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3.2 Frühkindliche (Normal‐)Entwicklung: Die Entstehung des Selbst
Die Bildung der innerpsychischen Struktur, der Selbststruktur (als handlungsleitende Instanz) vollzieht sich in der Auseinandersetzung des Säuglings bzw. allgemeiner des Menschen mit der Umwelt über die Bildung von Erfahrungen, die dann innerpsychisch repräsentiert werden. Entsprechend zu den Ergebnissen der Neuropsychologie/-psychotherapie (vgl. z. B. Hüther 2004, Grawe 2004) lässt sich die bestehende Selbststruktur in Anlehnung an Stern (1995) folgendermaßen darstellen (c Abb. 3.2): Real gelebte Erfahrungen werden emotional bewertet und darüber zu Erinnerungen. Die Zusammenfassung von ähnlichen Erinnerungsmustern werden zu sogenannten »generalisierten Repräsentationen von Interaktionserfahrungen« (RIG) oder zu Schemata erster Ordnung. Die Zusammenführungen verschiedener RIGs zu Schemata zweiter Ordnung sind als zentrale Elemente der Selbststruktur zu verstehen. Beispielsweise führt eine Vielfalt von Erfahrungen, die ein Kind bei der Regulation innerpsychischer Zustände (wie z. B. Hunger) macht und von Erfahrungen, die es auch auf anderer Ebene unterstützt (z. B. bei der Verwirklichung seines Neugierstrebens), zu der generellen Repräsentation, dass es Unterstützung aus der Umwelt erfährt (»Wenn ich mich unwohl fühle, ist prinzipiell jemand da, der mich unterstützt, diesen Zustand des Unwohlseins zu beenden«). Ein darüber hinausgehendes Schema wäre dann ein grundsätzliches Vertrauen in andere Menschen. Diese so entwickelten und auf neuronaler (Netzwerk‐) Ebene »verankerten« Schemata sind – notwendigerweise – sehr stabil und streben tendenziell eher danach wieder bestätigt zu werden; die einmal gebildete Struktur ist »konservativ« und versucht Störungen (z. B. durch andere Erfahrungen) zunächst auszuschalten oder abzuwehren (vgl. z. B. Hüther 2004). Die beschriebenen Schemata zweiter Ordnung entsprechen dem von der Bindungsforschung beschriebenen »internal working model« (Grossmann 2001), das als innerpsychische Repräsentanz von Bindungserfahrungen wiederum das Bindungsverhalten von Kindern (und später Erwachsenen) »steuert«. In Ergänzung zu dem ursprünglichen Modell ist unter dem Gesichtspunkt der Selbstorganisation der Entstehungsprozess der Selbststruktur durch »Rückkopplungsprozesse« zu ergänzen (im Schaubild gestrichelt gezeichnet): Die gebildeten RIGs und Schemata beeinflussen ihrerseits die Aufnahme und Verarbeitung von Sinnesreizen – hier findet immer ein Auswahl- bzw. Filterprozess statt – und natürlich deren Koppelung mit vorhandenen Strukturen: Welche Erfahrungen wirklich als Erinnerungen abgespeichert werden, ist von den schemagesteuerten Bewertungen abhängig usw. Wichtig ist dabei, dass die gebildeten Strukturen, sofern sie einmal gefestigt sind, aus Gründen der »mentalen Ökonomie« (Stern 1995, S. 201) relativ »konservativ« sein müssen. Dieses Modell wird gestützt durch die Ergebnisse der Hirnforschung (vgl. z. B. Hüther 2001, 2004, Spitzer 2002). Hiernach bilden sich erfahrungsabhängig neuronale Verbünde – oder »Modulsysteme« (Petermann et al. 2004) –, die wiederum ordnungsbildend für den weiteren Aufbau neuer Strukturelemente sind. Stern (1992) unterscheidet verschiedene Abschnitte der Selbst-Entwicklung, in denen sich je spezifische Anforderungen für die innere Strukturbildung stellen und die entsprechend in der Interaktion mit den Bezugspersonen »bewältigt« werden müssen (vgl. auch Dornes 1995, 1997). 39