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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 106 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Silvia Musch-Grau und Wolf Ritscher
Familienhilfe (SPFH) oder stationärer Jugendhilfeeinrichtungen integrieren. Sie hat deshalb in der Sozialarbeit zwischenzeitlich eine
weite Verbreitung gefunden. Die Familientherapie interpretiert im
Unterschied zur Individualtherapie Symptome nicht mehr vorrangig
als Folge eines intrapsychischen Konfliktes, sondern als das Ergebnis
problematischer familiärer Beziehungsmuster. Symptome werden
als diesbezügliche Lösungsversuche verstanden. Die Mehrgenerationenperspektive erweitert den Blick über die Kernfamilie hinaus auf
die vorangegangenen Generationen (vgl. Boszormenyi-Nagy u. Spark
2001). Die mehrgenerationale Familiendynamik ist nach unserer Erfahrung für die Arbeit im Sozialdienst von großer Bedeutung. Die
Probleme unserer Adressatinnen sind meistens im Verlauf extrem
langfristiger biografischer Entwicklungen entstanden und manchmal
offensichtlich, oftmals unerkannt in einen mehrgenerationalen Kontext eingebettet. Da sich die individuellen Fähigkeiten zur Lebensbewältigung im ständigen Austausch zwischen Individuum, Familie
und Umwelt entwickeln, sind die Erfahrungen, Ideologien und Mythen, die durch die Herkunftsfamilie vermittelt werden, von zentraler
Bedeutung. Das Familienselbstbild ist eine geistige Kraft, die das Individuum zeitlebens unbewusst durchdringt. Kron-Klees beschreibt
in seinem Buch Familien begleiten (2001) die Erfahrung, dass stark belastete Familien sich überwiegend als sozial isoliert, hilflos ihren
Schwierigkeiten ausgeliefert, ohne einen Sinnbezug für sich selbst
und ihre Situation erleben. Nach seiner Einschätzung erweist es sich
in der Arbeit mit diesen Familien als ausgesprochen hilfreich, den
Blick auf die zurückliegenden Generationen so weit zu erweitern, bis
sich für diese Probleme ein »Sinnerleben« einstellt.
In der Fallarbeit wird in Anlehnung an die Mehrgenerationen-Familientherapie (s. Sperling et al. 1999) versucht, verdrängte oder tabuisierte Familienkonflikte aufzudecken. Verdeckte Konflikte sollen am
Ort ihrer Entstehung wahrgenommen, bearbeitet und so weit als möglich aufgehoben werden. Dabei ist es das vorrangige Ziel, auf die Versöhnung zwischen den Generationen hinzuarbeiten. Die Familien sollen dabei unterstützt werden, sich ihre ureigenste Geschichte neu anzueignen und sich zunehmend als deren aktive »Gestalterinnen« zu
erleben. Durch die Bearbeitung familiärer Konflikte eröffnen sich
Sichtweisen, die von einem spürbaren emotionalen Bedeutungswandel begleitet werden und zu nachhaltigen Veränderungen innerhalb
des Familiensystems führen (können). In diesem Prozess können Bin106