2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/420.md

35 lines
3.0 KiB
Markdown

Primäre Prävention von Partnergewalt: Ein entwicklungsökologisches Modell
423
untersuchten möglichen Einflussfaktoren ist im Mittel noch nicht sehr hoch,
da meist nur geprüft wurde, inwieweit mögliche Einflussfaktoren mit einem
Auftreten von Partnergewalt einher gehen. Dies ist zwar eine notwendige Voraussetzung für eine ursächliche Wirkung, stellt aber nur einen von mehreren
möglichen Hinweisen auf eine kausale oder nicht kausale Rolle dar (für eine
Rahmenkonzeption zur kritischen Prüfung der Ursächlichkeit von Umwelteinflüssen auf belastende Lebensereignisse oder psychische Auffälligkeiten
siehe Rutter et al. 2001). Zumindest für einzelne potenzielle Einflussfaktoren
wurden mittlerweile aber auch weitere mögliche Belege für eine ursächliche
Rolle kritisch geprüft, etwa ob ein möglicher Einflussfaktor tatsächlich bereits zeitlich vor dem Auftreten von Partnergewalt vorhanden ist, wie dies
bei wirklichen Ursachen zu erwarten ist. Beispielsweise liegen für die Bedeutung von Suchterkrankungen, Gewalterfahrungen und ausagierende Verhaltensauffälligkeiten in der Kindheit bzw. im Jugendalter, sowie für einige Aspekte der Geschlechtersozialisation entsprechende Studien mittlerweile vor.
Hauptsächlich wurden bislang folgende (nicht ganz trennscharfe) Gruppen
von möglichen Einflussfaktoren auf ihre Bedeutung bei der Entstehung von
Partnergewalt hin untersucht: Gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse,
männliche Geschlechterrollensozialisation und Männlichkeiten, Merkmale
der Lebensgeschichte, Beziehungsfähigkeiten und psychische Gesundheit,
Paardynamik und Stressbelastung. Die nachfolgenden Absätze fassen die Befundlage zu jedem dieser Einflussbereiche kurz zusammen.
Gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse
Geschlechterverhältnisse können als multidimensionale, dynamische gesellschaftliche Strukturen verstanden werden (für eine Konzeptdiskussion
siehe Risman 2004). Connell (2000) unterscheidet etwa die Aspekte der geschlechtsbezogenen Arbeitsteilung, der geschlechtsbezogenen Macht- und
Ressourcenverteilung und der geschlechtsbezogenen Strukturierung von
emotionalen und sexuellen Beziehungen. Innerhalb dieses Feldes wurde in
der bisherigen empirischen Forschung vor allem der Einfluss der gesellschaftlichen Ungleichverteilung von Macht und Ressourcen auf das Auftreten von
Partnergewalt untersucht. Sowohl kulturübergreifend, als auch innerhalb verschiedener untersuchter Gesellschaften hat sich hierbei gezeigt, dass weniger
Ungleichheit mit einer Abnahme der Gewalt gegen Frauen einhergeht (z.B.
Straus 1994, Yodanis 2004, Kishor & Johnson 2004). Weiterhin muss der Stärke
informeller männlicher Netzwerke (z.B. männlicher Gleichaltrigengruppen),
aber auch institutionalisierter männlich geprägter Gruppen (z.B. Vereine)
eine gewaltbegünstigende Rolle zugeschrieben werden, wenn sie einer Geschlechterhierarchie bzw. einer Gewaltausübung positiv gegenüber stehen,
(z.B. DeKeseredy 1990), während umgekehrt die Häufigkeit und Verankerung
unterstützender Beziehungen zwischen Frauen innerhalb und außerhalb der