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Methodisch wird so vorgegangen, dass zunächst geklärt wird, was der
Fall ist, der untersucht werden soll und in welchen Entstehungskontext er
eingebettet ist. Dabei interessiert die sog. Interaktionseinbettung,
innerhalb derer ein Text als protokollierte Handlung erzeugt worden ist
(Person in Familie, diese in Milieu, diese in Region, diese in Stadtteil etc., vgl.
Kraimer 2010:210). Basis ist das Textmaterial, das gemäß dem Wortlaut
paraphrasiert wurde. Es wird eine erste Auslegung vorgenommen, indem
die untersuchende Person sich vorstellt, was für eine Entwicklung sich
unter den gegebenen zeitlichen, räumlichen, soziostrukturellen und kulturellen. Bedingungen möglicherweise ergeben hat. Der vorliegende Text
(z. B. das narrative Interview) wird nun in einem zweiten Schritt darauf hin
untersucht, ob nach dem Kriterium Wohlgeformtheit eine als geltend
gesetzte Norm oder Regel angewendet oder abgewiesen werden kann. Der
Text wird also nicht aus der Perspektive möglicher Motive und Intentionen
eines Klienten gedeutet, der Forschende nimmt nicht eine lebensweltliche
Perspektive ein oder versucht, sich in den Klienten hinein zu versetzen.
Oevermann gemäß besitzt jeder Fall eine »Eigenlogik« (2000b:69), die sich
im kritischen Vergleich des Textmaterials mit den Erfüllungsbedingungen
(Zeit, Raum, Kultur etc.) zeigt. Fallen latente Sinnstruktur mit den im Text
vorgestellten Handlungs- und Interpretationsmustern zusammen, stellt dies
die Ausnahme der Regel dar. In der Differenz zeigt sich das Besondere des
Falles, die Fallstruktur, die dann im Anschluss an die Analyse mehrerer
Handlungssequenzen verallgemeinert werden kann und in Form einer
Strukturhypothese bzw. Strukturgeneralisierung formuliert wird. Kann diese
im Verlauf der Interpretation in weiteren Sequenzen bestätigt werden, ist
die Rekonstruktion beendet (vgl. Griese/Griesehop:2007:33). Mit Hilfe
dieser Strukturgeneralisierung über das Allgemeine und den Einzelfall ist es
möglich, eine vage Prognose für die Zukunft eines Handlungssystems
aufzustellen (vgl. Reichertz 1995:400).
Oevermann betrachtet Objektive Hermeneutik als Kunstlehre, die nicht
operationalisierbar, sondern ausschließlich durch (jahrelange) mimetische
Übung an entsprechendem Fallmaterial erlernbar ist. Die Methode wird in
der Regel in der wissenschaftlichen Forschung angewendet oder in der
Hochschulausbildung. Für die Beantwortung einer Untersuchungsfrage sind
bis zu zwölf Fallrekonstruktionen nötig, bis nurmehr eine Lesart für den
gesamten Interpretationstext Sinn macht (vgl. ebd.:392), was deren
Anwendung in der Praxis der Sozialen Arbeit in der Regel als zu aufwändig
erscheinen lässt. Das weitere methodische Vorgehen in der Arbeit mit
Klienten wird nicht erörtert, d. h., es ist nicht klar, wie die
Diagnoseergebnisse in das Arbeitsbündnis einfließen und wie sich
Interventionen daraus ableiten lassen.
10.3.2 Fallrekonstruktion
Diese Methode wurde ausgangs der 1980er Jahre von Bernhard Haupert für
Studierende und Fachleute aus der Praxis der Sozialen Arbeit entwickelt. Sie
ist einerseits in der Traditionslinie der Objektiven Hermeneutik
anzusiedeln, übernimmt anderseits Überlegungen aus dem Symbolischen
Interaktionismus (u. a. Schütze) und der Chicagoer Schule (Louis Wirth)
und versucht, in einer gegenüber der objektiven Hermeneutik verkürzten