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3.3 Integratives bio-psycho-soziales Modell zur Erklärung von Verhaltensauffälligkeiten
»Als Temperamentsfaktoren sind dabei konstitutionelle Unterschiede in Aktivität,
Reaktivität und Selbstregulation des Menschen zu verstehen« (Resch 2004, S. 34),
die stark anlagebedingt, aber durch Umweltfaktoren maßgeblich beeinflussbar sind
(s. u.). Rothbart, Derryberry & Posener (1994) haben die Temperamentsdimensionen allgemein überwiegend auf Unterschiede in der Balance zwischen aktivierenden
und hemmenden Systemen zurückgeführt, »auf Missverhältnisse zwischen Erregbarkeit der behavioralen und physiologischen Systeme auf der einen und Regulationsprozessen im Dienst der Erregungsmodulation auf der anderen Seite« (Papousek 2004, S. 86). Die fehlende Balance zwischen aktivierenden und hemmenden
Systemen kann nach Papousek (2004) »sowohl mit einer erhöhten oder eingeschränkten Reagibilität im Bereich der vier >A< (Arousal, Affekt, Aufmerksamkeit,
Aktivität) einhergehen, als auch mit einer eingeschränkten oder überschiessenden
inhibitorischen Gegenregulation. In zahlreichen Studien zum kindlichen Temperament finden sich Zusammenhänge zwischen Extremausprägungen einzelner
Temperamentsmerkmale und Problemen der Verhaltensregulation« (ebd., S. 86).
Empirisch haben Thomas & Chess (1980, 1989) drei Typen von Temperamentsmustern unterschieden:
1. »Das einfache Kind (40 %) zeichnete sich durch Regelmäßigkeit der biologischen
Funktionen, keine Scheu vor unbekannten Personen und gute Anpassungsfähigkeit an neue Situationen aus.
2. Das schwierige Kind (10 %) war demgegenüber gekennzeichnet durch eine Unregelmäßigkeit in biologischen Funktionen, Rückzugsverhalten gegenüber
neuen Reizen und eine mangelnde Fähigkeit zu Anpassungen an neue Situationen.
3. Von diesen Konstellationen wurde das langsam auftauende Kind (15 %) abgegrenzt, das sich durch leichte negative Reaktionen auf neue Reize, langsame
Anpassungsfähigkeit an neue Situationen nach wiederholtem Kontakt, regelmäßige biologische Funktionen und eine geringe Intensität der Reaktionen
auszeichnet« (Schmeck 2003, S. 159 f). Diese drei Temperamentstypen werden
nach Zentner (2000) auch als »impulsiv-unbeherrscht, gehemmt/überkontrolliert
und Ich-stark« bezeichnet.
Das sogenannte »schwierige Temperament« steht im Zusammenhang mit der physiologischen Reaktivität: »Das Ausmaß der physiologischen Reaktivität bezieht sich
auf genetisch bedingte, individuelle Unterschiede in der Schwelle der Erregbarkeit
und der Intensität emotionaler Erfahrung (Walden & Smith 1997, Friedlmeier
1999). Kinder, die eine hohe physiologische Reaktivität aufweisen, haben eine
niedrige Schwelle für emotionale Erregung und erleben Emotionen sehr intensiv
(…)« (Petermann & Wiedebusch 2003, S. 57). Der Faktor des schwierigen Temperaments bzw. der erhöhten physiologischen Reaktivität ist ein hoher Risikofaktor;
diese Kinder sind in besonderem Maße vulnerabel, d. h. verletzlich bei besonderen
Belastungen, Schwierigkeiten, Krisen etc. Temperamentsunterschiede wirken sich
nach Rothbart & Bates (1998) unter anderem auf die Selbstregulation, die Aufmerksamkeitslenkung, die emotionale Reaktivität und motorische Aktivität des
Kindes aus. Es kann zu einer »erhöhten Empfänglichkeit für psychosoziale Stresso45