2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/269.md

28 lines
3.0 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

Literatur
Jener Sichere Ort lässt sich exemplarisch auch im Hinblick auf zwei Sequenzen
des oben vorgelegten Traumarahmenmodells analysieren: In Sequenz drei (Anfangszeit am Ankunftsort) bilden die pädagogischen Fachkräfte vielfach die einzigen Bezugspersonen für die Kinder und Jugendlichen, die der aufnehmenden Gesellschaft entstammen. Die Bereitstellung eines Sicheren Orts bedingt gerade in
dieser Sequenz die Anerkennung von Disempowerment und somit die Möglichkeit, passiv sein zu dürfen. Anderenfalls entsteht statt eines haltenden Beziehungsangebots ein zusätzlich überforderndes, das zur Vertiefung des traumatischen
Prozesses beiträgt. In Sequenz vier (Chronifizierung der Vorläufigkeit) bildet insbesondere die Schule vielfach das innerlich und äußerlich strukturierende Element für zwangsmigrierte Kinder und Jugendliche. Die zentrale pädagogische
Herausforderung liegt dabei in einem notwendigen Interesse an der individuellen
Lebensgeschichte seitens der Lehrkräfte, verknüpft mit adäquaten Förderangeboten, ohne jedoch die Kinder invasiv mit ihrer traumatischen Erlebenswelt zu konfrontieren.
Basis und gleichsam Folge eines Sicheren Orts bilden stets die Reflexionsprozesse bei den Professionellen. Eine so angelegte Umorientierung ist im Sinne pädagogischer Professionalisierung unumgänglich. Den Schwierigkeiten bei der Einfühlung in die fremde Welt (vgl. Kraushofer 2004, S. 172f.) kann nur begegnet werden,
indem genau diese Schwierigkeiten immer wieder thematisiert werden. Denn sie
sind ein Teil der traumatisierten Interaktion und spiegeln somit einen wesentlichen Aspekt der kindlichen bzw. jugendlichen Erlebenswelt wider. Nur aus der
emotionalen und kognitiven Anteile integrierenden Analyse der Extremerfahrungswelt zwangsmigrierter Kinder und Jugendlicher können angemessene Unterstützungsangebote entwickelt werden.
Literatur
Adam, H./Inal, S. (2013): Pädagogische Arbeit mit Migranten- und Flüchtlingskindern: Unterrichtsmodule und psychologische Grundlagen. Pädagogik: Praxis. Weinheim und Basel: Beltz.
Akthar, S. (2007): Immigration und Identität. Gießen: Psychosozial.
Becker, D. (2014): Die Erfindung des Traumas. Verflochtene Geschichten. Gießen: Psychosozial.
Becker, J. (2024): Verletzbarkeit im Diskursraum Flucht. Eine subjektivationstheoretische Perspektive auf Erfahrungen zwangsmigrierter Menschen. Dissertation Universität Frankfurt.
Bräutigam, B. (2000): Der ungelöste Schmerz. Perspektiven und Schwierigkeiten in der therapeutischen Arbeit mit Kindern politisch verfolgter Menschen. Reihe Psychoanalytische Pädagogik,
Bd. 9. Gießen: Psychosozial.
Brenssell (2024): »Kontextualisierte Traumaarbeit«. Wider die Praxen der De-kontexualisierung in
der Sozialpädagogik Bedeutung einer feministischen Perspektive. In: Trauma Kultur Gesellschaft 2(4).
Delen, I./Nafilo, J. (2006): Wir verzichten auf sämtliche Leistungen. Das war der Deal, um studieren
zu dürfen. In: Pro Asyl (Hrsg.): Vom Fliehen und Ankommen. Flüchtlinge erzählen. Karlsruhe:
von Loeper, S. 101109.
269