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Raw Blame History

Kooperative Prozessgestaltung in der stationären Suchthilfe Zielkarte für einen herausfordernden Berufswunsch

Andrea Hauri | Seiten: 246257 | Zeilen: 34713617

Andrea Hauri dokumentiert eine Fallbearbeitung in der stationären Suchthilfe, in der sie über neun Monate einen Klienten mit langjähriger Suchtgeschichte begleitete, der sich ein hohes Ausbildungsziel setzte. Mittels kooperativ gestalteter Situationserfassung und Analyse zum Thema berufliche Integration zeigt sie, wie mit diesem Spannungsfeld professionell umzugehen ist (S. 246).

Kontext und Organisation

Die Fallbearbeitung ist in einem anerkannten Kompetenzzentrum zur stationären Behandlung von Süchtigkeit angesiedelt, das sowohl stationäre als auch ambulante Angebote umfasst. Der Therapieprozess umfasst einen 12- bis 15-monatigen Aufenthalt mit nahtlosen Übergängen zwischen vier Therapiestufen — von Abklärung über Vertiefung und soziale/berufliche Wiedereingliederung bis zur Integration in ein autonomes Leben (S. 246).

Als Arbeitsgrundlage dient ein potenzialorientiertes, ganzheitliches Behandlungskonzept — die sogenannte Tiefensystemik —, das aus systemischer Suchttherapie, Selbsthilfekonzepten, Meditationstechniken und systemischer Paar-/Familientherapie besteht (S. 246). Vor dem Hintergrund eines humanistischen Menschenbilds werden Krisen als Chancen zur Weiterentwicklung betrachtet; als wichtigste Grundregeln gelten die Abstinenz von Drogen, Alkohol und Medikamenten sowie keine Gewaltandrohung. Ergänzend werden eine sozialdienstliche Begleitung und eine umfassende Nachbetreuung angeboten. Die Organisation arbeitet jedoch nicht explizit nach KPG; Hilfsmittel zur Strukturierung der sozialpädagogischen Begleitung fehlen weitgehend (S. 247).

Der Klient und sein Berufswunsch

Im Zentrum steht der 44-jährige, verheiratete Klient R. mit einem 3-jährigen Sohn, der aufgrund einer schweren Sucht- und Deliktgeschichte freiwillig in die stationäre Therapie eingetreten ist. Er befindet sich seit ca. 27 Monaten — überdurchschnittlich lang dank einer offenen Kostengutsprache — in der Organisation und lebt nun in der Integrationsphase in einer externen Integrationswohnung. Er erhält keine therapeutische Begleitung mehr innerhalb der Organisation, nimmt jedoch wöchentliche Gespräche mit einem externen Psychotherapeuten wahr.

R. hat keine abgeschlossene Berufslehre, bezieht wegen eines Rückenleidens und der Suchtfolgen eine volle IV-Rente und verfolgt das Ziel, an der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik zu studieren — ein ambitioniertes Vorhaben, für das verschiedene Strategien mit und ohne IV-Unterstützung auszuloten sind (S. 247). Aktuell leistet er im Rahmen eines 50%-Pensums Freiwilligenarbeit in der Organisation und unterstützt neue Klientinnen und Klienten. Seit mehreren Wochen zeigt er sich jedoch zunehmend unverbindlich bei Terminvereinbarungen und dem Erledigen von Pendenzen.

Grundhaltung und Neustart

Da durch diverse Bezugspersonenwechsel viele Informationen zum Prozessverlauf nicht dokumentiert und einige Prozessschritte offenbar nicht durchgeführt worden sind, richtet die Autorin den Fokus auf Situationserfassung und Analyse zum Thema berufliche Integration. Ihre Grundhaltung ist geprägt von Transparenz, Partizipation und Offenheit; R.s Berufswunsch soll ernst genommen, zugleich aber unter Berücksichtigung seiner Suchtgeschichte kritisch beleuchtet werden (S. 248). Die konkrete Planung wird fortlaufend mit der Praxisanleiterin vor- und nachbereitet. Sie bietet R. einen bewussten «Neustart» der Zusammenarbeit an, um bisherige Unstimmigkeiten hinter sich zu lassen.

Situationserfassung

Ein Aktenstudium ergibt, dass in der Organisation während R.s bisheriger Therapie nie eine berufliche Anamnese erhoben wurde — Einträge zur beruflichen Situation existieren erst seit der Autorin als Bezugsperson (S. 249). Sie entwickelt einen allgemeinen Fragebogen mit 19 Fragen zu Schulbildung, Arbeitserfahrung, Berufswünschen, Ressourcen und Defiziten. Dieses Fehlen vorhandener Instrumente bot zugleich die Chance, ein flexibles Erfassungsinstrument zu schaffen, das im Qualitätsmanagementsystem der Organisation allen Mitarbeitenden zugänglich gemacht wurde (S. 251).

R. wird anhand einer Visualisierung über das KPG-Modell informiert und kann den Erklärungen gut folgen; die Idee des Neustarts nimmt er mit Begeisterung und Erleichterung auf. Im formellen Erkundungsgespräch — Punkt für Punkt gemeinsam durchgearbeitet — betont er erneut seinen Berufswunsch, woraufhin die Praxisausbildnerin und die Autorin spontan eine Fallkonferenz mit R.s externem Psychotherapeuten einberufen (S. 250). In dieser Konferenz — an der das gesamte Team teilnimmt — werden R.s Herausforderungen multiperspektivisch beleuchtet; es gibt kritische Stimmen, aber keine Einwände dagegen, R. in seinem Berufswunsch zu unterstützen. Die interprofessionelle Zusammenarbeit wird neu geregelt: Schwierigkeiten wie Unverbindlichkeit sollen künftig an den Psychotherapeuten weitergeleitet werden, damit in den Therapiestunden daran gearbeitet werden kann. Die IV lehnt eine berufliche Massnahme zunächst ab, was sich künftig ändern kann; im BIZ ist der Berufsfindungsprozess bereits abgeschlossen.

Analyse: Zielkarte und Kompetenzanalyse

Für die Analyse stehen vier Termine zur Verfügung (S. 252). Als zentrales Instrument entwickelt die Autorin gemeinsam mit R. einen zukunftsorientierten Zeitstrahl — die sogenannte Zielkarte —, der die Etappen, Voraussetzungen und Kompetenzen auf dem Weg zum Ausbildungsziel visualisiert (S. 252). Die Darstellung in Treppenform soll einer Entmutigung entgegenwirken und den Prozess in machbare Teilschritte gliedern. R. hatte sich bereits im Vorfeld über die Ausbildung informiert und brauchte lediglich eine strukturierte Anleitung, um die verschiedenen Etappen benennen zu können.

Auf der Zielkarte werden auch neuralgische Punkte markiert — insbesondere die Koordination von Ausbildung und familiären Pflichten sowie die Studienfinanzierung (S. 253). Um etwas Druck aus dem Fahrplan zu nehmen, wird eine zusätzliche Etappe eingebaut: die Freiwilligenarbeit, in die R. bereits eingebunden ist. Die formalen Voraussetzungen für die Höhere Fachschule werden auf einem separaten Flipchart zusammengetragen.

Ergänzend wird eine Kompetenzanalyse anhand eines individuell zugeschnittenen Fragebogens durchgeführt, der sich am Praxisempfehlungsraster der Höheren Fachschule orientiert und sowohl quantitative (Skala 010) als auch qualitative Elemente enthält (S. 254). Neben R.s Selbsteinschätzung und der Fremdeinschätzung der Autorin wird ein weiterer therapeutischer Mitarbeiter einbezogen. In einem gemeinsamen Termin zu dritt werden alle Einschätzungen Frage für Frage vorgestellt — jeweils mit R. beginnend —, ohne vorab zu diskutieren.

Als Fazit zeigt sich, dass R. seine Defizite realistisch und sehr kritisch einschätzt; der grösste Entwicklungsbedarf liegt bei Verbindlichkeit, Engagement, Organisation und Koordination der Aufgaben mit seiner Rolle als Vater sowie im Erledigen der Administration (S. 255).

Erkenntnisse

Nach der Umsetzung beider Prozessschritte findet ein internes Standortgespräch statt, in dem R.s weiterer Therapieverlauf mit Blick auf sein berufliches Ziel besprochen wird. Es wird vereinbart, dass R. seinen Aufenthalt noch autonomer und eigenverantwortlicher gestalten kann; gleichzeitig werden verbindliche Termine festgelegt und Konsequenzen für unverbindliches Verhalten definiert.

Der neuen Bezugsperson wird empfohlen, die Arbeit an der KPG-Struktur auszurichten und die nächsten Schritte individuell und kreativ zu gestalten. R.s viele kleine Schritte sollen vor dem Hintergrund der Zielkarte gewürdigt werden, um seine Selbstwirksamkeit zu stärken.

Die klare Struktur des KPG-Modells sicherte den roten Faden für einen partizipativen Arbeitsprozess und wurde von allen Beteiligten als sehr unterstützend erlebt — auch für die enge interprofessionelle Kooperation (S. 256257). Die grösste Herausforderung bestand darin, die Balance zwischen R.s Biografie und Suchtgeschichte einerseits und seinem beruflichen Ziel andererseits zu finden. Die Autorin betont, dass nicht allein das Engagement des Klienten die Wirksamkeit steigert, sondern auch eine authentische Wertehaltung der Fachperson. Bewusste Beziehungsgestaltung, Begegnung auf Augenhöhe und aktives Einbeziehen der Klientel in ihre eigenen Prozesse — gerade in der stationären Suchthilfe — stellen unverzichtbare Grundlagen professioneller Begleitung dar.