2.3 KiB
87
Krankenhäuser mussten rasch auf ihre Unterbringung vorbereitet werden. Kurze Zeit stritten sich konservative und fortschrittliche Psychiater über die Ursachen der ‚Kriegsneurose‘. Auch wenn die Einwirkung des Krieges auf die Menschen wahrgenommen wurde – ein Fortschritt – so ist der Begriff abwertend, weil er die Erfahrungen der Soldaten „[…] auf einen Charakterfehler oder eine hartnäckige persönliche Schwäche – wie den ‚Ödipuskomplex‘ – reduzierte, statt das Entsetzen zu berücksichtigen, dass angesichts explodierender Bomben oder der tiefen Trauer über gefallene Kameraden oder des Horrors, dass Menschen sich gegenseitig umbringen, völlig angemessen war.“ (Levine 2011, S. 55). Dann schwanden das gesellschaftliche und das medizinische Interesse für psychische Traumata wieder. Der amerikanische Psychiater und Traumataforscher Abram Kardiner verfolgte weiterhin die Theorie der Kriegsneurose. Nach seiner Theorie bestand das traumatische Syndrom aus einer veränderten Vorstellung von der eigenen Person im Bezug zur Welt, die auf dem Fixiertsein auf das Trauma und auf dem Vorhandensein eines untypischen Traumlebens mit chronischer Reizbarkeit, Schreckreaktionen und explosiven aggressiven Reaktionen basiere. Dies sei Ergebnis der Tatsache, dass das Ich die Sicherheit des Organismus durch den Schutz vor Erinnerungen an das Trauma gewährleisten will. Er beobachtete ein Gefühl von Sinnlosigkeit, Rückzug und Isolation. Und schon ihm war die Bedeutung der Körperlichkeit klar. Traumasymptome resultierten aus der Reaktion des gesamten Körpers auf das erlebte Trauma: „Der Kern der Neurose ist eine Physioneurose“ (Kardiner 1941: The Traumatic Neuroses of War, zit. n. van der Kolk 2015, S. 19). Kardiner warnte in Abgrenzung zu Freud vor der Theorie des → ‚sekundären Krankheitsgewinns‘ als einzige Erklärung der Symptome. Einig mit Freud und Janet war er in der Annahme der Tatsache, dass die Menschen sich auch nach der traumatischen Situation so verhalten, als wäre diese Situation noch gegeben (Kardiner 1941). Vor und nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierten sich amerikanische Forscher auf die stützende Kraft der emotionalen Bindungen zwischen den Soldaten und auf die Bedeutung der veränderten Bewusstseinszustände als vermittelnde Instanz. Hypnose, → Narkosynthese und → talking cure sollten durch ein nochmaliges