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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 122 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Silvia Musch-Grau und Wolf Ritscher
kommen zu lassen. Denn es gibt in ihrem Gemeinwesen viele Menschen, die genau dies benötigen. Die Tochter könnte ermutigt werden, ihre Sorge für die Mutter zu erhalten, indem sie sie bei der vorgeschlagenen Verlängerung ihrer sorgenden Haltung in das soziale
Umfeld hinein unterstützt, indem sie z. B. altersadäquate Funktionen
im Familienhaushalt übernimmt.
Ein wichtiges Thema ist auch die Tatsache, dass Sarah keine Geschwister hat. Sie ist das einzige Kind, auf das sich die Sorge der
Mutter richten kann. Da Sarah auf einen befriedigenden Kontakt mit
Peers verzichtet hat und ihre isolierte Position sich wegen der Konflikte mit den Schulkameradinnen immer mehr zementiert im
Sinne systemischen Denkens eine rekursive eigendynamische Schleife , gibt es für sie auch keine sozialen Ausweichmöglichkeiten. Wie
könnten diese angeboten und initiiert werden, ohne dass die Loyalität
zur Mutter (und damit indirekt auch zum Vater) verletzt würde?
Dass bislang der Vater in unserer Analyse wenig Aufmerksamkeit
gefunden hat, lässt sich als Resonanz auf die Familiendynamik verstehen. Dies zeigt sich auch darin, dass er nicht an den bisherigen
Gesprächen teilgenommen hat. Er hat im System eine Randposition
inne, das Zentrum wird durch die Mutter-Tochter-Dyade markiert.
Vielleicht sind es u. a. die Konflikte und die darin enthaltenen Selbstbehauptungsmöglichkeiten, die ihm den Verbleib in der Familie ermöglichen. Für Sarahs weitere Entwicklung ist es notwendig, dass
sich die Position des Vaters in der Familie verändert. Hier ist zum einen an das Paarsubsystem zu denken: Welche bislang verdeckten Ressourcen für seine Weiterentwicklung gibt es? Dann wäre die Frage zu
stellen, inwieweit Herr S. als Vater sein Interesse für das psychische
Wachstum seiner Tochter empfinden, darstellen und in Beziehungshandeln umsetzen kann. Welche entsprechenden Schritte möchte die
Mutter tolerieren oder gar fördern, z. B. dann, wenn sie das Engagement des Vaters nicht als Konkurrenz, sondern als Entlastung erleben
kann? Zu klären wäre, welche diesbezüglichen Ressourcen Herr S. im
Geno- und Soziogramm auffinden und entwickeln könnte. Hier wäre
darauf zu verweisen, dass es für sich schon eine ungeheure Leistung
ist, dass er sich trotz aller Beziehungsabbrüche in seiner Herkunftsfamilie und wechselnden Pflegeverhältnissen, denen er als Kind bzw.
Jugendlicher ausgesetzt war, auf die Rolle als Ehepartner und Vater
eingelassen hat und sie trotz aller Konflikte aufrechterhält. Des Weiteren wäre zu klären, ob es in seiner Kindheit und Jugend Beziehun122