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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 92 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Friedhelm Kron-Klees
Ihnen, Frau M. Sie sind die Mutter von dem Jungen?« Die Frau nickt.
»Wie heißt er denn?« »Denis.« »Und Sie sind der Vater?« Der Mann
nickt. »Sie sind verheiratet?« Beide nicken. »Also sind Sie die Eltern und
haben die elterliche Sorge für dieses Kind. Und es ist augenfällig, dass
Sie sich jetzt zuerst Sorgen um das Wohlergehen Ihres Kindes machen
sollten.« Inzwischen hat sich die Sozialarbeiterin zum Kind gesetzt. Das
Kind zittert nach wie vor und starrt vor sich hin. Es lässt sich nicht anfassen. »Du hast Schmerzen in der Schulter und am Arm, nicht wahr?«
Das Kind reagiert nicht. Der Sozialarbeiter zur Kollegin: »Was meinst
du, sollten wir den Notarzt rufen?« »Ich glaube, schon. Dem Jungen
geht es nicht gut. Er scheint mir auf der linken Seite schwer verletzt.«
Der Mann: »Der hat sich gestoßen.« Der Sozialarbeiter: »Hören Sie auf!
Sie wissen genau, dass das nicht stimmt. Und es bringt auch nichts, jetzt
Geschichten zu erfinden.« Der Mann will noch einmal ansetzen, doch
der Sozialarbeiter bringt ihn mit einer ruhigen Handbewegung zum
Schweigen. »Gibt es hier ein Telefon?« Der Mann weist in ein Zimmer
nebenan. Der Sozialarbeiter ruft den ärztlichen Notdienst an. Er kommt
zurück und bleibt in der Tür stehen. Die Sozialarbeiterin zur Mutter:
»Furchtbar. Niemand will so etwas, und doch passiert das immer wieder.« Der Mann: »Ich will Ihnen nur eins sagen …« Der Sozialarbeiter:
»Sie brauchen jetzt nichts zu Ihrer Rechtfertigung zu sagen. Mit dieser
Situation geht es Ihnen nicht gut. Sie sind in einem familiären Stress,
und als wir gekommen sind, wurde der Stress noch schlimmer. Jetzt
wollen wir erst einmal Stress abbauen.« Die Sozialarbeiterin zur Mutter:
»Man steckt so voll Sehnsucht nach einer harmonischen Familie. Und
dann ist es so schwer, das auch zu erreichen. Diese Enttäuschungen.
Immer wieder.« Die Mutter: »Immer wieder will ich alles gut machen.
Aber es geht nicht mit diesem Mann.« Der Mann will wieder loslegen.
Der Sozialarbeiter: »Jetzt nicht wieder. Sie wissen beide, was hier passiert ist, ist nicht gut. Warum das immer wieder passiert, verstehen Sie
selber und wir schon gar nicht. Vielleicht später einmal. Heute nicht.«
Die Sozialarbeiterin zum Kind: »Und du verstehst überhaupt nichts,
bist nur verzweifelt.« Das Kind reagiert nicht. Der Sozialarbeiter eher
vor sich hin: »Ja, Elternschaft gehört zum Schwersten.« Die Sozialarbeiterin: »Und Partnerschaft ist, wie wir alle wissen, auch nicht einfach.« Der Sozialarbeiter: »Da kommt man schon auch an seine Grenzen.« Zum Vater: »Und manchmal sieht das dann so aus wie jetzt bei
Ihnen.«
Es klopft. Der Mann geht die Tür öffnen. Der Notarzt kommt in die
Küche. Nach einem kurzen Gespräch setzt sich der Notarzt zum Kind
und versucht, es zu untersuchen. Das Kind hat offenbar große Schmerzen und lässt sich nicht anfassen. Der Notarzt schaut sich auch die Mutter an und schüttelt den Kopf. »Ganz schön zugerichtet. Ich meine, das
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