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Zur Eingrenzung der psychosozialen Katastrophe
Ein besonderer Aspekt betrifft die traumapädagogische Beziehungsarbeit in jenen Fällen, wo sich die Scham des einen in der Viktimisierung anderer Bahn bricht. Dem Kreislauf aus Beschämung-Delinquenz-Beschämung ist ohne korrigierende Beziehungserfahrungen kaum zu entkommen (Hilgers 2012). Nachdem mit Verübung einer Gewalttat die einst selbst bei Gewalt erlittene Ohnmacht überwunden werden soll, wird jede weitere Form der Beschämung, und sei es auch nur in Form repressiver und aggressiver Therapien, scheitern (Meyer-Deters 2017). Auch wenn manche Therapiemodelle (z. B. Priebe 2008) durchaus einen direktiven und konfrontativen Stil empfehlen, wird dabei nicht außer Acht gelassen, dass eine Sozialpädagogik hier weitere Ebenen zu berücksichtigen hat, insbesondere auch die eigene Traumatisierung sexuell übergriffig gewordener Täter (ebd., S. 257). Zielführend wäre nach Meyer-Deters (2017) vor allem die Stärkung der Selbstachtung der jungen (zahlenmäßig überwiegend) Männer, womit auch ihre Würde wiedererlangt werden kann. Dafür muss in der Haltung bzw. ›Behandlungsphilosophie‹ Selbstachtung und Würde zunächst von anderen, gewissermaßen als Vorschussleistung, zur Verfügung gestellt werden, da jugendliche Gewalttäter dies noch nicht selbst leisten können. Als unverzichtbar gilt dabei die Trennung von Tat und Person, die Arbeit auf Augenhöhe und der Verzicht auf Bestrafung als weitere Beschämung. Der pathogenetische Kern der Scham, von dem aus sich die vielfältigsten Formen der Bestürzung auffächern oder abgewehrt werden, ist der Schmerz. In ihren jüngsten Arbeiten adressiert Wilma Weiß (2021) vor allem die Rolle der Anerkennung des Schmerzes und damit auch der Scham in der traumapädagogischen Grundhaltung des ›gemeinsamen Verstehens‹: »Gemeinsames Verstehen ermöglicht ein Überschreiben der traumatischen Erfahrungen. Gemeinsames Verstehen führt zur Zeugenschaft, wir werden Zeug*innen über Schmerz und Lebenskraft gleichermaßen. Unser Zeugnis im Gemeinsamen Verstehen stellt Verbindung her, Verbindung zum Schmerz, Verbindung zur Kraft, Verbindung zwischen zwei Menschen.« (Weiß 2021, S. 162).
Hierin läge für die Traumapädagogik eine weitere entscheidende Möglichkeit zur Unterstützung des beschämten Opfers, sich an jenen Mut heranzuwagen, der nötig ist, um der eigenen Scham ›ins Gesicht‹ zu sehen und diese zu ertragen. Vermutlich gelingt das in der traumapädagogischen Arbeit am ehesten über ein vorsichtiges Herantasten an den (abgewehrten, maskierten) Schmerzkern der Scham. In praxi wird das nicht über Provokation (Handlungsebene) zu leisten sein, sondern über das Herstellen eines schamsensiblen und damit schmerzanerkennenden Raumes, in einem »traumasensiblen Organisationsklimas« (ebd.), in dem eine traumapädagogische Haltung – die sich u. a. durch eine feinfühlige Responsivität auf Schamgefühle auszeichnen sollte – zur Entfaltung gebracht werden kann.
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