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Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis – Knowledge Base
Hochuli Freund, U. (Hrsg.) (2017). Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis. Materialien für die Soziale Arbeit. Stuttgart: Kohlhammer.
Teil 1: Konzeptionelle Grundlagen
Anforderungen an professionelles Handeln – Jakin Gebert
Gebert vergleicht verschiedene Professionalitätsentwürfe in der Sozialen Arbeit und identifiziert allgemeingültige Anforderungen an professionelles Handeln. Der Beitrag arbeitet heraus, dass Professionalität als »gekonnte Beruflichkeit« verstanden werden muss, die zugleich zentraler Qualitätsmaßstab ist – doch paradoxerweise fehlen oft verbindliche Standards, was zu Beliebigkeit führt. Zentral ist die Analyse von sechs strukturellen Spannungsfeldern (Klient vs. Systeme, Hilfe vs. Kontrolle, Mensch vs. Arbeitskraft, Standardisierung vs. Offenheit, Allzuständigkeit vs. Spezialisierung, Autonomie vs. Abhängigkeit), denen sich Professionelle permanent ausgesetzt sehen. Der Beitrag verdichtet die Anforderungen zu zwei übergeordneten Kategorien: zentrale Kompetenzen (Fach-, Sozial- und Selbstkompetenz) und eine reflektierte Grundhaltung – beides ist notwendig, um professionell komplexe Situationen zu bewältigen.
Denken und Handeln – Ursula Hochuli Freund
Hochuli Freund betrachtet professionelles Handeln als Einheit von Denken und Handeln – eine transdisziplinäre Auseinandersetzung mit Konzepten aus Psychologie (Kahneman), Kognitionswissenschaft (Gigerenzer) und Praxistheorie (Schön). Der Beitrag verfolgst die Frage: Wie entstehen »gute Entscheidungen« unter Unsicherheit? Es wird die Rolle von Faustregeln (»intelligente Vermutungen«), intuitivem versus analytischem Denken und der »Reflection-in-action« (Schön) erörtert. Zentral ist die Erkenntnis, dass professionelle Praktiker in Sekundenschnelle handlungsfähig werden müssen, aber auch die Fähigkeit zur bewussten Reflexion brauchen. KPG wird als Orientierungsrahmen positioniert, der beide Modi des Denkens unterstützt: schnelle Intuition ebenso wie sorgfältige Analyse.
Kooperative Prozessgestaltung als Beitrag zum ethischen Handeln – Kathrin Schreiber
Schreiber erläutert die Bedeutung ethischer Reflexion und stellt dar, wie KPG als Methodik sowohl individuelle als auch strukturelle ethische Konflikte bewältigt. Der Beitrag behandelt ethische Grundbegriffe (Ethik vs. Moral), professionelle Ethik und ihre Verhältnisse zu rechtlichen Vorgaben. Zentral ist die These, dass das KPG-Modell – mit seinen Phasen der Kooperation, des Verstehens und der transparenten Prozessgestaltung – ethische Reflexion strukturiert ausweist. Dies erlaubt es Professionellen, »ethische Dilemmata« nicht zu verdrängen, sondern sie als selbstverständlichen Teil professioneller Praxis zu integrieren und mit Klientinnen kooperativ zu bearbeiten.
Kooperation und Multiperspektivität – Ursula Hochuli Freund
Hochuli Freund betont, dass Multiperspektivität – die bewusste Einbeziehung verschiedener Sichtweisen (Klientin, Familie, Professionelle, Organisationen) – ein Kernprinzip von KPG ist. Der Beitrag erörtert Hindernisse (Machtdynamiken, unterschiedliche Interessen), den Mehrwert von multiperspektivischer Arbeit und die Verwirrung, die entstehen kann, wenn zu viele Perspektiven nicht integriert werden. Zentral ist die als Gewinn rahmt der Beitrag, dass gerade die Disparität von Perspektiven – richtig bearbeitet – zu Innovationen und tragfähigeren Lösungen führt. Die Vergessene oder Ignorierte Perspektive der Klientinnen wird als Blindstelle identifiziert, die weit verbreitet ist, aber nicht sein muss.
Bedeutung und Funktion von Hypothesen im Konzept KPG – Raphaela Sprenger-Ursprung
Sprenger-Ursprung arbeitet heraus, dass Hypothesen nicht als »vorläufige Wahrheit über den Fall« zu verstehen sind, sondern als handlungsleitende Annahmen im KPG-Prozess. Der Beitrag unterscheidet zwischen konstatiernden Hypothesen (»Was ist die aktuelle Situation?«, Analysephase), erklärenden Hypothesen (»Warum ist das so?«, Diagnosephase) und systemischen Hypothesen (»Was wäre wenn…«, erweiterter Blick). Die Vergleich mit der Systemischen Therapie verdeutlicht, dat Hypothesen ein Werkzeug sind, um Sicherheit unter Unsicherheit zu gewinnen, dabei aber reflektiert zu bleiben. Der Beitrag unterstreicht die Flexibilität von Hypothesen – sie müssen bei neuen Informationen überprüft und angepast werden.
Teil 2: Arbeitsfeldspezifische Konkretisierungen und Arbeitsmaterialien
Kooperative Prozessgestaltung im Eingliederungsmanagement – Ursula Hochuli Freund
Hochuli Freund zeigt, wie KPG konkret im Eingliederungsmanagement (Case Management bei Sozialhilfe) umgesetzt wird. Der Beitrag beschreibt die Spannungsfelder dieses Feldes (Unterstützung vs. Kontrolle, Inklusion vs. Beformerung, professionelle Unabhängigkeit vs. institutionelle Vorgaben) und erlutert, wie eine kooperative, multiperspektivische Haltung unter diesen Bedingungen möglich ist. Zentral sind Konzepte wie »Haltung des Nichtwissens« (»Erst verstehen, dann handeln«) und die Verhandlung von Grobzielen zwischen Klientinnen und Professionellen. Der Beitrag dokumentiert, dass auch in einem kontrollierten Feld – Sozialhilfe – vertrauensvolle, kooperative Arbeitsprozesse entstehen können, wenn sie intentional gestaltet werden.
Kooperative Bedarfsermittlung und Weiterentwicklung des Wohnbereichs – Jakin Gebert, Ursula Hochuli Freund, Jasmin Hugenschmidt, Raphaela Sprenger-Ursprung
Dieses Mehrautorenbeiträge erörtert ein Praxisprojekt zur Einführung von KPG in der Behindertenhilfe. Der Fokus liegt auf der kooperativen Bedarfsermittlung – wie können Bewohnerinnen und Bewohner mit Beein trächtigung in die Gestaltung ihrer Unterstützung aktiv einbezogen werden? Der Beitrag dokumentiert die Auswahl und Begründung von Instrumenten (z. B. Silhouette, Netzwerkkarte), die Prozessschritte einer Bedarfsermittlung, und die Erkenntnis, dass wahre Partizipation Zeit, strukturelle Veränderungen und Haltungswechsel erfordert. Ein Fallbeispiel verdeutlicht, wie durch kooperative Bedarfsermittlung versteckte Ressourcen und Wünsche sichtbar werden, die vorher in standarden Verfahren übersehen worden wären.
Implementation eines Tools für sozialpädagogische Prozessgestaltung – Ursula Hochuli Freund et al.
Dieser Beitrag dokumentiert die Entwicklung und Erprobung eines digitalen Dokumentationswerkzeugs, das die Phasen und Prozessschritte von KPG unterstützt. Der Schwerpunkt liegt auf Fragen der Implementierung: Wie wird neue Technologie oder Praxis in Organisationen verankert? Welche Schulungen, Widerstände und Chancen entstehen? Der Beitrag zeigt, dass ein gut gestaltetes Tool tatsächlich helfen kann, Transparenz zu erhöhen, Prozesse zu strukturieren und Klientinnen besser einzubeziehen – aber nur, wenn es mit Reflexion und Haltungswechsel kombiniert wird. Das Tool ist Mittel, nicht Ziel.
Variationen zum Prozessgestaltungsmodell – Ursula Hochuli Freund, Raphaela Sprenger-Ursprung
Das Prozessmodell KPG mit sieben Schritten ist ein Orientierungsrahmen, kein starre Vorschrift. Dieser Beitrag erläutert, wie und wann Variationen sinnvoll sind: In welchen Kontexten können Schritte übersprungen oder vertieft werden? Wie wird mit zeitlichen Zwängen umgegangen? Wie unterscheidet sich KPG in Kriseninterventionen von langfristigen Unterstützungsprozessen? Der Beitrag dokumentiert verschiedene »Spielmöglichkeiten« und betont, dass Flexibilität nicht Beliebigkeit bedeutet – die grundsätzliche »Denk- und Handlungslogik« von KPG bleibt konstant, während die Ausgestaltung dem Kontext angepasst wird.
Fallbesprechungs-Materialien – Ursula Hochuli Freund
Fallbesprechungen sind ein zentraler Ort für Kollegialität, Reflexion und Qualitätssicherung. Dieser Beitrag stellt Struktuierungshilfen für Fallbesprechungen gemäß KPG-Logik zur Verfügung: Wie wird eine Fallbesprechung aufgebaut (Einführung, Darstellung, Analyse, Hypothesen, Handlungsplanung)? Welche Techniken helfen, alle Perspektiven einzubringen und nicht in Routinen zu fallen? Welche typischen Deformationen von Fallbesprächungen sollten vermieden werden (zu schnelle Aussagen-Lösungen, Dominanz einzelner Stimmen)? Der Beitrag stellt konkrete Moderationshilfen zur Verfügung und betont die strukturierende Funktion guter Fallbesprechungen für Professionelle und als »Lernort« für die ganze Organisation.
Teil 3: Fallarbeit mit KPG – Best-Practice-Beispiele
»Sprechen ist schwierig« – Noëmi Hauri
Hauri dokumentiert einen komplexen Fall aus der stationären Kinderhilfe: Ein Kind mit schwierigen Verhaltensauffälligkeiten und unklarem Hintergrund, bei dem die Fachleute lange nicht verstanden, »worüber« dieses Kind eigentlich mit Hilfe kämpfe. Der Fallbericht zeigt, wie systematische Situationserfassung und Analyse (unter Einsatz von Hypothesen und Multiperspektivität) dazu führte, dass eine vorher übersehene psychische Belastung erkannt und bearbeitet wurde. Der Fall demonstriert die Potenz von »langsamen Denken«, kooperativen Prozessen und Reflexion – und wie dies konkret in der Praxis aussieht, inklusive Frustrationen und Unsicherheiten.
Schritt in die Unabhängigkeit – Sophie Löw
Löw berichtet von einem Beratungsfall bei der Sozialhilfe: Eine Klient mit komplexen finanziellen und administrativen Herausforderungen und dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Der Fall zeigt, wie im Eingliederungsmanagement ein »Schritt-für-Schritt«-Ansatz mit hohem Reflexionsbedarf die beste Strategie ist. Zentral ist die Dosierung von Unterstützung – weder zu viel noch zu wenig – und die bewusste Aufgabe von Distanz beim Abschluss des Prozesses. Der Fall verdeutlicht auch »Erfolgs«-Unsicherheit: Wie viel der Veränderung ist durch die Sozialarbeit bewirkt, wie viel durch die Eigenleistung der Klientin? Dieser »Wirkungs-Unsicherheit« wird nicht ausgewichen, sondern in die Abschlussreflexion integriert.
Kooperative Prozessgestaltung in der stationären Suchthilfe – Andrea Hauri
Hauri dokumentiert einen Fall aus der stationären Suchthilfe: Ein langjähriger Suchtgeschichte und ein hoher Berufsambitionen – eine anspruchsvolle Kombination. Der Fallbericht zeigt, wie die umfassende Situationserfassung und kooperative Analyse zur Erkenntnis führte, dass der Person holistische Unterstützung im Bereich beruflicher Integration braucht, nicht nur Suchtbekämpfung. Der Fall verdeutlicht, wie Multiperspektivität konkret aussieht: die Kooperation zwischen Suchthilfe-Professionellen, Berufsorientierungsberatern und der Person selbst. Ein Fallbeispiel zeigt auch die Grenzen der Intervention – nicht alles kann »gelöst« werden, aber ein strukturierter Prozess ermöglicht realistischere Ziele und bessere Erkenntnis über Grenzen.
Bedürfnisse aufnehmen – Mirjam Eberhart
Eberhart berichtet über ein innovatives Projekt in der stationären Behindertenhilfe: Die Entwicklung eines neuen Freizeitangebots für ältere Menschen – nicht aus organisationaler Abstraktheit, sondern aus kooperativer Bedarfsermittlung heraus. Der Fall zeigt, wie systematische Analyse (Zählung von Häufigkeiten: Aktivitäten) kombiniert mit theoriegeleiterter Diagnose (Kognizierte Kontrolltheorie: Distinktion von primärer und sekundärer Kontrolle) zu einer passgenauen Intervention führen kann. Der Beitrag verdeutlicht auch, dass KPG-Logik nicht nur für kleine Schritte der Einzelfallarbeit, sondern auch für organisationale Innovation genutzt werden kann.
Autonomieförderung durch systemische Fallbearbeitung – Noemi Burgener
Burgener dokumentiert einen interprofessionellen Fall in der Spitalsozialarbeit: Ein Klient mit komplexer Gesundheitssituation, für den ein umfassender koordinierter Prozess notwendig war. Der Fall demonstriert, wie KPG-Logik in einem hochgradig strukturieten, multiprofessionellen Setting umgesetzt wird (Standortgespräche mit Psychiatrie, Pflege, Therapien, Sozialarbeit). Zentral ist die »systemische Fallbearbeitung« – die Perspektivmultiplizität wird nicht ignoriert, sondern gerade in diesem Setting gezielt genutzt. Das Ziel »Autonomieförderung« wird unter Bedingungen hoher Abhängigkeit und medizinischer Intervention als »realistische Hoffnung« bewahrt. Der Fall zeigt, wie professionelle Begrenztheit (»Was können WIR nicht leisten«) kooperativ integriert wird.
Übergreifende Aspekte
Diese Praxis-Materialien zeigen ein gemeinsames Verständnis: KPG ist nicht eine statische »Methode«, die universal angewandt wird, sondern ein flexibles, kooperatives Konzept, das in verschiedenen Feldern unterschiedlich konkretisiert wird. Zentral sind immer:
- Kooperation mit Klientinnen: Multiperspektivität, nicht Monolog
- Theoriegeleitete Praxis: Jede Entscheidung hat eine professionelle Begründung
- Strukturierte Reflexion: Fallbesprechungen, Supervision und Evaluation als standard
- Toleranz für Unsicherheit: Keine Rezepte, aber Orientierungsrahmen