8.8 KiB
Bedeutung und Funktion von Hypothesen im Konzept Kooperative Prozessgestaltung – Vergleich zur systemischen Arbeit
Raphaela Sprenger-Ursprung
Der Beitrag vergleicht die Hypothesenarbeit im Konzept KPG mit derjenigen der systemischen Sozialen Arbeit. Hypothesen gelten in der fallbezogenen Sozialen Arbeit als weitgehend unbestrittene methodische Hilfsmittel; sowohl im KPG als auch im systemischen Ansatz nehmen sie einen zentralen Stellenwert ein (Sprenger-Ursprung, S. 107). Beide Konzepte erfahren in der Praxis zunehmende Anerkennung, und in beiden ist die Hypothesenbildung fest verankert (vgl. S. 108). Im Konzept KPG wird in den Prozessschritten Analyse und Diagnose mit unterschiedlichen Hypothesenarten gearbeitet; der Beitrag prüft, ob und wie diese mit systemischen Hypothesen verbunden werden können.
Seiten: 107–124 | Zeilen: 1246–1471
Konstatierende Hypothesen in der Analyse
Im KPG beginnt die methodische Arbeit mit der fallbezogenen Wahl geeigneter Analysemethoden, gefolgt von der Datenerhebung, die Komplexität zunächst erhöht. Erst im letzten Schritt werden sogenannte konstatierende Hypothesen gebildet (vgl. S. 110). Darin zeigt sich der innovative Charakter des Konzepts: Andere Lehrbücher liefern zwar Methoden und Instrumente für die Analyse, Angaben zur systematischen Auswertung fehlen jedoch (vgl. S. 110–111).
Konstatierende Hypothesen zeichnen sich durch ihren feststellenden, beschreibenden Charakter aus. Die erhobenen Einschätzungen und Bewertungen aller Beteiligten werden priorisiert und zusammenfassend dargelegt – es handelt sich ausschliesslich um Feststellungen, noch nicht um Erklärungen (vgl. S. 111). Um solche Hypothesen zu formulieren, ist es hilfreich, gedanklich auf eine Metaebene zu gehen und aus der Vogelperspektive Zentrales, Auffallendes, sich Widersprechendes oder Irritierendes festzuhalten. Je nach Methode können Fragen als Hilfsmittel dienen: Bei einer Netzwerkkarte etwa wird festgehalten, wer der Fokusperson nah- und fernsteht und ob auffallende Konstellationen vorliegen (vgl. S. 111).
Am Schluss der Analyse werden sämtliche konstatierenden Hypothesen gesichtet, gewichtet und zu einer Fallthematik verdichtet, die die wichtigsten Ergebnisse – einschliesslich divergierender Einschätzungen – zusammenfasst und den Klärungsbedarf für die Diagnose aufzeigt (vgl. S. 112).
Eine Herausforderung besteht darin, die wichtigsten Erkenntnisse in Form konstatierender Hypothesen festzuhalten und diese zugleich in den Dialog mit Klient:innen einzubringen und validieren zu lassen. Professionelle fluktuieren damit zwischen Expertentätigkeit und Kooperation und sehen bei der Hypothesenbildung Momente des Dialogs und der Verständigung vor.
Erklärende Hypothesen und Arbeitshypothese in der Diagnose
Der Prozessschritt Diagnose zielt auf Fallverstehen: Die noch unklaren Aspekte der Fallthematik sollen durch Erklärungsversuche erhellt werden, um Bedingungen und Möglichkeiten von Entwicklung zusammenzufassen und eine Grundlage für die Handlungsphase zu schaffen (vgl. S. 113). Eine Diagnose ist dabei stets vorläufig – eine Momentaufnahme und Annäherung, die niemals Selbstzweck hat, sondern in Ziele und Intervention mündet.
Hier kommen erklärende Hypothesen zum Einsatz, die auf Basis von Fallinformationen und Expertenwissen Wirkungszusammenhänge formulieren und stets mit «weil» beginnen (vgl. S. 113). War es bei den konstatierenden Hypothesen noch untersagt, Wirkungszusammenhänge anzusprechen, so geht es in der Diagnose genau darum: Elemente der Ausstattung, Bedingungen und Vorkommnisse zueinander in Bezug zu stellen und Ansatzpunkte zur Veränderung zu eruieren.
Zur methodischen Strukturierung wurde das «Theoriegeleitete Fallverstehen» entwickelt, bei dem unterschiedliche Wissensbestände – etwa kognitive Entwicklung, biografische Lebensbewältigung oder Selbstwirksamkeit – systematisch mit der Fallthematik in Verbindung gebracht werden (vgl. S. 115). Wo Ressourcen knapp sind, kann alternativ die Methode «Böser Blick, freundlicher Blick» genutzt werden, um erfahrungsbasierte Erklärungen diskutierbar zu machen (vgl. S. 114).
Die ergiebigsten erklärenden Hypothesen werden schliesslich in einer handlungsleitenden Arbeitshypothese zusammengefasst. Diese formal als Wenn-dann-Formulierung gehaltene Hypothese fällt in die Kategorie der nomopragmatischen Hypothesen nach Staub-Bernasconi und bildet die direkte Brücke zur Handlungsphase (vgl. S. 114). Zentral ist dabei, die Erkenntnisse mit dem Klienten zu validieren: Erklärende Hypothesen werden zur Diskussion gestellt und die Arbeitshypothese gemeinsam kritisch geprüft, damit neben dem Fremdverstehen auch dem Selbstverstehen Raum gegeben wird.
Systemische Hypothesen im Vergleich
In der systemischen Arbeit bilden Hypothesen ebenfalls ein zentrales Arbeitsinstrument. Systeme werden dabei nicht als gegebene Entitäten verstanden, sondern als Konstruktionen des Beobachters (vgl. Maturana, S. 117). Charakteristisch ist der konsequente Einbezug des sozialen Umfelds, die Überzeugung, dass jedes Symptom einen Sinn hat, und der Fokus auf Ressourcen und Lösungen statt auf Probleme.
Das Datenmaterial für systemische Hypothesen speist sich aus Wissen über spezifische Systeme, Erfahrung und Forschung sowie aus eigenen Beobachtungen, die mit vielfältigen Wissensbeständen verbunden werden (vgl. S. 119). Eine Hypothese gilt als systemisch, wenn sie alle Komponenten eines beobachtbaren Systems berücksichtigt und eine Erklärung für deren Bezüge zueinander bietet.
Systemische Hypothesen zielen darauf ab, Kausalhypothesen zu vermeiden, möglichst viele Beteiligte einzubeziehen und bewusst Unerwartetes oder Überraschendes anzusprechen (vgl. S. 120). Damit dienen sie weniger der Ordnung als vielmehr der Anregung: Durch Hypothesen mit Neuigkeits- und Überraschungscharakter werden gewohnte Zuschreibungen verstört und neue Perspektiven eröffnet. Hypothesen werden dabei nicht nach Wahrheit, sondern nach Nützlichkeit beurteilt – auch eine widerlegte Hypothese liefert neue Informationen, indem Variablen ausgeschlossen werden können.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede
Beide Konzepte teilen die zentrale Bedeutung der Hypothesenbildung als technisches Hilfsmittel, mit dem eigene Vorannahmen expliziert und fachlich untermauert werden (vgl. S. 121). Gemeinsam ist ihnen auch der Verzicht auf einen Wahrheitsanspruch: Hypothesen können verworfen, weiterentwickelt oder bestätigt werden, und die Kooperation mit Klient:innen in der Validierung ist in beiden Konzepten selbstverständlich. Beide setzen zudem eine gute Datengrundlage voraus, die durch den Einsatz von Gesprächstechniken und vielfältiger Instrumente unterstützt wird.
Die in der systemischen Arbeit dargelegte Ordnungs- und Anregungsfunktion lässt sich auf KPG übertragen: In Analyse und Diagnose haben Hypothesen stets eine Ordnungsfunktion inne – es geht darum, Komplexität zu reduzieren und Struktur in die Daten zu bringen. Die Anregungsfunktion ist bei KPG weniger ausgeprägt als in der systemischen Arbeit, wird jedoch durchaus bedient.
Ein grundlegender Unterschied liegt in der Prozessstruktur: KPG unterscheidet klar zwischen Analyse und Diagnose, während die systemische Arbeit keine solche Zweiteilung vornimmt und Hypothesen fortlaufend formuliert, verwirft und neu bildet (vgl. S. 122). KPG fokussiert auf strukturierte Komplexitätsreduktion (Fallthematik, Arbeitshypothese), die systemische Arbeit auf inhaltliche Offenheit und zirkuläres Denken. KPG-Hypothesen beanspruchen dabei eine längere Haltbarkeit: Es werden im Verlauf eines Unterstützungsprozesses nicht fortlaufend neue Hypothesen formuliert, was die systemische Arbeitsweise hingegen auszeichnet.
Trotz dieser Unterschiede lassen sich beide Ansätze sinnvoll verbinden. Besonders vielversprechend erscheint die Integration systemischen Denkens in Richtung «weg von Kausalitäten, hin zu Wechselwirkungen», um die Fallthematik in der Diagnose durch Annahmen über Wechselwirkungen im sozialen System zu bereichern (vgl. S. 124).