2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/356.md

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356
Bindung und Trauma
• Ich respektiere das Misstrauen der Klient*innen und fordere kein Vertrauen ein.
Jemandem zu vertrauen, ist ein Wachstumsprozess. Aus Sicht meiner Klient*innen mit unsicheren Bindungserfahrungen gibt es mehr gute Gründe, mir nicht zu
vertrauen als mir Vertrauen zu schenken. Zu misstrauen ist eine wirklich gute
Lösung und Anpassungsstrategie für das Leben mit unsicheren Beziehungen.
BEISPIEL
Sven kann in der Anfangszeit auf der Wohngruppe die angebotenen Förderstunden
durch eine Fachkraft noch nicht annehmen. Er ignoriert die Fachkraft oder beschimpft
sie. Die Fachkraft sichert Sven zu, dass sie dennoch auf der Gruppe bleibt und es okay
ist, wenn er heute noch nicht kommen mag, er aber auch gerne kommen darf. »Ich
kann mir vorstellen, dass du ungute Erfahrungen mit Erwachsenen in Einzelsituationen gemacht hast und so sehr misstrauisch bist. Ich finde ich es gut, dass du überprüfst, ob das mit mir okay ist«. In den darauffolgenden Wochen bleibt Sven ablehnend, fängt jedoch an, sich zu beschweren, wenn die Fachkraft aufgrund einer
Erkrankung nicht kommt. Immer wieder setzt sich diese auch für einige Minuten in
die Nähe von Svens Türe: »Ich mache das nicht, um dich zu bedrohen, ich mag dir
zeigen, dass du mir wichtig bist!« Nach weiteren Monaten fängt Sven an, mit der
Fachkraft gemeinsam Fußball zu spielen.
• Ich biete in Belastungssituationen mögliche Gefühlsqualitäten an Ich kann mir
vorstellen, dass du gerade sehr traurig bist, weil …. Ich versuche, mich nicht erschrecken und davon abbringen zu lassen, das nie wieder zu tun, sollte der Jugendliche mir signalisieren: Das ist völliger Quatsch und Blödsinn, ich bin nicht
traurig!
Interventionsmöglichkeiten bei bindungsverstrickter Kommunikation
Die Pädagog*innen erkunden hierbei für sich und gemeinsam mit den Kindern
und Jugendlichen das Muster von Ambivalenz, das sie in der Beziehung erleben.
In welchen Situationen entsteht mehr Nähe- oder Distanzbedürfnis? Für die Fachkraft bedeutet das nicht, die Muster bzw. die einzelnen Pole des Musters zu bewerten. Der eine Pol mag für sie angenehmer sein, das Ziel ist es jedoch nicht, diesen
Zustand, sei es nun die Nähe oder die Distanz, herzustellen. Vielmehr geht es darum, dass die Beziehung auch in Belastungssituationen mehr Stabilität bekommt.
Das Bedürfnis der Kinder und Jugendlichen nach mehr Nähe oder nach mehr
Distanz soll aus der aktuellen Situation erfolgen, ihre früheren Anpassungs- und
Überlebensstrukturen aus der Vergangenheit dagegen sollen nicht die Macht über
die aktuelle Beziehungsgestaltung haben.
Ebenso lernen die Klient*innen neue Aspekte über sich selbst kennen, wenn die
Bezugspersonen gemeinsam mit ihnen ihre Bedürfnisse, die sich hinter ihrem momentanen Verhalten verbergen, erforschen. Sie erkennen so zunehmend einen
Zusammenhang zwischen ihren Bedürfnissen, Gefühlen und Verhaltensweisen: