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Fallbesprechungs-Materialien – Strukturierungshilfen für effektive Fallbesprechungen gemäss KPG
Ursula Hochuli Freund | Seiten: 192–212 | Zeilen: 2456–2999
Fallbesprechungen sind zentrale Gefässe des fachlichen Austauschs in der Sozialen Arbeit. Sie dienen dazu, eine inhaltliche Auseinandersetzung über Fälle zu führen, neue Interventionsmöglichkeiten in komplexen Fällen zu entwickeln und die Arbeit auf der Fachebene zu koordinieren (S. 192). Ein «Fall» entsteht nicht durch eine Person, sondern wenn eine Arbeitsvereinbarung mit einem Klientensystem getroffen wird und Professionelle darüber nachdenken, welche Aufgaben sich für sie ergeben (S. 193). Durch handlungsentlastetes Nachdenken wird die Fallgeschichte (Fall erster Ordnung) in einen «Fall zweiter Ordnung» transformiert und in eine Form gebracht, welche die Planung von Interventionen ermöglicht.
Die Fallbesprechung selbst bildet einen «kasuistischen Raum» des gemeinsamen Nachdenkens, in dem unterschiedliche Aspekte des Fallgefüges – vom sozialen System über die Lebensbereiche des Klienten bis zur gesellschaftlichen Umwelt – fokussiert werden können (S. 193). Neben einer geeigneten äusseren Struktur bedürfen Fallbesprechungen v. a. auch einer geeigneten inneren Strukturierung. Es braucht methodisches Werkzeug zur Moderation, damit der gemeinsame Austausch effektiv ist und die zur Verfügung stehende Zeit zielgerichtet genutzt wird.
Typen und Formen
Es werden mehrere Typen unterschieden. Im intraprofessionellen Team, das gemeinsam Begleitung wahrnimmt (z. B. sozialpädagogische Wohngruppe), entsteht durch die Reflexion aller Beteiligten ein differenziertes Bild der Gemengelage von Ressourcen, Anliegen, Problemen und Hindernissen (S. 194). Ein gezielter Prozess des gemeinsamen Fallverstehens ermöglicht ein vertieftes Verständnis von Falldynamik und Veränderungsbedarf und ein relativ einheitliches, abgestimmtes Vorgehen bei der Unterstützung.
Führt jede Fachkraft ihre Fälle allein (z. B. Sozialberatung), dient die Besprechung der Perspektivenerweiterung: Die eigene Strategie wird überprüft, Entscheidungen abgesichert und Hinweise für neue Interventionen gefunden. Eine Spezialform ist die Fallbesprechung zu zweit, etwa mit einer Vorgesetzten oder einem «Senior Professional» (S. 194).
Im interprofessionellen Setting geht es zunächst um gegenseitige Information und unterschiedliche Einschätzungen, dann um ein transdisziplinäres Gesamtbild. Bei enger Kooperation wird ein gemeinsames Unterstützungsziel festgelegt; bei loserer Kooperation wird die Arbeit in den einzelnen Bereichen fortgeführt. Organisationsübergreifend wird diese Form oft als «Helferkonferenz» bezeichnet (S. 194).
Fallbesprechungen können auch gemeinsam mit Klient:innen durchgeführt werden. Besonders geeignet ist das «reflecting team» aus der systemischen Therapie: Fallführende und Klient:in sind zunächst Einbringende, dann Zuhörende beim analytisch-diagnostischen Fachgespräch (S. 195). Es ist dabei besonders auf eine achtsame, wertschätzende Haltung und Sprache zu achten; bei einer grossen Runde gilt es darauf zu achten, dass sich der Klient nicht überwältigt fühlt. Bei allen KPG-Leitfäden sind Anmerkungen zu dieser Variante angefügt (S. 197).
Institutionalisierung und Moderation
In vielen Organisationen finden regelmässig – wöchentlich, vierzehntäglich oder monatlich – Fallbesprechungen statt, wobei jeweils ein Fall während 30 bis 45 Minuten vertieft behandelt wird; alle übrigen Fälle werden als «Blitzlicht» thematisiert, z. B. mit der Frage «Was haben wir Neues erfahren über seine Ressourcen?» (S. 195). Organisationen, die nach einer bestimmten Methodik wie KPG arbeiten, rhythmisieren die Besprechungen entlang der Struktur der Methodik und verschränken die verschiedenen Prozesse (fallführende Fachkraft und Klient:in / intra- und interprofessionelle Teams).
Fallbesprechungen bedürfen einer klaren zeitlichen Struktur und einer Moderation, die für thematische Fokussierung und Einhaltung des Zeitrahmens sorgt (S. 196). Die Moderationsaufgabe ist anspruchsvoll: Neben allgemeinen Moderationskompetenzen sind spezifische Kompetenzen hinsichtlich einer Methodik der Fallbearbeitung erforderlich. Die Moderation kann Teilaufgaben auch delegieren (z. B. Zeitverantwortung, Zusammenfassung der Erkenntnisse).
Im Unterschied zur kollegialen Beratung – wie etwa der Fallberatung nach Balint, die von einem Supervisor geleitet wird und explizit mit emotionalen Reaktionen arbeitet (S. 196) – ist die Fallbesprechung im organisationalen Kontext stärker auf die Probleme im Klienten-Fall und die Ausgestaltung professioneller Unterstützung ausgerichtet, mit dem Ziel, ein vertieftes Verständnis für die Fallproblematik und neue Interventionsideen zu erarbeiten (S. 196–197).
KPG-Materialien im Überblick
Die Materialiensammlung folgt dem KPG-Prozessmodell. Zunächst werden Leitfragen für die Fallvorstellung vorgestellt, dann Strukturierungshilfen für Kurz-Fallbesprechungen und Einordnung, anschliessend Leitfäden für jeden Prozessschritt (S. 197). Jeder Leitfaden enthält einen Einleitungstext für die Moderation sowie Zeitangaben als Orientierungshilfe. Zur Dokumentation wird eine fortlaufende Flip-Chart-Dokumentation empfohlen, damit Ergebnisse sichtbar gesichert und argumentative Wiederholungsschlaufen abgekürzt werden können.
Die acht Module umfassen: (1) Fallvorstellung, (2) Fragen zur Einordnung/Kurzfallbesprechung, (3) Situationserfassung, (4) Analyse, (5) Diagnose, (6) Ziele, (7) Interventionsplanung und (8) Evaluation. Es ist gut möglich und oft sinnvoll, in einer Fallbesprechung zwei Prozessschritte zu bearbeiten, z. B. nach einer Diagnose sogleich Unterstützungsziele zu formulieren; die Anleitungen sind entsprechend zu modifizieren (S. 197).
Die Fallvorstellung liefert in 3–8 Minuten die Pflichtinformationen (Person, Aufträge, aktuelle Fragestellung) sowie ausgewählte Kontextaspekte wie familiäre Situation, Biografie, Gesundheitszustand und Ressourcen. Die Kurzfallbesprechung nutzt Klärungsfragen, um herauszufinden, welcher Prozessschritt aktuell thematisiert werden soll, und schliesst stets mit der Frage nach den Folgerungen (S. 199).
Bei der Situationserfassung gilt das Prinzip: Beschreiben, nicht bewerten – andersartige Aussagen werden von der Moderation eingeordnet als Bewertung (Analyse) oder Erklärung (Diagnose) (S. 200). Mindestens 60 % der Schilderungen sollen sich auf Positives beziehen (Ressourcenorientierung). Der Austausch kann auf die aktuelle Situation oder als Rückblick auf bisherige Arbeit ausgerichtet sein.
Die Analyse beginnt damit, dass der Falleinbringer die Ergebnisse bisheriger Analysen vorträgt (S. 201). Die Moderation wählt eine geeignete Analysemethode: Fallinszenierung (Rollen der Beteiligten werden stellvertretend übernommen), Reflexion des Erlebens (schwierige Gefühle als Hinweise auf Dynamiken der Klient:in), offene oder systematische Beurteilung von Kompetenzen und Ressourcen, oder eine Perspektivenanalyse mit dem ganzen Hilfesystem. Divergierende Einschätzungen und Widersprüche – etwa wenn eine Klientin Einsamkeit äussert, obwohl sie stets in Kontakt mit Gleichaltrigen steht (S. 204) – werden gezielt aufgegriffen, gewichtet und zur Fallthematik verdichtet.
In der Diagnose wird theoriegeleitet oder alltagsbasiert nach Erklärungen gesucht, etwa durch den bewussten Wechsel zwischen «bösem» und «freundlichem Blick» oder durch Heranziehen von Theorien und Studien. Das Ergebnis ist eine Arbeitshypothese im Format «wenn …, dann …»; der Falleinbringer nennt zu Beginn die Fallthematik und die bestehende Arbeitshypothese (S. 206). Bei der Variante mit Klient:innen empfiehlt sich der erste Teil als «reflecting team», bei dem der Klient ausschliesslich zuhört und danach mitteilt, welche Erklärungen einleuchten und wo er Widerspruch einlegt.
Die Zielformulierung übersetzt diagnostische Erkenntnisse in Unterstützungsziele des Teams oder Bildungsziele gemeinsam mit Klient:innen. Ziele sollen zunächst motivierend und richtungsweisend sein (noch nicht SMART-formuliert); die «Wunderfrage» kann helfen, einen wünschenswerten Zustand zu formulieren (S. 206).
Die Interventionsplanung kombiniert kreative Ideenfindung («Wer hat die verrückteste Idee?») mit systematischer Reflexion durch Best-/Worst-Case-Szenarien, «Katastrophen-» und «Erfolgsgeschichten» sowie die «Verschlimmerungsfrage». Klient und Sozialpädagogin beraten nach der Teambesprechung zu zweit weiter, welche Interventionen ausgewählt werden und was nun konkret getan werden soll. Es empfiehlt sich, diese Besprechung gemeinsam mit Klient:innen im «reflecting team» durchzuführen (S. 197).
Die Evaluation schliesst den Kreislauf mit Rückblick auf Prozess, Kooperation und Ergebnisse. Sie fragt nach dem Gelingen der analytisch-diagnostischen Phase, der Wirksamkeit von Interventionen und den Lehren für künftige Fallarbeit. Eine Skalierungsfrage zur Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit, Fragen zur Kooperation aus Sicht der Klient:innen und die Bestimmung, was das Team für ähnliche Fälle mitnimmt, ergänzen die Fachperspektive (S. 195).