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11.1 Geschlecht und Selbstbemächtigung
Angesichts des Wandels der Gesellschaft und der Theorieentwicklung stellt sich die Frage, ob die Kategorie Geschlecht noch
gerechtfertigt ist, da insbesondere Frauen in einer pluralisierten
Gesellschaft eine Freisetzung aus traditionellen Zusammenhängen
in nie gekanntem Ausmaß erleben. Männer- und Frauenwelten sind
längst nicht mehr hermetisch voneinander getrennt. Eine Vielfalt
von Geschlechtlichkeit ist Teil der gesellschaftlichen Öffnung der
Geschlechterrollen. Und dennoch sind Frauen benachteiligt durch
Armut, Missbrauch, häusliche Gewalt, Prostitution, Zwangsehe
und Klitorisbeschneidung. Sie leben in Bedingungen von Gewalt
und Demütigung. Das strukturelle Dominanzproblem begünstigt
Gewaltdynamiken. Auch die realen Erfahrungen der Mädchen
und der Jungen, die die Jugendhilfe erreicht, sind weniger von
mehr Chancen als eher von der ungebrochenen Polarisierung der
Geschlechter geprägt. Deshalb kann die Kategorie Geschlecht in der
Jugendhilfe nicht vernachlässigt werden. Die Geschlechtszugehörigkeit prägt die individuelle Entwicklung der Mädchen und Jungen
und ihre Eingliederung in die Gesellschaft. Doch die Geschlechterdifferenz alleine zu betrachten, genügt nicht. Die Mädchen und
Jungen erleben zusätzliche Diskriminierungen durch Rassismus,
Homophobie und Behindertenfeindlichkeit. Das beschreibt der
Begriff Intersektionalität. „Für die pädagogische Praxis bedeutet
eine intersektionale Perspektive, Dominanz- und Diskriminierungsverhältnisse auf unterschiedlichen Handlungsebenen zu erkennen
und jeweils differenzierte Handlungsstrategien dazu zu entwickeln.“
(Zodehougan/Steinhauer 2018, S. 125). Männliche Dominanz,
Homophobie und Rassismus gehen eine zerstörerische Verbindung
ein. Und dies trifft auch Menschen, die von heteronormativen Vorstellungen abweichen.
Zwei Geschlechter?
Ein Fortschritt der Moderne ist die Sichtbarkeit der Vielfalt von
Geschlechtlichkeit. Geschlecht ist biologisch und sozial bestimmt,