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Misshandlung hilfloser Kinder durch Erwachsene, oft durch die
eigenen Eltern als Albtraum von Kindheit. Auch in Frankreich
wurden Kinderschutzvereine gegründet.
Hundert Jahre später erwachte das Interesse am Kinderschutz
neu. In einzelnen Kinderkliniken wurde überlegt, dass Blutergüsse
und multiple Knochenfrakturen von Kindern selten ohne Vorgeschichte körperlicher Gewalt möglich sind. Bis in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts wurde angenommen, dass körperliche
Misshandlung von Kindern durch ihre Eltern selten sei. Vorsichtig
wurde thematisiert, dass Eltern ihren Kindern gegenüber aggressiv
oder nachlässig sein können, dass sie Alkoholprobleme haben
können oder nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu versorgen. 1962
veröffentlichte der amerikanische Arzt und Professor für Kinderheilkunde Henry Kempe gemeinsam mit anderen Kinderärzten den
epochemachenden Artikel The Battered Child-Syndrom (wörtlich
Das Syndrom des verletztgeschlagenen Kindes). Auch andere
Formen von der Gewalt gegen Kinder wurden wahrgenommen, ihre
Verbreitung sowie Auswirkungen erforscht. Der britische Psychiater
John Bowlby und das Ehepaar Robertson, im kinderpsychiatrischen
Bereich spezialisierte Sozialarbeiter, beschäftigten sich mit der Bedeutung von Trennungen für die kindliche Entwicklung. J. Bowlby
entwickelte in London die Bindungstheorie (Bowlby 1975).
Erst Mitte der 1970er Jahre wurde Kindesmisshandlung in den
meisten Ländern als ernstes Problem anerkannt. Lloyd De Mause,
ein Psychohistoriker (1974, dt. 1977), stellte die Leidensgeschichten
von Kindern in einer Sammlung von Untersuchungen über das
Leben von Kindern in verschiedenen Epochen der Geschichte unter
dem Titel Hört Ihr die Kinder weinen dar. Die Rechtsmedizinerin
Elisabeth Trube-Becker veröffentlichte 1982 das Buch Gewalt gegen
das Kind, das mit seinen Bildern über verletzte Kinder zutiefst verstörte und aufrüttelte.
Die Anerkennung des Ausmaßes von sexueller Gewalt gegen
Mädchen und Jungen ab Mitte der 1980er Jahre verlief in Deutschland als ein zuerst von der Kinderschutzbewegung abgetrennter
gesellschaftlicher Erkenntnisprozess. Voraussetzung für die Enttabuisierung waren die Aktivitäten der Frauenbewegung der
1970er Jahre, vor allem das Auftreten betroffener Frauen und die