2026-001/documents/theory/diagnostics/handbuch-kinder-und-haeusliche-gewalt/pages/038.md

36 lines
3.2 KiB
Markdown

Partnergewalt und Beeinträchtigungen kindlicher Entwicklung
39
Dies ist unter anderem deshalb bemerkenswert, weil in unserer Gesellschaft
bei der Alkoholabhängigkeit eines Elternteils Maßnahmen der Jugendhilfe
oder des Familiengerichtes zum Schutz betroffener Kinder regelhaft als gerechtfertigt angesehen werden (z.B. Harnach-Beck, 1995), während dies bei
Kindern, die Partnergewalt miterleben müssen, nicht mit gleicher Regelmäßigkeit der Fall ist.
Die praktische Bedeutsamkeit dieser Befunde tritt noch einmal auf andere
Weise hervor, wenn die Anzahl derjenigen Kinder gesondert betrachtet wird,
bei denen aufgrund von Anzahl und Intensität der Verhaltensauffälligkeiten
eine klinisch relevante, behandlungsbedürftige Störung vermutet werden
muss. Im Mittel der hierzu vorliegenden Studien trugen von Partnergewalt
betroffene Kinder gegenüber Kontrollgruppen ein fast fünffach erhöhtes Risiko behandlungsbedürftiger Auffälligkeiten (Kindler 2002). Je nachdem, wo
die Grenze zur Behandlungsbedürftigkeit gezogen wurde, musste für ein
Drittel bis Dreiviertel der von Partnergewalt betroffenen Kinder eine kinderpsychologische Behandlung empfohlen werden.
In einer Reihe von Untersuchungen wurde danach gefragt, ob Jungen
oder Mädchen stärker belastet auf ein Miterleben von Partnergewalt reagieren. Nach gegenwärtigem Wissensstand lässt sich diese Frage dahingehend
beantworten, dass auf der Ebene globaler Verhaltensauffälligkeit Jungen und
Mädchen ähnlich belastet zu reagieren scheinen (Kitzman et al. 2003). Dabei
überwiegen auch bei Jungen internalisierende Auffälligkeiten, während eine
erhöhte Unruhe oder Aggressivität auch bei Mädchen auftreten kann. Neben
dieser grundlegenden Geschlechterähnlichkeit gibt es allerdings auch einige Hinweise auf mögliche spezifische Geschlechtsunterschiede. So neigten
in einer Untersuchung etwa besonders Mädchen dazu sich für die Gewalt
(mit-)verantwortlich zu fühlen, während Jungen den Bedrohungsaspekt der
Gewalt intensiver zu erleben schienen (Kerig 1998). Weiterhin scheinen Mädchen externalisierende Auffälligkeiten stärker im sozialen Nahfeld zu zeigen,
während bei Jungen die Gefahr einer Chronifizierung externalisierender Auffälligkeiten höher ist. Insgesamt fehlen aber noch gute Studien zu geschlechtsbezogenen Aspekten des Umgangs von Kindern mit der Belastung durch Partnergewalt. Die bezüglich des Umgangs mit anderen möglichen Belastungen
im Leben von Kindern mittlerweile erreichten Fortschritte in der Forschung
könnten hier anregend wirken (z.B. Zahn-Waxler 1993, Ehrensaft 2005).
Belastungen kindlicher Entwicklung lassen sich aber nicht auf Verhaltensauffälligkeiten reduzieren. Vielmehr müssen auch Prozesse bedacht
werden, die die Entwicklung von Kindern kumulativ und langfristig erheblich beeinträchtigen können, dabei aber (zumindest zunächst) unterhalb der
Schwelle zur klinisch bedeutsamen Verhaltensauffälligkeit bleiben. So ist es
etwa möglich, dass Gewalterfahrungen Kinder auf „Risikopfaden“ (vgl. z.B.
Rutter 1995) platzieren, die mit größerer Wahrscheinlichkeit in ungünstigen
Entwicklungsergebnissen resultieren. Im Hinblick auf miterlebte Partnergewalt befinden sich vor allem zwei Risikopfade in der Diskussion. Zum einen