2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/285.md

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Therapeutische Übergangshilfen: Schutz, Neuorientierung und Perspektivklärung
Rollenumkehr, Partnerersatz, Eltern für die Geschwister
Die siebenjährige Lisa lebte bei ihrer schwer depressiven alleinerziehenden Mutter, die
nicht die notwendige Stabilität und Kraft besaß, ein Kind zu versorgen. Lisas elementare
Bedürfnisse sah sie nicht. Schon mit einem Jahr begann Lisa, ihre Mutter zu trösten und
später emotional zu versorgen, auch mit Einkaufen, Essenkochen und Putzen. Sie versorgte auch ihren zwei Jahre jüngeren Bruder.
Im Unterschied zu Kindern fürsorglicher und schützender Eltern sind Kinder wie
Jan, Anna und Lisa schwer verletzt und enttäuscht, fühlen sich schuldig, ignoriert,
verlassen, bis ins Mark entwertet oder haben in einer Angstbindung oder Rollenumkehr kaum noch Kontakt zu ihren eigenen Bedürfnissen. Aus allzu guten und
nachvollziehbaren Gründen sind sie hoch misstrauisch, wollen alles kontrollieren
oder werden unkontrolliert wütend, wenn sie Angst bekommen. Sie entwickeln
Überlebensstrategien, die zunächst oft schwer verständlich sind. Sie wollen sich
nicht abhängig machen, benötigen Abstand von Eltern und Erwachsenen, können
Gehorsamkeitserwartungen nicht erfüllen oder tun so, als wäre alles in Ordnung.
Manche Kinder möchten distanzlos nahezu jede erwachsene Person zur Mutter
oder zum Vater machen. Andere beginnen, auch andere Kinder und Erwachsene
zu versorgen. Gemeinsam ist all diesen Kindern, dass sie Abhängigkeitsbeziehungen als enttäuschend, gefährlich oder bedrohlich empfinden und weder Schutz
noch Fürsorge oder Trost erwarten. So haben viele Kinder Angst vor Eltern und
elterlichen Personen (Janning 2023, S. 18).
Was benötigen nun diese Kinder, deren traumatische Erfahrungen so eng mit
einer Mutter oder einem Vater verknüpft sind, damit sie heilsame Erfahrungen in
neuen Eltern-Kind-Beziehungen machen können?
Therapeutische Übergangshilfen:
Schutz, Neuorientierung und Perspektivklärung
Alle Traumaexpert*innen sind sich einig, dass traumatisierte Kinder als erstes und
vor allem Schutz, verlässlichen, glaubhaften und auf Dauer angelegten Schutz benötigen; Schutz vor den eigenen Eltern und deren Übergriffen oder vor deren Bedürftigkeit. Wo aber kann ein guter sicherer Ort für Jan, Anna oder Lisa sein?
Nienstedt und Westermann empfehlen, ältere Kinder, Kinder mit traumatischen Erfahrungen in der Familie oder mit unklarer Perspektive vorübergehend
in einem Kinderheim unterzubringen, ihnen eine zunächst leichtere Beziehung
zu ermöglichen (2007, S. 284ff.). Säuglinge, Babys und Kleinkinder (etwa bis zu
drei Jahren) können vorübergehend in Bereitschaftspflegefamilien untergebracht werden.
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