2026-001/documents/handbuch-traumapaedagogik/pages/092.md

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Nutzen der traumapädagogischen Haltungen
Auf Grundlage dieser Gegenüberstellung der Folgen sollten die Entscheidung
und das Für und Wider dieser Hilfeform für jeden Einzelfall abgewogen werden.
Traumapädagogische Haltung
In der soeben angerissenen Situation könnte aber auch überlegt werden, welche
(traumapädagogische) Haltung es braucht, um die Belastung und negativen Folgen von freiheitsentziehenden Maßnahmen weitest möglich zu reduzieren. So ist
es wichtig, schwierige Situationen, in denen jemand festgehalten oder fixiert werden muss, mit den Betroffenen im Vorfeld anzusprechen und durchzuspielen, um
dadurch Angst und Panik in realen Situationen zu realisieren oder vielleicht gar zu
vermeiden, dass es überhaupt dazu kommt: Falls die Situationen doch unvermeidbar sind, wäre es wichtig, über diese ein gemeinsames Narrativ über die Notwendigkeit zu entwickeln, Transparenz im Vorgehen bei Zwangsmaßnahmen herzustellen und dabei wieder Partizipationsmöglichkeiten aufzuzeigen und das
Geschehene gemeinsam so aufzuarbeiten (Kahmen et al. 2022; Schmid 2018;
Schmid et al. 2014). Interessant ist, dass die Fachkräfte immer dann Gewalt anwenden müssen, wenn die Kinder und Jugendlichen nicht mehr mit ihnen in einer
Beziehung sind und sie sich selbst ohnmächtig fühlen, weshalb es absolut entscheidend ist, nach jeder Gewaltanwendung die Beziehung wieder zu reparieren
und den sicheren Ort für alle Beteiligten zu rekonstruieren (Schmid 2018; Schmid/
Kind 2018).
Der Grundaspekt der traumapädagogischen Haltung besteht also darin, Kindern und Jugendlichen, die in ihren Herkunftssystemen oft sehr belastende Lebenserfahrungen und invalidierende zwischenmenschliche Interaktionen erlebt
haben, die Möglichkeit zu eröffnen, nun in einem traumapädagogischen Milieu
korrigierende Beziehungserfahrungen zu machen (Tab. 1). Es geht darum, den
Heranwachsenden, die in ihren Herkunftssystemen maximale Unberechenbarkeit, Einsamkeit und Ausgeliefertsein erlebt haben, nun in einem neuen traumapädagogischen Milieu mit einer Haltung gegenüberzutreten, die es den betreuten Klient*innen ermöglicht, in den meisten pädagogischen Interaktionen
maximale Transparenz und Berechenbarkeit zu erfahren, und ihnen in diesen
Interaktionen die nötige Wertschätzung und Ermutigung immer wieder zu spiegeln. Zudem sollten die Heranwachsenden ihrem Entwicklungsstand entsprechend an Entscheidungen partizipieren können, um ihnen möglichst viel Kon­
trolle über Interaktionen und Entscheidungen zuzugestehen. Diese Haltung sollte
sich in möglichst vielen alltäglichen pädagogischen Interaktionen widerspiegeln
und vorgelebt werden auch in der Art, wie die Mitarbeitenden und Leitungskräfte miteinander interagieren (Schmid/Lang 2012).