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Pflegekindschaft: Chancen für traumatisierte Kinder in neuen Eltern-Kind-Beziehungen
digungen zu attackieren. Nachdem der Pflegevater sich gesammelt hat, sagt er ihr: »Oh,
jetzt denkst du vielleicht, ich bin auch so ein Mann, der nur Sex mit Kindern will. Da kann
ich so gut verstehen, dass du so wütend bist und mich am liebsten umbringen würdest.
Wie furchtbar, wenn ein Mann einem Kind so weh tut. Ich würde niemals Sex mit einem
Kind machen.« Und dann wird es darum gehen, dass Lisa ihren Pflegevater überprüfen
darf und neue Erfahrungen macht mit einem Mann, der sich als berechenbar, grenzachtend, einfühlsam und liebevoll zugewandt erweist.
Was angenommen wird, kann heilen.
Viele erwachsene Pflegekinder sagen, wichtig sei gewesen, so angenommen zu
werden, wie man ist. Nun ist die Annahme eines Kindes mit all seinen Verhaltensweisen viel leichter geschrieben als getan. Wie geht denn Verstehen oder gar Beantworten, wenn Jan in die Ecken kotet und in die Wäscheschublade uriniert.
Oder wenn Anna ihren Kot zurückhält und nicht abgibt und ihre Pflegemutter
100mal am Tag fragt »Hast Du mich lieb?«, obwohl die Pflegemutter sie wirklich
liebt und ihr das mehrfach und deutlich zum Ausdruck gebracht hat? Oder wenn
Lisa Brote unter ihrem Bett versteckt? »Provokation«, »Suche nach Aufmerksamkeit« oder »geringe Frustrationstoleranz« erklären nicht, warum ein Kind diese
Verhaltensweisen zeigt (Nienstedt/Westermann 2007, S. 148ff.). Kompetentes
Verstehen beginnt oft damit, ein Verhalten und seine Motive noch nicht zu verstehen, dem Kind aber gute Gründe zu unterstellen und sich mit kreativer Empathie
vorzustellen, was das Kind mit seinen Eltern erlebt hat (Nienstedt/Westermann
1989, S. 79; 2007, S. 118 u. 370; Weiß 2024, S. 72; Hardenberg 2021). So schreibt
Weiß »Das Konzept der Verstehbarkeit (…) wirkt befreiend und gibt Würde zurück« (2016, S. 98). Um zu verstehen, sollten wir auch das Unmögliche für möglich halten. Verstehen bedeutet, Verhaltensweisen, Vorstellungen und Gefühle
wieder mit seinem Ursprungskontext in Verbindung zu bringen. Erst dann kann
sich ein Kind, das sich verrückt fühlt, wieder als verstehbares Kind erleben. Was ist
also das Richtige am Verhalten des Kindes?
Wenn wir noch nichts wissen, können wir aber schon freundlich benennen, was
wir wahrnehmen und damit zu einem Kind in Beziehung treten. Zum Beispiel:
»Oh, da liegt ja ein Haufen in der Ecke«. Fragen wir ein Kind »Warum tust Du
das?« fühlte es sich oft beschämt oder schuldig und erfindet eine Antwort. Meist
weiß es selber nicht, warum es das tut und erinnert den Kontext nicht mehr. Kinder benötigen antwortende Erwachsene. Ältere Kinder können in den Forschungsprozess einbezogen werden (Weiß 2016, S. 293f.). Zu einer Verhaltensweise kann
es aber mehrere Kontexte geben. So kann es sein, dass kaum Reinlichkeitserziehung stattgefunden hat, dass die Toilettenschüssel abgeschraubt war, dass bei Orgien alkoholisierte Männer in die Ecken gekotet und hinter das Sofa uriniert haben, dass das Kind bestraft wurde, wenn es zur Toilette ging, dass es vor Angst in