2.5 KiB
WR Jugendhilfe 1 05.book Seite 29 Mittwoch, 14. September 2005 7:25 19
- Systemische Kinder- und Jugendhilfe – Eine Skizze
unterbringung), neue und originär systemische Verfahren, die ebenfalls unter den §§ 27 ff. eingeordnet werden können, sowie eine systemische und sozialräumliche Orientierung der Jugendarbeit. Wie der dritte Teil dieses Sammelbandes zeigt, sind durch systemisch orientierte Praktikerinnen fruchtbare Entwicklungen in alle drei Richtungen angestoßen worden. Der vierte Teil des vorliegenden Sammelbandes verweist darauf, dass auch das Lernen von Organisationen und Menschen im Bereich der Jugendhilfe inzwischen von den systemischen Praktikerinnen entdeckt worden ist. Hier geht es um systemische Konzepte für die Organisationsentwicklung, die Jugendhilfebedarfsplanung und die Unterstützung der Mitarbeiterinnen durch Supervision und Selbstevaluation.
- Kindheit und Jugend 5.1 Drei Grundlagentheorien zu Kindheit und Jugend Philippe Ariès beschrieb den historischen Entwicklungsweg der Kindheit als einen zunehmenden Prozess der Ausgrenzung von Kindern, welche die »Hätschelperiode« (Ariès 1975, S. 46) hinter sich gelassen hatten, aus dem gemeinsamen Alltag mit den Erwachsenen. Dieser war im Feudalzeitalter (»ancient régime«) für alle Stände (Adel, Bauern und die in Zünften organisierten Handwerker) kulturelle Norm gewesen. Mit der Entwicklung des Bürgertums als eines zunächst wirtschaftlich und dann auch politisch immer bedeutender werdenden Standes (»thiers état«), der in diesem Zusammenhang auch immer stärker auf die kulturellen Orientierungen in der Gesellschaft Einfluss nahm, entstand ein tief greifender Wandel. Im Feudalismus war die Familie (Eltern und Kinder) noch Teil des »großen Hauses«6, zu dem auch entferntere Verwandte, das Gesinde, längere Zeit an diesem Ort verweilende »fahrende Gesellen«, Kinder aus anderen Familien (z. B. die Pagen in adeligen Haushalten), Hauslehrer, Ammen, Lehrlinge (in den Handwerkerhäusern) u. a. gehörten. Ab dem 17., besonders im 18. und 19. Jahrhundert entstand die Familie als ein exklusiver Raum für die emotional nahen Beziehungen zwischen Eltern und
6 Der Begriff des »großen Hauses«, der sich bei Ariès findet, hat große Ähnlichkeit mit dem Begriff des oikos aus der griechischen Antike (s. hierzu Wendt 1990). Diese Haushaltsorganisation war natürlich den wohlhabenderen bzw. reichen Familien vorbehalten; arme Bauern-, Händler- oder Handwerkerfamilien konnten sich diese nicht leisten.
29