2026-001/documents/systemische-kinder-und-jugendhilfe/pages/199.md

34 lines
2.5 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 199 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
8. Cleartalk Ein systemisches Konzept für die Zusammenarbeit in sozialen Kontexten
• Im stationären Bereich kommt es bei »schwierigen Fällen« häufig zu
Einrichtungswechseln oder Entlassungen, und zwar gerade dann,
wenn es aus Jugendamtssicht wichtig wäre, den betreffenden Jugendlichen in der Maßnahme zu halten.
In einem nächsten Schritt wurden, in Zusammenarbeit mit der externen systemischen Familientherapeutin, Hypothesen darüber gebildet, welche Einflüsse sich möglicherweise hinderlich auf den Hilfeverlauf auswirken könnten:
• Die Bedarfsfeststellung in der Jugendhilfe ist nach wie vor defizitorientiert und orientiert sich in ihrer Hilfeerbringung hauptsächlich
am »Symptomträger« ohne hinreichende Berücksichtigung der
familiären und sozialen Systeme (s. dazu Minuchin et al. 2000).
• Eltern in krisenhaften familiären Situationen deklarieren meist ein
Kind als Problemträger, ohne den Blick auf das gesamte Feld, nämlich
das Eltern- oder Paarsystem und das erweiterte System, zu richten.
Von der Jugendhilfe wird folgerichtig erwartet, das Kind zu »reparieren« und die Hilfebemühung entsprechend darauf zu konzentrieren.
• Eltern kommen zu einem Zeitpunkt mit dem Jugendhilfesystem in
Kontakt, zu dem sie oft keine eigenen Lösungsmöglichkeiten, Ressourcen und Spielräume mehr erkennen können. Ihr Ziel ist daher
häufig, das eigene Scheitern zu proklamieren und die Verantwortung
unter der Annahme abzugeben, andere könnten ihr Kind besser erziehen.
• Hilfen scheitern häufiger, wenn von Anfang an kein Konsens mit
allen Beteiligten als Ausgangspunkt für die Hilfegewährung erreicht
werden kann.
In der Beratungsarbeit mit den Familien konnten diese Hypothesen
weitgehend bestätigt werden. Deutlich wurde vor allem, dass in einigen Familien das vorgesehene Hilfeangebot nicht von allen Familienmitgliedern als die passende und geeignete Form der Unterstützung
angesehen wurde weshalb nicht immer eine konstruktive Zusammenarbeit möglich war. Die Familien bestätigten, dass sich die Beteiligten unter dem Druck der aktuellen Krisensituation zu wenig Zeit
und Raum nahmen, um die Situation in Ruhe zu klären.
Unter dem Eindruck dieser Hypothesen und Rückmeldungen
entstand die Idee, dass sich die in der Krise befindliche Familie, eine
systemisch-ressourcenorientiert arbeitende externe Familientherapeutin und das Jugendamt zusammensetzen sollten, um unter Nutzung ihrer jeweiligen spezifischen Ressourcen und Kompetenzen
199