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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 30 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Wolf Ritscher
Kindern und die sexuelle Verbindung des Elternpaares. Die Familie
zog sich aus dem öffentlichen Raum zurück, indem bislang die kommunikativen Bedürfnisse gelebt worden waren (ebd., S. 47). Für die
Kinder als nun zu erziehende zukünftige Erwachsene wurden eigene
pädagogisierte Räume geschaffen innerhalb und außerhalb des Familienhaushaltes. Innerhalb der Familie entstanden z. B. die Kinderzimmer, außerhalb die Schule als Ort einer methodengeleiteten Erziehung. Der Eingrenzung der Kinder in die bürgerliche Familie entsprach zugleich eine zunehmende Ausgrenzung eines Teils des
Kinderalltages, der nun in die Schule verlagert wurde. Ariès sieht diese
Entwicklung sehr kritisch, weil sie eine zunehmende Disziplinierung
und Unterwerfung der Kinder unter pädagogische Normen und Methoden bedeutete, die sowohl in der Familie als auch in der Schule mit
psychischer und physischer Gewalt einherging (ebd., S. 562). Darüber
hinaus sieht er auch die emotionale Intimität zwischen Eltern und
Kindern kritisch sein Stichwort hierzu heißt: »besitzergreifende Liebe« (ebd.).
Während Ariès eher den durch die bürgerliche Familie einsetzenden Sozialitätsverlust für Kinder und Erwachsene beschrieb (ebd.,
S. 61) und beklagte (ebd., S. 559 ff.), sah Lloyd de Mause in seiner »psychogenetischen Geschichte der Kindheit« deren Entwicklung als einen
Prozess, in dem sich die Beziehungen zwischen Erwachsenen und
Kindern stetig humanisierten. Er verstand dies zugleich als einen Ausdruck der zunehmenderen Humanisierung aller zwischenmenschlichen Beziehungen in Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft.
Dieser Prozess verlief in sechs Phasen (de Mause 1982, S. 82 ff.).
• 1. Phase Kindesmord: Kinder wurden getötet, wenn sie als überflüssig, lästig, hinderlich oder gefährlich angesehen wurden (bis
ca. 500 n. Chr.);
• 2. Phase Weggabe: Kinder wurden im Mittelalter ohne Hemmungen von den Eltern außer Haus gegeben;
• 3. Phase »Ambivalenz«: Kinder erhalten einen Platz im emotionalen
Leben der Eltern und müssen zugleich als noch unbearbeitete Körper
»in eine Form gebracht werden« (ebd., S. 83);
• 4. Phase »Intrusion«: die Eltern pflanzen sich als »Über-Ich« in die
Kinder ein und benutzen hierzu vor allem die Methode der Schuldgefühlinduktion;
• 5. Phase »Sozialisation«: Kinder werden qua Erziehung auf das Leben vorbereit, aber bei aller Strenge als zunehmend eigene Persönlichkeiten respektiert;
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