of divorce; +gender; socioeconomic status; absence ore presence of +extended family support systems (emotional and financial); for +divorcing adults – educational background and occupational skills diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/251.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/251.md new file mode 100644 index 0000000..47a88ef --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/251.md @@ -0,0 +1,39 @@ +level; degree of emotional health vs. pathology in the individual +and family unit; problem-solving and coping skills; level of +realistic optimism; availability of a friendship support network +(including playmates, colleagues, self-help groups; and we would +add here resiliency, physical health and some ‘good luck’” (ebd., +S. 265). +Hinsichtlich der psychosozialen Folgen einer Trennung für die +Mitglieder des bisherigen Systems lassen sich eine eher +pessimistische und eine eher optimistische Sichtweise unterscheiden. +Kaslow und Schwartz bleiben mit ihrem Stufenmodell auf der +optimistischen +Seite. +Denn +die +darin +enthaltene +Fortschrittsperspektive richtet sich auf die Hoffnung eines neuen +Lebens jenseits des Scheidungstraumas. Wallerstein und Blakeslee +tendieren zu einer pessimistischen Einschätzung. Sie untersuchten in +einer 15 Jahre überspannenden Längsschnittstudie10 die emotionale +Befindlichkeit und soziale Lebenssituation von Mitgliedern aufgelöster +Familien. +Die beste Prognose für ihre weitere psychosoziale Entwicklung +haben Kinder, die sich auch nach der Scheidung einen +vertrauensvollen und emotional reichen Kontakt zu Vater und Mutter +erhalten konnten, da ihre Beziehung auf der Elternebene erhalten +bleibt. Gute Aussichten haben gut verdienende Männer zwischen 30 +und 40 Jahren sowie junge Frauen mit einem eigenen ausreichenden +Einkommen, die zugleich in der Lage sind, die Beziehung zu ihren +Kindern weiterhin positiv zu gestalten. Eine emotional zufrieden +stellende und konstruktive Beziehung zu den getrennt oder im +gemeinsamen Haushalt lebenden Kindern ist also auch für die +Scheidungsbewältigung der Eltern eine wichtige Ressource. Dennoch, +bei jeder Scheidung gibt es Gewinner und Verlierer, und die +Verliererinnenseite wiegt schwerer. Auf ihr finden sich eher die Frauen +als die Männer, eher die Jungen als die Mädchen, eher die Älteren als +die Jüngeren, eher die Ärmeren als die Reicheren. +Als Folge ihrer Studie formulierten Wallerstein und Blakeslee +Aufgaben für eine konstruktive Bewältigung der Scheidung. „Die Ehe diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/252.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/252.md new file mode 100644 index 0000000..3e045e6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/252.md @@ -0,0 +1,33 @@ +beenden“, „um den Verlust trauern“, „sich selbst wieder finden“, +„Emotionen beherrschen lernen“, „sich wieder hinauswagen“, +„Wiederaufbau“ und „den Kindern helfen“ sind die Aufgaben der +Erwachsenen (Wallerstein u. Blakeslee 1989, S. 328 ff.); „die +Scheidung verstehen“, „strategischer Rückzug“ (auf das eigene +Leben), „den Verlust bewältigen“, „mit Zorn umgehen“, +„Schuldgefühle überwinden“, „die Endgültigkeit der Scheidung +akzeptieren“ und „das Risiko der Liebe eingehen“ sind die +psychischen Aufgaben der Kinder (ebd., S. 340 ff.). +Durch die inzwischen erreichte kulturelle und politische Akzeptanz +der Scheidung ist diese Phase des Lebenszyklus zunehmend +bedeutsam für jüngere und ältere Paare geworden. In der darauf +folgenden Übergangskrise steht dann die Frage einer neuen +Beziehung an. Sie beinhaltet Risiko und Chance gleichermaßen, aber +allein der Mut, sie zu wagen, lässt sich als bedeutende Ressource für +das weitere Beziehungsleben verstehen. „Given, that 75 % of +divorced women and 83 % of divorced men remarry, obviously they +decide to risk trusting and caring deeply again“ (Kaslow u. Schwartz +1987, S. 280; Hervorh.: W. R.). +Die phasenspezifische Aufgabe bei allen Formen der Trennung ist +die von Freud in Trauer und Melancholie beschriebene „Trauerarbeit“. +Freud hatte in seinem bahnbrechenden Artikel den Unterschied +zwischen diesen beiden Antworten auf den Verlust einer für das +eigene Leben wichtigen Person oder Idee herausgearbeitet.11 +Trauerarbeit meint wesentlich die Auseinandersetzung mit der +Verlusterfahrung und ihre Integration in die bewussten und +unbewussten Prozesse des Ich. Wichtig dafür ist die Bewusstwerdung +und das Akzeptieren der eigenen Wut auf diejenige Person, von der +die Trennung ausgeht. Freud bezog sich dabei auf den Tod eines +geliebten Menschen. In der gelingenden Trauerarbeit wird diese Wut +nicht auf die eigene Person umgelenkt, sondern als Teil der großen +Verbundenheit mit der Toten und des Schmerzes über ihren Verlust +angenommen. Freuds Vorstellungen von der dadurch in Gang diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/253.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/253.md new file mode 100644 index 0000000..b08ec6a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/253.md @@ -0,0 +1,33 @@ +gesetzten Psychodynamik lassen sich auch auf die Trennung durch +Scheidung ausweiten. +Auf ihnen aufbauend, hat Kast ein „Phasenmodell des Trauerns“ +entwickelt (Kast 1987), das dem von Kübler-Ross beschriebenen +Prozess der Auseinandersetzung sterbender Menschen mit ihrem +eigen Tod (Kübler-Ross 1982) sehr nahe kommt. Es beginnt mit der +„Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens“, geht in die „der +aufbrechenden (negativen; W. R.) Emotionen“ über, setzt sich in der +„Phase des Suchens und Sichtrennens“ fort und endet als geglückte +Trauerarbeit in der „Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs“ (Kast +1987, S. 57 ff.). +Das der Trennungsphase zuzuordnende Ideal heißt Versöhnung – +Versöhnung mit dem Leben, dem Tod und den sozialen anderen. +Erikson spricht in seinem auf die Person bezogenen +Lebenszyklusmodell von der Weisheit des Alters (Erikson 1971); sie +zeigt sich als gelassene, dem bisherigen Beziehungsleben +zugewandte und zugleich das Wohl der nachfolgenden Generationen +bedenkende Haltung. Bei einer aus Entfremdung und Streit +resultierenden Trennung ist dieses Ideal ebenfalls von Bedeutung. Es +verweist auf die Möglichkeit, den Trennungsprozess als +Beziehungsbilanz zu begreifen, die u. a. unter der Frage steht: „Was +kann ich für kommende Beziehungen aus dem Scheitern unserer +Beziehung lernen?“ +Die Perspektive der Versöhnung verwandelt die Schuldfrage in das +Bemühen um Verstehen. Vielleicht kann daraus am Ende Verständnis +und Verständigung wachsen. Bei sich trennenden Eltern liegt darin +die Chance, die Kinder nicht als Instrumente im Trennungskampf zu +missbrauchen und trotz Trennung als Paar weiterhin auf der +Elternebene zu kooperieren. +Die Ressourcen für diesen schwierigen und immer wieder infrage +gestellten Prozess findet das Paar durch den versöhnlichen Blick auf +seine gemeinsame Geschichte, vor allem den Blick auf das +gemeinsam Erreichte und die Zeit der ersten Liebe. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/254.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/254.md new file mode 100644 index 0000000..a3d31b2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/254.md @@ -0,0 +1,49 @@ +Die letzte Übergangskrise steht unter dem Thema „Neuanfang +oder +Beharrung“. +Nach +dem +langen, +schmerzhaften +Trennungsprozess stehen die „Überlebenden“ vor der Frage, ob sie +dem Leben noch einen positiven Sinn, Freude und Zufriedenheit +abgewinnen können. Ziel wäre Annahme, Versöhnung und ein neuer +Selbst- und Weltbezug – das „beeing in the world anew“ (Kaslow u. +Schwartz 1987, S. 235). Dann ist ein Weiterleben als Single genauso +möglich wie das Sicheinlassen auf eine neue intime Beziehung. Durch +sie würde ein neuer Paar-, Familien- bzw. Stieffamilienlebenszyklus in +Gang gesetzt. Dieser enthält Unterschiede zu den inhaltlichen +Bestimmungen des ersten Lebenszyklus, macht also ein eigenes +Modell erforderlich. +Für die Ebene der professionellen psychosozialen Intervention +lässt sich an diesem Punkt eine wichtige Aufgabe benennen. Es gibt +in unserer Kultur Abschiedsund Trauerrituale für die durch den Tod +erzwungene Trennung. Für die Trennung durch Scheidung gibt es +eine solche Tradition nicht, weil dieser Fall über viele Jahrhunderte +hinweg sozial unmöglich bzw. geächtet war. Die vielen +Schwierigkeiten, denen wir in der psychosozialen Arbeit bei der +Trennung von Paaren und Familien begegnen, legen es nahe, die +heilsame Kraft von Ritualen auch für diesen Fall zu nutzen. Das +jüdische Trauerjahr (siehe Heller 1983; Gordon 1983) könnte ein +Modell für die zeitliche Perspektive der Arbeit mit Ritualen sein. Seine +Zeitstruktur strebt zugleich einen Prozess an, der von der +anfänglichen tiefen Trauer bis zur psychischen Integration führt.12 Für +den professionell begleiteten Prozess der Trennung durch Scheidung +(und Tod) könnten diese Zeitperspektive und die damit verbundenen +symbolischen +Handlungen +zu +einer +von +Fall +zu +Fall +maßgeschneiderten“ Ritualisierung der psychischen Trennung +verhelfen. Denkbar wären z. B. über die Zeit hinweg durchgeführte +Abschiedsrituale mittels einer Skulptur, Bilanzierungen des +gemeinsam +gegangenen +Lebensabschnittes +mithilfe +kunsttherapeutischer Materialien und die Rückschau auf den +bisherigen Trennungsprozess mithilfe von Musikinstrumenten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/255.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/255.md new file mode 100644 index 0000000..24e9e81 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/255.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Der ritualisierte Abschied sollte das Ende einer gemeinsamen +Geschichte markieren, die auch in die Zukunft hineinwirkt. Vielleicht +kann er auch in die Richtung der Versöhnung weisen. Zumindest ein +gezieltes Nachdenken über die Frage, welche Faktoren zum Scheitern +der Beziehung beigetragen haben, könnte Teil dieses Abschiedes +sein. Ein durch Trennungsarbeit ermöglichter offizieller und vielleicht +versöhnlicher Abschluss richtet bei der Gestaltung einer neuen +Beziehung den Blick auf ihre Zukunft und zieht die Aufmerksamkeit +von der Vergangenheit ab. Das mindert die Gefahr des von der +Psychoanalyse beschriebenen „Wiederholungszwanges“, d. h. der +Neuauflage alter Beziehungsmuster und konfliktträchtiger Themen in +der neuen Beziehung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/256.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/256.md new file mode 100644 index 0000000..f6face2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/256.md @@ -0,0 +1,10 @@ +4.3 + +Familiendynamik + +Die Familiendynamik lässt sich als das Gesamt der Impulse für die +Leitthemen des familiären Beziehungsprozesses definieren. Sie lebt +von bestimmten, phasenspezifisch unterschiedlichen und einem +grundlegenden Beziehungsthema zuzuordnenden Aufgaben. Die +Auseinandersetzung mit ihnen sichert die Entwicklung des Systems in +der Dialektik von Beharrung und Veränderung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/257.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/257.md new file mode 100644 index 0000000..f7b3417 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/257.md @@ -0,0 +1,40 @@ +4.3.1 Die Mehrgenerationenperspektive +Freuds Modell der psychosexuellen Entwicklung beschäftigt sich +primär +mit +der +Psychodynamik +des +Kindes; +die +Wechselwirkungsbeziehung zwischen Eltern und Kindern und noch +älteren Generationen hatte für ihn keine hervorgehobene Bedeutung. +Die Familiendynamik hingegen betont die Bedeutung der +mehrgenerationalen Beziehungen für die bezogene Individuation der +einzelnen Familienmitglieder. +Meistens sind in den Familien noch drei Generationen – +Großeltern, Eltern und Kinder – durch lebende Mitglieder vertreten; +ihre Beziehungen können ganz direkt als Ressourcen für anstehende +Problemlösungen genutzt werden. Aber auch zeitlich zurückliegende +Generationen sind in eine zirkuläre und multiperspektivische Sicht +familiärer Wirklichkeiten eingebunden. +Willi hat die intergenerationalen Beziehungen unter dem +Gesichtspunkt der sukzessiven Lösung von Familienthemen +dargestellt (Willi 1985). Die im intergenerationalen Dialog +konstituierten und weiterentwickelten Themen, Muster, Konflikte +verbleiben nicht als unverrückbare Blockaden im Netz der +Familienbeziehungen. Sicher entfalten negativ besetzte Themen und +konfliktinduzierende Muster eine blockierende Kraft und binden +Entwicklungspotenziale. Aber in ihrer interaktiven Übernahme durch +die nächste Generation entwickeln sich zugleich Stufen ihrer +Auflösung. Willi spricht von einer „transgenerationellen Korrektur des +fehlentwickelten ‚Familienerbes‘“ (ebd., S. 187). +Die Botschaft dieses Konzeptes ist tröstlich: Jede Generation +liefert einen Teilbeitrag, den die nächste übernehmen und +weiterführen kann. Keiner Generation wird eine Gesamtlösung +abverlangt, jede bereitet den Weg für die Lösungsversuche der ihr +nachfolgenden. +Selvini Palazzoli hat die zunehmende Blockierung des +Familiensystems und deren therapeutische Auflösung in einem Bild +dargestellt: „Es ist wie bei einem kleinen Flüßchen, in dem sich +irgendwo soviel Geäst und Blätter angeschwemmt haben, daß das diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/258.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/258.md new file mode 100644 index 0000000..7dc6cd6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/258.md @@ -0,0 +1,29 @@ +Wasser nicht mehr frei fließen kann“ (Selvini Palazzoli in Barrows +1983, S. 265). Die Facetten des kommunizierten problematischen +Themas und die Vielzahl der familiären Situationen, in denen es +kommuniziert wird, drosseln die vitale Dynamik des Systems. Je mehr +dies geschieht, desto schneller wird die negative Eigendynamik – +jeder neue Stein, jeder neue Ast erreicht, dass immer weniger +Wasser fließt und exponentiell immer weniger neu ankommende +Steine und Äste weggeschwemmt werden. Der Prozess der +Blockierung beschleunigt sich also, bis diese z. B. in einer +psychiatrisch beschreibbaren Symptomatik offenkundig wird. Die +diesen Prozess gestaltenden und erfahrenden Generationen setzen +zugleich die Suche nach Lösungen in Gang. Um im Bild zu bleiben: +Sie ziehen Steine und Geäst aus dem eigendynamisch gebildeten +Staudamm. Der anfänglich durchfließende Wasserstrom ist noch +klein. Je mehr Wasser aber fließt, desto mehr Kraft entsteht, um +weitere Hindernisse wegzuspülen – ein Prozess der sich exponentiell +beschleunigenden Auflösung von Entwicklungsblockaden. +Ich habe dieses Konzept für die Beschreibung von drei +Generationen der Familien von Opfern und Tätern/Täterinnen des +Nationalsozialismus verwendet. Dabei ging es mir um die Betonung +der in diesem Beziehungsgefüge für die Problemlösung aller drei +Generationen vorhandenen Ressourcen – auch wenn die +Ausgangssituation durch das Inferno von Auschwitz markiert wird. +Wenn die erste Generation in äußerst beeinträchtigende Blockaden +verwickelt ist, hinsichtlich deren Auflösung sie viel versucht, aber +noch wenig erreicht, gelingt der zweiten Generation in einem +kürzeren Zeitraum schon eine verstärkte Öffnung, und die dritte +Generation vermag eventuell schon wieder den freien Fluss +herzustellen (vgl. Ritscher 2001). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/259.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/259.md new file mode 100644 index 0000000..2c0a8da --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/259.md @@ -0,0 +1,34 @@ +4.3.2 Delegation und Aufträge +Dieses Konzept wurde von Stierlin in die Familientherapie eingeführt +(siehe Stierlin 1975a, 1982). Die Frage lautet hier: „Wer tut aus +Loyalität was – für/gegen wen – in welchem Auftrag und im Rahmen +welcher Kollusionen?“ +Schon vor der Geburt gelten dem Kind elterliche +„Erwartungsphantasien“ (Richter 1969). Sie drücken Wünsche, +Ängste, Hoffnungen, Freude usw. aus. Schon an diesem Punkt des +Lebens erhält das Kind Aufgaben, die im Lauf der Zeit prägnanter und +– in einer gelingenden bezogenen Individuation – auch +selbstbestimmter werden. So entsteht eine Delegationsbeziehung +zwischen Eltern(teil) und Kind. Es wird von ihnen mit Aufträgen, z. B. +die musikalischen Fähigkeiten der Eltern zu erreichen oder zu +übertreffen, „ins Leben hinausgeschickt“. Stierlin verweist hier auf +den Wortsinn des lat. delegare, „das erstens aussenden und zweitens +mit einer Mission betrauen bedeutet“ (Stierlin 1982, S. 24). Nimmt +das Kind einen solchen Auftrag an, wird es murrend, bereitwillig, +interessiert oder gar freudig am Klavier üben, Unterricht nehmen, +sich mit Freundinnen in einer Musikgruppe zusammenfinden usw. +Nimmt es den Auftrag nicht an, wird es zu Konflikten kommen, wenn +die Eltern auf ihrer Delegation beharren. Es ist ein Vorteil der +individualisierenden Gesellschaft, dass es möglich ist, Delegationen +der Eltern bzw. früherer Generationen zur Disposition zu stellen. Zu +einer kinderfreundlichen Familie unserer Kultur gehört die Regel, dass +über Delegationen verhandelt werden kann und sie ohne die Folge +des Bruchs zwischen Eltern und Kindern abgelehnt oder verändert +werden dürfen. Delegation hat in der heutigen Kultur einen +konsensuellen Aspekt. +Bei seinen „Erkundungsfahrten ins Leben hinaus“ bleibt das Kind +durch Loyalitätsbindungen (Treueverpflichtungen) und Delegationen +mit den Eltern verbunden. Delegationen gehören zu jeder +gelungenen Sozialisation und bezogenen Individuation, denn sie +sichern die existenzielle Verbindung zwischen Eltern und Kindern, +ermöglichen Kindern und Eltern das Gefühl von Sinnhaftigkeit, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/260.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/260.md new file mode 100644 index 0000000..d745147 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/260.md @@ -0,0 +1,34 @@ +positiver Bedeutung und des eigenen Wertes. Willi hat darauf +hingewiesen, dass die Kinder ebenfalls aktiv an der Konstruktion und +Übernahme sinnvoller Delegationen teilhaben und damit ihr +persönliches Wachstum mit dem der Eltern und der Familie verbinden +(Willi 1985). +Aufträge können das Kind aber überfordern, wenn sie: +widersprüchlich sind (z. B. „Bleib hier und werde +selbstständig“); +nicht seinen u. a. altersabhängigen Ressourcen entsprechen (z. +B. wenn ein sechsjähriges Kind der Seelentröster des +Elternteiles sein soll, der von dem anderen vernachlässigt wird); +es zu Koalitionen mit einem Elternteil gegen andere +Familienmitglieder (meistens den anderen Elternteil) zwingen; +dann +spricht +Stierlin +von +einer +„Entgleisung +des +Delegationsprozesses“ (Stierlin 1982, S. 31 f.). +Werden die Kinder durch widersprüchliche oder unerfüllbare Aufträge +chronisch überlastet, verkehrt sich die positive Grundtönung der +Delegation in ihr Gegenteil. +Das gilt auch für die Aufträge der Kinder an ihre Eltern. Wenn +Wünsche der Kinder nach Regression, Versorgung und Sicherheit +über den entwicklungspsychologisch angemessenen Zeitraum +hinausgehen und ihr Eigenbeitrag hierzu gegen null tendiert, werden +die Eltern überfordert. Dann kommt es zu einer Entgleisung der von +den Kindern an die Eltern gerichteten Delegation: Aus +Helfern/Helferinnen für den „Sprung ins Leben“ werden +Krankenschwestern, Polizisten oder Alleinunterhalter. Das heißt, die +Eltern werden im Prozess der bezogenen Individuation zu Delegierten +ihrer Kinder; diese Seite ist bisher zu wenig beachtet worden.13 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/261.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/261.md new file mode 100644 index 0000000..baa5b5b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/261.md @@ -0,0 +1,33 @@ +4.3.3 Die Gerechtigkeitsbilanz für das System und die darauf +basierenden Loyalitätsbindungen als existenzielle +Ressourcen des Systems +Im Wechselspiel von Geben und Nehmen, Schuldigkeiten und +Verdienst entsteht das Band der Loyalität. Boszormenyi-Nagy +(Boszormenyi-Nagy u. Spark 1981) formulierte eine darauf bezogene +existenzielle Perspektive der Familienloyalität. Er geht davon aus, +dass Kinder durch ihr Auf-die-Welt-Kommen, das sie ihren Eltern +verdanken, diesen gegenüber in eine existenzielle Verpflichtung +(„debit“) geraten. Die lebenslange Beziehung zu ihren Eltern enthält +deshalb auch die Perspektive, diese Verpflichtungen abzugelten, +indem den Eltern gegenüber Verdienste („merits“) erworben werden. +In einer transgenerationalen Sicht sind die eigenen Kinder, durch +deren Versorgung man sich Verdienste erwirbt, zugleich eine +Möglichkeit, die Verpflichtungen den eigenen Eltern gegenüber +auszugleichen. Eltern und Kinder können sich gegenseitig nur dann +loslassen, wenn die aus Verpflichtungen/Schulden und Verdiensten +gebildete Gerechtigkeitsbilanz ausgeglichen ist. Ein z. B. in der +Beratung thematisierter ewiger Streit zwischen Eltern und erwachsen +gewordenen Kindern führt die mit dem Loyalitätskonzept vertraute +Beraterin zu der Frage, ob hier noch „alte Rechnungen offen sind“ +und der Kampf als der Versuch eines Ausgleichs bzw. der +Anerkennung des Verpflichtungs-Verdienst-Ungleichgewichtes (als +eines ersten Schritts) verstanden werden kann. Manchmal lässt sich +die Anerkennung des Ungleichgewichts durch die „Schuldnerin“ schon +als ein Verdienst interpretieren. Ein solches Reframing (siehe 6.6.1.2) +kann dann einen Prozess wechselseitiger Bezugnahme in Gang +setzen, der das beklagte Ungleichgewicht in ein neues Gleichgewicht +transformiert. Auch die Pflege der alt gewordenen Eltern durch ihre +erwachsen gewordenen Kinder kann als eine Ausgleichshandlung +verstanden werden: Indem wir unsere Eltern versorgen, geben wir +ihnen zurück, was wir mit dem Geschenk des Lebens und der Sorge +für unsere Entwicklung erhalten haben. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/262.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/262.md new file mode 100644 index 0000000..07074ff --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/262.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Schwierig wird es in Fällen, in denen diese anfängliche Versorgung +durch die Eltern nicht genügend gewährleistet war. Hier werden die +Kinder ihre „Rechnung präsentieren“ und eine Anerkennung bzw. +einen Ausgleich für diese noch offenen Ansprüche aus der Kindheit +einfordern. Oft ist allein schon ihre Verschlüsselung ein Problem: Die +„offenen Rechnungen“ und der „Kampf um Anerkennung“ (Hegel +1972) verschwinden hinter einer Nebelwand aus Anklagen, Tränen +und Gewalt. Ohne diese Anerkennung und eine Perspektive des +Ausgleichs wird die Ablösung von den Eltern als bezogene Separation +sehr schwer. Wir bleiben dann durch das ewige Einfordern des +„Fehlbetrages“ negativ an die Eltern und unsere Kindheit gekettet. +Selbstständigkeit setzt also eine ausgeglichene Gerechtigkeitsbilanz +zwischen Eltern und Kindern voraus. +Auch eine über lange Zeit durch einseitiges Geben strukturierte +Beziehung erweist sich als problematisch. Denn die Geberin bringt die +Nehmerin immer mehr in Verpflichtungen; die Nehmerin hingegen +kann sich gegenüber der Geberin keine Verdienste erwerben und ihre +Verpflichtungen nicht kompensieren. So erhält auch die Geberin +nichts, was ihr persönliches Wachstum fördern könnte. +Trotz aller aus ihr resultierenden Probleme ist Loyalität eine +wesentliche Ressource für Zusammenhalt und Wachstum der Familie +und ihrer Mitglieder: Man bleibt verbunden und gewinnt in diesem +Verbund persönliche Aufträge und Aufgaben, die Sinnhaftigkeit und +Bedeutsamkeit verleihen. Mit einer ressourcenorientierten Sichtweise +wird man versuchen, die oft verkannten und nicht gewürdigten +Verdienste in und für Beziehungen herauszuarbeiten. Z. B. lässt sich +die Unterstützung von Alkoholikern durch ihre Ehefrauen („Ich helfe +ihm, weil ich ihn liebe“) auch als Verdienst beschreiben. Das gängige +Konzept der „Koalkoholikerin“ ist im Gegensatz dazu defizitorientiert, +denn es verweigert der Partnerin die Würdigung ihrer Leistung. Mit +einer ressourcenorientierten Sichtweise wird man auch versuchen, die +in den mehrgenerationalen Loyalitäten liegenden konstruktiven +Möglichkeiten für die aktuelle Lebensgestaltung herauszufinden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/263.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/263.md new file mode 100644 index 0000000..1887472 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/263.md @@ -0,0 +1,13 @@ +Ein Beispiel hierzu: Der Sohn einer Pfarrersfamilie lehnt die +elterlichen, in der Familientradition verankerten Delegationsversuche +bezüglich des Theologiestudiums ab. Es kommt zu starken Konflikten. +Er engagiert sich in einer Menschenrechtsorganisation und findet so +einen Kompromiss zwischen den für die Eltern zentralen Ideen der +Bergpredigt und seiner Ablehnung kirchlich organisierter Religiosität. +Die Eltern akzeptieren das nach langen Kämpfen, wodurch die Idee +„Man kann auch auf nichtreligiöse Weise Gutes tun“ zum ersten Mal +einen akzeptierten Platz in der kognitiv-affektiven Familienlandkarte +findet. Die Beziehung zwischen Eltern und Sohn konnte sich dann auf +einer neuen Ebene konstruktiv weiterentwickeln: „Bezogene +Separation“ und damit bezogene Individuation war möglich +geworden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/264.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/264.md new file mode 100644 index 0000000..e191aac --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/264.md @@ -0,0 +1,57 @@ +4.3.4 Zentrale Ideen, Mythen und Geschichten als +Traditionsübermittler +Ideen, +Mythen +und +Geschichten +sind +handlungsleitend, +handlungsbegründend, sinnverweisend und stellen die Beziehung +zwischen den Generationen her. Sie markieren zentrale Orte in der +kognitiv-affektiven Familienlandkarte. Mythen wurden von Ferreira in +der aufklärerischen Tradition der Psychoanalyse als „familiäre +Abwehrmechanismen“ +(Ferreira +1980) +analog +zu +den +„Abwehrmechanismen des Ich“ (A. Freud 1964) gesehen. Eine +systemisch-rekonstruktivistische Perspektive betont dagegen die in +den Mythen liegenden Ressourcen. In ihnen verdichten sich +besonders +prägnante +Geschichten +zu +handlungsleitenden, +handlungsbegündenden und Sinn stiftenden Ideen, die gerade durch +ihre symbolische Kraft zum familiären Zusammenhalt beitragen. +Mittels zentraler Ideen werden Absichten, Ziele und Mittel der +Zielerreichung miteinander verknüpft. Im Rahmen sozialer Systeme +müssen die Ideen der einzelnen Mitglieder und des Systems +miteinander koordiniert werden. Im besten Fall findet eine +Koevolution beider Systemebenen, im schlechtesten Fall eine +Ausstoßung des Sündenbocks oder ein Auseinanderbrechen der +Familie statt. +Beispiel: Eine Familie bekennt sich zu der Leitidee, eine +„besondere und zugleich dem Gemeinwohl verpflichtete Familie“ zu +sein. Seit Generationen sind ihre Mitglieder im öffentlichen Leben mit +großem sozialem Prestige vertreten. Die Kinder geben im Sinne des +Loyalitätskonzeptes auf diese Weise ihre Verpflichtungen an die +eigene Familie (Eltern, Eltern der Eltern usw.) durch die Übernahme +öffentlicher Aufgaben zurück. Darüber hinaus vermittelt ihnen die +Familienidee von Kindesbeinen an ein Gefühl der Bedeutsamkeit und +Sinnhaftigkeit. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl und motiviert sie zur +Übernahme wichtiger öffentlicher Funktionen. Die öffentliche +Anerkennung +hat +wiederum +einen +verstärkenden +Rückkoppelungseffekt +für +das +familiäre +und +persönliche +Selbstwertgefühl. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/265.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/265.md new file mode 100644 index 0000000..ba2c417 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/265.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen familiären +Leitideen, dem Band der Loyalität sowie der Entwicklung eines +familiären und persönlichen Selbstwertgefühls. +Geschichten vermitteln und verändern Traditionsbildungen. Im +Wechselspiel zwischen den Generationen werden sie erzählt und +gehört, gehört und weitererzählt. Es entstehen bei den Beteiligten, +die zugleich Sprecherinnen und Zuhörerinnen sind, Bilder, Töne, +Gerüche, Körperempfindungen. Sie versinnlichen den Text der +Erzählungen, indem sie versinnbildlichen. Die Geschichten anderer +werden zu eigenen Geschichten, und dabei bleiben sie nicht +dieselben. Lücken werden durch Worte und Bilder eigen-sinnig und +eigen-sinnlich geschlossen. Unklarheiten werden durch Reduzierung +der Komplexität in den Text eingebürgert und verlieren dadurch ihre +beunruhigende Wirkung. Unausgesprochenes, aber nonverbal +Mitkommuniziertes kann die Zuhörerinnen dazu bringen, einen +eigenen Textteil der Geschichte zu entwerfen, ihm eigene Bilder und +Gefühle zuzuordnen, die sich als Fragezeichen, Stachel, innerer +Wirbelsturm in der eigenen Psyche einnisten. Auf bestimmte, +besonders beeindruckende, aber noch nicht genügend verständliche +Teile der Geschichten werden ähnliche Symbole – Texte, Worte, +Bilder, Töne – „draufgepackt“. Dadurch entsteht ein Zusammenhang, +in dem sich die Teile wechselseitig interpretieren. Man sieht, aus +Geschichten werden weitere Geschichten, die den Faden der +vorauslaufenden aufnehmen und weiterspinnen. +Von besonderer Bedeutung ist es, wer welche Geschichte zu +welchem Zeitpunkt und zu welchem Zweck erzählt. Im Kontext von +Vertrauen und Zuneigung erzählte und gehörte Geschichten dienen +der Festigung einer Beziehung, lassen Nachfragen zu, erleichtern +Identifikationen, locken wenig Widerspruch und Ambivalenz hervor. +Ich erinnere mich z. B. gern an die Geschichten meiner Großeltern +mütterlicherseits über ihre Rendezvous im Berlin der frühen +Zwanzigerjahre. Das Geschichtenerzählen war gleichzeitig eine immer +neue Bekräftigung ihrer Liebe, die sie füreinander hegten, und diente +der Festigung des emotionalen Bandes zwischen ihnen und mir. Oder diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/266.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/266.md new file mode 100644 index 0000000..9bbc451 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/266.md @@ -0,0 +1,21 @@ +an die Geschichten meiner Familie väterlicherseits über Verfolgung +und Widerstand im Nazi-Deutschland. Sie waren Beispiel und +Aufforderung, das Leben nach dem Bild des „aufrechten Ganges“ +(Bloch 1973) und der sozialen Solidarität zu organisieren. +Es gibt Geschichten mit erklärendem und Sinn stiftendem +Charakter, die zugleich einen Anschluss an historische Konstellationen +ermöglichen. Zum Beispiel wurden in vielen deutschen Familien nach +1945 Geschichten über die Erfahrungen und Handlungsweisen der +Familienmitglieder während des „Dritten Reiches“ erzählt, welche +einerseits die Nichtbeteiligung an den Verbrechen der Nazi-Zeit +herausstellen und andererseits die gegenwärtige Einstellung zur +Politik begründen sollten. Andere Geschichten leben von ihrer +Funktion, Handlungsforderungen zu legitimieren. Sie rufen vielleicht +besondere Gefolgschaftstreue oder gerade Ablehnung, Unbehagen, +Kritik hervor. Im zweiten Fall neigen die Zuhörerinnen vielleicht mehr +zu einer ideologiekritischen Dekonstruktion als zu einer adaptiven +Rekonstruktion. Hier können wir an die 68er-Generation und ihren +Umgang mit den Geschichten der Eltern über die Nazi-Zeit („Wir +wussten nichts davon“), den Krieg („Auch wir haben gelitten“) und +die Nachkriegszeit („Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen“)14 +denken. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/267.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/267.md new file mode 100644 index 0000000..7c176b5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/267.md @@ -0,0 +1,34 @@ +4.3.5 Tabus und Geheimnisse, Scham- und Schuldgefühle in +der Familie +Unser Tabubegriff entstammt der Sprache Polynesiens. Tabu bedeutet +dort unberührbar, verboten und heilig. +Familien können bestimmte Themen mit Tabus belegen. Anders +als bei Familiengeheimnissen richtet sich bei einem Tabu das Verbot +nicht gegen die Existenz von etwas, sondern seine öffentliche +Benennung. Nicht das Wissen ist verpönt, sondern seine Einführung +in den Raum der öffentlichen Sprache – also die öffentliche +Berührung des Signifikats durch den ihm zugehörigen Signifikanten.15 +In der Regel geht es um Themen, die Scham, Ekel oder Angst +hervorrufen – Sexualität, Tod, Krankheiten, Geld oder sozial auffällige +Handlungen von Familienmitgliedern. Dafür gibt es keine oder nur +unzureichende Bewältigungsmöglichkeiten. Im Grunde verhalten sich +die das Tabu einhaltenden Familienmitglieder wie radikale +Konstruktivisten: Das einen unerwünschten Sachverhalt benennende +Wort erzeugt diesen; also muss seine Nennung vermieden werden. +Das Problem liegt in der Paradoxie dieser Technik: Die Aufforderung +„Denke nicht an Blau“ provoziert geradezu die Vorstellung von Blau, +denn ohne die Unterschiedsbeziehung zu dem positiv gesetzten +Begriff kann dieser nicht negiert werden. Im Sinne dieser +dialektischen Logik ruft das Tabu also den Gedanken an den +„unberührbaren“ Sachverhalt hervor. Es wird zu einem Totempfahl, +um den die Familie ihren rituellen Tanz inszeniert: Wie kann die +Nennung des Namens verhindert werden; was tun, wenn es nicht +gelingt; wem fällt dann welche Aufgabe zu; welche Strafe droht der +Tabubrecherin? +So kann die Straftat eines Familienmitgliedes zum Tabuthema +erklärt werden, auf das alle blicken und zugleich darüber schweigen. +Das kann den Abbruch oder zumindest das Einfrieren der +Beziehungen zum sozialen Umfeld nach sich ziehen. Denn überall +droht die Gefahr, auf das angesprochen zu werden, dessen +Benennung verboten ist. Auch mit dem Tabu verwandte Themen sind +dem Sprechverbot unterworfen, denn von diesen könnte man über diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/268.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/268.md new file mode 100644 index 0000000..88131ba --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/268.md @@ -0,0 +1,36 @@ +eine assoziative Brücke zum problematischen Kernthema gelangen. +Die Entwicklung des Systems bleibt durch diese negative Bindung der +Aufmerksamkeit blockiert. Letztlich ist man ihr ausgeliefert wie die +Menschen der Antike den Launen ihrer Götter. Ein anderes Beispiel: +Ist die Krankheit des Vaters tabuisiert, dürfen auch die Krankheiten +anderer Familienmitglieder sowie von Freundinnen oder Bekannten +nicht mehr erwähnt werden; Bilder von durch eine Krankheit +verstorbenen Verwandten dürfen nicht gezeigt werden, der Rückblick +auf frühere Generationen wird eingeschränkt, weil in der Zukunft der +Tod droht. Sprechverbote weiten sich also aus wie die durch den +Steinwurf im Wasser erzeugten konzentrischen Kreise. +Es gibt auch Tabus, die dem konstruktiven Erhalt und Wachstum +des Systems dienen. Das deutlichste Beispiel hierfür ist das +Inzesttabu. Durch das Verbot der sexuellen Intimität zwischen Eltern +und Kindern erhalten die Kinder einen Schutzraum für die langsame +Annäherung an das Lebensthema Sexualität. Es kompensiert das +Machtungleichgewicht, +durch +welches +ein +erwachsenes +Familienmitglied sexuelle Kontakte mit dem schwächeren Kind +erzwingen könnte, und wirkt deshalb entwicklungsfördernd. +Familiengeheimnisse erzeugen eine andere Dynamik (vgl. ImberBlack 1992; Reich 2001). Hier geht es darum, dass bestimmte +Ereignisse nicht gewusst werden, und wenn man von ihnen weiß +bzw. sie erahnt, muss man so tun, als ob die entsprechenden +Gedanken nicht im Kopfe wären. „Du sollst nicht merken und nicht +wissen“ heißt die zentrale Regel, nach der ein Geheimnis erhalten +bleiben soll. Familiengeheimnisse ziehen in noch viel stärkerem Maße +als ein Tabu das gesamte System in Mitleiden-schaft. Das Geheimnis +nimmt alle, auch seine familiären Hüterinnen in Geiselhaft, und die +gesamte Familieninteraktion wird von der „Last des Schweigens“ +(Bar-On 1993) niedergedrückt. In einer Vielzahl von Berichten haben +die Kinder und Kindeskinder von Nazi-Tätern und -Täterinnen die +Folgen dieses Schweigens und der durch sie geforderten Aufdeckung +des Familiengeheimnisses beschrieben (Sichrovsky 1987). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/269.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/269.md new file mode 100644 index 0000000..69519de --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/269.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Familientabus und -geheimnisse werden erforderlich, wenn die +betreffenden Themen mit extremen Schamgefühlen verknüpft sind. +Erhielten die Tabus und Geheimnisse einen Platz im öffentlichen +Sprachraum, würde man wegen eigener Verfehlungen oder einer +Identifikation mit der Täterin an den Pranger gestellt. Soziale +Stigmatisierung und Ausgrenzung wäre die Folge, was für die meisten +Menschen eine traumatische Erfahrung ist und deshalb vermieden +wird. +Schuldgefühle entstehen, wenn das Gebot der Tabubewahrung +und Verbot der Geheimniserforschung gebrochen wird. Durch meine +Schuldgefühle weise ich mir die Ursache für eine Verfehlung zu. In +den meisten Fällen kann man dafür die Verantwortung übernehmen, +weil es sozial geregelte Möglichkeiten der Kompensation, Korrektur, +Entschuldung und Entschuldigung gibt. Im Falle des Bruchs schwer +wiegender Tabus bzw. der Aufdeckung von Geheimnissen werden ihre +Hüterinnen eine Wiedergutmachung und Entschuldigung verweigern, +weil sie diesen Bruch bzw. diese Aufdeckung als Verrat definieren. +Deshalb kann das Schuldgefühl nicht in die Schuld für eine konkrete +Verfehlung verwandelt werden, die beglichen werden kann; es bleibt +erhalten und sein Inhalt unabgeschlossen, weil die Entschuldung und +Wiedergutmachung verweigert wird. Von dieser Dynamik der Schamund Schuldgefühle leben Tabu und Geheimnis gleichermaßen.16 +Freud hatte die Scham- und Schuldgefühle mit den Funktionen +des Über-Ichs verbunden (Freud 1969c). Das Über-Ich besteht +einerseits aus einem Set gesellschaftlicher Normen, Werte, Regeln, +Gebote, Verbote und Rollenvorschriften, die im Laufe der Sozialisation +internalisiert, d. h. zu individuell je eigenen werden. Zugleich ist es +mit den Bildern der Eltern verbunden. Diese gestalten als wichtige +Bezugspersonen den ersten sozialen Nahraum des Kindes und +verwandeln in diesem die soziokulturellen Standards in +Familienstandards, die dem Kind gegenüber vertreten werden. +Schuld- und Schamgefühle entstehen also durch die interpersonelle +Verletzung gesellschaftlicher Normen und die intrapsychische +Aktivierung der in den inneren Bildern rekonstruierten wichtigen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/270.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/270.md new file mode 100644 index 0000000..582614a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/270.md @@ -0,0 +1,20 @@ +Bezugspersonen, die das eigene innere und äußere Tun missbilligen. +Das Über-Ich ist in diesem Sinne ein Beziehungskonstrukt. +Freud hatte dem Über-Ich drei Funktionen zuerkannt: +Selbstbeobachtung, Ich-Ideal und das Gewissen. Durch die +Selbstbeobachtung werden die eigenen intrapsychischen und sozialkommunikativen Handlungen hinsichtlich der Scham- und +Schuldthematik eingeschätzt: Ist das, was ich tue, erlaubt oder +verboten, erwünscht oder unerwünscht? Das Ich-Ideal enthält die +Beschreibungen +und +Kommentierungen +bezüglich +meines +Wunschbildes: So möchte ich sein und von den anderen +wahrgenommen werden. Das Gewissen schließlich ist der durch +Internalisierung entstandene intrapsychische Ort der Begutachtung +und Bewertung des Denkens, Fühlens und Handelns. Es ist auch der +Ort, an dem die Scham- und Schuldgefühle induziert, aktiviert, +verstärkt oder abgeschwächt werden. +Tabus und ihre Missachtung, Geheimnisse und ihr Verrat sind also +letztlich Fragen des Gewissens. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/271.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/271.md new file mode 100644 index 0000000..d82697f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/271.md @@ -0,0 +1,45 @@ +Anmerkungen +1 +„Wir +unterscheiden +den +primären +vom +sekundären +Sozialisationsvorgang: Im primären erwirbt sich das Kind die +Grundqualifikationen eines handlungsfähigen Subjekts auf beiden +Ebenen, der kognitiven wie der motivationalen“ Habermas 1968, S. +15). In der sekundären Sozialisation durch die Schule erwirbt das +Kind Kompetenzen und Wissen, die ihm die Integration in die +gesellschaftliche Umwelt ermöglichen. Hier geht es u. a. um das +„Lernen des Lernens“. In der „tertiären Sozialisation“ lernen die +jugendlichen und erwachsenen Menschen Qualifikationen für die +Ausübung ihrer Berufsrollen. +2 „Die Relevanz der frühen Kindheit für die Persönlichkeitsstruktur +des Erwachsenen besteht darin, daß Erfahrungen während dieser +Formierungsperiode eines noch schwachen Ich langfristig prägende +Effekte haben und künftige Lernprozesse unter Umständen +präjudizieren … Im Alter von durchschnittlich zwei Jahren läßt sich +für die Merkmalskomplexe: geistiges Interesse, Abhängigkeit und +Aggression etwa ein Drittel der Varianz der entsprechenden, beim +Abschluß der Adoleszenz gemessenen Werte voraussagen; im Alter +von durchschnittlich fünf Jahren läßt sich bereits die Hälfte der +Varianz voraussagen“ (Habermas 1968, S. 15). Systemisch ist hier +anzumerken, +dass +die +langfristige +Vorhersagbarkeit +von +Merkmalsvarianzen, also den zwischen Personen unterschiedlichen +Merkmalsausprägungen, mit der Stabilität ihrer primären und +sekundären +Bezugssysteme +zusammenhängt. +Grundlegende +Elemente der Familienkultur (Einstellungen, Erziehungsstile, +Beziehungsregeln usw.) sind „aktive Variablen“. Sie werden nicht +spektakulär gewechselt, sondern wirken kontinuierlich im +Beziehungssystem von Eltern und Kindern. +3 Das Bezugsjahr der folgenden Daten ist – falls nicht anders +angegeben – 1996, die Quelle ist ein vom Bundesministerium für diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/272.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/272.md new file mode 100644 index 0000000..c65b4d2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/272.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Familie, Senioren, Frauen und Jugend herausgegebener Auszug aus +amtlichen Statistiken (Engstler 1999). +„Geschlechtsspezifische Unterschiede in den Lebensformen zeigen +sich vor allem im – gegenüber Söhnen – früheren Auszug der +Töchter aus dem Elternhaus, dem häufigeren Alleinleben der +Männer im jüngeren und mittleren Alter, der fast ausschließlich +weiblichen Lebensform des Alleinerziehens und der Dominanz des +ehelichen Zusammenlebens bei älteren Männern, während Frauen +aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung mit steigendem Alter +zunehmend allein im Haushalt leben“ (ebd., S. 15; alle +Hervorhebungen in Anmerkung 3: W. R.). +„79 % der Einwohner Deutschlands leben in Familienhaushalten +(einschl. Ehepaaren, die keine Kinder – mehr – im Haushalt +haben). Rund 57 % der Bevölkerung bilden Eltern-KindGemeinschaften mit gemeinsamer Haushaltsführung, darunter nur +2 % in Haushalten mit Großeltern, Eltern und Kindern“ (ebd., S. +15). „Nur 20,8 % der Bevölkerung leben allein (16 %) oder mit +anderen Personen – unverheiratet – zusammen (5 %), ohne +eigene Kinder oder Kinder des Partners/der Partnerin im Haushalt“ +(ebd., S. 19). +„Nur 36 % der Haushalte sind Haushalte mit Kindern (ohne +Altersbegrenzung), aber 57 % der Bevölkerung leben in +Mehrgenerationenhaushalten“ (ebd., S. 43). Der Anteil der +Privathaushalte mit Kindern unter 15 Jahren beträgt allerdings nur +noch 23 %. Der Anteil der Haushalte ohne Kinder ist in den alten +Bundesländern zwischen 1972 und 1996 von 50,6 % auf 65,2 % +gestiegen. 1996 lebten in 23 % aller Haushalte Ehepaare ohne +Kinder, drei Viertel von ihnen werden von älteren Ehepaaren +gebildet (ebd., S. 44). +„Mehrgenerationenhaushalte setzen sich zu 97 % aus Mitgliedern +zweier Generationen zusammen, d. h. der Eltern- und +Kindergeneration“ (ebd., S. 45). +„Einschließlich der Mütter, Väter und Kinder, die zwar nicht mehr in +demselben Haushalt, aber am gleichen Ort wohnen und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/273.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/273.md new file mode 100644 index 0000000..17aa999 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/273.md @@ -0,0 +1,45 @@ +regelmäßig Kontakt miteinander haben, leben mindestens 85 % +im engeren Familienverbund“ (ebd., S. 15). +„5 % der Bevölkerung ab 65 Jahren und rund 14 % der +Bevölkerung im Alter von 80 und mehr Jahren wohnen in +Alteneinrichtungen“ (ebd., S. 16). +Ca. 19 % der Kinder sind Einzelkinder. In den neuen +Bundesländern ist der Einzelkinderanteil höher als in der +ehemaligen BRD. Westdeutsche Ehepaare verzichten eher ganz +auf Kinder; wenn nicht, entscheiden sie sich vom Trend her für +zwei Kinder (ebd., S. 34). +„Die Mehrheit minderjähriger Kinder (ca. 86 %) lebt mit beiden +leiblichen Eltern zusammen. Diese sind in neun von zehn Fällen +miteinander verheiratet“ (ebd., S. 32). +85,5 % aller Einelternfamilien sind Mutter-Kind-Familien, nur 14,5 +% sind Vater-Kind-Familien. „Drei von fünf Alleinerziehenden sind +verheiratet getrennt lebend oder geschieden, ein Fünftel +verwitwet und ebenfalls ein Fünftel ledig. Väter sind häufiger +Verwitwete (26 %), Mütter häufiger ledig, besonders in +Ostdeutschland“ (ebd., S. 54). „Die überwiegende Mehrzahl der +Alleinerziehenden sind demnach Mutter-Kind-Familien nach dem +Scheitern einer Ehe“ (ebd., S. 55). +„Die nichteheliche Lebensgemeinschaft ist nicht nur eine typische +Lebensform +in +der +Anfangsphase +der +Paarund +Familienentwicklung; sie gewinnt zusehends auch als Lebensform +nach dem Scheitern einer Ehe an Bedeutung. Besonders in den +alten Bundesländern sind unverheiratet zusammenlebende Paare +mit Kindern häufig eine nacheheliche Lebensform, genauer: +nichteheliche Stieffamilien. Insgesamt sind in Deutschland 40 % +der +unverheiratet +mit +einem +Partner +und +Kind(ern) +zusammenlebenden Frauen geschieden oder vom Ehemann +getrennt“ (ebd., S. 58). +Es wird weniger und in einem späteren Lebensalter geheiratet. +„1996 waren ledige Männer bei ihrer Eheschließung bereits 30 +Jahre alt, Frauen 27,6 Jahre“ (ebd., S. 78). Die Heiratsrate sinkt diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/274.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/274.md new file mode 100644 index 0000000..7bee5e0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/274.md @@ -0,0 +1,34 @@ +vor allem in der Gruppe der Frauen und Männer mit +Hochschulabschluss (ebd.). +Etwa ein Drittel aller Ehen wird wieder geschieden. Die +Scheidungshäufigkeit ist in den Sechzigerjahren stark angestiegen +und „scheint sich nun auf hohem Niveau einzupendeln“ (ebd., S. +88). 1994 heirateten im alten Bundesgebiet von 100 geschiedenen +Frauen 65 erneut, von 100 Männern waren es 58. In den neuen +Bundesländern betrug die Quote bei Männern und Frauen +gleichermaßen 53 (ebd., S. 87). Die durchschnittliche Ehedauer +bei der Scheidung beträgt 12 Jahre. „Am höchsten ist das +Scheidungsrisiko sechs bis sieben Jahre nach der Heirat. Aber +auch das Risiko einer Scheidung nach längerer Ehedauer hat +zugenommen“ (ebd., S. 91). „Rund 14 % der Kinder von +Ehepaaren sind vor Erreichen der Volljährigkeit von der Scheidung +ihrer Eltern betroffen“ (ebd., S. 91). +„Der Bevölkerungsanteil Alleinlebender steigt. Im früheren +Bundesgebiet lebten 1972 14 %, 1996 bereits 21 % aller +Volljährigen allein im Haushalt. Hauptfaktoren des Anstiegs sind: +die Alterung der Gesellschaft (d. h., es steigt wegen der höheren +Lebenserwartung von Frauen vor allem die Zahl der +Einzelhaushalte mit älteren Frauen; W. R.), die zeitliche +Entkoppelung zwischen dem Auszug aus dem Elternhaus und dem +Zusammenziehen mit einem festen Partner, die gesunkene +Stabilität der Paarbeziehungen, der Anstieg partnerlos Bleibender +(v. a. Männer) und die Zunahme an Paaren mit getrenntem +Haushalten“ (ebd., S. 65). +Die Geburtenrate hat seit den sechziger Jahren abgenommen. +„Die 1960 geborenen Frauen werden im Durchschnitt nur 1,63 +Kinder je Frau bekommen, im Osten mehr (1,77), im Westen +weniger (1,57) … In den alten Bundesländern gibt es einen engen +Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau der Frau und ihrer +Kinderzahl. 40 % der 35- bis 39-jährigen westdeutschen Frauen +mit Hochschulabschluß haben keine Kinder (im Haushalt), +gegenüber 21 % der Frauen mit Hauptschulabschluß. Die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/275.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/275.md new file mode 100644 index 0000000..d2ea4e6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/275.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Kinderzahl der ostdeutschen Frauen variiert bei dieser +Altersgruppe kaum mit dem Qualifikationsniveau, da die meisten +dieser Frauen ihre Kinder noch zu DDR-Zeiten bekommen haben. +91 % aller ostdeutschen Akademikerinnen sind Mütter. Es ist +jedoch zu erwarten, daß die Bildungsabhängigkeit der Fertilität +auch in den neuen Ländern zunimmt“ (ebd., S. 94). Verheiratete +Frauen sind bei der Geburt ihres ersten Kindes durchschnittlich +28,3 Jahre, unverheiratete Mütter 27 Jahre alt (ebd., S. 100). +Der Bevölkerungsanteil ausländischer Mitbürgerinnen/Mitbürger +lag Ende 1995 bei ca. 10 %. Aber jede zehnte Familie mit Kindern +im Haushalt ist eine ausländische Familie. „Die ausländische +Bevölkerung in Deutschland ist erheblich jünger als die deutsche +und setzt sich aus mehr Männern als Frauen zusammen“ (ebd., S. +71). +Es wächst die Zahl der binationalen Ehen. Ihr Anteil an den +Eheschließungen hat zwischen 1960 und 1996 von 4 auf 17 % +zugenommen (ebd., S. 73). +55 % aller 15- bis 64-jährigen Frauen mit Kindern sind +erwerbstätig, mehr als die Hälfte von ihnen in Teilzeit oder in +einem „geringfügigen Beschäftigungsverhältnis“ nach dem 630DM-Gesetz (325-€-Gesetz). In den alten Bundesländern sind nur +16 % der Mütter minderjähriger Kinder ganztags erwerbstätig. +Von den Müttern mit Kindern unter sechs Jahren sind 45 % +berufstätig, bei Kindern bis drei Jahre sind es 26 %. Zwei Drittel +aller Mütter in der BRD, deren jüngstes Kind sechs bis 14 Jahre alt +ist, sind erwerbstätig, in den alten Bundesländern 62 %. In den +alten Bundesländern hat bei den Familien mit Schulkindern ein +Wandel von der „Versorgerehe“ zur „Zuverdienerehe“ +stattgefunden: „Während bei Arbeitnehmer-Ehepaaren mit Kindern +unter drei Jahren die Frau nur 8 % zum Bruttoverdienst des +Paares +beiträgt, +erhöht +sich +ihr +durchschnittlicher +Einkommensanteil schrittweise bis auf 25 %, wenn das jüngste +Kind das Jugendalter erreicht (13–17 Jahre)“ (ebd., S. 111). In +den neuen Bundesländern fallen alle Quoten höher aus, sind aber diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/276.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/276.md new file mode 100644 index 0000000..dd5184e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/276.md @@ -0,0 +1,43 @@ +seit der Wiedervereinigung erheblich zurückgegangen, was mit +den dortigen hohen Arbeitslosenzahlen erklärbar ist. Eine +diesbezüglich +weitere +Annäherung +zwischen +Ostund +Westdeutschland ist nicht allein wegen der unterschiedlichen +Wirtschaftslage, sondern vor allem wegen der Angleichung der +Lebensstile zu erwarten. Die alten und neuen Länder haben eine +statistische Realität gemeinsam: „In beiden Landesteilen hängt die +Erwerbsbeteiligung und die Arbeitszeit der Männer nicht davon ab, +ob und wieviel Kinder sie haben, wie alt diese sind und ob auch +die Frau erwerbstätig ist. Sofern Männer mit Kindern im Haushalt +nicht arbeitslos oder bereits verrentet sind, gehen sie einer +Erwerbstätigkeit nach, die in 9 von 10 Fällen eine Vollzeittätigkeit +umfasst“ (ebd., S. 112). +Für unbezahlte hauswirtschaftliche, pflegerische, betreuende und +handwerkliche Tätigkeiten wurden 1992 in den alten +Bundesländern rund 77 Mrd. Arbeitsstunden aufgewendet. +Demgegenüber wurden 48 Mrd. bezahlter Arbeitsstunden +geleistet. (Diese Zahlen wurden allerdings noch vor der Einführung +der Pflegeversicherung erhoben). Frauen leisten durchschnittlich +35 Wochenstunden unbezahlte Arbeit, Männer nur 19, 5 Stunden. +„Zwei Drittel aller Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren +besuchen +regelmäßig +einen +Kindergarten +oder +eine +Kindertagesstätte. Ein Fünftel der 6- bis 7-jährigen Kinder geht +nach dem Schulunterricht in einen Kinderhort“ (ebd., S. 124). Hier +fallen die Zahlen im Ost-West-Vergleich für den Osten deutlich +höher aus. +„Rund 62 000 Kinder und Jugendliche erhalten Heimerziehung, 48 +000 leben bei einer Pflegefamilie (zusammen weniger als 5 ‰ )“ +(ebd., S. 124). +„1993 stand den Haushalten mit Kindern unter 27 Jahren im +Jahresdurchschnitt ein monatliches Nettoeinkommen in Höhe von +5880 DM in den alten Bundesländern und 4270 DM in den neuen +Bundesländern (einschließlich aller Transferleistungen, des +Einkommens aus Vermietung und der Kapitaleinkünfte) zur diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/277.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/277.md new file mode 100644 index 0000000..e33b4cb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/277.md @@ -0,0 +1,42 @@ +Verfügung … 22 % der ostdeutschen und 11 % der +westdeutschen Haushalte mit Kindern mußten mit weniger als +3000 DM auskommen; 3 % (Ost) und 17, 5 % (West) verfügen +über mehr als 8000 DM“ (ebd., S. 133). 21 % aller westdeutschen +Haushalte mit Kindern unter 27 Jahren hatten 1993 ein +monatliches Nettoeinkommen zwischen 6000 und 8000 DM. +„Berücksichtigt man die unterschiedliche Zahl und das Alter der zu +versorgenden +Haushaltsmitglieder, +stellt +sich +die +Einkommensposition der Ehepaare mit Kindern schlechter dar als +die der Ehepaare mittleren Alters ohne Kinder im Haushalt. Die +relative Einkommensdifferenz wird um so größer, je mehr Kinder +im Haushalt leben … Innerhalb der Familien haben die +Alleinerziehenden im Durchschnitt das niedrigste Einkommen. +1993 mußten im Westen 49 %, im Osten 78 % mit weniger als +3000 DM im Monat auskommen. Jede vierte alleinerziehende +Mutter mit Kind(ern) unter 18 Jahren erhielt zu Beginn des Jahres +1996 Sozialhilfe“ (ebd., S. 133). Wird das Nettoeinkommen in ein +bedarfsgewichtetes „Äquivalenzeinkommen“ umgerechnet, sinken +die Haushaltseinkünfte bei Familien erheblich. Westdeutsche +Ehepaare mit einem Kind haben dann nur noch durchschnittlich +2767 DM, Ehepaare mit drei und mehr Kindern nur noch 2052 DM +zur Verfügung. In Ostdeutschland liegen diese Zahlen noch +niedriger. Alleinerziehende Mütter mit zwei und mehr Kindern +erreichen im Westen nur noch 1556 DM, im Osten 1428 DM. +4 In der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche des +ländlich strukturierten baden-württembergischen Landkreises Calw +sind es etwa 50 %. +5 Siehe z. B. die entsprechenden Formulierungen in § 1 des KJHG. +6 „In den interaktiven Prozessen zwischen und innerhalb von +Generationen +werden +Werthaltungen +und +Erfahrungen +vorhergehender Generationen nicht einfach übernommen, sondern +wechselseitig ausagiert und damit selbst interaktiv erlebt. Durch +dieses eigene Erleben wirken sie fort oder transformieren sich. Dabei +können Erfahrungen von an der Interaktion nicht direkt beteiligten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/278.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/278.md new file mode 100644 index 0000000..4e55802 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/278.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Generationen, von bereits längst verstorbenen Generationen +bestimmend für die eigene Erfahrung und damit auch für eine +Generation bestimmend sein“ (Rosenthal in Mansel et al. 1997, S. +59). +7 „‚Alles fließt, man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen‘; +ein Schüler Heraklits fügte hinzu, man könne es sogar nicht einmal“ +(Bloch 1972, S. 129). +8 „Das Grundwort Ich – Du kann nur mit dem ganzen Wesen +gesprochen werden. Die Einsammlung und Verschmelzung zum +ganzen Wesen kann nie durch mich, kann nie ohne mich geschehen. +Ich werde am Du; Ich werdend, spreche ich Du. Alles wirkliche +Leben ist Begegnung“ (Buber 1983, S. 18). +9 Fortschritt ist die Kombination aus zwei Schritten vorwärts und +einem Schritt zurück. +10 Die Autorinnen wählten dabei die Zeitpunkte der +Trennungssituation sowie ein, fünf, zehn und 15 Jahre nach der +Trennung. Die Familien der Stichprobe waren aus einer sozial relativ +homogenen +Gruppe +weißer +Mittelschichtfamilien +eines +Vorortwohngebietes an der San Francisco Bay ausgewählt worden. +11 „Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer +geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie +Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw. … Wir vertrauen darauf, daß sie +nach einem gewissen Zeitraum überwunden sein wird, und halten +eine Störung derselben für unzweckmäßig, selbst für schädlich“ +(Freud 1969d, S. 428 f.). Sie zeigt sich als „tief schmerzliche +Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt … +Verlust der Liebesfähigkeit … Hemmung jeder Leistung“ (ebd.). +Trauer lässt sich verstehen als ein notwendiger Prozess des +Abschiednehmens, in dessen Verlauf der trauernde Mensch sich +einerseits im Schmerz des Verlustes auf sich selbst zurückzieht, +andererseits zunehmend auch wieder den Bezug zur sozialen +Umwelt herstellt. In der Melancholie ist der Rückzug auf sich selbst +absolut; hinzu kommt die „Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/279.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/279.md new file mode 100644 index 0000000..c8637c9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/279.md @@ -0,0 +1,40 @@ +in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur +wahnhaften Erwartung von Strafe steigert“ (ebd.). Im Unterschied +zur Trauer bleibt der Mensch in der Melancholie auf den Verlust +fixiert und wendet diesen durch Selbstvorwürfe gegen die eigene +Person. Er verstrickt sich in einer negativen Feedback-Spirale mit +Rekurs auf sich selbst; die Trauer verliert den Charakter eines sich +selbst auflösenden Prozesses und wird chronifiziert. +12 Drei Tage des tiefen Schmerzes und sieben Tage der Trauer +lassen die Zurückbleibenden ganz bei sich sein – sie werden dabei +von ihrer erweiterten Familie, der Nachbarschaft und der „Chewra +Kadischa“ unterstützt. Es folgen dreißig Tage der allmählichen +Wiederanpassung und elf Monate der Erneuerung und Heilung. Auch +das gemeinsam mit den Sterbenden gesprochene „Sch’ma Israel“, +das Totengebet nach ihrem letzten Atemzug („Kaddisch“), die +expressive Totenklage und das Symbol des ein ganzes Jahr über +brennenden „ewigen Lichtes“ („Ner Tamid“) dienen diesem zeitlich +strukturierten Prozess der allmählichen Heilung (siehe de Vries +1994). +Die +„Chewra +Kadischa“ +(„Heilige +Vereinigung“) +ist +ein +Wohltätigkeitsverein von Männern und Frauen, der innerhalb der +jüdischen Gemeinde die ehrenamtliche Pflicht (hebr. „Mizwa“) zur +Unterstützung der Hinterbliebenen übernimmt. Er organisiert die +Versorgung und Beerdigung der Toten, den religiös-psychischen +Beistand für die Trauernden und deren Versorgung während der +Trauerwoche, in der diese das Haus nicht verlassen (siehe ebd., S. +282 ff.). +13 Eine wechselseitige Beschreibung von Delegationen verhindert +die diesem Konzept innewohnende Gefahr der auf die Eltern +gerichteten kausal-linearen Ursachenzuschreibung und der +Pathologisierung ihres Verhaltens. Dabei muss man nur die von +Stierlin in Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen (Stierlin 1972) +entfalteten dialektischen Perspektive ernst nehmen. +14 … wie es in dem Lied Wenn der Senator erzählt von Franz Josef +Degenhardt ironisch heißt (Degenhardt 1992). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/280.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/280.md new file mode 100644 index 0000000..405d171 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/280.md @@ -0,0 +1,4 @@ +15 Zur Unterscheidung von Signifikant und Signifikat siehe +2.4.3.2.2.2.1. +16 Stierlin hat die Dynamik von Scham und Schuldgefühlen in +Familien detailliert beschrieben (siehe Stierlin 1975b). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/281.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/281.md new file mode 100644 index 0000000..5dbf98b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/281.md @@ -0,0 +1,13 @@ +5 +Schritte zu einer systemisch begründeten +Sozialen Arbeit + +Soziale Arbeit ist die offizielle (formelle) Antwort der Gesellschaft auf +soziale Probleme. Ihre beiden Pole Angebot und Eingriff bzw. Hilfe +und Kontrolle1 führen zur Hinterfragung des in der Systemtherapie2 +gepflegten Mythos der Freiwilligkeit. Ihre Zielsetzungen sind +Emanzipation, Empowerment und Hilfe zur Selbsthilfe; sie geben der +Arbeit eine inhaltlich definierte Richtung der Entwicklung. +Im Sinne einer Ausweitung der Sozialen Arbeit zur systemischen +Sozialen Arbeit ist zunächst ihre Gegenstandsbeschreibung +erforderlich. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/282.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/282.md new file mode 100644 index 0000000..b5afc27 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/282.md @@ -0,0 +1,39 @@ +5.1 + +Die Beschreibung des Gegenstands der +Sozialen Arbeit + +Soziale Arbeit ist eine Handlungswissenschaft par excellence. Sie ist +im allgemeinsten Sinne die Antwort der Gesellschaft auf soziale +Probleme, die in ihrem Kontext entstanden sind und an deren +Entstehen sie als struktureller Organisator der Lebensverhältnisse +ihrer Mitglieder einen erheblichen Anteil hat. +Die an der Hochschule für Sozialwesen Esslingen vertretene +Gegenstandsbeschreibung der Sozialen Arbeit soll als Ausgangspunkt +meiner Überlegungen für die Konzeption einer systemischen Sozialen +Arbeit dienen. +„Es geht um die Handlungsfähigkeit von Menschen … in ihrer +Umwelt, also um die Entwicklung, Veränderung oder Verbesserung +von Fähigkeiten und Möglichkeiten zum Leben in der Gesellschaft, zur +Einflussnahme auf die eigenen Lebensbedingungen und den +ökologischen Umgang mit diesen. +Der Bereich der (noch) nicht entwickelten oder beschränkten +Handlungsfähigkeiten, auf welchen sich Soziale Arbeit bezieht, ist der +Bereich +sozialisationsbedingter, +bildungsbedingter, +materieller, +physischer, psychischer und/oder sozialstrukturell bedingter +Einschränkungen, die der Bewältigung des Alltags im Wege stehen. +Mit diesen Elementen soll die Abgrenzung zu ebenfalls auf +Handlungsfähigkeit bezogenen Wissenschaften ermöglicht werden. +Für Soziale Arbeit stehen nicht personenbedingte Fragen der +Handlungsfähigkeit im Vordergrund, sondern Fragen zur Vermittlung +zwischen Individuum und Lebenssituation (Alltagsbezug). Nicht +intrapsychische Vorgänge, sondern die Wechselseitigkeit von Person +und Lebenslage werden aufgegriffen. Der Handlungsbereich des +Berufes liegt zwischen individueller Lebensbewältigung und +gesellschaftlichen Prozessen … +Der Gegenstand ist weiter durch ein normatives Element zu +begrenzen. Handlungskompetenz und Einflussnahme soll die Chance +der politisch-gesellschaftlichen Partizipation und der individuell- diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/283.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/283.md new file mode 100644 index 0000000..37b07fe --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/283.md @@ -0,0 +1,40 @@ +biografischen Entwicklung eröffnen … Normative Orientierungspunkte +sind hier Menschen- und Grundrechte der Verfassung und +Staatszielbestimmungen +wie +Demokratie, +Sozialstaat +und +Rechtsstaat.“3 +Diese Gegenstandsbeschreibung steht im Einklang mit +Grundannahmen der im zweiten Kapitel entwickelten systemischen +Metatheorie. Im Mittelpunkt von Beobachtung, Beschreibung, Analyse +und Intervention steht nicht der einzelne Mensch, sondern der +Mensch als soziales Wesen, nicht seine Psychodynamik, sondern die +seinen sozialen Alltag strukturierenden Beziehungen zwischen ihm +und den sozialen Umwelten. +Wenn Soziale Arbeit ihren Blick auf das Subjekt richtet, fragt sie u. +a. nach seinen Bewältigungsmöglichkeiten bei Krisen, die immer als +soziale und damit als Beziehungskrisen verstanden werden. Die +Bewältigungsmöglichkeiten liegen in seinen inneren und äußeren +Ressourcen. +Zu den inneren Ressourcen gehören aus der Sicht der +Psychologie: +eine psychische Stabilität, die durch die Gewissheit des „Ich bin +ich“, die Zuversichtlichkeit hinsichtlich der eigenen Zukunft und +Coping-Strategien zur Bewältigung turbulenter psychischer +Situationen; +Kompetenzen des Rollenhandelns (siehe 3.2.2.1); +das Handeln im Kontext eines strukturellen, d. h. +situationsübergreifenden +Motivs +der +Erfolgserwartung +hinsichtlich des eigenen Verhaltens (siehe Heckhausen 1974a, +b); +die Erwartung, soziale Situationen im eigenen Interesse selbst +beeinflussen zu können (Strohschneider 1993); +die Planung und Zielorientierung des eigenen Handelns (von +der Weth u. Strohschneider 1993) +vernetztes bzw. zirkuläres Denken,4 das der Komplexität von +Handlungssituationen gerecht wird und mögliche Folgen von diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/284.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/284.md new file mode 100644 index 0000000..e5090cf --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/284.md @@ -0,0 +1,47 @@ +Einzelaktivitäten ständig mit dem angestrebten allgemeinen Ziel +vergleicht (Dörner 1989); +eine Fähigkeit, die doppelte Kontingenz sozialer Situationen +auszuhalten und kreativ zu nutzen; +die Rückbezüglichkeit des eigenen Verhaltens zu akzeptieren, d. +h., sich als Teil von Handlungskreisläufen zu verstehen und eine +ethisch begründete Verantwortung für die eigenen Beiträge zu +übernehmen. +Unter äußeren Ressourcen verstehe ich einerseits die sozialen +Unterstützungssysteme in der Familie, Freundschaften und +nachbarschaftliche Beziehungen im Gemeinwesen. Andererseits sind +damit die finanziellen und bildungsmäßigen Möglichkeiten der +Teilhabe +an +den +gesellschaftlichen +Konsumund +Dienstleistungsangeboten gemeint. +Soziale Arbeit als Antwort auf soziale Probleme ist +Krisenintervention und zugleich prophylaktische Bildungsarbeit. +Als Krisenintervention ist sie mit den eingeschränkten +Möglichkeiten +ihrer +Adressatinnen +zur +Alltagsbewältigung +konfrontiert. +Als Bildungsarbeit ist sie im Vorfeld sozialer Problemlagen +verortet. Dann geht es um die Bereitstellung äußerer Ressourcen, um +im Vorfeld von Problemlagen subjektive Bewältigungsmöglichkeiten +zu stärken und puffernde soziale Netze z. B. durch +Familienbildungsstätten, Jugendhäuser, Vereine, Volkshochschulen +und Jugendorganisationen und soziale Gruppenarbeit zu schaffen. +Aufträge für die Soziale Arbeit kommen aus verschiedenen +Bereichen; +ich +nenne +sie +primäre, +sekundäre, +tertiäre +Auftraggeberinnen. Sie werden unter 5.4.2.1 beschrieben. +Fazit: Diese Gegenstandbeschreibung zeigt, dass Soziale Arbeit in +ihrem Kern systemisch ist, auch wenn sie nicht so genannt wird. +Denn ihr Schwerpunkt ist die ganzheitliche Sicht der Person-UmweltBeziehung und ihre für die Alltagsbewältigung mehr oder weniger +hilfreiche Organisation. Ihre Interventionen richten sich auf die +Ausweitung und Differenzierung von Bewältigungsmöglichkeiten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/285.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/285.md new file mode 100644 index 0000000..54a2dfb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/285.md @@ -0,0 +1,6 @@ +durch die Erschließung von neuen oder bislang blockierten +Ressourcen. Ihre begriffliche Erweiterung ist deshalb nur konsequent. +Ihre bisher implizite systemische Perspektive kann dann mithilfe der +im zweiten Kapitel dargestellten systemischen Metatheorie zur +expliziten Grundlage einer systemischen Sozialen Arbeit gemacht +werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/286.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/286.md new file mode 100644 index 0000000..e230bcd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/286.md @@ -0,0 +1,9 @@ +5.2 + +Die aus der Gegenstandsbeschreibung +abgeleiteten Theoriebereiche der +Sozialen Arbeit + +Die aus dieser Gegenstandsbeschreibung abzuleitende Theoriebildung +der systemischen Sozialen Arbeit richtet sich auf die soziale Existenz +des Menschen, seine Entwicklungsmöglichkeiten und Gefährdungen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/287.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/287.md new file mode 100644 index 0000000..d4ca681 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/287.md @@ -0,0 +1,33 @@ +5.2.1 Lebenslagen und Handlungsspielräume + +Lebenslage ist ein zentraler Begriff in der Theoriebildung zur Sozialen +Arbeit (vgl. Böhnisch 1982). In meinem Verständnis bezeichnet er das +Zusammenspiel mehrerer für jede persönliche Existenz maßgeblicher +psychosozialer Strukturen, die den einzelnen Menschen mit seiner +sozialen Umwelt verbinden. Diese werden in zentralen +Lebensbereichen aufgrund unterschiedlicher sozialer Teilhabechancen +unterschiedlich genutzt und entwickelt. Solche psychosozialen +Strukturen sind: +Das Geschlecht unter der Gender-Perspektive. +Abschnitte des persönlichen Lebenszyklus wie Kindheit und +Jugend unter der Perspektive primärer und sekundärer +Sozialisation; das Lebensalter der Erwachsenen unter der +Perspektive tertiärer Sozialisation und Erwerbstätigkeit; das +Alter als Ruhestand, Zeit zunehmender körperlicher +Einschränkungen und letzter Lebensabschnitt. +Die unterschiedlichen privaten Lebensformen: Väter, Mütter und +Kinder im Kontext einer Kernfamilienkonstellation, eine Familie +mit allein erziehender Mutter bzw. allein erziehendem Vater +oder eine Stieffamilie oder die nicht an eine Familie gebundene +private Lebensform des Singles oder des Paares ohne Kinder. +Die Kombination dieser psychosozialen Strukturen markiert +spezifische Lebenslagen, z. B. werden Geschlecht, Abschnitt des +Lebenszyklus und eine spezifische Lebensform miteinander verknüpft. +Es entsteht dann z. B. die Lebenslage eines allein lebenden Mannes +ohne Bindungsprioritäten, einer allein erziehenden Mutter, die sich +sozial als Mutter und Frau orientieren muss, die Lebenslage einer +durch das Zusammenleben von Eltern und Kindern charakterisierten +Kernfamilie oder die Lebenslage Kindheit in einer Stieffamilie. Jede +Lebenslage ist mit vielfältigen Werten, Rollenanforderungen und +Entwicklungsaufgaben verbunden. Das beinhaltet Chancen und +Risiken für die Entwicklung der Beziehungssysteme und der in sie diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/288.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/288.md new file mode 100644 index 0000000..d26d04a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/288.md @@ -0,0 +1,48 @@ +verwobenen Personen. Die Lebenslage des allein lebenden Mannes +kann die Aufgabe beinhalten, für sich selbst sorgen zu lernen; die +Lebenslage der allein erziehenden Mutter erfordert die +Auseinandersetzung mit kulturellen Werten, Verhaltensanforderungen +und eigenen Vorstellungen hinsichtlich des Idealbildes einer guten +Mutter; in der Lebenslage Kernfamilie ist das Ausbalancieren von +Nähe und Distanz innerhalb und zwischen den Generationen von +Bedeutung. +Vier Handlungsspielräume stecken Böhnisch (1982) zufolge den +Rahmen für die persönliche Entwicklung in den verschiedenen +Lebenslagen ab: +Der Erwerbs- und Einkommensspielraum umfasst die Thematik +der Einkommenssicherung. Hier geht es um die Chancen der +Teilhabe an ökonomischen und kulturellen Anboten. Armut z. B. +beschneidet in einer Konsumgesellschaft drastisch die +psychosozialen, +d. +h. +auch +bildungsmäßigen +Entwicklungschancen +von +Erwachsenen, +Kindern +und +Jugendlichen (AWO 2000). +Der Kontakt- und Kooperationsspielraum verweist auf die +Vielfältigkeit oder Armut von sozialen Beziehungsmöglichkeiten. +Unter +seiner +Perspektive +fragen +wir +nach +einem +nachbarschaftlichen +Unterstützungssystem, +Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die auch soziale Kontakte für +die Mutter bzw. den Vater eröffnen, und kommunikativen +Kompetenzen. +Der Lern- und Erfahrungsspielraum bezieht sich auf kulturelle +Angebote hinsichtlich der persönlichen und beruflichen +Entwicklung sowie des psychosomatischen Wohlbefindens. +Wichtige Fragen heißen hier: „Welche Ausbildungschancen hat +ein Mensch?“, „Kann er sein persönliches Blickfeld durch +Bildungs- und Beratungsangebote erweitern?“, „Entspricht die +von ihm besuchte Bildungs- bzw. Ausbildungsstätte seinen +Begabungen und Neigungen?“, „Welche Teilhabemöglichkeiten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/289.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/289.md new file mode 100644 index 0000000..d868290 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/289.md @@ -0,0 +1,45 @@ +eröffnen sich ihm innerhalb des Gemeinwesens, des politischen +Systems und der Arbeitswelt bzw. seines Arbeitsplatzes?“ +Der Muße- und Regenerationsspielraum zeigt an, inwieweit die +Teilhabe +am +gesellschaftlichen +Konsumangebot +ein +ausreichendes Maß an Freizeit, Urlaub und besinnlichen +Stunden sichert. Auch die Möglichkeit, die eigene +psychosomatische +Spannkraft +über +Angebote +des +Gesundheitssektors zu erhalten, fällt in diesen Bereich. Hierzu +gehört auch die Gestaltung eines regenerationsund +entwicklungsfördernden Wohnumfeldes. +Diese Handlungsspielräume und damit die durch sie ins Spiel +kommenden Ressourcen können geringer oder weiter gefasst sein. +Soziale Arbeit hat es in vielen Fällen mit Auftraggeberinnen zu tun, +deren Handlungsoptionen sehr gering sind. Diese Begrenzung kann +einerseits in akuten Krisen entstehen, die durch problematische +Phasenübergange im persönlichen bzw. familiären Lebenszyklus und +schwer wiegende life events wie unvorhergesehene Arbeitslosigkeit, +Familienauflösung, Unfälle und überraschende Todesfälle entstehen. +Sie kann aber andererseits auch im Gefolge einer chronifizierten Krise +über einen langen Zeitraum hinweg aufgebaut werden. Chronifizierte +Krisen entstehen, wenn die Lösungsversuche für akute Krisen +kontraproduktiv sind, die Ressourcen für eine Krisenbewältigung nicht +ausreichen und neue nicht erschlossen werden konnten. Krisen +verleiten immer dazu, einzelne Personen des Gesamtsystems als +Problemfall zu definieren. Die systemische Perspektive ermöglicht in +Verbindung mit dem Lebenslagenkonzept ein Reframing. Die +betreffenden Personen werden jetzt als symptomzeigende +Repräsentantinnen +ihres +primären +sozialen +Bezugssystems +verstanden; sie können wegen mangelnder Handlungsspielräume in +den vier genannten Lebensbereichen zu wenig Ressourcen für die +Krisenbewältigung aktivieren. Weder die Familie als Mikrosystem noch +die mit ihr verbundenen Meso-, Exo- und Makrosysteme werden als +Verursacher benannt. Denn im systemischen Verständnis liegt hier diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/290.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/290.md new file mode 100644 index 0000000..712ef0d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/290.md @@ -0,0 +1,38 @@ +eine durch die Organisation aller Systeme bedingte Störung der +Austauschbeziehungen zwischen den Systemen vor. +Für die durch ein solches Konzept zu begründenden +Interventionen der Sozialen Arbeit ist die Zielsetzung eindeutig: +Erweiterung der Handlungsspielräume durch Ressourcenaktivierung +bzw. die Erschließung neuer Ressourcen. Auch das Subjekt als +Beziehungswesen und eigenes System hat seine Bedeutung für die +Handlungsfähigkeit des ganzen Systems. Systemische Soziale Arbeit +wird deshalb auch persönliche Wahrnehmungs-, Erinnerungs- und +Interpretationsprozesse in ihrer Bedeutung für die Handlungsfähigkeit +des ganzen Systems thematisieren. Hierfür nützliche Methoden +werden im sechsten Kapitel vorgestellt. +Lebenslagen haben sich historisch und auf der Basis der politischökonomischen Verhältnisse einer Gesellschaft entwickelt. Einerseits +werden sie vom spätkapitalistischen Interventionsstaat (Böhnisch +1982) durch seine Sozial-, Gesundheits- und Kulturpolitik beeinflusst, +womit diese die Chancen der Teilhabe an den gesellschaftlichen +Ressourcen definieren. Andererseits werden sie von den Menschen +nach Maßgabe ihrer wiederum durch Chancen der Teilhabe an den +gesellschaftlichen Ressourcen beeinflussten persönlichen und +familiären Ressourcen gestaltet. +Das +Lebenslagenkonzept +erfordert +eine +sozialpolitische +Orientierung der Sozialen Arbeit. Um enge Spielräume, geringe +Ressourcen, rigide Sprachspiele ihrer Auftraggeberinnen zu erweitern, +aufzulockern und zu verschieben, müssen auch die sozial-, +gesundheitsund +kulturpolitisch +beeinflussbaren +Rahmenbedingungen der vier genannten Lebensbereiche strukturell +verändert werden. +Sowohl die Lebensbereiche als auch ihre Rahmenbedingungen +sind widersprüchlich organisiert. Sozialpolitik, Gesundheitspolitik, +Bildungspolitik und Soziale Arbeit haben aus der Sicht des am +Systemerhalt orientierten staatlichen Handelns die Aufgabe, diese +Widersprüchlichkeit auszubalancieren. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/291.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/291.md new file mode 100644 index 0000000..7917931 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/291.md @@ -0,0 +1,21 @@ +Auf der Ebene der Sozialpolitik handelt es sich um den +Widerspruch zwischen dem Wunsch der Wirtschaft nach +möglichst niedrigen Kosten und den Interessen der Bürgerinnen +hinsichtlich guter Einkommensverhältnisse, Konsumchancen +und Mitspracherechte. Dem Staat fällt hier die Mittlerposition +zu: Einerseits benötigt er als demokratischer Staat eine +möglichst große Akzeptanz durch seine Bürgerinnen, +andererseits muss er den Profitinteressen der kapitalistischen +Ökonomie Rechnung tragen. Die von Müller-Armack und +Erhardt entwickelte und seit 1948 zur Grundlage der +westdeutschen Gesellschaft erhobene soziale Marktwirtschaft +(Ambrosius 1977) entspricht dieser Mittlerposition des Staates. +Auf der Ebene der Sozialen Arbeit geht es um den Widerspruch +zwischen Angebot und Eingriff. +Auf den Ebenen der Sozialisation und damit auch von Familien +als Auftraggeberinnen hinsichtlich der Sozialen Arbeit geht es +um den Widerspruch zwischen ökonomisch forciertem +Konsumbedürfnis und im Rahmen der Sozialisation gefordertem +Bedürfnisaufschub, zwischen individuellen Freiheitswünschen +und gesellschaftlich notwendigen Beschränkungen des +persönlichen Egoismus. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/292.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/292.md new file mode 100644 index 0000000..a43580c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/292.md @@ -0,0 +1,34 @@ +5.2.2 Alltag und Lebenswelt +Soziale Arbeit setzt am Alltag ihrer Auftraggeberinnen an. Alltag +meint die Sicherheit gebende Routine des immer Wiederkehrenden, +die Gewährleistung von Haushalt und Einkommen durch +familieninterne Beziehungs- und familienexterne Erwerbsarbeit, die +Gestaltung der Wohnung, die Sicherstellung der Ernährung und die +Logik des Sich-irgendwie-Durchwurschtelns. „Gelingender Alltag“ +(Thiersch 1992) benötigt deshalb eine Vielzahl von Kompetenzen – +miteinander sprechen, sich lieben und sich streiten, arbeitsteilig und +kooperativ handeln, einerseits planen und ordnen und sich +andererseits flexibel in unvorhersehbaren Situationen bewegen +können, Langeweile aus- und das Interesse am Nichtalltäglichen +erhalten. Ein gelingender Alltag erfordert auch den Unterschied zum +Alltäglichen. Das Außergewöhnliche – Feste, Spontaneität, +Glücksgefühle und die Highlights des Beziehungslebens – wirkt +langfristig, wenn es im Alltag vorbereitet bzw. angestrebt wird und +danach in ihn zurückkehren kann. Mit dem Konzept des gelungenen +Alltags tritt Soziale Arbeit zumindest theoretisch aus dem Feld der +Zuweisung von Pathologie, Anormalität und Verrücktheit heraus. +Problematische Verhaltensweisen werden nicht mehr aus dem Alltag +verbannt und jenseits von ihm angelegten Sonderbereichen +zugewiesen. Sie sollen sich im Alltag zeigen dürfen und auch in ihm +bewältigt werden. Hier setzt Soziale Arbeit an: Sie nutzt die von ihr +und anderen Professionen entwickelten Methoden, um in Krisen +befindliche Systeme bei der (Rück-)Gewinnung ihrer zur +Alltagsbewältigung notwendigen Kompetenzen zu unterstützen. Dabei +richtet sie sich im Sinne der Ressourcenorientierung primär an dem +aus, was ihre Auftraggeberinnen schon können, und erst sekundär an +dem, was fehlt. +Ein so verstandener Alltagsbegriff vermeidet den Rückzug in den +wissenschaftlichen Elfenbeinturm wie auch die theoretische +Anpassung an das, was so ist und sich nicht ändern lässt.5 Er fördert +nicht den „Rückzug ins Überschaubare, Enge, die Bestätigung dessen, +was sowieso schon passiert, oft einhergehend mit einer gleichsam diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/293.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/293.md new file mode 100644 index 0000000..5fbe0cd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/293.md @@ -0,0 +1,32 @@ +behaglichen Selbstzufriedenheit“ (Thiersch 1992, S. 42). Er ist ein +sozialkritischer und praktischer Begriff. Bei allem kritischen Gehalt +nimmt er die täglichen Sorgen und Nöte der Menschen ernst; er +fordert neben strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen auch +praktische Hilfen in aktuellen Krisensituationen. Was von dem +Gegenpol des Alltagsbewusstseins, der Wissenschaft, punktuell in den +Alltag eintreten sollte, ist das Interesse an distanzierter Reflexion, +Kritik, Begründung und Transparenz der Intentionen, Motive, +Methoden und Ziele. Mit dem Konzept der Metakommunikation bietet +die systemische Kommunikationstheorie eine Brücke zwischen dem +Bereich wissenschaftlicher Reflexionslogik und dem alltäglichen +kommunikativen Handeln (Watzlawick et al. 1972; Schultz von Thun +1984). Metakommunikation meint hier das bewusste Innehalten im +Fluss der alltäglichen Kommunikation und die Überprüfung ihrer +Regeln, Muster und Inhalte im Dialog der an ihr Beteiligten. + +Lebenswelt als Komplementärbegriff zum Alltag stellt sich immer aus +der Perspektive eines „kommunikativ handelnden Subjekts“6 her und +ist von diesem nicht zu trennen. Sie besteht aus gegenwärtigen und +vergangenen sozialen Situationen, in denen kognitiv-affektive +Erinnerungsbilder, Werte, Normen und Regeln ausgebildet wurden. +Vor ihrem Hintergrund bildet die betreffende Person Erwartungen +hinsichtlich zukünftiger Situationen. +Im Begriff der Lebenswelt vernetzen sich jenseits aller +philosophisch-phänomenologischen Diskussionen (hierzu Lippitz +1992) acht Komponenten zu einem Gerüst sozialer Situationen. +Lebenswelt verbindet aktuelle, d. h. im Vordergrund stehende +soziale Situationen mit den ihren Hintergrund bildenden +vergangenen und in der Zukunft als möglich eingeschätzten +sozialen Situationen. Die gerade bestehende Situation tritt nach +ihrer Beendigung in den Hintergrund zugunsten einer neuen im +Horizont der Lebenswelt herausgebildeten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/294.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/294.md new file mode 100644 index 0000000..b10f22e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/294.md @@ -0,0 +1,37 @@ +In der Lebenswelt sind die Orte des Alltagshandelns zu einem +räumlichen Netzwerk verknüpft. Sie können schnell, leicht und +ohne besondere Vorbereitungen bzw. Erlaubnisprozeduren +erreicht, genutzt und gestaltet werden. Solche Orte des +Alltagshandelns sind z. B. das Wohnquartier, die eigene +Wohnung, Wohnungen von Freundinnen, Verwandten, +Partnerinnen und befreundeten Familien; Büro und Fabrik als +Arbeitsplatz; +Versammlungslokale, +Plätze, +Straßen, +Verkehrsmittel; das Schwimmbad, die Turnhalle, das Theater +und andere kommunale Einrichtungen. +Das subjektive Handeln in der Lebenswelt ist leibliches Handeln. +Das die Selbstverständlichkeit der eigenen Existenz sichernde +und in den alltäglichen sozialen Situationen gewonnene Gefühl +des ICH BIN ist körperlich verankert. Sage ich ICH, erlebe ich +mich in meinem Körper innerhalb der durch die Haut gebildeten +Grenze zu meiner Umwelt. +Über diese räumliche Komponente hinaus stellt sich Lebenswelt +auch zeitlich her: Durch die Erinnerung an selbst gelebte soziale +Situationen und die aus ihnen abgeleiteten Normen, Regeln und +Werte bildet die kommunikativ handelnde Person eine +Vorstellung von Normalität und Alltäglichkeit, die eine bruchlose +Weiterführung der gegenwärtigen Lebenssituation in der +Zukunft erwarten lässt. Diese Erwartung kann trügen; dann +entsteht eine Krise zwischen dem betreffenden Menschen und +seiner Umwelt. +Als fünfter Aspekt ist die Selbstverständlichkeit des alltäglichen +Handelns zu nennen: Alltagshandeln wird normalerweise erst zu +einem Thema der Reflexion, wenn es Probleme, Spannungen, +Konflikte, Frustrationen erzeugt. In einem solchen Fall verliert +die aktuelle soziale Situation und über sie die gesamte +Lebenswelt ihre Unmittelbarkeit und Selbstverständlichkeit. +Dann werden die Lebenswelt und der Lebensentwurf des +Menschen thematisiert und zum Gegenstand von Kritik und +Veränderungsideen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/295.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/295.md new file mode 100644 index 0000000..7bbd2d5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/295.md @@ -0,0 +1,45 @@ +Habermas betont, dass den Menschen in ihrer Lebenswelt ein +„Vorrat“ +an +Wissen, +Werten +und +Deutungsmustern +gegenübertritt, der in ihrer Kultur von Generation zu Generation +tradiert, verändert und weiterentwickelt wird. Deutungsmuster +sind vor allem im Bereich der Kommunikation wichtig, denn +ausgehend von ihnen schaffen sich die Menschen ihre +subjektiven Bedeutungszuweisungen für das eigene Denken, +Fühlen und Handeln und das der sozialen anderen. Im Kontext +ihrer +Lebenswelt +sind +die +Menschen +an +diesem +Entwicklungsprozess beteiligt. Sie werden in einem kulturellen +Kontext sozialisiert, übernehmen dessen Angebote und +verändern sie im Prozess der Übernahme für sich selbst. Dieser +Übernahmeprozess ist zugleich ein Austauschprozess. +Menschen übereignen ihrer Lebenswelt die von ihnen +entwickelten kognitiv-affektiven Schemata in symbolischen und +symbolisch-materiellen Formen.7 Dadurch werden sie Teil des +kulturellen Prozesses. Dort präsentieren sie sich wiederum als +Angebote für die einzelnen Lebenswelten und die in ihnen +sozialisierten und kommunikativ handelnden Menschen. In +diesem Sinne lassen sich die beschriebenen Austauschprozesse +als fortdauernde zirkuläre Prozesse zwischen Kultur, +Lebenswelten und Personen modellieren.8 +Habermas führt auch die Unterscheidung zwischen Lebenswelt +und System ein. Die Lebenswelt ist der Raum des alltäglichen +Handelns, der Unmittelbarkeit und der konkreten sozialen +Kontakte. In ihr kann sich eine Person als kompetent erleben, +soziale Situationen in ihrem Sinne interaktiv zu beeinflussen und +zu gestalten. Das gegenteilige Gefühl der sozialen Ohnmacht +wurde in der klinischen Psychologie als „erlernte Hilflosigkeit“ +beschrieben (Seligman 1983) und zeigt eine Störung dieser +kommunikativen Selbstverständlichkeit an. Unter dem +Gesichtspunkt des Systems erweist sich dieses Gefühl eines +eigenen sozialen Einflusses als notwendige Fiktion. Notwendig +deshalb, weil sie zu einem Gefühl existenzieller Sicherheit und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/296.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/296.md new file mode 100644 index 0000000..f6da617 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/296.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Geborgenheit in der Welt führt, das die eigene +Handlungsfähigkeit sichert. Mit System bezeichnet Habermas +den abstrakt bleibenden Bereich funktionaler Zusammenhänge, +der nur über distanzierte Beobachtungen, quasi aus der +Vogelperspektive, begriffen werden kann. Hier geht es nicht um +das subjektiv erlebte Handeln, sondern um die Einordnung +dieses Handelns in den größeren Zusammenhang einer +gesellschaftlichen Organisation. Aus deren Sicht ist das +subjektive Handeln abhängig von den sozialen Rollen-, +Funktions- und Statuszuweisungen und dient der Stabilität des +Systems. Im System geht es um Rationalität und +Zweckbestimmung, in der Lebenswelt um kommunikative +Verständigung.9 +„Die Handlungssituation bildet für die Beteiligten jeweils das +Zentrum ihrer Lebenswelt; sie hat einen beweglichen Horizont, +weil sie auf die Komplexität der Lebenswelt verweist. In +gewisser +Weise +ist +die +Lebenswelt, +der +die +Kommunikationsteilnehmer angehören, stets präsent; doch nur +so, dass sie den Hintergrund für eine aktuelle Szene bildet. +Sobald ein solcher Verweisungszusammenhang in eine Situation +einbezogen, zum Bestandteil einer Situation wird, verliert er +seine Trivialität und fraglose Solidität“ (Habermas 1988, Bd. 2, +S. 188; Hervorh. im Orig.). +Die je eigene Lebenswelt zeigt sich in dem vertrauten Feld alltäglicher +kommunikativer Handlungen und deren selbstverständlicher +Sinnhaftigkeit. Die systemische Soziale Arbeit ist immer dann +gefordert, wenn die Handlungsfähigkeit von Menschen und ihrer +Bezugssysteme gestützt und entwickelt werden muss, weil +Vertrautheit und Selbstverständlichkeit zerbrochen sind. Die dann +notwendige Selbstthematisierung und Metakommunikation bedarf +eines Anstoßes und der Unterstützung von außen; das ist die +Funktion der Sozialen Arbeit. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/297.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/297.md new file mode 100644 index 0000000..cb70415 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/297.md @@ -0,0 +1,43 @@ +5.2.3 Soziale Netzwerke +Mit dem Begriff „soziale Netzwerke“ wird eine gleichbedeutende +Metapher für das Konzept der „sozialen Systeme“ eingeführt. Die +Beziehungen werden in diesem Wortbild als die Fäden eines Netzes, +die Menschen und Institutionen als seine Knoten versinnbildlicht. +Nachbarschaft, Freundschaften, Bürgerinneninitiativen, aber auch +Kliniken, +Beratungseinrichtungen +einer +Gemeinde, +betreute +Altenwohnungen usw. lassen sich mit diesem Bild fassen. +Entscheidend für die begriffliche Einfassung sozialer Gruppen als +Netzwerke ist die Idee der Selbstorganisation und Überschaubarkeit +lokaler, kleinräumiger Beziehungssysteme, in die Menschen +eingebunden sind. Soziale Netzwerke sind Teil der Lebenswelt, sie +sind das Feld des alltäglichen Handelns und lassen sich als das +Grundmuster der Beziehungen im Gemeinwesen verstehen. +Die Popularität des Netzwerkkonzeptes verdankt sich seiner +Verbindung mit der in den Sechziger- und Siebzigerjahren +entwickelten gesellschaftlichen Utopie der kleinen, überschaubaren, +sich selbst regulierenden Gruppen, in denen die Menschen ihren +Alltag und darin ihre gegenseitige Unterstützung solidarisch +organisieren; den Ansprüchen einer zentralistisch und hierarchisch +gegliederten Gesellschaft wurde die Idee der „Selbstverwaltung“ +entgegensetzt (Keupp 1987). +Soziale Arbeit soll sich auf die diese Netzwerke richten, die in +ihnen +agierenden +Menschen +zur +Selbstorganisation +und +Selbstverwaltung befähigen und – wo nötig – die Entwicklung neuer +Netzwerke in Gang setzen. Beispielhaft hierfür waren die Ideen der +demokratischen Psychiatrie, die, von Italien ausgehend (siehe +Basaglia 1973; Zehentbauer et al. 1987), in Deutschland einsickerten +und seit der Psychiatrieenquete von 1975 zur Etablierung der +Sozialpsychiatrie führten. Um Chronifizierungen zu verhindern bzw. +aufzulösen, sollten die langjährigen psychiatrischen Patientinnen das +künstliche und autoritär strukturierte Netzwerk der psychiatrischen +Klinik verlassen und sich in neu zu schaffenden kleinen Netzen wie +Wohngemeinschaften, Tagesstätten, Treffpunkten, Arbeits- und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/298.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/298.md new file mode 100644 index 0000000..dc7c4c5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/298.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Freizeitgruppen zusammenfinden. Das Ziel war es, dass die langjährig +hospitalisierten Menschen die Selbstverantwortung für ihr Leben +zurückgewinnen und es nach eigenen Interessen gestalten können, +anstatt sich der Ordnung einer „totalen Institution“ (Goffman 1973) +zu unterwerfen. +Netzwerke können formal sein, dann werden sie im +Zusammenspiel von Fachkräften und interessierten Bürgerinnen +organisiert, sind juristischen Regularien unterworfen und werden +durch die öffentliche Hand unterhalten oder subventioniert. +Ein gemeindepsychiatrischer Verbund mit Sozialpsychiatrischem +Dienst, Wohngruppen, betreutem Einzel- und Paarwohnen, +Tagestätte, „Werkstatt für psychisch Kranke“, Tagesklinik und +ärztlichen Praxen wäre ein solches formales Netz. Informelle +Netzwerke entwickeln sich als Formen alltäglicher Kommunikation +und gegenseitiger Unterstützung „jenseits von Markt und Staat“ (Olk +u. Heinze nach Keupp 1987, S. 165). Sie sind strukturell oft weniger +verankert und diskontinuierlich; ihre Existenz und Lebensfähigkeit +hängt am unmittelbaren Engagement der in ihnen sich selbst +organisierenden Menschen. Ein Beispiel hierfür sind die Bewegungen +der Angehörigen „psychisch Kranker“, der Psychiatrieerfahrenen und +der in diesem Kontext entstandenen Selbsthilfegruppen. +Netzwerke haben die Funktion der Unterstützung, des Schutzes, +der Bewältigung von Krisen und der Kontrolle. Wir sind gewohnt, vor +allem auf die ersten drei Gesichtspunkte zu blicken und den +manchmal auch hilfreichen Kontrollaspekt zu vergessen. Ein Beispiel +dafür wäre die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker (AA), in +der die gegenseitige Kontrolle der Gruppenmitglieder hinsichtlich +einer Rückfallgefährdung Teil des von allen akzeptierten Konzepts ist. +Hinsichtlich der Unterstützungs- und Krisenbewältigungsfunktion +sozialer Netzwerke gibt es einige empirische Befunde. +„(1) Affektive Unterstützung: N.e (= Netzwerke; W. R.), in denen +sich die meisten Mitglieder untereinander kennen (hohe Dichte), +ähnliche soziale Attribute haben (hohe Homogenität) und nahe +beieinanderleben (geringe Dispersion), vermitteln am ehesten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/299.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/299.md new file mode 100644 index 0000000..88fd38b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/299.md @@ -0,0 +1,26 @@ +hohe +emotionale +Unterstützung. +(2) +Instrumentelle +Unterstützung: Die Bereitstellung von praktischer Hilfe und +Dienstleistung im Alltag oder Notfallsituationen verbessert sich +mit der Größe und Dichte des N. (3) Kognitive Unterstützung: +N.e, in denen Mitglieder durch schwache Bindungen (geringe +Intensität) verknüpft sind, die Verbindung zu anderen N.en +herstellen und in denen es unterschiedliche Typen von +Mitgliedern gibt (geringe Homogenität), vermitteln am ehesten +verschiedenartige +und +neue +Informationen. +(4) +Aufrechterhaltung der sozialen Identität: N.e, die durch geringe +Größe, hohe Dichte, starke Bindungen, geringe Dispersion und +hohe Homogenität gekennzeichnet sind, ermöglichen eher die +Bindung und Aufrechterhaltung eines Identitätsmusters, das +relativ einfach strukturiert ist und über die Zeit stabil bleibt … (5) +Vermittlung sozialer Kontakte: N.e, die schwache Bindungen +enthalten und dadurch Verbindungen zu anderen N.en eröffnen +und herstellen, vermitteln am ehesten Zugang zu neuen sozialen +Kontakten“ (Keupp 1988a, S. 701). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/300.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/300.md new file mode 100644 index 0000000..4d046c8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/300.md @@ -0,0 +1,31 @@ +5.2.4 Integration statt Ausgrenzung +Systemisches Denken ist ökologisches Denken (siehe 2.2), +systemische Sozialarbeit ist zugleich ökologische Sozialarbeit (vgl. +Wendt 1990). Die ökologische Betrachtung der Welt macht zwar +Grenzen sichtbar, weist aber auch auf die direkten oder indirekten +Austauschbeziehungen zwischen allen Systemen unseres Globus hin, +die sie zu einem universellen „Lebensnetz“ (Capra 1996) verknüpfen. +Mit dieser Perspektive ist die Ausgrenzung von spezifischen +Bevölkerungsgruppen aufgrund kultureller Merkmale unvereinbar. +Soziale Arbeit hat die Aufgabe, Ausgrenzung entgegenzuwirken, von +der gerade ihre Adressatinnen besonders bedroht sind. Integration +erfordert zugleich, die Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen, +Menschen, Subkulturen und spezifischen Lebenswelten zu erhalten +und +zu +fördern. +Denn +sie +kommen +letztlich +dem +gesamtgesellschaftlichen System als Entwicklungsimpulse zugute. Die +Lebenslage eines allein erziehenden Elternteiles z. B. erfordert in +vielen Fällen eine Ganztageseinrichtung. Diese kommt aber auch den +Müttern und Vätern der klassischen Zweielternfamilien zugute, die +dadurch in ihrer beruflichen Entfaltung unterstützt werden. Oder: Die +einzelnen ethnischen Gruppen einer multikulturellen Gesellschaft +pflegen weiterhin intensive kommunikative Beziehungen zu ihren +Herkunftsländern. Das fördert auch den wirtschaftlichen, kulturellen +und wissenschaftlichen Austausch, der im Zuge der Globalisierung +unumgänglich ist. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/301.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/301.md new file mode 100644 index 0000000..8ef09fa --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/301.md @@ -0,0 +1,43 @@ +5.2.5 Soziale Probleme, Problemlagen und auf sie bezogene +Interventionsstrategien +Soziale Arbeit hat es in den meisten Arbeitsfeldern mit Problemen zu +tun. Für die Systemtherapie trifft das in noch größerem Maße zu. Das +kann den Blickwinkel im Sinne einer Defizitorientierung einschränken +und verführt die Helferinnen dazu, Hilfeangebote mit den Defiziten +und nicht den Entwicklungschancen des nachfragenden Systems zu +begründen. Nur mit einer konsequenten Ressourcenorientierung kann +die systemische Soziale Arbeit dieser Verführung widerstehen. +Staub-Bernasconi (1994, S. 14 ff.) hat vier unterschiedliche +Problemlagen benannt. Ich verbinde jede von ihnen mit den zu ihnen +passenden, von Lüssi herausgearbeiteten Handlungsformen der +Sozialen Arbeit.10 + +Ausstattungsprobleme: In diesem Fall sind keine ausreichenden +Zugänge zu den gesundheitsfördernden materiellen und +kommunikativen Ressourcen der Gesellschaft vorhanden. +Gesundheit ist als körperliches, psychisches und geistiges +Wohlbefinden zu verstehen, das zugleich Voraussetzung und +Resultat +eines +gelingenden +Alltags +ist. +Zu +dieser +Problemkategorie gehört vordringlich die Problemlage Armut. +Die entsprechende Handlungsform der Sozialen Arbeit ist die +„Beschaffung“: „Von ‚Beschaffung‘ sprechen wir da, wo der +Sozialarbeiter einer Person oder Personengruppe (z. B. einer +Familie) Geld, eine Sache, Arbeit, Ausbildung oder irgendeine +Dienstleistung verschafft. Er kompensiert damit ein soziales +Defizit, und zwar eines, das sich auf die Bedürfnisobjekte +Unterkunft, Nahrung, Gebrauchsdinge, Geld, Erwerbsarbeit +oder Betreuung bezieht“ (ebd., S. 443). Im Sinne einer +systemischen Sozialen Arbeit gilt es, bei der „Beschaffung“ die +Doppelperspektive +von +Inhaltsund +Beziehungsaspekt +(Watzlawick et al. 1972) und die mit materiellen Werten +verbundene Beziehungssymbolik (Goldbrunner 1991) zu +beachten. Ein Angebot an materiellen Hilfen ist eben nicht nur diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/302.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/302.md new file mode 100644 index 0000000..09ff1de --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/302.md @@ -0,0 +1,34 @@ +ein inhaltliches Angebot, sondern es enthält eine +Beziehungsbotschaft der Sozialarbeiterin, z. B. „Ich will dir um +jeden Preis helfen“ oder „Ich bin die Kontrolleurin deines +Wirtschaftsgebarens“. Entscheidend ist aber nicht die Botschaft, +sondern deren Wahrnehmung und Beantwortung durch die +Auftraggeberinnen. Auch das Einfordern dieser materiellen +Werte durch die unterprivilegierten Adressatinnen der Sozialen +Arbeit ist in eine Beziehungsbotschaft eingebettet, z. B. „Ich +schäme mich vor dir oder meinen Nachbarn wegen des +Sozialhilfebezuges“ oder „Sorge du für mich, mir ist das zu viel“. +Auch ein innerfamiliärer Streit um das Geld (vgl. Drechsler +2002) oder der Wunsch nach einer Veränderung der +Wohnsituation eine wichtige Beziehungsbotschaft enthalten. Im +ersten Fall kann der Streit der Ausdruck eines Machtkampfes +sein, im zweiten Fall kann der Wunsch nach einem eigenen +Zimmer auch heißen: „Ich will mehr Distanz zwischen dir und +mir.“ +Austauschprobleme: „Ausgangspunkt dieser Probleme ist die +bereits mehrfach erwähnte Tatsache, dass Menschen zur +Befriedigung ihrer Bedürfnisse und Wünsche in Bezug auf +Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bildung, physische und soziale +Sicherheit, medizinische Versorgung, aber auch in Bezug auf +alle weiteren psychischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse +existentiell auf andere Menschen und deshalb auf +Austauschbeziehungen angewiesen sind“ (Staub-Bernasconi +1994, S. 20). Es geht um einen gerechten Austausch innerhalb +von personalen und strukturell-gesellschaftlichen Beziehungen. +Wo die Gegenseitigkeit im Austauschprozess fundamental +verletzt wird, entsteht Ungleichheit – Staub-Bernasconi nennt +das „Asymmetrien des Gebens und Nehmens“. Die daraus +entstehende gegenseitige Verletzung und Entwertung hat aller +Voraussicht nach sehr negative Folgen für die weitere +Beziehung und das Selbstwertgefühl der Beteiligten. Eine +diesem Bereich zuzuordnende Problemlage ist die „soziale diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/303.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/303.md new file mode 100644 index 0000000..81622f5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/303.md @@ -0,0 +1,47 @@ +Isolation“. Entsprechende Handlungsformen sind Beratung, +Verhandlung oder Betreuung. „In der sozialarbeiterischen +Beratung bespricht der Sozialarbeiter mit einem oder mehreren +Problembeteiligten das Problem und seine Lösung“ (Lüssi 1992, +S. 393). In der Beratung können fehlgeschlagene +Kontaktversuche +durchgesprochen +und +alternative +Verhaltensweisen im Rollenspiel geübt werden. Betreuung ist +beschreibbar als langfristige Begleitung und Unterstützung bei +chronifizierten Problemen, z. B. im Rahmen eines +psychiatrischen +Wohnheimes +oder +einer +stationären +Jugendhilfeeinrichtung. Hier könnte der sozialen Isolation durch +Hausbesuche oder das Leben in einer Wohngruppe begegnet +werden. Systemische Soziale Arbeit wird in allen Fällen +versuchen, die sozialen Bezugssysteme ihrer Adressatinnen +bzw. Auftraggeberinnen in ihre Arbeit einzubeziehen – sofern +sie vorhanden sind.11 +Machtprobleme: Macht hat als Begrenzungsmacht eine positive +soziale Funktion, weil sie Menschen mit Ausstattungs- und +Austauschproblemen vor Übergriffen der in dieser Hinsicht +privilegierten sozialen anderen und Organisationen schützt. Als +Behinderungsmacht sichert sie hingegen diese schon +privilegierten Personen und Organisationen bei ihrer Expansion. +Unter Behinderungsmacht fallen nach meinem Verständnis auch +die Dominanzgebaren in sozialen Beziehungen, die mit +Einschüchterung, Bedrohung oder offener Feindseligkeit +einhergehen. Vor dem Hintergrund des Auftrags Sozialer +Arbeit12 ist das sozial schädlich, und Soziale Arbeit hat hier eine +kompensatorische Aufgabe. Eine diesem Problemtypus +zuzuordnende Problemlage ist die sich meistens gegen Frauen +und Kinder richtende körperliche bzw. sexuelle Gewalt in +Familien und öffentlichen Räumen. Die hier günstigen +Handlungsformen der Sozialen Arbeit sind Beratung, +Verhandlung und Intervention. „Der Sozialarbeiter greift dabei +zum +Schutze +des +gefährdeten +Menschen +in +den diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/304.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/304.md new file mode 100644 index 0000000..e88ae90 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/304.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Problemzusammenhang ein, indem er rechtliche oder faktische +Maßnahmen, welche die Schädigung verhindern, trifft oder den +Interventionsadressaten (den Tätern; W. R.) solche Maßnahmen +explizit oder implizit androht“ (Lüssi 1992, S. 415). Systemische +Soziale Arbeit wird notwendige Zwangsmaßnahmen immer auch +aus einem system- bzw. familiendynamischen Blickwinkel +heraus betrachten. Sie wird das eventuelle Schweigen des +Opfers, seine destruktive Bindung an den Täter und die lautlose +Unterstützung anderer Opfer in der Familie mithilfe der +„unsichtbaren Loyalitäten“ (Boszormenyi-Nagy u. Spark 19981) +erklären und diese bei allen Zwangsmaßnahmen in Rechnung +stellen. Die Heimunterbringung eines misshandelten Kindes +nutzt nichts, wenn es zugleich zu Hause die Beschützerrolle für +einen Elternteil oder die Geschwister übernommen hat. Wenn +es zu Hause gebraucht wird, wird es aus dem Heim entweichen +oder seine Entlassung durch extrem auffälliges Verhalten +erzwingen. +Kriterienprobleme: Hier geht es u. a. um die Fragen „Was ist +ethisch vertretbar?“, „Was verstehen wir unter einer +menschenfreundlichen Gesellschaft?“, „Welche Entwicklung soll +eine Gesellschaft nehmen?“. Kriterienprobleme entstehen aus +dem menschlichen Grundbedürfnis, sich Werte zu setzen, über +das Bestehende hinauszugehen und bessere Welten zu +antizipieren. Dies hat Ernst Bloch in Das Prinzip Hoffnung +eindrücklich beschrieben (Bloch 1973). Die Diskrepanz zwischen +dem, was ist, und dem, was sein sollte, ist aber nicht nur ein +Motor für Veränderung, sondern auch Quelle von Frustrationen, +Kränkungen, Ängsten. Unterschiedliche Auffassungen über die +gegenwärtigen Zustände und zukünftig bessere Zeiten erzeugen +Konflikte bzw. Machtkämpfe. Werte werden im Namen +„besserer Werte“ entwertet. Ein Konflikt im Feld kultureller +Werte ist zugleich auch ein Selbstwertkonflikt der betroffenen +Menschen. Eine in diesem Zusammenhang wichtige +Problemlage ist die Drogenabhängigkeit. Die entsprechenden diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/305.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/305.md new file mode 100644 index 0000000..908325d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/305.md @@ -0,0 +1,32 @@ +professionellen Fragen heißen hier: „Was wird als Droge +definiert, was als Sucht?“, „Favorisiert man eine akzeptierende +oder eine prohibitive Drogenarbeit?“, „Inwieweit muss Soziale +Arbeit Abhängigkeiten als Folge einer konsumsüchtigen +Gesellschaft verstehen und sich deshalb politisch engagieren?“ +Die hier ansetzenden Handlungsformen der Sozialen Arbeit sind +Beratung, Verhand lung, und Betreuung. Hier ist es wichtig, die +einzelnen Systemebenen im Auge zu behalten, um makro-, +exo-, meso- und mikrosystemisch intervenieren zu können. +Der Vorteil der Sozialen Arbeit als der gesellschaftlichen und +formellen Antwort auf soziale Probleme liegt in der Weite des +Betrachtungsfeldes. Die Probleme der Auftraggeberinnen werden +schon zu Beginn des Unterstützungsprozesses als soziale verstanden, +die durch infrastrukturelle Maßnahmen der Gesellschaft und +Sachhilfen gelöst, zumindest begrenzt werden können. Überpointiert +und plakativ ausgedrückt: statt individueller Regression in der +Spieltherapie eine Tagesgruppe zum Erwerb sozialer Kompetenzen, +statt Familiengesprächen in der Beratungsstelle eine vor Ort präsente +sozialpädagogische +Familienhelferin +oder +aufsuchende +Familientherapie, statt Fragen nach der Bedeutung diffuser Grenzen +in der Familie die Suche nach einer größeren Wohnung, wo jedes +Familienmitglied sein Zimmer hat und die Tür hinter sich schließen +kann. Aber genau dieser Vorteil gerinnt zum Nachteil, wenn +sozialarbeiterische +Unterstützungsangebote +nicht +die +Beziehungssymbolik als eine andere Seite der materiellen Problematik +in Rechnung stellen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/306.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/306.md new file mode 100644 index 0000000..6e5e0a7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/306.md @@ -0,0 +1,42 @@ +5.2.6 Ressourcen, Coping-Strategien, Partizipation und +Empowerment +Ressourcenorientierung ist sowohl in der Systemtherapie als auch in +der Sozialen Arbeit eine essenzielle Bestimmung. Unter Ressourcen +verstehen wir psychische, materielle und sozialkommunikative +Quellen, auf die bei einer erfolgreichen Bewältigung von +Handlungsanforderungen zurückgegriffen werden kann. Die zugrunde +liegende Idee spricht allen Menschen die Fähigkeit zu, ihren Alltag +mittels Coping-Strategien (Bewältigungsstrategien) selbst zu +bewältigen, wenn entsprechende Ressourcen vorhanden sind bzw. +gefundenen werden können. +Coping-Strategien werden psychologisch als persönliche kognitivaffektive Kompetenzen definiert, die psychische, handwerkliche und +kommunikative +Problemlösungen +in +bedeutsamen +Anforderungssituationen ermöglichen. Ciompi hat den psychischen +Coping-Strategien im Rahmen seines Vulnerabilitätmodells der +Schizophrenie eine zentrale Bedeutung für die Bewältigung +psychosozialer Stresssituationen zugemessen (Ciompi 1982, 1985). +Schultz von Thun hat eine Vielzahl persönlicher und kommunikativer +Coping-Muster für prekäre Beziehungssituationen dargestellt (Schultz +von Thun 1994, 1998). +Was unter einer pathologisierenden Perspektive als Symptomatik +definiert wird, die einen Mangel repräsentiert, erweist sich bei einer +gegenteiligen Einstellung oft als letzte Möglichkeit, die +Funktionsfähigkeit des Systems im Alltag zu sichern. In dieser +Sichtweise, welche die erste Variante nicht als falsch zurückweist, +sondern nur eine andere Blickrichtung und dadurch ein Reframing +des Symptoms vorschlägt, erhält z. B. die den Sohn am Schulbesuch +hindernde Schulangst ihren Sinn als Unterstützung für den sonst +allein +zurückbleibenden +Vater. +In +der +Logik +der +Ressourcenorientierung erweist sich die Loyalität des Sohnes als +systemstabilisierende Ressource, und das Fallbeispiel der Familie +Beierle im ersten Kapitels zeigt, dass eine nur die individuelle +Symptombeseitigung anstrebende Intervention scheitern wird. Denn diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/307.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/307.md new file mode 100644 index 0000000..82dd2fc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/307.md @@ -0,0 +1,44 @@ +ohne die Änderung der familiären Muster bleibt das Symptom +weiterhin sinnvoll und kann nicht aufgegeben werden. +Änderungsversuche müssen die Familienloyalität wertschätzen und +Ressourcen +ausfindig +machen, +die +weniger +drastische +Stabilisierungsversuche erfordern. Im oben genannten Fallbeispiel +war das die Kontaktaufnahme im Dreieck Mutter – Vater – Sohn. +Psychische und sozialkommunikative Ressourcen können materielle +Ressourcen nicht ersetzen. Dennoch kann eine die materiellen +Kontexte des vergesellschafteten Menschen berücksichtigende +konstruktivistische Sichtweise Ressourcen an bisher unbeachteten +Orten des Alltags und der Lebenswelt entdecken. „Systemisches +Denken löst keine ‚Ausstattungsprobleme‘ … Es kann dem jeweiligen +System nur helfen, diejenigen Ressourcen zu nutzen, die irgendwie +auch auffindbar sind. Das aber sind, geht man mit einer systemischkonstruktivistischen Optik bei Patienten und Angehörigen, aber auch +in professionellen Teams auf die Suche, oft sehr viel mehr als in +Problemsituationen zunächst ersichtlich“ (Schweitzer 1995, S. 297). +Partizipation ist als Begriff einer kritischen Sozialwissenschaft +bekannt (hierzu Negt u. Kluge 1972; Keupp 1988a). Gemeint ist die +Teilhabe der Menschen an sozialen Entscheidungsprozessen, die ihren +Alltag wesentlich beeinflussen. Im ökonomischen Sektor wird sie +durch +juristisch +gesicherte +Mitbestimmungsrechte, +Verbraucherinnenschutz +und +ein +kritisch-informiertes +Konsumentinnenverhalten möglich. Im Sektor der Politik geht es um +das aktive und passive Wahlrecht für alle öffentlichen Ämter auf allen +staatlichen Ebenen, Mitwirkungsmöglichkeiten für kompetente +Bürgerinnen und Bürgerinneninitiativen, die Herstellung der +Öffentlichkeit bei Entscheidungen der Legislative und der öffentlichen +Verwaltung sowie das Recht des Einspruchs gegen Verwaltungsakte +und Gesetze. Im Teilsystem Kultur wird Partizipation hergestellt durch +die Chancen der Teilhabe an den Bildungs-, Ausbildungs- und +Freizeitangeboten des örtlichen Gemeinwesens, den Zugang zu den +Öffentlichkeit herstellenden Medien und die Möglichkeit, aktiv und +selbstbewusst kulturschaffend tätig zu sein. Im Bereich von diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/308.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/308.md new file mode 100644 index 0000000..3b04973 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/308.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Wissenschaft und Technik ist der Partizipationsgedanke am +schwierigsten einzulösen. Denn Wissenschaft hat einerseits die +Tendenz, sich u. a. durch ihre Fachsprachen vom gesellschaftlichen +Alltag abzuschotten; andererseits sind durch Bildung herzustellende +Kompetenzen nötig, um sich in ihr zu bewegen. Allerdings haben die +ökologischen Bürgerinitiativen seit den Siebzigerjahren gezeigt, dass +wissenschaftlicher Fachverstand auch von Laien genutzt werden +kann, um Übergriffe des ökonomisch-wissenschaftlichen Komplexes in +die Lebenswelt der Menschen abzuwehren bzw. zu begrenzen. +Die Auftraggeberinnen der Sozialen Arbeit müssen oft erst die +Ressourcen entdecken bzw. beschaffen, die ihnen Partizipation +ermöglichen. Sie müssen vielleicht erst lernen, für einen +Kinderbetreuungsplatz, ihren Sozialhilfeanspruch und eine bessere +Wohnung zu streiten, sich mit den Anforderungen aus Schule und +Kindergarten auseinander zu setzen oder sich vor den meistens +wohlmeinenden Übergriffen von Nachbarinnen, Ämtern und +Fachpersonal zu schützen. Die hier zu leistende Hilfe zur Selbsthilfe +wird auch als Empowerment (Bemächtigung) bezeichnet. Sie verleiht +Energie für die Vertretung der eigenen Interessen und entsprechende +kommunikative Handlungen durch das rekursiv – im Prozess +zunehmender Erfolgserfahrungen – wachsende Bewusstsein eigener +Einflussmöglichkeiten +im +sozialen +Nahraum. +Psychologisch +gesprochen, wird dadurch die eigene Selbstwertzuschreibung des +Menschen im Spiegel seiner Umwelt (Satir 1989) gestärkt und die +erlernte Hilflosigkeit gemildert. Im Zuge dieses eigendynamischen +Zirkels entsteht ein Vertrauen in sich selbst und in die soziale Existenz +sowie eine selbstsichere, veränderungsoffene Identitätsbeschreibung. +In der Praxis des Empowerment geht man davon aus, „daß der Klient +das Recht hat zu entscheiden, wann er Hilfe braucht, welche Art von +Hilfe nützlich ist und wann sie nicht mehr gebraucht wird“ (Germain +u. Gitterman 1983, S 45). Hier wird die Gleichgerichtetheit des +Empowerment-Konzeptes mit der „Dienstleistungsphilosophie des +systemischen Ansatzes“ (Schweitzer 1995) und seinem Prinzip der +Selbstorganisation deutlich. Die Empowerment-Beziehung zwischen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/309.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/309.md new file mode 100644 index 0000000..0cf9e00 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/309.md @@ -0,0 +1,22 @@ +Sozialarbeiterin und Auftraggeberin ist „eine Beziehung von +wechselseitig geteilter Macht; Sozialarbeiterinnen sollen sich als +Befähiger, Organisierer, Berater, als von gleicher Art mit dem Klienten +sehen“ (Germain u. Gitterman 1983, S. 45). Diese Orientierung setzt +voraus, dass die Sozialarbeiterinnen den Lebensentwurf ihrer +Auftraggeberinnen als zu ihnen passend akzeptieren. Quer zu dieser +Leitlinie sozialarbeiterischen Handelns steht der neben dem +Unterstützungsauftrag ebenfalls unverzichtbare Eingriffsauftrag +staatlicher Sozialarbeit. Entsprechende Interventionen können nicht +immer auf einer einvernehmlichen Auftragsklärung zwischen +Sozialarbeiterin und den Adressatinnen ihrer Bemühungen hoffen. +Der Empowerment-Ansatz macht in diesem Fall erforderlich, dass die +Eingriffe transparent sind, begründet werden und ihr Zeitraum vorab +festgelegt wird. Widerstand sollte zunächst nicht als Ausdruck eines +Desinteresses +verstanden +werden, +sondern +als +Versuch, +Handlungsfreiheit und Autonomie in der Situation zurückzugewinnen. +Vielleicht wird dann im weiteren Verlauf ein Wechsel vom Kontrollzum Unterstützungsaspekt möglich. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/310.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/310.md new file mode 100644 index 0000000..c6ca716 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/310.md @@ -0,0 +1,40 @@ +5.3 + +Das Belastungs-Bewältigungs-Paradigma + +Die Konzepte von Coping, Empowerment, Ressourcenaktivierung und +Partizipation sind Grundelemente des Belastungs-BewältigungsParadigmas. Es beschreibt die Situation der sich in einer Lebens- bzw. +Systemkrise um Unterstützung bemühenden Menschen unter dem +Aspekt der Beziehung zwischen Anforderungen der äußeren Umwelt +(Belastungen) und persönlichen bzw. systemischen Antworten +(Bewältigungsversuche). Stress ist das Belastung und Bewältigung +verbindende dritte Element dieses Paradigmas. Er entsteht, wenn in +einer Anforderungssituation das psychische Gleichgewicht einer +Person bzw. eines Systems signifikant gestört ist und zusätzliche, +bislang im Hintergrund bestehende oder neue Ressourcen mobilisiert +werden müssen, damit sie gemeistert werden können. +Als theoretisches Konstrukt wird Stress durch drei Komponenten +bestimmt: +die als Stressoren bezeichneten Einflüsse der Umwelt auf das +System; +die Wahrnehmung und Bewertung der Stressoren hinsichtlich +des Schweregrades der Verstörung; +die Antwort des Systems zu ihrer Bewältigung, die im Rahmen +des Belastungs-Bewältigungs-Paradigmas als Coping bezeichnet +wird. +Ob das angestrebte Coping gelingt, bleibt zunächst offen. Anfängliche +Ungewissheit +über +den +Erfolg +bzw. +Misserfolg +des +Bewältigungshandelns gehört zur Erfahrung jeder Stresssituation. +Weder die Anforderungen der Umwelt noch die Antworten eines +Systems sind objektive Größen. Es hängt von der jeweiligen +Bedeutungszuschreibung des mit einer Anforderung konfrontierten +Systems ab, ob und in welchem Grade eine Anforderung als Stress +erfahren wird. Diese Bedeutungszuschreibung speist sich aus den zur +Verfügung stehenden Ressourcen für die Aufgabenbewältigung. Kann +ich auf stützende soziale Netzwerke, eine gute Gesundheit, ein hohes diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/311.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/311.md new file mode 100644 index 0000000..dff0884 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/311.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Selbstwertgefühl, vertrauenswürdige soziale Beziehungen, soziales +Prestige und flexible kognitiv-affektive Schemata zurückgreifen, +werden viele Anforderungssituationen als zu meisternde Aufgaben, d. +h. als eine milde Form von Stress, erlebt. Unter ungünstigeren +Umständen dagegen könnten die gleichen Anforderungen als +hochgradiger Stress interpretiert werden. In diesem Fall ist für die +Handelnden zunächst nicht klar, ob für die Bewältigung der Situation +ausreichende Ressourcen zur Verfügung stehen. Auch hier kann sich +durch eine erhöhte Anstrengung bei der Ressourcenmobilisierung die +Zuversicht in Bezug auf das Gelingen der Bewältigung einstellen. Im +ungünstigsten Fall wird die Situation als Überwältigung empfunden, +d. h., sie enthält Stressoren, die aus der Sicht des betroffenen +Systems nicht zu bewältigen sind. Entsteht eine solche Einschätzung +der Situation, wird ein Misserfolg antizipiert. Diese Einschätzung wirkt +sich, wie die Forschung zum Misserfolgsmotiv und der erlernten +Hilflosigkeit zeigen, äußerst ungünstig aus, vor allem, wenn es sich +um ein in Wiederholungssituationen gebildetes Muster handelt +(Heckhausen 1974a, b; Seligman 1983). Dann entsteht eine +Eigendynamik, in der alle Rückmeldungen über das eigene Handeln in +der Situation negativ bewertet werden und den eigenen Antrieb zur +Ressourcenmobilisierung immer mehr hemmen. Im Kontext dieser +negativen Feedback-Spirale dient jede Rückmeldung der Bestätigung +des eigenen Vorurteils: „Ich kann nicht erfolgreich sein.“ +Lazarus hat den Prozess Stressbewältigung, der schon mit der +Wahrnehmung der Stressoren beginnt, in vier Phasen unterteilt. +(Germain u. Gitterman 1983; Lazarus u. Launier 1981; Jerusalem +1990). + +1. Phase: Die primäre Bewertung. „Wenn wir auf eine +schwierige Lebenslage treffen, nehmen wir, bewußt oder +unbewußt, eine Ersteinschätzung (primary appraisal) vor. Indem +wir uns selber fragen ‚Was ist die Bedeutung dieses Problems?‘ +oder ‚Habe ich Schwierigkeiten, oder ist das eine +Herausforderung?‘, gelangen wir mit unserer Begutachtung zu +einem Urteil darüber, ob das Vorkommnis irrelevant, gutartig diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/312.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/312.md new file mode 100644 index 0000000..d551c55 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/312.md @@ -0,0 +1,40 @@ +oder eine Belastung ist. Wenn wir zu dem Ergebnis kommen, +daß es sich um einen Stressor handelt, bestimmt die +Einschätzung weiterhin, ob es sich um einen Schaden oder +einen Verlust, einen drohenden Schaden oder Verlust +(Lebensstressoren) oder um eine Herausforderung handelt. +Schaden oder Verlust beziehen sich auf Störungen und Leiden, +die schon eingetreten sind, während die erlebte Bedrohung +Verlust und Schädigung in der Zukunft antizipiert, wie bei der +Ankündigung, daß eine Fabrik oder Firma stillgelegt wird. Im +Fall +von +Schaden +und +Verlust +sind +die +Bewältigungsbemühungen darauf gerichtet, den Stressor zu +überwinden, zu reduzieren oder zu tolerieren. Im Falle der +Bedrohung zielen die Bewältigungsbemühungen darauf ab, den +gegenwärtigen Stand der Dinge aufrechtzuerhalten, den +antizipierten Schaden oder Verlust zu verhüten oder die +Auswirkungen zu mildern. Wir bewerten eine Lebenslage als +Herausforderung, wenn wir denken, daß wir über die +persönlichen und Umwelt-Ressourcen verfügen, sie zu +meistern“ (Germain u. Gitterman 1983, S. 13 f.; Hervorh. im +Orig.). +2. Phase: Der „sekundäre Bewertungsschritt“. Wird im Zuge +dieser Ersteinschätzung eine Situation als Stresssituation +interpretiert, findet die sekundäre Einschätzung statt. Sie +verbindet sich mit der Coping-Frage: „Was kann ich tun, um die +schwierige Situation zu bewältigen?“, „Welche körperlichen, +psychischen, materiellen und sozialen Ressourcen stehen mir +zur Verfügung?“, Welche Folgen wird mein Handeln haben, und +wird es erfolgreich sein?“ +3. Phase: Das Coping im engeren Sinne. Es entsteht nun ein +kognitiv-affektives Schema, das manchmal bewusst und auch +neu ist, meistens aber durch den automatischen Rückgriff auf +ähnliche Situationen diffus-halbbewusst hergestellt wird. Die zu +seiner Umsetzung notwendigen Ressourcen werden aktiviert, +bzw. es werden neue erschlossen. Coping umfasst das diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/313.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/313.md new file mode 100644 index 0000000..79cfc5b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/313.md @@ -0,0 +1,49 @@ +Bewältigungsverhalten wie auch die verhaltenssteuerenden +kognitiv-affektiven Strategien, Pläne und Schemata. „Die +persönlichen +Coping-Ressourcen +umfassen +Motivation; +Problemlösungs- und Beziehungsfähigkeit; eine hoffnungsvolle +Perspektive; eine gut ausgeprägte Selbstwertschätzung und +Selbststeuerung; die Fähigkeit, stressorrelevante Informationen +aus der Umwelt zu identifizieren und zu nutzen; +Selbstbeschränkung sowie die Fähigkeit, Umweltressourcen zu +suchen und sie effektiv zu nutzen (ebd.; Hervorh. im Orig.). Die +„Umweltressourcen“ +umfassen +die +formellen, +institutionalisierten Dienstleistungsangebote der öffentlichen +und freien Träger. Auch die informellen, aus Freundschaften, +Teilsystemen +der +erweiterten +Familie, +Kolleginnen, +Nachbarschaft und Bürgerschaft bestehenden Netze gehören zu +dieser Kategorie. Diese beiden Arten von Ressourcen müssen +von dem betroffenen System als aktivierbar wahrgenommen, +mobilisiert +und +eventuell +ausgeweitet +werden. +Die +Adressatinnen der Sozialen Arbeit leben in vielen Fällen in +akuten und/oder chronischen Krisen, die sie aus eigener Kraft +nur schwer, kaum oder gar nicht meistern können. Soziale +Arbeit hat dann die Aufgabe, die Ressourcenseite zu stärken, +damit die erfahrenen Stresssituationen in den Bereich einer +bewältigbaren Aufgabe verschoben werden können. +4. Phase: Die „Neubewertungen“ der Situation. Werden das +Coping durch die Rückmeldungen der Umwelt und die eigene +Bewertung als erfolgreich erlebt und der Erfolg der eigenen +Anstrengung und der eigenen Fähigkeit zugeschrieben, stärkt +dies den persönlichen bzw. systemischen Selbstwert und +begünstigt die Bildung bzw. Festigung des Erfolgsmotivs +hinsichtlich des eigenen Handelns. +Die Sozialarbeiterinnen können ihre Auftraggeberinnen schon in der +ersten Phase unterstützen, indem sie durch zusätzliche Informationen +über die zu bewältigende Situation, Bezugnahme auf die Fähigkeiten +der Auftraggeberinnen und deren Selbstverantwortung für die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/314.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/314.md new file mode 100644 index 0000000..cc227fb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/314.md @@ -0,0 +1,8 @@ +Alltagsbewältigung zu einer lösungsorientierten und optimistischen +ersten und zweiten Bewertung beitragen. In der dritten Phase ist die +Sozialarbeiterin vor allem als Vermittlerin von Ressourcen und +Dialogpartnerin bei der Planung des Bewältigungshandelns, eventuell +auch als Vorbild und Ratgeberin gefragt. In der letzten Phase kann +sie durch eine bestärkende Erfolgsrückmeldung oder eine Ermutigung +zu einem neuen Versuch zu einer Stärkung des Selbstwertes, des +Erfolgsmotivs und der Selbstverantwortung beitragen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/315.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/315.md new file mode 100644 index 0000000..3ed51f2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/315.md @@ -0,0 +1,11 @@ +5.4 + +Arbeitsfeldbezug, Auftragsorientierung +und die Auftraggeberinnen der Sozialen +Arbeit + +Der Arbeitsfeldbezug leitet sich aus der Notwendigkeit ab, die +Lebenswelt der Auftraggeberinnen als Feld der „Diagnose“ und +Intervention zu nutzen. Die Orientierung an Aufträgen bezieht sich +auf das Empowerment-Konzept und die metatheoretische Perspektive +der Selbstorganisation von Systemen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/316.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/316.md new file mode 100644 index 0000000..3bb49f6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/316.md @@ -0,0 +1,42 @@ +5.4.1 Der Arbeitsfeldbezug +Die Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit sind weit gestreut und sehr +unterschiedlich. Sie orientieren und entwickeln sich in Interaktion mit +gesellschaftlichen Veränderungen und durch sie entstehenden bzw. +fortbestehenden grundlegenden sozialen Fragen. Die klassische +Soziale Arbeit entwickelte sich zu einem Teil aus dem christlichhumanitären Impuls, in Not befindlichen Menschen zu helfen. Die +bürgerliche Sozialarbeit leitete sich aus dieser ethischen Orientierung +ab. Meines Erachtens gibt es noch eine zweite Erklärung für die +öffentliche Etablierung der Sozialen Arbeit. Sie wurde notwendig, um +die für die kapitalistisch-industrielle Entwicklung notwendige partielle +Integration der Arbeiterklasse in die Gesellschaft zu sichern. Ohne ein +Mindestmaß von deren Loyalitätsbindung an die bestehenden +gesellschaftlichen Verhältnissen wären im späten 19. und +beginnenden 20. Jahrhundert die auf ihrer „freiwilligen“ Lohnarbeit“ +beruhende Profitmaximierung, Kapitalakkumulation und Ausweitung +der industriellen Produktion nicht möglich gewesen. Insofern stand +für die institutionalisierte Sozialarbeit zunächst die paternalistische +Unterstützung der Armen, ihre gesellschaftliche Anpassung und +staatliche Kontrolle im Vordergrund (Donzelot 1980). Die +sozialistische Richtung innerhalb der Sozialen Arbeit setzte an diesem +Punkt ein. Sie kritisierte die bürgerliche Sozialarbeit als Praxis der +Anpassung +an +die +bestehenden +Ausbeutungsund +Entfremdungsstrukturen und verlangte eine Verbindung von +materieller Hilfe, sozialistischer politischer Bildung und Solidarisierung +der Arbeiterklasse. +Zeitlich etwas verschoben, entwickelte sich im bürgerlichen Lager +die Gender-Thematik und die Soziale Arbeit von Frauen für Frauen. +Denn mit der Entwicklung der Produktivkräfte, der Nachfrage nach +Arbeitskräften +und +der +Verbesserung +des +allgemeinen +Bildungsstandes mussten auch die bürgerlichen Mädchen und Frauen +langfristig aus dem Familienghetto entlassen werden. Damit richtete +sich das Augenmerk auf die Bildung und Ausbildung der Frauen bzw. +Mädchen des Bürgertums und der Arbeiterinnenklasse. In eine diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/317.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/317.md new file mode 100644 index 0000000..7a617a6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/317.md @@ -0,0 +1,40 @@ +verstärkende Wechselwirkung damit trat das sich mit dem +zunehmenden gesellschaftlichen Reichtum entwickelnde kulturelle +Angebot, das auch die Frauen mit einbezog. +Ausgehend von der Sozialen Arbeit mit Frauen und den +Angehörigen der unterprivilegierten Klassen bzw. Gruppen, haben +sich im Zuge der Differenzierung des gesellschaftlichen Systems und +der dadurch neu entstehenden sozialen Fragen eine Vielzahl neuer +Arbeitsfelder ergeben. In ihnen treten auch Familien als +Auftraggeberinnen sowie direkte oder indirekte Adressatinnen in eine +Beziehung zur Sozialen Arbeit. +Die Armutsfürsorge für Familien hat sich zum Bereich der +familienunterstützenden +und +familienersetzenden +Hilfen +entwickelt. Die wohltätige und kontrollierende Unterstützung +der Armen ist dem grundgesetzlich begründeten Anspruch auf +ein menschenwürdiges Leben gewichen und im Allgemeinen +Sozialen Dienst (ASD) organisatorisch mit der Jugend- und +Familienhilfe verknüpft. Sozialpädagogische Familienhilfe, +aufsuchende Familientherapie und Erziehungsberatung sind +ebenfalls dem Feld der familienunterstützenden Hilfen +zuzuordnen. Die Unterbringung in Heimen und Pflegefamilien +als +jenseits +der +Herkunftsfamilie +angesiedelte +Jugendhilfemaßnahmen gehört zu den familienersetzenden, die +Herkunftsfamilie aber möglichst mit einbeziehenden Hilfen. Die +Tagesgruppen sind dazwischen angesiedelt; hier verbleibt das +Kind in der Familie, verbringt aber den größten Teil des Tages in +einer außerfamiliären institutionellen Betreuung. +Zur sozialpädagogischen und erzieherischen Arbeit in +Kindergärten, Kindertagesstätten und Kinderhäusern gehört als +integraler Bestandteil die Elternarbeit. Diese kann sich auf den +Familienkontext eines auffälligen Kindes richten, die Begegnung +der Eltern untereinander fördern, Elternbildungsarbeit betreiben +oder den Kindergarten mit seinem kommunalen Einzugsbereich +und den Familien seiner Kinder vernetzen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/318.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/318.md new file mode 100644 index 0000000..327d491 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/318.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Die Soziale Arbeit in sozialpädagogischen Fachschulen und der +Kindergartenfachberatung hat die Aufgabe, angehende und +ausgebildete Erzieherinnen u. a. über verschiedene familiäre +Lebenswelten, Problemlagen und die Organisation familiärer +Systeme zu informieren und Gesprächsführungskompetenzen +für die Praxis der Elternarbeit zu vermitteln. +Offene Jugendarbeit richtet sich als Angebot zur +Freizeitstrukturierung und Bildung an junge Menschen. +Familienarbeit steht hier bewusst im Hintergrund, weil die +Verselbstständigung der Jugendlichen und ihre PeerBeziehungen im Vordergrund stehen. Dennoch gilt es, ihre +Herkunftsfamilien als Kontext ihrer Einstellungen und +Verhaltensweisen zu beachten. +In der Schulsozialarbeit verknüpfen sich Jugendhilfe und +Schule. Sie soll die Kommunikation der Schülerinnen +untereinander verbessern und zur Konfliktschlichtung wie auch +Gewaltprävention +beitragen, +Freizeitgruppenund +unterrichtsunterstützende Angebote im Rahmen der Schulzeit +organisieren, schwierige Gespräche zwischen Schülerinnen und +Lehrerinnen sowie zwischen diesen und den Eltern moderieren +und darüber hinaus auch Einzelberatungen anbieten. Hier ist +die Familie ein zu erschließender Kontext der Schülerinnen, z. T. +wird sie in Form der Elternarbeit aber auch eine direkte +Adressatin des sozialarbeiterischen Handelns. +Die Soziale Arbeit mit Frauen und Mädchen, Jungen und +Männern hat die Erkenntnisse der Gender-Forschung zur +Grundlage. Sie will die Bildung einer selbstbewussten und +positiv auf das andere Geschlecht bezogenen Identität +unterstützen. Dass die Familie als System der primären +Sozialisation zumindest als Hintergrund beteiligt ist, versteht +sich von selbst. In prekären Situationen, z. B. wenn es um +Gewalt in einer Familie geht, wird die Familie zu einem direkten +Bezugspunkt der Sozialen Arbeit, ohne deshalb zwangsläufig +deren direkte Auftraggeberin oder Adressatin zu sein. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/319.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/319.md new file mode 100644 index 0000000..3e9b901 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/319.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Soziale Arbeit mit Arbeitsmigrantinnen, Flüchtlingen und +Asylbewerberinnen ist seit dem Beginn der großen +Wanderungsbewegungen in den Sechzigerjahren und der +Entwicklung einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland +ein Arbeitsfeld mit wachsender Bedeutung. Hier geht es um +Integration, Umgang mit Unterschiedlichkeit und Fremdheit und +– vor allem für politische Flüchtlinge und Asylbewerberinnen – +um die Sicherung eines menschenwürdigen Lebens in der +Fremde. +Soziale Arbeit in der Suchthilfe richtet den Fokus auf +drogenabhängige Menschen13 jedes Alters und Geschlechts, auf +ihre Partnerinnen, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen +auch auf ihre Eltern. May hat nachdrücklich darauf hingewiesen, +dass auch die Kinder drogenabhängiger Eltern in die Soziale +Arbeit einbezogen werden müssen. Ihr Leiden blieb bisher +meistens außerhalb des professionellen Interesses (May 1999). +Soziale Arbeit im Bereich von Gesundheit, Krankheit und +Behinderung hat es immer auch mit Angehörigen zu tun. In +dem Bereich der Sozialpsychiatrie z. B. wurde durch die +Angehörigenbewegung die Perspektive der mitbetroffenen +Familien artikuliert, was oft mit einer Ablehnung der +Familientherapie einherging. Diese – so ein in der ersten Phase +der Familientherapie durch sie selbst genährtes Vorurteil – sehe +in den Eltern die Ursache der Psychose ihres Kindes (vgl. +Dörner et al. 1987). +Die psychoseerfahrenen Menschen selbst haben sich in einer +eigenen Bewegung zusammengefunden, die den subjektiven +und deshalb auch entschlüsselbaren Sinn der psychotischen +Extremerfahrung herausstellt und vor diesem Hintergrund die +institutionelle klinische Psychiatrie kritisiert (Zerchin alias Buck +1990). Als Form eines kritischen und zugleich kooperativen +Diskurses wurde das „Psychoseseminar“ erfunden, in dem sich +Psychoseerfahrene, +Angehörige, +professionelle +und +ehrenamtliche Helferinnen sowie Studierende psychosozialer diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/320.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/320.md new file mode 100644 index 0000000..7c654b6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/320.md @@ -0,0 +1,13 @@ +Berufe zusammenfinden (Bock et al. 1997, 1998). In +sozialpsychiatrischen Diensten lassen sich die Einzel- Familien-, +Gruppen und Gemeinwesenperspektiven fruchtbar miteinander +verbinden; hier hat sich der systemische Ansatz in Praxis und +Praxisforschung bewährt (Armbruster 1998). +Dieser Katalog von Arbeitsfeldern unterstreicht die vielfältigen +Aufgaben und die entsprechend notwendigen Kompetenzen der +Sozialen Arbeit als systemischer Sozialer Arbeit, in der Familien ein +wichtiger Bezugspunkt sind. Das setzt auch eine Ausbildung der +angehenden Sozialarbeiterinnen in den systemischen Denk- und +Handlungsformen voraus (Ritscher 1994). In den USA hat es im +Gegensatz zu Deutschland schon in den Sechzigerjahren solche +Ansätze gegeben (vgl. Pincus u. Minanhan 1973). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/321.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/321.md new file mode 100644 index 0000000..e382f04 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/321.md @@ -0,0 +1,44 @@ +5.4.2 Auftragsorientierung und ihre Realisierung durch +Auftragsklärung und Hilfeplan +Die Auftragsorientierung ist in der Sozialen Arbeit und der +Systemtherapie gleichermaßen wichtig. Sie bildet eine der vielen +theoretischen und praktischen Brücken, über die beide Seiten in dem +Konzept der systemischen Sozialen Arbeit zusammenkommen. +Im Kontext der systemischen Metatheorie lässt sich die +Auftragsorientierung aus dem Theorem der Selbstorganisation von +Systemen ableiten. Wenn Subjektsysteme und soziale Systeme, z. B. +Familien, +gemeinsam +mit +der +Sozialarbeiterin +einen +Unterstützungsauftrag aushandeln, kann man davon ausgehen, dass +dieser zu ihren internen Strukturen passt und deshalb mehr ihre +Veränderungs- als ihre Beharrungstendenz anspricht. Erfolgreiche +Soziale Arbeit mit dem ganzen System erfordert ein Bündnis mit +seiner Veränderungstendenz. Die Auftragsorientierung hat zur Folge, +dass sich die Sozialarbeiterin auf die Welt und die Sprache der +Adressatinnen +ihrer +Arbeit +einlassen +und +deren +Wirklichkeitsbeschreibungen ernst nehmen muss. +Im Kontext des Empowerment-Ansatzes lässt sich noch eine +weitere Begründung finden. Ihm zufolge ist es das Ziel Sozialer +Arbeit, ihre Adressatinnen zu bemächtigen, ihr Leben in die eigene +Hand zu nehmen. Der gemeinsam ausgehandelte Auftrag ist ein +Symbol dafür, dass sie diese Fähigkeit bei sich selbst entdecken +können und sie ihnen auch seitens der Sozialarbeiterin zugetraut und +zugebilligt wird. +In diesem Sinne schlage ich vor, den bisher im Bereich von +Sozialer Arbeit, Therapie und Beratung verwendeten Begriff der +Klientin bzw. des Klienten durch den der Auftraggeberin bzw. des +Auftraggebers zu ersetzen. Klient hat schon vom lat. Wortursprung +her eine eindeutig paternalistisch-kurative Bedeutung: clientes waren +die Wähler der sich um Ämter der res publica bewerbenden Patrizier, +die ihren von ihnen abhängigen Wählern dafür Schutz und Privilegien +versprachen. Wenn die mit Sozialer Arbeit in Kontakt kommenden +Personen noch nicht als Auftraggeberinnen bezeichnet werden diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/322.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/322.md new file mode 100644 index 0000000..ad478fb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/322.md @@ -0,0 +1,49 @@ +können, weil noch keine Vertragsaushandelung stattgefunden hat, +nenne ich sie Adressatinnen, potenzielle Auftraggeberinnen oder +Nachfragerinnen nach Sozialer Arbeit. +Wir können primäre, sekundäre und tertiäre Auftraggeberinnen +unterscheiden. + +Die primären Auftraggeberinnen sind gleichzeitig die +Adressatinnen der Sozialen Arbeit, andernorts auch Klienten +oder Kunden genannt. Dies können einzelne Personen – +Erwachsene und Jugendliche –, hetero- und homosexuelle bzw. +lesbische +Paare +und +Familien +in +unterschiedlichster +Zusammensetzung sein. Sie wenden sich wegen eines von +ihnen +selbst +benannten, +mit +anderen +Personen/Institutionen/Organisationen zusammen oder einseitig +von diesen definierten Problems an einen Träger der Sozialen +Arbeit. +Sekundäre Auftraggeberinnen sind die professionellen, mit +einem offiziellen gesellschaftlichen Auftrag versehenen +Helferinnensysteme. +Hierzu +gehört +zum +einen +die +Sozialarbeiterin, die ihre Unterstützung anbietet oder mittels +eines Eingriffs als Zwangsmaßnahme durchsetzt. Letzteres ist +nur im Rahmen der staatlich organisierten Sozialarbeit möglich. +Der institutionelle bzw. organisatorische Kontext der Sozialen +Arbeit – im Sinne Bronfenbrenners (1978) ein Exosystem – lässt +sich ebenfalls als Auftraggeber definieren. Denn die in seinem +Namen handelnde Sozialarbeitern erhält von ihm Aufträge und +Weisungen, die beim Aushandeln des Auftrags berücksichtigt +werden müssen. Auf der Ebene des Makrosystems ist die +Gesellschaft die abstrakt bleibende Auftraggeberin der Sozialen +Arbeit. Von den vier gesellschaftlichen Sektoren ist die Politik +als formelle Repräsentantin des gesellschaftlichen Kontextes +eine besonders bedeutsame Auftraggeberin. Sie finanziert einen +erheblichen Teil Sozialer Arbeit und tritt z.B. in Form des +Jugendamtes auch als deren Trägerin auf. In vielen Fällen +delegiert sie den Auftrag zur Sozialen Arbeit im Rahmen des diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/323.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/323.md new file mode 100644 index 0000000..99d8a2d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/323.md @@ -0,0 +1,43 @@ +Subsidiaritätsprinzips14 +an +die +freien +Träger +der +Wohlfahrtspflege. +Tertiäre Auftraggeberinnen sind Helferinnen mit mehr oder +weniger Gewicht bei der Auftragsdefinition und dem weiteren +Verlauf des Hilfeprozesses. Freunde oder Freundinnen, +Mitglieder der erweiterten Familie, Nachbarinnen, aber auch +Lehrerinnen, Ärztinnen und andere überweisende psychosoziale +Einrichtungen bilden die Umwelt des Unterstützungssystems. +Freundinnen, Nachbarn oder die Wohnungsvermieterin können +den Eltern raten, das Jugendamt aufzusuchen, vielleicht auch +mit der Drohung, dass bei einem unveränderten Verhalten des +betreffenden Kindes die Freundschaft oder das Wohnverhältnis +gekündigt wird. Ärztinnen und Lehrerinnen können ebenfalls +mehr oder weniger eindringlich den Gang zum Jugendamt, +einem sozialpsychiatrischen Dienst, einer Beratungsstelle usw. +empfehlen. Dann sind sie als indirekte Auftraggeberinnen +beteiligt. Sie können die Sozialarbeit auch direkt beauftragen; +dann fordern sie zu einem Angebot oder einem Eingriff auf. Die +Erwartungen der tertiären Auftraggeberinnen müssen unter +dem +Stichwort +Überweisungskontext +während +des +Hilfeprozesses immer wieder thematisiert werden. Tertiäre +Auftraggeberinnen +sind +also +auch +ein +Teil +des +Unterstützungssystems, entweder indirekt durch ihren Einfluss +von außen (in Abb. 21 durch gestrichelte Pfeile gekennzeichnet) +oder direkt (mit durchgezogenen Pfeillinien gekennzeichnet), +wenn sie konkret am Gespräch beteiligt sind. In der BeierleSaga war die Schulrektorin bei beiden Hilfeplangesprächen +anwesend und in diesem Fall ein direkter Teil des +Unterstützungssystems. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/324.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/324.md new file mode 100644 index 0000000..b142950 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/324.md @@ -0,0 +1,26 @@ +Abb. 21: Primäre, sekundäre und tertiäre Auftraggeberinnen in ihrer +Beziehung zum Unterstützungssystem +In einem solchen Dreierverbund wird der Auftrag nicht einseitig von +einem System festgelegt, sondern von den Adressatinnen und der +Sozialarbeiterin gemeinsam ausgehandelt. Die informellen tertiären +Auftraggeberinnen sind sowohl auf der Seite der primären +Auftraggeberinnen als auch auf der Seite der Sozialarbeiterinnen +meistens indirekt beteiligt. Die Initiative zur Aushandelung des +Auftrages wird üblicherweise von einer Sozialarbeiterin ausgehen; in +der Kinder- und Jugendhilfe ist sie durch § 36 KJHG sogar +verpflichtet, +im +Rahmen +des +Hilfeplanes +eine +formelle +Auftragsbestimmung +herbeizuführen. +Der +gemeinsame +Aushandelungsprozess setzt voraus, dass innerhalb von Angebot und +Eingriff der Angebotsaspekt im Vordergrund steht. Bei einer den +Eingriffsaspekt betonenden Maßnahme, z. B. einer Inobhutnahme +nach §§ 42 und 43 KJHG, muss sich die Sozialarbeiterin im Kontext +ihrer rechtlich festgelegten Dienstverpflichtung meistens einen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/325.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/325.md new file mode 100644 index 0000000..48ffd4d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/325.md @@ -0,0 +1,42 @@ +eigenen Auftrag auch gegen den Willen der Eltern geben. Es gehört +zur professionellen Kompetenz der Sozialarbeiterin, auch dann den +gemeinsamen Aushandelungsprozess als Zielperspektive im Auge zu +behalten, um aus einer einseitigen Zwangsmaßnahme möglichst doch +eine wechselseitigen Vereinbarung werden zu lassen. +Das primäre Ziel der Auftragsklärung ist die Umwandlung des +Status der Adressatin in den einer Auftraggeberin. Dann ist aus einer +einseitigen Beziehung eine zweiseitige geworden, aus dem Monolog +ein Dialog. +Die Einfädelung der Systemtherapie in die Soziale Arbeit +ermöglicht es, +auf der theoretischen Ebene den Empowerment-Ansatz der +Sozialen Arbeit und das Selbstorganisationsprinzip der +systemischen Therapie +und auf der praktischen Ebene den Hilfeplan als zentrales +Instrument der familienbezogenen Sozialen Arbeit mit dem +systemischen Konzept der Überweisungs- und Auftragsklärung +zu verknüpfen. +Im Hilfeplan sollten Problemdefinition, Zielbestimmungen, Art und +Umfang der Jugendhilfemaßnahme(n) enthalten und regelmäßig +hinsichtlich Fortschreibung, Veränderung oder Abschluss überprüft +werden. Letztlich ist immer das Jugendamt verantwortlich für die +Hilfeplangestaltung +und +-bilanzierung. +Wenn +die +Unterstützungsmaßnahmen von anderen Diensten/Einrichtungen +erbracht werden, sind diese für seine inhaltliche Umsetzung +zuständig. Der Hilfeplan wird in Hilfeplangesprächen vorbereitet, +verabschiedet, überprüft und weiterentwickelt bzw. fortgeschrieben. +An diesen nehmen alle wichtigen Mitglieder des professionellen +Unterstützungssystems teil. Hilfeplan und Hilfeplangespräche +ermöglichen eine prozessuale Gestaltung der Sozialen Arbeit. Der +Prozess kann immer wieder interpunktiert, bilanziert und verändert +werden. +Unter +neuen +Gesichtspunkten +können +andere +Zielbestimmungen und Intervention bedeutsam werden. Innerhalb diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/326.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/326.md new file mode 100644 index 0000000..3f703c2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/326.md @@ -0,0 +1,44 @@ +des +Hilfeplans +werden +Aufträge +an +das +professionelle +Unterstützungssystem und seine verschiedenen Teilsysteme +formuliert, die idealiter eine Integration der verbalisierten Aufträge +aller Auftraggeberinnen darstellen. Der Prozess der Auftragsklärung +ist mühsam, denn es müssen innerhalb des Unterstützungssystems +neben den offenen auch die heimlichen Aufträge herausgearbeitet +und im Hinblick auf ihre Nützlichkeit für die Zielereichung diskutiert +werden. +Aufträge können verbal oder nonverbal kommuniziert werden, sie +können paradox oder eindeutig, angemessen oder illusionär, komplex +oder einfach sein. +Die primären Auftraggeberinnen können +formelle Mitglieder des Unterstützungssystems sein oder +verdeckt im Hintergrund agieren, +sich als Autoritäten oder ratlose Ratsuchende definieren, +macht-, konkurrenz- oder konsensorientiert kommunizieren. +Aufträge repräsentieren eine lineare oder zirkuläre Sicht der Realität. +Als kommunikative Akte enthalten sie die vier Funktionen einer +Botschaft, +also +Inhalts-, +Beziehungs-, +Appell +und +Selbstoffenbarungsfunktion (vgl. 2.4.3.2.2.1). Diese Unterscheidung +kann die Sozialarbeiterin zurate ziehen, um sich nicht in einem +Auftrags-Double-bind zu verfangen. Der Prozess der Auftragsklärung +dient dazu, Aufträge eindeutig, deutlich, system- bzw. +settingspezifisch, für alle akzeptabel, realisierbar und überprüfbar zu +formulieren bzw. das Nichtvorhandensein eines Auftrages +festzustellen. Nach von Schlippe und Schweitzer lauten die +systemisch-zirkulären Grundfragen der Auftragsklärung: „Wer will +was?“, „Von wem?“, „Ab wann?“, „Bis wann?“, „Wie viel?“, „Wozu?“, +„Mit wem?“; nützlich sind auch die Umkehrungen dieser Fragen: „Wer +will nichts?“, „Was nicht?“, „Von wem nicht?“, „Wann nicht mehr?“, +„Wozu nicht?“ (von Schlippe u. Schweitzer 1996, S. 148). +Eine sorgfältige Auftragsklärung verhindert viele Reibungsverluste +in der Arbeit. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/327.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/327.md new file mode 100644 index 0000000..218c3ae --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/327.md @@ -0,0 +1,44 @@ +Das Gleiche lässt sich für die Klärung des Überweisungskontextes +sagen. Er beinhaltet (in Form von Erwartungen, Wünschen, +Hoffnungen und Zielvorgaben) Aufträge, möglicherweise auch +Vorerfahrungen mit Hilfen und Helferinnen im psychosozialen Feld. +Diese werden eventuell von verschiedenen Seiten schon im Vorfeld +des formalen Erstgespräches offen oder indirekt kommuniziert. Auch +hier wird über systemisch-zirkuläre Fragen eine Verdeutlichung und +Folgenabschätzung angestrebt: „Wer hatte die Idee zu diesem +Kontakt?“, „Was verspricht sich diese Überweiserin davon?, „Was +müsste hier geschehen, damit der Überweiser hinterher sagt: Das hat +sich gelohnt/Das hat sich nicht gelohnt?“, „Warum hat die +Überweiserin gerade Sie hierhergeschickt?“, „Warum hat man Sie +gerade zu mir geschickt?“ (ebd., S. 149). +Durch +diese +Klärungsfragen +werden +mögliche +sich +widersprechende +Aufträge, +die +sich +innerhalb +des +Überweisungsprozesses ergeben, offenkundig und können von der +Sozialarbeiterin in ihrem Angebot bzw. Nichtangebot berücksichtigt +werden. Zum Beispiel könnte die Lehrerin eines Kindes, bei dem der +Kinderarzt eine „Aufmerksamkeitsdefizitstörung“ (ADS) diagnostiziert +hat, den Eltern Familiengespräche in der Erziehungsberatungsstelle +dringend empfehlen, da sie zwischen dem auffälligen Verhalten des +Kindes in der Schule und der Familiensituation einen Zusammenhang +herstellt. Die Eltern wissen aber aus einem Gespräch mit dem Arzt, +dass dieser, weil er die Ursache von ADS in einer Stoffwechselstörung +sieht, von Familientherapie nichts hält und stattdessen eine +Koppelung von medikamentöser Therapie (Ritalin) und Ergotherapie +befürwortet. Da die Eltern sich beiden Seiten verpflichtet fühlen, +melden sie sich zwar in der Beratungsstelle an und erfüllen damit den +Auftrag der überweisenden Lehrerin, zugleich frustrieren sie durch +ihre abwartende und misstrauische Haltung die Beraterin und erfüllen +damit den negativen Auftrag ihres Arztes. Eine Klärung dieser +widersprüchlichen Aufträge könnte die Frustration der Sozialarbeiterin +in ein Verstehen der Dilemmasituation ihrer Besucherinnen +verwandeln und das Misstrauen der Eltern in die neugierige Frage, ob diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/328.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/328.md new file mode 100644 index 0000000..4047b5d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/328.md @@ -0,0 +1,15 @@ +Familiengespräche zu ihrer Entlastung beitragen könnten. Schon an +diesem Punkt der Auftragsklärung wird deutlich, wie wichtig eine +neutrale Haltung der Sozialarbeiterin gegenüber anderen Anbietern +psychosozialer und medizinischer Hilfe ist. Wenn sie in dem +Erstgespräch gegen den Arzt in Stellung geht, initiiert sie von sich aus +einen Machtkampf, der die Eltern in ein Loyalitätsdilemma +hineintreibt. Das immer noch große Prestige der Medizin wird +wahrscheinlich dazu führen, dass das erste Gespräch auch das letzte +gewesen ist. Noch prekärer wird das Problem, wenn die Überweiser +über Prestige und Einfluss im Gemeinwesen verfügen. +Eine sorgfältige, zielgerichtete Überweisungs-, Auftrags- und +Mittelklärung im Rahmen des (inzwischen auch außerhalb der +Jugendhilfe praktizierten Hilfeplanes) verhilft der Sozialarbeiterin zu +einer reflektierten Position innerhalb des Unterstützungssystems und +zu systemisch sinnvollen Interventionen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/329.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/329.md new file mode 100644 index 0000000..d277aad --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/329.md @@ -0,0 +1 @@ +5.4.3 Die primären Auftraggeberinnen der Sozialen Arbeit diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/330.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/330.md new file mode 100644 index 0000000..8a288e4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/330.md @@ -0,0 +1,36 @@ +5.4.3.1Klientin, Kundin, Adressatin, Auftraggeberin: Eine +Begriffsklärung +Vorab eine begriffliche Klärung auf der Basis des ökosystemischen +Modells von Uri Bronfenbrenner (1978). Das System der primären +Auftraggeberinnen ist aus der Perspektive der professionellen +Hilfeanbieterinnen ein Mikrosystem. Weitere mit ihm und dem +Problem verknüpfte soziale Systeme sind als Mesosysteme zu +verstehen. Im Rahmen der Jugendhilfe ist meistens die Familie das +zur Diskussion stehende Mikrosystem. Aber auch das in der Schule +auffällige Kind und die dadurch überforderten Lehrerinnen lassen sich +als ein Mikrosystem definieren, das eine professionelle Intervention +von außen erfordert. Durch den Einbezug der Familie des auffälligen +Kindes würde dann das für die Soziale Arbeit relevante Mesosystem +Kind + Lehrerin + Familie entstehen. Zusammen mit der +Sozialarbeiterin würde es das Unterstützungs- bzw. Hilfesystem +bilden. Auch eine ganze als problematisch bezeichnete Schulklasse +kann zusammen mit ihrer Lehrerin als Mikrosystem definiert werden. +Für eine diesbezügliche professionelle sozialarbeiterische Intervention +bietet sich die sozialpädagogische Gruppenarbeit an. +Auf der Seite der systemischen Therapie hat de Shazer für die +„Therapeut-Klient-Beziehung“ die Unterscheidung von Kläger +(„complainant“), Besucher („visitor“) und Kunde („customer“) +eingeführt (de Shazer 1989). Die Besucherin befindet sich in der +Position einer „potenziellen Kundin“; sie testet zunächst unverbindlich +die Angebote und Möglichkeiten der Therapeutin und benötigt deren +freundlich-nichtinstruktives +Beziehungsangebot, +um +ein +therapierelevantes Problem („Beschwerde“ bzw. „Klage“) zu +definieren. Die „Klägerin“ hat sich entschlossen, therapeutische Hilfe +in Anspruch zu nehmen und erwartet „eine Lösung als Resultat des +Interviews“ (ebd., S. 105). +Die „Kundin“ ist schon einen entscheidenden Schritt +weitergegangen und „bekundet“ ihr für eine erfolgreiche Therapie +notwendiges eigenes Veränderungsinteresse. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/331.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/331.md new file mode 100644 index 0000000..b9c2fe5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/331.md @@ -0,0 +1,43 @@ +Der für die „Hilfe zur Erziehung“ (§§ 27 ff. KJHG) vorgeschriebene +Hilfeplan ist beispielhaft für den auch gesetzlich geforderten +Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit. Aus der autoritärkustodialen Fürsorge wird die am Bedarf ihrer Adressatinnen +ausgerichtete Dienstleistung. Es geht nicht mehr um die Fürsorge für +eine abhängige, inkompetente Klientel. Stattdessen werden Familien, +Kinder, +Jugendliche, +Eltern +als +Nachfragerinnen +nach +Unterstützungsangeboten verstanden, die trotz Schwierigkeiten bei +der Bewältigung ihres Alltags die Expertinnen für ihn bleiben. Die +Unterstützung dient im Sinne des Empowerment-Ansatzes als +Bemächtigung zu einer selbstverantwortlichen und sozial tolerablen +Lebensgestaltung. Damit werden die Adressatinnen zu den offiziellen +Auftraggeberinnen der Sozialen Arbeit. Diese Perspektive wird seit +geraumer Zeit im systemischen Feld unter dem Begriff der +Kundenorientierung diskutiert (Schweitzer u. Reuter 1991). Damit +wird die Adressatin von professionellen psychosozialen Angeboten als +Person bzw. System benannt, das einen von ihm bestimmten Bedarf +als Dienstleistung in Auftrag geben kann. Dem gegenüber steht die +Fremddefinition eines psychischen und materiellen Bedürfnisses +durch professionelle Expertinnen. Schweitzer hat anschaulich +beschrieben, zu welchen Strategien die Adressatinnen einer so +verstandenen psychosozialen Arbeit greifen, um ihre Bedarfsdefinition +gegen die Übergriffe wohlmeinender Helferinnen zu verteidigen +(Schweitzer 1995). Hargens definiert „Kundin“ als eine in ihrer +Lebenswelt „kundige“ Person, die auch in der Lage ist, mithilfe +psychosozialer +Profis +Lösungen +für +ihre +Probleme +„auszukundschaften“ (Hargens 1993). Die Intention dieser +Begriffsbildung halte ich für gerechtfertigt, den Begriff selbst für +problematisch. Denn es ist nicht zu übersehen, dass der Begriff der +Kundin aus der Sphäre des wirtschaftlichen Austausches stammt; dort +bezeichnet er den Erwerb einer Ware durch eine Person auf dem +freien Markt. Von diesem Kontext lässt er sich nicht trennen, und +seine Verwendung unterstützt sprachlich die postmoderne Tendenz, +alle Sektoren der Gesellschaft unter die Vorherrschaft einer diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/332.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/332.md new file mode 100644 index 0000000..58e13b0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/332.md @@ -0,0 +1,44 @@ +profitorientierten Ökonomisierung zu zwingen und eine nach dem +Prinzip +der +doppelten +Kontingenz +immer +ergebnisoffene +kommunikative Handlung in ein fertiges Produkt umzudefinieren. Als +Ware unterliegt es zudem den Gesetzen des kapitalistischen Marktes, +der letztlich immer dem Tauschwert den Vorrang vor dem +Gebrauchswert gibt und zugleich die Menschen bemächtigt, die über +große Geldwerte verfügen. +Dennoch scheint mir eine Einschränkung notwendig. Zwar werden +die Adressatinnen Sozialer Arbeit auch zu ihren offiziellen primären +Auftraggeberinnen, aber durch den schon beschriebenen +Aushandelungsprozess zwischen ihnen und der Sozialarbeiterin geht +auch deren Sichtweise und die des Trägers in den Auftrag ein. Alles +andere wäre realitätsfern und nicht systemisch. Keine Sozialarbeiterin +wird einen professionell nicht zu verantwortenden Auftrag +übernehmen. Sie wird auch ein großes Interesse daran haben, dass +der Hilfeplan aus ihrer Sicht durchführbare und notwendige +Auftragsformulierungen enthält. Die von ihr vertretene Organisation +hat ein großes Interesse, dass die Auftragsdefinitionen mit ihrer +Zielsetzung, ihrem gesellschaftlichen Auftrag und ihren Ressourcen +vereinbar sind. Sie sitzt also indirekt mit am runden Tisch, wenn es +um die Aushandelung des Auftrages geht. Auch die Erwartungen +anderer Systeme des erweiterten Unterstützungssystems – im +Fallbeispiel des ersten Kapitels die Schule – sind in dem letztlich +festgelegten Auftrag vertreten. Sozialarbeiterin, die von ihr vertretene +Institution +und +andere +Teilsysteme +des +erweiterten +Unterstützungssystems sind also Auftraggeberinnen mit einem +erheblichen Einfluss auf die Auftragsbestimmung. +Der Schritt von der Adressatin zur Auftraggeberin Sozialer Arbeit +ist von höchster Bedeutung. Die Beziehung zwischen einer +Sozialarbeiterin und der Adressatin ihrer Angebote bzw. Maßnahmen +ist immer eine einseitige; sie geht von der professionellen Helferin +aus und richtet sich auf einen Menschen, der dieser Hilfe bedarf bzw. +ihrer zu bedürfen scheint. Die Auftragsbeziehung ist dagegen +interaktiv: Es entsteht ein zirkulärer Prozess zwischen dem Angebot diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/333.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/333.md new file mode 100644 index 0000000..0734db3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/333.md @@ -0,0 +1,7 @@ +der Sozialarbeiterin, dessen Annahme oder Veränderung durch die +Adressatin und der Festlegung eines Auftrages, der nun von der +Adressatin an die Sozialarbeiterin zurückgeht. Aus der monologischen +Beziehung zwischen Adressatin und Sozialarbeiterin wird die +dialogische Beziehung zwischen der primären Auftraggeberin und der +Sozialarbeiterin; aus einer einseitig linearen Bezugnahme ist ein +zirkulär dialektischer Prozess geworden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/334.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/334.md new file mode 100644 index 0000000..a8124ca --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/334.md @@ -0,0 +1,44 @@ +5.4.3.2Familien als primäre Auftraggeberinnen der Sozialen +Arbeit +Familien sind besonders wichtige und zahlreiche Adressatinnen der +Sozialen Arbeit; die familienorientierte Sichtweise und die +entsprechende Hilfeformen im KJHG (siehe die „Hilfen zur Erziehung“, +§§ 27 ff.) spiegeln dies wider. „Die Klientel des ASD setzt sich aus +Angehörigen aller sozialen Schichten zusammen. Familien aus den so +genannten +sozial +schwachen +Kreisen +sind +dabei +eher +überrepräsentiert“ (Tubel u. Walter 1994, S. 75). +Wenn wir jedoch unseren Blickwinkel auf alle Angebote des KJHG +richten, verschiebt sich das Bild. Dann wird deutlich, dass die +Mehrzahl der auftraggebenden Familien15 nicht aus dem Bereich der +sozial schwachen Familien oder gar der so genannten +Multiproblemfamilien16 kommen. In den Einrichtungen der +Jugendhilfe suchen inzwischen viele Familien Rat, die sich in einer +kritischen Übergangssituation befinden: Einelternfamilien in ihrer +Formierungsphase, Familien im Prozess der Trennung/Scheidung und +Eltern im Abnabelungsprozess von ihren eigenen Eltern. Wir finden +Familien, die wegen Schwierigkeiten im Erziehungsalltag und +schulischer +Leistungsprobleme +ihrer +Kinder, +wegen +Verhaltensauffälligkeiten in Schule, Kindergarten oder Öffentlichkeit +Rat und Unterstützung suchen. In diesen Fällen werden besonders +die Erziehungsberatungs- und Frühförderungsstellen aufgesucht. +Allerdings wird hier schon eine gewisse Beratungsmotivation +vorausgesetzt, die in der Bezirkssozialarbeit oft erst erarbeitet werden +muss. Die oft beklagte reine Kommstruktur der Beratungsstellen und +ihre „Anforderungen an die Verbalisierungs- und Reflexionsfähigkeit“ +(Conen 1996b, S. 153) der Auftraggeberinnen macht diese zu einem +eher mittelschwelligen Angebot, was durchaus dem Erfolg ihrer Arbeit +mit ihrer spezifischen Klientel zugute kommen kann. Für Familien, die +an dieser Hürde scheitern, bieten sich zunächst der ASD und über ihn +weitere Hilfen an, z. B. sozialpädagogische Familienhilfe, +Erziehungsbeistandschaft und aufsuchende Familientherapie. Diese +Hilfeformen sind durch die Gehstruktur geprägt und setzen darauf, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/335.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/335.md new file mode 100644 index 0000000..f9fe316 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/335.md @@ -0,0 +1,34 @@ +dass die Motivation auch erst im Hilfeprozess selbst entstehen kann. +Hilfreich für eine solche Entwicklung sind Interventionen, die den +familiären Alltag strukturieren, Reflexion mit Handlung kombinieren +und die Orientierung an einer konkreten Problembearbeitung (ebd.) +anbieten. Conen betont, dass dieser Reflexion und Alltagshandeln +verknüpfende Ansatz eine wertschätzende, auf die Familie zugehende +und sie gleichzeitig herausfordernde Haltung der Professionellen +voraussetzt. +Zunehmend muss sich die Soziale Arbeit auch dem Phänomen von +Gewalt, Missbrauch und Misshandlung in „ganz normalen Familien“ +stellen. Da wir sensibler für diese Vorkommnisse geworden sind, +bemerken wir sie auch öfter und früher als zu einer Zeit, in der diese +Themen als Probleme der so genannten Unterschicht- und +Multiproblemfamilien galten. Gerade in diesen Fällen zeigt sich, dass +weder eine Fokussierung auf das Opfer noch die auf den familiären +Kontext der Weisheit letzter Schluss ist. Die Familienorientierung als +Perspektive der Sozialarbeiterin ist unabdingbar, aber sie muss nicht +in jedem Fall und sofort zu einer Einbeziehung der Familie in das +Setting führen. Oft benötigt das Opfer vor dem konkreten Einbezug +der Familie erst einen langsam aufgebauten, behutsamen und +vertrauensvollen Kontakt mit einer Helferin (Wegner 1997). Das +Familiensetting erfordert auch ein Schuldeingeständnis des Täters/der +Täterin (Trepper u. Barrett 1991). Liegt dieses bei Beginn der +professionellen Arbeit nicht vor, muss es zumindest eine gerichtliche +Benennung und Schuldzuerkennung geben. Dann – so die Strategie +von Madanes – kann die Therapeutin auf eine offizielle und +ernsthafte Entschuldigung des Täters/der Täterin beim Opfer +hinarbeiten. Gibt sich der Täter/die Täterin diesbezüglich wenig +zugänglich, scheut sie sich nicht, diese mit dem Verweis auf +richterliche Sanktionen zu erzwingen (Madanes 1991, 1997). In +diesem Fall zeigt sich, dass gerichtliche Therapieauflagen durchaus +von Nutzen sein können: Eine Blockade der Therapie kann die +Widerrufung einer Bewährungsauflage oder ein härteres Strafmaß +nach sich ziehen; manchmal erreicht man durch diese Drohung mehr diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/336.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/336.md new file mode 100644 index 0000000..c56c281 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/336.md @@ -0,0 +1,13 @@ +als durch Appelle an die Einsicht des Täters/der Täterin. Die Arbeit +mit +jugendlichen +Sexualstraftätern +in +der +Kinderund +Jugendpsychiatrie Viersen weist in die gleiche Richtung. Diese kann +erst beginnen, wenn die Eltern ihren Sohn wegen der Tat angezeigt +haben und ihn nicht mehr decken. Auch hier wird Zwang angewandt: +Erst wenn sich der Täter/die Täterin zu seiner/ihrer Verantwortung +bekennt und auch die Eltern das einfordern, kommt es zu einem +Hilfeangebot (siehe Rotthaus 2001). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/337.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/337.md new file mode 100644 index 0000000..0f679c6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/337.md @@ -0,0 +1,40 @@ +5.5 + +Der allgemeine Rahmen für die +methodisch gesicherte systemische +Soziale Arbeit: Einzelfallhilfe, soziale +Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit, +Arbeit in sozialen Organisationen und die +Qualitätssicherung + +Lange Zeit wurde die Diskussion zur Sozialarbeitspraxis von der so +genannten Methodentrias aus Einzelfallhilfe – Casework, sozialer +Gruppenarbeit – Group Work und Gemeinwesenarbeit – Community +Work beherrscht. Ihre Einführung war zu ihrer Zeit ein großer +Fortschritt, weil damit verschiedene Settings miteinander verknüpft +und innerhalb eines jeden die Frage nach dem systematischen, +methodischen und theoriebegründeten Vorgehen gestellt war. +Germain und Gitterman erweitern die „Methodentrias“ zu acht +„integrierten Modalitäten“: Arbeit mit Individuen, Familien, Gruppen, +sozialen Netzwerken, Gemeinden/Gemeinschaften (communities), +Bedingungen der materiellen Umwelt, Organisation und politische +Arbeit (Germain u. Gitterman 1983, S. 65). Shulman hingegen schlägt +deren Reduktion auf zwei Bereiche vor: „Casework family and group +work often are combined into ‚micro‘ or ‚clinical‘ practice. Community +organization practice has become more closely linked to policy and +management oriented social work in ‚macro‘ subgrouping“ (Shulman +1992, S. 19). Meines Erachtens lassen sich fünf primäre +Handlungsbereiche der Sozialen Arbeit benennen: Einzelfallhilfe, +sozialpädagogische Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit, Arbeit in +sozialen Organisationen und Qualitätssicherung. +Durch die Intervention der professionellen Sozialen Arbeit rückt +ein inneres und ein erweitertes Unterstützungssystem in den +Vordergrund. Das innere Unterstützungssystem wird von der +primären +Auftraggeberin +und +ihrem +„Mikrosystem“, +der +Sozialarbeiterin und der durch sie repräsentierten sozialen +Organisation sowie den kontinuierlich und direkt am Hilfeprozess diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/338.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/338.md new file mode 100644 index 0000000..438f2e7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/338.md @@ -0,0 +1,26 @@ +beteiligten Diensten/Einrichtungen/Personen gebildet. Das erweiterte +Unterstützungssystem bezieht darüber hinaus die am Hilfeprozess +indirekt und diskontinuierlich beteiligten Mikro-, Meso-, Exo- und +Makrosystemen mit ein. +In der Einzelfallhilfe wird die Verbindung zwischen dem Kern und +dem äußeren Feld des Unterstützungssystem formell durch eine +Case-Managerin gewährleistet. Im Rahmen der durch das KJHG +beschriebenen Jugendhilfe ist dies die Bezirkssozialarbeiterin des +ASD. +Im Rahmen der sozialen Gruppenarbeit gilt es zu beachten, dass +es hier nicht nur eine Auftraggeberin, sondern eine Gruppe von +Auftraggeberinnen gibt, die ein weiteres System innerhalb des +Unterstützungssystems bildet. +Die Gemeinwesenarbeit erweitert die Perspektiven von +Einzelfallhilfe und sozialer Gruppenarbeit. Zum Beispiel könnten sich +aus der sozialpädagogischen Arbeit mit einer Gruppe obdachloser +Menschen eine Aufklärungskampagne innerhalb des Gemeinwesens +oder Verhandlungen mit dem städtischen Wohnungsamt ergeben mit +dem Ziel, Wohnraum für diese Gruppe zu schaffen. Die Verknüpfung +von Exo- und Makrosystemen ist dagegen nicht an einen Einzelfall +gebunden, sondern soll günstige psychosoziale Entwicklungschancen +für alle im Gemeinwesen lebenden Menschen und speziell die hier +benennbaren Problemgruppen herstellen. In der Arbeit in sozialen +Organisationen werden die eigene soziale Organisation und ihre +Unterstützungsangebote, im Bereich der Qualitätssicherung die +Supervision und Selbstevaluation zum Thema. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/339.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/339.md new file mode 100644 index 0000000..1e95a15 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/339.md @@ -0,0 +1,50 @@ +5.5.1 Die Basiskompetenzen der Sozialarbeiterin +Germain +und +Gitterman +haben +fünf +Fertigkeiten +der +Sozialarbeiterinnen benannt: Befähigen, Explorieren, Mobilisieren, +Führen und Erleichtern (Germain u. Gitterman 1983, S. 171). +Shulman hat zwei Gruppen von „skills“ herausgearbeitet: „Skills for +helping clients to manage their feelings: reaching inside of silence, +putting the clients’ feelings into words, displaying understanding of +clients’ feelings, sharing workers’ feelings. Skills for helping clients to +manage their problems: clarifying workers’ purpose and role, +reaching for client feed back, partializing client concerns, supporting +clients in taboo areas“ (Shulman 1992, S. 24; Hervorh.: W. R.). Die +Betonung der systemischen Perspektive in der Sozialen Arbeit legt +andere Begriffe nahe, die allerdings viele Aspekte der von Germain +und Gitterman und von Shulman genannten Fähigkeiten enthalten. + +Die Bereitschaft zur Gestaltung dialogischer und demokratischkooperativer Beziehungssituationen im Arbeitsfeld. Dafür +hilfreiche Handlungsrichtlinien sind: jeder in der Sprechsituation +die gleichen Sprechchancen einräumen; eine kreisförmige +Sitzordnung +wählen; +die +eigenen +Erfahrungen +und +Kompetenzen selbstbewusst ins Spiel bringen und die der +Gesprächspartnerinnen +herausfordern; +Berichte, +Stellungnahmen und Gutachten mit ihnen absprechen; ihr +Einverständnis +einholen +und +bei +unüberbrückbaren +Meinungsverschiedenheiten die Unterschiede im Text darstellen; +Transparenz der Aktivitäten der Sozialarbeiterin im Umfeld des +engeren Unterstützungssystems. +Das Ausbalancieren von Nähe und Distanz zwischen +Sozialarbeiterin und Auftraggeberinnen. Dafür hilfreiche +Handlungsrichtlinien sind: auf die eigenen psychischen Impulse +wie Interesse, Begeisterung, Mitleid, Helfenwollen, Müdigkeit, +Wut, Resignation und Unlust als Hinweis auf eine gelungene +oder zu verändernde Nähe-Distanzregulierung achten (vgl. das +Konzept der „Resonanz“, Elkaim 1992). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/340.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/340.md new file mode 100644 index 0000000..c400a4c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/340.md @@ -0,0 +1,55 @@ +Die Allparteilichkeit immer wieder neu herstellen, aber deshalb +nicht auf den persönlichen Schutz von Opfern bei auftretenden +Gewalttätigkeiten +verzichten. +Dafür +hilfreiche +Handlungsrichtlinien +sind: +auf +die +Zirkularität +von +Kommunikationsabläufen im System durch entsprechende +Methoden fokussieren; Neugierde und Interesse für die +individuellen Alltagsbewältigungsmuster und Erfahrungen der +Auftraggeberinnen erhalten; Gewalt auch gegen familiäre +Tabugebote thematisieren und die in diesem Fall geforderte +Position des Eingriffs thematisieren. +Herausforderung und Stärkung von Selbstorganisationskräften +der Auftraggeberinnen und ihrer engeren bzw. erweiterten +Beziehungssysteme. Dafür hilfreiche Handlungsrichtlinien sind: +nichts tun, was die Auftraggeberinnen selbst tun könnten; +schrittweise Annäherungen an vereinbarte Handlungsziele +gemeinsam +planen; +Unterstützungsangebote +mit +Eigenaktivitäten der Auftraggeberinnen verknüpfen; auf die +Transparenz des eigenen Vorgehens und der eigenen Aufträge +für die Auftraggeberinnen achten; ihre Aufmerksamkeitsspanne +im Gespräch berücksichtigen. +Lösungs-, ressourcen-, auf die Sprache der Adressatinnen +bezogene +Problembeschreibungen, +entsprechende +Veränderungswünsche und Veränderungswege finden. Dafür +hilfreiche Handlungsrichtlinien sind: die Sprache, vor allem +zentrale Metaphern der Auftraggeberinnen, in die eigenen +Kommentare +einbauen; +auch +das +Schweigen +der +Auftraggeberinnen als kommunikative Botschaft wertschätzen +und damit einfühlsam umgehen;17 nach Situationen fragen, in +denen das Problem nicht auftritt, und auf deren genauer +Beschreibung bestehen; nach alltäglichen Abläufen, Ritualen +und der Tagesstruktur, aber auch nach den Handlungsabläufen +und Ritualen an besonderen Tagen fragen; hilfreiche +Beziehungen +thematisieren; +den +„Widerstand“ +als diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/341.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/341.md new file mode 100644 index 0000000..f5de06e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/341.md @@ -0,0 +1,22 @@ +Autonomiewunsch der Adressatinnen Sozialer Arbeit achten; +unterschiedliche Sichtweisen wertschätzen und verdeutlichen. +Hoffnung auf positive Veränderungen stärken. Dazu hilfreiche +Handlungsrichtlinien sind: Symptomen und Problemen eine +Bedeutung +im +Kontext +von +Lebensprozessen +und +Übergangskrisen geben; den Selbstwert der Auftraggeberinnen +durch ressourcenorientierte Problembeschreibungen und +Anerkennung der bisherigen Leistungen bei den Versuchen der +Problembewältigung stärken. +In kritischen Situationen „überleben“. Dazu hilfreiche +Handlungsrichtlinien sind: Teamarbeit und Supervision nutzen; +nicht gewinnen wollen und die Auftraggeberinnen im Hinblick +auf die Hilfeseite des Doppelmandates als den eindeutig +mächtigeren Teil des Unterstützungssystems achten; die +kognitive Strukturierung unübersichtlicher professioneller +Handlungssituationen unterstützen; die eigene Kompetenz +durch praxisbegleitende Fortbildungen bewusst sichern. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/342.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/342.md new file mode 100644 index 0000000..1359079 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/342.md @@ -0,0 +1,38 @@ +5.5.2 Die Einzelfallhilfe/Einzelfallarbeit (Casework) +Das Konzept der Einzelfallhilfe bezieht sich zunächst auf die Soziale +Arbeit mit einzelnen Auftraggeberinnen, Paaren und Familien. Wie im +weiteren Verlauf dieses Kapitels deutlich wird, kann sich auch +innerhalb dieser Hilfeform ein Ausflug in die Arbeit mit Gruppen und +im Gemeinwesen als nützlich erweisen. Allerdings erhalten diese +Ausweitungen dann den Status eines Segmentes der Einzelfallhilfe. +Das Ziel jeder Einzelfallhilfe bleibt immer die Befähigung der +Auftraggeberinnen, ihr Leben so zu ordnen, dass ein gelingender +Alltag möglich und Soziale Arbeit für sie überflüssig wird – kurzum: +Hilfe zur Selbsthilfe. +Alle Handlungsbereiche der Sozialen Arbeit, vor allem aber die +Einzelfallhilfe und die soziale Gruppenarbeit, sind mit der +Doppelstruktur von Angebot und Eingriff konfrontiert. Beide Aspekte +gehören zusammen: Sozialarbeit, insbesondere ihre jugendamtliche +Variante, bietet Hilfe an und handelt zugleich unter dem Vorbehalt +eines möglichen Eingriffs. Der Doppelstruktur korrespondiert die +Ambivalenz der Adressatinnen Sozialer Arbeit: Sie hätten gern Hilfe, +aber gegen die Kontrolle bzw. eine aus ihrer Sicht ungenügende oder +falsche Hilfe wehren sie sich. Eine ressourcenorientierte Soziale Arbeit +wird diese Haltung nicht als symptomatischen Widerstand gegen sie +interpretieren, sondern als Ausdruck des Autonomie- und +Selbstorganisationsbestrebens ihrer Adressatinnen. Noch deutlicher +wird diese Problematik, wenn durch ein Gericht oder das Jugendamt +eine Intervention der Sozialen Arbeit zur Auflage gemacht wird, um +eine Bestrafung auszusetzen oder einer Fremdunterbringung des +Kindes vorzubeugen. +In der Sozialen Arbeit gibt es eine lange Debatte, ob eine +Intervention unter Zwang hilfreich sein kann. Conen hat durch eine +prägnante +Formulierung +angeregt, +den +Gegensatz +von +Angebot/Freiwilligkeit und Eingriff/Zwang zu überwinden. Sie schlägt +vor, die Intervention mit einer von den Sozialarbeiterinnen offiziell +formulierten Anfangsfrage an ihre Auftraggeberinnen zu beginnen: diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/343.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/343.md new file mode 100644 index 0000000..616710c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/343.md @@ -0,0 +1,26 @@ +„Wie können wir Ihnen helfen, uns wieder loszuwerden?“ (Conen +1996a). +Damit wird das Kontrollinteresse in ein zeitlich begrenztes +Hilfeangebot +umgewandelt, +die +Eigenverantwortung +der +Auftraggeberinnen für das Gelingen der Hilfe betont und auf die +Bereitschaft der Sozialarbeiterinnen hingewiesen, sich nach der +Auftragserfüllung wieder zurückzuziehen. Diese Frage beinhaltet auch +die Möglichkeit, in der Anfangsphase das Unterstützungssystem durch +die Erarbeitung konkreter Themen und Ziele für die Kooperation von +Auftraggeberinnen und Sozialarbeiterin zu strukturieren: „Was wäre +ein Verhalten, das Soziale Arbeit überflüssig macht, welche +diesbezüglichen Hilfen benötigt die Familie hierfür von der +Sozialarbeiterin und umgekehrt diese von der Familie?“ +Diese Frage wird vor allem in den drei im weiteren Verlauf +beschrieben Formen der Einzelfallhilfe – Bezirkssozialarbeit des ASD, +sozialpädagogische Familienhilfe und aufsuchende Familientherapie – +wichtig. Dabei betritt die Sozialarbeiterin die Wohnung und damit den +inneren Raum der Familie. Dass hier die widerstrebenden Tendenzen +der Auftraggeberinnen besonders stark sind, ist unmittelbar plausibel. +Wer von uns wäre bereit, seine Wohnungstür für fremde Menschen +zu öffnen, deren Hilfeangebot mit so viel Neugierde auf die +Intimsphäre der Familie verknüpft ist? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/344.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/344.md new file mode 100644 index 0000000..396e74a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/344.md @@ -0,0 +1,43 @@ +5.5.2.1Psychoanalytische und nondirektive Zugänge zur +Einzelfallhilfe +Die Einzelfallhilfe orientierte sich bis in die Sechzigerjahre vor allem +an der Psychoanalyse. Im Sinne ihrer ichpsychologischen Variante +steht dabei nicht die Aufarbeitung der über die unbewussten +Fantasien gesteuerten Primärprozesse im Vordergrund. Ihr +Bezugspunkt sind die über das Ich gesteuerten Wahrnehmungs- und +Denkprozesse („Sekundärprozesse“). Sie sichern die Anpassung des +Individuums an die Umwelt und die innerpsychische Balance +zwischen Es und Über-Ich. Dadurch rückt die für die alltagsorientierte +Soziale Arbeit wichtige Hier-und-jetzt-Situation in den Brennpunkt. +Die im therapeutischen Setting zentrale Förderung und Deutung der +Übertragungsbeziehung erhält im Kontext der Sozialen Arbeit einen +weniger bedeutsamen Stellenwert. Die mit der Übertragung +verbundene psychische Regression in frühere Entwicklungsphasen18 +wird nicht gefördert, weil es um Alltagsbewältigung geht. Die +Alltagsprobleme der Adressatinnen Sozialer Arbeit erfordern +problemlösendes ichgesteuertes Handeln und nicht die an +Übertragungen anknüpfenden therapeutischen Reflexions- und +Einsichtsprozesse. Dennoch wird die diesem Ansatz verpflichtete +Sozialarbeiterin Übertragungen registrieren, durch welche die Klientin +sie z. B. in das Bild der alles gewährenden guten oder versagendbösen Mutter hineinzwängt. Das ist wichtig, um den Fallen der +Gegenübertragung19 zu entgehen, z. B. dem Angebot einer +Jugendlichen, mit ihrer Mutter um den Status der „besseren Mutter“ +zu konkurrieren. Das ist auch wichtig, um den Gefahren überhöhter +und +unrealistischer +Ansprüche +der +Auftraggeberinnen +entgegenzuwirken. Denn die im Zuge der Übertragung entstehenden +Zuschreibungen sind nicht einlösbar, und das führt zu tiefen +Enttäuschungen seitens der Auftraggeberin. +Neben der Psychoanalyse war es in den Sechziger- und +Siebzigerjahren +vor +allem +die +von +Rogers +begründete +personenzentrierte Gesprächstherapie, die Einfluss auf die +Einzelfallhilfe genommen hat (siehe Mees-Jacobi 1977). Im diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/345.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/345.md new file mode 100644 index 0000000..2ec3e16 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/345.md @@ -0,0 +1,27 @@ +Mittelpunkt von Rogers’ Ansatz steht ein optimistisches, die +Entwicklungsmöglichkeit jeder Person betonendes Menschenbild. Die +zunächst drei, später vier Therapeutinnenvariablen Echtheit, Wärme +und Empathie (Tausch u. Tausch 1990) und Konfrontation +strukturieren die Beziehungssituation zwischen Klientin und +Therapeutin +in +Verbindung +mit +deren +nondirektivem +Gesprächsverhalten. Dieses Muster ermöglicht es der Klientin, sich für +ihre eigenen Gedanken, Gefühle und Handlungsimpulse zu öffnen, sie +zu ordnen, zu verbalisieren und auf die gegenwärtige Lebenssituation +zu beziehen. Rogers nannte diesen Prozess Selbstexploration. Im +Rahmen +dieses +Prozesses +entdeckt +der +Mensch +seine +Entwicklungspotenziale, ihre Blockaden und die Möglichkeiten zu +deren Überwindung. Im persönlichen Wachstum kann er die Fixierung +auf alte Probleme, Beschränkungen und Missachtungen aufgeben, +denn er erkennt sich in seinen positiven Seiten als der Architekt +seines Selbst. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/346.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/346.md new file mode 100644 index 0000000..363f4e1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/346.md @@ -0,0 +1,40 @@ +5.5.2.2Die systemisch-familienorientierte Einzelfallarbeit in +der Jugendhilfe +Im letzten Jahrzehnt ist der systemische Ansatz für die Einzelfallarbeit +auch in Deutschland entdeckt wurden. In seinem Kontext ergibt es +Sinn, nicht nur die Arbeit mit einzelnen Auftraggeberinnen, sondern +auch die mit Paaren, ganzen Familien und ihren bedeutsamen +Netzwerken der Einzelfallhilfe zuzurechnen. Darüber hinaus legt die +Familienund +Netzwerkorientierung +des +Kinderund +Jugendhilfegesetzes nahe, die Einzelfallarbeit in der Jugendhilfe +systemisch zu konzeptualisieren. +Neben den Konzepten für die systemische Arbeit mit Familien gibt +es inzwischen auch solche für die systemische Arbeit mit Paaren +(Massing u. Reich 2000; Ebbecke-Nohlen 2000; Willi 2000; von +Thiedemann u. Jellouscheck 2000) und Einzelnen (Weiss 1988; +Boscolo u. Bertrando 1997). Darüber hinaus wurde die systemische +Arbeit mit besonderen Problembereichen wie Anorexie (Weber u. +Stierlin 1989; Selvini Palazzoli 1982; Selvini Palazzoli et al. 1999), +Bulimie (Gröne 1995; Dübner-Gee 1999; Selvini Palazzoli et al. 1999), +Psychosen (Simon 1990; Retzer 1994; Selvini Palazzoli et al. 1989), +Angststörungen (Häuser u. Eher 2000), Inzest (Trepper u. Barret +1991), Sucht (Erbach u. Richelshagen 1989; Herwig-Lempp 1994) +und +„Multiproblemfamilien“ +(Goldbrunner +1989) +eingehend +beschrieben. Der systemische Ansatz wurde auch auf spezifische +institutionelle Kontexte zugeschnitten, z. B. das Jugendamt (BrandlNebehay u. Russinger 1995), Heime (Simmen 1988; Schindler 1996), +Psychiatrie (Ritscher 1992; Schweitzer u. Schumacher 1995; Keller u. +Greve 1996), Erziehungsberatung (Hahn u. Müller 1993) und Schulen +(Storath 1998; Leonhardt 1998). Die Orientierung an den +Lebenslagen ihrer Auftraggeberinnen hat zunächst durch die Arbeiten +zur Gender-Thematik (Walters et al. 1991; Rücker-Emden-Jonasch u. +Ebbecke-Nohlen 1992) Eingang in die systemische Praxis gefunden +und ist dann auf unterschiedliche Lebensformen, u. a. die Arbeit mit +Stieffamilien (Krähenbühl et al. 1991) und schwulen Paaren (Symalla +u. Walther 1997), ausgeweitet worden. Auch die Beziehung zwischen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/347.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/347.md new file mode 100644 index 0000000..e722500 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/347.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Problemen, Problemlagen und gesellschaftlichen Einflussfaktoren wird +zunehmend ein Thema der Systemtherapie (Ritscher 1991). Damit +wird die Kontextabhängigkeit aller systemischen Prozesse – eines der +grundlegenden systemischen Prinzipen – in ihrer ganzen Tragweite +anerkannt. Dass Soziale Arbeit mit Familien spezielle an den +Aufträgen und den ökosozialen Systemebenen orientierte +Handlungsformen benötigt, haben Kim Berg (Kim Berg 1992) und +Imber-Black (Imber-Black 1990) gezeigt. Dies ist auch eine +grundlegende These der vorliegenden Arbeit. +Eine systemisch begründete Einzelfallarbeit kann auf den Vorteil +verweisen, dass sie sich nahtlos in das Gesamtkonzept einer Sozialen +Arbeit auf systemischer Grundlage einfügen lässt und theoretische, +methodische, kontextuelle Verbindungen zu den anderen +Handlungsbereichen – sozialer Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit, +Arbeit in sozialen Organisationen und Qualitätssicherung – aufweist. +Hilfreich für die systemische Soziale Arbeit ist ein von Shulman +beschriebenes Prozessmodell der Einzelfallhilfe. Er identifizierte vier +Phasen des Hilfeprozesses (Shulman 1992, S. 53 ff.): „preliminary“ – +alles, was sich vor dem Erstgespräch ereignet und es strukturell +beeinflusst, z. B. der institutionelle Kontext, kulturelle Einstellungen +zu Krankheit, Not, Hilfsbedürftigkeit und öffentliche Hilfen; „beginning +and contracting“ – die Phase, in der ein „Arbeitsbündnis“ (Stierlin et +al. 1977) angestrebt und eventuell erreicht wird; „the middle or work +phase“ – hier geht es um die direkte Arbeit am benannten Problem; +„ending and transition phase of practice“ – Abschluss der +gemeinsamen Arbeit und die Öffnung für neue Erfahrungen und +alltägliche Unterstützungssysteme. Mithilfe dieses Phasenmodells +lässt sich ein längerfristiger Beratungsprozess strukturieren. Es ist +auch in der alltäglichen Bezirkssozialarbeit anwendbar; z. B. erhalten +dadurch diskontinuierliche und sich über einen langen Zeitraum +hinweg erstreckende Kontakte einen inneren roten Faden, der das +systematische und zielorientierte Handeln erleichtert. +Um die mit den Auftraggeberinnen gemeinsam festgelegten Ziele +durch Einzelfallhilfe zu erreichen, ist eine Orientierung an den diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/348.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/348.md new file mode 100644 index 0000000..0118bec --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/348.md @@ -0,0 +1,27 @@ +spezifischen Problemlagen, eine Beschreibung ihrer Lebenslage sowie +der darin enthaltenen Spielräume und Ressourcen erforderlich. Aus +einer differenzierten Einschätzung der Lebenssituation ergeben sich +die für eine erfolgreiche professionelle Unterstützung erforderlichen +„Handlungsformen“ und die ihnen zuzuordnenden Methoden. Die +Ansatzpunkte einer in diesem Sinne systemischen Einzelfallarbeit +können mithilfe des im dritten Kapitel dargestellten ökosozialen +Modells der Systemebenen identifiziert werden. Zum Beispiel +erfordert die Problemlage Austauschprobleme und das darin +offenkundige spezifische Problem eines geringen Selbstwertgefühls +und hohen Misserfolgsmotivs den genauen Blick auf die Mikro- und +Mesosysteme. Bei der Lebenslage allein erziehende Mutter ergeben +sich dann folgende Fragen: „Welche Beeinträchtigungen gibt es im +Kontakt- und Kooperationsspielraum?“ Eventuell wohnen in der +Nachbarschaft keine Familien mit kleinen Kindern. „Welche +Ressourcen lassen sich benennen, vielleicht eine die klassische +Familienform lebende Lieblingsschwester in der nächsten Stadt?“ Um +sie zu besuchen, muss die Auftraggeberin öffentliche Verkehrsmittel +benutzen. „Lässt ihr Erwerbs- und Einkommensspielraum das zu? – +Wenn nicht, lassen sich hierfür finanzielle Quellen erschließen?“ – +„Sollte die Intervention der Sozialarbeiterin sich eher auf das +Mikrosystem der Familie richten, oder steht die Milderung der +Ausstattungsprobleme der Auftraggeberin im Vordergrund?“ +Ich möchte nun im Folgenden drei Formen der Einzelfallarbeit mit +Familien im Arbeitsfeld der Jugendhilfe darstellen: familienorientierte +Arbeit im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), sozialpädagogische +Familienhilfe (SPFH) und aufsuchende Familientherapie. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/349.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/349.md new file mode 100644 index 0000000..89ebcd3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/349.md @@ -0,0 +1,41 @@ +5.5.2.2.1 Familienorientierte Arbeit in der Bezirkssozialarbeit des +Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) +Der ASD bildet den Kern der institutionellen jugendamtlichen +Sozialarbeit. Er organisiert die im Kinder- und Jugendhilfegesetz +(BfFSFJ 1999) ausführlich beschriebene und rechtlich festgelegte Hilfe +für Kinder, Jugendliche und ihre Familien und führt sie z. T. selbst +durch. Er überweist an Spezialdienste, übernimmt das CaseManagement in Fällen, bei denen mehrere Träger der sozialen, +psychosozialen und sozialmedizinischen Arbeit beteiligt sind, und +vermittelt innerhalb der kommunalen Sozialadministration die +Verbindung zur wirtschaftlichen Jugend- und Sozialhilfe. Der ASD wird +von Rat- bzw. Unterstützung wünschenden Eltern und Jugendlichen +aufgesucht. Er setzt sich selbst aufgrund von Informationen Dritter +über sozial auffällige Verhaltensweisen von Kindern und +Jugendlichen, wie Verweigerung des Schulbesuches, familiäre Gewalt +und andere Spielarten der Kindeswohlgefährdung, mit den +betreffenden Familien in Verbindung. In Trennungs- und +Scheidungsverfahren hat er die Pflicht zur Stellungnahme beim +Familiengericht. +Kommt +es +zu +einer +längerfristigen +Jugendhilfemaßnahme, ist der ASD zur Erstellung eines Hilfeplanes +verpflichtet, der Dauer, Ziel und Art der Maßnahme(n) unter Einbezug +der beteiligten Organisationen, Einrichtungen, Privatpraxen festlegt +und kontinuierlich evaluiert. Aus diesem Aufgabenspektrum leitet sich +die Funktion des ASD als koordinierende Instanz innerhalb eines +Unterstützungsnetzwerkes ab. +Darüber hinaus kann er auch selbst die langfristige Arbeit vor +allem in den Hilfeformen Beratung, Verhandlung, Intervention, und +Vertretung übernehmen. Im Sinn einer ganzheitlichen und die +berufliche Identität stärkenden Sozialen Arbeit halte ich es sogar für +notwendig, dass der ASD in der Lage ist, auch nach einem +Erstkontakt die weitere, Spezialwissen erfordernde therapeutische +Familiensozialarbeit +jenseits +administrativer, +rechtlicher, +koordinierender und begleitender Funktionen zu übernehmen. Dann +können die ASD-Mitarbeiterinnen gegenüber den anderen am diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/350.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/350.md new file mode 100644 index 0000000..e0ed73b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/350.md @@ -0,0 +1,43 @@ +Unterstützungsnetzwerk beteiligten Einrichtungen und Personen als +Dialogpartnerinnen auftreten, die ihr Gewicht nicht allein durch die +Maßnahmen- und Mittelgewährung, sondern auch die eigene +Praxiskompetenz erhalten. +In Trennungs- und Scheidungsverfahren kann der ASD neben +der Klärung des Sorge- und Umgangsrechtes auch die +inzwischen als eigenständiges Verfahren etablierte Mediation +(Duss-von Werdt 1998; Bastard u. Cardia-Vonèche 1992; +Mähler u. Mähler 1992; Proksch 1992) anbieten, um eine +einvernehmliche und am Wohle der Scheidungskinder +orientierte +Auflösung +der +elterlichen +Paarbeziehung +anzustreben. +In akuten oder chronischen Familienkrisen kann der ASD eine +längerfristige +Beratung/Therapie +oder +zumindest +die +Vorbereitung einer weiterführenden Maßnahme, z. B. einer +Heimunterbringung, mithilfe systemisch-familientherapeutischer +Konzepte durchführen. +Auch eine fachlich kompetente Sozial„diagnose“, die daraus +abzuleitenden Maßnahmen und eine Begleitung des von +anderen +Organisationen/Einrichtungen +getragenen +Hilfeprozesses erfordert ein fundiertes Praxiswissen über +Arbeitsfelder, Verfahren und Methoden. Bei der Sozial„diganose“ +ist der systemische Ansatz mit dem durch ihn systematisierten +Blick auf das personale und institutionelle Beziehungsgefüge +sowie dessen kontextuelle Einbettung besonders nützlich. +Bei Einzelhilfemaßnahmen wie der Erziehungsbeistandschaft +(EZB, KJHG § 30) oder der intensiven sozialpädagogischen +Einzelbetreuung (ISE, KJHG § 35) bietet sich hingegen die +Übergabe an eine eigenständige Einrichtung oder eine +freiberufliche Sozialarbeiterin an. Denn die bei diesen +Maßnahmen erforderliche Nähe zum Kind bzw. der +Jugendlichen macht es dem ASD schwer, die Position der +Allparteilichkeit zu wahren, d. h., mit gleichem Ernst die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/351.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/351.md new file mode 100644 index 0000000..c947c1d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/351.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Perspektive der Eltern zu berücksichtigen (siehe Beiderwieten, +Windaos u. Wolff 1990). +In der Arbeit des ASD werden die beiden Pole Angebot und Eingriff +besonders deutlich. Einerseits muss Sozialarbeit bestimmte +gesellschaftliche Standards vertreten und kann Abweichungen davon +nur bis zu einem bestimmten Grad tolerieren. Eine substanzielle +Kindeswohlgefährdung wiegt immer schwerer als das Elternrecht und +erfordert in der Terminologie von Lüssi „Interventionen“ – +kontrollierende und exekutive Maßnahmen, die sich zunächst am +Schutz des Kindes und erst sekundär an der Hilfe für die Eltern +orientieren. Diese sollte aber immer als solchen „Interventionen“ +nachfolgende Option bedacht werden. Sie beginnt schon mit dem +Versuch, der „Inobhutnahme“ (KJHG, §§ 42 u. 43) neben dem Schutz +für das Kind auch einen auf die Eltern bezogenen Bedeutungsrahmen +zu geben. Sie könnte definiert werden als Schutz für die Eltern in +einer Krisensituation, in der sie den Überblick und die notwendige +erzieherische Distanz verloren haben. Ein solches Reframing führt zu +Hilfeangeboten für die Eltern, damit sie in künftigen Krisensituationen +überlegter und zurückhaltender handeln können. Dieser Prozess kann +mit einer professionell unterstützten Rückkehr des Kindes in seine +Familie abgeschlossen werden. So kann jeder Eingriff auch eine Hilfe +beinhalten. Umgekehrt wird jedes Angebot für die Familie auch mit +der kontrollierenden Frage verbunden sein, ob das Kindeswohl allein +durch stützende Maßnahmen gesichert werden kann. +Bei jeder Maßnahme des ASD müssen die beiden Pole der +Doppelstruktur von Angebot und Eingriff zusammen gedacht werden, +auch wenn jeweils der eine von beiden im Zentrum der +Aufmerksamkeit steht. Hier kann nur von Fall zu Fall und Situation zu +Situation entschieden werden; die entsprechenden Gratwanderungen +sind nicht durch allgemeine Handlungsanweisungen zu verhindern, +und das Risiko einer falschen Entscheidung ist prinzipiell immer +gegeben. Wichtig ist vor allem die Transparenz für die Adressatinnen +Sozialer Arbeit: Sie müssen wissen, dass beides zur Sozialarbeit +gehört – wie auch das Dritte, das „gemeinsame Handeln“ (Müller diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/352.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/352.md new file mode 100644 index 0000000..3e1a780 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/352.md @@ -0,0 +1,2 @@ +1993, S. 20 ff.); Letzteres verbindet das direktive professionelle +Handeln mit der Möglichkeit der Ablehnung durch die Adressatinnen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/353.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/353.md new file mode 100644 index 0000000..b575f0a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/353.md @@ -0,0 +1,37 @@ +5.5.2.2.2 Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) +Die sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) kann als Prototyp für die +Möglichkeit einer systemischen Fundierung der Sozialen Arbeit und +ihrer Kombination mit dem Methodeninventar der Familientherapie +gelten. Das allgemeinste Ziel der SPFH lässt sich folgendermaßen +formulieren: Unterstützung der Familie in der Familie, um sie zu +befähigen, ihren Alltag so zu organisieren, dass in ihm eine bezogene +Individuation (siehe Stierlin 1977) des Kindes möglich wird. Die SPFH +ist eine Umsetzung des Prinzips der Alltagsorientierung: Die +Familienhelferin trifft sich im Kontext des familiären Alltags +wöchentlich zwischen fünf und 15 Stunden mit allen bzw. +verschiedenen Familienmitgliedern, um mit ihnen zusammen neue +Lösungswege für alte Probleme zu finden und auszuprobieren. +In der SPFH verbinden sich mehrere Komponenten der Sozialen +Arbeit zu einer Hilfe für in akuten psychosozialen Notlagen befindliche +Familien. +Kommund +Gehstruktur: +Die +sozialpädagogische +Familienhelferin arbeitet mit der auftraggebenden Familie +einerseits in deren Wohnung und dem zugehörigen +Wohnumfeld zusammen, andererseits finden bestimmte +Kontakte in den Diensträumen des SPFH-Trägers statt. Welche +dieser beiden Seiten gewählt wird, hängt von der aktuellen +Situation ab. Die oft besonders nützlichen, weil sich spontan +ergebenden und von einer entsprechenden Akzeptanz seitens +der Familienmitglieder begleiteten „Gespräche zwischen Tür +und Angel“ benötigen den Rahmen der Familienwohnung, weil +nur hier der Kontext für spontan sich ergebende +Kontaktsituationen besteht. Auch können in der Wohnung viele +heikle Themen leichter angesprochen werden, weil der +„Heimvorteil“ der Familie eine größere Sicherheit vermittelt. +Steht die Organisation des Haushaltes und die Tagesstruktur +der Familie auf der Tagesordnung, bietet sich die Wohnung als +Kontext für Rollenspiele zu Situationen des Familienalltages an. +Beim Spiel der Familienhelferin mit den Kindern können die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/354.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/354.md new file mode 100644 index 0000000..f086f24 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/354.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Eltern in der eigenen Wohnung leichter mit einbezogen werden +– wenn der Kontakt zwischen Eltern und Kindern über das +Spielen intensiviert werden soll. Hausaufgabenhilfe für +Schulkinder sollte in deren Zimmer oder an einem ruhigen Platz +in der Wohnung stattfinden. Bei der Anwesenheit der +Familienhelferin in der Wohnung können irgendwann alle +Familienmitglieder erreicht werden, auch dann, wenn sie sich +ihr lieber entziehen möchten. +Die Indikation wird durch diese Beispiele deutlich: Immer +dann, wenn es um das Gelingen des Familienalltages geht, +wenn in seinem Kontext Räume für persönliche Entwicklungen +definiert werden sollen, wenn es gilt, Grenzen zu ziehen und zu +respektieren, ist der Besuch in der Familienwohnung, also die +Gehstruktur, angezeigt. Wenn hingegen die Öffnung der Familie +nach außen, ihre Integration in das Wohnumfeld bzw. das +Gemeinwesen, die Überwindung sozialer Ängste oder die +Betonung einer durch einen formellen Kontext unterstrichenen +Botschaft auf der Tagesordnung stehen, bietet sich die +Kommstruktur oder das Treffen an einem dritten Ort an. Es +kann nützlich sein, Gespräche mit dem Elternpaar zur +Verbesserung ihrer Paarbeziehung in den Räumen der +Familienhilfe, Erziehungsberatungsgespräche hingegen in der +Wohnung durchzuführen. Die in diesem Setting enthaltene +Botschaft heißt: „Für die Paarbeziehung gilt es, sich auch +Räume und Themen jenseits der Familie zu suchen, die +Erziehung der Kinder hingegen erfordert Engagement und +Präsenz in der Familie.“ Das Treffen der Familienhelferin mit der +Mutter in einem Café kann die Botschaft „Auch eine fürsorgliche +Mutter hat das Recht auf Spielräume außerhalb der Familie“ +sozialräumlich unterstreichen. Und die Einladung an das +Schulkind, heute die Hausaufgaben außerhalb der Wohnung zu +machen und anschließend ein Eis essen zu gehen, kann die +dyadische Beziehung zwischen ihm und der Familienhelferin +betonen und intensivieren. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/355.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/355.md new file mode 100644 index 0000000..d174262 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/355.md @@ -0,0 +1,52 @@ +Familientherapie, +sozialpädagogisches +Handeln +und +ressourcenaktivierende Sozialarbeit: Die SPFH kann innerhalb +ihres allgemeinen Auftrages verschiedene Themenkomplexe in +unterschiedlicher Zusammensetzung, mit unterschiedlichen +Verfahren +und +Methoden +bearbeiten. +Um +die +Erziehungskompetenz +der +Eltern +zu +stärken, +mag +Erziehungsberatung angezeigt sein, die Verbesserung der +Elternbeziehung legt vielleicht therapeutische Paargespräche +nahe, und um verbindliche Regeln des Familienalltages +festzulegen, können Gespräche mit der ganzen Familie hilfreich +sein. Hausaufgabenhilfe für leistungsschwache Kinder kann ein +Beitrag zum Abbau ihrer Misserfolgsorientierung sein, ein +gemeinsamer Besuch im Jugendzentrum und ein Gespräch mit +der dort tätigen Sozialarbeiterin den Weg zum Kontakt mit +Gleichaltrigen weisen. Mutter und Vater werden durch +getrennte und gemeinsame Gespräche bzw. gemeinsame +Aktivitäten +in +ihrer +Fürsorgefunktion +gestärkt. +Die +Unterstützung bei Behördengängen und -briefen soll sie +befähigen, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen; und der +Rat, sich an eine Schuldnerberatungsstelle zu wenden, enthält +die Botschaft, dass sich desolate finanzielle Verhältnisse und +Finanzgebaren mit professioneller Hilfe verändern lassen. Dass +die Sozialarbeiterin ihre Hilfe im Auftrag des Jugendamtes +anbietet, bringt immer auch die Problematik der Doppelstruktur +von Angebot und Eingriff ins Spiel. Der Frage nach ihrer +Vertrauenswürdigkeit muss sich die Sozialarbeiterin stellen, +indem sie mit der Familie klare Abmachungen darüber trifft, +welche Informationen an das Jugendamt weitergegeben und +welche innerhalb des Familienhilfesystems verbleiben und dort +weiterbearbeitet werden. +Einzelfallhilfe, soziale Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit: +Die SPFH ist zunächst als familienorientierte Einzelfallhilfe +definiert. In einem erweiterten Konzept integriert sie auch +Formen der sozialen Gruppenarbeit, z. B. wenn der Träger der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/356.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/356.md new file mode 100644 index 0000000..d0398e1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/356.md @@ -0,0 +1,46 @@ +SPFH eine Freizeit für die von seinen Familienhelferinnen +betreuten +Familien +veranstaltet, +familienübergreifende +Hausaufgabenhilfegruppen für Kinder (eventuell zusammen mit +ihren Eltern) organisiert oder Gesprächsrunden für die Eltern +anbietet. Gemeinwesenarbeit findet statt, wenn die Leitung +eines SPFH-Teams an der Erstellung eines kommunalen +Jugendhilfeberichtes +mitwirkt, +ihre +Arbeit +im +Jugendhilfeausschuss des Kreistages vorstellt oder etwa an +einer Initiative für einen Abenteuerspielplatz beteiligt ist. +Case-Management des ASD unter Einbezug eines speziellen +SPFH-Dienstes des Jugendamtes oder eines freien Trägers: +Üblicherweise schlägt die Bezirkssozialarbeiterin einer Familie +die SPFH als Jugendhilfemaßnahme vor. Ist diese damit +einverstanden, wird von der Bezirkssozialarbeiterin ein erstes +Gespräch zwischen ihr, einer möglichen Familienhelferin und der +Familie einberufen, das üblicherweise in der Familienwohnung +stattfindet. Kommt eine Einigung dieser drei Parteien auf eine +Auftragserteilung zustande (die Familie beauftragt das +Jugendamt, das Jugendamt den SPFH-Dienst und dieser seine +Mitarbeiterin), zieht sich die Bezirkssozialarbeiterin in die +Funktion des Case-Managements zurück. Bei ihr verbleibt die +Verantwortung für die Erstellung, Umsetzung und Evaluierung +des Hilfeplanes und letztlich die Kontrollfunktion hinsichtlich der +Sicherung des Kindeswohles. +Angebot und Eingriff: Obwohl die Familienhelferin die +Angebotsseite Sozialer Arbeit vertritt, kann auch sie den +Eingriffsaspekt nicht völlig außer Acht lassen. Der +beauftragende ASD und damit das Jugendamt erwarten von der +Familienhilfe eine Verbesserung der familiären Situation, +eventuell auch die Abwendung einer weiter reichenden und +kostenintensiveren Maßnahme. Sollte das Familienhilfesystem +nach vielen Bemühungen keinerlei Entwicklungsschritte in der +gewünschten +Richtung +zeigen, +ist +die +zuständige +Bezirkssozialarbeiterin darüber zu informieren. Sie ist diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/357.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/357.md new file mode 100644 index 0000000..10e7781 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/357.md @@ -0,0 +1,34 @@ +verpflichtet, mit öffentlichen Mitteln sparsam umzugehen und +die aufgewendeten Gelder zweckdienlich einzusetzen. Auch +familiäre Gewalttaten bringen immer die Frage mit sich, ob die +Familienhelferin das Jugendamt zu diesem Zeitpunkt darüber +informieren muss oder noch abwarten kann. Denn die +Bezirkssozialarbeiterin und das Jugendamt stehen in der +öffentlichen Verantwortung und müssen eventuell vor Gericht +rechtfertigen, warum ein Kind in der Familie belassen wurde, +obwohl es gefährdet war. Die mögliche Eingriffsfunktion der +Familienhelferin ist also eine indirekte und bezieht sich auf die +Pflicht zur Information der ASD-Mitarbeiterin, die in einem +entsprechenden Fall dann die direkte Kontrolle übernehmen +muss. +Die vielen Situationen der Begegnung mit dem gesamten +Familiensystem oder seinen Subsystemen im Familienalltag erfordern +von der Familienhelferin eine besondere Fähigkeit des Joinings, d. h. +des Anschlusses an das Familiensystem. Einerseits wird sie immer +wieder in Versuchung geraten, sich mit einem Familienmitglied oder +einem Teilsystem gegen die anderen zu verbünden, z. B. mit dem +vernachlässigten Kind gegen die Eltern oder mit der Mutter gegen +den Vater. Hier besteht allein durch das Setting die Gefahr des +Verlustes der Allparteilichkeit. Andererseits entsteht durch die vielen +Alltagskontakte mit der Familie ein Sog, sich in das Familienspiel +integrieren zu lassen und eine für die Veränderung eher hinderliche +Rolle zu übernehmen. Man wird dann zur x-ten Sozialarbeiterin, die +der Familie Vorhaltungen macht und deshalb als nützliche +Außenfeindin für den Familienzusammenhalt sorgt; zu einer guten +Tante, die viel hilft, aber nichts zu sagen hat; oder zu einer +Übermutter, die alles besser kann und deshalb die Familienmitglieder +zur Regression in Abhängigkeitspositionen ermuntert. Ihr Handeln +muss also einen Unterschied zum bisherigen Familienalltag und +bisherigen professionellen Hilfen setzen: Sie ist Sozialarbeiterin, aber +sie bemüht sich, der Familie nicht ihre eigene Vorstellung des guten +Lebens überzustülpen; sie will helfen, aber sie ermuntert die Familie diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/358.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/358.md new file mode 100644 index 0000000..22a0ba1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/358.md @@ -0,0 +1,5 @@ +zur Eigeninitiative; sie bietet ihre Empathie an, aber ohne die Familie +aus ihrer Eigenverantwortung zu entlassen. Eine Gratwanderung +zwischen zu viel Identifikation mit und zu viel Distanzierung von der +Familie ermöglicht das Joining und die Bildung eines produktiven +Arbeitsbündnisses. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/359.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/359.md new file mode 100644 index 0000000..fdefef1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/359.md @@ -0,0 +1,34 @@ +5.5.2.2.3 Aufsuchende Familientherapie (AFT) +Dieselbe Aufgabe einer Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz +muss das Team in der aufsuchenden Familientherapie (AFT) leisten. +Denn auch hier verführt die professionelle Arbeit in der Wohnung der +Familie (Gehstruktur) zur Aufgabe der Allparteilichkeit und der +Übernahme einer zugunsten der Veränderung ungefährlichen Rolle im +Familienspiel. Deshalb ist die Teamarbeit hier von ganz besonderer +Bedeutung, denn die Kolleginnen können sich unterstützen. Das +geschieht einerseits durch Rückmeldungen im Gespräch selbst, in der +Pause oder nach dem Gespräch. Diese gegenseitige Unterstützung +lässt sich auch durch verteilte Rollen erreichen. Das mit der Familie +befasste Zweierteam sollte gegengeschlechtlich besetzt sein. Die +männlichen Mitglieder der Familie können sich dann mit dem +männlichen Kollegen identifizieren, die weiblichen mit der Kollegin. +Umgekehrt fällt es vielleicht der Kollegin leichter, sich „in die Schuhe +der Mutter zu stellen“. Eine gegengeschlechtliche Teambesetzung ist +also für das gesamte Unterstützungssystem eine Ressource für +Empathie, Identifikation, Modelllernen und die Methode des Splittings +(7.6.3.2). Die Kollegin kann z. B. eine eher mütterlich-empathische +Rolle einnehmen und die Familie in ihrem „Sosein“ unterstützen; der +Kollege übernimmt aus einer eher distanzierten Position heraus die +Rolle des problematische Themen bzw. Muster benennenden +Beobachters. Die Teamarbeit ist auch rein praktisch von großer +Bedeutung, weil sich die Sozialarbeiterinnen im Fall von Krankheit +oder Urlaub gegenseitig vertreten können. Da das Konzept der AFT +nach Conen einen Zeitraum zwischen neun und zwölf Monaten +umfasst (bei einer zwei- bis dreistündigen Sitzung pro Woche oder im +14-tägigen Abstand), ist es besonders wichtig, Unterbrechungen in +diesem intensiven Prozess zu vermeiden. +Die auf neun bis zwölf Monate festgelegte Zeitdauer einer AFT +wird von Conen mit amerikanischen Untersuchungen zur Veränderung +in therapeutischen Prozessen begründet (Conen 1996b, S. 159). +Diese besagen, dass Veränderungsziele, die nach ca. neun Monaten +noch nicht erreicht wurden, selten in späteren Zeiten eines länger diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/360.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/360.md new file mode 100644 index 0000000..c2e3d06 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/360.md @@ -0,0 +1,42 @@ +dauernden therapeutischen Prozesses erreicht werden.20 Die AFT +geht also von der Prämisse aus, dass der Familie durch +therapeutische Angebote ein begrüßenswerter Unterschied zu ihrer +bisherigen Lebensweise nahe gebracht wird und sich das System für +verändernde Informationen öffnet. In einem sich selbst +verstärkenden +eigendynamischen +Prozess +werden +diese +Veränderungen weitere Veränderungen nach sich ziehen, weil die +befürchteten negativen Konsequenzen ausbleiben. +Auch in der AFT erhält die Doppelstruktur von Angebot und +Eingriff durch die Gehstruktur eine besondere Prägnanz. Einerseits +gilt es für die Familie, sich in den therapeutischen Gesprächen mit +ihren Schwächen, Ängsten, Fehlern zu zeigen; andererseits steht die +Frage im Raum, ob das Jugendamt über diese „Defizite“ informiert +wird und irgendwann als zürnender Zeus mit seinem Donnerkeil die +Familie spaltet. Wie in der SPFH, ist deshalb auch hier eine klare +Vereinbarung darüber gefordert, über was und auf welchem Wege +das Jugendamt informiert wird. Denn die systemische Ausrichtung +der Sozialen Arbeit erfordert eine Kooperation zwischen Familie, +Familienhelferin und Jugendamt. Eine in diesem Kontext angesiedelte +Systemtherapie sucht die Integration in ein professionelles +psychosoziales Unterstützungssystem, das von der zuständigen +Bezirkssozialarbeiterin als Case-Managerin organisiert wird. Ihre +diesbezügliche Verantwortlichkeit symbolisiert sich in der Funktion, +auf die Erstellung des Hilfeplans, seine Überprüfung, Fortschreibung, +Veränderung und abschließende Evaluation zu achten sowie die +entsprechenden Hilfeplangespräche zu leiten. +Die erste Phase (preliminary) der AFT ist durch die Aufnahme der +Beziehung +zwischen +Bezirkssozialarbeiterin +und +Familie +gekennzeichnet. Sie dient dem „Anwärmen“ der Familie für eine +professionelle Hilfe zur Selbsthilfe und der Erstellung einer +Sozialdiagnose im Rahmen mehrerer Familieninterviews. Schon hier +erweist sich die Gehstruktur der AFT als ein Vorteil. Durch sie werden +Familien erreicht, die niemals den Fuß über die Schwelle einer +Beratungsstelle oder therapeutischen Privatpraxis gesetzt hätten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/361.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/361.md new file mode 100644 index 0000000..43ee580 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/361.md @@ -0,0 +1,48 @@ +Wenn sich aus diesen Erstkontakten die Nützlichkeit einer +Familientherapie für die Auflösung des benannten Problems bzw. +einen hilfreicheren Umgang mit ihm ergibt, kann die +Bezirkssozialarbeiterin der Familie einen entsprechenden Vorschlag +machen. Wird er akzeptiert, initiiert sie einen ersten Termin für das +aus Familie, therapeutischem Team und Bezirkssozialarbeiterin +bestehende +Familienhilfesystem. +Der +Sicherheit +gebende +„Heimvorteil“ erleichtert der Familie den ersten Kontakt zwischen ihr +und dem familientherapeutischen Team. +Damit tritt die AFT in ihre zweite Phase (beginning and +contracting) ein. Sie ist durch das Ziel eines Arbeitsbündnisses und +der darin enthaltenen Auftragserteilung gekennzeichnet. In der +gemeinsamen Beziehungsarbeit, die seitens der Therapeutinnen +durch Empathie, Toleranz, Interesse für die familiäre Lebenswelt und +Standfestigkeit gegenüber den Versuchen, sie in Koalitionen +einzubinden, gekennzeichnet ist, entsteht bei der Familie Hoffnung +auf die Veränderbarkeit ihrer problematischen Situation. Ihr Anteil an +der Beziehungsarbeit besteht in dieser Phase in der Bereitschaft, die +Therapeutinnen in ihrer Wohnung und damit ihrer Lebenswelt +willkommen zu heißen und mit ihnen ihm Rahmen eines zeitlich +begrenzten Unterstützungssystems zu kooperieren. +In der dritten Phase (the middle or work phase) stehen die in der +zweiten Phase thematisierten Erwartungen, Hoffnungen und Aufträge +auf +dem +Prüfstand +der +Realisierbarkeit. +Können +die +Auftraggeberinnen ihre Ambivalenz hinsichtlich der professionellen +Unterstützung mindern? Können die Therapeutinnen sie akzeptieren +und produktiv nutzen? Können die inneren Ressourcen des +Familiensystems, also Interesse an Veränderung, wechselseitige +Akzeptanz und Solidarität, Fürsorglichkeit und Begrenzung, +erschlossen und mit äußeren Ressourcen wie sozialer Anerkennung in +Nachbarschaft und Schule, materieller Unterstützung und einem +eigenen Erwerbseinkommen verknüpft werden? In dieser Phase +benötigen +die +Sozialarbeiterinnen +eine +Vielzahl +familientherapeutischer Methoden, die vom Genogramm als Methode diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/362.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/362.md new file mode 100644 index 0000000..993f458 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/362.md @@ -0,0 +1,33 @@ +des Einstiegs in das System über die ressourcenorientierte „Diagnose“ +und die systemischen Fragen bis zu „maßgeschneiderten +Hausaufgaben“ reichen. Von besonderer Bedeutung ist es nach +meiner Erfahrung, gezielt mit Teilsystemen der Familie zu arbeiten. +Dazu gehört die Entscheidung, mit welchem Teilsystem man sich zu +welcher Zeit an welchem Ort trifft, und die Beachtung der dadurch +noch schwerer zu realisierenden Allparteilichkeit. Das Ziel der +Arbeitsphase ist die Erfüllung des sich vom Unterstützungssystem +selbst gestellten und im Hilfeplan festgelegten Auftrages bzw. seiner +Anpassung an die sich während der intensiven Arbeit ergebenden +Veränderungen. Die Wege der Auftragserfüllung sind nicht immer +geradlinig. In der Arbeit mit der Familie Beierle benutzen die +Kolleginnen die Metapher des „Umweges“, um deutlich zu machen, +dass ein primäres Ziel oft nicht direkt angegangen werden kann, +sondern sich vielleicht ganz von selbst über andere Entwicklungen +ergibt. +In der vierten und abschließenden Phase (ending and transition) +geht es einerseits um eine Stabilisierung der erreichten +Veränderungen und andererseits um einen formellen, auch +ritualisierten Abschied. Die erreichten Veränderungen sind eventuell +weniger gravierend, als bei der ersten Auftragsformulierung erhofft. +Dann ist es wichtig, das erreichte Ergebnis nicht zu entwerten, +sondern ressourcenorientiert als Zwischenstation auf dem Wege +lebenslanger Entwicklung und Veränderung zu benennen. Diese +Zwischenstation kann ein „Rastplatz“ sein, an dem man sich ausruht +und sich über das bisher Erreichte freut. Von hier aus lassen sich +vielleicht, „wenn die Zeit reif ist“, mithilfe eines neuen +Unterstützungssystems mit neuen oder denselben Therapeutinnen +„weitere Wege erkunden und begehen“. Auch eine erfolgreich +abgeschlossene Familientherapie sollte mit der Botschaft enden, dass +es kein Ausdruck von Schwäche und Erfolglosigkeit ist, sondern im +Gegensatz ein Ausdruck von Stärke, sich im Falle einer neuen Krise +wieder um Unterstützung zu bemühen. Eine solche Krise ist allein diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/363.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/363.md new file mode 100644 index 0000000..cff1fb6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/363.md @@ -0,0 +1,34 @@ +schon deshalb möglich, weil es in jedem Familienleben zu +unvorhersehbaren Belastungen kommen kann. +Oft ist es hilfreich, das Ende über mehrere Etappen zu erreichen, +z. B. nach einer neunmonatigen Intensivtherapie ein erstes +Abschlussgespräch zu führen und dann in längeren Abständen – etwa +nach drei und sechs Monaten – noch zwei weitere festzulegen. +Bei der Ausgestaltung des Abschlussrituals gilt es also vor allem, +den Selbstwert der Familie zu unterstreichen und Übergangshilfen +anzubieten, welche die Familie auch nach dem offiziellen +Therapieende weiterhin begleiten. Ich halte ein solches Ritual für +sehr wichtig. +Die Heilsamkeit und die Nützlichkeit von Ritualen in +Übergangssituationen haben Imber-Black et al. überzeugend +dargestellt (Imber-Black et al. 1993 u. 3.2.2.5). +Welche Kriterien lassen sich festlegen, um zwischen der Indikation +für eine sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) und der für eine +aufsuchende Familientherapie (AFT) zu unterscheiden? +Die SPFH operiert mit einer größeren Vielzahl von Settings, +Aufgaben und Handlungsbereichen. Gespräche – mit der ganzen +Familie, den Eltern, Kindern, einzelnen Familienmitgliedern, Teilen der +Familie und Nachbarn –, Hausaufgabenhilfe, Begleitung zu Ämtern +und die Hilfe bei der Stellung des Antrags auf Sozialhilfe, die +Initiierung von sozialen Kontakten außerhalb der Familie, die Hilfe bei +der Organisation des Haushaltes und der Erstellung eines Überblicks +über die finanzielle Situation – all das und noch einiges mehr ist in +ihrem Rahmen möglich. Die wöchentliche Kontaktzeit ist erheblich +länger, und auch die Gesamtdauer kann über die der AFT weit +hinausgehen. Die Familienhelferin kann in viel stärkerem Maße die +Familie praktisch-unterstützend in ihrem Alltag begleiten: Eine +gemeinsame Kochaktion mit der Mutter bzw. dem Vater, ein Ausflug +mit der ganzen Familie, ein abendliches Babysitting, um den Eltern +einen gemeinsamen Abend außer Haus zu ermöglichen, oder ein +Discobesuch mit der bald volljährigen Tochter gehören zu ihrem +Handlungsspektrum. Das mindert natürlich nicht die Notwendigkeit diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/364.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/364.md new file mode 100644 index 0000000..bc98454 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/364.md @@ -0,0 +1,38 @@ +reflektierender Gespräche, aber auch diese sind eher in den Alltag +eingebaut als von ihm unterschieden. Insofern bietet sich die SPFH +vor allem für Familien mit einer Vielzahl ineinander verzahnter +Probleme und Problemlagen an, die ein hohes Maß an Flexibilität und +viele zeitliche Spielräume erfordern. Auch eine unstrukturierte, zur +Seite des Chaos tendierende Haushaltssituation legt diese +Handlungsform nahe. Familien, in denen Gespräche eher selten sind, +können von der SPFH besonders profitieren, weil sie die Möglichkeit +haben, sich über alltägliche Handlungssituationen an das Sprechen +und Reflektieren „heranzupirschen“. +Die AFT beansprucht in stärkerem Maße einen abgegrenzten, aus +dem Alltag abgehobenen Raum für die Kontakte zwischen der Familie +und dem therapeutischen Team. Das setzt schon für die +Terminvereinbarung und ihre Einhaltung durch die Familienmitglieder +einen strukturierten Familienalltag voraus. Die Zeitbegrenzung +verringert die Handlungsspielräume und erfordert familiäre +Ressourcen +zur +konstruktiven +Selbstorganisation +und +Selbstthematisierung. Die Familie sollte in der Lage sein, den +Zeitraum zwischen den therapeutischen Kontakten für die +Veränderung ihrer Beziehungsmuster zu nutzen und sich dabei der +Unsicherheit von „Experimenten“ (als solche können die +„Hausaufgaben“ definiert werden) ohne Anwesenheit der +Therapeutinnen auszusetzen. Allerdings möchte ich dem Vorurteil +widersprechen, dass Familientherapie nur für sprachlich elaborierte +Familien hilfreich sei. Es gehört gerade zu den grundlegenden +Fähigkeiten von Familientherapeutinnen, sich wie ethnologische +Feldforscherinnen auf die „Sprachspiele“ (Wittgenstein 1972) der +Familie einzulassen, ihre Sprache sprechen zu lernen und auch über +komplexe Fragen im Rahmen ihres Sprachhorizontes zu +kommunizieren. Wird Familientherapie mit einer solchen Haltung +betrieben, wird man erstaunt sein, wie viel Reflexionsfähigkeit und +Sprachbildung auch in Familien möglich ist, deren Sprache in der +linguistischen Sozialisationstheorie der Siebzigerjahre als „restricted +code“ bezeichnet wurde (Bernstein 1970, Bernstein et al. 1970). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/365.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/365.md new file mode 100644 index 0000000..57147f0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/365.md @@ -0,0 +1,21 @@ +Wichtig scheint mir, darauf hinzuweisen, dass bei einer +familientherapeutischen +Jugendhilfemaßnahme +die +Kindeswohlgefährdung +weniger +dramatisch +und +die +Haushaltsorganisation geordneter erscheint. Es ist auch möglich, +sozialpädagogische Familienhilfe mit aufsuchender Familientherapie +zu kombinieren. Das bietet sich an, wenn die Familienhelferin keine +familien- bzw. systemtherapeutische Ausbildung hat, aber der Bedarf +an kontinuierlichen und thematisch miteinander verbundenen +Familien- und Elternpaargesprächen als sehr groß eingeschätzt wird. +Das erfordert eine enge Kooperation zwischen Familienhelferin und +Familientherapeutinnen, die sich darin ausdrücken kann, dass die +Familienhelferin ab und zu an den therapeutischen Gesprächen +teilnimmt. Das dann gebildete Unterstützungssystem besteht aus der +Familie, der Case-Managerin im ASD, dem familientherapeutischen +Team und der Familienhelferin. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/366.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/366.md new file mode 100644 index 0000000..b1854cf --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/366.md @@ -0,0 +1,13 @@ +5.5.3 Soziale Gruppenarbeit + +Gruppe lässt sich als zeitüberdauerndes, überschaubares, in immer +wiederkehrenden sozialen Situationen eine eigene Identität +entwickelndes und aufrechterhaltendes soziales Netzwerk definieren. +Auch für diesen Handlungsbereich kann sich die Soziale Arbeit auf +außerhalb von ihr entwickelte Methoden stützen, ohne dabei ihr +eigenes Profil aufzugeben. +Im Gegensatz zur Familiengruppe handelt es sich bei den +folgenden Überlegungen immer um artifizielle, also künstliche, zeitlich +begrenzte, nur über besondere Zugangswege erreichbare und mit +einem professionellen Auftrag im Rahmen der Sozialen Arbeit +versehene Gruppen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/367.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/367.md new file mode 100644 index 0000000..7c0afa2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/367.md @@ -0,0 +1,46 @@ +5.5.3.1Verschiedene Gruppenformen in der Sozialen Arbeit +Im Kontext der Sozialen Arbeit lassen sich ganz allgemein +wachstumsund +arbeitsorientierte +Gruppen +unterscheiden. +Ausgehend davon, unterscheide ich produkt- und themenorientierte, +prozess- und selbsterfahrungsorientierte, alltagstagsstrukturierende +und freizeitgestaltende Gruppenformen. + +Produkt- und themenorientierte Gruppen geben sich einen +klaren Auftrag zur Erstellung eines Arbeitsergebnisses. Beispiele +sind Projektgruppen im Rahmen des Studiums oder eines +Betriebes; Gruppen zur Formulierung von Erklärungen, +Stellungnahmen, Anträgen oder Seminararbeiten; studentische +Gruppen, die von einem Tutor betreut werden, um den Stoff +einer +Vorlesung +parallel +zu +dieser +aufzuarbeiten; +Bürgerinneninitiativen, +die +eine +bestimmte +politische +Entscheidung verhindern, verändern oder herbeiführen wollen; +oder Gruppen, die das Konfliktmanagement in prekären sozialen +Situationen (z. B. Skins in der U-Bahn) üben und in einen +gesellschaftpolitischen Kontext stellen. Für diesen Gruppentypus +sind Arbeitstechniken wichtig, die den ergebnisorientierten +Prozess strukturieren, systematisieren, nachvollziehbar machen +und der Beliebigkeit vorbeugen. +Ein in diesem Zusammenhang hilfreiches Verfahren ist die +„themenzentrierte Interaktion“ (TZI) von Ruth Cohn. Ihr Ziel +war es, die Trennung zwischen Inhalts- und Beziehungsebene +in Interaktionsprozessen wieder aufzuheben. Um eine +störungsfreie Beziehung als Kontext einer an inhaltlichen +Zielsetzungen orientierten Arbeit in der Gruppe zu erreichen, +hat Cohn mehrere Regeln für einen gelingenden +Gruppenprozess formuliert, auf deren Einhaltung die +Teilnehmerinnen und – falls vorhanden – die Gruppenleiterin zu +achten haben (Cohn 1975): +– „Sei dein eigener Chairman“, d. h., übernimm Verantwortung +für die Folgen deines Handelns in der Gruppe. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/368.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/368.md new file mode 100644 index 0000000..bb2771e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/368.md @@ -0,0 +1,35 @@ +– „Sprich in der Ichform statt ‚man‘ oder ‚wir‘“, d. h., mit allem +was du sagst, sagst du den anderen Gruppenteilnehmerinnen +etwas über dich. +– „Störungen haben Vorrang“, d. h., Störungen der +Aufmerksamkeit durch innere Fantasiereisen, emotionale +Blockierungen und Verwirrungen sind wichtige Informationen +für alle und sollen mitgeteilt werden. +– „Achte auf deine Körpersignale“, d. h., traue dem Körper als +Kommentator deiner Befindlichkeit. +Neben diesen personenorientierten kommunikativen Regeln +lassen sich eine Vielzahl von in anderen Bereichen entwickelten +Arbeitstechniken verwenden, z. B. Moderationstechniken, +Metaplan oder Mind-Maps. Das TZI-Verfahren eignet sich +besonders gut für die Gruppenarbeit in der Jugend- und +Erwachsenenbildung. Es ermöglicht die Beachtung der +aktuellen psychischen persönlichen Befindlichkeit, um das +inhaltliche Ziel der Gruppenarbeit zu erreichen. + +Prozess- und selbsterfahrungsorientierte Gruppen haben die +Aufgabe, die Gruppe als Kontext für eine gelingende +Kommunikation der Teilnehmerinnen und eine darin mögliche +Selbstthematisierung zu nutzen. Da wir uns außer in unserer +Primärgruppe ständig auch in anderen sozialen Gruppen +bewegen, benötigen wir kommunikative Kompetenzen, um uns +in diesen sozialen Situationen als Menschen mit einem eigenen +Wert und persönlichen Fähigkeiten zu präsentieren. Wir +benötigen auch metakommunikative Kompetenzen, um aus +misslungenen Situationen zu lernen und neue so anzugehen, +dass ein erfolgreiches Verhalten wahrscheinlicher wird. Unter +einer systemischen Perspektive sind persönliche Probleme +einerseits als Ausdruck blockierter und konfliktreicher +Gruppenprozesse zu verstehen, andererseits als Folge derzeit +geringer persönlicher Ressourcen, sich in Gruppenprozesse +aktiv einzumischen. Prozess- und selbsterfahrungsorientierte +Gruppen haben die Aufgabe, Erfahrungen zu vermitteln, wie diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/369.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/369.md new file mode 100644 index 0000000..5b12e27 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/369.md @@ -0,0 +1,60 @@ +Gruppenprozesse wieder in Fluss gebracht, die eigenen +Einflussmöglichkeiten +gestärkt +und +positive, +selbstwertsteigernde +Rückmeldungen +„gesendet“ +bzw. +wahrgenommen werden. Hierfür sind unter dem Stichwort +Gruppendynamik eine Vielzahl von Settings, Übungen und +Methoden entwickelt worden. Antons beschreibt sie in der +Zuordnung zu verschiedenen Gruppenfunktionen: das +Anwärmen in der Anfangsphase, Wahrnehmung/Beobachtung, +Kommunikation und Führungsstile, Feedback, Kooperation und +Wettbewerb, Entscheidungen, Normen, Vorurteile und Abwehr, +Analyse des Gruppenprozesses, Beratungstechnik und BackHome (Abschied von der Gruppe und Erfahrungstransfer in den +Alltag) (Antons 1992). +Die alltagsstrukturierenden Gruppen lassen sich auch als milieubzw. sozialtherapeutische Gruppen kennzeichnen. Es gibt sie als +komplementäre, teilstationäre und stationäre Varianten. Eine +komplementäre +Variante +sind +niedrigschwellige +tagesstrukturierende +Gruppenangebote +in +kommunalen +gemeindepsychiatrischen +Zentren; +hier +treffen +sich +psychiatrische Patientinnen zum Kochen, Essen, zur +Freizeitgestaltung, zur Erledigung von Auftragsarbeiten und zu +Gesprächen. Diese Gruppen haben meistens einen offenen +Charakter, d. h., ihre Teilnehmerinnen wechseln von Tag zu Tag +und +auch +im +Tagesverlauf. +Das +ist +wegen +der +Niedrigschwelligkeit auch so gewollt. Eine in letzter Zeit immer +wichtiger gewordene teilstationäre Maßnahme in der +Jugendhilfe sind die Tagesgruppen für sozial auffällige und +familiär zu wenig geförderte Kinder und Jugendliche. Hier +handelt es sich um eine geschlossene Gruppe, die sich nach der +Schule +in +eigenen +Räumlichkeiten +unter +einer +sozialpädagogischen Leitung trifft und bis zum späten +Nachmittag zusammenbleibt. In ihrem Rahmen werden die +unterschiedlichsten Aktivitäten zur Entwicklung sozialer +Kompetenzen durchgeführt. Eine vollstationäre Gruppe ist die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/370.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/370.md new file mode 100644 index 0000000..7cc09bd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/370.md @@ -0,0 +1,50 @@ +als therapeutische Gemeinschaft organisierte Station eines +psychiatrischen Krankenhauses (Dörner u. Plog 1992), eine +nichtpsychiatrische +Wohngemeinschaft +für +ehemalige +psychiatrische Patientinnen – z. B. „Soteria“ (Aebi et al. 1993) +oder eine Gemeinschaft im Rahmen des betreuten Jugend- und +Paarwohnens. +Freizeitgestaltende Gruppen mit begrenzter Dauer (z. B. einmal +pro Woche zwei Stunden) sind besonders in der Jugendarbeit +von Bedeutung. Hier treffen sich Kinder und Jugendliche, um +unter Anleitung Mopeds und Fahrräder zu reparieren, zu +basteln, Sport zu treiben, Musik zu machen oder samstags +abends eine Disco zu veranstalten. Es ist sicher von Vorteil, +wenn solche Gruppen von einer kontinuitätssichernden, zu +weiteren Veranstaltungen einladenden und auch Beratungen +durchführenden Einrichtung wie einem Jugendzentrum, +Kinderhaus oder Stadtteilzentrum angeboten werden. Gerade in +einer gesellschaftlichen Situation, in der viele Jugendliche in +ihren +Familien +und +der +Erwachsenenwelt +außer +Konsumangeboten kaum soziale Orientierung, psychischen Halt +und emotionale Geborgenheit erfahren, können solche +Einrichtungen über ein breites Angebotsspektrum zu einer +sinnvollen, +den +gesamten +Alltag +übergreifenden +Freizeitstrukturierung beitragen. In diesem Sinne sind solche +Gruppenangebote +auch +präventive +Angebote +gegen +Verwahrlosung und Gewalt. +Quer zu dieser Systematisierung von Gruppen stehen die Kategorien +offen vs. geschlossen, zeitlich begrenzt vs. unbefristet, homogen vs. +inhomogen, Selbsthilfegruppen vs. professionell geleitete Gruppen. + +Offene Angebote enthalten keine Verpflichtung zu einer steten +Anwesenheit während der Gruppenzeit; ihr Vorteil besteht in +der Niedrigschwelligkeit. Geschlossene Gruppen beginnen und +enden – von Ausnahmen abgesehen – mit den gleichen +Teilnehmerinnen; ihr Vorteil ist der Vertrauen bildende Rahmen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/371.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/371.md new file mode 100644 index 0000000..a41d35d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/371.md @@ -0,0 +1,38 @@ +durch die kontinuierlichen Kontakte. Dadurch können auch +Themen, die „unter die Haut gehen“, in die Gruppe eingebracht +werden. +Eine zeitliche Begrenzung (z. B. ein Jahr) oder eine bestimmte +Altersklasse (z. B. zwölf- bis 14-jährige Jugendliche) beinhaltet +die Botschaft, dass die Zeit der Gruppe beschränkt ist und +deshalb intensiv genutzt werden sollte. Die unbefristete Gruppe +(z. B. in der psychiatrischen Tagesstätte) wird dagegen als +soziale Begleiterin im Leben definiert, die einen heimatlichen, d. +h. vertrauten und sicheren Ort anbietet, den man sich nicht +durch besondere Leistungen erwerben muss. +Homogene Gruppen werden durch Menschen gebildet, die sich +in einer gleichen bzw. ähnlichen Lebens- und Problemlage +befinden: Opfer sexueller Gewalt in der Familie, allein +erziehende Mütter und Väter, Paare in Übergangskrisen, +Jugendliche +aus +sozialen +Brennpunkten +mit +Integrationsproblemen, werdende Mütter oder Mütter, die nach +einer langen Erziehungszeit wieder in das Berufsleben +zurückkehren möchten. Auch geschlechtsspezifische Gruppen, +die sich aus Jungen oder Männern, Mädchen oder Frauen +zusammensetzen, fallen unter diese Kategorie. Ihr Vorteil ist ein +ähnlicher Erfahrungshintergrund der Teilnehmerinnen, der die +gegenseitige Empathie fördert und die Vereinzelung im +persönlichen Schicksal relativiert. Die Erkenntnis, dass andere +ganz ähnliche Erfahrungen gemacht haben, ist für viele +Gruppenteilnehmerinnen ein wesentlicher Gewinn; darüber +hinaus lassen sich aus den Berichten über die +Bewältigungsstrategien der anderen und ihre Ergebnisse auch +Folgerungen für die eigenen Problemlösungsversuche ableiten. +Selbsthilfegruppen sind themenspezifische Gruppen. Sie +verzichten auf eine professionelle Leitung und ihre Einbindung +in einen fest gefügten institutionellen Kontext. Die +Teilnehmerinnen definieren sich selbst als Expertinnen für ihr +Thema; gruppenexterne professionelle Expertinnen werden nur diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/372.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/372.md new file mode 100644 index 0000000..4a3d571 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/372.md @@ -0,0 +1,35 @@ +für bestimmte Fragestellungen zu den Gruppensitzungen +eingeladen. Das Konzept der Selbsthilfegruppen ist +basisdemokratisch, setzt auf die Eigenverantwortung und das +durch den gemeinsamen Erfahrungshintergrund entstandene +Interesse an dem Thema. Selbsthilfegruppen gibt es für die +unterschiedlichsten Themen: psychosoziale Unterstützung bei +bestimmten Krankheiten, Behinderungen und persönlichen +Beeinträchtigungen, +Krabbelund +Spielgruppen, +Angehörigengruppen im sozialpsychiatrischen Feld, Frauen- und +Männergruppen zur Stärkung der eigenen Geschlechtsidentität +und viele mehr. Professionell geleitete Gruppen können im +Gegensatz +zu +Selbsthilfegruppen +auf +die +oft +selbstverständlichen +Ressourcen +von +psychosozialen +Einrichtungen zurückgreifen; das beginnt schon bei der +Raumfrage. +Durch +die +formelle +Leitung +wird +das +Autoritätsthema in der Gruppendynamik aktiviert, zugleich +entsteht auch ein kontinuierlicher und damit Sicherheit +gebender Rahmen für die Arbeit an schwer wiegenden +Problemen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/373.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/373.md new file mode 100644 index 0000000..2a6b9e2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/373.md @@ -0,0 +1,34 @@ +5.5.3.2Die Gruppe als interaktives und kommunikatives +System +Ich erinnere hier an die im zweiten Kapitel getroffene Unterscheidung +zwischen Interaktion (dem Kontakt zwischen Menschen), +Kommunikation (den dadurch entstehenden Bedeutungen) und der +systemischen Organisation dieser Kommunikation. Sie gilt auch für +die als System definierte Gruppe. Sie lässt sich auf drei zirkulär +miteinander verbundenen Ebenen betrachten. Auf der ersten Ebene +interagieren Personen, die dabei auf diachrone und synchrone +Beziehungserfahrungen in anderen sozialen Kontexten zurückgreifen. +Hier bietet das Psychodrama eine Strukturierung der Gruppensitzung +und eine Vielzahl von Methoden an, um die Begegnung der +Gruppenmitglieder zu fördern und zu reflektieren (Ritscher 1998). Auf +der zweiten Ebenen werden durch diese Interaktionen Bedeutungen +geschaffen, die dem Handeln Sinn und Richtung geben. Auf der +dritten Ebene organisiert die Gruppe sich nach bestimmten Regeln, +Beziehungsmustern und Rollen; darüber hinaus etabliert sich die +Gruppendynamik – die Entwicklung der Gruppe und ihrer internen +Beziehungen. Auf dieser dritten Ebene wird die Gruppe zu einem +eigenständigen sozialen System. Gruppe und Gruppenmitglieder +können nicht mehr unabhängig voneinander betrachtet werden. Jede +Äußerung eines Gruppenmitglieds ist eine Äußerung in der und für +die Gruppe; in jedem Kontakt zwischen zwei Gruppenmitgliedern ist +die ganze Gruppe enthalten, und die Handlungen der einen +beeinflussen nicht nur die anderen, sondern durch deren direkte und +indirekte Rückmeldungen auch sie selbst. Die Erzählungen über +biografisch weit zurückliegende Erfahrungen werden durch die +Gruppenregeln erlaubt, behindert, gefördert, gefordert und enthalten +Botschaften für die ganze Gruppe und all ihre Mitglieder. Die +Äußerungen eines Gruppenmitgliedes sind bedeutsam für alle +anderen. Sie stoßen bei ihnen eigene psychische Prozesse an. Aus +den Äußerungen eines Gruppenmitglieds lassen sich Hinweise +ableiten, welche Themen die Gruppe gerade als Ganzes beschäftigen. +Spricht ein Gruppenmitglied über seine sexuellen Erfahrungen und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/374.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/374.md new file mode 100644 index 0000000..455fb20 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/374.md @@ -0,0 +1,34 @@ +lassen die anderen dies zu, kann man davon ausgehen, dass dies +auch ein Thema der ganzen Gruppe und damit aller +Gruppenmitglieder ist. Im Psychodrama kann deshalb auf ein +protagonistinnenzentriertes Rollenspiel, in dem ein Gruppenmitglied +seine Auseinandersetzung mit diesem Thema darstellt, ein +gleichgerichtetes Gruppenpsychodrama folgen (Ritscher 1998, S. 285 +ff.). +Die grundlegende Idee der Gruppe und Gruppenarbeit findet sich +kurz und prägnant bei Shulman: „… that group has the potential to +serve as a mutual aid system for it’s members“ (Shulman 1992, S. +273). Der Gruppenprozess lässt sich als Entwicklungsprozess +beschreiben, in dem unterschiedliche Positionen, Rollen und +Überzeugungen durch ihre wechselseitige Kommunikation zu einem +gemeinsamen System verschmelzen und neue Entwicklungen der +Gruppe und jedes einzelnen Mitglieds zulassen. So wird am Ende der +Gruppenarbeit jedes Mitglied ein anderes sein als zu Beginn, d. h., +seine anfänglichen Positionen, Rollen und Erwartungen werden durch +neue Facetten angereichert und in eine neue Gestalt transformiert. +Ein zu Beginn ängstliches, eher am Rande stehendes, sich als +Sündenbock anbietendes Gruppenmitglied kann durch die +Rückmeldungen der anderen erfahren, dass seine Beiträge +wertgeschätzt werden und ihm als Person gerade wegen seiner +Zurückhaltung Sympathie entgegengebracht wird. Durch diese +zunehmende Sicherheit kann es sich vom Rand in eine mehr zentrale +Gruppenposition bewegen, und aus der ängstlichen Zurückhaltung +kann eine ruhig-überlegte werden. +Die Gruppe als ein System wechselseitiger Hilfe lässt sich durch +acht weitere Funktionen genauer beschreiben. +„Sharing data“: Die Gruppenmitglieder können sich ihre +unterschiedlichen und ähnlichen Erfahrungen hinsichtlich des +Themas, mit dem sich die Gruppe gerade auseinander setzt, +wechselseitig mitteilen. Das trägt zu einem Klima der Empathie +und des Vertrauens bei, in dem man eigene Lebenserfahrungen +weitergibt und Rückmeldung dazu für sich selbst nutzen kann. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/375.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/375.md new file mode 100644 index 0000000..5ab5375 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/375.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Es entsteht ein sich gegenseitig bestärkender und +Veränderungen anregender Dialog, der zur Entwicklung einer +produktiven Gruppendynamik beiträgt und für jedes +Gruppenmitglied kognitiv nützliche und emotional stützende +Informationen enthält. Die Gruppenleiterin hat in diesem +Zusammenhang die Aufgabe, durch ressourcenorientierte +Interventionen diese Perspektive gegen aggressiv-destruktive, +entwertende, defizitorientierte Beiträge aus der Gruppe zu +stärken. +„Discussing a taboo area“: Indem kulturell und persönlich +tabuisierte Themen in der Gruppenkommunikation öffentlich +werden, können sie ihr Verunsicherungspotenzial ganz oder +teilweise verlieren und als entwicklungsfördernde Themen einen +neuen Wert für die Dynamik und alle Mitglieder der Gruppe +enthalten. Thematisiert ein Gruppenmitglied gegen eigene +Ängste Erfahrungen sexueller Gewalt, können sich auch andere +mit diesem sie belastenden, aber bisher ausgegrenzten Thema +konfrontieren und vielleicht die befreiende Wirkung der +„Entäußerung“ innerer psychischer Lasten erleben. +„The all-in-the-same-boat-phenomenon“: Die im Gruppendialog +hergestellte Erfahrung von Gemeinsamkeiten zwischen sich und +den anderen kann die eigene Belastung auf mehrere Schultern +verteilen. Das Sprechen darüber fällt leichter, die anderen +erscheinen als vertrauenswürdige Zuhörerinnen der eigenen +Geschichte, und ihre Rückmeldungen können – wenn sie +kooperativ und nicht konkurrierend gestaltet sind – die eigene +Auseinandersetzung und Bewältigung fördern. „When, as a +group member, someone discovers, that he or she is not alone +in feeling overwhelmed by a problem, or being worried about +his or her sexual adequacy, or wondering who he or she is and +where he or she comes from … that person is often better able +to mobilize himself or herself to deal with the problem +productively. Discovering, that feelings are shared by other diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/376.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/376.md new file mode 100644 index 0000000..4e689f6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/376.md @@ -0,0 +1,45 @@ +members of the group can often be the beginning of freeing +the client from their power“ (Shulman 1992, S. 277). +„Developing a universal perspective“: Ähnliche Erlebnisse der +anderen Gruppenmitglieder verschieben die Perspektive von der +individuumzentrierten zur systemischen Sicht. Probleme +verlieren den Status selbst gemachter persönlicher Störungen. +Sie können als Ausdruck von Systemprozessen verstanden +werden, zu denen andere Personen und gesellschaftliche +Verhältnisse ihren Beitrag leisten. Damit wird nicht die +Selbstverantwortung für das eigene Handeln relativiert, sondern +der Wahrnehmungshorizont durch den Blick auf die +Verantwortung +der +anderen +für +ihren +Anteil +am +Gesamtgeschehen erweitert. Manchmal entsteht durch diese +Horizonterweiterung sogar ein Normalisierungseffekt – das, was +ich bisher als persönliche Störung definiert habe, entpuppt sich +als ein allen anderen bekanntes und deshalb „normales“ +Phänomen. +„Mutual support“: Die Gruppe etabliert einen nonverbalen und +verbalen Kontext gegenseitiger Unterstützung bei der +Auseinandersetzung mit wichtigen, oft belastenden Fragen. Die +Unterstützung umfasst empathische Fragen, Kommentare, +Ratschläge +und +Angebote +zu +einem +gemeinsamen +Bewältigungshandeln. Letzteres kann von dem Angebot an ein +gehbehindertes Gruppenmitglied, es mit dem Auto zur +Gruppensitzung abzuholen, der Hilfe bei der Abfassung eines +Bewerbungsschreibens bis zur Begleitung an einen bislang +gescheuten Platz, z. B. das Grab der Eltern, reichen. Shulman +weist darauf hin, dass die Gruppe durch die Kommunikation der +vielen allein schon atmosphärisch eine qualitativ andere +Unterstützung bietet als der Zweierkontakt. +„Individual problem solving“: Die Gruppe dient nicht als +Selbstzweck, sondern als Kontext für Erfahrungen des +persönlichen Wachstums, die für die Bewältigung schwieriger +Situationen in anderen sozialen Kontexten genutzt werden diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/377.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/377.md new file mode 100644 index 0000000..0f50247 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/377.md @@ -0,0 +1,28 @@ +können. Die systemische Sicht führt nicht zur Verdunstung der +Subjektivität, sondern zur Aufhebung der Trennung zwischen +dem einen und dem anderen. Persönliches Wachstum ist in +diesem Sinne immer ein sozialer und kommunikativer Prozess; +die Lösung eines persönlichen Problems ist sein Ergebnis, also +keine individuelle Heldentat. +„Rehearsal“: In der Gruppe ist das Probehandeln möglich und +erwünscht. Problematische Situationen, z. B. das gefürchtete +Gespräch mit einem Lehrer, lassen sich im psychodramatischen +Rollenspiel vorwegnehmen. Dabei können Verhaltensstrategien +und Verhaltensweisen im Hinblick auf das gewünschte Ziel +entwickelt und im virtuellen Rahmen ausprobiert werden +(Ritscher 1998, S. 281 ff.). +„The +Strength-in-numbers-phenomenon“: +In +der +Gruppensolidarität wachsen Mut und Risikobereitschaft. Das +kann sich sowohl auf die Thematisierung schwieriger und +tabuisierter Themen beziehen wie auch auf das gemeinsame, +solidarische Handeln. Letzteres ist vor allem für die +Gemeinwesenorientierung der sozialen Gruppenarbeit wichtig. +Shulman berichtet von einer Gruppe sexuell misshandelter +Frauen, die einen öffentlichen „Take-back-the-night“-Marsch +organisierte, um der öffentlichen Tabuisierung männlicher +Gewalt entgegenzuwirken. Diese solidarische Aktion der Frauen +erforderte eine stete gegenseitige Ermutigung, die von der +Gruppe getragen wurde (Shulman 1992, S. 583 ff.). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/378.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/378.md new file mode 100644 index 0000000..6ccbea5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/378.md @@ -0,0 +1,44 @@ +5.5.3.3Positionen in der Gruppe +Im +Wechselspiel +zwischen +progessiven +und +regressiven, +konkurrierenden und kooperativen Tendenzen entstehen die +Positionen in der Gruppe. Die progressive Tendenz steht unter dem +Zeichen der verantwortlichen Auseinandersetzung mit aktuellen +Anforderungen; die regressive Tendenz fördert eine Haltung des +passiven Versorgtwerdens und die Verantwortungsübergabe für das +Gelingen +der +Kommunikation +an +andere. +In +der +Konkurrenzorientierung entstehen Machtkämpfe um dominante und +untergeordnete hierarchische Positionen. In der Linie der Kooperation +geht es um die gegenseitige Unterstützung bei der Bewältigung von +Aufgaben und die Orientierung an der Idee einer Gleichrangigkeit +aller Gruppenmitglieder. Gruppenmitglieder in der Alpha-Position +übernehmen eine Führungsrolle, repräsentieren das Identitätsgefühl +der Gruppe und stärken deren Mut und Optimismus. In der BetaPosition versammeln sich die „Fachleute“ für die Erreichung der +angestrebten Ziele mit hilfreichen Ideen und technischen Fertigkeiten. +In der Gamma-Position passt man sich an die kommunikativen Inputs +der Alphas und Gammas an, bringt vor allem das ein, was zu deren +Vorgaben passt, stärkt ihre Position und gewinnt die eigene Stärke +aus der Identifikation mit ihnen. Die Omega-Position verbleibt für +diejenigen, die wenig Halt in der Gruppe finden, eher beobachtend +und erleidend am Rande des Gruppengeschehens verharren und sich +für die Rolle des Sündenbocks bzw. schwarzen Schafes geradezu +anbieten. +Diese an Raul Schindlers „Modell der soziodynamischen +Rangstruktur“ (nach Heigl-Evers 1972, S. 62 ff.) angelehnte +Beschreibung erfordert eine Relativierung. Im Sinne eines +dialektischen Systemprozesses kann jedes Gruppenmitglied bei +unterschiedlichen Themen, zu unterschiedlichen Zeiten und in +unterschiedlichen sozialen Räumen jede dieser Positionen +übernehmen. +Der Platz der Gruppenleiterin ist jenseits dieser vier Positionen +angesiedelt. Sie hat die Funktion einer Moderatorin, die durch ihre diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/379.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/379.md new file mode 100644 index 0000000..365447f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/379.md @@ -0,0 +1,33 @@ +fachliche Kompetenz das In-Beziehung-Setzen der Gruppenmitglieder +zueinander +stärkt, +auf +konstruktive +Formen +der +Auseinandersetzungen achtet, der Gruppe immer wieder ihren +Arbeitsauftrag in Erinnerung ruft und entsprechende Behinderungen +ressourcen- und lösungsorientiert benennt. In diesem Sinne muss sie +darauf achten, dass die Gruppenmitglieder nicht in einer bestimmten +Position fixiert werden. In Gruppen, die keinen primär therapeutischselbsterfahrungsorientierten Auftrag haben, fällt ihr darüber hinaus +die Aufgabe zu, die in jeder Position mögliche Extrembildung – bei +der Alpha-Position sind das diktatorische Bestrebungen, in der BetaPosition ist es das von Satir beschriebene „computering“ +(2.4.3.2.2.2.3), in der Gamma-Position die Anpassung an die +Vorgaben der anderen und in der Omega-Position die Rolle des +Sündenbocks – schon in ihren Ansätzen wahrzunehmen, als +Behinderung eines gemeinsamen Gruppenerfolges zu benennen und +auf Alternativen hinzuweisen. Dies entspricht der demokratischen +Idee einer Umkehrung von Hierarchien durch den Wechsel zwischen +„implikativen“ und „kontextuellen Kräften (2.4.3.2.3.5). Als +systemisch geschulte Beobachterin wird sie auch darum bemüht sein, +die eingangs benannten Ebenen miteinander zu verbinden und ein +Auseinanderfallen der Gruppe in einzelne Individuen zu verhindern. +Die damit verbundene Autorität sollte nicht zu einer Fixierung in der +Autoritätsposition führen. Das kann für psychoanalytische +Therapiegruppen hilfreich sein, in denen mit den ÜbertragungsGegenübertragungs-Prozessen gearbeitet wird (Heigl-Evers 1972). Im +sozialarbeiterischen und systemischen Kontext hingegen führt das zu +unproduktiven Verstörungen. Die Fallbeispiele von Shulman zeigen, +wie der sozialpädagogische Gruppenleiter eine von den +Gruppenmitgliedern geachtete besondere Kompetenz und die Idee +der strukturellen demokratischen Gleichrangigkeit miteinander +verknüpfen kann. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/380.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/380.md new file mode 100644 index 0000000..fd426b6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/380.md @@ -0,0 +1,34 @@ +5.5.3.4Phasen des Gruppenprozesses +Klaus Antons hat fünf Phasen des Gruppenprozesses benannt: +Orientierung in der Gruppe (Phase 1), Positionskämpfe und +Rollenfindung (Phase 2), Vertrautheit, Intimität und Entwicklung einer +Gruppenidentität (Phase 3), innere Differenzierung durch +Arbeitsteilung (Phase 4) und die durch das bevorstehende Ende +erforderliche Trennung/Ablösung (Phase 5). Mit unterschiedlichen +Schwerpunkten und Formulierungen findet man dieses Grundmuster +bei allen Phasenmodellen des Gruppenprozesses (vgl. Garland, Jones +u. Kolodny 1969; Lowy 1969). Diese Phasen lassen sich in Beziehung +setzen zu den für die Gruppenleiterin und Gruppenmitglieder +unterschiedlichen Perspektiven der Wahrnehmung und des Handelns +(Antons 1992, S. 310 f.). +Shulman legt besonderen Wert auf die Anfangs- bzw. +Orientierungsphase und die für die Gruppenleiterin hier anstehenden +Aufgaben: +„1. To introduce group members to each other. +2. To make a brief, simple opening statement that tries to clarify +the agency’s or institution’s stake in providing the group +service, as well as the potential issues and concerns that group +members feel urgently about. +3. To obtain feedback from the group members about their sense +of the fit (the contract) between their ideas of their needs and +the agency’s view of the service. +4. To clarify the job of the group worker … +5. To deal directly with any specific obstacles, that may be +involved in this particular group’s effort to function effectively … +6. To begin to encourage intermember interaction … +7. To begin to develop a supporting culture in the group in which +members can feel safe. +8. To help group members develop a tentative agenda for future +work. +9. To clarify the mutual expectations of the agency and group +members … diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/381.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/381.md new file mode 100644 index 0000000..15d8da4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/381.md @@ -0,0 +1,18 @@ +10. To gain some consensus on the part of group members as to +the specific next steps; for example, what are the central +themes or issues with which they wish to begin the following +week’s discussion? +11. To start to encourage honest feedback and evaluation of the +effectiveness of the group“ (Shulman 1992, S. 317). +Das Psychodrama scheint mir für alle bisher beschriebenen +Funktionen und Möglichkeiten ein Verfahren, das innerhalb der +Sozialen Arbeit mit therapeutischem oder sozialpädagogischem +Schwerpunkt, mit einer Orientierung an den Zielen der +Gemeinwesenarbeit oder der Reflexion gesellschaftlicher Themen in +der Bildungsarbeit eingesetzt werden kann (siehe Ritscher 1998, S. +281 ff.); Farmer hat das systemische Psychodrama als Verfahren in +der Sozialpsychiatrie dargestellt (Farmer 1998); und die von Moreno +entwickelte Soziometrie als Verfahren zur Analyse von +Gruppenkonstellationen und ihrer eventuellen Veränderung (siehe +Ritscher 1998, S. 275 ff.) ist für die soziale Gruppenarbeit +unverzichtbar. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/382.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/382.md new file mode 100644 index 0000000..f2ca695 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/382.md @@ -0,0 +1,37 @@ +5.5.4 Gemeinwesenarbeit +von Werner Müller +Eine quartiersbezogene, ganzheitlich orientierte Sozialarbeit ist +ebenso alt wie die fürsorgliche Einzelhilfe, hat sich allerdings weitaus +weniger schnell entwickeln können als diese. Zuwendung zu +Einzelnen und Familien in Not passte im 19. Jahrhundert besser in die +Vorstellung bürgerlichen sozialen Engagements als der Aufbau +solidarischer Unterstützungsstrukturen. Gerade deshalb verdienen die +frühen Vorläufer aus der „Settlement-Bewegung“ eine besondere +Erwähnung. +Unter +dem +Begriff +Community +Work +(Gemeinwesenarbeit) wurden die von ihnen vorgedachten Konzepte +in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts als dritte Methode der +Sozialarbeit zugeordnet. +In Deutschland taucht der Begriff „Gemeinwesenarbeit“ (GWA), +von Ausnahmen abgesehen, erst in den Sechzigerjahren auf. Als +Import aus den USA und den Niederlanden hatte GWA zunächst aus +verschiedenen Gründen Akzeptanzschwierigkeiten.21 +Die seit der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre in Deutschland +aufblühende GWA-Bewegung wurde vor allem durch bestimmte +Personengruppen und Aktivistinnen getragen, die relativ unabhängig +von Hierarchien agieren konnten: Ordenspriester oder Vikare auf +kirchlicher Seite, die „Sozialpolitischen Aktionskreise“ (SPAK)22 und +schließlich Sozialarbeiterinnen, meist im Auftrag von freien Trägern. +Hier wurde ein Leitprinzip der GWA sichtbar, das in dem Konzept der +„katalytischen Sozialarbeit“ (Karas u. Hinte 1978) im Mittelpunkt +steht: Wer in lokalen Interessenkonflikten sich für einen +Machtausgleich bzw. eine Machtverschiebung zugunsten der +Schwächeren engagiert, der sollte in dem Handlungsfeld selbst kein +„Machtführer“ sein, d. h. keine Verfügung über Geld, Gebäude und +keine Amtsmacht haben. In der niederländischen GWA wurde aus +ähnlicher Überlegung heraus eine entsprechende Konsequenz +gezogen und für die Gemeinwesenarbeiterinnen anstelle lokaler diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/383.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/383.md new file mode 100644 index 0000000..5a5b400 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/383.md @@ -0,0 +1,46 @@ +Anstellungsträger eine übergreifende Stiftung als Trägerorganisation +geschaffen. Es ist deutlich, dass die Gemeinwesenarbeit schon immer +eine gesellschaftskritische Position bezog, die durch die 68er +Protestbewegung in Deutschland, anderen europäischen Ländern und +den USA noch weiter geschärft wurde. +Alinsky23 kam mit nichts als seinem Sachverstand für +Aktivierungsprozesse in die Projekte, bei denen es galt, Bürgermacht +zu organisieren. Während er in einem Buchtitel von der Stunde der +Radikalen sprach, hatte sein akademischer Kollege Specht, Professor +für Sozialarbeit an der Berkley University, die Protesttechniken des +gewaltfreien Kampfes um soziale Rechte gegen revolutionäre +Strategien abgegrenzt. Gegen diese ab Ende der Sechzigerjahre in +Teilen der so genannten Kritischen Sozialarbeit verbreiteten Konzepte +wendete er sich mit dem Gegenkonzept der „disruptiven Strategien“ +(siehe C. W. Müller 1988). Als Agitatoren und Propagandisten eines +revolutionären Bewusstseins, so Specht, sollten und dürften +Sozialarbeiterinnen sich nicht jenen Bürgerinnen und Bürgern +anbiedern oder aufdrängen, die sie bei der Selbstorganisation ihrer +Interessen unterstützen wollen. Gefordert ist also das Empowerment +der Benachteiligten, d. h. die Fähigkeit, eigene Interessen gegen die +etablierten Machtstrukturen zu artikulieren und solidarisch zu +vertreten. Dafür benötigen die Gemeinwesenarbeiterinnen politisches +(nicht +parteipolitisches) +Engagement, +kommunalpolitischen +Sachverstand, die Fähigkeit, Kommunikations- und Machtstrukturen +vor Ort einzuschätzen, Kompetenzen für die Öffentlichkeitsarbeit, +Methoden des Trainings und der Begleitung von Aktionsgruppen. +Die von Brager und Specht 1973 vorgelegte Definition von GWA +für die Soziale Arbeit veranschaulicht die ganze Komplexität des +Arbeitsansatzes (Brager u. Specht 1973, S. 27 f.): +Gemeinwesenarbeit +ist +eine +Interventionsmethode, +um +Individuen, Gruppen und Organisationen in einer geplanten Aktion +zur Beeinflussung sozialer Probleme zu engagieren. Sie ist auf die +Bereicherung, Entwicklung und Veränderung sozialer Institutionen +gerichtet. +Sie +beinhaltet +zwei +miteinander +verbundene diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/384.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/384.md new file mode 100644 index 0000000..e739472 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/384.md @@ -0,0 +1,33 @@ +Hauptprozesse: Planen (d. h., Problembereiche zu identifizieren, +Ursachen zu diagnostizieren und Lösungen zu formulieren) und +Organisieren (d. h., die Mitwirkenden zu trainieren und die für eine +erfolgreiche Aktion erforderliche Strategie zu entwickeln). +Die Komplexität von GWA wird ferner deutlich, wenn man die +Problemfelder betrachtet, die damals und heute Anlass für die +Gemeinwesenaktivierung und -entwicklung sind: +die Ballung von ausgegrenzten Personengruppen in „sozialen +Brennpunkten“ wie Notunterkünften für wohnungslose Allein +stehende und (oft unvollständige) Familien, die angeblich nur +vorübergehend sein soll, aber oft auf Dauer und ohne +Perspektive des Entkommens angelegt ist; +das Schicksal der Restbevölkerung in heruntergewirtschafteten, +einer Sanierung bedürftigen Stadtquartieren, die sich mit neuen +Verwertungsinteressen und Planungskonzepten konfrontiert +sieht und Einflusslosigkeit erfährt; +die Ansiedlung von tausenden einander fremden Menschen +ohne vertraute und gegenseitige Unterstützung vermittelnde +Nachbarschaftsbeziehungen in neuen Wohngebieten. +Stets stellten und stellen sich die gleichen Fragen: Wie kann +Vereinzelung aufgehoben, Nachbarschaft entwickelt bzw. eine +Interessengemeinschaft mit geeigneten Kommunikations- und +Handlungsstrukturen aufgebaut werden? Welche Verfahrensweisen +können die Betroffenen anwenden, um Selbsthilfe zu organisieren +bzw. ihre Anliegen den Machtträgern im Gemeinwesen nachhaltig zu +verdeutlichen? +Daneben ist gegen Ende der Siebzigerjahre ein weiteres +Problemfeld sichtbar geworden: die Differenzierung sozialer Dienste +und Einrichtungen beim Ausbau des Sozialstaats mit ihrer +zunehmenden Unüberschaubarkeit und Bürgerferne. Damit war die +Frage aufgeworfen, wie in der sozialen Infrastruktur gleiche +Versorgungschancen und – sobald Einrichtungen vorhanden sind – +deren Bürgernähe im Sinne von Akzeptanz und Eignung für die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/385.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/385.md new file mode 100644 index 0000000..708d478 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/385.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Betroffenen herzustellen ist; und noch weiter gehend die Frage, wie +Bürgerinnen und Bürger sich Einrichtungen der sozialen Infrastruktur +als Teil ihrer Lebenswelt aneignen bzw. selbst entwickeln können. +Bei der Suche nach geeigneten Antworten auf diese weitere +Herausforderung haben sich verschiedene Überlegungen und +Konzepte getroffen: +aus den Bürgerinitiativen und der Selbsthilfebewegung der +Siebziger- und Achtzigerjahre die Kritik an bürgerferner +Verwaltung bis hin zu der Forderung, den Menschen die +Steuergelder für eigene Initiativen zurückzugeben; +aus der modernen Verwaltungswissenschaft die Vorstellung von +Dezentralisierung und Gemeindenähe aller Verwaltung, die sich +vom Leitbild der Hoheitsverwaltung verabschiedet und sich +stattdessen als Dienstleisterin in einem demokratischen +Gemeinwesen versteht; +aus der Sozialarbeit die Idee von „Gemeinwesenarbeit als +Arbeitsprinzip“ aller Sozialarbeit, deren „zentraler Aspekt die +Aktivierung der Menschen in ihrer Lebenswelt“ ist und die „die +Herstellung +von +Handlungszusammenhängen“ +betreibt, +„innerhalb deren die Menschen eine solidarische und +genußreiche Lebenspraxis und politisch Handeln lernen“ (siehe +Oelschlägel 1994, S. 201 ff.).24 +Während die Idee von GWA als Arbeitsprinzip noch auf der Tradition +der kritischen Sozialarbeit im Westdeutschland der Sechziger- und +Siebzigerjahre gründet, ist parallel dazu in den USA die klassische +Dreiheit sozialarbeiterischer Methoden unter Bezug auf die +Systemtheorie zur Unitary Theory of Social Work integriert worden. +Einer ihrer wichtigsten Vertreter wurde der schon genannte Harry +Specht (siehe Specht u. Vickery 1980). Eine gemeinsame +systemtheoretische Grundlage für sozialarbeiterische Praxis sollte das +Dilemma der Aufsplitterung beenden. Dieses besteht darin, dass, je +nach Arbeitsauftrag und methodischem Ansatz der Fachkräfte, soziale +Probleme von vornherein getrennt aus der Perspektive von diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/386.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/386.md new file mode 100644 index 0000000..52eb535 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/386.md @@ -0,0 +1,22 @@ +Einzelhilfe, Gruppenarbeit oder Gemeinwesenarbeit betrachtet und +bearbeitet werden; die Nutzer und Nutzerinnen sozialer +Dienstleistungen müssen sich dann der Jacke anpassen, die der +jeweilige Dienst für sie bereithält. +Systemtheoretisch orientierte Fachkräfte versuchen dagegen in +einer Arbeitsfeldanalyse generell und dann auch speziell, mit den +betroffenen Menschen zu klären, auf welcher Systemebene (Mikro-, +Meso-, Exo- oder Makrosystem) Lösungen für ihre Anliegen zu +suchen und zu schaffen sind. + +Abb. 22: Handlungsfelder unter systemischer Sozialarbeitsperspektive +Die klassischen Arbeitsformen Sozialer Arbeit – Einzelfallhilfe, +Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit – sind in Abbildung 22 zwar +noch erkennbar; aber es hängt von der Reichweite der Problem- bzw. +Interessenlage der Betroffenen ab, wie weit die problemlösende +Aktion ins Meso- oder Makrosystem hinaufgreift. Hier spricht die +Sozialarbeitstheorie von Strategien: Sie können personbezogen, +quartiersbezogen, organisationsbezogen, medial bzw. politikbezogen +sein und werden unterschiedlich miteinander kombiniert. +Harry Specht pflegte in seiner Supervision für deutsche +Sozialarbeiterinnen zur Abklärung des Aktionsraumes vier Begriffe +von Pincus und Minahan zu verwenden: „Klientsystem, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/387.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/387.md new file mode 100644 index 0000000..ca8cecd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/387.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Dienstleistungssystem, Zielsystem und Aktionssystem“. In der +traditionellen Einzelhilfe sind Klientsystem und Zielsystem identisch, +und das Dienstleistungssystem ist gleichzeitig das Aktionssystem. Im +systemischen Ansatz hilft die Fachkraft, andere Positionen als +Aktionssysteme mit ins Spiel zu bringen, und damit hört das +Klientsystem auf, das einzige Zielsystem zu sein. Die soziale Fachkraft +als primär engagiertes Dienstleistungssystem verliert ihre zentrale +Rolle zugunsten von neu einbezogenen Aktionssystemen. +Ein Beispiel: Anwohner beschweren sich beim Sozialamt über das +oft unbeaufsichtigte Kind einer Allein erziehenden. Es habe eine +ruhestörende „Bande“ von Minderjährigen organisiert und störe den +nachbarlichen +Frieden. +Für +die +Sozialarbeiterin +(Dienstleistungssystem) wird nun allenfalls kurzfristig die Mutter +und/oder das Kind Zielsystem. Darüber hinaus führt sie nach einigen +Recherchen die Mutter mit anderen, gleich betroffenen Eltern +zusammen; diese erkennen in der unzulänglichen Spielplatzsituation +des Wohnumfeldes eine Ursache für die häufigen Beschwerden über +ihre Kinder seitens anderer Anwohner. Die Eltern als Aktionssystem +bedrängen nun die Wohnungsgesellschaft (als neues Zielsystem), die +Verhältnisse kinderfreundlicher zu gestalten. Treten dann noch die +Beschwerde führenden Anwohner in ein Aktionsbündnis mit den +betroffenen Eltern gegenüber der Wohnungsgesellschaft ein, so ist +nicht nur für die „auffälligen Kinder“ etwas erreicht, sondern zugleich +noch ein Mehr an sozialem Frieden im Wohnumfeld. +Die Rolle der Sozialarbeiterin hat sich dabei darauf beschränkt: +eine individuelle Schwierigkeit als soziales Problem zu erkennen, +den Blick der Betroffenen vom Einzelfall weg auf die +Umfeldsituation zu erweitern sowie +die Ressourcen einer Aktionsgruppe in Hinblick auf +Selbstorganisationsund Verhandlungstechniken entwickeln zu +helfen.25 +Um beim Beispiel des Freizeitumfeldes für Kinder zu bleiben, könnte +die Fachkraft auch erkennen, dass sich hier exemplarisch ein Problem diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/388.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/388.md new file mode 100644 index 0000000..a6151ca --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/388.md @@ -0,0 +1,55 @@ +des ganzen Stadtteils gezeigt hat; dann läge es in ihrer und ihrer +Kolleginnen Zuständigkeit, sich in ihrer sozialplanerischen +Mitverantwortung für das Konzept einer kinderfreundlichen Stadt zu +engagieren. Aus dem Dienstleistungssystem Sozialer Dienst würde +ein Aktionssystem, und die Zielebene läge im kommunalpolitischen +System. Mielenz hat hierfür 1981 den Begriff der „Einmischung“ +geprägt, der insbesondere von der Theorie der Jugendhilfe +aufgenommen und zum Berufsverständnis Sozialer Arbeit hinzugefügt +worden ist (Mielenz 1881, S. 57 ff.). +Ein solcher multiperspektivischer Ansatz setzt Teamarbeit voraus +und zielt auf eine für die Betroffenenbeteiligung offene +Kommunalpolitik. Damit führt die Systemtheorie zu den frühen +Ansätzen der Settlement-Bewegung und der Nachbarschaftsheime +zurück. Nicht auf verschiedene Standorte und unterschiedliche Träger +verteilte +spezialisierte +Dienste, +sondern +in +Sozialzentren +zusammengefasste bürgernahe Teams können auf die Lebenswelt der +Menschen bezogene Dienstleistungen erbringen und sich mit +bürgerschaftlichem Engagement verbünden. Diese Einsicht ist seit +den Achtzigerjahren in verschiedenen deutschen Stadtteilprojekten +gewonnen und zumindest für die Jugendhilfe mit den +„Strukturmaximen +lebensweltorientierter +Jugendhilfe“ +im +8. +Jugendbericht recht konkret formuliert worden (BMJFFG 1990). +In Großbritannien hat diese Sichtweise sich fast ein Jahrzehnt +früher im so genannten Barclay-Report von 1982 niedergeschlagen, +der eine generelle Wende von nachgehender und einzelfallorientierter +zu einer präventiven und gemeinwesenorientierten Sozialarbeit +vorschlug +(Barclay +1982). +Dies +stieß +eine +intensive +Experimentierphase an, bis dann 1990/1993 die konservative +Thatcher-Regierung den Entwicklungsprozess stoppte. Für die +britischen Konservativen beinhaltete das Konzept solidarischer +Aktivierung von Bürgerinnen zum Engagement für ihr Lebensumfeld +ein geheimes Element der Manipulation durch die Labour Party. So +steuerten sie dagegen und versuchten mit den 1993 in Kraft +getretenen +Reformen, +die +Soziale +Arbeit +auf +eine diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/389.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/389.md new file mode 100644 index 0000000..45d3b00 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/389.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Konsumentensouveränität auszurichten. Sie habe durch CaseManagement die individuelle Kundenzufriedenheit herzustellen – so +die neoliberalistische Argumentation. Deren Bezugspunkt hatte +Margret Thatcher schon 1987 formuliert: „Es gibt nicht so etwas wie +Gesellschaft, es gibt nur individuelle Männer und Frauen.“26 +Gleichwohl ist weder in Großbritannien noch in USA oder auf dem +europäischen Kontinent die Perspektive lebensweltlicher proaktiver +Sozialer Arbeit auf der Strecke geblieben. +Ein Zitat aus einer neusten Veröffentlichung mag dies belegen: +„Wenn Teilhabe aller den Kern demokratischer Gesellschaften +bildet und Soziale Arbeit einen Auftrag darin hat, die +Zivilgesellschaft zu fördern, dann schließt dies undemokratische +Ansätze aus. Die neuen Ansätze erfordern den Abschied von +stellvertretenden und bevormundenden Handlungsmustern, +überkommenen Versorgungsangeboten und hierarchischen +Trägerstrukturen. Ins Zentrum rücken vielmehr die Potenziale +und Bedürfnisse von Menschen … Anders als in der Sozialarbeit +fürsorgerischer Tradition sind nicht nur bedürftige Einzelne und +Zielgruppen die Adressatinnen. Reine Fallorientierung ebenso wie +die +reine +Zielgruppenorientierung +weichen +einem +entwicklungsorientierten feldspezifischen Ansatz. Es geht um die +Förderung und Realisierung von Projekten und Unternehmen der +Selbsthilfe und Selbstorganisation in den Gemeinwesen. Die +Funktion der Sozialarbeit besteht dann … in Aktivierung, +Moderation, +Vernetzung, +Ressourcenbeschaffung, +Projektentwicklung, +Prozessbegleitung, +Koordination, +Politikberatung, Sozialem Management etc.“ (Elsen 2001, S. 40). +Dieser Perspektivenwechsel gelingt in der Praxis, wenn +Träger keine Einheitslösungen für alle Quartiere ihrer Gemeinde +anstreben, +kleinen Teams Zeit zum Entwickeln von Konzepten mit den +jeweiligen Bevölkerungsgruppen gegeben wird, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/390.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/390.md new file mode 100644 index 0000000..686da74 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/390.md @@ -0,0 +1,7 @@ +Projektbegleitung in Form externer Beratung ermöglicht wird +und der Austausch mit anderen Teams ein Teil des +Arbeitsauftrages ist. +Ein Schema zur Gegenüberstellung von traditioneller Einzelfallarbeit +und Gemeinwesenarbeit und der für die Implementierung der +Gemeinwesenarbeit notwendigen Schritte mag dies noch +verdeutlichen:27 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/391.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/391.md new file mode 100644 index 0000000..550ff04 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/391.md @@ -0,0 +1,7 @@ +Abb. 23: Fallorientierte und gemeinwesenorientierte Sozialarbeit im +Vergleich +Auch scheint mir die Möglichkeit wichtig, für die Projektentwicklung +zeitweilige Unterstützung anfordern zu können. Zu denken ist dabei +an: +Sozialplanerinnen, die bei Arbeitsfeldanalysen und Umfragen +behilflich sind, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/392.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/392.md new file mode 100644 index 0000000..b197be1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/392.md @@ -0,0 +1,40 @@ +oder gesonderte Moderatorinnen für die Durchführung von +schwierigen +Prozessen +der +Aushandlung +zwischen +unterschiedlichen Ämtern, Wohlfahrtsorganisationen und/oder +Bürgerinitiativen; sie müssten sich wie der oben genannte +„katalytische Gemeinwesenarbeiter“ (Karas u. Hinte 1978) als +von Interessen unabhängige Instanz verstehen. Kontinuierliche +gemeinwesenorientierte Sozialarbeit, kommunale Planung und +die Politik der „runden Tische“ können sich in diesem Sinne +ergänzen. +Wie im folgenden Abschnitt 5.5.5 noch erörtert wird, ist solch ein +Veränderungsprozess sozialer Dienstleistungsstrukturen langwierig, +denn sie sind tief in überkommenen Gewohnheiten und Einstellungen +sowie +Ausbildungssystemen, +Verwaltungsregeln, +Einkommenstabellen, +Zuständigkeitsabgrenzungen +und +Machtpositionen verankert. +Es gibt aber auch eine Chance für proaktive Systembedingungen: +Da ist einmal die Zunahme von sozialen Problemen durch +Auflösung traditioneller Orientierungsmuster und Strukturen +gesellschaftlichen Zusammenhalts; daraus folgt, dass eine +personzentrierte und oft genug nachgehende Sozialarbeit nicht +ausreicht und nicht finanzierbar ist – denn man kann nicht +weite Teile der Bevölkerung klientifizieren. +Zum Zweiten zeigt sich in einer Vielzahl von bürgerschaftlichen +Initiativen eine neues Potenzial zur Bewältigung jener +Problematik. Dies muss u. a. von der Sozialen Arbeit auf +geeignete Weise noch mehr hervorgelockt, ermutigt und +unterstützt werden. +Hierfür sind die Erfahrungen aus allen Erscheinungsformen heutiger +Gemeinwesenarbeit von Bedeutung: generationenübergreifende +Stadtteilprojekte, Nachbarschaftsförderung, Agenda-21-Initiativen +und ähnliche Vorhaben bürgerschaftlicher lokaler Planung, Einsatz +von Firmen für ihr lokales soziales Umfeld (Cooperate Volunteering) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/393.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/393.md new file mode 100644 index 0000000..2265f87 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/393.md @@ -0,0 +1,3 @@ +sowie die im folgenden Abschnitt ausführlicher dargestellte +Entwicklung lebensfeldbezogener und präventiv arbeitender Sozialer +Dienste. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/394.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/394.md new file mode 100644 index 0000000..4a5cc39 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/394.md @@ -0,0 +1,39 @@ +5.5.5 Arbeit in sozialen Organisationen +von Werner Müller +Systemisch orientierte Soziale Arbeit sieht auch die organisierten +Dienstleistungssysteme als Zielsysteme professioneller Intervention. +Soziale Fachkräfte sind nicht nur verantwortlich für die Qualität ihrer +Arbeit mit Einzelnen, entwicklungsorientierten Gruppen und +Aktionsgruppen im Gemeinwesen; sie haben auch Mitverantwortung +für die Qualität der Gehäuse und Strukturen, in denen sie tätig sind. +Sozialpädagogische Handlungstheorien, darauf bezogene Aus- und +Fortbildung und die tägliche Praxis von Sozialadministration haben +dafür Zielkriterien und Verfahren bereitzustellen. +Es hat nun aber Tradition, dass Sozialarbeiterinnen (mehr als +Sozialarbeiter) mit dem Rücken zu ihrer Organisationsumwelt stehen, +den Blick fest auf ihre Klientinnen gerichtet – wie diese an restriktiven +und +unverständlichen +Verwaltungsentscheidungen +sowie +einschränkenden Bedingungen des Sozialstaats und seiner +Ordnungsmächte leidend. +Für +diese +überwiegend +klientbezogene +und +der +Sozialadministration wie der politischen Ebene abgewandte Haltung +gibt es gerade in Deutschland mehrere Gründe: +Seit der Einführung des Elberfelder Fürsorgesystems im 19. +Jahrhundert wird (wie auch in anderen Ländern) die praktische +Sozialarbeit von Frauen, deren Verwaltung jedoch von Männern +geleistet. +Durch die Trennung von Verwaltungslaufbahn und Sozialarbeit +mit je eigener Ausbildung stehen zwei gegensätzliche berufliche +Orientierungen gegeneinander; einerseits die Orientierung auf +den regelgerechten Verwaltungsvollzug und andererseits die auf +den angenommenen Hilfebedarf der Klienten.28 +Dazu kommt als Verschärfung dieser Trennung die spezifisch +deutsche Verrechtlichung und Bürokratisierung der öffentlichen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/395.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/395.md new file mode 100644 index 0000000..3c019b7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/395.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Verwaltung; dieser haben sich spätestens nach dem Ersten +Weltkrieg auch die Organisationen der freien Wohlfahrtspflege +angepasst, die seitdem in viel höherem Maße als Freie Träger +im angloamerikanischen Sozialsystem auf öffentliche Zuschüsse +angewiesen sind. +Solche Traditionen können tief greifende Auswirkungen auf die +berufliche Identität haben: Künzel-Schön ist anhand einer Umfrage +unter Berufskolleginnen zum dem Schluss gekommen, dass +Sozialarbeiterinnen sich in administrativen Tätigkeiten nicht wieder +finden. +Sie führt aus: +„Das kann zu einer Identitätskrise führen, die so gelöst wird, daß +der sozialpädagogische Anteil des Berufs akzeptiert, der +administrativ-kontrollierende +abgewehrt +wird: +Die +Sozialarbeiterinnen nehmen Informationen nicht zur Kenntnis, +die sie als Vertreterinnen der Bürokratie ausweisen, und der +ungeliebte Anteil des Berufsbildes wird abgespalten und in +andere (ähnliche) Berufe projiziert, wie die Verwaltung, die +Polizei“ (Künzel-Schön 1991, S. 3). +Diese Beschreibung gilt auch für große Teile der in der Tradition der +so genannten kritischen Sozialarbeit stehenden Gemeinwesenarbeit. +Indem sich Fachkräfte an der Organisation von Protestaktionen und +Basisinitiativen beteiligten, konnten sie sich von den bürokratischen +Systemen absetzen, obwohl sie oft deren Teil waren. +Zweierlei Entwicklungen haben in den Siebzigerjahren solche +Distanzierungstendenz bekräftigt. Das war zum einen die +neomarxistische Kritik am Sozialstaat als Oppressions- und +Disziplinierungsagentur, wonach Sozialarbeit „die Gesellschaft vor den +möglichen Auswirkungen abweichenden Verhaltens (schützt), indem +sie dieses administriert und fragmentiert“ und „die systembedingten +Ungerechtigkeiten durch materiellen und ideellen Trost“ verschleiert +(siehe Hollstein u. Meinhold 1973). Wer mochte sich demzufolge um diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/396.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/396.md new file mode 100644 index 0000000..70bf6f0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/396.md @@ -0,0 +1,33 @@ +eine Reform von organisatorischen Bedingungen bemühen, wenn sie +damit in Gefahr geriet, zu einem geschmeidigeren Funktionieren des +Unterdrückungsapparats beizutragen?29 +Eine zweite Entwicklung hat sich allerdings als länger anhaltend +erwiesen und letztlich zum Konzept einer ganzheitlich orientierten +und auf Organisationsveränderung zielenden Sozialarbeit geführt. +Gemeint ist der Neubeginn einer (1933 in Deutschland +abgebrochenen) empirischen Forschung zu den Strukturen, +Arbeitsprozessen und Wirkungen organisierter Sozialer Arbeit. +Sozialarbeitsforschung begann oft in Verbindung mit der kritischen +Sozialarbeit. So haben ihre ersten Produkte noch zur Distanzierung +der Sozialarbeiterinnen gegenüber Organisationen und Verwaltungen +beigetragen, skandalisierten diese Studien doch Probleme +institutionellen Zwanges und der „Pathologisierung der Adressaten“; +Missstände in der ambulanten Fürsorge, den mehr oder weniger +geschlossenen Anstalten der so genannten Jugendfürsorge, der +Nichtsesshaftenhilfe und der Psychiatrie wurden dokumentiert und +untersucht.30 Nach – und zum Teil auch schon während – einer Phase +der Anklage setzte aber schon in den Siebzigerjahren eine +umfangreiche Beschäftigung mit den strukturellen Gegebenheiten +formeller sozialer Unterstützungssysteme ein, die auf Reformen in +den genannten Feldern zielte und Modellversuche anstieß. +Reformkonzepte für soziale Dienstleistungssysteme gehören +seitdem unter wechselnden Schwerpunktsetzungen zum Alltag der in +diesen Systemen Handelnden. Skizzenhaft dargestellt, ging und geht +es dabei um folgende Vorhaben, wobei die Jahreszahlen nur grobe +Anhaltspunkte geben: +1970–1980: Herstellung einer fachlichen Gesamtverantwortung +der Sozialarbeiterinnen im Feld, z. B. durch Zusammenlegung +von Innen- und Außendiensten, Verkürzung der Hierarchien und +Dekonzentration der Dienste (siehe 8. Jugendbericht, BMJFFG +1990, S. 184–198; Bronke et al. 1989, S. 32 ff.). Mit +Dekonzentration war schon eine Herausverlagerung von diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/397.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/397.md new file mode 100644 index 0000000..84d6e9b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/397.md @@ -0,0 +1,58 @@ +Diensten aus den Zentralen in Wohngebietsnähe gemeint. Dazu +gehörte ferner die Auflösung von Großanstalten und erste +Herstellung von „Gemeindenähe“ wie z. B. in der +Wohnungslosenhilfe und der psychiatrischen Versorgung. +1980–1995: Verbesserung der Koordination und Kooperation +der Vielfalt von im Ausbau des Sozialstaates entstandenen +Spezialdiensten und ihre Weiterentwicklung zu einem +Unterstützungsnetzwerk; dieses versteht sich als Förderer für +informelle +Netzwerke +und +die +im +Rahmen +der +Selbsthilfeorganisationen entstandenen Bürger-Netzwerke.31 +Unter dem Einfluss des 8. Jugendberichts und des neu +gefassten Kinder- und Jugendhilferechts entstand auch eine +zunehmende +Profilierung +der +Jugendhilfe +als +lebensweltorientiertes, flexibles und möglichst präventives +Leistungsangebot. +1993 bis heute: Neue Steuerung sozialer Dienste durch Zielund +Leistungsvereinbarungen +anhand +von +Produktbeschreibungen und Kostenkalkulationen, in Verbindung +mit +dezentraler +Budgetverantwortung +und +zentralem +betriebswirtschaftlichem Controlling (statt kameralistischer +Überprüfung des Haushaltsvollzugs), dazu Maßnahmen zur +Qualitätssicherung und -entwicklung. +Allerdings wird dabei mit dem Begriff der Kundenorientierung einer +Orientierung auf individuelle Abnehmerinnen von Dienstleistungen +Vorschub geleistet, die im Gegensatz zu den Konzepten sozialer +Netzwerkförderung und des (doch gerade aus der Vereinzelung +herausführenden, solidarischen) bürgerschaftlichen Engagements +steht.32 +Auf die Details dieser Geschichte soll hier nicht eingegangen +werden, zwei Eigenheiten sind jedoch im Zusammenhang mit der +Frage +nach +sozialarbeiterischer +Handlungskompetenz +in +Organisationsstrukturen interessant. Da gab es zum einen auch nach +fast +20 +Jahren +Reformdiskussion +neben +ermutigenden diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/398.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/398.md new file mode 100644 index 0000000..2d4a379 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/398.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Neuerungsprojekten +weiterhin +jene +traditionelle +innere +Absetzbewegung von Fachkräften gegenüber administrativen +Strukturen. +Als Ergebnis einer empirischen Untersuchung der öffentlichen +Erziehungshilfe in Nordrhein-Westfalen lesen wir: „Der erreichte +Stand an Professionalisierung gerade auch der administrativen +Routinen, die fachliche Standards in verwaltungsrationale +Abarbeitungen einführen sollte, muß eher skeptisch beurteilt werden“ +(Otto et al. 1991, S. 138). Dabei war in ihrer Studie beachtenswert, +dass durchaus vorhandene Gestaltungsmöglichkeiten in ihren Ämtern +von den Mitarbeiterinnen oft nicht genutzt wurden. +Das Gegenstück dazu bildeten lang anhaltende Widerstände der +Hierarchien. Verwaltungschefs – sie kamen und kommen häufig noch +immer nicht aus der Sozialarbeitsprofession – waren misstrauisch +gegenüber einem Umzug ihrer Fachkräfte aus den Rathäusern in die +Vororte. Ein Berliner Bezirksbürgermeister begründete seine +Ablehnung des dortigen Reformmodells mit den Worten: „Ich möchte +jeden Morgen durchs Rathaus gehen können und meine Mitarbeiter +an ihren Arbeitsplätzen sehen.“33 Die Verfasser des Jugendberichts +von 1990 mussten die Vorschläge zur Organisationsreform aus dem +Jugendbericht von 1972 „mit Nachdruck“ wiederholen (BMJFFG +1990). Sicherlich hat sich in dem Reformwiderstand der Leitungen +auch ein Misstrauen gegenüber einer sozialpädagogischen Profession +ausgedrückt, von der man vermutete, sie habe sich unter dem +Einfluss der kritischen Sozialarbeit auf den „langen Weg durch die +Institutionen“ begeben. Außer an Vertrauen in die Fachlichkeit hat es +jedoch oft auch an Verständnis dafür gefehlt, was eine Veränderung +von bürokratischen Strukturen in bürgernahe und situationsgerechte +Dienstleistungssysteme an fachlichen Kompetenzen erfordert, die in +Aus- und Weiterbildung entwickelt und durch eine entsprechende +Organisationskultur motivational gestützt werden müssen. +Es ist beachtlich, was für ein Kompetenzprofil sozialer Fachkräfte +die Verfasser des 8. Jugendberichts 1990 zusammengestellt haben: diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/399.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/399.md new file mode 100644 index 0000000..9a99027 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/399.md @@ -0,0 +1,42 @@ +„Für ihre Aufgaben, Ressourcen für ihre Institutionen und +Adressaten zu mobilisieren, auszuwählen, zu koordinieren +und sachgerecht zu bewirtschaften … brauchen sie fachlichinstrumentelle Kompetenzen, vor allem Kenntnisse der +relevanten Gesetze, Verwaltungs- und Förderrichtlinien und +die Souveränität, sie aus ihrer Sicht zu definieren. +Sie müssen sich in den Organisationsstrukturen und +Ressourcen ihrer Einrichtung auskennen, die Infrastruktur +des Feldes und die Netzwerke ihrer Klienten überblicken, +informelle und formelle Wege wissen und Kontakte nutzen zu +können … +(Sie) müssen über Handlungsmuster verfügen, um Ziele +und +Inhalte, +institutionelle +und +politische +Rahmenbedingungen +ihrer +Arbeit +und +die +Wertorientierungen, die ihnen zugrunde liegen, zu +reflektieren und zu evaluieren. Sie müssen Kriterien haben, +nach denen sie ihre Dienstleistungen auswählen, Ressourcen +zuteilen und in der Lage sein, ihre Ziele zu artikulieren, sowie +Wege und Strategien kennen, um sie politisch durchzusetzen“ +(BMJJFG 1990, S. 184, 189). +Anforderungen wie diese verdeutlichen, was in den beiden +sozialpädagogischen +Theorieansätzen, +dem +kritischemanzipatorischen und dem systemischen, mit lebensfeldorientierter +und multiperspektivischer Sozialer Arbeit gemeint ist. Diese bedarf +einerseits der qualifizierten Ausbildung.34 Sie bedarf andererseits +lernender Organisationsstrukturen, in denen die Mitarbeiterinnen an +der Evaluation ihrer Arbeit, Konzeptionsentwicklung und Gestaltung +arbeitsfeldspezifischer Handlungsstrukturen, zugleich sich fortbildend +und ihre Arbeit gestaltend, beteiligt sind. Was in dieser Hinsicht +erreicht werden kann, haben Projektberichte und Fallstudien aus +Selbstevaluationsprozessen eindrucksvoll gezeigt (siehe Heiner +1994a). Das neue Kinder- und Jugendhilferecht – auf Partnerschaft +zwischen Klientinnen und sozialen Dienstleistungsorganisationen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/400.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/400.md new file mode 100644 index 0000000..e2fdf05 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/400.md @@ -0,0 +1,59 @@ +angelegt – förderte in den ersten Umsetzungsschritten ebenfalls +experimentelles Denken. +Die +1993/1994 +einsetzende +Propagierung +einer +an +betriebswirtschaftlichen Kategorien orientierten Neuen Steuerung in +Richtung auf eine kundenorientierte soziale Dienstleistungsstruktur +hat meines Erachtens jedoch erneut Widerstand gegen +organisatorischen Wandel unter sozialen Fachkräften provoziert. Viele +fühlten sich nicht bei ihrer eigenen Fachlichkeit abgeholt, mit einem +schematisch +angewandten +und +oft +auch +ungeeigneten +„Ökonomismus“ konfrontiert und vermuteten – mit gutem Grund –, +am Ende diene die Neue Steuerung vor allem verdeckten +Einsparungsabsichten.35 +Es +ist +inzwischen +Allgemeingut +unter +Experten +des +Sozialmanagements, +dass +ein +bloßer +Transfer +von +Managementtheorien und -techniken aus der Profitwirtschaft auf +Non-Profit-Betriebe nicht nur kontraindiziert ist, weil er die +Grundprozesse der Herstellung von Vertrauen und Kooperation in +sozialen Unterstützungsund Lernprozessen missachtet. Ein solcher +Techniktransfer vernachlässigt auch, dass Sozialarbeitstheorie seit +den Siebzigerjahren eine eigene Begrifflichkeit und Konzepte von +aufgabengerechten Organisationsstrukturen sowie Verfahren zu deren +Umsetzung bereitgestellt hat. Damit muss man arbeiten, wenn +Organisationsentwicklung nicht lange Um- oder sogar Irrwege gehen +will. Eine Hinzunahme betriebswirtschaftlicher Konzepte ist damit +aber nicht ausgeschlossen. Zu vermeiden ist jedoch, kurzfristig und +vorübergehend fachfremde Organisationsberater von außen +hereinzuholen, die nach Mitarbeiterinnenbefragungen Gutachten +abliefern, aber keine Mitverantwortung für mittelfristige Lernprozesse +in der Organisation tragen. +Hier kann auf das zurückgegriffen werden, was die angewandte +Organisationswissenschaft schon seit den Sechzigerjahren an +Erfahrungen +hinsichtlich +des +Unterschiedes +zwischen +Organisationsbegutachtung und Organisationsentwicklung gelernt +hat.36 Dienstleistungsbetriebe sind nicht so umsteuerbar wie diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/401.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/401.md new file mode 100644 index 0000000..d38ce8d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/401.md @@ -0,0 +1,26 @@ +Sachgüter erzeugende Betriebe mit ihren Maschinenparks; +Lernprozesse müssen hier noch weitaus mehr als dort in den Köpfen, +bei Emotionen und Haltungen sowie erworbenen Fertigkeiten +stattfinden. Organisationsinterne, aus der Sozialarbeitsprofession +kommende +Moderatorinnen +für +Evaluationsprozesse +und +Konzeptionsentwicklung in kleinen Teams sowie Expertinnen für +kleinräumige Sozialplanung sind den externen Beraterinnen +vorzuziehen. Letztere lassen sich eher für ausgliederbare +Sonderaufgaben einzusetzen, z. B. die Schulung oder Supervision der +internen Organisationsentwickler. Inzwischen kann man auch auf +facheigene Handbücher und Arbeitshilfen zurückgreifen, insbesondere +in der Jugendhilfe (siehe Jordan u. Schone 1998; Merchel 1999). +Die im Zentrum einer modernen Sozialen Arbeit stehende Bürgerund Lebensweltorientierung bzw. Benutzerfreundlichkeit hat die +Forschungsgruppe von Franz Xaver Kaufmann bereits am Ausgang +der Siebzigerjahre mit dem Begriff der „Bürgernähe“ gefasst und in +fünf „Dimensionen“ konkretisiert. Diese Dimensionen machen +deutlich, was Fachkräfte vor Ort unternehmen bzw. bei ihrem Träger +anregen können, damit ihre Dienste zu einem für die Menschen +nützlichen Bestandteil ihrer Lebenswelt werden können. Diese +Handlungsmöglichkeiten sind mithilfe der Formulierung von PfeiferSchaupp in Fragen umgewandelt worden. Mit ihnen beginnt das +Einfache an Organisationsveränderung, das noch relativ leicht zu +erreichen ist (vgl. Pfeifer-Schaupp 2001). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/402.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/402.md new file mode 100644 index 0000000..ccf4e5a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/402.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Abb. 24: Bürgernähe, konkretisiert in fünf Dimensionen (nach +Kaufmann 1979; Vertextung der fünf Dimensionen: W. M.) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/403.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/403.md new file mode 100644 index 0000000..523e144 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/403.md @@ -0,0 +1,16 @@ +5.5.6 Die Qualitätssicherung in der Sozialen Arbeit +Die +Qualität +Sozialer +Arbeit +kann +durch +eine +gute +Hochschulausbildung, ständige Fortbildungsangebote, Supervision, +Intervision und Evaluationsmaßnahmen gesichert werden. +Schon in der Hochschulausbildung lässt sich die systemische +Perspektive und die Aneignung systemischer Handlungskonzepte +verankern (siehe Ritscher 1994). Fortbildungsangebote gibt es +zuhauf; ein Blick auf den Veranstaltungskalender der entsprechenden +Fachzeitschriften37 macht dies deutlich. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/404.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/404.md new file mode 100644 index 0000000..e7d7826 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/404.md @@ -0,0 +1,36 @@ +5.5.6.1Supervision +Als eigenständiger Handlungsbereich der Sozialen Arbeit enthält +Supervision zwei Ebenen: +Sozialarbeiterinnen treffen sich zur gemeinsamen Supervision +hinsichtlich problematischer Situationen bei der Arbeit mit ihren +Auftraggeberinnen, mit dem eigenen Team oder innerhalb ihres +Anstellungsträgers. +Sozialarbeiterinnen übernehmen die Rolle der Supervisorin für +Kolleginnen im Feld der Sozialen Arbeit. +Die eigene Arbeit mithilfe einer außen stehenden Fachkollegin zu +reflektieren und die Systemdynamik des Teams bezüglich der +Bremsen für eine konstruktive, verantwortungsvolle, methodisch +abgesicherte und zugleich intuitive Praxis zu beleuchten ist +inzwischen professioneller Standard in allen Bereichen der Sozialen +Arbeit. +Die Supervisorin dient als Mediatorin im System. Sie ist eine mit +den Arbeitsfeldern vertraute Kollegin, die in diesem Kontext weder +eine Mitarbeiterinnen- noch eine Vorgesetztenfunktion innehat. +Sie ist außerhalb des Unterstützungssystems angesiedelt. Ihre +hilfreiche Funktion erhält sie analog zur Funktion der +Beraterin/Therapeutin/Sozialarbeiterin durch die Position des neu +hinzukommenden „dialektischen Dritten“. Durch sie wird ein neues +System – das Supervisionssystem – geschaffen, in dem die +Widersprüche und Ambivalenzen, blinden Flecke und starren +Überfokussierungen, +Harmonien +und +Dissonanzen, +kurz: +Beziehungsmuster und Dynamik des Unterstützungssystems +verdeutlicht, verdichtet, verflüssigt und eventuell in eine neue Gestalt +transformiert werden können. +Die Außenposition verhilft der Supervisorin zu einer immer wieder +neu zu balancierenden Distanz gegenüber den anderen Mitgliedern +des Supervisionssystems. Dadurch kann sie deren Wahrnehmungen +und Beschreibungen noch einige Facetten hinzufügen.38 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/405.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/405.md new file mode 100644 index 0000000..690ad82 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/405.md @@ -0,0 +1,51 @@ +5.5.6.2Evaluation und Selbstevaluation +Evaluation sichert die Qualität der Sozialen Arbeit durch eine externe +Prozessbegleitung und -auswertung. +Selbstevaluation ist ein an der eigenen Praxis ansetzendes +Verfahren zur Qualitätssicherung. Über Supervision und Intervision +hinausgehend, entscheidet sich eine Einrichtung, ein Team oder eine +Organisation, die eigene Arbeit – Ziele, Abläufe, Management, +Ergebnisse, Beratungsprozesse und die interne Gruppendynamik – +auf den Prüfstand zu stellen. Selbstevaluation ist mit anderen Worten +die selbstreflexive Variante der Praxisforschung. Entscheidend für ihr +Gelingen ist die Bereitschaft der Professionellen, an diesem Projekt +aktiv teilzunehmen. Es erfordert, dass sie ihre Arbeit transparent +machen, +sich +kritischen +Fragen +stellen +und +plausible +Veränderungsvorschläge +übernehmen. +Im +günstigsten +Fall +beauftragen sich die Mitarbeiterinnen selbst mit der Evaluation. Auch +wenn der Evaluationsauftrag von der Leitung oder von außen kommt, +setzt er die Kooperationsbereitschaft der Mitarbeiterinnen voraus. +Heiner hat ein Modell zu den Dimensionen der Evaluation und +Selbstevaluation entwickelt (Heiner 1994b, S. 138): +Die Fragestellung markiert Perspektive und Fokus der +Evaluation. Sie umfasst vier Bereiche: „Wünschbarkeit“ (ist die +Zielsetzung +der +professionellen +Arbeit +angemessen?), +„Wirklichkeit“ (inwieweit nähert sich das Ergebnis der Arbeit den +vorher gesetzten Zielen an?), „Verträglichkeit“ (gibt es +unerwünschte Nebeneffekte bei den Ergebnissen der +Maßnahmen?) und „Wirtschaftlichkeit“ (ist der Zusammenhang +zwischen Aufwand und Ertrag stimmig?). +Informationsquellen +für +die +Evaluation +sind +die +„Adressaten/Nutzer/Nichtnutzer“, das „soziale Umfeld der +Nutzerinnen/Nutzer“, die „Leistungserbringer/Anbieter“, das +„berufliche Umfeld der Anbieter“, „vergleichbare Einrichtungen“ +und die „Politik/Öffentlichkeit“. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/406.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/406.md new file mode 100644 index 0000000..bf0305b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/406.md @@ -0,0 +1,51 @@ +Gegenstand der Untersuchung kann sein: „Art und Umfang der +Leistungen“, +„fachliche +Qualität +der +Leistungen“, +„Veränderungen Klient – Umfeld“ und „Veränderungen +Sozialarbeit – Umfeld“. Für die aktuelle Selbstevaluation eines +Teams lassen sich diese Fragestellungen wiederum auf drei +Ebenen konkretisieren. +– Es werden die Ziele der Einrichtung/Organisation und der +Arbeit der einzelnen Mitarbeiterinnen und die dafür +bereitzustellenden +Mittel +entwickelt +und +festgelegt +(Zeitbudget, +finanzielles +Budget, +Personalstellen, +Raumausstattung, Arbeitsmaterialien, Fortbildung usw.). +– Es wird geprüft: Inwieweit wurden die angestrebten Ziele +realisiert, z. B. Zufriedenheit der Auftraggeberinnen, weniger +stationäre +Unterbringungen, +positive +psychosoziale +Entwicklungsverläufe, Wirtschaftlichkeit der durchgeführten +Maßnahmen? Welche Mittel wurden dafür eingesetzt, und +war der Aufwand angemessen? +– Alternativ dazu kann die Frage verfolgt werden, warum +angestrebte Ziele nicht erreicht wurden, z. B. eine +Vollbelegung der Einrichtung, eine Einhaltung des +festgelegten Budgets, Kooperationsvereinbarungen mit +anderen +Trägern, +die +Aneignung +alltagspraktischer +Kompetenzen, eine Minimierung der Therapieabbrüche. +Welche Maßnahmen könnten hier Abhilfe schaffen? +Monzer nennt vier Aspekte der Selbstevaluation: +„Kontrolle: „Es wird überprüft, ob gesetzte Standards oder Ziele +erreicht wurden und/oder ob sie angemessen sind; bewertet +wird die Ergebnisqualität.“ +„Aufklärung: Es wird versucht nachzuvollziehen, was tatsächlich +in der Arbeit passiert ist; bewertet wird die Prozessqualität.“ +„Qualifizierung: Es wird überprüft, wie die derzeitigen +Bedingungen umzuorganisieren sind, damit die Arbeit optimiert +werden kann; bewertet wird die Leistungsfähigkeit.“ diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/407.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/407.md new file mode 100644 index 0000000..70ffbbe --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/407.md @@ -0,0 +1,46 @@ +„Innovation: Es wird überprüft, welche Nachfragen bei den +potentiellen Nutzern vorhanden sind und welches Angebot +diesen +Bedürfnissen +entspricht; +bewertet +wird +die +Bedarfsgerechtigkeit“ (Monzer 1996, S. 13; 1. Hervorh. W. R., +2. Hervorh. im Orig.). +Selbstevaluation unter systemischer Perspektive verbindet die +Dimensionen von Person, Organisation und Umwelt (ebd., S. 31). Die +Person kann in ihren verschiedenen Rollen und Funktionen, als +Informationsträgerin, +Beziehungsgestalterin +und +Sachmittelverwalterin thematisiert werden; die Organisation als +System, Kontext der Zieldefinition und Mittel der Zielerreichung; die +systemischen Umwelten treten als Auftraggeberin, konkurrierende +Leistungsanbieterinnen, Finanziers und Erwartungsträgerinnen in das +Blickfeld. +Auch für die Selbstevaluation bietet sich die Mitarbeit von +externen Expertinnen an. Sie können durch ihre Möglichkeit der +Beobachtung und Beschreibung von außen auf blinde Flecken und +Schwachstellen bei der Planung und Durchführung der Evaluation +hinweisen, Ratschläge geben, Methodenvorschläge unterbreiten, +bestimmte Erhebungen selbst durchführen und diese auswerten (z. B. +Fragebogen); als allparteiliche Dritte sind sie in der Lage, die +systeminterne Kommunikation zu moderieren. Hier verwischt sich die +ohnehin +undeutliche +Grenze +zwischen +Evaluation +und +Selbstevaluation. Das entspricht dem Ansatz der Aktionsforschung.39 +Im siebten Kapitel wird das Konzept der Selbstevaluation ohne +externe Moderatorin unter dem Begriff „Kursgespräche“ dargestellt. +Armbruster beschreibt eine Kombination von Selbstevaluation und +Evaluation im Feld der Sozialpsychiatrie (Armbruster 1998). In diesem +Projekt ging es um die Verläufe der Entwicklung von +Auftraggeberinnen eines Sozialpsychiatrischen Dienstes und die +Qualität bzw. Effizienz der professionellen Unterstützungsangebote +durch die Mitarbeiterinnen. Der besondere Charme dieser +Untersuchung liegt in ihrem explizit systemischen Ansatz und dem +zentralen Stellenwert von Supervision, Intervision und Fallarbeit. Über diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/408.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/408.md new file mode 100644 index 0000000..1e33f5d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/408.md @@ -0,0 +1,10 @@ +„Qualitätszirkel“ wurde neben der Befragung beider Gruppen und der +Dokumentationsauswertung die direkte Reflexion und Entwicklung +der inhaltlichen Arbeit mit den Auftraggeberinnen gewährleistet. Das +scheint mir manchmal in Forschungsprojekten, die sich mehr auf +Organisationsstrukturen und kommunikative Prozesse innerhalb des +Systems beziehen, zu kurz zu kommen. +Aber letztlich geht es doch um unsere konkrete Arbeit mit +konkreten Menschen und ihre konstruktive Entwicklung. Die +Organisation ist nur der notwendige Kontext zur Sicherstellung dieses +gesellschaftlichen Auftrages. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/409.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/409.md new file mode 100644 index 0000000..c0d2cb4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/409.md @@ -0,0 +1,38 @@ +5.6 + +Therapie, Beratung, Pädagogik und +Sozialarbeit im Rahmen der +systemischen Sozialen Arbeit + +Im Rahmen einer systemischen Sozialen Arbeit wird die prinzipielle +Unterscheidung von Therapie, Beratung, Pädagogik und Sozialer +Arbeit hinfällig. Diese unterschiedlichen Formen der Hilfe bleiben +ohne ein integrierendes systemisches Metamodell voneinander +getrennt und sich gegenseitig fremd. Kooperation wird behindert, +wenn diese verschiedenen Hilfeformen von hierarchisch abgestuften +Professionen ausgeübt und in voneinander streng abgegrenzten +organisatorischen Kontexten durchgeführt werden. Stattdessen +entstehen im Kontext der systemischen Sozialen Arbeit miteinander +vernetzte Teilbereiche einer ganzheitlichen psychosozialen Konzeption +und der sie tragenden Institution/sozialen Organisation. Deren +gegenseitige funktionale Zuordnung wird in Bezug zu dem Auftrag +des professionellen Gesamtangebotes gesetzt und im Hilfeplan +koordiniert. Der dadurch strukturierte Hilfeprozess wird von einer +Sozialarbeiterin als Case-Managerin kritisch begleitet. An diesem +Punkt wird nochmals die Bedeutung des Hilfeplans als Methode und +zentraler Ort der Vernetzung und Kooperation in der Sozialen Arbeit +deutlich. +Die durch die Einführung der systemischen Systeme entstehenden +Veränderungen lassen sich in mehrfacher Hinsicht beschreiben. +Die für andere Konzepte wichtige Unterscheidung zwischen +Therapie und Beratung wird aufgehoben. Boscolo et al. (1988) +sprechen deshalb von Konsultation, Anderson u. Goolishian +(1992) von Konversation. Ich selbst habe an anderer Stelle +(Ritscher 1998) den Begriff der psychosozialen Arbeit +vorgeschlagen, +um +diesen +Paradigmenwechsel +zu +unterstreichen, der die Sichtweise einer individuellen Separation +von Problemen und den ihnen zugehörigen Maßnahmen durch diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/410.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/410.md new file mode 100644 index 0000000..7de1efc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/410.md @@ -0,0 +1,38 @@ +die einer systemischen Vernetzung ablöst. Dennoch sollte man +inhaltlich an diesem Perspektivenwandel festhalten. +– Therapie entwickelt sich dann von einer herausgehobenen +Hilfeform für besonders schwer wiegende psychosoziale +Probleme – klassisch als „Krankheit“ bezeichnet – zu einer +von mehreren Möglichkeiten des Zugangs zu den +psychosozialen Wirklichkeiten unserer Auftraggeberinnen. +Entscheidend ist, dass sie alle einen gleichberechtigten +Status haben, konzeptionell aufeinander abgestimmt sind +und die Auftraggeberinnen als selbstverantwortliche +Expertinnen für ihren Alltag respektieren. +– Therapie markiert in diesem Zusammenhang einen Raum, in +dem mit der intensiven Thematisierung von Problemen +zugleich eine Außenperspektive für den Zugang zu ihnen +eingeführt wird. Die Therapeutin hat dabei die Funktion eines +allparteilichen Dritten. Die problematischen Themen und +Beziehungen der beteiligten Mitglieder des Systems erhalten +einen Platz im therapeutischen System, der durch das +Spannungsverhältnis +zwischen +Nähe +und +Distanz +gekennzeichnet ist. Das Problem wird im Dialog seiner +Mitglieder rekonstruiert. Die dabei aktivierten Gefühle zeigen +in den meisten Fällen eine enge „Partnerschaft“ zwischen den +Mitgliedern des Mikrosystems und dem Problem. Diese Nähe +kann durch die Methode der Externalisierung dargestellt +werden: Das Problem wird dann quasi zu einer sprechenden +Person (z. B. „Ich heiße Angst und bin das Familienproblem“) +bzw. bedeutsamen Metapher (z. B. zu einem schweren +„Beziehungskoffer“, den die Familie auf ihrer bisherigen +„Beziehungsreise“ immer mit sich herumschleppt) im +familiären Beziehungsspiel. Die Therapeutin kann durch ihre +Fragen zugleich auch einen Prozess der Distanzierung der +Familienmitglieder von ihrem Problem anregen. Dadurch +werden sie zu Beobachterinnen des Problems und ihrer +Beziehung zu ihm. Das Gleiche geschieht hinsichtlich der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/411.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/411.md new file mode 100644 index 0000000..bad51d4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/411.md @@ -0,0 +1,40 @@ +personalen +Verbindungen +der +Familienmitglieder +untereinander, die in den Zeiten tief greifender Krisen zu +einem großen Teil über das Problem vermittelt sind. Auch +hier rekonstruieren die Familienmitglieder ihre Beziehungen +und Beziehungsmuster, kommen sich nahe und gewinnen +durch die entsprechenden Fragen der Therapeutin zugleich +die distanzierende Position von Beobachterinnen ihrer selbst. +– Das Ziel des Hilfeprozesses verschiebt sich von einer +langfristigen Aufarbeitung personaler Probleme bzw. +Symptome zu einer Veränderung von Mustern des +Beziehungskontextes, in den diese eingebettet sind. Hier +bieten sich die beziehungsorientierten Fragetechniken der +systemischen Therapie an. +– Der Fokus des Hilfeprozesses liegt auf den Ressourcen für +einen gelungenen Alltag und den in der Zukunft +realisierbaren Alternativen zu dem bisherigen, das Problem +chronifizierenden Handeln. Wichtig ist also der Blick auf +mögliche +Entwicklungen +durch +entsprechende +zukunftsorientierte Fragen, die einen Unterschied zur +gegenwärtigen Problemkonstellation herstellen. Wenig +hilfreich wäre eine Abwertung von Gegenwart und Geschichte +als Fokus der therapeutischen Arbeit. Beides bleibt wichtig, +allerdings geht es um die in ihnen entwickelten Ressourcen +für eine bessere Zukunft, die bislang nicht erkannt, +vernachlässigt oder mit einer negativen Bedeutung belegt +waren. Gerade für den letzten Fall ist die Methode des +Reframings ein entscheidendes Hilfsmittel. +– Im Kontext der systemischen Sozialen Arbeit lässt sich +Systemtherapie – besonders für das Mikrosystem Familie und +die mit ihm verknüpften Mesosysteme – als intensivierter +runder Tisch beschreiben, an dem – je nach Erfordernis – alle +teilnehmen, die über die aktuelle Problembeschreibung +miteinander in Beziehung stehen. Hier entsteht ein Ort des +Austausches über Belastungen und mögliche Bewältigungen, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/412.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/412.md new file mode 100644 index 0000000..e460c93 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/412.md @@ -0,0 +1,39 @@ +an dem alle Beteiligten ihre Sichtweise einbringen können. +Das hat den Vorteil, dass die Folgen möglicher +Bewältigungsversuche für die Beziehungen in den Mikro- und +Mesosystemen im Voraus bedacht werden können. Manche +Problemlösungen mögen zwar für einzelne Familienmitglieder +oder die Eltern, für Lehrerin, Sozialarbeiterin oder andere +Professionelle erstrebenswert sein, stoßen aber bei anderen +mit dem Problem befassten Personen bzw. Einrichtungen auf +Widerstand, Unverständnis oder professionelle Bedenken. Am +runden Tisch treffen sich alle Beteiligten, können ihre +Initiativen aufeinander abstimmen und ihre Konsequenzen +hypothetisch vorwegnehmen. +Erzieherische bzw. sozialpädagogische Maßnahmen verknüpfen +sich im Rahmen der systemischen Metatheorie mit +Therapie/Beratung. Wenn sich – wie unter 5.7 dargestellt – die +Erzieherinnen +mit +den +Eltern +ihrer +Bezugskinder +zusammensetzen und die Erziehungsziele bzw. die dafür +notwendigen pädagogischen Schritte miteinander besprechen, +werden sie zu „Erziehungsberaterinnen“. Im Dialog mit den +Eltern versuchen sie, deren Erziehungsvorstellungen mit ihrem +eigenen, pädagogisch begründeten Handeln auf einen Nenner +zu bringen. Dass sie dabei auch versuchen, die Eltern für neue +Erziehungsziele und einen anderen Erziehungsstil zu gewinnen, +ist ihre selbstverständliche Aufgabe. Denn Heimunterbringung +ist immer ein Ausdruck dafür, dass die familiäre +Erziehungspraxis mehr belastende Probleme als hilfreiche +Problemlösungen mit sich gebracht hat. +Als Teilnehmerinnen an dem familientherapeutischen Setting +werden sie zugleich zu Mitgliedern des erweiterten +therapeutischen Teams. +Auch sozialpädagogische Gruppenarbeit verbindet sich durch +die Anwendung von Methoden der Gruppendynamik und +Gruppentherapie mit Therapie/Beratung. Eine Tagesgruppe +lässt sich als Milieutherapie beschreiben. Sie strebt durch die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/413.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/413.md new file mode 100644 index 0000000..3008c24 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/413.md @@ -0,0 +1,55 @@ +sich einerseits zwischen den Kindern, andererseits zwischen +Kindern und Erzieherinnen entstehenden Beziehungsprozesse +stabile Einstellungs- und Verhaltensänderungen der Kinder an. +Der entsprechende Leitbegriff heißt soziales Lernen. Durch +Elterngespräche +soll +auch +die +Familie +in +diesen +Veränderungsprozess einbezogen werden, weil er überhaupt +nur mit ihrer Rückendeckung möglich wird. Bei diesen +Elterngesprächen, +die +sich +je +nach +Bedarf +zu +Familiengesprächen ausweiten lassen, können die Erzieherinnen +auf die verbalen, darstellenden und settingstrukturierenden +Methoden +der +systemischen +Therapie +(siehe +6.6.3) +zurückgreifen. +Die +Verknüpfung +von +Gruppenund +Familienarbeit verdankt sich der durch das systemische Konzept +geforderten Arbeit mit den sozialen Kontexten der als +Problemträger bezeichneten Familienmitglieder40. +Sozialarbeit im klassischen Sinn ist vor allem durch die Hilfe bei +Ausstattungsproblemen und die administrative Organisation von +Unterstützungsmaßnahmen charakterisiert. Auch für diesen +Teilbereich ist der systemische Ansatz von großem Nutzen. +Hinsichtlich der Ausstattungsprobleme ermöglicht er einen Blick +auf die gesellschaftlichen Kontexte, in denen soziale Probleme +entstehen und zu bewältigen sind. Sie wurden im dritten Kapitel +beschrieben. Für die Vernetzungsarbeit ist vor allem die +Verzahnung der verschiedenen an der Problembeschreibung +und Problemlösung beteiligten Systeme zu beachten. Diese +Verzahnung lässt sich mithilfe des im dritten Kapitel +beschriebenen ökosozialen Modells begreifen, das auch eine +bedeutsame Hilfe für die Beschreibung der Problemkonstellation +darstellt und Ansatzpunkte für die Intervention bietet. Darüber +hinaus lassen sich die Folgen sozialarbeiterischer Hilfen für die +primären Beziehungssysteme der Adressatinnen mithilfe +systemischer Hypothesen antizipieren. Eine für Einzelpersonen +scheinbar hilfreiche Unterstützung kann durch die angeregten +Rückkoppelungsprozesse in den Beziehungssystemen zu einer diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/414.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/414.md new file mode 100644 index 0000000..0542bf1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/414.md @@ -0,0 +1,24 @@ +für diese Einzelpersonen negativen Dynamik führen. Eine die +Familie zunächst entlastende Heimunterbringung kann die +familiäre Loyalitätsdynamik verstärken und damit mittelfristig +einen Erfolg dieser Maßnahme infrage stellen. Finanzielle Hilfen +können die Bewältigungsstrategien der anspruchsberechtigten +Menschen unterhöhlen, wenn sie nicht an deren persönliche +und lebensweltliche Entwicklungsmöglichkeiten angekoppelt +sind. In dieser Hinsicht erscheint das baden-württembergische +„Mutter-Kind-Modell“41 nur dann sinnvoll, wenn es neben +materiellen Hilfen auch Therapie/Beratung anbietet und die +beruflichen Perspektiven der allein erziehenden Mütter und +Väter stärkt. Letzteres wiederum erfordert die Möglichkeit einer +qualifizierten Ganztagesbetreuung ihrer Kinder, für die sich eine +gemeinwesenorientierte Sozialarbeit einsetzen muss. +Systemische Soziale Arbeit lässt sich als der diese einzelnen Bereiche +integrierende Rahmen definieren. Entscheidend für das kompetente +professionelle Handeln in ihm ist eine Verankerung der +Sozialarbeiterinnen in der systemischen Metatheorie, eine detaillierte +Kenntnis systemischer Methoden und eine durch Training erworbene +Sicherheit in ihrer Anwendung. Dabei folgen sie den Prinzipien der +systemischen Sozialen Arbeit: Verständnis von Problemen als „eigensinnigen“ Beziehungsproblemen, Vernetzung und Kooperation der +Dienste und ihrer Hilfeangebote, Arbeit an und in den Kontexten von +Problemlagen, Orientierung an den Selbstorganisationskräften und +Ressourcen ihrer Auftraggeberinnen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/415.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/415.md new file mode 100644 index 0000000..61c55bf --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/415.md @@ -0,0 +1,47 @@ +5.7 + +Systemische Soziale Arbeit konkret: Die +Vernetzung verschiedener Teilsysteme +des Unterstützungssystems + +Im ersten Kapitel wurde mithilfe des Fallbeispiels aus dem Lehrvideo +der Esslinger Projektgruppe (Ritscher et al. 2002) demonstriert, was +in diesem Kapitel theoretisch entwickelt und begründet wurde. +Systemische Soziale Arbeit hat es immer mit Beziehungen auf den +unterschiedlichsten Ebenen zu tun. Auf der Ebene der +Handlungsbereiche +werden +Einzelfallhilfe, +Gruppenarbeit, +Gemeinwesenarbeit, Arbeit in sozialen Organisationen und +Supervision +miteinander +verknüpft. +Im +engeren +Unterstützungssystem finden sich Auftraggeberinnen, professionelle +und ehrenamtliche Helferinnen und die sie beauftragende soziale +Organisation zusammen. Im erweiterten Unterstützungssystem +werden durch das Case-Management der Sozialarbeiterin alle für +Auftraggeberinnen und ihre Problembeschreibungen wichtigen +Systeme miteinander verbunden. Im Verlauf des Hilfeprozesses +werden unterschiedliche Hilfeformen, Maßnahmen und Settings in +einen produktiven Zusammenhang gebracht. Mikrosysteme, +Mesosysteme, Problembeschreibungen und Problemlösungsschritte +werden im Unterstützungssystem integriert und alle dafür wichtigen +Systeme aus der Lebenswelt der Auftraggeberinnen mit „in das Boot“ +geholt. +Sozialarbeit folgt den Figuren des „Beziehungstanzes“ (Bateson +1982, S. 22), durch den sich soziale Wirklichkeiten gestalten. +Zu +einer +abschließenden +Illustration +dieser +Vernetzungsperspektive der systemischen Sozialen Arbeit greife ich +auf ein Beispiel aus der familienorient-systemischen Heimsozialarbeit +zurück (siehe Sozialpädagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e. V. +2000). +Das Haus Leuchtturm im SOS-Kinderdorf Ammersee ist als +„heilpädagogische Kinderwohngruppe mit Sozialtherapie“ definiert +(Taube 2000, S. 46). Hier leben im Rahmen einer diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/416.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/416.md new file mode 100644 index 0000000..b7139da --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/416.md @@ -0,0 +1,43 @@ +Jugendhilfemaßnahme nach § 34 KJHG sechs Kinder, getrennt von +ihren Herkunftsfamilien. Der Aufenthalt ist auf zwei Jahre begrenzt, +danach sollten Kinder, wie es das KJHG im § 34 nahe legt, wieder in +ihre Herkunftsfamilie zurückkehren. Ist dies nicht möglich, wird eine +andere Form der Fremdunterbringung, z. B. eine Pflegefamilie (§ 33 +KJHG), gesucht.42 Die systemische Arbeit wird in einem hausinternen +„Erziehungsplan“ festgelegt, der den Hilfeplan ergänzt. „Der Hilfeplan +beschreibt das Grobraster, der Erziehungsplan die Feinziele und +Maßnahmen sowie die Aufgabenverteilung“ (Spindler 2000, S. 79). +Im Gruppenalltag leben die Kinder mit Erzieherinnen zusammen. Sie +sind ihre primären Bezugspersonen im Heimkontext. Die Funktion der +Eltern als primäre Bezugspersonen im gesamten Leben der Kinder +wird dadurch nicht infrage gestellt. Das wird durch regelmäßige +Heimfahrten an Wochenenden und in den Ferien sowie die +verbindlichen, +im +zweiwöchigen +Abstand +stattfindenden +familientherapeutischen Sitzungen markiert. Die Bereitschaft der +ganzen Familie zur Teilnahme ist eine prinzipielle Bedingung für die +Aufnahme in die Wohngruppe. An diesen familientherapeutischen +Sitzungen nehmen das Kind, seine Eltern, Geschwister, eventuell +weitere familiäre Subsysteme und die Bezugserzieherinnen des +Kindes teil. Die Sitzung wird von der im Haus Leuchtturm +hauptamtlich tätigen Familientherapeutin zusammen mit einem +externen, auf Honorarbasis arbeitenden Familientherapeuten geleitet. +Die Familientherapeutin führt gleichzeitig Einzeltherapiestunden mit +den Kindern und Supervisionen mit den Gruppenerzieherinnen durch. +Diese wiederum stehen in regelmäßigem Kontakt mit den Eltern ihres +Bezugskindes. Die Eltern haben also die Möglichkeit, ihre +Erziehungsvorstellungen in den Heimalltag einzubringen, die +Erzieherinnen haben die Aufgabe, diese nicht zu ignorieren, sondern +sich mit ihnen auseinander zu setzen. Die Eltern werden in ihrer Rolle +respektiert, +und +statt +einer +(scheinbar) +machtlosen +Beobachterinnenrolle übernehmen sie einen partnerschaftlichen +Status im Dialog zwischen Herkunftsfamilie und Heim. Das ist wegen +der Loyalitätsbindungen zwischen Eltern und Kindern wichtig. „Die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/417.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/417.md new file mode 100644 index 0000000..5480013 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/417.md @@ -0,0 +1,39 @@ +pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Erfahrung +gemacht, dass ein Kind wesentlich leichter zu motivieren ist, wenn es +etwas tun soll, was die Eltern ausdrücklich wünschen. Versucht eine +Mitarbeiterin hingegen, das Kind zu einem Verhalten zu erziehen, das +den Eltern unwichtig ist oder ihrer Einstellung zuwiderläuft, muss sie +scheitern“ (Taube 2000, S. 62). Laufen die Erziehungsvorstellungen +von Eltern und Heim völlig auseinander, werden alle noch so gut +gemeinten und theoretisch einsichtigen therapeutisch-pädagogischen +Bemühungen vergeblich sein. +Außer an der psychologischen Einzeltherapie nehmen die Kinder +noch an Psychomotorikgruppen teil. Bei den halbjährlichen +Hilfeplangesprächen erweitert sich das Unterstützungssystem noch +um die Sozialarbeiterin des die Kosten tragenden und den Hilfeplan +verantwortenden Jugendamtes. +Das vom Heim organisierte Unterstützungssystem besteht aus der +Herkunftsfamilie des Kindes, dem Kind selbst, seinen Erzieherinnen, +Therapeut/Therapeutin und der durch den Bereichsleiter vertretenen +sozialen Organisation. Die systemische Familientherapie ist im +Hilfeprozess der zentrale Ort für die Verknüpfung von Heimalltag und +Herkunftsfamilie. +Gerade +deshalb +nehmen +auch +die +Bezugserzieherinnen daran teil und erhalten für diesen Teil ihrer +Arbeit eine systemische Zusatzausbildung. „Dass in die +Familientherapiesitzungen die jeweiligen Bezugsmitarbeiterinnen und +-mitarbeiter einbezogen werden, betont den Gesamtsettingcharakter. +Es soll vermieden werden, den pädagogischen Bereich auf der einen +Seite und den therapeutischen auf der anderen gegeneinander +auszuspielen und von wichtigen Informationen abzuschneiden … +Auch die Eltern sollen im Gesamtsystem davor geschützt werden, mit +einer der beiden Gruppen eine Fraktion gegen die andere zu bilden“ +(ebd., S. 55). Die Verbindung von hauptamtlicher und externer +Position, weiblicher und männlicher Rolle im therapeutischen Team +bietet große Vorteile für die Arbeit. Die hauptamtliche +Familientherapeutin erlebt die Kinder im Alltag und in den +Einzeltherapiestunden. Sie kann sich dadurch näher beim Kind und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/418.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/418.md new file mode 100644 index 0000000..c995d1f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/418.md @@ -0,0 +1,33 @@ +den Erzieherinnen verorten. Der externe Kotherapeut bleibt dem +Heim und seinem Alltag gegenüber distanzierter. Das ist eine gute +Voraussetzung, um in Konfliktsituationen zwischen Heim und Eltern +auch deren Perspektive einen akzeptierten Platz im therapeutischen +Diskurs zu verschaffen. Als Frau kann die Familientherapeutin in einer +bestimmten therapeutischen Situation ein partielles und zeitweiliges +Bündnis mit der Mutter und – falls es sich um ein Mädchen handelt – +auch mit dem in der Wohngruppe lebenden Kind eingehen. Der +männliche Therapeut kann die entsprechende Beziehung dem Vater +und den Jungen der Familie anbieten. Indem sie beide auch bei +unterschiedlichen Standpunkten kooperieren, können sie als +diesbezügliches Modell für die Eltern dienen. In den +Familiensitzungen werden Familienthemen, der Alltag des Kindes im +Heim, Erziehungsprobleme und allgemeine Lebensfragen mithilfe der +unterschiedlichsten Methoden besprochen. Auch Konflikte zwischen +Eltern und Erzieherinnen bzw. anderen Teilsystemen des +Unterstützungssystem finden hier einen metakommunikativen Raum. +Die Arbeit im Haus Leuchtturm zeigt die Möglichkeiten einer +konsequenten, aber nicht dogmatischen systemischen Perspektive in +der Jugendhilfe. Sie zeigt auch, dass der systemische Ansatz über +den familientherapeutischen hinausgeht, indem alle relevanten +Systeme der Lebenswelt unserer Auftraggeberinnen in das +Unterstützungssystem einbezogen werden. Es wird deutlich, dass die +Familie als primäres Sozialisationssystem einen zentralen Platz in der +Lebenswelt der allermeisten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen +einnimmt, auch dann, wenn sie alleine leben, außerhalb der +Herkunftsfamilie wohnen oder die Familie sich im Trennungsprozess +befindet. Einsichtig wird auch, dass Therapie, Beratung, Pädagogik +und Sozialarbeit in dem theoretischen und praktischen Rahmen einer +systemischen Sozialen Arbeit miteinander verbunden sind. All diese +Formen sind Teil des Heimsettings und prinzipiell für alle +Mitarbeiterinnen des Heimes offen, wenn sie sich über zusätzliche +systemische Fortbildungen dafür qualifiziert haben. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/419.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/419.md new file mode 100644 index 0000000..b8c1f48 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/419.md @@ -0,0 +1,17 @@ +5.8 + +Die vier Imperative der systemischen +Sozialen Arbeit + +Abb. 25: Die vier Imperative der systemischen Sozialen Arbeit +Die vier Imperative setzen den Rahmen für eine professionelle +systemische Praxis, in dem seitens der Sozialarbeiterinnen +verantwortungsvoll, kreativ, solide und reflektiert gehandelt werden +kann. +Ethik: Tu nur das, was du auch selber für dich +annehmen könntest. +Mit dem ethischen Imperativ orientiert sich die Sozialarbeiterin an +einer auf das eigene Selbst bezogenen Solidarität mit den anderen. +Gewalt, Ausbeutung, Missachtung und Entwürdigung werden dadurch +ausgeschlossen, Toleranz für die Werte der anderen gefordert und +jede Adressatin der professionellen Arbeit als eigenverantwortliche diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/420.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/420.md new file mode 100644 index 0000000..7cbcd93 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/420.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Auftraggeberin wertgeschätzt. Zwar ist Soziale Arbeit werteorientiert, +aber sie vermeidet das engstirnige, die eigenen Werte als Dogmen +setzende Moralisieren. Dieses entwertet das Denken und Handeln der +anderen; Neugierde auf die Lebenserfahrungen der anderen +hingegen werten es auf. +Toleranz +ist +im +systemischen +Diskurs +durch +die +rekonstruktivistische Ablehnung der Vorstellungen von Objektivität +und universellen Wahrheiten verankert. Das erfordert die Achtung des +anderen, dessen Wahrheit genauso wirklich und lebensbestimmend +ist wie die eigene – „Freiheit ist immer nur die Freiheit des +Andersdenkenden“ (Luxemburg 1974, S. 186). Rekursiv lässt sich +hinzufügen, wenn wir die Freiheit der anderen hinsichtlich ihres +Denkens, Fühlens und Handelns missachten, werden sie uns die +gleiche Missachtung entgegenbringen. Die Folge sind unproduktive +und gewalttätige Machtkämpfe, wie sie uns z. B. in den +Auseinandersetzungen verclinchter Paare oder in der Politik +anschaulich demonstriert werden. +Die Ethik steht an erster Stelle, denn sie ermöglicht die erste und +prinzipielle Begründung der Sozialen Arbeit. +Theorie: Reflektiere und begründe die Voraussetzungen +deines Tuns, und bleibe ihnen gegenüber kritisch. +Theorie sichert das begründete praktische Handeln. Sie gibt der +Hypothesenbildung und den darauf basierenden Interventionsideen +im systemischen Interview eine Orientierung. Sie stellt zugleich einen +Zusammenhang zwischen den gesellschaftlichen, biologischen, +leiblichen, psychischen und kommunikativen Teilen der menschlichen +Existenz her. Depression z. B. kann als ein die Person übergreifender +Zusammenhang verstanden werden. In ihm verbinden sich das +Leiden an ausstoßenden und nicht wertschätzenden kommunikativen +Prozessen mit +körperlich wahrnehmbaren Gefühlen der Leere und Apathie, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/421.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/421.md new file mode 100644 index 0000000..7af966d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/421.md @@ -0,0 +1,39 @@ +der eigenen erlernten Hilflosigkeit und Opferrolle, +Beziehungsbotschaften an die Kommunikationspartnerinnen, +Körperempfindungen +und neurophysiologischen Prozessen. +Aus diesem theoretisch geknüpften Zusammenhang lassen sich +praktische systemische Konzepte ableiten, z. B. die Kombination von +Gruppentherapie und systemischer Familientherapie im Kontext einer +milieutherapeutisch organisierten psychiatrischen Station. +Theorie ist nur hilfreich, wenn sie zu Fragen an und für die +konkrete Praxis verhilft und in deren Handlungsabläufen wieder +erkannt wird. Sie ist schädlich, wenn sie durch dogmatische Vorgaben +bestimmte Antworten erzwingt und die Freiheit des Denkens +beschränkt. +Methodenkompetenz: +Nutze +das +erlernte +verfügbare Handwerkszeug, und erweitere es. + +und + +Systemische Sozialarbeit hat eine handwerkliche Seite. Diese ist bei +der Methodenkompetenz von Bedeutung. Die Sozialarbeiterin erwirbt +sie im Rahmen ihres Studiums (Ritscher 1994), des Berufsalltages +und der ihn begleitenden Fortbildungen (Ritscher 1988). Aus- und +Fortbildung haben die Aufgabe, durch Informationsvermittlung, die +„Als-ob“-Situationen des Rollenspiels und Formen des Modelllernens +(Lehrvideos +und +Live-Demonstrationen) +erfahrungsorientierte +Lernkontexte zu schaffen. In den Rollenspielen kann das eigene +Gesprächsverhalten geübt werden. Videoaufzeichnungen dieser +Übungssituationen, die Rückmeldungen der Seminarteilnehmerinnen, +zusätzliche Informationen über die Methoden und ihren theoretischen +Kontext sowie erneute Versuche im Rollenspiel schaffen eine +Übungsspirale, in der sowohl das im Behaviorismus wichtige Versuchund-Irrtum-Lernen als auch das von der Gestaltpsychologie betonte +Einsichtslernen ihren Platz haben. Dabei werden kognitiv-affektive +Schemata gebildet, die in den Handlungssituationen des Berufsalltags diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/422.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/422.md new file mode 100644 index 0000000..0a9fa6b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/422.md @@ -0,0 +1,22 @@ +aktiviert und auf die aktuellen Erfordernisse eines spezifischen +Unterstützungssystems bezogen werden können. +Intuition: Achte auf das, was du schon spürst, aber +noch nicht verbal benennen kannst. +Intuition ist das notwendige Korrektiv der systematisch-methodischen +Praxis. Soziale Arbeit und Therapie sind auch Kunsthandwerk. Dieser +Aspekt präsentiert sich vor allem in der Intuition. Ohne sie wären +Theorie und Praxis starr, streng und kalt. Intuition bringt die Gefühle +ins Spiel, ohne das Rationale zu missachten. Sie beruht auf dem +unbewussten Teil des Beziehungsspiels, in dem die kreative, wenig +organisierte und spontane Seite des Menschseins ihren Platz hat. Wie +viel Raum dieser unbewusste Teil einfordert, haben Freud, Jung und +Erickson deutlich gemacht. Intuition ist auch ein wichtiges Thema in +der Gender-Debatte. Ihre Bedeutung für die professionelle Gestaltung +hilfreicher Unterstützungssysteme und deren Prozess hat Hosemann +betont. Zugleich hat sie die Frage aufgeworfen, ob Frauen hinsichtlich +der Intuition weniger Vorbehalte haben als Männer und deshalb auch +unbefangener mit ihr experimentieren (Hosemann 1987). Wenn wir +die Polarität von Intuition und Rationalität in den Rahmen der YinYang-Symbolik stellen, wird deutlich, dass es sich hier nicht um +einfache biosoziale Zuordnungen handelt, sondern um beiden +Geschlechtern zugängliche Seiten des ganzen Menschen. +Sie müssen nur entwickelt werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/423.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/423.md new file mode 100644 index 0000000..38ba12b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/423.md @@ -0,0 +1,40 @@ +Anmerkungen +1 Burkhard Müller schlägt vor, das gängige Konzept Doppelmandat +von Hilfe und Kontrolle durch die Trias „Angebot, Eingriff und +gemeinsames Handeln“ zu ersetzen. Vieles, was Sozialarbeiterinnen +tun, beinhaltet ein Angebot an die Adressatinnen, ist aber keine Hilfe, +weil diese es aus unterschiedlichen Motiven heraus nicht annehmen. +Für +die +Seite +des +sozialarbeiterischen +Handelns +im +Unterstützungssystem ist deshalb der Begriff Angebot passender. +Auch der Begriff Kontrolle ist zu ungenau, denn die meisten +kommunikativen Situationen des Alltags enthalten Versuche, sie im +Sinne des eigenen Selbstschutzes zu kontrollieren. Eingriff ist deshalb +genauer auf die professionelle Situation der Sozialen Arbeit +zugeschnitten. Er ist im Gegensatz zum Angebot immer mit der +Ausübung von Macht verbunden. Die Adressatinnen Sozialer Arbeit +werden in bestimmten Situationen mit Maßnahmen konfrontiert, die +sie nicht wollen, etwa mit einem Beschluss zur Inobhutnahme eines +Kindes gegen den Willen seiner Eltern. Dies ist mehr als Kontrolle, +nämlich eine essenzielle Beschränkung des Elternrechtes. +Andererseits gibt es Kontrolle ohne einen direkten Eingriff. „‚Kontrolle‘ +hat nicht immer Eingriffscharakter, weil sie auch mit ‚informierter +Zustimmung‘ erfolgen kann: Z. B. wenn sich ein psychisch kranker +Mensch sozialpädagogischen Kontrollen unterwirft, weil er weiß, daß +es Situationen gibt, in denen seine Fähigkeit zur Selbstkontrolle nicht +ausreicht, um den härteren Kontrollen einer Anstalt zu entgehen; hier +ist es unsinnig, Kontrolle als Gegenbegriff zu Hilfe zu gebrauchen“ +(Müller 1993, S. 108). „Gemeinsames Handeln“ entsteht durch das +wechselseitige Aushandeln der professionellen Maßnahmen durch +Sozialarbeiterin und Adressatin. „Es hat mit Angebot die Freiwilligkeit +gemeinsam, es hat mit Eingriff gemeinsam, daß es unmittelbar und +nicht nur indirekt wirksam ist“ (ebd.). +2 Wenn ich im Folgenden den Begriff Systemtherapie verwende, sind +damit alle ihre Spielarten, auch Familientherapie und Beratung, +mitgedacht; bei der vor allem auf die Familie bezogenen +systemtherapeutischen Arbeit verwende ich den Begriff systemische diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/424.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/424.md new file mode 100644 index 0000000..a9cc0a4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/424.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Familientherapie; wenn das therapeutische Setting nur ein Teil von +mehreren Praxisformen der systemischen Sozialen Arbeit ist, spreche +ich von systemischer Sozialer Arbeit oder systemischer Arbeit; bezieht +sich diese vor allem auf die Familie, verwende ich den Begriff +systemische Soziale Arbeit mit Familien oder systemische +Familiensozialarbeit. +3 Dieses Zitat stammt aus einem Grundsatzpapier der Hochschule für +Sozialwesen Esslingen, das dort den Rahmen der Studienreform +1994–1997 festlegte. +4 Dietrich Dörner und sein Team haben Denk- bzw. Lösungsstrategien +in Bezug auf komplexe soziale Situationen anhand von +Computersimulationen erforscht. Versuchspersonen erhielten im +Projekt „Lohhausen“ (Dörner et al. 1994) die Aufgabe, als +Bürgermeisterin die Entwicklung ihrer Kommune, im Projekt +„Tanaland“ +(Dörner +1989) +als +„Entwicklungshelferin“ +die +menschenfreundliche Entwicklung einer ostafrikanischen Region +durch politische, wirtschaftliche und kulturelle Entscheidungen zu +gewährleisten. Die Ergebnisse waren desillusionierend: Die meisten +Versuchspersonen scheiterten an der Aufgabe, die verschiedenen +Variablen dieser komplexen Kontexte in einen zirkulären +Zusammenhang zu bringen und die Folgen von sich gegenseitig +beeinflussenden Einzelentscheidungen für die Entwicklung des +Gesamtsystems zu berücksichtigen. Dörner untersuchte mithilfe +seiner Kategorien eines vernetzten problemlösenden Denkens auch +die Katastrophe von Tschernobyl (Dörner 1989) und zeigte dabei +drastisch die Risiken des linearen, reduktiven Denkens. +5 „Nur wenn das, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht +alles“ (Adorno 1970, S. 389). +6 „Bisher haben wir Handeln als die Bewältigung von Situationen +begriffen. Der Begriff des kommunikativen Handelns schneidet aus +der Situationsbewältigung vor allem zwei Aspekte heraus: den +teleologischen Aspekt der Verwirklichung von Zwecken (oder der +Durchführung eines Handlungsplans) und den kommunikativen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/425.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/425.md new file mode 100644 index 0000000..087d80f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/425.md @@ -0,0 +1,41 @@ +Aspekt der Auslegung der Situation und der Erzielung eines +Einverständnisses“ (Habermas 1988, Bd. 2, S. 193). +7 Die symbolischen Formen bestehen aus der verbalen, nonverbalen, +ikonischen und metaphorischen Sprache; symbolisch-materielle +Formen sind Produkte des künstlerischen, handwerklichen, +industriellen und medialen Schaffens. +8 „Kultur nenne ich den Wissensvorrat, über den die +Kommunikationsteilnehmer sich, indem sie sich über etwas in der +Welt verständigen, mit Interpretationen versorgen. Gesellschaft +nenne +ich +die +legitimen +Ordnungen, +über +die +die +Kommunikationsteilnehmer ihre Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen +regeln und damit Solidarität sichern. Unter Persönlichkeit verstehe ich +die Kompetenzen, die ein Subjekt sprach- und handlungsfähig +machen, also instand setzen, an Verständigungsprozessen +teilzunehmen und dabei die eigene Identität zu behaupten“ +(Habermas 1988, Bd. 2, S. 209). +9 „Ob man mit Mead von Grundbegriffen der sozialen Interaktion +oder mit Durkheim von Grundbegriffen der kollektiven Repräsentation +ausgeht, in beiden Fällen wird die Gesellschaft aus der +Teilnehmerperspektive handelnder Subjekte als Lebenswelt einer +sozialen Gruppe konzipiert. Demgegenüber kann die Gesellschaft aus +der Beobachterperspektive eines Unbeteiligten nur als ein System von +Handlungen begriffen werden, wobei diesen Handlungen, je nach +ihrem Beitrag zur Erhaltung des Systembestandes, ein funktionaler +Stellenwert zukommt … Das Konzept der Lebenswelt, das sich aus +der begrifflichen Perspektive des verständigungsorientierten Handelns +anbietet, hat nur eine begrenzte theoretische Reichweite. Ich möchte +deshalb vorschlagen, Gesellschaften gleichzeitig als System und +Lebenswelt zu konzipieren (Habermas 1988, Bd. 2, S. 179 f.; +Hervorh.: W. R.). +10 Lüssi verwendet für „Beratung“, „Verhandlung“, „Intervention“, +„Vertretung“, „Beschaffung“ und „Betreuung“ den Oberbegriff +„Handlungsarten“ (Lüssi 1992, S. 392 ff.); ich bevorzuge den Begriff +Handlungsformen, um ihre Funktion der Einrahmung spezieller diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/426.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/426.md new file mode 100644 index 0000000..54f097e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/426.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Methoden der Sozialarbeitspraxis zu betonen. Innerhalb der +Handlungsformen werden dann die verschiedenen Methoden der +systemischen Sozialen Arbeit verwendet. +11 Für die systemisch-familienorientierte Konzeption der stationären +Jugendhilfe siehe Schindler et al. (1996), Sozialpädagogisches Institut +im SOS-Kinderdorf e. V. (2000); für die Angehörigenarbeit in der +Sozialpsychiatrie +siehe +Keller +u. +Greve +(1996); +für +tagesstrukturierende Maßnahmen und andere Angebote der +Sozialpsychiatrie siehe Bock u. Weigand (1991). +12 Soziale Arbeit ist „der einzige Beruf … der seine Verpflichtung zur +Solidarität mit den sozial Schwachen und Benachteiligten nicht +aufgeben kann, ohne seinen Berufsinhalt aufzugeben“ (StaubBernasconi 1995, S. 78). +13 Als Drogen bezeichne ich legale und illegale Suchtmittel, also +Alkohol, Nikotin und Medikamente genauso wie Opiate, LSD, Kokain, +Haschisch und die synthetischen Suchtstoffe. +14 Subsidiarität wird ganz allgemein als Vorrang nichtstaatlicher +Unterstützungsleistungen gegenüber denen der öffentlichen Hand +definiert. Dabei lassen sich grob zwei Linien unterscheiden, die beide +juristisch fixiert sind. Die erste ist durch die wechselseitige +Unterhaltsverpflichtung der Familienmitglieder gekennzeichnet; diese +wird allerdings auf die vertikale Beziehung zwischen Eltern und +Kindern eingeschränkt – wenn ihre Einkommensverhältnisse dies +zulassen. In der zweiten Linie wird Subsidiarität als der Vorrang freier +Träger vor den staatlichen Trägern der Wohlfahrtspflege verstanden. +Dieser ist im BSHG und dem KJHG festgelegt. Wo freie Träger ein mit +dem des staatlichen Trägers qualitativ vergleichbares Angebot +machen und dies in die sozialpolitische Gesamtplanung passt, soll die +öffentliche Hand zurückstehen. Will sie selbst als Anbieterin auftreten, +muss dies plausibel begründet sein. Auch bei Planungsprozessen sind +die freien Träger auf allen politischen Ebenen (vom Bund bis zur +Kommune) zu beteiligen. Das Subsidiaritätsprinzip leitet sich aus dem +liberalen Staatsrecht ab, das individuelle wie kollektive Freiheiten +garantiert und regulierende staatliche Interventionen auf das diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/427.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/427.md new file mode 100644 index 0000000..3a60bfe --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/427.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Notwendigste beschränkt. In der päpstlichen Enzyklika Quadrogesimo +Anno von 1931 wurde diese Position auch von der katholischen +Soziallehre zum Grundsatz staatlicher und kirchlicher Sozialpolitik +erhoben (vgl. Münder 1987, S. 1147 ff.). Die katholische Soziallehre +fand in der Bundesrepublik Deutschland ihre erneute Rückkoppelung +an die staatliche Sozialpolitik im Ahlener Programm der CDU von +1947 und den von ihm beeinflussten sozialpolitischen Maßnahmen +der Adenauer-Ära (vgl. Grottian et al. 1988). +15 Formal definiert, sind nicht ganze Familien, sondern Eltern, +Jugendliche und junge Erwachsene die Auftraggeberinnen der +Jugendhilfemaßnahmen +16 Herwig-Lempp hat diesen Begriff kritisiert: Er „behauptet Klarheit, +wo keine besteht … Sie (die Familien; W. R.) werden durch diese +Klassifizierung über (vermeintliche oder wirkliche?) Defizite definiert +und festgelegt“ (Herwig-Lempp 2001, S. 160). +17 „Because silences have a variety of different meanings, the +worker’s responses must vary accordingly. An important aid is the +worker’s own feelings during the silence“ (Shulman 1992, S. 120). +Shulman ordnet das Verständnis für den Sinn des Schweigens den +grundlegenden Fertigkeiten „for helping clients to manage their +feelings“ (ebd., S. 121) zu. +18 Im Sinne der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie geht es +hier um die orale Phase (Thema: das selbstverständliche Nehmen +und Bekommen im Kontakt mit primären Bezugspersonen), die anale +Phase (Thema: Autonomie, Selbstregulierung, Festhalten und +Loslassen), die ödipale Phase (Thema: Geschlechtsidentität durch +Identifizierung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil), die +Latenzphase (Thema: die Integration in die Gruppe der Gleichaltrigen +durch gemeinsame Interessen) und die Pubertät (Thema: +Geschlechtsidentität und Autonomisierung durch Ablösung von den +Eltern). Die von Lacan begründete strukturalistische Psychoanalyse +(siehe Lang 1973) definiert Regression als Rückgriff auf biografisch +weit zurückliegende Fantasien und Verhaltensweisen innerhalb eines +erwachsenen Lebenszusammenhanges. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/428.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/428.md new file mode 100644 index 0000000..eda6454 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/428.md @@ -0,0 +1,43 @@ +19 Komplementär zu einer Übertragung seitens der Analysandin +entwickelt die Analytikerin eine Gegenübertragung: Wird sie z. B. in +der Übertragungsfantasie ihrer Patientin zur alles gewährenden und +verstehenden Idealmutter, entsteht in ihrer eigenen Fantasie das Bild +der Patientin als einer hilfsbedürftigen, zu bemutternden Tochter. Die +Analytikerin +lernt +durch +ihre +eigene +Lehranalyse, +die +Gegenübertragungsfantasien technisch zu nutzen, d. h., bei sich +wahrzunehmen und zu deuten. Von ihnen kann sie auf die +psychischen Prozesse ihrer Patientin schließen und deren Äußerungen +im psychoanalytischen Dialog verstehen. Das ergibt die Grundlage für +ihre Deutung dieser Äußerungen. +20 Diese Ergebnisse müssen auf lösungsorientierte kurzzeit- und +systemtherapeutische Konzepte eingeschränkt werden (vgl. de +Shazer 1989, Kim Berg 1992). In diesen spielt die am Anfang +hergestellte Zielvereinbarung und Auftragserteilung eine wichtige +Rolle in der Therapie- und Veränderungsmotivation. In der völlig +anders angelegten psychoanalytischen Langzeittherapie werden +Veränderungen in einer viel längeren Zeitspanne erwartet und +akzeptiert. +21 Die US-amerikanischen Begriffe hießen: community planning for +social welfare, community organisation, community developement. +Geschichtlich bezogen sie sich entweder auf die Koordination und +Planung +quartiersbezogener +(Selbst-)Hilfen +in +städtischen +Armutsgebieten respektive auf die Entwicklung ländlicher +Kooperationsstrukturen. Der niederländische Begriff hieß übersetzt +gesellschaftliche Aufbauarbeit und bezog sich auf die Entwicklung von +Gemeinwesen in den dem Meer abgerungenen Poldergebieten. +Daneben hatte es schon lange, angestoßen durch die „SettlementBewegung“, die „Nachbarschaftsheime“ gegeben. +Zum Überblick über die Geschichte der GWA vgl. die +Lexikonbeiträge von C. W. Müller (1996, S. 232 f.) und Oelschlägel +(1994, S. 198 ff.). Ausführliche Informationen finden sich in C. W. +Müller (1988, Bd. 1, S. 21–88, Bd. 2, S. 97–132); ausführlich zur +ausländischen und deutschen Geschichte der Settlement-Bewegung diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/429.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/429.md new file mode 100644 index 0000000..dd05766 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/429.md @@ -0,0 +1,37 @@ +und der Nachbarschaftsheime als Vorläufer sozialarbeiterischer GWA +siehe Oestreich (1965). +22 Unter dem Kürzel SPAK hatten sich in der Zeit der +Studentenbewegung +die +kritischen +sozialen +Arbeitskreise +zusammengefunden und auch nach dieser Zeit noch im SPAK-Verlag +München eine Vielzahl von Texten bzw. Erfahrungsberichten zur +kritischen Sozialarbeit veröffentlicht. +23 Alinskys wichtigste Schriften sind vom evangelischen +Burckhardthaus-Verlag 1973 und 1974 der deutschen GWA +zugänglich gemacht worden. Eine Kurzdarstellung seiner Arbeit findet +sich bei C. W. Müller (1988, Bd. 2, S. 114–117). +24 Oelschlägel war mit Boulet und Kraus einer der drei Autoren, die +1980 erstmals das Konzept von GWA in Aufarbeitung ihrer kritischen +Sozialarbeit formuliert haben (vgl. Boulet et al. 1980). +25 Solche Überlegungen zu einer systemischen Strategie hat der +Verfasser (W. M.) selbst in Praxisberatungen mit Harry Specht kennen +gelernt. Erläutert sind die „vier grundlegenden Systeme“ in Pincus u. +Minahan (1980). +26 Das Thatcher-Zitat von 1987 aus dem New Statesman zitiert C. +Jones in seiner Analyse der britischen Sozialarbeit unter der +Herausforderung der konservativen Ideologie (Jones 1992, S. 50). +27 Das Schema findet sich bei Hadley et al. (1987, S. 8; Übersetzung: +Werner Müller). +28 Die Bedeutung dieser Faktoren lässt sich z. B. in Großbritannien +erkennen, wo es beide Eigenheiten nicht in diesem Ausmaß gibt und +es selbstverständlich ist, dass bis hinauf in die Spitze der +kommunalen Sozialverwaltungen (Director of Social Services) +Leitungspositionen von sozialen Fachkräften besetzt sind, in deren +Ausbildung aber Sozialadministration und Sozialarbeit zumeist +gleichberechtigte Inhalte darstellen. +29 Eine knappe, jedoch anschauliche Darstellung der Phase +„kritischer Sozialarbeit“ aus der Sicht eines Beteiligten findet sich bei +C.W. Müller (1988, Bd. 2, S. 133–165). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/430.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/430.md new file mode 100644 index 0000000..faeae64 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/430.md @@ -0,0 +1,40 @@ +30 Der Begriff der „Pathologisierung“ stammt von Peters (Peters +1973). Eine der ersten kritischen empirischen Studien zur ambulanten +Sozialarbeit war die von Kunstreich (Kunstreich 1975); zu weiteren +institutionellen Analysen dieser Richtung vgl. zusammenfassend +Thiersch (Thiersch u. Rauschenbach 1984, S. 1005 f.). +31 +In +diesem +Zeitraum +waren +es +insbesondere +die +sozialpsychiatrischen Dienste, aber auch einzelne Teams der +Erziehungs- und Lebensberatung, die das Netzwerkkonzept (vgl. +Röhrle u. Stark 1995; Keupp u. Röhrle 1987; Keupp 1987, 1988b; +Abschn. 5.2.3) aufgriffen. In der Jugendhilfediskussion zeigte sich die +Wirkung alltagsorientierter und systemischer Theorieansätze im 8. +Jugendbericht (BMJFFG 1990, S. 85–90, S. 170 ff.); siehe auch +Jordan und Schone (1992). +32 Ausgangspunkt der Diskussion um die „Neue Steuerung“ waren +insbesondere die Nummern 5, 6, 8, 9 der Veröffentlichungen der +Kommunalen Gemeinschaft für Verwaltungsvereinfachung (KGST) in +den Jahren 1993 und 1994, an die sich in vielen sozialen +Fachzeitschriften (Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für +öffentliche und private Fürsorge, Sozialmagazin, Sozialmanagement, +Blätter der Wohlfahrtspflege) eine lebhafte Diskussion angeschlossen +hat. Zur früh einsetzenden Kritik am Begriff der Kundenorientierung +siehe B. Müller (1996), Reis (1997). Eine Zusammenfassung der +„Aspekte Neuer Steuerung“ und ihrer Kritik findet sich bei Jordan u. +Reismann (1998, Kap. II, B u. C). +33 Das Bürgermeisterzitat wurde dem Verfasser von einem am +gescheiterten Berliner Modellversuch beteiligten Organisationsberater +berichtet. Bronke et al. überschrieben ihre Analyse der Fehlschläge +von Modellversuchen: Enthierarchisierung gefordert und nicht +durchgesetzt (Bronke et al. 1989, S. 32 ff.). +34 Wie sie insbesondere mit dem Studienmodell süddeutscher +Fachhochschulen, d.h. einem vierjährigem Diplomstudium mit +integrierten Praxissemestern, einer generalistischen Ausprägung und +einem sich entwickelnden Zentralfach Sozialarbeitswissenschaft, bis in diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/431.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/431.md new file mode 100644 index 0000000..563c24c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/431.md @@ -0,0 +1,31 @@ +die Neunzigerjahre hinein in bemerkenswertem Umfang erreicht +worden ist. +35 Flösser (1994) unterscheidet auf S. 147 und in Anmerkung 45 m. +E. zu Recht zwischen einer sinnvollen Ökonomisierung der Sozialen +Arbeit – bei der auch betriebswirtschaftliche Konzepte ihre Bedeutung +haben – und einem Ökonomismus, mit dem „allen getroffenen +Entscheidungen ein ökonomischer Sinn beigelegt wird“. Zu dem +Ausmaß, in dem der Sozialstaat bereits um 1990 aus +Finanzierungsgründen infrage gestellt wurde, vgl. zusammenfassend +Bader (1999, S. 19 ff.). +36 Vgl. das Stichwort Organisationsentwicklung in den Fachlexika der +Sozialen Arbeit bzw. der Organisationsbetriebslehre. +37 Familiendynamik (Klett-Cotta), Zeitschrift für systemische Therapie +(modernes lernen), Kontext (Vandenhoeck und Ruprecht). +38 Zur detaillierten Beschreibung des von mir erarbeiteten +Supervisionskonzeptes für Soziale Arbeit und Therapie siehe Ritscher +(1998). +39 Aktionsforschung hat sich schon immer zur Aufgabe gemacht, die +beforschten Menschen zu Subjekten der Forschung zu machen, d. h. +an Fragestellungen, Planung, Durchführung und Auswertung zu +beteiligen und die Ergebnisse für sie selbst nutzbar zu machen (siehe +Moser 1975; Zinnecker et al. 1975). +40 Zu Beginn der familientherapeutischen Entwicklung wurden sie als +familiäre Symptomträger oder familiäre Indexpatienten bezeichnet. +41 Das vom baden-württembergischen Sozialministerium finanzierte +und von den kommunalen Jugendämtern durchgeführte „Mutter-KindModell“ verbindet eine über die Sozialhilfe hinausgehende finanzielle +Unterstützung (das „Landeserziehungsgeld“) mit sozialpädagogischer +Gruppenarbeit und individueller Beratung der Mütter. Das Modell ist +auf die ersten drei Lebensjahre des Kindes begrenzt (siehe Eggen u. +Vogel 1994). In den letzten Jahren sind auch berufsfördernde +Maßnahmen wichtig geworden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/432.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/432.md new file mode 100644 index 0000000..391e142 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/432.md @@ -0,0 +1,9 @@ +42 „Die Zielsetzung ‚Rückführung in die Familie‘ erscheint uns aus +familientherapeutischer Sicht als zu einseitig und absolut. Das +geschilderte Fallbeispiel zeigt deutlich, wie sehr sich die im Hilfeplan +vereinbarten Ziele im Verlauf eines intensiven therapeutischen +Prozesses verändern und Lösungen in den Blick rücken, die der +aktuellen Situation der Familie mehr entsprechen als diejenigen, die +zur Zeit der Aufnahme in die stationäre Einrichtung und des Beginns +der therapeutischen Arbeit vereinbart worden waren (Spindler 2000, +S. 102). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/433.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/433.md new file mode 100644 index 0000000..293ea9e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/433.md @@ -0,0 +1,3 @@ +6 +Systemische Handlungsrichtlinien und +Methoden für die Soziale Arbeit diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/434.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/434.md new file mode 100644 index 0000000..b2862fe --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/434.md @@ -0,0 +1,41 @@ +6.1 + +Methodisches Handeln in der +systemischen Arbeit + +Mit diesem Kapitel sind wir an dem zweiten Punkt der Verknüpfung +von Systemtherapie und Sozialer Arbeit angelangt. Geschah dies im +fünften Kapitel schwerpunktmäßig über die systemische Metatheorie, +werden nun Methoden der Systemtherapie beschrieben, die in der +systemischen Sozialen Arbeit zur Anwendung kommen. Die +Bedingung dafür ist, dass Setting, Timing, Sprache und +Lösungsperspektiven auf die Lebenswelt, die Problemlagen und +Ressourcen der Adressatinnen der Sozialen Arbeit zugeschnitten sind. +Wie dies geschehen kann, lässt sich den Praxisbeispielen des ersten +und siebten Kapitels entnehmen +Unter 5.6 wurde die für den systemischen Ansatz stimmige +Aufhebung der eindeutigen Grenzen zwischen Therapie, Sozialarbeit, +Sozialpädagogik und Beratung begründet. Konsequenterweise werden +nun die Bezeichnungen Therapeutin, Beraterin, Sozialarbeiterin, +Helferin in der gleichen Bedeutung verwendet. Meistens ist die Rede +von der Sozialarbeiterin, weil es ja um die Verwendung systemischer +Methoden in der Sozialen Arbeit geht. +Der Bezugspunkt für die Darstellung von Methoden liegt sehr +einseitig bei den Sozialarbeiterinnen; die Antworten der +Adressatinnen auf die Verwendung der Methoden bleiben +unberücksichtigt.1 Unsere Perspektive ist also der methodische Input +in das Hilfesystem seitens der Professionellen. Deren Adressatinnen +können gar nicht anders, als darauf zu reagieren, denn: „Man kann +nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick et al. 1972, S. 53). Allerdings +erfolgt die Antwort nicht immer im Einklang mit den Absichten der +Sozialarbeiterin. +Es +bleibt +immer +eine +prinzipielle +Nichtdeterminierbarkeit des Verhaltens der anderen – auch die +ausgefeiltesten Methoden ermöglichen keine instruktive Interaktion. +Diese Feststellung ist Teil des systemischen Menschenbildes. Wenn +sie ernst genommen wird, kann eine systemische Sozialarbeiterin +nicht dem modernen Mythos verfallen, dass alles machbar sei. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/435.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/435.md new file mode 100644 index 0000000..133188b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/435.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Im systemischen Handlungsmodell relativiert sich die klassische +Unterscheidung zwischen Diagnose und Intervention. Das +metatheoretische Prinzip der Zirkularität führt zu der Folgerung, dass +die lineare Annahme, man könne schrittweise zunächst Informationen +über die Problemlage (klassisch: Symptomatik) einholen, dann eine +Ursachenklärung (klassisch: Ätiologie) vornehmen und anschließend +das weitere Vorgehen (klassisch: Behandlung/Therapie) planen bzw. +durchführen, durch die Annahme eines prinzipiell unabgeschlossenen +spiralförmigen Prozesses ersetzt werden muss. In ihm sind +systematische Informationsgewinnung (klassisch: Diagnose) und die +professionellen Beiträge der Helferin zu diesem Veränderungsprozess +– auch Intervention genannt – sich wechselseitig voranbringend +miteinander verknüpft. Im Sinne der systemischen Metatheorie lässt +sich der Begriff „Diagnose“ auch durch den der hypothetischen +Beschreibung des Systems (verkürzt: Beschreibung) ersetzen. Diese +ist immer nur eine Interpunktion im Hilfeprozess und kein +abgeschlossenes Untersuchungsresultat; es ist hypothetisierendes +Handeln im Prozess des Unterstützungssystems. Damit wird der +Unterschied zwischen dem systemischen Modell und der klassischen +Organmedizin auch begrifflich betont. Als Minimallösung zur +Betonung dieses Unterschiedes kann das Wort „Diagnose“ in +Anführungszeichen gesetzt werden; das überführt eine „harte“ +Begrifflichkeit in eine „weiche“. Ein ähnliches Problem entsteht mit +der Verwendung des Begriffs der Intervention. Das lat. intervenire +(„dazwischengehen“) könnte suggerieren, die Sozialarbeiterin habe +die Macht, in ein System „einzudringen“ und es von innen her zu +verändern. Die Idee des Unterstützungssystems, innerhalb dessen +Veränderungen von den Auftraggeberinnen und der Sozialarbeiterin +gemeinsam angeregt werden, wäre damit verdunstet. Es gibt aber +die Möglichkeit einer Umdeutung, wenn wir Intervention im Sinne +Bubers (siehe 2.1) als ein „in das Zwischen gehen“ verstehen, also +das Handeln in den Beziehungen des Unterstützungssystems. +Der Beschreibung dienende Informationen sind die Konsequenz +einer sondierenden Frage der Sozialarbeiterin an das System, z. B.: diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/436.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/436.md new file mode 100644 index 0000000..45100d5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/436.md @@ -0,0 +1,34 @@ +„Wie regeln Sie die Beteiligung der Familienmitglieder an der +Haushaltsarbeit?“ Sie führt bei den Befragten zu einer für +Veränderungen notwendigen kognitiv-affektiven Fokussierung auf +wichtige Beziehungsthemen und -muster; in diesem Fall vielleicht zu +der Frage, wieweit die Haushaltsarbeit und andere Beiträge zur +Haushaltssicherung (z. B. Erwerbsarbeit) gerecht verteilt sind. +Die Antwort der Adressatinnen ist das Ergebnis eines reflexiven +Aktes. In ihm beziehen sich die Betroffenen auf sich selbst. Das ist +der Anfangspunkt für die Entwicklung eigener Fragen, neuer Ideen +und +Sichtweisen +hinsichtlich +des +Problems +und +seines +Beziehungskontextes. In diesem Sinne führt eine „diagnostische“ +Frage nicht nur zu einer „diagnostischen“ Antwort, sondern stößt +erste Veränderungsprozesse bei den Adressatinnen an; aus der +Perspektive der Sozialarbeiterin ist sie deshalb auch als Intervention +zu bewerten. +Umgekehrt enthält die Antwort der Adressatinnen auf eine +„Intervention“ auch für die hypothetische Beschreibung nützliche +Informationen. Zum Beispiel lässt eine Antwort auf die primär als +Intervention gedachte hypothetische Frage: „Was würden Sie morgen +früh als Erstes tun, wenn Sie aufwachen und merken, dass sich ihr +Problem verabschiedet hat?“, eine Hypothese zu, inwieweit die +Adressatin dieser Frage den Blick noch auf Situationen jenseits der +Problemdefinition richten kann. +Fazit: Jede Methode hat eine „diagnostische“ bzw. beschreibende +und eine „intervenierende“ Funktion. Diagnose ist als „Interpunktion“ +eines weiterführenden Prozesses und nicht als abschließende +Wahrheitsaussage zu verstehen, Intervention als methodische +Anregung und nicht als technische Manipulation des Systems. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/437.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/437.md new file mode 100644 index 0000000..d92d590 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/437.md @@ -0,0 +1,23 @@ +6.2 + +Systemische Handlungsrichtlinien + +Handlungsrichtlinien sind Orientierungshilfen für die praktische Arbeit. +Erkenntnistheoretisch lassen sie sich als Perspektiven für die +Beschreibung der Problemsysteme und der auf sie gemünzten +professionellen +Problemlösungsangebote +verstehen. +Als +Schlüsselqualifikationen der systemischen Sozialen Arbeit können sie +im Rahmen der Ausbildung durch Rollenspiele geübt, angeeignet und +individuell ausgestaltet werden. +Eine der einflussreichsten Gruppen für die Entwicklung der +Familientherapie war das erste Mailänder Team (Selvini Palazzoli, +Boscolo, Cecchin und Prata). Sie entwickelten drei auf der +Systemtheorie basierende Handlungsrichtlinien – Hypothetisieren, +Zirkularität und Neutralität (Selvini Palazzoli et al. 1981), die im +Folgenden dargestellt und um vier weitere – Kontextualisierung, +Ressourcen- und Lösungsorientierung, Gender-Sensitivität und die +Frage nach der Opfer-Täter-Beziehung bei Akten der Gewalt – +ergänzt werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/438.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/438.md new file mode 100644 index 0000000..93f57be --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/438.md @@ -0,0 +1,52 @@ +6.2.1 Hypothetisieren +Die systemische Erkenntnistheorie verwirft Aussagen mit +Wahrheitsanspruch. Wir sind als erkennende Subjekte nur noch +Fragende, die mithilfe von benannten und reflektierten Vorannahmen +– wissenschaftstheoretisch gesprochen: Hypothesen – in einen +Kreislauf von Fragen und Antworten eintreten. Die von uns +hergestellten Bilder von der Realität bleiben immer vorläufige +Antworten auf unsere Fragen an sie. Die Bilder revidieren oder +bestätigen unsere Vorannahmen und führen zu neuen Fragen. +Vorannahmen über die Wirklichkeit sind zunächst „Vorurteile“, ohne +sie ist Erkenntnis nicht möglich. Als Hypothesen werden sie in +bewusste Vorannahmen verwandelt, die dadurch benennbar, +kritisierbar und veränderbar werden. In der Hypothesenbildung +verschränken sich theoretische Konzepte (z. B. das Konzept der +Loyalität), Alltagswissen (z. B. „Die Eltern sind die ersten und +wichtigsten +Bezugspersonen +für +ihre +Kinder“) +und +die +unterschiedliche Wahrnehmung sozialer Situationen (z. B. zwischen +Eltern und Kindern) zu vorläufigen Ist-Sätzen über diese sozialen +Situationen. +Sie +enthalten +Verhaltensbeobachtungen, +Rekonstruktionen von in der Situation gesprochenen Worten, +Aussagen über den Kontext des Verhaltens und der sprachlichen +Äußerungen und Rückschlüsse auf intrapersonale Gedanken und +Gefühle der beobachteten Personen. Diese Umwandlung von +„Vorurteilen“ in Hypothesen und die dadurch mögliche Transparenz, +Nachprüfbarkeit und Kritisierbarkeit der Aussagen unterscheidet das +wissenschaftlich +fundierte +professionelle +Handeln +der +Sozialarbeiterinnen vom Alltagshandeln ihrer Adressatinnen. Die +Hypothesenbildung +vollzieht +sich +in +der +professionellen +Handlungssituation in einem Spektrum zwischen Intuition und +absichtsvoller Rationalität, d. h., Hypothesen können auch als +plötzliche und vorbewusste Eingebungen entstehen. Wichtig ist dann +ihre bewusste und theoretisch gesicherte Formulierung in den eigens +dafür hergestellten Erkenntnisnischen des Interviewprozesses, u. a. +in den Pausen. Hier können die das Interview durchführenden diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/439.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/439.md new file mode 100644 index 0000000..1055302 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/439.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Sozialarbeiterinnen und ihre das Interview beobachtenden +Teamkolleginnen den eher intuitiven Hypothesenbildungsprozess +während des Gespräches aus der diffusen Sphäre des Vorbewussten +in den Raum der bewussten Sprache überführen und +weiterentwickeln. +Damit +wird +eine +weiterer +Aspekt +der +systemischen +Hypothesenbildung deutlich: Sie ist als ein diskursiver Prozess +angelegt, in dem durch die Multiperspektivität mehrerer beteiligter +Professioneller eine vielseitige und prozesshafte Beschreibung der +sozialen Realität entsteht.2 Im Diskurs werden durch die +verschiedenen Sichtweisen unterschiedliche Beschreibungen möglich, +die als Ausgangspunkt einer weiterführenden Erkenntnis dienen. +Jedes Mitglied der Diskursgemeinschaft – in unserem Fall des Teams +– entdeckt in den Beiträgen der Kolleginnen große oder kleine +Unterschiede zur eigenen Beschreibung. Selbst wenn am Ende der +Pause keine Einigung auf eine gemeinsame hypothetische +Beschreibung +(„Diagnose“) +stattfindet, +können +doch +alle +Teammitglieder durch den Vergleich ihrer Sichtweise mit denen der +anderen neue Information für sich entdecken. Damit entsteht ein +Unterschied +zur +Ausgangsbeschreibung, +der +den +Hypothesenbildungsprozess für jedes Teammitglied und damit für das +gesamte Team vorantreibt: „Informationen bestehen aus +Unterschieden, die einen Unterschied machen“ (Bateson 1982, S. +123). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/440.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/440.md new file mode 100644 index 0000000..8c32327 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/440.md @@ -0,0 +1,39 @@ +6.2.2 Zirkularität +Abgeleitet vom systemischen Konstrukt der Vernetzung, werden alle +kommunikativen Prozesse innerhalb eines Systems sowie zwischen +dem System und seinen äußeren Umwelten als zirkuläre +Rückkoppelungsprozesse aufgefasst. Jedes Element des Systems ist +mit allen anderen verbunden, jede von einem Element ausgehende +oder von ihm empfangene Botschaft hat eine verändernde +Konsequenz für den Sender der Botschaft und über ihn hinaus für alle +anderen Mitglieder des Systems. Die lineare Struktur von Ursache +und Wirkung, einem zeitlich vorauslaufenden Ereignis und seiner +nachfolgenden Konsequenz wird in das Sowohl-als-auch überführt. An +jedem Ereignis sind alle Mitglieder des Systems direkt oder indirekt +beteiligt und aufgefordert, für ihren Beitrag die Verantwortung zu +übernehmen. Alle Teilnehmerinnen der im Kontext eines Systems +stattfindenden sozialen Situationen sind gemeinsam Handelnde. +Dennoch +sind +sie +mit +unterschiedlichen +Intensitäten, +Machtmöglichkeiten, Freiheitsspielräumen und Absichten beteiligt. +Deshalb gibt es unterschiedliche Verantwortlichkeiten für den +gemeinsamen Systemprozess. +Diese Sichtweise ermöglicht die Verschiebung von der Frage nach +der individuellen Verursachung und Schuld für soziale Ereignisse zur +Beschreibung der durch die Beiträge aller Systemmitglieder +entstehenden Systemdynamik. Mit der Berücksichtigung von +unterschiedlichen Machtmöglichkeiten der Beteiligten kann auch die +Gleichsetzung von Opfer und Täterin durch von personaler und +struktureller Gewalt gekennzeichnete Situationen vermieden werden. +Ein Beispiel zum Konzept der Zirkularität: +Die Kritik des Vaters am Sohn bringt diesen zum Weinen und ruft +die Mutter auf den Plan; sie kritisiert den Vater wegen seiner harten +Haltung, was diesen zum Rückzug aus der Verantwortung für den +Sohn animiert, womit die Nähe zwischen Mutter und Sohn verstärkt +wird; das wiederum bestärkt die Tochter in ihrer Vermutung, dass sie +nur das fünfte Rad am Familienwagen ist, und animiert sie zu +unverschämten Bemerkungen über die Mutter, die den Vater diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/441.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/441.md new file mode 100644 index 0000000..1d904ae --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/441.md @@ -0,0 +1,13 @@ +veranlassen, Partei für die Mutter zu ergreifen und die Tochter +zurechtzuweisen. Sein erneuter Einstieg ins Familienspiel wird von der +Mutter dankbar, vom Sohn als Bedrohung wahrgenommen, der +daraufhin seiner Schwester ein Bündnisangebot gegen die Eltern +macht; usw. usw. +Professionelle Interventionen müssen immer die durch sie +initiierten Rückkoppelungsschleifen beachten. Dies ist z. B. bei +Einzelsettings wichtig, wenn Ideen, Lösungsvorschläge, Kommentare +der Sozialarbeiterin durch die Auftraggeberin in die Familie +zurückgetragen werden. Sie rufen notwendigerweise Reaktionen der +nicht direkt am Unterstützungssystem beteiligten Mitglieder hervor, +die auf die Adressatin gerichtet sind und über sie in das +Unterstützungssystem zurückwirken. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/442.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/442.md new file mode 100644 index 0000000..ee9eb17 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/442.md @@ -0,0 +1,32 @@ +6.2.3 Allparteilichkeit, Neutralität, Respekt und Interesse +Die jeweils unterschiedlichen Realitätsrekonstruktionen der einzelnen +Familienmitglieder erfordern eine allparteiliche Haltung der +Sozialarbeiterin, die alle Sichtweisen innerhalb der Familie als Teil der +Probleminduktion und Problemlösung ernst nimmt. Im Sinne des +Postulates vom gerechten Austausch müssen alle die Chance haben, +ihre Sichtweise, ihre Erfahrungen, ihre Lösungsvorschläge zu +thematisieren. Indem die Sozialarbeiterin nacheinander mit jedem +Mitglied der Familie ein Bündnis schließt, verbündet sie sich +nacheinander mit jedem und letztlich mit keinem. Das Konzept der +Allparteilichkeit betont die Parteinahme und Empathie der Beraterin +für alle Auftraggeberinnen und damit das professionelle Interesse an +einer gelungenen Beziehung, die jenseits aller notwendigen +professionellen Distanz auch den Raum für eine interpersonale +Begegnung eröffnet. +Das Konzept der Neutralität hingegen verweist gerade auf die +Notwendigkeit dieser Distanz.3 Neutralität ermöglicht in diesem Sinn +ein Abrücken von den Auftraggeberinnen und den analysierendemotionsarmen Blick aus der Ferne. Aber gerade der Standort am +Rand des Beobachtungssystems erweitert das Wahrnehmungsfeld. +Unsere Aufmerksamkeit richtet sich nun auf bisher unbeachtete +Muster, verdeckte Konflikte, tabuisierte Themen, eskalationsfördernde +verbale und körpersprachliche Botschaften. Der ganz einfache, für die +Bildung sozialer Gruppen und die bezogene Individuation notwendige +Wunsch nach Wertschätzung durch die anderen kann in +professionellen Situationen auch ein Hemmschuh sein, wenn man um +der Harmonie willen die von den Auftraggeberinnen kommunizierten +Tabus unreflektiert beachtet, Sprechverbote befolgt, Geheimnisse im +Dunkel belässt, unsoziales Verhalten nicht als solches bezeichnet und +kritisiert. Je „näher“ wir uns unseren Auftraggeberinnen fühlen, desto +schwieriger werden solche professionell manchmal notwendigen +Interventionen. Mit der Distanz wächst dagegen der diesbezügliche +Handlungsspielraum. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/443.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/443.md new file mode 100644 index 0000000..23e39fe --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/443.md @@ -0,0 +1,39 @@ +Cecchin hat das Konzept der Neutralität um die Neugier der +Professionellen auf die Lebenswelt der Auftraggeberinnen, ihre +Kompetenzen für problemerzeugende und problemlösende Muster, +Verhaltensweisen und Zielsetzungen erweitert (Cecchin 1988). Dazu +gehört auch die Neugierde der Professionellen auf ihre eigenen +Möglichkeiten: Wie hätten sie sich an der Stelle ihrer +Auftraggeberinnen in vergleichbaren Situationen verhalten, welche +Bewältigungsformen hätten sie gewählt, wie erfolgreich wären sie +gewesen? Auch die Neugierde auf die in der Gesprächssituation mit +den Adressatinnen entstehenden eigenen Gedanken und Gefühle sind +Teil dieses Konzeptes. +Ich schlage vor, Allparteilichkeit und Neutralität als zwei +notwendige und gleichberechtigte Konzepte zu verstehen, die +unterschiedliche, aber zusammengehörige Schwerpunkte des +professionellen Handelns benennen. Erst in der Dialektik von +Allparteilichkeit und Neutralität, empathischer Nähe und analytischer +Distanz, +randständiger +und +zentraler +Position +im +Unterstützungssystem entfaltet sich die ganze Kraft beider Konzepte. +Interesse und Respekt sind die sie verbindenden Begriffe. +Interesse lässt sich vom lat. interesse ableiten („dabei, dazwischen, +inmitten sein“). Interesse benennt also eine durch die +Aufmerksamkeit für die anderen und sich selbst gekennzeichnete +Begegnung, in der die Frage entstehen kann: „Was wünscht du dir +von mir, um dich als wertvollen Menschen erfahren zu können?“, +bzw.: „Was wünsche ich mir von mir selbst, um dies zu erreichen?“ +Respekt lässt sich aus dem lat. respicere („zurückblicken“) ableiten. +Respekt meint also, die bisherigen Leistungen eines Menschen im +Lebensalltag und in den aus ihm herausgehobenen besonderen +Lebensereignissen zu würdigen, indem man seine Aufmerksamkeit +auf den Kontext und damit auch auf den Möglichkeitsspielraum des +betreffenden Menschen lenkt. Dann wird der Eigensinn vieler bislang +als defizitär oder pathologisch gewerteter Handlungen verstehbar, +und es eröffnet sich das Feld der Kompetenzen und Ressourcen: „Wie +haben Sie das überhaupt geschafft?“ diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/444.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/444.md new file mode 100644 index 0000000..c55d66a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/444.md @@ -0,0 +1,20 @@ +Eine respektvolle Haltung gegenüber den Menschen kann mit +einer Respektlosigkeit gegenüber ihren bisherigen Leitideen, +Überzeugungen und Verhaltensweisen verknüpft werden (Cecchin, +Lane u. Ray 1993): Was im Entstehungskontext einmal sinnvoll war, +kann +in +späteren +Lebensphasen +der +Alltagsbewältigung +entgegenstehen, was in dem einen Beziehungskontext eine hilfreiche +Überlebensstrategie sein mag, kann in einem anderen Kontext die +Beziehung blockieren und soziale Anerkennung behindern. Zum +Beispiel ist das fürsorgliche Verhalten der Eltern gegenüber kleinen +Kindern angemessen und wird von ihnen mit Freude angenommen; +die gleiche Fürsorglichkeit wird von den pubertierenden Kindern +abgelehnt und führt zu vielen Missverständnissen. Eine respektlose +Infragestellung der diesem Verhalten zugrunde liegenden Idee einer +allumfassenden und immer währenden elterlichen Fürsorge kann hier +für beide Seiten befreiend wirken. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/445.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/445.md new file mode 100644 index 0000000..9c021fb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/445.md @@ -0,0 +1,33 @@ +6.2.4 Kontextualisierung +Mithilfe des ökosozialen Modells lassen sich Beziehungen zwischen +dem System und seinen Kontexten erfassen und beschreiben. +Die Familie ist der wichtigste Erfahrungs- und Handlungskontext +des kleinen Kindes. In ihr lernt es Verhaltensregeln, Rollenbilder, +Wertvorstellungen, die das eigene Verhalten leiten, begründen und +sinnvoll machen. Kommt es in die Kindertagesstätte, entsteht durch +das Mesosystem ein neuer Kontext für die Familie, dessen Regeln und +Werte Einfluss auf das Verhalten des Kindes und die damit +verbundenen Bedeutungszuschreibungen in der Familie nehmen. +Umgekehrt wird auch die Familie eines neuen Kita-Kindes zu einem +Kontext der Kindertagesstätte: Familiär gelernte Verhaltensweisen, +Konflikt- und Konfliktlösungsstrategien des Kindes nehmen Einfluss +auf die Interaktionen der anderen Kinder und rufen eventuell die +Erzieherinnen auf den Plan, die dieses Verhalten vielleicht als +„aggressiv“, „unsozial“, „clownhaft“ bezeichnen und auf die Familie +des Kindes zurückführen. Für die Erzieherin ist also die Familie der +Kontext des kindlichen Verhaltens in der Kita. Für die Mutter +hingegen ist die Kita der Kontext für die häusliche Kommunikation; z. +B. wenn sie abends nach einem Elterngespräch Streit mit ihrem Mann +darüber bekommt, ob die Erzieherin ihr Kind richtig einschätzt. +Was als System und was als Kontext gesehen wird, hängt von +Standort und Perspektive der Beobachterin ab. +Wird einem Ereignis ein bestimmter Kontext zugeordnet, damit +sein Sinn und seine Funktion verstanden werden kann, findet eine +kognitiv-affektive Handlung statt, die ich als Kontextualisierung +bezeichne. Ich unterscheide fünf Kontexte und damit auch fünf +Formen der Kontextualisierung: epistemisch – auf Wahrnehmung und +Erkenntnis bezogen, sozial – auf die äußeren Umwelten bezogen, +biosozial – auf den Leib des Menschen und seine geographische +Einbettung bezogen, psychisch – auf die inneren Prozesse des +Subjekts bezogen, und raum-zeitlich – auf den Prozesscharakter und +den Ort von Handlungen bezogen (vgl. Ritscher 1998, S. 238 ff.). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/446.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/446.md new file mode 100644 index 0000000..fd2d4e2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/446.md @@ -0,0 +1,14 @@ +Kontextualisierung ist ein wesentlicher Bestandteil der +systemischen Arbeit. Mit ihrer Hilfe werden Bedeutungen geklärt, +unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen der Familienmitglieder +herausgearbeitet, um dem Verhalten des einen einen Sinn zu geben, +der dem anderen bisher verschlossen war. Das fördert Toleranz und +Akzeptanz innerhalb des Systems. Kontextualisierung heißt auch, +dass die sozialen Einflüsse, unter denen Menschen handeln, diesen +bewusst werden. Das ermöglicht es, Symptome als Ausdruck eines +Spannungsverhältnisses zwischen dem Einzelnen bzw. seiner Familie +und größeren Systemen zu verstehen und individuumzentrierte +Ursachenzuschreibungen aufzulösen. Wenn z. B. die Angst eines +Kindes im Kontext der drohenden Arbeitslosigkeit des Vaters oder der +Mutter verständlich wird, hat das Folgen für die weitere +Interventionsplanung. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/447.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/447.md new file mode 100644 index 0000000..f76e609 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/447.md @@ -0,0 +1,42 @@ +6.2.5 Ressourcenorientierung +Leider ist der Begriff der Ressourcenorientierung inzwischen +abgenutzt. Mit ihm wird viel herumjongliert, ohne dass er +systematisch reflektiert und tatsächlich zu einer Leitlinie von +„Diagnostik“ und Intervention gemacht würde. Ich möchte im +Folgenden das weite Feld der Ressourcen aufzeigen, das sich dem +systemischen Blick eröffnet: + +Mikrosystemisch (die familiäre Binnenkultur): +– Verwandtschaftsbeziehungen und „Wahlverwandtschaften“; +– an +gemeinsamen +Interessen +orientierte +familiäre +Subsysteme; +– hilfreiche Familien- bzw. Paargeschichten, familiäre Leitideen +und Traditionsbildungen; +– bisher erfolgreiche Lösungsversuche bzw. -strategien in +schwierigen Lebens- bzw. Konfliktsituationen; +– die Rekonstruktion glücklicher bzw. zufrieden stellender +Beziehungssituationen der Vergangenheit; +– besondere Kompetenzen eines Familienmitglieds; +– Gefühle der Verbundenheit, Liebe, des Vertrauens, der +Intimität; +– Loyalitätsbindungen im Kontext einer ausbalancierten bzw. +ausbalancierbaren familiären Gerechtigkeitsbilanz; +– eine +positiv +konnotierte +Familienidentität +und +Familienselbstwertzuschreibung; +– ausreichender Wohnraum. +Mesosystemisch (die Verknüpfung der Familie mit anderen +wichtigen sozialen Systemen): +– Freundschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen; +– Einbindung eines Familienmitglieds in außerfamiliäre Systeme +(z. B. Schule, Kita, Betrieb); +– sozialkulturelle Infrastrukturangebote wie Volkshochschule, +Spielplätze, Jugendhäuser usw.; +– Maßnahmen der Jugendhilfe; diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/448.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/448.md new file mode 100644 index 0000000..6bef370 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/448.md @@ -0,0 +1,56 @@ +– aufsuchende oder ambulante Familientherapie in Rahmen +von Erziehungs-, Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen +usw.; +– ein entwicklungsförderliches Wohnumfeld. + +Exosystemisch (die Interaktion der Familie und ihrer sozialen +Umwelten mit politischen bzw. ökonomischen Organisationen +und deren Entscheidungen): +– Hilfen des Sozialamtes nach dem BSHG; +– Jugendhilfeangebote des Jugendamtes nach dem KJHG; +– Einrichtungen der freien Träger im Rahmen einer +kommunalpolitischen Gesamtplanung; +– das Kommunalparlament und seine Ausschüsse als gewählte +Entscheidungsgremien für die Entwicklung der sozialen +Infrastruktur. +Makrosystemisch (die Einbettung von Mikro-, Meso- und +Exosystemen in soziokulturelle Prozesse, Werte, Normen, +Ideale, Rechtsbestimmungen): +– individualisierte und flexibilisierte Rollenbilder, -aufgaben, beziehungen für Frau und Mann, Mutter und Vater, Mädchen +und Junge, Kind und Jugendliche; +– demokratisierte +Zugangswege +zu +Bildungsund +Ausbildungsprozessen in den Bereichen sekundärer und +tertiärer Sozialisation; +– neue +Sichtweisen +bezüglich +Personalführung, +Gruppenbeziehungen +am +Arbeitsplatz +und +Arbeitszeitgestaltung; +– Technisierung der Haushalte, die mehr Freiräume bei der +Familienversorgung +ermöglichen +und +den +Hausfrauen/Hausmännern +die +Aufnahme +einer +Teilzeiterwerbsarbeit erleichtern; +– Schutzrechte +für +besonders +zu +unterstützende +gesellschaftliche +Gruppen +(körperlich +oder +geistig +beeinträchtigte Menschen, von Scheidung betroffene Kinder); diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/449.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/449.md new file mode 100644 index 0000000..fa664b3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/449.md @@ -0,0 +1,8 @@ +– Gleichstellungsrechte für Frauen; +– betriebliche Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmerinnen; +– das Sozialgesetzbuch und seine Fortschreibung in politischen +Entscheidungssystemen. +In der praktischen Arbeit werden immer nur einige dieser Ressourcen +in das Blickfeld der Sozialarbeiterin geraten. Aber die Idee der +Ressourcenorientierung wird der systemischen Sozialarbeiterin immer +den Zugang zu einigen von ihnen eröffnen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/450.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/450.md new file mode 100644 index 0000000..b7813e8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/450.md @@ -0,0 +1,37 @@ +6.2.6 Auftrags- und Lösungsorientierung +Die Auftragorientierung der Sozialen Arbeit und die sich daraus +möglicherweise ergebenden Dilemmata wurden unter 5.4.2 +ausführlich +dargestellt. +Als +Handlungsrichtlinie +erfordert +Auftragsorientierung von der Sozialarbeiterin die Klärung, ob ihr +Gegenüber sich als Adressatin oder Auftraggeberin der Sozialen +Arbeit definiert, ob diese Definition erhalten bleiben soll oder nicht +und inwieweit Aufträge, auf die man sich in einer anderen Phase des +Hilfeprozesses geeinigt hatte, noch gültig sein sollen. Eventuell +müssen sie durch neue ersetzt oder differenziert werden. Die +Beendigung des Hilfeprozesses wäre in diesem Sinne ein letzter +Auftrag, der nach erfolgreicher oder erfolgloser Zusammenarbeit in +das Zentrum des bisherigen Unterstützungssystems tritt und die +Beteiligten motivieren kann, ein Abschlussritual zu finden und zu +zelebrieren. +Die Lösungsorientierung ist eng mit der Auftragsorientierung +verbunden. Üblicherweise wird die Soziale Arbeit mit dem Auftrag +begonnen, eine Problemlösung herbeizuführen. Möglicherweise wird +aber das dogmatische Festhalten an einem klar definierten +Problemlösungsauftrag in bestimmten Kontexten selbst ein Problem. +Zum Beispiel dann, wenn die Probleme fremddefiniert sind und die +Adressatinnen der Sozialen Arbeit diese Zuschreibungen nur aus +Angst oder wegen des sozialen Konformitätsdrucks übernehmen. Im +Kontext der von Lüssi beschriebenen Handlungsform „Begleitung“ +(vgl. 6.3) ist möglicherweise gar kein fest umrissenes Problem zu +lösen, sondern der Lebensweg auf den bisherigen Bahnen und mit +den bisherigen Möglichkeiten zu begleiten. Hier auf eine +Problemlösung und einen entsprechenden Auftrag zu drängen wäre +kontraindiziert und würde einem wichtigen Aspekt der Sozialen Arbeit +widersprechen – sich an dem Bedarf ihrer Adressatinnen zu +orientieren. +Im Bundestagswahlkampf 1998 gab es den Ausspruch des SPDKandidaten für das Amt des Wirtschaftsministers: „Ich kenne keine +Probleme, sondern nur Problemlösungen.“ Hier zeigt sich die Gefahr diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/451.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/451.md new file mode 100644 index 0000000..cf56b9f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/451.md @@ -0,0 +1,49 @@ +einer technizistischen Pervertierung des lösungsorientierten +Optimismus. Wenn wir dem Wahn verfallen, dass es für jedes +Problem eine effektive Methode der schnellen Lösung gibt, können +Probleme nicht mehr in ihrem Eigen-Sinn – als Ausdruck der +Entwicklungskrise eines spezifischen Systems – verstanden werden. +Die in ihr wirkenden entwicklungsfördernden Kräfte werden dann +nicht mehr genügend gewürdigt. Die Frage, ob eine Krise auch ihre +Zeit braucht – „wie alles Tun unter dem Himmel“4 –, und das +geduldige Warten auf die in der Eigendynamik des Systems +entstehenden Selbstheilungskräfte sind nicht mehr erwünscht. Sie +stören den Optimismus der schnellen Lösung. Und doch braucht jeder +Mensch die Zeit für seine Lösung, manchmal auch – von außen +gesehen – viele Umwege. +Sozialarbeiterinnen und Therapeutinnen sind eher die +Moderatorinnen dieses Prozesses als die Macher. Dennoch fällt ihnen +auch in dieser Rolle die Aufgabe zu, durch gezielte Fragen, auf die +Lebens- und Problemsituation abgestimmte Aufgaben und die +Einführung neuer Perspektiven den Auftraggeberinnen Hilfen zur +Entdeckung der eigenen Ressourcen und Kompetenzen anzubieten. +Dabei sollen sie deren Umwege und Abwehrstrategien achten, ohne +sie als letztgültige Bewältigungsversuche zu akzeptieren; sie sollen +hartnäckig auf andere Lösungswege hinweisen und sich auch von +einem +augenblicklich +geringen +Veränderungsinteresse +nicht +entmutigen lassen. Die Leitlinie dabei heißt: Nur der Weg, den die +Auftraggeberinnen selber gehen wollen, kann erfolgreich sein. +Professionelle Hilfen sind nützlich als Wegweiser an den +Wegkreuzungen. +Natürlich +werden +diese +in +jedem +Unterstützungssystem andere sein, weil Auftraggeberinnen und +Sozialarbeiterinnen ein ganz spezifisches, zu ihren Persönlichkeiten +passendes Beziehungsmuster entwickeln.5 +Die lösungsorientierte Therapie (de Shazer 1989; Kim Berg 1992) +hat einige hilfreiche Methoden und Handlungsperspektiven +entwickelt, +mit +denen +immer +wieder +auf +mögliche +Problemlösungswege hingewiesen werden kann. Am bekanntesten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/452.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/452.md new file mode 100644 index 0000000..9505ff6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/452.md @@ -0,0 +1,14 @@ +sind die Fragen nach den Ausnahmen: „Wann und in welcher +Situation tritt ihr Problem nicht auf?“, „Was würde passieren, wenn +Sie morgen früh aufwachen, und das Problem wäre verschwunden?“, +„Wie könnten Sie ihr Problem auf Urlaub schicken und es ab und zu, +wenn es Ihnen passt, wieder zu einem Kurzbesuch einladen?“ Solche +Fragen zielen auf die konstruktive Alltagsbewältigung jenseits der +Probleme und rücken die dabei gezeigten Kompetenzen und +Ressourcen in den Vordergrund. Diese sind der Ausgangspunkt für +die Problemlösung. +Eine Perspektive der lösungsorientierten Therapie ist für die +systemische Arbeit unverzichtbar geworden: das Spiel mit den +lebensbejahenden Möglichkeiten der Zukunft, die dadurch in den +Raum der Gegenwart hereingeholt werden, die Hoffnung auf +Veränderung stärken und dafür auch konkrete Wege aufzeigen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/453.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/453.md new file mode 100644 index 0000000..8c9e63e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/453.md @@ -0,0 +1,37 @@ +6.2.7 Gender-Sensitivität +Für die Beachtung der Gender-Sensitivität im Beratungsalltag hat eine +Gruppe von Familientherapeutinnen am New Yorker AckermannInstitut neun Richtlinien formuliert (Walters et al. 1991). Sie gehen +davon aus, dass die Gender-Abhängigkeit aller sozialen Realitäten in +der Therapie konstruktiv genutzt werden kann. Das setzt voraus, dass +sie als erkenntnisleitende Perspektive akzeptiert wird und die +Therapeutinnen +ihre +Interventionen +hinsichtlich +verdeckter +sexistischer Bedeutungen überprüfen. Ich habe die entsprechenden +therapeutischen Richtlinien an anderer Stelle beschrieben (Ritscher +1999); manche wurden bei der Gesellschaftsanalyse im dritten Kapitel +thematisiert. +Walters et al. zitieren Untersuchungen, denen zufolge Frauen in +Beziehungen eher gefühlsmäßige Bindungen als Autonomie +betonen. Wenn Sozialarbeiterinnen das im Kontext einer die +Autonomie zum Fetisch erhebenden individualisierenden +Gesellschaft als Schwäche interpretieren, werden die darin +enthaltenen Beziehungsqualitäten von Frauen ignoriert oder gar +diffamiert. Dann werden Ressourcen ausgeblendet, die für eine +Veränderung der Beziehung notwendig sind und zu einem +therapeutischen Erfolg beitragen könnten. +Gerade in den ersten Lebensjahren der Kinder ist ihre +Betreuung mit extremen Belastungen verbunden. Das hängt +auch mit dem heutigen Erziehungsideal zusammen, das ein +hohes Maß an Kindbezogenheit der Eltern im allgemeinen +Familienleben und der Mutter im konkreten Erziehungsalltag +einfordert. Im weiteren Verlauf der Kindheit und Jugend wird +die konkrete physische Belastung geringer, allerdings werden +erhebliche Zeitressourcen der Mutter erforderlich, um die +vielzähligen Schul- und Freizeitaktivitäten der Kinder durch +Fahrdienste, unterstützende Gespräche, Begleitung oder +konkrete Hilfen bei Hausaufgaben zu ermöglichen. Wenn die +Doppelbelastung der Mütter (Erziehung + Haushalt) in eine +Dreifachbelastung (Erziehung + Haushalt + Erwerbsarbeit) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/454.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/454.md new file mode 100644 index 0000000..40c05ce --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/454.md @@ -0,0 +1,47 @@ +übergeht, sind neue Überlastungsbedingungen geschaffen. Alle +empirischen Untersuchungen bestätigen, dass bei Haushalten +mit Doppeleinkommen die Frauen einen signifikant höheren +Anteil der Haushaltsarbeit übernehmen (siehe Schmidt-Denter +1988). In der Konsequenz diese Erkenntnisse achte ich darauf, +auch die Haushaltsarbeit als Beruf zu definieren. Ich frage z. B. +die Eltern in Paar- oder Familiengesprächen: „Sind Sie +außerhalb oder innerhalb des Haushaltes berufstätig oder +beides?“ Dadurch wird die Haushaltstätigkeit der Mütter der +Erwerbstätigkeit ihrer Männer gleichgestellt und bei einer +Doppeltätigkeit der Frau deren Belastung ohne weitere Worte +betont. +Wenn die Mütter von ihren Männern, aber auch von Fachkräften +kritisiert werden, dass sie zu enge Beziehungen zu ihren +Kindern eingehen, sind sie Gefangene der Sündenbockposition. +Legionen von Professionellen im psychosozialen und +medizinisch-psychiatrischen Feld haben eine zentrale Ressource +von Frauen, nämlich Nähe herzustellen und damit Kindern +gesicherte +Beziehungen +zu +garantieren, +zu +einer +Negativvariante +umdefiniert. +Unter +dem +Etikett +der +„bindenden“, „überfürsorglichen“ oder gar „schizophrenogenen“ +Mutter wurden sie für die Entwicklungsstörungen ihrer Kinder +verantwortlich gemacht. Zugleich wurden sie in eine Doublebind-Position hineinmanövriert. Denn in den klassischen +gesellschaftlichen Rollendefinitionen ist eine Mutter nur dann +eine gute Mutter, wenn sie Nähe herstellt. Treten Probleme auf, +wird die geforderte Nähe in eine pathologische Symbiose +umdefiniert. Dann wird die Mutter dafür bestraft, dass sie den +Erwartungen der Gesellschaft und ihrer soziokulturellen +Rollendefinition entsprochen hat. Warum können die +betroffenen Mütter überhaupt in eine solche Position +hineinmanövriert werden? Weil die therapeutischen Praktiker +und +Theoretiker +die +klassischen +Familienrollenbilder +unreflektiert reproduzieren: Der Mann bleibt außerhalb der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/455.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/455.md new file mode 100644 index 0000000..e391b54 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/455.md @@ -0,0 +1,15 @@ +Mutter-Kind-Dyade; die Mutter trägt die ganze Last der Nähe, +weil das Bild der hilfreichen Triade (Mutter – Kind – Vater) eher +eine exotische denn eine normale Vorstellung ist. Sehr enge +Beziehungen zwischen Mutter und Kindern können äußerst +hilfreich und unterstützend für die Kinder sein, wenn der Vater +sich ebenfalls in diese Beziehung einschaltet, an bestimmten +Punkten die Nähe übernimmt und damit seiner Frau die +Möglichkeit einer situativen Distanzierung bietet. Der Eintritt +des Dritten in die Mutter-Kind-Dyade kann durch entsprechende +„Hausaufgaben“ am Ende eines systemischen Gespräches in +Gang gebracht werden. +Leyendecker hat gezeigt, dass durch die Umsetzung dieser +Richtlinien bei der Arbeit mit Frauen und Männern ein +wertschätzender und erfolgreicher therapeutischer Diskurs +gelingen kann (Leyendecker 1999). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/456.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/456.md new file mode 100644 index 0000000..b387245 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/456.md @@ -0,0 +1,34 @@ +6.2.8 Die Frage nach der „Opfer-Täterin-Beziehung“ bei +Akten der Gewalt +Misshandlung lässt sich definieren als situative Gewaltanwendung +gegen eine von vornherein unterlegene Person, die in einen Kontext +„struktureller Gewalt“ (Galtung 1970) eingebettet ist. Das Opfer hat +schon zu Beginn der Gewaltsituation kaum eine Möglichkeit zur +effektiven Gegenwehr und ist der Gewalthandlung des Täters +ausgeliefert. +Misshandlung bietet auf der theoretischen Ebene die Möglichkeit, +das systemische Postulat „Es gibt in zirkulären Beziehungen keine +Täter und Opfer, sondern nur Handelnde“ als unzulässige, die +Kontextabhängigkeit von Handlungen und Handlungsmöglichkeiten +nicht berücksichtigende Generalisierung zurückzuweisen. Eine solch +generelle Formulierung ist ethisch und therapeutisch problematisch +und berücksichtigt zu wenig das Thema unterschiedlicher +Machtverteilungen in Beziehungen. +In der Misshandlung eines Menschen bricht die kommunikative +Struktur der Gegenseitigkeit (Stierlin 1972) zusammen. Hier hat die +eine Seite mithilfe ihrer Macht die Wechselseitigkeit der +Kommunikation einseitig aufgekündigt. +Die zirkuläre Idee, alle sind Handelnde, ist im Akt der +Misshandlung zerbrochen und, ausgehend von der linearen Idee des +„Rechtes der Stärkeren“, auf eine lineare Täter-Opfer-Beziehung +reduziert worden. +Die Einführung dieser Perspektive verhindert die vor allem bei +sexuellen Gewalttaten immer noch häufige Umdefinition der Opfer zu +heimlichen Mittäterinnen, durch welche sich der Täter (manchmal +auch die Täterin) selbst, aber auch Teile der Öffentlichkeit, der +Presse, der Polizei und Justiz projektiv entlasten. Wir wissen, dass +durch diese Entlastungsstrategien der Täter und ihrer heimlichen +Verbündeten die im Akt der Gewalt traumatisierten Opfer einer +„sekundären Traumatisierung“ unterworfen werden. +Manchmal verstecken sich die heimlichen Verbündeten der Täter +hinter den familiären Loyalitäten, um den nicht offenkundigen bzw. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/457.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/457.md new file mode 100644 index 0000000..33fdfca --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/457.md @@ -0,0 +1,37 @@ +erfolgreichen Widerstand des Opfers als heimliches Einverständnis zu +deuten. Hier verbünden sich eine scheinbar neutrale Haltung und das +für sich genommen sinnvolle Konzept der „unsichtbaren Bindungen“ +(Boszormenyi-Nagy u. Spark 1981) mit einer jahrtausendealten +Vormacht der Männer gegenüber Frauen und Kindern und erweisen +sich gerade deshalb als parteilich. Andererseits muss im Rahmen von +Familiensystemen immer die Frage der Loyalitätsbindung des Opfers +an den Täter bedacht werden, um voreilige Interventionen zu +verhindern (siehe Wegner 1997). Denn es geht in erster Linie um das +psychische Überleben der Opfer und nicht um die Selbstbestätigung +der Fachkräfte, dass sie an diesem Punkt sensibel und ethisch korrekt +handeln. +Die Frage der Gewalt zeigt auch, dass die zirkuläre Struktur der +Kommunikation letztlich an eine kooperative, den anderen Menschen +als eigenständiges Subjekt respektierende Grundhaltung aller +Beteiligten gebunden ist. Den mit größerer Macht ausgestatteten +Kommunikationspartnerinnen +fällt +dabei +eine +besondere +Verantwortung zu, Macht nicht in Gewaltakte umschlagen zu lassen. +In diesem Sinne heißt die Handlungsrichtlinie für das systemische +Arbeiten: Opfer sind zunächst einmal Opfer, Täter sind Täter, und ihre +Beziehung der „negativen Gegenseitigkeit“ (Stierlin 1972) ist die +Folge der ethisch nicht zu akzeptierenden Gewalt des Täters. Ziel der +systemischen Arbeit sind erstens Hilfestellungen dafür, dass ein Opfer +die Opferrolle und der Täter die Täterrolle aufgeben kann, und +zweitens die sukzessive Heilung des Traumas – wohl wissend, dass in +den meisten Fällen schmerzhafte psychische Narben zurückbleiben. +Die therapeutisch leitenden Fragen heißen in diesem +Zusammenhang: +Wie können sich die Opfer vor den Tätern und die Täter vor +sich selbst schützen, bzw. wie können sie geschützt werden? +Welche Akte der Solidarität benötigen die Opfer seitens der +Sozialarbeiterin, und welche Loyalitätsbindungen der Opfer an +die Täter müssen berücksichtigt werden? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/458.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/458.md new file mode 100644 index 0000000..8a5c7e7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/458.md @@ -0,0 +1,18 @@ +Wie kann eine die Gewalt ermöglichende ungleiche +Machtverteilung in einem sozialen System verändert werde? +An welchem Punkt der systemischen Arbeit ist es angezeigt, +Täter und Opfer zusammenzubringen; ist dies in dem +betroffenen System und hinsichtlich der Brutalität der Tat +überhaupt wünschenswert bzw. vertretbar? +Welche Handlungen der Entschuldigung und Kompensation ist +seitens des Täters möglich, und welche möchte das Opfer +überhaupt annehmen? +Welche +biografischen +und +mehrgenerationen-familiären +Informationen über den Täter lassen seine Tat (im +hermeneutischen Sinne) verstehbar werden – bei einer +gleichzeitig klaren Botschaft der Nichtakzeptanz der Tat? Diese +Kombination eröffnet vielleicht auch dem Täter eine Perspektive +von Veränderung und psychischem Wachstum. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/459.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/459.md new file mode 100644 index 0000000..5ca5bcd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/459.md @@ -0,0 +1,36 @@ +6.3 + +Handlungsformen der systemischen +Sozialen Arbeit + +Lüssi hat eine Systematik der Methoden Sozialer Arbeit vorgestellt, in +der er „Beratung“, „Verhandlung“, „Intervention“, „Vertretung“, +„Beschaffung“ und „Betreuung“ unterscheidet (Lüssi 1992, S. 392 ff.). +Mithilfe dieser Kategorien lassen sich die Methoden der +Systemtherapie in den Kontext der Sozialen Arbeit einfädeln. Lüssi +verwendet den Methodenbegriff sehr weiträumig. Was er als +Methoden bezeichnet, lässt sich meines Erachtens besser in den +Begriff der Formen des methodischen Handeln fassen. Unter +Methoden verstehe ich im Unterschied dazu einzelne im Rahmen +dieser Handlungsformen systematisch und reflektiert zu nutzende +Konzepte, z. B. das Genogramm, systemische Fragen oder das +Familien- bzw. Systembrett. Ich werde im Folgenden den sechs von +Lüssi benannten Handlungsformen der Sozialen Arbeit Methoden +zuordnen, die entweder im Kontext der Systemtherapie entwickelt +worden sind oder sich als originäre Konzepte der Sozialen Arbeit +problemlos mit dem systemischen Metamodell vereinbaren lassen. +Ihre Zuordnung zu einzelnen Handlungsformen bedeutet, dass sie in +deren Kontext besonders hilfreich sind; das schließt die Verwendung +in anderen Handlungsformen nicht aus. + +Beratung: der an der Problembenennung, Problemlösung und +Reflexion orientierte Dialog zwischen den Beraterinnen und +Auftraggeberinnen der Sozialen Arbeit. Ihr oberstes Ziel heißt +Hilfe zur Selbsthilfe durch eine konsequente Nutzung der +vorhandenen und die Gestaltung neuer innerer und äußerer +Ressourcen des Beratungssystems. Beratung umfasst die +Auftragsklärung, die Beschreibung des Systems der +Auftraggeberinnen aus der Sicht der Beraterinnen und die +Arbeit an den im Auftrag benannten Zielen der Veränderung. +Alle im Verlauf der nun 50-jährigen familien- und +systemtherapeutischen Geschichte entwickelten Methoden sind diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/460.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/460.md new file mode 100644 index 0000000..16a9116 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/460.md @@ -0,0 +1,42 @@ +hier von Nutzen. Ich beschreibe sie im Folgenden als verbale, +darstellende und settingstrukturierende Methoden. Für den +langfristig günstigen Verlauf eines Hilfeprozesses ist die +Gestaltung des Erstgespräches von besonderer Bedeutung. +Deshalb stelle ich unter 6.6.3.7.1 ein Konzept des systemischen +Erstinterviews vor. +Verhandlung: Hier geht es um die in der Sozialen Arbeit +wichtige Vernetzung der unterschiedlichen Teilsysteme des +Hilfesystems, um gemeinsame Vereinbarungen im Interesse der +Auftraggeberinnen +und +der +beauftragenden +Institution/Einrichtung zu treffen. Hier bewähren sich zusätzlich +zu den Beratungsmethoden der im fünften Kapitel beschriebene +Hilfeplan, die Helferinnenkonferenzen, der runde Tisch (siehe +Schweitzer 1987) und das Soziotop (Rothe 1994) als Grundlage +für eine gemeinsame Beschreibung des Problemsystems. +Intervention: Lüssi benutzt diesen Begriff in einem sehr +eingeschränkten, auf den Aspekt der Kontrolle bezogenen Sinn. +Er meint gesetzlich vorgeschriebene Ordnungsmaßnahmen +unter Einbezug von Zwang, z. B. Inobhutnahmen und +Sorgerechtsentzug, Zwangseinweisungen in psychiatrische +Kliniken und die Kürzung bzw. Verweigerung von materiellen +Hilfen aufgrund mangelnder Kooperation. In diesem +Zusammenhang hat es wenig Sinn, von „Auftraggeberinnen“ zu +sprechen. Der Auftrag kommt hier eindeutig vom Gesetzgeber +und +damit +der +an +der +Einhaltung +bestimmter +Verhaltensstandards interessierten Gesellschaft. Systemisch ist +dieser Bereich in der letzten Zeit unter dem Begriff Arbeit in +Zwangskontexten entdeckt worden (Conen 1996a, b). +Vertretung: Hier geht es um die „Anwaltsfunktion“ der Sozialen +Arbeit. Die Sozialarbeiterin muss in diesem Kontext das Netz +der psychosozialen Hilfen im Gemeinwesen kennen und in der +Lage sein, für die Belange ihrer Auftraggeberinnen in formellen +und informellen Kontexten zu werben. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/461.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/461.md new file mode 100644 index 0000000..e61af07 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/461.md @@ -0,0 +1,27 @@ +Beschaffung: Damit sind alle Formen der Erschließung +materieller +bzw. +finanzieller +Ressourcen +für +die +Adressatinnen/Auftraggeberinnen der Sozialen Arbeit gemeint. +Betreuung: Lüssi meint damit die im Betreuungsgesetz der BRD +von 1990 geregelte „Beistandschaft“. Auch die langfristige +Begleitung ohne Veränderungsanspruch lässt sich dieser +Hilfeform zuordnen. Um einen sozialen Kontext zu gestalten, +der trotz aller Einschränkungen noch genügend Ressourcen für +ein lebenswertes Leben zur Verfügung stellt, müssen die +Sozialarbeiterinnen Vernetzungsarbeit, die Erschließung von +Ressourcen im Gemeinwesen und das Einzelgespräch +miteinander verknüpfen. Im Einzelgespräch kann die positive +Wertschätzung +mit +der +Ermunterung +zu +kleinen +Handlungsschritten verbunden werden. Hilfreich ist hier neben +dem Soziotop und dem ökologischen Systembild die +Ressourcen- und Machtquellenkarte (Staub-Bernasconi 1994, S. +80). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/462.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/462.md new file mode 100644 index 0000000..3b0f621 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/462.md @@ -0,0 +1,37 @@ +6.4 + +Ein Orientierungsschema für das Handeln +in Familien und anderen sozialen +Systemen + +Im Folgenden stelle ich ein Orientierungsraster vor, das der +Sozialarbeiterin +Perspektiven +für +die +beschreibungsund +interventionsbezogene Verwendung systemischer Methoden anbietet. +Die Wahl der Einzelkomponenten – Kontext, Ressourcen, +Entwicklungsprozess und kognitiv-affektive Landkarte des Systems, +organisierende Beziehungsmuster und die Person der Sozialarbeiterin +als Teil des Unterstützungssystems – lässt sich durch ihre Bedeutung +für die Beschreibung sozialer Systeme begründen; das wurde im +zweiten Kapitel herausgearbeitet. +1. Perspektive: Kontexte des systemischen Interviews, +vor allem des Erstinterviews +A) Kontextabklärung +Raum-zeitlicher Kontext: Warum findet das Gespräch gerade +jetzt und gerade in dieser Einrichtung statt? +Überweisungskontext: Wer außerhalb des als problematisch +bezeichneten Systems hat ein Interesse an diesem Gespräch, +und welche Erwartungen verknüpft er/sie (z. B. der Hausarzt) +damit; wer bezeichnet das System als problematisch, warum, +mit welchen Worten? +Vorerfahrungskontext: Welche Erfahrungen wurden schon +vorher mit Sozialarbeit, Beratung, Therapie, medizinischpsychiatrischen Behandlungen gemacht? +Erwartungskontext: Welche Erwartungen verknüpfen die +Mitglieder des Problemsystems mit diesem Gespräch? +Räumlich-organisatorisch-institutioneller +Kontext +dieses +Gesprächs: Wo findet das Gespräch statt? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/463.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/463.md new file mode 100644 index 0000000..f7641f3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/463.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Kontexte der aktuellen Situation: Was war vorher; gibt es +Ausnahmesituationen, in denen das Problem nicht auftritt? +Erstkontakt oder Folgegespräch: Wie viele Gespräche haben +schon stattgefunden, wie viele wurden vereinbart? +B) Möglichkeiten für ein Arbeitsbündnis (besonders +beim Erstgespräch) +Motivation der einzelnen Adressatinnen und des gesamten +Systems: Sind sie schon Auftraggeberinnen, könnten sie es +werden? +Offenheit/Vertrauen vs. Misstrauen/Angst: Was kann ich hier +sagen, was halte ich besser zurück? +Allparteilichkeit, Interesse und Respekt der Sozialarbeiterin: +Ist sie für alle parteilich, an dem System interessiert, und +zeigt sie Respekt für die bisherigen Bewältigungsprozesse? + +2. Perspektive: Ressourcen der Familie innerhalb der +Familie und des familiären Umfeldes +C) Soziale Netzwerke als Ressourcen +Verwandtschaftsbeziehungen: Welche familiären Subsysteme +werden als hilfreich oder behindernd wahrgenommen? +Freundschaftsbeziehungen: +Welche +„wahlverwandtschaftlichen“ +Beziehungen +bieten +Unterstützung? +Nachbarschaftsbeziehungen: +Sind +sie +kontrollierend, +unterstützend, distanziert? +Beziehungen +zu +psychosozialen +Einrichtungen +im +Gemeinwesen: Welche gibt es, und werden sie als hilfreich +erlebt? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/464.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/464.md new file mode 100644 index 0000000..8fb67d0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/464.md @@ -0,0 +1,46 @@ +D) Ressourcen des als problematisch bezeichneten +Systems +Selbsthilfepotenziale: +Welche +Coping-Strategien +sind +feststellbar; gibt es ein ressourcenaufsuchendes und +aktivierendes +Verhalten; +welche +Kompetenzen +der +Alltagsbewältigung lassen sich benennen und positiv +herausstellen? +Auseinandersetzungs- und Konsensfähigkeit: Sind Konflikte +erlaubt, und welche Konfliktlösungsmuster werden gezeigt? +Gemeinsame Interessen, Themen, Handlungsmöglichkeiten: +Gibt es die Möglichkeit, sich entsprechend gemeinsamer +Interessen in Subsystemen zusammenzufinden, ohne dass +dadurch ein Bündnis gegen andere Mitglieder und +Subsysteme des Systems entsteht? +Finanzielle Situation: Welche Mittel stehen für den +Lebensunterhalt zu Verfügung; wie werden sie beschafft; sind +sie ausreichend; welche Konsumbedürfnisse gibt es; könnte +der Haushalt wirtschaftlicher organisiert werden; gibt es +Schulden oder andere finanzielle Verpflichtungen (z. B. +gegenüber Verwandten)? +Wohnsituation: +Ist +die +Wohnfläche +und +die +Haushaltseinrichtung ausreichend; sind genügend Zimmer für +die +gegenseitige +Abgrenzung +der +Systemmitglieder +vorhanden; ist das Wohnumfeld kinder-, familien- und +kommunikationsfreundlich; wie ist das Wohnumfeld in das +Gemeinwesen eingebunden? + +3. Perspektive: Entwicklungsprozess und kognitivaffektive Landkarte des Systems als „diagnostische“ +Bezugspunkte +E) Phasen des Lebenszyklus diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/465.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/465.md new file mode 100644 index 0000000..e73e059 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/465.md @@ -0,0 +1,41 @@ +Person: Welche Anforderungen an die Person und ihr +primäres Bezugssystem sind durch die aktuellen Lebensphase +verstehbar? +Paar: Welche Übergangskrisen wurden erfolgreich bewältigt; +wie und mit welchen Hilfen war es möglich? +Familie: Welche Belastungen sind phasenspezifisch (auch im +Hinblick auf den Lebenszyklus der einzelnen Mitglieder, z. B. +bei Kindern in der Pubertät); welche Ressourcen gibt es für +das Elternpaar, sich in der Kindererziehung gegenseitig zu +unterstützen +und +dabei +arbeitsteilig +auch +eigene +Schwerpunkte zu setzen; kann das Elternpaar sich auch als +Paar definieren, und gibt es Ressourcen für die +Nachkinderzeit? +F) Die kognitiv-affektive Landkarte des Systems +Zentrale Ideen/Ideologien und Regeln: Wie definiert die +Familie ihre Identität; nach welchen Regeln organisiert sie +ihren Alltag? +Geschichten/Mythen: Welche – auch mehrgenerationalen – +Begründungen gibt es für welche Erwartungen, Regeln, +Verhaltensweisen, Zielsetzungen? +Delegationen und Aufträge: Wer hat von wem für wen welche +Aufträge +übernommen; +sind +sie +altersund +ressourcenangemessen, eindeutig oder widersprüchlich; +können sie auch zurückgegeben werden, wenn sie dem +eigenen Lebensentwurf und den Anforderungen des +persönlichen Lebenszyklus zuwiderlaufen? +Integration/Nichtintegration der Herkunftsfamilien in die +aktuelle Familie: Lassen sich die Rollen- und Beziehungsbilder, +die wichtigen Lebensthemen und Verpflichtungen, die in der +jeweiligen Herkunftsfamilie gelernt wurden, integrieren; sind +gemeinsame Weiterentwicklungen, z. B. auch Distanzierungen +von der Herkunftsfamilie, möglich; können entsprechende diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/466.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/466.md new file mode 100644 index 0000000..e5f7016 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/466.md @@ -0,0 +1,32 @@ +Konflikte für die persönliche und systemische Entwicklung +genutzt werden? + +4. Perspektive: Familiäre Muster – Die langfristige und +kontinuierliche Verbindung der in der Familie +handelnden Personen durch Strukturen und Prozesse +G) Die innere Organisation der Familie +(teilweise Simon 1988 entnommen) +Kommunikationsstil: bestätigend vs. disqualifizierend; +zirkulärer Austausch von Botschaften: direkt vs. indirekt; +dyadisch vs. triadisch; +Beziehungsdefinitionen: eindeutig vs. uneindeutig; +interindviduelle, generationale, subsystemische, äußere +Grenzen: öffnend vs. schließend; +Kohäsion: zentrifugale vs. zentripetale Tendenzen (z. B. große +vs. geringe Loyalitätsbindungen); +Konflikte und Bündnisse: offen vs. verdeckt; +Konfliktverhalten: eskalierend vs. deeskalierend; +Regeln/Metaregeln (= Regeln zur Veränderung von Regeln): +flexibel vs. rigide; +Rollen: komplex vs. undifferenziert; vielfältig (multipel) vs. +reduktiv; +Rollenambiguitätstoleranz: maximal vs. minimal; +Positionen: übergeordnet vs. untergeordnet; +Belastung: minimal vs. maximal; +Belastungsverteilung: gleichmäßig vs. ungleichmäßig; +Orientierung an … (vielen möglichen) … Zielen: eigenen vs. +fremden; +Beziehungsmuster: komplementär vs. symmetrisch vs. +reziprok; +Ausdruck von Emotionen: ausdrückend (expressiv) vs. +unterdrückend (repressiv); diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/467.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/467.md new file mode 100644 index 0000000..f5ded01 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/467.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Anpassungsmodus: verändernd vs. erhaltend; +Zeitorientierung: Vergangenheit vs. Gegenwart vs. Zukunft. + +5. Perspektive: Die Person der Sozialarbeiterin als Teil +des Unterstützungssystems +H) Die Bedeutung der Selbstwahrnehmung der +Sozialarbeiterin im Kontext des Unterstützungssystems +Allparteilichkeit und Neutralität: Habe ich Schwierigkeiten, +diese den Adressatinnen/Auftraggeberinnen gegenüber +aufrechtzuerhalten; wenn ja, wann und wo? Wem gegenüber +fällt mir der Kontakt besonders leicht bzw. besonders schwer; +wann und wo? Wie verhalte ich mich gegenüber Einladungen, +Teilnehmerin im Familienspiel zu werden? +Interesse: Interessiert mich die Familie, das definierte +Problem, der implizite und explizite Auftrag? Interessiert mich +ein Thema besonders? Bei welchem schwindet meine +Aufmerksamkeit bzw. mein Interesse? +Respekt: Kann ich die Personen und ihre bisherige Lebensund Alltagsbewältigung würdigen? +Kinästhetische +Wahrnehmungen: +Welche +Empfindungen/Gefühle nehme ich bei mir zu welchem +Zeitpunkt wahr; wie äußern sie sich körperlich? +Machtfrage: Nehme ich bei mir Rettungs- oder +Kontrollfantasien wahr? Welchen Status strebe ich im +Unterstützungssystem an, bin ich Helferin, Verfolgerin, +Anklägerin, Moderatorin, allwissende Spezialistin? +Beziehungsmuster: Welche Kommunikationsmuster entstehen +zwischen mir und den Auftraggeberinnen/Adressatinnen; +welche +Regeln +und +Positionsverteilungen +werden +herausgebildet; entsteht eine förderliche oder behindernde +Resonanz? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/468.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/468.md new file mode 100644 index 0000000..cc67ae1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/468.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Wer stützt oder destabilisiert mich: Kolleginnen/Kollegen, +Chef/Chefin, die Leitideen der Organisation/Institution, die +Adressatinnen/Auftraggeberinnen meiner Arbeit? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/469.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/469.md new file mode 100644 index 0000000..cc490cc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/469.md @@ -0,0 +1,43 @@ +6.5 + +Ein Überblick über die Methoden der +systemischen Arbeit + +I. Verbale Methoden +Fragen (zusammenfassend Tomm 1994; von Schlippe u. +Schweitzer 1996; Ritscher 1998); +a) Typus: linear, zirkulär (Penn 1983; Rothermel u. Feierfeil +1990; Palmowski u. Thöne 1995; Simon u. Rech-Simon +1999); +b) Status: Fragen zur Wirklichkeitskonstruktion, Fragen zur +Möglichkeitskonstruktion (von Schlippe u. Schweitzer +1996); +c) Absicht +der +Sozialarbeiterin/Therapeutin/Beraterin +bezüglich der Adressatin: Informationsgewinn, Reflexion, +Veränderung; +d) Absicht +der +Sozialarbeiterin/Therapeutin/Beraterin +bezüglich ihrer selbst: Informationsgewinn für das Joining +(Minuchin +u. +Fishman +1983), +Hypothesenbildung/Beschreibung und Intervention; +positive Konnotation (Boscolo et al. 1988), Reframing und +Relabeling (von Schlippe et al. 1995); +Kommentierungen (Selvini Palazzoli et al. 1978); +paradoxe +Interventionen +und +Symptomverschreibung +(Watzlawick et al. 1972; Loriedo u. Vella 1993; Weeks u. +L’Abate 1985) ; +Aufgaben (Minuchin u. Fishman 1983), Ordeals (Haley 1989), +Rituale (Imber-Black et al. 1995); +Metaphern (Schmidt 1985; Trenkle 1985), Geschichten +(Peseschkian 1979; Rosen 1990; Gordon 1990). + +II. Darstellende Methoden diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/470.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/470.md new file mode 100644 index 0000000..072bfe9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/470.md @@ -0,0 +1,31 @@ +(zusammenfassend Müssig 1991) +Primärperspektive Zeit: Genogramm (McGoldrick u. Gerson +1990), Zeitstrahl; +Primärperspektive Beziehungen im Raum: Rollenspiel +(Ritscher 1998), Skulptur (Schweitzer u. Weber 1982; von +Schlippe et al. 1992–1994; Ritscher 1998), Familien- bzw. +Systembrett (Ludewig et al. 1983), Wohnungsgrundriss +(Hubschmid 1983); +Primärperspektive Struktur: systemisches Soziogramm, +Familienlandkarte und Triangulationsmodelle (Minuchin 1977), +Ich-Du-Wir (Müssig 1991), Familie in Kreisen (Müssig 1991); +Primärperspektive Körpersprache: Skulptur (Satir 1973, +1986a, 1987, 1989), bewusstes Einsetzen der Körpersprache +als Kontext der verbalen Sprache (Molcho 1983); +Primärperspektive nonverbale Symbole (Metaphern, ikonische +Symbole, Klangsymbole): Familiensceno (Dold 1989), Familie +in Tieren (Brem-Gräser 1986), musikalische Darstellung von +Familienbeziehungen (Vorel 1990), Handpuppen; +Primärperspektive +Subsystem-System-Umwelt-Relationen: +ökosoziales Systembild, Soziotop (Rothe 1994), Eco-Map +(Visualisierung einzelner Bereiche der sozialen Umwelt eines +Systems; Heiner 1994b; Heiner et al. 1994). + +III. Methoden zur Strukturierung des Settings +Primärperspektive Interviewstruktur: das Phasenmodell des +systemischen Interviews – ritualisierte zeitliche und +thematische Strukturierung des Interviews, Nutzung der +Pausen, Vor- und Nachbereitung mittels Videoaufzeichnungen +und anderer Formen der Dokumentation (Tomm 1994), +Abschlusskommentare und Hausaufgaben (Haley 1977); diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/471.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/471.md new file mode 100644 index 0000000..46137f3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/471.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Primärperspektive Team: Teamarbeit u. a. mithilfe des +Einwegspiegels (Selvini Palazzoli et al. 1978), Einbezug der +Familie in die Teambesprechung im Reflecting Team +(Andersen 1990; Merl et al. 1988; Peifer-Schaupp 1995), +Splitting (von Schlippe u. Schweitzer 1996); +Primärperspektive Adressatinnen/Auftraggeberinnen: Spiele +zur Einbindung der Kinder in das Setting der Familientherapie +(Andolfi 1982), Reflecting Team zur Einbindung der Familie in +die therapeutische Metakommunikation (Andersen 1990; Merl +u. a. 1988), Joining – Anschluss der Therapeutin an das +Familiensystem (Minuchin 1977); +Primärperspektive Vernetzung von System, Subsystem und +Kontext: Arbeit mit einem oder mehreren Subsystemen des +Problemsystems (Mikrosystem Familie: Elternpaar, Paar, +Geschwister, alle Frauen/Männer der Familie, Kernfamilie plus +Großeltern, familiäre Interessengemeinschaften) (Minuchin u. +Fishman 1983), Arbeit mit Mesosystemen (z. B. +Sozialarbeiterin + Familie + Schule), Hilfeplangespräche +(Pfeifer-Schaupp 1995), Helferinnenkonferenz und FamilieHelferinnen-Konferenz (runde Tische) (Schweitzer 1987), +runde Tische im Gemeinwesen; +Primärperspektive Raum: Einrichtung des Beratungszimmers, +Festlegung bzw. Veränderung der Sitzordnung (Minuchin u. +Fishman 1983), Kommoder Gehstruktur; +Primärperspektive Zeit: Anzahl, Frequenz, „single session +therapy“ (Talmon nach v. Schlippe u. Schweitzer 1996), +verlängerte „single session therapy“ (= von Mal zu Mal +vereinbarte Interviews), verlängertes Erstgespräch (Schmidt +1985), Gesprächspakete (z. B. 3, 5 oder 10 Sitzungen), +stetiger/unstetiger Abstand der Sitzungen (Normalabstand 4 +Wochen, aber je nach Situation variierbar), Briefe zwischen +den Gesprächsterminen (White 1985); +Primärperspektive +Benennung/Bedeutungszuschreibung: +Therapie vs. Gespräch vs. Beratung vs. Interview; diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/472.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/472.md new file mode 100644 index 0000000..d870a37 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/472.md @@ -0,0 +1,22 @@ +Primärperspektive Setting: kontinuierliches oder wechselndes +systemisches Einzel-, Paar- oder Familiensetting (Weiss 1988; +Boscolo u. Bertrando 1997), Erstgespräch (Stierlin et al. 1977; +Haley 1977). + +IV. Methoden der Qualitätssicherung im Rahmen von +Supervision, Intervison und Selbstevaluation +Supervision: systemische Fragen, Genogramm, Skulptur, +Familienbrett, Rollenspiel (Ritscher 1998), Sitzungsstruktur +durch das Dreiphasenmodell (von Schlippe u. Schweitzer +1996); +Intervision: Sitzungsstruktur und Funktionsverteilung durch +das Vierphasenmodell (von Schlippe u. Schweitzer 1996); +Selbstevaluation und Evaluation (im Rahmen eines Projektes +oder als permanente Begleitung professioneller Arbeit): +Materialauswertung (z. B. Inhaltsanalysen), strukturierte +Beobachtungen, +Fragebogen, +Interviews, +Zeitstudien, +Protokollierungen, Laufzettelverfahren, Einschätzungsskalen, +Qualitätszirkel (Monzer 1996; Armbruster 1998; MenzlerFröhlich in diesem Buch, Kap. 7). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/473.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/473.md new file mode 100644 index 0000000..1d725de --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/473.md @@ -0,0 +1,4 @@ +6.6 + +Beschreibung der Bereiche und einzelnen +Methoden diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/474.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/474.md new file mode 100644 index 0000000..ac6a427 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/474.md @@ -0,0 +1,6 @@ +6.6.1 Verbale Methoden +Bei den verbalen Methoden steht das gesprochene Wort im +Vordergrund, dessen nonverbale Kommentierung verbleibt als +wichtiger bedeutungsgebender Kontext im Hintergrund. Die zentrale +verbale Methode im systemischen Handlungsmodell ist das auf +Beziehungen gerichtete Fragen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/475.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/475.md new file mode 100644 index 0000000..fb306f7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/475.md @@ -0,0 +1,24 @@ +6.6.1.1Systemische Fragen +In den systemischen Fragen werden die schon beschriebenen +Grundprinzipien und Handlungsrichtlinien des systemischen +Handlungsmodells umgesetzt. Im Frage-und-Antwort-Spiel des +Interviews bleibt bei den Adressatinnen die Freiheit der Antwort, +auch die der unerwarteten und unerwünschten. Fragen passen zur +Handlungsrichtlinie des Hypothetisierens: Durch sie werden keine +Feststellungen +getroffen; +stattdessen +enthalten +sie +die +Beziehungsbotschaft, dass die Fragende offen ist für das +Unbestimmbare und die Veränderung der ihnen zugrunde liegenden +Hypothesen. Fragen drücken Interesse aus und richten sich auf die +Kontexte der präsentierten Information. Die Fragende gibt auch zu +verstehen, dass sie sich in diesem Moment nicht als Wissende +versteht; dadurch wird den befragten Menschen der Status von +Expertinnen für ihre Lebens- und Alltagsbewältigung zuerkannt. +Systemische Fragen können nach drei Gesichtspunkten +systematisiert werden: Typus der Fragen; Wirklichkeitsstatus, auf den +die Fragen abzielen; und die Absichten, unter denen diese Fragen +gestellt werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/476.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/476.md new file mode 100644 index 0000000..f7b8953 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/476.md @@ -0,0 +1,34 @@ +6.6.1.1.1 Typus der Fragen +Hier lassen sich lineare (Tomm 1994 nennt sie „lineale“) und zirkuläre +Fragen unterscheiden. Bei dieser Zuordnung geht es nicht um die +Absicht der Fragerin, sondern um die Festlegung auf eine bestimmte +Sicht der Wirklichkeit, auf deren Basis die Frage formuliert wird. + +Lineare Fragen gehen von klaren und eindeutigen Zuordnungen +aus: wenn – dann, vorher – nachher, entweder – oder, oben – +unten, gut – schlecht, ja – nein. Es gibt entweder das eine oder +das andere. Max kann nicht gleichzeitig Karl sein und eine +Mutter nicht gleichzeitig der Vater; man ist entweder 27 oder 30 +Jahre alt und entweder Mann oder Frau. Linearen Fragen liegt +eine digitale Sicht der Wirklichkeit zugrunde, sie zielen auf harte +Daten und eindeutige Informationen. +Zirkuläre Fragen zielen auf komplexe und mehrdeutige +Informationen. Sie basieren auf einer analogen Sicht der +Wirklichkeit, die jedes Ereignis als mehrdeutigen Knoten in +einem Netzwerk von Beziehungen und Bedeutungen versteht. +Es geht nicht um eindeutige Aussagen über Ursache und +Schuld, den definierbaren Anfang und die klar feststellbare +Folge. Aus dem Entweder-oder wird ein Sowohl-als-auch, und +das Tun des einen wird zum Tun des einen und des anderen. +Mithilfe zirkulärer Fragen lassen sich die Beziehungsnetzwerke +und die zwischen den Interaktionspartnerinnen stattfindenden +kommunikativen Rückkoppelungsprozesse rekonstruieren. Sie +zielen primär auf Beziehungsmuster und die Wege des +kommunikativen Austausches ab. Im Vordergrund stehen +Formen der Kommunikation, nicht ihre Inhalte. Diese sind im +Kontext des zirkulären Fragens vor allem als Vermittlerinnen +von Beziehungsprozessen, also erst in zweiter Linie, wichtig. +Das entscheidende formale Muster der zirkulären Frage besteht +darin, dass immer eine Person über eine andere bzw. die +Beziehungen zwischen anderen Personen befragt wird und nicht +über sich selbst. Das erste Mailänder Team hat diesen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/477.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/477.md new file mode 100644 index 0000000..8b364f7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/477.md @@ -0,0 +1,20 @@ +Fragetypus in die Familientherapie eingeführt. „Stets wird ein +Mitglied der Familie befragt, das nicht direkt in die Beziehung +involviert ist, z. B. die Tochter über die Beziehung von Vater +und Mutter. Den Dritten jeweils in Gegenwart der anderen +auszufragen – die Mailänder nennen das auch ‚gossiping in the +presence‘, also ‚Klatschen in Gegenwart des Betroffenen‘ … +Weniger die Inhalte, sondern die Art und Qualität der +Beziehungen werden erfragt. Die Fragen beziehen sich auf +Vergangenheit, Gegenwart und – besonders wichtig – auf die +Zukunft … ‚Die Wahrheit liegt in Unterschieden‘ – in keinem +anderen technischen Element wird diese Batesonsche +Erkenntnis von den Mailändern so konsequent und kreativ +angewandt“ (Roth 1983, S. 266 f.). +Wird eine Person über eine andere und damit über die +Beziehung zwischen ihr und der anderen Person befragt, +handelt es sich um eine dyadische zirkuläre Frage, z. B. der +Sohn wird gefragt: „Was antwortet Vater, wenn du ihn um Hilfe +bei den Hausaufgaben bittest?“ + +Abb. 26: Die Struktur der dyadischen zirkulären Frage diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/478.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/478.md new file mode 100644 index 0000000..c0413bf --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/478.md @@ -0,0 +1,22 @@ +Abb. 27: Die Struktur der triadischen zirkulären Frage +Fragen, in denen es um die Beziehung zwischen zwei anderen +Personen geht, werden als triadische zirkuläre Fragen bezeichnet, z. +B. wird der Sohn gefragt: „Was tut Mutter, wenn Vater sie anschreit?“ +Eine tetradische zirkuläre Frage verbindet vier Personen +miteinander – die befragte und gleichzeitig beschreibende Person und +drei andere, über deren Beziehung gesprochen wird. Z. B. wird der +Sohn gefragt: „Was tut Mutter, wenn Vater deine Schwester +anschreit?“ +Schon durch die Begriffe Dyade, Triade und Tetrade wird deutlich, +dass die Befragten ein Teil des Systems sind, innerhalb dessen sie +ihre Aussagen über die andere(n) Person(en) machen. In ihren +Antworten geben sie zugleich eine indirekte Auskunft über ihre +Beziehung zu den anderen, über die sie sprechen. +Zirkuläre Fragen haben im Prozess des Interviews mehrere +Funktionen. Zum einen werden den Beteiligten die zirkulären +Beziehungsverknüpfungen innerhalb eines Systems verdeutlicht. +(„Wenn Karl den ganzen Tag im Bett bleibt und Mutter darüber den +Schlaf verliert, was tut dann der Vater?“). Zum Zweiten wird die +Übernahme der Perspektive der anderen angeregt („Was denkt deine +Mutter, wenn dein Vater dich anschreit?“). Zum Dritten wird die +Außenperspektive als Ergänzung zur Innenperspektive eingeführt diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/479.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/479.md new file mode 100644 index 0000000..94505bd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/479.md @@ -0,0 +1,28 @@ +(„Was bedeutet es für Ihre Frau, wenn der Beruf Ihr einziges Hobby +ist?“). Und es können starke Affekte gepuffert werden, indem +zwischen die eigene Reaktion auf Selbstwahrnehmungen oder +Fremdzuschreibungen die Beschreibung einer Dritten geschaltet ist +(„Wie wütend ist Vater, wenn dein Bruder regelmäßig zu spät nach +Hause kommt?“, könnte man z. B. die Tochter fragen, bevor man sich +an den Vater wendet). +Tomm (1994) hat die zirkulären Fragen zwei großen Bereichen +zugewiesen. Man fragt nach: + +Unterschieden zwischen Personen („Wer hat den größeren +Einfluss auf die Kinder, Vater oder Mutter?“), zwischen +Beziehungen („Welche Unterschiede gibt es in der Beziehung +zwischen Ihnen beiden und der Ihrer Eltern?“), zwischen +Wahrnehmungen/Ideen/Überzeugungen („Welche Idee ist in +Ihrer Familie wichtiger, im Beruf erfolgreich zu sein oder ganz +viel Zeit mit den Kindern zu verbringen?“), zwischen +Handlungen/Ereignissen („War das neue Haus eher ein Wunsch +von Ihnen oder Ihrem Mann?“) und zwischen den einzelnen +Zeitebenen (Wird es Karl zwei Monate nach der Einschulung +besser gehen als letztes Jahr im Kindergarten?“). +Zum anderen fragt man nach den Kontexten, also nach der +Beziehung zwischen Bedeutungen und Handlungen („Wem ist +das sonntägliche Mittagessen bei den Großeltern wichtiger, der +Mutter, dem Vater oder den Kindern?“), Bedeutungen und +Symbolen („Großvater war ein berühmter Politiker; soll ihr Sohn +in seine Fußstapfen treten?“), Bedeutungen und institutionellen +Strukturen („Wer ist in der Familie für was zuständig?“). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/480.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/480.md new file mode 100644 index 0000000..0ec087b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/480.md @@ -0,0 +1,39 @@ +6.6.1.1.2 Der Wirklichkeitsstatus, auf den sich die Fragen richten +Von Schlippe und Schweitzer unterscheiden Fragen zur Wirklichkeitsund Möglichkeitskonstruktion. +Fragen +zur +Wirklichkeitskonstruktion: +„Fragen +zur +Wirklichkeitskonstruktion oder Gegenwartsfragen dienen dazu, +aktuelle Beziehungsmuster deutlich zu machen. Sie befassen +sich im wesentlichen mit zwei großen Bereichen: dem Kontext +des Arbeitsauftrages und dem Kontext des präsentierten +Problems beziehungsweise den verschiedenen Perspektiven, die +zusammengenommen dieses erst konstituieren“ (von Schlippe +u. Schweitzer 1996, S. 145). Im Bereich des Arbeitsauftrages +fragt man nach dem Überweisungs- und Erwartungskontext; im +Bereich des Problems nach den Einzelbestandteilen des +„Problempaketes“ (ebd., S. 146), den Beschreibungen und dem +Beziehungstanz um das Problem, den Erklärungen für das +Problem und den Bedeutungen, die es für die Beziehungen hat. +Fragen zur Möglichkeitskonstruktion: In diesen Bereich fallen +alle Fragen, die zukünftig denkbare, bisher noch nicht realisierte +bzw. noch nicht wahrgenommene Möglichkeiten der +Beziehungswirklichkeit ansprechen. Die Autoren unterscheiden +„lösungsorientierte +Fragen +(Verbesserungsfragen)“, +„problemorientierte Fragen (Verschlimmerungsfragen)“ und +deren Kombination (ebd., S. 147). Lösungsorientierte Fragen +beziehen sich auf Ausnahmen (Situationen, in denen das +Problem nicht auftritt), Ressourcen und das zukünftige Leben +ohne das Problem; hier hat die Wunderfrage („Was wäre, wenn +das Problem sich wie durch ein Wunder im Nichts aufgelöst +hätte?“) ihren Platz. Verschlimmerungsfragen sind auf eine +mögliche Intensivierung der Problemerfahrung gerichtet. Weil +sie handlungsorientiert sind („Was können Sie tun, um noch +mehr zu essen?“), werden die Eigenbeiträge zum Problem +erfragt; dadurch wird indirekt deutlich, was man unterlassen +sollte, wenn man sein Problem loswerden möchte. In der +Kombination von lösungs- und problemorientierten Fragen geht diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/481.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/481.md new file mode 100644 index 0000000..0b802fb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/481.md @@ -0,0 +1,8 @@ +es um Fragen nach dem Nutzen des Problems (und die +Möglichkeit, es deshalb noch ein wenig zu behalten), Fragen +nach der Zukunft mit und ohne Problem, Fragen nach einem +möglichen Rückfall (im Interesse einer Rückfallprophylaxe) und +„Als-ob-Fragen“. Durch diese eröffnet sich die Möglichkeit, mit +unterschiedlichen Wirklichkeiten in der Fantasie zu spielen; +daraus ergeben sich Informationen für ein lösungsorientiertes +Handeln in der Gegenwart.6 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/482.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/482.md new file mode 100644 index 0000000..fcf2f5a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/482.md @@ -0,0 +1,39 @@ +6.6.1.1.3 Die Absicht der Fragenden +Tomm hat diese Zuordnung gewählt: Er unterscheidet lineale +(lineare), zirkuläre, reflexive und strategische Fragen (Tomm 1988a, +b, 1989, 1994). Wenn Fragen nach ihrer Absicht bestimmt werden, +können sie trotz eines gleichen Wortlautes auch einer anderen +Kategorie zugewiesen werden. Wichtig ist, dass alle vier Fragetypen +ihren Platz und ihre Berechtigung im Interview haben, also auch die +oft geschmähten linearen oder strategischen Fragen. +Lineale bzw. lineare Fragen dienen der Informationsgewinnung. +„Der Therapeut verhält sich wie ein Detektiv, der versucht, ein +kompliziertes Rätsel zu entwirren. Die grundlegenden Fragen +lauten: ‚Wer tat was? Wo, wann und warum?‘“ (Tomm 1989, S. +29). Mithilfe der linearen Fragen wird nach harten Daten +geforscht: nach Namen und Benennungen, dem Alter der +handelnden Personen und ihren formalen Rollen, Orten und +Zeiten der fraglichen Situationen usw. Es überrascht nicht, dass +lineare Fragen vor allem im Erstinterview eine wichtige Rolle +spielen, z. B.: „Was führt Sie zu mir?“ Sie spielen auch für die +Kausalattributionen der Befragten eine Rolle: „Warum, glauben +Sie, hat Ihre erste Frau Sie damals verlassen?“ Allerdings wird +hier die harte Realitätssicht schon durch die Formulierung +„glauben Sie“ aufgeweicht. +Zirkuläre +Fragen +dienen +der +Beschreibung +des +Beziehungsgeflechtes, in dem sich die Befragten bewegen; mit +ihrer Hilfe lässt sich die Rückbezüglichkeit des Handelns +rekonstruieren und den Handelnden nahe bringen. „Hier +befindet sich der Therapeut eher in der Rolle eines Forschers, +einer Person, die genaue Untersuchungen anstellt, oder eines +Wissenschaftlers, der darauf aus ist, eine Entdeckung zu +machen. Die bestimmenden Vorannahmen sind interaktionell +und systemisch“ (ebd., S. 30). Zirkuläre Fragen sollen +Informationen über die Verknüpfung der Elemente des +Handlungssystems (Personen, Ideen, Dinge) liefern und das +Muster dieser Verknüpfung ergeben. Eine Frage dieses Typs diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/483.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/483.md new file mode 100644 index 0000000..fd792d4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/483.md @@ -0,0 +1,33 @@ +könnte lauten: „Wer merkt in der Familie zuerst, wenn Mutter +traurig ist, wer tröstet sie dann zuerst?“ +Reflexive Fragen sind auf Veränderung durch Einsicht gerichtet. +Sie sollen Denk- und innere Suchprozesse anregen, neue +Fragen aufwerfen und bisherige Überzeugungen infrage stellen: +„Wenn da zwischen Ihnen beiden noch eine unerledigte Sache +stünde, wer würde sich am schnellsten dafür entschuldigen?“ +(ebd., S. 32). „Die Absicht, die hinter diesen Fragen steckt, soll +im folgenden als überwiegend fördernde (faciliative) +gekennzeichnet werden … Daher verhält sich der Therapeut +hier eher wie ein Berater oder Trainer, der die +Familienmitglieder darin bestärkt, ihre eigenen Möglichkeiten +zur Problemlösung zu nutzen“ (ebd.; Hervorh. im Orig.). Tomm +unterscheidet innerhalb dieser Kategorie: +– „zukunftsorientierte Fragen“ („Woran würden Sie es merken, +wenn Ihr Problem über Nacht verschwunden wäre?“); +– „Fragen aus der Beobachterperspektive“ („Wenn Sie Ihren +Mann so ansehen, haben Sie eine Vermutung, was er gerade +denkt?“); +– „Fragen zur unerwarteten Kontextveränderung“ („Wie hat +sich die unerwartete Schwangerschaft auf Ihre Beziehung +ausgewirkt?“); +– „eingebettete Suggestionsfragen“ („Was würde Ihre Frau +denn machen, wenn Sie einfach einmal bei ihr blieben oder +sogar in den Arm nehmen würden, statt sich wie sonst bei +ihren Wutanfällen zurückzuziehen und sie allein sitzen zu +lassen?“); +– „Fragen zum normativen Vergleich“ („Glauben Sie, daß Sie +mit Ihren Meinungsverschiedenheiten offener umgehen als +andere Familien?“); +– „Fragen zur Klärung von Unterscheidungen“ („Denkt Vater, +daß Psychose eine Krankheit ist oder die Folge einer Vielzahl +von Kränkungen im Leben?“); diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/484.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/484.md new file mode 100644 index 0000000..6aa9f91 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/484.md @@ -0,0 +1,49 @@ +– „Fragen, die Hypothesen einleiten“ („Nehmen wir einmal an, +Susanne würde eines Morgens die dunklen Gedanken Ihrer +Mutter bemerken, wäre das für sie ein Grund, an diesem Tag +nicht in die Schule zu gehen?“); +– „Fragen, die einen Prozeß unterbrechen“ („Was wäre für Sie +anders, wenn auf meinem Stuhl statt eines Mannes eine Frau +sitzen würde?“). + +Strategische +Fragen +werden +verwendet, +um +Veränderungsperspektiven +und +-ziele, +welche +die +Sozialarbeiterin für ihre Auftraggeberinnen als wünschenswert +erachtet, in den Horizont des Unterstützungssystems +einzuführen. „Der Therapeut wendet diese Fragen an, um den +Klienten oder die Familie auf bestimmte Weise zu beeinflussen; +sie beziehen sich auf lineale Annahmen über die Art des +therapeutischen Prozesses. Die Absicht, mit der sie gestellt +werden, ist daher überwiegend korrektiv (corrective)“ (ebd., S. +31; Hervorh. im Orig.). Hier ist die schon erwähnte Kombination +von Respekt für die Menschen und Respektlosigkeit gegenüber +den Gewohnheiten und automatisierten Handlungsabläufen +besonders wichtig. Die Befragten müssen dabei auch die +Freiheit zur ganz unerwünschten Antwort behalten. Eine Frage +dieses Typs wäre etwa: „Warum erzählen Sie nicht Ihrem Mann +anstelle der Kinder von Ihren Sorgen?“ Oder: „Wie lange, +glauben Sie, wird es noch gehen, bis Ihnen Ihr Körper mal +wieder ein Stoppsignal gibt?“ +Tomm beschreibt vor allem die Absicht der Therapeutin, bestimmte +Effekte bei der Klientin zu erzielen. Fragen beinhalten aber auch eine +generelle Absicht der systemischen Therapeutin, Informationen zu +erhalten, um im Wechselspiel von Hypothesenbildung, Beschreibung +und +Intervention +den +Veränderungsprozess +des +Unterstützungssystems +professionell +mitzugestalten. +Die +Informationsabsicht ist Teil der von Cecchin (1988) beschriebenen +Neugierde und des Interesses – beide Konzepte wurden zu Beginn diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/485.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/485.md new file mode 100644 index 0000000..9638e1d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/485.md @@ -0,0 +1,17 @@ +dieses Kapitels als den systemischen Handlungsrichtlinien zugehörig +dargestellt. +Eine besonders wirkungsvolle Art des Fragens sind die +Skalierungsfragen (sie werden im Lehrvideo an mehreren Stellen, z. +B. in der zweiten und vierten Szene, demonstriert; siehe Ritscher et +al. 2002). Die Befragten werden gebeten, eine bestimmte +Merkmalsausprägung auf einer Skala zwischen 1 (minimaler Wert) +und 5 oder 10 (maximaler Wert) einzuschätzen. Skalierungsfragen +können linear sein, z. B.: „Würden Sie bitte Ihren Wunsch, abends +auszugehen und dabei Ihren 15-jährigen Sohn allein zu lassen, auf +einer Skala zwischen 1 und 10 einschätzen? Wobei 1 hieße, Sie haben +gar keine Lust darauf, 10 bedeutete, dass Sie darauf brennen, einen +Abend außerhalb der Wohnung zu verbringen.“ Die zirkuläre Version +lautete: „Würden Sie bitte auf einer Skala zwischen 1 und 10 die +Reaktion Ihres Sohnes auf einen nicht angekündigten Abend +außerhalb der Wohnung einschätzen? Wobei 1 hieße, dass ihm das +gleichgültig ist, 10, dass er voller Angst oder Unruhe wäre.“ diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/486.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/486.md new file mode 100644 index 0000000..913d9bc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/486.md @@ -0,0 +1,39 @@ +6.6.1.2Positive Konnotation, Reframing und Relabeling + +Positive Konnotation umschreibt das Gesamtkonzept der Benennung +eines positiven „Bedeutungshofes“ (Pörksen 1989, S. 22) für ein +Beziehungsereignis. Im Feld von Sozialer Arbeit und Therapie bezieht +sich dieser Begriff auf alle Formen der positiven Bewertung eines +bisher als problematisch, auffällig, krank bezeichneten Verhaltens. +Diese „Umwertung“ wird als Methode verwendet. +Die Idee der positiven Konnotation ist schon in dem von der PaloAlto-Gruppe entwickelten und von Ericksons Hypnotherapie +beeinflussten Konzept der Symptomverschreibung bzw. paradoxen +Intervention enthalten.7 Hier wird die in Therapie befindliche Person +aufgefordert, nicht mehr gegen das bisher als problematisch +bezeichnete Verhalten zu kämpfen, sondern es in einem anderen +Kontext gerade zu zeigen. Dieser Kontext definiert das bisher negativ +bewertete Verhalten in ein nützliches Verhalten um. Die paradoxe +Intervention ist im weiteren Verlauf wegen ihrer rein strategischen +Absicht kritisch diskutiert worden. Unter einer rekonstruktivistischen +Perspektive kann man als Therapeutin zwar eine paradoxe Absicht +haben, ob sie aber von der Adressatin der Intervention umgesetzt +wird, ist weniger eine Frage der ausgefeilten Technik als der Passung +zwischen der Aufgabe und der kognitiv-affektiven Landkarte dieser +Person bzw. des Familiensystems. +Die erste Mailänder Gruppe verstärkte die im Konzept der +paradoxen Intervention enthaltene Idee der Nützlichkeit des bisher +als krank und damit negativ bewerteten Symptoms: Die +Symptomträgerin +schützt +mit +ihrem +Symptom +andere +Familienmitglieder und erhält die Balance des Systems. Es entstand +das Konzept der positiven Konnotation: Das bisher als problematisch +definierte Verhalten erhält einen positiven „Bedeutungshof“ (siehe +2.4.3.2.2.2.1). Der „Symptomträgerin“ wird offen der Respekt für ihre +Leistung des Systemerhaltes bekundet. +Der zehnjährige Ernesto macht seiner Familie große Sorgen, weil +er sich nach dem Tod des Großvaters als dessen Statthalter in der +Familie positionierte. Er verhielt sich „wie ein Achtzigjähriger“ und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/487.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/487.md new file mode 100644 index 0000000..b640cc4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/487.md @@ -0,0 +1,33 @@ +redete „wie ein Buch aus dem vorigen Jahrhundert“ (Selvini Palazzoli +et al. 1978, S. 82). Im Rahmen der Standardpsychiatrie wurde das als +Psychose um Kindesalter (Hebephrenie) diagnostiziert. Im +Abschlusskommentar wird sein Verhalten positiv konnotiert und +gewürdigt; zugleich wird vorgeschlagen, es die nächsten fünf Wochen +aufrechtzuerhalten.8 Zum Abschluss der ersten Sitzung gibt das +therapeutische Team folgenden Kommentar: +„Am Ende dieser Sitzung wollen wir uns an dich wenden, +Ernesto, um dir zu sagen, daß du etwas Gutes tust. Wir haben +verstanden, daß du im Großvater sozusagen den Hauptpfeiler +deiner Familie gesehen hast … der stützte und ein gewisses +Gleichgewicht herstellte … Nachdem der Großvater fehlte, hast +du Angst bekommen, daß sich etwas ändern könnte. Deshalb +legtest du dir die Rolle des Großvaters zu, vielleicht aus Angst, +daß das Gleichgewicht gestört werden könnte … Im Augenblick +ist es gut, wenn du diese Rolle, die du dir spontan zugelegt hast, +weitermachst. Du darfst bis zur nächsten Sitzung, die am 21. +Januar (in fünf Wochen; W. R.) sein wird, nichts verändern“ +(Selvini Palazzoli et al. 178, S. 84). +Entscheidend bei einer gelungenen positiven Konnotation ist, dass die +Sozialarbeiterin diese positive Sichtweise selbst teilt und ihr +nonverbales Verhalten dazu passt, ganz im Sinne der von Rogers +geforderten Echtheit. Wird die positive Konnotation nur als Technik, +d. h. unabhängig von der aktuellen kognitiv-affektiven Befindlichkeit +der Sozialarbeiterin, eingesetzt, bleibt sie im günstigsten Fall ohne +positiven Effekt; im ungünstigen Fall wird sie zu einem berechtigten +Misstrauen der Adressatinnen gegenüber dem Unterstützungssystem +und zu einem unnötigen Widerstand führen. +Ich möchte die positive Konnotation von der heute inflationär +gebrauchten Forderung nach positivem Denken abgrenzen. Dieses +steht immer in der Gefahr, Probleme, Defizite und Konflikte zu +ignorieren oder schönzureden. Positive Konnotation hingegen +fokussiert auf die Ressourcen der Menschen, sich in schwierigen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/488.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/488.md new file mode 100644 index 0000000..c73c422 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/488.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Lebens- und Problemlagen entsprechend ihren eigenen Möglichkeiten +zu behaupten, auch wenn die dabei gezeigten Verhaltensweisen und +Handlungspläne von den sozialen anderen nicht verstanden oder +abgewertet werden. +Mit dem Konzept von Reframing und Relabeling wird dieser Weg +konsequent weiterbeschritten. Nun wird weniger in einer +strategischen als in einer reflexiven Absicht der positive Sinn des +Symptoms betont. Es hat seine Funktion für die Systembalance, aber +jetzt wird die Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Symptoms bzw. +des entsprechenden Verhaltens als Ressource für das persönliche und +systemische Wachstum gerichtet.9 +Durch das Reframing wird der „Bedeutungshof“ eines Ereignisses, +einer Handlung, eines Wortes, eines Symptoms geändert. Die +negative Bedeutungszuschreibung wird in eine positive überführt, +indem der Sinn neu bestimmt wird. Dadurch entsteht ein neuer +„Bezugsrahmen“ (von Schlippe et al. 1995). Streit wird nicht mehr in +dem Bedeutungshof destruktive Aggression verortet, sondern mit +Lebensenergie, Vitalität und Offenheit assoziiert. Dadurch entsteht +ein neuer Bezugsrahmen, der Streit als erlaubt, erwünscht und +entwicklungsfördernd definiert. Damit diese neue Bedeutung in der +Streitpraxis auch realisiert wird, müssen innerhalb des Reframings +bestimmte Bedingungen festgelegt werden, z. B. die Anerkennung +des Prinzips der Gewaltfreiheit. Das erfordert Regeln für die +Streitsituation, die gewalttätige Eskalationen vermeiden.10 +Ein anderes Beispiel: Die lähmende Angst eines Kindes lässt sich +nun als Symbol seiner Angst um die Beziehung der Eltern verstehen; +das Kind wird dann gewürdigt, weil diese Angst seine Sorge um den +Bestand der elterlichen Beziehung zeigt und es die Eltern damit +indirekt auffordert, sich mehr um ihr Kind als um ihre Konflikte zu +kümmern. +Mit dem Relabeling wird dieser Weg konsequent weitergegangen, +indem das Symptom bzw. das Problem eine andere Benennung erhält +und damit der neu geschaffene Bedeutungsunterschied nochmals +unterstrichen wird. Eine Depression lässt sich vielleicht als „noch diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/489.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/489.md new file mode 100644 index 0000000..7d6d7ae --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/489.md @@ -0,0 +1,12 @@ +unabgeschlossener Trauerprozess“ benennen, ein Aufenthalt in der +Psychiatrie als „Auszeit vom Alltagsleben“, ein Paarkonflikt als „Folge +einer Reise, für die jede/jeder der beiden aus der Herkunftsfamilie +einen Rucksack mit ganz verschiedenen Inhalten“ (Beziehungsregeln, +Rollenbildern, Ordnungsvorstellungen usw.) mitgebracht hat. +Die positive Konnotation betont den Sinn jedes Verhaltens im +Kontext seines relevanten Beziehungssystems: Sie definiert es nicht +als Defizit, sondern als Anknüpfungspunkt für eine konstruktive +persönliche und systemische Entwicklung. Mit dieser auf die Zukunft +gerichtete und an die Vergangenheit anknüpfende Perspektive kann +positive Hoffnung auf Veränderung und Mut für die dazu +notwendigen Schritte entstehen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/490.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/490.md new file mode 100644 index 0000000..b1c4854 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/490.md @@ -0,0 +1,18 @@ +6.6.1.3Kommentierungen +Kommentierungen erhielten ihren hohen methodischen Stellenwert durch +das von der ersten Mailänder Gruppe entwickelte Fünfphasenmodell des +systemischen Interviews (siehe 6.6.3.1). In dessen vierter Phase erhält der +Kommentar am Ende der Sitzung den Status eines Rituals, durch das die +Sozialarbeiterin ihre Sichtweisen, Hypothesen, Beschreibungen und +Anregungen in das System einbringen kann. Weil der Kommentar in diesem +Zusammenhang den Abschluss der Sitzung markiert, entzieht er sich einer +Diskussion, in der die darin enthaltenen Gedanken „zerredet“ und ihre +kognitiv-affektive Dichte wieder aufgelöst werden können. +Außer den Abschlusskommentaren gibt es auch Kommentierungen in +Form von eingestreuten Ideen, Randbemerkungen und humorvollen +Paraphrasierungen. Dann sind sie kleine „Fußnoten“ zu den Äußerungen +der Adressatinnen im Fluss des Gespräches, die ihre Wirkung als +halbbewusster Nachklang des Gesagten entfalten. +Als Abschlussintervention könnten die Kommentierungen auch den +settingstrukturierenden Methoden zugeordnet werden, ansonsten sind sie +Teil der verbalen Methoden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/491.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/491.md new file mode 100644 index 0000000..eb71be2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/491.md @@ -0,0 +1 @@ +6.6.1.4Aufgaben, Ordeals und Rituale diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/492.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/492.md new file mode 100644 index 0000000..d896d91 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/492.md @@ -0,0 +1,34 @@ +6.6.1.4.1 Aufgaben +Aufgaben sind in der Verhaltens- und der Hypnotherapie schon vor ihrer +Etablierung in der Familientherapie verwendet worden. +Aufgaben können während der Sitzungen gegeben werden. Die sich im +Gespräch langweilenden Kinder werden z. B. gebeten, ihre Familie in Tiere +zu verzaubern und diese zu malen. Die Erwachsenen werden vielleicht +aufgefordert, während der Pause einen Spaziergang zu machen und sich +über ein bestimmtes Thema zu verständigen. Ein sehr offensiv agierendes +Familienmitglied kann gebeten werden, eine Beobachterposition hinter der +Scheibe einzunehmen und den aus der Außenperspektive beobachteten +Prozess in einer anschließenden Familienrunde zu beschreiben. Oder der +ganzen Familie wird der Vorschlag gemacht, in einer gemeinsamen +Zeichnung den Grundriss ihres Hauses anzufertigen. +In den meisten Fällen allerdings werden die Aufgaben in Form von +„Hausaufgaben“ am Ende einer Sitzung gestellt. +In diesem Fall haben sie die Funktion: +die Ergebnisse einer familientherapeutischen Sitzung in den +Familienalltag einzuführen; +zu sondieren, inwiefern die in der Sitzung thematisierten +Veränderungs- und Lösungsmöglichkeiten vom System in seine +Lebenswelt übernommen werden; +durch die Fokussierung auf ein Thema der Sitzung die +Familientherapie als einen Bezugspunkt im familiären Alltag zu +verankern, um die Kontinuität zwischen der aktuellen Sitzung und der +darauf folgenden zu sichern. +Schon die Formulierungen machen deutlich, dass „Hausaufgaben“ oft unter +einer strategischen Absicht gestellt werden. Im Rahmen der Palo-AltoGruppe waren sie am Ende der Sitzung identisch mit der +Symptomverschreibung. In der strukturellen Familientherapie dienen sie +der Etablierung von Generationengrenzen, funktionsfähigen Subsystemen +und einer familiären Verantwortungshierarchie in der Zeit zwischen den +Sitzungen. Im Rahmen einer eher reflexive und zirkuläre Intentionen +vertretenden rekonstruktivistisch-systemischen Therapie haben sie +überwiegend einen sondierenden und experimentellen Charakter. Sie sind +in diesem Sinne keine Aufgaben, sondern Vorschläge der Therapeutin. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/493.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/493.md new file mode 100644 index 0000000..adcda9e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/493.md @@ -0,0 +1,37 @@ +„Diagnostisch“ zeigt der Umgang mit der „Hausaufgabe“11, inwieweit +die Verbindung von Sozialarbeiterin und Adressatin im Rahmen des +Unterstützungssystems gelungen ist. Er zeigt auch an, ob sich die Fachfrau +mit ihren Hypothesen und Interventionen in die kognitiv-affektive +Landkarte der Familie und ihrer Mitglieder integrieren konnte, ohne sich +darin eindeutig kalkulierbar zu verorten. +Als „Intervention“ soll das Experiment dem System einen neuen +Handlungsspielraum eröffnen, ohne dass damit die Handlungsergebnisse +vorweggenommen würden. So bleiben die Auftraggeberinnen auch offiziell +immer in der Rolle der Spezialistinnen für ihren Alltag. +Der Vorschlag für das Experiment wird im Rahmen der vierten Phase +des Interviews präsentiert und erhält den Status eines Rituals. Thema und +Prozedurvorschlag müssen sich im Prozess des Gespräches entwickeln, d. +h., sie müssen zu der kognitiv-affektiven Familienlandkarte, der konkreten +Alltagssituation und den Ressourcen der Familien passen. Um diese +Grundforderung zu realisieren, sollte die Sozialarbeiterin vor der formalen +Präsentation ihres Vorschlages durch hypothetische Fragen erforschen, ob +es eine Bereitschaft von allen Mitgliedern des Systems für dessen +Übernahme gibt und was die möglichen Folgen für die Familiendynamik +sein könnten. +Eine Weigerung der Familie, den Vorschlag zu übernehmen, ist eine +wertvolle Information für die Sozialarbeiterin und keinerlei Anlass, sich +gekränkt oder unfähig zu fühlen. Sie zeigt, dass die notwendige Passung +zwischen dem Experiment und der Familiensituation nicht vorhanden war. +Das kann thematisiert werden und ergibt eine Vielzahl neuer Einsichten, +die den Entwicklungsprozess des Therapiebzw. Unterstützungssystems +voranbringen. +Die erste Mailänder Gruppe hat viele bekannt gewordene und in +unterschiedlichen Kontexten verwendbare „Hausaufgaben“ erfunden +(Selvini Palazzoli 1982) Eine davon hieß Gerade und ungerade Tage. Eltern, +die im gleichen thematischen Kontext – z. B. bei der Kindererziehung – um +die permanente Vorrangstellung kämpfen, erhalten die Aufgabe, sich in der +verantwortlichen und damit auch dominierenden Position von Tag zu Tag, +Woche zu Woche oder im Zweiwochenrhythmus abzuwechseln. Die +Entlassung aus der Verantwortung ist verbunden mit der Aufgabe, verstärkt +auf die Wechselbeziehung zwischen dem Handeln der/des anderen und +den eigenen Reaktionen zu achten: Welche Gedanken bemerke ich, welche diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/494.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/494.md new file mode 100644 index 0000000..a58813f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/494.md @@ -0,0 +1,6 @@ +Handlungsimpulse spüre ich, wenn mein Partner/meine Partnerin die +Erfordernisse des Alltags nach seiner/ihrer Weise regelt? +Bei der Aufgabenstellung ist eine Kombination von Kreativität, Bezug zu +den Möglichkeiten der Adressatinnen und ein genaues Ankoppeln an die +durch sie neu kontextualisierte Beziehungssituation erforderlich.12 +Das gilt in noch stärkerem Maße für das „Ordeal“. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/495.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/495.md new file mode 100644 index 0000000..1d5b0ab --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/495.md @@ -0,0 +1,35 @@ +6.6.1.4.2 Ordeals +„Ordeals“ (Haley 1989) sind eine besondere Form der Aufgabe. Das macht +schon die Übersetzung als „Mutprobe“, „Feuertaufe“, „schwere Prüfung“, +„Nervenprobe“ deutlich. Ein Ordeal lässt sich in diesem Sinne als eine +besonders schwere, fast zeremonielle Aufgabe bzw. Prüfung definieren – +metaphorisch gesprochen, ein Nadelöhr, durch das man hindurch muss, um +wieder Handlungsfreiheit zu gewinnen. +Haley nennt drei Bedingungen für die Verschreibung von Ordeals: +„Das Ordeal muss schlimmer … (sein) als das Problem. Vor allem +muß das Ordeal eine Qual hervorrufen, die genauso groß oder größer +als die ist, die von den Symptomen verursacht wird“ (ebd., S. 17). +„Außerdem ist es am besten, wenn das Ordeal für den Menschen gut +ist. Jedem fällt es schwer, das zu tun, was gut für einen ist, und das +trifft besonders auf die Leute zu, die sich um Therapie bemühen. Es +ist zum Beispiel gut für Leute, sich Bewegung zu verschaffen, den +Verstand zu schulen, eine gesunde Diät einzuhalten und anderen +Aktivitäten zur Selbstverbesserung nachzugehen. Es kann auch zu +solchen Ordeals gehören, für andere ein Opfer zu bringen“ (ebd., S. +18). +Das Ordeal muss „im Bereich der Möglichkeiten des Betreffenden“ +liegen, sodass „er keine berechtigten Einwände haben kann“ (ebd.). +Haley bezieht sich mit seinen Vorschlägen auf die von Erickson entwickelte +hypnotherapeutische Ordeal-Technik. Er zitiert ein Beispiel aus dessen +Praxis: +„Zu mir (Erickson; W. R.) kam einmal ein 65jähriger Mann, der vor 15 +Jahren an einer geringfügigen Schlafstörung gelitten hatte und dem +sein Arzt Natriumarmitall verschrieben hatte. Vor 3 Monaten war seine +Frau gestorben, und er lebte nun allein mit seinem unverheirateten +Sohn. Ganz regelmäßig hatte dieser Mann 15 Kapseln täglich +eingenommen, das bedeutete eine Dosis von fast 3 g Natriumarmitall +täglich. Er ging abends um 8 Uhr ins Bett, wälzte sich bis Mitternacht +hin und her und nahm dann seine 15 Kapseln, drei Gramm, ein paar +Glas Wasser, legte sich hin und schlief für etwa 1½ bis 2 Stunden. +Dann wurde er wieder wach, wälzte sich hin und her, bis es Zeit zum +Aufstehen war. Seit seine Frau gestorben war, wirkten die 15 Kapseln diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/496.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/496.md new file mode 100644 index 0000000..af12b34 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/496.md @@ -0,0 +1,36 @@ +nicht mehr. Er war zu seinem Hausarzt gegangen und hatte um ein +Rezept für 18 Kapseln gebeten. Der Hausarzt bekam es mit der Angst +zu tun und entschuldigte sich, daß er es überhaupt zugelassen hatte, +daß aus ihm ein Barbituratabängiger geworden war. Er schickte ihn zu +mir. +Ich fragte den alten Mann, ob er wirklich seine Schlaflosigkeit +überwinden wolle, ob er wirklich seine Drogenabhängigkeit loswerden +wolle. Er sagte ja und war sehr aufrichtig und ehrlich. Ich sagte ihm, er +könne es leicht bewerkstelligen. Als ich seine Geschichte aufgeschrieben +hatte, hatte ich erfahren, daß er in einem großen Haus mit Holzfußboden +lebte. Das Kochen und Abwaschen besorgte meist er, während sein Sohn +die Hausarbeit machte – insbesondere das Wachsen der Fußböden, was +der alte Mann haßte … Ich erklärte also dem alten Mann, ich könne ihn +heilen, und es würde ihn höchstens acht Stunden Schlaf kosten, und das +wäre alles – ein sehr niedriger Preis … +Ich erklärte ihm, daß er am nächsten Abend um 8 Uhr, statt schlafen zu +gehen, die Bohnerwachsdose und einige Tücher holen solle. ‚Das kostet Sie +ja nur 1½ Stunden Schlaf oder höchstens 2, und Sie fangen an mit dem +Polieren dieser Fußböden. Sie werden das hassen, und Sie werden mich +hassen; während die Stunden sich hinschleppen, werden Sie nicht sehr +nette Gedanken für mich haben. Aber polieren Sie die ganze Nacht diese +Fußböden, und gehen Sie am nächsten Morgen um 8 zur Arbeit. Hören Sie +um 7 Uhr mit dem Polieren auf, dann haben Sie eine ganze Stunde Zeit für +das Aufstehen. Am nächsten Abend um 8 bleiben Sie wieder auf und +polieren den Fußboden. Sie sollten wirklich den ganzen Fußboden wieder +polieren, und es wird Ihnen nicht gefallen. Aber Sie werden höchstens zwei +Stunden Schlaf verlieren. Am nächsten Abend machen Sie dasselbe und in +der vierten Nacht noch einmal dasselbe.‘ +In der ersten Nacht polierte er den Fußboden, in der zweiten Nacht und +in der dritten Nacht. In der vierten Nacht sagte er sich: ‚Ich habe es satt, +mich an die Anordnungen dieses verrückten Psychiaters zu halten, aber es +ist wohl besser, wenn ich es mache.‘ Er hatte sechs Stunden Schlaf +verloren; er musste noch zwei weitere verlieren, bevor ich ihn richtig +geheilt hatte. Er sagte zu sich selbst: ‚Ich glaube, ich lege mich ins Bett +und ruhe für eine halbe Stunde meine Augen aus.‘ Am nächsten Morgen +um 7 Uhr wachte er auf. Am folgenden Abend befand er sich in einem diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/497.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/497.md new file mode 100644 index 0000000..c49efdd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/497.md @@ -0,0 +1,37 @@ +Zwiespalt. Sollte er schlafen gehen, obwohl er mir noch zwei Stunden +Schlaf schuldete? Er entschied sich für einen Kompromiss: Er würde sich +zum Schlafen fertig machen und das Bohnerwachs und die Tücher um 8 +Uhr herausnehmen. Wenn er um 8 h 15 noch die Uhr lesen könne, würde +er aufstehen und die ganze Nacht den Fußboden bohnern. +Ein Jahr später erzählte er mir, er habe seitdem jede Nacht geschlafen. +Ja er sagte sogar: Wissen Sie, ich wage es überhaupt nicht, an +Schlaflosigkeit zu leiden. Ich sehe auf die Uhr und sage mir: Wenn ich in 15 +Minuten noch wach bin, muss ich die ganze Nacht den Fußboden bohnern, +und das meine ich ernst.‘ Wissen Sie, der alte Mann war bereit, alles zu +tun, um nicht den Fußboden bohnern zu müssen – sogar schlafen“ (Haley +1989, S. 15 f.). +Diese Lehrgeschichte macht nochmals einige wichtige Aspekte eines +Ordeals deutlich: Es unterbricht den erfolglosen Kampf gegen ein Problem +und den bislang erfolglosen Problemlösungsversuch, der selbst zum +Problem in Form einer eingeschliffenen, ritualisierten Gewohnheit +geworden ist. Es enthält eine nützliche, aber ungeliebte Aufgabe, die ein +deutliches Gegengewicht zum bisherigen Verhalten darstellt. Die Aufgabe +wird zu negativen Affekten gegenüber dem Therapeuten führen. Diese sind +verständlich und seitens des Therapeuten akzeptiert; deshalb +Schuldgefühle zu entwickeln ist unnötig. Aus diesem Grund sagt Erickson +sie voraus und normalisiert sie durch Inhalt und Form seiner Formulierung. +Ein Ordeal setzt auch die intensive Bereitschaft zur Kooperation voraus – in +diesem Fall muss der Klient acht Stunden Schlaf „einsparen“, und er +bemüht sich sehr darum. Das Ordeal setzt direkt in der Lebenswelt und bei +den Möglichkeiten der Auftraggeberinnen an und gibt diesen einen +positiven Sinn. Und in unserem Fall kann vermutet werden, dass mit dem +Polieren des Fußbodens auch ein Stück Trauer-, d. h. Erinnerungs- und +Bewältigungsarbeit verbunden ist. Ich vermute, dass der alte Herr hier eine +Arbeit übernimmt, die früher von seiner Frau ausgeführt wurde. Nun ist er +allein und muss diese neue Situation kognitiv und affektiv bewältigen. Die +Maßschneiderung des Ordeals zeigt sich z. B. daran, dass die +„Nachtschicht“ um sieben Uhr morgens beendet wird, genau zu der +Uhrzeit, zu der er sonst nach einer qualvollen Nacht aufsteht; und er hat +dafür – wie es Erickson ausdrückte – nur zwei Stunden Schlaf geopfert. +Das Tagewerk kann dann wie bisher beginnen; hier bleibt eine Sicherheit +gebende Kontinuität. Deutlich wird auch das paradoxe Element des diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/498.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/498.md new file mode 100644 index 0000000..b2e8566 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/498.md @@ -0,0 +1,9 @@ +Ordeals: Eine Auflehnung gegen die Aufgabe ist durchaus nützlich, wenn +sie mit dem Interesse an Kooperation und Veränderung verbunden bleibt. +In diesem Fall führt die Auflehnung genau den gewünschten Effekt herbei: +Der Klient schläft völlig übermüdet ein und durch. +Es bleibt anzumerken, dass jedes Ordeal ethisch verantwortbar sein +muss; das garantiert am besten eine neutrale, respektvolle, interessierte +und warmherzige Haltung der Therapeutin, die in der Arbeit Ericksons +immer präsent war (siehe Zeig +1985). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/499.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/499.md new file mode 100644 index 0000000..b39a5a6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/499.md @@ -0,0 +1,36 @@ +6.6.1.4.3 Rituale +Die wichtige Funktion von Ritualen und ihr Sinn für soziale Systeme wurde +schon unter 3.2.2.5 beschrieben. Ihre Bedeutung für alltägliche und +besondere Situationen der Kommunikation verschaffte ihnen einen +wichtigen Platz in der Familientherapie. Meines Wissens hat Selvini Palazzoli +als Erste die systematische Verschreibung von Ritualen in die +Familientherapie eingeführt – bei der Arbeit mit sich anorektisch zeigenden +Mädchen und jungen Frauen (Selvini Palazzoli 1982). Die erste Mailänder +Gruppe hatte in der Folge eine Vielzahl von therapeutischen Ritualen +entwickelt und beschrieben (siehe Selvini Palazzoli et al. 1978). Sie sahen +ihren Wert darin, dass die bisherigen Normen des Familienspiels +unterbrochen und auf einem nichtsprachlich-symbolischen Wege neue +Normen eingeführt werden. Die Dichte der nichtsprachlichen Symbolik wird +intuitiv verstanden und kognitiv-affektiv verankert. Entscheidend ist dabei +eine leitende Metapher und bildliche Symbolik des Rituals, die alle +Elemente der rituellen Handlung integriert und als Anker dient, auf den in +der Folge immer wieder Bezug genommen werden kann. +Die Mailänder verschrieben z. B. ein Beerdigungsritual für den vier Tage +nach seiner Geburt gestorbenen Bruder eines kleinen Mädchens, weil +dieses nach seinem Tod aufgehört hatte zu essen. „Die Familie wurde +gebeten, den Tod des Säuglings auf eine Weise anzuerkennen, die das +Mädchen auch verstehen konnte. Sie begruben einige der Kleider ihres +Bruders und sprachen darüber, was mit ihm geschehen war“ (Imber-Black +et al. 1995, S. 17). +So wird ohne Worte, aber durch eine symbolisch-zeremonielle Handlung +des toten Kindes und Bruders gedacht und Abschied von ihm genommen. +Das leitende Symbol ist in diesem Fall ein Grab, das als Bild in der +Vorstellung präsent bleibt, die dazugehörige Metapher heißt „Be-Hausung“: +Das Grab als Haus des Toten markiert den Unterschied zur Wohnung der +Lebenden, aber es hat auch eine Bedeutung als „schützende Hülle“ für den +toten Bruder. +Therapeutische Rituale beziehen sich sowohl auf den Alltag als auch auf +den Unterschied zu ihm markierende besondere Zeiten und Räume sowie +Übergangssituationen im Prozess des Lebens. Quer zu diesen drei +Bezugspunkten liegen fünf Themen, die jedes Ritual enthalten kann: +Mitgliedschaft, Heilung, Identität, Meinungsaustausch und das die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/500.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/500.md new file mode 100644 index 0000000..c9a0f43 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/500.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Besonderheit der Situation und seine „höheren Weihen“ ausdrückende +Zelebrieren der Handlung (siehe Imber-Black et al. 1995, S. 77). +Hier einige Beispiele: + +Stichwort Alltag: Das Alltagsritual der Abendmahlzeit im Familienkreis +betont das Thema der Mitgliedschaft, eventuell auch das des +Meinungsaustausches, wenn dies der anerkannte Rahmen für +Gespräche über die Tagesereignisse oder alle Familienmitglieder +betreffende Informationen ist. +Stichwort Zeit: Das Zubettgehritual markiert den Übergang vom Tag +zur Nacht, den Eintritt in die Welt der Träume, die Sicherheit des +häuslichen und familiären Rahmens für die täglich zu bewältigenden +Anforderungen. Mitgliedschaft und Identität sind hier die wichtigen +Themen, aber auch Heilung, wenn z. B. im Tagesverlauf erlittene +psychische oder körperliche Verletzungen in den Hintergrund treten +und durch die tröstende Gutenachtgeschichte aufgefangen werden. +Die Silvesterfeier markiert den Übergang von der Vergangenheit in +die Zukunft im Kontext einer die Zeit übergreifenden persönlichen +und sozialen Identität. Das alte Jahr wird bilanziert, Wünsche und +Erwartungen für das neue werden im Kreis der Familie öffentlich +gemacht und damit in den Horizont des Möglichen eingeholt. Die +entsprechenden Themen sind Mitgliedschaft und Identität, eventuell +auch Heilung, wenn die Gesundheit im Vordergrund von Bilanz und +Erwartungen steht, oder der Meinungsaustausch, wenn über die +politischen Aussichten für das kommende Jahr gestritten wird. +Stichwort: Übergänge: Die Taufe kann als ein typisches Übergangsund Initiationsritual unserer Kultur verstanden werden. Nachdem das +Kind durch die Geburt in sein eigenes Leben und das der Familie +eingetreten ist, wird es nun zum Mitglied der religiösen und +weltlichen Gemeinschaft. Die Taufzeremonie verbindet das Kind und +seine Familie mit der göttlichen Fürsorge und Weisheit und gibt dem +persönlichen Leben einen höheren Sinn. Zugleich markiert sie den +Eintritt in den engeren gesellschaftlichen Kontext: Verwandte, +Freunde, Nachbarn sind zugegen. Die Paten symbolisieren den +Beistand, den das Kind auch jenseits der engsten Familie in seinem +sozialen Umfeld erwarten kann – es ist nicht zur Einsamkeit +verdammt, und so lässt sich auf ein gelingendes Leben hoffen. Hier diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/501.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/501.md new file mode 100644 index 0000000..85711c3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/501.md @@ -0,0 +1,43 @@ +sind +alle +Themen +vereint: +Mitgliedschaft, +Identität, +Meinungsaustausch, Heilung und das Zelebrieren eines höheren +Sinns. +In der heutigen Gesellschaft verlieren familiäre Rituale an Bedeutung, weil +die Individualisierungstendenz der postmodernen Kultur die Bindung an +den sozialen Kontext zwar nicht weniger wichtig, aber diffuser +wahrnehmbar werden lässt. Wir befinden uns hier in einer paradoxen +Situation: Individualisierung behindert Ritualisierung, hätte sie aber gerade +besonders nötig, um den sozialen Bezug immer wieder herzustellen und +bewusst zu machen. +An diesem Punkt kommt die Soziale Arbeit ins Spiel. Immer mehr +Familien scheitern an ihrer Aufgabe, sich als Alltagskommunikation, +Reproduktion und die Sozialisation der Kinder sicherndes System zu +etablieren, dessen Strukturen und Regeln für alle Mitglieder deutlich, +eindeutig und verbindlich sind. Rituale könnten hier eine wesentliche +Strukturierungshilfe sein. Auch Rituale für die Übergänge des Lebenszyklus +verlieren an Bedeutung. Wo nimmt die Familie noch persönlich von einem +sterbenden Familienmitglied Abschied? Welche Familie akzeptiert noch +bewusst das von einem sterbenden Mitglied ausgehende geistige +Vermächtnis als Beitrag zur Familientradition, die dem persönlichen Leben +eine Orientierung gibt? Auch hier können Sozialarbeiterinnen und +Therapeutinnen +durch +Vorschläge +für +entsprechende +Rituale +Orientierungshilfen anbieten. +Zubettgehrituale können vielleicht das brüchige existenzielle Vertrauen +von Kindern stärken, Familienfeiern ein Gefühl der Einbettung in das soziale +Leben vermitteln, Initiationsriten den verunsichernden Übergang in eine +neue Lebensphase unterstützen und dafür Leitsymbole prägen. Im Rahmen +der Sozialen Arbeit sind auch Rituale der Heilung von großer Bedeutung: +Sollte man nicht lieber die Entlassung aus der psychiatrischen Klinik als +Grund zum Feiern nehmen, anstatt schon an den nächsten Rückfall zu +denken? Und sollte man nicht lieber die für eine lange Zeit fragliche und +nun doch erreichte Versetzung in die nächsthöhere Klasse feiern, anstatt +der vielen Misserfolge des vergangenen Schuljahres zu gedenken? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/502.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/502.md new file mode 100644 index 0000000..b7c02fa --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/502.md @@ -0,0 +1,37 @@ +6.6.1.5Metaphern, Bilder und Geschichten +Die systemische Therapie konnte in diesem Bereich von mehreren Meistern +der Psychotherapie lernen. Freud und Jung haben die „Bildersprache der +Seele“ in den kulturellen Diskurs der Moderne eingeführt. Freuds Arbeiten +zur Bildersprache des Traumes eröffnen den verstehenden Zugang zu den +Gedanken hinter den Bildern (Freud 1973). Jungs Archetypen zeigen uns +eine Vielzahl von Bildern, in denen der Mensch den über seine persönliche +Existenz hinausgehenden Sinn des Lebens und Handelns entdecken kann +(Jung et al. 1979). Die Sozialarbeiterin kann in einer Familie, die in einer +Übergangskrise feststeckt, den Baum als Symbol des Wachsens, der +Verbindung zwischen Himmel und Erde, Geist und Materie, Vergangenheit, +Gegenwart und Zukunft sowie der komplexen Beziehungsmuster +(„Verästelung“) einführen. Am Beispiel des Baumes wird damit Entwicklung +deutlich. Diese kann durch die Erstellung des Familienstammbaumes +konkretisiert werden. Nun verbinden sich über die Generationen +Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mit der Zukunft entstehen neue +Möglichkeiten, der ressourcenorientierte Blick auf die Vergangenheit führt +uns zu den Wurzeln. Sie geben Halt in den Stürmen des Lebens. +Mit den Stürmen des Lebens sind wir schon bei der Metapher +angelangt. Durch sie können fixierte Bedeutungen verflüssigt und neu +bestimmt werden. Eine „psychische Krankheit“ als „Lebenssturm“ zu +bezeichnen, entpathologisiert das diesbezügliche Verhalten und stellt es in +den Kontext der schweren Aufgaben, die jeder Lebenslauf mit sich bringt. +Aber Stürme gehen auch vorbei, und Bäume können sich im Sturm biegen, +ohne zu brechen. Die metaphorische Sprache eröffnet eine Perspektive der +Veränderung und Bewältigung von Problemlagen, die Mut macht und auf +Ressourcen verweist, die das Leben bis zu diesem Zeitpunkt vorangebracht +haben. +Den Blick für die Bedeutung von Metaphern, vor allem aber für die der +heilenden Geschichten verdankt die systemische Familientherapie Erickson +und dem persisch-deutschen Psychotherapeuten Peseschkian. Erickson +kleidete seine Informationen, Erklärungen und Orientierungshilfen oft in die +Form von Geschichten, die er seinen in unterschiedlich tiefen +Trancezuständen befindlichen Patientinnen erzählte. Rosen hat sie zwölf +Perspektiven der Psychotherapie zugeordnet, die gleichermaßen für alle +Spielarten der psychosozialen Arbeit gelten: Motivierung; Vertrauen in das +eigene Unbewusste; indirekte Suggestion; die Bewältigung von diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/503.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/503.md new file mode 100644 index 0000000..553339e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/503.md @@ -0,0 +1,40 @@ +Einschränkungen des Alltags; Reframing; durch Erfahrung lernen; das +eigene Leben in die Hand nehmen; Aufmerksamkeit für die Wunder des +Lebens; Unterschiede wahrnehmen und akzeptieren; Verlust und +Wiedergewinnung +des +Realitätsbezuges; +Veränderung +und +Zukunftsorientierung; Werte und die notwendige Selbstdisziplin für die +Verwirklichung von Zielen (Rosen 1990). +Ericksons Geschichten sind eher alltagssprachlich, ihre Botschaft ist +leicht verständlich und doch tiefsinnig. Rosen hat eine Vielzahl von ihnen +dokumentiert (ebd.). +Außer den für eine bestimmte Familie bzw. Adressatin erfundenen +Geschichten lassen sich auch Märchen, Mythen und Fabeln verwenden, +deren zentrales Thema eine Ähnlichkeit mit dem der Familie aufweist. +Peseschkian verwendet dazu orientalische Märchen. Ihre Botschaften über +ein gelungenes Leben stehen im Widerspruch zu den Ansprüchen unserer +Kultur. Sie betonen Fantasie, Intuition, Gelassenheit, Humor statt traurigen +Ernst, weniger das Handeln als die Muße, mehr die Geselligkeit als den +individualistischen Rückzug auf die eigene Person, mehr die Freude am +Genuss als das Streben nach Höchstleistung. Sie verdeutlichen andere +Aspekte der menschlichen Existenz, die zum persönlichen Wachstum +genauso erforderlich sind wie Vernunft, Arbeit, Disziplin und Leistung – die +Werte des westlichen Kulturkreises. Sie regen eigene Denk-, Fantasie- und +Suchprozesse an, weisen auf alternative Lebensentwürfe hin, ohne zu +pädagogisieren und zu moralisieren. +Auch Märchen unseres Kulturkreisen können diese Aufgabe +übernehmen, allerdings haben sie häufig den Nachteil eines dichotomen +Wirklichkeitsverständnisses: Die Menschen sind entweder gut oder böse, +dumm oder schlau, faul oder fleißig. Die Geschichten des Orients betonen +dagegen das menschenfreundlichere Sowohl-als-auch; sie vermeiden das +Idealbild des Wahren, Schönen und Guten, für dessen Durchsetzung schon +viele Scheiterhaufen im christlichen Abendland brannten. +„Wieder einmal gab ein angesehener Scheich ein großes Fest. Alle +Würdenträger des Ortes waren eingeladen. Nur der Mullah nicht. +Trotzdem sah man ihn unter den Gästen, bei denen er sich wohl fühlte +wie ein Fisch im Wasser. Etwas schockiert nahm ihn ein Freund zur +Seite: ‚Wie kommt es, daß du hier bist? Du bist doch gar nicht +eingeladen.‘ Voller Nachsicht antwortete der Mullah: ‚Wenn schon der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/504.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/504.md new file mode 100644 index 0000000..8a9cbba --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/504.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Gastgeber seine Pflicht nicht kennt und mich nicht einlädt, warum +sollte ich dann meine Pflichten versäumen, ein höflicher Gast zu sein?“ +(Peseschkian 1979, S. 140). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/505.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/505.md new file mode 100644 index 0000000..8a6c9f2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/505.md @@ -0,0 +1,24 @@ +6.6.2 Darstellende Methoden +Bei den darstellenden Methoden tritt das Wort zugunsten anderer Symbole +in den Hintergrund. Es ist vor allem die Visualisierung ermöglichende +Sprache der Bilder und Töne, die hier im Vordergrund steht. Mit den +darstellenden Methoden betreten wir den Bereich der analogen +Kommunikation. Da geht es um die Verdichtung von Bedeutungen in +Bildern und Tönen und damit um eine Mehrdeutigkeit, die erst durch den +parallelen oder nachträglichen Gebrauch der Worte wieder eingerahmt und +reduziert wird. Die Kombination von verbalen und darstellenden Methoden +bietet sich in den Settings der Familiensozialarbeit besonders an. Die +dadurch entstehende Kommunikation und Wahrnehmung spielt sich auf der +visuellen und der auditiven Ebene ab (vgl. 2.4.3.2.2.2.4). Das intensiviert +die +Aufmerksamkeit, +den +affektiven +Zugang +und +die +Erinnerungsbereitschaft für Bilder, Gedanken und Erfahrungen zu den im +Gespräch gerade vorherrschenden Themen. +Ich habe die darstellenden Methoden bestimmten Primärperspektiven +zugeordnet. Das ist nur eine grobe Differenzierung, weil sich bei vielen +dieser Methoden mehrere Perspektiven überkreuzen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/506.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/506.md new file mode 100644 index 0000000..83ab23d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/506.md @@ -0,0 +1,3 @@ +6.6.2.1Primärperspektive Zeit +Hier geht es um den diachronen Aspekt der Wirklichkeit und die formale +Darstellung der Entwicklung von Familiensystemen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/507.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/507.md new file mode 100644 index 0000000..dd8fd55 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/507.md @@ -0,0 +1,25 @@ +6.6.2.1.1 Das Genogramm +Das Genogramm (Familienstammbaum) ist eine Darstellungsform für +mehrgenerationale +Familienkonstellationen +zum +Zeitpunkt +ihrer +Rekonstruktion. + +Abb. 28: Das Grundmuster eines Genogramms +Es integriert drei Ebenen der Darstellung. +Das formale Muster für die Darstellung der Beziehungen zwischen +den einzelnen Familienmitgliedern: Eheliche Beziehungen werden +durch eine horizontal durchgezogene, nichteheliche durch eine +horizontal gestrichelte Linie gekennzeichnet; leibliche Abstammung +durch eine vertikal durchgehende, Adoptiv- und Pflegeverhältnisse +durch eine vertikal gestrichelte Linie. +Die für jede Person verwendeten Zeichen: Männer und männliche +Kinder werden durch ein Quadrat, Frauen und weibliche Kinder durch +einen Kreis, eineiige Zwillinge durch einen gemeinsamen +Ausgangspunkt ihrer Abstammungslinie und eine Verbindungslinie +zwischen den sie darstellenden Zeichen gekennzeichnet, zweieiige +Zwillinge nur durch den gemeinsamen Ausgangspunkt ihrer +Abstammungslinien (siehe als Beispiel das Genogramm der Familie +Beierle im ersten Kapitel; vgl. auch Ritscher 1998, S. 51 ff.). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/508.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/508.md new file mode 100644 index 0000000..2523c5a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/508.md @@ -0,0 +1,13 @@ +Als Ergänzung können Symbole für die eingeschätzte Qualität der +Beziehungen innerhalb des Systems verwendet werden, z. B.: + +Die Bezeichnungen „wechselseitig nahe“ und „einseitig sehr nahe +Beziehung“ gelten für eine Beziehung zwischen zwei Personen, die die +Beziehung unterschiedlich sehen, definieren und werten, etwa: Person A +erlebt sie als nah, Person B als sehr nah, hat also ein intensiveres +Beziehungsgefühl oder einen intensiveren Beziehungswunsch. +Eine detaillierte Liste der Symbole für das Genogramm und zur +Einschätzung der Beziehungsqualitäten findet sich in McGoldrick u. Gerson +(1990) und Ritscher (1996, S.51 ff.). +Das Genogramm dient als „diagnostische“ Methode, um Informationen +zur mehrgenerationalen Familienkonstellation und ihnen zugehörige diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/509.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/509.md new file mode 100644 index 0000000..7399a3a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/509.md @@ -0,0 +1,35 @@ +Themen schematisch zu ordnen sowie visuell verdichtet darzustellen. Das +so entstandene Muster dient als Orientierung für die Hypothesenbildung +und für Überlegungen zu weiteren Handlungsschritten („Intervention“). +Einmal angefertigt, kann es im Verlauf des weiteren Hilfeprozesses ergänzt +werden und als prozessbegleitende Methode den Zuwachs an +Informationen und Hypothesen dokumentieren. Deshalb sollte immer der +Zeitpunkt der Genogrammerstellung im Genogramm notiert werden. +Ursprünglich diente das Genogramm nur für die Rekonstruktion der +verwandtschaftlichen Beziehungen. In der heutigen Kultur werden aber +selbst gewählte Freundschaftsbeziehungen als Ressourcen für einen +gelungenen Alltag immer wichtiger, sodass solche „Wahlverwandtschaften“ +ebenfalls im Genogramm vertreten sein sollten (siehe Abb. 28). +Auch familienunterstützende professionelle Systeme, z. B. der ASD, eine +Beratungsstelle oder eine Therapeutin in freier Praxis, können in Form +einer Raute für die Einrichtung und des in die Raute eingezeichneten +Symbols für die Person im Genogramm berücksichtigt werden (siehe Abb. +28). Durch die Symbole für die Einschätzung der Beziehungsqualität wird +der Grad der Vernetzung zwischen Familie und professionell +unterstützender Umweltsysteme hypothetisch markiert (siehe hierzu +Imber-Black 1990; Ritscher 1998). +Im Beispiel der Abbildung 28 ist die Mutter sehr eng mit einer Freundin +verbunden. Dass es sich nicht um ihre Schwester handelt, wird durch das +Fehlen der Abstammungslinie erkennbar. Die Raute kann z. B. den ASD, der +innere Kreis die mit der Familie befasste Sozialarbeiterin symbolisieren. Sie +steht in einer nahen Beziehung zur Mutter und einer distanzierten +Beziehung zur Tochter, der Adressatin der Jugendhilfemaßnahme. Die +Tochter ist mit einem jungen Mann – einem eineiigen Zwilling – liiert. In +dessen Herkunftsfamilie lebt auch eine Pflegetochter (PK). +Das Genogramm dient neben der „diagnostischen“ Absicht als Methode +der Intervention. Es kann mit der Familie zusammen während einer oder +mehrerer Sitzungen erstellt werden und eine Atmosphäre der kooperativen +Kommunikation in der Familie fördern. Oder es kann als Hausaufgabe +vorgeschlagen werden, um die Familie bzw. das Paar bis zur nächsten +Sitzung auf die mehrgenerationale Perspektive ihres Problems zu +fokussieren (zur Praxis der Genogrammanalyse siehe Ritscher 2001b). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/510.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/510.md new file mode 100644 index 0000000..8080945 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/510.md @@ -0,0 +1,30 @@ +6.6.2.1.2 Der Zeitstrahl +Der Zeitstrahl dient als „Ordner“ für die harten biografischen Daten einer +Person. Die Pfeilspitzen am oberen und unteren Ende machen deutlich, +dass die benannte Chronologie in beide Zeitrichtungen erweitert werden +kann. Der systemische Bezug des Zeitstrahls ergibt sich durch die auf +andere Personen verweisenden Daten. Es können auch die Zeitstrahlen für +zwei miteinander verbundene Personen parallel zueinander gezeichnet +werden; das unterstreicht die systemische Perspektive der Verwendung des +Zeitstrahls. Auch diese Methode kann schwerpunktmäßig für die +Informationsgewinnung („Diagnostik“) oder weitere Handlungsschritte +(„Intervention“) dienen. +Abbildung 29 zeigt den Zeitstrahl für eine Frau, in diesem Fallbeispiel +Karin genannt, die zu einer systemischen Konsultation kam. Sie hatte sich +über einen langen Zeitraum aus der Religionsgemeinschaft der Zeugen +Jehovas entfernt und war deshalb in schwere und chronische Konflikte mit +ihrer Mutter – einer überzeugten „Zeugin Jehovas“ geraten. Nach einem +von der Mutter gewünschten Gespräch mit dem „Ältesten“ ihrer Gemeinde, +von dem sich die Mutter einen Wiedereintritt der Tochter erhofft hatte, war +der Kontakt zwischen beiden abgebrochen. Denn in diesem Gespräch kam +es statt zu der von der Mutter erhofften Wiederannäherung zu einem +endgültigen Bruch zwischen Karin und den Zeugen Jehovas. In dem +Zeitstrahl sind die in dem Gespräch gewonnenen biografischen Daten von +Karin und ihrer Familie in einer Zeitstruktur angeordnet. Die Daten werden +dadurch +übersichtlich, +was +die +weiteren +Beschreibungen, +Hypothesenbildungen und Interventionen erleichtert. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/511.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/511.md new file mode 100644 index 0000000..e69de29 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/512.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/512.md new file mode 100644 index 0000000..85f63aa --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/512.md @@ -0,0 +1,29 @@ +Abb. 29: Der Zeitstrahl +6.6.2.1.3 Exkurs: Symbole für Beziehungsqualitäten zur Erweiterung von +Genogramm und Soziogramm + +Abb. 30: Beispiel für das um Symbole für Beziehungsqualitäten erweiterte +Genogramm (a) und Sozigramm (b) +Die formale Darstellung von Beziehungskonstellationen lässt sich durch +Symbole für die Beziehungsqualitäten erweitern. Unter Beziehungsqualität +verstehe ich die Intensität der Verbundenheit zwischen den +Familienmitgliedern, offene und verdeckte Konflikte und die Qualität des +Informationsaustausches durch die Art der inneren Grenzen des Systems. +Auch hier wird die Übersichtlichkeit der Systembeschreibung durch eine +erhebliche „Reduktion von Komplexität“ (Luhmann 1971, S. 15 f.) erkauft. +Diese muss bei der darauf folgenden Hypothesenbildung wieder +mitgedacht werden, um das Feld der Beobachtung auszuweiten und die +Bedeutungsvielfalt von Beziehungswirklichkeiten wieder ins Spiel zu +bringen. (Eine detaillierte Liste für Beziehungsqualitäten und ihre +Anwendung für Genogramm und Soziogramm findet sich in Ritscher 1998, +S. 51 ff.) +In Abbildung 30 wird unter (a) ein Beispiel für das um die Zeichen für +Beziehungsqualitäten +erweiterte +Genogramm +dargestellt. +Die +Elternbeziehung wird als konfliktreich und wechselseitig nahe eingeschätzt; +die Beziehung Vater – Tochter als einseitig distanziert von der Tochter und +nahe vom Vater aus gesehen; die Mutter-Tochter-Beziehung als +wechselseitig sehr nahe. Im erweiterten Soziogramm (b) werden die drei diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/513.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/513.md new file mode 100644 index 0000000..d3efe2a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/513.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Personen und ihre Beziehungen jetzt nicht unter der mehrgenerationalen +Perspektive, sondern in ihrer augenblicklichen Beziehungskonstellation +dargestellt. Das Soziogramm ist nützlich, wenn sich der Fokus auf die Hierund-jetzt-Situation eines Systems richtet. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/514.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/514.md new file mode 100644 index 0000000..62b212f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/514.md @@ -0,0 +1,8 @@ +6.6.2.2Primärperspektive Beziehungen im Raum +Mit einer Methode aus diesem Bereich entscheiden wir uns für die +Darstellung der Intensität des Informationsaustausches und der +psychischen Bezogenheit im System mithilfe der Methapher des Raumes. +Nähe oder Distanz, Randständigkeit oder zentrale Position im System, an +der Spitze der Systemhierarchie oder am unteren Ende stehend – all dies +sind metaphorische Transformationen von Beziehungsqualitäten mittels des +Konzeptes Sozialer Raum. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/515.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/515.md new file mode 100644 index 0000000..50a6235 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/515.md @@ -0,0 +1,20 @@ +6.6.2.2.1 Skulptur +Die schon zu Beginn der Familientherapie verwendete und auf das +Psychodrama von Moreno zurückgehende Skulptur (vgl. Schweitzer u. +Weber 1982) zeigt dies beispielhaft. Hier werden Personen oder auch +Gegenstände (Stühle, Tische, die Tür des Arbeitsraumes usw.) benutzt, um +mithilfe +ihrer Position im Raum; +ihrer Nähe oder Entfernung zu anderen Personen; +ihrer gegenseitigen Zuordnung; +ihrer Größe (z. B. wenn sie auf einem Tisch positioniert werden) oder +Kleinheit (z. B. in kauernder Stellung); +ihrer Körpersprache (z. B. durch eine freundliche Mimik oder eine +geballte Faust in Richtung einer anderen Person) +das Beziehungsgeflecht eines Systems im Kontext der Raummetapher +darzustellen. + +Abb. 31: Eine Skulptur (im Kontext einer Seminargruppe) +Die Skulptur wird in der Regel von einem Mitglied des Systems (der +„Bildhauerin“) gestellt, das bei dem anstehenden Thema am wenigsten +involviert ist. Die Skulptur kann aber auch von der Sozialarbeiterin gestellt diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/516.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/516.md new file mode 100644 index 0000000..bb612e3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/516.md @@ -0,0 +1,31 @@ +werden, um die Mitglieder des Systems durch die Außensicht der +„Fachfrau“ herauszufordern (für die Praxis der Skulpturarbeit siehe von +Schlippe, Molter u. Böhmen 1992–1994). +Skulpturarbeit kann auch in der Aneinanderreihung von vielen +Kleinskulpturen bestehen, welche die verbalen Aussagen seitens der +Therapeutin oder der Mitglieder des als problematisch definierten Systems +darstellend kommentiert. Diese Variante ist vor allem von Satir entwickelt +worden (siehe Satir 1986a, 1987). +Die Skulptur kann „verflüssigt“ werden, indem man ihre Mitglieder +auffordert, sich ihrem Impuls nachgebend eine Position im Raum zu +suchen, die ihrer augenblicklichen persönlichen Befindlichkeit am besten +entspricht, und, wenn sie diese gefunden haben, auch die anderen Aspekte +ihres stummen Verhaltens zu verändern. Die „Bildhauerin“ kann sich +anschließend selbst in das Bild hineinstellen oder sucht sich vorher ein +Double, das sie zuerst in die Skulptur „einbaut“ und mit dem sie +anschließend den Platz tauscht, sodass nun das Double die Position der +„Bildhauerin“ und Beobachterin von außen übernimmt. +Es können auch sprachliche Elemente eingeführt werden, indem +einzelnen Mitgliedern durch die „Bildhauerin“ oder die Leiterin der Sitzung +bestimmte Schlüsselworte bzw. -sätze zugeordnet werden, die sie immer +wieder „in den Raum werfen“ sollen. +Wichtig ist die anschließende Auswertungsrunde (Rollen-Feedback, +siehe Ritscher 1998, S. 289), bei der die verbale Sprache wieder in den +Vordergrund tritt und jede Teilnehmerin an der Skulptur darüber spricht, +was sie während dieses Prozesses bei sich selbst an Gedanken, Gefühlen, +Impulsen wahrgenommen hat. +Die Skulptur kann in Therapie- und Supervisionssitzungen, +Begegnungen mit der Familie in ihrer Wohnung, in Ausbildungs- und +Trainingsseminaren gleichermaßen hilfreich sein. Und in Einzelgesprächen +können die nicht anwesenden anderen Mitglieder des Systems durch Stühle +repräsentiert werden (Ritscher 1988, 1996). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/517.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/517.md new file mode 100644 index 0000000..52eaea6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/517.md @@ -0,0 +1,33 @@ +6.6.2.2.2 Das Familien- bzw. Systembrett +Das von einer Gruppe um Kurt Ludewig entwickelte Familienbrett (Ludewig +et al. 1983) bietet die Möglichkeit, Beziehungskonstellationen nach den +Dimensionen +Nähe – Distanz, +zentral – marginal, +Unterordnung – Überordnung +darzustellen. Hier werden nicht Personen im Raum zu einem Bild +zusammengefügt, sondern Holzklötze auf einem Brett. Deshalb fehlt das in +der Skulptur enthaltene Element der Körpersprache. Das wiederum +erleichtert es vielen Auftraggeberinnen, ihre inneren Bilder von +Beziehungskonstellationen auf dem Brett zu stellen und zu reflektieren. +Denn die Sprache des Körpers bewusst sprechen zu lassen verlangt eine +Öffnung für die und Geborgenheit in der Situation, die nicht zwangsläufig +in jeder professionellen Unterstützungssituation gegeben ist. An diesem +Punkt ist das Familienbrett gegenüber der Skulptur im Vorteil. +Das Familienbrett wurde zunächst für die Darstellung von familiären +Konstellationen entwickelt. Heute, im Zuge der Weiterentwicklung der +Familien- zur Systemtherapie, wird es auch für die visuelle Darstellung +anderer Systeme verwendet. Es kann deshalb auch als Systembrett +bezeichnet werden. Ich verwende im Folgenden beide Bezeichnungen +synonym. +Das Brett hat eine Umrandung, welche die Grenze des inneren Systems +darstellt. Das Feld zwischen Grenzlinie und Kante des Holzbrettes zeigt den +Überschneidungsbereich zwischen den Personen und Elementen des +inneren Systems und solchen, die für dieses noch wichtig, aber dennoch +randständig sind. Die Figuren haben ein Gesicht, damit Blickrichtungen als +Ausdruck der Bezogenheit vs. Beziehungslosigkeit dargestellt werden +können. Die Klötze sind verschieden groß, um die Dimension Unterordnung +vs. Überordnung auszudrücken. Es gibt runde und eckige Klötze, um die +Metapher rund = weiblich und eckig = männlich als psychische +Einschätzung den Mitgliedern des Systems zuordnen zu können (siehe +Ritscher 1998, S. 135 ff.).13 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/518.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/518.md new file mode 100644 index 0000000..7241c78 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/518.md @@ -0,0 +1,20 @@ +Abb. 32: Darstellung eines aus Familie, familiärer Umwelt und +professionellen Helferinnen bestehendes Unterstützungssystem auf dem +Familien- bzw. Systembrett +Abbildung 32 zeigt die Aufstellung einer Familienkonstellation im Rahmen +einer Supervision (siehe Ritscher 1998, S. 135 ff.). Karl, der Indexklient, +lebt mit seiner Stiefmutter allein und wird von einer Sozialarbeiterin +(Beraterin) des sozialpsychiatrischen Dienstes betreut. Der Vater, obwohl +verstorben, spielt noch eine große Rolle für beide und wird deshalb auch in +die Aufstellung einbezogen. Das Gleiche gilt für die leibliche Mutter von +Karl. Nach dem Tod des Vaters lebte lange Zeit ein italienischer Bekannter +mit im Haus, der jetzt nach Italien zurückgekehrt ist, was der Stiefmutter +sehr zusetzt. Sie selbst hat noch sporadischen Kontakt mit zwei Nichten, +Karl mit seiner verheirateten Schwester. Neben der Sozialarbeiterin gibt es +als professionellen Helfer noch den Hausarzt. Abbildung 32 zeigt die zweite +Runde der Aufstellung. In der ersten hatte die Sozialarbeiterin die +Konstellation des gesamten Unterstützungssystems aus ihrer Sicht +dargestellt. In der zweiten Runde geht es um die Frage: „Was würde sich +verändern, wenn die Mutter sterben würde?“ Nach Einschätzung der +Sozialarbeiterin fällt Karl dann in Richtung des Vaters, und die Stiefmutter +rückt von ihren Verwandten weg näher zum Vater. Der Tod würde also das diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/519.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/519.md new file mode 100644 index 0000000..fb5a14f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/519.md @@ -0,0 +1,23 @@ +Kernsystem Karl – Vater – Stiefmutter – Mutter im Kopf von Karl noch +verstärken und ihn systemisch und psychodynamisch destabilisieren. Die +Konsequenz hieße: stationäre Unterbringung, gegen die er sich mit einer +Verstärkung seiner psychotischen Verhaltensweisen wehren würde. +In diesem Beispiel wurde das Familien- bzw. Systembrett in der +Supervision genutzt. Es ist meine Überzeugung, dass alle systemischen +Methoden in allen Kontexten des systemischen Handelns (Beratung, +Therapie, Sozialarbeit, Supervision) verwendet werden können. Damit +werden auch die bislang starren Grenzen zwischen diesen Bereichen +durchlässig. Das Familienbrett kann im Rahmen eine Interviews als visuelle +Strukturierungshilfe für die Gesprächsführung seitens der Helferin, als +Methode für das Sammeln von Informationen und der Erweiterung des +Informationsstandes und als Erkenntnishilfe für die Auftraggeberinnen +hinsichtlich ihrer systemischen Verflechtungen genutzt werden. +Das Familienbrett lässt sich vortrefflich mit den systemischen Fragen +kombinieren. Gerade Auftraggeberinnen, die mit der verbalen Darstellung +ihrer Gedanken und Gefühle Schwierigkeiten haben, bekommen hier eine +Möglichkeit, sich durch eine darstellende Methode dennoch ausdrücken zu +können; und doch muss auf Fragen seitens der Sozialarbeiterin nicht +verzichtet werden. Wie dies geschehen kann, ist in dem Lehrvideo Die +Beierle-Saga dargestellt; hier kommen die Sozialarbeiterin und Manuel +mithilfe des Familienbretts tiefer in das Gespräch, als wenn nur Fragen +gestellt würden (siehe Ritscher et al. 2002). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/520.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/520.md new file mode 100644 index 0000000..85ad7dd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/520.md @@ -0,0 +1,23 @@ +6.6.2.3Primärperspektive Struktur +Hier wird das Augenmerk auf die Beziehungsmuster, Beziehungsqualitäten +und Beziehungsthemen des aktuellen Systems gelegt. + +6.6.2.3.1 Das systemische Soziogramm +Im Soziogramm wird die aktuelle Beziehungskonstellation innerhalb eines +Systems mittels der Einschätzung der Beziehungsqualitäten dargestellt. +Vorbild hierfür ist das von Moreno entwickelte Soziogramm (Moreno 1974; +Ritscher 1998). Es ermöglicht unter der Hier-und-jetzt-Perspektive die +grafische Darstellung und Ordnung von Informationen über die +Beziehungen im System und kann deshalb besonders gut für die +Beschreibung und Hypothesenbildung („Diagnose“) eingesetzt werden. +Moreno hat das Soziogramm als Beschreibung des Ist-Zustandes mit dem +Psychodrama +als +Verfahren +zur +Veränderung +problematischer +Gruppenbeziehungen verknüpft. Es kann in die systemische Arbeit +integriert werden und mithilfe der Rollenspieltechniken zur Veränderung +von Beziehungen im System beitragen (siehe Ritscher 1998, S. 275 ff., 50 +ff.). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/521.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/521.md new file mode 100644 index 0000000..6889412 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/521.md @@ -0,0 +1,36 @@ +6.6.2.3.2 Die Familienlandkarte +Im Folgenden werden die sechs wichtigsten Elemente von S. Minuchins +Theorie der Organisation und Dynamik von Familien dargestellt (vgl. S. +Minuchin 1977; S. Minuchin, Rosman u. Baker 1989; S. Minuchin u. +Fishman 1983; P. Minuchin, Colapinto u. S. Minuchin 1998/2000). Sie +bilden den Kontext der von ihm entworfenen Methode der +Familienlandkarten. +Jedes funktional kommunizierende System benötigt eine Hierarchie. +„Autoritätsmuster, die eindeutig und flexibel sind, funktionieren im +Allgemeinen gut“ (P. Minuchin, Colapinto u. S. Minuchin 2000, S. 35). +Für Familien gilt, dass Elternrollen eine hierarchische Position +beinhalten. Dabei geht es in erster Linie nicht um Macht, sondern um +die Verantwortungsübernahme der älteren, lebenserfahreneren und +mit mehr Ressourcen ausgestatteten Eltern, die ihre Kinder behutsam +und freundlich in das soziale Leben einführen sollten. Dazu benötigen +sie auch Macht, um Entscheidungen eventuell gegen die Kinder +durchsetzen zu können. Diese Führungsstruktur muss in den +Situationen des Alltags etabliert werden, wenn es um die Einhaltung +verbindlicher Zeiten, soziales Verhalten bei den Mahlzeiten oder die +Übernahme bestimmter Verpflichtungen im Haushalt geht. Mit dem +Älterwerden der Kinder wird diese hierarchische Struktur zunehmend +aufgeweicht – auch das ist ein Zeichen von Funktionalität. Minuchin +führt viele soziale Auffälligkeiten von Kindern und Jugendlichen +darauf zurück, dass Eltern die ihrer Rolle zugehörige +Führungsaufgabe nicht übernehmen. Stattdessen definieren sie sich +als Freundin bzw. Freund ihrer Kinder oder sind wegen eigener +Verstrickungen nicht in der Lage, die für eine Konfrontation mit den +Kindern nötige psychische Präsenz herzustellen. +Jedes System erhält sich durch die Interaktion seiner Subsysteme. Es +gibt nach Geschlecht, Generation, Funktion und Interessen +unterscheidbare Subsysteme. Bestimmte Subsysteme existieren +permanent, z. B. das der Eltern, das der Eltern als erwachsenes Paar, +das Subsystem der Großeltern oder der Geschwister. Andere treten +nur zu bestimmten Zeiten oder in bestimmten Räumen in +Erscheinung bzw. ändern ihre personelle Zusammensetzung; das ist +z. B. bei den durch gemeinsame Interessen definierten Subsystemen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/522.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/522.md new file mode 100644 index 0000000..5b3cf65 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/522.md @@ -0,0 +1,28 @@ +der Fall. Subsysteme wie auch Systeme etablieren durch Grenzen +eine Unterscheidungsbeziehung zu ihren Umwelten. Minuchin hat drei +Typen von Grenzen beschrieben: starre – die Grenzen sind kaum +durchlässig, diffuse – es gibt keine deutlichen Grenzen, und +funktionale. +Anhand der funktionalen Grenze werden auch ihre Gegenpole +bestimmbar. Eine funktionale Grenze lässt einerseits den Austausch +bestimmter Informationen zu, der Austausch anderer Informationen +hingegen wird blockiert. +Ein Beispiel: Ist die Beziehung zwischen dem Eltern- und dem +Kindersubsystem funktional-durchlässig, werden die Kinder im Sinne +der Metapher der notwendigen „offenen Türen“ ihren Eltern über den +Schulalltag und auch schlechte Schulnoten berichten; denn sie haben +keine Angst vor negativen Überreaktionen. Die Eltern werden im +Gegenzug Geschichten über ihre Schulfreundschaften, schlechte +Noten und die Beziehungen zu beliebten und unbeliebten +Lehrerinnen erzählen; so stellen sie eine beide Generationen +gefühlsmäßig verbindende Beziehung her. Andererseits werden Eltern +die Einzelheiten ihrer sexuellen Beziehung im Sinne der Metapher von +den notwendigen „geschlossenen Türen“ nicht im Beisein der Kinder +erörtern. Auch die zu Jugendlichen oder jungen Erwachsenen +herangereiften Kinder werden für sich entscheiden, ob sie mit den +Eltern über ihre ersten sexuellen Erfahrungen sprechen wollen oder +ob sie diese Form der Intimität eher mit Peers suchen wollen. + +Abb. 33: Durchlässige intergenerationale Grenze in der Familie +Eine hinsichtlich der Sexualität diffuse Grenze bringt die Gefahr von +Inzest und sexueller Gewalt mit sich und ist in diesem Sinn diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/523.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/523.md new file mode 100644 index 0000000..314fdd6 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/523.md @@ -0,0 +1,39 @@ +dysfunktional; dadurch werden Kinder traumatisiert, und das gesamte +Familiensystem wird in die Krise getrieben. Eine starre Grenze +hinsichtlich der für die gegenseitige Bindung hilfreichen Themen fördert +zentrifugale Kräfte und ist ebenfalls dysfunktional. +Die einzelnen Elemente eines Systems (Subsysteme) sind +wechselseitig voneinander abhängig und durch Muster miteinander +verknüpft. An anderer Stelle verwendet Minuchin statt Muster auch +den Begriff Struktur. Muster bzw. Strukturen entstehen durch immer +wiederkehrende gleiche bzw. ähnliche Verhaltensweisen, mit denen +sich die Mitglieder des Systems zueinander in Beziehung setzen. Sie +enthalten Grenzbildungen, Koalitionen, verschiedene Intensitäten der +Beziehung und chronifizierte offenen oder verdeckte Konflikte. In +seinen Forschungen mit psychosomatischen Familien, speziell mit +Familien, in dem ein Kind sich anorektisch zeigt, hat Minuchin vier +grundlegende +Beziehungsmuster +identifiziert: +Verstrickung, +Konfliktvermeidung, Überfürsorglichkeit und Starrheit (S. Minuchin, +Rosman u. Baker 1989). +Innerhalb dieser Muster gibt es unterschiedliche Intensitäten der +Beziehung: überengagierte, funktionale und distanzierte. Die +überengagierte Beziehung – ich persönlich nenne sie, um eine +negative Konnotation zu vermeiden, „sehr nahe Beziehung“ – findet +sich vor allem im Kontext des verstrickten Musters. In diesem geht es +jedem Familienmitglied nur dann gut, wenn es jedem anderen gut +geht, und dafür haben alle zu sorgen. Distanzierte Beziehungen +finden wir vor allem bei einer zentrifugalen Beziehungsdynamik oder +innerhalb eines komplementären Musters, wenn ein Elternteil eine +sehr enge und der andere eine sehr distanzierte Beziehung zu den +Kindern lebt. Funktional wäre wiederum eine Mittelposition zwischen +beiden Polen. Einerseits erlaubt sie den Kindern von den +Erwachsenen nicht kontrollierte Freiräume, in denen sie vielleicht +auch schmerzhafte, aber eben doch eigene Erfahrungen machen +können und ihnen auch die Mühe der eigenen Bewältigung +schwieriger Situationen nicht erspart bleibt. Andererseits muss ein +fürsorgliches Interesse seitens der Eltern diese Nischen einrahmen; +sie werden dann helfend eingreifen, wenn Kinder schwierige +Situationen aus eigener Kraft nicht oder nur unter größeren diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/524.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/524.md new file mode 100644 index 0000000..2c1ec40 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/524.md @@ -0,0 +1,43 @@ +Gefährdungen bewältigen können. Das schließt Nähe, die auch +körpersprachlich gezeigt werden kann, mit ein. +Neben den Beziehungsintensitäten und Grenzbildungen markiert +Minuchin in seinen Familienlandkarten und Triangulationsmodellen +auch unterschiedliche Koalitionen (gegen ein anderes Mitglied des +Systems gerichtete Bündnisse), verdeckte bzw. offene Konflikte und +Konfliktumleitungen (S. Minuchin 1977, S. 70 ff.) (Abb. 31). +Die Familie beschreibt Minuchin als ein „Holon“, d. h. eine Ganzheit, +in der die einzelnen Subsysteme durch ihre Interaktionen das Ganze +hervorbringen. Als System hat sie die Funktion, sich zu erhalten; als +Bündnis sichert sie die für eine funktionale Sozialisation der Kinder +notwendige Kontinuität und Nähe. In diesem Sinne ist sie die „Matrix“ +von Identitätsentwicklung, Wachstum und Heilung (siehe S. Minuchin +1977, S. 65, 141). +Die Familienlandkarten sind vor allem als „diagnostische“ Methoden zu +verwenden und müssen als hypothetische Momentaufnahmen einer +Familienkonstellation zu einer bestimmten Zeit, in einem bestimmten +sozialen Raum und hinsichtlich eines bestimmten Themas verstanden +werden. Nur wenn diese erkenntnistheoretische Einschränkung ernst +genommen +wird, +ist +es +zu +verantworten, +mit +diesen +komplexitätsreduzierenden Mustern zu arbeiten. Wird sie außer Acht +gelassen, entsteht eine pathologisierende und chronifizierende Diagnose, +die den Charakter einer „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ annehmen +kann. +Familienlandkarten stellen Beziehungsmuster unter dem Blickwinkel der +Grenzen und Generationenebenen (Eltern und Kinder oder auch Eltern, +Kinder und Großeltern) dar. Sie können über die Zeit hinweg stabil bleiben +– müssen es aber nicht. Je chronifizierter, unflexibler und starrer ein +Familiensystem organisiert ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass zeitlich +unterschiedliche Momentaufnahmen immer wieder die gleiche Struktur +rekonstruieren. Es geht um die Grenzziehung zwischen den generationalen +Subsystemen und innerhalb der einzelnen Subsysteme. Die Grenzen +können diffus, durchlässig oder starr sein. Im Sinne Minuchins ist die +durchlässige Grenze „funktional“, die beiden anderen Arten werden als +„dysfunktional“ bewertet, d. h., sie verhindern mehr oder weniger eine +kulturell akzeptable Sozialisation der Kinder und eine befriedigende diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/525.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/525.md new file mode 100644 index 0000000..65a5475 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/525.md @@ -0,0 +1,22 @@ +Paarbeziehung der Eltern. Die einzelnen Familienmitglieder können +entsprechend ihren Alters- und Familienrollen generational angemessen +(„funktional“) oder unangemessen („dysfunktional“) platziert sein. Im Falle +einer „dysfunktionalen“ Platzierung werden Kinder in eine Elternfunktion für +ihre Geschwister und/oder ihre Eltern („Parentifizierung“, BoszormenyiNagy 1975) bzw. eine Partner-/Partnerinfunktion für Vater und/oder Mutter +(familiäre „Strukturverschiebung“, Lidz et al. 1972) gedrängt. +Als Beispiele verwende ich die Landkarte einer funktionalen und einer +dysfunktionalen Familienkonstellation. +„Funktionale“ Familienstruktur: + +Hypothesen zur aktuellen Familienstruktur: Vater (V) und Mutter (M) sind +auf der Eltern- und Paarebene verortet; es gibt eine angemessene +Generationengrenze zwischen dem Eltern- und dem Kindersubsystem; +insofern lässt sich eine auf einem angemessenen Informationsaustausch +beruhende Kooperation und Abgrenzung zwischen den beiden +Generationenebenen vermuten. +Mutter-Exekutive mit generationaler Aufwärtsbewegung des Sohnes: + +Hypothesen zur aktuellen Familienstruktur: Eine versorgende Mutter (M) +mit angemessenen Beziehungen zu ihren beiden Töchtern (K2 und K3); ihr +Sohn (K1) befindet sich in der Tendenz, auf die Eltern- bzw. Paarebene zu +wechseln und hier den von der Mutter/Partnerin entfremdeten diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/526.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/526.md new file mode 100644 index 0000000..f4544f3 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/526.md @@ -0,0 +1,43 @@ +Vater/Partner zu ersetzen; damit gerät er eventuell in eine +Konkurrenzbeziehung zu seinen beiden Schwestern. Der Vater (V) agiert +auf der Kinderebene. Zwischen ihm und seinen Töchtern gibt es eine +diffuse, d. h. sehr durchlässige Grenze. Insofern weist dieses System eine +erhöhte „Inzestvulnerabilität“ (Trepper u. Barret 1991) auf, d. h., dieses +System ist strukturell gefährdet hinsichtlich der Verletzung des Inzesttabus. + +6.6.2.3.3 Ich – Du – Wir und Familie in Kreisen +Müssig hat zwei Methoden entwickelt, bei der die Familienmitglieder +aufgefordert werden, ihre Familie mithilfe von Symbolen zu zeichnen +(Müssig 1991). Sie lassen die Strukturen des Systems erkennbar werden +und ermöglichen thematische Hypothesen anhand der von den +Familienmitgliedern verwendeten ikonischen Symbole. Darüber hinaus +bieten sie einen Freiraum für kreative Gestaltungen; sie sind als Aufgabe +während der Sitzung und als „Hausaufgabe“ zu verwenden. +Bei Ich – Du – Wir wählen sich die Familienmitglieder Symbole für +diese +drei +Wörter, +die +zugleich +drei +Teilsysteme +des +Gesamtfamiliensystems darstellen. Sie können ein DIN-A3Zeichenblatt dafür verwenden. Allein schon die Positionierung auf +dem Blatt (z. B.: Wird ganze Blatt oder nur ein Teil davon genutzt?) +und die Wahl der Symbole lässt Hypothesen über die Selbstwert- und +Identitätszuschreibung der Familienmitglieder hinsichtlich ihrer +Person und der ganzen Familie zu. Wenn z. B. der Sohn die Mutter als +Maus, den Vater als Löwen und sich selbst als kleines Vögelchen +malt, dient dies als Beitrag zur Hypothesenbildung bezüglich der +Machtverhältnisse in der Familie. Diese Bilder können als +Ausgangspunkt für ein Gespräch mit der Familie zum Thema +„Welchen Platz findet jedes Familienmitglied in diesem System?“ +genutzt werden. +Familie in Kreisen folgt dem gleichen Muster, nur dass hier das +Symbol selbst, ein Kreis, für jedes Familienmitglied vorgegeben wird. +Hier können kleine oder große, dick abgegrenzte oder gepunktete, +eingedellte (beschädigte) oder ganze Kreise verwendet werden. Sie +können in der Mitte des Blattes, ganz außen, weit voneinander +entfernt oder ganz nahe gezeichnet werden. Auch das lässt +Hypothesen zu und dient als Material für Familiengespräche zu den +Themen Selbstwert, Grenzen, Identität und Beziehungsintensität. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/527.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/527.md new file mode 100644 index 0000000..0ec56ca --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/527.md @@ -0,0 +1,21 @@ +6.6.2.4Primärperspektive Körpersprache +Satir hat immer die Körpersprache als Aspekt des familientherapeutischen +Handelns betont. Ihre vier Kommunikationstypen (siehe 2.4.3.2.2.2.3) +zeigen dies genauso deutlich wie Videoaufzeichnungen mit von ihr +geleiteten Therapiesitzungen (Satir 1986a, 1987). +Sie hat deshalb auch in ihrer Skulpturarbeit besonderen Wert auf die +Körpersprache und die eigenen Körperempfindungen (Kinästhesien) der bei +ihr Unterstützung suchenden Menschen gelegt. Dass dieser Bereich von +Grinder und Bandler als drittes wichtiges Repräsentationssystem in die +Kommunikations- und Wahrnehmungstheorie eingeführt wurde, geht +sicherlich zu einem großen Teil auf sie zurück (vgl. 2.4.3.2.2.2.4 und +Bandler, Grinder u. Satir 1978). Satir entwickelte auch Übungen, durch die +Beziehungskonstellationen dargestellt wurden, ihre Rückwirkung auf die +Körperempfindung der Beteiligten thematisiert und daraus die Frage +abgeleitet wurde, ob man sich in einem solchen Beziehungsnetz wohl fühlt +oder nicht. Sie gab z. B. den Mitgliedern eines „verstrickten“ Systems Seile, +mit denen sie sich verbinden, verwickeln und gleichzeitig versuchen sollten, +ihre Bewegungsfähigkeit zu behalten (was oft nicht gelang, Satir 1989, S. +194 ff.). Daraus ergeben sich Gespräche über „Ver-wicklungen“ und +Möglichkeiten der „Ent-wicklung“, die allen Beteiligten Freiräume bei +gleichzeitiger Bezogenheit ermöglichen könnten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/528.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/528.md new file mode 100644 index 0000000..1a24493 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/528.md @@ -0,0 +1,38 @@ +6.6.2.5Primärperspektive nonverbale Symbole +Symbolische +Formen +jenseits +der +definierenden +und +den +Bedeutungsspielraum möglichst einschränkenden Wörter des öffentlichen +Sprachgebrauchs eröffnen einen Freiraum für kreative metaphorische +Wortspiele, fantasievolle Bilder und den die Gefühle ohne große Umwege +erreichenden Klang der Musik. Aus dem hier zur Verfügung stehenden und +von jeder Sozialarbeiterin nach den eigenen Möglichkeiten kreativ zu +erweiternden Methodenspektrum wähle ich als Beispiel Familien in Tieren +aus (Brem-Gräser 1986). Diese Methode entstammt der traditionellen +Kinderdiagnostik und -therapie; sie lässt sich auch in Familien- bzw. +systemischen Einzeloder Paarsettings nutzen. Die Mitglieder des +betreffenden Systems werden aufgefordert, ihre Familie symbolhaft in Tiere +zu verwandeln und diese auf einem Zeichenpapier in Beziehung zueinander +zu bringen. Die Aufforderung hierzu lässt sich je nach Alter und kreativer +Freude der Beteiligten variieren. +Kindern kann man diese Aufgabe mit folgenden Worten anbieten: „Stell +dir vor, du wärst ein großer und mächtiger Zauberer/eine große und +mächtige Zauberin und könntest mit deinem Zauberstab und einem +Zauberspruch deine ganze Familie in Tiere deiner Wahl verwandeln – +Mutter, Vater, Geschwister, auch Omas, Opas, Tanten und Onkel, wenn sie +dir wichtig sind. Nimm ein Blatt Papier, denk dir, wenn du magst, einen +Zauberspruch aus, stell dir die Tiere vor und zeichne sie, dass sie eine +Tierfamilie sind. Zum Schluss verzauberst du dich auch. Das Zaubern ist +toll, weil hinterher kannst du alle wieder in Menschen zurückverzaubern.“ +Für Erwachsene wird man diese Aufgabe etwas weniger blumenreich +formulieren, z. B.: „Welches Tier würden Sie jedem Mitglied Ihrer Familie +zuordnen?“ +Die gewählten Tiere bieten viele Hypothesen darüber, wie die +Familienmitglieder sich selbst und die anderen hinsichtlich Identität, +Selbstwert, Entwicklungsperspektiven, Begabungen und Interessen +einschätzen. Das wiederum ergibt viele Anknüpfungspunkte für +entsprechende Gespräche und eventuelle weitere Aufgaben, Rituale usw. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/529.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/529.md new file mode 100644 index 0000000..e34b44d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/529.md @@ -0,0 +1,29 @@ +6.6.2.6Primärperspektive Subsystem-System-UmweltBeziehungen +Bei dieser Perspektive geht es um den ökologischen Aspekt des +systemischen Ansatzes: Ein System steht mit seiner Umwelt, die wiederum +aus Systemen besteht, in einem kommunikativen und materiellen +Austausch. Es ist zugleich Umwelt und integrierender Rahmen für seine +Teilsysteme. Im Sinne des ökologischen Paradigmas ist es erforderlich, dass +dieser Subsystem-System-Umwelt-Austausch zu einer Balance zwischen +diesen drei Bereichen führt und ihre innere Stabilität aufgrund ihrer +gemeinsamen Entwicklung und Veränderung (Koevolution) ermöglicht. +Um die Komplexität dieser Austauschbeziehungen zu erfassen, ist ihre +Visualisierung im ökosozialen Systembild sehr hilfreich. Seine theoretische +Basis ist das ökosoziale Modell der Systemebenen (siehe 3.1). +In seiner ersten Variante wird das Mikrosystem Familie mit einzelnen +formellen und informellen Unterstützungssystemen seines Umfeldes in +Beziehung gesetzt (Abbildung 34). Es wird in erster Linie die Bildung von +Mesosystemen beleuchtet, an denen das Mikrosystem Familie beteiligt ist. +Exosysteme wie das Jugend- oder Sozialamt kommen in diesem Modell +dann ins Spiel, wenn sie über ihre Repräsentantinnen einen konkreten +längerfristigen Kontakt mit dem Mikrosystem Familie und den mit ihm +gebildeten Mesosystemen herstellen. Diese Repräsentantinnen treten dann +aus dem anonymen Kontext eines Exosystems heraus und bilden selbst ein +Mesosystem, in dem sie, die Familie und eventuell noch andere für die +Familie wichtige Systeme vertreten sind. Durch den Gebrauch der Symbole +für die Einschätzung der Beziehungsqualitäten wird ein weiterer Aspekt der +Systemvernetzung eingeführt. +Eine zweite Variante des ökosozialen Systembildes umfasst alle vier +Ebenen des Modells von Bronfenbrenner. Es stellt ihre Verknüpfung dar und +ermöglicht es, die personalen und normativen Systeme der sozialen +Umwelt bis hin zum Makrosystem mit der Familie in Beziehung zu setzen.14 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/530.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/530.md new file mode 100644 index 0000000..e69de29 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/531.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/531.md new file mode 100644 index 0000000..72f0712 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/531.md @@ -0,0 +1,7 @@ +Abbildung 34: Das ökosoziale Systembild +Beide Varianten dienen vor allem der „Diagnose“ und der Suche nach +Ansatzpunkten für positive Veränderungen innerhalb des Familiensystems +durch Veränderung seiner Umweltbezüge. Sie ermöglichen es, „größere +Systeme“ (Imber-Black 1990) als Einflussfaktoren für den innerfamiliären +Prozess (z. B. Gesetze auf der makrosystemischen Ebene) visuell zu +verdichten und so auf einen Blick darzustellen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/532.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/532.md new file mode 100644 index 0000000..67cd93f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/532.md @@ -0,0 +1,35 @@ +6.6.3 Methoden zur Strukturierung des Settings +Wenn wir die These von der Unmöglichkeit instruktiver Interaktion in einem +demokratisch organisierten Kontext ernst nehmen, liegen die +Beeinflussungsmöglichkeiten der Sozialarbeiterin weniger im Bereich der +direkten personalen Beziehung zwischen ihr und den Auftraggeberinnen, +sondern mehr in der Etablierung eines ihre gemeinsame soziale Situation +strukturierenden Rahmens. Er soll Bedingungen schaffen, mit der die +Gewinnung von neuen Informationen, Perspektiven, Einsichten, +Handlungsoptionen und Handlungsschritten durch die Auftraggeberinnen +realisiert werden können. +Setting bezeichnet die raum-zeitlich strukturierte kommunikative +Situation, in der sich Hilfesuchende und professionelle Helferinnen +zusammenfinden. +Die Anordnung Couch/Sessel im Arbeitszimmer einer Analytikerin wird +durch die psychoanalytische Grundregel „Sage alles, was dir in den Kopf +kommt, auch das scheinbar unwichtige und bedrohliche“ begründet; diese +Aufforderung lässt sich von der Analysandin leichter realisieren, wenn die +Analytikerin sich nicht in ihrem Blickfeld befindet und das Liegen +Entspannung statt Anspannung fördert. +Die systemtherapeutische Grundregel „Sage nur das, was du sagen +möchtest, und übernimm die Verantwortung für deine Beiträge zur +Beziehungsdynamik“ erfordert dagegen Blickkontakt und legt den +Stuhlkreis nahe; die psychodramatische Grundregel „Setze deine Gedanken +und Gefühle in Szene“ benötigt eine freie Spielfläche, einen großen Raum +und Requisiten. +Das Setting setzt sich aus folgenden Komponenten zusammen:15 +Einrichtung und Größe des Raumes; +Zuordnung der Stühle, z. B. kreisförmig, gegenüberstehend, im +Dreieck, Viereck, Fünfeck angeordnet, eine freie Fläche oder ein die +Grenze betonender Tisch zwischen ihnen; +Art der Sitzgelegenheiten: Stühle, Sessel oder Sitzkissen; +Anzahl und formale Beziehungsdefinition der Auftraggeberinnen: +Einzelperson, ein Paar, eine Familie oder eine nur für den Hilfeprozess +sich zusammenfindende („artifizielle“) Gruppe; +Anzahl der professionellen Helferinnen: Einzelperson oder Team; diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/533.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/533.md new file mode 100644 index 0000000..8bfa5b7 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/533.md @@ -0,0 +1,18 @@ +Teilnehmende Beobachterinnen im Raum oder hinter dem +Einwegspiegel; +Formen der Dokumentation: Video, Tonband, Protokoll; +besonderer organisatorischer Rahmen des Kontaktes (eine +Beratungsstelle oder das Gebäude des Jugendamt) vs. Alltagskontext +(Kindergarten, Schule, Wohnung, Straße, Spielplatz); +grundlegende Regeln. +Die Methoden zur Strukturierung des Settings habe ich mehreren +Primärperspektiven zugeordnet. Allerdings wird durch ihre Verwendung +keine kausale lineare Beziehung zwischen den Interventionen der +Sozialarbeiterin (Input) und den Handlungen der Auftraggeberinnen +(Output) +hergestellt; +es +werden +Einzelmerkmale +einer +Unterstützungssituation beschrieben, die zur Veränderung einladen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/534.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/534.md new file mode 100644 index 0000000..6743a44 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/534.md @@ -0,0 +1,35 @@ +6.6.3.1Primärperspektive Interviewstruktur: Das +Fünfphasenmodell des systemischen Interviews +Das von der ursprünglichen Mailänder Gruppe entworfene Phasenmodell +des systemischen Interviews strukturiert den Prozess, den das +Unterstützungssystem während einer Sitzung durchläuft (vgl. Tomm 1984, +1994). +1. Phase: Sie beginnt mit der Anmeldung der zu diesem Zeitpunk +noch potenziellen Auftraggeberinnen. Die dabei erhaltenen +Informationen dienen dem Team als Grundlage für die Bildung von +ersten Hypothesen über die Familie und ihre kommunikative Bindung +an das benannte Problem. Ohne eine fundierte Theorie über das +System Familie, seine Kontexte, Organisationsmuster und Dynamik +hätte die Hypothesenbildung gerade in dieser Anfangsphase wenig +Grundlage. Dazu gehört auch eine professionelle, theoriegeleitete +Fragehaltung seitens des Teammitglieds, das die Anmeldung +entgegennimmt. So wird schon das Anmeldungsgespräch am Telefon +zu einem ersten systemischen Interview. Die hier gestellten Fragen +müssen sich gezielt auf Informationen richten, die für die anfängliche +Hypothesenbildung wichtig sind: Daten für die Erstellung eines ersten +Genogramms, Hinweise auf die Zusammensetzung der aktuellen +Familie („Wer wohnt unter dem gemeinsamen Dach, wer direkt +daneben?“), eine kurze Problembeschreibung und Informationen zum +Überweisungskontext. +2. Phase: Die Familie und möglichst zwei Mitglieder des Hypothesen +bildenden Teams führen ein Gespräch mithilfe der bisher +beschriebenen Methoden und Richtlinien. Hinter dem Einwegspiegel +wird es von anderen Teamkolleginnen verfolgt. +3. Phase: Nach ca. einer Stunde wird das Gespräch durch eine Pause +unterbrochen. Die Teammitglieder besprechen den bisherigen Verlauf +und passen die ersten Hypothesen den neu gewonnen Informationen +an. Auf deren Grundlage entwerfen sie einen Abschlusskommentar +und eventuell eine „Hausaufgabe“. Die Familie kann die Pause frei +nutzen. Möglicherweise sprechen sie miteinander über das bisherige +Interview, andere Themen, oder die Mitglieder separieren sich +voneinander. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/535.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/535.md new file mode 100644 index 0000000..b2043bc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/535.md @@ -0,0 +1,38 @@ +4. Phase: Die Teammitglieder kehren in den Therapieraum zurück +und konfrontieren die Familie mit dem erarbeiteten Kommentar und +der „Hausaufgabe“, wenn ein neuer Termin vereinbart wurde. +5. Phase: Das Team bespricht, wie die Familie auf Kommentar und +Aufgabe reagiert hat, und bildet Hypothesen darüber, wie die Familie +damit bis zum nächsten Gespräch umgehen wird und welche Folgen +dies hinsichtlich des Problems haben könnte. +Die Phasen zwei bis fünf werden auf Video aufgezeichnet. +Dieses erste Konzept wurde in der Folgezeit in mehrfacher Hinsicht +flexibilisiert: +Die Pause wurde zu einer zentralen Methode. Sie ermöglicht den +Interviewerinnen +die +Übernahme +der +distanzierenden +Außenperspektive, die ihnen im Gespräch verloren ging, weil hier die +Perspektive der Identifikation und des kurzfristigen „Eintauchens in +die familiäre Konstellation“ betont wird. Sie wird dadurch zur Instanz +der Metakommunikation schon während des Gespräches. +Supervision, Teamgespräch und Selbstevaluation sind dagegen +Instanzen der Metakommunikation nach dessen Beendigung. Die +Pause wird deshalb als Interpunktion im Prozess genutzt, wenn die +vor oder hinter der Scheibe befindlichen Teammitglieder die +Notwendigkeit einer Metakommunikation feststellen. Das wird der Fall +sein, wenn sie den Verlust der Neutralität und Allparteilichkeit +feststellen, sich selbst oder die Kolleginnen verwirrt, müde, +demotiviert und ideenlos erleben, bei den Familienmitgliedern die +Emotionen hochkochen und ihre Verhaltensweisen rätselhaft, bizarr, +destruktiv und widerständig werden. Die Familie oder ein Teilsystem +kann für die Pause eine Aufgabe erhalten, z. B. erhält in der BeierleSaga Frau Berger die Aufgabe, Manuel das zu sagen, was sie in +Anwesenheit des Vaters nicht ansprechen kann. +Durch das Reflecting Team kann die Familie in die +Pausenbesprechung mit einbezogen werden. +Die vierte Phase (Abschlusskommentar und „Hausaufgaben“) ist kein +notwendiges Element mehr, sondern wird von den Erfordernissen der +Situation abhängig gemacht. Der bisherige Gesprächsprozess hat +vielleicht so viele neue Informationen, Perspektiven und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/536.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/536.md new file mode 100644 index 0000000..a0571c0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/536.md @@ -0,0 +1,25 @@ +Handlungsmöglichkeiten erbracht, dass ein Kommentar den +Abschluss eher entdichtet als sinnvoll verdichtet. +Die bislang hinter dem Einwegspiegel sitzenden Teammitglieder +können das Gespräch im Therapieraum außerhalb des Stuhlkreises +verfolgen und damit direkt in das Gespräch eingreifen. +Im professionellen Alltag ist es eher unwahrscheinlich, dass für jede +Sitzung ein Viererteam zur Verfügung steht. Die Beobachterinnen +hinter der Scheibe oder im Raum müssen dann durch Video oder +Tonband ersetzt werden. Den Pausendialog muss die Sozialarbeiterin +dann mit sich selbst führen. Ein Hilfsmittel, damit aus ihrem inneren +Monolog dennoch ein Dialog werden kann, ist die Verwendung von +Stühlen. Sie kann sich auf einem Stuhl mit der Rolle einer vertrauten +Kollegin identifizieren, als diese sprechen und sich dann auf den +anderen Stuhl setzen, auf dem sie selbst hört und spricht. +Diese +Interviewstruktur +kann +auch +außerhalb +einer +Therapieeinrichtung verwendet werden. Dann findet das Gespräch +vielleicht im Wohnzimmer der Familie statt, die technischen +Möglichkeiten sind beschränkt, und zur Pause müssen die +Sozialarbeiterinnen den Raum verlassen, während die Familie dann +wieder ihr Wohnzimmer in Besitz nehmen kann. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/537.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/537.md new file mode 100644 index 0000000..e86c08f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/537.md @@ -0,0 +1,42 @@ +6.6.3.2Primärperspektive Team + +Teamarbeit ist ein zentraler Bestandteil der systemischen Arbeit. Schon die +Gründungsväter und -mütter der Familientherapie theoretisierten und +praktizierten überwiegend in Gruppen, weil ihnen der kommunikative +Aspekt der Arbeit ein besonderes Anliegen war und die Gruppe als +kreativitätsfördernder Kontext verstanden wurde. In den dialogischen +Situationen des Teams entstehen unterschiedliche Wahrnehmungen, +hypothetische Beschreibungen, Erklärungen und Interventionsideen +aufgrund +unterschiedlicher +Vorannahmen, +Perspektiven +und +Identifikationen. Die eine Kollegin kann sich besser auf die Mutter +einstellen, der Kollege vielleicht auf den Vater. Vom Platz neben dem Sohn +aus sind dessen Köpersignale vielleicht deutlicher wahrzunehmen, aber +dafür ist der Kontakt zu anderen Familienmitgliedern weniger intensiv. Eine +Kollegin achtet möglicherweise stärker auf die Gender-Perspektive, eine +andere interessiert sich besonders für die materielle Situation der Familie, +wieder eine andere misst der Geschwisterbeziehung eine besondere +Bedeutung zu und richtet deshalb ihren Beobachtungsfokus auf dieses +familiäre Teilsystem. Diese Unterschiede führen zu verschiedensten neuen +Informationen, Beschreibungen, Erklärungen und Interventionsideen +jenseits der alten – es entsteht ein dialektischer Wachstumsprozess der +Erkenntnis und des Unterstützungssystems. +Das Team kann bei der Methode des Splittings genutzt werden, um die +Auftraggeberinnen mit unterschiedlichen Meinungen, Ratschlägen oder +Kommentaren zu konfrontieren. Kollege X unterstützt z. B. die Idee der +Mutter, dass die schlechten Schulergebnisse ein Anlass zur Besorgnis seien, +Kollege Y kann sich mit der Meinung des Vaters anfreunden, dass sich +dieses Problem „verwachse“. Oder die Kollegen überbringen der Familie +nach der Pause unterschiedliche Stellungnahmen der Beobachterinnen +hinter der Scheibe: Kollegin A findet, dass die Familie sich noch mehr um +die Schulleistungen des Kindes kümmern soll, Kollege B schlägt stattdessen +vor, dass sich der Vater mit dem Sohn abends zum Fahrradfahren +verabredet. So können unterschiedliche Ideen und Lösungswege „gesät“ +und von unterschiedlichen, darauf besonders ansprechbaren Teilsystemen +aufgegriffen werden. Die beiden das Interview leitenden Teammitglieder +können auch vor der Familie kontrovers diskutieren, dadurch indirekt +unterschiedliche Informations- und Lösungsangebote vorschlagen und +zugleich die Botschaft vermitteln, dass Meinungsunterschiede konstruktiv diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/538.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/538.md new file mode 100644 index 0000000..26a9996 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/538.md @@ -0,0 +1,25 @@ +gelöst werden können. Dadurch wird die Idee von der nur einen Wahrheit +unterlaufen. Das lässt sich vor allem bei streitfreudigen Familien nutzen, in +denen dichotomisch um Wahrheit und Macht gekämpft wird. Für die +Beachtung der Gender-Perspektive ist es hilfreich, wenn das Team aus +Frauen und Männern besteht. +Durch das „Reflecting Team“ (Andersen 1990) wird das Team um die +Auftraggeberinnen erweitert. Dieses Konzept macht die Familie zu einem +gleichberechtigten Mitglied der therapeutischen Situation. Die Profis +besprechen ihre Beobachtungen und Interventionsideen in der Pause nicht +mehr unter ihresgleichen, sondern die Familie sitzt hinter dem +Einwegspiegel, beobachtet und hört zu. Sie kann nach der Pause direkt +Stellung nehmen, den Hypothesen der Profis widersprechen, sie +akzeptieren, ausweiten und deren Konsequenzen zum Thema machen. Das +stärkt den Selbstwert der Familie und ihre Selbstorganisationsmuster; +wenig plausible Hypothesen können schneller aufgegeben bzw. verändert +werden. Eine schädliche Eigendynamik des Unterstützungssystems lässt +sich dadurch unterbrechen, eine positive hingegen verstärken. Ohne den +Einwegspiegel ist diese Umdrehung der Verhältnisse noch einfacher zu +lösen, da sich alle Mitglieder des Unterstützungssystems im selben Raum +befinden. Das Reflecting Team hat auch einen ethischen Effekt: Die +Fachkräfte werden gezwungen, ihre Überlegungen hinsichtlich der Familie +respektvoll und verstehbar zu formulieren. Dieser Respekt ist ein +wesentlicher Garant für die wechselseitige Ankoppelung von Familie und +Sozialarbeiterin. So wird vermieden, dass jene zum Opfer professioneller +Manipulationsstrategien wird. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/539.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/539.md new file mode 100644 index 0000000..f0abb58 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/539.md @@ -0,0 +1,36 @@ +6.6.3.3Primärperspektive Adressatinnen/Auftraggeberinnen +Hier richtet sich die Aufmerksamkeit auf die beim Gespräch anwesenden +Mitglieder der Familie. +Kindern wird angeboten, in die Spielecke zu gehen, aber zugleich „die +Ohren zu spitzen, damit sie alles, was sie wichtig finden, auch +mitbekommen“. Oder sie erhalten eine Aufgabe, die ihnen Spaß +macht und sie anregt, einen nichtsprachlich-symbolischen +Kommentar zur Familien- und augenblicklichen Gesprächssituation zu +gestalten. Hier bieten sich darstellende Methoden wie Familien in +Tieren, eine gemeinsame Zeichnung oder ein Handpuppenspiel an. +So bleiben sie in der gemeinsamen Situation und überlassen dennoch +den Erwachsenen das Feld der Verantwortung und Initiative. +Durch das Reflecting Team wird der Rückkoppelungsprozess zwischen +Familie und Team gestärkt und die Familie als Kooperationspartnerin +und nicht als zu „behandelndes“ Objekt definiert. Damit wird dem +Konzept des Empowerments (siehe 5.2.6) Rechnung getragen. +Das Joining, der „Anschluss“ der Therapeutin an das Familiensystem, +ermöglicht den steten Wechsel zwischen einer die Identifikation +fördernden Nähe und einer der nüchternen Beobachtung dienlichen +Distanz zu den Mitgliedern der Familie. In diesem Wechselspiel passt +sich die Therapeutin an den familiären Kommunikationsstil an, indem +sie die Sprachformen der Familie adaptiert oder auf von ihr +angebotene Themen eingeht; anderseits sperrt sie sich gegen +Einladungen, den Regeln des Familienspiels reflexionslos zu folgen. +„Um sich einem Familiensystem anzuschließen, muß der Therapeut +die Organisation und den Stil der Familie akzeptieren und sich ganz +zu eigen machen. Er muß die transaktionellen Muster der Familie und +die Stärke dieser Muster an sich selbst erfahren. Das heißt, er sollte +den gleichen Schmerz empfinden können wie das Familienmitglied, +das ausgeschlossen oder als Sündenbock verfolgt wird, und die +gleiche Freude wie derjenige, der geliebt wird, auf den man +angewiesen ist oder der in anderer Weise in der Familie seine +Bestätigung findet … Im Zusammentreffen der Familie mit dem +Therapeuten liegen die Faktoren, die ihm die Familie bekannt +machen. Dieser Prozeß kann nicht einseitig sein: In dem Maße, in +dem der Therapeut sich anpaßt, um sich der Familie anzuschließen, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/540.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/540.md new file mode 100644 index 0000000..d1913df --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/540.md @@ -0,0 +1,7 @@ +muß sich auch die Familie anpassen, um sich ihm anzuschließen“ +(Minuchin 1977, S. 156 f.). +Die Sozialarbeiterin folgt z. B. den Regeln des Joinings, wenn sie einen +Streit unterbricht; sie missachtet dabei bewusst die im Familienalltag +geltende unbewusste Absprache, dass alle Mitspielerinnen sich in diesen +einmischen; dadurch übernimmt sie vielleicht kurzfristig eine bislang nicht +besetzte Führungsposition im System. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/541.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/541.md new file mode 100644 index 0000000..b85abb9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/541.md @@ -0,0 +1,43 @@ +6.6.3.4Primärperspektive Vernetzung von System, Subsystem und +Kontext +Diese Perspektive verdanken wir vor allem Minuchin. Er sah in der +Grenzbildung und Interaktion zwischen den Subsystemen einen +wesentlichen Faktor der familiären Dynamik und setzte ihn auch in +entsprechende Methoden um, so in seinen Methoden zur +„Restrukturierung“ eines problematischen Familiensystems (siehe Minuchin +u. +Fishman +1983). +Sie +ermöglichen +den +strukturierenden, +komplexitätsreduzierenden Blick auf die Subsysteme, ihre Grenzbildungen, +Bündnisse, Ausgrenzungen und Beziehungsrichtungen. Diese Perspektive +wird genutzt, wenn das Team für einen bestimmten Zeitraum nur mit +einem Subsystem arbeitet und die anderen Familienmitglieder – auch durch +die Veränderung der Sitzordnung – in die Position der aufmerksamen, aber +schweigenden Beobachterinnen versetzt sind. Die Eltern werden z. B. +gebeten, sich in einer Ecke des Raumes zu platzieren und von hier aus das +Gespräch zwischen der Sozialarbeiterin und ihrem „Sorgenkind“ zu +verfolgen. Alles, was dann zwischen diesen beiden zur Sprache kommt, +erhält den Status von indirekten Botschaften an die Eltern. Vielleicht +können sie durch dieses Arrangement zum ersten Mal hören, wie belastet +sich das Kind durch den verborgenen Auftrag fühlt, die Eltern +zusammenzuhalten oder für die Sicherheit eines suizidalen Elternteils zu +sorgen. Das in die Beobachterinnenposition versetzte Subsystem kann auch +gebeten werden, hinter der Scheibe bei den außerhalb des Raumes +agierenden Teammitgliedern Platz zu nehmen und mit diesen zusammen +dem Gespräch zu folgen. Das bietet sich bei hochgradig verclinchten und +verstrickten Systemen und Subsystemen an, z. B. wenn innerhalb des +Elternsubsystems jeder Beitrag des einen durch eine Attacke, einen +Kommentar, ein Hilfeangebot der anderen unterbrochen wird. Diese +Perspektive tritt ebenfalls in den Vordergrund, wenn das Team überlegt, +wer zur nächsten Sitzung eingeladen wird: die ganze Familie oder nur die +Eltern, nur das Geschwistersubsystem, nur die Frauen oder Männer der +Familie, Großeltern und Eltern usw. Auch während einer Sitzung ist eine +solche Trennung möglich, z. B. wenn der Fokus sich auf ein Thema +verschiebt, das in Anwesenheit der anderen nicht besprochen werden +sollte. Die Sexualität der Eltern ist ein Thema, das die Intimität ihres +Subsystems betrifft; die Kinder dann aus dem Raum zu schicken stärkt die +intergenerationalen Grenzen. Aber es gibt auch Themen der Kinder, welche diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/542.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/542.md new file mode 100644 index 0000000..9058b01 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/542.md @@ -0,0 +1,25 @@ +die Erwachsenen nichts angehen. Durch die in dieser Situation arrangierte +Ausgrenzung der Eltern kann das Kindersubsystems gestärkt und damit +ebenfalls die Notwendigkeit einer angemessenen intergenerationalen +Grenzziehung betont werden. +Die Vernetzung zwischen System und äußeren Kontexten („größeren +Systemen“, Imber-Black 1990) ist immer die Domäne der Sozialen Arbeit +gewesen und verweist auf ihre schon immer vorhandene, aber selten +systemtheoretisch begründete systemische Orientierung. +Besonders eindrücklich entfaltet diese Perspektive ihre Wirkung bei: +Hilfeplangesprächen nach dem KJHG (siehe 6.4.2.1 u. Ritscher et al. +2002); +den von Schweitzer (1987) beschriebenen Helferinnenkonferenzen +zur Kooperation und Abstimmung zwischen den einzelnen +Mesosystemen, die zur Unterstützung eines familiären Mikrosystems +gebildet wurden (z. B. Sozialarbeiterin des ASD + Kind + Familie, +sozialpädagogische Familienhelferin + Kind + Familie, Lehrerin + +Kind + Familie, Kinderarzt +Kind + Familie, Kindertherapeutin + Kind ++ Familie); +den „runden Tischen“ im Stadtteil, die eine wichtige Methode der +Gemeinwesenarbeit darstellen; hier finden sich verschiedene +Initiativen, psychosoziale Einrichtungen, freie und öffentliche Träger, +Vertreterinnen der Kommunalpolitik usw. zusammen, um ein +bestimmtes Projekt (etwa ein Stadtteilfest) zu realisieren, ein Konzept +zum Ausbau der psychosozialen Infrastruktur zu erstellen oder +Maßnahmen zur Verbesserung der Wohnqualität zu diskutieren. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/543.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/543.md new file mode 100644 index 0000000..7e772e0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/543.md @@ -0,0 +1,36 @@ +6.6.3.5Primärperspektive Raum +Diese Perspektive wurde besonders von Minuchin, Papp (vgl. etwa +Minuchin 1977; Minuchin u. Fishman 1983; Papp 1989) und den +Vertreterinnen des systemischen Psychodramas betont (vgl. etwa Ritscher +1998; Farmer 1998). +Die Familie ermöglicht der Sozialarbeiterin schon durch die erste, selbst +gewählte Sitzordnung nach Betreten des Raumes Hypothesen über +familiäre Beziehungsmuster, Bündnisse und Grenzen. Wer sitzt neben wem, +wer zeigt sich wem durch Blickrichtung und Körperhaltung zu- bzw. +abgewandt, wer setzt sich als Erste, bzw. wer hat Schwierigkeiten, seinen +Platz zu finden? Es gibt Familienmitglieder, die trotz guter Beheizung des +Raumes ihren Wintermantel nicht ausziehen und damit ein deutliches +Zeichen ihrer Vorsichtshaltung und Fluchtbereitschaft geben. Andere +schließen noch pfeifend ihr Auto vor der Beratungsstelle ab, und ihre +Gesichtszüge verändern sich grundlegend, wenn sie die Klingel betätigen: +Die Sorgenfalten werden tiefer, Augen und Mundwinkel signalisieren eine +depressive Stimmung, und der Rücken beugt sich nun unter der Last der +Probleme. Die hier präsente Idee heißt: Zur Therapie geht man nicht +fröhlich; ich darf dort nur erscheinen, wenn ich Probleme habe, die mich +schwer bedrücken. Allein das Betreten des entsprechenden Raumes löst im +Sinne der Hypnotherapie eine „Problemtrance“ aus. Hier bietet sich als +Intervention das Angebot an, auch dann zur Beratung zu kommen, wenn +man über die schönen Seiten des Lebens berichten möchte; oder die +Versicherung, dass mit der Lösung des Problems die Therapie nicht sofort +beendet sein muss. +Papp, die ihre Karriere als Schauspielerin begann, arbeitete mit +Familienchoreografien. Sie inszenierte in ihren familientherapeutischen +Sitzungen ein Familien-Theater. Ein Mitglied präsentiert in der Mitte des +Raumes mit allen ihm zur Verfügung stehenden körperlichen +Ausdrucksmitteln sein Thema, und die anderen Familienmitglieder erhalten +die Funktion des Chores im antiken griechischen Drama: Sie kommentieren +das Gesehene und Gehörte aus der Distanz und stellen es damit in den +Sinnzusammenhang des familiären „Holons“. +Das entspricht auch den Inszenierungen familienbezogener +psychodramatischer Rollenspiele, bei denen der ganze Raum als Bühne und +Auditorium genutzt wird. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/544.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/544.md new file mode 100644 index 0000000..7100d4d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/544.md @@ -0,0 +1,15 @@ +Die Nutzung des ganzen Raumes bringt Bewegung in das +Unterstützungs- und damit in das Familiensystem. Aufmerksamkeit, +Offenheit und Spannung hinsichtlich der Themen werden erhöht; +gleichzeitig können sich Anspannungen und Verkrampfungen lösen: Es +entsteht eine kreativitätsfördernde Spiel- und Arbeitsatmosphäre. +Auch ein Wechsel von der Komm- zur Gehstruktur nutzt die Perspektive +des Raumes. Empfängt die Sozialarbeiterin die Adressatinnen Sozialer +Arbeit in ihrem Dienstzimmer, wird es ihr leichter fallen, bei aller Empathie +die für das Joining auch nötige Distanz zu bewahren. Allerdings kann sich +dadurch für die Adressatinnen die Zugangsschwelle erhöhen. Diese mag +bei einem Hausbesuch niedriger sein, denn hier genießt die Familie einen +„Heimvorteil“. Für manche Familien erhöht sich dagegen gerade durch den +Hausbesuch die Barriere gegenüber dem Unterstützungsangebot der +Sozialarbeiterin, weil ihre Anwesenheit in der Familienwohnung auch als +Kontrolle verstanden werden kann. Hier sind sensible Von-Fall-zu-FallEntscheidungen über die angemessene Interventionsform notwendig. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/545.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/545.md new file mode 100644 index 0000000..8c49a7f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/545.md @@ -0,0 +1,35 @@ +6.6.3.6Primärperspektive Zeit +Für viele Familien bietet ein Hilfeprozess auch die Möglichkeit, sich selbst +zeitlich besser zu organisieren. Der durch eine sozialpädagogische +Familienhilfe in den Familienalltag eingeführte Rhythmus – z. B. Kontakte +an jedem Montag, Mittwoch und Freitag – bringt eine bislang vielleicht +vermisste Kontinuität und Verlässlichkeit in das Familienspiel. Die bei einer +aufsuchenden Familientherapie im ein- oder zweiwöchigen Abstand +stattfindende Familiensitzung wird als immer wiederkehrender Zeitpunkt +der familiären Selbstreflexion institutionalisiert. Im Alltag auftretende +Probleme haben nun einen Ort und eine Zeit für ihre Thematisierung. Der +Vierwochenabstand zwischen zwei ambulanten Familientherapiesitzungen +definiert die Zwischenzeit als Phase der Integration neuer Informationen +sowie des Ausprobierens neuer Regeln und Verhaltensweisen im +Familienalltag. Sie führt einen neuen Sinn in den Alltag ein: Jenseits der +notwendigen Routine gibt es auch einen Platz für Neues und Unerwartetes. +Das verlängerte Erstgespräch erweitert den Zeitrahmen für die +Sozialarbeiterin und reduziert den Druck, in möglichst kurzer Zeit über alle +notwendigen Informationen zu verfügen und „erfolgreich“ zu handeln. Der +Kunstgriff hierfür ist einfach: Es werden Folgesitzungen nach dem ersten +Kontakt vereinbart, die weiterhin den wichtigsten Funktionen des +Erstgespräches dienen: Problembeschreibung, Auftragsklärung, Gewinnung +biografischer Informationen und Bildung erster Hypothesen über die +systemischen Muster. Manchmal werden dadurch Veränderungen initiiert, +die eine Beendigung der Therapie vor ihrem offiziellen Beginn ermöglichen. +Im Rahmen der Systemtherapie ist das Modell der Kurzzeittherapie von +erheblicher Bedeutung. Ein sich über mehrere Jahre hinweg erstreckender +psychoanalytischer Prozess enthält das Ziel der Persönlichkeitsentwicklung +und „Nachreifung“ des Ich (Ammon 1973). Kurzzeittherapie hat eine +andere Zielsetzung. Hier geht es um die Stärkung der Kompetenzen zur +Bewältigung des täglichen Beziehungslebens und der soziokulturellen +Integrationsanforderungen. Das Konzept der Kurzzeittherapie geht von +einer durchschnittlichen Zahl von 20 Sitzungen aus, die zeitlich +unterschiedlich organisiert sein können: +Variante 1: wenige Sitzungen in einem längeren Zeitraum; +Variante 2: mehrere Sitzungen über eine kurze Zeitspanne hinweg; diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/546.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/546.md new file mode 100644 index 0000000..139bf85 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/546.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Variante 3: eine mittlere Zeitlinie zwischen 6 Monaten und 1½ +Jahren; +Variante 4: Man beginnt mit mehreren Sitzungen in kurzen +Zeitabständen und verlängert dann linear den Abstand zwischen den +nächsten Sitzungen. +Der therapeutische Prozess wird auf zentrale Aspekte der +Alltagsbewältigung konzentriert. Hier sind die systemischen Fragen und die +„Hausaufgaben“ zur Intensivierung des Prozesses besonders wichtig. Die +Idee der Kurzzeittherapie kommt z. B. in der für die Jugendhilfe immer +wichtiger werdenden aufsuchenden Familientherapie zur Geltung (siehe +5.5.2.2.3). +Allerdings scheint mir eine Einschränkung wichtig: Ich halte es für +falsch, aus dem Konzept der Kurzzeittherapie ein Dogma zu machen. Auch +langfristige Hilfeprozesse haben ihre Berechtigung. Kurzzeittherapien +setzen ein gewisses Maß von vorgängiger Strukturierung und +Strukturierungsbereitschaft der Familie voraus. Eher chaotische, +unübersichtliche und vor allem auch sozial deprivierte Familien brauchen in +den meisten Fällen eine längere Zeitstrecke zur Veränderung. Dieser +Perspektive wird in der sozialpädagogischen Familienhilfe Rechnung +getragen, die mit höherem Stundenaufwand und einer längerfristiger +Zeitorientierung arbeitet. +Die konsequenteste Kurzzeittherapie ist die „Single Session Therapy“ +(Talmon nach von Schlippe u. Schweitzer 1996, S. 207 ff.). Deren Ziel ist +es, die Auftraggeberinnen mit so viel produktiver Verstörung und Ideen zu +möglichen Handlungsschritten aus der ersten und einzigen Sitzung zu +entlassen, dass die weiteren Schritte im Alltag sich aus der Eigendynamik +des Systems und der angestoßenen Entwicklung ergeben. Hier benötigen +Sozialarbeiterin und Familie ein großen Vertrauen in die zur Verfügung +stehenden Ressourcen. +White hat noch eine weitere Anregung zur Nutzung der Zeit zwischen +den Sitzungen eingebracht. Er schreibt Briefe mit manchmal paradoxen, +manchmal linearen Kommentaren und Aufgaben, die neue Anregungen und +Aufforderungen für die Bewältigung des aktuell definierten Problems +erteilen (White 1985). +Wenn eine Mutter allein mit ihrem Kind in die Erziehungsberatungsstelle +kommt und sich über ihren Mann beklagt, der nur wenig Interesse an den diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/547.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/547.md new file mode 100644 index 0000000..6f4d7ee --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/547.md @@ -0,0 +1,14 @@ +Erziehungsaufgaben habe, die Familientherapeutin aber dennoch seine +Anwesenheit wünscht, kann sie ihn durch einen Brief (in Kopie an die +Mutter und je nach Alter auch an das Kind) gesondert einladen. Das sollte +sie am Ende des Gesprächs mit Mutter und Tochter allerdings ankündigen. +In diesem Brief kann sie den Vater um seine Unterstützung für sie, die +Therapeutin, bei der Lösung einer die ganze Familie betreffenden +Problematik bitten. Sie vermeidet dadurch den Umweg über die Mutter, die +möglicherweise eine mündliche Einladung der Sozialarbeiterin so +umformulieren würde, dass sie bei ihrem Mann als Ausladung +wahrgenommen wird. +Briefe können auch dazu dienen, eine Fehleinschätzung der letzten +Sitzung zu korrigieren oder eine in der letzten Sitzung vorgeschlagene +Hausaufgabe zu präzisieren und die Wichtigkeit ihrer Ausführung zu +betonen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/548.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/548.md new file mode 100644 index 0000000..6bdca92 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/548.md @@ -0,0 +1,44 @@ +6.6.3.7Primärperspektive: Setting +Sozialarbeit und Sozialpädagogik wird innerhalb der psychosozialen +Landschaft ein eigener, von Beratung und Therapie unterschiedener Status +zugewiesen. Diese Abgrenzungen sind im Rahmen eines systemischen +Modells fragwürdig. Eine beziehungs- und kontextorientierte Arbeit, deren +Ziel Empowerment und Alltagsbewältigung ist, braucht diese Abgrenzung +nicht. Statt um therapeuein (griech. „heilen“) geht es um Coping – die +Aneignung und das Ausprobieren von Bewältigungsstrategien. In diesem +Sinne kann einer bestimmten Hilfeform nicht mehr von vornherein ein +bestimmtes Setting zugewiesen werden. Zusammensetzung, Benennung +und die sozialräumliche Komponente des Settings müssen deshalb immer +wieder neu den aktuellen Erfordernissen des Hilfeprozesses angepasst +werden. +Zu einem bestimmten Zeitpunkt kann ein Hausbesuch erforderlich +sein, ein andermal ein tiefe Emotionen anrührendes Rollenspiel im +Therapieraum; während eines gemeinsamen Spazierganges oder in +einem Café lässt sich vielleicht entspannter über Stressreduzierung +reden als in einem nüchternen Dienstzimmer oder einer lauten +Wohnküche. Die systemische Familienarbeit kann im Rahmen von +Familienfreizeiten durchgeführt werden; die Urlaubsatmosphäre +begünstigt eine spielerische Öffnung der Familien für sich selbst und +andere (Katschnig u. Wanschura 1987). Die im Rahmen einer +Heimunterbringung +durchgeführten +familientherapeutischen +Sitzungen können im Heim selbst stattfinden und neben dem +fremduntergebrachten Kind auch seine Erzieherinnen umfassen +(siehe 5.7 und Schindler 1996). +Familien- und Paartherapie kann mit der betreffenden Familie bzw. +dem betreffenden Paar oder in Gruppen durchgeführt werden. +Einzelgespräche erhalten ihre Familienorientierung durch zirkuläre +Fragen und die Markierung der abwesenden Familienmitglieder durch +leere +Stühle. +Auch +in +Psychodramagruppen +kann +die +Familienperspektive mithilfe von Skulpturen und die Herkunftsfamilie +thematisierenden Rollenspielen eingeführt werden. Manchmal ist es +wichtig, konkrete Ratschläge zu geben, vor allem wenn +Handlungsunsicherheiten auf Informationsdefiziten beruhen; wenn +die Adressatinnen dagegen Ratschläge vehement einfordern, ist es diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/549.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/549.md new file mode 100644 index 0000000..5deb954 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/549.md @@ -0,0 +1,35 @@ +meistens günstiger, sie im Interesse des Empowerments zu +verweigern. Distanz und Neutralität sind angezeigt, wenn +Auftraggeberinnen eine Tendenz zur Grenzüberschreitung zeigen; +manchmal kann das Gegenteil, die emotionale Nähe der Helferin, das +Vertrauen in die Situation fördern. +Die Arbeit mit familiären Teilsystemen wurde schon beschrieben: Es +können alle Familienmitglieder eingeladen werden, nur die Eltern +oder die Kinder, alle Frauen oder alle Männer der Familie, die Eltern +und die Großeltern usw. Die Zusammensetzung kann von Sitzung zu +Sitzung wechseln, über eine bestimmte Zeitstrecke oder den +gesamten Hilfeprozess hinweg konstant bleiben. +Worte strukturieren Realitäten durch Bedeutungszuschreibungen und +die dadurch entstehenden Assoziationsketten in den Köpfen der +Menschen. So kann für die potenziellen Auftraggeberinnen die +Bezeichnung des Unterstützungsprozesses und das gewählte Setting +von großer Bedeutung für ihre positiven oder negativen Erwartungen +sein. Manche Menschen wünschen ausdrücklich eine Therapie, weil +sie an einem intensiven Auseinandersetzungsprozess mit sich selbst +interessiert sind und diesen mit dem Begriff Therapie verbinden. +Warum sollte die Helferin den Begriff Therapie vermeiden, wenn sie +in der Lage ist, einem solchen Auftrag zu entsprechen? Andere +Hilfesuchende dagegen schreckt gerade diese Bezeichnung; sie +assoziieren damit Psychiatrie, Verrücktheit und Krankheit. Hier kann +der Begriff des Gespräches helfen, denn diese Form der +Kommunikation kennt jeder Mensch aus seiner Alltagserfahrung; das +kann angstreduzierend wirken. Manchmal müssen hoch qualifizierte +Psychotherapeutinnen ihre Arbeit aus rechtlichen oder institutionellen +Gründen Beratung statt Therapie nennen, obwohl sie und ihre +Klientinnen den Begriff Therapie angemessen finden. Wenn +Ratsuchende befürchten, dass die während des Hilfeprozesses +entstehende soziale Situation sie in eine emotionale Abhängigkeit von +der professionellen Helferin bringen könnte, vermag vielleicht der +Begriff des Interviews entsprechende Befürchtungen zu verringern; +denn er fördert die Assoziation einer neutralisierenden Distanz +zwischen Befragerin und befragter Person. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/550.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/550.md new file mode 100644 index 0000000..4b87736 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/550.md @@ -0,0 +1,43 @@ +6.6.3.7.1 Das systemische Erstgespräch +Das Erstgespräch kann als eigenes Setting zur Gestaltung eines tragfähigen +Arbeitsbündnisses definiert werde. Seine Funktion besteht in der +Herstellung vertrauensbildender Kontakte, der Gewinnung ausreichender +Informationen für die erste Hypothesenbildung sowie der Klärung der +Aufträge, der Erwartungen und des Überweisungskontextes. Die +Sozialarbeiterin kann im Gespräch das unter 6.4 dargestellte +„Orientierungsschema für das Handeln in Familien und anderen sozialen +Systemen“ als Leitlinie verwenden. Methodisch stehen ihr alle Typen des +systemischen Fragens zur Verfügung, wobei wegen der Gewinnung „harter +Daten“ die linearen Fragen zahlreich sein werden. +Im zeitlichen Verlauf lässt sich das Erstgespräch als ein Prozess +beschreiben, der mit der Idee beginnt, eine Beratung aufzusuchen, und bis +zum Erstgespräch im engeren Sinne führt. Er lässt sich in vier Phasen +einteilen. +Der Prozess der Entscheidung, sich bei dieser Einrichtung +anzumelden (siehe „preleminary“, 6.5.2.2): +Er findet im Alltag der Ratsuchenden bzw. der Familie statt und ist +für das Erstgespräch von großer Bedeutung. Hier entstehen die +ersten Erwartungen und Befürchtungen, indirekte Aufträge durch +Freundinnen, +Schule, +Kindergarten, +schon +engagierte +Sozialarbeiterinnen oder Ärztinnen. Gespräche im Freundeskreis und +der Familie tragen vielleicht schon zur Problemlösung bei oder +erschweren sie zusätzlich. +Folgende Fragen und Merkmale bestimmen diese Phase: +– Wer ist an diesem Prozess direkt/indirekt beteiligt? +– Wer gab welche Anstöße/Hinweise, die Möglichkeit professioneller +Hilfe zu nutzen? +– Wer ist am Entscheidungsprozess direkt/indirekt mit welcher +Intensität beteiligt? +– Pround +Kontraeinstellungen +gegenüber +professioneller +Unterstützung. +– Kooperative vs. autoritäre Entscheidung für das Erstgespräch. +– Zugangsbarrieren seitens der Einrichtung. +Die Anmeldung: Sie kann telefonisch, schriftlich, persönlich erfolgen. +Wichtig ist hier, dass die Mitarbeiterin der Einrichtung, welche die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/551.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/551.md new file mode 100644 index 0000000..4dd4cea --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/551.md @@ -0,0 +1,36 @@ +Anmeldung entgegennimmt, gelernt hat, präzise Fragen zu stellen, +um die ersten wichtigen Informationen zu erhalten. +Diese Phase lässt sich durch folgende Gesichtspunkte und +Fragestellungen markieren: +– Wer nimmt die Anmeldung entgegen? +– Welche Fragen werden gestellt, und welche Informationen werden +wie gegeben? +– Welche Informationen erhalten die sich anmeldenden Personen +über die Einrichtung und ihre Angebote? +– Wie lange dauert der Anmeldungskontakt? +– Termin- und Settingabsprache. +Die Zeit zwischen Anmeldung und Erstgespräch: +Das Anmeldungsgespräch erbringt neue Informationen für das sich +anmeldende System. Diese werden für Beruhigung oder weitere +Turbulenzen sorgen. Der interne Problemlösungsprozess geht +vielleicht weiter, und die Motivation für das Erstgespräch wird ein +wichtiges Thema. Deshalb sind hier folgende Gesichtspunkte zu +bedenken: +– Erwartungen, Befürchtungen, Hoffnungen (Frey 1990); +– Familiendynamische Folgen der Anmeldung; +– Hypothesenbildung seitens der Helferinnen auf der Basis der bei +der Anmeldung gegeben Informationen; +– wer übernimmt seitens der Einrichtung das Erstgespräch? +Das Erstgespräch im engeren Sinn: +Hier kann sich die Sozialarbeiterin auf die unter 6.4 dargestellten +Orientierungslinien beziehen. Das Ziel ist die Herstellung eines +Arbeitsbündnisses (Stierlin et al. 1977). Es umfasst die +Auftragsklärung und die Herstellung eines Vertrauen bildenden +Kontextes. Alle für die drei ersten Phasen formulierten Fragen werden +nun gestellt. Darüber hinaus geht es um die Problem-, Lösungs- und +Ressourcenexploration. +Das Erstgespräch ist weniger eine einzige Sitzung als die den Beginn eines +Hilfeprozesses markierende Phase. Deshalb kann es mehrere Erstgespräche +geben, bis das Ziel einer Auftragsklärung, eines Arbeitsbündnisses und der +Erarbeitung erster Hypothesen für die Festlegung der ersten +Handlungsschritte erreicht ist. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/552.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/552.md new file mode 100644 index 0000000..254e9dc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/552.md @@ -0,0 +1,35 @@ +6.6.4 Methoden der Qualitätssicherung +Supervision, Intervision und Selbstevaluation dienen der Qualitätssicherung +Sozialer Arbeit. Die Supervision wurde unter 5.5.6.1 thematisiert. Ihre +Methoden sind die gleichen, wie sie in der Therapie genutzt werden (siehe +Ritscher 1998). +6.6.4.1Intervision +Die Intervision bzw. Supervision ohne externe Supervisorin lässt sich im +Rahmen eines Vierstufenmodells durchführen (vgl. von Schlippe u. +Schweitzer 1996, S. 226 f.): +Die kollegiale Gruppe wählt eine Moderatorin aus ihrer Mitte, oder die +einen „Fall“ vorstellende Kollegin bittet eine andere, die Moderation +zu übernehmen. +Eine Kollegin stellt einen Fall vor. +Die bislang zuhörenden Kolleginnen und Kollegen sprechen über +diesen +Fall, +bilden +Hypothesen +und +überlegen +sich +Interventionsmöglichkeiten; die den Fall vorstellende Kollegin hört +nur zu und beteiligt sich nicht aktiv an diesem Gespräch. +Anschließend gibt sie einen Kommentar zu den Kommentaren ihrer +Kolleginnen; die Fragestellung lautet dabei: „Welche Anregungen der +Kolleginnen nehme ich auf, welche neuen Ideen habe ich +bekommen?“ +Die gewählte Moderatorin hat die Gesprächsführung und achtet auf die +Einhaltung von Tagesordnung und Zeitvorgaben. Die Struktur des aktiven +Zuhörens statt einer gemeinsamen Diskussion verringert die Gefahr von +Konkurrenzkämpfen. Die den Fall vorstellende Kollegin muss sich nicht für +ihre Hypothesen und Interventionen rechtfertigen und kann aus allen +Vorschlägen die für sie stimmigen auswählen. Dadurch behält sie die +Verantwortung für ihre Arbeit mit den betreffenden Auftraggeberinnen und +kann sich ihren ganz persönlichen Arbeitsstil erhalten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/553.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/553.md new file mode 100644 index 0000000..7924ed1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/553.md @@ -0,0 +1,74 @@ +6.6.4.2Selbstevaluation +Jede Selbstevaluation beginnt mit Fragen der Mitarbeiterinnen an ihr +Arbeitfeld und die Arbeitsprozesse, wenn diese und ihre Ergebnisse nicht +mehr selbstverständlich sind. Aus den Fragen ergeben sich Pläne und +Handlungsschritte für die Überprüfung. Die Fragen können sich auf ein +sehr weites Themenspektrum beziehen (z. B.: „Entsprechen die Angebote +und Aktivitäten unserer Einrichtung den Forderungen nach einer +systemischen Psychiatrie in der Gemeinde?“) oder sehr eng gefasst sein (z. +B.: „Wie können wir anfangs festgelegte Ziele eines Hilfeprozesses +kontinuierlich auf ihre Realisierung oder Veränderungsnotwendigkeit hin +überprüfen und dokumentieren?“). +Für die Überprüfung solcher Fragen im Prozess der Selbstevaluation hat +Heiner ein Prozessmodell formuliert, in dem drei allgemeine „Grundfragen“ +mit +jeweils +einem +Arbeitsschritt +und +ihn +konkretisierenden +„Erschließungsfragen“ verknüpft werden (Heiner 1994, S. 143): +Grundfrage Arbeitsschritt + +Erschließungsfragen + +„Welche +Ziele will ich +ansteuern?“ + +„Anforderungen und +Erwartungen +sortieren und +abwägen“ + +„Wer erwartet was von mir? Welche +Erwartungen muss ich, welche will ich +erfüllen? Was halte ich außerdem für +unverzichtbar? Wie machen das +andere Kolleginnen?“ + +„Was kann +ich tun, um +sie zu +erreichen?“ + +„Bedingungen für +„Wozu ist die Klientin fähig und +Arbeitsschwerpunkte motiviert? Wozu müsste ich wie viel +abklären“ +Zeit aufwenden? Welche sonstigen +Ressourcen können und sollen +genutzt werden? Womit sind welche +Resultate zu erreichen?“ + +„Was habe +ich erreicht, +und wie ist +das +Erreichte zu +bewerten?“ + +„Ergebnisse +beurteilen und +fachliche Standards +entwickeln“ + +„Welche Veränderungen sind +eingetreten? Sind die +Arbeitsvereinbarungen erfüllt +worden? Wie beurteilen meine +Kolleginnen/Kooperationspartnerinnen +usw. das Ergebnis? Wie äußert sich +die Klientin und ihr soziales Umfeld? +Wie zutreffend waren meine diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/554.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/554.md new file mode 100644 index 0000000..2be0d69 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/554.md @@ -0,0 +1,40 @@ +Grundfrage Arbeitsschritt + +Erschließungsfragen +Interventionshypothesen? Wie +prompt erfolgten notwendige +Kurskorrekturen? In welchem +Verhältnis steht der Aufwand zum +Ergebnis?“ + +Für die einzelnen Arbeitsschritte stehen folgende Techniken zur Verfügung +(nach Monzer 1996, S. 44 ff.): +Inhaltsanalysen von Akten, Protokollen, Jahresberichten, Briefen, +Karteien usw.; +Dokumentation der Stationen des Hilfeprozesses, der Maßnahmen +und der Ergebnisse; +Beobachtungen von Interviews oder Interviewsequenzen mit +Auftraggeberinnen, +turnusmäßigen +Teamsitzungen, +Fallbesprechungen, Konzeptdiskussionen; +Ausgabe von Fragebogen an die Nutzerinnen, Mitarbeiterinnen und +Leitungspersonen der Einrichtung; +Zeitstudien und Zeitbudgetanalysen hinsichtlich der Strukturierung +von Arbeitsabläufen sowie den in den Arbeitsplatzbeschreibungen +festgelegten Anforderungen und Funktionen; +Protokolle als Dokumentierung von Diskussionsprozessen und ihren +Ergebnissen; +Einzelfall- und Projektstudien, um Arbeitsabläufe, Anforderungen und +Qualitätsstandards am Einzelfall verstehbar zu machen und +Bruchstellen aufzuzeigen, an denen Verbessungsvorschläge ansetzen +können; +Laufzettel, mit deren Hilfe verschiedene Bereiche und Personen, die +über einen Arbeitsablauf verbunden sind, nacheinander ihre +Aktivitäten dokumentieren; +Beschreibung und Analyse des organisatorischen Kontextes, z. B. +mithilfe eines Organigramms; +Visualisierung, d. h. die zeichnerische Darstellung, von Sachverhalten, +um Muster, Strukturen, Prozesse und Systemgestalten für die +kritische Sichtung aufzubereiten, z. B. ein Organigramm oder eine +Mind-Map. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/555.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/555.md new file mode 100644 index 0000000..886a549 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/555.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Qualitätszirkel, Arbeitsgruppen, Konferenzen, gruppendynamische +Meetings, Fallbesprechungen, Team- und Fallsupervisionen bilden das +organisatorische Netzwerk der Selbstevaluation und sichern den +kommunikativen Austausch innerhalb der Einrichtung sowie zwischen +Mitarbeiterinnen, Leitung und von außen kommenden Beraterinnen. +Durch die Anwendung dieser Methoden können die Sozialarbeiterinnen ihr +professionelles Handeln befragen, beschreiben, qualitativ beurteilen und +Entwicklungsperspektiven benennen. Damit verbinden sie in ihrer Person +und ihrem Arbeitskontext Forschung mit Praxis. Das ist eine Form der +Qualitätssicherung, die den Aufwand lohnt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/556.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/556.md new file mode 100644 index 0000000..1ac2c01 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/556.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Anmerkungen +1 Hierfür wären qualitative und quantitative empirische Untersuchungen +notwendig, z. B. die inhaltsanalytische Auswertung von Videodokumenten. +2 An dieser Stelle verbinden sich das Diskursmodell von Habermas +(Habermas in Habermas u. Luhmann 1971) und die postmoderne Idee der +Pluralität (Beck 1986) zu einem bedeutsamen, die systemische Praxis +leitenden Konzept. +3 Joseph Volpe, ein Pionier der Verhaltenstherapie und Begründer der +systematischen Desensibilisierung, soll einmal gesagt haben: „Es gibt +Menschen, die mich mögen, und solche, denen ich geholfen habe.“ +4 „Es hat alles seine Zeit, und alles Tun unter dem Himmel hat seine +Stunde“ (Prediger 3, 1). +5 Im Rahmen dieser Beziehungsmuster können lösungsfördernde oder behindernde Prozesse entstehen, sodass im Falle einer chronifizierten +Nichtveränderung ein Wechsel auf der Sozialarbeiterinnenseite durchaus +neue Lösungsimpulse für die Auftraggeberinnen zu erbringen vermag. +6 Detaillierte Frageformulierungen zu diesen Bereichen finden sich bei von +Schlippe und Schweitzer (1996, S. 146 f.). +7 Ein prägnantes Beispiel für eine Symptomverschreibung findet sich bei +Minuchin und Fishman. Das Problem ist in diesem Fall, dass Mutter und +Sohn sich gegenseitig nicht aus den Augen lassen können; der Sohn kann +seine entgegengesetzte Tendenz, sich von der Mutter zu distanzieren, nur +über psychotische Symptome erreichen – denn Krankheit ist erlaubt. Die +Autoren beschreiben, wie die Nähe zwischen beiden jetzt als Hilfe positiv +umdefiniert und von ihnen als therapeutische Aufgabe gefordert wird. Nähe +ist nun erlaubt, man muss nicht mehr gegen sie ankämpfen, und deshalb +wird auch ihr Gegenteil, die Distanzierung, zu einer erlaubten Strategie. +Damit wird die Distanzierung mithilfe eines Symptoms überflüssig. +„Sie (die Familie Henry; W. R.) besteht aus einem neunzehnjährigen +Sohn und seiner geschiedenen Mutter. Die beiden leben zusammen, sind +von ihrer Umwelt völlig abgeschnitten und miteinander verstrickt (und sie +lassen sich gegenseitig kaum aus den Augen; W. R.). Sie kamen +ursprünglich zur Therapie wegen einer psychotischen Phase des Sohnes. +Nachdem er eine Zeitlang hospitalisiert war, ging der junge Mann wieder +ins College und hielt sich dort einigermaßen gut. Im Augenblick bestehen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/557.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/557.md new file mode 100644 index 0000000..bb5553c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/557.md @@ -0,0 +1,37 @@ +die Schwierigkeiten darin, daß die Mutter zunehmend depressiv ist, +während der Sohn immer häufiger mit seinesgleichen zusammen ist. Eines +Tages rufen sie den Therapeuten an, und der junge Mann berichtet, daß er +an Selbstmord denke. Er sagt, er denke daran, ‚aus dem Fenster zu +springen‘. Der Therapeut sagt zur Mutter, daß er die Selbstmorddrohungen +des Sohnes sehr ernst nehme und daß sie dafür verantwortlich sei, daß ihr +Sohn sich nichts antut. Sie muß auf ihn aufpassen, so daß er nicht aus dem +Fenster springt. Wohin er auch geht, die Mutter soll ihn beobachten. Sie +müssten im gleichen Zimmer schlafen, und die Mutter habe den Sohn zu +den Vorlesungen zu begleiten. Die Mutter zeigte sich einverstanden, weil +auch sie von der Ernsthaftigkeit der Drohungen ihres Sohnes überzeugt ist +und weil es ihr einleuchtet, daß der Therapeut ihr die Verantwortung für +das Verhalten des Sohnes zuschreibt. So verbringen Mutter und Sohn noch +mehr Zeit miteinander, als sie dies in den letzten Jahren ohnehin schon +getan haben. Sie begleitet ihn zu den Vorlesungen und läßt ihn auch in den +Pausen nicht aus den Augen. +Als der Sohn beschließt, segeln zu lernen, wird der Therapeut um seine +Meinung gebeten, ob die Mutter ihn auch zum Segeln begleiten solle. Der +Therapeut sagt, das müsse sie selbstverständlich tun, denn er könne ja auf +die Idee kommen, sich durch einen Sprung aus dem Boot umzubringen. +Also setzen Mutter und Sohn sich tags darauf, an einem regnerischen +Samstag, gemeinsam in ein Segelboot. Einige Tage später kommt ein Anruf +des Sohnes, der mitteilt, daß er seine Mutter nicht mehr überall +dabeihaben möchte. Der Mutter geht es ähnlich. Der Therapeut aber sagt +ihr, daß sie ihrem Sohn nicht erlauben darf, allein fortzugehen, solange sie +nicht überzeugt sei, daß er keine Selbstmordabsichten mehr hegt. Mutter +und Sohn streiten sich jetzt häufiger und heftiger als jemals zuvor. Die +Mutter beschäftigt sich mit dem Gedanken, an Veranstaltungen der +Erwachsenenbildung teilzunehmen. Der junge Mann verbringt viel Zeit mit +Telefonieren. Schließlich kann die Mutter dem Sohn das Versprechen +abnehmen, daß er sich nichts antun wird. Erleichtert kehren beide in den +Alltag zurück, jeder ärgerlich auf den anderen, aber unabhängiger, als sie +es je gewesen sind“ (Minuchin u. Fishman 1983, S. 217 f.). +8 Durch diese Verschreibung des Symptoms wurde die Zeitperspektive +eingeführt: „Zeige das Verhalten noch eine Weile, dann kannst du es +verändern“; ein chronisches Verhalten wird also in einen Rahmen +begrenzter Zeit überführt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/558.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/558.md new file mode 100644 index 0000000..da82340 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/558.md @@ -0,0 +1,25 @@ +9 Über die Funktion hinaus geht es jetzt um den Sinn des Verhaltens, +Funktion und Sinn sind also zu unterscheidende Begriffe. +10 Ich schlage streitenden Paaren manchmal vor, dass derjenige/diejenige, +der/die zuerst bemerkt, dass der Streit zu eskalieren droht, – analog zum +Fußballspiel – eine gelbe Karte als Stoppsignal aus der Tasche zieht. +11 Ich persönlich vermeide den Begriff der Hausaufgabe im Gespräch mit +den Auftraggeberinnen, um die assoziative Verknüpfung mit Schule, +Leistungsdruck und der Lehrerin als einer Mehr- bzw. Besserwisserin zu +vermeiden. Diese Assoziationen werden – so meine Vermutung – eher den +Widerstand als das Kooperationsinteresse stärken. Deshalb verwende ich +den Begriff immer in Anführungszeichen oder spreche von „Vorschlägen für +ein Experiment“. +12 Masson und O’Byrne haben im Rahmen ihres Task Centered Approach +to Family Therapy eine Vielzahl von Aufgaben zusammengestellt (siehe +Masson u. O’Byrne 1984, S. 27). +13 Um der Zementierung von Vorurteilen vorzubeugen, sage ich bei der +Erklärung des Familienbretts den Auftraggeberinnen immer: „Üblicherweise +werden die runden Klötze für die Frauen und die eckigen für die Männer +genommen. Aber man kann das auch verändern. Warum soll es nicht auch +runde Männer und eckige Frauen geben?“ +14 Diese Variante wurde von mir im Zusammenhang mit der Beschreibung +eines Supervisionsprozesses entwickelt und genutzt (siehe Ritscher 1998, +S. 180). +15 Eine detaillierte Beschreibung der räumlichen Komponenten des +familientherapeutischen Settings findet sich bei Andolfi (1982, S. 36 ff.). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/559.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/559.md new file mode 100644 index 0000000..66f59ac --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/559.md @@ -0,0 +1,19 @@ +7 +Zur Praxis der systemischen Sozialen Arbeit II: +Beispiele aus Sozialpsychiatrie und +Jugendhilfe + +Ich habe mehrere Kolleginnen gebeten, die Umsetzung der +systemischen Metatheorie und Methoden in ihre Praxis der Sozialen +Arbeit anhand von „Fall“beispielen darzustellen. +Im ersten Teil beschreiben Jürgen Armbruster und Gabriele Rein +vom Sozialpsychiatrischen Dienst (SpDi) Stuttgart-Freiberg, wie die +Grundannahmen der systemischen Metatheorie sich in ihrer +konkreten sozialpsychiatrischen „Fall“arbeit wieder finden lassen. +Dann stellt Karlheinz Menzler-Fröhlich vom Wohnverbund StuttgartNord eine neue Variante der Selbstevaluation des Teams unter dem +Namen Kursgespräche vor. +Abschließend beschreibt Klaus Döhner-Rotter eine „Fallarbeit“ aus +dem Projekt Pro JuLe (Projekt Jugendhilfe im Lebensfeld) in Bad +Rappenau. Sie betont die Netzwerkperspektive (Keupp 1987, 1988b; +Keupp u. Röhrle 1987); ohne sie ist eine an der Lebenswelt und dem +Gemeinwesen orientierte Jugendhilfe nicht denkbar. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/560.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/560.md new file mode 100644 index 0000000..289d5fb --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/560.md @@ -0,0 +1,59 @@ +7.1 + +Systemische Soziale Arbeit in der +außerstationären Sozialpsychiatrie +von Jürgen Armbruster und Gabriele Rein + +Die folgenden Beiträge sind das Ergebnis eines über zehnjährigen +gemeinsamen Arbeitsprozesses, in dem wir uns darum bemüht +haben, +systemische +Beratungsansätze +im +Kontext +eines +gemeindepsychiatrischen +Hilfesystems +zu +nutzen +und +weiterzuentwickeln. +Systemische Ansätze bestimmen dabei +die Grundannahmen und Grundhaltungen, das Denken über +menschliche +Entwicklungen, +psychiatrische +Beeinträchtigungen, +Verhaltensmuster +und +Veränderungsmöglichkeiten, +die unmittelbare Praxis der Beratung und alltagsorientierten +Unterstützung sowie +die Formen der fallbezogenen Praxisreflexion. +Im Jahr 1980 beschließt das Sozialministerium des Landes BadenWürttemberg +ein +Programm +zur +außerstationären +sozialpsychiatrischen Versorgung. Der Stuttgarter Gemeinderat +stimmt der Teilnahme daran zu. Modellhaft beginnen drei +Sozialpsychiatrische Dienste (SpDi) ab 1982 mit ihrer Arbeit; ein Jahr +später steht das erste Angebot an ambulant betreuten Wohnplätzen +im Rahmen eines Sozialpsychiatrischen Wohnverbundes zur +Verfügung. +Auf der Grundlage der Richtlinien des Sozialministeriums BadenWürttembergs +zum +flächendeckenden +Ausbau +der +Sozialpsychiatrischen Dienste beschließt der Stuttgarter Gemeinderat +1986 die Einrichtung von acht Diensten mit regionaler Gliederung. +Mit +einer +Planung +von +120 +den +Richtlinien +des +Landeswohlfahrtsverbandes entsprechenden betreuten Wohnplätzen diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/561.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/561.md new file mode 100644 index 0000000..3a43f75 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/561.md @@ -0,0 +1,35 @@ +wird im gleichen Jahr auch die Umsetzung des Konzeptes des +flexiblen Sozialpsychiatrischen Wohnverbundes in drei den SpDi +zugeordneten Regionen beschlossen. +Diese kurze Skizze der historischen Entwicklung verweist auf eine +Zeit, die geprägt war von einer Aufbruchstimmung und einem +gegenseitigen Einverständnis der politisch Verantwortlichen und +freien Träger zur Weiterentwicklung der außerstationären +psychiatrischen +Versorgung. +Gemeindenähe, +Versorgungsverpflichtung mit regionalem Bezug und ambulant vor +stationär sind die Zauberworte, die viele in den Bann des +gemeinsamen Engagements für eine bessere Psychiatrie zogen. +Sozialpsychiatrischer Dienst und außerstationärer Wohnverbund +sind zuständig für über 18-jährige Menschen mit psychischen +Erkrankungen, Menschen in Krisen und besonders auffällige und +schwierige Personen in einem bestimmten Einzugsgebiet. Für das +Einzugsgebiet besteht eine Versorgungsverpflichtung. Darüber +hinaus hat der Sozialpsychiatrische Dienst für bestimmte Anfragen +der Kommune gutachterliche Funktionen. +Träger des Sozialpsychiatrischen Dienstes Stuttgart-Freiberg und +des Sozialpsychiatrischen Wohnverbunds Nord ist die Evangelische +Gesellschaft Stuttgart. +Der Wohnverbund wird unter 7.2 näher dargestellt. +Der SpDi versteht sich als Anbieter verschiedenster +Dienstleistungen für den genannten Personenkreis. Er bietet: +Beratung und therapeutische Einzel- und Familiengespräche, +Krisenbegleitung, +konkrete alltagspraktische Unterstützung, +Begegnungsmöglichkeit und Alltagsstrukturierung im offenen +Bereich, +stundenweise Arbeitsangebote, +Vermittlung weiterführender oder ergänzender psychosozialer +und medizinischer Hilfen, +Beratung Angehöriger und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/562.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/562.md new file mode 100644 index 0000000..9d84737 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/562.md @@ -0,0 +1,36 @@ +kollegiale Beratung anderer Einrichtungen. +Das Team des SpDi besteht aus drei Fachmitarbeiterinnen, einer +Verwaltungskraft, einer Praktikantin und einem Zivildienstleistenden. +Ein Nervenarzt nimmt an 14-tägigen Fallbesprechungen teil. +In der sozialpsychiatrischen Praxis stießen systemische Ansätze in +den vergangenen Jahren auf ein ständig wachsendes Interesse. +Viele +Mitarbeiterinnen +der +neu +entstandenen +Sozialpsychiatrischen Dienste und Einrichtungen erlebten nach der +anfänglichen Begeisterung für ihr neues Arbeitsfeld oft eine +belastende Orientierungslosigkeit in der Begegnung mit als psychisch +krank bezeichneten Menschen, im Umgang mit komplexen +Beziehungssystemen und einer komplizierten, sich schnell +verändernden psychiatrischen Versorgungslandschaft, in der sie die +eigenen Aufgaben und Funktionen ständig neu definieren müssen. +Die Sozialpsychiatrie verfügt über ein uneinheitliches, +vergleichsweise abstraktes Theoriemodell, das im Alltagshandeln oft +wenig handlungsleitend ist. +Die Hoffnung vieler psychosozialer Mitarbeiterinnen, durch die +Aneignung einer psychotherapeutischen Methode zu mehr +Orientierung und Handlungssicherheit zu gelangen, blieb dabei oft +unerfüllt. +Psychotherapeutische Verfahren werden in der Regel in +spezifischen Settings der therapeutischen Praxis entwickelt und in +Ausbildungsinstituten vermittelt. Diese haben oft wenig Bezug zur +Arbeit mit Menschen, die sich in langfristigen psychischen Krisen +festgefahren haben. Die Aneignung einer psychotherapeutischen +Methode macht es deshalb erforderlich, in einem zweiten Schritt die +aus dem therapeutischen Ansatz hervorgehenden Denk- und +Handlungsmodelle auf die spezifischen Bedingungen eines +(sozialpsychiatrischen) Alltags zu beziehen, in dem die +psychotherapeutisch orientierte Beratung nicht selbstverständlich +zum Arbeitsauftrag und zur gewohnten Arbeitsform gehört. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/563.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/563.md new file mode 100644 index 0000000..37717a4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/563.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Im Folgenden soll der Frage nach gegangen werden, welche +Beiträge systemische Denk- und Handlungsansätze für die +sozialpsychiatrische Praxis leisten können. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/564.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/564.md new file mode 100644 index 0000000..9a499b1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/564.md @@ -0,0 +1,56 @@ +7.1.1 Grundannahmen, Grundhaltungen und +Handlungsrichtlinien des systemischen Denkens und +die praktischen Konsequenzen +Systemische Therapieansätze nehmen Bezug auf eine Vielfalt zum +Teil widersprüchlicher und unterschiedlich gewichteter Konzepte aus +der +Erkenntnistheorie, +der +Systemtheorie +und +den +Naturwissenschaften; zu verweisen ist hier auf die Konzepte der +Grenze, des Beobachtungssystems, der Selbstorganisation, der +subjektiven +(Re-)Konstruktion +von +Wirklichkeit +und +dem +Symbolsystem der Sprache. +Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Konzepten für die +Begegnung zwischen Sozialarbeiterin und Auftraggeberin im +psychiatrischen Feld? +In einer helfenden Beziehung sind wir als Beraterinnen Teil des +Systems, das wir beobachten. Durch unser Verhalten und durch die +Wahl unserer Problembeschreibungen (unserer Erklärungsmodelle +und Diagnosen) tragen wir zur Aufrechterhaltung, Verstärkung oder +zur Auflösung von Problemkonstellationen bei. Abhängig von der +Wahl unserer sprachlichen Beschreibungen können wir gemeinsam +Veränderungsoptimismus fördern und Handlungsoptionen erweitern +oder +die +scheinbare +Unbeeinflussbarkeit +chronischer +Krankheitsverläufe bestätigen. Auch hier gilt, dass die gemeinsam +vorgenommenen Problembeschreibungen nur dann nützlich und +sinnvoll sind, wenn sie dazu dienen, mit einer als belastend erlebten +Situation besser umgehen zu können, sie entweder besser aushalten +oder daraus erweiterte Handlungsoptionen ableiten zu können. +Entwicklungsverläufe +können +wir +dabei +nicht +linear +vorherbestimmen, +wir +können +aber +entwicklungsfördernde +Bedingungen schaffen. Kleine Veränderungen können oft nachhaltige +Wirkungen zeigen, stetige Mühen können in zirkulären Prozessen +ohne Erfolg bleiben. Diese Einsichten stehen mitunter im +Widerspruch zu den in der Sozialpsychiatrie verbreiteten +mechanistischen und linearen Rehabilitationskonzepten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/565.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/565.md new file mode 100644 index 0000000..1f729c0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/565.md @@ -0,0 +1,44 @@ +Ein +systemisches +Verständnis +lässt +keine +einseitigen +Schuldzuweisungen gegenüber dem als psychisch krank +bezeichneten Menschen oder seiner Familie zu. Systemisches +Denken bedeutet auch nicht unbedingt den Verzicht auf ein +Krankheitskonzept, sondern nur die Frage, inwieweit seine +Verwendung der Veränderung dienlich ist oder sie blockiert. Das +kann von Kontext zu Kontext unterschiedlich sein. Entscheidend ist, +dass Systemtherapie versucht, auf die Vorstellung zu verzichten, der +Experte sei im Besitz einer unanfechtbaren Wahrheit. Ziel ist es +vielmehr, +in +gemeinsamen +Aushandlungsprozessen +Problembeschreibungen zu entwerfen, die gemeinsam geteilt werden +können, die der verbesserten Kooperation der Beteiligten dienen und +den Blick auf die Ressourcen zur Veränderung richten. +Damit soll nicht bestritten werden, dass auch im Feld der +Systemtherapie das Risiko einseitiger Vereinfachungen besteht, an +deren Ende unverantwortbare Schuldzuweisungen und Belehrungen +gegenüber den Familien erfolgen. +Die beschriebenen Grundannahmen machen dagegen eine +Haltung der Beraterin erforderlich, die von einer angemessenen +Bescheidenheit gekennzeichnet ist und von dem Respekt gegenüber +der Sinnhaftigkeit der Welt des als psychisch krank bezeichneten +Menschen und seines sozialen Umfelds. Die Übernahme der +Perspektive des Gegenübers, das Sicheinfühlen in die Welt des +anderen – sowohl der Auftraggeberinnen als auch ihrer Angehörigen +und anderer Bezugspersonen – soll die Chance eröffnen, +Kommunikation dort wieder entstehen zu lassen, wo zuvor +Sprachlosigkeit und Verwirrung herrschte. +Die systemische Therapie hat ein breites Spektrum pragmatischer +methodischer Ansätze entwickelt, die sich in verschiedenen Feldern +der Therapie, der Supervision und der Organisationsberatung +bewährt haben. Die ihnen zugrunde liegenden Handlungsrichtlinien +(Hypothetisieren, +Zirkularität, +Allparteilichkeit/Neutralität, +Kontextualisierung, Ressourcen-, Auftrags- und Lösungsorientierung) +wurden im sechsten Kapitel dargestellt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/566.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/566.md new file mode 100644 index 0000000..0df1e20 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/566.md @@ -0,0 +1,29 @@ +Das methodische Repertoire der Systemtherapie kann im +sozialpsychiatrischen Kontext in der Regel nicht im Setting einer +psychotherapeutischen Behandlung angewendet werden. Jenseits +der Methodenfrage aber ermöglicht das systemische Denken den +Sozialarbeiterinnen ein erweitertes Verständnis der interaktionellen +Muster, der Verstrickungen und Beziehungsfallen, an deren +Aufrechterhaltung sie oft mitbeteiligt sind. +Eine systemische Perspektive erlaubt es, einen Zugang zur +Sinnhaftigkeit scheinbar unverständlicher Verhaltensweisen zu +erlangen. Auf dieser Basis können die Mitarbeiterinnen in ihren +alltäglichen Begegnungen neue Orientierungen gewinnen und +veränderte Haltungen einnehmen. Die Einnahme einer reflektierten +Distanz, die Haltung der Neugier gegenüber einer vielschichtigen +und fremden Welt und die Aufgabe einer Rolle der besser wissenden +Expertinnen können darüber hinaus ihre Zufriedenheit erhöhen. +Systemische Ansätze ersetzen nicht das breite Spektrum der +alltagsorientierten Methoden der sozialpsychiatrischen Praxis. Diese +bilden weiterhin den Rahmen der Begegnung und schaffen die +Voraussetzung, den als psychisch krank bezeichneten Menschen und +ihren Angehörigen ein möglichst selbst bestimmtes Leben in der +Gemeinde zu ermöglichen. Diese immer wieder neu zu eröffnenden +Räume müssen aber mit Sprache und Kommunikation gefüllt +werden. Auf diese Weise kann es gelingen, gemeinsam unsere +inneren Weltbilder zu thematisieren und in ihnen neue Ressourcen +zu entdecken. Dadurch kann das Geschehene verstanden und +angenommen werden; für die gegenwärtigen Handlungsvollzüge +ergibt sich dadurch die Chance, immer wieder neue Gestaltungsund Entwicklungsmöglichkeiten zu finden. +Dies soll im Folgenden anhand von zwei Fallbeispielen aus dem +Sozialpsychiatrischen Dienst demonstriert werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/567.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/567.md new file mode 100644 index 0000000..715577a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/567.md @@ -0,0 +1,2 @@ +7.1.2 Systemische Grundhaltungen – Illustriert an einer +„Fall“geschichte diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/568.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/568.md new file mode 100644 index 0000000..6fb84c2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/568.md @@ -0,0 +1,52 @@ +7.1.2.1Der Kontext der „Fall“darstellung +Die folgende „Fall“beschreibung wurde im Rahmen der +Praxisreflexion von den Mitarbeiterinnen des SpDi und des +psychiatrischen Pflegedienstes diskutiert.1 +In diesen monatlichen Reflexionsrunden, die in Form einer +kollegialen +Supervision +gestaltet +werden, +können +die +Mitarbeiterinnen „Fall“situationen einbringen, die sie als besonders +belastend erleben und in denen sie neue Orientierungen oder die +kritische +Betrachtung +ihres +Vorgehens +suchen. +Der +Praxisreflexionsprozess wird jeweils von einer Kollegin unter +Zuhilfenahme von Methoden der systemischen Beratung und +Supervision (Genogrammarbeit, Hypothesenbildung, zirkuläres +Fragen, Skulptur, Reflecting Team usw.) moderiert. +Schematisch lässt sich der Ablauf der Praxisreflexion in vier +Phasen gliedern: +1. Phase: Darstellung der aus Sicht der Betreuerin relevanten +Informationen über die lebensgeschichtliche und situative +Entwicklung der Fallsituation. +2. Phase: Beschreibung der interaktionellen Dynamik, in der +sich die Mitarbeiterin einbezogen sieht. Reflexion der +problemerzeugenden +und +-erhaltenden +Sichtund +Verhaltensweisen, zu denen sich die Mitarbeiterin eingeladen +fühlt. +3. Phase: Aus einer problemorientierten Problembeschreibung +bezüglich der verschiedenen Interaktionsebenen entstehen im +Laufe der Praxisreflexion durch eine andere Sprache +lösungsorientierte +Problembeschreibungen, +die +neue +Sichtweisen eröffnen und neue Handlungsmöglichkeiten +zulassen. Eine problemorientierte Beschreibung zeichnet sich +aus durch eine Orientierung an Defiziten, d. h. mangelnden +Ressourcen zur Problemlösung, die im Zuge der Behandlung +kompensiert +werden +sollen. +Eine +lösungsorientierte diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/569.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/569.md new file mode 100644 index 0000000..3ab742d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/569.md @@ -0,0 +1,25 @@ +Problembeschreibung +unterstellt +prinzipiell +die +lebensgeschichtliche oder interaktionelle Sinnhaftigkeit des als +problematisch +identifizierten +Verhaltens. +In +dem +problematisierten +Verhalten +wird +eine +Lösung +von +interaktionellen Konflikten gesehen. Die zur Auflösung des +Problemmusters erforderlichen Ressourcen sind bereits +vorhanden und können aktiviert werden. +4. Phase: Die lösungsorientierte Problembeschreibung soll der +Mitarbeiterin ermöglichen, eine der Situation angemessene +veränderte Positionierung innerhalb der interaktionellen +Situation einzunehmen. Passend zu den Interaktionsformen +und den lösungsorientierten Problembeschreibungen, werden +dann in der Praxisreflexion Interventionsformen und methoden vereinbart. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/570.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/570.md new file mode 100644 index 0000000..3bd4600 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/570.md @@ -0,0 +1,42 @@ +7.1.2.2Die Ausgangssituation +Die 68-jährige Frau L. wird seit etwa drei Jahren vom SpDi betreut. +Nach einem Suizidversuch kam sie in stationäre psychiatrische +Behandlung. Vor ihrer Entlassung vermittelte die Sozialarbeiterin der +Klinik den Kontakt zum SpDi mit dem Ziel, die nachstationäre +Betreuung und Beratung sicherzustellen. In der Folgezeit entwickelte +sich eine kontinuierliche Betreuungsbeziehung, die aber zunächst +keinen Einfluss hatte auf die extremen Schwankungen ihrer +psychischen Befindlichkeit. +Frau L. war zeitweilig sehr aktiv; wenn sie aktiv war, war sie gut +in der Lage, ihren häuslichen Alltag zu organisieren und soziale +Kontakte zu knüpfen. +Dann geriet sie wieder in schwere psychische Krisen, zerstritt sich +mit den ihr nahe stehenden Menschen, brach Beziehungen ab und +betrieb +in +wachsendem +Maße +Alkoholund +Medikamentenmissbrauch. +In diesen Phasen vernachlässigte sie ihr Äußeres und ihre +Ernährung und wurde wiederholt stationär behandlungsbedürftig. +Die Klinikeinweisungen wurden zum Teil von ihrem zuständigen +Nervenarzt in akuten Notfallsituationen aufgrund von akuter +Selbstgefährdung vollzogen, ohne dass Frau L. aktiv ihre Einwilligung +gab. Etwa fünf Monate vor der Praxisreflexionssitzung wurde im +Rahmen einer solchen Krisenintervention die Mitarbeiterin unseres +neu entstandenen Pflegedienstes in die Betreuung einbezogen. Sie +besuchte Frau L. in der Folge täglich, sorgte für die kontinuierliche +Begleitung +und +Beziehungspflege +in +schwankenden +Gefühlszuständen. Sie teilte ihr auf Anordnung ihres Psychiaters die +Medikamente ein und bot ihr Unterstützung in alltagspraktischen +Dingen an. In den Wochen vor der Praxisreflexionssitzung +begleiteten die Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes Frau L. einmal +wöchentlich in den Tagestreff des SpDi. Sie begann – mit +anfänglicher Skepsis gegenüber den stark beeinträchtigten +Besucherinnen dieses Angebots –, Kontakte zu knüpfen und +Verbindlichkeiten einzugehen. Frau L. äußerte wiederholt ihre diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/571.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/571.md new file mode 100644 index 0000000..952d3d9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/571.md @@ -0,0 +1,27 @@ +Einschätzung, sie habe keinen Einfluss auf ihre psychische +Befindlichkeit und die immer wiederkehrenden krisenhaften +Zusammenbrüche. Sie könne nichts dafür, war das wiederholte +Deutungsmuster ihrer Situation. +7.1.2.3Anfragesituation +Die Mitarbeiterin des Pflegedienstes brachte die Fallsituation in die +Praxisreflexion ein, weil sie sich neue Ideen erhoffte, wie sie Frau L. +begegnen könne. Die Frage stellte sich ihr, wie der Kreislauf immer +wiederkehrender Destabilisierungen durchbrochen werden und wie +konkret die nächste Krise verhindert werden könne. Die Mitarbeiterin +beschrieb die Situation wie folgt: +„Frau L. konfrontiert mich immer wieder in einer sehr +fordernden Art und Weise mit ihrem Leiden. Gleichzeitig reagiert +sie sehr abweisend auf alle meine Veränderungsvorschläge. So +fragte sie mich am letzten Montag, wie ich das Wochenende +verbracht hätte. Als ich ihr von den Unternehmungen mit +meiner Familie berichtete, sagte sie: ‚Ihnen geht es gut, um +mich kümmert sich keiner.‘ Wenn ich ihr dann Vorschläge +mache, was sie tun könne, sagt sie: ‚Sie verstehen mich nicht.‘“ +Auf diese Weise weckt Frau L. immer wieder das Gefühl von +Hilflosigkeit und Schuldgefühlen in ihrer Umgebung und bei den sie +unterstützenden Menschen. +Die Mitarbeiterin warf darüber hinaus die Frage auf, ob eine +stärkere Einbeziehung von Frau L. in die Aktivitäten des SpDi sinnvoll +sei und wie das Risiko von Konflikten und Eskalationen in den +Begegnungen zwischen ihr und den anderen Besucherinnen +minimiert werden könnte. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/572.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/572.md new file mode 100644 index 0000000..5cc9620 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/572.md @@ -0,0 +1,33 @@ +7.1.2.4Kontextualität +Aus einer medizinisch-psychiatrischen Perspektive lässt sich bei Frau +L. eine chronifizierte endogene Depression in Verbindung mit einer +Suchtmittelabhängigkeit diagnostizieren. Die Eskalationen ergeben +sich aus dieser Perspektive aus einem Zusammenspiel zwischen ihrer +Depression und ihren chronischen, immer wieder entgleisenden +Suchtbewältigungsversuchen. +Aus einer systemischen Perspektive interessiert darüber +hinausgehend, in welchem Kontext sich die Verhaltensweisen als +sinnvoll erwiesen und verfestigt haben könnten, welchen Sinn sie +einstmals hatten und wodurch sie möglicherweise bis heute +fortdauern. +Frau L. ist die jüngste von vier Geschwistern. Sie erlebte als +junges Mädchen mit ihrer Familie die Kriegszeit in Ostpreußen. Bei +Kriegsende war sie gerade zwölf Jahre alt. Während ihre Schwester +in ein Arbeitslager nach Sibirien verschleppt wurde, wurde sie Opfer +einer Vergewaltigung durch russische Soldaten in ihrem Elternhaus. +Ihre Familie wurde im Nebenzimmer Zeuge dieses schrecklichen +Ereignisses, ohne ihr helfen zu können. In der Folge war es ihr und +ihrer Familie nicht möglich, über diese belastenden Erlebnisse +miteinander zu reden. +Die Brüder erlebte sie immer als stark und schützend, die +Schwester war für sie immer die lebenstüchtige, aktive, die bereit +war, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, und das Beste daraus zu +machen, und die für sich in Anspruch nahm, das viel schwerere +Schicksal gehabt zu haben. Ihr gelang es auch nach traumatischen +Erlebnissen während ihrer Zeit im sibirischen Arbeitslager und der +Flucht in den Westen, ein großes Maß an Eigenständigkeit und +existenzieller Sicherheit und schließlich eine eigene Familie +aufzubauen. +Der Familie gelang es Anfang der Fünfzigerjahre unter großen +Mühen und Gefährdungen, gemeinsam in den Westen zu fliehen. +Frau Lang bezeichnete die Jahre in Ostpreußen trotz allem als die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/573.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/573.md new file mode 100644 index 0000000..de8396e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/573.md @@ -0,0 +1,39 @@ +glücklichsten ihres Lebens. Aus ihrer späten Ehe gingen zu ihrer +Enttäuschung keine Kinder hervor. Bis zu ihrer Berentung vor zehn +Jahren war sie als Näherin in einer angesehenen Textilfirma tätig. +Nach dem Tod des Vaters zog ihre Mutter zu ihr und war bis zu +ihrem Tod über lange Zeit auf ihre Hilfe angewiesen. Ihr Mann starb +1995 nach einer langen Krankheit und einer Phase intensivster +Pflegebedürftigkeit. +Inzwischen lebt von ihrer Familie nur noch ihre Schwester, zu der +sie einen regelmäßigen, aber konflikthaften Kontakt hat. Die +Schwester ist verheiratet und stark auf ihren Ehemann, ihre Kinder +und Enkelkinder bezogen. Auf die Leidensbekundungen ihrer +Schwester reagiert sie eher abweisend und zurückhaltend. +Für Frau L., die zeit ihres Lebens immer sehr stark an familiären +Beziehungen orientiert war, stellte sich nach dem Tod ihres +Ehemannes 1995 erstmals die Notwendigkeit, ihr Leben +selbstständig organisieren zu müssen. Dies war gleichzeitig der +Beginn wachsender psychiatrischer Auffälligkeiten. +In der gemeinsamen Reflexion des Teams wurde der Fokus +zunächst auf den Bezug zwischen ihren lebensgeschichtlichen +Erfahrungen +und +Deutungen +und +ihren +aktuellen +Problembewältigungsmustern gerichtet. +Offensichtlich ist, dass Frau L. sich immer wieder als Opfer tief +greifender gesellschaftlicher, sozialer und familiärer Umbrüche, +Krisen und Katastrophen erlebte. In den Phasen ihrer Jugend und +ihres Erwachsenwerdens erfuhr sie sexuelle Gewalt, existenzielle +Not, Vertreibung, den Verlust ihrer Heimat und die Ungewissheit, ob +und wo sie mit ihrer Familie eine neue Existenz aufbauen konnte. +Die Familie, ihre Eltern, die großen Brüder und die ältere Schwester +boten ihr emotionalen Halt und Sicherheit, später das +Zusammenleben mit ihrem sie umsorgenden Ehemann und ihrer +Sicherheit gebenden Mutter. +Der Satz „Ich kann nichts dafür“, den sie als Entschuldigung für +ihre aktuellen Krisen immer wieder äußerte, kann als subjektive +Deutung ihrer aktuellen Lebenslage, aber auch als Bilanz ihres diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/574.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/574.md new file mode 100644 index 0000000..ce9bab8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/574.md @@ -0,0 +1,5 @@ +Lebens gesehen werden. Sie sieht sich im Laufe ihres Lebens immer +wieder hilflos von außen auf sie einwirkenden Ereignissen +ausgesetzt, ihr Leben scheint weitgehend von äußeren bedrohlichen +Eingriffen bestimmt und nur in geringem Maße Ergebnis ihrer +Einflussnahme, ihres aktiven Zutuns. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/575.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/575.md new file mode 100644 index 0000000..7d95679 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/575.md @@ -0,0 +1,37 @@ +7.1.2.5Hypothesenbildung +Aus den Details der situativen und lebensgeschichtlichen +Beschreibung entstehen im Laufe des Austausches im Team eine +Vielzahl von Facetten, die langsam zu einem Bild, zu einer leitenden +Hypothese zusammenfließen. Die Hypothese hat in diesem Prozess +keinen Anspruch auf Objektivität, sie soll nicht die „wahre +Lebensgeschichte“ bilanzieren. Im Sinne der von Drees (1997) +beschriebenen poetischen Kommunikation, der Arbeit mit freien +Fantasien, werden vielmehr die Bilder sichtbar gemacht, die in den +teilnehmenden Mitarbeiterinnen auftauchen, während sie der +Schilderung der Lebensgeschichte von Frau L. durch die sie +betreuende Kollegin folgen. Im Laufe dieses Austausches von +Gedanken und Bildern erhält die Geschichte einen inneren +Zusammenhang. Während dieser Reflexionsphase hört die +fallverantwortliche Mitarbeiterin aufmerksam zu, ohne selbst direkt in +den Gedankenaustausch einzugreifen. Sie hat vielmehr die +Gelegenheit, wiederum ihre eigenen Bilder und Assoziationen zu +erspüren, die in ihr während des aktiven Zuhörens entstehen. Im +Anschluss an diese Phase kann sie ihre eigenen Gedanken und +Assoziationen in der Runde äußern. +Frau L. hat sich in einer von existenziellen Bedrohungen +durchzogenen Lebensgeschichte immer wieder in besonderer Weise +auf Halt gebende familiäre Beziehungen gestützt. Gleichzeitig waren +diese familiären Beziehungen immer wieder von Umbrüchen +gekennzeichnet, wonach sie plötzlich für andere Verantwortung +übernehmen musste, zunächst für die Mutter, die zur ihr zog, dann +für den pflegebedürftigen Ehemann und schließlich, auf sich alleine +gestellt, für sich selbst. Ihre in der Nähe wohnende Schwester +grenzte sich immer wieder gegen die emotionale Bedürftigkeit von +Frau L. ab. +An die Stelle der Wahrnehmung immer wiederkehrender +unverständlicher +und +scheinbar +unbeeinflussbarer +Krankheitsepisoden trat das Bild einer Frau, die mit bestimmten +erlernten Deutungs- und Bewältigungsmustern gefordert war, sich in diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/576.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/576.md new file mode 100644 index 0000000..1c9b2de --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/576.md @@ -0,0 +1,9 @@ +einer Umbruchsituation neu zu orientieren. Ausgestattet mit einem +Grundmuster Ich kann nichts dafür, stand sie plötzlich vor der +Situation, selbst in jeder Hinsicht für sich verantwortlich zu sein und +das eigene Alltagsleben ohne vertrauten Zuspruch organisieren zu +müssen. In dieser Situation wuchs immer wieder ihr Wunsch, die für +sie unerträgliche Wirklichkeit aufzulösen und die Verantwortung für +sich abzugeben im Rausch, in der Betäubung, im depressiven +Rückzug, in suizidalen Handlungen und in den passiv +herbeigeführten Klinikeinweisungen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/577.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/577.md new file mode 100644 index 0000000..7a3c231 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/577.md @@ -0,0 +1,26 @@ +7.1.2.6Positive Umdeutung +Welche veränderte Haltung ließe sich aus dem erweiterten +Verständnis der bei Frau L. vorherrschenden Deutungs- und +Bewältigungsmuster einnehmen? +Die spontane Reaktion auf die Problembeschreibungen und die +Verhaltensweisen von Frau L. bestanden bislang im (als +interaktionelle Einladung gedachten) Versuch der Mitarbeiterin, sie +dazu zu bewegen, für ihr Leben mehr Verantwortung zu +übernehmen, aktiver ihr Leben zu gestalten und schrittweise eine +Veränderung herbeizuführen. Frau L. fühlte sich durch solche +Vorstellungen und Vorschläge in ihrer Annahme bestärkt, niemand +könne sie und ihre Lage verstehen. Den – wenn auch einfühlsam +formulierten – Appell, sich bzw. ihren Alltag zu ändern, erlebte sie +als Vorwurf und Ausdruck mangelnden Verständnisses. Die +Vorstellung, Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lebens +übernehmen zu können, legt gleichzeitig den Gedanken nahe, schuld +zu sein am eigenen Scheitern, an den erlebten Katastrophen, nicht +nur Opfer, sondern auch Täter gewesen zu sein. Die Abwehr von +Schuld und Verantwortung hat sich vielleicht auf diese Weise zu +einer kontextbedingten identitätserhaltenden Überlebensstrategie +von Frau L. entwickelt. +Aber lassen sich in den vielfältigen Umbrüchen und +Krisensituationen, die Frau L. im Laufe ihres Lebens erlebt und +erlitten hat, nicht gleichzeitig vielfältige Ressourcen entdecken, die – +wenn sie entsprechend gewürdigt werden – durchaus ein anderes +Bild von Frau L. ergeben? diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/578.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/578.md new file mode 100644 index 0000000..5a67ac0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/578.md @@ -0,0 +1,34 @@ +7.1.2.7Ressourcenorientierung +In der Folge versuchten die Mitarbeiterinnen, in den verschiedensten +Kontexten der uns bekannt gewordenen Lebensgeschichte +Ressourcen zu entdecken, die von den Fähigkeiten von Frau L. +zeugten. +Wir hatten es mit einer Frau zu tun, die als Mädchen Opfer eines +lebensbedrohlichen sexuellen Gewaltakts wurde, die in dieser +Situation alles schweigsam und passiv erduldete und gleichzeitig +durch ihre erlittene Ohnmacht und Demütigung eine große Gefahr +von ihrer Familie abgewandt hatte. Hätte sie sich in dieser Situation +gewehrt oder hätte sie durch ihre Verzweiflung die +Familienangehörigen zu aktivem Einschreiten veranlasst, hätte sie +das Leben ihrer Familie in größte Gefahr gebracht. +Das Erleben der Vertreibung, die Flucht und die Suche nach einer +neuen Existenzgrundlage verband die Familie; unverkennbar war +aber auch ihre eigene Leistung, immer wieder in neuen +Anforderungen und Umbruchsituationen bestehen zu können. Nicht +unbeachtet ließen wir, dass sie über viele Jahre in ihrer Firma eine +sehr anerkannte Mitarbeiterin war. +Wir konnten sie als trauernde, alleine zurückgelassene Witwe +wahrnehmen, aber auch als verantwortliche und kompetente +Ehefrau, die ihren Mann in einem langjährigen Krankheitsprozess +begleitete. +Ihre aktuell geäußerte Zurückhaltung gegenüber sozialen +Gruppen, dem Seniorennachmittag der Gemeinde, der Gruppe in der +Begegnungsstätte oder dem SpDi kann auch als Versuch gesehen +werden, sich vor immer wieder erlebten Kränkungen zurückzuziehen. +Möglicherweise bewahrte sie sich durch ihr Fernbleiben vor +Verletzungen, die aus emotionalen Erwartungen hinsichtlich +Vertrautheit, Nähe und Sicherheit rühren, die in diesen Gruppen für +sie bislang zumindest kurzfristig nicht erfüllt werden konnten. +Statt einen Berg zu lösender Probleme vor ihr aufzurichten, +suchten wir das Gespräch über ihre Erfahrungen in der Bewältigung +von für uns kaum vorstellbaren traumatischen Erlebnissen. Die diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/579.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/579.md new file mode 100644 index 0000000..f71266a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/579.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Anerkennung ihrer Lebensleistung kann die vor ihr liegenden +Probleme in ein anderes Licht rücken. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/580.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/580.md new file mode 100644 index 0000000..66eb48a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/580.md @@ -0,0 +1,37 @@ +7.1.2.8Wahrung einer neutralen Grundhaltung und die +Einnahme einer wertschätzenden Haltung gegenüber +den verschiedensten Seiten von Ambivalenzen +Die Möglichkeit, das symptomatische Verhalten in vielfältigen +Kontexten zu sehen, die Einnahme unterschiedlichster Perspektiven +und die kreative Nutzung spontaner Fantasien erlauben es, eine +angemessene Distanz zu den interaktionellen Verstrickungen zu +erhalten, die für die betreuende Mitarbeiterin zunächst als sehr +belastend erlebt wurden. Aus diesem wiedergewonnenen Abstand +heraus kann es gelingen, ein größeres Maß an Neugier für die +Sichtweisen, +Deutungen, +Problembeschreibungen +und +Verhaltensweisen zu entwickeln und gleichzeitig eine Wertschätzung +für die darin enthaltenen Ambivalenzen. +Auf dieser Basis ist es möglich, mit Frau L. über ihr Leben ins +Gespräch zu kommen und neben ihr Bedürfnis nach +Schuldentlastung die Anerkennung ihrer Lebensleistung unter +schwierigen Umständen zu stellen. Es kann möglich sein, sie im +Umgang mit den Konflikten zwischen ihr und ihrer Schwester zu +beraten, ohne einseitig Partei zu ergreifen, aber mit einem +Verständnis für ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten, für +die Besonderheit ihrer Rollen, Kontexte und Erfahrungen, die sie +miteinander verbinden und unterscheiden. Schließlich kann es +gelingen, sie auf einem Weg zu begleiten, auf dem sie für sich +herausfinden muss, wie viel an Eigenverantwortlichkeit sie für sich zu +übernehmen bereit ist, wie oft sie noch durch die Eskalation ihrer +Symptome Situationen schaffen muss, in denen sie im Zuge von +stationären Aufnahmen Verantwortung an andere delegiert. Diese +Begleitung beinhaltet auch die Möglichkeit, dass Frau L. zur Abwehr +ihrer Unsicherheiten mittel- oder langfristig eine institutionell +betreute Wohnform anstreben könnte, um auf diese Weise einen Teil +der Verantwortung für sich selbst dauerhaft delegieren zu können. +Schließlich bleibt im Rahmen der sozialpsychiatrischen +Hilfestellungen das Angebot der stützenden, zugewandten, Raum +gewährenden Begleitung bestehen. Es könnte Frau L. ermöglichen, diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/581.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/581.md new file mode 100644 index 0000000..7edc958 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/581.md @@ -0,0 +1,20 @@ +ein Netz von Beziehungen aufzubauen, in dem sie Verständnis, +Vertrautheit und Sicherheit für die ihr bevorstehende Lebensphase +des Alterns erlebt. +7.1.2.9Zirkularität +Aus einer systemischen Perspektive heraus entwickeln wir ein +Interesse und ein erweitertes Verständnis der zirkulären Prozesse, in +denen sich Verhaltensmuster in ihrem lebensgeschichtlichen, +familiären, sozialen und kulturellen Kontext entwickelt haben. +Gleichzeitig interessiert uns die aktuelle Zirkularität von +Verhaltensmustern in ihrem Alltag und die zirkulär-interaktionellen +Prozesse, an denen wir selbst als Teil des helfenden Systems +beteiligt sind. An welchen problemerzeugenden Mustern wirken wir +mit, wie können wir durch veränderte, lösungsorientierte +Problembeschreibungen zur Veränderung und Auflösung der +festgefahrenen Verhaltens- und Deutungsmuster beitragen? In der +Betreuung von Frau L. ging es für die Mitarbeiterin darum, aus der +Rolle der stellvertretenden Versorgerin und Lebensplanerin +herauszukommen und stattdessen, die Rolle der aufmerksamen, +einfühlenden, Halt gebenden und reflektierenden Begleiterin +einzunehmen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/582.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/582.md new file mode 100644 index 0000000..37c546a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/582.md @@ -0,0 +1,33 @@ +7.1.2.10Therapie als Verstörung +Systemische Ansätze führen zu einer kritischen Distanz gegenüber +eindimensionalen +Behandlungs-, +Pflegeoder +Rehabilitationskonzepten. Eine symptomorientierte psychiatrische +Behandlung, die pharmakologische Behandlung der Depression, die +Notfalleinweisung, der stationäre Aufenthalt sind notwendige +Antworten in den zirkulären Abläufen. Ohne die Entwicklung einer +komplexeren Sichtweise, eines ganzheitlicheren Verständnis und +eines entsprechend breiteren Handlungsinstrumentariums bestünde +das Risiko der fortlaufenden Bestätigung der vorherrschenden +Bewältigungsmuster. +Auch in linearen Pflege- und Rehabilitationsprozessen besteht das +Risiko, dass die Professionellen einseitig normative Ziele definieren +und immer wieder an den als „Widerstände“ apostrophierten +Reaktionen der Betroffenen scheitern. Orientiert an einer +systemischen Grundhaltung, bewegt uns daher immer die Frage im +Hintergrund, worin der Sinn und die Nützlichkeit der bestehenden +Problemkonstellation liegen könnte. Eine systemische Grundhaltung +führt zum Selbstverständnis, allenfalls Entwicklungen anregen, aber +niemals deren Ergebnisse determinieren zu können. Die Rücknahme +des Machtanspruchs der Professionellen schafft Raum für ein +Selbstbild der Betroffenen, innerhalb eines bestimmten Rahmens für +die Gestaltung ihres Lebens Verantwortung tragen zu können. +Die therapeutische Verstörung in der Betreuungs- und +Beratungssituation von Frau L. besteht aus: +einer Veränderung der Haltungen, +dem erweiterten Verständnis ihrer Lebensgeschichte und ihrer +Verhaltenweisen, +dem ressourcenorientierten Zugang und +der allparteilichen Bereitschaft, sie in ihrem Lebens- und +Entscheidungsprozess zu begleiten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/583.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/583.md new file mode 100644 index 0000000..772bc87 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/583.md @@ -0,0 +1,4 @@ +So kann eine Synthese zwischen ihrem Anspruch der +Selbstbestimmung und Selbstbehauptung einerseits und dem +Wunsch, in ihrem Alltag ein hohes Maß an Bezogenheit, Fürsorge +und Sicherheit empfinden zu können, gefunden werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/584.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/584.md new file mode 100644 index 0000000..130c46e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/584.md @@ -0,0 +1,41 @@ +7.1.3 Systemische (Paar-)Beratung im Sozialpsychiatrischen +Dienst +Aus dem Arbeitskontext des SpDi ergeben sich unterschiedlichste +Aufträge, besondere Anforderungen und Arbeitsbedingungen. Sie +unterscheiden sich von einem rein therapeutischen Kontext in Bezug +auf seine Aufträge und Auftraggeberinnen. Der sozialpsychiatrische +Alltag bewegt sich im Spannungsfeld zwischen den Aufgaben der +sozialen Unterstützung, der Beratung und Therapie einerseits und +den Aufträgen der Kontrolle, der gutachterlichen Stellungnahmen, +des Schutzes vor Selbst- und Fremdgefährdung andererseits. Der +Kontext der Arbeit wird darüber hinaus von Eigenaufträgen geprägt, +die sich aus dem fachlichen, ethischen und sozialpolitischen +Selbstverständnis +des +Dienstes +und +der +jeweiligen +Beratungspersonen ergeben können. +Komplexe familiäre und soziale Bezugssysteme und lange +Krankheitsgeschichten kennzeichnen die Kontextbedingungen der +Auftraggeberinnen. Hinzu kommen häufig ambivalente Erfahrungen +im Umgang mit Expertinnen und machtvollen Institutionen, die bei +den Betroffenen oft zu Gefühlen der Hilflosigkeit, der Ohnmacht und +Entwertung führen. +Häufig ist die Lebensgeschichte auch von Entwurzelung und +traumatisierenden Ereignissen geprägt. Aufgrund unterschiedlichster +ethnischer und sozialer Herkunft müssen zwischen den +Auftraggeberinnen +und +Beraterinnen +vielfältige +Verständigungsmöglichkeiten und Formen der Beziehungsgestaltung +gefunden werden, die nicht immer auf sprachlicher Kommunikation +beruhen. +Die Kontaktaufnahme erfolgt meistens auf Veranlassung Dritter, +oft „halbfreiwillig“. Dies setzt die sorgfältige Abklärung voraus: Wer +gibt welchen Auftrag, welchen will die Beraterin annehmen, und +welchen weist sie zurück? +Sich selbst und seinem Gegenüber deutlich zu machen, welchen +Hut die Beraterin gerade trägt, den der Kontrolleurin oder den der diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/585.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/585.md new file mode 100644 index 0000000..ea2dfe4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/585.md @@ -0,0 +1,28 @@ +Beraterin, erfordert ein hohes Maß an innerer Klarheit bezüglich der +jeweils wirksamen Aufträge. +Die Arbeit erfordert manchmal auch das Sicheinlassen auf die +Handlungsebene des gemeinsamen Tuns oder des stellvertretenden +Handelns für die Auftraggeberin; hier geht es z. B. um die +Unterstützung im Alltag, die Erledigung sozialanwaltlicher Aufgaben +oder die Begleitung und Unterstützung bei der Wahrnehmung von +Terminen und Interessen der Auftraggeberin. Auch hier ist es +besonders wichtig, zu klären, welche Haltung jeweils eingenommen, +welche Intention im Einzelnen verfolgt und welche Funktion dabei +erfüllt wird. Die Frage heißt dann: Dient die Hilfestellung der +Beziehungsgestaltung, ist sie eine fürsorgliche Unterstützung – weil +die Betroffene eine bestimmte Aufgabe zurzeit nicht bewältigen kann +– oder eine pädagogische Maßnahme, die zeigt, wie diese Aufgabe +bewältigt werden könnte? +Jede Form des alltagsbezogenen Handelns ist gleichzeitig ein +kommunikativer +Akt, +in +dem +Problemund +Beziehungsbeschreibungen konstruiert und ausgetauscht werden. +Es ist deutlich, dass die Bedingungen des kommunikativen +Handelns im sozialpsychiatrischen Alltag durch eine hohe +Komplexität gekennzeichnet sind. Diese bezieht sich auf die +Auftragssituation, die Kontextbedingungen der Auftraggeberinnen +und die zur Verfügung stehenden Interventionsmöglichkeiten. +Hierzu zwei „Fall“berichte. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/586.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/586.md new file mode 100644 index 0000000..291d314 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/586.md @@ -0,0 +1,28 @@ +7.1.3.1Familie F. + +7.1.3.1.1 Überweisungskontext +Eine Mitarbeiterin (G. R.) des Sozialdienstes des psychiatrischen +Krankenhauses wendet sich mit folgender Anfrage an den SpDi: +Frau F. sei zum zweiten Mal wegen einer Psychose in stationärer +Behandlung. Sie sei verheiratet, habe drei kleine Kinder und dränge +sehr nach Hause. Sie lasse sich auf der Station wenig auf die +Behandlung ein. Die Sozialarbeiterin fand es sinnvoll, einen Kontakt +zum SpDi herzustellen, damit Frau F. nach der Entlassung zu Hause +unterstützt werden könne. Jedoch sei es vermutlich schwierig, einen +Kontakt zu ihr herzustellen – es sei möglich, dass sich Frau F. auch +darauf nicht einlasse. +Wir vereinbaren, dass die Sozialarbeiterin klären soll, ob Frau F. +bereit sei, mich, die Mitarbeiterin des Sozialdienstes, bei einem +gemeinsamen Termin im Krankenhaus kennen zu lernen. +7.1.3.1.2 Das erste Gespräch +Nachdem ich (G. R.) mich und den SpDi vorgestellt habe, ist ein +Gespräch über die Situation von Frau F. und über die Situation nach +der letzten Entlassung aus dem Krankenhaus möglich. Wir +vereinbaren, zu gegebener Zeit uns darüber zu verständigen, was für +sie und ihre Familie nach der Entlassung hilfreich sein könnte. +Frau F. ist noch einige Wochen in stationärer Behandlung. Kurz +vor der Entlassung findet auf der Station noch ein gemeinsames +Gespräch mit der behandelnden Ärztin, dem Sozialdienst, Frau F. und +mir statt. Nach Einschätzung des Krankenhauses sei es für eine +Entlassung noch zu früh. Frau F. drängte zu diesem Zeitpunkt sehr +nach Hause. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/587.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/587.md new file mode 100644 index 0000000..a7946e1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/587.md @@ -0,0 +1,31 @@ +7.1.3.1.3 Paargespräch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus +im Sozialpsychiatrischen Dienst +Herr F. zeigt sich als äußerst belastet. Er habe Schlafstörungen, +müsse bereits selbst Medikamente nehmen, lange würde er das +nicht mehr durchhalten. Auch bei der Arbeit sei es für ihn zurzeit +sehr schwierig. +Annahmen über die Auslöser der Krise werden ausgetauscht. Wir +sprechen über die Klinikeinweisung, die damit verbundene +Hilflosigkeit von Herrn F. und über die mit der Einweisung +verbundene Kränkung von Frau F. +Als Möglichkeiten der Unterstützung wird die Einbeziehung +unseres psychiatrischen Pflegedienstes vereinbart: +Um Frau F. in ihren Aufgaben als Hausfrau und Mutter durch +die Psychiatriekrankenschwester zu unterstützen, die mit ihr +den Tag und die Woche planen und die auftretenden Probleme +besprechen sollte. Eine Haushaltshilfe nach der letzten +Entlassung wurde als wenig hilfreich erlebt, da Frau F. dadurch +ständig nur ihre Unfähigkeit erfahren hatte. +Darüber hinaus sollte die Krankenschwester Unterstützung +anbieten im Umgang mit den Medikamenten und +Gesprächspartnerin für das Ehepaar sein bezüglich der +Wirkung und Nebenwirkung der Medikamente und der +Entwicklung der Symptome von Frau F. +Wir bieten beiden an, getrennt oder gemeinsam Gespräche mit +ihnen zu führen. Herr F. findet für seine Frau regelmäßige Gespräche +sehr wichtig. Sie bedeuten für ihn mehr Sicherheit und Entlastung. +Darüber hinaus hat er die Idee, die psychotischen Krisen hätten +einen Zusammenhang mit der Lebensgeschichte seiner Frau. Ein +Angebot an ihn, bei meinem Kollegen im Sozialpsychiatrischen +Dienst für sich selbst Beratung in Anspruch zu nehmen, will er +bedenken. Er lässt sich Namen und Telefonnummer geben. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/588.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/588.md new file mode 100644 index 0000000..71554da --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/588.md @@ -0,0 +1,6 @@ +Frau F. ist mit Gesprächen einverstanden und sieht ebenfalls +Zusammenhänge zwischen ihrer Lebensgeschichte und ihren Krisen. +Ich habe den Eindruck, dass sie den Gesprächen vor allem zustimmt, +um ihren Mann zu beruhigen. +Weitere Paargespräche sollen dann stattfinden, wenn einer der +Beteiligten es für sinnvoll erachtet. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/589.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/589.md new file mode 100644 index 0000000..db7a74f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/589.md @@ -0,0 +1,35 @@ +7.1.3.1.4 Der weitere Verlauf +Die Gespräche fanden je nach Erfordernis und Thematik im Einzeloder Paar-Setting statt. +Die Inhalte der Gespräche mit Frau F. waren: +Ihre aktuelle Befindlichkeit und ihre Einschätzung des Grades +der Sorge ihres Mannes. Bei welchem Verhalten ihrerseits +entwickelt er mehr Sorge und bei welchem weniger? +Ihr Krankheitserleben und ihre für sie sehr schlimmen +Erfahrungen in der Psychiatrie. +Ihre Hypothesen darüber, wann und warum andere auf die +Idee kommen, sie „wegzuschließen“. Anfänglich stehen für +Frau F. ihr eigenes Verhalten und das der anderen völlig +zusammenhangslos nebeneinander. +Eine +Rekontextualisierung +ihres +Krisenprozesses. +Die +Ausgangsfrage dafür hieß: Wie kam es zu ihren psychotischen +Krisen? +Die erste Krise von Frau F. trat auf, als sie den Versuch unternahm, +den Führerschein zu machen. In diesem Zusammenhang wurde sie +wieder mit dem Unfalltod ihrer Mutter konfrontiert. Sie wollte mehr +über den Autounfall erfahren und telefonierte mit ihrer Großmutter +mütterlicherseits, vereinbarte mit ihr, sie zu besuchen, um mit ihr +über den Unfall der Mutter zu reden. Jene starb, bevor es zu diesem +Gespräch kam. Frau F. macht sich Schuldvorwürfe und viele +Gedanken über die Umstände des Unfalls. +Über die Genogrammarbeit ist es möglich, wieder mehr +Beziehung zu der verstorbenen Mutter herzustellen und dieser einen +Platz in ihrem jetzigen Leben einzuräumen. Es wird deutlich, dass +das Muster in der Familie des Vaters darin besteht, über Dinge nicht +zu reden, die schwierig, schmerzlich oder sonst in irgendeiner Form +problematisch sind. Vieles wird eher durch heimliche finanzielle +„Sonderzuwendungen“ kompensiert. In der Familie der Mutter wird +ein eher offener Austausch gepflegt. Vor diesem Hintergrund werden diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/590.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/590.md new file mode 100644 index 0000000..1a783a1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/590.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Umbewertungen ihrer Schuldgefühle bezüglich des Todes der +Großmutter und des Verhaltens des Vaters nach dem Tod der Mutter +möglich. +Ein weiterer zentraler Punkt, der deutlich wird, ist die Beziehung +zu ihrer Zwillingsschwester. Bis zum Auszug der Schwester waren sie +eng miteinander verbunden. Den Auszug erlebte Frau F. als ein ImStich-gelassen-Werden. +Heute +noch +empfindet +sie +die +Unterschiedlichkeit der Zwillingsschwester und deren Wunsch nach +einer weniger engen Beziehung als schmerzlich. +Die zweite Krise erlebte Frau F. in einer Situation, in der für sie +viele Belastungen gleichzeitig auftraten: verschiedene Familienfeste, +die Vorweihnachtszeit und Krankheiten der Kinder. Als die letztlich +auslösende Situation beschreibt sie den gebrochenen Arm der +Tochter und die damit verbundenen Komplikationen. +Wir reden über Möglichkeiten, wie Frau F. ihre eigenen +Belastungsgrenzen besser erkennen und sich entsprechend +verhalten und wie sie diese frühzeitig ihrem Mann vermitteln könne. +Herr F. stellt selbst sehr hohe Ansprüche an sich, mit denen er sich +tendenziell überfordert. Seine Frau gerät dann unter Druck, ihren +Mann in seinen Aktivitäten begleiten zu müssen. +Vor dem geplanten Familienurlaub wird die Paarbeziehung +äußerst angespannt und schwierig. Deshalb wird kurzfristig ein +Paargespräch anberaumt. Ich ziehe zu diesem Gespräch einen +Kollegen hinzu, um für Herrn F. eine neutralere Gesprächssituation +herzustellen. Es wird deutlich, dass er sich große Sorgen bezüglich +des anstehenden Urlaubs macht und er Gefahr läuft, sich mit seinen +eigenen Ansprüchen und Erwartungen zu überfordern. In dem +Gespräch kann deutlich mehr Gelassenheit und Zuversicht erzeugt +werden. Herr F. sieht für sich neue Möglichkeiten, Verantwortung zu +teilen. +Nach der Rückkehr aus dem Urlaub wird die psychiatrische Pflege +zunächst reduziert und dann beendet. Bei einem erneuten +Paargespräch werden größere Abstände für die Gesprächstermine +mit Frau F. vereinbart. Sie hat inzwischen die Organisation und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/591.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/591.md new file mode 100644 index 0000000..0e0be0c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/591.md @@ -0,0 +1,7 @@ +Versorgung der Familie und ihre erzieherischen Aufgaben wieder +weitgehend übernommen. +Die Gesprächsthemen sind nun: der Umgang mit Anforderungen +der Familie, Möglichkeiten der Stressvermeidung und die Beziehung +zu ihrem Mann. Ihre Medikamente hat sie eigenständig abgesetzt +und sich nach vorübergehenden Schwankungen in ihrer +Abgrenzungsfähigkeit stabilisiert. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/592.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/592.md new file mode 100644 index 0000000..3b4903d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/592.md @@ -0,0 +1,33 @@ +7.1.3.2Familie C. + +7.1.3.2.1 Überweisungskontext +Eine Kollegin des Allgemeinen Sozialdienstes wendet sich an den +SpDi und berichtet von einer türkischen Klientin, die ihrer Meinung +nach psychotisch sei. Der Umgang mit ihr sei sehr schwierig, sie +spreche kaum Deutsch und sei sehr aggressiv. Die türkische +Sozialberaterin habe Kontakt zu ihr, fühle sich aber von der Klientin +sehr bedroht. Wir überlegen im Team, dass die Aufnahme des +Kontaktes zu Frau C. wohl am ehesten über die türkische +Sozialberaterin möglich wäre. +Bei einem Telefonat mit ihr erhalte ich (G. R.) noch weitere +Informationen über Frau C.: Sie ist als 29-jährige Frau aus Anatolien +nach Stuttgart verheiratet worden. In ihrer Heimat war sie bereits +verheiratet gewesen. Diese Ehe scheiterte, worauf sie wieder bei den +Eltern lebte. Aus dieser ersten Ehe gibt es zwei Kinder, die +inzwischen erwachsen sind und in der Türkei leben. Frau C. wurde in +diese Ehe sehr jung verheiratet. Sie hat keine Schulbildung, kann +also weder lesen noch schreiben. Ihr jetziger Mann ist wesentlich +älter als Frau C. Er lebt seit langem in Deutschland. Seine erste Frau +ist früh verstorben und hinterließ ihm vier Kinder. Aus der jetzigen +Ehe gibt es zwei gemeinsame Kinder. +Frau C. war bereits mehrmals mit der Diagnose einer endogenen +Psychose im psychiatrischen Krankenhaus. In akutem Zustand +verhält sie sich aggressiv, klagt über Bauchschmerzen, die durch +Geschwüre im Bauch verursacht seien, bedroht die Sozialarbeiterin +und die ausländische Sozialberaterin mit der Absicht, Geld zu +erhalten. Ihr Ziel ist es, auf diese Weise mit ihren beiden jüngsten +Kindern von ihrem Mann weggehen zu können, weil sie von ihm +geschlagen werde. Frau C. beherrscht, obwohl sie seit 16 Jahren in +Deutschland ist, die deutsche Sprache nur sehr begrenzt. +Wir vereinbaren, dass die türkische Sozialberaterin Frau C. zu +einem gemeinsamen Termin einlädt. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/593.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/593.md new file mode 100644 index 0000000..cdfb777 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/593.md @@ -0,0 +1,29 @@ +7.1.3.2.2 Erstkontakt +Frau C. kommt zum verabredeten Termin in der Hoffnung, von der +Sozialberaterin das gewünschte Geld zu erhalten. Sie ist in ihrer +ganzen Erscheinung aufgelöst: wirre Haare, ungepflegte Kleidung, +Zahnlücken, schwankt zwischen lautem, aggressivem Verhalten und +verzweifeltem Weinen. +Das Gespräch gestaltet sich äußerst schwierig. Der Versuch, +mittels der Übersetzerin mit ihr ins Gespräch zu kommen, ist nur +eingeschränkt möglich, da die beiden sehr schnell in ein eigenes +Gespräch auf Türkisch verwickelt sind. Mit Frau C. direkt ins +Gespräch zu kommen ist zwar aufgrund der Sprachprobleme +schwierig, jedoch eher möglich. Frau C. klagt über Schmerzen im +Bauch. Sie sei beim Arzt gewesen, der würde jedoch nichts finden. +Sie habe auch heftige Zahnschmerzen, einige Zähne müssten +gezogen werden, doch ihr Mann würde die Zahnbehandlung nicht +bezahlen. Sie benötige Geld, um mit ihren beiden Kindern von ihrem +Mann weggehen zu können. Auf die Nachfrage, ob ihre Kinder dies +denn wollten, erzählt sie, dass diese nicht weggehen wollten, aber +nur deshalb nicht, weil der Mann sie unter Druck setze. +Ich versuche, ihr deutlich zu machen, dass ich nicht wisse, ob ich +ihr helfen könne, ihren Wunsch zu erfüllen, mit den Kindern +auszuziehen. Was die Finanzierung der Sanierung ihrer Zähne +angehe, könne ich ihr ganz sicher helfen. Ich würde auch darüber +mit ihrem Mann und der Krankenkasse reden. Einen Besuch beim +Psychiater, eventuell verbunden mit einer Medikamenteneinnahme, +lehnt sie ab. Jedoch ist sie mit einem Hausbesuch meinerseits +einverstanden, um mit ihr und ihrem Mann zu reden. Es ist +schwierig, Frau C. zu verabschieden, da sie ihr Ziel, Geld für den +Auszug zu erhalten, nicht erreicht hat. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/594.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/594.md new file mode 100644 index 0000000..6d4837b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/594.md @@ -0,0 +1,34 @@ +7.1.3.2.3 Der weitere Verlauf +Da ich bei dem Hausbesuch niemanden antreffe, ziehe ich +unverrichteter Dinge wieder ab. Einige Tage später ruft mich der +Ehemann an und meint, dass es so nicht weitergehen könne. Seine +Frau müsse weg. Sie mache nur Unsinn, schreie herum, fahre immer +schwarz, sodass er die Strafen bezahlen müsse, koste nur Geld und +könne nicht arbeiten. Die Situation drohe zu eskalieren. Bei einem +zweiten Hausbesuch treffe ich nur den erwachsenen Stiefsohn von +Frau C. an, der ebenfalls vermittelt, dass die Mutter nicht +auszuhalten sei. Er fordert, sie solle doch woanders untergebracht +werden. +Frau C. ist inzwischen aus eigener Initiative im Frauenhaus, das +Hilfe suchend bei uns anruft, da sie sich dort sehr störend verhält, +sich mit den Mitarbeiterinnen und anderen Bewohnerinnen lautstark +anlegt und sich an keine Regeln hält. Beim gemeinsamen Gespräch +mit der Mitarbeiterin im Frauenhaus äußert Frau C., dass sie zur +Ruhe kommen wolle. Auf die Frage, was sie dazu brauche und wo +sie dies am besten könne, lässt sie sich nicht ein. Sie wolle im +Frauenhaus bleiben. Wir vereinbaren, dass Frau C. im Frauenhaus +bleiben kann, solange sie sich für alle tragbar verhält. Dies setze +voraus, dass sie andere Personen nicht anschreit oder bedroht, +ansonsten werde die Polizei benachrichtigt. Einen gemeinsamen +Besuch beim Arzt mit dem Ziel, mittels Einnahme von Medikamenten +sich eher so verhalten zu können, dass sie im Frauenhaus bleiben +kann, lehnt sie ab. +In der folgenden Nacht wird Frau C. in die psychiatrische Klinik +eingewiesen. Zwischen ihr und einer andere Bewohnerin hatte es +eine tätliche Auseinandersetzung gegeben. +Im Laufe der Behandlung wird deutlich, dass die Lebenssituation +von Frau C. äußerst schwierig ist und die Psychose für sie die +Möglichkeit beinhaltet, einen „Ausbruchsversuch“ hinsichtlich der für +sie unerträglich gewordenen Situation zu unternehmen. Frau C. wird +von ihrem Mann und dessen inzwischen erwachsenen Söhnen als +Stör- und Kostenfaktor angesehen. Sie solle im Krankenhaus bleiben diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/595.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/595.md new file mode 100644 index 0000000..aa1a57f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/595.md @@ -0,0 +1,33 @@ +oder in einem Heim untergebracht werden, das jedoch die Familie +nichts koste. Die Stieftochter von Frau C. kümmert sich eher +pflichtbewusst um sie, soweit es im Rahmen ihrer eigenen +Interessen möglich ist. Die 13-jährige Tochter und der elfjährige +Sohn haben eine gute und liebevolle Beziehung zur Mutter, jedoch +wollen sie nicht gemeinsam mit der Mutter ausziehen. Der Vater +bietet mehr Konstanz und Sicherheit und erlaubt der erwachsen +werdenden Tochter mehr als die Mutter, welche die Freiheiten der +Tochter sehr an ihren wenigen Freiheiten als junges Mädchen in der +Türkei misst. Zudem beansprucht Frau C. die Tochter häufig als +Dolmetscherin und Unterstützung bei Arztbesuchen und anderen +Erledigungen. +In Gesprächen mit Frau C. wird deutlich, dass sie sich einen +Weggang aus der Familie ohne ihre beiden Kinder nicht vorstellen +kann. Sie will weder alleine zurück in die Türkei zu ihren Eltern noch +ins betreute Wohnen oder in ein Wohnheim. Auch alleine in einer +eigenen Wohnung will sie nicht leben. Frau C. wird also wieder nach +Hause entlassen. Es stellt sich die Frage, wie und mit welcher Hilfe +sie ihre Stellung in der Familie verändern kann. Eine erneute +Psychose als Lösungsmöglichkeit scheint sehr wahrscheinlich, falls +dies nicht gelingen sollte. +In Paargesprächen zeigt Herr C. wenig Bereitschaft zu einer +Veränderung der Haltung gegenüber seiner Frau. Nach einem halben +Jahr Krankheit wegen unterschiedlicher somatischer Beschwerden +arbeitet er wieder. Die beantragte Erwerbsunfähigkeitsrente sei +abgelehnt worden. Er habe schon viel durchgemacht mit seiner Frau. +Seine verstorbene erste Frau (im Wohnzimmer hängt ein Bild von +ihr) sei ganz anders gewesen. Frau C. würde nur Geld verbrauchen, +viel rauchen und essen und nicht arbeiten. Für seine Leistungen für +die Familie und vor allem für seine Kinder wird Herrn C. viel +Anerkennung von uns ausgesprochen. Anerkennung erhält er auch +für die Tatsache, dass er sehr belastet sei und trotzdem arbeiten +gehen müsse, während seine Frau zu Hause bleiben könne. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/596.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/596.md new file mode 100644 index 0000000..6ca3310 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/596.md @@ -0,0 +1,38 @@ +Frau C. hat nach ihrer Entlassung zu Hause wenig Unterstützung +zu erwarten. +Es +wird +vereinbart, +dass +dreimal +wöchentlich +eine +Krankenschwester zu ihr nach Hause kommt. Damit werden mehrere +Ziele verfolgt: +eine Aufwertung von Frau C. gegenüber der Familie durch die +häufigen Besuche; +die Einführung und Bestätigung des Krankheitsmodells, um sie +von der Vorstellung, arbeiten gehen zu müssen, und von +Schuldzuweisungen der Familie zu entlasten; +die Unterstützung von Frau C. in der Wahrnehmung ihrer +Mutter- und Hausfrauenfunktion, mit der sie sich wieder einen +Platz in der Familie verschaffen kann; +die Unterstützung der ärztlichen Behandlung und der +Medikamenteneinnahme, unter anderem dadurch, dass die +Krankenschwester die Medikamente besorgt und die +Rezeptgebühren von Herrn C. einfordert; +die Unterstützung von Frau C. durch einen wertschätzenden +Umgang mit ihr; +die Erweiterung ihres Lebensraumes in einer durch die Familie +akzeptierten Weise durch gemeinsame Aktivitäten, wie den +Besuch des Cafés nachmittags im Sozialpsychiatrischen Dienst +und gemeinsame Spaziergänge. +Frau C. geht es zunehmend besser. Ihre Zähne können mithilfe eines +Härteantrags bei der Krankenkasse und von Spendengeldern saniert +werden. Sie übernimmt immer mehr Funktionen im Haushalt und +gewinnt wieder zusehends an Lebensfreude. Die häusliche +psychiatrische Krankenpflege wird zunächst reduziert und dann +eingestellt. Hausbesuche durch den Sozialpsychiatrischen Dienst +finden weiterhin zwei- bis vierwöchentlich statt. Ein Jahr nach der +Krankenhausentlassung erzählt Frau C., sie werde gemeinsam mit +ihrem Mann in die Türkei reisen. Ihr Mann werde nach einem Monat diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/597.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/597.md new file mode 100644 index 0000000..5b5c0e5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/597.md @@ -0,0 +1,42 @@ +zurückkehren, und sie werde mit ihrer Schwägerin nach drei +Monaten wieder zurückkommen. Sie freut sich sehr, ihre Eltern und +vielleicht auch ihre Kinder nach langer Zeit wiederzusehen. +Ausgestattet mit einem Brief der türkischen Sprechstundenhelferin +des +behandelnden +Psychiaters, +Einmalspritzen +und +dem +Depotmedikament, reisen Herr und Frau C. in die Türkei. Der +jüngste Sohn wird von der ältesten Tochter versorgt. +Nach vier Monaten meldete sich Frau C. im SpDi. Ihr hat die +Reise sehr gut getan, es geht ihr ausgezeichnet. Wir vereinbaren +keine regelmäßigen Termine, doch kann sie sich jederzeit melden, +wenn sie meine Unterstützung braucht oder auch nur, um zu +erzählen, wie es ihr geht. +Herr C. meldet sich von Zeit zu Zeit mit konkreten Anfragen um +Unterstützung für seine Frau, wie z. B. zur Beantragung eines +Schwerbehindertenausweises, der Klärung von Fahrtkosten im +Zusammenhang mit der Kur usw. +Die Situation bei den angefragten Hausbesuchen ist sehr +entspannt. Frau C. hat wenige Wochen nach ihrer Rückkehr aus der +Türkei selbstständig ihre Medikamente abgesetzt. Sie hat +stundenweise eine Putzstelle bei einer alten Frau angenommen. Herr +C. ist zwischenzeitlich berentet. Die Paarbeziehung ist deutlich +entspannter und verbindlicher. +Eine Aufweichung des Krankheitskonzeptes ist als prognostisch +eher günstiger Faktor im Verlauf systemischer Familientherapien +beschrieben worden (vgl. Retzer 1994). Nach unseren Erfahrungen +im SpDi dagegen scheint bei langen Krankheitskarrieren ein Nicht-inFrage-Stellen +des +Krankheitsmodells +eher +zu +geringerer +Symptombildung und zu einer Zunahme an Lebensqualität zu führen. +Bei der Familie C. führte die Etablierung des Krankheitsmodells zu +einer Entspannung der Situation und gab Frau C. die Möglichkeit, +mehr von ihrer Kompetenz zu zeigen. Es erlaubte ihr, sich von der +Familie akzeptierte Freiräume zu schaffen, und gewährte ihr auch in +ihrer Herkunftsfamilie in der Türkei einen anderen Status. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/598.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/598.md new file mode 100644 index 0000000..245bb59 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/598.md @@ -0,0 +1,13 @@ +Krankheitskonzepte sind für uns in diesem Sinne nicht objektiv, +sondern mögliche Problembeschreibungen, für die wir uns zunächst +interessieren, deren mögliche Konsequenzen und Bedeutungen für +die Beteiligten und ihr soziales Umfeld wir erfragen. Wenn +Krankheitskonzepte in diesem Sinne zu einer Erweiterung der +Handlungsoptionen führen und von den Beteiligten als nützlich erlebt +werden, können wir sie fördern. Unter dieser Voraussetzung +versuchen wir, innerhalb des Krankheitskonzepts die Bereiche +auszuloten und auszuweiten, die dem Einfluss der Beteiligten +unterliegen. Das Krankheitskonzept kann auf diese Weise durchaus +seinen deterministischen Charakter verlieren und zu einer +subjektiven Absicherung und Entlastung der Kommunikation und +Beziehungsgestaltung beitragen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/599.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/599.md new file mode 100644 index 0000000..18b13e4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/599.md @@ -0,0 +1,31 @@ +7.2 + +Systemische Praxisreflexion und +Qualitätsentwicklung in der +Sozialpsychiatrie: Nutzerorientierung +und Zielplanung durch gemeinsame +Prozessgestaltung im Rahmen von +„Kursgesprächen“ +von Karlheinz Menzler-Fröhlich + +Das nachfolgend beschriebene Projekt Kursgespräche wurde im +Rahmen des Sozialpsychiatrischen Wohnverbundes Stuttgart-Nord +entwickelt. +Der Sozialpsychiatrische Wohnverbund (SpWv) Stuttgart-Nord der +Evangelischen Gesellschaft Stuttgart bietet 45 Plätze, die sich im +Laufe der Entwicklung hinsichtlich der Leistungsbereiche weiter +differenziert haben. Im Einzel-, Paar- und Gruppenwohnen wird +zwischen +„Normalbetreuung“ +und +„Intensivbetreuung“ +(so +genannten +Pflegewohnplätzen) +unterschieden. +Mit +dieser +letztgenannten Betreuungsform ist durch die deutlich erhöhte +Personalkapazität (Schlüssel 1 : 3,3) eine ambulante Hilfe für +Menschen mit erhöhtem Hilfebedarf möglich, die sonst eine +stationäre Hilfe beanspruchen müssten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/600.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/600.md new file mode 100644 index 0000000..4b302fc --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/600.md @@ -0,0 +1,33 @@ +7.2.1 Strömungen +Verschiedensten Strömungen und Beeinflussungen ausgesetzt, hat +sich die psychiatrische Landschaft während der letzten drei +Jahrzehnte deutlich gewandelt. Es hat eine starke Entwicklung +gegeben weg von den behindernden Strukturen der großen +Institutionen hin zu den betroffenen Menschen, zu ihrem Alltag und +ihrem Leben in den Gemeinden. +Dadurch veränderte sich auch die Wahrnehmung und die +Beschreibung des individuellen Leidens. An die Stelle der +professionellen Macht, Probleme und mögliche Lösungswege zu +definieren, tritt zunehmend die Anerkennung des subjektiven +Eigensinns der Welt des als psychisch krank bezeichneten Menschen +und seines Expertentums für die ureigenen Angelegenheiten. +Verhandeln statt Behandeln ist eine der schlagwortartigen +Formeln, in der zum Ausdruck gebracht ist, dass die als psychisch +krank bezeichneten Menschen nicht mehr als Objekte von +Behandlung, sondern mehr und mehr als Nutzer psychiatrischer +Dienste angesehen werden und angesehen werden wollen. +Als dementsprechend wichtig ist die Pflege einer lebendigen +Kultur des Trialogs als ständige und notwendige Herausforderung für +die Beziehungsgestaltung zwischen Betroffenen, Angehörigen und +Professionellen anzusehen. +Die Kompetenz und die Bereitschaft, eine Rolle als „König Kunde“ +einzunehmen, kann und darf jedoch nicht bei allen als psychisch +krank bezeichneten Menschen vorausgesetzt werden. Bei vielen +Betroffenen kann ein Gefühl weitgehender Entmutigung +angenommen werden, das ein oftmals spürbares Bedürfnis nach +Rückzug und In-Ruhe-gelassen-Werden auslöst. Aus dem Wunsch +heraus, sich vorsichtig zu orientieren und dem eigenen Leben wieder +mehr Sicherheit zugeben, vermeiden manche Psychiatrieerfahrene +das Aussprechen von Zielen oder – falls das Formulieren von Zielen +nicht zu umgehen war – verweigern die Mitarbeit an den +konkretisierten Plänen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/601.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/601.md new file mode 100644 index 0000000..cc3fd63 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/601.md @@ -0,0 +1,4 @@ +Mit unseren Kursgesprächen wollen wir dementsprechend vor +allem einen Raum schaffen, in dem sich die Mitarbeiterinnen des +ambulant betreuten Wohnens für die Einschätzung der +Bewohnerinnen zum gemeinsamen Unterwegssein interessieren. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/602.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/602.md new file mode 100644 index 0000000..aed465f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/602.md @@ -0,0 +1,24 @@ +7.2.2 „Kursgespräche“ +Wie Menschen ihr Leben gestalten, ob und wie sie sich auf ein Ziel +hinbewegen, kann als eine Frage ihres Kurses betrachtet werden. Als +zum Leben der Bewohnerinnen Dazugehörende sind wir in ihre +Kursbestimmungen einbezogen. Eine solche Auffassung entspricht +unserem Verständnis der Begleitung von Menschen im ambulant +betreuten Wohnen. +Für +Gespräche +zur +reflektierten +Gestaltung +dieses +Einbezogenseins schlagen wir den Begriff Kursgespräche vor. +Unter den Aspekten der Qualitätssicherung sowie der +Weiterentwicklung +kollegialer +Zusammenarbeit +und +klientenbezogener Arbeitsformen hat das Team des SpWv Nord im +Rahmen eines auf 18 Monate befristeten Projektes beschlossen, alle +Bewohnerinnen zu je drei Kursgesprächen einzuladen. Das Team des +SpWv Nord bestimmt drei Mitarbeiterinnen, die das Projekt in Bezug +auf Fragen, Anregungen und Auswertung begleiten. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/603.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/603.md new file mode 100644 index 0000000..c157020 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/603.md @@ -0,0 +1,26 @@ +7.2.2.1Qualitätssicherung +Zu Beginn einer Betreuung im ambulant betreuten Wohnen liegt die +Ermittlung des individuellen Hilfebedarfs vor. Ein Vorschlag zum +Gesamtplan (Ziele, Zeitrahmen, besondere Betreuungsmaßnahmen) +wird vom Kostenträger ebenfalls gefordert und in der Regel von der +Bewohnerin und den vermittelnden Diensten erstellt. Die vorliegende +Basisdokumentation wird bei allen Bewohnerinnen im Rahmen +vierteljährlicher Verlaufsdokumentation (Quartalsdokumentation) +fortgeschrieben und ist bei den intensiv Betreuten um die +Pflegedokumentation erweitert. Aktuelle Entwicklungen werden in +den wöchentlichen Fallbesprechungen reflektiert. +In den Kursgesprächen geht es in besonderer Weise um den +Aspekt der Nutzerinnenorientierung durch Nutzerinnenbeteiligung. +Die einzelne Bewohnerin mit ihrer Autonomie, ihren Wünschen, +Forderungen und Rechten steht im Mittelpunkt, damit eine optimale +Abstimmung der Betreuungsleistungen mit dem individuellen +Hilfebedarf erreicht werden kann. +Schwerpunkte der Gespräche sollen daher sein: +die Frage nach dem Nutzen, den die Bewohnerinnen aus der +Betreuung ziehen; +das gemeinsame Lernen aus der aufmerksamen Beobachtung +positiver Ereignisse oder bemerkenswerter Erlebnisse; +die Zufriedenheit der Bewohnerinnen, die ein Maßstab dafür +sein kann, wie die Betreuung erlebt wird und wie sie +modifiziert werden kann; +das zurückhaltende Sprechen über Ziele. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/604.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/604.md new file mode 100644 index 0000000..fffe488 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/604.md @@ -0,0 +1,50 @@ +7.2.2.2Weiterentwicklung kollegialer Zusammenarbeit und +auf die Bewohnerinnen bezogener Arbeitsformen +Entsprechend den inhaltlichen Schwerpunkten, sind die Gespräche +so zu gestalten, dass eine gleichberechtigte Teilnahme von +Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen gefördert wird. Dies wird +dadurch erreicht, dass eine Mitarbeiterin, die nicht in die direkte +Betreuung +einbezogen +ist, +mit +ihrer +Teilnahme +eine +Außenperspektive einnimmt. Sie nimmt nicht die Rolle einer von +außen +kommenden +Expertin +für +Gesprächsinhalte +oder +Gesprächsformen ein. Stattdessen beteiligt sie sich am Anfang an +den Überlegungen, wie das Gespräch geführt werden und auf +welche Weise sie daran teilnehmen soll. +Idealtypisch kann dies sein als interessierte Fragestellerin und +Teilnehmerin an der Herstellung des äußeren Rahmens +(Räumlichkeit, Zeitrahmen, Pausen, Sitzordnung). +Ihr kommt außerdem die Aufgabe zu, sicherzustellen, dass nicht +über Themen gesprochen wird, über die irgendjemand der +Beteiligten nicht sprechen möchte. +Auch wenn durch das Zustandekommen der Gespräche +inhaltliche Schwerpunkte im Raum stehen, geht es nicht darum, +anhand +eines +vorgedachten +Fragenkatalogs +Daten +und +Informationen zu gewinnen. Stattdessen soll das Interesse der +Fragestellerin dazu beitragen, eine Atmosphäre des gemeinsamen +Erkundens entstehen zu lassen. Auf diese Weise soll das +Kursgespräch zu einem Ereignis werden, bei dem sich die Beteiligten +vor allem für das Miteinanderreden, für das gegenseitige Zuhören +und für die Beziehungen untereinander engagieren. +Mit ihren Fragen soll sie die Beteiligten einladen, das zu erzählen, +worüber sie in Bezug auf die Zusammenarbeit aus ihrer jeweiligen +Sicht sprechen möchten. +Solche Fragen könnten um folgende Gedanken herum entstehen: +Wer gehört dazu? Wer hat mit wem auf welche Weise zu tun? +Wie macht sich die Mitarbeiterin nützlich? Wie schätzt die +Bewohnerin das, was die Mitarbeiterin tut? Gab es bemerkenswerte diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/605.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/605.md new file mode 100644 index 0000000..dfbcc2e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/605.md @@ -0,0 +1,25 @@ +Ereignisse oder Entwicklungen? Unerwartetes? Erwartetes? +Aktuelles? Gibt es Unterschiede zwischen früher und jetzt? Gibt es +Erwartungen/Pläne/Wünsche für die Zukunft? Was soll so bleiben, +wie es ist? Gibt es Änderungswünsche oder gar konkrete +Vorschläge? +Manchmal kann es sich anbieten, das Gesprochene +vorschlagsweise in einem Bild, einem Vergleich oder einer +Geschichte zu verdichten, sodass durch Zustimmung oder +Abgrenzung unter Umständen eine gemeinsame sinnvolle +Erweiterung erfolgen kann. Es kann ebenfalls passend sein, den von +außen Hinzukommenden die Rolle eines Gastes anzubieten, der +gebeten wird, zunächst aufmerksam zuzuhören, und zu einem +späteren Zeitpunkt in das Gespräch einbezogen wird. +Ihre Beiträge können sein: +Verständnisfragen, +Sinn stiftende Interpretationen, +wertschätzende und anerkennende Bemerkungen, +ungewöhnliche Ideen, +Geschichten, Bilder und Einfälle, +zurückhaltende +zusammenfassende +Kommentare, +die +Gemeinsamkeiten oder Unterschiede in den Beschreibungen +betonen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/606.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/606.md new file mode 100644 index 0000000..ccdf769 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/606.md @@ -0,0 +1,28 @@ +7.2.2.3Konkretes Vorgehen, Dokumentation und +Auswertung +Alle Bewohnerinnen des SpWv Nord werden im Zeitraum von April +2001 bis Dezember 2002 zu jeweils drei etwa halbjährlichen +Gesprächen eingeladen. Sollten Bewohnerinnen an einem +vorgeschlagenen Gespräch nicht interessiert sein oder aus anderen +Gründen nicht teilnehmen wollen, findet das Gespräch ohne ihre +Beteiligung statt. In diesen Fällen ist zu überlegen, ob und in +welcher Form die Betreffenden im Nachhinein am Gespräch +teilhaben können (Video, Brief, Protokoll, mündliche Mitteilungen). +Für die Einladung zum Gespräch sind die jeweils zuständigen +Mitarbeiterinnen verantwortlich. Sie schlagen außerdem vor, welche +Mitarbeiterin von außen hinzugezogen wird. +Jedes Gespräch wird von einer der beteiligten Mitarbeiterinnen +mithilfe eines Datenblattes dokumentiert. Es enthält folgende +Angaben: +Datum, genauer Ort, Räumlichkeit, Teilnehmerinnen, Moderation, +Verhandlung über Sitzordnung und Gesprächsdauer, tatsächliche +Dauer des Gesprächs, Pausen, wie lange, von wem gewünscht, +Gesprächstempo, Besonderheiten, Schlusskommentare zu Form und +Inhalt, weiteres Gespräch von der Bewohnerin gewünscht, eher ja – +eher nein. Falls die beteiligten Mitarbeiterinnen es für sinnvoll halten, +kann darüber hinaus eine Art Gesprächsprotokoll verfasst werden, in +dem auf den Gesprächsverlauf, die Gesprächsatmosphäre, +entstandene Geschichten oder Bilder und getroffene Verabredungen +besonders eingegangen wird. Unabhängig davon kann dort, wo es +sich anbietet und durchführbar ist, nach ausführlicher Abstimmung +mit den Bewohnerinnen eine Videoaufzeichnung gemacht werden. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/607.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/607.md new file mode 100644 index 0000000..e47329b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/607.md @@ -0,0 +1,34 @@ +7.3 + +Systemische Soziale Arbeit in der +gemeinwesenorientierten Jugendhilfe: +Ein Fallbericht +von Klaus Döhner-Rotter + +Die Beschreibung unserer Zusammenarbeit mit der Familie K. ist ein +Versuch, anhand einer konkreten Hilfemaßnahme nach § 36 SGB +VIII KJHG systemisches Gedankengut und sich daraus ableitbare +Optionen auf der Handlungsebene im Jugendhilfealltag darzustellen. +Die Entwicklung der Familie K. und die daraus resultierenden +Fortschreibungen der einzelnen Hilfepläne sind zugleich ein Teil der +schrittweisen Umsetzung und Weiterentwicklung des Konzeptes +unserer Einrichtung Pro JuLe. +Pro JuLe ist eine ambulante Jugendhilfeeinrichtung des +Kleingartacher e. V., die ihre Hilfe Kindern, Jugendlichen und +Familien in deren Lebensbezügen zur Verfügung stellt. Öffentlicher +und freier Träger kooperieren mit der Zielsetzung vernetzter +Jugendhilfe aus einer Hand. Multiprofessionelle Sozialraumteams +lösen die bisherigen Spezialteams ab. Unser Projekt hat einen Teil +dieser Überlegungen für die Zukunft der Jugendhilfe in seiner +bisherigen Arbeit schon realisiert. Die enge Kooperation mit dem +Jugendamt des Landkreises ist sichtbar an den eigenen +Räumlichkeiten einer Mitarbeiterin des ASD in unserer Einrichtung. +Unsere Konzeption wird durch gemeinsame Dialoge entwickelt, auf +ihre Realisierung hin überprüft und angepasst. +Im Lebensfeld arbeiten bedeutet für uns, den betroffenen +Menschen einen niederschwelligen Zugang zu professionellen Hilfen +zu ermöglichen und aktiv an der Schaffung von Netzwerken im +Sozialraum mitzuwirken. Es geht uns um eine enge Kooperation mit +anderen Einrichtungen, Fachleuten, Behörden, Verbänden, Vereinen. +Wir bemühen uns, unsere Hilfen flexibel, bedarfsgerecht und +ressourcenorientiert zu gestalten. Die individuelle Hilfeplanung diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/608.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/608.md new file mode 100644 index 0000000..c117d83 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/608.md @@ -0,0 +1,41 @@ +orientiert sich an unseren Auftraggeberinnen, für die wir mit einem +multiprofessionellen +Team +gruppenpädagogische +Angebote, +schulische Förderung, Sport- und Kreativangebote bereithalten. +Dabei fordern die vielseitigen Problemlagen Mut und Kreativität +heraus, um vertraute Wege zu verlassen und neue zu erproben. +Pro JuLe begann 1996 mit drei Angebotssäulen: Tagesgruppe, +sozialer Gruppenarbeit und Erziehungsbeistandschaft. In engen +inhaltlichen wie zeitlichen Strukturen wurde Einzel- und +Gruppenarbeit im Rahmen eines Wochenplanes durchgeführt. Der +Bereich Familien- und Elternarbeit wurde vor allem aus der Sicht der +individuellen Problemlage des Kindes betrachtet. Mittlerweile sind +diese +engen +Strukturen +flexibleren, +durchlässigeren +und +differenzierteren Angeboten gewichen. +Die Praxis lehrte uns, dass es unabdingbar ist, den sozialen Raum +der Kinder und Jugendlichen – Familie, Schule, Freizeitbereich – +aktiv in den Hilfeprozess einzubeziehen. Dort entstehen die +Problemlagen, und nur dort können letztendlich Lösungen gefunden +werden. Unser Arbeitsansatz beruht auf dem Gedanken, dass die +verschiedenen Angebote für das einzelne Kind nur dann erfolgreich +sein können, wenn sie auch langfristig in den jeweiligen +Lebensbereichen verankert sind. +Unter diesem Aspekt betrachtet, ist Schule für uns ein +bedeutsamer Partner. Eine Vernetzung von Schule und Pro JuLe wird +sichtbar in der gemeinsamen Elternarbeit, der individuellen Fallarbeit +und dem Erstellen differenzierter Hilfepläne. Weitere Möglichkeiten +inhaltlicher Begegnung sind gemeinsame Bildungsveranstaltungen zu +uns verbindenden Themen, z. B. Hyperaktivität bei Kindern. +Schulische Förderung des einzelnen Kindes hat nur in Abstimmung +mit der Schule Sinn. +Individuelle Veränderungen im Verhalten eines Kindes können +nur dann in das System integriert werden, wenn auch die anderen +Mitglieder des Systems zu Veränderungen bereit sind. +Deshalb ist es für uns wichtig: diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/609.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/609.md new file mode 100644 index 0000000..f32a79c --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/609.md @@ -0,0 +1,15 @@ +von Anfang an die erziehungsverantwortlichen Eltern in +pädagogische Belange und grundlegende Entscheidungen +unmittelbar einzubeziehen; +Lösungen bzw. Veränderungen als einen Entwicklungsprozess +aller Beteiligten zu betrachten, bei dem die Familienmitglieder +wie das Helferinnensystem das zu erreichende Ziel und die +damit verbundenen Arbeitsaufträge gemeinsam verhandeln; +Hilfemaßnahmen unter Berücksichtigung der individuellen, +familiären und lebensfeldbezogenen Ressourcen zu entwickeln; +den Transfer der Erfahrungen der Kinder in unserer Einrichtung +in die Familie zu begleiten und das Familiensystem beim +Übergang zu unterstützen; +die Idee „Hilfe zur Selbsthilfe“ und den sukzessiven Rückzug +der professionellen Unterstützung nicht aus den Augen zu +verlieren. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/610.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/610.md new file mode 100644 index 0000000..a6efa8e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/610.md @@ -0,0 +1,39 @@ +7.3.1 Ein Fallbericht aus der Praxis des Projektes: Familie K. +Die Familie K. besteht aus einer allein erziehenden Mutter (39) mit +drei Kindern – Josephine (14), 8. Klasse Förderschule, Mike (13), 6. +Klasse Förderschule, und Johanna (10), 5. Klasse Hauptschule. Sie +lebt jetzt in einer einfachen Vierzimmerwohnung in einem kleinen +Dorf. Der Vater der drei Kinder, mit dem Frau K. nicht verheiratet +war, verließ die Familie ein Jahr nach der Geburt von Johanna. Das +Sorgerecht liegt bei der Mutter. Kontakte mit dem Vater finden nur +äußerst unregelmäßig statt. Die Familie lebt von Sozialhilfe, die +durch kleine Nebenjobs der Mutter aufgebessert wird. +Der Erstkontakt zwischen der Familie K. und unserer Einrichtung +wurde durch den Allgemeinen Sozialen Dienst 1996 hergestellt, +nachdem Frau K. mehrfach wegen Vernachlässigung ihrer Kinder +durch Nachbarn angezeigt worden war. Zu diesem Zeitpunkt lebte +die Familie noch in einer kleinen in einem sozialen Brennpunkt +liegenden Wohnung. Die häusliche Situation war recht ungeordnet: +keine regelmäßigen Mahlzeiten, mangelnde hygienische Verhältnisse, +keine Förderung für die Kinder und insgesamt wenig Struktur. Die +Mutter war oft in einem alkoholisierten Zustand, hatte häufigen +Männerbesuch und ließ die Kinder über Stunden allein in der +Wohnung. +Im Hilfeplangespräch wurde die Frage diskutiert, ob die Kinder +ausreichend +und +zuverlässig +versorgt +sind. +Das +Tagesgruppenangebot für Josephine und Mike stellte eine Alternative +zur Heimunterbringung dar. Ein Betreuungsangebot für Johanna kam +1996 nicht zustande, da die Mutter keinen Bedarf formulierte. Auf +unseren Wunsch wurde eine Ärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie +hinzugezogen. Die Diagnostik der beiden älteren Kinder ergab, dass +sie in einem deprivierenden sozialen Milieu leben, das sich ungünstig +auf die Schulleistung und das Sozialverhalten auswirkt. Weiterhin +wurde ein Rückstand in der motorischen Entwicklung bei Josephine +festgestellt. +Die über einen längeren Zeitraum angelegte Maßnahme +beinhaltete anfangs zwei wesentliche Aufträge für uns: diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/611.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/611.md new file mode 100644 index 0000000..bfa9652 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/611.md @@ -0,0 +1,39 @@ +die Vermeidung einer stationären Unterbringung der Kinder +und +die soziale Kontrolle der Mutter durch regelmäßige Kontakte. +Die +Kooperation +mit +der +Mutter +im +Rahmen +der +Tagesgruppenbetreuung verlief eine Zeit lang unbefriedigend. Weil +die Hilfemaßnahme auf einem Zwangskontext basierte, begegnete +uns die Mutter mit Ressentiments und zeigte wenig Bereitschaft zu +einer konstruktiven Mitarbeit. Sie verweigerte vollständig die +Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Verhalten. So entstand die +Situation, dass sie der Tagesgruppenbetreuung ihrer Kinder zwar +zustimmte, ein Transfer von deren positiven Entwicklungen und +Lernerfolgen in die Familie jedoch kaum möglich war. Es entstand +eine „Schieflage“ in unseren Bemühungen um die Entwicklung der +Kinder. Die einfache Strukturiertheit der Mutter und der stellenweise +exzessive Alkoholkonsum erschwerten darüber hinaus die Situation. +Pro JuLe ließ die Zusammenarbeit mit Frau F. nicht abbrechen. +Durch regelmäßige Terminierungen von gemeinsamen Familien- und +Schulgesprächen wurde sie in ihrer mütterlichen Verantwortung +gefordert und gestärkt. Der strukturierte Tagesablauf, die gezielte +schulische Förderung und die gruppenpädagogischen Angebote für +die beiden älteren Kinder zeitigten Erfolge, die für Mutter, Schule und +Einrichtung sichtbar wurden. Mike lernte, sich mit anderen Kindern +auseinander zu setzen, seine Bedürfnisse zu formulieren und sich +abzugrenzen. Sozial erwünschte Verhaltensweisen wurden von +beiden erworben und in schwierigen Situationen eingeübt. Beide +Kinder wurden im Umgang mit anderen sicherer und erprobten +zunächst in der Pro JuLe, später auch in der Schule und dem +weiteren sozialen Umfeld neue Verhaltensmöglichkeiten. Seit +Josephine ein Hausaufgabenheft führte und die Hausaufgaben +selbstständig erledigte, waren bei ihr Leistungsverbesserungen in +der Schule, ein stärkeres Selbstvertrauen und die Erweiterung der +sozialen Kompetenz erkennbar. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/612.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/612.md new file mode 100644 index 0000000..a00bdfd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/612.md @@ -0,0 +1,42 @@ +Nach etwa zwei Jahren wurde die Hilfe für Josephine reduziert. +Sie konnte ihre gute Entwicklung stabilisieren; Hausaufgaben +erledigte sie weiterhin größtenteils selbstständig. Im Sinne einer +Reintegrationsmaßnahme +wurde +die +intensive +Tagesgruppenbetreuung beendet; stattdessen wurde eine Betreuung +im Rahmen der sozialen Gruppenarbeit vereinbart. Mike blieb vorerst +in der Tagesgruppe. +Anfang 1999 wandte sich Frau K. aus eigenem Antrieb an Pro +JuLe. Johanna, das jüngste Mädchen, hatte Schwierigkeiten in der +Schule, und ihre Mutter sah das Klassenziel gefährdet. Als Lösung +hatte sie die Idee, Johanna mit dem Ziel der schulischen +Verbesserung in der Tagesgruppe unterzubringen. Die diagnostische +Abklärung im Lern- und Leistungsbereich ergab keine signifikanten +Auffälligkeiten, jedoch ein Defizit hinsichtlich Arbeitshaltung und +Arbeitstechniken. +Zu diesem Zeitpunkt veränderten wir den eher starren +Betreuungsrahmen, der sich vor allem in der strukturellen Vorgabe +der +Tagesgruppe +deutlich +machte, +zugunsten +flexiblerer +Betreuungsangebote. Durch die Auflösung dieser engen Grenzen +hatte das pädagogische Team jetzt die Chance, als „Mannschaft mit +fallverantwortlichem Coach“ ihre Fachlichkeit, Erfahrung und +Kreativität einer Familie zur Verfügung zu stellen: Einzelbetreuung, +Gruppenangebote, Arbeit mit und in Familien werden von +verschiedenen Mitarbeiterinnen durchgeführt. Die personelle +Zusammensetzung des Teams und die inhaltlichen Angebote können +sich je nach Fall ändern. +Eine solche Vernetzung ist nicht auf das Team innerhalb der Pro +JuLe begrenzt. Je nach Bedarf und Wunsch werden auch externe +Fachleute, z. B. Ärztinnen, Lehrerinnen, Therapeutinnen, und andere +Einrichtungen in ein solches Team eingebunden. +Im Fall der Familie K. bestand das Angebot an die Mutter in der +Herstellung einer strukturierten Hausaufgabensituation in der +Familie, d. h., die Mutter wurde angeleitet, zuverlässige +Rahmenbedingungen für Johanna zu schaffen. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/613.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/613.md new file mode 100644 index 0000000..dcac5d2 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/613.md @@ -0,0 +1,32 @@ +Als ergänzende Angebote wurden die Integration von Johanna in +die Mädchenarbeit und regelmäßige Familienkonferenzen in der Pro +JuLe vereinbart. +Diese Maßnahmen hatten mehrere Effekte: +Die Verantwortung für den schulischen Bereich blieb bei der +Mutter. +Die individuellen und strukturellen Maßnahmen waren direkt +auf die Familie bezogen und fanden zum Teil auch in ihrer +Wohnung statt. +Die Rückkehr von Josephine und Mike wurde vorbereitet, +schrittweise in die Tat umgesetzt und ist inzwischen nahezu +abgeschlossen. +Durch ihre vielen Kontakte mit der Familie auch in ihrer +Wohnung wurde die Pro-JuLe-Mitarbeiterin zeitweise zum +unterstützenden Teil der Familie; zugleich moderierte sie das +über die Familie hinausgehende Hilfesystem und konnte in +dieser Funktion auch eine Metaposition einnehmen. +Die intensive Beziehungsarbeit ermöglichte der Mutter eine +selbstreflexive Auseinandersetzung mit ihrem eigenen +Verhalten. +Die Mutter konnte mit der Mitarbeiterin Themen wie Alkohol +und Missbrauch reflektieren und schrittweise Lösungen +erarbeiten. +Durch begleitende Einzel- und Familiengespräche wurden der +Selbstwert und die Erziehungskompetenz der Mutter gestützt, +ihre diesbezüglichen Ressourcen erschlossen und erweitert. +Alternative Konflikt- und Verhaltensmuster wurden eingeübt +und etabliert. +Die Familie verstärkte ihren Zusammenhalt und erhielt +zunehmend auch positive Rückmeldung aus ihrer Umwelt. +So konnte sich die professionelle Hilfe schrittweise in Selbsthilfe +verwandeln. Ein Ausdruck dafür war das Organisieren und diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/614.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/614.md new file mode 100644 index 0000000..7df1c10 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/614.md @@ -0,0 +1,20 @@ +Finanzieren eines privaten Nachhilfeunterrichtes für die beiden +Mädchen. Wichtig für dieses Wachstum waren auch die +Hilfeplangespräche, in denen jedes Kind seine Wünsche, Bedürfnisse +und Interessen formulieren konnte. +Die Mutter konnte deutlich sagen, welche Angebote sie weiterhin +für sich und die Familie benötigte und welche Aufträge schon erfüllt +waren. +Anfang 2001 wurde die Gehstruktur der Hilfemaßnahme in eine +Kommstruktur umgewandelt; der Besuch der unterschiedlichen +Angebote muss jetzt von den Kindern allein geregelt werden. Die +Mutter macht eine halbjährige „Pro-JuLe-Pause“, die Kollegin +beendete die Hausbesuche, kann aber von Frau K. bei Krisen +angefordert werden. +Nach einem halben Jahr werden alle Beteiligten sich zu einem +neuen Hilfeplangespräch treffen, um die aktuelle Situation +einzuschätzen und – wenn nötig – den weiteren Hilfebedarf +festlegen. +Anmerkung +1 Zur Methode der Praxisreflexion in der Sozialpsychiatrie siehe +Armbruster (1998); Schweitzer u. Schumacher (1995). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/615.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/615.md new file mode 100644 index 0000000..cc60426 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/615.md @@ -0,0 +1,31 @@ +Literatur + +Adler, A. (1981): Neurosen. (Hrsg. von H. Ansbacher u. R. Antoch.) +Frankfurt a. M. (Fischer). +Adorno, T. W. (1970): Negative Dialektik. Frankfurt a. M. +(Suhrkamp). +Aebi, E. et al. (Hrsg.) (1993): Soteria im Gespräch. 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(1975): Die Praxis von Handlungsforschung. +München (Juventa). diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/653.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/653.md new file mode 100644 index 0000000..a541e98 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/653.md @@ -0,0 +1 @@ +Sachregister diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/654.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/654.md new file mode 100644 index 0000000..4aa31f9 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/654.md @@ -0,0 +1,34 @@ +A +Ablenken 45 +Ablenkung 47 +Abschlusskommentar 281, 308 ff. +Abweichungen (von der Norm) 38, 64 +access cue 50 +Achtmonatsangst 86 +Adressatin +von der Adressatin zur Auftraggeberin 189 +Affektlogik 79 +Akkommodation 55, 58, 76, 79 +Aktionsforschung 29, 246 +Aktionsraum der Gemeinwesenarbeit 220 +Allparteilichkeit 193, 203, 205, 252 ff., 264, 268, 309 +Alltag 59, 71, 111 ff., 124, 132, 135, 137 ff., 165 ff., 167, 169, 175, +200, 203, 286, 315 +– gelingender 25, 165, 171 +– sozialpsychiatrischer 336 +Alltagsbewältigung 135, 166, 179, 315 ff., 336 +Alltagsferne 96 +Alltagsorientierung 328 +Alltagsrituale 286 +alltagsstrukturierende Gruppen 209 +Alphaposition 214 +Ambiguitätstoleranz 88 +analoge Kommunikation 75 +Ancien Régime 111 +Angst 280 +Anklage 44, 46 ff. +Anpassung an die Realität der stärkeren +Persönlichkeit 122 +Antizipation 31 +Appell 39, 40 ff., 45, 186 +Äquilibration 55, 79 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/655.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/655.md new file mode 100644 index 0000000..cb9afdd --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/655.md @@ -0,0 +1,32 @@ +Arbeit 99 +– in sozialen Organisationen 224 ff. +ArbeitgeberInnen 107 +ArbeitnehmerInnen 107 +Arbeitsbündnis 197, 203, 205, 264, 318 +Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit 179 ff. +Arbeitsteilung 137 +– familiäre 136 +Archetypen 288 +Armut 105 ff., 115 ff., 121 +Armutsbericht 2000 105 ff. +ASD 198 +Assimilation 55, 58, 76, 79 +Aufgaben 18, 20, 281 ff., 308 ff., 311, 315, 323 +– als Experimente 207, 282 +– phasenspezifische 136 +Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADS) 186 +Aufsuchende Familientherapie (AFT) 203 ff. +Auftrag 148 ff., 186 ff., 205, 312 +Auftraggeberinnen 28 ff., 179, 183 ff., 197 ff., 307 ff., 311 +– primäre, sekundäre, tertiäre 183, 186 ff. +– der Sozialen Arbeit 175 +– primäre +Auftragsklärung 185 ff. +Auftragsorientierung 182 ff., 256 ff. +Ausgleich 26 +ausländische Mitbürger 157 +Ausstattungsprobleme 171 +Ausstoßung 122 +Austausch von Informationen 37 +Austauschprobleme 172 +Autopoiese 58, 75 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/656.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/656.md new file mode 100644 index 0000000..767171a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/656.md @@ -0,0 +1,34 @@ +B +Balance 26, 58, 125 +– ökologische 24 ff. +Basiskompetenzen der Sozialarbeiter 192 ff. +Bedeutung 42 ff., 59, 91, 317 +Bedeutungshof 42, 278 ff. +Bedeutungsrahmen 56 +Behinderungsmacht 58 +Belastung 176 ff. +Beobachterin 31 +Beobachtungssystem 27 ff., 34 +Beratung 172 ff., 233, 262, 317 +Beschaffung 171 +Beschreibung der Wirklichkeit 28 +Beschwichtigung 45 ff. +Besucher 188 +Betaposition 215 +Betreuung 172, 263 +Bewältigung 176 +Bewältigungsmöglichkeiten 161 +Beziehung 35, 39 ff., 41, 186 +Beziehungsalltag 135 +Beziehungsarbeit 352 +Beziehungsaspekt 40 +Beziehungsaufgaben 132, 136, 139 +Beziehungsbotschaften 37, 39 ff., 44 ff., 48, 172, 312 +Beziehungsdefinition 40, 132 +Beziehungsideal 132, 135, 138, 140, 145 +Beziehungsidentität 132 +Beziehungsmuster 46, 48, 54, 267, 301 +Beziehungsqualitäten 294 ff. +Beziehungsstrategie 44 ff. +Beziehungssymbolik 171 +Bezirkssozialarbeit 198 ff. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/657.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/657.md new file mode 100644 index 0000000..cd729b0 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/657.md @@ -0,0 +1,21 @@ +bezogene Individuation 80, 118, 126, 148, 200 +bezogene Separation 80, 122, 150 +Bezugsrahmen 280 +binationale Ehen 157 +Bindung 122 +Bindungstheorie 122 +Botschaft 40 ff., 43 +Botschaften der Umwelt 83 +Briefe, therapeutische an die Auftraggeberinnen 316 +Bürgerinitiativen 175, 219 +Bürgerinnennähe/-ferne der Sozialen Arbeit 219 +Bürgerinnenorientierung 229 +Bürokratie 110 +C +Case-Management 198, 204, 207, 237 +Case-Management des ASD 202 +Chewra Kadischa 158 +Clinch 134 +Cooperate Volunteering 224 +Coping 174, 177 ff., 316 +creatura 35 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/658.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/658.md new file mode 100644 index 0000000..fc9948f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/658.md @@ -0,0 +1,30 @@ +D +Delegation 19, 148 ff., 159, 266 +Denken +– systemisches 27, 175, 327 +– zirkuläres 161 +Depression 280, 330, 335 +devorce stages +predevorce, during devorce, postdivorce 143 ff. +Diachronie 68 ff., 128, 133 +Diagnose 18, 20, 205, 249, 251, 291 ff., 298, 306, 350 +Dialektik von Beharrung und Veränderung 52, 63 +Dialog 42, 123 +Differenzierung +– innere 135 ff. +– sozialer Dienste 219 +digitale Kommunikation 75 +digitale Sicht der Wirklichkeit 273 +Diskursgemeinschaft 251 +Diskursmodell 322 +disruptive Strategien 218 +dissipative Strukturen 23, 74 +Dissoziation, synchrone 57 +Dominanzparadigma 26 +Doppelmandat von Angebot und Eingriff 243 +Doppelperspektive, systemische 18 +Doppelstruktur von Angebot und Eingriff 194, 199, 201 ff., 204 +doppelte Kontingenz 31, 161, 188 +Double-bind 22, 186, 259 +Dreidrittelgesellschaft 105 +Dritte, das 136 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/659.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/659.md new file mode 100644 index 0000000..a021c68 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/659.md @@ -0,0 +1,34 @@ +E +Echtheit 195, 279 +Ehe 109, 119, 123 ff. +Ehescheidung 112, 119, 124, 142 ff., 156 +– Gewinner und Verlierer 144 +Eigensinn 15, 42, 257, 344 +Eigensteuerung 58 +Eigenverantwortlichkeit 334 +Einelternfamilie 156 +Einfädelung der Systemtherapie in die Soziale +Arbeit 185 +Einheit von Beobachterin u. Beobachtetem 27, 34 +Einheit von Beobachterin u. beobachtetem System 29 +Einmischung 221 +Einsicht 87 +Einwegspiegel 309, 311 +Einzelfallarbeit, traditionelle vs. Gemeinwesenarbeit 222 +Einzelfallhilfe 194 ff. +Elternbeziehung 20 +Elternrecht 126 +Elternrolle 138 +Empathie 195, 203, 314 +Empowerment 176, 179, 185, 218, 311, 316 +Enkulturation 117 ff., 127 +Entfremdung 107 +Entgleisung des Delegationsprozesses 148 +Entwicklung 66 ff., 122, 129, 130 +Entwicklungsaufgaben 129, 135 +Entwicklungspsychologie, psychoanalytische 245 +Entwicklungsverläufe 327 +Erkenntnisinteresse 28 +erlernte Hilflosigkeit 168, 176 ff. +erste Natur 24 ff., 73 +Erstgespräch 17, 186, 318 ff., 340, 349 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/660.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/660.md new file mode 100644 index 0000000..96a6ff1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/660.md @@ -0,0 +1,10 @@ +– verlängertes 17, 315 +Erstmaligkeit 66 +Erwartungsphantasien 137, 148 +Erwerbs- und Einkommensspielraum 163 +Erziehungszeit 108 +Eskalation 330 +Ethik 26, 28, 39, 71 ff., 115, 240, 311 +Evaluation 231 ff. +Evolution 66 +Exosystem 95 ff., 255, 305 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/661.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/661.md new file mode 100644 index 0000000..2f1e42d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/661.md @@ -0,0 +1,34 @@ +F +Fallarbeit, systemische 16, 297, 328, 348 +Familie 33, 36, 42, 55, 58, 63 ff., 72, 85 ff., 94, 104, 117 ff., 122 ff., +132 ff., 136, 187, 189 ff., 200 ff., 206, 254, 281, 311 ff. +– Definition 117 +– Haushaltsfunktion 118 +– Organisation der 267 +– Platzierungsfunktion 118 +– in Kreisen 303 +– als Tiere 281, 304, 311 +Familienalltag 201, 203, 315 +Familienarbeit 103 +Familienbrett 20, 296 ff. +Familiendemographie 119 ff., 155 ff. +Familiendynamik 122 ff., 146 ff. +Familienfreizeit 317 +Familiengeheimnis 153 +Familienkonstellation 296, 297 +Familienlandkarte 299 ff. +Familienlastenausgleich 110 +Familienpolitik 110 +Familienrollen 86 ff. +Feedback 36, 38, 51, 63 ff., 68 +Flexibilität 113 +Fließgleichgewicht 22, 74 +Fluktuation 64, 66, 74 +Förderung des Kindeswohles 20 +Fragen 20, 315 +– aus der Beobachterperspektive 277 +– nach den Ausnahmen 258 +– zur Möglichkeitskonstruktion 275 +– zur Wirklichkeitskonstruktion 275 +– hypothetische 68 +– lineare 273, 276 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/662.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/662.md new file mode 100644 index 0000000..1e87de4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/662.md @@ -0,0 +1,10 @@ +– lösungsorientierte 276 +– problemorientierte 275 +– reflexive 277 +– strategische 277 +– systemische 272 +– zirkuläre 273, 276 +– zukunftsorientierte 277 +Frauenhaus 341 +Fünf-Phasen-Modell 18, 308 +Funktion 53, 91, 129, 280 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/663.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/663.md new file mode 100644 index 0000000..94e7b3d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/663.md @@ -0,0 +1,34 @@ +G +Gammaposition 215 +Ganzes vs. Summe der Teile 23, 52 +Ganztagsbetreuung 120 +Geben und Nehmen 149 +Gebrauchswert 106, 189 +Geburtenrate 121, 156 +Gefühle 83 +Gegenseitigkeit 260 +– negative 261 +– positive 26, 48, 123 +Gegenstandsbeschreibung der Sozialen Arbeit 160 +Gegenwart 67 ff., 70, 133 +Geheimnis 126 +Gehstruktur 190, 203 ff., 314, 352 +Gemeinwesen 72 +Gemeinwesenarbeit 192, 202, 217 ff. +– als Arbeitsprinzip aller Sozialarbeit 219 +– katalytische 223 +Gender 100, 102 ff., 107, 112, 114, 120, 155, 180, 258 ff., 311 +Gender-Sensitivität 258 +Generationen 126, 127, 145, 146, 147, 148, 158 +Generationenebenen 301 +Generationeneinheit 127 +Generationslagerung 127 +Generationszusammenhang 127 +Genogramm 205, 290 ff., 294, 339 +Gerechtigkeit 149 ff. +Geschichten 151 +geschlossene Gruppen 210 +Gesellschaft +– postmoderne 100 +– Viersektorenmodell der 99 +Gespräch 317 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/664.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/664.md new file mode 100644 index 0000000..c0b574b --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/664.md @@ -0,0 +1,25 @@ +Gestalt 32 ff., 60 ff., 129 +Gewalt 26, 126, 260 ff. +– sexuelle 124, 126, 173, 190, 331, 333 +Gleichgewicht 37, 64, 149 +Gleichheitsparadigma 103 ff., 109 +Gleichzeitigkeit 57 +– und Ungleichzeitigkeit 33 +Globalisierung 100 +Grenzen 60 ff., 123, 125 ff., 135, 301, 312 ff. +Grundregel +– psychoanalytische 307 +– systemtherapeutische 307 +Gruppe/Gruppen +– Definition 207 +– freizeitgestaltende 210 +– Funktionen der 212 +– produkt- und themenorientierte 208 +– prozess- und selbsterfahrungsorientierte 209 +– zeitlich begrenzte vs. unbegrenzte 210 +Gruppenarbeit +– soziale 207 +– sozialpädagogische 236 +Gruppendynamik 209, 211 +Gruppenprozess 212 +– fünf Phasen 216 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/665.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/665.md new file mode 100644 index 0000000..d97fa8d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/665.md @@ -0,0 +1,32 @@ +H +Handlungsforschung 29 +Handlungsrichtlinien 256 +– systemische 250 +Handlungsspielräume 163 +Hausbesuch 18, 314, 317, 341 +Haushalt 136 +Haushaltsarbeit 259 +Haushaltshilfe 338 +Haut 84 ff. +Heimalltag 238 +Heimat 113 +Heimerziehung 157, 173 +– systemische Arbeit in der 238, 317 +Heimunterbringung 237 +Heimvorteil der Familie 200, 204, 314 +Helferinnenkonferenz 262, 313 +Herkunftsfamilie 126, 134 ff., 239, 317 +Herrschaft 99 +Hierarchie 60, 99 +Hier-und-jetzt-Perspektive 298 +Hilfe zur Selbsthilfe 176, 194, 262, 349, 352 +Hilfeplan 19 ff., 185, 189, 204 ff., 234, 238 ff., 262, 348 ff. +Hilfeplangespräch 19 ff., 313, 350 +Hilfeprozess 235, 237, 249, 256, 262, 315 ff. +Hilflosigkeit 330 +Hintergrund 67, 168 +homogene Gruppen 210 +Homöostase 37, 63 +Hypothesen 272, 291, 302, 303, 308, 309, 311, 315, 338 +Hypothesenbildung 18, 19, 250 ff., 291, 308 +Hypothetisieren 272, 291 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/666.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/666.md new file mode 100644 index 0000000..518c6e8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/666.md @@ -0,0 +1,29 @@ +I +Ich – Du – Wir 303 +Ich und Du 23 +Identität 81, 84 ff., 125, 135 +Identitätsdarstellung 88 +Imperative der systemischen Sozialen Arbeit 240 ff. +Indikation 200, 206 +Individualisierung 98, 109, 111 ff., 121 ff., 132, 136, 142 +Individuation 135 +Informationen 251 +Informationsgesellschaft 113 +Inhalt 45, 186 +– vs. Beziehung 18 +Inhalts- und Beziehungsaspekt 171 +Interaktion 36 ff. +– instruktive 31, 57, 65, 248 +Interesse 252 ff., 264, 268 +Interpunktion 37 +Intervention 20, 164, 173, 249, 252, 262, 291 ff. +Interview 317 +– systemisches +– Fünf-Phasen-Modell 18, 308 +Intervision 19, 320 +Intimität 124 +Intuition 45, 242 +J +Joining 18, 203, 311, 314 +Jugendamt 94 ff., 184 +Jugendhilfe 121, 348 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/667.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/667.md new file mode 100644 index 0000000..22af8af --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/667.md @@ -0,0 +1,34 @@ +K +Kampf um Anerkennung 150 +Kapitalismus 104, 106, 114 +kapitalistische Ökonomie 100 +Kernfamilie 112, 117, 119 +Kindergarten 72 +Kindheit 123, 155 +Kläger 188 +Klientenzentrierte Gesprächstherapie 195 +Klientin 183 +Koevolution 26, 85, 112, 122, 129, 151 +Koindividuation 85 +kollegiale Supervision 18 +Kollusionen 148 +Komm- und Gehstruktur 200 +Kommentierungen 281 +Kommstruktur 190, 314, 352 +Kommunalpolitik 221 +Kommunikation 39 ff. +– analoge 289 +Komplementarität 33 +Konfrontation 195 +Konnotation 42 ff. +Konnotation +– positive 278, 280 +– positive vs. positives Denken 279 +Konserven 66 +Konstrukte 74 +Konstruktion der Wirklichkeit 27 +Konsultation 234 +Konsumentensouveränität 221 +Kontakt- und Kooperationsspielraum 163 +Kontaktaufnahme 336 +Kontext/Kontexte 30, 35, 75, 264, 330 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/668.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/668.md new file mode 100644 index 0000000..9158942 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/668.md @@ -0,0 +1,31 @@ +– äußere 61 +– Definition 61 +– innere 61 +Kontextperspektiven 35 +Kontextualisierung 35, 254 ff. +Kontingenz 31 +Kontinuität 91, 124 +Kontrolle über Situation 45 +Konversation 234 +Kooperationsparadigma 26 +Körperhaltung 48 +Körpersprache 43, 45, 81, 296, 303 +Kraft +– implikative 60 +– kontextuelle 60 +Krankheitskonzept 327, 338, 342 ff. +Krankheitsverläufe 326 +Kreativität 66 +Krise 25, 129, 330, 333, 337 ff. +Krisenbewältigung 164 +Krisenintervention 329 +Kriterienprobleme 173 +Kritische Theorie 99 ff., 102 +Kultur 98, 111 ff. +Kunde 188 +Kundenorientierung 188, 227 ff. +Kursgespräch 233, 345 ff. +Kurzzeittherapie 315 +Kybernetik 22 +– erster Ordnung 37 +– zweiter Ordnung 27, 29 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/669.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/669.md new file mode 100644 index 0000000..bd85c83 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/669.md @@ -0,0 +1,26 @@ +L +Landkarte/Familienlandkarte, kognitiv-affektive 266, 282 +Last des Schweigens 154 +Lebensereignisse 128, 130 +Lebensfeld 348 +Lebensformen, private 112, 163 +Lebensgeschichte 338 +Lebenslage 102, 162 ff., 171, 197 +Lebenswelt 13, 166 ff., 175, 179 +– vs. System 168 +Lebensweltorientierung 229 +Lebenszyklus 92, 162, 266, 287 +– familiärer 85, 128 ff., 137 +– von Paaren 137, 139 +– persönlicher 130, 139 +Leitidee, familiäre 151 +Lern- und Erfahrungsspielraum 163 +Lernen, soziales 236 +Liebe 124, 132 +Liebesideal 124, 132 +life events 164 +Lohhausen 243 +Lösung erster Ordnung 130 +Lösungsorientierung 256 ff. +Loyalität 19, 38, 91, 97, 122, 124, 126, 130, 137 ff., 148 ff., 151, +173, 175, 180, 187, 238, 260 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/670.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/670.md new file mode 100644 index 0000000..ee8b0d4 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/670.md @@ -0,0 +1,34 @@ +M +Macht 124 +Machtprobleme 172 +Mailänder Gruppe 250, 273, 279, 282, 285 +Makrosystem 98 ff., 256, 305 +Märchen 289 +Marktwirtschaft, soziale 108, 165 +Mediengesellschaft 113 +Medikamenteneinnahme 341 +Mehrdeutigkeit 41 +Mehrdeutigkeit von Beziehungsbotschaften 40 +Mehrgenerationenhaushalt 155 +Mehrgenerationenperspektive 20, 126, 146 ff. +Melancholie 158 +Menschenbild 73 ff. +Mesosystem 18, 93 ff., 255, 305 +Metakommunikation 44, 134, 166, 168 +Metapher 20, 43, 132, 288 +Methode/Methoden +– darstellende 270 +– der Qualitätssicherung 272 +– settingstrukturierende 17, 307 ff. +– verbale 269, 272 +– zur Strukturierung des Settings 271, 307 +Methodenkompetenz 242 +Mikrosystem 18, 85 ff., 255, 305 +Misshandlung 124 +Mobilität 113 +Moderatorinnen 257, 320 +Multichronie 68, 133 +Multiproblemfamilie 189 ff. +Muße- und Regenerationsspielraum 164 +Muster 32 ff., 52 +Mutter-Kind-Dyade 259 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/671.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/671.md new file mode 100644 index 0000000..ddbb837 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/671.md @@ -0,0 +1,20 @@ +Mutter-Kind-Modell 237, 247 +Mythen 151 +N +Nachhaltigkeit 25, 90 +Nähe und Distanz 40, 72, 125 ff., 130, 139, 163, 192, 294, 296 +Nationalsozialismus 74, 147, 152, 154 +Naturbeherrschung 114 +Ner Tamid 158 +Netzwerke 24, 169 ff., 304, 348 +Netzwerke, soziale 265 +Netzwerkförderung 227 +Netzwerkkonzept 246 +Neue Steuerung 226, 228, 246 +Neugier 253, 328 +Neuorientierung 139 ff. +Neurolinguistisches Programmieren 48 +Neutralität 252 ff., 268, 309, 317 +Non-Profit-Betrieb 228 +Normen 89 ff. +Nützlichkeit 35 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/672.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/672.md new file mode 100644 index 0000000..44f059a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/672.md @@ -0,0 +1,17 @@ +O +Objektivität 27, 29, 115 +offene Gruppen 210 +oikos 24, 123, 142 +Ökologie 24 ff. +Ökonomie 59, 100, 104 ff. +Ökonomismus 228, 246 +Omegaposition 215 +Opfer 173, 190, 260, 331, 333 +Ordeals 283 ff. +Ordnung vs. Chaos 63 ff. +Organisation 32 ff., 51 +Organisationsentwicklung 226 ff. +Organisationskultur 227 +Organisationsstruktur 228 +Orientierungsschema für das systemische Handeln 263 ff. +ozeanisches Gefühl 132 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/673.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/673.md new file mode 100644 index 0000000..0fdbefa --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/673.md @@ -0,0 +1,34 @@ +P +Paar 132 ff., 136 +Paargespräch 336, 342 +Palo-Alto-Gruppe 282 +Parentifizierung 302 +Partizipation 175 ff. +Pathologisierung 246 +Pause 18, 309 ff. +Pause als settingstrukturierende Methode 18 +Person der Sozialarbeiterin 268 +Perspektiven, zentrale 34 +Pflege, psychiatrische 337, 339, 342 +Phasen 128 ff. +Phasenmodell 128 ff. +– des Trauerns 145 +– Grundannahmen 128 ff. +pleroma 36 +Pluralisierung 87 +Pluralisierungsthese 119 +Pluralismus 14 +Pluralität 41 +poetische Kommunikation 332 +Politik 108 ff. +– der Runden Tische 223 +Position/Positionen 53 +– in der Gruppe 214 ff. +Postmoderne 111, 124, 127 +Praxisreflexion 328 +Prinzip Hoffnung 14 +private Lebensformen 156 +proaktive Systembedingungen 224 +Problembeschreibungen 193 +Probleme, soziale 171 +Problemlösesystem 29 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/674.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/674.md new file mode 100644 index 0000000..a0f0017 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/674.md @@ -0,0 +1,16 @@ +Problemlösung 29 +Problemsystem 30 +Problemtrance 314 +Professionalisierung 227 +Projekt 136 +Projektphase 136 ff. +Prozess 53, 63 +Prozessmodell der Einzelfallhilfe 197 ff., 204 +Psychiatrieenquete 169 +Psychoanalyse 14, 30, 79, 118, 130, 146, 151, 195 ff., 245, 307, 315 +Psychodrama 211, 212, 214, 216, 242, 295, 313 ff., 317 +Psychose 337, 340 +Psychosoziale Arbeit 234 +Q +Qualitätssicherung 230 ff., 345 ff. +Qualitätszirkel 233, 322 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/675.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/675.md new file mode 100644 index 0000000..82c290f --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/675.md @@ -0,0 +1,34 @@ +R +Radikaler Konstruktivismus 27, 75 +Rationalisieren 45, 47 +Raum, sozialer 24, 63, 71, 125, 167, 294, 313, 323, 348 ff. +Reduktion von Komplexität 294 +Reflecting Team 28, 309, 311 +Reformdiskussion 227 +Reframing 18, 149, 164, 199, 235, 280, 332 +Regeln 33, 53, 88 ff. +Regression 130, 195, 203, 245 +Rekonstruktion von Wirklichkeit 27 ff., 30 ff. +Rekursivität 94 +Relabeling 280 +Repräsentationssystem +– auditives 49 +– kinästhetisches 49 +– visuelles 48 +Resonanz 30, 193 +Respekt 252 ff., 264 +Respektlosigkeit 253 +Ressourcen 18, 25, 85, 91, 129, 133, 136, 138, 140, 145, 164 ff., +171, 175, 177, 179, 205, 207, 221, 228, 256 ff., 265, 333 +Ressourcen +– äußere 161 +– innere 161 +Ressourcenorientierung 18, 174, 194, 255 ff., 333 +Reziprozität 33 +Reziprozitätsparadigma 104 +Rituale 91 ff., 125, 145, 206, 285 +– für besondere Situationen 286 ff. +– familiäre 286 ff. +– im familiären Lebenszyklus 287 +role making vs. role taking 87 ff. +Rollen 33, 53, 86 ff., 92, 136, 203 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/676.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/676.md new file mode 100644 index 0000000..be083b8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/676.md @@ -0,0 +1,9 @@ +Rollenbilder 86, 136 +Rollendistanz 88 +Rollen-Feedback 296 +Rollenspiele 242, 314, 317 +Rollentheorie 31, 102 +Rückfallprophylaxe 276 +Rückführung in die Familie 247 +Rückkoppelung 33, 36 ff., 54, 60, 100, 177, 251 ff., 311 +Runder Tisch 235, 262, 313 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/677.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/677.md new file mode 100644 index 0000000..c3c3483 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/677.md @@ -0,0 +1,34 @@ +S +Sachinhalt 39 ff. +Sammeln von Informationen 298 +Scham 41, 154 +Schamgefühl 154 +Scheidungswaisen 119 +Schema/Schemata 49, 59, 79, 81 ff., 85, 177, 242 +Schemaentwicklung 82 +Schuld 154 +Schuldentlastung 334 +Schuldgefühl 154, 330 +Schuldvorwürfe 339 +Schuldzuweisungen 327 +Schule 17, 92 ff., 349 +Schwäche und Stärke 45 +schwarze Pädagogik 123 +Seelenmord 26 +Selbstevaluation 231 ff., 320, 328, 344 ff. +Selbstexploration 196 +Selbsthilfe 265 +Selbsthilfebewegung 219 +Selbsthilfegruppen 211 +Selbstoffenbarung 39 ff., 44 ff., 186 +Selbstorganisation 14, 57 ff., 169, 179, 185, 193, 311 +Selbstreferenz 39 +Selbstverwaltung 169 +Selbstwert 58, 81, 84, 151, 193, 311 +Setting 17, 206, 307 ff., 316 ff., 326 ff. +Sexualität 313 +Sicherungssystem, soziales 109 +Sicht der Wirklichkeit, analoge 273 +Signifikant 41 ff. +Signifikat 41, 43 +Single 120, 156 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/678.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/678.md new file mode 100644 index 0000000..27ad267 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/678.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Single Session Therapy 316 +Sinn 36, 39, 42, 84, 91, 129, 151, 168, 315, 323, 327 ff. +Sitzordnung 313 +Skalierungsfragen 278 +Skulptur 295 ff. +Skulpturarbeit 295, 303 +Solidarität 90 ff. +Sozialarbeit +– katalytische 217 +– klassische 236 +– kritische 218, 225, 227, 246 +Soziale Arbeit, interkulturelle 340 +soziale Probleme 171 ff. +sozialer Raum 71 ff., 313 ff. +Sozialisation 93, 117 ff., 122 ff., 127, 155, 165, 207 +Sozialisationssystem 77, 87 +Sozialisationstheorie 102 +Sozialpädagogik 233, 235 +Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) 200 ff., 206 +Sozialpolitik 109, 165 +Sozialpsychiatrie 326 +Sozialpsychiatrische Dienste (SpDi) 325, 343 +Soziogramm 40, 294, 298 +Soziotop 262 ff. +SPAK 245 +Splitting 203, 310 +Spontaneität 66 +Spontaneitätslage 65 +Sprache 99 +Stabilität 65, 168 +Status 33 +Streit 280, 323 +Stress 177 +Stressreduzierung 317 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/679.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/679.md new file mode 100644 index 0000000..a0a1cdf --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/679.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Struktur 52 ff., 60 +strukturelle Koppelung 58, 75 +Strukturieren von Informationen 298 +Strukturverschiebung 302 +Subjekt/Subjekte 59, 79 ff., 161 +– vergesellschaftete 113 +Subjektivität 135 +Subsidiarität 244 +Subsidiaritätsprinzip 184 +Subsystem 61, 301, 312 ff., 317 +Suizidgedanken 19 +Suizidversuch 329 +Sündenbock 151 +Supervision 230 ff., 328 +Symbiose 18, 133, 136 +Symbol/Symbole 41 +– ikonisches 43 +Symmetrie 33 +Symptomverschreibung 322 +Synchronie 68, 133 +System/Systeme 32 ff. +– Definition 27, 31 +– Erhalt und Wachstum 135 +– ersten, zweiten, dritten, vierten Grades 51 ff. +– größere 306, 313 +– vs. Kontext 59 ff., 254 +– Kontinuität des 63 +Systembild, ökologisches 263, 305 +Systembrett 296 +Systemdynamik 54 ff. +Systemebenen, ökosoziales Modell der 77, 187 +Systemerhalt 129 +Systemkohäsion 54 ff., 122 +Systemkräfte 54 ff. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/680.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/680.md new file mode 100644 index 0000000..b109505 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/680.md @@ -0,0 +1,5 @@ +– zentrifugale vs. zentripetale 122, 130, 139 +– zentrifugal-ausstoßende 54, 122 +– zentripetal-bindende 54, 122 +Systemprozesse 63 ff. +Systemstabilität 55 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/681.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/681.md new file mode 100644 index 0000000..0ba9f98 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/681.md @@ -0,0 +1,31 @@ +T +Tabu 152 ff. +Tagesgruppe 350 +Tanaland 243 +Task Centered Approach to Family Therapy 323 +Täter 173, 190, 260 +Täter-Opfer-Beziehung 260 +Tauschwert 106, 189 +Teamarbeit 203, 221, 308 ff., 313, 348, 351 +Technologie 114 ff. +Teilhabe 222 +Themen, phasenspezifische 129 +Themenzentrierte Interaktion (TZI) 208 +Theorie/Theorien 27, 90, 162, 241 +Therapeutinnenvariablen 74 +therapeutische Rituale 286 +Therapie 233 ff., 317 +– lösungsorientierte 258 +Tod 141 ff. +Toleranz 73, 240, 254 +totale Institution 169 +Tradition 33, 67, 122, 124 +Transfer 349 +transgenerationelle Korrektur des Familienerbes 147 +Trauer 158 +Trauerarbeit 142, 144 +Traum 288 +Triade 86, 259 +Trialog 345 +Triangulierung 18, 20 +Tun des Einen ist Tun des Anderen 23, 79, 159 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/682.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/682.md new file mode 100644 index 0000000..c7e3793 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/682.md @@ -0,0 +1,20 @@ +U +Überweisungskontext 264 +Übergang 287 +Übergangskrise 129, 133 ff., 138, 140, 144 ff. +Über-Ich 154 +Übertragung/Gegenübertragung 195, 215, 245 +Überweisungskontext 184, 186, 318, 337 +Umwelt 304 +Unbestimmtheit 65 ff. +Unbewusstes, individuelles und kollektives 43 +Unschärferelation 29 +unsichtbare Bindungen 19 +Unterscheidung von Eltern- und Paarbeziehung 138 +Unterschiede 35, 273 +– kulturelle 70 +Unterschiedsparadigma 104 +Unterstützungssystem 29, 184 ff., 189, 239, 257, 298, 311 +– erweitertes 191 +– inneres 191 +Urvertrauen 71 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/683.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/683.md new file mode 100644 index 0000000..afcf1e8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/683.md @@ -0,0 +1,29 @@ +V +Variablen 62 +– aktive 62 +– kritische 62 +– passive 62 +– puffernde 62 +Verantwortung 91, 339, 351 +Verantwortungsübernahme 104 +verbale Methoden 272 ff. +Verdienst 149 +Vergangenheit 67 ff., 70, 133 +Verhalten 33 +Verhandeln statt Behandeln 344 +Verhandlung 172 ff., 262 +Vernetzung 251, 312, 349, 351 +Vernetzungsarbeit 236 +Verpflichtung 149 +Verschlimmerungsfrage 276 +Verschreibung des Symptoms 323 +Verschreibung von Ritualen 285 +Versöhnung 145 +Verstörung 335 +Vertrauen 135 +Vertretung 262 +Verzweigungspunkte 65 +Videoaufzeichnungen 16, 271, 307, 309, 322 +Visualisierung 322 +Vorurteile 250 +Vulnerabilität 174 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/684.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/684.md new file mode 100644 index 0000000..eb5e487 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/684.md @@ -0,0 +1,27 @@ +W +Wachstum 85, 128 ff., 138, 196 +Wahlverwandtschaften 113 +Wahrheit 30, 115 +Wandel Versorgerehe – Zuverdienerehe 157 +Ware Arbeitskraft 107 +Wärme 195 +Werte 90 ff. +Wesen, soziales 90 +Wiederholungszwang 146 +Wir 23 +Wissenschaft 114 +Wohnung 17, 72, 135, 167, 200, 202, 205, 265, 350 +Wunderfrage 276 +Z +Zeit 67 ff., 128, 286, 315 ff. +– individuelle 69 +– kulturelle 70 +– soziale 70 +Zeitorganisation 57 +Zeitstrahl 292 ff. +Ziel der Auftragsklärung 185 +Zirkularität 38 ff., 248, 251 ff., 334 +Zukunft 67 ff., 70, 133 +Zwang 262 +zweite Natur 24 +Zwischen (Buber) 23 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/685.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/685.md new file mode 100644 index 0000000..fed7d56 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/685.md @@ -0,0 +1,9 @@ +Namensregister + +Adorno, Th.-W. 243 +Alinsky, S. 217, 245 +Anderson, Th. 29, 234 +Andolfi, M. 279, 323 +Antons, K. 209, 216 +Ariès, Ph. 87, 111, 123, 141 +Armbruster, J. 182, 233, 272, 324, 352 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/686.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/686.md new file mode 100644 index 0000000..6e452a5 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/686.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Bandler, R. 48 ff., 81, 303 +Barclay, P. 221 +Bar-On, D. 154 +Barrett, M. J. 122, 190 +Basaglia, F. 169 +Bateson, G. 22, 33, 35 ff., 57, 75, 238, 251, 273 +Beck, U. 11, 88, 99, 111, 322 +Bertrando, P. 68 ff., 196, 271 +Blakeslee, S. 142 ff. +Bloch, E. 14, 76, 114, 152, 158, 173 +Böhmen, N. 295 +Böhnisch, L. 162 ff. +Boscolo, L. 68 ff., 196, 234, 250, 269, 271 +Boszormenyi-Nagy, L. 19, 91, 122, 125, 149, 173, 260 +Bowen, M. 18 +Brager, G. 218 +Brem-Gräser, L. 270, 304 +Brisch, K.-H. 122 +Bronfenbrenner, U. 11, 77 ff., 85, 93, 98 ff., 187, 305 +Buber, M. 23, 42, 158 +Buhr, P. 116 +Capra, F. 22, 27, 29, 52 ff., 71, 74, 129, 170 +Cecchin, G. 250, 253, 278 +Ciompi, L. 79, 174 +Cohn, R. 208 +Conen, M.-L. 190, 194, 204, 262 +Cronen, V.-E. 59 ff. +de Shazer, S. 29, 188, 245, 258 +de Vries, S. Ph. 158 +Donzelot, J. 180 +Dörner, D. 81, 161, 243 +Dörner, K. 182, 209 +Drees, A. 332 +Duss-von Werdt, J. 23, 116, 198 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/687.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/687.md new file mode 100644 index 0000000..2a487ce --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/687.md @@ -0,0 +1,20 @@ +Ebbecke-Nohlen, A. 103 ff., 196 +Elias, N. 67 +Elkaim, M. 30, 193 +Elsen, S. 222 +Engels, F. 100, 103 +Engstler, H. 121, 155 +Erhard, L. 108 +Erikson, E.-H. 71, 90, 130, 141, 145 +Farmer, Ch. 216, 313 +Ferreira, A. 151 +Fishman, H.-C. 61, 269, 271, 299, 312, 313, 322, 323 +Freud, S. 14, 62, 83, 132, 142, 144, 146, 154, 158, 242, 288 +Freud, A. 151 +Garza, B. 42 +Germain, C.-B. 128, 176 ff., 191, 192 +Gitterman, A. 128, 176 ff., 191, 192 +Goffman, E. 169 +Goldbrunner, H. 171, 196 +Goolishian, H. 29, 234 +Grinder, J. 48 ff., 303 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/688.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/688.md new file mode 100644 index 0000000..d47fac8 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/688.md @@ -0,0 +1,28 @@ +Habermas, J. 14, 28, 79, 90, 99 ff., 114, 117, 155, 167 ff., 243 ff., +322 +Haley, J. 269, 271, 283 ff. +Hanesch, W. 105 ff., 115 ff. +Hargens, J. 27, 188 +Hegel, G.-F. W. 150 +Heigl-Evers, A. 215 +Heiner, M. 228, 231, 270, 320 ff. +Heisenberg, W. 23, 27, 29 +Heraklit, 133, 158 +Herwig-Lempp, J. 196, 245 +Hinte, W. 217, 223 +Hofer, M. 129 +Horkheimer, M. 100, 102 +Huschke-Rhein, R. 75 ff. +Imber-Black, E. 153, 196, 206, 269, 286, 292, 306, 313 +Jonas, H. 115 +Jung, C. G. 14, 43, 242, 288 +Karas, F. 217, 223 +Kaslow, F.-W. 143 ff. +Kast, V. 145 +Katschnig, H. 317 +Keupp, H. 25, 169 ff., 175, 246, 324 +Kim Berg, I. 196, 245, 258 +Kopfmüller, J. 25, 90 +Krappmann, L. 84, 88 +Kübler-Ross, E. 142, 145 +Künzel-Schön, M. 225 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/689.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/689.md new file mode 100644 index 0000000..83887ef --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/689.md @@ -0,0 +1,28 @@ +Lane, G. 253 +Lazarus, A. A. 177 +Lehr, U. 118 +Leyendecker, S. 259 +Lidz, Th. 302 +Ludewig, K. 31, 270, 296 +Luhmann, N. 31, 57 ff., 75, 100, 294, 322 +Lüssi, P. 171 ff., 199, 244, 257, 261 ff. +Madanes, C. 190 +Mailänder Gruppe, 38, 279, 281 ff., 285, 308 +Mannheim, K. 127 +Marx, K. 99 ff., 103, 106 +Masson, H.-C. 323 +Maturana, H. 27, 58 +Mead, G. H. 31, 244 +Mielenz, L. 221 +Minahan, A. 220, 245 +Minuchin, S. 18, 29, 61, 105, 125, 269 ff., 299 ff., 312 ff., 322 ff. +Molcho, S. 43, 84, 270 +Molter, H. 295 +Monzer, M. 232, 272, 321 +Moreno, J.-L. 40, 63, 216, 295, 298 +Müller, B. 200, 243, 246 +Müller, C. W. 218, 245 ff. +Müller, F. W. 196 +Münder, J. 244 +Müssig, R. 270, 303 +O’Byrne, P. 323 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/690.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/690.md new file mode 100644 index 0000000..af8410a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/690.md @@ -0,0 +1,21 @@ +Palazzoli, S. 29, 38, 147, 196, 250, 269, 271, 279, 282, 285, 353 +Papp, P. 313 ff. +Peseschkian, N. 269, 288 ff. +Peters, U. H. 246 +Piaget, J. 79, 85 +Pincus, A. 182, 220, 245 +Platon, 23, 133 +Pörksen, U. 42, 278 +Prigogine, I. 23, 26, 63, 65 ff., 74 +Ray, W.-A. 253 +Reich, G. 126, 153, 196 +Retzer, A. 57, 196, 343 +Reuter, D. 188 +Richter, H.-E. 137, 148 +Rogers, C. 74, 195 ff., 279 +Rosen, S. 269, 288 +Rosenthal, G. 127 ff., 158 +Rothe, M. 262, 270 +Rotthaus, W. 191 +Rücker-Embden-Jonasch, I. 103 ff. +Rutschky, K. 87, 123 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/691.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/691.md new file mode 100644 index 0000000..5471f61 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/691.md @@ -0,0 +1,34 @@ +Satir, V. 19, 44 ff., 48, 81, 130, 176, 215, 270, 295, 303, 304 +Schacht, M. 63 ff. +Schindler, H. 196, 244, 317 +Schultz von Thun, F. 39, 42, 166, 174 +Schumacher, B. 196, 352 +Schwartz, L.-L. 143 ff. +Schweitzer, J. 175 ff., 186, 188, 196, 262, 269 ff., 275, 295, 313, +316, 320, 322, 352 +Seligman, M.-E. P. 105, 168, 177 +Shakespeare, 132 +Shulman, L. 191 ff., 197, 212 ff., 245 +Sichrovsky, P. 154 +Spangler, G. 122 +Spark, G. 19, 122, 149, 173, 260 +Specht, H. 217 ff., 245 +Sperling, E. 126 +Spindler, M. 238, 247 +Spitz, R. 86 +Staub-Bernasconi, S. 58, 171 ff., 244, 263 +Stierlin, H. 19, 23, 26, 42, 48, 54, 74, 79 ff., 85, 91, 122 ff., 134, +148, 159, 196 ff., 200, 260 ff., 271, 319 +Tannen, D. 41 +Taube, K. 238 +Tausch, R. und A.-M. 195 +Thiersch, H. 25, 60, 84, 165 ff., 246 +Tomm, K. 269, 271, 273, 275 ff., 308 +Trepper, T.-S. 126, 190, 196, 303 +Varela, F. 58 +Vester, F. 62, 115 +Wellendorf, L. 93 +von Ehrenfels, Chr. 23 +von Foerster, H. 28 +von Franz, M.-L. 70, 159, 229 +von Schlippe, A. 186, 269 ff., 275, 280, 295, 316, 320, 322 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/692.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/692.md new file mode 100644 index 0000000..b01043e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/692.md @@ -0,0 +1,15 @@ +Wallerstein, J. 142 ff. +Walters, M. 196, 258 +Wanschura, E. 317 +Watzlawick, P. 28, 36, 37, 75, 81, 130, 166, 171, 248, 269 +Weber, G. 57, 71, 196, 270, 295 +Wegner, W. 126, 190, 260 +Wellendorf, F. 93 +Wendt, W.-R. 170 +White, M. 271, 316 +Wiener, N. 22 +Willi, J. 26, 85, 147 ff., 196 +Wirtz, U. 26 +Wynne, L.-C. 45, 56 +Zerchin, S. 182 +Zimmermann, P. 122 diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/693.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/693.md new file mode 100644 index 0000000..e0c82ea --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/693.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Über den Autor + +Wolf Ritscher, M. A., Dipl.-Psychologe, Dr. phil.; von 1988–2010 +Professor für Psychologie mit Schwerpunkt Familienberatung in der +Sozialen Arbeit an der Hochschule Esslingen, Fakultät SAGP; dort +auch langjähriger Leiter des Projektes „Erziehung nach Auschwitz“. +Freiberuflicher Systemischer Therapeut, Psychodramatherapeut und +Supervisor. Langjähriger Lehrtherapeut am Institut für Systemische +Therapie und Sozialarbeit (ISTS) in Waiblingen (bis 2005) und am +Wielskopolskie Towarzystwo Terapii Systemowej (WTTS) in Poznan +(bis 2018); seit 2007 am Bodensee-Institut für systemische Therapie +und Beratung in Radolfzell. diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/694.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/694.md new file mode 100644 index 0000000..bf14f79 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/694.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Arbeits- und Interessensschwerpunkte: Systemische Sozialarbeit, +Systemische Paar- und Familientherapie, Therapie und Sozialarbeit +im gesellschaftlichen Kontext, Soziale Psychiatrie, Psychologie des +Nationalsozialismus und dessen transgenerationale Folgen in +Familien der Opfer und Täter:innen, historisch-politische +Bildungsarbeit in Gedenkstätten des nationalsozialistischen Terrors. +Langjähriger Mitherausgeber der Zeitschrift KONTEXT (bis 2016). +Vorstandsmitglied im Verein Lebenswerk Käthe Loewenthal und der +Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber in Stuttgart. Autor +zahlreicher Fachartikel und Fachbücher im Spektrum der genannten +Arbeits- und Interessensschwerpunkte. +Kontakt: Prof.Dr.WolfRitscher@t-online.de diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/695.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/695.md new file mode 100644 index 0000000..3bb6492 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/695.md @@ -0,0 +1,9 @@ +Einführung in die systemische Soziale +Arbeit mit Familien +Ritscher, Wolf +9783849783495 +125 Seiten + +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) +Systemisches Denken und Handeln wird heute besonders in der +Sozialen Arbeit nachgefragt. In Jugend- und Sozialämtern wird diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/696.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/696.md new file mode 100644 index 0000000..195940e --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/696.md @@ -0,0 +1,16 @@ +zunehmend systemisch gearbeitet, weil man auf diesem Weg +schneller zu greifbaren Verbesserungen kommt, die alle Beteiliggten +in den Blick nimmt. Immer mehr Sozialarbeiter machen systemische +Zusatzausbildungen, die mehr Effektivität und Zufriedenheit bei der +Arbeit versprechen. Wolf Ritscher, Professor für Psychologie an der +Hochschule für Sozialwesen in Esslingen und systemisch arbeitender +Therapeut, macht in dieser Einführung die systemische Soziale +Arbeit mit Familien gleich auf drei verschiedenen Wegen zugänglich: +historisch, indem er die Konzepte der Pioniere in der Familien- und +Systemtherapie vorstellt; systematisch in der Beschreibung, wie man +systemische Familientherapie in die Soziale Arbeit mit Familien +"einfädelt"; und praktisch in einer kommentierten Fallskizze, die den +Beginn eines Hilfeprozesses illustriert. Das Buch ermöglicht so einen +unmittelbaren Einstieg in die Theorie und die Praxis, verständlich, +übersichtlich und kompakt dargestellt. +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/697.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/697.md new file mode 100644 index 0000000..6a19605 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/697.md @@ -0,0 +1,8 @@ +Die Kunst des Konflikts +Eidenschink, Klaus +9783849784621 +208 Seiten + +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) +Das Leben ist voller Konflikte, und nicht alle lassen sich lösen. Klaus +Eidenschink beschreibt die Kunst des Konflikts als Fähigkeit, sinnvolle diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/698.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/698.md new file mode 100644 index 0000000..21d00d1 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/698.md @@ -0,0 +1,19 @@ +Konflikte zu eröffnen, nutzlose zu beenden und die restlichen klug zu +regulieren – nach dem Motto: Wenn man weiß, wie man einen +Konflikt schüren kann, kann man auch lernen, ihn zu beruhigen. +Aufbauend auf seiner jahrzehntelangen Erfahrung als Coach und +Organisationsberater, vermittelt Eidenschink, was man für einen +souveränen Umgang mit Konflikten wissen muss: welche Funktionen +Konflikte haben; wie sich Konflikte bilden und dann selbst erhalten; +welche Formen und Verformungen sie annehmen können. Für jede +Dimension – sachlich, sozial und zeitlich – beschreibt er, welche +Haltung die Konfliktdynamik günstig oder ungünstig beeinflusst. Die +zweite Hälfte des Buches ist der Praxis der Konfliktregulierung +gewidmet: Welche Kompetenzen braucht es, um in Konflikten frei +bleiben zu können? Welche Konflikte sollte man anzetteln und +auskämpfen, von welchen sollte man lieber die Finger lassen? Wie +bewegt man sich in Konflikten variantenreich und emotional +intelligent? Auch in diesem Teil illustrieren plastisch beschriebene +Fallbeispiele aus den unterschiedlichsten Bereichen das +Beschriebene. +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/699.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/699.md new file mode 100644 index 0000000..13d273d --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/699.md @@ -0,0 +1,8 @@ +Fragen können wie Küsse schmecken +Kindl-Beilfuß, Carmen +9783849783631 +208 Seiten + +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) +Dumme Fragen gebe es nicht, heißt es. Ungeschickte Fragen schon, +und sie verbauen den Weg zur Antwort, statt ihn zu ebnen. Das gilt diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/700.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/700.md new file mode 100644 index 0000000..d791dde --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/700.md @@ -0,0 +1,19 @@ +für Therapeut:innen oder Journalist:innen ebenso wie im täglichen +Leben. Wer richtig fragt, schafft Bewegung. Gut gestellte Fragen +wecken die Neugier der Befragten, erhalten ihre Aufmerksamkeit +und können Ressourcen erschließen. Mit den richtigen Fragen +können Interviewer:innen nicht nur Informationen zutage fördern: +Sie können den Befragten auch neue Informationen zurückgeben +und dadurch ihre Sichtweise verändern und Prozesse in Gang setzen. +Carmen Kindl-Beilfuß fasst in diesem Werkstattbuch zusammen, was +man als professionelle:r Interviewer:in über diese zentrale Technik +wissen muss: Wie bauen sich gute Fragen auf? Wie lassen sich die +richtigen Begriffe finden? Das Buch deckt alle Phasen des Fragens ab +- vom beziehungsherstellenden Einstieg bis zum "guten" Abschluss +eines Gesprächs. Im Vordergrund steht dabei, wie man durch +ressourcenorientiertes Fragen Blockaden auflösen, Probleme +umdeuten und Zukunft gestalten kann. Wer das Gelesene umsetzt, +wird leichter Antworten finden und schneller zum Ziel kommen, sei +es im biografischen Interview mit einzelnen Gesprächspartner:innen +oder in der Paar- und Familientherapie. Mit über 1000 Beispielfragen! +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/701.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/701.md new file mode 100644 index 0000000..497021a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/701.md @@ -0,0 +1,8 @@ +Bitte klopfen! +Bohne, Michael +9783849781897 +72 Seiten + +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) +Seit einigen Jahren sorgt in der Psychologie eine körperorientierte +Technik für Aufmerksamkeit, die unter dem Begriff "Klopfen" diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/702.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/702.md new file mode 100644 index 0000000..cae0959 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/702.md @@ -0,0 +1,29 @@ +bekannt wurde. Sie hat sich als ausgesprochen wirksame und +nützliche emotionale Selbsthilfe erwiesen. Mittlerweile spielen +Klopftechniken in Psychotherapie, Coaching und Traumatherapie eine +immer größere Rolle. "Klopfen" ist leicht zu erlernen und beruht auf +einem einfachen Prinzip: Während man gerade Stress, +Leistungsdruck, Ängste, Ärger, Hilflosigkeit oder andere +unangenehme Gefühle empfindet, "beklopft" man bestimmte +Akupunkturpunkte. Dabei werden dezidierte Sätze ausgesprochen, +die die Selbstakzeptanz verbessern. Dieses Vorgehen führt meist +recht schnell dazu, dass unser Gehirn wieder in einen Zustand +größerer Lösungskompetenz gelangt. Leistungsblockaden, +belastende und unangenehme Gefühle lassen sich so bei den +meisten Menschen gut auflösen. Dr. Michael Bohne vermittelt in +diesem kleinen Buch eine zeitgemäße Weiterentwicklung der +bekannten Klopftechniken: die Prozess- und Embodimentfokussierte +Psychologie, kurz PEP. Angelehnt an aktuelle Forschungsergebnisse +zeigt es in leicht verständlichen Anleitungen Möglichkeiten auf, wie +man belastende und einschränkende Gefühle überwinden und ganz +nebenbei noch eine Menge über sich, seine Beweggründe und seine +Denk- und Verhaltensmuster lernen kann. Es zeichnet dieses Buch +besonders aus, dass es auch Maßnahmen anbietet, wenn das +Klopfen nicht unmittelbar funktioniert. +org.editeur.onix.v21.shorts.Br@31761ea2 Aus dem Inhalt: +org.editeur.onix.v21.shorts.Br@6c8c6190 - Warum klopfen? +org.editeur.onix.v21.shorts.Br@4f411b98 - Bei welchen Themen +klopfen, und wie lange braucht es, bis es wirkt? +org.editeur.onix.v21.shorts.Br@5840932a - So geht das +Klopfen!org.editeur.onix.v21.shorts.Br@59c2158e - Kurzanleitung zur +emotionalen Selbsthilfe mittels diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/703.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/703.md new file mode 100644 index 0000000..012cc2a --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/703.md @@ -0,0 +1,3 @@ +Klopfenorg.editeur.onix.v21.shorts.Br@56cd7fc7 - Was, wenn das +Klopfen nicht funktioniert?org.editeur.onix.v21.shorts.Br@1197235d Strategien zur Steigerung des Wohlgefühls +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/704.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/704.md new file mode 100644 index 0000000..35c9e72 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/704.md @@ -0,0 +1,10 @@ +Selbsthypnose – Therapie in +Eigenregie +Kaiser Rekkas, Agnes +9783849784287 +215 Seiten + +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung) +Hypnose, praktiziert als wirksame Selbsttherapie und in Eigenregie, +birgt immenses Potenzial. Veränderung, Entwicklung, +Unabhängigkeit, Aktivität, guter Schlaf, Heilung und stabile diff --git a/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/705.md b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/705.md new file mode 100644 index 0000000..120ec47 --- /dev/null +++ b/documents/systemische-modelle-soziale-arbeit/pages/705.md @@ -0,0 +1,12 @@ +Gesundheit – alles ist möglich. Die erfahrene Psychotherapeutin +Agnes Kaiser Rekkas zeigt in diesem "Handwerksbuch", wie wir +durch Selbsthypnose unsere Fähigkeiten mobilisieren, uns +konzentrieren, Ideen entwickeln, Selbstwirksamkeit erleben und +unsere Selbstfürsorge stärken können. Sie bietet eine individuelle +und positive Selbstbeeinflussung in Trance. Dabei werden unsere +persönlichen Ressourcen genutzt, um neue Perspektiven zu finden +und Konflikte, Prüfungen, schwere Zeiten oder akute oder chronische +körperliche Beeinträchtigungen zu meistern. Eine leicht verständliche +theoretische Einführung und eine Vielzahl praktischer Übungen +erleichtern den Einstieg in die Welt der Selbsthypnose. +Titel jetzt kaufen und lesen (Werbung)