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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 259 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19

  1. Aufsuchende Familientherapie als ambulante Hilfe zur Erziehung

nierte der Supervisor seine Sicht des Paares und des für sie bedeutsamen Themas: Trennung und gleichzeitige Verbindung. Die Kinder wurden gleichsam als Zuschauer des Ehepaardramas hinzugestellt. Tatjana wurde dabei außerordentlich wütend: Ihr wurde deutlich, wie sie und die Geschwister bei ihren jahrelangen Versuchen, den Eltern zu helfen, zu Erfolglosigkeit und Ohnmacht verdammt worden waren. Am Ende der Konsultation wurde vom Supervisor ein neuer Auftrag vorgeschlagen: Ziel sollte sein, mit dem Paar das Trennende und Verbindende ihrer Beziehungsgeschichte zu erarbeiten und dabei eine Bilanz der Verdienste zu erstellen, die es ihnen erlauben sollte, sich voneinander »von Angesicht zu Angesicht« zu verabschieden oder wieder zusammenzukommen. Die Familie akzeptierte diesen Vorschlag. Über mehrere Sitzungen hinweg sprachen wir mit dem Paar über die gemeinsame Geschichte. Dazu diente die Erstellung des Genogramms. Die Eheleute hatten seit über zehn Jahren nicht miteinander über die Trennung und ihre Folgen gesprochen. Es stellte sich heraus, dass die Ehe zu Beginn besonders dadurch belastet wurde, dass sich keine Kinder einstellten. Für uns beeindruckend war es zu hören, wie das Paar diese Krise meisterte und enorme Mühen auf sich nahm, bis fünf Wunschkinder geboren waren. Eine zweite Schwierigkeit war das enge Zusammenleben mit den Eltern von Herrn Ernst. Räume und Finanzen waren nicht getrennt. Besonders Frau Ernst hatte das Gefühl, von der Schwiegermutter bevormundet zu werden und keine Achtung zu erfahren. Hier wiederholte sich, was sie in ihrer Herkunftsfamilie erlebt hatte. Herr Ernst konnte nun nachvollziehen, wie schwierig diese Situation damals für seine Frau war. Doch wurden die Paargespräche immer wieder durch Konflikte zwischen Mutter und Michael bzw. Karin belastet. Zunehmend hatten wir auch das Gefühl, die Kinder durch die Paargespräche von der Therapie »abgehängt« zu haben. Im Rahmen einer weiteren Supervision beschlossen wir deshalb, das Setting nochmals zu verändern und mehr als zuvor die Struktur und Themen der Sitzungen festzulegen. Damit die Eltern mehr Handlungsspielraum für sich gewinnen konnten, boten wir ihnen an, nach einer ca. 15 Minuten dauernden Eingangsrunde für alle Familienmitglieder mit ihnen parallel systemische Einzelgespräche zu führen. Der Therapeut arbeitete mit Herrn Ernst in dessen Büro, die Therapeutin mit Frau Ernst ca. 25 Minuten daran, Optionen für die jeweils eigene Zukunft zu entwickeln. Am Ende der Ein259