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Pflegekindschaft: Chancen für traumatisierte Kinder in neuen Eltern-Kind-Beziehungen
unterstützen einen aktiven Erinnerungsprozess. Schritt für Schritt gewinnt das
Kind eine innere Distanz zu seiner Geschichte.
Wann aber geschieht Heilung? Wenn Angst, Enttäuschungen, Trauer, Wut und
Ohnmacht in Übertragungsbeziehungen zu den neuen Eltern in Situationen wiederbelebt werden, in denen sie entstanden sind, aber nun andere Ausgänge möglich werden als früher, dann kann es zur Neustrukturierung der Persönlichkeit
kommen (Nienstedt/Westermann 2007, S. 110f.). Überraschend und heilsam erfährt das Pflegekind Verständnis, wenn es Strafe erwartet, Annahme von Wut,
wenn es mit Gegenaggression rechnet, eine starke Mutter, die für sich selber sorgt,
wenn es von ihrer Bedürftigkeit ausgeht oder Liebe, Zuwendung, Versorgung und
Rücksichtnahme, wenn es selber bedürftig ist. So macht es korrigierende Erfahrungen. Sie wird »vor allem dann wirksam, wenn sie in genau der Situation gemacht wird, in der das Trauma ursprünglich entstand« (Bettelheim 1975, S. 172).
Im Spiegel der Pflegeeltern kann das Kind auf diese Weise eine neue Identität entwickeln.
Phase der Regression
Regression ist eine Rückkehr auf frühere Stufen der Entwicklung und muss als
Fortschritt im Integrationsprozess verstanden werden. Wird sie nicht unbewusst
gesteuert angstabwehrend eingesetzt, wie z. B. oft am Anfang oder in der Phase der
Übertragungsbeziehung, dient sie nun in lustvoller, befriedigender Weise der Entwicklung einer neuen, persönlichen und individuellen Beziehung (Nienstedt/
Westermann 2007, S. 123ff.). Anna möchte wie ein kleines Baby auf den Arm genommen werden, lautiert wie ein Säugling und genießt es, dass auch ihre Mutter
sie wie einen Säugling behandelt und mit ihr spricht. Jan möchte Geburt nachspielen und immer wieder erleben, wie sehr sich seine Pflegemutter freut, dass er zu
ihr gekommen ist. Lisa möchte aus der Babyflasche trinken, obwohl sie mittlerweile schon neun Jahre alt ist.
Menschen regredieren auf die Entwicklungsstufen, auf denen ihnen wichtige Erfahrungen fehlten. Lisa benötigt eine Babyflasche nicht als Neunjährige, sondern als
gerade Geborene. Dabei geht es nicht nur um die durchaus wichtige sinnliche Erfahrung, aus einer Flasche zu trinken, sondern genauso um die Beziehungserfahrung,
von einer Mutter leistungsunabhängig mit ihren Bedürfnissen verstanden und beantwortet zu werden. Es geht um eine neue Entwicklung von Urvertrauen.
So wird schließlich »emotionale Sicherheit«, wie Grossmann und Grossmann
schreiben, »aus einer sicheren Bindung und nicht aus Unabhängigkeit von der
Bindungsperson gewonnen« (Grossmann/Grossmann 2007). Und Nienstedt und
Westermann schreiben »Die Regression ermöglicht dem Kind, seine scheinbare
Selbstständigkeit aufzugeben und sich auf eine gefahrlose Abhängigkeitsbeziehung einzulassen. (…) Seine früheren Beziehungswünsche werden endlich ver-