2026-001/documents/philipp-sucht-sein-ich/pages/109.md

2.1 KiB
Raw Blame History

109

Festschreibung in Form einer häufig als starr wahrgenommenen Diagnose entstehen, die für die Pädagogik wenig brauchbare Ansatzpunkte bietet. Vielmehr ist das Verstehen einer Lebensgeschichte angestrebt, die einen Ursprung hat, sich in einem aktuellen Bild zeigt und einen Ausblick auf Weiteres und Veränderbares ermöglicht.“ (Andreae de Hair et al. 2021) Pädagogische Erörterungen heute kommen mit Blick auf die Auflösung sozialer Strukturen und die fortschreitende Individualisierung nicht umhin, die Anforderungen an die Identitätsarbeit als Zukunftsinvestition mitzudenken. Gelingende Identität unter diesen Vorzeichen bedeutet die innere Schöpfung von Lebenssinn, die Fähigkeit zur Selbstorganisation und Möglichkeit zur Selbsteinbettung (Keupp 2000) in soziale Bezüge, letzten Endes Ziele, die eine Traumabearbeitung beinhalten und auch auf eine gelungene Traumabewältigung hinweisen.

6.2

Eine Definition von Traumabewältigung

Traumabearbeitung bedeutet weit mehr als die Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen im therapeutischen Setting. Sie erfordert z. B. bei Naturkatastrophen nicht nur Erinnerungsarbeit, sondern auch und vielleicht vor allem die Wiederherstellung von materieller Lebensqualität. Traumabewältigung bei politischen Repressionen erfordert auch eine politische, eine gesellschaftliche Bewältigung. Für chronisch traumatisierte Mädchen und Jungen bedeutet Traumabewältigung den Wechsel aus der Opferrolle, die Korrektur von Verlust von Vertrauen, die Überprüfung des Bindungsverhalten, das Verstehen des Gewordenseins, die Erkenntnis, Hey, ich bin normal, die Anerkennung der eigenen Lebensleistung und das Erarbeiten von Fähigkeiten der Selbstregulation. Heilende Kräfte in der Persönlichkeit des Kindes oder der sozialen Umwelt helfen, den Risiken langfristiger Schädigung bereits im Kindesalter etwas Positives entgegenzusetzen (Fooken/Zinneker 2007). Maggie Kline und Peter Levine sehen die Möglichkeiten Empfindungen im Körper zu verändern als die beste Ressource: „[…] the best resource of all is the ability of your bodys sensations to change“ (2007, S. 137).