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Allgemeines Modell der Entstehung von
Verhaltensauffälligkeiten
3.1
Allgemeine Überlegungen
Die modernen Entwicklungswissenschaften, mittlerweile auch alle theoretischen
Konzepte der unterschiedlichen Psychotherapieschulen, gehen von einem engen
Zusammenwirken biologischer, sozialer und innerpsychischer/-psychologischer
Faktoren bei der seelischen und körperlichen Entwicklung von Menschen allgemein
und der Entwicklung von seelischen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten im
Besonderen aus. Verhaltensauffälligkeiten werden dabei als eine mögliche Variante
unterschiedlicher Entwicklungsverläufe gesehen. Es lassen sich dabei keine eindeutigen linearen Kausalitäten herstellen, etwa nach dem Motto: »Fritz ist in der
Kindheit von seinen Eltern vernachlässigt worden, deshalb hat er in der Jugend
aggressives Verhalten entwickelt.« Gerade die Ergebnisse der Resilienzforschung
(vgl. die Zusammenstellung bei Wustmann 2004, Rönnau-Böse & Fröhlich-Gildhoff
2020) haben deutlich aufgezeigt, dass unter ähnlichen Lebensbedingungen oder
nach ähnlichen, auch sehr schwierigen Erfahrungen, Menschen sich unterschiedlich
und auch seelisch gesund entwickeln können. Komplexe Ursachen- und Wirkungszusammenhänge lassen sich bestenfalls auf einer allgemeinen Ebene beschreiben, eine präzise Rekonstruktion ist nur individuell unter Berücksichtigung
der jeweiligen Lebensgeschichte möglich.
Petermann et al. (2004, S. 283) machen deutlich, »dass gestörte oder normale
Funktionsweisen nicht aufgrund einer einzigen Ursache beschrieben oder vorhergesagt werden können«. Sie beschreiben das Prinzip der »Äquifinalität« und
»Multifinalität«: »Das Prinzip der Äquifinalität besagt, dass Organismen von unterschiedlichen Anfangsbedingungen aus oder über unterschiedliche Wege das gleiche
Entwicklungsziel (Sozialverhalten, Intelligenz usw.) erreichen können. Normales
wie abweichendes Verhalten kann also aus einer Vielzahl von Entwicklungspfaden
resultieren. (…) Das Prinzip der Multifinalität, ist dem Prinzip der Äquifinalität
komplementär. So wie die verschiedensten Ursachen zu einem Entwicklungsausgang führen können, kann eine Funktionsweise im Entwicklungsverlauf unterschiedliche Ergebnisse haben. Individuen mit vergleichbaren Ausgangsbedingungen
können sich aufgrund günstiger und ungünstiger Rahmenbedingungen unterschiedlich entwickeln. So kann beispielsweise ein Kind mit einem schwierigen
Temperament in einem Kindergarten aufgenommen werden, in dem die Erzieher
darauf günstig reagieren, während es unter anderen Bedingungen vielleicht permanent in soziale Konflikte geraten wäre und eine Neigung zu Wutausbrüchen
entwickelt hätte. Ein schädigendes Ereignis muss nicht notwendigerweise bei jedem
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