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Dissoziation als Anpassungsleistung
mit ein Netzwerk geschaffen wird, das traumatisierte, dissoziative Kinder und Jugendliche verstehen und halten und die notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen vorantreiben kann.
Lebensbedrohung ist subjektiv
»Ich verstehe nicht, warum bei Kindesmisshandlungen immer gleich von Trauma
und Lebensgefahr gesprochen wird, auch wenn es körperlich nicht lebensgefährlich ist«, sagte eine Erzieherin in der Weiterbildung. Die allumfassende Abhängigkeit, in der ein Kind mit seinen Bezugspersonen lebt, ist von einer erwachsenen
Perspektive aus schwer nachzuvollziehen. Erwachsene Geisel- und Entführungsopfer kennen eine ähnliche Situation, und nach dem sechstägigen Geiseldrama in
Stockholm 1973 gingen die Folgen durch die internationale Presse, weil es vielen
unverständlich erschien, warum die befreiten Geiselopfer sich für ihre Täter und
deren Ziele einsetzen, ja, diese sogar im Gefängnis besuchten und finanziell unterstützten. Als eine der Frauen angab, sich mit einem der Täter verlobt zu haben, war
der öffentliche Skandal perfekt (Bejerot 1974).
In abhängigen gefährlichen Beziehungen, aus denen es keinen Ausweg gibt, entwickeln Menschen einen inneren Ausweg: Kleinste positive Gesten werden überbewertet und die bedrohlichen, gewalttätigen Handlungen werden abgespalten.
Die Weltsicht der Täter*innen wird übernommen, um ihrem Verhalten irgendwie
einen Sinn geben zu können. Die ohnmächtige und willkürliche Realität, die jederzeit das eigene Leben kosten könnte, wird so relativiert. Das Opfer richtet alle
Wahrnehmung darauf, den Täter*innen zu beruhigen, seine nächsten Handlungen zu erahnen, sich ihm lieb zu machen, um die eigenen Überlebenschancen zu
verbessern. Dabei identifiziert sich das Opfer unwillkürlich mit den Täter*innen
und es entsteht eine emotionale Bindung (Reemtsma 1998).
Im Gegensatz zu erwachsenen Opfern haben Kinder aber keine Alternativen,
nicht einmal im Kopf. Sie haben kein ausgebildetes Selbstkonzept, mit dem sie sich
innerlich wappnen könnten. Sie haben keine gefestigten Bindungserfahrungen,
auf die sie zurückgreifen können. Werden die Eltern, an die das Kind sich schutzsuchend wendet, selbst zur Gefahrenquelle, entsteht eine zutiefst unerträgliche,
lebensgefährliche Zwickmühle. Für das Kind gibt es niemand anderen, an den es
sich wenden kann. Es muss sich aber an jemanden wenden, weil es andernfalls
sterben wird. Ein Kind kann physisch und psychisch nicht alleine überleben. Aus
diesem Grund sind Bindungsimpulse in der letzten Konsequenz grundsätzlich
stärker als Schutzimpulse (Eibl-Eibesfeld 2009, S. 78; Silberg 2012); wir können
das auch sehr anschaulich im Still-Face-Paradigma beobachten (Tronick 2007). In
diesem Experiment bekommt die Mutter den Auftrag, mitten in der Kommunikation mit ihrem Säugling auf einmal zwei Minuten lang nicht zu reagieren und ihr