2026-001/documents/philipp-sucht-sein-ich/pages/275.md

32 lines
2.0 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

275
Kraft der frühen Erfahrungen der Mädchen und Jungen, die die Beziehungen zu anderen Menschen immer wieder stören. „Der Terror
entsteht dadurch, dass außer dem Patienten und dem Therapeuten
noch eine dritte Person anwesend zu sein scheint. Diese dritte
Person ist der Täter.“ (Lister, zit. n. Herman 1993, S. 188)
Gegenreaktionen sind nicht zu vermeiden. Ein für die Beziehungsarbeit unerlässliches Instrument, die Einfühlung, fordert
die professionellen Helfer*innen auf, die Position und die Geschichte
des Mädchen oder Jungen aus herausfordernden Lebensumständen
zumindest zeitweise zu verstehen. Weniger intensiv als die Kinder
erleben sie dann die Gefühle von Angst, Ohnmacht, Verwirrung.
Dieses Erleben bezeichnen Psychoanalytiker als die konkordante
(deckungsgleiche) Gegenübertragung. Die Bezugspersonen können
unbewusst die Situation des ausgelieferten hilflosen Kindes mitund/oder nacherleben. Die konkordante Identifikation kann das
Gefühl auslösen, alleine zu stehen, keine Unterstützung zu haben.
Möglicherweise werden die Pädagog*innen handlungsunfähig.
Ohnmacht und Hilflosigkeit können dann dazu führen, dass sie ihre
eigenen Grenzen übergehen und zur Kompensation dieser Gefühle
in die Rolle der Retter schlüpfen (komplementäre oder ergänzende
Gegenreaktion). Oder sie resignieren und werden depressiv, erschöpft bis hin zum psychischen ausgebrannt-Sein. Sie schwanken
zwischen Allmacht und Ohnmacht. Dieses Schwanken zwischen
Ohnmacht und Allmacht ist auch als ein Verhalten traumatisierter
Kinder bekannt.
Die bisherigen Erfahrungen der Mädchen und Jungen
provozieren geradezu als Gegenreaktion eine Bindungsfalle (7.2).
Die Kinder empfinden den Mangel an Beziehung. Sie haben einen
starken Wunsch nach Auflösung der früheren Deprivations- und
Vernachlässigungserfahrungen. In der Gegenreaktion können
Pädagog*innen zum impertinent liebenden Menschen werden, der
es immer gut meint. Sie möchten eine besonders gute Beziehung herstellen, ohne die begrenzte Beziehungsfähigkeit der traumatisierten
Kinder zu beachten: