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d3b2ee27a5
@ -85,3 +85,75 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 44
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- **Lines:** 508–508
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- **Quote:** "Die bei KPG vorgenommene Aufteilung schafft begriffliche Klarheit und arbeitet wichtige inhaltliche Unterschiede heraus. Sie ermöglicht es, die Bereiche eindeutig voneinander abzugrenzen, und stellt für jeden der Schritte Qualitätsmerkmale auf (siehe Abb. 10). Eine solche schrittweise Trennung ist von grosser Bedeutung für das professionelle Handeln, um zu gewährleisten, dass nicht einzelne Schritte, z. B. das Verstehen, versehentlich ausgelassen werden."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Anforderungen an professionelles Handeln
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- **Section:** 1 Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten
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- **Pages:** 19
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- **Lines:** 223–224
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- **Quote:** "Professionalität wird »als gekonnte Beruflichkeit, als Ausdruck qualitativ hochwertiger Arbeit bewertet, vorausgesetzt oder angestrebt« (Busse/Ehlert 2012:85). Professionalität dient auch als Unterscheidungs- und Gütekriterium gegenüber Laien und Nichtfachkräften, um »richtiges oder gutes berufliches Handeln von falschem oder schlechtem Handeln abzugrenzen« (ebd.)."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Anforderungen an professionelles Handeln
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- **Section:** 1 Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten
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- **Pages:** 20
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- **Lines:** 228–230
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- **Quote:** "Becker-Lenz und Müller kommen zum Urteil, dass immer noch unklar zu sein scheint, welche Vorgehensweisen im beruflichen Kontext der Sozialen Arbeit als professionell eingestuft werden können (vgl. 2009:9). »Es könnte dann in der Praxis im schlimmsten Fall eine relative Unverbindlichkeit und Beliebigkeit im professionellen Handeln festzustellen sein« (ebd.)."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Anforderungen an professionelles Handeln
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- **Section:** Standardisierung vs. Offenheit
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- **Pages:** 23
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- **Lines:** 258–260
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- **Quote:** "Im Unterschied zu anderen Berufen unterliegt das Handeln in der Sozialen Arbeit einer begrenzten Standardisierbarkeit. Es gibt keine absolute Methode, mit der sich alle Herausforderungen bewältigen lassen (vgl. Galuske 2013:57). Es ist nicht möglich, strikt nach Plan oder Anleitung vorzugehen. Vollkommen frei und offen zu agieren, hat hingegen nichts mehr mit geplantem und professionellem Handeln zu tun (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:55)."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Anforderungen an professionelles Handeln
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- **Section:** Autonomie vs. Abhängigkeit
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- **Pages:** 24
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- **Lines:** 266–268
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- **Quote:** "Sozialer Arbeit kommt damit eine paradoxe und sensible Aufgabe zu. Durch einen Autonomieeingriff soll Autonomie wiedererlangt werden. Auf diesem Hintergrund ist es zwingend erforderlich, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, um an einem Strang in die gleiche Richtung zu ziehen (vgl. ebd.:57)."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Anforderungen an professionelles Handeln
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- **Section:** 2.2 Professionalitätsentwürfe
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- **Pages:** 25
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- **Lines:** 282–283
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- **Quote:** "Hiltrud von Spiegel fasst die aus ihrer Sicht wichtigsten Handlungskompetenzen zu Oberbegriffen zusammen. Diese bezeichnet sie als die drei Dimensionen -Können, Wissen und berufliche Haltungen."
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## Reference 16
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Anforderungen an professionelles Handeln
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- **Section:** Grundhaltung/Habitus
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- **Pages:** 30
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- **Lines:** 357–359
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- **Quote:** "Es ist nicht möglich, die Kompetenzen nur technisch anzuwenden, und es braucht ein verbindendes, leitendes Element als Grundlage, um in der Praxis danach zu handeln."
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## Reference 17
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Anforderungen an professionelles Handeln
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- **Section:** Beim Konzept KPG nach Hochuli Freund/Stotz geht es um
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- **Pages:** 37
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- **Lines:** 442–444
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- **Quote:** "Das Modell besteht aus sieben Teilschritten -Situationserfassung, Analyse, Diagnose, Zielsetzung, Interventionsplanung, Interventionsdurchführung und Evaluation -und zwei Ebenen der Zusammenarbeit mit Klientinnen, Klienten und Fachkräften, die sich über den gesamten Prozess erstrecken"
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## Reference 18
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Anforderungen an professionelles Handeln
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- **Section:** Zwischenfazit
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- **Pages:** 39
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- **Lines:** 464–466
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- **Quote:** "Aus der Analyse der Gemeinsamkeiten von verschiedenen Professionalitätsentwürfen können folgende Anforderungen an professionelles Handeln abgeleitet werden, welche die fachliche Qualität in der Sozialen Arbeit ausmachen:"
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@ -3,31 +3,44 @@
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*Jakin Gebert*
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Vergleich verschiedener Professionalitätskonzepte in der Sozialen Arbeit mit dem Ziel, gemeinsame Anforderungen herauszuarbeiten. Der Beitrag identifiziert zentrale Spannungsfelder (Hilfe vs. Kontrolle, Standardisierung vs. Offenheit u.a.) und zeigt, wie KPG diese Anforderungen berücksichtigt.
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**Seiten:** 18–51 | **Zeilen:** 213–578
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## Key Points
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Gebert vergleicht verschiedene Konzepte von Professionalität in der Sozialen Arbeit mit dem Ziel, deren Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten und allgemeingültige Anforderungen an professionelles Handeln zu formulieren ([Vergleichsansatz](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-1)). Professionalität wird dabei als «gekonnte Beruflichkeit» und «Ausdruck qualitativ hochwertiger Arbeit» verstanden, die zugleich als Gütekriterium gegenüber Laien dient – es geht dabei auch um Selbstvergewisserung im Sinne eines reflexiven Vorgehens ([Professionalität als Qualitätsbegriff](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-11)).
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- Professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit ist geprägt von strukturellen Spannungsfeldern und Paradoxien (Klient vs. Systeme, Hilfe vs. Kontrolle, Standardisierung vs. Offenheit)
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- Verschiedene Professionalitätsentwürfe (Dewe, Oevermann, Schütze u.a.) werden verglichen und auf Gemeinsamkeiten untersucht
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- Zentrale Kompetenzen umfassen Wissen, Können und eine professionelle Grundhaltung/Habitus
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- KPG bietet eine offene Rahmenstruktur mit praxistauglichen Standards, die individuelle Gestaltungsfreiheit ermöglicht
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- Die analytische Phase ist im KPG-Konzept besonders ausdifferenziert, einschliesslich einer neuen Diagnose-Methode (theoriegeleitetes Fallverstehen)
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- Kooperation hat im KPG-Konzept einen besonderen Stellenwert als durchgängiges Prinzip
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Trotz dieser begrifflichen Annäherung fehlen verbindliche Standards: Es scheint «immer noch unklar zu sein, welche Vorgehensweisen im beruflichen Kontext der Sozialen Arbeit als professionell eingestuft werden können», und im schlimmsten Fall droht eine «relative Unverbindlichkeit und Beliebigkeit im professionellen Handeln» ([Mangel an Standards](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-12)). Daher besteht der Bedarf, solche Massstäbe theoretisch herauszubilden und in der Praxis zu etablieren.
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### Strukturelle Spannungsfelder
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## Evidence References
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Professionelles Handeln lässt sich nicht von den strukturellen Besonderheiten der Sozialen Arbeit trennen. Die Strukturmerkmale bilden die Grundlage, und die «erste und wichtigste Anforderung an professionelles Handeln ist deshalb, die Strukturmerkmale zu kennen und mit den Widersprüchen umgehen zu können» ([Strukturmerkmale als Grundlage](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-2)). Die Spannungsfelder sollten nach aussen transparent gemacht werden, um Klarheit für alle Beteiligten zu schaffen.
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- [In diesem Artikel werden verschiedene Konzepte von Professionalität miteinander ...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-1)
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- [zialen Arbeit angesehen werden. Die Strukturmerkmale bilden somit die Grundlage ...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-2)
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- [Es fällt leichter sich nur an einem Pol zu orientieren, statt die Spannung und Z...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-3)
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- [Wissen, Kompetenz, Habitus und Identität sind miteinander verwobene Elemente von...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-4)
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- [Nachfolgend werden die vorgestellten Anforderungen an professionelles Handeln zu...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-5)
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- [Der Entwurf von Stimmer ist weitaus umfangreicher und scheint die Anforderungen ...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-6)
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- [Bei Michel-Schwartze wird von vier verschiedenen Arbeitsebenen ausgegangen, auf ...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-7)
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- [Werden die Modelle einander gegenüberstellt, lässt sich abschliessend feststelle...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-8)
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- [Die Publikation › Kooperative Prozessgestaltung ‹ wurde als Lehrbuch konzipiert ...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-9)
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- [Die bei KPG vorgenommene Aufteilung schafft begriffliche Klarheit und arbeitet w...](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-10)
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Gebert identifiziert fünf zentrale Paradoxien: *Klient vs. Systeme* (doppeltes Mandat und multiple Loyalitäten), *Hilfe vs. Kontrolle* (Abwägung zwischen Unterstützung und Sanktion je nach Fall und Kontext), *Mensch vs. Arbeitskraft* (strategischer Einsatz der eigenen Person bei gleichzeitiger professioneller Distanz), *Standardisierung vs. Offenheit* sowie *Allzuständigkeit vs. Spezialisierung*. Beim Technologiedefizit wird deutlich: Es «gibt keine absolute Methode, mit der sich alle Herausforderungen bewältigen lassen», weder striktes Planen noch völlige Offenheit sind professionell ([Begrenzte Standardisierbarkeit](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-13)).
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Im Feld Autonomie vs. Abhängigkeit kommt der Sozialen Arbeit eine «paradoxe und sensible Aufgabe» zu: «Durch einen Autonomieeingriff soll Autonomie wiedererlangt werden», was eine vertrauensvolle Beziehung zwingend erfordert ([Autonomieparadox](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-14)). Die Professionellen laufen Gefahr, Spannungspole einseitig aufzulösen, statt die Zerrissenheit auszuhalten – es wird vergessen, «dass es immer die Möglichkeit gibt, auf zwei Seiten des Pferdes herunterzufallen», und die Verschleierung der Paradoxien führt zu Schwierigkeiten für Professionelle und Klientel ([Einseitige Polauflösung](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-3)).
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### Professionalitätsentwürfe und Kompetenzen
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Der Vergleich verschiedener Fachpositionen – u. a. von Spiegel, Kreft, Galuske, Becker-Lenz, Staub-Bernasconi, Cassée und Heiner – offenbart grosse Übereinstimmungen bei den Anforderungen an professionelles Handeln. Von Spiegel fasst die wichtigsten Handlungskompetenzen als drei Dimensionen zusammen: «Können, Wissen und berufliche Haltungen» ([Von Spiegels Drei-Dimensionen-Modell](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-15)). Becker-Lenz et al. betonen, dass «Wissen, Kompetenz, Habitus und Identität miteinander verwobene Elemente von Professionalität» sind, die sich gegenseitig bedingen, wobei «Reflexivität explizit als verbindende und äusserst wichtige Komponente benannt» wird ([Verwobene Professionalitätselemente](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-4)).
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Die Anforderungen werden zu zwei übergeordneten Kategorien verdichtet: zentrale Kompetenzen (Fach-, Sozial- und Selbstkompetenz) und eine reflektierte Grundhaltung ([Kompetenzkategorien](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-5)). Die Fachkompetenz umfasst Methoden, Zielsetzung, Analyse, Fallverstehen, Evaluation, Kontextwissen und Planung; die Sozialkompetenz Beziehungsgestaltung, Kooperation und Koproduktion mit Klientinnen und Klienten; die Selbstkompetenz Reflexion und Selbstkontrolle.
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Neben den Kompetenzen bedarf es einer Grundhaltung, denn «es ist nicht möglich, die Kompetenzen nur technisch anzuwenden, und es braucht ein verbindendes, leitendes Element als Grundlage» ([Grundhaltung als Voraussetzung](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-16)). Diese in der Persönlichkeit verinnerlichte Haltung steuert das Handeln und gibt Orientierung. Sie zu habitualisieren ist kein einmaliger Vorgang, sondern verlangt einen kontinuierlichen inneren Dialog und professionellen Diskurs.
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### Strukturierung des Handelns
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Verschiedene Prozessmodelle (Müller, Stimmer, Possehl, von Spiegel, Cassée, Michel-Schwartze, Martin, Simmen) werden verglichen und anhand der Anforderungen beurteilt. Stimmer berücksichtigt die Anforderungen grundsätzlich, lässt aber «die Kooperation auf der Fachebene» nicht explizit erkennen ([Stimmer-Modell](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-6)). Michel-Schwartze geht von «vier verschiedenen Arbeitsebenen» aus, die parallel statt sequenziell ablaufen ([Michel-Schwartze-Modell](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-7)).
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Insgesamt sind die Modelle «im Grossen und Ganzen sehr ähnlich», unterscheiden sich jedoch in Umfang und Schwerpunktsetzung; «diverse Begrifflichkeiten» werden «für die gleichen Sachverhalte genutzt» ([Modellvergleich](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-8)). Die grosse Anzahl aktueller Publikationen macht deutlich, dass das Thema nach wie vor grosse Bedeutung hat und nach geeigneten Handlungskonzepten gesucht wird.
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### KPG als umfassende Antwort
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KPG besteht aus sieben Teilschritten – Situationserfassung, Analyse, Diagnose, Zielsetzung, Interventionsplanung, Interventionsdurchführung und Evaluation – sowie zwei durchlaufenden Kooperationsebenen mit Klientel und Fachkräften ([KPG-Prozessmodell](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-17)). Als Lehrbuch konzipiert, beansprucht KPG, Theorie und Praxis gleichermassen zu verbinden: Praktikerinnen und Praktiker sollen die Methodik nachvollziehen und anwenden können, zugleich muss sie dem «state of the art» genügen ([Theorie-Praxis-Verschränkung](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-9)). Durch einfache Prinzipien, vorgegebene Formulierungshilfen und Evaluationsfragen bei jedem Prozessschritt ist das Konzept niederschwellig und praxistauglich.
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Die Ausdifferenzierung der analytischen Phase in Erfassen – Bewerten – Erklären «schafft begriffliche Klarheit und arbeitet wichtige inhaltliche Unterschiede heraus», um zu gewährleisten, dass kein Schritt versehentlich ausgelassen wird ([Analytische Ausdifferenzierung](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-10)). Das Theoriegeleitete Fallverstehen als neue Diagnosemethode ermöglicht hypothesenbasierte Fallarbeit, die auch in der breiten Praxis zugänglich ist. Kooperation wird institutionalisiert und bei jedem Prozessschritt durch Evaluationsfragen überprüft, sodass auch die Arbeitsbeziehung mit Klientinnen und Klienten systematisch reflektiert wird.
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### Fazit
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Aus dem Vergleich lassen sich drei zentrale Anforderungen ableiten, die die fachliche Qualität in der Sozialen Arbeit ausmachen ([Drei Anforderungen](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-18)): (1) Kennen und Aushalten struktureller Spannungsfelder, (2) Verfügen über zentrale Kompetenzen und eine Grundhaltung, (3) Verwendung einer Systematik zur Strukturierung und Reflexion des Handelns.
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KPG erfüllt alle drei Anforderungen und stellt als generalistisches, praxistaugliches Konzept eine besonders geeignete Handlungsleitlinie für die Soziale Arbeit dar ([Vergleichsansatz](./section_01_anforderungen-professionelles-handeln.evidence.md#reference-1)). Es baut auf die strukturellen Bedingungen auf, definiert klare Voraussetzungen für professionelles Handeln und liefert zugleich das praktische Handwerkszeug, um die Kompetenzen erwerben und im beruflichen Alltag umsetzen zu können.
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@ -85,3 +85,75 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 66
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- **Lines:** 738–738
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- **Quote:** "merkt in einer sich selbst verstärkenden Schlaufe hängen bleiben (vgl. ebd.:281 -283)."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Denken und Handeln
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- **Section:** 1 Vorausschauendes Denken und Planen -Intuition -nachträgliche Reflexion: Zur Auswahl der Vergleichskonzepte
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- **Pages:** 53
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- **Lines:** 596–596
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- **Quote:** "Es wäre naheliegend, die analytische Phase als die › Phase des Denkens ‹ zu bezeichnen, und der Begriff › Handlungsphase ‹ bringt bereits den Fokus auf das Handeln zum Ausdruck. Eine Dichotomisierung greift allerdings zu kurz."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Denken und Handeln
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- **Section:** 2 In Sekundenschnelle handlungsfähig werden dank › intelligenter Vermutungen ‹ (Gigerenzer)
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- **Pages:** 55
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- **Lines:** 616–616
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- **Quote:** "»Eine Faustregel oder Heuristik ermöglicht uns, eine Entscheidung schnell zu treffen, ohne viel Informationssuche und doch mit einem hohen Mass an Genauigkeit« (ebd.:44)."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Denken und Handeln
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- **Section:** Vergleich mit KPG und Folgerungen
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- **Pages:** 57
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- **Lines:** 636–636
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- **Quote:** "Das Konzept KPG betrachte ich als theoretischen Bezugsrahmen für die Herleitung solcher Faustregeln (was an anderer Stelle auch explizit als eine Funktion des Prozessgestaltungsmodells im beruflichen Alltag bezeichnet wird; vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:45)."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Denken und Handeln
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- **Section:** 3.1 Zwei Modi des Denkens
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- **Pages:** 59
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- **Lines:** 658–658
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- **Quote:** "System 1 funktioniert spontan, schnell, automatisch. Es ist immer aktiv, reagiert impulsiv, intuitiv, unbewusst, arbeitet assoziativ, stereotypisierend und emotional. System 2 hingegen arbeitet langsam, dafür aber logisch und präzise, das Denken erfolgt bewusst, erfordert Aufmerksamkeit, Anstrengung und mentale Energie."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Denken und Handeln
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- **Section:** 3.2 Intuition und Expertise
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- **Pages:** 61
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- **Lines:** 679–679
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- **Quote:** "»Some intuitions draw primarily on skill and expertise acquired by repeated experience« (vgl. ebd.:185)."
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## Reference 16
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Denken und Handeln
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- **Section:** 3.3 Vergleich mit Gigerenzer, KPG und Folgerungen
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- **Pages:** 62
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- **Lines:** 695–695
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- **Quote:** "Kahnemans Empfehlung zur Vermeidung von Fehlurteilen und zur Einübung von › skilled intuitions ‹ lautet: Innehalten -bewusst Denken -Üben. Das lässt sich als Plädoyer für das Konzept KPG lesen, zielt dieses doch darauf ab, das Denken vor dem Handeln zu habitualisieren (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:325ff., Hochuli Freund/Sprenger-Ursprung 2016:55)."
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## Reference 17
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Denken und Handeln
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- **Section:** 4 › Reflection-in-action ‹ : Einheit von Denken und Handeln (Schön)
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- **Pages:** 64
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- **Lines:** 713–713
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- **Quote:** "»In his day-to-day practice he makes innumerable judgements of quality for which he cannot state adequate criteria, and he displays skills for which he cannot state the rules and procedures. Even when he makes conscious use of research-based theories and techniques, he is dependent on tacit recognitions, judgments, and skillfull performances.« (Ebd.:49f.)"
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## Reference 18
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Denken und Handeln
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- **Section:** 4.1 Struktur von › reflection-in-action ‹
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- **Pages:** 66
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- **Lines:** 737–737
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- **Quote:** "»An overarching theory does not give a rule that can be applied to predict or control a particular event, but it supplies language from which to construct particular descriptions and themes from which to develop particular interpretations. [ … ] If a practitioner has such a theory, he uses it to guide his reflection-in-action.« (Ebd.:273f.)"
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@ -2,32 +2,44 @@
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*Ursula Hochuli Freund*
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Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Denken und Handeln im KPG-Konzept, verglichen mit Gigerenzers intuitiver Intelligenz, Kahnemans langsamem Denken und Schöns reflection-in-action.
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**Seiten:** 52–70 | **Zeilen:** 581–793
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## Key Points
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Ursula Hochuli Freund untersucht als Ko-Autorin des KPG-Konzepts kritisch, wie Denken und Handeln in der professionellen Sozialen Arbeit zusammenhängen. KPG will einen Orientierungsrahmen bieten, in dem professionelles Handeln in Phasen des Denkens eingebettet ist – dem Handeln soll vorausschauendes Denken vorangehen und nachträgliche Reflexion folgen ([KPG als Orientierungsrahmen](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-1)). Die einfache Unterscheidung zwischen analytischer Phase (Denken) und Handlungsphase greift allerdings zu kurz, da beide Phasen sowohl Denk- als auch Handlungsanteile enthalten ([Dichotomisierung unzureichend](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-11)).
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- KPG postuliert ein vorausschauendes Denken vor dem Handeln und nachträgliche Reflexion danach
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- Gigerenzers Konzept der Bauchentscheidungen (Heuristiken) zeigt, dass intuitives Handeln in bestimmten Situationen effektiv sein kann
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- Kahnemans Zwei-Systeme-Theorie (schnelles vs. langsames Denken) unterstreicht die Bedeutung bewusster Denkprozesse bei komplexen Aufgaben
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- Schöns reflection-in-action beschreibt eine Einheit von Denken und Handeln während der Tätigkeit
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- KPG integriert alle drei Perspektiven: Es erkennt die Rolle von Intuition an, betont aber die Notwendigkeit systematischen Denkens
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- Die Reflexion als eigenständiger Prozessschritt wird als zentrale Stärke des KPG-Konzepts herausgearbeitet
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Für die kritische Reflexion zieht Hochuli Freund drei Konzepte aus Nachbardisziplinen heran, die das Verhältnis von Denken und Handeln je unterschiedlich fassen. Der Praxiseinwand, ein strukturiert-vorausschauendes Vorgehen gemäss KPG sei zu zeitaufwändig, wird dabei ebenso berücksichtigt wie die Hypothese, dass die Investition in vorausschauendes Denken in der Handlungsphase wieder eingespart wird ([Effizienz-Hypothese](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-2)).
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### Gigerenzers Heuristiken und die KPG
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## Evidence References
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Gerd Gigerenzer plädiert für einfache Lösungen komplexer Probleme mittels Heuristiken – schneller, sparsamer Entscheidungsstrategien. Eine Faustregel ermöglicht es, «eine Entscheidung schnell zu treffen, ohne viel Informationssuche und doch mit einem hohen Mass an Genauigkeit» ([Faustregel-Definition](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-12)). Intuition beschreibt Gigerenzer als ein Urteil, das «unvermittelt im Bewusstsein auftaucht», dessen Gründe nicht voll bewusst sind, das aber «stark genug ist, um danach zu handeln» ([Intuitionsdefinition](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-3)). Dabei greifen Expertinnen auf weniger Informationen zurück als Neulinge und nutzen gezielt bewährte Heuristiken ([Expertise und Heuristiken](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-4)).
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||||
- [Das Konzept Kooperative Prozessgestaltung (KPG) will einen Orientierungsrahmen z...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-1)
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||||
- [1 In einem seit Anfang 2016 laufenden Forschungsprojekt › Kooperative Instrument...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-2)
|
||||
- [»Eine Intuition oder ein Bauchgefühl ist ein Urteil, das 1. unvermittelt im Bewu...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-3)
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- [2 Oder an anderer Stelle, Forschungsergebnisse zusammenfassend: »experienced bur...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-4)
|
||||
- [Selbstverständlich gäbe es noch weitere Deutungsvarianten und Interventionsmögli...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-5)
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||||
- [»Jumping to conclusions is efficient if the conclusions are likely to be correct...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-6)
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- [3 Insbesondere Novizen in einem Fach würden anstelle von wissens- und erfahrungs...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-7)
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- [Das Konzept KPG ist zunächst im Kontext der Lehre entstanden, um Studierenden Wi...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-8)
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- [Professionsübergreifend zeigte sich die folgende Struktur bei diesem › Nachdenke...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-9)
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- [merkt in einer sich selbst verstärkenden Schlaufe hängen bleiben (vgl. ebd.:281 ...](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-10)
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Auf den ersten Blick scheint Gigerenzers Postulat einfacher Lösungen dem systematischen Vorgehen der KPG zu widersprechen. Hochuli Freund argumentiert jedoch, dass KPG als theoretischer Bezugsrahmen für die Herleitung professionsspezifischer Faustregeln dienen kann ([KPG als Heuristik-Rahmen](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-13)). So lässt sich eine KPG-basierte Faustregel ableiten: «Worum genau geht es hier und wie erkläre ich es mir? Was ist mein Ziel?» In kritischen Situationen folgt die Praktikerin damit in Sekundenschnelle der Logik des Prozessgestaltungsmodells – Situationserfassung, Analyse, Diagnose, Zielbestimmung, Intervention.
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Scheitert die Intervention, beginnt die Arbeit mit der Faustregel aufs Neue ([Iteratives Vorgehen](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-5)). In der nachträglichen Reflexion – entlastet vom Handlungsdruck – können dann alle weiteren Aspekte einbezogen werden. Für den regulären professionellen Standard bleibt ein differenzierter analytisch-diagnostischer Prozess massgeblich; der KPG-Grundsatz lautet: «so einfach wie möglich, so umfassend wie nötig».
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### Kahnemans zwei Denksysteme
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Daniel Kahneman unterscheidet zwei Modi des Denkens: System 1 funktioniert spontan, schnell und automatisch, arbeitet assoziativ und emotional; System 2 hingegen arbeitet langsam, logisch und präzise und erfordert bewusste Anstrengung ([Zwei Denksysteme](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-14)). System 1 kann zu kognitiven Verzerrungen führen – etwa zum Halo-Effekt, zur Überbewertung zufällig verfügbarer Informationen oder zur unbewussten Substitution schwieriger durch einfachere Fragen. Voreilige Schlüsse sind besonders riskant, wenn die Situation unvertraut ist, viel auf dem Spiel steht und die Informationslage dünn ist – dann brauche es das bewusste Eingreifen von System 2 ([Risiko voreiliger Schlüsse](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-6)).
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Neben fehlerbehafteten Automatismen identifiziert Kahneman erfahrungs- und wissensbasierte «skilled intuitions», die auf wiederholter Erfahrung und Expertise aufbauen ([Skilled Intuitions](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-15)). Insbesondere Novizen greifen unbewusst auf vereinfachende Heuristiken zurück, während echte Expertinnen wissensbasiert urteilen ([Novizen vs. Experten](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-7)).
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Kahnemans Empfehlung – Innehalten, bewusst Denken, Üben – lässt sich direkt als Plädoyer für KPG lesen, das darauf abzielt, das Denken vor dem Handeln zu habitualisieren ([Innehalten als KPG-Plädoyer](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-16)). Die expliziten KPG-Prozessschritte – Situationserfassung mit Offenheit und Neugier, systematische Analyse, begründete Diagnose – verhindern genau jene automatisierten Kurzschlüsse, vor denen Kahneman warnt.
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Das Konzept ist dabei im Kontext der Lehre entstanden, um Studierenden methodisch-strukturiertes professionelles Handeln zu vermitteln und ihren Kompetenzerwerb zu unterstützen ([KPG im Lehrkontext](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-8)). In Kahnemans Logik geht es darum, die Intuitionen von System 1 zu disziplinieren und durch bewusste, wissensbasierte Entscheidungsprozesse zu ersetzen.
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### Schöns reflection-in-action
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Donald A. Schön entwickelte seine Praxis-Epistemologie als Gegenentwurf zum Modell technischer Rationalität. Er zeigt, dass alltägliche Berufspraxis auf implizitem Wissen (tacit knowledge) beruht: Praktikerinnen fällen unzählige Qualitätsurteile, für die sie keine expliziten Kriterien angeben können ([Implizites Praxiswissen](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-17)). Schöns reflection-in-action beschreibt professionsübergreifend eine dreiteilige Struktur des «Nachdenkens im Tun»: Problembestimmung, Untersuchung und Problemlösungsvorschläge ([Struktur der reflection-in-action](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-9)).
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Eine erfahrene Praktikerin nutzt bei dieser reflection-in-action ihr Erfahrungsrepertoire, ein professionsbezogenes Bedeutungssystem und eine theoretische Orientierung. Eine solche «overarching theory» liefert keine anwendbare Regel, sondern eine Sprache, aus der Beschreibungen und Interpretationen konstruiert werden können ([Overarching Theory](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-18)).
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Ohne eine begleitende reflection-on-action – eine kritische Reflexion über das eigene Vorgehen – bliebe das Verstehen begrenzt und könnte in einer sich selbst verstärkenden Schlaufe hängen bleiben ([Gefahr ohne Metareflexion](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-10)).
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Die drei Vorgehensschritte nach Schön – Problembestimmung, Untersuchung, Problemlösung – entsprechen der analytisch-diagnostischen Prozessphase der KPG. KPG fungiert nach Schön als «overarching theory» für den Prozess von Problembestimmung, Untersuchung und Lösungsfindung. Das Effizienz-Potenzial dieses strukturierten Vorgehens wird durch ein laufendes Forschungsprojekt zur Kooperativen Instrumenteentwicklung empirisch untersucht ([Effizienz-Forschungsprojekt](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-2)).
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### Synthese: Denken, Planen, Handeln, Reflektieren
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Alle vier Konzepte beziehen sich auf den angemessenen Umgang mit komplexen, von Ungewissheit geprägten Situationen und gehen davon aus, dass es hierfür keine Standardtechnologien gibt. Während Gigerenzer einfache Heuristiken propagiert, betont Kahneman den Unterschied zwischen unbewusst-automatisierten und bewusst gewählten, wissensbasierten Heuristiken. Schöns Praxis-Epistemologie wiederum zeigt eine Struktur, die gute Praktikerinnen intuitiv nutzen, indem sie Situationen neu rahmen und experimentierend untersuchen ([Struktur der reflection-in-action](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-9)).
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KPG integriert diese Perspektiven: Es bietet einen Strukturierungsrahmen für Denk- und Handlungsprozesse, stellt Methoden sowie methodische Hilfsmittel zur Verfügung und beinhaltet implizit ein Entscheidungsfindungsmodell. Professionelles Handeln erfordert eine KPG-basierte Grundhaltung innerhalb jedes Prozessschritts und zugleich einen organisational implementierten strukturierten Prozess. Jede Fallbearbeitung bleibt dabei ein einzigartiger, experimenteller Prozess – eine gemeinsame Abenteuerreise aller Fallbeteiligten, bei der Denken, Planen, Handeln und Reflektieren untrennbar miteinander verbunden sind ([KPG als Orientierungsrahmen](./section_02_denken-und-handeln.evidence.md#reference-1)).
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@ -85,3 +85,75 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 85
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- **Lines:** 955–955
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- **Quote:** "Wer nach KPG arbeitet, muss sich mit einer kooperativen Haltung auseinandersetzen und sie in Beziehung setzen zum eigenen Handeln. Mit der Orientierung an KPG wird ein qualitativer und ethisch-moralischer Anspruch an die eigene Arbeitsweise deklariert und nach aussen -auch gegenüber allfälligen Kooperationspartnern und -partnerinnen -kommuniziert. 4"
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Ethisches Handeln
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- **Section:** 1.1 Ethik und Moral -begriffliche Präzisierung
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- **Pages:** 73
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- **Lines:** 826–828
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- **Quote:** "Ethik ist die wissenschaftliche Reflexion von Moral. Sie beschäftigt sich damit, die gewachsenen Normen und Werte auf der Basis allgemeingültiger, wissenschaftlicher Kriterien zu beleuchten und zu hinterfragen."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Ethisches Handeln
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- **Section:** 1.1 Ethik und Moral -begriffliche Präzisierung
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- **Pages:** 74
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- **Lines:** 836–836
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||||
- **Quote:** "Professionsethik denkt darüber nach, was denn › gute Soziale Arbeit ‹ ist, und sie reflektiert die Werte und Normen, die den praktischen Handlungsvollzügen der Sozialen Arbeit zugrunde liegen daraufhin, ob sie nach wissenschaftlichen Kriterien tatsächlich zu › guter Sozialer Arbeit ‹ beitragen."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Ethisches Handeln
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- **Section:** 1.2 Das Verhältnis von Ethik, Moral und Professionalität
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- **Pages:** 77
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- **Lines:** 878–878
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||||
- **Quote:** "Moral steht nicht im Widerspruch zu Professionalität, sondern ist ihr konstitutiver Bestandteil."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Ethisches Handeln
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- **Section:** 2 Kooperative Prozessgestaltung als Unterstützung ethischer Reflexion
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- **Pages:** 78
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- **Lines:** 883–884
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||||
- **Quote:** "Die Kriterien dieser ethischen Reflexion sind aber nicht beliebig, sondern werden im Konzept klar definiert (vgl. ebd.:68ff.). Dabei berufen sich die Autoren auf anerkannte ethische Normen in der Sozialen Arbeit wie z. B. die Menschenwürde, Menschenrechte und Solidarität."
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## Reference 15
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||||
- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Ethisches Handeln
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||||
- **Section:** 2.1 Ein Prozessmodell zur professionellen Bewältigung von Nicht-Standardisierbarkeit
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- **Pages:** 79
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||||
- **Lines:** 903–903
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||||
- **Quote:** "Das Prozessmodell ist somit eben nicht als normativer Standard zu lesen, sondern als idealtypische Struktur professionellen Handelns , als Orientierungshilfe und als Hintergrundfolie professioneller Reflexion."
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## Reference 16
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||||
- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Ethisches Handeln
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- **Section:** 2.2 Soziale Diagnostik zwischen Kunstlehre und Begründungsverpflichtung
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- **Pages:** 81
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- **Lines:** 919–919
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||||
- **Quote:** "Aus ethischer Sicht muss erläutert und begründet werden können, wie eine soziale Diagnose zu Stande kommt."
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## Reference 17
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||||
- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Ethisches Handeln
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- **Section:** 2.3 Kooperatives Denken und Handeln
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- **Pages:** 84
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- **Lines:** 943–943
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- **Quote:** "Das Strukturmerkmal der Koproduktion verlangt von den Professionellen unabdingbar die Bereitschaft und die Fähigkeit zu Kooperation im Sinn der Ausrichtung der Handlungen verschiedener Akteurinnen und Akteure auf ein gemeinsames Ziel"
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## Reference 18
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||||
- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Ethisches Handeln
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- **Section:** 3 Kooperative Prozessgestaltung als Beitrag zum ethischen Handeln
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- **Pages:** 87
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- **Lines:** 972–972
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||||
- **Quote:** "KPG erlaubt kein Ausruhen auf Routinen und keine Abkürzungen via pragmatisches oder standardisierendes Handeln ohne stichhaltige, fachliche Begründung."
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@ -2,32 +2,44 @@
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*Kathrin Schreiber*
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Untersuchung der Verbindung zwischen Ethik, Moral und Professionalität in der Sozialen Arbeit. Der Beitrag zeigt, wie KPG ethische Reflexion im professionellen Alltagshandeln unterstützt.
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**Seiten:** 72–89 | **Zeilen:** 796–1013
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Kathrin Schreibers Beitrag verfolgt das Ziel, eine Brücke zwischen Ethik, Moral und Professionalität in der Sozialen Arbeit zu schlagen und aufzuzeigen, inwiefern KPG diesen Brückenschlag in der Praxis unterstützt ([Ref 1](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-1)). Im Zentrum steht die Frage, unter welchen Voraussetzungen eine ethisch-moralische Orientierung im professionellen Alltagshandeln gelingen kann — und wie der Weg von der Reflexion zur konkreten, ethisch reflektierten Handlung gestaltet werden kann.
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## Key Points
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## Ethik und Moral — begriffliche Unterscheidung
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- Ethik und Moral werden begrifflich unterschieden: Moral als gelebte Wertorientierung, Ethik als systematische Reflexion darüber
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- Professionelle Soziale Arbeit ist auf ethische Reflexion moralischer Begründungen angewiesen
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- KPG bietet ein Prozessmodell zur professionellen Bewältigung von Nicht-Standardisierbarkeit
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- Soziale Diagnostik im KPG bewegt sich zwischen Kunstlehre und Begründungsverpflichtung
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- Kooperatives Denken und Handeln im KPG fördert die ethische Qualität professioneller Entscheidungen
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- Die Orientierung am KPG-Konzept wirkt sich positiv auf die ethisch-moralische Qualität konkreter Handlungsvollzüge aus
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Moral ist die gelebte Umsetzung gewachsener Normen und Werte im Zusammenleben von Gemeinschaften. Moralisches Abwägen geschieht immer dann, wenn wir unser Handeln von den Folgen für andere abhängig machen ([Ref 2](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-2)). Was als moralisch richtig gilt, kann je nach Familie, ethnischer oder religiöser Gemeinschaft stark differieren — Moral hat somit keinen wissenschaftlichen Anspruch. Ethik hingegen ist die wissenschaftliche Reflexion dieser Moral, die gewachsene Normen auf der Basis allgemeingültiger Kriterien beleuchtet und hinterfragt ([Ref 11](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-11)). Übertragen auf die Soziale Arbeit bedeutet dies: Professionsethik fragt, was «gute Soziale Arbeit» ist, und prüft, ob die handlungsleitenden Normen tatsächlich dazu beitragen ([Ref 12](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-12)).
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## Ethik, Moral und Professionalität
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## Evidence References
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Moral steht nicht im Widerspruch zu Professionalität, sondern ist ihr konstitutiver Bestandteil ([Ref 13](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-13)). Dennoch stehen der Umsetzung erhebliche Widerstände entgegen: Professionelle sind in einem bestimmten moralischen Klima sozialisiert und können sich ihren subjektiven Sollens-Ansprüchen nicht ohne Weiteres entziehen ([Ref 3](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-3)). Zudem geschieht die Definition sozialer Probleme oft auf Grund diffuser gesellschaftlicher Moralvorstellungen, und Professionelle sollen ihre Klientinnen und Klienten mit den moralischen Gepflogenheiten der Systeme vertraut machen, in die sie inkludiert werden sollen.
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- [Ziel dieses Beitrages ist es, eine Brücke zu schlagen zwischen Ethik, Moral und ...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-1)
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- [Moral ist die gelebte Umsetzung gewachsener Normen und Werte hinsichtlich des Zu...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-2)
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- [Erstens sind wir alle in einem bestimmten moralischen Klima aufgewachsen und soz...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-3)
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- [Ethische Entscheidungen orientieren sich an Werten, und ihr zentrales Kriterium ...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-4)
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- [Das Ergebnis dieser ethischen Reflexion kann dann als Folie für die Reflexion un...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-5)
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- [Diese unvollständige Aufzählung möglicher Strukturierungsformen macht bereits de...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-6)
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- [Obwohl zur Theorie-Praxis-Relationierung in der Sozialen Arbeit viel geforscht u...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-7)
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- [Diese kleine Auswahl an Evaluationsfragen zeigt: Trotz der durch das Modell vorg...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-8)
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- [Stelle oft moniert, dass ihnen im organisationalen Alltag gar keine Zeit zur Ver...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-9)
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- [Wer nach KPG arbeitet, muss sich mit einer kooperativen Haltung auseinandersetze...](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-10)
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Habermas unterscheidet drei Formen der Entscheidungsfindung: pragmatische Entscheidungen betreffen die Zweckmässigkeit bei bekanntem Ziel, ethische Entscheidungen orientieren sich an Werten und der Frage nach dem Guten ([Ref 4](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-4)), und moralische Entscheidungen sind dann zu treffen, wenn Handlungen die legitimen Interessen anderer tangieren — hier geht es um die Symmetrie in Beziehungen, in denen alle Beteiligten denselben Anspruch auf Achtung ihrer Würde haben. Da sich Soziale Arbeit qua Professionsauftrag zentral mit dem Wohlergehen anderer befasst, haben professionelle Entscheidungen in der Fallarbeit stets moralische Qualität. Das Auffinden des moralisch Richtigen unter all den unterschiedlichen Moralen, die in komplexen Problemsituationen aufeinanderprallen, bedingt ethische Reflexion — deren Ergebnis dann als Folie für die Überprüfung dieser Moralen dienen kann ([Ref 5](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-5)).
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## KPG als Unterstützung ethischer Reflexion
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Im Konzept KPG werden hohe ethische Ansprüche formuliert. Die Kriterien der ethischen Reflexion sind nicht beliebig, sondern klar definiert und berufen sich auf anerkannte Normen wie Menschenwürde, Menschenrechte und Solidarität ([Ref 14](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-14)). Drei zentrale Elemente — Nicht-Standardisierbarkeit, Soziale Diagnostik und Kooperation — werden hinsichtlich ihres Beitrags zur ethischen Reflexion untersucht.
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### Nicht-Standardisierbarkeit
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Struktur und Standardisierung sind grundsätzlich verschiedene Phänomene: Struktur beschreibt einen differenzierten und geordneten Zusammenhang, während Standardisierung mit Normierung und Vereinheitlichung gleichgesetzt wird. Nicht jede Struktur-Entscheidung wird der moralischen Qualität der professionellen Handlungsprozesse gerecht ([Ref 6](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-6)). Dies wird am Beispiel eines neunjährigen Knaben deutlich, der in einer stationären Einrichtung bei tätlichen Angriffen ausnahmslos mit dreiwöchigen Time-out-Aufenthalten bestraft wurde — ein standardisiertes Verfahren, das sein Verhalten nicht verbesserte, sondern die Abstände zwischen den Vorfällen verkürzte.
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Das Prozessmodell von KPG ist nicht als normativer Standard zu lesen, sondern als idealtypische Struktur professionellen Handelns und Hintergrundfolie der Reflexion ([Ref 15](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-15)). Wie die einzelnen Handlungsschritte modifiziert, gewichtet oder methodisch gefüllt werden, bleibt in der Verantwortung der professionell Handelnden. KPG bietet damit ein Instrument, die Nicht-Standardisierbarkeit und Komplexität der Fallarbeit unter Berücksichtigung ihrer moralischen Qualität zu reflektieren und zu bewältigen, ohne auf unzulässige Standardisierungen zurückzufallen.
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### Soziale Diagnostik
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Das methodische Vorgehen zum hermeneutischen Fallverstehen stellt eine eigenartige Leerstelle dar, die oft mit dem Begriff der «Kunstlehre» überbrückt wird ([Ref 7](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-7)). Eine solche Kunstlehre entzieht sich einer breiten intersubjektiven Überprüfung und bleibt allenfalls Expertinnen und Experten vorbehalten — Klientinnen und Klienten müssten den Professionellen weitgehend blind vertrauen. Aus ethischer Sicht muss jedoch erläutert und begründet werden können, wie eine soziale Diagnose zustande kommt ([Ref 16](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-16)).
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KPG gliedert den diagnostischen Prozess in vier Teilschritte — Situationserfassung, Analyse, Diagnose und Zielfindung —, die jeweils mit konkreten Evaluationsfragen versehen sind. So wird etwa zur Situationserfassung gefragt, ob die Wahl der Erfassungsmethoden den Erfordernissen des Falles angemessen war, und zum Abschluss des Diagnoseschrittes, ob die Erkenntnisse in den dialogischen Verständigungsprozess eingebracht wurden. Auch innerhalb dieser Teilschritte geht es um moralische Entscheidungen mit massgeblichem Einfluss auf das Wohlergehen anderer ([Ref 8](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-8)). In der Praxis monieren Professionelle häufig, dass für fundierte Diagnostik keine Zeit zur Verfügung stehe und dieser konstitutive Teil professioneller Tätigkeit von ihren Organisationen weder gewünscht noch gefördert werde ([Ref 9](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-9)). Es reicht daher nicht, wenn einzelne Professionelle sich für professionelle Arbeit entscheiden — auch die Organisationen müssen entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.
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### Kooperatives Denken und Handeln
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Das Strukturmerkmal der Koproduktion verlangt von Professionellen die Bereitschaft und Fähigkeit zu Kooperation im Sinn der Ausrichtung aller Handlungen auf ein gemeinsames Ziel ([Ref 17](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-17)). Schütze warnte bereits vor über 25 Jahren davor, dass die Perspektiven der Betroffenen in den Blick der Sozialarbeitenden häufig nur als «Unordnung stiftende Störfaktoren» geraten. Trotz aller Zustimmung zu einer kooperativen Haltung verschwindet diese unter organisationalen Routinen, mangelnden Ressourcen und allgegenwärtigem Handlungsdruck. Das ethische Reflektieren allein genügt nicht — es muss sich in kooperatives Handeln übersetzen.
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Wer nach KPG arbeitet, muss sich mit einer kooperativen Haltung auseinandersetzen und einen ethisch-moralischen Anspruch an die eigene Arbeitsweise deklarieren ([Ref 10](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-10)). Kooperation ist in KPG kein sozial erwünschtes Etikett, sondern eine konsequent eingeforderte Denk- und Handlungsweise — in jedem Prozessschritt wird ihre Notwendigkeit thematisiert und die Evaluation beinhaltet Fragen zu Gestaltung und Qualität des Kooperationsprozesses.
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## Fazit
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KPG erlaubt kein Ausruhen auf Routinen und keine Abkürzungen via pragmatisches oder standardisierendes Handeln ohne stichhaltige fachliche Begründung ([Ref 18](./section_03_ethisches-handeln.evidence.md#reference-18)). Die zentrale Thematisierung der Kooperation kennzeichnet professionelles Handeln im Rahmen von KPG als moralisches Handeln, das sich auf das gute Leben anderer bezieht. Die Wirkungsmöglichkeiten des Konzepts sind naturgemäss begrenzt — differenzierte Reflexion und deren Umsetzung in konkretes Handeln bleiben in der Verantwortung der Professionellen und ihrer Organisationen. Wo der Wille zum ethischen Handeln nur als Lippenbekenntnis besteht oder das Prozessmodell als leere Hülle angewendet wird, kann KPG keinen Beitrag leisten.
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Wer sich jedoch auf echte Kooperation einlässt und sich der Komplexität und Einzigartigkeit des Einzelfalls stellt, findet in KPG eine Orientierungs- und Strukturierungshilfe, die ethisch reflektiertes Handeln in der Sozialen Arbeit ermöglicht und einen Reflexions- und Argumentationspfad eröffnet, der Professionelle in der Wahrnehmung ihrer Verantwortung begleitet und unterstützt.
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@ -85,3 +85,75 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 101
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- **Lines:** 1180–1180
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- **Quote:** "18 Und das Ergebnis (die Netzwerkkarte usw.) gehört der Klientin; für die Akte der Professionellen kann allenfalls ein Foto erbeten werden."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperation und Multiperspektivität
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- **Section:** 1.2 Multiperspektivität als Fachbegriff der Sozialen Arbeit
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- **Pages:** 93
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- **Lines:** 1062–1066
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||||
- **Quote:** "Unter multiperspektivischem Vorgehen versteht Müller, dass sozialpädagogisches Handeln einen bewussten Perspektivenwechsel zwischen unterschiedlichen Bezugsrahmen erfordert, z. B. einem verfahrensrechtlichen, pädagogischen, medizinischen oder fiskalischen (vgl. Müller 2017:23)."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperation und Multiperspektivität
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- **Section:** 2.1 Komplexe Problemstellung
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- **Pages:** 94
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- **Lines:** 1073–1076
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- **Quote:** "Soziale Arbeit ist gekennzeichnet durch die Zuständigkeit für unterschiedlichste, komplexe, oft auch unklare Probleme von Menschen. Diese sog. »diffuse Allzuständigkeit« (vgl. u. a. Galuske 2011:36ff.) bedeutet nicht nur, dass immer wieder die eigene Zuständigkeit überprüft und der Auftrag geklärt werden muss, es ergibt sich daraus auch die Notwendigkeit der Kooperation mit anderen Berufsgruppen"
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperation und Multiperspektivität
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- **Section:** 2.3 Nebeneinander oder miteinander?
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- **Pages:** 95
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- **Lines:** 1083–1085
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||||
- **Quote:** "Bei additiven Kooperationen agieren die Kooperationspartner nebeneinander: Die Leistungen der einzelnen Berufsgruppen und Professionen werden unabhängig voneinander erbracht, sie werden aber zeitlich aufeinander abgestimmt (vgl. Wöhrl 1988:233f., zit. in Homfeldt/Sting 2005:205)."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperation und Multiperspektivität
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- **Section:** 2.3 Nebeneinander oder miteinander?
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- **Pages:** 96
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- **Lines:** 1088–1091
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- **Quote:** "Bei integrativen Kooperationen reicht die Zusammenarbeit weiter. Kern dieser Kooperationsvariante ist der Prozess der fachlichen Verständigung. Ziel ist die »koordinierte, systemische statt sektorielle Bearbeitung praktischer Probleme von Klient/innen« (Obrecht 2005:16)."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperation und Multiperspektivität
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- **Section:** 2.4 Hindernisse und Mehrwert
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- **Pages:** 97
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- **Lines:** 1112–1114
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- **Quote:** "Bereits Alice Salomon hat dies als wichtiges Prinzip von sozialer Diagnose gesehen: »[ … ] denn die soziale und die ärztliche Feststellung ergänzen einander, und Arzt und Fürsorgerin müssen zur Erreichung der Ziele beider zusammenwirken. Die Beobachtungen des einen können die Auffassungen des anderen beeinflussen« (Salomon 1926:30)."
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## Reference 16
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperation und Multiperspektivität
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- **Section:** 2.4 Hindernisse und Mehrwert
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- **Pages:** 98
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- **Lines:** 1127–1128
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- **Quote:** "Eine erste Voraussetzung jedoch ist die Tatsache, dass die verschiedenen Perspektiven transparent sind -oder, wie es Fegert und Schrapper (2004:5) prägnant formulieren: »Wer zusammenarbeiten will oder soll, muss voneinander wissen.«"
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## Reference 17
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperation und Multiperspektivität
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- **Section:** 3 Perspektive der Klientinnen und Klienten
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- **Pages:** 99
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- **Lines:** 1132–1134
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- **Quote:** "Eine soziale Dienstleistung ist eine koproduktive, gemeinsam erbrachte Leistung von Professionellen und Klienten (vgl. Olk et al. 2003:XIII). Der Kern professionellen Handelns besteht im Handeln gemeinsam mit Klienten."
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## Reference 18
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperation und Multiperspektivität
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- **Section:** 4 Verschränkung von Perspektiven in der Kooperation
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- **Pages:** 106
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- **Lines:** 1237–1240
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- **Quote:** "Wenn aber mehrere gemeinsam schauen, sehen sie eine vielgestaltigere, farbigere Welt, und es zeigen sich weitere Möglichkeiten, wie Unterstützung aussehen und wie eine Veränderung möglich werden kann."
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@ -2,32 +2,44 @@
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*Ursula Hochuli Freund*
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Erörterung des Prinzips der Multiperspektivität und der Kooperation in der Sozialen Arbeit. Der Beitrag beschreibt die Verschränkung von Perspektiven verschiedener Professionen und der Klient:innen als spezifische Aufgabe.
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**Seiten:** 90–106 | **Zeilen:** 1016–1243
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Soziale Arbeit hat es mit komplexen Problemstellungen zu tun, an denen stets unterschiedliche Akteurinnen und Akteure beteiligt sind — jede Person sieht und bewertet eine Situation vor ihrem eigenen Hintergrund, geprägt von persönlich-biografischen Erfahrungen und bei Fachleuten zusätzlich von professionsspezifischem Wissen ([Ref 1](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-1)). Die Verschränkung dieser verschiedenen Sichtweisen im Verlauf eines Arbeitsprozesses ist eine elementare Aufgabe und spezifische Leistung der Sozialen Arbeit.
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## Key Points
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## Multiperspektivität als Grundkonzept
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- Multiperspektivität bedeutet, verschiedene Sichtweisen systematisch zu erfassen und zu verschränken
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- Komplexe Problemstellungen erfordern Beiträge verschiedener Professionen (interprofessionelle Kooperation)
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- Die Perspektive der Klient:innen ist zentral – Koproduktion, Motivation und Arbeitsbeziehung sind Schlüsselkonzepte
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- KPG gestaltet die Kooperation mit Klient:innen als durchgängiges methodisches Prinzip
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- Die Verschränkung aller Perspektiven in der Kooperation ist eine spezifische Leistung der Sozialen Arbeit
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- Hindernisse und Mehrwert interprofessioneller Kooperation werden differenziert betrachtet
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Dass Wirklichkeit stets subjektiv konstruiert wird, illustriert Hochuli Freund an Hollars Zeichnung, die gleichzeitig einen Landvorsprung und ein Männergesicht zeigt, und an Jane Austens *Pride and Prejudice*, in dem die Protagonistin erkennt, dass ihre eigene Wirklichkeitskonstruktion nicht die einzig schlüssige ist ([Ref 2](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-2)). Professionelles Handeln setzt voraus, sich der eigenen Konstruktion bewusst zu sein und anzuerkennen, dass Klientinnen, deren Bezugspersonen und alle Fachpersonen ebenfalls in einer individuell geprägten, subjektiven Wirklichkeit leben.
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Den Fachbegriff *Multiperspektivität* hat Müller in den Diskurs der Sozialen Arbeit eingeführt: Sozialpädagogisches Handeln erfordere einen bewussten Perspektivenwechsel zwischen unterschiedlichen Bezugsrahmen — verfahrensrechtlichen, pädagogischen, medizinischen oder fiskalischen ([Ref 11](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-11)). Multiperspektivität bedeutet in Müllers Konzept die Nutzung unterschiedlicher Wissensformen und Wissensbestände sowie den Einbezug der Sichtweisen unterschiedlicher Beteiligter; er bezeichnet sie als eine professionelle Haltung und als Fähigkeit zum Perspektivenwechsel.
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## Evidence References
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Bei Heiner gilt die «mehrperspektivische Orientierung» als eines von vier Grundprinzipien diagnostischen Fallverstehens, das eine möglichst komplexe Abbildung des Problems aus der Sicht der verschiedenen Beteiligten sicherstellen soll. In der Praxis- und Wirkungsforschung hat sich mittlerweile ein breiter Konsens entwickelt, dass nur ein multiperspektivischer Ansatz der Komplexität des sozialen Feldes annähernd gerecht werden kann ([Ref 3](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-3)). Multiperspektivität bezeichnet damit sowohl ein fachliches Konzept und eine Grundhaltung professionellen Handelns als auch ein Grundprinzip der Forschung.
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- [Soziale Arbeit befasst sich mit komplexen Problemstellungen, an der stets unters...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-1)
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- [Elizabeth Bennet -eine von fünf Töchtern der auf Grund der damals geltenden männ...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-2)
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- [Auch in der Praxis- und Wirkungsforschung der Sozialen Arbeit hat sich der Begri...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-3)
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- [In der Praxis erfolgt der Prozess der Fallbearbeitung zunächst je innerhalb eine...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-4)
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- [Im Beispiel werden vielleicht die Beobachtungen der Lehrkraft und der Schulsozia...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-5)
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- [6 Ein solcher Verständigungsprozess über das, was als Problem gesehen wird, verä...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-6)
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- [9 Und Liebe (2012:11) formuliert: Voraussetzung für eine Multiprofessionalität s...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-7)
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- [Interesse auch daran, wie sie selbst ihre Situation sieht -das heisst Interesse ...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-8)
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- [ist die Analysemethoden-Kategorie › Perspektivenanalyse ‹ von besonderem Interes...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-9)
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- [18 Und das Ergebnis (die Netzwerkkarte usw.) gehört der Klientin; für die Akte d...](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-10)
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## Interprofessionelle Kooperation
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Die sogenannte «diffuse Allzuständigkeit» der Sozialen Arbeit — ihre Zuständigkeit für unterschiedlichste, komplexe und oft unklare Probleme — macht die Kooperation mit anderen Berufsgruppen unabdingbar ([Ref 12](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-12)). In vielen Einrichtungen — etwa Sonderschulheimen, Suchtrehabilitationskliniken oder Wohnheimen — sind Fachleute aus Medizin, Psychologie, Pflege und Pädagogik tätig; aber auch dort, wo die Soziale Arbeit allein arbeitet, sind häufig weitere Hilfesysteme involviert.
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Die verschiedenen Professionen haben einen je eigenen, spezifischen Blick auf den Fall: Die Ärztin fokussiert auf körperliche und psychische Beschwerden, die Psychologin auf Aspekte der Persönlichkeit und Entwicklung, die Sozialarbeiterin auf die soziale Einbettung und das familiäre Netz. Indem sie Unterschiedliches erfassen und analysieren, kommen sie zu unterschiedlichen Interventionsvorschlägen. Der Prozess der Fallbearbeitung erfolgt zunächst innerhalb jeder Profession mit eigenen Methoden und Wissensbeständen ([Ref 4](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-4)).
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Bei *additiven Kooperationen* agieren die Partnerinnen und Partner nebeneinander: Sie erbringen ihre Leistungen unabhängig, stimmen sie aber zeitlich aufeinander ab; der fachliche Austausch beschränkt sich auf gegenseitige Information ([Ref 13](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-13)). Bei *integrativen Kooperationen* reicht die Zusammenarbeit weiter — ihr Kern ist der Prozess der fachlichen Verständigung mit dem Ziel einer koordinierten, systemischen statt sektoriellen Problembearbeitung ([Ref 14](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-14)). Die verschiedenen Fachpersonen fügen ihre Erkenntnisse zu einem transprofessionellen Gesamtbild zusammen, aus dem gemeinsam neue Interventionsideen entstehen ([Ref 5](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-5)).
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## Hindernisse und Mehrwert
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Integrative interprofessionelle Kooperation ist mit Aufwand und Anstrengung verbunden: Es bedarf zeitlicher Ressourcen, einer gemeinsamen Anstrengung zur Überwindung von Fachsprachengrenzen und der Bereitschaft, unterschiedliche Handlungslogiken anzuerkennen. Ein solcher Verständigungsprozess verändere den Problemcharakter einer Situation, betont Pantučeks: «Ohne dass dadurch Interessensdifferenzen aufgehoben wären, ist doch eine kommunikative Bearbeitung möglich» ([Ref 6](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-6)). Der Gewinn besteht darin, dass gemeinsam etwas Neues geschaffen wird — ein vertieftes, umfassenderes Verständnis der Fallproblematik und daraus folgende Möglichkeiten der Unterstützung. Bereits Alice Salomon hielt fest, dass die soziale und die ärztliche Feststellung einander ergänzen und die Beobachtungen des einen die Auffassungen des anderen beeinflussen können ([Ref 15](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-15)). Hier kommt der alte aristotelische — und neue systemische — Grundsatz zum Tragen: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
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Zu den Bedingungen des Gelingens zählen die Gleichwertigkeit der Kooperationspartnerinnen, zumindest teilweise übereinstimmende Ziele, gegenseitiges Vertrauen sowie die Einsicht, dass sich Kooperation für alle Beteiligten lohnen muss. Kooperation ist zudem von Personen abhängig — sie braucht aber Strukturen und Verfahren, die Personen schützen. Die grundlegende Voraussetzung formulieren Fegert und Schrapper prägnant: «Wer zusammenarbeiten will oder soll, muss voneinander wissen» ([Ref 16](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-16)).
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Extraorganisational ist die Installation integrativer Kooperation besonders anspruchsvoll, da häufig fehlende Zeit als Einwand angeführt wird. Der Nutzen muss für alle deutlich werden: dass das Erarbeiten eines transprofessionellen Gesamtbildes die eigene Arbeit erleichtert, ihre Qualität erhöht und die Interventionen passgenauer und effektiver macht.
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## Die Perspektive der Klientinnen und Klienten
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Soziale Arbeit bietet personenbezogene Dienstleistungen an und ist daher auf die Mitarbeit der Klientinnen und Klienten angewiesen — professionelles Handeln ist eine koproduktive Leistung, deren Kern im gemeinsamen Handeln liegt ([Ref 17](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-17)). Voraussetzung für gelingende Multiprofessionalität ist, dass die jeweiligen Aufgaben- und Kompetenzprofile gekannt und anerkannt werden ([Ref 7](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-7)).
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Die Koproduktion kann unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen erfolgen. Freiwilligkeit und intrinsische Veränderungsmotivation sind längst nicht in allen Praxisfeldern gegeben — häufig müssen Professionelle die Klientinnen erst für die gemeinsame Arbeit gewinnen und einseitig ihre eigene Zuverlässigkeit unter Beweis stellen. Für den Aufbau einer Arbeitsbeziehung ist echtes Interesse an der Person der Klientin und daran, wie sie selbst ihre Situation sieht — also Interesse an ihrer Perspektive — zentral ([Ref 8](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-8)).
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Das KPG-Prozessgestaltungsmodell unterscheidet zwei Kooperationsebenen: die interprofessionelle Fachebene und die Kooperation mit Klientinnen und deren Bezugssystemen. Der innere Kreis des Modells verweist auf die Notwendigkeit des kontinuierlichen Einbezugs von Klientinnen während aller Phasen — von der Situationserfassung über Analyse und Diagnose bis hin zu Zielfindung, Interventionsplanung und Evaluation. In der Analyse ist die Kategorie *Perspektivenanalyse* von besonderem Interesse: Verschiedene Sichtweisen beteiligter Personen werden systematisch erfasst, wobei die Beurteilung der Klientin besonders gewichtet wird ([Ref 9](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-9)). Bei Notationssystemen wie Netzwerkkarte, Genogramm oder Silhouette wird ausschliesslich die Einschätzung der Klientin abgebildet — und das Ergebnis gehört ihr ([Ref 10](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-10)). In der Diagnose werden wissensbasierte erklärende Hypothesen in geeigneter Form in den Dialog mit der Klientin eingebracht, bei der Zielfindung kommt ihrer Perspektive besondere Bedeutung zu, und in der Evaluation ist ihre ehrliche Rückmeldung entscheidend, um zu prüfen, ob die Interventionen zielführend waren.
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## Verschränkung der Perspektiven
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Professionalität bedeutet im Zusammenhang von Multiperspektivität zunächst, sich immer wieder die eigene Sichtweise bewusst zu machen und Selbstdistanz zu gewinnen — so, wie dies Elizabeth Bennet im Roman von Jane Austen getan hat. Dieses Innehalten und Reflektieren ist Voraussetzung dafür, dass sich die eigene Perspektive erweitern und verändern kann. Des Weiteren gilt es, sich bewusst zu sein, dass die Klientin ihre eigene, subjektive Sichtweise hat und dass diese für die gemeinsame Arbeit wesentlich ist.
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Die Soziale Arbeit ist durch ihre diffuse Allzuständigkeit besonders auf die Zusammenarbeit verwiesen und daher prädestiniert, die Fallführung — das Case-Management — zu übernehmen und die verschiedenen Fäden zusammenzuführen. Anzustreben ist dabei eine integrative interprofessionelle Kooperation, bei der die verschiedenen fachlichen Perspektiven nicht nur transparent nebeneinandergelegt, sondern in einem gemeinsamen Such- und Verständigungsprozess verwoben und weiterentwickelt werden. In einem anwaltschaftlichen Selbstverständnis bringen Sozialarbeiterinnen stets auch die Sichtweise der Klientinnen in den Fachdiskurs ein und sorgen dafür, dass deren Stimme gehört wird. Wenn alle Beteiligten gemeinsam schauen, sehen sie eine vielgestaltigere, farbigere Welt — und es zeigen sich weitere Möglichkeiten, wie Unterstützung aussehen und wie Veränderung möglich werden kann ([Ref 18](./section_04_kooperation-multiperspektivitaet.evidence.md#reference-18)).
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@ -85,3 +85,75 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 120
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- **Lines:** 1407–1407
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- **Quote:** "Aus systemischer Sicht können zum Fallbeispiel auch Hypothesen formuliert werden, wobei grundsätzlich darauf zu achten ist, Kausalhypothesen zu vermeiden, möglichst viele Beteiligte in die Hypothese zu integrieren und nach Möglichkeit Unerwartetes oder Überraschendes anzusprechen. Nachfolgend mögliche systemische Hypothesen:"
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Hypothesen
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- **Section:** 2.1 Konstatierende Hypothesen in der Analyse
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- **Pages:** 110–111
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- **Lines:** 1282–1286
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- **Quote:** "An dieser systematischen Auswertung der erhobenen Daten wird der innovative Charakter und Mehrwert des Konzepts KPG deutlich. Andere Methoden-Lehrbücher liefern zwar zahlreiche Methoden und Instrumente, welche für die Analyse genutzt werden können (z. B. Galuske 2013, Stimmer 2012, von Spiegel 2013), Angaben zur Auswertung fehlen jedoch."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Hypothesen
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- **Section:** 2.1 Konstatierende Hypothesen in der Analyse
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- **Pages:** 111
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- **Lines:** 1286–1290
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||||
- **Quote:** "Speziell an den in der Analyse genutzten Hypothesen ist ihr feststellender, beschreibender Charakter. Die in der Analyse erhobenen themenbezogenen Einschätzungen und Bewertungen von Klientin, Professionellen und weiteren Beteiligten werden priorisiert und zusammenfassend dargelegt. Hierbei handelt es sich ausschliesslich um Feststellungen und noch um keine Erklärungen"
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Hypothesen
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- **Section:** 2.1 Konstatierende Hypothesen in der Analyse
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- **Pages:** 112
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- **Lines:** 1296–1300
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||||
- **Quote:** "Die verschiedenen konstatierenden Hypothesen werden am Schluss der Analyse gesamthaft gesichtet, gewichtet und zu einer Fallthematik verdichtet (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:181). Diese fasst die wichtigsten Ergebnisse aus Situationserfassung und Analyse zusammen, indem neben Personendaten und zentralen Aussagen wichtigste (auch divergierende) Einschätzungen aus den konstatierenden Hypothesen festgehalten werden."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Hypothesen
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- **Section:** 2.2 Erklärende Hypothese und handlungsleitende Arbeitshypothese in der Diagnose
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- **Pages:** 113
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- **Lines:** 1324–1328
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- **Quote:** "In der Diagnose geht es also um Fallverstehen, es geht darum Erklärungsversuche anzustellen und die noch unklaren, erklärungsbedürftigen Aspekte der in der Analyse herauskristallisierten Fallthematik zu erhellen (vgl. ebd.:217). Ziel dieses Fallverstehens ist es, Bedingungen und Möglichkeiten von Entwicklung zusammenzufassen und damit eine Grundlage für die Handlungsphase zu schaffen."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Hypothesen
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- **Section:** 2.2 Erklärende Hypothese und handlungsleitende Arbeitshypothese in der Diagnose
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- **Pages:** 114
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- **Lines:** 1344–1348
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- **Quote:** "Eine handlungsleitende Arbeitshypothese wird aus den verschiedenen erklärenden Hypothesen hergeleitet, hierzu werden die für die Erhellung der Fallthematik ergiebigsten Erklärungen ausgewählt. [...] Formal ist die handlungsleitende Arbeitshypothese eine Wenn-dann-Formulierung und fällt damit in die Kategorie der nomopragmatischen Hypothesen nach Staub-Bernasconi"
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## Reference 16
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Hypothesen
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- **Section:** 4.1 Gemeinsamkeiten der beiden Konzepte
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- **Pages:** 121
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- **Lines:** 1416–1420
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- **Quote:** "Eine Gemeinsamkeit der beiden Konzepte besteht in der zentralen Bedeutung der Hypothesenbildung: Hypothesen fungieren als Arbeitsinstrument und sind ein wichtiges technisches Hilfsmittel für die Professionellen. Bei der Hypothesenbildung geht es darum, auf Basis von Beobachtungen und Daten zu nachvollziehbaren Schlüssen zu kommen, eigene Vorannahmen zu explizieren und fachlich zu untermauern."
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## Reference 17
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Hypothesen
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- **Section:** 4.2 Unterschiede der beiden Konzepte
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- **Pages:** 122
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- **Lines:** 1432–1436
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- **Quote:** "In der systemischen Arbeit gibt es keine Unterteilung in Prozessschritte, auch die analytisch-diagnostische Phase wird nicht zweigeteilt, sondern als Ganzes zeitgleich bearbeitet. Hier zeigt sich eine unterschiedliche Grundhaltung in den beiden Konzepten: In der systemischen Arbeit wird immer wieder Neues aufgenommen, Hypothesen werden abwechslungsweise formuliert, verworfen oder bestätigt und neu formuliert."
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## Reference 18
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Hypothesen
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- **Section:** 4.2 Unterschiede der beiden Konzepte
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- **Pages:** 124
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- **Lines:** 1458–1462
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- **Quote:** "Neu und vielversprechend erscheint das systemische Denken in Richtung ›weg von Kausalitäten, hin zu Wechselwirkungen‹. Systemische Hypothesen können in der Diagnose ein wichtiges Arbeitsinstrument sein, um die Fallthematik auch mittels ausformulierter Annahmen über Wechselwirkungen in einem sozialen System zu erhellen."
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@ -2,32 +2,44 @@
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*Raphaela Sprenger-Ursprung*
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Vergleich der Hypothesenarbeit im KPG-Konzept mit der systemischen Hypothesenbildung. Der Beitrag untersucht Funktion und Formen von Hypothesen in den Prozessschritten Analyse und Diagnose.
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Der Beitrag vergleicht die Hypothesenarbeit im Konzept KPG mit derjenigen der systemischen Sozialen Arbeit. Hypothesen gelten in der fallbezogenen Sozialen Arbeit als weitgehend unbestrittene methodische Hilfsmittel; sowohl im KPG als auch im systemischen Ansatz nehmen sie einen zentralen Stellenwert ein ([Sprenger-Ursprung, S. 107](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-1)). Beide Konzepte erfahren in der Praxis zunehmende Anerkennung, und in beiden ist die Hypothesenbildung fest verankert ([vgl. S. 108](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-2)). Im Konzept KPG wird in den Prozessschritten Analyse und Diagnose mit unterschiedlichen Hypothesenarten gearbeitet; der Beitrag prüft, ob und wie diese mit systemischen Hypothesen verbunden werden können.
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**Seiten:** 107–124 | **Zeilen:** 1246–1471
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## Konstatierende Hypothesen in der Analyse
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## Key Points
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Im KPG beginnt die methodische Arbeit mit der fallbezogenen Wahl geeigneter Analysemethoden, gefolgt von der Datenerhebung, die Komplexität zunächst erhöht. Erst im letzten Schritt werden sogenannte konstatierende Hypothesen gebildet ([vgl. S. 110](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-3)). Darin zeigt sich der innovative Charakter des Konzepts: Andere Lehrbücher liefern zwar Methoden und Instrumente für die Analyse, Angaben zur systematischen Auswertung fehlen jedoch ([vgl. S. 110–111](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-11)).
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- Hypothesen sind in der fallbezogenen Sozialen Arbeit als methodische Hilfsmittel weitgehend unbestritten
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- Im KPG werden konstatierende Hypothesen in der Analyse und erklärende Hypothesen in der Diagnose unterschieden
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- Systemische Hypothesen sind zirkulär, beziehungsorientiert und auf Muster fokussiert
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- KPG-Hypothesen und systemische Hypothesen können sinnvoll miteinander verbunden werden
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- Fallbeispiele illustrieren die praktische Anwendung beider Hypothesenformen
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- Die Verbindung beider Ansätze erweitert das Verständnis komplexer Fallkonstellationen
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Konstatierende Hypothesen zeichnen sich durch ihren feststellenden, beschreibenden Charakter aus. Die erhobenen Einschätzungen und Bewertungen aller Beteiligten werden priorisiert und zusammenfassend dargelegt – es handelt sich ausschliesslich um Feststellungen, noch nicht um Erklärungen ([vgl. S. 111](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-12)). Um solche Hypothesen zu formulieren, ist es hilfreich, gedanklich auf eine Metaebene zu gehen und aus der Vogelperspektive Zentrales, Auffallendes, sich Widersprechendes oder Irritierendes festzuhalten. Je nach Methode können Fragen als Hilfsmittel dienen: Bei einer Netzwerkkarte etwa wird festgehalten, wer der Fokusperson nah- und fernsteht und ob auffallende Konstellationen vorliegen ([vgl. S. 111](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-4)).
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Am Schluss der Analyse werden sämtliche konstatierenden Hypothesen gesichtet, gewichtet und zu einer Fallthematik verdichtet, die die wichtigsten Ergebnisse – einschliesslich divergierender Einschätzungen – zusammenfasst und den Klärungsbedarf für die Diagnose aufzeigt ([vgl. S. 112](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-13)).
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## Evidence References
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Eine Herausforderung besteht darin, die wichtigsten Erkenntnisse in Form konstatierender Hypothesen festzuhalten und diese zugleich in den Dialog mit Klient:innen einzubringen und validieren zu lassen. Professionelle fluktuieren damit zwischen Expertentätigkeit und Kooperation und sehen bei der Hypothesenbildung Momente des Dialogs und der Verständigung vor.
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- [Hypothesen als methodische Hilfsmittel sind in der fallbezogenen Sozialen Arbeit...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-1)
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- [Sowohl der systemische Ansatz als auch das Konzept KPG geniessen in der Praxis d...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-2)
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||||
- [scheinen und den Rahmenbedingungen und Möglichkeiten der Praxisorganisation gere...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-3)
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||||
- [Je nach durchgeführter Analysemethode können zur Auswertung auch Fragen als meth...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-4)
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||||
- [Im Konzept KPG unterscheiden sich die Hypothesen im Prozessschritt der Diagnose ...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-5)
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||||
- [3 Ausgehend davon, dass alle Gefühle und Einschätzungen dem Klienten gegenüber s...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-6)
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||||
- [4 Auf Basis des in der Fallthematik festgehaltenen Erklärungsbedarfs hat sich di...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-7)
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||||
- [»Ein System ist nicht Etwas, das dem Beobachter präsentiert wird, es ist ein Etw...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-8)
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||||
- [obachtungen (vgl. Schwing/Fryszer 2013:129). Bei der Bildung von Hypothesen geht...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-9)
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- [Aus systemischer Sicht können zum Fallbeispiel auch Hypothesen formuliert werden...](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-10)
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## Erklärende Hypothesen und Arbeitshypothese in der Diagnose
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Der Prozessschritt Diagnose zielt auf Fallverstehen: Die noch unklaren Aspekte der Fallthematik sollen durch Erklärungsversuche erhellt werden, um Bedingungen und Möglichkeiten von Entwicklung zusammenzufassen und eine Grundlage für die Handlungsphase zu schaffen ([vgl. S. 113](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-14)). Eine Diagnose ist dabei stets vorläufig – eine Momentaufnahme und Annäherung, die niemals Selbstzweck hat, sondern in Ziele und Intervention mündet.
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Hier kommen erklärende Hypothesen zum Einsatz, die auf Basis von Fallinformationen und Expertenwissen Wirkungszusammenhänge formulieren und stets mit «weil» beginnen ([vgl. S. 113](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-5)). War es bei den konstatierenden Hypothesen noch untersagt, Wirkungszusammenhänge anzusprechen, so geht es in der Diagnose genau darum: Elemente der Ausstattung, Bedingungen und Vorkommnisse zueinander in Bezug zu stellen und Ansatzpunkte zur Veränderung zu eruieren.
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Zur methodischen Strukturierung wurde das «Theoriegeleitete Fallverstehen» entwickelt, bei dem unterschiedliche Wissensbestände – etwa kognitive Entwicklung, biografische Lebensbewältigung oder Selbstwirksamkeit – systematisch mit der Fallthematik in Verbindung gebracht werden ([vgl. S. 115](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-7)). Wo Ressourcen knapp sind, kann alternativ die Methode «Böser Blick, freundlicher Blick» genutzt werden, um erfahrungsbasierte Erklärungen diskutierbar zu machen ([vgl. S. 114](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-6)).
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Die ergiebigsten erklärenden Hypothesen werden schliesslich in einer handlungsleitenden Arbeitshypothese zusammengefasst. Diese formal als Wenn-dann-Formulierung gehaltene Hypothese fällt in die Kategorie der nomopragmatischen Hypothesen nach Staub-Bernasconi und bildet die direkte Brücke zur Handlungsphase ([vgl. S. 114](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-15)). Zentral ist dabei, die Erkenntnisse mit dem Klienten zu validieren: Erklärende Hypothesen werden zur Diskussion gestellt und die Arbeitshypothese gemeinsam kritisch geprüft, damit neben dem Fremdverstehen auch dem Selbstverstehen Raum gegeben wird.
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## Systemische Hypothesen im Vergleich
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In der systemischen Arbeit bilden Hypothesen ebenfalls ein zentrales Arbeitsinstrument. Systeme werden dabei nicht als gegebene Entitäten verstanden, sondern als Konstruktionen des Beobachters ([vgl. Maturana, S. 117](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-8)). Charakteristisch ist der konsequente Einbezug des sozialen Umfelds, die Überzeugung, dass jedes Symptom einen Sinn hat, und der Fokus auf Ressourcen und Lösungen statt auf Probleme.
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Das Datenmaterial für systemische Hypothesen speist sich aus Wissen über spezifische Systeme, Erfahrung und Forschung sowie aus eigenen Beobachtungen, die mit vielfältigen Wissensbeständen verbunden werden ([vgl. S. 119](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-9)). Eine Hypothese gilt als systemisch, wenn sie alle Komponenten eines beobachtbaren Systems berücksichtigt und eine Erklärung für deren Bezüge zueinander bietet.
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Systemische Hypothesen zielen darauf ab, Kausalhypothesen zu vermeiden, möglichst viele Beteiligte einzubeziehen und bewusst Unerwartetes oder Überraschendes anzusprechen ([vgl. S. 120](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-10)). Damit dienen sie weniger der Ordnung als vielmehr der Anregung: Durch Hypothesen mit Neuigkeits- und Überraschungscharakter werden gewohnte Zuschreibungen verstört und neue Perspektiven eröffnet. Hypothesen werden dabei nicht nach Wahrheit, sondern nach Nützlichkeit beurteilt – auch eine widerlegte Hypothese liefert neue Informationen, indem Variablen ausgeschlossen werden können.
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## Gemeinsamkeiten und Unterschiede
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Beide Konzepte teilen die zentrale Bedeutung der Hypothesenbildung als technisches Hilfsmittel, mit dem eigene Vorannahmen expliziert und fachlich untermauert werden ([vgl. S. 121](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-16)). Gemeinsam ist ihnen auch der Verzicht auf einen Wahrheitsanspruch: Hypothesen können verworfen, weiterentwickelt oder bestätigt werden, und die Kooperation mit Klient:innen in der Validierung ist in beiden Konzepten selbstverständlich. Beide setzen zudem eine gute Datengrundlage voraus, die durch den Einsatz von Gesprächstechniken und vielfältiger Instrumente unterstützt wird.
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Die in der systemischen Arbeit dargelegte Ordnungs- und Anregungsfunktion lässt sich auf KPG übertragen: In Analyse und Diagnose haben Hypothesen stets eine Ordnungsfunktion inne – es geht darum, Komplexität zu reduzieren und Struktur in die Daten zu bringen. Die Anregungsfunktion ist bei KPG weniger ausgeprägt als in der systemischen Arbeit, wird jedoch durchaus bedient.
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Ein grundlegender Unterschied liegt in der Prozessstruktur: KPG unterscheidet klar zwischen Analyse und Diagnose, während die systemische Arbeit keine solche Zweiteilung vornimmt und Hypothesen fortlaufend formuliert, verwirft und neu bildet ([vgl. S. 122](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-17)). KPG fokussiert auf strukturierte Komplexitätsreduktion (Fallthematik, Arbeitshypothese), die systemische Arbeit auf inhaltliche Offenheit und zirkuläres Denken. KPG-Hypothesen beanspruchen dabei eine längere Haltbarkeit: Es werden im Verlauf eines Unterstützungsprozesses nicht fortlaufend neue Hypothesen formuliert, was die systemische Arbeitsweise hingegen auszeichnet.
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Trotz dieser Unterschiede lassen sich beide Ansätze sinnvoll verbinden. Besonders vielversprechend erscheint die Integration systemischen Denkens in Richtung «weg von Kausalitäten, hin zu Wechselwirkungen», um die Fallthematik in der Diagnose durch Annahmen über Wechselwirkungen im sozialen System zu bereichern ([vgl. S. 124](./section_05_hypothesen.evidence.md#reference-18)).
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@ -85,3 +85,75 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 146
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- **Lines:** 1742–1742
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- **Quote:** "Aus Zeitgründen ist eine Auswahl zu treffen, welche Dimensionen und Kriterien in einem Fall wichtig sind und beurteilt werden sollen."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Eingliederungsmanagement
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- **Section:** Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle
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- **Pages:** 129
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- **Lines:** 1499–1499
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- **Quote:** "Sozialarbeiter bewegen sich demnach stets im Spannungsfeld einer doppelten Loyalitätsverpflichtung sowohl der Gesellschaft wie auch den Klientinnen und ihrer Lebenswelt gegenüber (Böhnisch/Lösch 1973:368, Hochuli Freund 2015:50 -53). Professionalität zeigt sich darin, dass diese strukturellen Widersprüche situations- und fallbezogen immer wieder aufs Neue ausbalanciert werden."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Eingliederungsmanagement
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- **Section:** Strukturelles Technologiedefizit
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- **Pages:** 130
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- **Lines:** 1507–1507
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- **Quote:** "Das professionelle Handeln in der Sozialen Arbeit ist deshalb nicht bzw. nur sehr begrenzt standardisierbar . Lediglich die Prozessabläufe in den Erbringungen von Hilfeleistungen sind standardisierbar: das Vorgehen, wie Fälle bearbeitet werden, sowie die Art und Weise, wie unterschiedliche Hilfeleistungen von verschiedenen Hilfesystemen koordiniert werden (z. B. im Case-Management) und wie der fachliche Austausch gewährleistet wird."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Eingliederungsmanagement
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- **Section:** Strukturmerkmal › Koproduktion ‹
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- **Pages:** 130
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- **Lines:** 1511–1511
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- **Quote:** "Ohne ein Zutun der Klientin -welcher Art und wie aktiv auch immer -kann die Dienstleistung gar nicht zu Stande kommen. Die Klientin hat dadurch den Status einer › Ko-Produzentin ‹ ."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Eingliederungsmanagement
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- **Section:** 1.2 Professionsethische Ausrichtung
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- **Pages:** 131
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- **Lines:** 1523–1523
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- **Quote:** "Als »Menschenrechtsprofession« (Staub-Bernasconi 1994; 2006) setzt sich die Soziale Arbeit für soziale Gerechtigkeit und die Einhaltung der Menschenrechte ein -denn alle Menschen haben einen Anspruch auf ein »gutes Leben« (Nussbaum 2012)."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Eingliederungsmanagement
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- **Section:** 2.1 Situationserfassung
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- **Pages:** 135
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- **Lines:** 1569–1569
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- **Quote:** "Informationen werden erfasst mit einer Haltung von Offenheit, Neugier, Unvoreingenommenheit, mit einer Haltung des Nichtwissens. Als Leitmotiv kann der prägnante Satz von Meinhold gelten: »So viel wie möglich sehen -so wenig wie möglich verstehen« (Meinhold 1996:207)."
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## Reference 16
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Eingliederungsmanagement
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- **Section:** 2.3 Diagnose
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- **Pages:** 139
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- **Lines:** 1647–1647
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||||
- **Quote:** "Soziale Diagnosen haben keinen Selbstzweck, vielmehr bilden sie die Basis für › gute ‹ Interventionen. Als Leitmotiv gilt: »Erst verstehen, dann handeln« (in Anlehnung an Moor 1965)."
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## Reference 17
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Eingliederungsmanagement
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- **Section:** 2.4 Ziele
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- **Pages:** 141
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- **Lines:** 1685–1685
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- **Quote:** "Oft ist ein gemeinsamer Prozess nötig, um Wünsche von Klientinnen -die vage und damit auch unverbindlich sein können -zu konkretisieren, sie mit dem gesellschaftlich vorgegebenen Ziel der (Re-)Integration zu verknüpfen und schliesslich als verbindliches Grobziel zu formulieren, an dessen Realisierung dann gemeinsam gearbeitet werden kann."
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## Reference 18
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Eingliederungsmanagement
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- **Section:** 2.5 Intervention
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- **Pages:** 145
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- **Lines:** 1724–1724
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- **Quote:** "Sinnvollerweise werden die Interventionen insgesamt skizziert, konkret geplant, jedoch wird zunächst nur eine erste Interventionssequenz durchgeführt. Eine ständige Überprüfung und Reflektion der realisierten Interventionen und die genaue Planung der jeweils nächsten Schritte sind integraler Bestandteil der Interventionsdurchführung ( › rollende Planung ‹ )."
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@ -2,32 +2,50 @@
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*Ursula Hochuli Freund*
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Konkretisierung des KPG-Konzepts für das Arbeitsfeld Eingliederungsmanagement, also für Unterstützung bei der (Re-)Integration in Erwerbsarbeit. Der Beitrag beschreibt Rahmenbedingungen, Strukturmerkmale und die spezifische Ausdifferenzierung aller Prozessschritte.
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Die Methodik KPG wird von Hochuli Freund für das Eingliederungsmanagement konkretisiert — jene Arbeitsfelder, in denen es um Unterstützung bei der (Re-)Integration in Erwerbsarbeit unter erschwerten Bedingungen geht ([Praxisfeldspezifische Ausdifferenzierung](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-1)). Der Beitrag erarbeitet zunächst die Rahmenbedingungen professionellen Handelns und zeigt dann entlang des KPG-Prozessmodells, wie Unterstützungsprozesse gestaltet werden können.
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**Seiten:** 128–151 | **Zeilen:** 1475–1850
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## Rahmenbedingungen: Drei Strukturmerkmale
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## Key Points
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Sozialarbeitende im Eingliederungsmanagement bewegen sich stets im **Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle**: Sie unterstützen Klient:innen anwaltschaftlich bei der beruflichen (Re-)Integration und handeln zugleich im Kontrollauftrag sozialstaatlicher Organisationen. Professionalität zeigt sich darin, diese doppelte Loyalitätsverpflichtung gegenüber Gesellschaft und Klient:innen situations- und fallbezogen immer wieder auszubalancieren ([Doppelte Loyalitätsverpflichtung](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-11)).
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- Das Eingliederungsmanagement ist geprägt vom Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle
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- Das strukturelle Technologiedefizit und die Koproduktion sind zentrale Strukturmerkmale
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- Die Situationserfassung erfordert spezifische Themenbereiche und Erhebungsinstrumente
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- Die Analyse umfasst Problem- und Ressourcenidentifikation sowie Priorisierung
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- Zielsetzung und Interventionsplanung werden kooperativ mit den Klient:innen gestaltet
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- Das KPG-Konzept wird für jedes Strukturmerkmal des Eingliederungsmanagements konkretisiert
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Das **strukturelle Technologiedefizit** besagt, dass sich Personen und soziale Situationen nicht planmässig verändern lassen — professionelles Handeln ist nur sehr begrenzt standardisierbar. Lediglich die Prozessabläufe der Fallbearbeitung und Koordination von Hilfeleistungen lassen sich strukturieren ([Begrenzte Standardisierbarkeit](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-12)). Das KPG-Prozessmodell ist eine direkte Antwort auf dieses Defizit.
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Die **Koproduktion** als drittes Strukturmerkmal verweist darauf, dass soziale Dienstleistungen nach dem Uno-actu-Prinzip gleichzeitig produziert und konsumiert werden: Ohne Zutun der Klient:innen kommt keine Dienstleistung zustande ([Ko-Produktion](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-13)). Die Kooperationsgestaltung hat deshalb im KPG-Konzept zentralen Stellenwert, denn ohne aktive Beteiligung ist keine Hilfeleistung möglich ([Kooperation im KPG](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-2)).
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## Evidence References
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## Professionsethik und Strukturierung
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- [Die Methodik Kooperative Prozessgestaltung (KPG) ist ein Praxisfeld-übergreifend...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-1)
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- [Die Gestaltung der Kooperation mit Klienten hat einen hohen Stellenwert im Konze...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-2)
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||||
- [Care-Debatte stellt diese Gewichtung ebenso in Frage wie die traditionell entlan...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-3)
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||||
- [»Was faktisch Gegenstand der Bearbeitung wird, konkretisiert sich im situativen ...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-4)
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||||
- [6 Eine gute Übersicht findet sich in den Sammelbänden Heiner 2004a und Schrapper...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-5)
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||||
- [Wenn in der Analyse methodisch strukturiert weitere Daten erhoben werden, erhöht...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-6)
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||||
- [11 Als Beispiel genannt sei der Lebensbewältigungsansatz von Böhnisch (u. a. Böh...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-7)
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||||
- [12 Z. B.: »Wie würde die Situation am Arbeitsplatz aussehen, wenn all ihre gegen...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-8)
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||||
- [14 Eine Orientierung am Handlungskonzept › Empowerment ‹ ist dabei hilfreich (vg...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-9)
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- [Aus Zeitgründen ist eine Auswahl zu treffen, welche Dimensionen und Kriterien in...](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-10)
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Als Menschenrechtsprofession setzt sich die Soziale Arbeit für soziale Gerechtigkeit ein und anerkennt den Anspruch aller Menschen auf ein gutes Leben ([Menschenrechtsprofession](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-14)). Im Eingliederungsmanagement bedeutet dies, Autonomie und Selbstbestimmung der Klient:innen zu stärken und zugleich die Bedeutung von Erwerbsarbeit als wesentlichem Bestandteil menschlichen Lebens anzuerkennen, der Selbstverwirklichung und soziale Integration ermöglicht ([Erwerbsarbeit und Integration](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-3)).
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Um angesichts dieser Rahmenbedingungen professionell zu handeln, ist eine Strukturierung des Unterstützungsprozesses erforderlich. Das KPG-Prozessmodell unterscheidet sieben Schritte — Situationserfassung, Analyse, Diagnose, Ziele, Interventionsplanung, Interventionsdurchführung und Evaluation — und integriert zwei übergreifende Kooperationsebenen.
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## Situationserfassung
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Was Gegenstand der Fallbearbeitung wird, konkretisiert sich im institutionellen Kontext und ist ein Produkt der Aushandlung zwischen Sozialarbeitenden und Klient:innen ([Aushandlung im Kontext](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-4)). Im Eingliederungsmanagement werden zunächst objektive Daten zu Person und Erwerbssituation erfasst; der Realitätsausschnitt wird durch den Organisationsauftrag eingegrenzt und kann sich im Verlauf verändern.
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Informationen werden mit einer Haltung der Offenheit und des Nichtwissens gesammelt — nach dem Leitmotiv »So viel wie möglich sehen — so wenig wie möglich verstehen« ([Haltung des Nichtwissens](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-15)). Erkundungsgespräche, Beobachtung und Aktenstudium sind die zentralen Methoden, wobei das wertschätzend-interessierte Erkundungsgespräch zugleich die Kooperation initiiert.
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## Analyse
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In der Analyse werden Informationen nach definierten Kriterien gebündelt und beurteilt. Das KPG-Konzept kategorisiert Analysemethoden in Notationssysteme, Reflexion des eigenen Erlebens, Perspektivenanalysen, Klassifikationssysteme und systemische Methoden — wobei die systematische Unterscheidung zwischen Analyse und Diagnose eine Besonderheit der Methodik darstellt ([Unterscheidung Analyse/Diagnose](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-5)).
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Die erhöhte Komplexität wird durch strukturierte Auswertung wieder reduziert: Hypothesen werden formuliert, Erkenntnisse verdichtet und die Fallthematik gemeinsam mit den Klient:innen herausgearbeitet ([Komplexitätsreduktion](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-6)). Aus der Fallthematik ergibt sich, ob direkt Ziele formuliert oder zunächst tiefergehende Erklärungen erarbeitet werden müssen.
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## Diagnose
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Die soziale Diagnose im KPG-Verständnis hat Hypothesencharakter und dient als Basis für angemessene Interventionen — nach dem Leitmotiv »Erst verstehen, dann handeln« ([Fallverstehen als Grundlage](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-16)). Rekonstruktives und theoriegeleitetes Fallverstehen stehen als Diagnosemethoden zur Verfügung. Der Beizug soziologischer Theorien und psychologischer Wissensbestände wie dem Lebensbewältigungsansatz erweitert den oft defizitorientierten Blick und kann zur Entlastung beitragen ([Erklärungswissen nutzen](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-7)). Diagnostische Erkenntnisse werden mit den Klient:innen besprochen und gemeinsam validiert oder verworfen — im Sinne eines kooperativen Fallverstehens auf Augenhöhe.
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## Ziele
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Gestützt auf Analyse oder Diagnose werden mit den Klient:innen Grobziele vereinbart, die dem (Re-)Integrationsprozess eine Richtung geben. Systemisch-lösungsorientierte Fragetechniken sprechen die Klient:innen als Expert:innen ihres Lebens an und unterstützen die Zielfindung ([Lösungsorientierte Zielfindung](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-8)). Häufig braucht es einen gemeinsamen Prozess, um vage Wünsche zu konkretisieren und als verbindliches Grobziel zu formulieren, das zugleich das gesellschaftliche Ziel der (Re-)Integration aufgreift ([Grobziele aushandeln](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-17)). Die Operationalisierung in SMART-Feinziele erfolgt erst im Rahmen der konkreten Interventionsplanung.
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## Intervention
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Die Interventionsplanung beginnt mit einer kreativen Suche nach Möglichkeiten, bei der biografische Erfahrungen der Klient:innen, der Erfahrungsschatz der Organisation und alle verfügbaren Ressourcen erkundet werden — eine Empowerment-Orientierung ist dabei hilfreich ([Empowerment-Orientierung](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-9)). Die Interventionen werden insgesamt skizziert, aber zunächst nur als erste Sequenz durchgeführt; eine ständige Überprüfung und Planung der nächsten Schritte bildet die rollende Planung ([Rollende Planung](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-18)). Im Verlauf ist ein allmählicher Rollenwechsel angezeigt: Professionelle nehmen sich zunehmend zurück und machen sich selbst überflüssig.
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## Evaluation und Grundhaltung
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Fallbezogene Evaluation ermöglicht Distanznahme und gemeinsames Lernen. Das KPG-Konzept unterscheidet die Dimensionen analytische Phase, Handlungsphase, Kooperation und Gesamtbeurteilung — wobei fallbezogen eine Auswahl relevanter Kriterien zu treffen ist ([Auswahl der Evaluationskriterien](./section_06_eingliederungsmanagement.evidence.md#reference-10)). Evaluation im Fachteam stärkt darüber hinaus die Organisationsentwicklung und dient der Psychohygiene.
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Die professionelle Grundhaltung im KPG-basierten Eingliederungsmanagement verbindet das Ausbalancieren des Spannungsfelds zwischen Hilfe und Kontrolle, die Orientierung an Zentralwerten der Profession, Bescheidenheit bezüglich eigener Wirkungsmöglichkeiten, die beharrliche Suche nach Kooperation, einen verstehensorientierten Zugang und ein strukturiertes, zugleich flexibles methodisches Vorgehen. Klient:innen werden konsequent als aktiv handelnde Akteur:innen ihres eigenen Reintegrationsprozesses betrachtet.
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@ -85,3 +85,75 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 165
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- **Lines:** 2088–2088
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- **Quote:** "Einige Hindernisse zeigten sich, als die neue Struktur offiziell eingeführt wurde. Einzelne Mitarbeitende fanden es anstrengend und entbehrlich, dass nun zwischen Beschreibung und eigener Bewertung unterschieden werden sollte. Insbesondere in einem Team war es offenbar heikel und eine Herausforderung, sich in eine andere Rolle zu versetzen und etwa die Methode der Fallinszenierung (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:186f.) zu nutzen."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperative Bedarfsermittlung
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- **Section:** 1 Das Projekt
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- **Pages:** 153
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- **Lines:** 1864–1866
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- **Quote:** "Im ersten Teilprojekt sollte auf Grundlage der Methodik ein neues Angebot speziell für junge Menschen mit einer komplexen Problematik entwickelt werden, die neben einer kognitiven Entwicklungsbeeinträchtigung auch eine schwierige soziale Situation und/oder soziale Auffälligkeiten aufweisen und deren Hilfebedarf hinsichtlich Wohnen unklar erschien."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperative Bedarfsermittlung
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- **Section:** Anlage Teilprojekt 1: Entwicklung eines neuen Angebots
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- **Pages:** 154
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- **Lines:** 1878–1880
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||||
- **Quote:** "Das Verfahren KB orientiert sich an der Struktur des Prozessmodells KPG. Nach Situationserfassung, Analyse und Diagnose bilden sich Zielsetzung und Interventionsplanung bei KB als Empfehlungsplanung ab. Für jeden Prozessschritt wurden verschiedene Methoden und Instrumente entwickelt."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperative Bedarfsermittlung
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- **Section:** Analyse gemeinsam mit Klientinnen
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- **Pages:** 156
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- **Lines:** 1906–1908
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- **Quote:** "Mit dem Instrument Silhouette wird mit Hilfe einer Visualisierung gemeinsam die Selbstsicht einer Klientin auf ihre Stärken, Schwierigkeiten, Wünsche und Ängste erfasst. Die Silhouette kann zu einer Perspektivenanalyse erweitert werden, indem die Sichtweise weiterer Personen, meist von wichtigen Bezugspersonen, zu diesen vier Bereichen erfragt werden (vgl. Hochuli Freund 2013)."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperative Bedarfsermittlung
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- **Section:** Analyse gemeinsam mit Klientinnen
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- **Pages:** 157
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- **Lines:** 1918–1920
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||||
- **Quote:** "Zur Erfassung vorhandener Netzwerke und Beziehungen wird zusammen mit den Klienten eine Netzwerkkarte erstellt (vgl. ebd.:193 -195). Hierzu werden Holzfiguren unterschiedlicher Grösse bereitgestellt, die von den Klientinnen in einer Art Koordinatensystem aufgestellt und in Relation gesetzt werden."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperative Bedarfsermittlung
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- **Section:** Auswertung der Analyse und Fallverstehen im KB-Team
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- **Pages:** 158
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- **Lines:** 1933–1935
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- **Quote:** "Wenn mit den Instrumenten und in den gemeinsamen Treffen alle relevanten Informationen erfasst und die darauf bezogenen feststellenden Hypothesen formuliert sind, wird auf dieser Basis die Fallthematik gebildet. Diese enthält in komprimierter Form die wichtigsten Informationen und Erkenntnisse zur Frage »Worum geht es in diesem Fall?« (vgl. ebd.)."
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## Reference 16
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperative Bedarfsermittlung
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- **Section:** Empfehlung, Abschluss
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- **Pages:** 158
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- **Lines:** 1940–1942
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- **Quote:** "Die Arbeitshypothese bildet die Grundlage für die Empfehlungsplanung . Ausgehend von den dort festgehaltenen Bedingungen werden Überlegungen angestellt, wie die Unterstützung für eine bestimmte Veränderung oder Entwicklung konkret aussehen könnte."
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## Reference 17
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperative Bedarfsermittlung
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- **Section:** 3.1 Ambulante Wohnbegleitung
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- **Pages:** 164
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- **Lines:** 2063–2063
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- **Quote:** "Schliesslich wurde auf der Leitungsebene festgelegt, dass den Mitarbeitenden zusätzliche Arbeitszeit zur Verfügung gestellt wird für monatliche Fallbesprechungen von 45 Minuten Dauer."
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## Reference 18
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Kooperative Bedarfsermittlung
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- **Section:** 3.3 Aufnahmeverfahren
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- **Pages:** 166
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- **Lines:** 2100–2101
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- **Quote:** "Um sich ein Bild von der betreffenden Person, ihren Ressourcen, Schwierigkeiten und auch Wünschen und Ängsten zu machen, werden im Rahmen des Aufnahmeverfahrens zwei Instrumente eingesetzt: Silhouette und Perspektivenanalyse."
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@ -2,32 +2,46 @@
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*Jakin Gebert, Ursula Hochuli Freund, Jasmin Hugenschmidt, Raphaela Sprenger-Ursprung*
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Dokumentation eines dreijährigen Projekts zur Implementierung von KPG in einer Einrichtung der Behindertenhilfe. Es wurden ein neues Angebot (Kooperative Bedarfsermittlung) entwickelt und bestehende Wohnangebote methodisch neu ausgerichtet.
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Der Beitrag von Gebert, Hochuli Freund, Hugenschmidt und Sprenger-Ursprung ([Autorenteam](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-1)) dokumentiert ein dreijähriges, von Aktion Mensch gefördertes Projekt zur Implementierung von KPG im Wohnbereich der Lebenshilfe Lörrach e. V. (2013–2015). Das Vorhaben umfasste zwei Teilprojekte: die Entwicklung der Kooperativen Bedarfsermittlung (KB) für junge Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung und unklarem Hilfebedarf ([Teilprojekt 1](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-11)) sowie die methodische Neuausrichtung der bestehenden Wohnangebote.
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**Seiten:** 152–169 | **Zeilen:** 1852–2131
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## Projektanlage
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## Key Points
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Eine Projektgruppe aus Mitarbeitenden verschiedener Bereiche entwickelte das neue Angebot KB und erprobte es fortlaufend in der Praxis. Monatliche Schulungen durch die Hochschule für Soziale Arbeit der FHNW stellten die wissenschaftliche Fundierung sicher ([FHNW-Begleitung](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-2)). Das Verfahren KB orientiert sich an der Struktur des KPG-Prozessmodells: Situationserfassung, Analyse und Diagnose münden in eine Empfehlungsplanung; für jeden Prozessschritt wurden spezifische Methoden und Instrumente entwickelt ([KPG-Prozessstruktur](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-12)).
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- Im Rahmen eines dreijährigen Projekts wurde KPG in der Lebenshilfe Lörrach implementiert
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- Die Kooperative Bedarfsermittlung (KB) ermittelt gemeinsam mit Klient:innen den individuellen Wohn-Bedarf
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- Das KB-Verfahren orientiert sich an der Struktur des KPG-Prozessmodells
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- Verschiedene Instrumente wurden entwickelt: Leitfäden, Fragebögen, Bildkarten, Dokumentationsvorlagen
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- Die bestehenden Wohnangebote wurden methodisch nach KPG neu ausgerichtet
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- Das Projekt zeigt, wie KPG in eine Organisation implementiert werden kann
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## Konzept und Zielgruppe
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Die KB ermittelt gemeinsam mit Klient:innen den individuellen Bedarf hinsichtlich einer Veränderung der Wohn- und Lebenssituation. Adressat:innen sind volljährige Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, deren Hilfebedarf unklar erscheint. Die Teilnahme ist freiwillig; eine KB dauert in der Regel vier bis sechs Monate mit regelmässigen Treffen, bei Bedarf unter Einbezug von Angehörigen und weiteren Fachkräften ([freiwilliges Angebot](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-3)).
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## Evidence References
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## Instrumente und kooperative Analyse
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- [Jakin Gebert, Ursula Hochuli Freund, Jasmin Hugenschmidt, Raphaela Sprenger-Ursp...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-1)
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- [Das Praxisentwicklungsprojekt wurde über die gesamte Laufzeit von der Hochschule...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-2)
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- [Betreuern) angeregt werden. Es handelt sich dabei jedoch um ein freiwilliges Ang...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-3)
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- [Um wichtige biografische Verlaufsdaten zu erfassen, wird mit einer PC-Software z...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-4)
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- [Über den gesamten Prozess einer Bedarfsermittlung werden Treffen, weiterführende...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-5)
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- [Evaluationsergebnisse fliessen in die Gestaltung der nächsten Abklärungen ein un...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-6)
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- [2 › Maria Lembo ‹ -der Name ist ein Pseudonym -ist mit der Veröffentlichung des ...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-7)
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- [Gerne möchte ich in einem gemeinsamen Treffen mit Ihnen und Frau Lembo bespreche...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-8)
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- [Zu den stationären Wohnangeboten gehört ein Wohnheim mit drei Wohngruppen für Me...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-9)
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- [Einige Hindernisse zeigten sich, als die neue Struktur offiziell eingeführt wurd...](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-10)
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Zu Beginn dienen lebensweltorientierte Einzelaktivitäten dem Beziehungsaufbau und der Informationsgewinnung. Anschliessend werden gemeinsam verschiedene Instrumente eingesetzt: Die Silhouette visualisiert die Selbstsicht auf Stärken, Schwierigkeiten, Wünsche und Ängste und kann zur Perspektivenanalyse erweitert werden ([Silhouette](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-13)). Ein Zeitstrahl bildet den biografischen Verlauf auf mehreren Ebenen ab und ermöglicht die Identifikation prägender Ereignisse und Muster ([Zeitstrahl](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-4)).
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Eine Netzwerkkarte macht über Holzfiguren in einem Koordinatensystem die bestehenden Beziehungen und Ressourcen sichtbar ([Netzwerkkarte](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-14)). Ergänzend stehen ein aus dem H.M.B.-W.-Verfahren abgeleiteter Fragebogen zum Hilfebedarf sowie Hospitationen und Kurzzeitaufenthalte zur Verfügung.
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## Auswertung und Fallverstehen
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Im KB-Team werden die erhobenen Daten strukturiert ausgewertet und feststellende Hypothesen gebildet. Die Verlaufsdokumentation hält Treffen, Zeitaufwand und Beobachtungen der fallführenden Fachkraft fest und fliesst in die Hypothesenbildung ein ([Verlaufsdokumentation](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-5)).
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Aus den verdichteten Erkenntnissen wird die Fallthematik gebildet – die Quintessenz zur Frage »Worum geht es in diesem Fall?« ([Fallthematik](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-15)). Durch Beizug geeigneter Theorien werden erklärende Hypothesen formuliert und in einer Arbeitshypothese als Wenn-dann-Formulierung zusammengefasst, die beschreibt, welche Bedingungen für eine bestimmte Entwicklung gegeben sein müssen.
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## Empfehlung und Abschluss
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Die Arbeitshypothese bildet die Grundlage für die Empfehlungsplanung, in der konkrete, trägerneutrale Unterstützungsmassnahmen erarbeitet werden ([Empfehlungsplanung](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-16)). Die Empfehlungen umfassen sozialpädagogische Begleitung und eine Wohnempfehlung; alle Ergebnisse werden in einem strukturierten Bericht dokumentiert, mit den Klient:innen besprochen und dem Kostenträger mit der Bitte um ein Hilfeplangespräch übermittelt.
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## Fallbeispiel
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Das Vorgehen wird anhand eines anonymisierten Fallberichts illustriert ([Fallbeispiel](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-7)). Die KB einer 20-jährigen Frau mit Lernbehinderung, schwieriger Familiengeschichte und fehlendem Auszugswunsch ergab eine differenzierte Arbeitshypothese.
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Darauf aufbauend wurden Empfehlungen zu psychologischer Beratung, Verselbständigung und Erweiterung des Freizeitbereichs formuliert. Der Bericht wurde dem Kostenträger zur Besprechung der konkreten Umsetzung übermittelt ([Hilfeplangespräch](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-8)).
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## Neuausrichtung der bestehenden Angebote
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In der Ambulanten Wohnbegleitung wurden KPG-Analyseinstrumente – Silhouette, Zeitstrahl, Netzwerkkarte – in die Fallarbeit eingeführt und auf Leitungsebene zusätzliche Arbeitszeit für monatliche Fallbesprechungen bewilligt ([Fallbesprechungen ambulant](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-17)).
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Im stationären Wohnbereich – mit Wohnheim und Aussen-Wohngruppen ([stationäre Struktur](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-9)) – lag der Schwerpunkt auf strukturierten Fallbesprechungen; anfängliche Widerstände gegen die Trennung von Beschreibung und Bewertung wurden durch Anpassung auf zweiwöchentlichen Turnus aufgefangen ([Widerstände und Anpassung](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-10)). Auch das Aufnahmeverfahren wurde nach KPG überarbeitet: Silhouette und Perspektivenanalyse kommen nun standardmässig zum Einsatz ([Aufnahmeverfahren](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-18)).
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## Ertrag und offene Fragen
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Das Projekt bewirkte eine sichtbare Professionalisierung: strukturierteres Arbeiten, kooperativerer Einbezug der Klient:innen und institutionalisierte Reflexionsgefässe. Die Evaluationsergebnisse jeder Abklärung fliessen in die Weiterentwicklung des Angebots ein ([Evaluation als Weiterentwicklung](./section_07_kooperative-bedarfsermittlung.evidence.md#reference-6)). Offen bleibt, in welcher Qualität die Methoden dauerhaft angewandt werden; die Finanzierung von KB als feste Leistung konnte bislang nicht gesichert werden und eine summative Evaluation steht noch aus.
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@ -85,3 +85,48 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 177
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- **Lines:** 2229–2229
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- **Quote:** "Das grosse Interesse der Mitarbeitenden an der Arbeit mit dem Konzept KPG. Mir kam eine grosse Offenheit und Neugierde entgegen, es wurde deutlich, wie sehr die Mitarbeitenden nach KPG arbeiten wollen. Eine gut spürbare Motivation sowie ein hohes Engagement -sowohl von den Projektverantwortlichen, als auch von den Abteilungsleitenden und den Teams -waren massgebende Gelingensfaktoren der Implementation."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Implementation Tool
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- **Section:** 1.1 Kooperative Instrumente-Beurteilung und -Entwicklung (KoopIn)
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- **Pages:** 171
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- **Lines:** 2154–2156
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- **Quote:** "in der Stiftung Schürmatt gäbe es eine Vielzahl an Instrumenten, deren Handhabung sehr anspruchsvoll sei. V. a. aber seien diese vielen, z. T. komplexen und in der Anwendung ressourcenintensiven Instrumente wenig miteinander verbunden, sodass der hohe Ressourceneinsatz ohne ersichtlichen Nutzen erfolge."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Implementation Tool
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- **Section:** 1.1 Kooperative Instrumente-Beurteilung und -Entwicklung (KoopIn)
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- **Pages:** 172–173
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- **Lines:** 2169–2170
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||||
- **Quote:** "Mit dem Projekt KoopIn ist es gelungen, die unterschiedlichen Systematiken zu vereinheitlichen und zu einer logischen, in sich geschlossenen und fachlich fundierten Entwicklungsplanung zu schnüren."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Implementation Tool
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- **Section:** 1.2 Implementation der neuen Instrumente nach KPG
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- **Pages:** 173–174
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- **Lines:** 2176–2177
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||||
- **Quote:** "Im Zeitraum von August 2015 bis Juni 2016 wurden im Rahmen der Implementation von SPG fünf ca. dreistündige Schulungen durchgeführt. Diese erfolgten -u. a. zu Forschungszwecken, aber auch aus Ressourcengründen -in zwei unterschiedlichen Varianten"
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Implementation Tool
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- **Section:** 1.2 Implementation der neuen Instrumente nach KPG
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- **Pages:** 174
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- **Lines:** 2186–2186
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||||
- **Quote:** "Dabei zeigte sich, dass der Wissensstand zur SPG sehr heterogen ist und bei einzelnen Prozessschritten, speziell der Analyse, z. T. Unklarheiten darüber bestehen, wie dort genau vorgegangen wird."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Implementation Tool
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- **Section:** 1.2 Implementation der neuen Instrumente nach KPG
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- **Pages:** 174–175
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- **Lines:** 2189–2190
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||||
- **Quote:** "Um die neue, methodisch strukturierte Arbeitsweise mit der SPG zu festigen und Nachhaltigkeit bei der Implementation zu gewährleisten, stellt die Organisation weitere Unterstützung zur Verfügung, in Form von regelmässigen Schulungen zur Auffrischung der Inhalte und Einarbeitung für neue Mitarbeitende, einem Handbuch mit den fachlichen Standards sowie Coachings durch interne SPG-Expertinnen."
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@ -1,33 +1,49 @@
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# Implementation eines Tools für sozialpädagogische Prozessgestaltung und Dokumentation in der stationären Behindertenhilfe
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*Ursula Hochuli Freund et al.*
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*Ursula Hochuli Freund et al.* | **Seiten:** 170–179 | **Zeilen:** 2134–2258
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Dieser Beitrag dokumentiert die Entwicklung und Implementation von KPG-basierten Instrumenten zur sozialpädagogischen Prozessgestaltung (SPG) in der Stiftung Schürmatt, einer grossen Einrichtung der stationären Behindertenhilfe. Das Projekt wurde gemeinsam von Praktiker:innen und Wissenschaftlerinnen der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW durchgeführt ([Projektteam](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-1)) und umfasste zwei aufeinander aufbauende Teilprojekte: die kooperative Instrumente-Entwicklung und deren anschliessende organisationsweite Implementation im Top-down-Verfahren.
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Bericht über die Entwicklung und Implementation von KPG-basierten Instrumenten in der Stiftung Schürmatt. Reflexionen der Projektbeteiligten zu Herausforderungen, Gelingensfaktoren und persönlichen Erkenntnissen.
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## Ausgangslage und Instrumente-Beurteilung
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Die Stiftung Schürmatt verfügte über zahlreiche Instrumente zur Prozessgestaltung, deren Handhabung jedoch als sehr anspruchsvoll beurteilt wurde.
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Eine kritische Analyse ergab, dass diese komplexen, ressourcenintensiven Instrumente kaum miteinander verbunden waren und der hohe Ressourceneinsatz ohne ersichtlichen Nutzen erfolgte ([Beurteilung bestehender Instrumente](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-11)).
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So wurden beispielsweise in einem sogenannten Basisbericht sehr viele Daten erhoben, die aber kaum für die Prozessgestaltung genutzt wurden; diagnostische Überlegungen im Sinne einer Verstehensbewegung fehlten, und die Kooperation mit Klient:innen war nur ansatzweise verankert.
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Im Juli 2013 beurteilten eine Praktikerin und zwei Wissenschaftlerinnen die vorliegenden Instrumente erfahrungsbasiert und vor dem Hintergrund des Konzepts KPG, um Ansatzpunkte für die Überarbeitung zu bestimmen ([Workshop zur Instrumente-Beurteilung](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-3)).
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Die Empfehlung lautete: fachliche Fundierung klären, Instrumente vereinfachen und in eine einheitliche Systematik integrieren.
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**Seiten:** 170–179 | **Zeilen:** 2134–2258
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## Kooperative Instrumente-Entwicklung (KoopIn)
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Im Februar 2014 startete das Projekt KoopIn, in dem die bestehenden Instrumente kooperativ weiterentwickelt wurden ([Vorarbeiten und Projektstart](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-2)). Das übergreifende Forschungsprojekt war auf zweieinhalb Jahre angelegt und involvierte sieben Praxisorganisationen ([Projektrahmen](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-4)).
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In fünf vierstündigen Workshops erarbeiteten zwei Praktiker und zwei Wissenschaftlerinnen entlang der KPG-Prozessschritte konkrete Verbesserungen.
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Bei Situationserfassung und Analyse wurde zwischen Beschreibung und Bewertung unterschieden und die Perspektivenanalyse als ergänzende Methode eingeführt, um die Kooperation mit Klient:innen zu stärken.
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Bei der Diagnose wurde ein strukturierter Fallverstehensprozess mit Weil-Hypothesen verankert, der in eine handlungsleitende Arbeitshypothese mündet; bei der Zielformulierung wurde die Herleitung aus der Fallthematik sichergestellt, mit Begrenzung auf ein bis drei Grobziele und kreativen Interventionsüberlegungen vor der Feinzielformulierung.
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Am Ende gelang es, die unterschiedlichen Systematiken zu einer logischen, in sich geschlossenen und fachlich fundierten Entwicklungsplanung zu vereinheitlichen ([Ergebnis KoopIn](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-12)).
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## Key Points
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## Implementation der neuen Instrumente
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- Zwei Projekte: Kooperative Instrumente-Beurteilung/-Entwicklung (KoopIn) und Implementation
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- Die Implementation erfolgte in der Stiftung Schürmatt (stationäre Behindertenhilfe)
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- Herausforderungen und Gelingensfaktoren werden aus verschiedenen Perspektiven reflektiert
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- Die Implementation ist ein langwieriger Prozess, der Geduld und kontinuierliche Begleitung erfordert
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- Mitarbeitende brauchen genügend Zeit für die Aneignung der Inhalte und Raum zum Ausprobieren
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- Offenheit und Kompromissbereitschaft sind zentrale Voraussetzungen
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Die Implementation begann mit einer systematischen Informationsphase: Während der gesamten Entwicklung wurden die Mitarbeitenden regelmässig über die bevorstehende Einführung informiert, und ein beteiligter Abteilungsleiter bot bereits erste inhaltsbezogene Schulungen an ([Informationsphase](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-5)).
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Eine von den Wissenschaftlerinnen gestaltete Auftaktveranstaltung mit allen 22 Abteilungsleitenden im Frühjahr 2015 markierte den offiziellen Projektstart.
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Von August 2015 bis Juni 2016 fanden fünf dreistündige Schulungen in zwei Varianten statt – 16 Abteilungsleitende wurden als Multiplikator:innen geschult, während sechs Teams direkt von den Wissenschaftlerinnen trainiert wurden ([Schulungsstruktur](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-13)).
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Der inhaltliche Schwerpunkt lag auf den Prozessschritten Analyse und Diagnose; zwischen den Schulungen setzten die Mitarbeitenden das Gelernte in eigenen Fallbearbeitungen um.
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## Qualitätssicherung und Herausforderungen
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## Evidence References
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Im November 2016 fand eine zweite Schulungsrunde zur Qualitätssicherung statt, bei der die Teams zwischen angeleiteter Fallbesprechung und schriftlichen Rückmeldungen wählen konnten ([Qualitätssicherung](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-6)).
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Dabei zeigte sich, dass der Wissensstand zur SPG sehr heterogen war und bei einzelnen Prozessschritten – speziell der Analyse – Unklarheiten bestanden ([heterogener Wissensstand](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-14)).
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Alle Projektbeteiligten reflektierten die Herausforderungen in individuellen schriftlichen Beiträgen ([Reflexionsformat](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-7)).
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Als besonders anspruchsvoll erwies sich die Differenz zwischen der Logik des Dokumentationstools und professionellem Handeln nach KPG.
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Die hohe Anzahl an Mitarbeitenden mit verschiedenen Ausbildungsniveaus, die Schulungsorganisation bei unregelmässigen Arbeitszeiten und die Rolle der Multiplikator:innen, die das erworbene Wissen an ihre Teams weitergeben mussten, wurden als kritische Punkte benannt – dennoch fiel die Akzeptanz der neuen SPG hoch aus ([Akzeptanz trotz Herausforderungen](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-8)).
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- [Raphaela Sprenger-Ursprung, Jakin Gebert, Renate Trawöger, Oliver Eglinger, Ursu...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-1)
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- [Um die Instrumente zur Prozessgestaltung in der Stiftung Schürmatt gezielt nach ...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-2)
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- [Im Juli 2013 fand im Rahmen eines Dienstleistungsprojekts ein erster gemeinsamer...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-3)
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- [2016 läuft und auf zweieinhalb Jahre angelegt ist, und an dem sieben unterschied...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-4)
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- [Die Implementation begann mit Information : Während der gesamten Entwicklungspha...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-5)
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- [Ein Vierteljahr später fand im November 2016 eine zweite Schulungsrunde zur Qual...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-6)
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- [In diesem Kapitel werden Herausforderungen und Gelingensfaktoren des Implementat...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-7)
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- [Eine der Herausforderungen war, die hohe Anzahl an Mitarbeitenden mit verschiede...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-8)
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- [Eine der grössten Überraschungen war für mich die hohe Motivation der Mitarbeite...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-9)
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- [Das grosse Interesse der Mitarbeitenden an der Arbeit mit dem Konzept KPG. Mir k...](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-10)
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## Gelingensfaktoren
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Einstimmig betonten alle Beteiligten die hohe Motivation und Offenheit der Mitarbeitenden als zentralen Gelingensfaktor – die Bereitschaft, Unklarheiten offen anzusprechen und sich auf den Prozess einzulassen, wurde als grosse Bereicherung erlebt ([Motivation der Mitarbeitenden](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-9)).
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Das Engagement erstreckte sich über alle Ebenen – von den Projektverantwortlichen über die Abteilungsleitenden bis zu den Teams ([Engagement auf allen Ebenen](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-10)).
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Die Stiftung Schürmatt stellte genügend zeitliche und finanzielle Ressourcen bereit und signalisierte damit ein hohes organisationales Commitment.
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Besonders bemerkenswert war, dass die fundierte Auseinandersetzung mit Biografien neue Erkenntnisse ermöglichte und die Mitarbeitenden aktuelles Handeln und Denkprozesse der Klient:innen besser verstehen konnten.
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## Nachhaltigkeit und Ausblick
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Um die methodisch strukturierte Arbeitsweise nachhaltig zu verankern, stellte die Organisation weitere Unterstützung bereit: regelmässige Auffrischungsschulungen, Einarbeitungskonzepte für neue Mitarbeitende, ein Handbuch mit fachlichen Standards sowie Coachings durch interne SPG-Expertinnen ([Nachhaltigkeitsmassnahmen](./section_08_implementation-tool.evidence.md#reference-15)).
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Zudem wurden sogenannte SPG-Mentor:innen den Bereichen zugeteilt, um die Teams bei der Umsetzung zu unterstützen. Der Implementationsprozess wurde Ende November 2016 formal abgeschlossen.
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Die Erfahrungen zeigten, dass Implementation ein langwieriger Prozess ist, der Geduld, kontinuierliche Begleitung und zeitnahe Unterstützung erfordert – aber bei entsprechendem organisationalem Commitment und kooperativer Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis nachhaltig gelingen kann.
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@ -85,3 +85,48 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 189
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- **Lines:** 2432–2432
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- **Quote:** "In Hinblick auf die gemeinsame Gestaltung von länger dauernden Unterstützungsprozessen wird in mittel- und langfristigen Prozesszyklen von Monaten bis zu ein oder zwei Jahren gedacht. In Bezug auf Belange des Alltags hingegen gibt es auch wöchentliche, tägliche, stündliche, minütliche Prozesszyklen (vgl. ebd.:145; siehe Anmerkung 3). Vielleicht kann die Unterscheidung zwischen in-"
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Variationen
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- **Section:** 1.1 Das Prozessmodell KPG
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- **Pages:** 181
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- **Lines:** 2283–2283
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- **Quote:** "Das Prozessmodell erfüllt im Rahmen des Konzept KPG mehrere Funktionen."
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## Reference 12
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||||
- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Variationen
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- **Section:** 1.1 Das Prozessmodell KPG
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- **Pages:** 182
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- **Lines:** 2294–2294
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- **Quote:** "Die nachfolgenden Variationen zum Prozessgestaltungsmodell sind so etwas wie Noten für Fingerübungen -und wer Klavier spielen gelernt hat, weiss, wie unverzichtbar solche Übungen sind für virtuoses Spielen."
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||||
## Reference 13
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||||
- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Variationen
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- **Section:** 1.3 Fragen
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- **Pages:** 184
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- **Lines:** 2317–2317
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- **Quote:** "Ein anderer möglicher Zugang ist derjenige über Fragen, die den Prozessschritten und Kooperationsebenen (mit Klientinnen und deren Bezugssystemen, auf der Fachebene) zugeordnet werden können."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Variationen
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- **Section:** 1.4 Symbole und Metaphern
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- **Pages:** 185
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- **Lines:** 2356–2356
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- **Quote:** "Grundsätzlich geht es darum Symbole oder auch Metaphern einzusetzen, um Komplexität zu reduzieren und durch Bilder die eigene Bewertung eines Inhalts zu kommunizieren und sich dadurch über abstrakte Inhalte wie die Prozessschritte nach KPG zu verständigen (vgl. Schröder 2016: 77)."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Variationen
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- **Section:** 1.5 Grundhaltungen
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- **Pages:** 187
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- **Lines:** 2393–2393
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||||
- **Quote:** "Als ein Element dieser Standards ist jeweils die Haltung ausgewiesen, die in einem spezifischen Prozessschritt erforderlich ist. Diese Grundhaltungen vermögen einerseits Orientierung zu geben für die einzelnen Phasen einer konkreten Prozessgestaltung, anderseits können sie als Puzzleteile einer bewusst ausgestalteten professionellen Grundhaltung verstanden werden (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:126)."
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@ -1,33 +1,45 @@
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# Variationen zum Prozessgestaltungsmodell – Spiel-Möglichkeiten und Klärungen
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*Ursula Hochuli Freund, Raphaela Sprenger-Ursprung*
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*Ursula Hochuli Freund, Raphaela Sprenger-Ursprung* | **Seiten:** 180–191 | **Zeilen:** 2261–2454
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Dieser Beitrag stellt didaktische Variationen zum KPG-Prozessgestaltungsmodell vor und nimmt drei Klärungen zu häufigen Missverständnissen vor. Das Prozessmodell dient als Orientierungsrahmen für ([methodisch strukturiertes und konsequent kooperativ ausgerichtetes Handeln](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-1)); es unterscheidet ([sieben Prozessschritte, eine analytische und eine Handlungsphase sowie zwei Kooperationsebenen](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-2)). Es ([erfüllt dabei mehrere Funktionen](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-11)): die Gestaltung der Kooperation mit Klient:innen, die Zusammenarbeit auf der Fachebene, die Einordnung von Methoden und Instrumenten sowie die Habitusbildung von Studierenden und Professionellen.
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Spielerische Annäherung an das KPG-Prozessmodell durch Zuordnung von Tätigkeiten, Fragen, Symbolen und Metaphern zu den einzelnen Prozessschritten. Ergänzt um drei Klärungen zu häufigen Missverständnissen.
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Der Beitrag stellt zunächst vier Variationen vor – Tätigkeiten, Fragen, Symbole/Metaphern und Grundhaltungen – und nimmt anschliessend drei Klärungen zu verbreiteten Missverständnissen bezüglich des Konzepts KPG vor.
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## Variationen als didaktisches Werkzeug
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**Seiten:** 180–191 | **Zeilen:** 2261–2454
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Die Autorinnen greifen den Aspekt der Habitusbildung auf und zeigen, wie das Prozessgestaltungsmodell ([Studierenden wie Praktikern in spielerischer Weise nähergebracht werden kann](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-3)). Die Variationen werden verglichen mit ([Noten für Fingerübungen – unverzichtbar für virtuoses Spielen](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-12)): Sie sollen das Verständnis für die einzelnen Prozessschritte vertiefen und einen Beitrag zur Entwicklung professionellen Könnens leisten.
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## Tätigkeiten
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## Key Points
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Die erste Variation ordnet den Prozessschritten konkrete Tätigkeiten zu: offenes Wahrnehmen und Informationen sammeln (Situationserfassung), strukturiertes Datenerheben und Fallthematik herausarbeiten (Analyse), theoretisches Wissen beiziehen und ([Erkenntnisse zusammenfassen, eine Arbeitshypothese formulieren](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-4)) (Diagnose). Es folgen Bilder für den wünschenswerten Zustand finden und Zielvereinbarungen treffen (Ziele), Vorgehensmöglichkeiten entwerfen (Interventionsplanung), Realisieren und Dokumentieren (Interventionsdurchführung) sowie Innehalten, Auswerten und Folgerungen ableiten (Evaluation).
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- Das Prozessmodell wird durch Tätigkeiten, Fragen, Symbole und Metaphern veranschaulicht
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- Jeder Prozessschritt hat eine spezifische Grundhaltung
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- Alltagsbeispiele (Theaterbesuch, Wanderung) machen die Prozessschritte greifbar
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- Drei Klärungen zu häufigen Missverständnissen zum KPG-Konzept
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- Das Modell bietet einen Orientierungsrahmen für methodisch strukturiertes Handeln
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- Die Variationen dienen als didaktisches Werkzeug für Ausbildung und Praxis
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Besonders betont wird bei der Situationserfassung die Notwendigkeit, den eigenen Impuls zur sofortigen Bewertung zurückzustellen und bei der Diagnose die Verbindung von Erklärungen und Handlungsmöglichkeiten.
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## Fragen
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## Evidence References
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([Ein anderer möglicher Zugang ist derjenige über Fragen](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-13)), die den Prozessschritten und Kooperationsebenen zugeordnet werden. Auf der Klientenebene reichen sie von »Welches ist Ihr Anliegen?« (Situationserfassung) über »Wohin soll diese gemeinsame Reise gehen?« (Ziele) bis zu »Wie war es? Was hat es gebracht?« (Evaluation). Auf der Fachebene umfassen sie unter anderem: »Was ist unser Auftrag?« (Situationserfassung), »Welches theoretische Wissen könnte beigezogen werden?« (Diagnose), »Welche Vorgehensmöglichkeiten sind geeignet?« (Interventionsplanung) und »Was können wir für ähnliche Fälle lernen?« (Evaluation). Besonders bei der Diagnose wird auf beiden Ebenen gefragt: »Haben wir den Kern des Problems erfasst? Welches war der Aha-Moment im Verstehensprozess?«
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- [Das im Konzept Kooperative Prozessgestaltung (KPG) enthaltene Prozessmodell kann...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-1)
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- [In unserem Modell (siehe Abb. 14) werden sieben Prozessschritte, eine analytisch...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-2)
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- [Im Folgenden wollen wir deshalb den vierten Aspekt der Habitusbildung aufgreifen...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-3)
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- [che nach Erklärungen Handlungsmöglichkeiten aufspüren -Erkenntnisse zusammenfass...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-4)
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- [ses -währenddessen wir Methoden und Instrumente für ein neu gestaltetes Abklärun...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-5)
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- [Anbieten könnte sich hier beispielsweise ein Theaterbesuch, oder die Aufführung ...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-6)
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- [(= Diagnose ). Es wird ausgewählt, in welcher Berghütte übernachtet wird und wan...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-7)
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- [Mit dem oben gewählten Zugang -Variationen zum Prozessgestaltungsmodell -könnte ...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-8)
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- [Uns erscheint diese analytische Unterteilung des Prozesses hilfreich, weil dadur...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-9)
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- [In Hinblick auf die gemeinsame Gestaltung von länger dauernden Unterstützungspro...](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-10)
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## Symbole und Metaphern
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Ein Praxisteam überraschte die Autorinnen mit ([neun kleinen Geschenken, die dem Prozessgestaltungsmodell zugeordnet wurden](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-5)): Notizbuch (Situationserfassung), Lupe (Analyse), Kerze (Diagnose), Zielwasser (Ziele), Blumensamen (Interventionsplanung), Kräutertee (Interventionsdurchführung), Postkarten-Set (Evaluation), Puzzle (Kooperation mit Klient:innen) und Trinkschokoladen (Kooperation auf der Fachebene). Der Einsatz von ([Symbolen und Metaphern dient dazu, Komplexität zu reduzieren und durch Bilder abstrakte Inhalte wie die Prozessschritte kommunizierbar zu machen](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-14)). Weitere Vorschläge umfassen unter anderem: in den Spiegel schauen oder Fernrohr (Situationserfassung), unterschiedliche Brillen (Analyse), Scheinwerfer zum Durchleuchten (Diagnose) und Bilder von einem schönen Ort (Ziele).
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### Übergreifende Metaphern
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Metaphern können auch alle Prozessschritte in einem zusammenhängenden Bild veranschaulichen. Beim ([Theaterbesuch](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-6)) betrachtet die Besucherin zunächst das Bühnenbild (Situationserfassung), befragt Schauspieler zu ihren Rollen (Analyse), blickt hinter die Kulissen und rekonstruiert das Drehbuch (Diagnose), entwirft eine Skizze für die nächste Szene (Ziele), organisiert Proben und gestaltet das Bühnenbild um (Interventionsplanung), führt das neue Stück auf (Interventionsdurchführung) und bespricht die Aufführung gemeinsam nach (Evaluation). Bei der ([Wanderung](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-7)) werden Wanderberichte gesucht (Situationserfassung), Routen und Anspruchsniveaus studiert (Analyse), bisherige Wanderungen hinsichtlich Schwierigkeiten und Gruppendynamik reflektiert (Diagnose), eine Berghütte als Ziel gewählt, der Rucksack gepackt und die Route in Etappen eingeteilt (Interventionsplanung), die Wanderung durchgeführt (Interventionsdurchführung) und anschliessend ein Fotoalbum erstellt und ein Nachtreffen organisiert (Evaluation).
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## Grundhaltungen
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Im Rahmen des Forschungsprojekts KoopIn wurden mit sieben Praxispartnern Standards zu den einzelnen Prozessschritten erstellt, in denen jeweils ([die erforderliche Haltung ausgewiesen ist – als Puzzleteile einer bewusst ausgestalteten professionellen Grundhaltung](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-15)). Die Übersicht reicht von Offenheit und Neugier – »so viel wie möglich sehen, so wenig wie möglich verstehen« – (Situationserfassung) über vielfältige Perspektiven explorieren (Analyse), Suchbewegungen nach Erklärungen (Diagnose), motivierende Impulse geben bei gleichzeitiger Zurückhaltung (Ziele) und Erfinderischsein (Interventionsplanung) bis zu Dranbleiben bei gleichzeitiger Flexibilität (Interventionsdurchführung) und Wertschätzung verbunden mit Verbesserungswillen und Fehlerfreundlichkeit (Evaluation). Diese Grundhaltungen können sowohl als Orientierung für einzelne Phasen als auch als Bausteine einer umfassenden professionellen Haltung verstanden werden.
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## Drei Klärungen
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**Modell als Hilfsmittel:** ([Die Variationen könnten die Gefahr verstärken, das Konzept auf eine Modellvorstellung zu reduzieren](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-8)). Ein Modell ist jedoch stets eine Komplexitätsreduktion auf wesentliche Elemente und Zusammenhänge – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
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Vieles, was das Konzept KPG als generalistisches Handlungskonzept kennzeichnet – strukturelle Rahmenbedingungen, professionsethische Ausrichtung, konkrete methodische Vorgaben zu Analyse, Diagnose und Zielformulierung, die Prinzipien von Ressourcenorientierung und Empowerment – lässt sich aus dem Prozessgestaltungsmodell allein nicht ablesen.
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**Einheit der analytisch-diagnostischen Phase:** Die Unterteilung der Sozialen Diagnose in Situationserfassung, Analyse und Diagnose macht deutlich, ([welch unterschiedliche kognitive Bewegungen verlangt sind: wahrnehmen/erfassen – bewerten/herausarbeiten, worum es geht – erklären, verstehen](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-9)). Diese Unterteilung ist ein analytisches Hilfsmittel; der Analyseschritt ist integraler Bestandteil der Sozialen Diagnose, da die Klärung der Fallthematik – die Problembestimmung im Sinne Schöns – eine unabdingbare Voraussetzung für das diagnostische Fallverstehen darstellt. Die analytische Trennung kann auch anders vorgenommen werden, die Autorinnen halten diese Dreiteilung jedoch für die hilfreichste.
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**Prozesszyklen und Komplexität:** Das Prozessmodell bildet die zeitliche Dimension nicht ab. ([Bei länger dauernden Unterstützungsprozessen wird in mittel- und langfristigen Zyklen gedacht; bei Alltagsbelangen gibt es auch wöchentliche, tägliche, minütliche Prozesszyklen](./section_09_variationen-prozessgestaltungsmodell.evidence.md#reference-10)). Die versierte Praktikerin bewegt sich stets in mindestens zwei Prozesszyklen gleichzeitig und unterscheidet informelle (im Alltag) von formeller Prozessgestaltung (im strukturierten Gesamtprozess). Auch die Reihenfolge der Prozessschritte ist nicht statisch – bei der Situationserfassung können bereits Ziele formuliert werden, bevor eine differenzierte Analyse stattfindet.
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Ein angemessener Umgang mit Komplexität erfordert eine kontinuierliche Bewegung zwischen themenbezogener Komplexitätserhöhung und strukturierter Komplexitätsreduktion – also bewusste Entscheidungen darüber, wovon man ausgeht und was zunächst im Hintergrund bleiben soll. Letzteres fällt oft schwer, ist aber unerlässlich, damit die Bearbeitung eines Falles auf nachvollziehbar begründeten Entscheidungen beruht.
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@ -85,3 +85,75 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 206
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- **Lines:** 2809–2809
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- **Quote:** "Der Falleinbringer nennt die Fallthematik (= › worum geht es hier? ‹ ) und die Arbeitshypothese (= › wenn … , dann …‹ )."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Fallbesprechungs-Materialien
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- **Section:** 1.1 Fall und Fallbesprechung
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- **Pages:** 193
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- **Lines:** 2474–2476
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- **Quote:** "Ein Fall entsteht -und wird nach dem Klienten benannt -, wenn eine Arbeitsvereinbarung getroffen wird mit einer Klientin oder einem Klientensystem, gemeinsam an einem Thema zu arbeiten und Professionelle in der Folge darüber nachdenken, welche Aufgaben sich für sie hier ergeben."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Fallbesprechungs-Materialien
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- **Section:** Fallbesprechung im intraprofessionellen Team, das gemeinsam Aufgaben der Begleitung und Unterstützung wahrnimmt
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- **Pages:** 194
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- **Lines:** 2488–2488
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- **Quote:** "Durch die Reflexion der Beobachtungen und Erfahrungen aller am Fall beteiligten Sozialpädagoginnen entsteht ein differenziertes Bild des Falles, der Gemengelage von Ressourcen, Anliegen, Problemen und Hindernissen."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Fallbesprechungs-Materialien
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- **Section:** Fallbesprechung im intraprofessionellen Team, in dem jede Sozialarbeiterin alleine Fälle führt
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- **Pages:** 194
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- **Lines:** 2496–2496
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- **Quote:** "Eine Spezialform ist die Fallbesprechung zu zweit, entweder zwischen Vorgesetzter und Mitarbeiter oder auch zwischen der fallführenden Sozialarbeiterin mit einem erfahrenen Kollegen ( Senior Professional ‹ , so Pantu č ek 2004)."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Fallbesprechungs-Materialien
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- **Section:** Fallbesprechung mit Klientinnen
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- **Pages:** 195
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- **Lines:** 2512–2512
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- **Quote:** "Eine hierfür gut geeignete Methode ist das aus der systemischen Therapie stammende › reflecting team ‹ (vgl. u. a. von Schlippe/Schweitzer 2003:199f.). Der fallführende Sozialpädagoge und die Klientin sind Falleinbringende, danach sind sie Zuhörende beim analytisch-diagnostischen Fachgespräch."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Fallbesprechungs-Materialien
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- **Section:** 1.4 Inhaltliche Struktur
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- **Pages:** 196
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- **Lines:** 2530–2530
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- **Quote:** "Es besteht Einigkeit darüber, dass Fallbesprechungen einer klaren zeitlichen Struktur bedürfen und eine Moderation oder Leitung benötigt, die für eine thematische Fokussierung sorgt und die Einhaltung des Zeitrahmens gewährleistet (vgl. u. a. Tietze 2003, Pantu č ek 2004, Spangler 2004)."
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## Reference 16
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Fallbesprechungs-Materialien
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- **Section:** 1.4 Inhaltliche Struktur
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- **Pages:** 196–197
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- **Lines:** 2542–2544
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- **Quote:** "Im Unterschied dazu ist eine Fallbesprechung im organisationalen Kontext der Sozialen Arbeit deutlicher auf die Probleme in einem Klienten-Fall und die Ausgestaltung der professionellen Unterstützung oder Begleitung ausgerichtet. Ziel und Zweck sind stärker eingegrenzt, es geht darum, ein vertieftes Verständnis für die Fallproblematik zu erarbeiten, neue Interventionsideen zu erarbeiten, um die Qualität der professionellen Hilfe zu erhöhen."
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## Reference 17
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Fallbesprechungs-Materialien
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- **Section:** 2 Materialien für Fallbesprechungen nach KPG
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- **Pages:** 197
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- **Lines:** 2548–2550
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- **Quote:** "Zunächst werden Leitfragen vorgestellt, die für die Fall-Vorstellung genutzt werden können. Die nächste Strukturierungshilfe ist geeignet für Kurz-Fallbesprechungen und für die Einordnung eines Falles, wenn der Fokus einer Fallbesprechung noch nicht festgelegt ist. Anschliessend finden sich Leitfäden, die dem Prozessmodell KPG folgen."
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## Reference 18
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Fallbesprechungs-Materialien
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- **Section:** 2.3 Fallbesprechung Situationserfassung
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- **Pages:** 200
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- **Lines:** 2636–2638
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- **Quote:** "Wir wollen Situationen und Verhalten beschreiben und es noch nicht bewerten. Bei andersartigen Aussagen werde ich jeweils unterbrechen und sie entsprechend einordnen ( › das ist eine Bewertung, gehört zur Analyse ‹ bzw. › das ist bereits eine Erklärung, gehört zur Diagnose ‹ )."
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@ -1,33 +1,45 @@
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# Fallbesprechungs-Materialien – Strukturierungshilfen für effektive Fallbesprechungen gemäss KPG
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*Ursula Hochuli Freund*
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*Ursula Hochuli Freund* | **Seiten:** 192–212 | **Zeilen:** 2456–2999
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Fallbesprechungen sind zentrale Gefässe des fachlichen Austauschs in der Sozialen Arbeit. Sie dienen dazu, eine inhaltliche Auseinandersetzung über Fälle zu führen, neue Interventionsmöglichkeiten in komplexen Fällen zu entwickeln und die Arbeit auf der Fachebene zu koordinieren ([S. 192](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-1)). Ein «Fall» entsteht nicht durch eine Person, sondern wenn eine Arbeitsvereinbarung mit einem Klientensystem getroffen wird und Professionelle darüber nachdenken, welche Aufgaben sich für sie ergeben ([S. 193](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-11)). Durch handlungsentlastetes Nachdenken wird die Fallgeschichte (Fall erster Ordnung) in einen «Fall zweiter Ordnung» transformiert und in eine Form gebracht, welche die Planung von Interventionen ermöglicht.
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Umfangreiche Sammlung von Strukturierungshilfen für Fallbesprechungen nach KPG. Enthält Typen und Formen von Fallbesprechungen sowie detaillierte Leitfäden mit Methodenvorschlägen und Moderationsfragen für jeden Prozessschritt.
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Die Fallbesprechung selbst bildet einen «kasuistischen Raum» des gemeinsamen Nachdenkens, in dem unterschiedliche Aspekte des Fallgefüges – vom sozialen System über die Lebensbereiche des Klienten bis zur gesellschaftlichen Umwelt – fokussiert werden können ([S. 193](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-2)). Neben einer geeigneten äusseren Struktur bedürfen Fallbesprechungen v. a. auch einer geeigneten inneren Strukturierung. Es braucht methodisches Werkzeug zur Moderation, damit der gemeinsame Austausch effektiv ist und die zur Verfügung stehende Zeit zielgerichtet genutzt wird.
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## Typen und Formen
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**Seiten:** 192–212 | **Zeilen:** 2456–2999
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Es werden mehrere Typen unterschieden. Im intraprofessionellen Team, das gemeinsam Begleitung wahrnimmt (z. B. sozialpädagogische Wohngruppe), entsteht durch die Reflexion aller Beteiligten ein differenziertes Bild der Gemengelage von Ressourcen, Anliegen, Problemen und Hindernissen ([S. 194](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-12)). Ein gezielter Prozess des gemeinsamen Fallverstehens ermöglicht ein vertieftes Verständnis von Falldynamik und Veränderungsbedarf und ein relativ einheitliches, abgestimmtes Vorgehen bei der Unterstützung.
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Führt jede Fachkraft ihre Fälle allein (z. B. Sozialberatung), dient die Besprechung der Perspektivenerweiterung: Die eigene Strategie wird überprüft, Entscheidungen abgesichert und Hinweise für neue Interventionen gefunden. Eine Spezialform ist die Fallbesprechung zu zweit, etwa mit einer Vorgesetzten oder einem «Senior Professional» ([S. 194](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-13)).
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## Key Points
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Im interprofessionellen Setting geht es zunächst um gegenseitige Information und unterschiedliche Einschätzungen, dann um ein transdisziplinäres Gesamtbild. Bei enger Kooperation wird ein gemeinsames Unterstützungsziel festgelegt; bei loserer Kooperation wird die Arbeit in den einzelnen Bereichen fortgeführt. Organisationsübergreifend wird diese Form oft als «Helferkonferenz» bezeichnet ([S. 194](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-3)).
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- Verschiedene Typen: intraprofessionell, interprofessionell, mit Klient:innen, als Controlling
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- Detaillierte Leitfäden für Fallbesprechungen zu jedem KPG-Prozessschritt
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- Fallbesprechung Situationserfassung: Austausch und Folgerungen
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- Fallbesprechung Analyse: Analyse durchführen, Fallthematik und Folgerungen
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- Fallbesprechung Diagnose: Theoriegeleitetes Fallverstehen, Abschluss und Folgerungen
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- Fallbesprechung Ziele, Interventionsplanung und Evaluation mit Moderationsfragen
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Fallbesprechungen können auch gemeinsam mit Klient:innen durchgeführt werden. Besonders geeignet ist das «reflecting team» aus der systemischen Therapie: Fallführende und Klient:in sind zunächst Einbringende, dann Zuhörende beim analytisch-diagnostischen Fachgespräch ([S. 195](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-14)). Es ist dabei besonders auf eine achtsame, wertschätzende Haltung und Sprache zu achten; bei einer grossen Runde gilt es darauf zu achten, dass sich der Klient nicht überwältigt fühlt. Bei allen KPG-Leitfäden sind Anmerkungen zu dieser Variante angefügt ([S. 197](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-6)).
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## Institutionalisierung und Moderation
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## Evidence References
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In vielen Organisationen finden regelmässig – wöchentlich, vierzehntäglich oder monatlich – Fallbesprechungen statt, wobei jeweils ein Fall während 30 bis 45 Minuten vertieft behandelt wird; alle übrigen Fälle werden als «Blitzlicht» thematisiert, z. B. mit der Frage «Was haben wir Neues erfahren über seine Ressourcen?» ([S. 195](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-4)). Organisationen, die nach einer bestimmten Methodik wie KPG arbeiten, rhythmisieren die Besprechungen entlang der Struktur der Methodik und verschränken die verschiedenen Prozesse (fallführende Fachkraft und Klient:in / intra- und interprofessionelle Teams).
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- [In der beruflichen Praxis braucht es Gefässe für den fachlichen Austausch, u. a....](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-1)
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- [Eine Fallbesprechung ist ein sog. › kasuistischer Raum ‹ des gemeinsamen Nachden...](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-2)
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- [Eine Spezialform ist die organisationsübergreifende Fallbesprechung mit Fachpers...](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-3)
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- [In vielen sozialen Organisationen finden regelmässig -jede Woche, vierzehntäglic...](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-4)
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- [Die aus dem ärztlichen Kontext stammende Fallberatung nach Balint läuft ähnlich ...](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-5)
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- [Am Ende sind stets Anmerkungen zur Variante › Fallbesprechung mit Klientin ‹ ang...](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-6)
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- [Die beim zweiten Schritt aufgelisteten Klärungsfragen dienen dazu herauszufinden...](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-7)
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- [Der Falleinbringer trägt evtl. die Ergebnisse vor aus den Analysen, die bisher (...](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-8)
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- [16 Ein Beispiel: › Klientin X äussert, sie fühle sich einsam, aus Sicht der Prof...](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-9)
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- [Der Falleinbringer nennt die Fallthematik (= › worum geht es hier? ‹ ) und die A...](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-10)
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Fallbesprechungen bedürfen einer klaren zeitlichen Struktur und einer Moderation, die für thematische Fokussierung und Einhaltung des Zeitrahmens sorgt ([S. 196](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-15)). Die Moderationsaufgabe ist anspruchsvoll: Neben allgemeinen Moderationskompetenzen sind spezifische Kompetenzen hinsichtlich einer Methodik der Fallbearbeitung erforderlich. Die Moderation kann Teilaufgaben auch delegieren (z. B. Zeitverantwortung, Zusammenfassung der Erkenntnisse).
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Im Unterschied zur kollegialen Beratung – wie etwa der Fallberatung nach Balint, die von einem Supervisor geleitet wird und explizit mit emotionalen Reaktionen arbeitet ([S. 196](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-5)) – ist die Fallbesprechung im organisationalen Kontext stärker auf die Probleme im Klienten-Fall und die Ausgestaltung professioneller Unterstützung ausgerichtet, mit dem Ziel, ein vertieftes Verständnis für die Fallproblematik und neue Interventionsideen zu erarbeiten ([S. 196–197](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-16)).
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## KPG-Materialien im Überblick
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Die Materialiensammlung folgt dem KPG-Prozessmodell. Zunächst werden Leitfragen für die Fallvorstellung vorgestellt, dann Strukturierungshilfen für Kurz-Fallbesprechungen und Einordnung, anschliessend Leitfäden für jeden Prozessschritt ([S. 197](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-17)). Jeder Leitfaden enthält einen Einleitungstext für die Moderation sowie Zeitangaben als Orientierungshilfe. Zur Dokumentation wird eine fortlaufende Flip-Chart-Dokumentation empfohlen, damit Ergebnisse sichtbar gesichert und argumentative Wiederholungsschlaufen abgekürzt werden können.
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Die acht Module umfassen: (1) Fallvorstellung, (2) Fragen zur Einordnung/Kurzfallbesprechung, (3) Situationserfassung, (4) Analyse, (5) Diagnose, (6) Ziele, (7) Interventionsplanung und (8) Evaluation. Es ist gut möglich und oft sinnvoll, in einer Fallbesprechung zwei Prozessschritte zu bearbeiten, z. B. nach einer Diagnose sogleich Unterstützungsziele zu formulieren; die Anleitungen sind entsprechend zu modifizieren ([S. 197](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-17)).
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Die **Fallvorstellung** liefert in 3–8 Minuten die Pflichtinformationen (Person, Aufträge, aktuelle Fragestellung) sowie ausgewählte Kontextaspekte wie familiäre Situation, Biografie, Gesundheitszustand und Ressourcen. Die **Kurzfallbesprechung** nutzt Klärungsfragen, um herauszufinden, welcher Prozessschritt aktuell thematisiert werden soll, und schliesst stets mit der Frage nach den Folgerungen ([S. 199](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-7)).
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Bei der **Situationserfassung** gilt das Prinzip: Beschreiben, nicht bewerten – andersartige Aussagen werden von der Moderation eingeordnet als Bewertung (Analyse) oder Erklärung (Diagnose) ([S. 200](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-18)). Mindestens 60 % der Schilderungen sollen sich auf Positives beziehen (Ressourcenorientierung). Der Austausch kann auf die aktuelle Situation oder als Rückblick auf bisherige Arbeit ausgerichtet sein.
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Die **Analyse** beginnt damit, dass der Falleinbringer die Ergebnisse bisheriger Analysen vorträgt ([S. 201](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-8)). Die Moderation wählt eine geeignete Analysemethode: Fallinszenierung (Rollen der Beteiligten werden stellvertretend übernommen), Reflexion des Erlebens (schwierige Gefühle als Hinweise auf Dynamiken der Klient:in), offene oder systematische Beurteilung von Kompetenzen und Ressourcen, oder eine Perspektivenanalyse mit dem ganzen Hilfesystem. Divergierende Einschätzungen und Widersprüche – etwa wenn eine Klientin Einsamkeit äussert, obwohl sie stets in Kontakt mit Gleichaltrigen steht ([S. 204](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-9)) – werden gezielt aufgegriffen, gewichtet und zur Fallthematik verdichtet.
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In der **Diagnose** wird theoriegeleitet oder alltagsbasiert nach Erklärungen gesucht, etwa durch den bewussten Wechsel zwischen «bösem» und «freundlichem Blick» oder durch Heranziehen von Theorien und Studien. Das Ergebnis ist eine Arbeitshypothese im Format «wenn …, dann …»; der Falleinbringer nennt zu Beginn die Fallthematik und die bestehende Arbeitshypothese ([S. 206](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-10)). Bei der Variante mit Klient:innen empfiehlt sich der erste Teil als «reflecting team», bei dem der Klient ausschliesslich zuhört und danach mitteilt, welche Erklärungen einleuchten und wo er Widerspruch einlegt.
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Die **Zielformulierung** übersetzt diagnostische Erkenntnisse in Unterstützungsziele des Teams oder Bildungsziele gemeinsam mit Klient:innen. Ziele sollen zunächst motivierend und richtungsweisend sein (noch nicht SMART-formuliert); die «Wunderfrage» kann helfen, einen wünschenswerten Zustand zu formulieren ([S. 206](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-10)).
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Die **Interventionsplanung** kombiniert kreative Ideenfindung («Wer hat die verrückteste Idee?») mit systematischer Reflexion durch Best-/Worst-Case-Szenarien, «Katastrophen-» und «Erfolgsgeschichten» sowie die «Verschlimmerungsfrage». Klient und Sozialpädagogin beraten nach der Teambesprechung zu zweit weiter, welche Interventionen ausgewählt werden und was nun konkret getan werden soll. Es empfiehlt sich, diese Besprechung gemeinsam mit Klient:innen im «reflecting team» durchzuführen ([S. 197](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-17)).
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Die **Evaluation** schliesst den Kreislauf mit Rückblick auf Prozess, Kooperation und Ergebnisse. Sie fragt nach dem Gelingen der analytisch-diagnostischen Phase, der Wirksamkeit von Interventionen und den Lehren für künftige Fallarbeit. Eine Skalierungsfrage zur Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit, Fragen zur Kooperation aus Sicht der Klient:innen und die Bestimmung, was das Team für ähnliche Fälle mitnimmt, ergänzen die Fachperspektive ([S. 195](./section_10_fallbesprechungs-materialien.evidence.md#reference-4)).
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@ -85,3 +85,75 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 231
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- **Lines:** 3289–3289
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- **Quote:** "vor ist Lea aber insgesamt eher zurückhaltend, besonders gegenüber Knaben verhält sie sich noch immer sehr distanziert."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Sprechen ist schwierig
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- **Section:** Vorgeschichte
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- **Pages:** 217
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- **Lines:** 3027–3027
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- **Quote:** "Frau Müller berichtet, dass Lea zwischen drei und acht Jahren immer wieder deutliche Symptome eines selektiven Mutismus gezeigt habe, u. a. sozialer Rückzug, starke Ängste, Schweigen bei Fremden, keine Kontaktaufnahme von sich aus. Im Alter von vier Jahren wurde bei Lea eine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr diagnostiziert; links hat sie ein normales Hörvermögen."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Sprechen ist schwierig
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- **Section:** Gegenwärtige Situation
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- **Pages:** 218
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- **Lines:** 3039–3040
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- **Quote:** "Auf der Wohngruppe hingegen erleben wir Sozialpädagoginnen Lea als zurückhaltend, abwartend und zuhörend, als ein Mädchen, das sich die Welt durch Beobachten erschliesst. In der Anfangszeit äusserte sie oft, dass es ihr zu laut sei. Von sich aus nimmt Lea keinen Kontakt zu anderen Kindern auf und spricht nicht viel."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Sprechen ist schwierig
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- **Section:** Planung (Analyse)
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- **Pages:** 219–220
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- **Lines:** 3055–3057
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- **Quote:** "Um mehr über die Bedürfnisse und Wünsche von Lea zu erfahren, möchte ich neben dem ICF-Formular die sog. › Silhouette ‹ nutzen. Das ist ein Notationssystem, mit dem die Selbstsicht der Klientin hinsichtlich ihrer Stärken, Probleme, Wünsche und Alpträume erfasst wird"
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Sprechen ist schwierig
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- **Section:** Umsetzung
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- **Pages:** 220
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- **Lines:** 3073–3076
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- **Quote:** "Als Lea aufschrieb »mit anderen Kindern sprechen« wurde ich hellhörig, da sich das mit unseren Beobachtungen deckte. Ich fragte sie, inwiefern das für sie eine Herausforderung darstelle. Lea zuckte mit den Schultern und sagte, dass sie keine Ahnung habe. Mit Erwachsenen sei es kein Problem, aber mit Kindern sei es schwierig. Manchmal wolle sie etwas sagen, aber es gehe einfach nicht."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Sprechen ist schwierig
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- **Section:** Fallthematik
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- **Pages:** 223–224
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- **Lines:** 3189–3195
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- **Quote:** "Lea ist ein 12-jähriges, selbstständiges und pflichtbewusstes Mädchen mit einer Hörbeeinträchtigung, das seit sieben Monaten auf dem Landenhof platziert ist, und in der vorherigen öffentlichen Schule auf Überforderungssituationen und negative Erlebnisse mit Peers mit Schulverweigerung und Symptomen des selektiven Mutismus reagierte; der es schwer fällt mit anderen Kindern zu sprechen oder Kontakt aufzunehmen und die unter Ängsten leidet; für die sich alle wünschen (auch sie selber), dass sie sich von ihren Ängsten und Sorgen befreien kann und lernt, mit anderen zu kommunizieren."
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## Reference 16
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Sprechen ist schwierig
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- **Section:** Theoriegeleitetes Fallverstehen
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- **Pages:** 224–225
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- **Lines:** 3217–3219
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- **Quote:** "Selektiver Mutismus gilt als eine emotional bedingte Störung der sprachlichen Kommunikation. In gewissen Situationen tritt bei den Betroffenen eine umfassende Sprachlosigkeit auf, obwohl sie in einem anderen Kontext sprechen können."
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## Reference 17
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Sprechen ist schwierig
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- **Section:** Theoriegeleitetes Fallverstehen
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- **Pages:** 226
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- **Lines:** 3233–3234
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- **Quote:** "Im Gespräch mit der Psychologin vom Landenhof kam zum Ausdruck, dass der Umgang mit Angst sehr abhängig von den Reaktionen des Umfelds sei. Erfolgserlebnisse sollen gefördert und gefeiert werden, statt die Angst in den Vordergrund zu stellen und emotional mit Lea › mit zu schwingen ‹ . Man dürfe sich auch nicht verleiten lassen, sie zu schonen oder auf ihr Vermeidungsverhalten einzugehen ( › sanfter Druck ‹ )."
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## Reference 18
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Sprechen ist schwierig
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- **Section:** Theoriegeleitetes Fallverstehen
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- **Pages:** 227
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- **Lines:** 3245–3247
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- **Quote:** "Wenn Lea immer wieder kleine Erfolgserlebnisse im Umgang mit Gleichaltrigen machen kann und ihr Umfeld nicht mit ihren Ängsten mitschwingt, dann können die Angst, das Vermeidungsverhalten und die psychosomatischen Symptome schrittweise abgebaut sowie ihre Selbstwirksamkeit gestärkt werden, was Lea wiederum darin unterstützt, mit anderen Kindern Kontakt aufzunehmen, Freundschaften zu schliessen, somit ihre Entwicklungsaufgaben angemessen zu bewältigen und Sozialkompetenzen aufzubauen."
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# »Sprechen ist schwierig« – Analyse und Diagnose in einem Fall der stationären Kinderhilfe
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*Noëmi Hauri*
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*Noëmi Hauri* | **Seiten:** 216–232 | **Zeilen:** 3003–3317
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Dieser Praxisbeitrag beschreibt die KPG-gestützte Fallarbeit mit Lea, einem 12-jährigen Mädchen mit selektivem Mutismus, in der Stiftung Landenhof — einer stationären Einrichtung für hörbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche in der Schweiz. Die Autorin absolvierte dort die studienbegleitende Praxisausbildung und legte besonderen Wert darauf, die Fallbearbeitung in enger Kooperation mit dem Kind zu gestalten ([S. 216](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-1)). Der Schwerpunkt liegt auf den Prozessschritten Situationserfassung, Analyse und Diagnose gemäss KPG.
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Fallbeschreibung aus der Stiftung Landenhof (Über ein 12-jähriges Mädchen mit selektivem Mutismus. Schwerpunkt auf Situationserfassung, Analyse und Diagnose nach KPG in der stationären Kinderhilfe für Hörbeeinträchtigte.
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## Situationserfassung
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Lea hat zwei Geschwister, darunter eine Zwillingsschwester, und zeigt seit dem dritten Lebensjahr Symptome eines selektiven Mutismus — sozialer Rückzug, starke Ängste, Schweigen bei Fremden, keine eigenständige Kontaktaufnahme. Im Alter von vier Jahren wurde bei ihr zudem eine einseitige, an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit diagnostiziert ([S. 217](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-11)).
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**Seiten:** 216–232 | **Zeilen:** 3003–3317
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In einer Teilintegrationsklasse ab der dritten Klasse fand Lea zunächst eine Freundin, wurde dann aber durch die kommunikativen und sozialen Anforderungen der Regelklasse überfordert: Es kam zu Aggressivität, Frustration, Schulverweigerung und einer Neubelebung der mutistischen Symptomatik ([S. 217](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-2)). Eine therapeutische Begleitung und der Rückbau der Integration brachten Entlastung, doch die Überforderung im grösseren Umfeld blieb bestehen, weshalb der Wechsel auf den Landenhof beschlossen wurde.
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Auf der Wohngruppe wird Lea als zurückhaltend, abwartend und zuhörend wahrgenommen — ein Mädchen, das sich die Welt durch Beobachten erschliesst; von sich aus nimmt sie keinen Kontakt zu Gleichaltrigen auf und spricht wenig ([S. 218](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-12)). Gleichzeitig zeigt sie Ressourcen: Sie ist selbstständig, pflichtbewusst, liest viel, kann gut zeichnen und reist eigenständig mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
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## Key Points
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Die dreimonatige Situationserfassung ergab ein Bild mit Ressourcen und Schwierigkeiten, wobei die vorläufigen Themen Sozialkompetenz und selektiver Mutismus im Zentrum standen. Allerdings war eine grosse Lücke offengeblieben: Leas eigene Wünsche und Ziele waren noch nicht herausgearbeitet worden, was im Prozessschritt Analyse nachgeholt werden sollte ([S. 219](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-3)).
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- Kontext: Stationäre Einrichtung der Kinder-/Jugendhilfe für hörbeeinträchtigte Kinder
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- Die Kooperation mit der Klientin ist eine besondere Herausforderung (selektiver Mutismus)
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- Situationserfassung umfasst Vorgeschichte, gegenwärtige Situation und Standortgespräch
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- Die Analyse verwendet die Problem- und Ressourcenanalyse nach Geiser und die ICF-Struktur
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- Die Diagnose erfolgt durch theoriegeleitetes Fallverstehen
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- Kooperative Gestaltung trotz eingeschränkter verbaler Kommunikation
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## Analyse
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Um die Perspektive des Kindes zu erfassen, nutzte die Autorin neben dem ICF-Formular die sog. Silhouette — ein Notationssystem, mit dem Stärken, Probleme, Wünsche und Alpträume der Klientin visualisiert werden ([S. 219–220](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-13)). Sie gestaltete eine kindergerechte Version mit farbigen Bildern und bereitete das Gespräch detailliert vor, mit klarem Ablauf, Zielen und Best-/Worst-Case-Szenarien.
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## Evidence References
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Lea notierte rasch sieben Stärken und schrieb bei den Schwierigkeiten »mit anderen Kindern sprechen«: Mit Erwachsenen sei es kein Problem, doch mit Kindern gehe es einfach nicht — manchmal wolle sie etwas sagen, aber es komme nichts ([S. 220](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-14)). Auf die Wunderfrage hin vermerkte sie denselben Wunsch bei den Träumen; bei den Alpträumen notierte sie die Angst, ausgelacht zu werden.
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- [Die nachfolgende Fallbeschreibung stammt aus der Stiftung Landenhof, Zentrum und...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-1)
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- [Vom Kindergarten bis Ende der zweiten Klasse besuchte Lea eine Schule am Wohnort...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-2)
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- [Um der Komplexität des Falles gerecht zu werden und die Fallthematik genau besti...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-3)
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- [nungen in Sätzen verstehen und lösen; den Rechenstoff, der in der Klassen durchg...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-4)
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- [Beim ICF-Formular schrieb Lea zuerst drei Sätze zu ihrer allgemeinen Befindlichk...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-5)
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- [Das Standortgespräch erachte ich als ein wichtiges Gefäss, um die Ansichten alle...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-6)
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- [2005:131). Freundschaften geben emotionale Geborgenheit und überwinden Gefühle d...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-7)
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- [Mit Blick auf die Zukunft und darauf, was dieser Bedingungszusammenhang sowie di...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-8)
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- [Die Kooperation mit Lea bereitete mir im Vorfeld Kopfzerbrechen. Ich hatte zunäc...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-9)
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- [vor ist Lea aber insgesamt eher zurückhaltend, besonders gegenüber Knaben verhäl...](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-10)
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Im ICF-Formular schätzte Lea sich bei fast allen Items positiv ein; einzig beim »Umgang mit Menschen« wählte sie ein mittleres Kästchen und verwies auf die genannten Schwierigkeiten ([S. 222](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-5)).
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Im Standortgespräch — einer mündlichen Perspektivenanalyse mit Lea, Eltern, Lehrperson und Bezugsperson — zeigte sich eine deckungsgleiche Sichtweise aller Anwesenden, was die Kooperation erleichterte und keine weitere Auftragsklärung erforderte ([S. 224](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-6)). Alle sahen eine Schwierigkeit beim Umgang mit Kindern und wünschten sich, dass Lea mutiger wird und lernt, mit Gleichaltrigen zu sprechen.
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Die daraus abgeleitete Fallthematik beschreibt Lea als selbstständiges, pflichtbewusstes Mädchen, das in der vorherigen Schule auf Überforderung mit Schulverweigerung und Mutismus reagierte, dem es schwer fällt mit Gleichaltrigen zu kommunizieren, und für das sich alle — auch sie selbst — wünschen, dass sie ihre Ängste überwinden und sprechen lernen kann ([S. 223–224](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-15)).
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## Diagnose
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Im theoriegeleiteten Fallverstehen setzte sich die Autorin zunächst mit dem selektiven Mutismus auseinander: eine emotional bedingte Kommunikationsstörung, bei der in bestimmten Situationen eine umfassende Sprachblockade auftritt, obwohl die Betroffenen grundsätzlich sprechen können ([S. 224–225](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-16)). Das Schweigen stellt für das Kind eine subjektiv sinnvolle Bewältigungsstrategie dar; es muss das Sprechen als wertvolles kommunikatives Mittel erst kennen lernen.
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Zur Bedeutung der Peers: Gleichaltrigenbeziehungen sind unerlässlich für den Aufbau von Beziehungsfähigkeit und Sozialkompetenz; sie bieten ein Übungsfeld für Gegenseitigkeit, Perspektivenübernahme und Aushandeln und tragen wesentlich zur Identitätsentwicklung bei ([S. 226](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-7)).
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Zum Thema Angst betonte die Psychologin des Landenhofs, dass Erfolgserlebnisse gefördert und gefeiert werden sollen, statt mit Leas Ängsten emotional »mitzuschwingen«; ein »sanfter Druck« sei angebracht, da Schonung und Eingehen auf Vermeidungsverhalten kontraproduktiv wirkten ([S. 226](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-17)).
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Aus diesen Erkenntnissen formulierte die Autorin erklärende Hypothesen und leitete eine handlungsleitende Arbeitshypothese ab: Wenn Lea immer wieder kleine Erfolgserlebnisse im Umgang mit Gleichaltrigen machen kann und ihr Umfeld nicht mitschwingt, können Angst und Vermeidungsverhalten schrittweise abgebaut und ihre Selbstwirksamkeit gestärkt werden ([S. 227](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-18)).
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Daraus ergab sich die Fragestellung für die Professionellen: Wie gelingt es einerseits, Lea Möglichkeiten für Erfolgserlebnisse im Umgang mit Gleichaltrigen zu schaffen, und andererseits, das Umfeld zu ermutigen, nicht mit den Ängsten mitzuschwingen? ([S. 227](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-8))
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## Kooperation und Ergebnisse
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Die Kooperation bei der Diagnose bereitete der Autorin zunächst Kopfzerbrechen — am liebsten hätte sie auch geschwiegen, genau wie es Lea manchmal passiert. Sie stellte sich der Herausforderung, vereinfachte die Hypothesen und formulierte sie altersgerecht; Lea konnte den Überlegungen folgen, ihnen zustimmen und sogar eigene Erlebnisse einbringen ([S. 229](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-9)).
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Gemeinsam wurden Ziele formuliert — Angstbewältigung und Kontaktaufnahme mit Gleichaltrigen — und Interventionen vereinbart: ein Bonusplan für soziale Kontakte, eine Erfolgsliste, ein Pro-Juventute-Heft zum Thema Angst sowie gezielte Ermutigung durch alle Fachpersonen. Im Laufe des Schuljahrs wurde Lea zunehmend mutiger, stellte sich angsterfüllten Situationen, baute Freundschaften auf und konnte vermehrt mit Kindern kommunizieren — insgesamt blieb sie aber eher zurückhaltend, besonders gegenüber Knaben ([S. 231](./section_11_sprechen-ist-schwierig.evidence.md#reference-10)).
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@ -85,3 +85,48 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 242
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- **Lines:** 3438–3438
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- **Quote:** "Zu Beginn des Gesprächs erklärte ich Herrn K., in Bezug auf die Unterstützungsziele, was ich für das heutige Treffen geplante habe und holte sein Einverständnis dafür ein. Herr K. hatte wie vereinbart seine bisher zu Hause aufbewahrten Unterlagen mitgenommen und gemeinsam stellten wir einen Ordner zusammen. Wichtige Unterlagen, welche Herr K. nicht bei sich hatte, kopierte ich aus seiner Handakte."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Schritt in die Unabhängigkeit
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- **Section:** 1 Organisationaler Kontext
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- **Pages:** 234
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- **Lines:** 3329–3330
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- **Quote:** "Dementsprechend ist der materielle Auftrag der Sozialhilfe die Existenzsicherung, welche durch die Kantone gesetzlich geregelt wird. Gleichzeitig hat die gesetzliche Sozialhilfe aber auch den Auftrag der Sozialberatung. Die Aufgabe der gesetzlichen Sozialhilfe ist die Förderung der wirtschaftlichen und persönlichen Eigenständigkeit sowie die soziale und berufliche Integration in den ersten Arbeitsmarkt."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Schritt in die Unabhängigkeit
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- **Section:** 2.1 Prozessschritt Situationserfassung
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- **Pages:** 235
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- **Lines:** 3349–3351
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||||
- **Quote:** "Er habe eine Berufsattestlehre als Detailhandelassistent absolviert. Nach seiner Lehre habe er keine Stelle gefunden, seither sei er arbeitslos und auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen. Während der Sozialhilfeunterstützung im vorigen Kanton habe er verschiedene Arbeitsintegrationsprogramme besucht, jedoch sei ihm der Schritt in den ersten Arbeitsmarkt nie gelungen."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Schritt in die Unabhängigkeit
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- **Section:** Umsetzung
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- **Pages:** 239
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- **Lines:** 3395–3397
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||||
- **Quote:** "»Ein 26-jähriger Mann, welchem nach mehreren Jahren in der Sozialhilfe der Schritt in den ersten Arbeitsmarkt geglückt ist, bei dem jedoch Schwierigkeiten und Unsicherheiten im finanziell-administrativen Bereich vorhanden sind (z. B. Umgang mit einem Budget, Korrespondenz mit Sozialversicherungen)«."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Schritt in die Unabhängigkeit
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- **Section:** Reflexion (Interventionsdurchführung)
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- **Pages:** 242–243
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- **Lines:** 3447–3449
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- **Quote:** "Die Herausforderung bei diesem Prozessschritt stellte sich bei der Dosierung des Unterstützungsgrades dar (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:298f.). Einerseits sollte ich Herrn K. eine Hilfe zur Selbsthilfe bieten und ihn zur Selbständigkeit und Eigenverantwortung ermächtigen. Andererseits musste ich ihm auf Grund seiner bisherigen Biografie und den zeitlichen Rahmenbedingungen relativ viel vorgeben und erklären, was nach einer Ablösung von der Sozialhilfe auf ihn zukommt."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Schritt in die Unabhängigkeit
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- **Section:** 3 Erkenntnisse aus der Fallbearbeitung
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- **Pages:** 244
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- **Lines:** 3459–3461
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- **Quote:** "Ein solch bewusster Abschluss wäre auch ganz allgemein wichtig, um gemeinsam mit der Klientel den Prozess abzuschliessen, sodass danach etwas Neues beginnen kann. Wenn die Professionellen der Sozialen Arbeit besonders auch am Ende eines Unterstützungsprozesses Zeit investieren, wird der schwierige Übergang von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit besser gelingen und womöglich nachhaltiger sein."
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@ -1,33 +1,45 @@
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# Schritt in die Unabhängigkeit – Ein Fall in der Ablösung vom Sozialdienst
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*Sophie Löw*
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*Sophie Löw* | **Seiten:** 233–245 | **Zeilen:** 3319–3467
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Sophie Löw beschreibt den Ablösungsprozess eines 26-jährigen Sozialhilfebezügers vom Sozialdienst einer Schweizer Gemeinde. Der Fokus liegt auf den Prozessschritten Analyse und Interventionsdurchführung; Zielsetzung und Interventionsplanung werden nur kurz behandelt ([S. 233](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-1)). Ziel ist es, dem Klienten etwas konkret Anwendbares für die Zeit nach der Ablösung mitzugeben.
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Fallbearbeitung aus der gesetzlichen Sozialhilfe, in der der Ablösungsprozess eines Klienten vom Sozialdienst thematisiert wird. Fokus auf Analyse und Interventionsdurchführung.
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## Organisationaler Kontext
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Die Autorin arbeitete während ihrer berufsbegleiteten Ausbildung auf dem Sozialdienst der Gemeinde B., der als Abteilung der kommunalen Verwaltung gesetzliche Sozialhilfe, Kindes- und Erwachsenenschutz sowie freiwillige Einkommensverwaltungen anbietet. Die gesetzliche Sozialhilfe hat einen doppelten Auftrag: Existenzsicherung einerseits, Förderung der wirtschaftlichen und persönlichen Eigenständigkeit sowie soziale und berufliche Integration andererseits ([S. 234](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-11)).
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**Seiten:** 233–245 | **Zeilen:** 3319–3467
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Es existieren zwar viele Checklisten für administrative Abläufe, doch definierte Leitlinien und Konzepte zur inhaltlichen Arbeit mit der Klientel fehlen ([S. 234](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-2)). Dieser Umstand führte dazu, dass die Autorin für die Fallbearbeitung selbst Instrumente entwickelte.
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## Situationserfassung
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## Key Points
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Herr K., 26 Jahre alt, bezog zuvor rund vier Jahre Sozialhilfe in einem anderen Kanton. Er absolvierte eine Berufsattestlehre als Detailhandelsassistent, fand danach keine Stelle und besuchte verschiedene Arbeitsintegrationsprogramme, ohne dass ihm der Schritt in den ersten Arbeitsmarkt gelang ([S. 235](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-12)). Als Grund nannte er, dass immer wieder etwas dazwischengekommen sei — Wohnwechsel oder familiäre Konflikte —, was ihn aus der Bahn geworfen habe.
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- Kontext: Gesetzliche Sozialhilfe in einer Schweizer Gemeinde
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- Fokus auf Analyse und Interventionsdurchführung im Ablösungsprozess
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- Ziel: Dem Klienten konkret Anwendbares für die Zeit nach der Ablösung mitgeben
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- Situationserfassung und Analyse des sozialen und beruflichen Kontexts
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- Reflexion der Prozessschritte Zielsetzung und Interventionsplanung
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- Erkenntnisse aus der Fallbearbeitung für die Praxis der Sozialhilfe
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In seiner Jugend hatte er grosse Auseinandersetzungen mit seiner Mutter; der Vater lebt in Kambodscha, die Mutter war nach Italien abgereist, ihr genauer Aufenthaltsort war weder ihm noch seiner Schwester bekannt ([S. 235](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-3)). Am früheren Wohnort besuchte er regelmässig einen Psychotherapeuten und wünschte sich auch weiterhin eine Gesprächsperson.
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Nach einer einmonatigen Potenzialabklärung, die ihm die Voraussetzungen für den ersten Arbeitsmarkt attestierte, arbeitete Herr K. ab Juli freiwillig in einer Stiftung für Menschen mit Beeinträchtigung. Im November bestätigte er, per Januar eine Festanstellung antreten zu können; die Sozialhilfe leistete somit nur noch bis Ende Januar finanzielle Unterstützung ([S. 236](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-4)). Damit zeichnete sich der Ablösungsprozess ab, auf den die Autorin ihre Fallbearbeitung richtete.
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## Evidence References
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## Analyse
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- [Der vorliegende Artikel greift einen Fall aus der gesetzlichen Sozialhilfe auf, ...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-1)
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- [Auf dem Sozialdienst B. gibt es viele Checklisten für administrative Abläufe. Es...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-2)
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- [Herr K. erzählte, er habe in seiner Jugendzeit grosse Auseinandersetzungen mit s...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-3)
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- [wahrscheinlich eine Festanstellung erhalten werde. Im November bestätigte Herr K...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-4)
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- [Im Gespräch soll ein gemeinsames, möglichst offenes Brainstorming zu den einzeln...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-5)
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- [Im Bereich der › Finanzen ‹ stellte Herr K. viele Fragen: Wie gehe ich mit den E...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-6)
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- [Die ausgewählte Methode ist keine im Buch von Hochuli Freund/Stotz (2015) vorges...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-7)
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- [Die Schritte der Zielsetzung und der Interventionsplanung werden kurz gehalten u...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-8)
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- [Ein Teilschritt im Rahmen der Interventionsplanung ist die Reflexion der Interve...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-9)
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- [Zu Beginn des Gesprächs erklärte ich Herrn K., in Bezug auf die Unterstützungszi...](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-10)
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Um herauszufinden, in welchem Lebensbereich Herr K. Unterstützung benötigt, entwickelte die Autorin selbst eine teilstandardisierte Analysemethode — da am Sozialdienst B. keine entsprechenden Verfahren vorhanden waren ([S. 239](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-7)). Im Gespräch vom 22. Dezember führten sie ein offenes Brainstorming zu den fünf Lebensbereichen Soziales Umfeld, Gesundheit, Wohnen, Arbeit und Finanzen; die Inhalte wurden auf je einem Blatt mit Stichpunkten festgehalten ([S. 236–237](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-5)). Herr K. wählte selbst die Reihenfolge der Bereiche und sprach offen über Stärken, Schwierigkeiten und Befürchtungen.
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Im Bereich Finanzen stellte Herr K. die meisten Fragen: Umgang mit Budget, Nichterwerbstätigenbeiträge, Ablauf bei der Krankenkasse, Selbstbehalt und Franchise, Schuldenabbau, Steuererklärung und zweite Säule ([S. 237](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-6)). Am Ende des Gesprächs markierten sie die jeweiligen Schwierigkeiten auf den Blättern, wodurch deutlich wurde, dass die grössten Unsicherheiten im finanziell-administrativen Bereich lagen.
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Die abgeleitete Fallthematik beschrieb einen 26-jährigen Mann, dem nach mehreren Jahren Sozialhilfe der Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt geglückt ist, bei dem jedoch erhebliche Schwierigkeiten und Unsicherheiten im finanziell-administrativen Bereich bestehen — etwa im Umgang mit einem Budget oder bei der Korrespondenz mit Sozialversicherungen ([S. 239](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-13)). Da ein klarer Handlungsbedarf und kein weiterer Erklärungsbedarf vorlag, wurde der Prozessschritt Diagnose übersprungen.
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## Zielsetzung und Interventionsplanung
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Zielsetzung und Interventionsplanung wurden bewusst kurz gehalten; die Autorin wollte Herrn K. beim letzten Termin etwas Brauchbares für die Zukunft mitgeben ([S. 240](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-8)). Das Fernziel orientierte sich an den SKOS-Richtlinien — ein selbstbestimmtes, teilhabendes und finanziell unabhängiges Leben. Das Grobziel lautete: Herr K. soll finanzielle und administrative Angelegenheiten langfristig eigenständig führen können. Dafür formulierte die Autorin fünf Unterstützungsziele — von der Erklärung des Krankenkassensystems über die Zusammenstellung eines Ordners mit den wichtigsten Unterlagen bis zur Information über Schuldenberatung und anfallende Kosten nach der Ablösung.
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Bei der Reflexion der Interventionsmöglichkeiten stellte die Autorin fest: Es könnte alles gut gehen und Herr K. würde sich die fehlenden Informationen selbständig einholen — es könnte aber auch sein, dass er überfordert ist, die Arbeit verliert und wieder Schulden anhäuft ([S. 241](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-9)). Ein weiteres Risiko bestehe darin, dass andere Lebensbereiche dominanter werden und Herr K. die erarbeiteten Materialien gar nicht mehr nutzen könne.
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## Interventionsdurchführung
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Das Abschlussgespräch fand schliesslich im Februar statt, nachdem der Termin zweimal verschoben werden musste. Die Autorin erklärte Herrn K. die geplanten Inhalte und holte sein Einverständnis ein; gemeinsam stellten sie einen Ordner mit den wichtigsten Unterlagen zusammen, wobei fehlende Dokumente aus der Handakte kopiert wurden ([S. 242](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-10)). Sie erläuterte die Abläufe der Krankenkasse mit einem fiktiven Rechenbeispiel zu Franchise und Selbstbehalt, übergab Informationsblätter zur Schuldenberatung in der Region und ein Budgetblatt für die künftigen Ausgaben.
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Die zentrale Herausforderung lag in der Dosierung des Unterstützungsgrades: Einerseits galt es, Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten und Herrn K. zur Eigenverantwortung zu ermächtigen; andererseits musste die Autorin ihm auf Grund seiner Biografie und der knappen Zeit relativ viel vorgeben und erklären ([S. 242–243](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-14)). Gewisse Unterlagen überliess sie ihm bewusst ohne ausführliche Erklärung, um ihn darauf hinzuleiten, sich bei Unklarheiten die benötigten Informationen selbständig zu beschaffen.
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## Erkenntnisse
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Die Autorin betont, dass ein bewusster Abschluss auch allgemein wichtig wäre, damit der schwierige Übergang von der Abhängigkeit in die Unabhängigkeit besser gelingt und nachhaltiger ist ([S. 244](./section_12_schritt-in-die-unabhaengigkeit.evidence.md#reference-15)). Die Gesellschaft erwartet eine längerfristige Ablösung von der Sozialhilfe, stellt aber nicht die nötigen Ressourcen bereit, damit dieser Anspruch eingelöst werden kann.
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Intra- und interprofessionelle Kooperation fand bei dieser Fallarbeit kaum statt, da Analyse und Intervention das Nichtwissen im finanziell-administrativen Bereich fokussierten. Die fehlende Evaluation bleibt als Schwachstelle bestehen: Beim Sozialdienst B. gibt es keinen institutionalisierten Rückblick im Abschlussgespräch — die Checkliste für das letzte Klientengespräch enthält nur formale Punkte wie die Abmeldung bei Sozialversicherungen. Sowohl für die Klientel als auch für die Institution wäre eine bewusste Evaluation wichtig, da sie eine Möglichkeit zu lernen beinhaltet.
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@ -85,3 +85,48 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 254
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- **Lines:** 3583–3583
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- **Quote:** "Auf Grund der vielen formalen und v. a. persönlichen Kompetenzen entschieden meine PA und ich, dass wir zusätzlich die bisher geleistete Freiwilligenarbeit von R. in der Organisation analysieren sollten, und zwar vor dem Hintergrund der für diese Ausbildung erforderlichen persönlichen Kompetenzen. Erst jetzt machte ich mir konkrete Gedanken über ein geeignetes Analyseinstrument."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Stationäre Suchthilfe
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- **Section:** 1.1 Organisationspraktiken
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- **Pages:** 246
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- **Lines:** 3485–3490
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- **Quote:** "Der Therapieprozess umfasst einen 12- bis 15-monatigen stationären Aufenthalt mit nahtlosen Übergängen zwischen vier verschiedenen Therapiestufen:"
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Stationäre Suchthilfe
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- **Section:** 1.1 Organisationspraktiken
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- **Pages:** 247
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- **Lines:** 3504–3505
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- **Quote:** "Die Organisation arbeitet nicht nach Kooperativer Prozessgestaltung (KPG). Einzelne Abläufe und Methoden lassen sich zwar gut denjenigen des KPG-Modells zuordnen, jedoch sind in der Organisation nur wenige Hilfsmittel zur Strukturierung der sozialpädagogischen oder sozialarbeiterischen Begleitung vorhanden."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Stationäre Suchthilfe
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- **Section:** Vorüberlegungen, Planung
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- **Pages:** 252
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- **Lines:** 3556–3560
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- **Quote:** "Im Hinblick auf R.s Berufswunsch soll auf der Grundlage der Situationserfassung gemeinsam mit R. eine Art Zeitstrahl erstellt werden, welcher sich in die Zukunft richtet und die jeweiligen Schritte und die damit einhergehenden Etappen, Voraussetzungen und Kompetenzen beinhaltet, die nötig sind, um dieses berufliche Ziel zu erreichen."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Stationäre Suchthilfe
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- **Section:** Umsetzung
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- **Pages:** 255
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- **Lines:** 3589–3591
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- **Quote:** "Als Fazit der Analyse kristallisierte sich heraus, dass R. sehr hohe Ansprüche an sich selber hat und sehr kritisch mit diesen umgeht. Er ist sich vollkommen bewusst, welche Kompetenzen er im Hinblick auf die angestrebte Ausbildung noch weiter entwickeln muss. Der hauptsächliche Entwicklungsbedarf besteht in Einsatz und Engagement für seinen eigenen Prozess, in der Organisation und Koordination der Arbeitsaufgaben mit seiner Rolle als Vater, in Zuverlässigkeit und Verbindlichkeit sowie im Erledigen seiner Administration."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Stationäre Suchthilfe
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- **Section:** 3.2 Erkenntnisse
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- **Pages:** 256–257
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- **Lines:** 3607–3609
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- **Quote:** "Die klare Struktur des KPG-Modells, die den roten Faden für einen sehr partizipativen Arbeitsprozess sicherstellte, haben alle Beteiligten durchgehend als sehr unterstützend erlebt. Diese Struktur war auch hilfreich für eine enge Kooperation mit den anderen Fachkräften, was ich für einen wichtigen Wirkfaktor halte, ebenso wie meine Transparenz und Offenheit gegenüber R."
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@ -1,33 +1,45 @@
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# Kooperative Prozessgestaltung in der stationären Suchthilfe – Zielkarte für einen herausfordernden Berufswunsch
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*Andrea Hauri*
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*Andrea Hauri* | **Seiten:** 246–257 | **Zeilen:** 3471–3617
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Andrea Hauri dokumentiert eine Fallbearbeitung in der stationären Suchthilfe, in der sie über neun Monate einen Klienten mit langjähriger Suchtgeschichte begleitete, der sich ein hohes Ausbildungsziel setzte. Mittels kooperativ gestalteter Situationserfassung und Analyse zum Thema berufliche Integration zeigt sie, wie mit diesem Spannungsfeld professionell umzugehen ist ([S. 246](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-1)).
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Fallbearbeitung eines Klienten mit langjähriger Suchtgeschichte und hohem Ausbildungsziel. Ausführliche kooperativ gestaltete Situationserfassung und Analyse zum Thema berufliche Integration.
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## Kontext und Organisation
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Die Fallbearbeitung ist in einem anerkannten Kompetenzzentrum zur stationären Behandlung von Süchtigkeit angesiedelt, das sowohl stationäre als auch ambulante Angebote umfasst. Der Therapieprozess umfasst einen 12- bis 15-monatigen Aufenthalt mit nahtlosen Übergängen zwischen vier Therapiestufen — von Abklärung über Vertiefung und soziale/berufliche Wiedereingliederung bis zur Integration in ein autonomes Leben ([S. 246](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-11)).
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**Seiten:** 246–257 | **Zeilen:** 3471–3617
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Als Arbeitsgrundlage dient ein potenzialorientiertes, ganzheitliches Behandlungskonzept — die sogenannte Tiefensystemik —, das aus systemischer Suchttherapie, Selbsthilfekonzepten, Meditationstechniken und systemischer Paar-/Familientherapie besteht ([S. 246](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-2)). Vor dem Hintergrund eines humanistischen Menschenbilds werden Krisen als Chancen zur Weiterentwicklung betrachtet; als wichtigste Grundregeln gelten die Abstinenz von Drogen, Alkohol und Medikamenten sowie keine Gewaltandrohung. Ergänzend werden eine sozialdienstliche Begleitung und eine umfassende Nachbetreuung angeboten. Die Organisation arbeitet jedoch nicht explizit nach KPG; Hilfsmittel zur Strukturierung der sozialpädagogischen Begleitung fehlen weitgehend ([S. 247](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-12)).
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## Der Klient und sein Berufswunsch
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## Key Points
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Im Zentrum steht der 44-jährige, verheiratete Klient R. mit einem 3-jährigen Sohn, der aufgrund einer schweren Sucht- und Deliktgeschichte freiwillig in die stationäre Therapie eingetreten ist. Er befindet sich seit ca. 27 Monaten — überdurchschnittlich lang dank einer offenen Kostengutsprache — in der Organisation und lebt nun in der Integrationsphase in einer externen Integrationswohnung. Er erhält keine therapeutische Begleitung mehr innerhalb der Organisation, nimmt jedoch wöchentliche Gespräche mit einem externen Psychotherapeuten wahr.
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- Kontext: Stationäre Suchthilfe – Kompetenzzentrum zur Behandlung von Süchtigkeit
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- Der Klient setzt sich ein hohes Ausbildungsziel trotz langjähriger Suchtgeschichte
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- Ausführliche kooperative Situationserfassung und Analyse zur beruflichen Integration
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- Prozessschritte umfassen Situationserfassung, Analyse und Folgerungen
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- Die Zielkarte als Instrument für die kooperative Zielarbeit
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- Erkenntnisse für die Weiterarbeit und allgemeine methodische Erkenntnisse
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R. hat keine abgeschlossene Berufslehre, bezieht wegen eines Rückenleidens und der Suchtfolgen eine volle IV-Rente und verfolgt das Ziel, an der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik zu studieren — ein ambitioniertes Vorhaben, für das verschiedene Strategien mit und ohne IV-Unterstützung auszuloten sind ([S. 247](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-3)). Aktuell leistet er im Rahmen eines 50%-Pensums Freiwilligenarbeit in der Organisation und unterstützt neue Klientinnen und Klienten. Seit mehreren Wochen zeigt er sich jedoch zunehmend unverbindlich bei Terminvereinbarungen und dem Erledigen von Pendenzen.
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## Grundhaltung und Neustart
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## Evidence References
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Da durch diverse Bezugspersonenwechsel viele Informationen zum Prozessverlauf nicht dokumentiert und einige Prozessschritte offenbar nicht durchgeführt worden sind, richtet die Autorin den Fokus auf Situationserfassung und Analyse zum Thema berufliche Integration. Ihre Grundhaltung ist geprägt von Transparenz, Partizipation und Offenheit; R.s Berufswunsch soll ernst genommen, zugleich aber unter Berücksichtigung seiner Suchtgeschichte kritisch beleuchtet werden ([S. 248](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-4)). Die konkrete Planung wird fortlaufend mit der Praxisanleiterin vor- und nachbereitet. Sie bietet R. einen bewussten «Neustart» der Zusammenarbeit an, um bisherige Unstimmigkeiten hinter sich zu lassen.
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- [Die nachfolgend dokumentierte Fallbearbeitung thematisiert einen Fall in der sta...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-1)
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- [Die Arbeitsgrundlage der Organisation ist ein wissenschaftlich fundiertes, poten...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-2)
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- [Bei ihm steht momentan die berufliche Integration im Vordergrund. R. hat keine a...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-3)
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- [Die einzelnen Prozessschritte möchte ich in stetiger Zusammenarbeit mit R. durch...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-4)
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- [Wie geplant befasste ich mich zunächst mit dem Aktenstudium und fokussierte mich...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-5)
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- [Weil R. in diesem Erkundungsgespräch seinen Berufswunsch, die Höhere Fachschule ...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-6)
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- [Es war nicht einfach, den Prozess zu starten. Zum einen, weil während R.s bisher...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-7)
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- [Für den gesamten Analyseprozess in direkter Zusammenarbeit mit R. stehen mir vie...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-8)
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- [den auch die Stellen markiert, wo die Herausforderung der Koordination der Ausbi...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-9)
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- [Auf Grund der vielen formalen und v. a. persönlichen Kompetenzen entschieden mei...](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-10)
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## Situationserfassung
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Ein Aktenstudium ergibt, dass in der Organisation während R.s bisheriger Therapie nie eine berufliche Anamnese erhoben wurde — Einträge zur beruflichen Situation existieren erst seit der Autorin als Bezugsperson ([S. 249](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-5)). Sie entwickelt einen allgemeinen Fragebogen mit 19 Fragen zu Schulbildung, Arbeitserfahrung, Berufswünschen, Ressourcen und Defiziten. Dieses Fehlen vorhandener Instrumente bot zugleich die Chance, ein flexibles Erfassungsinstrument zu schaffen, das im Qualitätsmanagementsystem der Organisation allen Mitarbeitenden zugänglich gemacht wurde ([S. 251](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-7)).
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R. wird anhand einer Visualisierung über das KPG-Modell informiert und kann den Erklärungen gut folgen; die Idee des Neustarts nimmt er mit Begeisterung und Erleichterung auf. Im formellen Erkundungsgespräch — Punkt für Punkt gemeinsam durchgearbeitet — betont er erneut seinen Berufswunsch, woraufhin die Praxisausbildnerin und die Autorin spontan eine Fallkonferenz mit R.s externem Psychotherapeuten einberufen ([S. 250](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-6)). In dieser Konferenz — an der das gesamte Team teilnimmt — werden R.s Herausforderungen multiperspektivisch beleuchtet; es gibt kritische Stimmen, aber keine Einwände dagegen, R. in seinem Berufswunsch zu unterstützen. Die interprofessionelle Zusammenarbeit wird neu geregelt: Schwierigkeiten wie Unverbindlichkeit sollen künftig an den Psychotherapeuten weitergeleitet werden, damit in den Therapiestunden daran gearbeitet werden kann. Die IV lehnt eine berufliche Massnahme zunächst ab, was sich künftig ändern kann; im BIZ ist der Berufsfindungsprozess bereits abgeschlossen.
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## Analyse: Zielkarte und Kompetenzanalyse
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Für die Analyse stehen vier Termine zur Verfügung ([S. 252](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-8)). Als zentrales Instrument entwickelt die Autorin gemeinsam mit R. einen zukunftsorientierten Zeitstrahl — die sogenannte Zielkarte —, der die Etappen, Voraussetzungen und Kompetenzen auf dem Weg zum Ausbildungsziel visualisiert ([S. 252](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-13)). Die Darstellung in Treppenform soll einer Entmutigung entgegenwirken und den Prozess in machbare Teilschritte gliedern. R. hatte sich bereits im Vorfeld über die Ausbildung informiert und brauchte lediglich eine strukturierte Anleitung, um die verschiedenen Etappen benennen zu können.
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Auf der Zielkarte werden auch neuralgische Punkte markiert — insbesondere die Koordination von Ausbildung und familiären Pflichten sowie die Studienfinanzierung ([S. 253](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-9)). Um etwas Druck aus dem Fahrplan zu nehmen, wird eine zusätzliche Etappe eingebaut: die Freiwilligenarbeit, in die R. bereits eingebunden ist. Die formalen Voraussetzungen für die Höhere Fachschule werden auf einem separaten Flipchart zusammengetragen.
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Ergänzend wird eine Kompetenzanalyse anhand eines individuell zugeschnittenen Fragebogens durchgeführt, der sich am Praxisempfehlungsraster der Höheren Fachschule orientiert und sowohl quantitative (Skala 0–10) als auch qualitative Elemente enthält ([S. 254](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-10)). Neben R.s Selbsteinschätzung und der Fremdeinschätzung der Autorin wird ein weiterer therapeutischer Mitarbeiter einbezogen. In einem gemeinsamen Termin zu dritt werden alle Einschätzungen Frage für Frage vorgestellt — jeweils mit R. beginnend —, ohne vorab zu diskutieren.
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Als Fazit zeigt sich, dass R. seine Defizite realistisch und sehr kritisch einschätzt; der grösste Entwicklungsbedarf liegt bei Verbindlichkeit, Engagement, Organisation und Koordination der Aufgaben mit seiner Rolle als Vater sowie im Erledigen der Administration ([S. 255](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-14)).
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## Erkenntnisse
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Nach der Umsetzung beider Prozessschritte findet ein internes Standortgespräch statt, in dem R.s weiterer Therapieverlauf mit Blick auf sein berufliches Ziel besprochen wird. Es wird vereinbart, dass R. seinen Aufenthalt noch autonomer und eigenverantwortlicher gestalten kann; gleichzeitig werden verbindliche Termine festgelegt und Konsequenzen für unverbindliches Verhalten definiert.
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Der neuen Bezugsperson wird empfohlen, die Arbeit an der KPG-Struktur auszurichten und die nächsten Schritte individuell und kreativ zu gestalten. R.s viele kleine Schritte sollen vor dem Hintergrund der Zielkarte gewürdigt werden, um seine Selbstwirksamkeit zu stärken.
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Die klare Struktur des KPG-Modells sicherte den roten Faden für einen partizipativen Arbeitsprozess und wurde von allen Beteiligten als sehr unterstützend erlebt — auch für die enge interprofessionelle Kooperation ([S. 256–257](./section_13_stationaere-suchthilfe.evidence.md#reference-15)). Die grösste Herausforderung bestand darin, die Balance zwischen R.s Biografie und Suchtgeschichte einerseits und seinem beruflichen Ziel andererseits zu finden. Die Autorin betont, dass nicht allein das Engagement des Klienten die Wirksamkeit steigert, sondern auch eine authentische Wertehaltung der Fachperson. Bewusste Beziehungsgestaltung, Begegnung auf Augenhöhe und aktives Einbeziehen der Klientel in ihre eigenen Prozesse — gerade in der stationären Suchthilfe — stellen unverzichtbare Grundlagen professioneller Begleitung dar.
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@ -85,3 +85,48 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 269
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- **Lines:** 3763–3763
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- **Quote:** "gut eignen, um den Fall und die Fallthematik zu erhellen. Die Auswahl geeigneter Theorien war die grösste Herausforderung im Diagnoseprozess."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Bedürfnisse aufnehmen
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- **Section:** 1 Organisationaler Kontext der Fallbearbeitung
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- **Pages:** 258
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- **Lines:** 3627–3627
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- **Quote:** "Der Kernauftrag der Organisation lautet, den Bewohnerinnen und Bewohner eine optimale Lebensqualität zu ermöglichen und Möglichkeiten zur Teilhabe zu schaffen."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Bedürfnisse aufnehmen
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- **Section:** Vorüberlegungen, Planung
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- **Pages:** 261
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- **Lines:** 3659–3659
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- **Quote:** "Zum methodischen Vorgehen habe ich mir überlegt, wie ich standardisiert zu den wichtigsten Informationen gelangen kann. Da ich die Situationserfassung in direkten Gesprächen und in Kooperation mit den Bewohnerinnen und Bewohnern machen möchte, bietet es sich an, Erkundungsgespräche zu führen."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Bedürfnisse aufnehmen
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- **Section:** Umsetzung
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- **Pages:** 264
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- **Lines:** 3695–3695
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- **Quote:** "Auf Grund der gesammelten Stichworte kann ausgesagt werden, dass sich die Interessensbereiche der Bewohnerinnen und Bewohner mehrheitlich decken. Aktivitäten in den Bereichen von Handarbeit/Haushalt wurden 19-mal, Musik 15-mal und Literatur 9-mal erwähnt."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Bedürfnisse aufnehmen
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- **Section:** Theoriegeleitetes Fallverstehen
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- **Pages:** 266
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- **Lines:** 3726–3726
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- **Quote:** "Der Mensch versucht, durch Kontrolle angenehme Lebenssituationen zu realisieren bzw. unangenehme zu umgehen. Dies kann durch primäre Kontrolle oder sekundäre Kontrolle erreicht werden."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Bedürfnisse aufnehmen
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- **Section:** Theoriegeleitetes Fallverstehen
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- **Pages:** 268
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- **Lines:** 3753–3753
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- **Quote:** "Nur wenn die Bewohnerinnen und Bewohner längerfristig positive Erfahrungen mit neuen Tätigkeiten machen und sie sich dabei als selbstwirksam erleben, dann entstehen neue positive kognitive Verknüpfung und können neue Tätigkeiten mit Wohlbefinden assoziiert werden."
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@ -1,33 +1,45 @@
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# Bedürfnisse aufnehmen – Ein neues Freizeitangebot für alte Menschen in der stationären Behindertenhilfe
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*Mirjam Eberhart*
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*Mirjam Eberhart* | **Seiten:** 258–271 | **Zeilen:** 3619–3793
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Mirjam Eberhart realisierte diese Gruppenfall-Bearbeitung während eines halbjährigen Praktikums in einer stationären Einrichtung der Behindertenhilfe. Im Zentrum standen eine ausführliche Situationserfassung, Analyse und Diagnose, auf deren Grundlage ein neues Freizeitangebot entwickelt wurde ([S. 258](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-1)).
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Fallbearbeitung einer Gruppe in der stationären Behindertenhilfe. Ausführliche Situationserfassung, Analyse und Diagnose führen zur Entwicklung eines neuen Freizeitangebots (Musikhörstunde).
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## Kontext und Auftrag
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Die Organisation bietet Wohnplätze für Menschen mit Sehbeeinträchtigung oder Blindheit, wobei sich die Mehrheit im Pensionsalter befindet; der Kernauftrag lautet, optimale Lebensqualität zu ermöglichen und Möglichkeiten zur Teilhabe zu schaffen ([S. 258](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-11)). Die interprofessionellen Teams aus Agogik, Pflege und Therapie arbeiten ressourcenorientiert und bemühen sich, Autonomie und Selbstbestimmung trotz struktureller Einschränkungen zu erhalten. Da die bestehenden Wochenendangebote seit Längerem unverändert waren und stets dieselben Personen ansprachen, entstand die Idee, ein neues, an den tatsächlichen Bedürfnissen orientiertes Angebot zu entwickeln.
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**Seiten:** 258–271 | **Zeilen:** 3619–3793
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Das Projekt setzt am Anfang des KPG-Prozesses an: In der Situationserfassung sollen in direkter Kooperation mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern die relevanten Informationen erhoben, in der Analyse zu einer Fallthematik verdichtet und so der Grundstein für die Intervention gelegt werden ([S. 259](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-2)).
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## Situationserfassung
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## Key Points
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Der Realitätsausschnitt umfasste die Wohngruppe mit Gemeinschaftsraum als räumliche und die begrenzte Praktikumsdauer als zeitliche Dimension, was einen zügigen Erhebungsstart erforderte ([S. 260](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-3)). Berücksichtigt wurden Vergangenheit und Gegenwart: Die Kindheit und Jugend der Bewohnerinnen und Bewohner waren oft durch den Zweiten Weltkrieg und wenig Freizeit geprägt; der Einbezug früherer Lebensphasen half, Interessen zu erschliessen, die bei direkten Entscheidungsfragen verborgen geblieben wären.
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- Kontext: Stationäre Einrichtung für Menschen mit Sehbeeinträchtigung im Pensionsalter
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- Fallbearbeitung bezieht sich auf eine Gruppe, nicht auf einen Einzelfall
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- Ausführliche Situationserfassung, Analyse und Diagnose als Schwerpunkte
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- Theoriegeleitetes Fallverstehen wird für den Gruppenfall angewendet
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- Ergebnis: Neues Angebot »Musikhörstunde« als Intervention
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- Erkenntnisse über Bedürfniserfassung und Angebotsgestaltung
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Methodisch wurden Erkundungsgespräche in Anlehnung an das narrative Interview gewählt, die in direkter Kooperation mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern stattfanden ([S. 261](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-12)). Die Einstiegsfrage richtete sich auf die Freizeit in Kindheit und Jugend, eine zweite Frage lenkte den Blick auf die Gegenwart und vermisste Aktivitäten; während der Erzählungen wurden ad hoc Vertiefungsfragen gestellt.
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Für alle 13 Personen wurde ein grober Zeitplan erstellt; pro Gespräch waren 15 bis 30 Minuten eingeplant, die Durchführung erfolgte flexibel neben dem regulären Dienst ([S. 261](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-4)). Die Autorin ging von Zimmer zu Zimmer, erklärte Sinn und Hintergrund der Umfrage und machte sich mit Einverständnis der Bewohnerinnen und Bewohner während der Gespräche Notizen.
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## Evidence References
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Eine zentrale Herausforderung bestand darin, dass einige Bewohnerinnen aufgrund demenzieller Veränderungen kaum Erinnerungen hatten und die Gespräche spontan umstrukturiert werden mussten ([S. 262](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-5)). Hinzu kam die häufig geäusserte Überzeugung, bestimmte Tätigkeiten wegen der Sehbeeinträchtigung nicht mehr ausüben zu können — selbst der Hinweis auf Hilfsmittel wie Lupen oder starke Farbkontraste konnte diese Bedenken oft nicht zerstreuen.
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- [Die nachfolgende Fallbearbeitung wurde im Rahmen des Vollzeitstudiums Bachelor o...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-1)
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- [Die Analyse wird dazu dienen, eine Auslegeordnung der erhobenen Informationen au...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-2)
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- [Als erstes habe ich mir überlegt, welcher Realitätsausschnitt sich anbietet. Nac...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-3)
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- [Ich habe mir die genaue Fragestellung für die Einstiegsphase und die zweite Erzä...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-4)
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- [Bei einigen Bewohnerinnen dachte ich, dass sie bestimmt viele Ideen liefern würd...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-5)
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- [Die wichtigsten Erkenntnisse aus der Auswertung lassen sich in folgenden konstat...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-6)
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- [Das Kategorisieren und die Tabelle haben die Auswertung erleichtert. Dass ich zw...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-7)
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- [Als weitere sozialpsychologische Theorie wird die Kognitive-transaktionale Bewäl...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-8)
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- [Durch Vermeidung neuer Situationen haben die Bewohnerinnen und Bewohner eine Str...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-9)
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- [gut eignen, um den Fall und die Fallthematik zu erhellen. Die Auswahl geeigneter...](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-10)
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## Analyse
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Die gesammelten Stichworte wurden in einem pragmatischen, zweistufigen Verfahren ausgewertet: Zunächst wurden die Nennungen farblich nach Kategorien sortiert, dann in einer Tabelle mit Zimmernummern quantitativ zusammengefasst ([S. 264](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-6)). Die Interessensbereiche deckten sich mehrheitlich — Handarbeit/Haushalt wurde 19-mal, Musik 15-mal und Literatur 9-mal erwähnt ([S. 264](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-13)).
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Die schrittweise Bewegung von Öffnung (Kategorisierung) und Reduktion (Tabelle) ermöglichte es, mittels konstatierender Hypothesen tieferliegende Muster zu erkennen ([S. 265](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-7)). Als Fallthematik kristallisierte sich heraus, dass die meisten Bewohnerinnen und Bewohner Interessen im Bereich Musik hatten, sich aber gewisse Tätigkeiten aufgrund ihrer Beeinträchtigungen nicht mehr zutrauten und eine ablehnende Haltung einnahmen — auch wenn mit angepassten Methoden Alternativen möglich gewesen wären.
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## Diagnose
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Für das Theoriegeleitete Fallverstehen wurden zwei sozialpsychologische Theorien herangezogen. Die Theorie der kognizierten Kontrolle zeigt, dass Menschen durch primäre oder sekundäre Kontrolle angenehme Situationen herbeizuführen und unangenehme zu vermeiden versuchen; bei sekundärer Kontrolle passen sie sich durch kognitive Umstrukturierung an die Gegebenheiten an ([S. 266](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-14)). Ergänzend erklärt die kognitiv-transaktionale Bewältigungstheorie nach Lazarus, dass Menschen auf subjektiv bedrohliche Ereignisse mit spezifischen Bewältigungsreaktionen reagieren, deren Ausprägung von Selbstwirksamkeits- und Kontrollüberzeugungen abhängt ([S. 266](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-8)).
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Auf den Fall angewendet erhellen beide Theorien, weshalb manche Bewohnerinnen und Bewohner neue Tätigkeiten und Hilfsmittel ablehnen: Durch Vermeidung bewahren sie positive Emotionen und schützen sich vor möglichem Scheitern, das Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit weiter untergraben würde ([S. 267](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-9)). Sagt eine Person, sie könne etwas nicht mehr, hält ihr dies möglicherweise sekundäre Kontrolle über die Situation; die Furcht vor Kontrollverlust lässt Angebote wie Hilfsmittel unattraktiv wirken.
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Die Auswahl geeigneter Theorien war die grösste Herausforderung im Diagnoseprozess — zunächst weniger passende Generationen- und Sozialisationstheorien wurden verworfen, bevor die Kontroll- und Bewältigungstheorie den Fall überzeugend zu erhellen vermochten ([S. 269](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-10)).
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Die handlungsleitende Arbeitshypothese lautet: Nur wenn die Bewohnerinnen und Bewohner längerfristig positive Erfahrungen mit neuen Tätigkeiten machen und sich dabei als selbstwirksam erleben, können neue kognitive Verknüpfungen entstehen und Tätigkeiten mit Wohlbefinden assoziiert werden ([S. 268](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-15)).
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## Intervention und Erkenntnisse
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Gestützt auf die Erkenntnis, dass Musik das am häufigsten genannte Interesse war ([S. 264](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-13)), entstand die «Musikhörstunde» — ein monatliches Gruppenangebot, bei dem Musik verschiedener Epochen gehört, Hintergründe zu den Künstlerinnen und Künstlern vermittelt und die Stücke gemeinsam besprochen wurden. Das Konzept zielte darauf, eine als angenehm eingeschätzte Situation zu schaffen, die kein Bewältigungsverhalten erfordert und gleichzeitig neue Tätigkeiten erproben lässt.
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Erfreulicherweise nahmen bei jeder Durchführung mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner teil — darunter auch Personen, die sich sonst kaum an Gruppenaktivitäten beteiligten; selbst Musik der 1960er Jahre fand Anklang bei Bewohnerinnen, die sich eigentlich nur für Klassik interessierten ([S. 258](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-1)). Alle Unterlagen wurden so dokumentiert und dem Team zugänglich gemacht, dass das Angebot nach Praktikumsende weitergeführt werden konnte.
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Der Fall zeigt exemplarisch, wie eine sorgfältige KPG-gestützte Bedarfserhebung und theoriegeleitete Diagnose über die unmittelbare Intervention hinaus wirken: Die Arbeitshypothese und die Fragestellung für Professionelle — wie neue Tätigkeiten so begleitet werden können, dass positive Erfahrungen und Selbstwirksamkeit entstehen — bilden eine Grundlage, um alternde Menschen mit Beeinträchtigungen langfristig angemessener zu unterstützen ([S. 268](./section_14_beduerfnisse-aufnehmen.evidence.md#reference-15)).
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@ -85,3 +85,43 @@ Source document: [praxis](../../documents/praxis/praxis.md)
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- **Pages:** 287
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- **Lines:** 3963–3963
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- **Quote:** "Zunächst werden theoriegeleitete Erkenntnisse für das Arbeitsfeld der Spitalsozialarbeit diskutiert, die sich anhand dieser Fallbearbeitung verdeutlichen lassen. Abschliessend werden die eigenen Erfahrungen mit der Methodik KPG reflektiert."
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## Reference 11
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Autonomieförderung
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- **Section:** 1 Kontext der Fallbearbeitung
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- **Pages:** 273
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- **Lines:** 3809–3809
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- **Quote:** "Neben einer effizienten Arbeitsweise gilt es in der Fallbearbeitung, die Autonomie und die Ressourcen der Klientel zu achten und zu fördern. Eine erste Kernaufgabe der Sozialberatung ist die Unterstützung von Patienten und deren Angehörigen bei der Bewältigung von sozialen, wirtschaftlichen, rechtlichen und persönlichen Problemen."
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## Reference 12
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Autonomieförderung
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- **Section:** 1 Kontext der Fallbearbeitung
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- **Pages:** 273
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- **Lines:** 3813–3813
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- **Quote:** "Als Professionsauftrag in der freiwilligen Sozialberatung sehe ich die Autonomieförderung und Ressourcenaktivierung der Klientel. Der Organisationsauftrag an eine Sozialarbeiterin in der psychosomatischen Klinik kann als die Reintegration von psychisch erkrankten Menschen in das gesellschaftliche Leben mit den Bereichen Sozialleben, Arbeit und Gesundheit definiert werden (vgl. AvenirSocial 2010:6)."
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## Reference 13
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Autonomieförderung
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- **Section:** 2.2 Situationserfassung
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- **Pages:** 276
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- **Lines:** 3847–3847
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- **Quote:** "Laut Hochuli Freund und Stotz ist für diesen Schritt der KPG »[ … ] die Kooperation mit der Klientin [ … ] unabdingbar« (2015:154). Auf Grund der subjektiven Auslegeordnung des bisher Erlebten in der Situationserfassung ist der Klient der Experte seiner Situation und kann die weitere Fallbearbeitung steuern (vgl. ebd.)."
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## Reference 14
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Autonomieförderung
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- **Section:** 2.3 Analyse
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- **Pages:** 280
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- **Lines:** 3901–3901
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- **Quote:** "55-jährige Frau mit ungleichen Beziehungen, in die sie mehr investiert als zurückbekommt, die sich mehr Unabhängigkeit in ihrem Leben wünscht, kombiniert aber mit professioneller Unterstützung."
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## Reference 15
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- **Document:** Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis
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- **Chapter:** Autonomieförderung
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- **Section:** 2.4 Diagnose
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- **Pages:** 284
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- **Lines:** 3939–3939
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- **Quote:** "Wenn Frau G. zu Professionellen und anderen Personen stabile Beziehungen aufbauen kann, in denen sie mit Abstand über ihr Erleben als Mitbetroffene von Alkoholabhängigkeit sprechen kann und neue Verhaltensmuster erlernt, dann erfährt sie, dass es erfüllende gleichwertige Beziehungen gibt, in denen sie ihre eigenen Vorstellungen einer Beziehung äussern kann, und dass viele ihrer persönlichen Eigenschaften eine Ressource darstellen, mit denen sie sich neue Freiräume schaffen kann."
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@ -1,33 +1,43 @@
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# Autonomieförderung durch systemische Fallbearbeitung – KPG in der Spitalsozialarbeit
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*Noemi Burgener* | **Seiten:** 272–291 | **Zeilen:** 3797–3995
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*Noemi Burgener*
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Noemi Burgener dokumentierte diese Fallbearbeitung während eines halbjährigen Praktikums in der Spitalsozialarbeit einer psychosomatischen Klinik (PSOMA). Strukturiert nach KPG, lag der Fokus auf Situationserfassung, Analyse und Diagnose; Zielsetzung und Interventionen wurden anschliessend von anderen Professionellen weitergeführt. In drei Monaten fanden fünf Beratungsgespräche statt ([S. 272](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-1)).
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## Kontext und Auftrag
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Fallbearbeitung in der Spitalsozialarbeit einer psychosomatischen Klinik, strukturiert nach KPG. Fokus auf Situationserfassung, Analyse und Diagnose mit interprofessioneller Zusammenarbeit.
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Die Sozialberatung ist interprofessionell eingebettet: intern kooperiert sie mit Medizin, Psychologie und Pflege, extern mit Stellen wie Arbeits- und Wohnintegration. Neben einer effizienten Arbeitsweise gilt es, die Autonomie und die Ressourcen der Klientel zu achten und zu fördern ([S. 273](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-11)).
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Als Professionsauftrag definiert Burgener die Autonomieförderung und Ressourcenaktivierung, als Organisationsauftrag die Reintegration psychisch erkrankter Menschen in Sozialleben, Arbeit und Gesundheit ([S. 273](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-12)). Die Sozialberatung arbeitet ohne festgelegtes Konzept; für diesen Fall wird KPG eingesetzt, ergänzt durch das bio-psycho-soziale Paradigma nach Engel, das physiologische, psychische und soziale Faktoren in ihrem Wechselspiel betrachtet.
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## Interprofessionelles Standortgespräch
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**Seiten:** 272–291 | **Zeilen:** 3797–3995
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Nach einem Monat in der Klinik wird die 55-jährige Frau G. beim interdisziplinären Standortgespräch zum Fall für die Sozialberatung erklärt. Gruppentherapeutin, Pflege und Psychiater tauschen Einschätzungen aus: Frau G. zeige grosse Bedürftigkeit nach Zuwendung, sei emotional schnell überflutet und habe etwas Distanzloses; ihre Introspektionsfähigkeit sei schwierig ([S. 274](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-2)).
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Die schwierige Wohnsituation mit dem alkoholkranken Ehemann sowie die finanziellen Verhältnisse — IV-Rente mit Ergänzungsleistungen, finanzielle Unterstützung vom Ehemann, ein gemeinsam mit dem Sozialamt verwaltetes Konto — werden als zentrale Themen identifiziert ([S. 275](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-3)). Der Psychiater beauftragt die Sozialberatung, die Wohnsituation gemeinsam mit Frau G. zu bearbeiten; Frau G. selbst wünscht sich Informationen zu alternativen Wohnformen und stimmt den Einschätzungen der Professionellen im Allgemeinen zu.
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## Situationserfassung
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## Key Points
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Für diesen KPG-Schritt ist die Kooperation mit der Klientin unabdingbar — der Klient ist Experte seiner Situation und steuert die weitere Fallbearbeitung ([S. 276](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-13)). Im freiwilligen Beratungskontext ermöglicht eine starke Aushandlungs- und Beteiligungsorientierung die dezidierte Förderung der Eigenverantwortung; dies kann die Patientin anregen, nach Abschluss der Beratung besprochene Inhalte eigenverantwortlich umzusetzen.
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Im Erkundungsgespräch entsteht ein systemisches Bild der Lebenslage und Lebenswelt, strukturiert nach den Themenfeldern Wohnen, Familie, Finanzen, Arbeit/Freizeit und Gesundheit. Frau G. wohnt allein mit Hund und Katze; ihr getrennt lebender Ehemann wohnt vorübergehend bei ihr, was sie belastet — sie ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, nach Hause zu gehen, und dem, in der Klinik zu bleiben ([S. 277](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-4)).
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Die Familie ist durchgehend geprägt durch Alkoholabhängigkeit: Vater, Ehemann und viele Freundinnen sind betroffen. Frau G. hat keine Ausbildung, bezieht eine IV-Dreiviertelrente und ging vor dem Klinikeintritt keiner Beschäftigung nach; in der Klinik entdeckte sie Stricken, Malen und Lesen als erfüllende Tätigkeiten ([S. 275](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-3)). Gesundheitlich ist sie adipös, leidet an chronischen Rückenschmerzen und ist rasch müde, was die Umsetzung ihrer Ideen häufig erschwert.
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- Kontext: Spitalsozialarbeit in einer psychosomatischen Klinik
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- Interprofessionelle Zusammenarbeit mit Medizin, Psychologie und Pflege
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- Interprofessionelles Standortgespräch als Ausgangspunkt
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- Situationserfassung umfasst Wohnen, Familie, Finanzen, Arbeit/Freizeit, Gesundheit
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- Diagnose mittels systemischer Denkfigur (SDF) und Theoriewissen
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- Erkenntnisse für die Fallarbeit in der Spitalsozialarbeit
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## Analyse
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Im KPG-Schritt der Analyse werden die Informationen der Situationserfassung mit themenbezogenen Einschätzungen erweitert, dann bewertet und fokussiert, um die Fallthematik herauszuarbeiten ([S. 278](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-5)). Ein gemeinsam mit Frau G. erstellter Zeitstrahl macht wichtige Lebensstationen seit ihrer Geburt sichtbar und soll sie ermutigen, auf das bisher Geleistete stolz zu sein und Motivation zur Veränderung zu gewinnen.
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Die systemische Denkfigur (SDF) nach Geiser ordnet Ressourcen und Probleme in einen Zusammenhang und wird Frau G. im dritten Gespräch vorgestellt und erläutert ([Abb. SDF](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-6)). Auffällig ist die Konzentration auf ein kleines soziales Umfeld mit einseitigen Beziehungen zu Alkoholikern; Frau G. hat kaum neue Impulse von aussen und orientiert sich am Bekannten. Sie hat beschränkte Möglichkeiten durch beschränkte Ressourcen in Ue, was ihr geringes Selbstbewusstsein erklären könnte; das Helfen für andere dient als Ersatz für Bestätigung und Wirksamkeitserleben ([S. 282](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-7)).
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Die Fallthematik wird definiert als: eine «55-jährige Frau mit ungleichen Beziehungen, in die sie mehr investiert als zurückbekommt, die sich mehr Unabhängigkeit wünscht, kombiniert mit professioneller Unterstützung» ([S. 280](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-14)).
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## Evidence References
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## Diagnose
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- [Die nachfolgend dokumentierte Fallbearbeitung fand im Kontext eines halbjährigen...](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-1)
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- [Die Fallbearbeitung wird nach der Methodik KPG nach Hochuli Freund und Stotz (20...](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-2)
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- [Hat eine Invaliden-Rente (IV) mit Ergänzungsleistungen (EL), finanzielle Unterst...](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-3)
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- [Frau G. wohnt alleine in einer Wohnung mit einem Hund und einer Katze. Die Wohnu...](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-4)
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- [Nach KPG werden die Informationen aus dem Prozessschritt der Situationserfassung...](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-5)
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- [
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- [Frau G. hat in Ue beschränkte Möglichkeiten auf Grund beschränkter Ressourcen. D...](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-7)
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- [Laut meiner Einschätzung trifft die Co-Abhängigkeit auf Frau G. zu. Ihr übermäss...](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-8)
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- [Bei diesem fünften Gespräch Mitte Mai kurz vor dem Klinikaustritt besprechen Fra...](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-9)
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- [Zunächst werden theoriegeleitete Erkenntnisse für das Arbeitsfeld der Spitalsozi...](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-10)
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Auf Grundlage der Fallthematik werden durch theoriegeleitete Überlegungen Hinweise für hilfreiche Interventionen gesucht. Mittels Bindungstheorie nach Bowlby/Ainsworth wird ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster herausgearbeitet: Der alkoholkranke, gewaltbereite Vater und eine wenig verfügbare Mutter prägten ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und eine eher passive, hilflose Haltung; das erlernte Bindungsverhalten erschwert das Erkunden neuer Tätigkeitsfelder und führt zu passiver, abwartender Beziehungsgestaltung ([S. 282](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-7)).
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Ergänzend beleuchtet das Konzept der Co-Abhängigkeit nach Flassbeck, wie Frau G. ein übermässiges Bedürfnis entwickelt hat, anderen — meist schwächeren, oft abhängigen — Personen zu helfen; dieses Verhalten hat sie durch das Vorleben der Beziehung ihrer Eltern gelernt und gegenüber ihrem Mann weiterhin angewandt ([S. 284](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-8)). Ihre persönlichen Ressourcen wie Freundlichkeit, Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft werden in diesen Beziehungen zugunsten des Suchtkonsums missbraucht; jahrelange Enttäuschungen haben tiefe Selbstzweifel hinterlassen.
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Die handlungsleitende Arbeitshypothese lautet: Wenn Frau G. stabile Beziehungen aufbauen kann, in denen sie über ihr Erleben als Mitbetroffene von Alkoholabhängigkeit sprechen und neue Verhaltensmuster erlernen kann, erfährt sie, dass erfüllende gleichwertige Beziehungen möglich sind und ihre persönlichen Eigenschaften eine Ressource darstellen, mit denen sie sich neue Freiräume schaffen kann ([S. 284](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-15)).
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## Ziele, Interventionen und Evaluation
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Frau G. formuliert eigenständig übergeordnete Ziele: Klärung der Wohnsituation, regelmässige professionelle Unterstützung und Weiterführung der neu entdeckten Freizeitbeschäftigungen. Die Erkenntnisse aus Analyse und Diagnose werden ihr nicht direkt mitgeteilt; stattdessen werden ihre autonomen Wünsche nach einem anderen Leben nach dem Klinikaustritt gestärkt ([S. 272](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-1)).
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Beim fünften Gespräch kurz vor Klinikaustritt zeigt sich, dass Frau G. konkrete Schritte umgesetzt hat: psychiatrische Pflege zweimal wöchentlich, ein Psychiater am Wohnort, eine beantragte Beistandschaft und ein Brief an den Ehemann mit der Bitte, auszuziehen ([S. 285](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-9)). Die Evaluation bestätigt, dass der professionsbezogene Auftrag der Autonomieförderung umgesetzt wurde und die Klientin als Expertin ihres Lebens geschätzt wurde.
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Als Folgerung für die Weiterarbeit wird empfohlen, neben personenzentrierter Arbeit auch das soziale Umfeld — Ehemann, Kinder, Freundinnen — aktiv einzubeziehen, da viele Schwierigkeiten von Frau G. mit ihrem sozialen Umfeld zusammenhängen ([S. 285](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-9)).
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## Reflexion und Erkenntnisse
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Für die Spitalsozialarbeit zeigt sich, dass der freiwillige Kontext den Beziehungsaufbau erleichtert, die kurze Beratungsdauer und mögliche Störungen durch andere Professionelle jedoch Herausforderungen darstellen; interprofessionelle Zuständigkeiten müssen klarer definiert werden ([S. 287](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-10)). Die Ressourcenaktivierung und Autonomieförderung — die «Hilfe zur Selbsthilfe» — erweist sich als besonders passend: Die Klientel erhält Werkzeuge, die auch nach dem Klinikaustritt wirksam bleiben.
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Die KPG-Methodik kann mit ganz unterschiedlichen Methoden ausgeführt werden; der ausführliche analytische Teil ermöglichte ein vertieftes Fallverstehen und regte die Klientin zu selbständigem Handeln, Selbstreflexion und mutigen Schritten an ([S. 274](./section_15_autonomiefoerderung-spitalsozialarbeit.evidence.md#reference-2)). Die gemeinsame Evaluation bildet einen wichtigen Abschluss — die erarbeiteten Informationen, Ziele und Interventionen werden als Ganzes überblickt und beurteilt, woraus neue Perspektiven für die Weiterarbeit entstehen. Eine stärkere interprofessionelle Zusammenarbeit und klarere Definition der Zuständigkeiten könnten zukünftige Fallbearbeitungen zusätzlich bereichern.
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