2026-001/documents/philipp-sucht-sein-ich/pages/279.md

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279
Jana sexualisiert die Beziehung zu ihrer Therapeutin. Diese spricht die Leiterin
der Wohngruppe an. In Folge kann die Leiterin der Wohngruppe erleichtert auch
von erotisierter Beziehungsaufnahme von Jana berichten. Die Gegenreaktionen
der professionellen Helferinnen sind nun die Grundlage eines neuen Blickes
auf Janas Geschichte, sie musste auch sexuelle Gewalt durch ihre Stiefmutter
überstehen.
Gegenreaktionen reflektieren
Die Reflexion der Gegenreaktionen insbesondere der tabuisierten,
ist letzten Endes erleichternd. Sigmund Freud drückte das so aus:
„Man muss also seine Gegenübertragung jedes Mal erkennen und
überwinden, erst dann wird man frei“ (zit. n. Thomä/Kächele 1985,
S. 96). Eine professionelle Auflösung der in Übertragung und Gegenreaktion entstandenen Bindungsfalle erfordert die Reflexion dieser
Gefühle. Das ist Voraussetzung für die Klarheit der Pädagog*in
in ihrem Beziehungsangebot. Hilfreich können erste Erfahrungen
über Entlastung und Erleichterung durch die Reflexion der Gegenreaktionen, insbesondere der tabuisierten aggressiven und sexuellen
Impulse, in → Balint- oder Supervisionsgruppen sein. Übung im
Umgang mit Gegenreaktionen im Team kann die Gegenreaktion
der Woche schaffen: Eine Pädagog*in berichtet davon und das
gesamte Team versorgt die körperlichen Reaktionen wie Schweiß,
Lähmung etc. dieses Gefühls. Das macht auch Spaß und es entsteht eine Normalität. Im Übrigen ist die Reflexion von Allmachtsund Retterfantasien uns allen bekannte Gegenreaktionen eine
Grundlage, um mit Beschränkungen und Scheitern umzugehen.
Die Reflexion der Gegenreaktionen kann in der pädagogischen
Praxis nicht so komplex sein, wie sie in den Konzepten der psychoanalytischen Therapie oder auch der psychoanalytischen Supervision vorgesehen ist. Dennoch sind die Kenntnis der Dynamik und
ihre Beachtung in der pädagogischen Praxis für die Psychohygiene
hilfreich: „Es geht um die Bereitschaft des Helfers, auch auf sich
selbst aufzupassen“ (Mehringer 1979, S. 78).