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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 42 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Wolf Ritscher
Man sieht, die Katze beißt sich in den Schwanz oder, systemisch
gesprochen: Alles ist mit allem verbunden , denn zu guter Letzt steht
immer die Lebensqualität der Menschen in ihrem Gemeinwesen zur
Disposition. Dann sind auch wieder systemisch gesehen alle Ebenen der Politik gefragt: Bund, Länder und Kommunen. Denn eine
schwindende Lebensqualität der Menschen in ihrem Alltag und ihrer
Lebenswelt wird die jetzt schon bröckelnde Loyalität der Bürger und
Bürgerinnen mit ihrem Staat weiter erodieren lassen. Das wird dann
zu einer Existenzfrage der Politik und damit der ganzen Gesellschaft.
• Jugendhilfe sollte das Prinzip der Subsidiarität nicht auf die großen
Träger beschränken, sondern weiterhin auch kleine, lokal organisierte Initiativen einbinden. Sie sollte auch Anstrengungen unternehmen, um den privaten Reichtum, welcher (auch kausal) dem Ausbluten der öffentlichen Haushalte korrespondiert, für soziale Zwecke
nutzbar zu machen. Hier müsste auf Bundesebene das Stiftungs- und
Vereinsrecht daraufhin geprüft werden, inwieweit es die Suche nach
solchen Ressourcen blockiert.
• Jugendhilfe sollte weiter den Weg gehen, die an der Familie und ihren Umweltsystemen (z. B. Schule, Kindergarten) orientierte, möglichst passgenaue Einzelfallhilfe mit einer lebensweltlichen (siehe
Thiersch 1992) und sozialräumlichen (siehe Ritscher 2002a) Orientierung zu verbinden was auch sozialpädagogische Gruppenarbeit
einschließt. Damit verbunden sind die Konzepte der Partizipation
und die Perspektive eines Dialoges von Expertinnen im Hilfeprozess.
Die Sozialarbeiterin ist Expertin für Organisation, Verfahren und Methoden des Hilfeprozesses, die Familie und Familienmitglieder sind
Expertinnen für den Sinn ihrer Beziehungsmuster und Verhaltensweisen, die Lehrerin ist Expertin für Unterricht und Lernmotivierung
usw. Der ASD-Sozialarbeiterin kommt in diesem Konzept die Aufgabe des Case Managements zu, d. h. die Erschließung, Koordinierung
und Evaluierung von Hilfen und Ressourcen außerhalb und innerhalb des Familiensystems. Dieses Konzept von Case Management
sollte theoretisch und methodisch weiterentwickelt werden (siehe
Kleve et al. 2003).
• Jugendhilfe sollte verstärkt an der Idee arbeiten, dass mehr nicht immer besser ist. Drei oder vier nebeneinander laufende Maßnahmen
nach dem KJHG müssen nicht unbedingt die Erfolgsaussichten erhöhen. Das Sozialhilfesystem begreift seine Leitdifferenz »Hilfe vs.
Nichthilfe« (vgl. Kleve 2003a, b) zu wenig als dialektisches Ineinandergreifen beider Perspektiven. Manchmal kann weniger oder gar keine Hilfe die bessere Hilfe sein. Dieser Satz ist gefährlich, weil er natürlich Wasser auf die Mühlen der Sparfundamentalistinnen ist. Aber
auch hier gilt, dass Fundamentalismus sich der Perspektivenplurali-
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