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Dissoziation als Anpassungsleistung
dissoziative Mechanismen eine Rolle spielen. Diese Kinder leugnen ihr Verhalten, weil es abgespalten in einem anderen inneren Anteil verankert ist. Sie werden dann leicht als lernresistent und oppositionell eingestuft. So berichtet Marks (2015) davon, wie der neunjährige Junge Michael in der Schule tagtäglich gewalttätiges Verhalten zeigte, dieses Verhalten Zuhause aber hartnäckig leugnete. Marks, als seine Therapeutin, fragte Michael, ob er irgendwelche besonderen Freunde habe, von denen niemand etwas wisse, und Michael antworte, ohne zu zögern, dass ein »wütender Michael« in seinem Kopf lebe. Kinder benennen ihre inneren Anteile oft nach deren Emotionen oder Verhaltensweisen. In Michaels Fall war der wütende Anteil nicht völlig amnestisch abgespalten, zumindest im Rückblick gab es ein Co-Bewusstsein, selbst wenn der Alltags-Michael das Verhalten des wütenden Michael nicht regulieren konnte. Michael schützte auf diese Weise sein Ideal-Selbst, um liebenswert zu bleiben. Eine solche Dynamik ist bei dissoziativen Kindern nicht manipulativ, sondern eine Anpassungsleistung zur psychischen Stabilisierung. Sie sorgt dafür, dass diese Kinder weiter in ihrem Alltags-Ich funktionieren können. Zudem war die innere Spaltung für Michael so real, dass es für ihn, trotz des Co-Bewusstseins, selbstverständlich war, dass er (als Alltags-Michael) nicht für das Verhalten in der Schule verantwortlich sein konnte. Es hatte ihn nur vorher noch nie jemand danach gefragt. Marks bat ihn, den wütenden Michael morgens in einen besonderen (imaginären) Raum zu schicken, wo er fernsehen konnte. Die gewalttätigen Ausbrüche in der Schule hörten prompt auf. Wird bei einem solchen dissoziativen Kind auf das Fehlverhalten anstatt auf die Dissoziation fokussiert (etwa mit einem Anti-Aggressions-Training), gerät das Kind immer stärker unter Druck, sodass es unter Umständen noch weitere Belastungssymptome (etwa Somatisierungen) entwickelt. Bei frühkindlichen Traumatisierungen wird die Hirnentwicklung so beeinträchtigt, dass die Kinder es später schwerer haben, ihre Affekte zu regulieren und sich zu konzentrieren (Streeck-Fischer 2014). Aus diesem Grund kommt es so häufig zu Fehldiagnosen wie ADHS oder Störungen des Sozialverhaltens. In der pädagogischen Arbeit sollte außerdem immer berücksichtigt werden, inwieweit die Aufnahme- und Regulationskapazität traumatisierter Kinder durch die Schwere der Dissoziation beeinträchtigt ist (Schmid 2008).
Konsequenzen An diesem Punkt stellt sich die Frage nach dem Umgang mit pädagogischen Konsequenzen. Grundsätzlich gilt, dass auch dissoziative Kinder verantwortlich für ihr Verhalten und das all ihrer Anteile sind (Waters 1996; Silberg 2014). Die folgenden drei Punkte sind hierbei aber wichtig.