2026-001/documents/verhaltensauffaelligkeiten/pages/117.md

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5.1 Internalisierende Auffälligkeiten
Ätiologie, Störungsentstehung
Bei der Betrachtung der Störungsursachen ist zunächst festzustellen, dass es wenige
sichere, das heißt auf breiten Daten basierende Erkenntnisse über die ursächlichen
Zusammenhänge der Ess-Störungen gibt. Es handelt sich auf somatischer Ebene
um Störungen der Regulation der Nahrungsaufnahme. »Bei der Regulation der
Nahrungsaufnahme bestehen komplexe Wechselwirkungen zwischen biologischen,
umgebungsmäßigen und psychologischen Variablen« (Fichter & Warschburger
2000, S. 566). Die Komplexität dieser Zusammenhänge macht es bei diesen Auffälligkeiten schwierig, eindeutige Ursachenketten zu beschreiben.
Auf diesem Hintergrund sollen jetzt die vorliegenden Erkenntnisse der biologischen, sozialen und psychologischen Einflussfaktoren betrachtet werden.
Biologische Ebene
Die Regelung von Hunger und Sättigung erfolgt im Hypothalamus, der wiederum
im Zusammenspiel mit anderen Gehirnregionen steht. Das periphere Sättigungssystem schüttet Peptide in Reaktion auf die Nahrungszufuhr aus, diese zeigen Sättigung an. Andere Peptide können Hunger und Nahrungszufuhr erhöhen. »Diese
biologischen Variablen werden von der Nahrung selbst (Kaloriengehalt, ernährungsmäßige Zusammensetzung und Schmackhaftigkeit) sowie durch die Umgebungsbedingungen beeinflusst. (…) Bei der Regulation der Nahrungsaufnahme
spielen aber auch Lernprozesse eine wichtige Rolle: Die Nahrungsaufnahme wird
nicht erst dann gestoppt, wenn gastrointestinale Hormone ausgeschüttet werden
und ein Völlegefühl entsteht; vielmehr kann eine solche Reaktion vorweggenommen werden (…). Bei psychogen essgestörten Patienten besteht eine Störung der
Sättigungswahrnehmung; offen bleibt, inwieweit dies Folge oder Ursache des gestörten Essverhaltens ist« (ebd.).
Klare Belege für organische Prädispositionen für die Anorexie und die Bulimie
konnten bisher nicht identifiziert werden (vgl. Franke 2001, Fichter & Warschburger 2000). »Trotz intensiver Suche ist es bis dato nicht geglückt, Indikatoren für
die vermutete biologische Vulnerabilität zu finden und empirisch zu belegen«
(Fichter & Warschburger 2000, S. 567). Im Unterschied zu diesen Einschätzungen
kommen Herpertz-Dahlmann et al. (2005) zu dem Schluss, dass genetische Faktoren
bei der Verursachung der Ess-Störungen Anorexis und Bulimie eine Rolle spielen:
»Systematische Familienstudien zeigen, dass die Prävalenz von Essstörungen bei
Familienmitgliedern magersüchtiger und bulimischer Patienten im Vergleich zu
gesunden Kontrollpersonen um das 7- bis 12-fache erhöht ist« (ebd., S. 255; wobei
diese Argumentation nicht unbedingt die genetische Verursachung belegt, s. u.).
Veränderungen in Transmittersystemen bei anorektischen Frauen können als Korrelate des spezifischen Verhaltens angesehen werden (vgl. z. B. Herpertz 1997).
Genetische Faktoren scheinen bei der Ausbildung der Adipositas eine stärkere
Rolle zu spielen. »1994 wurde das sogenannte Obesitas (ob) Gen identifiziert, das
das im Fettgewebe gebildete Protein Leptin festlegt« (Franke 2001, S. 379). Hierdurch wird der Ausgangspunkt, um das Körpergewicht stabil zu halten, auf gene117