2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/481.md

2.8 KiB

Kumulative Traumatisierungen

Kumulative Traumatisierungen Häufig sind Traumatisierungen im Kindesalter kumulativ. Masud Khan erläutert die Folgen, die ein (partielles) Versagen der elterlichen Funktionen für die Nachkommen hat, anhand seiner Beschreibung des kumulativen Traumas: »Ein kumulatives Trauma liegt dann vor, wenn die Mutter ihre Rolle als Reizschutz im Laufe der Entwicklung des Kindes vom Säuglings- bis zum Jugendalter nur mangelhaft erfüllt (…) Ein kumulatives Trauma ist also das Produkt der Anstrengungen und Belastungen, denen Säuglinge und Kinder ausgesetzt sind, solange ihr Ich noch von der Mutter als Reizschutz und Hilfs-Ich abhängig ist (…) Ich möchte auch betonen, dass jedes einzelne Versagen der Mutter […] nicht traumatisch wirkt, […] dass diese Durchbrechungen sich im Laufe des gesamten Entwicklungsprozesses ansammeln, ohne dass sich die Kumulation irgendwie bemerkbar machen braucht. Sie erhalten erst nachträglich traumatische Qualität, und zwar dadurch, dass sie sich häufen« (Khan 1997, S. 55f.).

Khan beschreibt, dass die betroffenen Kinder sehr früh mit der Bedürftigkeit ihrer traumatisierten Mütter konfrontiert werden, auf die sie dann auch selbst mit einer dissoziierten Ich-Entwicklung reagieren. Das partielle Versagen einer haltenden Umwelt (Winnicott 1984) kann bei Kindern traumatisierter Eltern zu einer Störung der Ich-Integration führen. Es kommt gleichzeitig zu einer regressiven Entwicklung auf das Bedürfnis nach einer symbiotischen Abhängigkeitsbeziehung wie zu einer vorschnellen Entwicklung einer Unabhängigkeit und einer oft nach außen dominierenden pseudoprogressiven Entwicklung der Kinder in der Sorge um die Mutter. Dies äußert sich häufig in einer von außen als Bild besonderer Nähe und außerordentlichen Einverständnisses wahrgenommenen Beziehung zwischen Mutter und Kind. Die fokale Symbiose (Greenacre 1959) als Resultat der gegenseitigen starken Abhängigkeit bleibt oft lange verborgen. Eine entwicklungsgemäße Trennung von der beschädigten Mutter kann nicht ausreichend stattfinden und führt schließlich zur Traumatisierung des Kindes, die oft unerkannt bleibt und die nur unter belastenden Bedingungen zur Ausprägung einer manifesten Symptomatik führen kann. Oft sind die heranwachsenden Kinder in ihrem erwachsenen Leben eher unauffällig, häufig geradezu erfolgreiche Mitglieder der Gesellschaft. Khan hebt jedoch eine besondere Art der Rastlosigkeit hervor: »Sie können nie wirklich sein. Sie können eine Sache kaum je gemächlich und in Ruhe vollenden. Sie müssen sich vielmehr ganz in eine Sache vertiefen, von ihr gefesselt sein und sich ständig in einem Zustand von Erregung befinden, sonst verfallen sie in Apathie und fühlen sich so, als wären sie nicht existent« (Khan 1997, S. 76f.).

481