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WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 38 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
Wolf Ritscher
• Wo Intimität herrscht, besteht auch das Risiko psychischer und physischer Gewalt, des Missbrauchs und der Misshandlungen; hier
förderte die Biedermeieridee des familiären Gartenzaunes eine Tradition der Tabuisierung, Verheimlichung und des erzwungenen
Schweigens. Dennoch gibt es viele verdeckte Botschaften von misshandelten Kindern und Frauen, die durch eine sensible Umwelt
wahrgenommen werden können. Professionelle sollten entsprechende Informationen in vorsichtige, die Familie und ihre mesosystemischen Verknüpfungen beachtende Interventionen umsetzen (siehe
hierzu Kron-Klees in diesem Band, Madanes 1997, Trepper u. Barrett
1991, Barrett u. Trepper 1997; Wegner 1997; Klees u. Friedebach
1997; Conen 1993; Dunand 1993; Levold 1993).
• Es gibt heute eine Vielzahl unterschiedlicher Erziehungskonzepte
von der Partnerschaft zwischen Eltern und Kindern über das Hegen
und Pflegen der Kinder als wichtigste emotionale Ressource der Eltern, das Konzept der frühestmöglichen Selbstständigkeit der Kinder
bis hin zum traditionellen Einsatz elterlicher Gewalt (»Eine Ohrfeige
hat noch niemandem geschadet«). Sie sind in ihrer Vielzahl und Widersprüchlichkeit selbst für pädagogische Expertinnen verwirrend
umso mehr für »ganz normale Eltern«. Wnuk und Wnuk-Gette haben
mit der »Elternschule in Bad Buchau« ein systemisches Konzept entwickelt, das Therapie, Beratung, Information und pädagogische Unterstützung der Familien verbindet, die bisher über kein Modell für
eine zufrieden stellende Eltern-Kind-Beziehung verfügen (s. Wnuk u.
Wnuk-Gette 2002, S. 632).
• Kindheit ist im informationellen Kapitalismus Medien- und Konsumkindheit geworden. Industrie, Handel und Dienstleistungsgewerbe
haben Kinder und Jugendliche als potente Konsumenten entdeckt.
Diese realisieren ihre durch die Medien stimulierten Kaufwünsche
über finanzielle Zuwendungen der Eltern und/oder Großeltern, eigene Jobs (eventuell zulasten des Engagements in der Schule) oder
wenn eigene Ressourcen fehlen auch durch Diebstahlkriminalität.
Es ist ein fest gefügtes System entstanden, in dem Industrie/Handel/
Dienstleistungsgewerbe, Kinder/Jugendliche, ihre Eltern und andere
Familienangehörigen unter der Prämisse interagieren, dass Konsum
zu Lebenssinn, Selbstwert, Freude und Prestige verhilft. Im gemeinsamen Spiel verstärken sich rekursiv diese Prämisse und der finanzielle wie auch affektive Spieleinsatz der Beteiligten. Dass Konsum im
Kontext einer Hochtechnologiegesellschaft auch eine immense Zunahme der Lebensqualität durch die Reduktion körperlicher Belastungen und der täglicher Existenzbedrohung durch Naturgewalten,
eine Partizipation der gesellschaftlichen Mehrheit an den erwirtschafteten Werten, eine exorbitante Zunahme der durchschnittlichen Le-
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