9.3 KiB
Kooperative Prozessgestaltung als Beitrag zum ethischen Handeln in der Sozialen Arbeit
Kathrin Schreiber
Seiten: 72–89 | Zeilen: 796–1013
Kathrin Schreibers Beitrag verfolgt das Ziel, eine Brücke zwischen Ethik, Moral und Professionalität in der Sozialen Arbeit zu schlagen und aufzuzeigen, inwiefern KPG diesen Brückenschlag in der Praxis unterstützt (Ref 1). Im Zentrum steht die Frage, unter welchen Voraussetzungen eine ethisch-moralische Orientierung im professionellen Alltagshandeln gelingen kann — und wie der Weg von der Reflexion zur konkreten, ethisch reflektierten Handlung gestaltet werden kann.
Ethik und Moral — begriffliche Unterscheidung
Moral ist die gelebte Umsetzung gewachsener Normen und Werte im Zusammenleben von Gemeinschaften. Moralisches Abwägen geschieht immer dann, wenn wir unser Handeln von den Folgen für andere abhängig machen (Ref 2). Was als moralisch richtig gilt, kann je nach Familie, ethnischer oder religiöser Gemeinschaft stark differieren — Moral hat somit keinen wissenschaftlichen Anspruch. Ethik hingegen ist die wissenschaftliche Reflexion dieser Moral, die gewachsene Normen auf der Basis allgemeingültiger Kriterien beleuchtet und hinterfragt (Ref 11). Übertragen auf die Soziale Arbeit bedeutet dies: Professionsethik fragt, was «gute Soziale Arbeit» ist, und prüft, ob die handlungsleitenden Normen tatsächlich dazu beitragen (Ref 12).
Ethik, Moral und Professionalität
Moral steht nicht im Widerspruch zu Professionalität, sondern ist ihr konstitutiver Bestandteil (Ref 13). Dennoch stehen der Umsetzung erhebliche Widerstände entgegen: Professionelle sind in einem bestimmten moralischen Klima sozialisiert und können sich ihren subjektiven Sollens-Ansprüchen nicht ohne Weiteres entziehen (Ref 3). Zudem geschieht die Definition sozialer Probleme oft auf Grund diffuser gesellschaftlicher Moralvorstellungen, und Professionelle sollen ihre Klientinnen und Klienten mit den moralischen Gepflogenheiten der Systeme vertraut machen, in die sie inkludiert werden sollen.
Habermas unterscheidet drei Formen der Entscheidungsfindung: pragmatische Entscheidungen betreffen die Zweckmässigkeit bei bekanntem Ziel, ethische Entscheidungen orientieren sich an Werten und der Frage nach dem Guten (Ref 4), und moralische Entscheidungen sind dann zu treffen, wenn Handlungen die legitimen Interessen anderer tangieren — hier geht es um die Symmetrie in Beziehungen, in denen alle Beteiligten denselben Anspruch auf Achtung ihrer Würde haben. Da sich Soziale Arbeit qua Professionsauftrag zentral mit dem Wohlergehen anderer befasst, haben professionelle Entscheidungen in der Fallarbeit stets moralische Qualität. Das Auffinden des moralisch Richtigen unter all den unterschiedlichen Moralen, die in komplexen Problemsituationen aufeinanderprallen, bedingt ethische Reflexion — deren Ergebnis dann als Folie für die Überprüfung dieser Moralen dienen kann (Ref 5).
KPG als Unterstützung ethischer Reflexion
Im Konzept KPG werden hohe ethische Ansprüche formuliert. Die Kriterien der ethischen Reflexion sind nicht beliebig, sondern klar definiert und berufen sich auf anerkannte Normen wie Menschenwürde, Menschenrechte und Solidarität (Ref 14). Drei zentrale Elemente — Nicht-Standardisierbarkeit, Soziale Diagnostik und Kooperation — werden hinsichtlich ihres Beitrags zur ethischen Reflexion untersucht.
Nicht-Standardisierbarkeit
Struktur und Standardisierung sind grundsätzlich verschiedene Phänomene: Struktur beschreibt einen differenzierten und geordneten Zusammenhang, während Standardisierung mit Normierung und Vereinheitlichung gleichgesetzt wird. Nicht jede Struktur-Entscheidung wird der moralischen Qualität der professionellen Handlungsprozesse gerecht (Ref 6). Dies wird am Beispiel eines neunjährigen Knaben deutlich, der in einer stationären Einrichtung bei tätlichen Angriffen ausnahmslos mit dreiwöchigen Time-out-Aufenthalten bestraft wurde — ein standardisiertes Verfahren, das sein Verhalten nicht verbesserte, sondern die Abstände zwischen den Vorfällen verkürzte.
Das Prozessmodell von KPG ist nicht als normativer Standard zu lesen, sondern als idealtypische Struktur professionellen Handelns und Hintergrundfolie der Reflexion (Ref 15). Wie die einzelnen Handlungsschritte modifiziert, gewichtet oder methodisch gefüllt werden, bleibt in der Verantwortung der professionell Handelnden. KPG bietet damit ein Instrument, die Nicht-Standardisierbarkeit und Komplexität der Fallarbeit unter Berücksichtigung ihrer moralischen Qualität zu reflektieren und zu bewältigen, ohne auf unzulässige Standardisierungen zurückzufallen.
Soziale Diagnostik
Das methodische Vorgehen zum hermeneutischen Fallverstehen stellt eine eigenartige Leerstelle dar, die oft mit dem Begriff der «Kunstlehre» überbrückt wird (Ref 7). Eine solche Kunstlehre entzieht sich einer breiten intersubjektiven Überprüfung und bleibt allenfalls Expertinnen und Experten vorbehalten — Klientinnen und Klienten müssten den Professionellen weitgehend blind vertrauen. Aus ethischer Sicht muss jedoch erläutert und begründet werden können, wie eine soziale Diagnose zustande kommt (Ref 16).
KPG gliedert den diagnostischen Prozess in vier Teilschritte — Situationserfassung, Analyse, Diagnose und Zielfindung —, die jeweils mit konkreten Evaluationsfragen versehen sind. So wird etwa zur Situationserfassung gefragt, ob die Wahl der Erfassungsmethoden den Erfordernissen des Falles angemessen war, und zum Abschluss des Diagnoseschrittes, ob die Erkenntnisse in den dialogischen Verständigungsprozess eingebracht wurden. Auch innerhalb dieser Teilschritte geht es um moralische Entscheidungen mit massgeblichem Einfluss auf das Wohlergehen anderer (Ref 8). In der Praxis monieren Professionelle häufig, dass für fundierte Diagnostik keine Zeit zur Verfügung stehe und dieser konstitutive Teil professioneller Tätigkeit von ihren Organisationen weder gewünscht noch gefördert werde (Ref 9). Es reicht daher nicht, wenn einzelne Professionelle sich für professionelle Arbeit entscheiden — auch die Organisationen müssen entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.
Kooperatives Denken und Handeln
Das Strukturmerkmal der Koproduktion verlangt von Professionellen die Bereitschaft und Fähigkeit zu Kooperation im Sinn der Ausrichtung aller Handlungen auf ein gemeinsames Ziel (Ref 17). Schütze warnte bereits vor über 25 Jahren davor, dass die Perspektiven der Betroffenen in den Blick der Sozialarbeitenden häufig nur als «Unordnung stiftende Störfaktoren» geraten. Trotz aller Zustimmung zu einer kooperativen Haltung verschwindet diese unter organisationalen Routinen, mangelnden Ressourcen und allgegenwärtigem Handlungsdruck. Das ethische Reflektieren allein genügt nicht — es muss sich in kooperatives Handeln übersetzen.
Wer nach KPG arbeitet, muss sich mit einer kooperativen Haltung auseinandersetzen und einen ethisch-moralischen Anspruch an die eigene Arbeitsweise deklarieren (Ref 10). Kooperation ist in KPG kein sozial erwünschtes Etikett, sondern eine konsequent eingeforderte Denk- und Handlungsweise — in jedem Prozessschritt wird ihre Notwendigkeit thematisiert und die Evaluation beinhaltet Fragen zu Gestaltung und Qualität des Kooperationsprozesses.
Fazit
KPG erlaubt kein Ausruhen auf Routinen und keine Abkürzungen via pragmatisches oder standardisierendes Handeln ohne stichhaltige fachliche Begründung (Ref 18). Die zentrale Thematisierung der Kooperation kennzeichnet professionelles Handeln im Rahmen von KPG als moralisches Handeln, das sich auf das gute Leben anderer bezieht. Die Wirkungsmöglichkeiten des Konzepts sind naturgemäss begrenzt — differenzierte Reflexion und deren Umsetzung in konkretes Handeln bleiben in der Verantwortung der Professionellen und ihrer Organisationen. Wo der Wille zum ethischen Handeln nur als Lippenbekenntnis besteht oder das Prozessmodell als leere Hülle angewendet wird, kann KPG keinen Beitrag leisten.
Wer sich jedoch auf echte Kooperation einlässt und sich der Komplexität und Einzigartigkeit des Einzelfalls stellt, findet in KPG eine Orientierungs- und Strukturierungshilfe, die ethisch reflektiertes Handeln in der Sozialen Arbeit ermöglicht und einen Reflexions- und Argumentationspfad eröffnet, der Professionelle in der Wahrnehmung ihrer Verantwortung begleitet und unterstützt.