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Ethik als Frage des Versorgungssystems

voll sein, immer wieder neue Meilensteine und Entwicklungsschritte zu formulieren, deren Erreichung dann mit weiteren Privilegien einhergehen kann. Auch hier ist es sinnvoll, individuell zu verhandeln, um die Selbstwirksamkeit der Kinder und Jugendlichen zu fördern und zu fordern.

Ethik als Frage des Versorgungssystems In den letzten Jahrzehnten sind eine zunehmende Ökonomisierung und Marktliberalisierung in der ganzen Gesellschaft zu beobachten. Im medizinischen Bereich wird das Zwischenmenschliche mehr und mehr zurückgedrängt. Das Vertrauen in Ärztinnen, die menschliche Begegnung und das Mitgefühl sowie die gemeinsame Hoffnung scheinen aber wichtige Wirkfaktoren für die Heilung und die Patientinnenzufriedenheit zu sein (Frank 1981; Maio 2020; 2014). Die Eigenschaften des emotionalen Beistandes und des emotionalen Engagements für Menschen in Not werden in unserer Gesellschaft jedoch immer weniger wertgeschätzt. Dies geschieht dadurch, dass die ärztliche Versorgung derart mit ökonomischen Zwängen belegt ist, dass es schwer ist, diese Fürsorge im Alltag in den Praxen und auf den Stationen zu leben (Maio 2020; 2014). Dies spiegelt sich auch in einer Sprache wider, in der mehr von Kund*innenbindung, Belegzahlen, Werbung, Marktpositionen und ähnlichen Dingen gesprochen wird als von der Qualität der menschlichen Begegnung. Diese ökonomischen Aspekte und die Sprache der Werbung in Hochglanzbroschüren für therapeutische Angebote erfassen nach und nach auch den psychiatrischen Bereich und die Kinder- und Jugendhilfe. Dagegen signalisiert der medizinische Fortschritt, dass alles möglich und kontrollierbar ist, dass Krankheit und Leid weitgehend aus unserer Gesellschaft verschwunden und herausgerückt sind. Es ist spannend, dass z. B. die Psychotraumatologie gerade in der heutigen Zeit, in der fast alles planbar, kontrollierbar und koordinierbar scheint und zwischenmenschliche Schicksale fast nur noch in den Medien ausgebreitet werden, so floriert. Es wirkt fast so, als gehe von den Schicksalsschlägen und Traumatisierungen einzelner Menschen in einer Zeit, in der alles planbar und optimierbar erscheint, eine besondere Faszination aus. Durch die Psychotraumatologie wird deutlich, dass sich das Leben von einem Moment zum anderen drastisch verändern kann. Historisch betrachtet hat die Psychotraumatologie immer dann eine Renaissance und Forstschritte erfahren, wenn die traumatischen Erfahrungen in einer Gesellschaft nur eine signifikante Untergruppe von Menschen betroffenen haben, deren Leid die Gesellschaft aber sehr beschäftigt hat und deren Unterstützungsbedarf leicht zu legitimieren war (z. B. Vietnamveteranen). Gerade in der Nachkriegszeit der beiden Weltkriege hat die Breite der gesellschaftlichen Traumatisierung und das Schweigen der europäischen und amerikanischen Nachkriegsgeneration lange Zeit eine intensivere

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