2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/069.md

34 lines
2.8 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

70
Der Blick der Forschung
So wäre denkbar, dass hinter den vereinzelten getöteten und ausgesetzten
Neugeborenen unter anderem verzweifelte Frauen stecken, die sich nicht in
der Lage sehen, ihr durch eine Vergewaltigung gezeugtes Kind anzunehmen.
Eine bewusste Entscheidung für die Fortsetzung der Schwangerschaft ergibt sich aus der Identifikation mit dem Ungeborenen oder der bewussten
Übernahme der normativ vorgegebenen Mutterrolle. Im Vordergrund steht
nicht mehr der Vergewaltiger, sondern das Kind, welches anklopft und an
seine eigenständige Existenz erinnert. Die Mutter verbindet sich in ihrer Vorstellung mit dem Kind gegen den Täter, um das gemeinsame Überleben zu
sichern.
Unterschiede in der Auseinandersetzung mit der Schwangerschaft setzen
sich in der Mutter-Kind-Beziehung fort. Entscheidend ist, ob das Kind als eigenständige Persönlichkeit, als Kind der Frau oder als Kind einer Vergewaltigung und des Täters gesehen wird. Die ungelösten Konflikte können die
Beziehung zum Kind nach der Geburt weiterhin belasten. Unter Umständen
fällt es der Mutter schwer, das Kind anzunehmen und zu lieben oder ihrem
Kind, vor allem, wenn es ein Sohn ist, aus Angst vor den eigenen Aggressionen, Grenzen zu setzen. Zwei der Interviewpartnerinnen, die eine Ähnlichkeit
zwischen den schon jugendlichen Söhnen und dem Gewalttäter wahrnahmen,
sahen eine - bisher nicht realisierte Lösung - in einer Trennung vom Kind.
Zum Teil suchen die Mütter professionelle Beratung. Werden die Hintergründe der problematischen Mutter-Kind-Beziehung nicht aufgedeckt, läuft diese
Unterstützung ins Leere (Heynen 2002).
Schlussfolgerungen
Voraussetzung für professionelle Hilfe während aller Phasen der Mutter-KindBeziehung ist eine Qualifizierung aller relevanten Berufsgruppen, insbesondere im psychosozialen und medizinischen Bereich. Dazu gehören Informationen
über die Realität sexualisierter Gewalt im Kontext von Gewalt in Paarbeziehungen und über die Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung.
Für Vergewaltigungsopfer, die zur Schwangerschaft gezwungen werden,
muss die Möglichkeit geschaffen werden, ihr Schweigen zu brechen, ohne
dass sie mit moralischen Erwartungen konfrontiert werden, die sich primär
an einem Lebensrecht des Ungeborenen orientieren. Hilfreich wäre es, wenn
im Rahmen von Schwangerschaftskonfliktberatung, Geburtsvorbereitung
und Geburt, aber auch in der Elternbildung und beratung sensibel nach sexualisierten Gewalterlebnissen gefragt würde und entsprechende Informationsbroschüren über Rechte, Hilfsangebote und Maßnahmen zum Schutz vor
Gewalt sowie über Fachberatungsstellen zu sexualisierter Gewalt zur Verfügung ständen.
In der Geburtsvorbereitung und während der Geburt sollte berücksichtigt werden, dass Veränderungen des Körpers und Interventionen seitens der