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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 112 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Silvia Musch-Grau und Wolf Ritscher
aus dieser Beziehungsfalle verstanden werden, denn für den Zeitraum der nun notwendig gewordenen Zuwendung zu dem »kranken«, »auffälligen« »verstörten« Kind wird der elterliche Konflikt »auf
Eis gelegt«, tritt in den Hintergrund, verliert an Schärfe usw. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass sich beide Eltern gegen das Kind
verbünden und damit ebenfalls eine Deeskalation ihres Konfliktes
möglich wird, weil sich der Fokus auf das »problematische« Kind verschiebt. Eine weitere Variante wäre die Funktion des Kindes als von
beiden umworbenen Schiedsrichters im Kampf der Eltern, und in diesem Fall könnte das Symptom den Versuch ausdrücken, gegenüber
beiden Eltern gleichzeitig loyal zu bleiben.
• Die Bindungstheorie von John Bowlby und Mary Ainsworth beschreibt
das sensible Zusammenspiel von Bindung, Fürsorge und Ausweitung der kindlichen Handlungsspielräume. Laut Bindungstheorie
schlagen sich reale Bindungserfahrungen in der Entwicklung »inneren Arbeitsmodelle« nieder, die Vorstellungen des Kindes von sich
selbst und ihren Bindungsmustern beinhalten. Kinder, die mit ihrer
Suche nach Nähe beständig Erfolg haben, entwickeln in der Regel
konstruktivere Bindungs- und Kommunikationsfähigkeiten (Muster
der »sicheren Bindung«) als Kinder, deren Annäherungsversuche abgewiesen werden oder deren Bezugspersonen stets unvorhersehbar
reagieren. Dann entstehen unsicher-vermeidende, unsicher-ambivalente oder bei traumatisierenden Beziehungserfahrungen unsicher-desorganisierte Bindungsmuster. Einmal ausgeformte und in
subjektive »innere Arbeitsmodelle« transformierte Bindungsstrukturen haben eine Neigung zur Stabilität, da sie außerhalb des Bewusstseins existieren und als subjektive Beziehungserwartungen das eigene situative Beziehungsverhalten bestimmen. In der Kindheit verändern sich Bindungsmodelle vermutlich nur durch eine Vielzahl
gleichgerichteter neuer Beziehungserfahrungen. Beim Erwachsenen
hingegen können die in der Kindheit entstanden Arbeitsmodelle bewusst verändert werden, da das Individuum in der Lage ist, aus dem
Bindungssystem gedanklich herauszutreten und sein Verhalten »von
außen« zu betrachten. Für die familientherapeutische Diagnostik ist
es von immenser Bedeutung, welche Bindungsmuster zwischen Eltern und Kind bzw. Kindern etabliert wurden. Meistens wiederholen
die Eltern in Bezug auf ihre Kinder die Bindungsmuster, die sie selbst
in ihrer Kindheit erfahren und als »innere Arbeitsmodelle« »abgespeichert« haben. Versuchen Eltern, ihre Bindungssicherheit dadurch zu erreichen, dass sie ihre Kinder als »sichere Basis« für sich
selbst benutzen, hat dies die Unterdrückung der natürlichen Bindungsbedürfnisse des Kindes zur Folge und kann zum Ausgangspunkt mehrgenerationaler Verstrickungen werden.
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