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Sequenzielle Traumatisierung
Ibrahim erlebte im Heimatland bürgerkriegsähnliche Zustände, das Haus seines Großvaters wurde mehrfach beschossen. Vor Beginn der Flucht kommt es
zu einer endgültigen Trennung von seinem geliebten Großvater (Zimmermann
2012, S. 140158).
Sequenz zwei: auf der Flucht. Sie ist durch Erfahrungen überwältigender Angst
geprägt, nicht selten zudem durch Lebensgefahr. Viele Flüchtlinge erleben existenzielle Abhängigkeiten von Fluchthelfern oder Polizeikräften, denen sie sich unterwerfen müssen. Die Kinder und Jugendlichen verlieren regelhaft jede Kontrolle
über das Geschehen, traumatische Symptomatiken wie Ohnmacht und Hilflosigkeit sind die Folge.
Ibrahim ist mit seiner Familie zu Fuß auf dem Weg von Tschechien nach Deutschland. Er erinnert sich, dass er als damals dreijähriger Junge Schnee und Wurzeln
gegessen habe. Seine Mutter bleibt zurück, er hat Angst, sie für immer zu verlieren. »Da hab ich erstmal wieder geweint, meinte so, nein, komm mit, ich hab sie
so geschoben und alles, auf einmal ist sie dann doch mitgekommen« (Zimmermann 2012, S. 142).
Sequenz drei: die Anfangszeit am Ankunftsort. Überwältigende Überforderung durch die vielen zu klärenden Probleme gilt als häufiges Merkmal dieser ersten Zeit. Während Familien einem Wohnheim mit extrem eingeschränkter Privatsphäre zugeordnet werden, müssen die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten
sich einem angstauslösenden, teils demütigenden Clearing-Verfahren unterziehen. Darin wird ihr Alter geschätzt. Bei anerkannter Minderjährigkeit können sie
in der Regel in eine Einrichtung der Jugendhilfe umziehen.
Ibrahim erinnert sich vor allem an die unhygienischen Zustände in der Erstaufnahmeeinrichtung sowie an die Angst, seinen Vater zu verlieren, der zunächst
an anderer Stelle untergebracht wurde.
Sequenz vier: Chronifizierung der Vorläufigkeit. Zentrales Kennzeichen dieser Sequenz ist die Nicht-Veränderung. Für viele der Jugendlichen ist sie mit großen Zukunftsunsicherheiten verbunden, da sie als Asylsuchende oder geduldete
Geflüchtete nach Beendigung der Schulzeit keinerlei Berufsperspektive in
Deutschland haben. In dieser Sequenz gewinnt die Schule eine herausgehobene
Bedeutung für die Identitätsentwicklung. Gelungene Entwicklungsverläufe verweisen wiederholt auf die Bedeutung einzelner schulischer Beziehungspersonen
(Delen/Nafilo 2006, S. 101109).
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