2026-001/documents/philipp-sucht-sein-ich/pages/114.md

37 lines
2.1 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

114
zum Verstehen“ der Öffentlichkeit vorgestellt. Aktuell läuft ein
Zertifizierungsverfahren zur traumapädagogischen Arbeit in
Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe (https://
fachverband-traumapaedagogik.org/downloads. html, Abfrage
01.09.2023).
6.4
Pädagogische Wurzeln
Wenige Inhalte der Traumapädagogik sind neu. Wir finden sie z. B.
in der Reformpädagogik, Heilpädagogik, der psychoanalytischen
und milieutherapeutischen Pädagogik und in emanzipatorischen
und politischen Konzepten von Pädagogik. Traumapädagogik ist
ohne Reformpädagogik, der Erziehung vom Kinde aus nicht denkbar.
Diese Inhalte gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die reformpädagogische Bewegung „[…] revolutionierte das Denken über
Erziehung insofern, als sie die(se) Blickwendung zur Subjektivität
generell vornahm.“ (Giesecke 1997, S. 177). Die Individualität des
Kindes wurde ein zunehmend wichtiger Wert. Folgerichtig stellt die
Reformpädagogik die Selbsttätigkeit der Lernenden in den Mittelpunkt. Diese Blickwendung zur Subjektivität, die hier nicht ausreichend differenziert beschrieben werden kann und zum Weiterlesen anregt (Giesecke 1997, S. 234265; Nohl 1933), war und ist
für alle Kinder und Jugendlichen, insbesondere aber für Mädchen
und Jungen aus herausfordernden Lebensumständen bedeutend.
In Folge dieser Entwicklung betonte der Arzt und Pädagoge Janusz
Korczak (18781942) die Eigenwelt des Kindes, d. h. die Beachtung
der Individualität. Er forderte als Korrektiv zu den Anforderungen
an das Kind, die sich auf die Zukunft beziehen, das Recht des
Kindes auf den heutigen Tag: „Um der Zukunft willen wird gering
geachtet, was es heute erfreut, traurig macht, in Erstaunen versetzt,
ärgert und interessiert. Für dieses Morgen, das es weder versteht
noch zu verstehen braucht, betrügt man es um viele Lebensjahre.“
(Korczak 2012, S. 45). Auch heute müssen wir die Eigenwelt des
Kindes als Ausgangspunkt der pädagogischen Beziehungsgestaltung
gegen äußere Ansprüche durch objektive Mächte wie der Staat, die
Wirtschaft, die Kirche verteidigen. So beeinträchtigt eine zentral