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136
Scham und Beschämung mit Blick auf Trauma
Kulturelle, historische und aktuelle gesellschaftliche
Aspekte von Scham und Beschämung
Spätestens mit der in der Kulturanthropologie eingeführten Unterscheidung von
Scham- und Schuldkulturen (Mead 1937; Benedict 1946) wird die wissenschaftliche Diskussion über Scham die individuelle emotionale Ebene um eine kollektive
Perspektive erweitern. So genannte Schamkulturen (z. B. die japanische Kultur
oder islamisch geprägte Kulturen) würden demnach hauptsächlich über die Angst
vor Beschämung, Verlust von Ehre und äußerer Sanktion reguliert; sie wären
fremdbestimmter als Schuldkulturen, die durch eine von innen kommendes
Schuldgefühl oder schlechtes Gewissen, also durch eine innere Struktur zu einer
autonomeren Selbstregulation fähig sind (z. B. jüdisch-christlich geprägte Kulturen). Zuletzt hat Pfaller (2022) diese eurozentrische Sichtweise der Anthropologie
problematisiert und einer differenzierten Kritik unterzogen. Für das Verständnis
historischer Prozesse in der europäischen Kultur ist die Scham mindestens ebenso
relevant wie für außereuropäische Kulturen. So konnten Marks und Mönnich-Marks (2008) in Interviews mit ehemaligen Anhängern des Nazi-Regimes
zeigen, welche zentrale Bedeutung Scham, Beschämung und Schamabwehr in der
Geschichte Deutschlands haben und wie diese Scham zu einem transgenerational
wirksamen Motiv werde. So haben viele Deutsche die Versailler Verträge, die
Kriegsniederlage sowie die Schulden, Armut und Arbeitslosigkeit der Weimarer
Republik als tief beschämend erlebt. Der Nationalsozialismus verstand es, diese
Gefühle zu instrumentalisieren und eine kollektive Form der Schamabwehr anzubieten und zu legitimieren. Durch systematische Beschämung, Ausschluss, Verachtung und letztlich Vernichtung von Juden und anderen als lebensunwerten
betrachteten Gruppen konnte die beschämte deutsche Gesellschaft ihre Scham
den nun von ihnen Gedemütigten aufzwingen und sie durch deren Vernichtung
zum Verschwinden bringen. Das Phänomen der Deutschen Scham ist nach
Marks (2021) bis zu ihren Wurzeln im Dreißigjährigen Krieg zurückzuverfolgen
und wirkt bis tief in die Deutsche Einheit hinein, die, zugespitzt gesagt, »eine Wiedervereinigung der deutschen Scham« war, »die für Ostdeutsche mit heftigen Beschämungen« (S. 132) verbunden war.
Auch zur Analyse heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse lohnt ein Blick auf die
Scham. Pfaller (2022) fragt »warum unsere Gegenwartskultur in so auffällig hohem
Maß Scham produziert« (S. 133) und diagnostiziert eine besorgniserregende Zunahme an Phänomenen wie shaming, der öffentlichen bzw. medialen Ächtung von
Personen im Rahmen von shit-storms, die besonders bei Kindern- und Jugendlichen verheerend ist. Jemand, der einer Tat beschuldigt wird, könnte seine Unschuld beweisen oder seine Schuld tilgen. Scham ist prinzipiell nicht tilgbar, nicht
sühnbar, der Beschämte wird zur Unperson gemacht. Oft mit kruden Moralisierungen verbunden wird die Scham heute allzu oft in den Dienst politischer Ideologien