2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/422.md

34 lines
3.1 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

422
Verstehen, wie ich ticke
Das dreieinige Gehirn hilft ihnen, die Wirkkraft von Triggern und die verheerende
Dynamik von Rückblenden zu verstehen: »Wenn ich U-Bahn fahre, dann wird mir
ganz komisch. Mein Papa hat mich da mehrmals vergessen. Dann merke ich erstmal
nicht, dass ja jetzt eine Betreuerin neben mir sitzt und auf mich aufpasst. Da klopft
mein Herz wie verrückt.«2
Als besonders entlastend haben die Kinder im Workshop »Dort und damals, hier
und jetzt« immer wieder das Verstehen traumatischer Übertragungen erlebt. Hierzu
gehören zum Beispiel unter anderem Erfahrungen des konstanten Unterversorgtseins, das Gefühl des Verhungerns, traumatischer Bindungserfahrungen und einiges mehr. »Übertragung ist, wenn was früher war und du denkst, das ist heute.« Das
limbische Gehirn, von uns als Katze dargestellt, die nichts vergisst und immer auf
der Hut ist, verwechselt zum Beispiel gerne vor lauter Aufregung die Vergangenheit
mit der Gegenwart, haut auf das Alarmknopf-Symbol für die Amygdala, der dann
das Reptil bzw. Krokodil, das Symbol für das Stammhirn, in Aktion treten lässt,
weil Gefahr in Verzug ist und dann passiert der ganze Kuddelmuddel in uns. Die
KiWo-Leiter*innen benutzen bewusst Worte wie Kuddelmuddel für großen emotionalen Stress oder beispielsweise Schlamassel für herausfordernde und stark belastende Lebensereignisse, benutzen das Wort Mistkreis anstelle von Teufelskreis, da diese Art der Andeutung dessen, was meist unaussprechlich ist, die
Schwere nimmt, eine Distanz zu den traumatischen Erlebnissen wahren lässt und
somit die Gefahr der Retraumastisierung deutlich mindert. Als sehr eindrucksvolles Format, um Übertragung zu veranschaulichen hat sich in den Workshops das
Übereinanderlegen zweier Bilder zum Beispiel von Küchen erwiesen. So wird ein
Bild der heutigen Küche der Wohnruppe auf eine transparente Folie aufgemalt.
Diese sieht aufgeräumt, sauber und freundlich aus, zeigt einen vollen Kühlschrank
und es stehen Blumen auf dem Tisch. Darunter, auf Papier, sieht man eine sehr
schmutzige, verwahrloste Küche mit herumliegenden Flaschen auf dem Boden und
einem leeren Kühlschrank. Sich selbst haben die Kinder auf die Folie mit der heilen Küche gezeichnet. Durch diese Art der Darstellung können sich die Kinder
leicht veranschaulichen, wie das Alte immer noch durchschimmert und sichtbar
ist, selbst hier, wo alles offensichtlich in Ordnung scheint. Übertragungen schwieriger Bindungserfahrungen auf neue Beziehungen lässt sich z. B. auch mit dem wunderbaren Bilderbuch »Wo ist Wilma?« (2017, Psychiatrie Verlag) darstellen.
Auch das Modell des Mistkreises der dissoziativen Nichtreaktion kann traumatisierten Kindern Entlastung bringen. Dissoziation schützt und hindert. Es breitet
sich eine Wolke des Vergessens über das Gehirn oder wir erstarren. Mithilfe der
Erklärung, wie dieser Mistkreis entsteht, werden die Kinder angeleitet, sich folgende Fragen zu stellen: Wann passiert mir das? Wie oft? Wie kann ich da rauskommen? Oder soll mir jemand helfen? Und so entsteht Verstehen und ein Ge2
Die Aussagen der Expert*innen stehen in kursiver Schrift.