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Traumapädagogisch diagnostisches Verstehen
geben die Mädchen und jungen Frauen selbst zu verstehen. Und bedenken wir
immer: Die Prognostizierbarkeit menschlicher Entwicklung hat Grenzen! Nicht
selten werden soziale Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe von der Entwicklung von Stärken und Ressourcen der Mädchen und Jungen mehr als überrascht.
In konsequenter Anwendung der traumapädagogischen Haltung kann eine
traumapädagogische Diagnostik ausschließlich ein partizipativer, also dialogischer, Vorgang sein, in dem die Selbstdeutungsmuster der Betroffenen gleichberechtigt neben der Problemdefinition anderer Berücksichtigung finden (Gahleitner/Hahn/Glemser 2013a, S. 10). Sie dient vor allem dem Selbstverstehen der
Betroffenen und ihrer Selbstbemächtigung und ist bereits ein Teil des Veränderungsprozesses (Friedrich/Weiß 2014, S. 63). Die dialogische Haltung gelingt umso besser, je mehr Fachwissen auch den »Betroffenen« zur Verfügung gestellt wird.
»Die Teilhabe der Betroffenen und die Sorgfaltspflicht der Professionellen erfordern ein traumainformiertes Fachwissen für beide. In der Kinder- und Jugendhilfe muss es sowohl den Expert*innen als auch den Profis bereitgestellt werden«
(Ebert et al. 2022, S. 50).
Traumapädagogische Diagnostik muss dem Verstehen und Wissen dienen,
nicht der Einordnung in Klassifikationssysteme oder in Interpretationen, Denkansätze und Streitigkeiten von Theoretiker*innen. Die Kenntnis psychischer Symptome, psychiatrischen Fachwissens birgt die Gefahr von einem Wissen, »das einen
von jeglichem Verstehen eines konkreten Kindes weiter und weiter davon trägt«
(Struck 2014, S. 581). Sie birgt die Gefahr, dass die Anerkennung des Schmerzes
und auch der Lebensleistung, die so bedeutend für Bewältigung ist, hinter Interpretationen oder Einordnungen verloren geht.
Zuweisen, orientieren, Risiko abklären und gestalten
Zunächst muss man sich klarmachen, an welchem Punkt eines traumapädagogischen diagnostischen Prozesses man sich befindet, um auszuwählen, wie ein sinnvolles Vorgehen aussehen kann. In Hilfeprozessen werden sowohl zu Beginn als
auch im Verlauf und am Ende von Maßnahmen richtungsweisende Aspekte für
anstehende Entscheidungsprozesse erfasst. Hilfreich zum Verständnis ist hier, zwischen Orientierungsdiagnostik, Risikodiagnostik, Zuweisungsdiagnostik und Gestaltungsdiagnostik zu unterscheiden. Zu Beginn eines Diagnostikprozesses fällt in
der Regel die Aufgabe an, sich zu orientieren, eventuelle Risikokonstellationen zu
erfassen und erste Zuweisungsvorschläge zu formulieren. Für diese Aufgaben werden klassifikationsorientierte Abklärungsinstrumente benötigt. Das sicher bekannteste medizinische und psychodiagnostische Klassifikationssystem ist die ICD
(ICD-10: International Classification of Diseases, 10. Überarbeitung; DIMDI 2012;
ICD-11: WHO 2024), welches die Grundlage für viele Hilfeentscheidungen dar-