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Kooperative Prozessgestaltung im Eingliederungsmanagement – Eine praxisfeldspezifische Ausdifferenzierung
Ursula Hochuli Freund
Die Methodik KPG wird von Hochuli Freund für das Eingliederungsmanagement konkretisiert — jene Arbeitsfelder, in denen es um Unterstützung bei der (Re-)Integration in Erwerbsarbeit unter erschwerten Bedingungen geht (Praxisfeldspezifische Ausdifferenzierung). Der Beitrag erarbeitet zunächst die Rahmenbedingungen professionellen Handelns und zeigt dann entlang des KPG-Prozessmodells, wie Unterstützungsprozesse gestaltet werden können.
Seiten: 128–151 | Zeilen: 1475–1850
Rahmenbedingungen: Drei Strukturmerkmale
Sozialarbeitende im Eingliederungsmanagement bewegen sich stets im Spannungsfeld zwischen Hilfe und Kontrolle: Sie unterstützen Klient:innen anwaltschaftlich bei der beruflichen (Re-)Integration und handeln zugleich im Kontrollauftrag sozialstaatlicher Organisationen. Professionalität zeigt sich darin, diese doppelte Loyalitätsverpflichtung gegenüber Gesellschaft und Klient:innen situations- und fallbezogen immer wieder auszubalancieren (Doppelte Loyalitätsverpflichtung).
Das strukturelle Technologiedefizit besagt, dass sich Personen und soziale Situationen nicht planmässig verändern lassen — professionelles Handeln ist nur sehr begrenzt standardisierbar. Lediglich die Prozessabläufe der Fallbearbeitung und Koordination von Hilfeleistungen lassen sich strukturieren (Begrenzte Standardisierbarkeit). Das KPG-Prozessmodell ist eine direkte Antwort auf dieses Defizit.
Die Koproduktion als drittes Strukturmerkmal verweist darauf, dass soziale Dienstleistungen nach dem Uno-actu-Prinzip gleichzeitig produziert und konsumiert werden: Ohne Zutun der Klient:innen kommt keine Dienstleistung zustande (Ko-Produktion). Die Kooperationsgestaltung hat deshalb im KPG-Konzept zentralen Stellenwert, denn ohne aktive Beteiligung ist keine Hilfeleistung möglich (Kooperation im KPG).
Professionsethik und Strukturierung
Als Menschenrechtsprofession setzt sich die Soziale Arbeit für soziale Gerechtigkeit ein und anerkennt den Anspruch aller Menschen auf ein gutes Leben (Menschenrechtsprofession). Im Eingliederungsmanagement bedeutet dies, Autonomie und Selbstbestimmung der Klient:innen zu stärken und zugleich die Bedeutung von Erwerbsarbeit als wesentlichem Bestandteil menschlichen Lebens anzuerkennen, der Selbstverwirklichung und soziale Integration ermöglicht (Erwerbsarbeit und Integration).
Um angesichts dieser Rahmenbedingungen professionell zu handeln, ist eine Strukturierung des Unterstützungsprozesses erforderlich. Das KPG-Prozessmodell unterscheidet sieben Schritte — Situationserfassung, Analyse, Diagnose, Ziele, Interventionsplanung, Interventionsdurchführung und Evaluation — und integriert zwei übergreifende Kooperationsebenen.
Situationserfassung
Was Gegenstand der Fallbearbeitung wird, konkretisiert sich im institutionellen Kontext und ist ein Produkt der Aushandlung zwischen Sozialarbeitenden und Klient:innen (Aushandlung im Kontext). Im Eingliederungsmanagement werden zunächst objektive Daten zu Person und Erwerbssituation erfasst; der Realitätsausschnitt wird durch den Organisationsauftrag eingegrenzt und kann sich im Verlauf verändern.
Informationen werden mit einer Haltung der Offenheit und des Nichtwissens gesammelt — nach dem Leitmotiv »So viel wie möglich sehen — so wenig wie möglich verstehen« (Haltung des Nichtwissens). Erkundungsgespräche, Beobachtung und Aktenstudium sind die zentralen Methoden, wobei das wertschätzend-interessierte Erkundungsgespräch zugleich die Kooperation initiiert.
Analyse
In der Analyse werden Informationen nach definierten Kriterien gebündelt und beurteilt. Das KPG-Konzept kategorisiert Analysemethoden in Notationssysteme, Reflexion des eigenen Erlebens, Perspektivenanalysen, Klassifikationssysteme und systemische Methoden — wobei die systematische Unterscheidung zwischen Analyse und Diagnose eine Besonderheit der Methodik darstellt (Unterscheidung Analyse/Diagnose).
Die erhöhte Komplexität wird durch strukturierte Auswertung wieder reduziert: Hypothesen werden formuliert, Erkenntnisse verdichtet und die Fallthematik gemeinsam mit den Klient:innen herausgearbeitet (Komplexitätsreduktion). Aus der Fallthematik ergibt sich, ob direkt Ziele formuliert oder zunächst tiefergehende Erklärungen erarbeitet werden müssen.
Diagnose
Die soziale Diagnose im KPG-Verständnis hat Hypothesencharakter und dient als Basis für angemessene Interventionen — nach dem Leitmotiv »Erst verstehen, dann handeln« (Fallverstehen als Grundlage). Rekonstruktives und theoriegeleitetes Fallverstehen stehen als Diagnosemethoden zur Verfügung. Der Beizug soziologischer Theorien und psychologischer Wissensbestände wie dem Lebensbewältigungsansatz erweitert den oft defizitorientierten Blick und kann zur Entlastung beitragen (Erklärungswissen nutzen). Diagnostische Erkenntnisse werden mit den Klient:innen besprochen und gemeinsam validiert oder verworfen — im Sinne eines kooperativen Fallverstehens auf Augenhöhe.
Ziele
Gestützt auf Analyse oder Diagnose werden mit den Klient:innen Grobziele vereinbart, die dem (Re-)Integrationsprozess eine Richtung geben. Systemisch-lösungsorientierte Fragetechniken sprechen die Klient:innen als Expert:innen ihres Lebens an und unterstützen die Zielfindung (Lösungsorientierte Zielfindung). Häufig braucht es einen gemeinsamen Prozess, um vage Wünsche zu konkretisieren und als verbindliches Grobziel zu formulieren, das zugleich das gesellschaftliche Ziel der (Re-)Integration aufgreift (Grobziele aushandeln). Die Operationalisierung in SMART-Feinziele erfolgt erst im Rahmen der konkreten Interventionsplanung.
Intervention
Die Interventionsplanung beginnt mit einer kreativen Suche nach Möglichkeiten, bei der biografische Erfahrungen der Klient:innen, der Erfahrungsschatz der Organisation und alle verfügbaren Ressourcen erkundet werden — eine Empowerment-Orientierung ist dabei hilfreich (Empowerment-Orientierung). Die Interventionen werden insgesamt skizziert, aber zunächst nur als erste Sequenz durchgeführt; eine ständige Überprüfung und Planung der nächsten Schritte bildet die rollende Planung (Rollende Planung). Im Verlauf ist ein allmählicher Rollenwechsel angezeigt: Professionelle nehmen sich zunehmend zurück und machen sich selbst überflüssig.
Evaluation und Grundhaltung
Fallbezogene Evaluation ermöglicht Distanznahme und gemeinsames Lernen. Das KPG-Konzept unterscheidet die Dimensionen analytische Phase, Handlungsphase, Kooperation und Gesamtbeurteilung — wobei fallbezogen eine Auswahl relevanter Kriterien zu treffen ist (Auswahl der Evaluationskriterien). Evaluation im Fachteam stärkt darüber hinaus die Organisationsentwicklung und dient der Psychohygiene.
Die professionelle Grundhaltung im KPG-basierten Eingliederungsmanagement verbindet das Ausbalancieren des Spannungsfelds zwischen Hilfe und Kontrolle, die Orientierung an Zentralwerten der Profession, Bescheidenheit bezüglich eigener Wirkungsmöglichkeiten, die beharrliche Suche nach Kooperation, einen verstehensorientierten Zugang und ein strukturiertes, zugleich flexibles methodisches Vorgehen. Klient:innen werden konsequent als aktiv handelnde Akteur:innen ihres eigenen Reintegrationsprozesses betrachtet.