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Dissoziation als Anpassungsleistung
• Traumatisierte, dissoziative Kinder brauchen neue positive und verlässliche
Bindungspartner*innen. Arbeitsbedingungen in der stationären Jugendhilfe
wie Einzeldienste, eine hohe Fluktuation der Mitarbeitenden, keine angemessene Übergabezeiten etc. erschweren die kontinuierliche Beziehungsarbeit sehr.
Schmid (2008, S. 9) beschreibt allerdings entlastend, dass die grundsätzliche
Verteilung der Beziehungsaufgabe auf mehrere Schultern das Kind auch vor erneuten Beziehungskatastrophen schützen kann.
Es sei an dieser Stelle auch einmal deutlich benannt, dass Erzieher*innen und Sozialarbeiter*innen in der Jugendhilfe gemessen an der Verantwortung, die sie tragen, und den Jobanforderungen, mit denen sie konfrontiert sind, beschämend
schlecht bezahlt werden. Da Kinder und Jugendliche, die eigentlich nach § 35a
SGB VIII (Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit seelischer Behinderung oder drohender seelischer Behinderung) untergebracht werden müssten,
aus wirtschaftlichen Gründen aber zunehmend in Einrichtungen nach § 34 (Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform) landen, wird die stationäre Jugendhilfe
häufig zu so etwas wie einer psychiatrischen Auffangstation, allerdings ohne die
nötigen Mittel, ohne angemessene Bezahlung und Anerkennung. Fischer et al.
(2015) haben in einer ersten epidemiologischen Studie zu Grenzüberschreitungen
festgestellt, dass Beschimpfungen und Beleidigungen gegenüber Mitarbeiter*innen in der Jugendhilfe an der Tagesordnung sind, mehr als die Hälfte der Mitarbeiter*innen erlebt gezielte verbale Bedrohungen, knapp ein Viertel ist tätlichen Angriffen ausgesetzt und fast ein Zehntel (9 %) wurden schon einmal mit einer Waffe
bedroht. Diese Ergebnisse verdeutlichen die Dringlichkeit von angemessenen Arbeitsbedingungen und Behandlungsansätzen für komplextraumatisierte, dissoziative Kinder und Jugendliche
Erfreulich ist, dass das Interesse an einer traumaorientierten Pädagogik und
Therapie seit einigen Jahren stark wächst. Unter Umständen sind traumaspezifische Ansätze dazu geeignet, Brücken zwischen den verschiedenen Fachbereichen
zu schlagen. Sobald sie auch die Dissoziation mit beachten (Weiß et al. 2014),
kann hier eine ganzheitliche und integrierte Versorgung auf den Weg gebracht
werden. Eine Versorgung, die nicht mehr ineffektiv wie ein Innensystem abgespaltener Anteile agiert, sondern eine Versorgung, die die dissoziativen Barrieren
überwindet, sodass die Stärken aller Bereiche interdisziplinär kooperativ für das
Wohl traumatisierter, dissoziativer Kinder eingesetzt werden können.
Literatur
Bejerot, N. (1974): The six day war in Stockholm. In: New Scientist 61, H. 886, S. 486487.
Beckrath-Wilking, U./Biberacher, M./Dittmar, V./Wolf-Schmid, R. (2013): Traumafachberatung,